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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1906 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen
+ Antiqua: _Unterstriche_
+
+ ####################################################################
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+
+
+ Von Sonnen und Sonnenstäubchen
+
+
+
+
+ Von Sonnen und Sonnenstäubchen
+
+ Kosmische Wanderungen
+
+ von
+
+ Wilhelm Bölsche
+
+ Vierzehntes bis zwanzigstes Tausend
+
+ Volksausgabe
+
+ [Illustration]
+
+ Berlin
+
+ Georg Bondi
+ 1906
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+ =Die Rätsel in der Milchstrasse.= Aus dem Tagebuche einer
+ Gebirgswanderung 1
+
+ =Die Entstehung der deutschen Landschaft.= Träumereien auf einer
+ Eisenbahnfahrt 47
+
+ =Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.= Ein Kapitel aus
+ Wahrheit und Dichtung 93
+
+ =Der erste Vogel= 126
+
+ =Die Weltgeschichte des Nilpferdes= 169
+
+ =Die Wunderwelt der Radiolarien.= Ein Blick in die Tiefsee 201
+
+ =Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?= 244
+
+ =Vom Leben im Weltraum= 260
+
+ =Die Küche der Urzeit= 275
+
+ =Das Ende der Tierwelt= 282
+
+ =Die Anfänge der Kultur bei den Tieren= 300
+
+ =Die Affensprache= 311
+
+ =Das Schnabeltier.= Vom Säugetier, das Eier legt 320
+
+ =Das Tierleben der Grossstadt= 347
+
+ =Kepler’s Traum vom Mond= 356
+
+ =Vom Krebs, der vom Himmel fällt= 381
+
+ =Osterglaube= 416
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+„Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ nenne ich dieses Buch. Ein
+Sonnenstäubchen nur ist diese ganze lustige alte Erde. Ein Stäubchen
+dieses Sonnenstäubchens ist der Mensch.
+
+Aber Sonnenstäubchen sind wir Menschen auch im Sinne, daß wir selbst
+Kinder sind der großen Sonne, geboren und genährt von ihr. Sonnenblut
+rinnt durch unsere Adern, Sonnenträume rauschen durch unser Gehirn.
+
+Wie ein Sonnenstrahl durch ein dunkles Gemach fällt und die grauen
+Staubteilchen schimmern plötzlich selber in ihm wie kleine Sonnen
+auf -- so tanzt unser Leben in dem Ausschnitte, den Sonnenlicht und
+Sonnenwärme durch den kalten Raum ziehen. Und doch sind wir alle auch
+wieder, jeder für sich, ganze strahlenwerfende Sonnen. Da schleudern
+unsere Gedanken ungeheure Strahlenbänder in die geheimnisvolle Nacht,
+und in diesen Lichtschweifen des Denkens tauchen alle die Zauberdinge
+erst auf, die wir leben. Da tanzen ganze Weltsysteme, Milchstraßen aus
+Millionen Sonnen als Sonnenstäubchen dieses unseres Gedankens. Sie
+tanzen und verwehen. Unendliche Jahrmillionen spinnen sich durch das
+Sonnenstäubchen Zeit unseres Lebensaugenblicks, -- Urwelten, in denen
+Nebelflecke zu Fixsternen zerfallen und Sonnen zu Planeten und ein
+Planet zu Menschen, die das Brot brechen und sprechen: „Liebe deinen
+Nächsten wie dich selbst✹...“
+
+Einen unermeßlichen Wust Staub hat die Naturforschung unserer Tage
+aufgewühlt. Manchem ist zu Mute, er solle darin ersticken mit Leib
+und Seele. Mir scheint es eine ernste Aufgabe, kleine Lichtkegel
+gelegentlich hindurchzuwerfen, damit dieser graue Natur-Staub
+wenigstens auf Momente zu dem auferstehe, was er doch in seiner
+Verkleidung tatsächlich ist und bleibt: Sonnenstaub. Was für Stäubchen
+gerade vorüber flirren, darauf kommt es mir weniger an. Es mögen
+Lebenskeime dabei sein und auch Mumienstaub. Wenn der Lichtkegel sie
+nur faßt und vergoldet. Er ist die Einheit dieses Buches -- nicht die
+Staubteilchen selbst.
+
+Meine siebzehn Kapitel sind in ziemlich kurzer Frist hintereinander
+niedergeschrieben, alle aus der gleichen Laune und Weltanschauung
+heraus. Sie wurden niedergeschrieben mit der festen Absicht, daß ein
+Buch daraus werde, -- nicht aber ist dieses Buch erst entstanden durch
+nachträgliches loses Aneinanderreihen unzusammenhängender Feuilletons.
+Wenn die Stücke zunächst da und dort in Zeitschriften einzeln
+erschienen sind, so war es das zerstückelte Buch, das so erschien,
+nicht erst das planlose Baumaterial. Einzelne Tatsachen-Wiederholungen
+sind dabei mit Absicht in den Text gebracht, ich halte es für
+aussichtsvoller, eine Sache kurz noch einmal zu sagen, wenn sie noch
+einmal als Beweisstück nötig wird, als den Leser zum Zurückblättern
+aufzumuntern.
+
+ +Wilhelm Bölsche.+
+
+
+
+
+Die Rätsel in der Milchstraße.
+
+Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung.
+
+
+Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln.
+
+Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von
+Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert.
+
+Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der
+norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser
+bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und
+glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst
+bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen
+schwebt.
+
+Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude
+zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht,
+-- trotz Rübezahl.
+
+Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in
+Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die
+Naturgeister nichts.
+
+Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte
+der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch
+dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und
+Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung
+der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus
+dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien
+mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere
+glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als
+Denkmal einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel
+in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren -- kein
+Mensch weiß, wie lange schon.
+
+Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch
+selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt.
+Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man
+selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der
+Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme
+scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über
+die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch,
+-- ein Riese.
+
+Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum.
+
+Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht
+sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an
+die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen
+Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen.
+
+Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte
+der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach
+Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal
+sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in
+die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als
+erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse
+sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel
+habe sie herabgekegelt✹....
+
+Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache
+Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten
+Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann
+würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht,
+ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht
+würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge
+geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die
+Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren?
+
+Der Weg dehnte sich.
+
+Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein
+Licht. Ob es die Baude war?
+
+Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also
+wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber.
+Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise
+fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel
+gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen.
+Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze
+Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt.
+
+Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie
+Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines
+Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen
+streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und
+es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, -- der
+Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er
+warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne.
+
+Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei,
+eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit.
+
+Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle
+aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes
+erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde
+Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann?
+Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes,
+phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes
+Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche
+Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen
+weckt.
+
+Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen.
+
+Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie
+kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, -- daher das Wort
+„Milchstraße“.
+
+Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen
+und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es habe die Sonne einst
+eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei
+gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des
+rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen
+um die ruhende Erde, -- warum sollte die Spur sich nicht einprägen?
+Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie,
+die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an
+sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete.
+
+Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten
+Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar
+verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter
+den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber
+auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener
+Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn
+seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge
+durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke
+aufeinandergepaßt wären.
+
+Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers
+aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts
+anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da
+die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches
+Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums
+dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem
+blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel
+verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan
+in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen
+Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte,
+durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen
+Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen
+Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im
+Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild.
+
+Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters,
+der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als
+Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären.
+
+Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas
+ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der
+moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren
+vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten
+Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht,
+die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung
+erlebt.
+
+Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese
+Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in
+moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in
+Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir
+heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante
+der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet
+sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem
+Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im
+Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns
+die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, --
+die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle
+hinab, sondern aufwärts will, -- jede Planetenbahn ist eine Stufe
+höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe,
+die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle
+Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der
+astronomischen Welt.
+
+Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser
+Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen,
+weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur
+für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur.
+
+Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über
+das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen
+Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt.
+
+Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel
+brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht,
+das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land
+nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein Wilder eine Fackel
+entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, -- Kolumbus fühlt die
+Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt,
+liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als
+bloß ein Land.
+
+Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der
+Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist
+die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem
+Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie
+als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig
+sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und
+der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt --
+und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor
+Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von
+Jahrtausenden tatsächlich zersprungen.
+
+Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des
+Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten
+Verzauberung erlöst.
+
+Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume
+schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen
+von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen
+ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den
+neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, -- auch er ein Dichter in seiner
+Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in
+vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet
+unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die
+Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen,
+zunächst geht die Astronomie jetzt weiter.
+
+Und wieder ist es Nacht -- und ein Stern glimmt, diesmal ein echter
+Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und
+beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte
+Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht
+die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres
+Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe,
+greifbar mit einem menschlich vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß
+mit dem logischen Gedanken.
+
+Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag.
+
+Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen
+Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den
+ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine
+Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch
+dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich
+der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um
+die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich
+uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit
+ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph
+von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die
+Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll
+aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn
+Pythagoras und Dante geschaut✹.....?
+
+Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, -- vom grünen
+Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt
+eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon
+der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses
+Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am
+Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden
+mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier
+zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns
+entfernt hohe Gebirge trägt.
+
+Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie
+durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus
+ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische
+Menschengeist wieder über alle Millionenfernen.
+
+Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne
+und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt,
+-- wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser
+naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, ein mystisches Nichts?
+Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die
+Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine
+andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft
+wie der Granit, über den die Wasser rauschen.
+
+Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte
+Krönung des Gebäudes.
+
+Kräfte entwickeln sich auseinander.
+
+Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die
+Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen,
+fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge
+in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war
+vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke
+und doch öffnet er nochmals eine Welt.
+
+Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit.
+
+Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in
+unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit
+haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden.
+Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum
+Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines
+Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut
+und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze
+Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem
+kosmischen Nebel sich verdichtet.
+
+Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen
+ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges
+Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine
+Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie
+auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei
+und Newton.
+
+Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht
+sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit
+der alten Dante’schen Weltvorstellung, -- die Heimkehr und die
+Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem
+moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum
+Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren
+Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die
+einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, -- das Ganze
+steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein
+Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im
+gesamten Kosmos, -- eine Welt, die Gott werden will.
+
+Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie
+des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die
+Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, -- was bei
+Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich
+gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die
+ganze Ewigkeit zu Gebote steht.
+
+Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des
+Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das
+große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst
+wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht
+Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung,
+in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind
+auf der Bahn hinan.
+
+So war der Weg -- und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf.
+
+Auf einen Berg war er geklettert, -- ihn grüßte das alte glimmernde
+Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor
+Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung
+erschienen war.
+
+Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen
+aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt?
+
+Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen
+Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die
+bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große
+Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße.
+
+Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es
+schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen
+Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein
+Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese
+Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen
+Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif.
+Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im
+Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd
+als größter Kreis.
+
+Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug.
+Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte
+aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert
+war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch
+schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als
+Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der
+nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die
+ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde.
+
+Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.
+
+Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen,
+die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige
+Masse erschienen.
+
+Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne
+von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur
+wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte
+gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem
+Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker
+Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester
+Quelle.
+
+Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen
+Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen
+wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus.
+
+Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst
+von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die
+räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren Stadt Berlin läge.
+Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im
+Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche
+Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht
+mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch
+den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden
+durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die
+York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich
+hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im
+Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges.
+Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch
+Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und
+Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr
+Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen.
+Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und
+Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun,
+leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert
+Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor
+Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem.
+
+Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen
+Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch
+nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond
+wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, -- um auf die
+nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha
+im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere
+Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000
+Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu
+uns zu kommen.
+
+Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich
+wagten.
+
+Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich
+perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder
+Lichtring -- eine Milchstraße -- entstand. Für dieses Sonnengewimmel
+mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz haben. Platz mußte auch der
+Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen.
+Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von
+Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist
+niederprasseln, -- hageldicht.
+
+In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert
+ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll
+anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht
+werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der
+Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir,
+-- er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des
+Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment
+im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts.
+
+Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie
+Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten
+sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen
+Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer
+waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff
+umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort
+umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel.
+
+Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter
+Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, --
+eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in
+den Schwanz biß.
+
+Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere
+Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden
+Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr
+der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, -- er erschien
+hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie
+tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, -- einsinken
+wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen
+Dichterphilosophen✹......?
+
+Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender
+noch als alle früheren.
+
+Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften,
+hier vereinzelter, raumlassend schwebten, -- -- erschien nebelhaft
+dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, -- eines ganzen, selber
+wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems.
+
+In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen
+_W_ vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels:
+die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem
+Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem
+riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke
+ist die Andromeda.
+
+In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem
+zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612
+der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß
+dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine
+schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von
+Horn, -- so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten
+Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne
+war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und
+hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja
+nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen,
+abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein?
+
+Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des
+Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis
+endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die
+„Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese
+Zeit kam der Moment, den ich meinte.
+
+Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn
+der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die
+Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der
+Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch
+zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils,
+sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des
+Lukretius bis auf ein Gebilde, so groß noch einmal wie diese unsere
+ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser
+Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen
+unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der
+Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß
+diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte,
+obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen
+war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem
+bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch
+zusammenschmolz.
+
+Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie
+es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der
+moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant.
+
+Er kannte keinen Schwindel, -- also auch nicht vor dem Gedanken einer
+Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn,
+der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah
+er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß.
+
+In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein,
+ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das
+erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in
+der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort
+die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem
+Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems
+lernen, -- so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer
+Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während
+der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter
+Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert.
+
+Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu
+können.
+
+Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der
+Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda
+wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren
+Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß
+diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel gar nicht in Sterne
+gegliedert war, -- noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose
+Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie.
+
+Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme
+hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung
+darstellte. Dort war es vielleicht noch so, -- bei uns war es vor
+Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens
+baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne
+aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so
+entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese
+Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene
+als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor
+Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter
+Schluß.
+
+Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch
+er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren:
+auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst
+charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe
+als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild
+unseres eigenen Systems sein?
+
+Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch
+vorzuliegen.
+
+Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener
+Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein
+von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und
+nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien?
+
+Im Gegenteil, sagt Kant.
+
+Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen,
+wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem
+System bildeten, -- das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso
+erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen
+das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und
+weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform
+wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch
+bei uns so sein, -- auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache
+Linsenscheibe bilden.
+
+Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender
+Tatsache.
+
+Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer
+flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal
+zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa.
+Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt
+nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der
+Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt.
+Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren
+Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen
+Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung
+dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen?
+
+Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite
+sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie
+hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich
+ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen
+auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in
+die Welt außerhalb der Mark -- also vielleicht auf andere, entfernte
+Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand
+-- erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der
+Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals
+dasselbe Schauspiel, -- denn auch hier bohrt sich der Blick durch die
+geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen
+wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in
+der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung
+wählte?
+
+Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten
+Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch
+die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze
+Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes
+Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in
+Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht
+sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich
+dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch
+eine und so eine ganze lange, lange Kette. Und da die Hintermänner
+sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon
+nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze
+Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als
+Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte
+Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein
+in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte
+Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend
+stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz
+fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder
+Hosen-Ausblicke dar.
+
+Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene
+Sachlage am Himmel.
+
+Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen
+Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen
+Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus
+einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung.
+Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen
+mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die
+Fläche der Sternscheibe -- und rasch durchdringt unser Auge die paar
+Einzelsterne dieses kurzen Stücks, -- schon taucht in den Lücken der
+leere, schwarze, kalte Weltraum -- die Hosenwand oder Portemonnaiewand
+unseres Bildes -- auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die
+Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde.
+
+Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen -- und die
+Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn
+hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden,
+-- die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen
+ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder
+einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse
+begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der
+Sternscheibe eindringen will, -- genau wie das Markstück seinen
+gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der
+Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, -- --
+und in diesem Ring glänzt dem Auge folgerichtig jene einheitliche
+Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und
+die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt.
+
+Wir stehen bei der Milchstraße.
+
+Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige
+Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau
+in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten
+Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht
+verschieben können.
+
+Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den
+Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither
+auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins
+Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse
+Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden.
+
+Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen.
+
+Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche
+Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie
+von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte
+doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung
+Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie.
+
+In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb,
+mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die
+Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren
+Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen
+ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch
+wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen
+gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze
+Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und
+Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren,
+durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, -- da beschlich
+auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde.
+
+Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener wunderbar
+verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später
+einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem
+ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet
+Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen
+an, als sollte etwas ganz anderes werden -- bis endlich jäh der Typus,
+die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt
+auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im
+Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig
+anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom
+blauen Himmel fiele.
+
+Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform
+umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien
+wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit
+von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die
+Größe einer echten Linse für uns.
+
+Gab es solche Entfernungen?
+
+Gab es eine Rechnung, die da nachkam?
+
+Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt.
+
+Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie
+gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht,
+um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es
+läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu
+groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist
+der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig
+solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie
+es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde.
+Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere
+Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000
+Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und
+solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das
+einen ungefähren Längendurchmesser des Systems -- sagen wir in Kants
+Sinn, der Scheibe oder Linse -- von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus
+unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch
+nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was
+heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer
+sicherlich noch nicht das volle Maß.
+
+Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere
+Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen,
+erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres
+eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den
+Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, -- also gegen
+die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser
+Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, -- was du dort
+im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen
+siehst, das ist die ganze Alpenkette, -- wie weit muß die entfernt
+sein! 44000, -- das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal
+Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber
+das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil.
+Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen.
+
+Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert,
+der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse
+Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus.
+
+Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, -- das
+berührte eine andere Ziffer der Naturforschung.
+
+So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar
+schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung
+der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter
+die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der
+kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde
+unseres Planeten, -- ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis
+des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter
+die der Milchstraßeninsel selber.
+
+In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in
+der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen
+und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste
+sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt
+noch besitzen!
+
+War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne
+innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder.
+Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in
+Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals
+war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch
+sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel
+entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande.
+
+Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige
+pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen.
+
+Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich
+doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, -- erhöhte
+nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser
+Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe.
+
+Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung.
+
+Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz
+neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel.
+
+Die Photographie eroberte auch hier den Himmel -- ein unvergleichlicher
+Fortschritt.
+
+Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit
+empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von
+der Natur mitbekommen haben.
+
+Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal
+der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter
+nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel
+und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne
+Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder
+liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man
+gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich.
+Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten
+badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen.
+
+Was sollte das?
+
+Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde
+geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst bekannten
+Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser
+Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig
+vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in
+ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie
+ungeheure Kometenschwänze.
+
+Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen
+Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange
+festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so
+mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion,
+aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß
+sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah?
+
+Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten
+also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die
+gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren
+sollten!
+
+Eine große Reaktion trat ein.
+
+Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres
+Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen
+Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen
+von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren
+Entfernung können Nebel liegen.
+
+Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske.
+
+Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der
+Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre
+von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems,
+diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte✹......?
+
+Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines
+Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme
+leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit
+des Raumes noch geben, -- mit nichts schien auf einmal bewiesen,
+daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß
+sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten
+Materieteilchen, die den Weltraum unsichtbar doch noch überall
+erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde.
+
+Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu
+Hilfe kam.
+
+Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke.
+
+Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und
+Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in
+hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, -- jetzt eben nahte das
+vierte Mal.
+
+Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert
+durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte
+Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es
+einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde,
+die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne
+aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der
+Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus
+Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen
+wollte.
+
+Woran lag das?
+
+Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine
+einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich
+so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit
+stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin
+unterscheiden könnten.
+
+Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte
+auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er
+konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war
+Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb.
+
+Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein
+noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des
+Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe
+angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge
+kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu
+sinken begann. Das Problem kam nun doch, schien es, aus der reinen
+„Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu
+lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert
+und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe.
+
+Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren
+Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, -- aber ihre Lösbarkeit gab auf
+der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern
+der Entfernung.
+
+Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich
+wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die
+astronomische Welt.
+
+Kirchhoff und Bunsen hatten abermals -- nicht einen neuen Stern oder
+Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich
+den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches
+Auge durfte man es nennen.
+
+Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse,
+sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben.
+Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne
+auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl
+in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes
+ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage,
+das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und
+jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter
+offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt
+war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten
+ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam
+zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache
+aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging,
+spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem
+glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder
+verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut,
+die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte
+man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle
+festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei
+Lichtstrahlen, deren Quelle man zunächst nicht kannte, einen Schluß
+aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener
+anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne.
+
+Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer
+Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das
+Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein
+sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder
+besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung
+wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre
+Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen
+und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium,
+hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken
+verflüchtigt.
+
+Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten
+welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren
+ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne
+geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur
+so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder
+dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser
+treuer Helios.
+
+Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im
+gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder
+unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend
+rehabilitiert.
+
+Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig
+ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit
+dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte)
+notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern.
+Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, -- diese Lichtprobe läßt
+sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der
+Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne
+Sternflämmchen darin aushändigen müßte.
+
+Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es
+tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt
+der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie schlechterdings bloß
+das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging:
+nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch
+einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die
+zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither
+haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das
+ungemein merkwürdige Helium ist, -- ein Stoff, den man zuerst nur eben
+mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach
+Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch
+auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine
+kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem
+Punkte sich als vollständig erweise.
+
+Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, -- frei
+im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, --
+vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff.
+
+Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine
+Instanz mehr, -- die Natur hatte gesprochen.
+
+Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der
+Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu
+Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre
+Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke
+waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber
+Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag.
+Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern
+erst durch Abkühlung bildeten.
+
+Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem
+Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch
+im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit
+von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten
+Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte.
+
+Nicht lange aber -- und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen
+Sachlage Mut.
+
+Echter Nebel blieb Nebel -- ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß
+perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, war
+sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr
+auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der
+auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine
+Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, -- er „konnte“ eben
+auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses
+„Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie
+jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle
+möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen
+lassen.
+
+Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie
+hatte man sich das eigentlich zu denken?
+
+Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden
+Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus
+schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker,
+der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen
+könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie
+es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen
+Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten
+und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft
+gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator
+umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen
+irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit
+übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen
+Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel
+vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches
+mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und
+in sich schließen, -- Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach
+Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen✹.....
+
+Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher
+feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung
+mehr besitzen könne, -- und es wurde nachdrücklich gesagt.
+
+Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu,
+daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze,
+nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der Nebel auch sein. Ein ganz
+neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine
+kalte Wolke Wasserstoff.
+
+Aber die Wolke leuchtet ja?
+
+Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall
+leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein
+Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade
+sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der
+Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen,
+ein geheimnisvolles Phosphorlicht, -- ein Kälte-Licht, auszustrahlen?
+Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums
+bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch
+andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife
+der Kometen, das Nordlicht.
+
+Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun
+die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, -- wie
+können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt
+jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was
+aber ist ein Gas in absoluter Starre?
+
+Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so
+jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie
+sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten
+Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und
+in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie
+nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs
+der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch
+als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der
+gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen?
+
+Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an
+schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether,
+wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen
+heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und --
+trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche
+Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche Vermutungen überhaupt
+schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand,
+auftauchen konnten.
+
+Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und
+fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein
+„Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende
+Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern
+und Stern, -- -- so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht
+einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch
+unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere
+Milchstraße sich ziehen sollten.
+
+Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar
+unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von
+Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, -- sie mit
+ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft
+wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch
+nur gleichkommen konnte.
+
+Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der
+unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle
+Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert
+hatten wie aus einer Mutterlauge.
+
+Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für
+unsere Kenntnis, -- eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt
+hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem
+Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites.
+
+Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu
+uns, war mit umschlossen in unserem System.
+
+Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere
+Raum.
+
+Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen.
+
+Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen
+eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte.
+
+Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie
+zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem
+letzten Fixstern begann für uns -- das Nichts, -- -- das Nichts des
+ewig Blinden.
+
+An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor
+der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche
+Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe
+Saiten aufzuziehen.
+
+Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade
+das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis
+schien.
+
+Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das
+Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde -- so viel bleibt fest --
+hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt.
+
+Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle
+nicht so groß, wie man geglaubt hatte.
+
+Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß
+ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings
+rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in
+Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten
+(wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht
+benutzt werden dürfen.
+
+Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer
+Zeit +keineswegs+ eingefallen, +sämtliche+ Nebel, die von
+Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst
+werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen.
+
+Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und
+dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache
+ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den
+Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme
+machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal
+entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über
+die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der
+ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese
+scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen.
+
+Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer
+Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des
+Prismas ein Fixstern-Haufen.
+
+Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die leiseste
+Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen
+Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn
+dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das
+kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt
+also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das
+Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können
+wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht
+erkennen?
+
+Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr
+viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit
+von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße
+als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit
+sein✹.....
+
+Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel.
+
+Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung.
+
+Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine
+Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst
+perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt
+dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen
+noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues,
+-- wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer,
+Stockwerke, -- nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des
+Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses
+„Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine.
+
+Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier
+der schönen Andromeda.
+
+Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede
+Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige,
+gedulderprobende Arbeit.
+
+Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es
+dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut
+entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere
+Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also
+schon genügen, um wahrscheinlich zu machen, daß dieser Nebel aus
+sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen
+Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch
+einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein
+solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so
+konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen.
+
+Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon
+vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen
+lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält,
+glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die
+nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht
+strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun
+damit bei der Sonne sei, -- sicher ist, daß diese Sonne gleich allen
+echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das
+erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist.
+
+Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt,
+noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht
+aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht
+zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst
+eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma
+ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man
+nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus
+ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst,
+die uns aber hier weiter nichts angehen.
+
+Für uns wesentlich ist, daß, wo immer Fraunhofer’sche Linien im
+Prisma-Lichte eines selbstleuchtenden Weltkörpers auftreten, mit
+Sicherheit auf einen Sonnenstern, eine echte Sonne nach unserer Art,
+geschlossen werden kann. Und hier jetzt ist ein neuester Fund von
+höchster Bedeutung.
+
+Scheiner in Potsdam, dessen grundlegende Forschungen auf diesem Gebiet
+im voraufgehenden schon mehrfach gestreift und benutzt sind, hat
+es mit zäher Ausdauer ganz kürzlich fertig gebracht, im Lichte des
+Andromeda-Nebels die dunkeln Fraunhofer’schen Linien tatsächlich zu
+sehen und in ihrer Lage zu messen. Damit ist der Beweis erbracht,
+daß dieser Nebel endgiltig aus sonnenähnlichen Fixsternen besteht.
+Er besteht daraus, obwohl kein bestes Fernrohr unserer Technik diese
+Einzelsonnen in ihm noch wirklich unterscheiden kann.
+
+Nehmen wir die Größe seiner Sonnen dabei im Normalmaße unserer
+Fixsterne an, so ist dieses doppelte Verhalten jetzt nur noch erklärbar
+durch einen wirklich ungeheuren Abstand des Nebels von uns, -- durch
+einen Abstand, der in diesem Falle nun doch unbedingt über die Grenzen
+unseres eigenen Milchstraßensystems hinausführt.
+
+Der Andromeda-Nebel ist doch ein zweites Milchstraßen-System, frei im
+Raume schwebend jenseits unseres eigenen.
+
+Scheiner läßt als allgemeine Möglichkeit zu, daß der Nebel eine halbe
+Million Lichtjahre von uns entfernt sei. Für einen zweiten Nebel,
+auf den dieselben Verhältnisse zutreffen und der im Sternbild der
+Jagdhunde leuchtet, kämen dann entsprechend 6½ Millionen Lichtjahre
+heraus, -- also immerhin annähernd Humboldt’sche Ziffern. Vor 6½
+Millionen Jahren, als die heute eintreffende Lichtpost von dort abging,
+schwamm bei uns auf Erden der Ichthyosaurus noch und der erste Mensch
+schlummerte noch tief im Schicksalsschoße.
+
+Die Arabeske wächst zurück, greift wieder ein.
+
+Also wir dürfen nun dennoch vom Andromeda-Nebel etwas über unsere
+Milchstraße zu erfahren hoffen, -- eine Antwort hoffen, die über eine
+halbe Million Lichtjahre zu uns reist. Aber hatten wir diese Antwort
+nicht schon?
+
+Ein letzter Schleier hebt sich.
+
+Dem alten Marius glühte der Andromeda-Nebel wie ein Lichtlein durch
+eine Hornlaterne. Ein Lichtscheibchen, eine nebelhafte Linse, -- so
+erhielt ihn Kant als Material für sein kühnes Denken. Anderthalb
+Jahrhunderte verrauschen nach Kant. Da kehrt der Gedanke zu jener
+Denklinie zurück. Aber diesmal reicht der Astronom dem Sinnenden,
+dem Träumenden ein ganz anderes Blatt: eine Photographie des
+Andromeda-Nebels. Auch sie erfaßt die einzelnen Sternpunkte in ihm
+nicht. Aber sie erreicht etwas anderes, nochmals völlig Unerwartetes.
+
+Und noch einmal, zum letztenmal, muß die Phantasie in eine ganz neue
+Bahn.
+
+Wahrheit, -- was ist Wahrheit?
+
+Die alte Pilatusfrage klingt durch die ganze Geschichte der
+Naturforschung.
+
+Auf der „Wahrheit“ ruht diese Forschung. Vorsichtige Gemüter sagen
+schon etwas bescheidener: auf dem lauteren „Streben nach Wahrheit“. In
+diesem Sinne ist Wahrheit ein moralischer Wert. Wenn aber selbst das
+nur nicht so verzweifelte Ecken haben wollte!
+
+Es scheint so brav: hier steht eine Tatsache; jetzt kommt einer, hat
+jenen lauteren Wahrheitsdrang in sich, schaut hin, beschreibt die
+Sache; damit ist die Geschichte für immer erledigt; der eine gilt für
+alle, die der gleiche Drang beseelt, und ob Tausende kommen, ob nach
+Jahrtausenden welche kommen, alle können nur bestätigen.
+
+Die wahre Wahrheit in diesem Falle, die von aller Erfahrung bestätigte,
+ist, daß derselbe Gegenstand von hundert und mehr Beobachtern, die
+sämtlich wahre Engel an Wahrheitsmoral sind, beschrieben werden kann
+und daß unter Umständen jeder etwas anderes sieht.
+
+Ich will gar nicht reden davon, daß die Augen verschieden sehen, obwohl
+das schon gewaltig viel tut. Aber die ganzen Menschen sind verschieden.
+Unser physisches Sehen ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was
+wir wirklich „Sehen“ nennen. Der Rest ist individuelle Zutat. So und
+so viel Tropfen mitgebrachte Erfahrung, so und so viel mitspielende,
+unbewußt sofort abrundende, ausspinnende Phantasietätigkeit, so und so
+viel bestimmtes, längst ins Unbewußte eingewachsenes und von keiner
+„Moral“ aus mehr kontrollierbares Vorurteil, -- kurz ein derartiges
+Rezept, daß die reine neue Beobachtung als solche darin untergeht
+wie ein unschuldiger Schuß _Aqua destillata_ in irgend einer
+schwarzbraunen Apothekerbrühe. So geschieht es schon, wenn mehrere
+nebeneinander beobachten. Vollends, wenn Jahrhunderte dazwischen
+liegen, geht die Verschiedenheit ins Unglaubliche. Man schlägt sich
+vor den Kopf, wenn man irgend ein altes Tierbuch oder eine alte Karte
+vornimmt, die ein paar hundert Jahre alt sind. Wie konnten die Leute
+dies und das nicht sehen, was jetzt ein Kind sieht, wie konnten sie
+Mücken für Elefanten halten? Und wir lesen, daß es Leute von einer
+Reinheit des Wahrheitsstrebens waren, die uns beschämt, -- Leute, die
+sich für den Mut ihrer Ueberzeugungen verbrennen ließen, was, Hand aufs
+Herz, doch nicht jeder tut. Wenn heute ein Seetier ans Land kriecht,
+das einen Leib wie eine Walze hat, vier flossenhafte Füße und einen
+lustigen klugen Hundskopf ohne Hunde-Ohren, so sagt der kleine Junge
+auf der Düne schon: ein Seehund. Der Weise von Anno dazumal sagte: aha,
+ein Meerweibchen, -- ging nach Hause und zeichnete ein Ungetüm, hinten
+Fisch, vorne Mensch. Und der Weise schrieb gleichzeitig ein Buch über
+die Heiligkeit der Wahrheit, während der kleine Bengel täglich noch
+Prügel bekommt wegen absichtlichen Lügens✹.....
+
+Von dieser moralischen Betrachtung aus bedarf es durchaus keines Salto
+mortale, um auf die Nebelflecke zu kommen.
+
+Ein Nebelfleck im Fernrohr ist von Anfang an ein wahres Zwitterding an
+der Grenze von Sehen und Phantasieren noch in ganz besonders erhöhtem
+Sinne gewesen. Ein Lichtwölkchen, eben angedeutet, zerfließend,
+verdämmernd. Und das sollte nun einer mit rohen Zeichenmitteln aufs
+Papier bannen! Man versuche doch eine gewöhnliche blasse Federwolke
+unseres Tageshimmels „exakt“ nachzuzeichnen. Mancher, der sich gar
+geschickt dünkt, wird sich als Polonius, der Kamele zeichnet, dabei
+ertappen.
+
+Gleich die ersten Nebelforscher, die auf den alten Simon Marius
+folgten, erkannten eins deutlich: die Nebelflecke sahen unbedingt nicht
+alle gleich aus.
+
+Das einfache Bild einer Linse, wie es aus der Andromeda glänzte, war
+nicht das absolute. Bald dieser, bald jener kühne Pionier in dem neuen
+Weltenwalde brachte eine völlig andersartige Zeichnung mit.
+
+Da erschien auf dem Papier ein Nebel, der anzuschauen war wie der
+griechische Buchstabe Omega. Einer trat in Gestalt eines Krebses auf,
+einer sollte einer Hantel oder (nach andern) einem Ei mit doppeltem
+Dotter gleichen.
+
+Wieder andere sahen täuschend aus wie eine losrollende Spirale, eine
+Uhrfeder etwa, bis zu dem Bilde eines platzenden Schwärmers und
+ähnlicher Feuerwerkskörper.
+
+Und der Anhänger der Kant’schen Ideen sah sich mit einiger Unruhe
+sogar einer Figur gegenüber, die aus dem Sternbild der Leier (nahe
+dem herrlichen Sterne Wega) stammte und ganz unzweideutig einen
+regelrechten geschlossenen Ring bildete, -- just so, wie die
+Milchstraße von fern nun doch aussehen würde, wenn sie eben ein echter
+Sternenring wäre.
+
+Fragte sich nun bloß, ob diese hübsche Musterkarte stichhaltig sei vor
+den Augen mehrerer Beobachter.
+
+Als diese sich allmählich meldeten, schien die Sache allerdings fast
+überall zu hapern. Was der eine so sah, sah der andere total anders.
+Wo der eine eine Spirale malte, malte jener ein Billardspiel loser
+Nebelkugeln. Sah einer wenig, etwa nur ein Streifchen oder dünnes
+Viereck, so setzte der nächste einen Spiralschweif daran, der abermals
+folgende aber kassierte wieder die Details. Ganz vorsichtige Kritiker
+verfehlten nicht, den Bankrott aller vorhandenen Nebelbilder überhaupt
+als noch einmal möglich zu prophezeien. Und besonders die ganz
+extravaganten Fratzen sollten mehr Menschen- als Himmelsphantasie sein.
+
+In all diese Mühen, Zweifel und Wunder, aus denen einstweilen gar keine
+Theorie recht Kapital zu schlagen wußte, platzte nun ebenfalls wie eine
+Bombe jene große neue Erfindung, die für die Anzahl und Verbreitung der
+Nebel so wichtig geworden war: die Photographie.
+
+Jedermann weiß, daß auch die photographische Platte noch nicht das
+vollkommene Ideal der schwindelfreien Wahrheits-Wiedergabe ist. Auch
+sie hat noch ihr Lügenrezept, obwohl es nicht mehr aus dem Unbewußten
+schöpft. Wie sie heute ist, ist sie sozusagen noch ein etwas dreckiges
+Auge. Aber bei alledem ist der Fortschritt kolossal, ja über jede
+Erwartung. Und er war es auch für die Festnagelung der Nebelformen.
+
+Man legte sich im großen Stil ins Zeug. Eine halbe Nacht wurde die
+Platte genau auf den Nebel eingestellt, dann tagsüber peinlich genau
+verhüllt und die nächste Nacht nochmals fast ebenso lange exponiert.
+Jetzt gab es unzweideutig sicherere Bilder, ohne Phantasie, Vorurteil
+und Augentatterich aufs Papier geprägt. Die Ueberraschungen drängten
+sich.
+
+Da war beispielsweise gleich der bewußte Nebel in Ringgestalt aus der
+Leier. Seit man mit dem anderen chemischen Auge, dem Prismaglas der
+Spektral-Analyse, die Nebel aufs Korn genommen, war er allerdings
+der Kant’schen Milchstraßen-Theorie schon von dort her ziemlich
+ungefährlich geworden. Denn er bestand nachgewiesenermaßen aus
+echtem Gas, zählte also zu den so wie so jetzt beweisunkräftigen
+Nebelmassen. Immerhin war aber seine Ringform selber ein Aergernis,
+das die bösen Zweifler lockte, wenn es so schwarz auf weiß im Buche
+stand. Die photographische Platte lieferte jetzt den Beweis, daß man
+sich mit diesem starren Individualisten auch der Form wegen besser
+in gar keiner allgemeinen Theorie beschäftigte. Schon das Fernrohr
+hatte im Innern des länglichen Ringes gelegentlich ein zentrales
+Sternchen gezeigt, das möglicherweise hineingehörte. Daraus machte
+die Platte einen großen, im Ring umschlossenen inneren Nebelfleck,
+der auf der Photographie wirksamer sogar war als der Ring selbst.
+Warum sah man ihn mit unserm Auge trotz aller Rohre nicht? Dieser
+Zentralkörper warf einfach Lichtstrahlen aus, auf die unser Sehnerv
+nicht mehr eingerichtet ist: jene berühmten ultravioletten Strahlen,
+die zwar auf der photographischen Platte einen Eindruck hinterlassen,
+den wir dort als Ergebnis dann auch gewahren, -- die als unmittelbar
+einfallende Lichtwirkung unser Auge aber blind finden. Kein Physiker
+hat zur Zeit eine Ahnung, was das für eine Sorte Weltkörper sein kann,
+die da leuchtet. Ist dieses ganze Gebilde doch vielleicht kein Ring,
+sondern eine einheitliche Gaskugel, deren Schichten sich aber in der
+Art ihres Leuchtens, ihrer Phosphoreszenz im früher angedeuteten
+Sinne, unterscheiden? Einstweilen reißt mit diesem Funde jedes Band.
+Mit unserm Milchstraßen-System hat dieser krause Geselle mit seinem
+ultravioletten Gas-Herzen jedenfalls gar nichts zu tun, weder so, noch
+so. Hier waren die Andromeda-Freunde in Kants Sinne also glänzend noch
+einmal wieder gerettet.
+
+Doch auch bei den Platten war noch nicht aller Tage Abend.
+
+Nach dem Ring kamen die Spiralen, die Frösche und Schwärmer an die
+Reihe. Sie waren ja nicht ganz so unbequem wie der nackte Ring. Aber
+schließlich ist eine Spirale, wenn sie einigermaßen regelmäßig ist,
+einem Ring immer noch ähnlicher als eine solide Scheibe oder Linse.
+
+In Anbetracht dessen war es Musik in den Ohren der strengen Kantianer
+gewesen, als ein äußerst gewissenhafter neuerer Kritiker, der Astronom
+Tempel, gerade diese Spiralnebel, die sich in der Zeit nach Herschel
+gar aufdringlich vorgetan, schlechthin hatte aus der Welt schaffen
+wollen als „Phantasietrug“. Tempel war ein Wunderkind im Gebiete der
+menschlichen Netzhaut. Vom Lithographen zum Sternforscher war er
+wesentlich heraufgekommen eben wegen seiner einzigartigen körperlichen
+Sehschärfe. Er sah das Doppelte fast seiner Kollegen -- und gerade mit
+diesem Doppelten leugnete er die Spiralform bei Nebeln.
+
+Wir Menschen, meinte er, sind nun einmal unverbesserliche Aesthetiker.
+In Fleisch und Blut stecken uns rhythmische Gebilde. In ein Chaos sehen
+wir Kunstfiguren hinein. So soll eine chaotisch versprühte Lichtmaterie
+gleich einem Feuerwerkskörper ähneln, wie ihn unsere Kunst baut. Aber
+wir beschwindeln uns, und alle Nebelspiralen, so nett sie im Buche
+aussehen, sind solche mit Phantasiezutat erschwindelten „Kunstformen
+der Natur“.
+
+Hinter solchem Zweifel steckt im Grunde ja eine Weltanschauung. Die
+Weltanschauung der Angst, es könnte in der Natur irgendwo rhythmische,
+ästhetisch schöne Gebilde geben auch ohne Zutun des Menschen. Es
+gibt Leute, die meinen, ihre ganze freie Naturauffassung falle in
+Mystik zurück, wenn so etwas möglich sei, -- wobei die guten Leute
+nur leider vergessen, daß sie selber ja den Menschen aus dieser Natur
+hervorwachsen lassen und also in ihm schließlich doch an das Wunder
+glauben, daß die Natur auf natürlichem Wege rhythmische Kunstgebilde
+schaffe. Doch das jetzt beiseite.
+
+Sachlich hatte Tempel in seinem Falle sogar guten Grund zur Skepsis, --
+das heißt bis zu dem Tage, da die Photographie auch hier ohne Rücksicht
+auf Sachlichkeit oder Weltanschauung des einen oder andern die Sache
+selbstherrlich in die Hand nahm.
+
+Mochte nun im Weltall Kunstfeuerwerke abbrennen, wer wollte: bessere
+Schwärmer und Frösche, als jetzt in korrektester Spiralform auf den
+photographischen Platten wirklich erschienen, ließen sich einfach nicht
+ausdenken, -- trotz Tempel.
+
+Es gab Spiralnebel genau im Sinne der brauchbaren älteren Zeichnungen.
+Man denke sich, um das Bild klar zu bekommen, einen nebelhaft glühenden
+Hauptkörper, eine Kugel etwa. Von dieser Kugel wickeln sich Arme los.
+Einmal etwa genau zwei, links einer, rechts einer. Jeder ist nach der
+entgegengesetzten Seite krumm gebogen. Oder es gehen drei solcher
+Schweife in Windrosenlage ab, also in regelmäßiger Stellung wie
+arabeskenhaft geschweifte Radspeichen. Oder: von dem Hauptkörper rollt
+sich ein einziger fast gleich dicker Arm wurmhaft heraus und umkringelt
+ihn als einzelner Spiralstreifen fast vollständig, nur eine kleine
+Oeffnung lassend. Oder endlich, noch verzwickter: von dem Zentralkörper
+fließen mehrere solcher fast konzentrischen Spiral-Ringe aus, die sich
+auch noch gegenseitig ein Stück weit umkringeln, dann aber, als sei die
+Spirale verbogen, übereinander hinlaufen, sich schneiden und getrennt
+endigen. Der eine oder der andere Arm hat dabei wohl noch die besondere
+Eigenheit, an der offenen Spitze wie in einem Knopf in einen zweiten
+Kernball auszulaufen.
+
+Und nun: -- gerade diese seltsamen Spiral-Nebel, einmal sicher als
+vorhanden festgestellt, zeigten zwei weitere, im höchsten Grade
+bemerkenswerte Eigenschaften.
+
+Zunächst fiel ihre Menge auf. Ging allmählich die Anzahl der
+Nebelflecke überhaupt in die Tausende und Abertausende (über
+7000 sind heute fest bestimmt, über 100000 werden mindestens als
+Wahrscheinlichkeitsabschätzung vermutet), so vermehrte sich mit dem
+Photographieren gerade die Zahl der unverkennbaren Spiralen aufs
+überraschendste dabei.
+
+Dazu aber trat als weiterer Umstand, daß ausgesucht diese Spiralnebel
+nicht aus Gas, sondern aus echten Sternen bestehen wollten, wo immer
+die Spektral-Analyse ihnen zu Leibe ging. Ich habe schon den Nebel
+im Sternbild der Jagdhunde einmal berührt, den Scheiner etwa 6½
+Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein läßt und entsprechend als
+echte Milchstraßenwelt, als zweites, unabhängiges Weltsystem gleich dem
+unserigen faßt. Nun denn: gerade dieser Jagdhund-Nebel war von allen
+der erste, der sicher als Spirale erkannt wurde, schon vom Lord Rosse.
+Seitdem ist auch er in Amerika photographiert und in seiner Gestalt
+genau in Rosses Sinne bestätigt worden.
+
+Auch die Forschungs-Arabeske um den Andromeda-Nebel und unsere
+Milchstraßenform nähert sich hier offenbar ihrer letzten, aber
+bedenklichsten Spirale.
+
+Der Andromeda-Nebel schwebte noch einmal vor uns, gerettet als
+selbständiges Milchstraßen-System. Aber mit ihm ist der Jagdhund-Nebel
+auf dieselbe Deutung gerettet. Und dieser Jagdhund-Nebel ist keine
+einheitliche Stern-Linse, sondern doch ein wenigstens annähernd
+ringförmiges Gebilde: eine ungeheure Spirale aus Fixsternschwärmen.
+
+Wem gleicht nun endgültig unser eigenes Milchstraßensystem: der Linse
+der Andromeda -- oder dem spiralig gewundenen Feuerwerkskörper der
+Jagdhunde?
+
+Diese Doppel-Frage aber ist im Jahre 1888 durch Anwendung der
+Himmelsphotographie nochmals vereinfacht und im Prinzip gelöst worden.
+Der Andromeda-Nebel selbst wurde von Roberts photographiert. Und
+die photographische Platte erwies ihn selber -- -- ebenfalls +als
+Spiral-Nebel+.
+
+Es war eine der ersten Errungenschaften des Nebel-Photographierens, daß
+es uns auf eine bestimmte Möglichkeit bei den Spiralnebeln überhaupt
+aufmerksam machte.
+
+Nehmen wir eine platte Uhrfeder. Und bringen wir diese platte Spirale
+in verschiedene Lagen zu unserm Gesichtsfeld. Es ergibt sich, daß
+bei bestimmten Lagen das Erkennen der Spirale schwer, ja zuletzt
+geradezu unmöglich wird. Wenn ich genau gegen die Kante der Spirale
+sehe, so sehe ich nur mehr ein senkrechtes Streifchen, -- genau wie
+beim senkrechten Blick auf den gekerbten Rand eines Markstückes. Aber
+auch wenn ich die Spirale etwas mit der Fläche um die Ecke lugen
+lasse, sehe ich gerade die Spiral-Natur noch nicht als solche. Die
+Spiralringe schieben sich ja perspektivisch so aneinander, daß ich
+einen geschlossenen Körper zu sehen glaube. Ein solides Markstück,
+ebenso ein wenig um die Ecke balanciert, schaut tatsächlich noch genau
+so aus. Und erst ein ungemein scharfer Blick würde schließlich die
+ganz feine Zeichnung der aneinandergeschobenen Spiralreifen doch in der
+Fläche noch herausfinden können und so die wahre Natur enträtseln.
+
+Aus dieser Betrachtung folgt, daß auch Spiralnebel im Raum, die mit der
+schmalen Kante senkrecht gegen uns stehen, uns bloß als leuchtendes
+Streifchen, solche aber, die ein wenig mehr schräg stehen, als schmale
+Spindel, Scheibe, Linse erscheinen müssen. Und erst eine kolossal
+verschärfte Detailschau würde wenigstens im letzteren Falle noch gerade
+die Spiralnatur enthüllen aus feinsten Linienandeutungen, spiralig
+gewundenen Strichen in der Scheibe oder Linse. Eben diese Detailschau
+nun hat die Photographie uns beim Andromeda-Nebel ermöglicht.
+
+Schon längst hatten scharfe Beobachter im Fernrohr etwas in dem
+Linsenscheibchen dieses Nebels wie eine feine Struktur gesehen, -- eine
+Art dämmerhaft angedeuteten engeren Grundrisses. Im Mittelpunkt schien
+eine undeutlich begrenzte Verdichtung sich merkbar zu machen.
+
+Dann sah Trouvelot in Washington mit einem besonders brauchbaren Rohr
+zwei dunkle Streifen, die den Nebel fast längelang durchsetzten.
+
+Was sollte das sein?
+
+Die Skepsis im Sinne Tempels sagte: Augentäuschung. Das Auge der
+photographischen Platte aber sah den Dingen auf den Grund.
+
+Auf der Photographie erscheint die ganze Nebel-Linse mit einer
+endgiltig durchschlagenden Unzweideutigkeit als eine -- Spirale in
+außerordentlich schiefer Projektion.
+
+In der Mitte genau wie bei dem Nebel der Jagdhunde ein Zentral-Ball.
+Von ihm sich loswindend mehrere riesige Spiralenarme, die an sich
+offenbar frei herum greifen, für unsere zufällige Beobachterstelle
+auf der Erde aber so aneinandergeschoben sind, daß ihre Zwischenräume
+nur mehr als ganz feine, dunkle, elliptische Längsbogen die schmale
+Gesamtlinse durchsetzen.
+
+Mit diesem Funde war die Kant’sche Idee inmitten ihres vollen Triumphes
+noch einmal geschlagen.
+
+Es gab ferne Welteninseln gleich unserm ganzen Milchstraßensystem.
+Aber es gab sie nur in Spiralform. Auch der Andromeda-Nebel wies diese
+Form. Wir wußten aus der Spektral-Analyse, daß er aus einem unendlichen
+Gewimmel sonnenähnlicher Fixsterne bestand. Aber diese Fixsterne
+durchwimmelten nicht eine einheitliche Linse, die, vom Mittelpunkt
+angesehen, das rein perspektivische Bild eines Milchstraßenringes
+ergab, sondern im Mittelpunkt schwebte zunächst ein rundlicher, oben
+und unten abgeplatteter Sternhaufen. Von ihm aber ging in flacher
+Ebene ein spiralig gewundener Strom weiterer Fixsterne aus, der die
+Zentralmasse im ganzen nun doch wirklich ringförmig umgürtete. Freilich
+nicht als regelmäßiger Ring. Denn in Wahrheit schoben sich ja mehrere
+Spiralreifen hintereinander darin mit dunklen Zwischenräumen.
+
+Kant selbst hätte als ehrlicher Logiker vor dieser völlig verwandelten
+Sachlage zugeben müssen, daß seinem ganzen Ideengang die sachliche
+Grundlage unter den Füßen fortgezogen sei. Und nur eins konnte er
+schließlich noch vorbringen.
+
+Die Nebelflecke -- das Wort einmal für das Ganze gebraucht -- hatten
+ja doch verschiedene Gestalt. Warum sollten nicht auch neben jenen
+spiralförmigen Weltnebeln tatsächlich noch anders geformte existieren?
+Und warum sollte nicht gerade unser Fixsternsystem anders gebaut sein?
+Wenn die Milchstraße sich so hübsch auch aus einer Linsengestalt mit
+gleichmäßiger Sternverteilung erklären ließ: warum sollten wir nicht
+Linsengestalt trotz so und so vieler spiraliger Brüder im All besitzen?
+
+Dieser neue Schluß wäre eine Rettung, -- aber eine äußerst dürftige,
+wie man sieht. Die sichtbaren Nebelwelten, die früher ein Glied der
+Schlußkette waren, das erklärte, sind jetzt ein Ballast, der selber mit
+Mühe forterklärt werden muß. Aber es bedarf der ganzen Spitzfindigkeit
+zum Glück nicht. Denn ein allerletzter Schleier reißt: und damit ist
+die Situation klar.
+
+Denken wir uns doch noch auf einen Augenblick in jenen wirklichen
+Spiralnebel der Andromeda so hinein, wie wir es früher taten, als
+wir ihn für eine einheitliche Sternenlinse hielten. Stellen wir uns
+beobachtende Menschen vor auf einem Weltkörper fast oder ganz im
+Mittelpunkt.
+
+Wie würden sie den Himmel jetzt sehen?
+
+Sie befänden sich zunächst im Mittelpunkt des inneren Sternhaufens,
+jener glänzenden Mittelstelle im Nebel. Nach allen Seiten ständen
+Sterne, viele groß und nah, und alle immerhin so, daß nirgendwo ein
+Gedränge nach Milchstraßenart entstände, da der Sternhaufen vielleicht
+abgeplattet, aber immer doch noch annähernd eine Kugel wäre. Aber in
+bestimmter Ebene erschiene gleichwohl eine solche Milchstraße als
+größter Kreis rings um den Himmel. Das wäre nämlich jetzt das ganze
+Spiralsystem, dessen Ringe sich so glatt hintereinanderlegten, daß sie
+von innen nur mehr als einziger Reifen erschienen. Immerhin würde eine
+gewisse Ungleichheit in dieser Milchstraße sich bemerkbar machen. Denn
+die Spirale kommt ja doch an einer Stelle aus dem Zentralfixsternhaufen
+heraus und verläuft an einer anderen ins Weite. Eine Seite der
+Milchstraße würde näher aussehen, sich leichter noch in Sterne auflösen
+lassen: die, wo die Spirale sich von der Mitte losringt, -- eine andere
+umgekehrt verlöre sich mehr in völlige Milch. Und selbst das könnte
+recht wohl noch weit überboten werden durch einen zweiten Umstand.
+
+Die Spirale mit ihren Windungen liegt in diesen Nebeln anscheinend,
+wie gesagt, flach in einer und derselben Ebene. Aber sie könnte für
+den engeren Anblick gleichwohl sehr gut wenigstens gewisse kleinere
+Verschiebungen auch über die Horizontallage hinaus besitzen.
+
+Dann würde die von ihr gebildete Milchstraße einer solchen Welt die
+Spuren davon zeigen in Gestalt von Spalten, von dunklen Lücken.
+
+Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen,
+würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer
+kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes,
+in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen
+dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale
+schließen, -- niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße
+für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im
+Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten,
+durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse
+müßte durchsetzt sein mit tiefen Röhren und, -- abgesehen von dieser
+Verschiebung schon des ganzen Bildes, -- wie sollte man sich das im
+Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß
+er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur
+schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt✹.....
+
+Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das
+alte liebe Silberband.
+
+Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde
+überwallt.
+
+Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, -- oder
+wirklich hier?
+
+Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere
+Milchstraße✹.....
+
+Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort
+wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle
+Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz
+gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen.
+
+Schon das schlichte Auge sieht das, -- einem Kinde kann man es
+zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In
+wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, --
+dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh
+in den schwarzen Raum.
+
+So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der
+Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten.
+Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige
+Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in
+seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem
+Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen.
+
+Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls.
+
+Kant hat unrecht -- und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem
+des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas
+lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt,
+unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse,
+sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure
+Spirale aus Millionen Fixsternsonnen umwindet. Und unsere Schau in die
+Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich
+teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander.
+
+Ein in seiner Größe fast grausiges Bild.
+
+Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen
+ergießt, wird nicht ruhen.
+
+Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion
+fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich
+auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger.
+
+Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein
+unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der
+Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder
+Traum✹.....
+
+Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über
+mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen.
+
+Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt.
+
+Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister
+meines Hirns.
+
+Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich.
+
+Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren
+Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen
+Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich.
+Warum bangt dir vor dir selbst?
+
+Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten
+finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste
+moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und
+Höllenwelt des Dante war.
+
+Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine
+Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie
+wieder -- als Schönheitslinie.
+
+Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit.
+Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale
+Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden
+schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es
+liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses Armes
+noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er:
+Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs.
+Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese
+Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich
+selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer,
+weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt
+sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu
+verfallen.
+
+Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das
+gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese
+jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie
+schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt,
+nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell.
+
+Warum das alles?
+
+Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die
+Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume✹.....
+
+Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit.
+
+Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens,
+in dieser ungeheuren Natur, -- vom Andromeda-Nebel bis zum
+prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir?
+
+Ein Narr fragt viel.
+
+Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des
+menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen,
+denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit
+irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder
+den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr
+abbog, höheren Sternen und Ideen zu.
+
+Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und
+fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform
+hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns.
+
+
+
+
+Die Entstehung der deutschen Landschaft.
+
+Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt.
+
+
+Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde
+beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne
+Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge.
+
+Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne
+Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was
+frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit
+vergleichenden Landschaftsstudiums.
+
+Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende
+einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt
+lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche
+Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während
+das Auge den Totaleindruck erlebt.
+
+In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden
+Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis
+zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt.
+
+Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz
+hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten
+Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher,
+denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen
+des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich
+Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen.
+
+Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger
+Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen Birkenalleen:
+die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins
+deutsche Land.
+
+Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen
+wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern.
+
+Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die
+blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die
+Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens
+auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist.
+
+Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit
+ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil
+wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform,
+die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee
+Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar
+zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang
+der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes
+Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten,
+wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales
+Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als
+ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist
+die _Linnaea borealis_, das eigene Patenkind des großen Linné
+bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern
+ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des
+Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien
+findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede.
+
+Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach
+werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft.
+
+Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen
+rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen
+deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif
+war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen.
+
+Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu.
+
+Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere
+Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als
+Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr
+wußte.
+
+Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem
+stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine
+starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen
+Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam
+gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben
+enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine
+Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden
+den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden
+Bernstein.
+
+Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des
+Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das
+packend.
+
+Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die
+Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die
+Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder
+reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im
+Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln
+sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie
+mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es
+ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt,
+wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen
+Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los.
+Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die
+Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den
+Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“
+
+Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, -- sagen wir
+heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem
+Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig
+Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt
+ein ewiges Streitgebiet der Natur, von dem man nicht weiß, ist es
+noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln
+oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie,
+Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei
+der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit
+dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die
+Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt,
+denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse
+flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen
+ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und
+die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der
+Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke
+überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“
+
+In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk
+von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu
+zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend
+Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren
+Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen
+feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur.
+
+Das ist das hergebrachte Geschichtsbild.
+
+Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen
+nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie
+viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren.
+
+Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen.
+
+Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu
+sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer
+mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge
+schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um
+Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen,
+planetengroßen Weltgeschichte, -- nicht als ledern begrifflicher
+Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren
+Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine
+Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da,
+sonst wüßten wir es nicht. Nur um feine Schleier handelt es sich, die
+aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein
+der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen
+Schleiern.
+
+Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr
+Grund.
+
+Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den
+Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten
+Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne
+folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine
+Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block
+Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser
+Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen
+den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald.
+Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich
+das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken.
+
+Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl.
+
+Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist
+als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld.
+
+Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter
+Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der
+Weltentwickelung an als wir selbst.
+
+Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer
+faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben
+und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen
++Zusammensturzes+. Und doch zielen alle neueren geologischen
+Gedanken mehr oder minder dahin.
+
+Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte,
+sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit
+Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig
+gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt
+Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr
+man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe,
+bis endlich in der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen
+war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau
+umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen.
+
+Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden
+Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern
+etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese
+und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen
+entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter
+dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie
+Pfeiler und Berge darüberragen.
+
+Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war
+aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien
+Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im
+Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete
+sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der
+Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden
+Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen
+Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen
+Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche
+dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue
+Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde
+mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu
+den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu
+haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem
+Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über
+die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle
+der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar.
+
+Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue
+Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung
+zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus
+ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet,
+und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die
+nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld.
+
+In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus
+geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde.
+
+Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der
+Erdgeschichte sich vollzogen haben, -- nicht ruckweise natürlich als
+wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung
+und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal
+glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen
+auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren
+solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier
+sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler
+stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher
+Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen,
+sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und
+Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben.
+
+Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein
+geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor,
+eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten.
+
+Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich
+mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder
+abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem
+Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels
+war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und
+Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem
+Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene
+hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung.
+Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das
+in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als
+Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und
+zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in
+den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe
+lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch
+das Tiefland kam, bis das Meer voll war.
+
+Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte
+schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich
+herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und
+so viel Meter +unter+ der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig
+dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten
+längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so
+und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß.
+
+Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie
+der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt.
+Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter
+Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd
+wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer
+Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich
+notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt.
+
+Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen
+Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den
+Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe.
+
+Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein
+dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station,
+daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus
+schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das
+Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die _Linnaea
+borealis_ blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu
+den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand,
+das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen
+lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel
+am Tiberstrand.
+
+Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle
+um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet
+als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund.
+Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche,
+wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken
+Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, --
+hier das dumpfe Deuten von der Tiefe her. Das Deuten, das meldet:
+alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die
+Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die
+Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie
+vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, -- der
+flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher
+Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“
+sein, -- Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten,
+wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in
+Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck.
+
+Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner
+Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und
+Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten.
+
+Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen
+Birkenebene.
+
+Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf
+der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt
+hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer
+Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von
+einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute
+unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans
+hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns,
+die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen.
+Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu
+Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen.
+
+In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht
+vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde
+nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere.
+Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er
+ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er
+sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von
+Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein
+Bruchmaterial weit verschleppt.
+
+Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter
+Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in
+die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes
+ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu
+acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst
+jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten
+über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da
+unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische
+Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig
+gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie
+kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den
+Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten
+Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort
+und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse
+winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich
+häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke
+werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide.
+
+Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große
+Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die
+blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst
+aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder
+mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der
+sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist
+nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht
+von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der
+böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes
+Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein
+die Alpen nach Holland schleppt.
+
+Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich
+zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß,
+ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und
+auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine
+Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich
+beschieden hat: der Umdrehung der Kugel, den Schwankungen und
+Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit
+dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los.
+
+Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der
+Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen.
+
+Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme
+erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die
+selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog
+sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben
+vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann
+wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren
+Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht
+gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die
+Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während
+jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter
+nach den Polen trieb.
+
+Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht
+bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch
+betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren
+Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade
+damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen
+und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen.
+
+Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen
+Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt
+das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen
+bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah,
+aber schon hinter ihr.
+
+Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter
+uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines
+Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von
+unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den
+gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit
+nach Thüringen und Sachsen zurückbringt.
+
+Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten.
+Mich faßte ein neues Bild.
+
+Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches
+Land im Fernrohr schaute.
+
+Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland.
+Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus
+dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das
+Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen:
+kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders
+reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte.
+
+Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen
+Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium
+wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so
+faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten
+Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation
+an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars
+(und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche
+Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs
+gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll.
+
+Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß
+verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart.
+
+Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer
+solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit
+Abendhintergrund.
+
+Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen
+vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden
+Qualmes hinein.
+
+Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen,
+glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen -- Urwaldbäumen,
+jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu
+unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel
+nähere Etage über der Ebene bildend.
+
+Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine
+Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die
+zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch
+damals bestand?
+
+Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser
+Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als
+„Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle
+des heutigen Lebens.
+
+Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für
+diese Geisterstunde noch einmal empor.
+
+Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz
+Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte
+bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie
+jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, -- ein mystisches Schattenbild
+der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die
+menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den
+Menschengeist selbst.
+
+War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der
+sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe
+der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden
+Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften
+Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten?
+
+Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne,
+einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit
+Deutschlands geglüht hatte✹.....
+
+Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos
+eilende Zug schon die Scene jäh geändert.
+
+Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die
+letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende
+Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von
+Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser
+Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde
+vor: der Farrnkräuter.
+
+In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische
+Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes oder je
+nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche
+Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen.
+
+Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste
+dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte
+Steinkohlen-Urwald selbst.
+
+Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder
+kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben,
+aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das
+Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp
+und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen,
+auch die oberste.
+
+Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne
+niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der
+heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe.
+Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin
+Raum zum Herbergen.
+
+Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit
+grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten
+Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen
+hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als
+schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der
+Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern
+Stammdicke sich wälzten.
+
+Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende
+bei uns genommen.
+
+Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem
+Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland,
+das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die
+Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller
+aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, -- so
+empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit
+über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch
+ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der
+Individuen.
+
+Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht
+unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst wir
+mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein
+Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen
+unserer Heimat geworden.
+
+Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der
+Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist
+heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, -- der eine
+sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen,
+-- der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung
+zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone
+vorkommen. Da kann man nun wählen.
+
+Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur
+umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten,
+die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener
+Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer
+Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen!
+
+In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut,
+-- ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher
+Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit.
+
+Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im
+ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist.
+
+Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die
+Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus
+dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute
+keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt
+zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der
+reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom
+Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das
+hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern.
+
+Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und
+oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene
+Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt.
+
+Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die
+deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich zweifelhaft
+sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in
+Kiefer, Fichte und Tanne -- oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder
+Birke.
+
+Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen
+zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner
+Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu
+ertragen.
+
+Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden,
+wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als
+„Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden.
+Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür
+kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein
+echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das
+Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des
+Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß
+gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen.
+Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur
+nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch
+geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas.
+
+Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da
+das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil
+ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit
+Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne
+durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut
+der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre
+Regsamkeit, ihre Daseinsenergie.
+
+Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte
+des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau
+auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der
+großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch
+herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von
+denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß
+gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen
+Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste
+Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale beste Anpassung sich vom
+Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als
+dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie
+dem standgehalten haben.
+
+In der noch späteren Tertiär-Zeit besteht kein Zweifel, daß Deutschland
+ein geradezu heißes Klima wirklich hatte, prachtvolle Fächerpalmen,
+Drachenbäume und Bananen grünten bei uns, in denen Affen kletterten
+und zu denen die Giraffe ihren langen Hals aufstreckte. In deutschen
+Braunkohlenlagern der mittleren Tertiär-Zeit ragen riesige Stämme,
+die das Nadelholz in Gestalt der schönen Sumpfcypresse zeigen, wie
+sie heute nur noch in Amerika vorkommt. Bei Groß-Reschen in der
+Niederlausitz ist die bekannteste Fundstelle, dort stehen die ganzen
+Stümpfe noch in der Tiefe, als sei eben erst ein tausendjähriger Forst
+abgehackt worden. Auch unser Bernstein ist nichts anderes als das
+versteinerte Harz einer tertiären deutschen Fichte, -- wie unglaublich
+groß müssen aber diese Nadelholzwälder damals gewesen sein, wenn man
+der Bernsteinmassen gedenkt, die das Meer seit Plinius’ Tagen an die
+Küsten treibt und die aus dieser Küste gegraben werden.
+
+Dieser Wärmeanpassung des Weihnachtswaldes hat erst wieder die Eiszeit
+ein Ende gemacht. Als sie ganz Norddeutschland unter Grönlandeis
+warf, mußte dort wenigstens auch der Fichtenwald fliehen. Als sie
+wich, kam er aber erst recht zurück, denn es kehrte ja für ihn gerade
+die Temperatur wieder, die vielleicht sein Ausgangspunkt war: die
+gemäßigte. Und nur eins machte ihm vorübergehend noch einmal Not, --
+doch davon gleich.
+
+Blieb so die Flora der deutschen Reptilien-Groß-Zeit in gewissem Sinne
+durch ihre Zähigkeit uns bis heute treu, so ist das Tiervolk von damals
+dafür um so gründlicher gesunken. Die elefantengroßen, hausgroßen
+Saurier sind verschwunden, das traf aber Deutschland nicht allein,
+sondern die ganze Erde. Nur in zwei urweltlich kolossalen Gruppen ist
+diese Hochblüte der Reptilien ja überhaupt lebend auf uns gekommen:
+als Krokodil und als Riesenschildkröte. Beide waren Deutschland noch
+in jener Tertiär-Zeit, als es mit allen Ichthyosauriern und Iguanodons
+längst alle war, treu: bei Ulm krochen Landschildkröten mit zolldicken
+Panzerplatten, zwischen Mainz und Darmstadt schwamm der Alligator.
+Dann aber hat die Eiszeit hier eine Aufräumearbeit von unerbittlicher
+Gründlichkeit besorgt.
+
+Im ganzen und auch für die allerkleinsten Formen hat sie unsere
+Eidechsen-, Schlangen- und Schildkrötenwelt auf einen Nullpunkt
+gebracht (ihr Nullpunkt im Klima wurde für diese armen wechselwarmen
+Sonnenkinder ja auch Nullpunkt jeglicher Blut- und Lebenswärme), von
+dem diese sich bis heute nicht eigentlich erholt hat.
+
+Das Reptil als auffälliges Charaktertier der Landschaft existiert für
+ganz Deutschland nicht mehr.
+
+Wenn man über die Alpenmauer nach Italien wandert, so ist ein erstes
+charakteristisches Anzeichen der zum Mittelmeer sich wendenden
+italienischen Landschaft das emsige Geschwänzel der Eidechslein auf
+jeder Bruchsteinmauer. Es sind keine Lindwurm-Saurier mehr, aber
+man empfindet doch, daß man in einer Gegend ist, die wenigstens ihr
+kleines Reptilvolk nie verloren hat. Ich bin persönlich (vielleicht
+im Gegensatz zu vielen Lesern) ein großer Freund der Eidechsen und
+empfinde einen ästhetischen Verlust der Landschaft da, wo sie spärlich
+werden.
+
+Radikal herausgewalzt aus unserer Heimat durch die große Frostwalze
+der Mammutzeit, ist das Reptilvolk erst in der folgenden wieder
+milderen Epoche, sozusagen innerhalb also schon unserer „deutschen
+Geschichte“, ganz langsam und hier und da von Süden her wieder zu uns
+hereingekrochen. An einer größeren Rückwanderung hat freilich die
+Alpenmauer gehemmt. Wo eine solche ostwestliche Barriere nicht bestand,
+wie in Nordamerika, das zu großen Teilen doch auch seine Eiszeit
+durchgemacht hat, ist der Norden wieder ohne viel Mühe reptilienreich
+geworden. Bei uns kann man noch jetzt ziemlich genau beobachten, wie
+die großen südnördlichen Flußtäler nicht bloß den Wanderungen der
+Menschen, sondern auch denen der Schlangen und Eidechsen noch am
+ehesten geholfen haben, -- vor allem das Rheintal, an dem sich Schritt
+für Schritt noch gegenwärtig fortbestehende Stationen der südnördlichen
+Einwanderung von Schlangen und Eidechsen nachweisen lassen.
+
+Was sonst noch Fremdartigeres im Nadelwalde der Saurierzeit bei uns
+räuberte, ist so gut wie ganz verschollen.
+
+Der Ur-Vogel Archäopteryx liegt nur noch im zierlichen Stein-Abdruck
+vor.
+
+Selbst der famose _Ceratites nodosus_ hat uns für immer verlassen
+und mit uns die Welt überhaupt. Es war ein großer Tintenfisch, der
+in einer hübschen gedrehten Schale saß wie heute der Nautilus auf
+Amboina. Er lebte im Meer, und Meer mußte die deutsche Scholle decken,
+wenn er hinkommen und seine Gehäuse auf ihr ablagern sollte. Aber es
+ist drollig, wie dieser alte Krake sich dabei mit der auffälligsten
+Konsequenz wirklich immer nur auf solchem Boden gehalten hat, der
+später einmal deutsch werden sollte, -- mit Ausnahme eines ganz kleinen
+Streifchens Frankreich, von dem er jedenfalls annahm, es würde noch
+einmal annektiert werden. Auf diesem Deutschboden vermehrte er sich
+mit Glück in wahrhaft biblischer Weise und hinterließ ungeheuerliche
+Schalenmassen, -- sonst bekam ihn kein Erdenfleck zu sehen. Schon
+Leopold von Buch hat den guten Witz von ihm gemacht, daß er um seiner
+prophetischen Treue willen verdiene, ins deutsche Wappen aufgenommen zu
+werden.
+
+Durch das offene Fenster meines Coupés träumte ich in die milde
+Frühlingsnacht hinein von Primeln und Anemonen in den dunklen
+Wiesengründen.
+
+Dann stieg der Mond höher und tauchte die Zweige am Bahndamm in ein
+Silberlicht, als ginge die Fahrt durch eitel blühende Kirschbäume.
+
+Wunderliche Vorstellung, daß unsere Landschaft einmal keine Blumen
+hatte!
+
+Die Primelwiese, der Veilchengrund, die rote Heide und der goldene
+Caltha-palustris-Sumpf, Dornröschen und der Lenzschnee der süddeutschen
+Obstgärten: sie alle sind eine späte, eine verhältnismäßig junge
+Erfindung der Natur, gegen die das Farrnkraut und die Kiefer ehrwürdige
+Patriarchen sind.
+
+Abermals ist es eine höhere geologische Schicht, die durch dieses bunte
+Blütenparadies der deutschen Landschaft schneidet. Sie geht nur mehr
+bis auf die zweite Hälfte der sogenannten Kreide-Zeit zurück.
+
+Weite Gebiete Deutschlands waren damals Tiefsee. Aber aus dem Ozean
+hoben sich gegen Schlesien und Böhmen zu Länder mit reichem Waldstand.
+Und wieder hatte in diesem Waldstand sich ein Ruck vollzogen. Da war
+zuerst aus dem Nadelholz ein Laubbaum geworden. Die Palme, die Magnolie
+war „erfunden“ worden, und -- uns für heute interessanter -- die Eiche,
+die Buche, die Kirsche. Neben die Nadel stellte sich das grüne Blatt,
+doch ein anderes als das ehemalige des Farrnkrauts, das Eichenblatt und
+Haselnußblatt, das Blatt des echten Laubbaumes.
+
+In jenem Bericht des Plinius erscheinen die deutschen Urwald-Eichen
+wie die Türhüter der Ewigkeit am ersten Schöpfungstage in die Welt
+gestellt und nun ewig fortgrünend. Auf einer Esche, also ebenfalls
+einem Laubbaume, ruhte dem alten Deutschen selber die Welt. Der Blick
+aber des Geologen sucht in der größten Eiche und Esche doch immer
+nur das Kind, die Jugend dieser Landschaft, neben dem der blaugraue
+Nadel-Wacholder ein Greis und gar Bärlapp und Farrnkraut gespenstische
+Urahnen sind.
+
+Aber wiederum die Eiche selbst und der Haselstrauch in ihrem Schatten
+sind alt gegen das Maiglöckchen, das verborgen im Schatten dieses
+Haselstrauches blüht. Das Maiglöckchen und die Dornrose und der
+weiße Flieder, so viel alter romantischer Zauber sie nun wieder
+umspinnen mag, sind erst recht ganz die Jungen und die Neuen in dieser
+geologischen Schichtung unserer Landesvegetation.
+
+Eine Liebesgeschichte mischt sich hier ein.
+
+Der Haselbusch macht es noch genau so wie die Kiefer: er streut seinen
+goldenen Blütenstaub vom Kätzchen dem Wind in die Arme und läßt ihn
+so zur weiblichen Blüte tragen. So hatten es die ersten Laubbäume
+der Kreidezeit alle noch gelernt. Aber diese Kreidezeit war lang,
+endlos lang. Und so glückte noch in ihr vor Schluß eine zweite, für
+das Landschaftsbild reichlich ebenso wichtige „Erfindung“ wie die des
+grünen Laub-Blattes.
+
+Früh mit dem Farrnblatt in der Steinkohlen-Zeit waren die Insekten
+entstanden. Während die Saurier zu Goliaths wuchsen, blieben sie immer
+relativ klein, aber dafür wurden sie beweglich, klug wie keine zweite
+Tiergruppe der Urwelt. An diese Insekten paßte sich die Pflanze an. Sie
+bepuderte die Fliege, die Biene mit ihrem Lebensstaub und ließ ihn
+so zur weiblichen Blüte tragen. Das war unvergleichlich viel sicherer
+als die Fahrt auf gut Glück mit dem Winde. Um das Insekt zu locken,
+wurde das stäubende Kätzchen, das unscheinbare weibliche Blütlein zur
+„Blume“, zum bunten, auffälligen Gebilde, das über seinen Honig ein
+weithin prangendes Wirtshausschild hing, bald blau, bald rot, bald in
+sinnreichster Reklame-Verbindung verschiedener Farben.
+
+Die Blätter hatten nach uraltem Pflanzenbrauch die grüne Farbe
+mitübernommen, -- so machte es die Blume, um sich dagegen von fern
+schon dem Insekt kenntlich zu machen, ausgesucht in möglichst
+anderen Farben, als da sind Feuerlilien-Rot, Vergißmeinnicht-Blau,
+Kirschen-Weiß und Löwenzahn-Gelb.
+
+Aus diesem Wettbewerb um immer wirksamere Reklameschilder des
+Insekten-Wirtshauses mit dem Hintergedanken eines Briefstellers für
+Liebende erwuchs der herrliche Blutteppich der „Heide“, der Erika,
+in dem Westfalen glüht, -- es erwuchs der tiefblaue Kristallbecher
+des Enzians am Riesengebirge, das Caltha-Gold von Worpswede und das
+liebliche Gewebe blauer Anemonen und gelber Primeln an den Jura-Hängen
+der schwäbischen Alb, unter deren Hut der Ichthyosaurus schläft.
+
+Das alles, wie gesagt, geschah noch im letzten Kapitel jener
+tatenreichen Kreidezeit. Als im Tertiär die Bernsteinfichte ihre
+goldenen Tränen weinte (sie träumte damals noch nicht von der Palme im
+Süden, denn die stand noch in prangender Fülle neben ihr, eingewurzelt
+wie sie im deutschen Lande), da rann dieses Harz schon um beide: die
+Fliege als Liebespostillon und die Blume als Animierkneipe, -- beide
+begegnen uns heute im Bernstein, zu dem das Fichtenharz sich verhärtet
+hat.
+
+Einsam rasselte mein Zug durch die Nacht.
+
+Walpurgisschauer mochten durch den mondhellen Wald ziehen. Die Eulen
+riefen ihr altes Wodanslied. Wodan und die Eisenbahn, -- mir war, als
+stürze der Blick wieder durch Aeonen vom Aeltesten ins Jüngste ab. Und
+doch ist auch diese Eule als Vogel ganz oben erst im Reigen. Den Vogel,
+das Säugetier des heutigen Deutschland hat uns erst eben jene Zeit der
+weinenden Bernstein-Fichte, die Tertiär-Zeit, geschenkt.
+
+Als der Alligator noch in den Sümpfen bei Mainz schwamm, da fielen
+schon Scharen echter Enten dort auf dem Wasserspiegel ein. Um dieselbe
+Zeit war am heutigen Hahnenberg bei Nördlingen im bayrischen Schwaben
+ein Brutplatz des Pelikans. Längst offenbar war der Vogel vom
+eidechsenschwänzigen Urgreif Archäopteryx damals also schlicht zu Ente
+und Pelikan geworden. Heute kann der Pelikan selbst freilich nicht mehr
+als deutscher Vogel gelten. Er verfliegt sich ab und zu noch einmal zu
+uns, aber er brütet nirgendwo mehr.
+
+Der Verwandtschaft nach vielleicht unser altertümlichster deutscher
+Vogel, den wir noch massenhaft haben (z.✹B. als wahren Nationalvogel
+auf dem Müggelsee bei Friedrichshagen) ist der Haubensteißfuß.
+
+Denn eng an diese Taucher schließt sich ein geheimnisvolles Wesen,
+dessen Knochenreste in Nordamerika in Gestein noch der Kreidezeit
+gefunden worden sind, der „königliche Westvogel“ (_Hesperornis
+regalis_), der, ein ganz flügelloser Haubensteißfuß von Gestalt,
+doch im Schnabel noch eine Rinne hat, in der oben 28 und unten 66 echte
+Zähne wurzelten -- eine Eigenschaft, die also noch deutlich an die
+ebenfalls bezahnte Archäopteryx erinnerte.
+
+Umgekehrt unser ältester noch lebender Säuger ist ziemlich sicher kein
+anderer als der Igel.
+
+Die überhaupt urweltlichste Säugetierform der Erde ist das australische
+Schnabeltier, dessen sehr igelähnliche Landsorte (es gibt auch eine
+im Wasser) heute im Herzen Deutschlands nur in einem lustigen Pärchen
+des Berliner Zoologischen Gartens lebt. Dieses Schnabeltier legt noch
+Eier wie die Eidechse, von der es (in allerdings noch sehr dunklem
+Zusammenhang) zwischen dem Ende der Steinkohlenzeit und der Blüte der
+Riesenreptile irgendwann und irgendwo entsprungen sein muß. Die nächst
+höhere Stufe war dann das Beuteltier.
+
+In der ganzen Ichthyosaurus-Epoche war das Beuteltier das
+Charaktersäugetier Europas, also ziemlich sicher auch Deutschlands; die
+beweisendsten Knochenfunde sind zufällig in England gemacht worden, das
+aber durchaus mit dem Kontinente sonst übereinstimmte. Nach heutigem
+Maß muß es der Landschaft einen australischen Charakter verliehen
+haben. Noch in der Tertiärzeit hatten wir die echte Beutelratte, das
+heutige Opossum der Nordamerikaner, in Weisenau bei Mainz und in
+Eckingen bei Ulm. Möglicherweise haben dem letzten deutschen Beutler
+auch erst die Vorwehen der Eiszeit den Garaus gemacht.
+
+Im heutigen deutschen Klima würde allerdings ein Grund auf keinen Fall
+stecken, daß wir nicht Känguruhs in der deutschen Heide haben sollten
+so gut wie Kaninchen. Zweimal ist nämlich in den letzten Jahrzehnten
+versucht worden, an dieser Stelle durch Menschenkunst das Rädlein der
+Dinge noch einmal rückwärts zu drehen und dieses Stück Urwelt bei uns
+leibhaftig wieder auferstehen zu lassen. Zuerst hat 1887 der Freiherr
+von Böselager auf Heimerzheim im Rheinland Känguruhs frei in seinen
+Wald gesetzt, und sie sind sofort wirklich „wild“ geworden wie die
+Hasen, ohne sich durch den nordischen Winter irgendwie anfechten zu
+lassen.
+
+In noch größerem Stil ist das dann seit 1889 dem Grafen Witzleben
+im Buschwalde von Altdöbern in der Niederlausitz geglückt. Die
+Känguruhs haben sich dort nicht nur regelrecht als freies Jagdtier
+eingebürgert und fortgepflanzt, sondern sie haben sich auch mit dem
+übrigen echtdeutschen Wild aufs beste vertragen. Witzleben preist
+die Schmackhaftigkeit des Wildprets und besonders die Suppe aus
+Känguruh-Schwanz.
+
+Wie die Dinge liegen, würde solche Verpflanzung übrigens mehr sein als
+ein bißchen menschliches Hineinpfuschen in den Lauf der Erdgeschichte
+nach rückwärts. Das Känguruh, eine der possierlichsten, malerisch
+merkwürdigsten Tiergestalten der Erde, könnte nur so überhaupt auf
+unsere Enkel gerettet werden, da es in Australien selbst hoffnungslos
+der Ausrottung verfällt, ja in großen Gebieten schon verfallen ist.
+
+Als dritte Säugergruppe haben nun offenbar ganz früh schon unter
+die Schnabler und Beutler der Saurierzeit sich die sogenannten
+„Insektenfresser“ gemischt. Drei von denen sind uns treu geblieben:
+der Igel, der Maulwurf und die Spitzmaus. Den Igel kennzeichnet sein
+altertümliches, schnabeltierhaftes Stachelkleid als die urweltlichste
+Form. Sehr wahrscheinlich gehört auch die Fledermaus noch eng hierher.
+Ganz früh, fast an der Wende noch der Saurierepoche zur Tertiärzeit,
+drei Millionen Jahre mindestens vor der Eiszeit, tritt sie völlig
+unvermittelt fix und fertig auf, recht ein Rätseltier, dessen Ableitung
+von den Ur-Säugetieren noch völlig dunkel ist. Ihre fruchtfressenden
+tropischen Verwandten, die sogenannten „Fliegenden Hunde“, sind
+möglicherweise sogar noch viel älter.
+
+So spiegelt sich in diesen ganz Harmlosen, Stillen, Verkannten und in
+ihrer Insektenjagd doch so Nützlichen unserer Landschaft wieder eine
+weit tiefere Schicht Urwelt als etwa im großen Hirsch oder im Pferde
+und vollends als im Menschen, den heute die tosende Eisenbahn durch die
+rote Heide und den stillen Hochwald führt.
+
+Sie raste in die Mondnacht hinein, meine Bahn.
+
+Gespenstisch fahl ragten jetzt die jungen Birken aus der Ebene draußen,
+-- ich träumte weiter.
+
+Auf der Schwelle der Erdperiode, der wir angehören, ringen drei
+Gewalten um die deutsche Landschaft.
+
+Wenn die Sagen der deutschen Stämme so weit zurückgingen, müßten sie
+als drei Riesen darin erscheinen, mit einer ungeheuren Axt, einer
+Schaufel, einer Keule in der Hand.
+
+Der eine rollt Eisblöcke.
+
+Der andere pustet Sand.
+
+Der dritte häuft Urwaldstämme.
+
+Lange Jahrtausende ist die deutsche Erde in ihre Faust gegeben. Zwar
+den Grund des Gesteins, den längst gefestigten Stamm des Gebirges
+müssen sie stehen lassen. Aber die Oberfläche dürfen sie verwandeln,
+verwüsten, neu bauen nach ihrer Lust.
+
+Ein Faustschlag des einen -- und die Zinnen Skandinaviens zerbrechen
+zu Scherben und diese Scherben rollen über ganz Norddeutschland. Wie
+ein Gärtner Wasseradern durch seine Wiese zieht, so drängt er ganze
+Stromsysteme vor sich auf, windet Ströme ineinander, schiebt ihre
+gestauten Wasser stufenweise hin und her. Was der eine nackt gerodet,
+überzieht der andere mit Wald. Auf den Wald aber stürzt jener den
+Sandsturm der Steppe. Und doch geht aus dem Todeskampf dieser ringenden
+Elementargeister zuletzt, wie so oft im Märchen, ein Segensreiches
+hervor: eine Erde, die zwar längst kein Paradies mehr ist mit Bananen
+und Brotfruchtbäumen, deren Boden aber jederzeit sich als Schatz
+heben läßt für die strenge Kulturarbeit; der fruchtbare Kornboden
+Deutschlands geht daraus hervor.
+
+Tundra, Gras-Steppe und Sumpfwald lassen die drei Riesen sich botanisch
+benennen.
+
+Geologisch knüpft die Tundra an die Eiszeit an. Die Gras-Steppe an den
+eigentümlichen Lehm weiter deutscher Gebiete, den sogenannten Löß. Der
+Sumpfwald endlich an eine Zwischen- und Nachstufe beider mit feuchtem
+Klima ohne Vergletscherung, aber auch ohne Wüstenglut.
+
+Es ist die große Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, daß wir
+auch diese drei Gestalter unseres Landes jetzt wenigstens alle drei
+als historische Figuren kennen, -- als die letzten Naturriesen, die an
+unserer Heimat gebaut haben, ehe der deutsche Mensch selber das Heft
+in die Hand nahm und den Landschaftscharakter in den Grenzen seines
+Könnens nach dem Bilde seiner Sehnsucht modelte. Wer ihr Antlitz nicht
+auch noch durchleuchten sieht, der versteht nichts vom feinen Gewebe
+heutiger deutscher Landschaft trotz aller Kenntnis vom Heraufgang
+dieser nachfolgenden Menschenkultur.
+
+Geheimnisvoll verschleiert sich nur auch unserm geologisch
+vorgeschrittenen Schauen das zeitliche Verwandtschaftsverhältnis
+jener drei Ur-Bauer und Ur-Verwüster diesseits der paradiesischen
+Tertiär-Zeit. Wer war der Vater, der Sohn, der Enkel? Oder waren sie zu
+ihrer Zeit gleichaltrige Brüder, die nur um die Oberherrschaft stritten?
+
+Der noch urweltlich riesige, feuchte, mit Moorgrund abwechselnde,
+mangels jeder Forstkultur unwegsame deutsche Stammwald mit stofflich
+ähnlicher Zusammensetzung wie heute: das ist das vertrauteste, das
+plausibelste Bild zunächst von den dreien. So fing ja die deutsche
+Landschaft bei Plinius geschichtlich im Sinne von Kulturüberlieferung
+an. Rückwärts haben wir gesehen, wie in solchem Urwalde die Farrn-Flora
+sank, wie die Nadelhölzer ihn in Ichthyosaurus-Tagen eroberten, wie
+zwischen das Nadelholz sich dann Laubbäume mischten. Diese deutschen
+Laubbäume waren in der heißen Tertiärzeit noch Eichen und Palmen. Von
+jenen Plinius-Tagen herauf bis zu uns gestattet das deutsche Klima
+keinen Palmenwuchs mehr. Wir haben Anzeichen, daß dieses Klima-Sinken
+noch gegen Ende der Tertiär-Zeit selber eintrat. So wäre damals
+schon das letzte für uns Fremdartige ausgemerzt worden: ein Rest
+südländischer Formen in unserm Walde. Damit aber schlösse sich glatt
+das Bild: die Urwelt einmündend in den germanischen Forst des Plinius.
+
+In diesen Forst bricht +von da ab+ dann die Kultur ein. Hier rodet
+sie ihn ganz, um Raum zu gewinnen für die Ausnutzung des schlummernden
+Korn-Bodens. Dort nimmt sie ihm wenigstens seine sumpfig-unhandliche
+Ur-Form. Die Forstkultur kommandiert mehr und mehr den rohen Genossen
+der alten Bären und Elentiere in eine Art Baumkaserne um mit strammer
+Militärhaltung und einem Zug auf ein „Normalschema“. Schließlich greift
+sie aber auch in die Art des Waldbestandes ein. Sie begünstigt Bäume,
+die der Mensch in ihrer Lebensart und Leistung besser gebrauchen kann,
+und wirft so in hundert Jahren mehr Abwechselung und Neuerung in die
+deutsche Waldlandschaft, als ganze Perioden der Erdgeschichte kaum
+vermocht haben.
+
+So weit wäre alles so glatt wie möglich, -- von einer beruhigenden
+Einfachheit. Die Natur tut uns aber leider nicht den Gefallen, es dabei
+zu lassen.
+
+Seit fünfzig Jahren hat sie uns mit einem ganzen Arsenal von Tatsachen
+bombardiert, um uns aufzurütteln aus dem Gedanken, es lasse sich der
+Sumpfwald des Plinius ohne Bruch und Ruck angliedern an den schon
+palmenfreien deutschen Wald der spätesten Tertiär-Zeit.
+
+Zwei deutsche Landschaften schieben sich da mit der größten Energie
+noch dazwischen, und es sind ausgespart die unmöglichsten für eine
+glatte Entwickelung.
+
+Die eine entspricht dem, was wir heute auf der Erde „Tundra“ nennen.
+Und die andere etwa nach asiatischem Bilde der echten „Steppe“.
+
+Die Wälder des Plinius verstehen wir noch, wenn wir auch kaum hier und
+dort mehr ein winziges Restchen davon haben. Was aber eine Tundra ist,
+weiß der Durchschnittsdeutsche höchstens aus dem Konversations-Lexikon.
+
+Wer das Glück hat, wie ich, seit Jahren an einem unserer großen
+märkischen Seen zu wohnen, dem ist ein Vogel lieb geworden, der zu
+Zeiten dort das Landschaftsbild geradezu aufdringlich beherrscht: die
+Wildgans.
+
+Schnurgerade geht der Bahndamm durch den brausenden Kiefernwald,
+mit der letzten blassen Rainflora oder am Wärterhäuschen ein paar
+welkenden Sonnenblumen. Hinter den Kiefern liegt auf der einen Seite
+der blaue See. Dahin wandern sie, endlose, schnatternde Keilstreifen
+dieser Gänse. Lange schon hört man ihr Geplapper, ehe noch der
+Kronenrand der schwarzen Bäume sie entläßt. Dann sind sie da, Schatten
+werfend wie eine Wolke, endlos. Oft ist die Spitze des Keils mit
+ihrer ewig wechselnden Vorfliegerin schon jenseits hinter die Kiefern
+hinabgetaucht und hier rinnt und rinnt noch immer der Doppelarm der
+beiden Gabeln nach.
+
+Nun denn: die meisten dieser Wildgänse kennen die Tundra ganz genau.
+Alljährlich wandert die Saatgans im Sommer dorthin, um zu brüten. Im
+Herbst kommt sie dann in ungezählten Geschwadern zu uns zurück, um im
+Winter oft noch viel weiter nach Süden zu gehen, vielfach bis nach
+Afrika. In der rauhen Zeit des Jahres ist es ihr in der Tundra zu kalt.
+Denn diese Tundra ist heute hoch, hoch im Norden: die Mooswüste des
+Polargebietes.
+
+Die Tundra umgürtet den Nordpol, ein letzter Kümmerversuch des Lebens.
+
+Wer die Schneekoppe besteigt, der sieht die Waldgrenze unter sich
+schwinden und endlich auch den steppenartigen Grasteppich mit seinen
+blauweißen Anemonen und roten Primeln. Zuletzt klebt nur noch an den
+grauen Verwitterungsflächen des Glimmerschiefers die Flechte, hier
+goldgelb, hier bräunlich, das letzte, selber schon beinah steinhaft
+erstarrte Leben, das sich anklammert.
+
+Ein solcher nackter Fels aber, endlich von ewigen Eismassen bedeckt,
+ragt der Pol des ganzen Erdballs, einem ungeheuren Hochgebirgsgipfel
+vergleichbar, in den kalten Raum. Auch gegen ihn hin schwindet,
+weit nördlich allerdings erst vom deutschen Gebiet, nahezu auf der
+Breite des Nordkaps, wo Europa im ganzen endet, der Baumwuchs. Jene
+Liliputanergestalt kryptogamischer Gewächse, die schon in unserm
+Walde merkbar wird, wird noch ein Stück weiter dort zur vollkommenen
+Herrscherin. Moose und Flechten überziehen unermeßliche Wüsteneien als
+Charakterpflanze. Die Birke kriecht noch hier und da dazwischen, aber
+auch sie ist ein Zwerg geworden, ein armer verkrüppelter Eskimo, dessen
+„Krone“ kaum ein paar Zentimeter über den Boden ragt, während der
+„Stamm“ die Dicke eines Zündhölzchens weist.
+
+Sieht man auf diesen Pflanzenwuchs, der längst nicht mehr ein Kleid,
+sondern kaum noch ein färbender Bodenanstrich dieser Oede ist, so
+sollte man das Tierleben dort völlig erloschen wähnen.
+
+Gerade umgekehrt aber ist es, als hefte sich eine uralte, eine
+unverwüstliche Liebe ungezählter Tiere an diesen unwirtlichen Fleck.
+Wie Dampfsäulen schießen die Mückenschwärme auf, wenn der steinhart
+gefrorene Boden im kurzen Sommer oberflächlich eine kleine Schicht weit
+taut. Nagetiere kriechen in Scharen hervor. Stellenweise wandern wilde
+Ochsen in Herden an und äsen sich an den elenden paar Blättchen der
+Zwergbirken. Ganz unerschöpflich aber ist der sommerliche Reichtum der
+Vögel, die ausgesucht in diese Polarwüste den Höhepunkt ihres Daseins
+verlegen, hier ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen.
+
+Seltsam fürwahr, der Geschmack einer solchen Wildgans.
+
+Ihre strammen Flugmuskeln geben die Welt von der Nordgrenze Sibiriens,
+wo Nordenskjöld gesegelt ist, über ganz Europa, über das lachende
+Mittelmeer hinweg bis ins heiße Afrika hinein in ihren Willen.
+Alljährlich überschauen sie das, -- und suchen doch die Tundra, um ihr
+Nest dort zu bauen.
+
+Diese ausgesprochenen Heimatsgefühle der Wandervögel -- ausgesprochen
+in einem Maße, daß unser Kulturvolk-„Patriotismus“ fast beschämt
+daneben steht -- haben aber nicht nur für das Gemüt etwas Rührendes,
+sondern sie sind auch wissenschaftlich gerade für unsere Fragen
+vom allergrößten Interesse. Der Vogel, der heute in der Tundra
+nistet, bewährt vielleicht nicht nur Patriotismus im einfachen
+Sinne der Anhänglichkeit an eine bestimmte Landschaft. Er ist
+möglicherweise dieser Landschaft +nachgezogen+, als sie sich durch
+geschichtliches Verhängnis selber von der Stelle bewegte.
+
+Wenn die Saatgans heute in Deutschland nur durchreisender Zugvogel
+ist, der uns nicht der Ehre würdigt, seine Nestfreuden zu erleben,
+so ist sehr wohl denkbar, daß sie es tut, nicht obgleich, sondern
++weil+ sie ein ursprünglich deutscher Vogel ist.
+
+Ihr ist etwas passiert, dem ihr Gänseverstand in höherem Ueberschauen
+nicht nachkommen konnte: das Vaterland ist ihr vor Zeiten sozusagen auf
+der Landkarte ins Rutschen geraten, -- es hat sich ihr verschoben nach
+Norden zu. Ihre Tundra, an die sie sich gewöhnt hatte, lag einst statt
+in Sibirien quer durch Deutschland. Sie war im übrigen Tundra genau wie
+heute. Auch sie fror und schneite im Winter zur absoluten Hungerkammer
+ein, aus der es dem Vogelvolk nur einen Ausweg gab: bis über die Alpen
+hinaus nach dem warmen Afrika wandern. Lange Zeiten, viele Jahrtausende
+lang, paukte sich diesen Gänsegenerationen ein: Heimat ist die Tundra,
+aber im Winter geht’s nach Afrika, denn am vollkommen hereinbrechenden
+Nordpol mit Weltraumkälte scheitert auch der wärmste Patriotismus.
+
+Aber diesen Generationen schmuggelte sich eins unter der Hand dazu.
+Von Jahrhundert zu Jahrhundert schob sich ihnen die liebe Tundra
+immer ein paar Meilchen weiter nach Norden. Das Vaterland hatte sich
+als vom Klima bedingte „Landschaft“ unmerklich in Bewegung gesetzt
+wie ein Flechtenüberzug, der an einem sinkenden Gebirge Schritt für
+Schritt höher kriecht, um die alten Höhenverhältnisse beizubehalten.
+Die Tundra kroch so nordwärts an dem Polargipfel der Erde -- bildlich
+gesprochen -- höher. Da die Sache langsam einstudiert wurde, machte
+es den Enkel-Gänsen nicht viel, daß sie etwas länger heimflogen, als
+ihre Ahnen. Und schließlich flogen sie mit alter Treue über das ganze
+alte Deutschland weg bis nach Lappland und Nordsibirien, der wandernden
+Tundra nach. Einigen scheint ja die Riesenstrecke von dort bis Afrika
+schließlich doch zu viel geworden zu sein: so hat die andere Wildgans,
+die Graugans, heute doch gelernt, vielfach wieder auf deutscher Erde zu
+nisten.
+
+Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von
+einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte
+immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat.
+
+Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen
+Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des
+Schussen reguliert wurde.
+
+Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage:
+ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten
+durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden
+alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der
+echten deutschen Tundra.
+
+Gletscherschutt lag da, -- in dieser Gegend, die heute weit und breit
+nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich
+der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den
+Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos
+überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen
+konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte
+in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen
+Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen
+versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch
+einmal in unsere Zeit hinein.
+
+Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die
+Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir
+Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in
+unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen
+Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches
+Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der
+grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum
+allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen
+mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar
+kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung
+der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei
+all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit
+unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der
+deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden
+an eine deutsche Tundra-Zeit.
+
+Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum
+sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte.
+
+Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte
+Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im
+Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den
+das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber
+bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar
+erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch
+über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz
+Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht.
+
+Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man
+sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich
+von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa
+das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche
+geraten wäre.
+
+Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge
+in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis
+und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes
+niederkollern ließ, -- erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war
+die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich
+schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes
+Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand,
+wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die
+Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß
+die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein
+Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb.
+
+Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da
+brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen.
+
+Es erhöhte die Furchtbarkeit, daß zu der einen skandinavisch-russischen
+Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte,
+kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten.
+Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt
+damals, endgiltig unterzugehen. Die Nadelholz- wie Laubwälder der
+Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am
+Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe,
+deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von
+der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein
+Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein
+winzigstes Käferlein gekrabbelt.
+
+Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des
+Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst.
+
+Der Planet auf diesem ganzen Gebiet -- die gesamte Strecke, die ich
+auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im
+Riesengebirge durchmaß -- war gemordet.
+
+Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der
+Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens
+zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können.
+So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend,
+vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben
+muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die
+Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den
+Bodensee gedrängt worden, -- die Moschusochsen und der andere, der,
+unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der
+Mensch. Was hatte +ihn+ hierher gebracht? Die Knochen des Wesens,
+das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen
+Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik
+fehlt✹....
+
+Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze.
+
+Auf wessen Gebot?
+
+Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten
+begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und
+Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der
+Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, -- wer
+weiß es.
+
+Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat
+Alexander nicht wirklich die Welt erobert?
+
+Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst
+zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt
+in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf
+unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit
+Grönlandmoosen, -- der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und
+Eskimo-Menschen.
+
+Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal
+zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen -- nicht
+Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im
+Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der
+heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit
+wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten.
+Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses
+Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An
+den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst
+ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten
+Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie
+viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands.
+
+Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen
+Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das
+Eis herum nach der Nordsee sich wandte.
+
+Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm
+ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in
+diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee,
+sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf
+der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der
+Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der
+Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog
+sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee
+zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser
+Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs
+des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere,
+heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die
+Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa
+Eberswalde, Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die
+Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl
+wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig
+von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der
+Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte
+Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man
+rein geographisch seinen Kern erfaßt.
+
+Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt,
+steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher
+Riesenströme mit Tundrastaffage.
+
+Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer
+Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches
+nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen
+Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die
+hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken
+wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse
+ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin.
+
+Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist.
+
+Denn auch die Tundra schwand.
+
+Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland
+und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und
+Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher
+Landschaftsgeschichte entziffert worden.
+
+Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so
+gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des
+Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt
+der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen
+des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit
+Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen
+gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit.
+
+An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas
+hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen,
+einst das Walten einer Naturmacht erkannt, die bis dahin in alten wie
+neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes
+in der freien Steppe.
+
+Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken
+gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren
+Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen
+Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag.
+Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit
+abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis
+die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer
+einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne.
+
+Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung,
+wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu
+lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick
+aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der
+Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten
+Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der
+Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem
+Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde
+unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich
+schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub.
+
+Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China
+gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst
+bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst.
+
+Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen
+wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer
+gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden
+ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur
+ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde
+Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging.
+
+Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt
+dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst
+ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns
+erfolgt.
+
+Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist
+„Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von
+„Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll.
+
+Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet,
+dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse
+von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal
+danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer
+Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten
+deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden.
+
+Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter
+deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der
+heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht.
+
+Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die
+Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und
+Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar
+wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von
+asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig
+weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien
+geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß
+alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige
+Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der
+sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen
+Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann
+man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig
+dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige
+dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen,
+immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von
+flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener
+Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“
+
+Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene
+Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an
+der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute
+erst im europäischen Rußland auftaucht und dann bis zum Altai geht,
+jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark
+entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen
+südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es
+lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine
+glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten
+muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein
+und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde
+Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem
+sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien,
+Nordchina versetzt -- nach Deutschland.
+
+Aber wann jetzt war das wieder?
+
+Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine
+Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden
+kann.
+
+Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete,
+sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet,
+hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser
+sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages
+niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt.
+
+Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter
+Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine
+letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich
+besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal
+getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder
+allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich,
+müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen,
+mindestens überaus trockenen Zeit.
+
+Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode
+erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius.
+
+Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also
+zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis
+begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug
+des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol zu. Trockenes Klima.
+Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks,
+Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals
+vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum
+zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie
+Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga,
+Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem
+sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser
+zweiten Steppe wäre -- offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der,
+wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, --
+der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten
+Deutschen fanden.
+
+Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den
+Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so
+ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das
+Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter
+machen.
+
+Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem
+Widerstande gegen den Wald.
+
+Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die
+Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter
+im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend
+denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit,
+so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses
+Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält,
+den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im
+Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die
+Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der
+erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine
+solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten,
+und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe
+der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer
+des Uebergangs dazwischen geschmuggelt.
+
+Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder
+ging zwischen den anderen Bildern.
+
+Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied
+der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen
+die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich,
+bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte
+Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima
+feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt?
+Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen!
+
+Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon
+eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand
+voraufgegangen war.
+
+In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall
+aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald
+so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals
+war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund
+der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische
+Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen
+Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz
+bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß
+zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann,
+als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das
+einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische
+Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit
+bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet
+hatte.
+
+Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen,
+wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen
+hätten.
+
+Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen
+Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in
+Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland
+dauernd erobern. Bis wohin?
+
+Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft
+von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches
+Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen schwindender Steppe
+und -- neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra?
+
+Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem
+(über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des
+Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt.
+
+Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in
+einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode
+deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden
+neuen Eiszeit-Tundra.
+
+Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz
+langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten
+zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen
+den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten.
+
+Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht.
+
+Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre
+Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des
+Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer
+Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft
+ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr
+Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen
+einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu
+einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten
+der echten Steppe.
+
+In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere
+Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer
+unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder
+periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das
+wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art.
+So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her
+in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer
+Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie
+die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter
+Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die
+zunehmende Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings
+in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte
+ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher
+russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt.
+
+So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze
+Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo
+die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in
+phantasierende Gedanken.
+
+Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der
+Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele.
+
+Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben
+Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz.
+
+Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte,
+daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte.
+Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund
+kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der
+Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein
+weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue
+Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich
+werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache
+Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in
+der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins
+vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die
+lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer
+des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch
+die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen
+endlosen platten Wiese, -- man träumt, man müsse über den Kirchturm
+von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter
+Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche
+Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in
+Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte.
+
+Aber sonst überall Menschenwerk.
+
+Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der Gutsbesitzer
+von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald
+mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und
+weiter treibt.
+
+Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald
+und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch.
+Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen
+Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern
+praktischen deutschen Geld-Baum.
+
+Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern
+gepflanzt.
+
+Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England
+gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt.
+
+In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der
+Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach
+Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber
+und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die
+baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche
+transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land
+jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine
+kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine
+Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte,
+keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach
+jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die
+große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß
+und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue
+Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora
+im entscheidenden Moment gewirkt.
+
+In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora
+vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände
+zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit
+so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke
+mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie
+im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte
+Amerika. Europa hatte davon aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da
+die Landbrücke gerade jetzt fehlte.
+
+Doch seltsamer Schicksalsweg.
+
+Der Baumstamm, die Planke aus Fichtenholz, lehrte den Menschen, wohl
+noch in Eiszeit-Tagen, wie man trennendes Wasser künstlich überwindet.
+Und auf dieser Schiffsplanke des Menschen, diesem schwimmenden
+Pflanzenleib selber hat sich dann doch eines Tages die große
+transatlantische Brücke, die der Erdball versagte, gerade für die Flora
+wiedergefunden.
+
+Der tote Baum, vom Menschen vergeistigt durch die Zweckmäßigkeitsidee
+des Werkzeugs, trug den lebendigen zurück.
+
+Ueber den blauen Ozean sah ich sie im Geiste so anschwimmen: die
+Geretteten vor der Eiszeit in Nordamerika, die die alte deutsche Erde,
+die losgelöste Ecke des Europaamerika von ehemals, neu begrüßten.
+
+Gleich jene Weymouths-Kiefer war ein Beispiel: sie war in der
+Tertiär-Zeit über ganz Europa weit verbreitet gewesen.
+
+Im Schloßgarten meines Freundes ragte aber ein anderes, noch viel
+prächtigeres. Da stand auf der einen Seite eine ungeheure, ehrwürdige
+Linde, also einer der schönsten deutschen Bäume, die mit dem Walde
+überhaupt vor alters schon zu uns zurückgekommen sind. Gärtnerhand
+hatte freilich auch dieses Riesenexemplar von früh auf in die
+seltsamste Kunstform gezwungen, -- also doch schon halbes Menschenwerk.
+Auf der anderen Seite aber wurde als zweite Merkwürdigkeit mir ein
+lichtgrüner Tulpenbaum gezeigt.
+
+Auch er hatte hier schon förmliche Altersrechte. Und doch sind
+alle Tulpenbäume unserer Gärten erst durch Menschenhand wieder
+herüberverpflanzt aus Nordamerika in den vierhundert Jahren seit
+Columbus. In der Kreide-Zeit, als zuerst Laubbäume überhaupt
+auftauchten, wuchs der Tulpenbaum schon ganz nahe dieser Stätte, in
+Böhmen, wild. In der Tertiär-Zeit ging er bis Island und Grönland
+hinauf und war über ganz Europa verbreitet. Aber kein lebendiger Stamm
+überdauerte bei uns die Eiszeit, auch in Südeuropa nicht. Gestrichen
+war er als deutscher Baum aus dem Buch des Lebendigen, bis die
+Nachfolger des Columbus ihn in Nordamerika neu auffanden -- und als
+fremdländische Seltenheit wieder heimbrachten und unter anderem auch
+hier in der Lausitz zur deutschen Linde in den Schloßpark pflanzten.
+
+Mein Freund, der ja nicht nur Landwirt, sondern der treffliche, weit
+bekannte Dichter ist, wird vielleicht einmal einen Baum daneben setzen,
+der eben so lichtes, lustiges Smaragdlaub hat und dabei geweiht ist
+durch liebliche Verse Goethes: den Gingko. Der hat nun noch einen
+verwickelteren Roman.
+
+Zunächst ist er, was ihm freilich kein Laie ansieht, ein echtes
+Nadelholz, das sich aber erlaubt, statt Nadeln die zierlichsten
+grünen Blätter zu tragen, doppelt gelappte Blätter, deren jedes wie
+aus einem Zwillingspaar verwachsen erscheint. Die Eigenart erklärt
+sich, wenn man hört, daß der Gingko bis in die Zeit der Erdgeschichte
+zurückreicht, da die Grenze zwischen Farrnkraut und Bärlapp einerseits
+und den Nadelhölzern überhaupt noch schwankte. Sein Blattwerk steht
+sozusagen auf der Kippe zwischen Farrnblatt- und Nadelholzmerkmalen.
+Solcher Gestalt begann er schon in der Steinkohlenzeit. Als der
+Ichthyosaurus schwamm, grünte er als deutscher Baum bei Bayreuth. In
+der Kreide-Periode wuchs er in der Schweiz, in der Tertiär-Zeit von
+Italien bis Grönland. Dann ist es, als habe eine Hand ihn fortgewischt
+von der Tafel der Erde. Auch Amerika, das treue, hat ihn nicht mehr. Da
+plötzlich wird er vor zweihundert Jahren in Japan als „heiliger Baum“
+in Tempelhainen entdeckt. Wie er dahin gekommen und wo er wild wächst,
+weiß an Ort und Stelle niemand. Und unsere Botaniker wissen es heute
+noch nicht. Der importierte Zierbaum ist im Garten aber so wetterhart,
+daß man ihn ohne Gefahr unserm kältesten deutschen Winter aussetzen
+kann.
+
+So kommt aus Winkeln der Erde durch Menschenschlauheit unser ältester
+Heimatsbesitz Stück um Stück wieder zusammen.
+
+Sie hat ja auch gelegentlich ganz neues hinzugeliefert, diese
+„überseeische“ Epoche unserer Landschaftsgeschichte. Ich erinnere nur
+an unsere südamerikanische Kartoffel, die für uns Charakterpflanze
+geworden ist wie nur irgend eine.
+
+Es ist mit ihr gegangen wie am Mittelmeer mit der Agave und dem
+Feigenkaktus. Beide sind waschechte Amerikaner. Aber sie beherrschen
+heute einfach das Landschaftsbild. Preller, als er seine odysseischen
+Landschaften malte, hat den Dulder Odysseus und die schöne Circe naiv
+zwischen hohe Agavenblüten und Kaktushecken gestellt, als hätte es
+nie anders sein können. Wenn dazu am italischen Meer australische
+Eukalyptus-Bäume ihre Säulenstämme zum blauen Himmel recken, so
+empfindet man, was das Wort heißt: der Mensch Herr der Erde.
+
+An dem gleichen Bahndamm meines Heimatortes Friedrichshagen, über den
+ich alljährlich die Keilgeschwader der Wildgänse dahinziehen sehe,
+freut mich ebenso jährlich die gelbe Blütenpracht der _Oenothera_,
+-- der Nachtkerze. Weithin überzieht sie den ganzen Bahnabhang, --
+Ideen weckend beim stillen Wanderer, der den Fragen der modernen
+Biologie folgt. Denn es ist der Gattung nach die Wunderpflanze, aus
+der De Vries eine ganze neue geistvolle Variante der Darwinschen
+Entwickelungstheorie herausgelesen hat. Wer würde sie nicht für eine
+Charakterpflanze ersten Ranges unserer märkischen Landschaft halten?
+Und doch ist auch sie aus Nordamerika erst eingeführt und dann
+verwildert. Die erste Art kam 1614 aus Virginien zu uns.
+
+Europa ist heute zahm wie wild ein Garten des Menschen. Und ein Beet
+nur mehr dieses Gartens ist die deutsche Landschaft.
+
+Wird der Mensch bei allem überwältigenden Reichtum seiner Mittel aber
+immer ein umsichtiger Gärtner sein?
+
+Durch meinen Sinn, wie ich so in die Nacht hineinfuhr, zogen auch trübe
+Stimmungen.
+
+Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit.
+Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher
+Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der
+gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch
+gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr
+eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren
+Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um
+das Aergernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche
+Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben läßt.
+Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein
+Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in
+Jahrtausenden schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht
+zu spät. Aber „Heimatschutz“ muß eine Tat werden, eine Gewalt, -- nicht
+bloß ein Wort.
+
+Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein +Kunstwerk+,
+aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen
+Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt.
+
+Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand.
+
+Und wir, die wir uns unserer „bewußten Kunst“ so stolz zu rühmen
+pflegen, -- sollten wir uns nicht auch hier bewähren? Bewähren, --
+indem wir vor allem begreifen, daß in solcher Landschaft wirklich
+ein großes Kunstwerk uns anvertraut ist, das wir wohl organisch
+weiterentwickeln, aber nicht plump zerstören sollen.
+
+
+
+
+Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.
+
+Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung
+
+
+Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da,
+wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land
+einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem
+vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza.
+
+An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig
+harmlosen Namen Eberhard.
+
+Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der
+Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell.
+
+Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter
+dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen
+steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren
+bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr
+und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen
+davon zum „Andenken“ mit.
+
+Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten
+doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des
+Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich
+hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man
+schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache.
+
+Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern
+gerieten.
+
+Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat
+der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher aus
+seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete
+und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen
+frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen.
+
+An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell
+eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an
+erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten
+Riesenfaultiers.
+
+Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes
+Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell.
+
+Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten
+Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das
+Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller
+vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In
+offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches
+im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, -- bloß unsere
+Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem
+Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten
+Jahrhunderts!
+
+Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens
+ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der
+Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte
+die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die
+wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem
+nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika.
+
+In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem
+Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden
+Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu
+bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, -- zu jener Stunde
+hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits
+mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten
+naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen.
+
+Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die
+scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei
+der Reihe nach geritten.
+
+Voran kein geringerer als Altmeister Goethe.
+
+Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele
+mehr.
+
+Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung
+von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher
+weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht
+bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der
+„alten Welt“ entdeckt worden.
+
+Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem.
+Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens.
+Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete
+er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln,
+soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst
+schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als
+dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen
+Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich
+„amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer
+die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium
+verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt
+schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor
+Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf.
+
+Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas
+Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt
+bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie
+ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine
+einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten,
+Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen
+durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter.
+
+Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon
+alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter
+diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders
+merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch
+dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten.
+
+Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh
+schon in Ruf gekommen -- das Faultier.
+
+Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze
+gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf
+bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige,
+schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner
+„Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich
+geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die
+beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen.
+
+Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige
+Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist.
+Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter
+Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier
+anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen
+Blätterversteck, -- die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf
+mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt.
+Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem
+Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos
+zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner
+schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener
+köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh
+entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet
+mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im
+Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts.
+Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den
+Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne
+wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends
+zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als
+ein verzauberter Strohwisch.
+
+Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen
+Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller
+Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein
+Kunstwerk.
+
+Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben im
+ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen
+Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein
+Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen
+Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe
+besitzt, -- die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere
+heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau
+so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen
+Kleiderhakens.
+
+Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner
+seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie
+Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen
+schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat
+es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der
+Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden
+Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in
+einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst
+gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen
+das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht
+nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere
+Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese
+ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch
+Blutstockung bewahren.
+
+Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem
+so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige
+denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte.
+
+Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun
+freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade
+damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz
+besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne
+jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten
+Tierformen.
+
+Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der
+damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen
+von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon,
+der die geistreichen Antithesen liebte, hatte sich so recht satt
+schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der
+tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins
+Aschgraue rednerisch ausgemalt.
+
+In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers
+zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche
+Tage den Gnadenstoß gibt.
+
+Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr
+sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich
+immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche
+Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune
+Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen
+Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die
+wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose
+nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der
+feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas,
+Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan;
+seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt
+und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht
+haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen.
+
+In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms -- sei
+es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß
+der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft --: überall
+da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft +Knochen+
+dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen
+vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe.
+
+Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal
+sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt
+der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel
+aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem
+Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt.
+Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene
+Eskimohütten.
+
+Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm ein Volk
+ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und
+lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier
+früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich
+die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter
+wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder
+Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine
+dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet,
+gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer
+Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer
+Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein,
+Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an
+die profane Sonne wirft.
+
+Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789.
+
+Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas
+mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei
+Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen
+Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß
+Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten,
+das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die
+Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des
+stärksten Elefanten.
+
+Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig
+Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in
+Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im
+Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den
+ersten offiziellen Bericht.
+
+Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die
+Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der
+Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an.
+
+Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes
+Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine
+Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er
+bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes nichts anderes
+sei, als ein ins Kolossale übersetztes -- Faultier.
+
+Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers.
+
+Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise
+dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen
+gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so
+hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab
+bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein
+Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere
+getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das
+Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus.
+Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder
+Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es
+recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf
+flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich
+bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum
+Frühstück aus der Erde.
+
+Das alles natürlich in längst verschollener Zeit.
+
+Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“
+Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte
+keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz
+unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu
+den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei.
+
+In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei,
+taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung
+von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert,
+obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre.
+
+Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher
+gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend
+eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte
+sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut
+angeschwemmt, begraben haben.
+
+Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm
+wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das
+vollbracht hätte.
+
+Cuvier freilich wollte die Geschichte schon noch weiter zurücklegen.
+Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten
+des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere
+vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen
+Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den
+letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste
+Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen
+noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit
+zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar
+tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge
+meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts
+konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl
+sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener
+amerikanischen Riesenfaultiere.
+
+Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein
+interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen
+Urwelt als dieses „Großtier“.
+
+Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein
+Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab,
+ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort.
+
+Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner
+wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er
+sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen.
+
+Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander
+vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen
+in der Erscheinung“.
+
+In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar
+vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen
+Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es
+gewiß nicht verleugnet.
+
+Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung
+der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie
+das Geripp der Faultiere.
+
+Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen
+poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht
+hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge
+denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch
+schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe
+vierzig Jahre vor Darwin betätigt.
+
+Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier
+vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus
+ersterem entwickelt.
+
+Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den
+Säugetieren besitzt: den Walfisch, -- so möchte es selber sich nach
+ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein
+Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“.
+Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich
+ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des
+Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper
+leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure
+Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das
+seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und
+vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern
+zugestehen“.
+
+Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden
+Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen
+Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt
+solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht
+beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert,
+durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs
+trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich
+erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt,
+das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber
+wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so
+geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht
+verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn
+sie, ungeduldig über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit
+erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den
+Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“
+
+Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch
+lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer
+endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige --
+dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen,
+sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das
+bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen
+gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“
+
+In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege
+genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium
+war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es
+heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade
+umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden
+Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat.
+Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie
+vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens
+wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden
+Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie
+in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist
+und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei
+beiden lebenden Sorten.
+
+Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so
+bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.
+
+Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt
+gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur
+Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier,
+und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich
+verschiedenen früheren Tieren.
+
+Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt
+vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei
+nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für Goethe, der in der Welt
+nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein
+einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.
+
+Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach
+Südamerika.
+
+Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche
+Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der
+alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der
+erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.
+
+Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im
+Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten
+Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges
+Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.
+
+Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der
+Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche
+anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist.
+Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da
+sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da
+sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind
+Pferdezähne.
+
+Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest
+und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier,
+Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit
+1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden.
+Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit
+Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung
+mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene
+Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene
+regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika
+sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In
+jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes,
+landeseigentümliches Pferd besessen haben.
+
+Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.
+
+Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des
+Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine
+fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies.
+Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, als wenn diese alten
+Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten,
+wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie
+starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich
+auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute
+auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet:
+der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im
+Sande tief begraben war.
+
+Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin
+ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.
+
+Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen
+gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das
+Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich
+vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände
+der „_gran secco_“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der
+ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln.
+In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden
+drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und
+ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später
+eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe
+mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas
+dürreres Jahr.
+
+Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich
+noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren
+sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten
+offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.
+
+Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt
+besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, -- aber in dem
+wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse
+alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere,
+Gürteltiere.
+
+Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen
+Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte,
+das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte doch auch ihm
+gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf
+natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer
+Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm
+auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem
+auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas
+einfällt.
+
+Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz
+bestimmter Seite.
+
+Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in
+seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen
+Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel
+stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden.
+Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen,
+das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo
+gewesen war.
+
+An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers
+spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie
+an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre
+herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie
+getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel
+durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach,
+Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte,
+plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine
+groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig
+gewesen, um der Wahrheit -- oder sagen wir mindestens, der neuen Suche
+nach der Wahrheit -- eine Gasse zu bahnen.
+
+Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit
+wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten
+Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte,
+daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere
+gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom
+echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt.
+Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen
+Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.
+
+Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein
+wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.
+
+Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom
+Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern
+Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben
+mußte.
+
+An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen
+der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen
+Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere
+nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine
+außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte
+er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des
+Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben
+und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen.
+Kein schlauer Riese offenbar.
+
+Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es
+möchte am Ende der +Mensch+ gewesen sein, der dem alten Herrn die
+Löcher in den Kopf gehauen hätte.
+
+In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in
+unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort
+„prähistorische Forschung“ umschließt.
+
+An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig
+und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits
+aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter
+Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen
+rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch
+nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.
+
+Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war
+wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt,
+die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft
+bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren,
+zurückdatiert hatte.
+
+Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des
+europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig
+gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese letzteren Knochen zeigten
+vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande
+von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt
+zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt,
+durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.
+
+Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor
+Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch
+wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika
+Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische
+Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das
+scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?
+
+Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending
+her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen
+„Werkzeug“, -- etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch
+der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein,
+daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen
+beherberge, -- eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer
+Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.
+
+Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch
+sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.
+
+Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes
+an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.
+
+Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit
+untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen
+Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des
+Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein
+und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in
+einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser
+auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen.
+Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung,
+sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom
+alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie
+ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.
+
+Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich durch
+diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da,
+wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose
+Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe
+schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der
+Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun
+doch eine Art Panzer gebildet haben.
+
+So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine
+gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück
+gemacht haben muß.
+
+Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine
+große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des
+Menschen.
+
+Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst
+etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr
+tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium
+gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran
+deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche
+Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien
+saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster
+Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale
+seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so
+etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in
+der großen Weltlogik wider Tatsachen.
+
+Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von
+Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia
+saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth
+und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus,
+daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein
++mußten+.
+
+Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen
+birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber
+ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen,
+genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen
+Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem
+und erhaltenem Herdfeuer gebraten worden war. Einmal wusch das
+Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch
+fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen
+regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so
+aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem
+Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die
+Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so
+wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.
+
+Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar
+bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da
+zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen
+sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein
+kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal
+hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein
+andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf
+deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand,
+gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze
+Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte
+offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.
+
+Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr
+einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig.
+Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und
+Riesenfaultier?
+
+Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen
+prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut
+ausgerottet worden?
+
+So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben.
+Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der
+Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren,
+die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das
+aber mindestens Streitobjekt.
+
+Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in
+Deutschland gelebt habe, -- vielleicht irrtümlich. Mindestens aber
+zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar:
+der noch lebende Wisent (Auerochse) und der wahrscheinlich durch
+Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen
+Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem
+mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied
+vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig
+widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird
+jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet)
+gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins
+Mittelalter hinein gegeben.
+
+Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so
+benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals
+rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden
+sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und
+Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“
+gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch
+jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger
+Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel
+bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt
+nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende
+Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden
+kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der
+Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der +sehr+
+geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen
+solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während
+andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel
+auf Java unlängst gefunden worden ist.
+
+Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und
+Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der
+Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.
+
+Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden
+Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam
+zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig
+„Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei
+Weimar oder unsere Renntier-Menschen von Schussenried. Tatsache aber
+ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in
+Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die
+bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von
+Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere
+Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom
+Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische
+Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.
+
+Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der
+zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas
+durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent +kein+
+Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein
+Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein
+Megatherium oder Mylodon.
+
+Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die
+Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste
+Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere
++lebe+ noch -- das Riesenfaultier.
+
+Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.
+
+Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch
+das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus
+Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht
+langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine
+Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel,
+daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen
+Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen -- oder wenigstens
+gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte
+und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa
+worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm,
+der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen
+worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom
+„lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.
+
+Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh,
+ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener
+Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. Das seltsamste
+an ihm sei aber -- seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als
+wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer
+erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen.
+Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch
+von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr.
+Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.
+
+Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr
+angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des
+Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch
+Mord untergegangen.
+
+Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine
+selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes
+Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier
+aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug.
+Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt
+wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam
+es dem Jäger.
+
+Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter
+Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere
+sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in
+Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie
+dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie
+aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten
+Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis
+schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das
+fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens
+irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch
+teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren.
+Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben,
+so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz
+kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin
+als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte
+doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin
+seltsam.
+
+Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.
+
+Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz.
+Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten
+Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.
+
+Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese
+Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge,
+-- außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.
+
+Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!
+
+Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten
+Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel
+aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es
+Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.
+
+Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als -- allerdings nur
+hypothetischen -- Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898.
+Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe
+unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen
+worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem
+bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten
+auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.
+
+Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen
+so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die
+Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine
+außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher
+Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.
+
+Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?
+
+Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten
+frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr
+oder minder lange ausgestorben sind.
+
+In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des
+Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet
+ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit,
+da diese Museen bestehen, im neunzehnten Jahrhundert ausgestorben.
+Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener
+Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum
+aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel
+da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen
+worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her
+als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel
+heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls
+merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer
+Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung
+nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene
+Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich
+aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck
+mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht
+mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen
+Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute
+noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die
+Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund
+je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von
+einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß
+gescheckten Pelz besaß.
+
+Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in
+Betracht zu ziehen.
+
+Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu
+beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in
+gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen
+Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß
+Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen
+oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und
+daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher
+und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals
+auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land
+hingegangen.
+
+Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder
+sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte gleich
+jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer
+Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren
+gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so
+hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein.
+
+Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative
+„Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, -- wir Kulturmenschen wären dann
+gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu
+spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, -- das Riesenfaultier
+bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und
+Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, --
+kein Urweltstier.
+
+An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich
+alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert.
+
+Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die
+Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren
+Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben,
+den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue
+Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu
+neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden.
+
+Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit
+Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895.
+
+In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere
+Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle.
+Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so
+breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz
+oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von
+dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht.
+Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse
+konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle.
+
+Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum
+überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere
+Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer
+Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und
+veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. Zuerst Eimar Nordenskjöld
+von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums
+in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch
+schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich
+die rätselhafte Sache wie folgt.
+
+Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert
+Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal.
+
+Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren
+Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift.
+Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe
+von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der
+Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan.
+
+Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von
+etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal
+herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter
+nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem,
+frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer
+mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal
+wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem
+Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden
+und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste.
+
+Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich
+selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und
+hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht
+liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas -- alles
+wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten.
+
+Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten,
+neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens
+mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, -- nämlich von
+Mist.
+
+Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach
+Gürteltier, -- also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade
+jener alten Wundertiere.
+
+Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder.
+
+Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen
+auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal
+hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund
+geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne,
+Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch
+Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer
+dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen,
+einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel
+kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener
+einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der
+Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also
+mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr
+lebenden Tierarten.
+
+Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit
+des Menschen.
+
+An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von
+einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war
+ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument
+zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war
+also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher
+gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel
+waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich
+menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die
+Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl
+auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen
+zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der
+ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch
+vorhanden gewesen sein.
+
+Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter
+Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie
+aufgestellt.
+
+Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen
+Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich
+befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, -- das Tier sei kein
+Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten
+Mylodon-Gattung an, die man längst +Grypotherium+ getauft hatte.
+Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine
+Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im
+ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als
+Ochsen-Größe.
+
+Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses
+Grypotherium soll nämlich das Beiwort _domesticum_ erhalten. Das
+heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“.
+
+Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht
+mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von
+den Indianern in Westpatagonien als +Haustier+ gehalten worden.
+Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in
+dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang
+„Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie
+der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle
+mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein
+nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, -- endlich
+einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren.
+
+So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht
+finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als
+Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und
+Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen
+entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das
+ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen
+Detailangaben noch nicht vor.
+
+Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die
+ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle +zeitweise sowohl+ von
+Menschen, +als+ von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die
+Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft.
+Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere
+zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, -- es müssen ja
+geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei
+kann aber genau dasselbe +Nacheinander+ obgewaltet haben, das uns
+bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, in deren Lehmboden
+die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, --
+sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd
++bald+ dem Bären und +bald+ dem Menschen als Versteck gedient
+haben.
+
+Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein
+Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt
+wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer
+folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der
+Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die
+jetzt die Menschenspuren wieder begrub.
+
+Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken
+Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im
+Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu
+begreifen.
+
+Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem
+Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als
+lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine
+Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst
+des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten
+Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl
+das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen.
+Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der
+schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner
+Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme,
+plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus
+guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht.
+
+Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier
+dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig
+ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das
+Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen
+Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen
+die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht
+mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war,
+dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich
+aneignen wollte, so ließe sich begreifen, daß es schließlich den
+Nachstellungen ganz erlag, -- zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war,
+das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen
+nicht.
+
+Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das
+Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben +ist+.
+
+Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist.
+
+Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden
+Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von
+einem frischen Kadaver abgezogen sind -- und das ist in gewissem Sinne
+etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung.
+
+Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren
+Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert
+Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache
+scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und
+in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit
+abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren
+behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos
+erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint
+mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit
+derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die
+Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder
+die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres
+Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich
+hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr
+Einstürze erfolgten und +diesen+ altbewährten Boden denn doch
++zu+ ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig
+fortleben.
+
+Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz
+jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute
+bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte
+Zeitgenossen der Grypotherien -- und sollen diese heute noch leben, --
+wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben?
+
+Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist
+günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche
+hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado gelangt zu sein. Ein
+einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen
+Nachrichten zufolge damals +nicht+ im Lande. Die Pferdezähne
+der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern
+einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die
+also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder
+ausgestorben sein müßte.
+
+Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die
+Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde
+europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen
+sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft
+eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber
+doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die
+Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, -- und wie
+das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung
+ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller
+Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das
+Zeitliche gesegnet haben.
+
+Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz,
+ist noch immer durchaus kein reines Argument.
+
+Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander
+ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen
+des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder
+aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen
+Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die
+Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt.
+Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend
+die sorgsamste Archäologen-Weisheit.
+
+Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte,
+hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde
+entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch
+allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie
+irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen
+hatte?
+
+Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno
+dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den Menschen erst
+herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden?
+In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu +alles+ möglich, -- wer
+da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur-
+und Kulturgeschichte durcheinander rühren.
+
+Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch
+auch damals schon -- und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch.
+Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals
+längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So
+kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako.
+
+Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher
+der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach
+dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach
+selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle.
+
+Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien,
+den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, -- und
+auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen
+aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt
+niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene
+radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der
+nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten
+Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre!
+
+Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen
+lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument
+vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein
+ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und
+hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht
+zurück.
+
+Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier,
+dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt.
+Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich
+so erdacht sein kann: nämlich +Jemisch+, zu deutsch das Tier, das
+kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf
+jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut.
+
+Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre
+Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig
+unberührten Mistboden geschöpft haben sollten.
+
+Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt
+viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute
+besitzen, -- und warum dann nicht vom lebenden Tier?
+
+Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte
+des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein
+Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein
+Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser
+(also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage
+seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die
+Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich
+aus dem Fell Mäntel zu fertigen.
+
+Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier
+Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch.
+Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein
+grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener
+Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen
+ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat.
+
+Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag
+werden, +Su+ genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den
+Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer
+spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden
+sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist
+Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet.
+Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den
+Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit
+einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen
+und mit pfeilen erschossen.“
+
+Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der
+südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine
+Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während die
+Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein
+sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es
+sonst sein sollte.
+
+Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten
+sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal
+sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem
+Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden
+Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und
+angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den
+Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges
+großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im
+vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen
+wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle
+einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen
+Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte.
+Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien
+gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht
+herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen
+Streifereien zu beobachten.
+
+So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen
+Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch
+noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine
+Ausweispapiere streng geprüft werden könnte.
+
+Wenn nicht, -- dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat
+uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über
+den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt.
+
+Gönnen wir ihm seinen Platz in der Kulturgeschichte.
+
+Und wenn es auf der Messerschneide jener letzten paar Jahrhunderte, bis
+zu denen es sicherlich +heranreicht+, wirklich nicht mehr leben
+sollte, so gehört es erst recht hinein.
+
+Denn was ist die menschliche Kulturgeschichte anders als die liebe,
+lustige Geschichte menschlicher Hoffnungen, Träume -- und Irrtümer.
+
+
+
+
+Der erste Vogel.
+
+
+Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere
+Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich
+der bösen Kobolde verschlagen zu sein.
+
+Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der
+Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen
+des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen
+Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor
+betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze
+Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt,
+wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der
+List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier
+Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen
+von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird
+vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten
+Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold
+führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses
+Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die
+auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus
+von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren
+Kultur-Triumphzug feiert, -- aber leider ohne Arme. Der kühnste
+Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche
+über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach
+anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter
+anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode
+ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch noch auszuwickeln und
+lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie.
+Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der
+Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte
+und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen
+Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius -- oder gar dem
+Ur-Evangelium.
+
+Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute
+Kobolde glauben, wie im Märchen.
+
+Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah
+komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“
+durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens
+fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes
+Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die
+Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei
+die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt.
+
+Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in
+Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er
+einer „verlorenen Handschrift“ nach, -- der Handschrift der Erde.
+
+Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier
+und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt,
+die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde,
+losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf,
+bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie
+eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene
+von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses
+Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen.
+
+Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie.
+
+In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde,
+ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der
+Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister.
+
+Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im
+wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn es nur in seinen
+öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der
+Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer,
+die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt
+mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der
+Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art
+und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird,
+ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet,
+ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich
+der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte
+treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken:
+ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber
+dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem
+großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und
+so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich
+die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“.
+In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters
+für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so
+wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes
+zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine
+köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, -- mit allen
+Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher
+Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die
+Tausende nähren können, sind da, -- aber die Tausende fehlen. Mir ist
+das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, -- wohin man
+sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit
+änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden.
+
+Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere
+Fleck, den ich meine.
+
+Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend.
+
+Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut
+oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden
+Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes
+Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel
+mehr sagt, als das etwas hellere vom lebenden Nilpferd im Lichthofe
+nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren,
+die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt
+verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen
+unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher
+Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen,
+wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche
+gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens
+nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im
+Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters
+Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke.
+
+Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne
+jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den
+Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in
+seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt.
+Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten
+Schutzgeistes der ganzen Geologie.
+
+Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache
+Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung
+ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht
+gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, -- mit
+jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die
+„Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile
+vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt.
+
+Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht
+ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte
+habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen
+Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den
+Glaskasten.
+
+Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun
+wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines
+denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist
+eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und
+Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem Morast abgedrückt. Der
+Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault
+zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen
+selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist
+nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der
+Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte
+Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen!
+
+In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des
+Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst.
+
+Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein
+Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées
+Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon,
+der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt.
+Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges
+stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch,
+der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will
+auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug --
+und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen
+Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern
+Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem
+er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und
+roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des
+Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt
+der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den
+Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel
+geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache
+durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das
+Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie
+die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz
+Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt?
+
+Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen
+Stein.
+
+Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das
+wir im Werkzeug überbieten möchten.
+
+Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar
+Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind
+der schattenhafte Abdruck des +ältesten Vogels+, den wir kennen,
+-- des „Ur-Vogels“.
+
+Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich
+vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, -- das Leben in der
+blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros.
+
+Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere.
+Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er
+wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues
+eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit
+setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der
+Werkzeugerfindung, -- das Gehirn.
+
+Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung
+des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer
+Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung
+nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten
+zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade
+Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor
+Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten
+daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz
+jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar
+Unwahrscheinlichste war.
+
+Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die
+Jura-Zeit nennt, -- also in der Zeit noch des Ichthyosaurus.
+
+Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher
+Erde von damals rasch noch einmal umkneten, -- Berge glätten, Land
+unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche
+Noäh hineinstülpen.
+
+Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind
+die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das
+Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und Franken
+liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem
+Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und
+es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des
+wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen
+unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in
+unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte
+Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen
+vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen
+aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche
+massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die
+Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere
+sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der
+Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien
+-- Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem
+wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben -- geheimnisvolle Wälder. Auch
+ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne
+Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an
+Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus
+dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen
+Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe
+eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von
+der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean
+in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine
+feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese
+nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der
+Tiefe.
+
+Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über
+deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort
+und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und
+Kleinsten im feuchten Schoß.
+
+Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von
+München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so.
+
+Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“.
+
+Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt
+denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche
+Wandlung.
+
+Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem
+Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder.
+Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen
+der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht
+sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit
+voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das
+Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen,
+als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch
+viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan.
+Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf
+und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte
+Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank
+langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab.
+
+Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den
+Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile
+weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den
+nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke
+Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte
+seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt.
+So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten,
+nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht.
+
+Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die
+zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen
+Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der
+kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen.
+
+Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche
+Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu
+wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von
+diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von
+weißem Kalkstaub, zu dem jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel.
+Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem,
+älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem
+Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein,
+fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit
+eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen
+Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den
+Ichthyosaurus beherbergte.
+
+Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und
+Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher
+Vorgang vollzogen.
+
+Die Wasser des Himmels, der Atmosphäre, hatten den Boden erobert, den
+die Wasser des Ozeans frei gegeben.
+
+Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, -- diese waren
+ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte
+in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als
+murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer
+noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, -- bis er endlich das
+Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe
+Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte
+Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, -- an der äußersten Stelle,
+da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes
+mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon
+einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten
+Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht
+aus, -- so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den
+bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen.
+Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht!
+
+In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig
+plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande.
+
+Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich
+der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber
+hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat und
+mußte erwarten, in wieder tausend Jahren -- einer Nachtwache! -- selber
+nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein,
+der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein
+würde.
+
+Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch
+Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da
+im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch
+sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht
+gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber
+die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen
+noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen
+lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter.
+
+Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit
++Kalk+.
+
+Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit
+jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt,
+in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und
+wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im
+stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken.
+
+Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen,
+Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte
+in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde
+es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung
+in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden
+Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte.
+
+Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des
+Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt.
+
+Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des
+fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um
+Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber
+erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche
+Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels.
+
+Sie wirkten nämlich als Totengräber.
+
+Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute.
+
+Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen
+Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte
+und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem
+reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte.
+
+Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus.
+Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten
+hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen
+südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer
+oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich
+farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt
+kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier,
+das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte.
+
+Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben.
+Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen
+Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem
+Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund,
+den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer
+wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz
+unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials.
+
+Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die
+Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins
+Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen
+tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein
+der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl
+schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig,
+den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts;
+oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt
+war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und
+Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so
+hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die zarten
+Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, --
+auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden
+Kalkschlammes.
+
+Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein
+Herbarium, ein Museum.
+
+Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der
+kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie
+durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der
+Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte
+doch noch das treueste, das feinste Schattenbild.
+
+Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege
+gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch
+Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer
+Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die
+vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als
+Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet
+wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem
+Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie
+erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber
+wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die
+Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein
+stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde,
+geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer
+Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die
+Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da.
+Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche
+Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug,
+grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein
+schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund,
+der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese
+armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji.
+
+Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch
+sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein.
+
+Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in
+dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle,
+die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner
+ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch
+ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der
+Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!)
+malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht
+und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt,
+daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf
+herauskomme.
+
+Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische
+Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus
+Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich.
+
+Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf
+Kalkblättern wurde, -- es wurde zunächst unabänderlich ein ganz
+verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine
+Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine
+Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein
+darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden
+so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne
+daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben
+darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel
+noch einmal aufzublättern.
+
+Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große
+„Interessen-Wesen“, -- der Mensch.
+
+Und der fehlte noch lange.
+
+Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die
+Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das
+Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch
+Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder
+gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz
+Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und
+es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch
+seichtes.
+
+Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete der
+alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die
+Berghacke als festen Kalkstein aufschlug.
+
+Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher
+deutscher Wald.
+
+Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch
+urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen
+immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander
+verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig
+jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen,
+das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes
+baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand.
+
+Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des
+Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im
+Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des
+Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer
+Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen
+Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe.
+
+Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch
+tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der
+zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar
+wertvolles Glied der Menschheit war, -- nämlich auf den braven Aloys
+Senefelder.
+
+Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans.
+
+Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich
+in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend
+die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den
+Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in
+seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten
+Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen
+Dorfe.
+
+Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts
+die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch
+bestimmte genial vereinigte Methoden von solcher Zeichnung beliebige
+Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken.
+
+Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen
+Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein
+von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen
+Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß
+die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne
+Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse
+unglaublich belasten, ohne zu springen, -- kurz, die neue Kunst hätte
+besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient,
+so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach
+hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen
+gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz
+da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die
+ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist
+der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen
+hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken.
+
+Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder
+seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der
+Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein
+geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an
+einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen
+werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den
+Boden eingraben werde, -- daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften
+Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn
+Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben:
+hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben
+allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also
+mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten
+Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage
+kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen
+Handschriften -- zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten
+Jahrhunderts.
+
+Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch etwa
+vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente
+alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände
+benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und
+überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als
+sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll.
+Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug
+zu solchem einseitigen Streich.
+
+Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen
+Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig
+geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel
+den Text.
+
+Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf
+eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte,
+zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren
+Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon
+meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten
+beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die
+Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in
+wissenschaftlichen Kreisen verbreiten.
+
+Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit
+nicht mehr unterdrücken.
+
+Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst
+für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“
+aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand
+anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich
+die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig
+wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden:
+„Schladenvögel“ und „Stangenreiter“.
+
+Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren
+begann!
+
+Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer
+so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer
+geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden
+Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, vergeistigter
+Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der
+Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser
+köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt
+uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer
+gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte.
+
+Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in
+ihrem +ganzen+ Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus
+oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen,
+und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald
+selbst wieder dicke Bände füllte.
+
+Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels
+erst möglich wird, -- auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist.
+
+Es war im Jahre 1860.
+
+Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank
+gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der
+längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger
+„wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte
+ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen
+zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine
+flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes
+Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war.
+
+Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das
+der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist.
+
+Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles
+grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm
+hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die
+flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes
+Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein
+Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven
+Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß
+in diesem Juramorast wirklich schon einmal auch ein zierliches
+Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl:
+Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand
+man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten
+Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die
+recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen.
+
+Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere,
+der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der
+Rangordnung unseres Systems.
+
+Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß
+der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man
+unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel
+näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut
+wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale
+mehr sind.
+
+Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte
+Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam
+noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe
+es noch nicht recht gelangt“, -- einerlei nun, wie man sich dieses „es“
+damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze
+war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die
+meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher
+Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den
+verschiedenen Epochen der Erdgeschichte.
+
+Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl
+Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn
+nicht gar keine Rolle gespielt hätten.
+
+Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte
+Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie
+gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und
+schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten.
+
+Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes
+aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige
+Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (+nicht+ in
+Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern,
+beinahe haushohen Störchen?
+
+Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern
+haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir
+heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die
+nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften.
+
+Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen
+setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz
+Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von
+Solnhofen auftauchte.
+
+Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein
+zierliches Federchen.
+
+Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet
+ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja
+nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse
+geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich
+angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede
+Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine
+Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der
+Tat außer dem Vogel nicht.
+
+Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas
+weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine
+umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe,
+also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner
+Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung
+durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht.
+
+Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im
+Solnhofener Stein eine echte Feder war.
+
+War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt?
+
+Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen
+Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen
+nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen.
+
+In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt nahe bei
+Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte
+zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte.
+
+Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar
+deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn!
+
+Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer
+der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die
+Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding
+besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam
+als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte
+er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit
+auswendig und zeichnete es -- eine Prachtleistung -- daheim aus dem
+Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu
+nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“
+einen lateinischen Namen.
+
+Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der
+Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel
+erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit
+Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten.
+Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im
+System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer
+Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst
+hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“!
+
+Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu
+Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das
+Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard
+Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft.
+
+Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten
++rechts+ in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das
+Original ist heute noch in London.
+
+Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel
+weiter.
+
+Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht.
+
+So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern
+pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die
+zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten
+Lithographie zum Ausdruck kamen, -- der Gegenstand selber war diesmal
+ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn
+deckte.
+
+Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund
+der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser,
+so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich
+den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und
+auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie
+einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal
+weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf,
+Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen.
+Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein
+wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden.
+
+Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten
+keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles
+glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand
+kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch
+genug, um sie -- gründlich zu verwirren.
+
+Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s
+diesen Vogel +gab+, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher
+System-Kunst zusammen.
+
+Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse
+eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines
+Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet
+waren.
+
+Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel
+fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und
+den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines
+großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und
+Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner.
+
+Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte nun das
+alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so
+gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und
+auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also
+von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als
+die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur
+mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern
+besessen hatte, -- kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte.
+
+Ein Vogel von Krähengröße -- und dieser Vogel Zeitgenosse der
+Ichthyosaurier.
+
+Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz
+bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter
+und zwar ging sie gerade +nicht+ so weiter, wie es jetzt logisch
+hätte sein sollen, -- das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von
+1861.
+
+Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres
+ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser
+Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien,
+zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat
+schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte
+auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand
+aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An
+jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa
+das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt
+haben muß.
+
+Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen
+echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter
+sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein
+Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form
+eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte
+Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln.
+Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus,
+und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz
+nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben
+Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern
+fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in
+diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen
+Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks.
+
+Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben
+gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange,
+zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz
+einer +Eidechse+ war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen.
+
+Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein
+Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht.
+Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des
+Vogeltieres. Aber sie stecken auch +ganz+ darin und zumal die
+Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem
+Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den
+Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf
+getrennten Fingern, -- dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem
+Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen
+festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine
+echteste Eidechsenklaue.
+
+Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war
++entweder+ eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; +oder+ es
+war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren
+Tierklasse, der Eidechsen.
+
+Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen
+Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die
+befiederte Eidechse und taufte also _Griphosaurus_, zu deutsch der
+Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der
+Greif der bekannte Vogel der Sage.
+
+Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte
+ihn seiner Urtümlichkeit halber _Archaeopteryx_, das ist: Urvogel.
+Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also
+korrekt sagen: +die+ Archäopteryx; durch die unwillkürlich
+untergelegte Uebersetzung in „+der+ Urvogel“ hat sich freilich in
+die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist
+heute kaum noch wieder zu verbannen.
+
+Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde
+Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig
+geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht
+getan, der ging jetzt erst recht los.
+
+In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten
+Hochflug.
+
+Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die
+Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das
+war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch
+Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der
+andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte
+uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge
+noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum
+Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in
+Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb
+des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die
+Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse --, so
+war das abermals Wasser auf ihre Mühle: -- der Molch hatte sich eben
+über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt.
+
+Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald
+im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt.
+
+Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten
+des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen
+der Federwelt, -- maßen dessen auch er so eine wirkliche
+entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige
+Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel.
+
+In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in
+vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren
+aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der
+Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert.
+Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der
+des Doktors Faustus. Das eine Tier haftete noch nach Reptiliums-Art
+am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen
+an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes
+Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe
+aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, -- es flog schon als beschwingter
+Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin.
+
+Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht
+ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz
+allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie
+hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und
+Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich
+dartun werde, -- auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe
+finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten
+„Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die
+Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer
+daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein
+Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist.
+
+Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch.
+
+Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des
+Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet
+sei.
+
+Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise
+erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte.
+
+Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn
+Jahren.
+
+Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem
+Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener
+Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen
+Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch
+der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis
+ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang
+bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung
+der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt.
+
+Diesmal ist’s eine geradezu +tadellose+ Archäopteryx.
+
+Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben
+ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran.
+
+Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die
+Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles
+Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet,
+nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist
+ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht
+von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er
+sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten,
+„entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener
+Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, -- ein guter
+Entwickelungsfortschritt.
+
+Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder
+noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in
+New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu
+bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden.
+
+Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten
+sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, --
+derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet
+hat -- versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz
+gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde.
+Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit
+Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem
+Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift
+entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine
+deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen.
+
+Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt
+noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder
+Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei.
+
+Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen.
+
+Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche
+Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische
+Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf
+von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen
+sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist,
+focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, --
+umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder
+heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche
+Fahrwasser ein.
+
+Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals
+der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück
+ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber
+schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens,
+daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach.
+Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der
+Radikalstreich eines deutschen Idealisten.
+
+Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung
+untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so
+verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung
+gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den
+bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück
+wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt,
+aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei
+sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein
+Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf
+daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im
+April 1880 -- nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es
+keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art
+liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle
+Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen
+Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden,
+wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines
+Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean schwebte. Frühere Fälle
+haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der
+einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei
+Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit
+schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern
+zertrümmert worden.
+
+In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser
+Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage
+noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche.
+
+Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel
+wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem
+Häberlein die ganze geforderte Summe -- es waren jetzt schon nur mehr
+20000 Mark -- bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des
+Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen
+Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach
+einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die
+Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den
+Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum
+für Naturkunde.
+
+So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an
+irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das
+weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem
+blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.
+
+Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen
+Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der
+Naturforschung ihren Schlachtruf.
+
+Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu
+dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte
+zum ersten Male den +Kopf+ der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf
+-- oder ein Eidechsenkopf?
+
+Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen
+Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die
+Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß
+ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz und gar nur Vogel schien.
+Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der
+Knochennähte, -- alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte
+den Vogelschnabel, -- war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der
+Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem
+Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen
+zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten
+Vogelschnabel, sondern er trug +Zähne+ im Ober- wie Unterkiefer.
+Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!
+
+Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.
+
+Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von
+1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln
+urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb,
+Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln
+gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein
+großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb --
+auf lateinisch: _Hesperornis regalis_, das ist: der königliche
+Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen
+Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz
+und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter
+Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte
+Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, -- noch in viel späteren Tagen
+als der Jura-Zeit.
+
+Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein
+„Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.
+
+Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und
+Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren
+offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen,
+die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.
+
+Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.
+
+Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee
+wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich
+dünner. Dafür gab es aber +innerhalb+ eines allgemeinen und
+vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige
+Meinungsverschiedenheiten.
+
+Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte
+sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht
+Fleisch sein +könne+, weil er wirklich im natürlichen Werden
+der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich
++verknüpfe+: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über
+die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache
+war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten,
+was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen
+Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum
+Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und
+der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.
+
+Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch
+auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War
+sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse -- oder schon näher zum
+Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.
+
+Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der
+„revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von
+Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der
+alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte
+der Befiederung sich dem Vogel nähere.
+
+In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die
+Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch
+heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt
+noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel)
+und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, -- mit
+dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die
+Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei
+der Eidechse stehe.
+
+Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen +innerhalb+
+des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider
+vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx
+sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames sollte sie entwertet
+haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht
+mehr um die +Leiter+ -- die stand ein- für allemal fest -- sondern
+um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der +Sprosse+,
+die gerade Frau Archäopteryx vertritt.
+
+Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des
+Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.
+
+Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien
+stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher -- als Vogel -- vor
+eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das
+Problem vom Fliegen.
+
+In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte
+Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als
+erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des
+festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, -- dieser Vogel ist uns
+nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten --
+ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu
+teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung
+im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.
+
+Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des
+Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift,
+eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins
+Symbolische rückt.
+
+Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den
+Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck
+heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime
+ausgegangen war.
+
+Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen
+ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.
+
+Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich
+das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.
+
+Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde --
+und eine leidende.
+
+Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin fliegen
+wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der
+schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues
+Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn
+dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so
+viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren
+nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die
+Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives
+Feld, wie jeder sofort merkt.
+
+So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können
+und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch
+diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte
+Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war
+das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die
+lebende Wesen einfach _nolens volens_ mitreißen konnte, -- und
+andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit,
+daß sie sich’s gefallen lassen mußten.
+
+Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt
+sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten
+offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch
+ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich
+oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung
+in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen
+äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken
+von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den
+wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je
+gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so
+ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren
+konnte.
+
+Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.
+
+Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und
+leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch
+jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder
+Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht
+werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche
+leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich durchweg unserm unbewaffneten
+Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr
+zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste
+Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser
+Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um
+die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen
+auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten
+Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus
+der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig
+sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im
+Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten
+auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug
+dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.
+
+Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den
+allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.
+
+Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer
+einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus
+Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen.
+Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.
+
+Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst
+in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, -- nun
+so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine
+ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils
+entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber
+wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das
+einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser
+ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken
+können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen
+Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug.
+Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich
+in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend
+das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal
+gleichsam in den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück.
+Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer
+einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich
+leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze
+gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt
+es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige
+Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen
+Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die
+Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern
+stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt
+dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das
+ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie
+Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in
+der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große
+Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen
+es ja noch heute gar nicht anders.
+
+Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die
+Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese
+Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen.
+
+Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium
+hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und
+doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden
+-- zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser
+Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften
+Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen,
+das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung
+vorwärtsbewegte.
+
+Es waren Tiere, -- diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten
+Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen
+ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des
+gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen,
+im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren
+es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch
+von Solnhofen so reichlich vertreten ist, -- Verwandte der kuriosen
+Schladenvögel oder Stangenreiter, die nichts anderes sind als
+Wasserjungfern oder Libellen, -- also Insekten.
+
+Fliegende Insekten.
+
+Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen,
+mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den
+Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den
+Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog
+das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte,
+ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab.
+Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der
+_postillon d’amour_ der Pflanze in einer Weise, die entschieden
+sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind.
+
+Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem
+Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan.
+Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte -- und alle unsere
+bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig
+auf diese „Insekten-Befruchtung“ --, so war der Umschwung selber doch
+entschieden ganz und gar Werk des Tieres.
+
+Wie war das zugegangen?
+
+Das Tier kam aus dem Wasser.
+
+Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser.
+
+Die chemische Formel _H₂O_, die Wasser bedeutet, ist ein
+wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl
+zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze
+ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt
+und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden
+Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser
+zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser
+ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden
+in sich selbst über den Wassern.
+
+Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie
+Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich gar nicht herauswagte,
+hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste
+Entwickelungsschule ging.
+
+Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und
+Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es
+war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier
+sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb
+widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium
+oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm,
+der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie
+entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung
+des Wassers.
+
+Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu
+einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die
+Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das
+Tier hat diese Neigung überwunden.
+
+Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren
+Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen
+Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich
+zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser
+Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin.
+
+Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als
+Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die
+ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß,
+mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es
+gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu
+erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen
+stellte sich das aktive Schwimmen.
+
+Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen
+schon ein +erster Flug+. Der Flug in einem dickeren, zäheren
+Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt
+ein Flug.
+
+Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich
+dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie
+zu schwimmen begannen.
+
+Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden
+grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der
+Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers,
+die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine
+kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte
+Fliegen als Leitmotive beherrscht haben.
+
+Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder.
+
+Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der
+„Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon
+des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende
+Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen
+entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper
+die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh.
+Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen,
+also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese
+Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen
+aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen
+Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon
+durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen
+Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft
+vollgepumpt wird.
+
+Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die
+eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall
+aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist
+ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des
+Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul
+verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm
+getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar
+von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist
+die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser
+noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons
+erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend
+ausgestaltet, daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers
+eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er
+will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, -- sein
+spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so
+wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt.
+
+Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt
+wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene
+zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem
+Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese
+Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten
+Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde
+noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der
+Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der
+riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element,
+daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde
+bis acht Meter weit vorwärts.
+
+Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der
+Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so
+weiter auch in die Luft hinaufsteigen?
+
+Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich
+eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit
+den Flossen auch die Luft peitschen?
+
+Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische
+das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit
+einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes
+Stück weit -- bis zu hundert Metern -- allen Ernstes auf seinen Flossen.
+
+Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht
+glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten,
+um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß,
+Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die
+hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende
+Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere
+einem schwebenden märchenhaft bunten Orchideenzweig geglichen haben
+müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der
+fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form.
+Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem
+Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter
+abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft
+nicht, denn er würde ersticken.
+
+So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender
+Wichtigkeit in der Flugfrage.
+
+Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan
+schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen
+Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam.
+
+Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen
+aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso
+scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten
+blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des
+Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben,
+die beim Schwimmen helfen.
+
+Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart
+selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere
+Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von
+der Atmung her fest erobert.
+
+Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die
+Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden
+sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich.
+
+Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten,
+schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine
+zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf
+dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr
+gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die
+hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß
+sie seinen Körper wirklich dahintrugen, -- wobei die Kleinheit und die
+durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der
+Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, ist der Schmetterling
+entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von
+Solnhofen.
+
+Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch.
+
+Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu
+werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf
+dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern,
+die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das
+nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte.
+Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch -- oder wie er jetzt
+genannt werden muß -- der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und
+schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen,
+Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten.
+
+So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das
+Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des
+Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner
+rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine
+Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind
+mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der
+ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte
+und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt.
+
+Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg
+größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht
+so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem
+Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch
+auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten.
+
+Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden
+erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem
+Beutegelüst.
+
+Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja
+die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber
+noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute
+trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln
+(_Rhacophorus_) sich zum „fliegenden Frosch“ bilden. Will er
+von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren
+riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts.
+Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen
+Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern.
+
+Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse,
+der sogenannte Flugdrache (_Draco volans_). Ihr stehen jederseits
+ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und
+darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm.
+
+Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben
+ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte:
+der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche
+flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den
+Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar
+nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen
+saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf
+dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie
+Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen
+Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber
+nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel
+gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu
+dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen.
+
+Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut.
+Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und
+springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise
+Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der
+Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung
+dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein
+mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere
+Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen
+und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche
+Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte
+Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine
+Hautfäserchen zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers
+ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich
+die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares
+Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt
+der +Feder+. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und
+Gliedmaßen mit dichtem Federkleid.
+
+Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste
+Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu
+sausen.
+
+Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug
+von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog
+schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte
+Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung.
+
+Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit
+war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt
+worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon
+Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und
+mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen
+Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen
+können.
+
+Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue
+Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu
+durchdringen.
+
+Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen
+eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte
+Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen
+Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips.
+
+Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast
+zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als
+Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme
+also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag,
+die Arme ruderten. Und da ein Triumph.
+
+An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie auf, --
+auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, -- ein altes wahres
+Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle
+Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte
+Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil.
+
+In dieser Kette der Dinge +ist der Vogel entstanden+.
+
+Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des
+Menschen fertig gebracht hat.
+
+Der Urvogel von Solnhofen war der erste klare Vertreter.
+
+Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am
+Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen
+und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den
+langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel
+war mit ihm da, unwiderruflich.
+
+Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern
+aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle
+Wassersäule für sich gewann.
+
+Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen
+hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe.
+
+Werden wir Menschen den Vogel überbieten, -- das letzte abstreifen, was
+an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist?
+
+Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug
+alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen
+hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige
+Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht
+auch bezwungen werden!
+
+Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre
+Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der
+Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten
+abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich --
+der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen?
+
+
+
+
+Die Weltgeschichte des Nilpferdes.
+
+
+Die Wasser brausen -- und nun kommt etwas Ungeheures.
+
+Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher
+Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei
+kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als
+seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element
+zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun
+hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die
+Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul
+spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten.
+Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art
+von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern
+derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu
+oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich
+hineingebissen und zerkaut.
+
+Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis
+kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose,
+fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das
+Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche
+von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze
+nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast
+verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen
+hat, deren jedes vier Hufe trägt.
+
+Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen
+breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam
+einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als
+sei in einem _D_-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle
+Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.
+
+Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen
+Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.
+
+Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch!
+Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau -- und in diesen
+Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem
+Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das
+bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.
+
+Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher
+eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“
+mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.
+
+Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern
+taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.
+
+Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen
+Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch
+viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.
+
+Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der
+großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten
+Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, -- der Sanduhr, die mit
+rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe
+von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden
+Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch
+wieder abgetragen hat.
+
+Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in
+recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, --
+wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen
+Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der
+Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt
+war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter
+der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.
+
+Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes,
+dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern
+glotzt.
+
+Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt
+eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten
+Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist
+nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet.
+Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche
+Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich
+als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine
+cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von
+Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem
+Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe
+handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser
+schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil
+allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.
+
+Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die
+der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit
+rechnet.
+
+Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest
+der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von
+Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte
+sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung,
+das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich
+jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng
+trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte
+das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und
+die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu
+dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.
+
+Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.
+
+Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten
+sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst
+Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe
+der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und
+mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie
+existiert hat, reizte.
+
+Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf den spaßhaften
+Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich
+ging noch ganz wo anders hin.
+
+Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der
+Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.
+
+Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen
+Beinen dahin -- und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel,
+hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein
+Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder
+Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges
+Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des
+zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern
+sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen,
+Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe
+nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden -- und
+in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen.
+Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, -- Neuigkeiten der
+jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die
+alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit
+einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk
+gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der
+fletschende Fleischklotz im trüben Becken, -- das ist Patriarchenzeit,
+unverfälschte, vormenschliche Urwelt.
+
+Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines
+Nilpferd an Unhandlichkeit, -- aus den guten alten Zeiten, da man im
+Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch
+Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten
+Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins
+heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, -- es ist
+jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu
+lesen.
+
+Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen
+_Historia animalium_, der Tiergeschichte des Konrad Gesner,
+gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.
+
+Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der
+Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein genialer
+Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte
+es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von
+Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie
+war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und
+den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen
+Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles.
+Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares
+Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere
+Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der
+(wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um
+des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs
+willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.
+
+In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck
+und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für
+das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.
+
+Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser
+sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger
+Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem,
+was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen
+und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das
+Nilpferd folgerichtig auf.
+
+Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen
+anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des
+römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch
+einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen
+im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar
+Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.),
+erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt,
+hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen.
+Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er
+umspann auch ihre Tiere.
+
+Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig
+aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich eine
+deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte -- da
+war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit
+allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es,
+wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es
+sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben
+und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen
+ozeanischen Gestade traten.
+
+Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare
+Zeitung.
+
+Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel
+gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort
+ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der
+deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt
+oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich
+außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß
+in iren Rachen als in ein sack würfft.“
+
+Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte
+selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten
+wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf
+Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus,
+von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war
+das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß
+auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese
+Quellen wiesen -- höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh,
+also einem echten Seesäugetier -- allerdings auch nach Indien, --
+immerhin in ferne, heiße Länder.
+
+Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft
+froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg
+lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf
+den Gefrierpunkt zu bringen.
+
+Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne
+des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese
+entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder
+oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?
+
+Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter
+Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel,
+sondern frisch, wie er ihn gefunden, -- -- aus einem Bachbett bei
+Zürich!
+
+Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn
+(also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die
+Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt
+zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.
+
+Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners
+Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man
+in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser
+oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung
+resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen
+grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die
+Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu
+schwierig für 1558.
+
+Fünfzig Jahre gingen hin, -- da kam eine neue Nachricht über das
+lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten.
+Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das
+Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen
+Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.
+
+Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht,
+einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute
+am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen,
+und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem
+Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die
+Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch.
+Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir
+gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse
+von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der
+Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen
+als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf
+ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein
+Männchen und ein Weibchen. Die Häute wurden eingesalzen und mit
+Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch
+einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich
+aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann
+nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor
+Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den
+Hippopotamus.“
+
+Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten.
+Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft
+klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert,
+in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im
+ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt
+in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt
+in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum
+erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß
+eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen
+wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr
+anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.
+
+Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese
+umgetriebenen Menagerie-Riesen.
+
+Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine
+tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings
+aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen
+Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich
+zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger,
+unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen
+übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren
+Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten
+beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten
+muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu
+führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er
+bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller,
+entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird
+furchtbar, -- bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die
+ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den
+Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab,
+wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen
+Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner
+Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt
+er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung
+derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer
+Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß
+der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei
+erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln:
+er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel.
+Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit
+dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug
+und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’
+Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.
+
+Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.
+
+Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons,
+des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten,
+also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest,
+daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst
+in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei.
+Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte
+wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein.
+Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein
+verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte
+seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten
+Fallgruben gebracht.
+
+Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten
+Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle
+Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller
+wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung
+gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende ägyptologische
+Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung
+eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem
+Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.
+
+Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode
+des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit
+entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe
+gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen
+Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich
+unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich,
+wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk
+dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine
+Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.
+
+Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus
+hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine
+Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob
+über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der
+schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht,
+der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken;
+wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle
+Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.
+
+Aber was nützte das.
+
+Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf
+Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des
+Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.
+
+Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es
+zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der
+Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im
+Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den
+Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist
+der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und
+schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine
+kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere und anderes
+mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf.
+Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem
+Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne
+eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern
+gesehen, beschrieben -- und mangels besserer Verproviantierung
+aufgegessen worden sind.
+
+Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein
+recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht.
+Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine
+Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben.
+Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen
+ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der
+ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens
+die Kulturgeschichte zurückreichte.
+
+Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke
+um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika
+im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den
+alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was
+die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald,
+Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen,
+Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue
+Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche
+Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch✹.....
+
+Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch
+der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.
+
+Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich
+kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien,
+andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen
+Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint
+es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der
+Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt.
+Als Nachtigall es am Tsadsee findet, kommt ihm auf einmal hell zum
+Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von
+Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine
+Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders
+Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.
+
+Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte
+„Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet
+worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten
+lebend vereinigte.
+
+Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot
+in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und
+diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein
+lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es -- und es ist ein Ereignis für
+die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts
+übrig hat.
+
+Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter
+nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten
+Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird
+ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht
+fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier,
+bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem
+Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen
+kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen.
+Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König
+erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der
+ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.
+
+Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei
+Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem
+Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge
+kennt.
+
+Eigenartiger Zug aber der Dinge.
+
+Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen
+Boden setzte, -- es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der
++Heimkehr+.
+
+Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins
+Ungemessene zu wandern -- weit hinaus über alles bisher Erzählte.
+
+In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva,
+ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der
+Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt
+nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz
+von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig
+unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät
+thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.
+
+An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die
+geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich
+nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht:
+die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe.
+Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag
+er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung
+Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere
+geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie
+dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und
+zu begraben.
+
+Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische
+Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und
+brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London
+ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm
+aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener
+längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als
+Tertiärzeit bezeichnet.
+
+Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür
+den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor
+dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem
+Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck.
+Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die
+Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe
+da.
+
+Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort
+einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit
+besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der
+Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen
+Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen.
+Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine
+kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch
+in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber
+noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja
+solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen
+Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg
+und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten
+hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht
+nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten
+dran.“
+
+Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten
+nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen
+aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches
+Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob,
+desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und
+Gerölle auf.
+
+Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln,
+oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest
+zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge
+in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch
+noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen,
+die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und
+die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln
+darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.
+
+In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der
+Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.
+
+Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche
+Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser
+tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn Riesen und Zwerge wollten
+in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.
+
+Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie
+es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark
+aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger
+Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich
+duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere -- Gebrüll und
+Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in
+dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.
+
+Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in
+der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung
+seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den
+unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt
+annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander
+pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der
+Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es
+fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen
+kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite
+und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn
+zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare
+zackig geschweifte Schaufeln, -- also im ganzen vier Hörner. Mit diesem
+wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter
+hohen Giraffenbeinen.
+
+Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier,
+und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen
+Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in
+Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich
+prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war
+ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der
+Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem
+Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem
+Walroß gegeben haben müssen.
+
+Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals neben der
+großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig
+war, -- dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne
+statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, -- Nashörner mit Hörnern
+und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, -- endlich
+Schweine und Tapire.
+
+In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll
+von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen
+wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken
+und Schimpansen.
+
+Vom Menschen, -- ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber
+kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch,
+als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich
+der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht
+gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java
+versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.
+
+Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die
+Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der
+Panzerwölbung hoch wurde, -- ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder
+Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß
+gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer
+kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die
+größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!
+
+Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der
+uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.
+
+Also doch in Indien!
+
+Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die
+Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen
+Afrika.
+
+Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne
+absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt
+lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so
+wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.
+
+Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am Sivasumpf
+und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm
+gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt.
+Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich
+herausentwickelt haben?
+
+Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, -- der Name, wie wir
+ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der
+Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst
+folgerichtig Nilpferd geworden.
+
+Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen
+pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren
+wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte
+es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie
+dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten
+Fischschwanz zu, -- dieselbe Phantasie, die entgegen aller
+Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd
+schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen
+konnte wie eine Otter.
+
+Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger
+Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein
+Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern
+dahin.
+
+Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind
+sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt
+es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros
+ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche
+Siva-Tier sind welche.
+
+Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas
+verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende
+Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, --
+und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter
+sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen
+sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.
+
+Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.
+
+Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche
+Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft sich kopfüber in
+denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich
+nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein,
+wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant.
+Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut,
+die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt
+ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal
+versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man
+erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn,
+Nilpferd, Tapir und Schwein.
+
+Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die
+Sache war ein großer Schnitzer.
+
+Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt,
+„ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere
+eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen,
+eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner.
+Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört
+geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast
+des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen
+Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht
+nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.
+
+In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten
+Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue
+Posaune herbei.
+
+Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der
+Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen
+übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen,
+eine Ordnung für sich, -- und noch zu dieser Stunde weiß kein noch
+so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der
+Entwickelung gekommen ist.
+
+Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck
+zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.
+
+Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand
+echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese drei Tiere
+tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte
+uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.
+
+Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen
+lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die
+fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen
+sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab,
+sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem
+haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt.
+Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß
+das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen
+ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber
+diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren
+zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen
+Säugetiere herausgewachsen sind.
+
+Wie es nun damit sei -- jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle
+gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt.
+Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den
+Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an
+allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder,
+besser gesagt, Abkürzungen.
+
+Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald
+diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, -- sie verkümmerte zu
+gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode
+aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große
+Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und
+Mittelfinger zu greifen.
+
+Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter
+sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige
+Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar
+zwei verschiedene Bedürfnisse.
+
+Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.
+
+Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen
+irgend ging, über den grünen Teppich, -- im schnellsten Lauf, da der
+Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten sie der üppigsten
+Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen.
+Kurz: Sausen war Trumpf.
+
+Und die Krone dieses Sausens wurde -- das Pferd.
+
+Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier
+Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den
+ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben
+und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr
+gerade eben auf den Boden tippt.
+
+Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele,
+ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen
+Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet
+war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten,
+natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes
+Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln
+lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen
+Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch
+früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch
+wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor
+Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen
+der Zeit auftaucht.
+
+Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man
+besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern
+sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden
+heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese
+Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen
+kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste
+des großen Pferde-Stammbaumes.
+
+Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem
+Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz
+andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt.
+Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten
+abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin
+der mittelste -- in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal -- schon
+etwas stärker entwickelt ist.
+
+Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter zurück,
+maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, -- also halb
+die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere,
+vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft
+urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt.
+Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten,
+so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker
+mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen
+zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener
+in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif
+eingeschlafen war.
+
+So die Linie auf der Grasebene.
+
+Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder
+wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist,
+weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.
+
+Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit
+ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht +eine+ hüpfende Zehe, -- sondern
++zwei+ Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar:
+der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.
+
+Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, --
+Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse,
+Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe
+langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen
+Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich
+die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen
+Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche,
+Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um
+ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde
+legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das
+Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.
+
+Wir sind am Ziel.
+
+Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier
+Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an
+der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.
+
+Dann aber: -- das Nilpferd.
+
+Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.
+
+Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.
+
+Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im
+Rhinozeros die des Pferdestamms.
+
+Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen
+Boden Europas, -- nach Griechenland, wo die Marmorklippen des
+Pentelikon ragen.
+
+Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue
+Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen
+ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.
+
+Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von
+Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie
+gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.
+
+Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer
+der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser
+als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos
+(die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch
+eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte
+Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes
+Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt
+durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen
+Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.
+
+Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der
+Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen,
+wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene
+Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier
+aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere
+Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum
+Vorschein kam.
+
+Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene
+Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese
+Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das
+Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte nicht einmal als ihr
+unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine
+stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge
+Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.
+
+Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein
+Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl
+wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.
+
+Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr
+beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus
+einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu
+schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der
+Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.
+
+Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der
+wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner
+-- und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen
+Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes
+Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine
+Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen
+Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem
+sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.
+
+Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte
+sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage
+des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, --
+und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte.
+
+Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch-
+und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse
+zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten
+Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier
+bildeten.
+
+Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß
+von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das
+ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen einer
+Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück
+Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei
+Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer
+Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht.
+
+Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von
+Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre
+Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen _tabula rasa_
+gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser
+verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten
+Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen
+als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein
+Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet,
+erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende
+schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um
+eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft
+war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der
+Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse
+urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit
+seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist
+sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache.
+
+Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von
+Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa
+erwarten.
+
+Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe
+mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den
+giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf,
+das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst
+etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald
+endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier
+festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am
+nächsten kommt.
+
+Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt
+stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher
+machte. Und nun eröffnet sich eine großartige Perspektive, die beide
+klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet.
+
+Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen
+ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des
+Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist
+aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland
+von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere
+unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte
+sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von
+Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit
+der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos,
+um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit
+abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis
+Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser
+Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und
+sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über
+den Aequator hinaus.
+
+Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und
+nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus
+entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle
+Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen
+Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, -- bei
+Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei
+Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher
+Schädel ausgegraben worden, -- zum nicht geringen Schrecken der
+trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher
+unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts
+gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder
+Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und
+das ebenso in Pikermi lebte.
+
+Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne
+weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen -- in
+ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen
+sein -- quer durch ganz Asien herangekommen und abgeströmt durch das
+ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis
+nach Deutschland hinauf.
+
+Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren
+Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte:
+einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg,
+westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein.
+
+Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals
+auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf
+die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus.
+
+Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir
+wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So
+kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der
+asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom
+Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen
+unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst
+versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite
+wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit
+vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle
+vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der
+Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher
+Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das
+Ansiedlerland, -- wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des
+Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther.
+Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das
+erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas
+allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung.
+
+Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat
+damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt.
+
+In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare
+Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan
+haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf.
+Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit
+zurück. Ein Trupp ging schneller, andere ganz langsam, im Verlauf
+erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren
+Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in
+hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete.
+
+Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist
+ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit
+den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich
+eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab.
+Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg
+nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da,
+unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab.
+
+Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen
+wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen
+konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack
+oder Teufelshilfe im Spiele war.
+
+In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden.
+Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht
+so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es
+jedenfalls gekommen, -- gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen
+Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte
+auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie
+es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im
+letzten Schoße, -- das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren
+Spuren wir eben aufdecken.
+
+Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst
+in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange
+Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt
+haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung
+hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn
+jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit
+entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas
+größer scheint es gewesen zu sein, -- _Hippopotamus major_ ist es
+deshalb getauft worden.
+
+Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich
+auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in
+England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung
+englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja
+unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich
+auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas,
+zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch
+lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa
+fort und fort schlechter wurde.
+
+Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz
+Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die
+warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber
+diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz
+langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder
+wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der
+Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in
+ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten.
+Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz
+aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute
+Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das
+Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter,
+den immer kargeren Sommer.
+
+Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht
+verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die
+jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, --
+seltsam genug, wenn man an heute denkt.
+
+Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von
+ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die
+Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es
+endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die
+eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner
+hat es jedenfalls nicht mitgemacht.
+
+In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich erst
+ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns
+aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei
+den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland
+und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, -- aber sie setzt
+ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die
+herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen?
+Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem
+Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das
+Nilpferd ganz aus Europa, -- auch aus dem Mittelmeergebiet.
+
+Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit
+zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen
+eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute
+das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach
+Afrika bildeten.
+
+Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze
+bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien,
+gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika
+hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt
+nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel
+später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von
+Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den
+Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling
+aus dem ungastlichen Europa.
+
+Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf
+einigen Inseln des Mittelmeers.
+
+Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich
+herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf
+absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im
+trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen
+gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das
+auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu
+jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der
+langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener
+Pfeiler alten Festlandes, das sich noch in verhältnismäßig jungen
+Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht
+haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite
+Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte,
+besiegelte erst ihr Schicksal.
+
+Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie
+zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz
+gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden
+Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los,
+ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von
+1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch
+sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel
+machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der
+Griechen vom Untergang der Atlantis, -- eine Sage, die wahrscheinlich
+erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden
+ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden.
+
+Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine
+höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben.
+
+Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das
+Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam,
+als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in
+ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame
+Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern
+stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz
+Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten
+bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig
+anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“
+träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun
+scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine
+gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf
+die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in
+Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei
+Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere
+und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen Behemot,
+denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den
+Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie
+der Nilriese.
+
+Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen
+Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die
+Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird
+vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen
+und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und
+(in der kleinsten Art) sogar nur +einem+ Meter Höhe ergeben, also
+Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß.
+
+Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste
+eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten
+Festlandes an dieser Stelle +verkümmerten+, als das Festland
+sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als
+letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn
+und immer dünner, -- und so entstand in einer Art zwangsweiser
+Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und
+Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die
+Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von
+andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt
+unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten
+und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als
+die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber
+verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen
+Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta
+ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im
+Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd
+zuerst in Aegypten auf.
+
+Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf
+dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind.
+
+Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der
+Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische
+Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern
+Wegen erreicht hatte.
+
+Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See.
+Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein
+stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets.
+
+Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug,
+vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser
+Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen
+und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe
+Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste
+Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten
+Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar
+keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große
+Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem.
+
+Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine
+Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf
+Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen
+und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber
+auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz
+eingegangen.
+
+Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es
+wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von
+Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen.
+
+Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird
+in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber
+altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der
+wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der
+Zeit verrinnen sieht -- ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub,
+wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es
+erzeugt hat, sein wird.
+
+Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der
+Gedanke lebt, -- der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und
+der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, -- -- du
+Stück Weltgeschichte -- Nilpferd.
+
+
+
+
+Die Wunderwelt der Radiolarien.
+
+Ein Blick in die Tiefsee.
+
+
+Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“.
+
+Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten
+Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf.
+Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom
+zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von
+versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich
+einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar
+abspiegeln muß und läge sie noch so tief.
+
+Alte Schnurren -- die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als
+das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger
+Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen
+liest.
+
+Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten
+Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch
+mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort.
+
+Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen
+verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas
+abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem
+Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme
+mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher,
+Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller
+Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim.
+Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und
+Kinderspielzeug, Rasseln und kleine Windmühlen, aber alles durch
+äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige,
+doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller
+Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen
+darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische
+und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es
+uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück,
+jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein
+Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt.
+
+Wo liegt dieser Schatz?
+
+Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor.
+Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas
+wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als
+sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner
+Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht.
+„_Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd._“
+
+Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der
+fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der
+Naturforscher als +Radiolarien+ bezeichnet. Die vorliegende
+Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen
+Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der
+zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen
+Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im
+Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich
+um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe
+dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein
+Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über
+4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch.
+Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das
+größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine
+Klippe zu stoßen.
+
+Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“
+heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert,
+hat sie eben unter meinem Mikroskop gelegen. Sie war der „Schatz“, der
+bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem
+staunenden Auge vorüberzog.
+
+Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die
+Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar
+nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne
+Schale eines einzelnen Lebewesens -- eine Schale, in der einmal ein
+lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen
+selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich
+Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut.
+
+Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr
+Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst
+weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die
+eine winzige Schlammprobe.
+
+Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure
+sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen
+Bergkristall baut.
+
+Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen
+als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben
+menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und
+Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches
+Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in
+einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen,
+in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die
+Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile
+Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist,
+ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut✹....
+
+Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer
+Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber
+ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat.
+
+Tiefseeforschung!
+
+Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte!
+
+Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur.
+Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der
+Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war.
+
+Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge
+überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit
+dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er
+dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte,
+den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das
+eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich
+hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen.
+Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu
+fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging
+das hinab.
+
+Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern
+nur alte Mythen.
+
+Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung,
+offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der
+Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in
+einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung
+der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie
+hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich
+auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben
+und unten.
+
+An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber
+selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die
+kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den
+Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete
+Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und
+da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war,
+zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
+ernstlich daran, ob das Weltmeer +überhaupt+ allerorten einen
+Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte
+noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen.
+
+Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das
+südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit.
+Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den
+Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre
+des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert
+Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich
+John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat
+stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer
+kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit
+lebenden Tieren darin) ans Licht.
+
+Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter
+noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten
+Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben,
+so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig
+seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr
+erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren.
+
+Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse
+Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten
+Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern
+festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In
+dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im
+Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung
+schien also ungefähr erfüllt.
+
+Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis
+zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die
+Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige
+Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte
+an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich
+gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen
+und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in
+Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit
+Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder
+illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang.
+
+Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein.
+
+Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel
+allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein
+geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst
+dringlichen +praktischen+ Forderung.
+
+Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und
+Amerika tauchte auf.
+
+Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den
+Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“
+endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab
+dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber
+bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung.
+
+M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806-1873)
+revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die
+Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme
+zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in
+der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden.
+
+Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige
+vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das
+regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal
+und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird.
+
+Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie
+verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum
+annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und
+zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten
+Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange
+enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange
+selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war
+eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und
+Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment
+des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und
+Leine konnten dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und
+in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein-
+und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich
+Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von
+Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf
+ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen
+getrieben worden.
+
+Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit
+Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar
+im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der
+Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden
+Jahrzehnten jetzt wenigstens +einige+ Seetiefen im Atlantischen
+und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr
+entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die
+Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres
+Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten:
+wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das
+Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht.
+Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich
+sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der
+Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan)
+mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd
+tausend Atmosphären lasten!
+
+Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen
+ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt
+war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in
+gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant.
+Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber
+allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund.
+
+Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die
+wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn
+es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus?
+Vor allem: gibt es +Leben+ da unten?
+
+Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg
+zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. Und abermals
+war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die
+vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit
+heraufzog.
+
+Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit -- in
+Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas
+davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben,
+daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so
+doch abwärts in die Tiefe hinunter ein +einziges ungeheures Grab+
+ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei.
+
+Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran
+selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß
+Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln
+bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll
+fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen
+nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen
+durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut
+beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes
+kannte.
+
+Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren
+beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist +einer+ der großen
+Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber
+zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen -- außer Wirbeltieren
+noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln,
+Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken),
+Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen,
+Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten
+Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die
+Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten,
+fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde
+damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte
+unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und
+Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens
+die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber den
+ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer
+noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte
+Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre
+hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich
+meerbewohnenden Gruppen geblieben war.
+
+Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres
+großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht
+wenig zu dem Umschwung beigetragen.
+
+Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als
+eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein
+dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte
+es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen
+und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes
+Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See
+und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee,
+bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke
+eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als
+jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste
+Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten.
+Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop --
+verbessert, wie die Technik es jetzt bot -- als das entscheidende
+Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre,
+von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen
+Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des
+tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das
+Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch
+Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen
+Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die
+ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen.
+
+Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller,
+Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und
+die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach
+kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit
+einem Schmetterlingsnetz. Das war für den Augenblick ein gewaltiger
+Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster
+Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert
+hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht.
+Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob
+diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend
+welches Interesse biete.
+
+Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor.
+Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner
+Tiefensondierung von -- behaupteterweise -- fast zweitausend Metern
+in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam
+er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein
+unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern
+an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben
+hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und
+vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ...
+ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes
+zurücktrat!
+
+Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die
+besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und
+späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der
+vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei
+etwas über achthundert Meter Tiefe.
+
+Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art
+die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings
+meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe.
+
+Edward Forbes (1815-1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit
+der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des
+Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß
+von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei.
+Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben
+mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen.
+Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so
+sein müsse, -- die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein
+und beweist euch, es müßt’ so sein.“!
+
+Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte
+folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine
+Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich
+eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte,
+daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine
+Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise
+konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als
+Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des
+obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon
+sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber
+verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte.
+
+Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre
+letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende
+Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des
+transatlantischen Kabels.
+
+Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig
+werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt
+hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer
+Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre.
+
+Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem
+Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen
+Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt.
+Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die
+abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich
+sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran.
+
+Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall
+wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf
+dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor
+winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien
+und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit
+drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen
+drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen
+Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also -- und gerade in Forbes’
+„unfruchtbarem“ Mittelmeer -- unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern!
+
+Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus
+ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben
+stand, daß sie an Tiefenverhältnisse +angepaßt+ waren.
+
+Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende
+zu den sechziger Jahren bedeutete.
+
+Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre
+aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien
+als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick
+bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt,
+das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem
+Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie
+etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt
+existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein
+müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher
+Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar
+sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde
+unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben
+könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte,
+bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr
+zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich
+auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging?
+
+Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes
+geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle
+Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde
+Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (_Leptoderus_),
+dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit
+scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge
+ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde.
+
+Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen
+jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen
+aufwiesen. Zunächst gerade auch +blinde+ Tiere. Blinde Fische,
+blinde Krebse. Das +mußten+ echte Bewohner der dunklen, also
+tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen
+aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch.
+
+Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr +große+ Augen
+hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße.
+
+Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte
+nämlich äußerst kräftige +Leuchtorgane+. Auch diese Anpassung hat
+der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine
+ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“,
+kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen
+Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der
+Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein
+einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres
+erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende
+Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren
+Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges
+werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg.
+
+Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen
+Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist,
+als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende
+geworden.
+
+Bei dem Fische _Malacosteus_, der schon aus Tiefen von 5000 Metern
+gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und
+je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes
+Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch _Echiostoma_
+flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer.
+Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar
+wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem
+Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate
+selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen
+zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein
+aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben
+dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind
+übrigens nicht Fische allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen,
+Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische
+„illuminieren“ in den prachtvollsten Farben.
+
+Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht
+verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber
+von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch
+andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre
+Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig
+aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt.
+
+Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht
+nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal
+gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten
+Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen
+Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da
+hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean
+durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher
+und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild.
+
+Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten
+andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser
+Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten
+wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen
+Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als
+einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und
+Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst
+weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers
+auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner
+signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in
+bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die
+Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher,
+und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß
+beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich
+unseren Weberknechten.
+
+Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser,
+und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte Welle zerschlüge,
+durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine
+Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz
+besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe
+sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte
+zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom
+Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe
+der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in
+unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller
+Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem
+Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die
+großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode --
+also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit -- den damaligen
+Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge,
+die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte
+fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher
+vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich
+einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben
+glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine
+ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine
+Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen,
+leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen
+Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche!
+
+Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer
+Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit
+der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura-
+und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe
+beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl
+am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen
+Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit
+Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus
+der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so
+schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die
+einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende
+Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog
+Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen
+der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig
+Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben
+mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß
+gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei
+Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich
+fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal
+wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch
+sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch
+einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts
+steige, hat sich sonst nicht halten lassen.
+
+Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag.
+Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von
+den Kabelarbeiten.
+
+Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz
+Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte
+sich der Eifer zu +Tiefsee-Expeditionen+, die eigens diesen
++zoologischen+ Zweck ins Auge faßten.
+
+Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten
+diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe.
+
+Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den
+eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen
+Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich
+zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als
+sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung
+von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine
+noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt,
+allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren
+sollte.
+
+Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen
+Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868
+wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer bei den
+Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches
+Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“
+(Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die
+Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere
+Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend
+Meter hinab.
+
+Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die
+Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für
+Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage
+diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine
+ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus
+der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos
+anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden.
+
+Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten
+Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen
+Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit
+von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere
+Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde
+durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines
+Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das
+Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen
+Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine
+glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis
+über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere
+fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in
+Thomsons bewährte Hand.
+
+Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten,
+konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender
+Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie,
+Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der
+erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus
+Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition
+teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das
+glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise
+hinraffte.
+
+Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung -- seit den Tagen
+des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet
+worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den
+Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die
+Absicht zu haben schien, auf dem Wasser -- je offener, desto besser
+-- geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag
+Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo
+immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten.
+
+Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876.
+Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und
+einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt
+in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer
+hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr
+als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie
+ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel
+besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen
+flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch
+widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte
+durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück,
+das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert
+wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in
+Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den
+Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit
+der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den
+sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne.
+
+Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles
+unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord.
+
+Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten
+Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger
+als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden,
+zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und
+zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand sich eine
+erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern,
+also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht
+weit von den Philippinen.
+
+Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der
+Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit
+zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim
+anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das
+aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete.
+
+Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte
+sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten
+Gebiete umspannte.
+
+Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens
+bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die
+Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des
+Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten
+Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen
+auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von
+der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten.
+Der engere Sachverhalt schien dabei folgender.
+
+Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz
+regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen --
+Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom
+Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer
+hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis
+zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen.
+
+Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich.
+Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den?
+
+Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim
+Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm
+war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop
+zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein
+dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe.
+
+Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen
+selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich
+auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen
+frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn
+das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab.
+Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser
+Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß
+Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit
+einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind!
+Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere
+heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute
+Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir
+als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den
+Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen
+der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen
+diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen
+heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide
+unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer.
+Doch das nebenbei.
+
+Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern
+der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten
++Urtieren+. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den
++Wurzelfüßern oder Rhizopoden+.
+
+Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles
+dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen
+schwebt.
+
+Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere.
+Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet,
+aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, --
+den sogenannten +Zellen+. Auch der Körper des Menschen ist aus
+Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber
+gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige
+Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen,
+das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder
+Frosch auch die Beine und Füße.
+
+Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu
+nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus +einer einzigen+.
+Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen
+in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe
+Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber
+nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung
+auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es
+gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier
+trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche
+Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen
+aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder
+dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu
+zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings
+ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen
+Leibe +harte Skelette+ auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper
+als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei
+den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des
+Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine
+hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt.
+
+An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem
+„Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den
++ganzen+ Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen
+von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine
+runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche --
+ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen.
+
+Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die
+Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz
+einfach über einen Leisten gearbeitet ist.
+
+Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen
+viertausend und fünftausend Metern der +Globigerinenschlamm mehr
+und mehr aufhört+. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der
+viertausend Meter-Grenze zu Ende.
+
+Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein
+Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, dem gerade das
+Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich
+die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk.
+
+An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der
+Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben,
+allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf
+treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den
+Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei
+sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend
+Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als
+viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen
+fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum
+sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern
+genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen?
+
+Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der
+Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter,
+also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe
+wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen
++auflöst+. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das
+mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser
+selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende
+Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück
+Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes
+hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain
+unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen.
+
+Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein
+Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her?
+
+Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach
+bemerkbaren Farbe nach den „+roten Tiefseeschlamm+“ genannt.
+
+Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem
+durchaus verschieden.
+
+Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische
+Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer
+Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse ist, Asche, Bimsstein,
+Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem
+Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins
+Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im
+Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua
+an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn
+wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre
+mit vulkanischem Staub durchsetzt, -- Staub, der allmählich dann
+niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean
+aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule
+bis auf den Grund.
+
+Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen
+zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der
+Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel
+Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen
+mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach
+außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was
+kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf
++kosmischen+ Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt,
+die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe
+Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben,
+der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser
+Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin
+kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich
+die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall
+der Staub verpulverter Gestirne rinnt✹....
+
+Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es
+bleibt noch ein Hauptbestandteil: +Kieselerde+. Wie oberhalb der
+viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser
+Stoff?
+
+Wir rufen uns zurück, daß jener Kalk des oberen Schlammteppichs auch
+nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige
+Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form
+von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber
+von lebendigen Geschöpfen der Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig
+verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile
+des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition
+des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und
+Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten
+Entdeckungen zu machen.
+
+Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit
+eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht,
+enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale,
+das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus
+nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem
+Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „+Radiolarien+“, zu
+deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert.
+
+Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur
+aus +einer+ Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von
+den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette
+oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus
++Kiesel+ aufgebaut.
+
+Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben
+ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende
+Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans
+(allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf
+dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt,
+jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen
+Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt
+werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also
+theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört,
+nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten
+jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte
+das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache
+doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch
+zu erwarten war.
+
+Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel
+bot.
+
+Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich
+steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt
+der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter
+hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und
+wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die
+ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit +reinem
+Radiolarienschlamm+. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht,
+wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die
+Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den
+Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe
+ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre
+Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar
+noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar
+erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die
+individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar
+ist. Wer diese Zerstörung besorgt -- die hier offenbar keine chemische
+Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern
+nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet -- bleibt
+einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich.
+
+Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher
+Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee.
+
+Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier
+heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam.
+
+Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie
+„Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches,
+Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere,
+oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher
+„entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der
+Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen
+einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon
+den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich
+geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die
+Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches
+Beispiel dafür, wohl wert, erzählt zu werden, da zugleich ein Stück
+Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt.
+
+In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen
+zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im
+heutigen Sinne noch gar nichts.
+
+Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die
+Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze
+Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten.
+
+Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu
+werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte.
+Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und
+darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man
+wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte.
+
+Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten
+Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden
+Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte.
+
+Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, +Christian Gottfried
+Ehrenberg+ in Berlin, die Sache ins Große, -- ins Große tatsächlich
+des Kleinsten.
+
+Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder
+wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der
+trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie
+das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, -- alles
+wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne,
+wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken
+aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher
+Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als
+die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im
+Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht.
+
+Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen
+Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten
+eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der
+Riesensonnen am Firmament.
+
+Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit
+Herkuleswucht?
+
+Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten
+aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen
+Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen
+nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen
+aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg
+einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf
++eine+ Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die
+bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den
+Körper bilden.
+
+Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen
+Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er
+heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige
+Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und
+Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese
+Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten,
+daß die Tiere darunter tatsächlich eine +hohe+ Organisation
+besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das
+ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art
+„vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen
+Organen der höheren Tiere, sein.
+
+Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren
+vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt
+bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den
+wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte.
+
+In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend
+einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die
+schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst
+stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts
+für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und
+Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder
+herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren
+Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus
+zierlichen Kieselpanzer und benannte sie, -- übrigens noch nicht als
+Radiolarien, der Name fand sich erst später.
+
+Gerade weil die Schalen -- lebende Tiere erhielt er zunächst nicht --
+aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in
+seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch
+im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier
+herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich
+zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken,
+wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere
+überhaupt anzuweisen war.
+
+In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender,
+teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846
+brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die
+vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt
+waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit,
+einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und
+Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar
+Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre
+Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der
+Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über
+den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden.
+
+Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die
+es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon
+erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg
+vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860
+erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar
+ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen
+Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere
+große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten
+Triumph aller Radiolarienforschung -- und doch wußte Ehrenberg noch
+immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre.
+
+Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives
+Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren
+Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer Berliner Kollege
+Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus -- in einer
+nachgelassenen Schrift -- gerade diese Frage bis zu einer gewissen
+Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer
+Seite.
+
+Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel
+auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist
+aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende
+Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur
+Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach
+Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt
+nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche
+mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte
+Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und
+zwar diesmal auf +lebendes+ Material.
+
+In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang
+der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen
+Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang
+gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley,
+nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener
+Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das
+gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen
+im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein
+zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber
+Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb
+seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr
+klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts
+anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von
+Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen
+die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war
+-- ein großer Fortschritt --, so zählte Huxley seine Einzeller mit
+Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im
+richtigen Schubfach des Museums!
+
+Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade
+noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg an
+Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß.
+
+Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine
+Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf
+rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen
+geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen
+neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe.
+
+Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten
+zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die
+eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und
+Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter
+einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so
+benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der
+großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren.
+
+Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit
+dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste
+unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich
+schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin
+lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht
+mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein
+Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in
+Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher
+jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien
+eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten
+Früchte getragen hat.
+
+Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten
+Ranges.
+
+Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet
+waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war
++Ernst Haeckel+.
+
+Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze
+Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst
+1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten
+Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem
+tierreichen Hafen führten ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das
+war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.
+
+Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen
+Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die
+schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile
+nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der _Camera lucida_
+und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller
+wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862
+erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der
+Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten
+und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von
+Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist
+noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das
+ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen
+Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel
+erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem
+Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter
+Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus.
+Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die
+Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.
+
+In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine
+große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein
+geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich
+für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen
+war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um
+Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe
+allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel
+kommt, eigentlich +nur+ bekannt zu sein pflegen, braucht hier
+nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden
+vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil
+allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.
+
+In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer
+seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren
+des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 kam Cienkowski
+mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung,
+die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung
+tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.
+
+Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs
+zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb
+notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein
+müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von
+der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von
+seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch
+nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus +mehreren Zellen+
+fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes
+jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel
+lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren.
+Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren
+mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom
+Wurzelfüßerschlage sein.
+
+Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen
+überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der
+Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich
+die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt
+notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen
+zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur
+eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen
+aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller
+plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel
+selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die
+dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu
+entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten
+Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.
+
+Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen
+Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis
+führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien +echte „Einzeller“+
+seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.
+
+Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, zeigte
+er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren +fremde+
+Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars
+aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche,
+die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den +Pflanzen+
+ähnelten, -- also sogenannte „Urpflanzen“.
+
+Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie
+nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im
+verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen,
+wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in
+der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen:
+so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig
+urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die
+wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben:
+sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts
+anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und
+uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht
+auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen
+schmarotzern?
+
+Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen.
+Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars
+scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen,
+sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen
+Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen
+jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich
+des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten.
+Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute
+weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von
+Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen.
+Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der
+Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns
+den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars
+vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand.
+Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und
+scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende Pflanze dagegen zersetzt
+wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So
+kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet
+diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches
+Leben“.
+
+Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand
+natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als
+nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat
+das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und
+allgemein eingeführt.
+
+Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte,
+mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs
+aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen,
+was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er
+kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der
+Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den
+lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für
+ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere.
+Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage
+aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht
+mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal
+den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl
+überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich
+beobachtet.
+
+Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide
+zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß
+und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten;
+und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein
+Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte.
+Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg
+genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten
+Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief.
+
+Hier aber beginnt tatsächlich das letzte und das großartigste Kapitel
+in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis.
+
+Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren
+mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht
+worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung
+des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk
+vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen
+sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen
+läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander
+von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt
+hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der
+„Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend
+Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und
+Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an
+außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter
+tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der
+Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit
+und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft.
+Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon
+zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt
+waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch
+nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus
+der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John
+Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der
+Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm
+das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als
+ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken,
+daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten
+gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und
+gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien.
+
+Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den
+Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut.
+
+Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, +was+ für
+einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen
+sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien.
+
+„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten
+Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen
+Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg in Glasgow folgend,
+der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil
+der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht
+über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist
+mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir
+Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von
+„Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d.✹h. von jenen mikroskopischen
+Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes
+durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in
+Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt
+waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr
+als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen
+Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren
+Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den
+Radiolarien.“
+
+Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die
+Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es
+wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des
+„Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus
+seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich
+umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie.
+
+Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache
+Ziffer der +neu+ beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte
+fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von
+1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf
+das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort
+auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85
+Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum
+-- bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es
+keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken,
+was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder
+Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint
+vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der
+4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse der Säugetiere noch
+nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht,
+daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“
+erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich
+an Radiolarien noch besitzen mögen.
+
+Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist
+selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen
+hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise
+auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten,
+dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage
+veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch
+hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige
+Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch
+einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar
+aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für
+die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja
+wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für
+den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen,
+daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher
+so sehr wenig bekannt geworden sind.
+
+Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische
+Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres.
+Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“
+gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen
+zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck
+und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt
+noch etwas viel umfassenderes in Fluß.
+
+Die +ästhetischen Interessen+ werden aufs nachhaltigste berührt.
+
+Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere.
+
+Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser
+Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten
+Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von
+Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben war, seinem
+Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen.
+Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur,
+die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen
+Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster
+Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, +rhythmische Gebilde von
+vollkommener Schönheit+ hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles.
+Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in
+den tiefsten Gründen der Philosophie endigt.
+
+Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die
+Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger
+Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck
+volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften
+von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich
+zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle
+möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach
+einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem
+ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel
+heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff,
+unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt.
+
+Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch
+wiedergegebenen Objekte der organischen Natur +ausübenden
+Künstlern+ eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen
+gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke.
+Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem
+Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem
+Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!)
+ist es der +Naturforscher+ gewesen, der dem Künstler dabei
+entgegengekommen ist.
+
+Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert
+hat -- im vergrößernden Mikroskop -- ist dem Künstler durchweg fremd
+geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte
+nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die
+im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn
+der Gewinn liegt unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der
+Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher
+Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit
+dem Apparat des Mikroskopes und der _Camera lucida_ reproduziert.
+Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der
+innigen Begeisterung aus: wie +schön+ ist das! Der Naturforscher
+stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch
+auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von
+Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur
+sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der
+Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus,
+und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar
+in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht
+einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe -- oder auch treibend auf
+dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina --: es arbeitet
+Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir
+Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen -- Vertreter der Spitze
+aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals
+diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat -- wir
+Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und
+das sollte nicht zu denken geben?
+
+Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist
+voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene
+künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre
+vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen
+Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit
+einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen,
+setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall
+oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im
+Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen
+der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der
+Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt -- und
+das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“.
+
+Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht,
+ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen
+bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört,
+daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden
+Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu
+denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als
+„mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn
+man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt
+und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar
+für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene
+Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt.
+
+Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle
+Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze
+des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung
+beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet.
+
+Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen
+nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm
+minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt
+werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll.
+
+Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in
+ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen
+umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer
+gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß.
+
+Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der
+Gegensatz von mechanisch und lebendig +aufhebt+, und wenn ich das
+Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich
+eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium
+geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern
+„mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das
+paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. +Das
+Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der
+Welt.+
+
+Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der
+Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die
+kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist
+in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer
+kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch
+ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu
+erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen
+uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen
+glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an
+der eigentlich interessanten +ästhetischen+ Frage +nichts+.
+
+Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja
+auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in +diesem+
+Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des
+Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen
+des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der
+eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen
+Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier,
+wie es das Radiolar darstellt, trennt.
+
+Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen
+wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen
+Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die
+sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke,
+der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische
+Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht
+in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der
+Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas
+Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des
+Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den
+Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und
+züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann
+noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er
+erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl
+bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, sucht sich
+Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde,
+die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor,
+er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst,
+die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt.
+Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung
+gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen
+Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der
+Form.
+
+Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt
+aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante
+Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars
+bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht -- den Weg von einer
+Anlage zu einer Erfüllung.
+
+Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es +dasselbe+
+Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft
+-- und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das
+Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der
+Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht
+entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im
+Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß:
+daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von
+unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom
+unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden
+Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade
+unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, -- des rufe ich jeden
+echten Schaffenden zum Zeugen an.
+
+Die Kunst läßt sich nicht kommandieren. Sie ist ein Geschenk,
+allerdings eines aus uns selbst. Das Naturprinzip, das in ihr
+durchbricht, läuft ja nicht übernatürliche Bahnen hinter uns. Es läuft
+in uns, ist ein Teil von uns, ein Bestandteil unseres tiefsten Seins.
+Da ich aber selbst im Sinne natürlicher Entwickelung vom einzelligen
+Urwesen nur getrennt bin durch einen Unterschied des Grades, nicht
+der Art, -- so scheint es mir kein großes Wagnis, zu sagen: dieses
+in mir enthaltene, in meiner Menschenkunst so und so durchbrechende
+Naturprinzip sei auch da unten schon, wenn auch auf einer anderen
+Stufe, im Radiolar vorhanden und schaffend wirksam. Es dichtet keinen
+Faust, dieses Radiolar, und malt kein jüngstes Gericht. Aber in seinem
+triebhaften Gestalten zierlicher, rhythmischer Gebilde beweist es
+in seiner Weise doch schon, daß auch in ihm eine Durchbruchsstelle
+ist jenes gewaltigen, auch aller höchsten Kunst letztlich zugrunde
+liegenden Naturprinzips, das auf rhythmische, harmonische, „schöne“
+Gebilde geht.
+
+Es war kein Silberschatz, kein wirklicher Nibelungenhort, von dem wir
+ausgegangen sind. Winzige Schälchen meerbewohnender Tiere niedrigster
+Art lagen unter dem Mikroskop, eine Messerspitze voll wie eine Prise
+Schnupftabak.
+
+Und doch -- welche Bilder dahinter!
+
+Meerestiefen, gegen die der grüne Grund des Rheinstroms, der in der
+Sage das Nibelungengold verschlingt, ein seichtes Rinnlein mit ein
+paar dünnen Tropfen wird. Und in diesen schwarzen Gaurisankar-Tiefen,
+nur vom gespenstischen Licht phosphorescierender Fische noch magisch
+erhellt, ein unendlich geheimnisvoller Schatz, so wunderbar, wie
+ihn keine Sage träumt: die heilige Natur-Knospe des Großartigsten,
+Edelsten, Glückseligsten, was der Menschheit oben im freien Sonnenlicht
+verliehen wurde: -- der Kunst.
+
+
+
+
+Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?
+
+
+Es war an einem wundervollen Sommermorgen auf der Insel Rügen.
+
+Ich war eine Weile pfadlos durch den dichten Wald geschritten, zwischen
+hohen Farrnkräutern, nach oben und allen Seiten ganz eingesponnen in
+das lückenlose Smaragdgrün der kleinen, hart gerippten, zitternden und
+flimmernden Buchenblätter.
+
+Auf einmal eine Lücke, als tauche das Auge aus einem tiefen, tiefen
+grünen See. Und da unendlich weit das blaue Meer, das alte, immer
+schöne.
+
+Ich kletterte von der Buchenhöhe herab zum schmalen, steinigen Strande
+und setzte mich auf einen grauen Block, ein paar Minuten still
+versonnen in der Folge eines weißen Dampfers, der fern, klein wie ein
+Spielzeug, die Meereswölbung schnitt.
+
+Dann kam mein Blick, wie sich ausruhend von dem unendlichen Bilde, aufs
+Nächste zurück.
+
+Dicht vor meinen Füßen lag um eine Vertiefung ein kleiner Steinring.
+Kinder hatten ihn spielend gebaut, eine Art Burg, in der eines gesessen
+hatte, während die andern einen Kreis darum bildeten und sangen.
+
+Aber mich fesselten die Steine selbst.
+
+Weiße Kreidebrocken; einer war zerschlagen und wies einen schwärzlichen
+Kern: Feuerstein. Ein rötliches Geröllstück von ganz anderer
+Mineralart. Ein kleiner, halb abgebrochener gelblicher Steincylinder
+wie ein länglicher Fingerhut. Ein bläuliches rundes Ding, seltsam
+wie mit undeutlichen Ornamenten verziert, im ganzen einer harten,
+eingetrockneten Cypressenfrucht nicht unähnlich. Zwischen allerhand
+größeren Trümmern auch ein winziges Körnchen von auffallendem Rotgelb:
+Bernstein.
+
+Meine Gedanken begannen zu wandern.
+
+Diese Kinder hatten mit Jahrmillionen der Erdgeschichte gespielt ohne
+eine Ahnung davon. Jede kleine Quader da in ihrer Festung war ein Stück
+Urwelt mit einer ungeheuren Perspektive.
+
+Dieses Körnchen Bernstein war versteinertes Harz eines Fichtenbaumes,
+dessen Art heute auf Erden nicht mehr gefunden wird, ein Gruß aus
+längst verschollenem Urwalde einer deutschen Küste in Tagen, da es noch
+keinen Begriff „deutsch“ gab, weil es noch keinen Begriff „Menschheit“
+gab.
+
+Diese Kreide, wie sie jetzt die steilen Wände der Stubbenkammer
+auf Rügen zusammensetzt, war einst Tiefseeschlamm des Ozeans.
+Die Kalkschalen mikroskopisch kleiner Tierchen, die diesen Ozean
+belebten, sanken jahrhunderttausendelang unablässig in die Tiefe und
+bildeten dort allmählich diesen Schlamm. Dann kamen Faltungen der
+Erdrinde, verschoben Land und Wasser und stauten den uralten, zu Stein
+verhärteten Schlamm als Hügel empor. Gegen diesen Hügel quetschten
+sich Millionen Jahre später die Gletschermassen der Eiszeit, die, von
+Norden kommend, die ganze Ostsee ausfüllten. Mit diesen Gletschern ist
+der rote Stein dort von den Gebirgen Schwedens bis hierher geschleppt
+worden. Zugleich rissen diese mit Steinen wie ein Reibeisen besetzten
+Gletscher hier die weiche Kreide Rügens auf, wühlten gleichsam ihre
+Eingeweide heraus, daß sie in nackter Blöße, zersplittert und zerfetzt,
+offen blieben, wie sie heute stehen.
+
+Aus dem zerrissenen Fels aber lösten sich schwärzlich-gelbbraune
+Einlagen. Von da stammt der Feuerstein. Als der Kreidefels noch
+weicher Schlamm war, betteten sich in diesen Schlamm schichtenweise
+seltsame Knollen aus Kieselstoff, auch sie das Erzeugnis wahrscheinlich
+kleinster Tiere, vielleicht hauptsächlich Radiolarien, die unzählige
+Gehäuse aus stahlhartem Kiesel aufbauten und zu solchen Klumpen sich
+ballen ließen. Das ist unser heutiger Feuerstein.
+
+Zwischen diesem Feuerstein fiel aus der Kreide noch mancherlei
+anderes Gebild, auch das urzeitlicher Rest verschollenen tierischen
+Lebens. Dieses zerbrochene gelbe Röhrchen, „Donnerkeil“ im Volksmunde
+genannt, war einst ein Körperteil eines Tintenfisches vom Schlage der
+sogenannten „Belemniten“. Diese wie mit Hieroglyphen besetzte blaue
+Steinfrucht ist der Ausguß der Schale ebenfalls eines Tieres, eines
+See-Igels, der zugleich mit jenem Tintenfisch lebte, als der Feuerstein
+und die Kreide sich bildeten.
+
+In jenem Ozean der Kreidezeit schwammen 120 Fuß lange Eidechsen,
+die Mosasaurier, dünn wie das Schiffermärchen die große Seeschlange
+träumt. Und am Strande des Meeres stapften reptilische Scheusale von
+zehn Metern Länge, die aufrecht auf den Hinterbeinen gingen wie unser
+Känguruh. In Belgien liegen heute noch die Reste; beim Bergwerksbetrieb
+sind sie zutage gekommen tief unter der Sohle des heutigen Lebens, eine
+versunkene Welt.
+
+An solchem Fleck, wo die Geschichte des Kosmos sich in ein Kinderspiel
+drängt, tauchen einem von selbst allerhand Fragen auf.
+
+Es ist immer eine der nächsten gewesen: wo ist das alles hingekommen?
+Warum ist es heute nicht mehr da?
+
+Das Meer blaut noch in unabsehbarer Weite wie je, hat noch immer
+Tiefen, in denen der Gaurisankar sich untertauchen ließe, noch heute
+bietet es dem Walfisch, der auch hundert Fuß lang wird, Nahrung und
+Raum. Wo sind die Mosasaurier, die Iguanodons, wo der Ichthyosaurus
+hingekommen, dessen Steinmumien in Schwaben dicht beisammenliegen wie
+die Heringe, wo die Mammute, deren rotwollige Leiber noch blutig frisch
+im sibirischen Eis stecken wie in einer Konservenbüchse der Ewigkeit?
+
++Eine+ Antwort scheint ja die erste, rascheste.
+
+Unendliche Zeit ist seit damals hin. In dieser Zeit hat die Erde
+hundert Akte des wildesten Spektakelstücks durchgespielt. Das
+Land ist geborsten und hat feurige Lava und kochenden Wasserdampf
+gespieen, Sintfluten haben sich darüber ergossen. Da wurden die Fische
+gebraten und die Sumpfreptile ertränkt. Und über die Mammute gar ist
+klafterhohes Eis gestürzt.
+
+Aber davon will die heutige Wissenschaft nicht mehr viel wissen, wenn
+es auch in Jugendbüchern und Romanen noch erzählt wird.
+
+Wir haben gelernt, daß die Mühlen der Weltgeschichte in der
+Ichthyosaurus-Zeit wahrscheinlich genau so langsam gemahlen haben wie
+heute. Es brodelt wohl einmal ein Vulkan. In Jahrhunderttausenden frißt
+sich ein Strom auch ein neues Bett, versandet ein See, sinkt eine
+Küste Millimeter um Millimeter abwärts, bis endlich ganz, ganz langsam
+der Ozean ins Wattenmeer zwischen Inseln, in die Marschen, ja endlich
+über ein ganzes Tiefland bis zur nächsten Hügelmauer dringt. Daß es
+aber niemals jene allvernichtenden Katastrophen, die gleichsam mit dem
+Schwamm über alles Lebendige wischten, seit ältesten Erdentagen in
+Wahrheit gegeben habe, davon liegt ein schlichtestes Zeugnis vor.
+
+Es leben nämlich heute noch einzelne Tiergeschlechter munter neben
+uns, die schon mit dem Ichthyosaurus und noch weiter zurück blühten.
+Ein solcher leibhaftiger überlebender Urweltler ist der Molchfisch
+Ceratodus Australiens, der recht im Sinne Darwins eine Uebergangsform
+darstellt zwischen Fisch und Molch, weil er nämlich noch Kiemen zum
+Wasseratmen besitzt wie ein Fisch und doch zugleich schon eine Lunge,
+wie die Landtiere sie vom Molch an aufwärts haben. Dieser Molchfisch
+ist genau der Gattung nach +älter+ als der älteste Ichthyosaurus
+und erfreut doch noch jetzt die Australneger Queenslands durch sein
+wohlschmeckendes, lachsrotes Fleisch. Ja, die Lingula, ein kleines,
+halb wurm-, halb muschelähnliches Tier aus der Gruppe der sogenannten
+Brachiopoden, lebt im Ozean, so lange wir überhaupt Kenntnis und Reste
+von lebenden Wesen besitzen: von der kambrischen Epoche an, mit der all
+unsere Weisheit beginnt, bis auf den heutigen Tag.
+
+Umgekehrt das Mammut war ausgestorben, als unsere
+Geschichtsüberlieferung begann, kein Lied, kein Heldenbuch meldet mehr
+von diesem „deutschen Elefanten“ mit seinen ungeheuren Stoßzähnen.
+Und doch hat der Mensch, wie wir heute sicher wissen, dieses Mammut
+noch gejagt, sein Fleisch hat er verspeist, aus dem Elfenbein seiner
+Zähne hat er Schnitzereien gefertigt, ja auf ein solches Knochenstück,
+das in einer französischen Höhle bei Kulturresten der Steinzeit
+(also der ältesten Menschheits-Kultur jenseits aller schriftlichen
+Ueberlieferung) entdeckt worden ist, hat ein Künstler jener Urtage mit
+roher Hand, aber noch wohl erkennbar, das Umrißbild eines solchen
+Elefanten mit Pelz, Stoßzähnen und Rüssel eingekritzelt. Den Menschen
+hat offenbar keine Erdkatastrophe fortgefegt seither, -- die Mammute
+aber sind alle tot. Warum?
+
+Man hat beim Mammut vermutet, es sei dann wohl der Mensch selber
+gewesen, der es vertilgt hat.
+
+Kein Zweifel ist ja, wie dieser Mensch wahrhaft verheerend eingebrochen
+ist in die Tierwelt der Erde. Wo ist all das wilde Getier der alten
+Germanen-Wälder, wie es die Römer bei uns fanden, in den zweitausend
+Jahren hingekommen? Bären, Wölfe, Luchse gab es die Masse, Ur-Stiere
+und Auerochsen und Elentiere sielten sich im Sumpf, und aus jedem
+Flußarm stiegen die seltsamen Kuppelbauten und Dämme der Biber.
+Verschwunden ist das alles vor der Kultur. Hier und da nur noch ein
+letztes Häufchen Biber, ein paar künstlich gehegte Elentiere. Der
+deutsche Auerochs und Bär sind längst ganz verschollen, der schwarze
+Ur-Stier ist sogar überhaupt ausgestorben. Warum soll es dem Mammut,
+dessen Knochen heute noch im Kies bei Berlin, im Flußbett der Lippe,
+auf dem Elbplateau jenseits Dresdens gefunden werden, nicht schon ein
+paar Jahrtausende vor Cäsar genau so ergangen sein?
+
+Aber auf jene Seeschlangen der Kreidezeit und den Ichthyosaurus vom
+Fuße der schwäbischen Alb paßt auch das wieder nicht, denn mit ihnen
+ist zu ihren Lebzeiten überhaupt noch kein Mensch zusammengetroffen.
+Millionen von Jahren liegen zwischen dem ersten Auftreten des Menschen
+und dem letzten Ichthyosaurus. Kein Siegfried kann diese Lindwürmer
+erlegt haben. Aber wer war es denn?
+
+Es ist erst ein paar hundert Jahre her, da hatte man bezüglich dieser
+versteinerten Ungeheuer noch ganz anders verwegene Fragen.
+
+Haben diese Tiere überhaupt je gelebt? fragte man. Im Gestein selber
+sollte eine mystische Bildungskraft stecken, die den toten Stein
+gelegentlich spielend zu tierähnlichem Gebilde formte. So wäre ein
+solches vermeintliches Drachen-Gerippe gar kein echter Rest eines
+Tieres, das einst im Sonnenlicht sich gefreut und seine Tatzen geregt
+wie wir, -- sondern es wäre das Ergebnis einer Art geheimnisvollen
+Kristallisationsprozesses erst in der schwarzen Erdentiefe.
+
+So lustig das erdacht war: es hielt doch den Tatsachen nicht lange
+stand. Es läßt sich an den sinnfälligsten Merkmalen beweisen, daß diese
+Urweltler einmal +gestorben+ sind. Was aber stirbt, muß gelebt
+haben.
+
+In goldig durchschimmernden Stückchen dieses Bernsteins hier gewahrt
+der Kundige nicht selten Mücklein, Spinnen und Ameisen. Sie sind genau
+des Todes verstorben, der heute ähnliche kleine Tiere ereilt, wenn die
+Fichte tränt und der Kirschbaum zähes Harz aus seiner Rinde träufelt:
+vom klebrigen Harztropfen sind die Vorwitzigen gefangen und umhüllt
+worden wie die Einwohner Pompejis anno dazumal vom Aschenschlamm des
+Vesuv, -- zum Bernstein verhärtet, ins Meer verschwemmt, hegt sie noch
+heute die alte Harzmasse als gläserner Sarg.
+
+Tief im Gestein, wo der Ichthyosaurus heute schläft, liegen eng bei
+ihm, auch zu Stein geworden, die Verdauungsreste seiner Nahrung. Der
+Forscher schleift sie auf und gewahrt auf der Schlifffläche die wohl
+erkennbaren unverdaulichen Ueberreste dessen, was der alte Drache
+verschlungen hat. Fischschuppen sind es, Gräten und die Trümmerstücke
+von Tintenfischen. Dieses kleinere Getier ist also gefressen worden vom
+großen, -- gestorben im dicht bezahnten Rachen eines hungrigen Räubers.
+Damals wie heute gab es offenbar Hader und „Kampf ums Dasein“, es gab
+Fresser und Gefressene, Ueberwinder und Unterliegende.
+
+Wir ahnen aber noch andere Ursachen des Todes und zwar nicht nur bei
+Kleinen, sondern auch bei den Gewaltigen selbst.
+
+Jene Rieseneidechse Iguanodon, von der ich gesprochen habe und die
+auf den Hinterbeinen trottete wie ein Känguruh, ist im sogenannten
+Wälderton bei Bernissart in Belgien in einer ganzen Herde von
+dreiundzwanzig Stück ausgeschachtet worden. Dieses ganze Regiment
+Kolosse stand derart aufrecht im Tongrund, daß man nicht anders
+annehmen kann, als es ist voreinst einmal in einer Unglücksstunde die
+ganze Kavalkade aufrecht so im weichen Sumpfgrunde eingesunken und
+erstickt. Wunderbar kann das ja nicht sein bei Reptilien von zehn
+Metern Länge, die wahrhafte Drachenschwänze hinter sich herschleiften
+und nach vorne Hängebäuche wie die Fettgänse gehabt haben müssen,
+während der vogelartige Schnabelkopf sich auf hohem Schwanenhalse
+haushoch über das ganze reckte. Ein ähnlicher Unhold, den man in
+Amerika gefunden hat und der seine siebzig Fuß lang wurde, der
+Brontosaurus, wird auf ein Gewicht von zwanzig Tonnen, das sind
+zwanzigtausend Kilogramm, geschätzt. Ein solches Tier auf einem
+genügend tiefen urweltlichen Moorboden war rettungslos verloren; es
+ging unter wie ein leckes Schiff mit Steinfracht.
+
+Gerade dieser letztere Fall muß uns aber nun besonders zu denken geben.
+
+Er macht auf etwas aufmerksam, was am Ende nicht nur das einzelne
+Sterben, sondern das ganze endgültige „Aussterben“ solcher Urweltler in
+seinem Grunde aufhellen könnte, wenn man es nur recht erwägt.
+
+Ein solcher wandelnder Fleischberg wie der Iguanodon oder der
+Brontosaurus hatte etwas unverkennbar Uebertriebenes in sich. Etwas
+Uebertriebenes, das sich unter besonderen Umständen hatte heranbilden
+können und in seiner Weise eine Zeitlang Herr der Situation war, -- das
+aber über kurz oder lang doch dem Lose aller Uebertreibungen verfallen
+mußte: unpraktisch zu sein.
+
+Wenn wir das Gerippe eines solchen Brontosaurus, wie es von dem
+amerikanischen Geologen Marsh im Museum zu New Haven wieder
+zusammengesetzt worden ist, genau betrachten, so erscheint in ihm ein
+groteskes Mißverhältnis.
+
+Alle Wucht der Entwickelung dieses Riesenleibes ist in die reine
+Masse verlegt. Dieses Tier konnte, so lange es sich um Größe allein
+handelte, wenig Feinde haben, denn es trampelte da alles nieder. Ein
+ausgewachsener Elefant wiegt bloß 6000 Kilogramm. Dieses Reptil hätte
+ihn also gründlich zerquetscht, wenn es nur über ihn wegkroch. Viele
+dieser Drachen waren auch noch am ganzen Leibe verpanzert, trugen
+riesige Hörner auf Stirn und Nase wie Stiere und Rhinozerosse, oder
+sie hatten aufrechtragende steinharte Kämme aus soliden Platten den
+ganzen Rücken entlang und auf dem Schwanz halbmeterlange Stacheln, die
+ein anspringendes Raubtier von Tigergröße durchlöchern mußten wie die
+zusammengefaßten Speere den Winkelried.
+
+Aber diese riesengleichen Lindwürmer hatten umgekehrt Gehirne, so
++winzig+, daß ein Spatzenhirn sich im Verhältnis über sie erhebt,
+wie das Gehirn eines Menschen über ein Spatzenhirn. Mehrfach war bei
+ihnen das Rückenmark in der Beckengegend viel dicker als das ganze
+Gehirn, so daß man fast sagen möchte: sie haben mehr mit den Beinen
+gedacht als mit dem Kopf. Es kann aber mit dem ganzen Denken nicht
+weit her gewesen sein. Der ungeheuerlichen Leibesfülle entsprach
+eine ungeheuerliche Dummheit. Wenn man die Höhle im Schädel mit Gips
+ausgießt, so erhält man die Maße ihrer Hirne heute noch ziemlich genau:
+sie sind erschreckend klein. Das Wort scheint wahr geworden vom Berge,
+der eine Maus erzeugt. Sie besaßen aber noch lange keine Gehirne, die
+sich dem eines kleinsten Mäusleins vergleichen ließen. Und das war denn
+doch schließlich wohl der Punkt, wo sie sterblich waren.
+
+Ihre Körperlast, sonst unangreifbar, machte sie zum Opfer jeglichen
+Terrains, das nachgab, -- des Sumpfbodens wie des Flugsandes.
+
+Und ihre wahrhaft monumentale Dummheit führte Generation um Generation
+wohl immer wieder auf so verfänglichen Boden. In diesen kleinen
+Gehirnchen speicherten sich keine Erfahrungen an, warfen Falten des
+vererbten Denkens auf, lehrten die Enkel in Schläue meiden, was den
+Ahnen Verderben gebracht. Sie trotteten jahrtausendelang ihren gleichen
+Weg, und wenn auf diesem Wege eines Tages ein Moor entstand, so sanken
+sie in dieses Moor und erstickten, als müßte es so sein.
+
+Bis an einem letzten Tage der letzte Lindwurm so das Zeitliche gesegnet
+hatte.
+
+Es mag ebenso geschehen sein, daß viel kleinere Tiere ihrer doch Herr
+wurden trotz aller zwanzig Tonnen Gewicht, und zwar aus dem einfachen
+Grunde, weil diese Tiere sich inzwischen im Verhältnis größere, also
+klügere Gehirne erworben hatten.
+
+Gegen einen solchen schwachköpfigen Saurier war ein Vogel, wie gesagt,
+ein Genie. Es gab aber in der letzten Drachenzeit nachweisbar bereits
+Vögel, und zwar sind in Südamerika neuerdings auch Vogelriesen gefunden
+worden, die über drei Meter hoch waren und Raubvogelschnäbel und
+Krallen gehabt haben müssen wie aus Stahl. Wenn ein solcher Greif
+sich dem Lindwurm unversehens auf dem Rücken festhakte, vermöge
+seiner viel feineren geistigen Gewitztheit geschickt den Schlägen des
+Stachelschwanzes auswich und seinen Schnabel zwischen die Panzerplatten
+einhieb, so half dem Herkules schließlich all sein Gewicht nichts mehr,
+und der schlimme Vogel schlug ihm endlich den Leib auf, wie ein Igel
+sich mit seinen spitzen Zähnen in eine Viper frißt.
+
+Darwin hat uns im neunzehnten Jahrhundert auf das große Prinzip in der
+Entwickelung des Lebens auf Erden aufmerksam gemacht, das mit dem Worte
+„Anpassung“ ausgesprochen ist. Ueberblicken wir die heutige Tierwelt,
+so sehen wir jede Tierart in einer bewundernswürdigen Weise ihrer
+Lebenslage angepaßt. Der Fisch ist wie eine kunstvolle Maschine auf
+das Leben im Wasser hin gebaut, der Vogel auf die Luft, der Maulwurf
+auf die Wühlarbeit im dunklen Erdreich, das Roß auf die Ebene, die
+Gemse auf das Gebirge, der Affe auf den Baum. Auch die Tiere der Urwelt
+zeigen in all ihren Abdrücken und Gerippresten, die uns von ihnen im
+Gestein erhalten sind, solche Anpassungen in Hülle und Fülle. Schon da
+hat der uralte Fisch seine Flossen, die verschollene Schildkröte ihren
+Schutzpanzer, der Ichthyosaurus seine scharfen Zähne und der älteste
+Vogel seine Federflügel. Und schon aus diesen Organen der Anpassung
+allein, die so deutlich noch vor Augen stehen, kann man den sicheren
+Schluß ziehen, daß diese Tiere wirklich einmal gelebt haben. Aber man
+kann aus dem Prinzip gerade der Anpassung auch herleiten, daß und warum
+viele einst vorhandene Arten vollständig wieder ausgestorben sind.
+
+Gab es auch in der Erdgeschichte nicht jene wüsten Katastrophen, die
+ganze Tiervölker in Lava brieten oder in Sintfluten ersäuften, so hat
+sich doch die Erdoberfläche im Laufe der Jahrmillionen langsam, aber
+sicher fort und fort ganz respektabel verändert.
+
+Das aber schuf für das bunte Tiervolk im ganzen immer wieder andere
+Grundlagen, andere Nötigungen der „Anpassung“.
+
+„Andere Zeiten, andere Vögel!“ Der alte Vers hat zoologisch eine
+tiefste Wahrheit. Was für die Zeit der Erdgeschichte etwa, da der
+heutige Jura-Schiefer als Meeresschlamm sich absetzte, gut war im
+Sinne vollkommener Anpassung, das genügte für die spätere Epoche, da
+die heutige Kreide sich in der Tiefsee bildete, nicht mehr, -- und so
+fort. Einzelne stille Winkel hat es zwar immer gegeben, wo diese oder
+jene Art allen Wechsel überstand, ohne sich wesentlich dem Fortgang
+anzubequemen: so erklären sich jene überlebenden letzten Mohikaner
+urältester Tage wie jener Molchfisch und jenes Lingula-Tier. Für die
+Masse aber schuf jede neue Epoche der großen Erdentwickelung ein
+scharfes Entweder -- oder.
+
+Entweder die Tiere paßten sich den neuen Verhältnissen entsprechend
++neu+ an, oder sie +starben+ als unbrauchbar, als reaktionär
+geworden aus.
+
+Beide Fälle sind in Masse immer wieder eingetreten. Welche Veranlagung
+dabei über das „Wie“ des Weges entschied, ist freilich auch dem
+darwinistisch gesinnten Naturforscher von heute noch keine ohne
+weiteres beantwortbare Frage. Man ist versucht zu sagen, daß es
+jedesmal die Genies der Tierwelt waren, die sich umformten zu neuer
+Anpassung, und andererseits die Tröpfe und Trottel, die den Anschluß
+nicht finden konnten und unter den Tisch fielen. Wobei die Worte
+selbst freilich, von uns Menschen entnommen, vorläufig noch keine
+echte, tiefere Erklärung umschließen. Denn wir wissen durchaus nicht,
+auf Grund welcher innerlichen Weltverknüpfung nun etwa in unserem
+Menschenleben selbst hier ein Genie geboren wird und dort ein Trottel.
+Bloß das sehen wir klar, daß das Genie, wenn es einmal da ist, seine
+Zeit beim Schopfe nimmt und mit ihr hochschwimmt, -- während der arme
+Tropf in ihrer Welle elendiglich ertrinkt. Und dieses Verhältnis ist
+(hier hat Darwin zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen) für die
+alten Tiere jedenfalls ebenso maßgebend gewesen.
+
+Wer in veränderter neuer Zeitlage die entsprechende neue Anpassung
+darbot, der +erhielt+ sich, war Herr der Situation, -- wer sie
+aber nicht hatte, der +versank+.
+
+Immerhin läßt sich aus jenem guten Beispiel von den ungeheuer
+körperschweren, aber ebenso verstandesdürren Lindwürmern der Kreidezeit
+aber noch ein engerer Schluß zu diesem Hauptgedanken wagen.
+
+Je extremer, je einseitiger, je fanatischer, möchte ich sagen, eine
+Tiersorte zu einer Zeit ihre Anpassung an ganz bestimmte enge
+Verhältnisse getrieben, desto geringer scheint die Wahrscheinlichkeit
+gewesen zu sein, daß sie jene goldene Straße des Fortschritts noch
+einmal einschlagen konnte, desto größer der Zwang, daß sie tragisch
+unterging.
+
+Ziemlich unzweifelhaft liegt hier der Grund, daß so viele gerade der
+sonderbarsten barocksten und uns unbegreiflichsten Riesentiere der
+Vorwelt eben bloß noch als Gerippe im alten Gestein liegen, -- sie
+waren solche Extreme der einseitigen, nicht mehr beweglichen Anpassung
+ihrer Zeit.
+
+In neueren Tagen sind insbesondere von dem Privatdozenten Brandes
+in Halle interessante Vermutungen über dieses Aussterben extrem
+veranlagter Tiere geäußert worden.
+
+Noch in der sogenannten Diluvialzeit, also in den ersten Tagen, aus
+denen wir die Knochenreste von Menschen und die ersten Anzeichen einer
+eskimo-artigen, ganz niedrigen Kultur besitzen, lebte in Europa sowohl
+wie besonders in Amerika ein Geschlecht großer, löwenartiger Katzen
+von sonderbarstem Aussehen. Machairodus hat man sie getauft, das ist
+zu deutsch: der Säbelzahn. In der Tat führten diese Ungeheuer im
+Oberkiefer Eckzähne, die nicht bloß wie echte Raubtierzähne von heute
+als derbe Wehr und Angriffswaffe im Maule saßen, sondern die wie wahre
+krumme Säbel oder Messer über den Unterkiefer hinweg aus dem Maule
+vorsprangen.
+
+Man hat sich mit Recht gefragt, wie ein solches Tier überhaupt
+entstehen konnte?
+
+Es ist nicht mehr ein regelrechter Löwe, sondern eher die Karikatur
+eines solchen.
+
+Diese wahren Walroß-Hauer im Maul einer Katze scheinen durch
+Uebertreibung des Prinzips mehr einen Ballast darzustellen, denn eine
+Waffe, die wirklich noch zum Beißen Sinn hat. Man glaubt den Räuber,
+der ein Wild angesprungen hat, sich damit festbeißen zu sehen in einer
+Weise, die ihn förmlich festnagelt an den eigenen Zähnen, ohne daß er
+doch damit richtig packen kann.
+
+Wie soll eine so abstruse Anpassung überhaupt je zustande gekommen
+sein, -- an was hatte dieser Säbelzahn sich überhaupt angepaßt.
+
+Nun ist gewiß auffällig, daß wenigstens in Amerika, also gerade da,
+wo die Machairodus-Löwen mit üppigster Zahnentfaltung in Masse gelebt
+haben, aus derselben Zeit uns die Knochenreste kolossaler Säugetiere
+überliefert sind, die +steinharte Panzer+ trugen.
+
+Bekanntlich gibt es noch heute einige recht solid verpanzerte Säuger,
+-- so das Gürteltier, das in einem festen Hornpanzer steckt wie
+ein Krebs in seiner Schale. Heute noch gibt es solche Gürteltiere
+ausschließlich in Amerika, es sind aber durchweg ziemlich kleine
+Tiere. In den Tagen jenes Machairodus aber existierten im Lande
+dort Riesen aus der Verwandtschaft der Gürteltiere und der nah
+dazugehörigen Faultiere, die die Größe von Elefanten und Nashörnern
+erreichten, ja zum Teil noch massiver gebaut waren als der Elefant.
+Und auch von diesen Patriarchen besaßen viele den echten knochigen
+Gürteltierpanzer, bloß auch übersetzt in die Dimensionen eines
+Rhinozeros. Die sogenannten Glyptodonten steckten ganz darunter wie
+enorme Schildkröten. Einige Riesenfaultiere (Vettern des berühmten
+Megatherium) trugen den Panzer wie ein geheimes Kettenhemd innerhalb
+ihres dicken, obenauf mit gelbroter Wolle belegten Felles.
+
+Es scheint nun ein ganz plausibler Gedanke, daß die Existenz so
+zahlreicher Panzertiere am Ort, wo der Machairodus jagte, einen
+Fingerzeig abgebe dafür, wie sein abnormes Gebiß doch einmal einen
+echten Anpassungszweck gehabt haben könnte.
+
+Diese Ungeheuer im Schildkrötenrock hatten keine andere Waffe gegen
+ein aufspringendes Raubtier, als eben ihren Rock. Dumm waren sie ihren
+Gehirnen nach auch über alle Maßen, und ihr Gebiß war auf Blätter- oder
+Wurzelkost gebaut wie das von harmlosen Wiederkäuern. Aber ein Löwe
+oder Tiger von heute hätte ihnen immerhin ja auf den Buckel springen
+mögen zum „Löwenritt“: -- kein gewöhnlicher Raubtierzahn hätte diese
+harte Nuß aufknacken und dem Schalenbesitzer wirklich ans Blut kommen
+können. Ganz anders dagegen unser Machairodus. Seine Säbelzähne mochten
+allen Ernstes in die Hornwand einschneiden, mochten Panzerplatten
+losreißen und so den leckeren Braten bei lebendigem Leibe tranchieren.
+Ein fürchterliches, aber zum Zweck sinnreiches Tranchiermesser für
+Gürteltiere wäre also der Eckzahn des Machairodus gewesen seiner
+ursprünglichen Anpassung nach.
+
+Es ist aus diesem Gedankengang dann selbst wieder ersichtlich,
+daß diese enge Anpassung für so einseitigen Zweck später doch ein
+Entwickelungshemmnis und eine Ursache schließlich des Unterganges der
+Machairodus-Löwen aus sich heraus werden konnte.
+
+Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom
+siegreich angepaßten Machairodus, +selber+ ganz oder doch mehr
+und mehr aus, -- der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes
+Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, -- und jetzt
+rächte sich plötzlich die +zu tolle+ Anpassung, die Säbelzähne
+brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, -- er blieb zurück
+gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein
+Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon
+zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen
+Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher
+machen.
+
+Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will,
+daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der
+alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen
+Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich
+bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals
+wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein
+Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch
+von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den
+Angreifer mitgerissen haben könnte.
+
+Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut
+zu bieten.
+
+Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut
+die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich
+aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach
+kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen,
+oben wieder hineinwachsen.
+
+Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines lebenden
+Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins
+Unsinnige umschlagenden Uebertreibung.
+
+Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen
+Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, -- wobei
+er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das
+Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische
+Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber
+durch diese seine Riesenzähne +wehrloser+ gemacht worden, da er
+überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß
+durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner
+freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde.
+
+Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen?
+
+In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen
+Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind
+zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der
+Raubtiere nichts zu tun haben.
+
+Ihr Nutzen besteht für den Elefanten vor allem darin, daß er beim
+Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er
+faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen
+Stoßzahn ab.
+
+Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des
+Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit,
+in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst
+sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die
+Stoßzähne dort erworben worden.
+
+Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die
+große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und
+armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren
+sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen.
+
+Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch
+einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande
+unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis
+selbst geraten und unter guten Umständen (wie in Sibirien, wo in der
+Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere
+Zeit darin erhalten bleiben.
+
+Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich
+total überflüssig.
+
+Sie hätten ganz eingehen können.
+
+Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne
+allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne
+der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des
+ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil +immer weiter zu wachsen+,
+wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, -- etwa so,
+wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn
+man sie nicht künstlich kürzt.
+
+Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich
+stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß
+sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also
+trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch
+kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch
+einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten
+ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen
+sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in
+den Schädel ein.
+
+Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen.
+
+Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich
+dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese
+Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, --
+da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen
+Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke
+Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des
+Mammut.
+
+Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte
+sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin.
+Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast.
+Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete
+Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen zweifellos
+in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum
+Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem
+krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum
+Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den
+heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch
+ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem
+Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen.
+
+So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg.
+
+Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten
+Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch
+wieder zu ihrer Zeit.
+
+Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus
+Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus
+uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem
+Schlage der Hand.
+
+Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig
+dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da
+draußen vor meinem Blick.
+
+Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen,
+der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie
+in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse
+der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück
+der Weltentechnik, -- die vollkommene Anpassung, für die es keinen
+Stillstand mehr gibt?
+
+Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am
+Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle
+Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu
+einem Schluß zu kommen, -- Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung
+zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg.
+
+
+
+
+Vom Leben im Weltraum.
+
+
+Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß
+sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst.
+
+Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren;
+jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt
+an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein
+Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne.
+
+Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer
+Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen
+Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie
+kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies,
+daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in
+den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie
+draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans,
+in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst
+energisch gelöst.
+
+Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner
+rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder.
+
+Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers,
+der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich
+entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht
+diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten,
+ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen
+herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe
+Eisen wie in uns!
+
+Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum
+Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den
+unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne
+ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender
+Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: --
+wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht
+fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank.
+
+Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, +wie+ fest sie in
+der übrigen Natur hängen.
+
+Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie
+fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der
+schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir
+den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches
+Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers,
+besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber
+diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie
+ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf.
+
+Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt,
+er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar
+bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser
+warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen
+und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine
+wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch,
+der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester
+Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts
+als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für
+dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich
+augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer
+Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo
+hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende?
+
+Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius
+noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit
+des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen
+irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser
+Leib tatsächlich bis dorthin reicht?
+
+Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die
+Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben
+Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch -- was war
+diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche
+Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen
+Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige
+Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner
+Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses
+entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen
+eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit
+du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr
+an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens?
+
+Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es
+nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch
+wirkliches Leben existieren sollte.
+
+Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das
+Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie
+zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes
+in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet
+Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an
+das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In
+der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar
+alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so
+unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt:
+der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol
+selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere
+nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen
+in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um
+die Ränder dieses Schnees kreisen?
+
+Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All
+über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine
+strahlende Offenbarung.
+
+Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne
+geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum erstenmal träumte, auf
+all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte
+Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters,
+kam das zuerst.
+
+Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere
+Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf
+dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr
+erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt.
+Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten
+schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt
+und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen
+Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit.
+
+Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt
+war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall,
+nach wirklich sichtbaren Spuren.
+
+Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken
+gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt
+der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die
+eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre,
+eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges
+riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die
+uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen
+einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur
+durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das
+Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen.
+
+Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte
+Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in
+denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu
+entgehen.
+
+Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im
+Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde
+gleich den Meteorsteinen niederfalle.
+
+Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen,
+fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf.
+
+Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes
+durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich
+als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die
+Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt
+unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die
+vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal
+nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten.
+Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker
+Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein
+kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene
+Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen
+und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit
+den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte.
+
+Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut.
+
+Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere,
+zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen
+als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen
+diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz
+unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über
+hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In
+dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und
+ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond -- also ebenfalls leblos.
+
+So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die
+bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde,
+wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein
+Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des
+Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden✹....
+
+Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft.
+
+Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig
+wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten
+Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage
+angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte.
+
+Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken
+gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben
+selbst.
+
+Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten
+Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier
+märchenhaften +Zähigkeit+, die dem Leben innewohnt.
+
+Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt
+grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter.
+
+Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist
+das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings
+wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben?
+
+Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen.
+Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein
+Zeitungsscherz.
+
+Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese
+Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne
+des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur
+leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder.
+
+Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch
+nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das
+Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom
+Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit
+Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige
+Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und
+so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen,
+genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten
+Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber
+auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher
+Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt
+zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander.
+
+Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang
+sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft
+nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft in die Welt posaunt
+worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten
+vom zähen Leben.
+
+In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich
+getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus,
+befeuchtete sie -- und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine
+neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich
+geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt -- und
+das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert
+Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen
+hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken.
+
+Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger
+Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (_Macrobiotus_). Sie sind
+klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd
+noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen.
+Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber
+Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und
+dieser Staub mag +Jahre+ hindurch hierhin, dorthin wehen, als
+Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen:
+kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt
+das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus -- und ist,
+auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst
+und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt
+wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu.
+
+Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt
+fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei
+Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute
+noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen
+einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen -- auch
+das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die
+Bärtierchen sind unzweifelbar echt.
+
+Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges,
+jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit
+staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte.
+
+Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß
+kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier
+erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer
+Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs
+in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er
+dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man
+einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen
+ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für
+das ganze Leben.
+
+Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg,
+der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser
+abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen
+Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene
+Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen
+zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze
+hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also
+Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und
+kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius.
+Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser
+in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere
+Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in
+dieser Kochbrühe.
+
+Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener
+allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen
+heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht
+recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der
+ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des
+pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel
+der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen
+mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden
+Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze
+von hundertvierzig Grad.
+
+Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens
+annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam wieder von einem
+bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht:
+Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in
+der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre
+Keimkraft zu verlieren.
+
+Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer
+Bravour der Kälte trotzen.
+
+Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei
+höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren,
+daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder
+tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die
+Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen
+sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie
+gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem
+Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas
+sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere;
+als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche
+heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben.
+
+Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium
+anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte
+künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet
+erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich
+die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken
+herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das
+Leben geprüft -- und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte.
+Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null,
+so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die
+Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen
+Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad
+Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber
+ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst
+flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius
+erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und
+Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, -- er verlor seine
+Keimkraft, also sein Leben nicht!
+
+Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in
+Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches
+Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und
+keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf,
+als sei das alles noch nichts gewesen.
+
+Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr
+Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle
+allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder
+Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare
+Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen
+werden könnte.
+
+Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile
+empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub,
+der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des
+Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene
+Teile in den Raum hinein.
+
+An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden
+Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige
+Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst
+da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst,
+die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht
+durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen
+eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der
+Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin
+schwebt, losreißen und in den Raum werfen.
+
+Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende
+Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen
+Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen,
+flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen.
+
+Und wenn es nun mit verloren geht?
+
+Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere
+Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg
+nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, +daß+ sie recht kalt
+sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise
+wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste
+von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen,
+schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre
+dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem
+trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu
+sterben.
+
+Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim,
+auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht,
+genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten
+durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus
+sich hervorgehen zu lassen.
+
+Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern
+aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis
+im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden
+Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen
+eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen.
+
+Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist.
+
+Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne
+solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet
+hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem
+Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst
+spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft,
+immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und
+Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde
+gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf
+hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß,
+mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich
+als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja
+bezwang sie zuletzt als denkender Mensch.
+
+Das ist +eine+ Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den
+Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man
+den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus
+spinnen könnte.
+
+Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so
+prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten,
+luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt
+sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung
+vom Leben +nie zutrauen würden+.
+
+Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich
+den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch
+ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee
+sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren
+tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da
+unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die
+Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und
+erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an
+Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben.
+
+Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der
+Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen
+Erdenstern sei.
+
+Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern
+Anpassungen bewähren.
+
+Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg
+keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben
+von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so
+fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade
++so+ leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der
+Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der
+Maulwurf in der Erde leben können.
+
+Aber es +brauchte+ ursprünglich keineswegs überall so zu sein.
+
+Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform
+auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer
+Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung,
+ob hier nicht noch +Reste+ auftauchen einer +allgemeineren+
+Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und
+Kältegegensätze und an anderes mehr.
+
+Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste
+die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des Lebens denken
+könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das
+gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen
+des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein
+leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen
+aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen
+beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde,
+als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf
+niederschlug -- erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der
+Dinge „angepaßt“ und es wäre nun +das+ Leben entstanden, das
+fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann.
+
+Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste
+von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem
+Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft
+und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an
+genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung
+nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein
+Minimum von Luft und Wasser dazu.
+
+Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft,
+denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst
+der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“.
+Ein +beständig+ scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für
+„Leben“ rechnen.
+
+Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden
+Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit
+gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden
+muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen
+die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff
+gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie
+ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem --
+sie ziehen ihn nämlich aus +festen+ Stoffen, festen chemischen
+Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so
+viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt.
+
+Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe
+wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen -- eine
+einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran
+erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet
+hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie
+bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese
+Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden
+könnten. Aber man sieht: es +könnten+, wenn schon Pflanzen,
+so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein -- Pflanzen eben mit
+Mondanpassung.
+
+Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder
+angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch
+heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse.
+
+Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der
+Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker
+drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche
+von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen,
+kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden
+ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt
+oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer
+großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste
+Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem
+Grundplane ebenfalls anlegen +müßte+. Nicht die fahrigen und
+phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen
+von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister:
+nämlich menschenähnliche Intelligenz.
+
+Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der
++Anlage+ nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage
+des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut
+entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei
+uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen,
+wenn ihre Zeit erfüllt ist.
+
+Darum aber kann der +Weg+, den die Lebensentwickelung bis hierher
+genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein
+unendlich +verschiedener+ sein.
+
+Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit
+überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde),
+können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das
+„Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch
+unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder
+Darwin unterscheidet.
+
+Ihre +Kraft+ ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres
++Stoffes+ könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen,
+so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf
+Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte
+der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach,
+Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch --
+und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes!
+
+Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer
+gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse
+ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen +müssen+, einerlei,
+wie nun die +äußere+ Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren
+Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der
+Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das:
+„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen
+Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie
+etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die
+gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz
+bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird.
+
+Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken
+durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der
+kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei
+denen es sich zu verweilen lohnt.
+
+Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf.
+
+
+
+
+Die Küche der Urzeit.
+
+
+In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am
+Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm
+die süßen Früchte in den Mund hängen, -- und der Mensch, hinausgejagt
+ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend
+und hungernd.
+
+Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich
+in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen
+Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an
+jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger
+Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel
+auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele
+herrschten.
+
+Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen,
+Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und
+es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener
+Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die
+Lawinen der Eiszeit donnerten.
+
+Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat
+der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit.
+
+An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer
+seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig
+manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind
+buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures
+Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben,
+indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern
+gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen.
+
+Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen
+bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen
+Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen.
+
+Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die
+Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten
+folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete
+sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht,
+ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe
+Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder
+besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet,
+verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger
+bestehen heute noch✹....
+
+Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust
+und getafelt hat.
+
+Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis
+begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war
+noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne
+Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht.
+Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden,
+bedeckten Land und Küste.
+
+Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir
+sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut:
+rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete
+Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und
+kein Anzeichen von Ackerbau.
+
+Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die
+Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe
+auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt
+Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel
+geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die
+jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang
+systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme
+nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war
+hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung.
+
+Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen.
+Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil
+sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand
+noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch
+weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall
+ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen
+Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der
+Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee
+gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit
+andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem
+„Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als
+selbstverständlich rechnete.
+
+Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten
+hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen
+geblieben.
+
+Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei
+denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen
+wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das
+schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr
+viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren
+Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer
+vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es
+als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er
+lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen -- erst wollte er bloß
+solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder
+Vulkanbrand gegeben, zu bewahren -- dann lernte er, daß beim Schaben
+das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, -- und Prometheus war
+fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige.
+
+Mit der Herdflamme begann die Kochkunst.
+
+In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes,
+verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft
+und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu
+den Urwaldfichten empor.
+
+Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu
+leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier.
+
+Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das
+Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel
+und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper
+mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene
+Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem
+dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine,
+künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los
+jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“,
+den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden
+kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland
+ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten
+durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für
+Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist
+überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er
+die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent
+als Fürstenmahl.
+
+An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch
+kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von
+„Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste
+neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen
+Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht
+mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist.
+
+In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine
+Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas
+liegen sie um so reichlicher.
+
+Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe
+gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt
+ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang
+fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals
+im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war
+nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker,
+rot und weiß gescheckter Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel
+gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch
+vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den
+Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf
+die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm
+bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an
+den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte
+herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die
+Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie
+ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter.
+
+Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich
+„aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden
+immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu
+Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht
+Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche
+Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre
+Bestimmung erfüllt.
+
+Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß
+vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch
+und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der
+Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich,
+werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein
+großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten
+Stoßzähnen war.
+
+Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In
+Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer
+vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie
+eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß
+man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht.
+
+Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht
+frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist
+nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen
+Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden wohlkonservierte
+Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das
+Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten
+Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische
+Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die
+Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und
+verzehrt haben.
+
+Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander
+zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die
+Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen
+Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das
+lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene
+uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche
+Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt
+und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das
+Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den
+Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße.
+
+Wo immer man in den Kjökkenmöddingern wühlt: immer stellt sich eine
+gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem
+verloren gegangen ist.
+
+Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere
+deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr -- und damals war er ein
+Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich
+gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen.
+Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen
+Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein
+haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten,
+wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit
+er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, -- dieselbe Praxis, die am
+Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein
+schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch
+bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten.
+
+Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen,
+flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem
+uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben heute, steht er bloß als
+ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man
+für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger
+Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem
+Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser
+Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten,
+ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist!
+
+Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig
+aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals
+Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in
+jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land
+erobert hat, längst völlig verschwunden.
+
+Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden.
+Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den
+Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das
+schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche.
+
+
+
+
+Das Ende der Tierwelt.
+
+
+_Morituri te salutant_✹....
+
+Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren
+gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel.
+
+Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein
+Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es
+ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem
+„Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein
+Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten
+Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der
+Geier.
+
+Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im
+Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller.
+
+„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er
+gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten
+einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den
+wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen
+tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte
+sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy
+habend ein leiblich fleisch und weich gebein“.
+
+Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs
+einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“
+(Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran,
+geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte
+Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er
+aus erster Hand gibt, hatte ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung
+festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man
+jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte.
+
+Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor
+der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll
+jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben.
+
+Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten
+zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen
+„Waldrapp“.
+
+Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu
+vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel
+und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt
+Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen
+Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort
+„Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit
+haust.
+
+Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng
+wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser
+Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt.
+Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch
+in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp,
+dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden
+könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt
+nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt
+haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals
+unmöglich sei.
+
+Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch
+in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner
+hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch
+nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen
+Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen.
+
+Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre.
+
+Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, Hartert
+und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen,
+besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild
+und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen
+Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W.
+von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick,
+der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber
+er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger
+Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt
+ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich
+findet.
+
+Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit
+metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem
+Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel -- ein +Ibis+.
+
+Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in
+Schwärmen in altem Gemäuer, z.✹B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat,
+und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus.
+
+Es ist einfach derselbe Vogel.
+
+Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die
+Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis
+besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen
+Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, -- kurz,
+ein typischer Landesvogel war. _Geronticus eremita_ lautet der
+wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden
+asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben
+erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von
+Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände,
+in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die
+Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum
+erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt.
+
+Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns
+heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden.
+Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im
+Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der
+Türkei und verfliegt sich ab und zu auch einmal vereinzelt bis nach
+Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter
+Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in
+Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder
+Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem
+ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf -- ausgestorben
+buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner.
+
+Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab,
+zeichnen vielleicht sein Schicksal.
+
+Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer
+ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es
+waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s
+doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse
+ausgeblieben, -- verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet.
+Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft
+registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke
+einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter
+den Tisch -- und was für eine interessante.
+
+Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse
+jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert
+sind, sich noch bis heute erhalten hat.
+
+Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher,
+ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein
+einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig
+sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach
+zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der
+ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen
+ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft
+zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und
+Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist?
+
+Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über
+Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was
+hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine
+Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu Buffons Zeiten, war er
+noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf
+den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß
+zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete,
+klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen
+Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen.
+
+Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder
+Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel
+auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt
+still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer-
+und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist.
+
+Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur
+überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel
+ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig
+vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten
+auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art -- wie lange, steht dahin.
+Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der
+letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden
+Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte
+Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der
+Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. _Tempi passati!_
+
+Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile
+gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands
+noch wiederzufinden.
+
+Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus
+entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als
+Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten,
+der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen
+Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen
+gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab,
+systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine
+Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend
+erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er
+mit diesen ein deutsches Tier, unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine
+Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und
+Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er
+ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten.
+
+Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien,
+Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses
+sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der
+deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese
+wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und
+Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die
+damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen
+hineinlagen.
+
+Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von
+Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht
+den europäischen Löwen.
+
+Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen
+Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und
+streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er
+erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten,
+bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm
+Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt.
+
+Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit
+in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder
+Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen
+Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz
+war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner
+trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes
+Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar
+heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder
+lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus,
+die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter
+Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, -- so ist auch der
+Wisent für immer in der Welt dahin!
+
+Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der überhaupt
+der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere
+wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es
+gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport
+wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu
+bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn
+geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen
+lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland
+einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen
+zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird,
+wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall,
+wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne
+Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt.
+
+So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von
+Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück
+Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der
+Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen
+bewohnt war.
+
+Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der
+europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig
+Stück an der Elbe und Mulde vorhanden.
+
+Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast
+immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie
+die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich
+(ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser
+Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem
+Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie
+Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte
+Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden
+mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt
+hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten.
+
+Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes
+kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten
+Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren
+deutschen Tierwelt heute.
+
+Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige
+Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum,
+der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume
+sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns
+jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit
+der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge,
+den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte
+Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils
+giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den
+bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt.
+Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern
+farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum
+Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den
+uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende
+heraufkommen, ins Gesicht.
+
+Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben
+uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben,
+die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim
+mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten,
+kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord
+treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben.
+
+Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen
+Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich
+las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung.
+Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott
+wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich
+an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht
+und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist,
+daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft
+leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen
+habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört
+habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme.
+Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte keiner.
+Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das
+Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen
+Storchs, die alle rapid eingehen.
+
+Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit!
+
+Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor.
+
+Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die
+Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch
+etwas Zoologisches neu zu schenken.
+
+Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner,
+in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand
+weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht,
+trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen
+sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In
+reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von
+Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau
+in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin
+-- sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der
+gegen das metallene Netz der Kultur stieß -- zu seinem Verderben.
+
+Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für
+Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei.
+
+Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen
+Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte
+wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die
+vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch
+all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und
+Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die
+getrockneten Korallen und Seesterne -- sie haben mir einen Todeszug,
+ein hippokratisches Gesicht, -- Gruß der Sterbenden.
+
+Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend
+Jahren.
+
+Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung,
+präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln,
+die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe,
+dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling -- überall steht
+ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen.
+
+Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich,
+aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen.
+
+Ein Totenkopf.
+
+Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist.
+
+Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer
+Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner
+singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der
+Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In
+den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte
+geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles
+Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem
+Tage verschwunden sein.
+
+In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie
+schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die
+der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im
+Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der
+Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die
+Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist.
+Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht
+nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen.
+
+In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen
+Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis
+auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem
+eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot;
+nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden.
+
+Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges
+mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen
+Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war.
+Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert
+dort landeten, verproviantierten sich fröhlich mit diesen wandelnden
+Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte
+Dronte war gegessen.
+
+Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator
+des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück
+wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die
+Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig.
+
+Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers
+vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein
+Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie
+Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag
+vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das
+Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen
+Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges
+Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei
+Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten
+diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen.
+
+Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische
+Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin:
+es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit.
+
+Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt.
+
+Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs
+selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger
+bleiben würde.
+
+Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in
+Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein
+Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der
+Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache,
+Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die
+wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft
+emporgestiegen.
+
+Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen
+Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich
+Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit
+den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft
+vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde,
+schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend
+wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last.
+
+Und dahinein eines Tages -- der nackte Mensch.
+
+Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so
+viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch
+anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen
+Raubtiere also!
+
+Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die
+Körpergröße.
+
+Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei
+ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley,
+daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls
+fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von
+manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen
+gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen
+sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer
+Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen
+allein kaum haltbar.
+
+In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das
+Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle
+Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu
+schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891
+entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen
+Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens
+volle Militärgröße.
+
+Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich
+vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil.
+
+Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm
+gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war
+ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses
+Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist
+als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei dem er eine
+ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz
+der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe
+haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier.
+Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch
+Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten
+Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch
+des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen,
+wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger
+zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen.
+
+Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff,
+mußte größer sein als er.
+
+Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben
+Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in
+Betracht als Größengegner des Menschen.
+
+Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort,
+denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom
+farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen,
+Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die
+einzige Qualle _Cyanea arctica_ gefährlich werden. Denn sie hat
+einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde
+Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie
+Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht
+dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich
+diese vierzig Meter Giftschnur wickeln.
+
+Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische)
+dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die
+indische Riesenmuschel _Tridacna gigas_, deren zwei Meter
+breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch
+blitzschnellen Schluß guillotinieren können -- zur leckeren Mahlzeit
+für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und
+der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig
+Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen
+zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß.
+
+Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere
+-- Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste
+sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend
+Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm
+_Megascolides australis_ von Gipsland in Australien, der zweimal
+so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde
+besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung.
+
+Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird
+noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der
+römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde
+Nase töten.
+
+Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an,
+nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen.
+
+Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den
+Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser
+aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon
+ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton
+Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten
+erschien, da es jeder Schüssel spottete -- diesem anderthalb
+Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim
+täglichen Bade begegnen mögen.
+
+Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer
+kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als
+wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß
+er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt.
+
+Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien
+nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die
+wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin
+verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen
+kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht
+wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten.
+
+Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht:
+die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so vieler
+Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist;
+das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische
+Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer
+mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke
+Ruderschaufeln Löcher beißen kann.
+
+Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser
+Reptilien im ganzen längst herum.
+
+Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf
+den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und
+dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit,
+jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der
+eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota,
+der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der
+Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und
+der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee
+wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den
+Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der
+zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den
+Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich
+so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen
+Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens
+drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der
+Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in
+denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat.
+
+Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge,
+als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem
+wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine
+besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat
+er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste
+Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland
+die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er
+damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon
+für sein Museum zu spät kam.
+
+So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner.
+
+Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie
+in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns
+in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor
+Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem
+Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere,
+dem Höhlenbären und dem Tiger.
+
+Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt,
+sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der
+Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15
+Fuß des Mosasaurus gebracht hat.
+
+Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch
+in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der
+Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends
+um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt
+antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das
+Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu
+entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können
+uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange
+mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder,
+und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen
+schon so gut wie ausgerottet.
+
+Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten
+noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der
+Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser
+Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die
+Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen.
+
+Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich
+von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel
+Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im
+Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie
+beim Walroß vorspringender Messer trug.
+
+Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in
+einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute
+noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst
+ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der,
+wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf.
+
+Und doch das alles eines Tages im Absturz.
+
+Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück
+Menschenhaushalt selbst, als Haustiere.
+
+Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze
+müssen selbst ihn schon schützen.
+
+Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer
+Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die
+Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das
+alles?
+
+Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt
+an ein Stück Feuerstein.
+
+Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen
+mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit
+haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage,
+gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein
+liegt des ganzen Rätsels Kern.
+
+Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der
+Eiszeitgletscher.
+
+Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum
+Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug.
+
+Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung,
+diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten
+Köpfe der übrigen Tierwelt -- der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und
+das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des
+Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches.
+
+Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen
+Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe
+bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein
+Schlag mit der flachen Hand eine Mücke.
+
+In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen
+hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke,
+der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht.
+
+Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie
+schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die
+Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete.
+
+Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel.
+
+Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt
+„ausgestorben“ -- ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt!
+
+
+
+
+Die Anfänge der Kultur bei den Tieren.
+
+
+Natur und Kultur sind keine Gegensätze.
+
+Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung.
+
+Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der
+Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in
+schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller,
+pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint
+er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie
+zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers
+geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal
+aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr
+Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn.
+
+Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche
+Lichtpost des Auges hin die Hand.
+
+Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht
+nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen
+gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft
+wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um
+die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich
+hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des
+Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus,
+begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung
+daran.
+
+So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich
+in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres Wunder, als es in
+jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur.
+
+Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“.
+
+Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing
+die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten
+Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich
+nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in
+grandiosem Schwunge erhob.
+
+Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der
+Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst,
+ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser
+Kultursinfonie.
+
+Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf
+sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes -- Knochen,
+Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen -- hinauszugehen zu
++Werkzeugen+, zu totem Material, das erst indirekt durch die
+Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird.
+
+Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote
+Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen
+des Ufers herabschleifen.
+
+Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen
+der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in
+dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein
+Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“
+hat hier gebaut: der Ameisenlöwe.
+
+Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen
+seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem
+größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber
+als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die
+ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut.
+Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne
+mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur
+mangelhafte Beine und gar keine Flügel.
+
+Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet.
+Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er
+glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit
+seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten
+vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein
+wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit
+seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der
+Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen
+jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel:
+immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem,
+also zur Kultur.
+
+Da führte die Sache selbst weiter.
+
+Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem
+losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine
+rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters
+saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst
+zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein
+Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum.
+Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes
+wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre:
+eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe.
+
+Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen:
+die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal
+regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei
+mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über
+den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog
+durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand
+von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ
+es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle
+war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß.
+
+Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein
+weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen
+Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig zögernde Besucher
+seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu
+schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal
+besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in
+üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit
+Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und
+Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand
+übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da
+treibt er es unentwegt heute noch.
+
+Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser
+kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen
+Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu
+nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das
+Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“.
+
+Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der
+Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit.
+
+In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch
+jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich
+nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last
+zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand
+und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des
+Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode.
+
+Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten
+Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn
+zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten
+Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen
+ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine
+Minierspinne _Cteniza fodiens_ auf Korsika erfunden. Sie baut sich
+halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll
+mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke
+aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats,
+einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer
+Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck
+von innen aufklappt.
+
+Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit einer Nadel
+öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein
+Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen
+zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in
+feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen
+Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie
+verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge
+Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet.
+
+Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von
+dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem
+Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze
+Wasserkäfer des Müggelsees _Hydrophilus piceus_ löst das Problem
+alljährlich noch.
+
+Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine
+schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April
+sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem
+legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt
+er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst
+hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine
+Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich
+dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt
+er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest
+in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist
+oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks,
+da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack
+jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig
+langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen
+Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht
+zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So
+darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht,
+in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die
+wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine
+Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt,
+sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip
+der vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten
+unterseeischen Bootes modernster Konstruktion.
+
+Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine
+irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch
+die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie
+längst die Wasserspinne, die _Argyroneta aquatica_.
+
+Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft
+sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe
+nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja
+beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form
+einer anhängenden Perle mitzuführen.
+
+Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug.
+Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen
+und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie -- und
+mit mehr physikalischem Glück -- auf den systematischen Luftfang. Im
+Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten
+Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines
+halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie
+zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und
+fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund
+zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der
+Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen,
+wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert
+sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke
+geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist
+es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen
+einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch
+wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir
+klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten!
+
+Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll
+altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im
+Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche
+Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch einer selbsterbauten
+schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, -- noch kein Mauerwerk,
+sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein.
+
+Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der
+Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert
+er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib
+hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine
+ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie
+ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung
+lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer
+Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe.
+
+Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen,
+stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen
+in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund.
+
+Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch
+unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden
+Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den
+zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das
+Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft
+umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei
+Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen
+verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche
+verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den
+wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke
+Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus
+dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen,
+kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf
+Pfahlbaurosten.
+
+Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich
+weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon
+hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders
+günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner
+Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr sollte die Karte
+dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis
+von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein
+künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es
+heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch
+wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber.
+
+Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel,
+einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem
+stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der
+Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken.
+Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter
+wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten
+geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne
+Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern,
+künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim
+flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das
+Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die
+Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein
+Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst✹....
+
+Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart,
+die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut
+und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als
+billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst
+voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten
+entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege
+einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige
+Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren
+Wurzelanhängsel.
+
+Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft
+sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse
+geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe
+gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz
+der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall,
+gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über
+ihren Blattlauskolonien auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese
+Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung.
+
+Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe,
+führt die Termite auf.
+
+Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus
+Papiermasse erbaut, -- macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt
+sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen,
+chitinhaltigen Speichel dabei vermischt.
+
+Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die
+raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer.
+Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und
+mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine
+reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen,
+die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer,
+der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn
+der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des
+Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und
+auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten
+reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes
+aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt
+endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock
+die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer
+echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter
+Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und
+schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte.
+
+Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar
+jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein
+organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht:
+sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen
+geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat
+dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar
+dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe
+in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich
+projiziert, scheint der Prometheusfunke wirklich reines Menschengenie,
+solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die
+Herdflamme, denken.
+
+Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch
+Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch
+dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier
+durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses
+australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser
+und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft
+seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die
+künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden
+Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau,
+was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet
+die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken
+aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen
+Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft
+klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt.
+
+Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische
+Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt
+und Blätter regelrecht damit aneinandernäht.
+
+Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf
+Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre
+Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken
+zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der
+Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch
+ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz,
+daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen
+Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt.
+
+Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein
+zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen
+und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden:
+„Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger
+Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten
+Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem
+verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: in den Gemeinden der
+tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit
+warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist
+nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen.
+Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die
+Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“
+
+So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der
+Mensch erfüllen sollte.
+
+Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen
+herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende
+Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das
+Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem
+wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso,
+wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha,
+Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große
+Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme
+Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden
+Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was
+„Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene
+Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich.
+
+
+
+
+Die Affensprache.
+
+
+Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen
+Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen.
+
+Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett -- eine
+Märchenstimmung!
+
+Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem
+die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff
+verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell
+noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in
+dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen
+sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur
+Naturgeschichte.
+
+Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den
+Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch
+geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen
+Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten.
+
+Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte
+einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik -- die Romantik des
+Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der
+Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns,
+die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus,
+der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen
+und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt -- der
+Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“
+
+Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache
+der Affen“ lese.
+
+Es ist ein ernsthaftes Buch -- und das ist der gute Witz der Sache.
+
+Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil
+der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist,
+wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen
+und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm
+erklärt.
+
+Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze
+Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur
+zum Reden zu bringen.
+
+Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und
+wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein
+glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht,
+durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen
+dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir
+nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum:
+der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und
+wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf
+unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter
+solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat
+der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium
+und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem
+Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume
+hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich
+zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der
+Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares.
+
+Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich
+herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem
+Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei;
+die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft
+widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie
+im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub
+verstecken -- sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das
+Feuergelb des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin
+Gift -- und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen,
+daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen
+Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich
+bin schön, liebe mich.
+
+Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen
+nicht auch unterhalten?
+
+Es ist freilich noch ein Unterschied.
+
+Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören
+dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen.
+
+Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die
+Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes
+aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb
+der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze.
+
+Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines,
+hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei
+ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses
+Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz,
+und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht
+eine Sprache habe.
+
+Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht,
+daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können
+und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen.
+Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater.
+
+Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden
+Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein
+allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein.
+
+Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen
+am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen
+mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die
+Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch
+ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen
+und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht
+besser, als es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner
+durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den
+schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber
+jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten
+Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen
+und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle.
+
+Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst
+eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der
+Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht
+sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen
+ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe
+besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die
+Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer
+Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der
+Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von
+Sänger und Sprecher in unserem Sinn, -- der reinen Möglichkeit nach.
+
+Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken
+zur Menschensprache nicht enorm sei.
+
+Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles.
+Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich
+geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde
+Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf
+sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche
+leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen,
+stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war
+freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis
+der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines
+einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn.
+
+Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte
+unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von
+Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang
+des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch
+bereits abhängig vom Gehirn, ist eine Geistestat, bloß noch eine, die
+in den Innenbau des Leibes selbst eingriff.
+
+Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese
+Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt,
+nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift,
+äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine
+entscheidende Rolle gespielt hatten.
+
+Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser
+Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon
+sichtbar werden.
+
+Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat
+auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits
+erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer
+der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien,
+von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die
+Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen
+stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer
+gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige
+auseinandergefallen.
+
+Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung
+gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine
+Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten
+einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen
+Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte -- sich also ernstlich
+einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte.
+
+Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets
+garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas
+bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, -- es wäre eben ein
+Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung
+überhaupt.
+
+Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter
+„Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die
+Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie
+es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „_The Speech of
+Monkeys_“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat.
+
+Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort rein
+humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem
+Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen
+ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger
+sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten,
+sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein
+Bild für Witzblätter.
+
+Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich
+liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten
+deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das
+ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter
+Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit
+im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht
+erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und
+findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin.
+
+In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für
+Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs
+nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst
+offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus
+der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten
+Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst
+ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode
+interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man
+nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht
+das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da
+macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner
+zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten
+Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so
+kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus
+dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir
+der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie
+erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text
+danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs.
+Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich.
+
+Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen Garten in
+Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten
+gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen,
+die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß
+die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren,
+bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor
+ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft,
+und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde
+aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen.
+
+Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst
+nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze -- sondern
+um ein +Signalwort+. Solche Signaltöne haben aber eine Menge
+sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die
+Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich
+von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil
+besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick
+des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses
+einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte
+Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir
+längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen.
+
+Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache
+immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er
+auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit.
+
+Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute
+auf, die sie je nachdem erzeugten.
+
+Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen
+Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph
+absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft
+wieder, wie man wollte.
+
+Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm
+vorgedreht, und er reagiert darauf!
+
+Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit
+voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein
+leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, dann ein echtes
+Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes
+Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des
+Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu
+rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn
+der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ
+„Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im
+Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen
+jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans
+Fenster schlug.
+
+Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine
+Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit
+dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige
+Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies
+der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht
+zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort
+erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein
+gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls
+außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich
+zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind.
+Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen
+sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern
+Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn
+er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine
+ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige
+Mosaik geben.
+
+Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten
+und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über
+kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel
+einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert
+in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit
+„Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint.
+
+Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie
+bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest umrissenes
+Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in
+der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe
+entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß
+man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners
+unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten.
+
+Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der
+menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben
+im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit.
+
+
+
+
+Das Schnabeltier.
+
+Vom Säugetier, das Eier legt.
+
+
+Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel
+hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles
+Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.
+
+Ziert, -- ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden
+dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus.
+Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner
+Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so
+schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und
+wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen
+Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar
+merkwürdig.
+
+Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt.
+Das Märchen vom Schnabeltier, -- vom Säugetier, das sich herausnimmt,
+Eier zu legen.
+
+Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes
+Raritätenkabinett.
+
+Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben,
+ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als
+alle Dichtung war die Konfusion.
+
+Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein
+schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen,
+war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als
+würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern
+weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an
+der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern.
+Linné gab feste Namen, und er brachte diese Namen zugleich in eine
+Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein
+unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet
+seither.
+
+Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des
+ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer
+Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen
+der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam
+eingeschmolzen.
+
+Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.
+
+Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen.
+Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere
+Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder
+Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und
+als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher
+wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches
+an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich
+der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten
+Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.
+
+Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da
+stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große
+Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.
+
+Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem
+System selber erwuchs.
+
+Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz
+bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die
+selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur +selbst+,
+in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen
+stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte
+Rubriken wirklich +gebe+.
+
+Hier stand ein Vogel -- hier ein Fisch -- hier ein Säugetier. Da
+war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine
+unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich
+wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien,
+Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen
+alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie
+vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine philosophische
+Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau
+dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“
+worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich
+„miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen
+worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der
+andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art
+ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab
+sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie
+ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung
+treu bewahrte.
+
+Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst
+die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt
+hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen
+Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte
+Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die
+Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, -- und was an
+neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es
++mußte+ ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also
+geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte
+zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und
+Zweifel geben konnte.
+
+Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres
+passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende
+des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.
+
+In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen
+worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald
+bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische
+Welt.
+
+Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein
+kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in
+eine englische Privatsammlung verirrt hatte.
+
+Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine
+Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also
+wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.
+
+Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines
+gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten +Schnabel+ zu tragen,
+der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.
+
+Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés
+etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das
++zwischen+ Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das,
+sagte die Theorie, +konnte+ es doch nicht geben. Wie der Astronom
+sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild
+plötzlich ein großer Stern: „Das +darf+ nicht sein.“
+
+Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen
+Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es _Platypus
+anatinus_, den entenhaften Plattfuß. Das Wort _Platypus_ war
+aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder
+fallen.
+
+Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein
+Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen
+Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.
+
+Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche
+Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals
+unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks
+Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“,
+den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn
+als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig _Ornithorhynchus
+paradoxus_: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“.
++Schnabeltier+ hat sich in der Folge als kürzeste deutsche
+Bezeichnung überall eingebürgert.
+
+Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den
+strikten Anhängern Linnés lieb war.
+
+Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe
+Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles
+durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen
+und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen
+gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse der Säugetiere als
+Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“,
+nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte,
+just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum
+Säugetier.
+
+Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus!
+Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien
+beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit
+Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden,
+dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste
+Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das
+lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es
+damit beim Schnabeltier?
+
+Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer
+wollte seine Kinderstube überwachen?
+
+Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und
+behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar.
+Dann half alles nichts: es war +kein+ Säugetier. Aber was war es
+denn?
+
+Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde
+im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie
+Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb
+nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz
+neue Klasse der Wirbeltiere.
+
+Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel,
+Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also
+jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen -- immerhin eine etwas
+bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um +eines+ Vertreters
+willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen
+ganz allein?
+
+Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt
+als Fehlgriff entlarvt.
+
+1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus -- und Meckel hatte
+nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster
+Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die Sache, es stellte sich
+auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin
+recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings
+nicht abzuleugnen.
+
+Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich
+vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war
+nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber
+gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen
+könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß
+das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche
+liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber
+noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die
+Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und
+drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis
+Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der
+Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den
+Schnäbeln ihre Suppe.
+
+Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition
++doch+ ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in
+so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere
+verließ und einsam für sich ging, -- einsam für sich auf Straßen, wo im
+System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.
+
+Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und
+zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter
+den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an
+die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht
+mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen
+Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von
+Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine
+langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus
+Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte
+es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der
+Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein
+solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von +beiden+ noch
+etwas hatte, das +noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs+
+zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?
+
+Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der
+großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den
+Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann -- ging man zur
+Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und
+seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System
+eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne
+von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war
+ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich
+denkender Mensch.
+
+Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als
+sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier
+selber, wirklich sehr übertrieben worden.
+
+Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der
+englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“
+einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so
+rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.
+
+Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!
+
+Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere
+Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen
+es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst
+gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre
+leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die
+Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und
+einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen
+austapeziert.
+
+Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die
+jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen,
+an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein
+Bruchstück einer Schale -- nichts. Die Eingeborenen hatten einmal
+wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet✹....
+
+Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber
+für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.
+
+Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die
+Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre
+des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus,
+sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war
+übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen
+jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt
+das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.
+
+Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man
+leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen
+hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“
+mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch
+so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein
+gewöhnliches Säugetier blieben +verschieden+, darüber bestand
+auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf
+gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle
+Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste
+Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein
+Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch
+näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch
+mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man
+an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man
+jetzt als besonders wichtig nach +Uebergangsformen+.
+
+Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor
+aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus
+nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der
+Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung
+der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin
+ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon
+in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem
+Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder
+recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man
+hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der
+heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen
+Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache
+und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der
+menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der
+irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen,
+erschlossen ist.
+
+Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit
+dem haushalten, was man besaß.
+
+Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem
+Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen
+einzigen -- den sogenannten Amphioxus -- noch lebend im Inventar
+mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen,
+wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte
+ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen)
+fischähnlicher Tiere -- die Molchfische -- den entsprechenden Uebergang
+vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte.
+Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine
+einzige absonderliche Eidechsenart -- die Hatteria aus Neuseeland
+--, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige
+Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und
+krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten
+Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das
+passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des
+Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines
+längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige
+Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig
+befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.
+
+Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für
+die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr,
+die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die
+Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber
+die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere.
+Welche Tierform, lebend oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen
+hinauf? Und den Uebergang von wo aus?
+
+Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus
+bedeutsam werden mußte.
+
+Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes
+Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel
+oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten.
+Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel
+ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche
+Entwickelung glaubten -- was aber damals allgemein verlacht worden
+war -- das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls
+eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese
+Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere
+und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.
+
+Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue
+Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig
+herauslockte -- und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie
+damals durch Bennett.
+
+Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte
+Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde
+erhalten hatte.
+
+Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande
+so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel.
+Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich
+diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es
+aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites
+und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen
+schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt
+es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte
+griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.
+
+Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen
+die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier
+festgestellt.
+
+Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, Wilhelm
+Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines
+Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur
+gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich
+gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie
+sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen,
+erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen.
+Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen
+hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern
+da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber
+ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher
+greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im
+Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber
+die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also
+auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse✹....
+
+Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und
+gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein
+Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in
+dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit
+ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und
+die Tatsache stand zum erstenmal +ganz+ fest: beide Schnabeltiere
+legten Eier!
+
+In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch
+und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das
+Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen,
+daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels
+in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen
+konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die
+eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres -- des
+Molchfisches Ceratodus -- gründlich zu studieren.
+
+Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten
+im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer
+Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen
+Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, eine
+zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der
+Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen
+Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die
+Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige
+Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden
+weiblichen Ameisenigel.
+
+Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an,
+zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei
+mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere
+der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh
+gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue
+Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf
+den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren
+Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die
+überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen,
+während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig
+gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.
+
+Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier
+zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren
+famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein
+ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke
+Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden
+zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten
+abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln
+mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In
+Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer
+gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei
+ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von
+Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen,
+aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche
+geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt
+der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber
+spricht sich weniger günstig aus. Das Wasserschnabeltier ähnelt auch
+darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt.
+Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde,
+die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich
+verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in
+absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.
+
+Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen
+Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine
+Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über
+eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.
+
+Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei
+untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch
+dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen
+Geschöpfes aufgehellt.
+
+Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche
+Ameisenigel nur an +einem+, nämlich dem linken Eierstock reife
+Eier.
+
+Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben,
+wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch
+um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter
+immer noch in sie eintreten, -- ein Vorgang, der sich allerdings so
+nun wieder +nicht+ bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt,
+daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen;
+bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer
+Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.
+
+Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn
+Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen
+Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn
+oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine
+Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die
+unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und
+vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen
+Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser
+besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben,
+wissen sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren
+Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend
+und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen,
+daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als
+Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer +Ahnen+
+wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das
+junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch
+oder Fisch.
+
+Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein
+Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen
+zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so
+gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind
+sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide
+wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.
+
+Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die
+Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert
+vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage
+hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art
+Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese
+Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit
+der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle
+sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin
+hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat
+mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst
+jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht
+jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu
+engen Gefängnisses zu sprengen.
+
+Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum
+Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte,
+wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen
+der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze
+eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand
+durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige
+Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die
+leere Eihülle, das Junge aber benimmt sich jetzt zum erstenmal als
+echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen
+abgesonderte Milch -- eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen
+Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu
+unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.
+
+Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter
+erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das
+Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die +ganze+
+Entwickelung einrechnet.
+
+Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende
+Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes
+Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt
+Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige
+Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und
+zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie
+sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für
+das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife
+wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den
+frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch
+daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“
+
+Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte
+hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat
+er in umfassender Weise Material gesammelt.
+
+Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt
+über das Geistesleben der Landschnabler.
+
+„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der
+Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen,
+die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen
+abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem
+es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt
+zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus
+dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein
+ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen
+Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird
+sich eben in einem Geschöpfe anders projizieren, bei dem diese
+Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn,
+Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders
+ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht
+an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt,
+ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche
+Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht
+schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir
+dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich
+dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die
+Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren
+Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als
+die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und
+höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere
+steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang.
+Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen
+und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber
+verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz
+in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so
+lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft.
+Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel
+werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter
+nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten
+gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen
+von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren
+weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem
+Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht
+gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter
+mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren
+an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht
+fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch
+zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei
+nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen
+hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit,
+daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die Schnüre durch die
+Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß
+ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann
+den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht
+einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig
+zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit
+dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier
+über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen
+Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn
+der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde
+aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer
+weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang
+es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren
+nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten
+Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der
+Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in
+einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack
+in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung
+zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an
+den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ.
+Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen
+ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der
+Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch,
+der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen
+Beigeschmack verleiht.“
+
+Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch
+ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier.
+
+„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn
+die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang
+und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am
+Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die
+ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände
+unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß
+Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt.
+Zuweilen liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder
+ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle
+aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des
+Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ -- (Ich zitiere weiter nicht
+aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen
+Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das
+Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es
+plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter
+Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf.
+Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach
+Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken
+und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt.
+Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die
+Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter
+langen Exemplaren von _Corbicula nepeanensis Lesson_ strotzend
+gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den
+Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu
+sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und
+plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen.
+In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im
+Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken
+und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die
+Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter
+und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem
+Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang
+wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und
+Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht
+lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt,
+daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang
+anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die
+unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu
+werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem
+oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen.
+Wird das Tier, wenn es sich im Wasser befindet, erschreckt, so taucht
+es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem
+Wasser befindlichen Zugang. Obwohl _Ornithorhynchus_ ein guter
+Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser
+verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz
+verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet
+man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist
+nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das
+Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk
+versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es
+auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange
+das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm,
+genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht.
+Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt,
+nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der
+Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut
+bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen,
+als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald
+wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn
+es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal
+verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an
+dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist
+es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur
+nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen
+bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie
+einen Auerhahn.“
+
+Zu den vielfältigen körperlichen Absonderlichkeiten der Schnabeltiere
+gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein
+des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist.
+Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für
+einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit
+einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller
+Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding
+funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste
+aller Säugetier-Waffen. Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das
+Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos?
+Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ
+sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte
+nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich
+mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier
+wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten
+von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und
+von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist
+Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm
+keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie
+er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient
+als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler.
+
+Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der
+Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische
+Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die
+beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend
+wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, -- einem
+Punkte, der allerdings nur am +lebenden+ Objekt und nicht daheim
+im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte.
+
+Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von
+sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur.
+
+Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad
+Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere
+(einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis
+vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer
+dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den
+Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen,
+kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt
+hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch
+Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts.
+
+Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde
+Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis auf 25 Grad herunter,
+-- fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als
+diese!
+
+Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der
+Schnabler in den weitesten Grenzen +schwankt+, also bald höher,
+bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es
+wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen.
+
+Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer
+eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine
+untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden
+darwinistischen Denkens weiterspinnen.
+
+Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische
+Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht
+mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört,
+daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der
+moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf
+getrennten Tierklassen ineinander glaubt, -- er wird als geradezu
+selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang
+bilde vom +Vogel+ zum Säugetier.
+
+Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich
+hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und
+keine andere.
+
+Und doch: wie so oft, geht es auch hier, -- das Nächstliegende ist noch
+nicht das Richtige.
+
+Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels
+Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas
+zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse
+abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom
+Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang?
+
+Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich
++nicht so+ ist.
+
+Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über
+die Blutwärme.
+
+Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen
+Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren
+Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der
+Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen.
+
+Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von
+über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet -- also faktisch noch ein Teil
+blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein
+Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des
+Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz
+und gar nicht.
+
+Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil,
+bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden
+hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut
+wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von
+innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“:
+es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange
+in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen
+Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich
+auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein
+ganz willkürlich +schwankendes+ Maß, je nach der äußeren Luftwärme
+oder Luftkälte.
+
+Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien
+schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die
+weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern
+sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus.
+
+Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich,
+nähert sich nun das Schnabeltier, -- nicht aber der dauerhaft höheren
+Vogel-Temperatur. Es +ist+ natürlich noch kein Reptil, -- ganz
+gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den
+starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige
+Neigung zu sehr großen +Schwankungen+ im Normalmaße ein, -- kurz,
+man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend
+einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum
+Reptil, zur Eidechse!
+
+Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar von
+eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln?
+
+Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen
+höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das
+Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische;
+aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien
+(Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich
+als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch
+den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das
+Schnabeltier).
+
+Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die
+Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese
+Reptilien legen ja durchweg +auch+ Eier, gerade wie der Vogel. Und
+die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der
+Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt,
+gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz
+individuell.
+
+Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten
+Wunder, -- der seltsame Vogelschnabel!
+
+Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man
+nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist.
+
+Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier
+hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der
+Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der
+Ichthyosaurier, -- wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten
+Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber
+noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von
+Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die
+echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von
+Entenschnäbeln keine Spur.
+
+Also vom Vogel von +damals+ konnte das Schnabeltier gar keinen
+Schnabel erben!
+
+Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit
+unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals
+lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich
+zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach Känguruh-Art auf den
+Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den
+prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei
+diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings +auch+ noch
+winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, -- über zweitausend.
+
+Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser
+Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen
+Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber,
+scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von
+heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der
+paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein
+letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel.
+
+Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung
+niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in
+den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte
+Knochen erster echter Säugetiere überliefert.
+
+Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein.
+
+Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, +was+
+solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem
+Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann
+solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische
+Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der
+Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende
+Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe --
+und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade
+der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht.
+
+Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin
+aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen
+Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es
+sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die
+eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen.
+
+Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster Linie
+ausgesucht gerade +Zähne+ gefunden! Zähne und ganz und gar nichts,
+was auf einen zahnlosen Schnabel _à la_ Schnabeltier deutete.
+
+Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als
+Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts
+besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier
++nicht+ hat.
+
+In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen,
+das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat.
+
+Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz
+bestimmte, höchst charakteristische Form.
+
+Bei dem Tiere _Microlestes antiquus_ beispielsweise, dessen
+Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg
+entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen
+mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes
+Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende
+„Vielhöcker-Zähne“.
+
+Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich
+nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform.
+
+Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen
+Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen
+läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, +welches+
+Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in
+Ahnen-Wiederholung weisen möge.
+
+Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber.
+
+Das Wasserschnabeltier!
+
+Das +junge+ Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir
+als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und
+unten noch +je vier echte und rechte Zähne+. Und diese Zähne des
+unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen
+Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie
+im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal
+die Ahnen wiederspiegeln heißt -- diese Zähne sind ebenfalls winzige
+Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, -- -- was kein Säugetierzahn
+von heute sonst noch weist, das weisen sie: den charakteristischen
+Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen
+_Microlestes_.
+
+Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr
+viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten
+jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen
+Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so
+besitzt.
+
+Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste
+Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein
+der Trias-Zeit finden, +echte Schnabeltiere+ mit dem Eierlegen,
+dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u.✹s.✹w. der
+heutigen Schnabeltiere waren -- bloß mit der einzigen Abweichung, daß
+sie +keine Schnäbel+ hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß
+vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als
+vorübergehendes Milchgebiß zeigt.
+
+Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit
+gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel
+vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu
+erhalten: -- die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts
+zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt.
+
+Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr
+ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels
+verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise
+wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das
+Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die
+Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen
+bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der
+Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt
+der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne
+abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, -- so
+das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der
+raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art
+altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren
+Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist.
+
+Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen
+und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig
+Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“.
+
+Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben.
+
+Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz,
+deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele
+Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen
+noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich
+heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte
+aufschreibe✹....
+
+
+
+
+Das Tierleben der Großstadt.
+
+
+Vor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer
+Fang gemacht.
+
+Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers.
+Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen gespenstischen
+Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete
+endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand
+sich im Versteck hinter roten Bordeauxfässern -- ein Kiwi.
+
+Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den
+Farndickichten Neuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der
+riesigen Moas, deren Knochen heute noch, dick fast wie die von
+Elefanten, in den Höhlen dieser geheimnisvollen Südseeinsel liegen.
+Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Jardin des
+Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die
+Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht
+unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto
+gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt“ an einer ihrer
+unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den
+Fässern der _Halle aux vins_, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes
+Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln.
+
+Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von
+Tier und Großstadt auf der Erde.
+
+Unsere Großstädte sind durch die Bedürfnisse der menschlichen
+Intelligenz zu einer Art Arche Noäh geworden. Tiergärten und Aquarien
+holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt
+zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die
+Riesenschildkröte der Insel Aldabra, die in kurzer Frist in ihrer
+wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche
+Großstadttiere existieren werden.
+
+Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald
+mit, bald ohne ausdrückliche Absicht.
+
+Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche
+brasilianische Vogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich
+eingeschleppt mit importierten Hölzern.
+
+Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil
+ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit
+einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit
+miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis --
+heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar
+nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der
+Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“
+herübergekommen war.
+
+Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art
+geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder
+die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der
+Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen
+von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien
+ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei
+Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in
+einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer
+herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.
+
+Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der
+Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, -- die von selbst
+einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein
+Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel.
+
+Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der
+Großstadt selbst.
+
+Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der
+Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig
+hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern
+starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem
+und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.
+
+Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges
+Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses
+Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem
+Licht das Geheimnis der Großstadt.
+
+Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.
+
+Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus
+dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der
+„Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich
+noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in
+Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke
+die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen
+aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster,
+Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte
+Raum erwünschtes Versteck.
+
+Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als
+stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt,
+Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte,
+die Fledermaus, der Marder und die Eule.
+
+So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere
+ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.
+
+Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten
+Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da
+unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende
+kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt.
+
+Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches
+patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich
+verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer
+wuchs der Domturm ins Blaue -- und in ihm siedelte sich mit treuer
+Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den
+Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik
+gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der
+Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst
+umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die
+Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell
+in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der
+Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein
+Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung -- Mäuse und schädliche
+Insekten -- sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des
+Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der
+Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet
+ist, wird er es sein.
+
+Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes,
+zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.
+
+In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge
+Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie,
+in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen
+deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß
+mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten,
+gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250)
+allgemein da war.
+
+Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen
+zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die
+braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa.
+Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem
+Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga
+überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen
+gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809
+erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England
+erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um
+die Welt gegangen.
+
+Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die
+Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz
+von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in
+einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt.
+
+Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen,
+diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten
+wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war
+für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit
+gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des
+Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in
+die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz.
+
+Die Pariser Belagerungsratte taucht hier auf, die vielgefürchtete
+„Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen
+Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk
+nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der
+Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht
+die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr
+fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch
+anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten
+Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten
+ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen
+Hauses schwarz geworden ist.
+
+Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr
+die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um
+so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt
+ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare
+Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen
+sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe
+gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis
+ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus
+mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe
+überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen
+Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine
+Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke
+übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich
+durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht --
+dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot.
+
+Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß
+gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen
+Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis
+herausgenagt -- ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich
+ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt
+worden.
+
+Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in
+der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist?
+
+Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich.
+
+Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein
+so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt
+und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden
+kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer
+polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein
+Spätzlein sättigen kann!
+
+Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das
+interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich
+im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller
+sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug
+gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer
+natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die
+Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen
+Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist
+darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.
+
+Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, -- wer will
+es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst
+als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen
+Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und
+Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist
+er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie
+bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen
+Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz,
+seit alter Germanenzeit ein segenbringendes Hausgeistchen des
+Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.
+
+Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn
+bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe
+kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den
+wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas
+und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht
+fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet,
+wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer
+Hyazinthen geschmückt hatte.
+
+Sein Triumph aber ist die Großstadt.
+
+Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten,
+öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle.
+
+Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter
+uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des
+Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen
+die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit
+jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes
+Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos -- und dazu eines
+waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt
+routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden
+Kultur beiseite -- nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge
+eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein,
+zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als
+unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös -- wie kann man denn
+bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto
+sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell
+von mir Notiz zu nehmen.
+
+Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei
+hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud
+stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen
+werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die
+Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte
+den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber
+läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von
+seinem Keifen, wenn er gerade recht dabei ist -- er wechselt ein
+Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen,
+schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.
+
+Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle
+am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des
+Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive
+heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in
+einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen
+der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste
+Grundmelodie zu vernehmen war.
+
+In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses
+Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika
+im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der
+sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes
+ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie
+aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den
+Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die
+Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im
+ganzen wohlbefestigten Stadt.
+
+Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im
+Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.
+
+Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck.
+Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in
+der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine
+förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten
+Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun
+der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien
+Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der
+Großstadt.
+
+Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen
+und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen
+Weltstadt hängen können.
+
+Eine Weltstadt -- und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die
+Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar
+endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische
+Ziffer steigt -- die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das
+tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen,
+eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken -- gegen
+Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen
+können!
+
+Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der
+Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten
+Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt --
+und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins
+Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal
+die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller
+Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen,
+weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins
+Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie
+wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.
+
+Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen,
+märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der
+sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus
+dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut
+der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener
+tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten.
+Große Teile von Paris sind so entstanden.
+
+Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen
+dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin,
+auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein
+Schimmelfleckchen ist.
+
+
+
+
+Keplers Traum vom Mond.
+
+
+In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar
+übersetzt worden: Keplers „Traum“.
+
+Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch
+alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen
+Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.
+
+Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine
+Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene
+Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler
+ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige
+Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie
+eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel
+Gewaltigeres.
+
+Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel
+glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, -- mitten im Vollglanz
+mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches
+Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen --
+und Irrtümer. Und das bis heute.
+
+Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle
+seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber
+hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit
+kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?
+
+Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung
+überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist
+nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes,
+wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, --
+nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis
+heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die
+Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde
+sind.
+
+In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der
+nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das
+mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich
+übertrieben ist.
+
+Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die
+je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das
+doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens
+war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb
+dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens,
+der menschlichen Deutung voneinander los.
+
+Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen
+Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des
+Zweiten von Habsburg und Wallensteins.
+
+Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste
+zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen
+Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal
+jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der
+Geburtsstunde strahlten.
+
+Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte:
+eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge
+des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem
+Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in
+diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber
+um +diesen+ Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine
+ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das
+ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen,
+die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in
+diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze
+sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen.
+Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind,
+das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.
+
+Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine
+Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte
+und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind
+war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder
+grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht
+bestand.
+
+In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das
+bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische
+Harmonie.
+
+Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die
+Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber
+mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien
+dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen
+war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb
+er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige
+Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“
+
+Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler
+mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, -- bis
+zum Verzweifeln.
+
+Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie
+die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich
+fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.
+
+Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn
+gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern
+und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer
+Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des
+Sonnensystems unter sich.
+
+Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen
+Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als
+Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue
+Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt
+erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis -- ein Stück Welt, in dem
+ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische
+Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.
+
+In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und
+sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand.
+Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen
+Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz
+andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige
+Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler
+und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm
+schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng
+wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.
+
+Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!
+
+Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres
+Gebiet für seine tiefe +künstlerische+ Sehnsucht fand. Der Traum
+erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder
+jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen
+Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt
+künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren
+Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten
+wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.
+
+In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster
+Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen,
+beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen.
+Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich
+„stimmend“, -- das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter
+zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, -- bis zu dem goldenen
+Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit +unermeßlich+
+ineinandergeschachtelter Harmonien hing.
+
+Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers
+strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte
+wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.
+
+Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und
+die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der
+Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide
+zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine
+Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf
+dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß
+beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute
+endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.
+
+In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen.
+Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das
+Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder
+Fechner zurückzukehren, -- zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne
+Zwiespalt.
+
+In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine
+bedeutende Rolle.
+
+Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran
+geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das
+ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen
+großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten
+umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn
+blieb. Von allen blieb er auch +nach+ Kopernikus noch der Erde
+treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.
+
+Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die
+Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, -- wie würden
+die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf
+der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab -- das klassische
+Altertum hatte schon an so etwas gedacht --, wenn diese Mondbewohner
+Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, -- wie erschienen ihnen
+die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?
+
+Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig
+Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß
+die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes
+als Sternwarte aus.
+
+Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so
+Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über
+Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen,
+wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom
+Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.
+
+Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so
+etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf
+dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.
+
+Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er
+es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es
+lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen
+Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben.
+Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der
+Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in
+scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie
+wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein
+Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“
+
+Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller
+Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete,
+die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine
+Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch
+begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst
+Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann
+noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen,
+die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen
+wertlosen Scherz.
+
+Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit
+hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die
+Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene
+Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch
+gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen
+und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er
+einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im
+Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in
+Wirklichkeit wohl nicht besteht.“
+
+Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne,
+als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er
+liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und
+hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen
+lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet
+seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er,
+daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt.
+Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer
+Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart.
+Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht
+Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine
+Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit
+draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt,
+daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen
+haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener
+Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer
+wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß
+der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt
+ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen
+über die Stränge.
+
+Keplers Geister -- die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der
+Astronomie -- schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit
+einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist
+von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel
+in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond
+selber hinweg -- also bei der Mondfinsternis, -- so ist die ganze Bahn
+frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich
+etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die
+Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und
+Erde steht, also seinerseits -- in der Sonnenfinsternis -- einen vollen
+Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.
+
+Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer
+Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den
+Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem
+Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit
+der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer
+aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders
+die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor
+wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen
+zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler
+sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde
+überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere
+Hülfe erfolgt.
+
+Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer
+Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir
+heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung
+der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir
+stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der
+Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so
+nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz
+gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches
+handhabt.
+
+Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist,
+wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen
+Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem
+Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“,
+-- und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die
+magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung
+die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von
+beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine
+Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“
+
+Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister
+alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne
+zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute
+das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem
+„Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, um in ihrer
+Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen.
+„Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer
+war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller;
+aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach
+der Mittagssonne um den längsten Tag.“
+
+Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus
+der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine
+verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich
+zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute
+sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele
+beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht
+festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim
+Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden
+hatte.
+
+Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns,
+wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es,
+als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher
+Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister
+tatsächlich in ihre Löcher kriechen.
+
+In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde
+gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist,
+mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig
+abgewandte Seite.
+
+Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß,
+wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite
+zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen
+keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch
++muß+ er sie gerade haben, +damit+ uns seine eine Seite treu
+bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe
+oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu
+merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so
+kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht
+und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie
+sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die
+Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß
+der Mond +nicht+ wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er
+läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand
+etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen
+wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die
+Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand
+um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst
+drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade
+auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst +davon+
+ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, -- die ewige innere
+Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines
+Erdbewohners Auge je überschaut worden ist.
+
+Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit.
+
+Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein
+ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse
+die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren
+Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, -- wer
+aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer
+fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“
+streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe
+Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte.
+Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese
+Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten
+Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein
+noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt,
+alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“.
+
+Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken
+eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei,
+hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos
+lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer
+wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von
+Astronomen, die an Eis auf dem Monde glauben. Sie finden keine andere
+Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch
+viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden,
+also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem
+Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben
+könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich
+nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre
+flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der
+Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach
+Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche
+Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum
+Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder
+etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur
+bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den
+absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze
+Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als
+die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig
+hineingelagerte Erde besitzt.
+
+Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück.
+
+Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht
+sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere.
+
+Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker
+singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat
+umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja
+beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler
+verrät uns, wie die Gesichter ausschauen.
+
+Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die
+Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen
+in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts
+ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die
+Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene
+Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt
+es, „weil Magellanika ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land,
+noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide
+Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“
+
+Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine
+andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers
+Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein
+überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben.
+Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor,
+-- es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im
+äußeren Umriß festzustellen.
+
+Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika:
+die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf
+Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den
+Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar.
+
+Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt:
+Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als
+dem andern; die Katze ist Skandinavien.
+
+Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In
+Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland
+dunkel zusammen.
+
+Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler
+kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen
+Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit
+geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars,
+dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben
+sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer
+wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre
+bei uns aufs Korn genommen haben.
+
+Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem
+Monde selbst?
+
+Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten
+vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen
+Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen,
+Strahlensystemen, Rillen, -- das Werk unendlichen Gelehrtenfleißes, an
+das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser
+Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten,
+prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie
+ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, -- bis auf jene
+Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die
+luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war
+das alles zu Keplers Zeit!
+
+Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte,
+wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der
+alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres
+Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von
+Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem
+Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen,
+Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle,
+ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste
+Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog
+Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag,
+worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre
+später ist das erste Fernrohr hergestellt worden.
+
+Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden.
+
+Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig
+Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht
+wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden
+Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch -- ohne
+vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers
+Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine
+Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte!
+
+Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie
+schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein.
+
+In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer
+ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in
+denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene,
+durchlöcherte Rinde, in der doch jede Zuckung erstarrt ist. Alles
+starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit
+den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das
+„hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte
+im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein
+Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich.
+
+Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei
+gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper.
+Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage.
+
+Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank
+sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche
+Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da
+hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das
+überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider
+noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als
+mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe
+Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt
+im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der
+Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er
+hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der
+Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der
+Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte,
+gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre
+in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß
+gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden.
+
+Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des
+größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht
+hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt
+der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt.
+Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit,
+als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte
+Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute
+wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze
+Planetensystem durchschweifen, unsere Sternschnuppen und vielleicht
+die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders
+weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne
+Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten.
+
+Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike
+Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns
+so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, +so+ blank poliert
+sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er
+dahinwandelte, +abspiegelte+. Die Flecken sollten einfach die
+wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische
+und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit
+dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen
+Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu
+bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der
+Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich
+und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu
+ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte.
+
+Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen
+Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans.
+
+Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher
+Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende
+Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen
+Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte
+das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen
+wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle
+Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur
+unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete
+Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da
+er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von
+oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im
+Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen
+gelassen, -- nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei
+Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen
+Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars bedeutsam geworden ist,
+ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen
+können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land
+und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für
+dichten Pflanzenwuchs.
+
+Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen,
+und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht
+Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz
+Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im
+Umfang hat, d.✹h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch
+sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde
+sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und
+von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden
+wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der
+von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren
+Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer
+abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser
+letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur
+Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie
+hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt,
+-- nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst,
+wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die
+zahllosen Kraterhöhlen ergreift.
+
+Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph
+zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach
+der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die
++Erfindung des Fernrohrs+.
+
+Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, -- meinem
+Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das
+Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit
+dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes
+etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom
+durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze
+bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es.
+Denn zu der Stelle kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis
+als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist
+der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst
+angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele
+tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht
+bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch
+gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder
+geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber
+das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres,
+Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt
+es.
+
+Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in
+seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte
+Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum
+Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer
+schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge
+wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein
+Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im
+Frühjahr 1610 herüber.
+
+Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem
+geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein
+sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung
+auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es
+zuerst zusammengesetzt hat, -- die Legende erzählt, Kinder hätten beim
+Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater
+aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater
+war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen
+bedeutete es eine neue Welt.
+
+Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus:
+er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander,
+und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig
+auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen
+Zauberrohrs überzeugen.
+
+Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift,
+dem „_Sidereus nuncius_“ (Sternenbote) Galileis, -- und zwar
+gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das
+bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die
+unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den
+urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho
+und Kepler bescheiden zurücktreten mußten.
+
+Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen
+von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die
+Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und
+damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles
+ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war
+seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig
+Einzelsterne dar. Wenig später -- und Galilei hatte Flecken in der
+Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z.✹B.
+Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas
+ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem
+altvertrauten Planeten Saturn, -- erst später ist klar geworden,
+daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn
+handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst
+korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte
+in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich
+Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen -- kurz:
+es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon
+erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind.
+
+Keine Entdeckung Galileis hat Kepler so bis in die tiefsten Gründe
+seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein
+Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in
+ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem
+Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat
+blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich
+und greifbar vor der Erfüllung steht und die +geträumten+ Dinge
++sieht+.
+
+Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in
+lebendigstem Bild.
+
+Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, vor
+Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“
+als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige
+Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die
+Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, --
+Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die
+Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis
+neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu
+einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen
+wäre.
+
+Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte.
+In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer
+wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu
+erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem
+Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als
++Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart+.
+
+Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder
+aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen
+eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon
+und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu
+mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem
+Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.
+
+Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender
+Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des
+siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes
+und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung.
+
+Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond
+befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden,
+bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d.✹h. tiefgelegene
+Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem
+Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig
+sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz
+für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige
+Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der Sonne, vielleicht auch
+gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in
+der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an
+diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen
+Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit
+dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles
+hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse
+zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens
+eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in
+einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen,
+teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr
+tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück,
+gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand
+des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt
+es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern
+daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines
+schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang
+durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist.
+Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der
+Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des
+sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn
+der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist
+er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der
+Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes
+sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen,
+die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile
+des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese
+Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig
+von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher
+und ertragen dadurch die Hitze.“
+
+Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt,
+Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das
+wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während
+des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes.
+
+Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch
+vollkommen spaßhafte Sache✹.....
+
+Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir
+auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen
+von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch
+schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus
+logischen Gedankengang.
+
+Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut
+kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“
+entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich
+entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte
+Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im
+gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine
+Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der
+Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der
+Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet
+werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer
+des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine
+natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen
+Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne
+Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in
+einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem
+Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen
+Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des
+Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel
+heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich
+durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch
+diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch
+im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens,
+meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte
+an.
+
+Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen
+von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne
+„natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur des Materials“
+hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der
+man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe.
+
+Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch
+widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht
+vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond.
+
+„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen
+auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen
+und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material
+bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen
+abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben,
+die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort
+durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers
+im Gleichgewicht gehalten. +Aber+ in den fleckigen Partien
+des Mondes ist die Gestalt der +genau runden+ Höhlen und die
+Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume
+etwas Gemachtes und zwar +gemacht von einem architektonischen
+Verstande+. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form
+eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es
+scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf
+dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um
+jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit
+jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der
+Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und
+die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen
+der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte
+und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“
+
+Daß die Mondbewohner -- einmal ihre Existenz vorausgesetzt -- gerade
+solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz,
+der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen
+in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie
+bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der
+Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz +anpassen+!“
+
+Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren
+Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich
+meine bei der Enträtselung des Planeten Mars.
+
+Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren
+Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen
+Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“.
+Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“
+in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen,
+für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas
+getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden
+Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage
+raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und
+mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder
+nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht
+haben. Keplers Schluß, -- bloß auf den Mars übertragen!
+
+Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so
+ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik,
++sein+ Fall tatsächlich +falsch+ war.
+
+Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller
+Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher
+Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“
+Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein
+schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle
+sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten
+an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers
+Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter
+Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern.
+
+Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch +heute+
+deshalb noch nicht klar wissen, +was+ die ringförmigen Mondgebilde
+nun +wirklich+ sind.
+
+Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den
+Schulbüchern steht?
+
+Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse Mondlöcher
+mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild
+heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie.
+Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die
+seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos
+„Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte
+Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht?
+
+Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto
+weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater
+entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren
+Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar
+nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen
+Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein?
+
+Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch
+eigentlich alles an.
+
+Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun
+die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“
+(wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des
+Abstürzens von oben kommender Massen wären, -- von Massen, vielleicht
+einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet
+war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach
+einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand
+kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem
+man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht,
+führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich
+die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes
+Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er
+alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, -- vorausgesetzt, daß nicht noch
+immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die
+letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren
+Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers
+von innen heraus noch +mitgewirkt+ und auch kleine echte „Krater“
+wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben
+haben könnte✹....
+
+Das mag als Bild genügen, -- als Bild, wie wenig wir noch heute „über
+den Berg“ sind.
+
+Den Mondberg!
+
+Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, -- mit jenem Lächeln
+aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar
+Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes
+Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des
+Menschengeistes.
+
+Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp
+und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist,
+der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, -- der „Traum im
+Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller
+Zerrissenheit des „Wirklichen“.
+
+
+
+
+Vom Krebs, der „vom Himmel fällt“.
+
+
+Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres.
+
+Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine
+weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr
+niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden.
+
+Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus
+allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen
+Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus
+der alten roten Laubdecke im Waldesgrund.
+
+Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener
+Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand,
+mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch
+ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und
+drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem
+Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer
+Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken
+einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang
+baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft
+impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten
+immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein.
+
+Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren.
+
+Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht.
+In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur,
+sollte es sich bergen.
+
+Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein
+echter, dauernder Tümpel bestand.
+
+In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune
+Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste
+Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde
+es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr
+trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren
+Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte
+Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich.
+
+An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste
+Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem
+dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln
+plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran.
+Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber
+ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier
+noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht.
+
+Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle
+Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der
+Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt,
+ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber
+in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage,
+der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und
+ich sah.
+
+Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser,
+bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen
+lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob
+sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde
+wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch
+aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß
+bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte
+von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen
+der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es
+fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam
+sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto
+deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf
+dem Rücken, die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf,
+hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist
+wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader
+schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven
+Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am
+Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch
+ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner
+Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist
+ein Krebs, -- im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt.
+
+Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt
+er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der _Branchipus_.
+
+Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen
+Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der
+Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für
+eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische
+Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für
+den Branchipus.
+
+Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort,
+überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum
+erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich
+starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines
+Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht.
+Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht
+naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der
+Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich
+scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes
+wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin,
+ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt
+vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das
+zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will.
+
+Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier:
+den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs
+sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. Von oben sieht
+er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von
+einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale
+brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen
+heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine
+sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich
+gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst
+wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar
+zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln
+unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar
+richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her,
+meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder
+„Schieler“.
+
+Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein
+Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem
+abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee.
+
+Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie
+dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und
+in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen
+Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel
+nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes
+Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe
+war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas
+durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel
+aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt
+wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien.
+
+Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten
+Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer
+nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei
+fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen
+wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers
+im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu
+durchstöbert.
+
+Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt
+in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit ist jetzt am
+stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz
+zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines
+der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender
+Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden.
+
+Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten,
+Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter
+der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich
+sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine
+Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der
+Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der
+ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein
+Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert,
+-- und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt.
+Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir
+aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich
+einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt.
+
+Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren,
+sagenumwobenen _Apus_, des „Ohnfußes“, wie das lateinische
+Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter
+Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt.
+
+Nun, da die zappelnde Schildkröte abwechselnd sich auf Rücken und
+Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen
+zu lassen, -- des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in
+der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander
+vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs
+enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel
+von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden
+Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die
+des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt
+in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine
+Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen
+Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den
+Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen
+gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den
+Löchern gucken. Ein absurdes Bild -- und doch steckt der Apus genau
+so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben
+durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem
+Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber
+in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie
+beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder,
+sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also
+„Kiemenfüße“.
+
+Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber,
+der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten
+braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote
+Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem
+_Apus productus_) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas
+an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen
+konnte.
+
+Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar
+Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten
+über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die
+Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu
+verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen
+und ihnen die Beine abbissen.
+
+Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte
+die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von
+allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie
+zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“.
+Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei
+Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der
+unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je
+auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt
+zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen
+eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes
+dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch
+ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten
+Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange
+des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche
+Komplizierung der Gliedmaßen.
+
+Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot
+er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten
+einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte
+die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die
+verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister,
+der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das
+wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter
+Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im
+Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder
+spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war
+ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr
+Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia.
+
+Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler
+mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur
+Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade
+damals +einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen+.
+
+Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich
+lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus
+beschäftigt hat.
+
+Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig
+sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und
+findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern.
+Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf
+beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der
+Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel,
+Wasserwanzen ein, -- wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem
+Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen
+bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung.
+
+Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, Radspuren
+und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend -- und hier
+auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten,
+wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die
+Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat.
+
+Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu
+bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und
+mehr, -- jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und
+füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer,
+als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich
+wieder und alles ist voller Tiere.
+
+Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem
+Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen?
+
+Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den
+Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit
+Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die
+Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben
+die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung -- und in diesen Lachen,
+mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in
+wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann
+sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher.
+
+Ja, was fällt nicht alles vom Himmel!
+
+Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als
+die meisten Menschen denken.
+
+Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine
+und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe
+nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im
+neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus
+dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad
+überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig
+bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen
+nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost
+zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend
+zu halten, aber in der Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom
+Himmel“ aus einer Regenwolke -- das fordert ja noch nicht einmal
+wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich
+in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend
+die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan
+Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter
+Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen
+sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß
+das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja
+gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine
+Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint
+er schon als ein Produkt des Regens.
+
+Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt
+worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche
+Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das
+einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses
+wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache
+nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in
+tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit
+eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.
+
+Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern
+nach noch keine zweihundert Jahre.
+
+In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab
+Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in
+Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen
+ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem
+Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens
+Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“,
+schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn
+es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn,
+für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die
+es für Füsse ansehen, ein _polypus_ heißen muß, bei mir aber
+_apus_.“
+
+Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich
+die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb
+aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert
+hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im
+System sein könne?
+
+Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung
+wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind
+aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter
+Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann
+Christian Schäffer.
+
+Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn
+herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille
+Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der
+Streitfrage glücklich auseinander gewickelt.
+
+Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu
+Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der
+Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus
+irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der
+wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer
+Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde
+denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer
+nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso
+mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen.
+
+Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus
+diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten
+eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung
+einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die
+Eier dabei?
+
+Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt
+mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren
+Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen
+rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie
+aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, -- und wenn man dann
+einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein
+Embryo gestaltet sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben
+Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben
+Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine
+fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen -- der echte Apus.
+
+Damit ist ein Streitpunkt sofort klar.
+
+Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen
+Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem
+Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier
+durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und
+plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren.
+
+Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich
+die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen
+kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare
+Trocken-Festigkeit haben.
+
+Ein weiterer Schluß wird möglich.
+
+In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der
+Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die
+Wanderschaft kommen. Es ist -- neuere Staubfälle haben es erst wieder
+bewiesen -- schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich
+eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise
+oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre
+Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind
+sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen
+jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel
+Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen
+sein! Staub -- und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen,
+warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt:
+warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte
+Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist?
+
+Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte
+Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des
+Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen
+waren. Es gelang ihm mit allem Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu
+entdecken. Was bedeutete wieder das?
+
+Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was
+nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und
+Wissenschaft einfach nicht sein +durfte+.
+
+Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen
+Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder
+waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete,
+was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß
+einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von
+denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße
+auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von
+sich gegeben haben.“
+
+Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche.
+
+Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und
+Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch
+gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder
+beobachtet noch richtig war.
+
+Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und
+Weib in einem Leib.
+
+Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in
+der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte,
+eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte.
+
+Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten
+Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen.
+Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine
+bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für
+seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun -- mit diesem Tümpel-Leben war
+wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff
+hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand!
+
+Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus
+lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen
+hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher,
+daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen
+Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie oft mochte nur eines
+kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus
+Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die
+Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden.
+
+Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von
+all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals
+nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt
+von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer.
+Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide
+Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene
+glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die
+Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort
+überhaupt keine gefunden hatte.
+
+Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach
+ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage
+an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm
+und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger
+Krebs vom Himmel fiel.
+
+Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche
+gar auch noch Ereignis.
+
+Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus
+und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen
+Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also
+echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein
+und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen
+haben.
+
+Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857
+führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei
+Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare
+Männchen des Apus sich tummelten.
+
+Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein
+„Naturgesetz“. Wer würde siegen?
+
+Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras
+gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die
+mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb ihres
+Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie
+vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier
+nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt
+in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen
+ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung
+zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen
+Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so
+hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja
+sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“
+doch immer noch eine kleine Sache!
+
+So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen
+Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber
+vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der
+Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen
+an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute
+so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein
+Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen,
+mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an
+kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut
+hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten
+Jahrhunderts gewesen.
+
+In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den
+sechziger Jahren auch der Apus.
+
+Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener
+„Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit
+Schrauben“ auf den Leib zu rücken.
+
+Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf
+ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der
+Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber
+einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen
+Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so
+wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In
+diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus.
+
+Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken,
+in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung;
+das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde
+die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen
+bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den
+Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen
+durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des
+Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung.
+
+Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs
+Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war,
+während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer.
+
+Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische
+Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz
+auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine
+weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann.
+
+Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist,
+die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen
+Ehekodex sich selber gesetzt hat.
+
+Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier
+aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das
+sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und
+Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein,
+-- abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung
+stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und
+das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem
+gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem
+Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für
+ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht
+im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren
+Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze
+Märchen wieder von vorne beginnen lassen.
+
+Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung gemacht, daß
+auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die
+Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des
+„Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der
+Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt,
+hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person
+die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier
+zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder
+wieder Königinnen) hervorgehen, -- oder aber durch Jungfernzeugung
+unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn -- eine Drohne -- entwächst. Im
+verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion
+eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das
+schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde.
+
+Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des
+Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner
+Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten
+Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann
+noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt
+und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete
+Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so
+wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch
+wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen
+minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im
+Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans,
+Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig
+entschieden -- und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das
+Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem
+fertigen Tier.
+
+So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt
+und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen
+Tierarche gefunden.
+
+Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind
+noch heute da.
+
+Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die
+kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser enthält, dem schönsten
+Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen
+könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip
+durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine
+absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer
+etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt
+entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern,
+die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines
+Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei
+dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben
+sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine
+Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß
+überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten
+kleinen Teich zeigt, -- bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen,
++ohne+ sich zu entwickeln.
+
+Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins
+Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das
+Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich
+zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen
+Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen
+Neuerungen aus.
+
+Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das
+aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es
+Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt
+machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, -- Handlungen, bei
+denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein
+geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.
+
+Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher
+Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen
+schon abreißen sollte.
+
+Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.
+
+Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat
+an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug
+rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft
+lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich der tollen
+Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung
+vorüberzieht.
+
+Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter
+klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen
+Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings
+gefunden worden sind.
+
+Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine
+Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich
+heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage
+vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke
+plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem
+Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber
+in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.
+
+Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie
+ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.
+
+Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu
+riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt
+wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den
+Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers
+schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze
+aus acht orangeroten Pfauenfedern.
+
+Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem
+leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch
+noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in
+gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn
+mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur
+nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen
+Futterplätzen zuführt.
+
+Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als
+Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie
+eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die
+„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier
+geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal
+das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus
+unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen
+völlig dem Wasser entzogen, wenn auch noch an feuchte Orte gebannt:
+das Kellertier oder der Kelleresel.
+
+Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt
+in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer
+lebendigen großen blauen Meduse.
+
+Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum
+genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist
+auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines
+hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.
+
+Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen
+Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der
+Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar
+seine Augen als überflüssig zuwachsen.
+
+Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.
+
+Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe
+besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es,
+die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000
+Kilogramm Speck ansetzen kann -- jede Schätzung erlahmt vor der Zahl,
+die dazu nötig ist.
+
+Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche
+Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein
+schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd
+durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.
+
+Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt,
+mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach
+oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen
+Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die
+eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst
+beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen
+parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.
+
+Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand
+halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen
+Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen
+durch diesen eigenen Laternenschein spähend.
+
+Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen
+Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf,
+-- und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge
+zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß
+kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen
+„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen
+Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas✹......
+
+Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei
+Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn
+kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres
+Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem
+größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng
+zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.
+
+Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber
+überhaupt beschreiben zu können.
+
+Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn
+so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem
+ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles
+und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem
+Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie
+er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden
+die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes
+Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten
+Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste
+Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für
+die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so
+besorgter, wohin damit.
+
+Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.
+
+Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs
+feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen
+Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem
+auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.
+
+Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann
+unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er
+denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch
+dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren
+Anschluß zu verrechnen.
+
+Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch
+wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn
+so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte,
+auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.
+
+Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.
+
+Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist
+bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei
+Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, -- ja
+der Gletscherapus (_Apus glacialis_) geht am Kap Krusenstern in
+Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in
+Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf
+Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der
+Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen,
+wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.
+
+Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur
+die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei
+verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein
+uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete
+Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken
+die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der
+Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.
+
+Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von
+Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.
+
+Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner
+Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen
+Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache
+Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon
+unendlich differenziert sich erweist.
+
+Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen
+bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen
+finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer,
+Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als
+„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus
+packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der
+Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen
+zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn
+man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht
+wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese
+Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der
+Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.
+
+Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.
+
+Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den
+Beinen.
+
+Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht
+und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die
+Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen
+so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im
+Prinzip macht es der Molukkenkrebs.
+
+Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit
+ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von
+denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er
+Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern
+Kupfer.
+
+So will er in kein System.
+
+Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes
+Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.
+
+Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen
+unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, -- in der das Bild der
+Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt
+zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das
+war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen
+erklingt.
+
+Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo
+der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie
+eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs
+herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen
+liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse,
+-- auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die
+Wunder des Apus studiert hat.
+
+Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die
+Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel,
+halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch
+wieder seltsameres Wesen.
+
+Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und
+Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie
+bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der
+ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.
+
+Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen
+krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei
+bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf
+dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, -- und diese Larve zeigt den
+gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen
+Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das
+die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von
+Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein
+Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals
+gräbt.
+
+Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt
+hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses
+eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute
+allerdings völlig die Erde verlassen haben.
+
+Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel,
+ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken
+herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen
+Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein
+Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit
+zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze
+ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als
+je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem
+Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war
+wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse
+er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits
+ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane
+eroberte, -- das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis
+vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und -- vor eine
+verschlossene Tür laufen.
+
+Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer
+Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er
+gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, -- es schienen ihm unklare
+Bruchstücke von Fischen zu sein.
+
+Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten
+ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf
+Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein.
+_Concha Triloba_ nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus
+ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler,
+Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl
+man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.
+
+Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden,
+vollends wenn sich herausstellt, daß es ein -- Krebs ist.
+
+Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige
+Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart
+gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren
+Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!
+
+Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam
+1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine
+Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so
+geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.
+
+Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein
+Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den
+Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei
+es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht,
+gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten
+nachgewiesen worden.
+
+Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend
+ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben
+die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in
+dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß
+die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib
+erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich
+in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es
+in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte
+Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht.
+Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier
+die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es
+nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich
+ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim
+Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb,
+und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und
+Atmungsorgan jeder zugleich.
+
+Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt
+in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften
+Apus von heute.
+
+Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste,
+stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten.
+Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: -- alle hatten sie nur
+ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite
+nichts.
+
+Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte
+nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen.
+Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend
+igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander
+zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit
+verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck
+angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500
+gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt
+die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur
+Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter
+Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine
+seitwärts noch offenklar herausstehen.
+
+Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die
+Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der
+Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang
+alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung
+herabgeschneit dasteht.
+
+Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon
+andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der
+Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich
+wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen
+wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem
+Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des
+Lebens auf Erden.
+
+Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie
+mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.
+
+Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle,
+aus der sich alles gebildet haben soll.
+
+Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber
+diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen
+Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist
+es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der
+sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit
+aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden,
+Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?
+
+Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der
+Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium -- und die Chronik
+schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.
+
+Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine
+noch ältere Erdenschale, -- aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von
+-- Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava
+eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die
+Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die
+Trilobiten. Vom Himmel -- aus dem All -- woher?
+
+Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen
+geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen
+Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.
+
+Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein
+„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs
+unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und
+er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen
+prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in
+die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen
+Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit
+soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum
+andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der
+da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem
+annoch weißen ersten Blatt?
+
+Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve
+bringen könnte, er sucht die Sterne.
+
+Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen
+Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese
+Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des
+leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch
+bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom
+Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?
+
+Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene
+Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle
+aufführe.
+
+Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus
+der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze
+Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten
+einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium
+gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen,
+weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren
+Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so
+vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind,
+daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses,
+sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte
+Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten
+Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also
+das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit
+ursprünglich schon tief im Text stand, -- so wie es bisweilen mit alten
+Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen
+gelesen worden sind.
+
+Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der
+Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet,
+die als solche dick vor Augen liegen.
+
+Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur
+Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und
+sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit
+basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist
+weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf
+einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber
+fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.
+
+Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein
+soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten
+noch vielerlei zu fragen.
+
+Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein
+hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette hinter sich
+haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze
+der Entwickelung.
+
+Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen
+Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm,
+der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung
+auf Erden geworden ist, -- von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst
+eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch
+festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische.
+Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten
+Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der
+Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber
+eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der
+Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?
+
+Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.
+
+Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus,
+eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer
+Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die
+Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil,
+das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst
+entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.
+
+In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts
+Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst
+entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine
+Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der
+Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu
+sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der
+Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende
+Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß
+der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser
+Lächerlichkeit gestorben.
+
+Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde,
+vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. Man nahm den
+Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen
+große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern
+parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten.
+War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch
+eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich
+hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben
+auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.
+
+Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die
+Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und
+andere kühn.
+
+Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man
+nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten
+Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte.
+Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.
+
+Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten,
+Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat
+auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit
+Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der
+große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode
+gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten,
+der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte
+Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der
+sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.
+
+Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener
+urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten
+äußeren Gestalten annähmen.
+
+Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch
+steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen
+Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die
+Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen
+Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.
+
+Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden andere
+kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus
+herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für
+Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat
+sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der
+Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth
+gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden
+krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen.
+„Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei
+ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen
+Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich
+heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige
+gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk
+in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste
+sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt
+wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in
+der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge --
+ein Scheitelauge -- saß.
+
+Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum
+weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich
+vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden
+zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum
+doch noch nicht.
+
+Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft.
+Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der
+schärfsten Art -- und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie
+ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.
+
+Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen
+Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen
+Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, -- aber nicht, daß ein
+Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.
+
+Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche
+Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut
+erklärt.
+
+Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen
+Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem
+großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich
+einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das
+sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig
+als freier Schwimmer paradierte.
+
+Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von
+Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge
+aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.
+
+Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat,
+da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht
+mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in
+stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne
+Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte,
+ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich
+geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in
+ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?
+
+Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im
+Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit
+ihnen ihre Wasser belebte.
+
+Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie
+über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn
+wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne
+Pflanzen sich entfalten können.
+
+Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines
+offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben
+wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer
+Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber
+gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese
+Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und
+Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der
+ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter
+den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig
+Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so
+einst ein Hauptheer dieser asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten
+Abgrund sein Wesen getrieben haben?
+
+Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten
+erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht.
+Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen
+begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer
+soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am
+wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch
+gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären,
+keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in
+seiner Regenpfütze uns bietet.
+
+Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt
+er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen
+Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder
+Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.
+
+Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.
+
+Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen
+Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts
+anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses
+Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.
+
+Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner
+jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt
+er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er
+eine ganze Weile sogar die freie Luft.
+
+Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft,
+wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer
+winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als
+igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit
+seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten
+Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben
+herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel
+die Fensterchen des Kapitäns.
+
+Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-,
+das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine
+Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten,
+daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese
+Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm
+äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst
+Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.
+
+Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich
+verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite,
+die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine
+Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über
+dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem
+Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging.
+Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich,
+wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre
+Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort
+dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern
+geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander
+gestanden haben.
+
+Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um
+so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen
+Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben.
+
+Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und
+der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der
+Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im
+hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein.
+
+Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen
+Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter
+seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es,
+als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang
+zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd
+und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde
+ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch
+Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat.
+
+So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem
+Querschnitt durch Jahrmillionen.
+
+Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere
+Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das
+begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf
+es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der
+Unsterblichkeit.
+
+Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da
+Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem
+Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache.
+
+
+
+
+Osterglaube.
+
+
+Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch
+noch ohne starke Farben.
+
+Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als
+gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das
+wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus
+tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf
+und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich,
+in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine
+Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf.
+
+Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein
+eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig
+Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim
+auf sein Wasserrevier.
+
+In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet.
+
+Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht
+heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen
+aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten,
+mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher
+Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt
+wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel
+gehäuft.
+
+Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die
+ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings.
+
+Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend
+karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der
+Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener,
+tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem
+Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt.
+
+Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte
+nur beschleunigt.
+
+Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der
+Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber
+darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme,
+die unser Grübeln auslacht. „Neu!“
+
+Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder
+erlebt sie sie.
+
+Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus
+einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in
+ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen
+fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in
+äonenfernen Tagen.
+
+„Neu!“
+
+Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt.
+
+Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten
+durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen.
+Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen
+sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der
+tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers
+der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein
+solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden
+berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser
+der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen
+Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als
+es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und
+Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen✹...
+
+An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden.
+Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch
+älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen
+Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen.
+
+Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf,
+vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht
+verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die
+lieblichen Muschelkalkberge Thüringens.
+
+Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein
+bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und
+Haifischen und Korallen.
+
+Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem
+Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre
+Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der
+Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist
+ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen
+über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten
+Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden,
+stehen heute noch im Berliner Museum.
+
+Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen
+trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen
+auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand
+und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine
+Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie
+wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten.
+
+An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt
+Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den
+Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche.
+
+Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt
+nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge.
+
+Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen
+Stellung der Weltatome begründet.
+
+Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder
+sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer.
+
+Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem
+gleichen Gesetz.
+
+Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem
+Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter -- das Wort:
+„selbstverständlich“.
+
+Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das
+Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur
+und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer
+wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung:
+mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt
+der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke,
+schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der
+Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht
+weiter.
+
+Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute
+wie nur je.
+
+Nicht tot zu kriegen ist sie.
+
+Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie
+der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht
+der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein
+Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus
+der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an
+den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle
+das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt --
+das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette
+Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es
+nicht finden können.
+
+Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr
+in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die
+Fenster ein!“
+
+Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“?
+
+Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder
+unserer Zeit, das Wunder aller Wunder.
+
+Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen,
+ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern
+daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem
+Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst!
+
+Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad
+wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen.
+
+Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie
+wunderbar das Natürliche selber ist.
+
+Als Natürliches!
+
+Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich
+will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich
+geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch
+wieder das höchste Wunder.
+
+Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen
+Geschehens.
+
+Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome?
+Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch?
+
+Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist!
+
+Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein
+Auferstehungsmorgen geschenkt ist -- das zweite, nicht minder große:
+daß es Verschiedenes gibt.
+
+Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle
+Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische
+Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem
+unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern
+auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge,
+eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem
+Auge noch wieder das alles schwimmt.
+
+Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten
+aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten
+beachtet wird: -- daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten
+das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich
+erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt.
+
+Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute -- diese
+zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die
+Entwickelung, der Fortschritt.
+
+Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als
+„selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare,
+daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie
+Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen.
+
+Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die
+Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu
+fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige
+einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen -- es hat
+gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch
+Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An
+der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten
+Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr
+ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte
+Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend
+Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt.
+
+Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines
+„Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden
+erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur
+möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der
+Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom
+Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern
+großen Ur-Wunder lag.
+
+Das Wunder des Natürlichen!
+
+Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den
+einsamen See.
+
+Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden
+Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das
+schelmisch die blanken Zähne zeigt.
+
+Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“.
+
+Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln
+stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir
+verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt.
+
+Es ist, -- mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der
+dunklen Höhle wirft.
+
+
+Ende.
+
+
+
+
+„=Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung=“
+vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft,
+die aus Anlaß des +Jahrhundertwechsels+ die letzten hundert
+Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten
+historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke
+im Verlage von =Georg Bondi= in Berlin erschienen:
+
+_Dr._ =Theobald Ziegler=, ord. Professor a. d. Univ.
+Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts.
+
+_Dr._ =Cornelius Gurlitt=, ord. Professor a. d. Kgl. techn.
+Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts.
+
+_Dr._ =Richard M. Meyer=, Professor a. d. Univ. Berlin: Die
+deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.
+
+_Dr._ =Georg Kaufmann=, ord. Professor a. d. Univ. Breslau:
+Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert.
+
+_Dr._ =Siegmund Günther=, ord. Professor a. d. techn.
+Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im
+19. Jahrhundert.
+
+_Dr._ =Franz Carl Müller= in München: Geschichte der
+organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.
+
+_Dr._ =Werner Sombart=, Professor a. d. Univ. Breslau: Die
+deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.
+
+
+Die folgenden Bände der Sammlung sind =in Vorbereitung=:
+
+_Dr._ =Heinrich Welti= in Berlin: Das musikalische Drama und
+die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland.
+
+_Dr._ =Paul Schlenther=, Direktor des K. K. Hofburgtheaters
+zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert.
+
+=Colmar Freiherr v. d. Goltz=, General d. Infanterie: Deutsche
+Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts.
+
+
+Ein jeder Band umfaßt etwa 800 Seiten groß Oktav, bildet ein
+abgeschlossenes Ganzes und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis
+von M. 10.-- (broschiert) und M. 12.50 (Halbfranz gebunden) zu haben.
+
+
+
+
+Stereotypplattendruck von +F. E. Haag+, Melle i. Hann.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***
diff --git a/76878-h/76878-h.htm b/76878-h/76878-h.htm
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+ Von Sonnen und Sonnenstäubchen | Project Gutenberg
+ </title>
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
+<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv dargestellt.
+<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe32 break-before x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ <span class="u">Original-Bucheinband</span>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p class="s2 center break-before mbot3 mtop3">Von Sonnen und Sonnenstäubchen</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h1 class="s2 padtop1">Von Sonnen und Sonnenstäubchen</h1>
+
+<p class="s3 center">Kosmische Wanderungen</p>
+
+<p class="center mtop2 mbot2">von</p>
+
+<p class="s1 center">Wilhelm Bölsche</p>
+
+<p class="center padtop3 mbot1">Vierzehntes bis zwanzigstes Tausend</p>
+
+<p class="center mtop1"><b>Volksausgabe</b></p>
+
+<figure class="figcenter illowe8">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/signet.jpg" alt="Signet: Georg Bondi">
+</figure>
+
+<p class="center mtop1">Berlin</p>
+
+<p class="center mtop1">Georg Bondi<br>
+ <span class="s5">1906</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+ <h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Rätsel in der
+ Milchstrasse.</b></span> Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Raetsel_in_der_Milchstrasse">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Entstehung der deutschen
+ Landschaft.</b></span> Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Entstehung_der_deutschen_Landschaft">47</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Der Kampf um die Haut des
+ Riesenfaultiers.</b></span> Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Kampf_um_die_Haut_des_Riesenfaultiers">93</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Der erste Vogel</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_erste_Vogel">126</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Weltgeschichte des
+ Nilpferdes</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Weltgeschichte_des_Nilpferdes">169</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Wunderwelt der
+ Radiolarien.</b></span> Ein Blick in die Tiefsee</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Wunderwelt_der_Radiolarien">201</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Warum die urweltlichen Tiere
+ ausgestorben sind?</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Warum_die_urweltlichen_Tiere_ausgestorben_sind">244</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Vom Leben im Weltraum</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vom_Leben_im_Weltraum">260</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Küche der Urzeit</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Kueche_der_Urzeit">275</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Das Ende der Tierwelt</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Ende_der_Tierwelt">282</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Anfänge der Kultur bei den
+ Tieren</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Anfaenge_der_Kultur_bei_den_Tieren">300</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Die Affensprache</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Affensprache">311</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Das Schnabeltier.</b></span> Vom
+ Säugetier, das Eier legt</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Schnabeltier">320</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Das Tierleben der
+ Grossstadt</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Tierleben_der_Grossstadt">347</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Kepler’s Traum vom Mond</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Keplers_Traum_vom_Mond">356</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Dom Krebs, der vom Himmel
+ fällt</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vom_Krebs_der_vom_Himmel_faellt">381</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="s4"><b>Osterglaube</b></span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Osterglaube">416</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
+
+</div>
+
+<p>„Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ nenne ich dieses Buch. Ein
+Sonnenstäubchen nur ist diese ganze lustige alte Erde. Ein Stäubchen
+dieses Sonnenstäubchens ist der Mensch.</p>
+
+<p>Aber Sonnenstäubchen sind wir Menschen auch im Sinne, daß wir selbst
+Kinder sind der großen Sonne, geboren und genährt von ihr. Sonnenblut
+rinnt durch unsere Adern, Sonnenträume rauschen durch unser Gehirn.</p>
+
+<p>Wie ein Sonnenstrahl durch ein dunkles Gemach fällt und die grauen
+Staubteilchen schimmern plötzlich selber in ihm wie kleine Sonnen
+auf — so tanzt unser Leben in dem Ausschnitte, den Sonnenlicht und
+Sonnenwärme durch den kalten Raum ziehen. Und doch sind wir alle auch
+wieder, jeder für sich, ganze strahlenwerfende Sonnen. Da schleudern
+unsere Gedanken ungeheure Strahlenbänder in die geheimnisvolle Nacht,
+und in diesen Lichtschweifen des Denkens tauchen alle die Zauberdinge
+erst auf, die wir leben. Da tanzen ganze Weltsysteme, Milchstraßen aus
+Millionen Sonnen als Sonnenstäubchen dieses unseres Gedankens. Sie
+tanzen und verwehen. Unendliche Jahrmillionen spinnen sich durch das
+Sonnenstäubchen Zeit unseres Lebensaugenblicks, — Urwelten, in denen
+Nebelflecke zu Fixsternen zerfallen und Sonnen zu Planeten und ein
+Planet zu Menschen, die das Brot brechen und sprechen: „Liebe deinen
+Nächsten wie dich selbst ...“</p>
+
+<p>Einen unermeßlichen Wust Staub hat die Naturforschung unserer Tage
+aufgewühlt. Manchem ist zu Mute, er solle darin ersticken mit Leib
+und Seele. Mir scheint es eine ernste Aufgabe, kleine Lichtkegel
+gelegentlich hindurchzuwerfen, damit dieser graue Natur-Staub
+wenigstens auf Momente zu dem auferstehe, was er doch in seiner
+Verkleidung tatsächlich ist und bleibt: Sonnenstaub. Was für Stäubchen
+gerade vorüber flirren, darauf kommt es mir weniger an. Es mögen
+Lebenskeime dabei sein und auch Mumienstaub. Wenn der Lichtkegel sie
+nur faßt und vergoldet. Er ist die Einheit dieses Buches — nicht die
+Staubteilchen selbst.</p>
+
+<p>Meine siebzehn Kapitel sind in ziemlich kurzer Frist hintereinander
+niedergeschrieben, alle aus der gleichen Laune und Weltanschauung
+heraus. Sie wurden niedergeschrieben mit der festen Absicht, daß ein
+Buch daraus werde, — nicht aber ist dieses Buch erst entstanden durch
+nachträgliches loses Aneinanderreihen unzusammenhängender Feuilletons.
+Wenn die Stücke zunächst da und dort in Zeitschriften einzeln
+erschienen sind, so war es das zerstückelte Buch, das so erschien,
+nicht erst das planlose Baumaterial. Einzelne Tatsachen-Wiederholungen
+sind dabei mit Absicht in den Text gebracht, ich halte es für
+aussichtsvoller, eine Sache kurz noch einmal zu sagen, wenn sie noch
+einmal als Beweisstück nötig wird, als den Leser zum Zurückblättern
+aufzumuntern.</p>
+
+<p class="s4 right mtop2 mright2"><em class="gesperrt">Wilhelm Bölsche.</em></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_1">[Pg 1]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Raetsel_in_der_Milchstrasse">
+ Die Rätsel in der Milchstraße.
+ <br>
+ <span class="s6">Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung.</span>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln.</p>
+
+<p>Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von
+Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert.</p>
+
+<p>Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der
+norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser
+bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und
+glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst
+bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen
+schwebt.</p>
+
+<p>Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude
+zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht,
+— trotz Rübezahl.</p>
+
+<p>Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in
+Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die
+Naturgeister nichts.</p>
+
+<p>Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte
+der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch
+dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und
+Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung
+der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus
+dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien
+mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere
+glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als
+Denkmal <span class="pagenum" id="Page_2">[Pg 2]</span>einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel
+in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren — kein
+Mensch weiß, wie lange schon.</p>
+
+<p>Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch
+selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt.
+Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man
+selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der
+Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme
+scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über
+die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch,
+— ein Riese.</p>
+
+<p>Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum.</p>
+
+<p>Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht
+sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an
+die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen
+Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen.</p>
+
+<p>Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte
+der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach
+Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal
+sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in
+die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als
+erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse
+sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel
+habe sie herabgekegelt&#8239;....</p>
+
+<p>Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache
+Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten
+Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann
+würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht,
+ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht
+würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge
+geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die
+Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren?</p>
+
+<p>Der Weg dehnte sich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_3">[Pg 3]</span></p>
+
+<p>Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein
+Licht. Ob es die Baude war?</p>
+
+<p>Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also
+wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber.
+Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise
+fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel
+gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen.
+Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze
+Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt.</p>
+
+<p>Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie
+Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines
+Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen
+streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und
+es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, — der
+Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er
+warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne.</p>
+
+<p>Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei,
+eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit.</p>
+
+<p>Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle
+aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes
+erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde
+Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann?
+Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes,
+phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes
+Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche
+Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen
+weckt.</p>
+
+<p>Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen.</p>
+
+<p>Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie
+kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, — daher das Wort
+„Milchstraße“.</p>
+
+<p>Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen
+und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es <span class="pagenum" id="Page_4">[Pg 4]</span>habe die Sonne einst
+eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei
+gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des
+rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen
+um die ruhende Erde, — warum sollte die Spur sich nicht einprägen?
+Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie,
+die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an
+sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete.</p>
+
+<p>Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten
+Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar
+verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter
+den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber
+auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener
+Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn
+seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge
+durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke
+aufeinandergepaßt wären.</p>
+
+<p>Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers
+aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts
+anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da
+die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches
+Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums
+dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem
+blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel
+verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan
+in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen
+Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte,
+durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen
+Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen
+Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im
+Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild.</p>
+
+<p>Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters,
+der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als
+Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_5">[Pg 5]</span></p>
+
+<p>Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas
+ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der
+moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren
+vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten
+Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht,
+die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung
+erlebt.</p>
+
+<p>Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese
+Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in
+moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in
+Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir
+heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante
+der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet
+sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem
+Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im
+Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns
+die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, —
+die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle
+hinab, sondern aufwärts will, — jede Planetenbahn ist eine Stufe
+höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe,
+die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle
+Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der
+astronomischen Welt.</p>
+
+<p>Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser
+Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen,
+weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur
+für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur.</p>
+
+<p>Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über
+das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen
+Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt.</p>
+
+<p>Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel
+brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht,
+das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land
+nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein <span class="pagenum" id="Page_6">[Pg 6]</span>Wilder eine Fackel
+entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, — Kolumbus fühlt die
+Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt,
+liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als
+bloß ein Land.</p>
+
+<p>Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der
+Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist
+die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem
+Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie
+als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig
+sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und
+der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt —
+und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor
+Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von
+Jahrtausenden tatsächlich zersprungen.</p>
+
+<p>Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des
+Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten
+Verzauberung erlöst.</p>
+
+<p>Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume
+schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen
+von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen
+ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den
+neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, — auch er ein Dichter in seiner
+Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in
+vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet
+unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die
+Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen,
+zunächst geht die Astronomie jetzt weiter.</p>
+
+<p>Und wieder ist es Nacht — und ein Stern glimmt, diesmal ein echter
+Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und
+beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte
+Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht
+die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres
+Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe,
+greifbar mit einem menschlich <span class="pagenum" id="Page_7">[Pg 7]</span>vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß
+mit dem logischen Gedanken.</p>
+
+<p>Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag.</p>
+
+<p>Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen
+Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den
+ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine
+Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch
+dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich
+der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um
+die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich
+uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit
+ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph
+von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die
+Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll
+aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn
+Pythagoras und Dante geschaut&#8239;.....?</p>
+
+<p>Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, — vom grünen
+Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt
+eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon
+der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses
+Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am
+Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden
+mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier
+zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns
+entfernt hohe Gebirge trägt.</p>
+
+<p>Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie
+durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus
+ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische
+Menschengeist wieder über alle Millionenfernen.</p>
+
+<p>Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne
+und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt,
+— wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser
+naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, <span class="pagenum" id="Page_8">[Pg 8]</span>ein mystisches Nichts?
+Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die
+Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine
+andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft
+wie der Granit, über den die Wasser rauschen.</p>
+
+<p>Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte
+Krönung des Gebäudes.</p>
+
+<p>Kräfte entwickeln sich auseinander.</p>
+
+<p>Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die
+Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen,
+fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge
+in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war
+vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke
+und doch öffnet er nochmals eine Welt.</p>
+
+<p>Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit.</p>
+
+<p>Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in
+unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit
+haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden.
+Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum
+Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines
+Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut
+und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze
+Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem
+kosmischen Nebel sich verdichtet.</p>
+
+<p>Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen
+ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges
+Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine
+Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie
+auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei
+und Newton.</p>
+
+<p>Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht
+sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit
+der alten Dante’schen Weltvorstellung, — die Heimkehr <span class="pagenum" id="Page_9">[Pg 9]</span>und die
+Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem
+moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum
+Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren
+Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die
+einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, — das Ganze
+steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein
+Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im
+gesamten Kosmos, — eine Welt, die Gott werden will.</p>
+
+<p>Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie
+des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die
+Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, — was bei
+Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich
+gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die
+ganze Ewigkeit zu Gebote steht.</p>
+
+<p>Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des
+Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das
+große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst
+wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht
+Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung,
+in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind
+auf der Bahn hinan.</p>
+
+<p>So war der Weg — und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf.</p>
+
+<p>Auf einen Berg war er geklettert, — ihn grüßte das alte glimmernde
+Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor
+Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung
+erschienen war.</p>
+
+<p>Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen
+aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt?</p>
+
+<p>Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen
+Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die
+bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große
+Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_10">[Pg 10]</span></p>
+
+<p>Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es
+schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen
+Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein
+Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese
+Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen
+Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif.
+Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im
+Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd
+als größter Kreis.</p>
+
+<p>Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug.
+Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte
+aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert
+war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch
+schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als
+Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der
+nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die
+ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde.</p>
+
+<p>Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.</p>
+
+<p>Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen,
+die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige
+Masse erschienen.</p>
+
+<p>Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne
+von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur
+wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte
+gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem
+Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker
+Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester
+Quelle.</p>
+
+<p>Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen
+Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen
+wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus.</p>
+
+<p>Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst
+von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die
+räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren <span class="pagenum" id="Page_11">[Pg 11]</span>Stadt Berlin läge.
+Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im
+Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche
+Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht
+mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch
+den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden
+durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die
+York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich
+hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im
+Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges.
+Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch
+Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und
+Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr
+Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen.
+Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und
+Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun,
+leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert
+Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor
+Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem.</p>
+
+<p>Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen
+Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch
+nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond
+wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, — um auf die
+nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha
+im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere
+Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000
+Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu
+uns zu kommen.</p>
+
+<p>Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich
+wagten.</p>
+
+<p>Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich
+perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder
+Lichtring — eine Milchstraße — entstand. Für dieses Sonnengewimmel
+mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz <span class="pagenum" id="Page_12">[Pg 12]</span>haben. Platz mußte auch der
+Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen.
+Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von
+Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist
+niederprasseln, — hageldicht.</p>
+
+<p>In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert
+ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll
+anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht
+werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der
+Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir,
+— er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des
+Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment
+im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts.</p>
+
+<p>Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie
+Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten
+sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen
+Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer
+waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff
+umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort
+umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel.</p>
+
+<p>Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter
+Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, —
+eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in
+den Schwanz biß.</p>
+
+<p>Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere
+Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden
+Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr
+der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, — er erschien
+hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie
+tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, — einsinken
+wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen
+Dichterphilosophen&#8239;......?</p>
+
+<p>Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender
+noch als alle früheren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_13">[Pg 13]</span></p>
+
+<p>Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften,
+hier vereinzelter, raumlassend schwebten, — — erschien nebelhaft
+dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, — eines ganzen, selber
+wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems.</p>
+
+<p>In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen
+<span class="antiqua">W</span> vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels:
+die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem
+Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem
+riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke
+ist die Andromeda.</p>
+
+<p>In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem
+zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612
+der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß
+dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine
+schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von
+Horn, — so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten
+Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne
+war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und
+hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja
+nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen,
+abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein?</p>
+
+<p>Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des
+Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis
+endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die
+„Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese
+Zeit kam der Moment, den ich meinte.</p>
+
+<p>Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn
+der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die
+Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der
+Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch
+zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils,
+sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des
+Lukretius bis auf ein Gebilde, <span class="pagenum" id="Page_14">[Pg 14]</span>so groß noch einmal wie diese unsere
+ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser
+Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen
+unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der
+Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß
+diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte,
+obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen
+war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem
+bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch
+zusammenschmolz.</p>
+
+<p>Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie
+es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der
+moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant.</p>
+
+<p>Er kannte keinen Schwindel, — also auch nicht vor dem Gedanken einer
+Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn,
+der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah
+er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß.</p>
+
+<p>In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein,
+ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das
+erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in
+der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort
+die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem
+Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems
+lernen, — so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer
+Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während
+der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter
+Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert.</p>
+
+<p>Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu
+können.</p>
+
+<p>Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der
+Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda
+wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren
+Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß
+diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel <span class="pagenum" id="Page_15">[Pg 15]</span>gar nicht in Sterne
+gegliedert war, — noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose
+Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie.</p>
+
+<p>Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme
+hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung
+darstellte. Dort war es vielleicht noch so, — bei uns war es vor
+Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens
+baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne
+aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so
+entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese
+Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene
+als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor
+Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter
+Schluß.</p>
+
+<p>Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch
+er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren:
+auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst
+charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe
+als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild
+unseres eigenen Systems sein?</p>
+
+<p>Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch
+vorzuliegen.</p>
+
+<p>Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener
+Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein
+von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und
+nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien?</p>
+
+<p>Im Gegenteil, sagt Kant.</p>
+
+<p>Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen,
+wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem
+System bildeten, — das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso
+erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen
+das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und
+weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform
+wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch
+bei uns so sein, — auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache
+Linsenscheibe bilden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_16">[Pg 16]</span></p>
+
+<p>Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender
+Tatsache.</p>
+
+<p>Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer
+flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal
+zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa.
+Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt
+nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der
+Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt.
+Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren
+Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen
+Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung
+dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen?</p>
+
+<p>Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite
+sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie
+hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich
+ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen
+auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in
+die Welt außerhalb der Mark — also vielleicht auf andere, entfernte
+Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand
+— erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der
+Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals
+dasselbe Schauspiel, — denn auch hier bohrt sich der Blick durch die
+geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen
+wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in
+der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung
+wählte?</p>
+
+<p>Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten
+Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch
+die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze
+Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes
+Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in
+Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht
+sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich
+dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch
+eine und so eine ganze <span class="pagenum" id="Page_17">[Pg 17]</span>lange, lange Kette. Und da die Hintermänner
+sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon
+nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze
+Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als
+Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte
+Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein
+in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte
+Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend
+stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz
+fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder
+Hosen-Ausblicke dar.</p>
+
+<p>Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene
+Sachlage am Himmel.</p>
+
+<p>Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen
+Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen
+Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus
+einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung.
+Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen
+mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die
+Fläche der Sternscheibe — und rasch durchdringt unser Auge die paar
+Einzelsterne dieses kurzen Stücks, — schon taucht in den Lücken der
+leere, schwarze, kalte Weltraum — die Hosenwand oder Portemonnaiewand
+unseres Bildes — auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die
+Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde.</p>
+
+<p>Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen — und die
+Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn
+hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden,
+— die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen
+ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder
+einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse
+begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der
+Sternscheibe eindringen will, — genau wie das Markstück seinen
+gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der
+Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, — —
+und in diesem Ring glänzt <span class="pagenum" id="Page_18">[Pg 18]</span>dem Auge folgerichtig jene einheitliche
+Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und
+die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt.</p>
+
+<p>Wir stehen bei der Milchstraße.</p>
+
+<p>Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige
+Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau
+in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten
+Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht
+verschieben können.</p>
+
+<p>Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den
+Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither
+auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins
+Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse
+Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden.</p>
+
+<p>Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen.</p>
+
+<p>Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche
+Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie
+von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte
+doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung
+Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie.</p>
+
+<p>In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb,
+mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die
+Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren
+Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen
+ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch
+wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen
+gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze
+Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und
+Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren,
+durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, — da beschlich
+auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde.</p>
+
+<p>Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener <span class="pagenum" id="Page_19">[Pg 19]</span>wunderbar
+verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später
+einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem
+ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet
+Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen
+an, als sollte etwas ganz anderes werden — bis endlich jäh der Typus,
+die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt
+auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im
+Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig
+anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom
+blauen Himmel fiele.</p>
+
+<p>Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform
+umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien
+wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit
+von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die
+Größe einer echten Linse für uns.</p>
+
+<p>Gab es solche Entfernungen?</p>
+
+<p>Gab es eine Rechnung, die da nachkam?</p>
+
+<p>Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt.</p>
+
+<p>Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie
+gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht,
+um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es
+läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu
+groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist
+der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig
+solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie
+es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde.
+Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere
+Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000
+Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und
+solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das
+einen ungefähren Längendurchmesser des Systems — sagen wir in Kants
+Sinn, der Scheibe oder Linse — von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus
+unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch
+<span class="pagenum" id="Page_20">[Pg 20]</span>nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was
+heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer
+sicherlich noch nicht das volle Maß.</p>
+
+<p>Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere
+Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen,
+erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres
+eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den
+Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, — also gegen
+die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser
+Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, — was du dort
+im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen
+siehst, das ist die ganze Alpenkette, — wie weit muß die entfernt
+sein! 44000, — das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal
+Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber
+das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil.
+Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen.</p>
+
+<p>Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert,
+der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse
+Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus.</p>
+
+<p>Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, — das
+berührte eine andere Ziffer der Naturforschung.</p>
+
+<p>So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar
+schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung
+der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter
+die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der
+kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde
+unseres Planeten, — ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis
+des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter
+die der Milchstraßeninsel selber.</p>
+
+<p>In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in
+der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen
+und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste
+sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt
+noch besitzen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_21">[Pg 21]</span></p>
+
+<p>War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne
+innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder.
+Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in
+Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals
+war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch
+sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel
+entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande.</p>
+
+<p>Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige
+pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen.</p>
+
+<p>Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich
+doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, — erhöhte
+nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser
+Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe.</p>
+
+<p>Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung.</p>
+
+<p>Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz
+neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel.</p>
+
+<p>Die Photographie eroberte auch hier den Himmel — ein unvergleichlicher
+Fortschritt.</p>
+
+<p>Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit
+empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von
+der Natur mitbekommen haben.</p>
+
+<p>Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal
+der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter
+nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel
+und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne
+Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder
+liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man
+gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich.
+Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten
+badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen.</p>
+
+<p>Was sollte das?</p>
+
+<p>Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde
+geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst <span class="pagenum" id="Page_22">[Pg 22]</span>bekannten
+Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser
+Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig
+vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in
+ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie
+ungeheure Kometenschwänze.</p>
+
+<p>Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen
+Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange
+festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so
+mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion,
+aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß
+sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah?</p>
+
+<p>Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten
+also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die
+gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren
+sollten!</p>
+
+<p>Eine große Reaktion trat ein.</p>
+
+<p>Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres
+Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen
+Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen
+von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren
+Entfernung können Nebel liegen.</p>
+
+<p>Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske.</p>
+
+<p>Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der
+Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre
+von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems,
+diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte&#8239;......?</p>
+
+<p>Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines
+Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme
+leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit
+des Raumes noch geben, — mit nichts schien auf einmal bewiesen,
+daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß
+sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten
+Materieteilchen, die den Weltraum <span class="pagenum" id="Page_23">[Pg 23]</span>unsichtbar doch noch überall
+erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde.</p>
+
+<p>Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu
+Hilfe kam.</p>
+
+<p>Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke.</p>
+
+<p>Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und
+Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in
+hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, — jetzt eben nahte das
+vierte Mal.</p>
+
+<p>Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert
+durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte
+Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es
+einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde,
+die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne
+aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der
+Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus
+Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen
+wollte.</p>
+
+<p>Woran lag das?</p>
+
+<p>Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine
+einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich
+so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit
+stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin
+unterscheiden könnten.</p>
+
+<p>Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte
+auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er
+konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war
+Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb.</p>
+
+<p>Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein
+noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des
+Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe
+angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge
+kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu
+sinken begann. Das Problem <span class="pagenum" id="Page_24">[Pg 24]</span>kam nun doch, schien es, aus der reinen
+„Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu
+lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert
+und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe.</p>
+
+<p>Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren
+Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, — aber ihre Lösbarkeit gab auf
+der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern
+der Entfernung.</p>
+
+<p>Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich
+wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die
+astronomische Welt.</p>
+
+<p>Kirchhoff und Bunsen hatten abermals — nicht einen neuen Stern oder
+Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich
+den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches
+Auge durfte man es nennen.</p>
+
+<p>Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse,
+sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben.
+Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne
+auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl
+in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes
+ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage,
+das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und
+jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter
+offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt
+war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten
+ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam
+zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache
+aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging,
+spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem
+glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder
+verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut,
+die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte
+man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle
+festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei
+Lichtstrahlen, deren Quelle man <span class="pagenum" id="Page_25">[Pg 25]</span>zunächst nicht kannte, einen Schluß
+aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener
+anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne.</p>
+
+<p>Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer
+Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das
+Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein
+sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder
+besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung
+wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre
+Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen
+und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium,
+hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken
+verflüchtigt.</p>
+
+<p>Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten
+welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren
+ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne
+geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur
+so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder
+dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser
+treuer Helios.</p>
+
+<p>Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im
+gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder
+unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend
+rehabilitiert.</p>
+
+<p>Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig
+ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit
+dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte)
+notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern.
+Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, — diese Lichtprobe läßt
+sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der
+Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne
+Sternflämmchen darin aushändigen müßte.</p>
+
+<p>Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es
+tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt
+der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie <span class="pagenum" id="Page_26">[Pg 26]</span>schlechterdings bloß
+das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging:
+nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch
+einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die
+zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither
+haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das
+ungemein merkwürdige Helium ist, — ein Stoff, den man zuerst nur eben
+mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach
+Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch
+auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine
+kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem
+Punkte sich als vollständig erweise.</p>
+
+<p>Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, — frei
+im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, —
+vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff.</p>
+
+<p>Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine
+Instanz mehr, — die Natur hatte gesprochen.</p>
+
+<p>Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der
+Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu
+Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre
+Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke
+waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber
+Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag.
+Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern
+erst durch Abkühlung bildeten.</p>
+
+<p>Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem
+Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch
+im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit
+von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten
+Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte.</p>
+
+<p>Nicht lange aber — und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen
+Sachlage Mut.</p>
+
+<p>Echter Nebel blieb Nebel — ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß
+perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, <span class="pagenum" id="Page_27">[Pg 27]</span>war
+sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr
+auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der
+auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine
+Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, — er „konnte“ eben
+auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses
+„Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie
+jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle
+möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen
+lassen.</p>
+
+<p>Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie
+hatte man sich das eigentlich zu denken?</p>
+
+<p>Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden
+Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus
+schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker,
+der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen
+könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie
+es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen
+Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten
+und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft
+gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator
+umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen
+irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit
+übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen
+Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel
+vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches
+mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und
+in sich schließen, — Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach
+Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen&#8239;.....</p>
+
+<p>Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher
+feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung
+mehr besitzen könne, — und es wurde nachdrücklich gesagt.</p>
+
+<p>Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu,
+daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze,
+nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der <span class="pagenum" id="Page_28">[Pg 28]</span>Nebel auch sein. Ein ganz
+neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine
+kalte Wolke Wasserstoff.</p>
+
+<p>Aber die Wolke leuchtet ja?</p>
+
+<p>Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall
+leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein
+Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade
+sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der
+Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen,
+ein geheimnisvolles Phosphorlicht, — ein Kälte-Licht, auszustrahlen?
+Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums
+bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch
+andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife
+der Kometen, das Nordlicht.</p>
+
+<p>Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun
+die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, — wie
+können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt
+jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was
+aber ist ein Gas in absoluter Starre?</p>
+
+<p>Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so
+jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie
+sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten
+Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und
+in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie
+nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs
+der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch
+als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der
+gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen?</p>
+
+<p>Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an
+schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether,
+wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen
+heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und —
+trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche
+Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche <span class="pagenum" id="Page_29">[Pg 29]</span>Vermutungen überhaupt
+schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand,
+auftauchen konnten.</p>
+
+<p>Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und
+fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein
+„Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende
+Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern
+und Stern, — — so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht
+einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch
+unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere
+Milchstraße sich ziehen sollten.</p>
+
+<p>Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar
+unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von
+Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, — sie mit
+ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft
+wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch
+nur gleichkommen konnte.</p>
+
+<p>Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der
+unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle
+Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert
+hatten wie aus einer Mutterlauge.</p>
+
+<p>Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für
+unsere Kenntnis, — eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt
+hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem
+Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites.</p>
+
+<p>Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu
+uns, war mit umschlossen in unserem System.</p>
+
+<p>Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere
+Raum.</p>
+
+<p>Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen.</p>
+
+<p>Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen
+eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte.</p>
+
+<p>Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie
+zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem
+letzten Fixstern begann für uns — das Nichts, — — das Nichts des
+ewig Blinden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_30">[Pg 30]</span></p>
+
+<p>An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor
+der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche
+Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe
+Saiten aufzuziehen.</p>
+
+<p>Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade
+das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis
+schien.</p>
+
+<p>Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das
+Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde — so viel bleibt fest —
+hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt.</p>
+
+<p>Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle
+nicht so groß, wie man geglaubt hatte.</p>
+
+<p>Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß
+ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings
+rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in
+Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten
+(wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht
+benutzt werden dürfen.</p>
+
+<p>Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer
+Zeit <em class="gesperrt">keineswegs</em> eingefallen, <em class="gesperrt">sämtliche</em> Nebel, die von
+Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst
+werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen.</p>
+
+<p>Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und
+dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache
+ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den
+Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme
+machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal
+entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über
+die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der
+ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese
+scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen.</p>
+
+<p>Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer
+Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des
+Prismas ein Fixstern-Haufen.</p>
+
+<p>Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die <span class="pagenum" id="Page_31">[Pg 31]</span>leiseste
+Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen
+Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn
+dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das
+kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt
+also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das
+Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können
+wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht
+erkennen?</p>
+
+<p>Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr
+viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit
+von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße
+als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit
+sein&#8239;.....</p>
+
+<p>Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel.</p>
+
+<p>Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung.</p>
+
+<p>Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine
+Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst
+perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt
+dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen
+noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues,
+— wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer,
+Stockwerke, — nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des
+Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses
+„Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine.</p>
+
+<p>Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier
+der schönen Andromeda.</p>
+
+<p>Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede
+Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige,
+gedulderprobende Arbeit.</p>
+
+<p>Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es
+dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut
+entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere
+Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also
+schon genügen, um wahrscheinlich zu <span class="pagenum" id="Page_32">[Pg 32]</span>machen, daß dieser Nebel aus
+sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen
+Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch
+einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein
+solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so
+konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen.</p>
+
+<p>Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon
+vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen
+lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält,
+glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die
+nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht
+strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun
+damit bei der Sonne sei, — sicher ist, daß diese Sonne gleich allen
+echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das
+erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist.</p>
+
+<p>Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt,
+noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht
+aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht
+zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst
+eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma
+ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man
+nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus
+ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst,
+die uns aber hier weiter nichts angehen.</p>
+
+<p>Für uns wesentlich ist, daß, wo immer Fraunhofer’sche Linien im
+Prisma-Lichte eines selbstleuchtenden Weltkörpers auftreten, mit
+Sicherheit auf einen Sonnenstern, eine echte Sonne nach unserer Art,
+geschlossen werden kann. Und hier jetzt ist ein neuester Fund von
+höchster Bedeutung.</p>
+
+<p>Scheiner in Potsdam, dessen grundlegende Forschungen auf diesem Gebiet
+im voraufgehenden schon mehrfach gestreift und benutzt sind, hat
+es mit zäher Ausdauer ganz kürzlich fertig gebracht, im Lichte des
+Andromeda-Nebels die dunkeln Fraunhofer’schen Linien tatsächlich zu
+sehen und in ihrer Lage zu messen. <span class="pagenum" id="Page_33">[Pg 33]</span>Damit ist der Beweis erbracht,
+daß dieser Nebel endgiltig aus sonnenähnlichen Fixsternen besteht.
+Er besteht daraus, obwohl kein bestes Fernrohr unserer Technik diese
+Einzelsonnen in ihm noch wirklich unterscheiden kann.</p>
+
+<p>Nehmen wir die Größe seiner Sonnen dabei im Normalmaße unserer
+Fixsterne an, so ist dieses doppelte Verhalten jetzt nur noch erklärbar
+durch einen wirklich ungeheuren Abstand des Nebels von uns, — durch
+einen Abstand, der in diesem Falle nun doch unbedingt über die Grenzen
+unseres eigenen Milchstraßensystems hinausführt.</p>
+
+<p>Der Andromeda-Nebel ist doch ein zweites Milchstraßen-System, frei im
+Raume schwebend jenseits unseres eigenen.</p>
+
+<p>Scheiner läßt als allgemeine Möglichkeit zu, daß der Nebel eine halbe
+Million Lichtjahre von uns entfernt sei. Für einen zweiten Nebel,
+auf den dieselben Verhältnisse zutreffen und der im Sternbild der
+Jagdhunde leuchtet, kämen dann entsprechend 6½ Millionen Lichtjahre
+heraus, — also immerhin annähernd Humboldt’sche Ziffern. Vor 6½
+Millionen Jahren, als die heute eintreffende Lichtpost von dort abging,
+schwamm bei uns auf Erden der Ichthyosaurus noch und der erste Mensch
+schlummerte noch tief im Schicksalsschoße.</p>
+
+<p>Die Arabeske wächst zurück, greift wieder ein.</p>
+
+<p>Also wir dürfen nun dennoch vom Andromeda-Nebel etwas über unsere
+Milchstraße zu erfahren hoffen, — eine Antwort hoffen, die über eine
+halbe Million Lichtjahre zu uns reist. Aber hatten wir diese Antwort
+nicht schon?</p>
+
+<p>Ein letzter Schleier hebt sich.</p>
+
+<p>Dem alten Marius glühte der Andromeda-Nebel wie ein Lichtlein durch
+eine Hornlaterne. Ein Lichtscheibchen, eine nebelhafte Linse, — so
+erhielt ihn Kant als Material für sein kühnes Denken. Anderthalb
+Jahrhunderte verrauschen nach Kant. Da kehrt der Gedanke zu jener
+Denklinie zurück. Aber diesmal reicht der Astronom dem Sinnenden,
+dem Träumenden ein ganz anderes Blatt: eine Photographie des
+Andromeda-Nebels. Auch sie erfaßt die einzelnen Sternpunkte in ihm
+nicht. Aber sie erreicht etwas anderes, nochmals völlig Unerwartetes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_34">[Pg 34]</span></p>
+
+<p>Und noch einmal, zum letztenmal, muß die Phantasie in eine ganz neue
+Bahn.</p>
+
+<p>Wahrheit, — was ist Wahrheit?</p>
+
+<p>Die alte Pilatusfrage klingt durch die ganze Geschichte der
+Naturforschung.</p>
+
+<p>Auf der „Wahrheit“ ruht diese Forschung. Vorsichtige Gemüter sagen
+schon etwas bescheidener: auf dem lauteren „Streben nach Wahrheit“. In
+diesem Sinne ist Wahrheit ein moralischer Wert. Wenn aber selbst das
+nur nicht so verzweifelte Ecken haben wollte!</p>
+
+<p>Es scheint so brav: hier steht eine Tatsache; jetzt kommt einer, hat
+jenen lauteren Wahrheitsdrang in sich, schaut hin, beschreibt die
+Sache; damit ist die Geschichte für immer erledigt; der eine gilt für
+alle, die der gleiche Drang beseelt, und ob Tausende kommen, ob nach
+Jahrtausenden welche kommen, alle können nur bestätigen.</p>
+
+<p>Die wahre Wahrheit in diesem Falle, die von aller Erfahrung bestätigte,
+ist, daß derselbe Gegenstand von hundert und mehr Beobachtern, die
+sämtlich wahre Engel an Wahrheitsmoral sind, beschrieben werden kann
+und daß unter Umständen jeder etwas anderes sieht.</p>
+
+<p>Ich will gar nicht reden davon, daß die Augen verschieden sehen, obwohl
+das schon gewaltig viel tut. Aber die ganzen Menschen sind verschieden.
+Unser physisches Sehen ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was
+wir wirklich „Sehen“ nennen. Der Rest ist individuelle Zutat. So und
+so viel Tropfen mitgebrachte Erfahrung, so und so viel mitspielende,
+unbewußt sofort abrundende, ausspinnende Phantasietätigkeit, so und so
+viel bestimmtes, längst ins Unbewußte eingewachsenes und von keiner
+„Moral“ aus mehr kontrollierbares Vorurteil, — kurz ein derartiges
+Rezept, daß die reine neue Beobachtung als solche darin untergeht
+wie ein unschuldiger Schuß <span class="antiqua">Aqua destillata</span> in irgend einer
+schwarzbraunen Apothekerbrühe. So geschieht es schon, wenn mehrere
+nebeneinander beobachten. Vollends, wenn Jahrhunderte dazwischen
+liegen, geht die Verschiedenheit ins Unglaubliche. Man schlägt sich
+vor den Kopf, wenn man irgend ein altes Tierbuch oder eine alte Karte
+vornimmt, die ein paar hundert Jahre alt sind. Wie konnten die <span class="pagenum" id="Page_35">[Pg 35]</span>Leute
+dies und das nicht sehen, was jetzt ein Kind sieht, wie konnten sie
+Mücken für Elefanten halten? Und wir lesen, daß es Leute von einer
+Reinheit des Wahrheitsstrebens waren, die uns beschämt, — Leute, die
+sich für den Mut ihrer Ueberzeugungen verbrennen ließen, was, Hand aufs
+Herz, doch nicht jeder tut. Wenn heute ein Seetier ans Land kriecht,
+das einen Leib wie eine Walze hat, vier flossenhafte Füße und einen
+lustigen klugen Hundskopf ohne Hunde-Ohren, so sagt der kleine Junge
+auf der Düne schon: ein Seehund. Der Weise von Anno dazumal sagte: aha,
+ein Meerweibchen, — ging nach Hause und zeichnete ein Ungetüm, hinten
+Fisch, vorne Mensch. Und der Weise schrieb gleichzeitig ein Buch über
+die Heiligkeit der Wahrheit, während der kleine Bengel täglich noch
+Prügel bekommt wegen absichtlichen Lügens&#8239;.....</p>
+
+<p>Von dieser moralischen Betrachtung aus bedarf es durchaus keines Salto
+mortale, um auf die Nebelflecke zu kommen.</p>
+
+<p>Ein Nebelfleck im Fernrohr ist von Anfang an ein wahres Zwitterding an
+der Grenze von Sehen und Phantasieren noch in ganz besonders erhöhtem
+Sinne gewesen. Ein Lichtwölkchen, eben angedeutet, zerfließend,
+verdämmernd. Und das sollte nun einer mit rohen Zeichenmitteln aufs
+Papier bannen! Man versuche doch eine gewöhnliche blasse Federwolke
+unseres Tageshimmels „exakt“ nachzuzeichnen. Mancher, der sich gar
+geschickt dünkt, wird sich als Polonius, der Kamele zeichnet, dabei
+ertappen.</p>
+
+<p>Gleich die ersten Nebelforscher, die auf den alten Simon Marius
+folgten, erkannten eins deutlich: die Nebelflecke sahen unbedingt nicht
+alle gleich aus.</p>
+
+<p>Das einfache Bild einer Linse, wie es aus der Andromeda glänzte, war
+nicht das absolute. Bald dieser, bald jener kühne Pionier in dem neuen
+Weltenwalde brachte eine völlig andersartige Zeichnung mit.</p>
+
+<p>Da erschien auf dem Papier ein Nebel, der anzuschauen war wie der
+griechische Buchstabe Omega. Einer trat in Gestalt eines Krebses auf,
+einer sollte einer Hantel oder (nach andern) einem Ei mit doppeltem
+Dotter gleichen.</p>
+
+<p>Wieder andere sahen täuschend aus wie eine losrollende Spirale, <span class="pagenum" id="Page_36">[Pg 36]</span>eine
+Uhrfeder etwa, bis zu dem Bilde eines platzenden Schwärmers und
+ähnlicher Feuerwerkskörper.</p>
+
+<p>Und der Anhänger der Kant’schen Ideen sah sich mit einiger Unruhe
+sogar einer Figur gegenüber, die aus dem Sternbild der Leier (nahe
+dem herrlichen Sterne Wega) stammte und ganz unzweideutig einen
+regelrechten geschlossenen Ring bildete, — just so, wie die
+Milchstraße von fern nun doch aussehen würde, wenn sie eben ein echter
+Sternenring wäre.</p>
+
+<p>Fragte sich nun bloß, ob diese hübsche Musterkarte stichhaltig sei vor
+den Augen mehrerer Beobachter.</p>
+
+<p>Als diese sich allmählich meldeten, schien die Sache allerdings fast
+überall zu hapern. Was der eine so sah, sah der andere total anders.
+Wo der eine eine Spirale malte, malte jener ein Billardspiel loser
+Nebelkugeln. Sah einer wenig, etwa nur ein Streifchen oder dünnes
+Viereck, so setzte der nächste einen Spiralschweif daran, der abermals
+folgende aber kassierte wieder die Details. Ganz vorsichtige Kritiker
+verfehlten nicht, den Bankrott aller vorhandenen Nebelbilder überhaupt
+als noch einmal möglich zu prophezeien. Und besonders die ganz
+extravaganten Fratzen sollten mehr Menschen- als Himmelsphantasie sein.</p>
+
+<p>In all diese Mühen, Zweifel und Wunder, aus denen einstweilen gar keine
+Theorie recht Kapital zu schlagen wußte, platzte nun ebenfalls wie eine
+Bombe jene große neue Erfindung, die für die Anzahl und Verbreitung der
+Nebel so wichtig geworden war: die Photographie.</p>
+
+<p>Jedermann weiß, daß auch die photographische Platte noch nicht das
+vollkommene Ideal der schwindelfreien Wahrheits-Wiedergabe ist. Auch
+sie hat noch ihr Lügenrezept, obwohl es nicht mehr aus dem Unbewußten
+schöpft. Wie sie heute ist, ist sie sozusagen noch ein etwas dreckiges
+Auge. Aber bei alledem ist der Fortschritt kolossal, ja über jede
+Erwartung. Und er war es auch für die Festnagelung der Nebelformen.</p>
+
+<p>Man legte sich im großen Stil ins Zeug. Eine halbe Nacht wurde die
+Platte genau auf den Nebel eingestellt, dann tagsüber peinlich genau
+verhüllt und die nächste Nacht nochmals fast ebenso lange exponiert.
+Jetzt gab es unzweideutig sicherere Bilder, ohne <span class="pagenum" id="Page_37">[Pg 37]</span>Phantasie, Vorurteil
+und Augentatterich aufs Papier geprägt. Die Ueberraschungen drängten
+sich.</p>
+
+<p>Da war beispielsweise gleich der bewußte Nebel in Ringgestalt aus der
+Leier. Seit man mit dem anderen chemischen Auge, dem Prismaglas der
+Spektral-Analyse, die Nebel aufs Korn genommen, war er allerdings
+der Kant’schen Milchstraßen-Theorie schon von dort her ziemlich
+ungefährlich geworden. Denn er bestand nachgewiesenermaßen aus
+echtem Gas, zählte also zu den so wie so jetzt beweisunkräftigen
+Nebelmassen. Immerhin war aber seine Ringform selber ein Aergernis,
+das die bösen Zweifler lockte, wenn es so schwarz auf weiß im Buche
+stand. Die photographische Platte lieferte jetzt den Beweis, daß man
+sich mit diesem starren Individualisten auch der Form wegen besser
+in gar keiner allgemeinen Theorie beschäftigte. Schon das Fernrohr
+hatte im Innern des länglichen Ringes gelegentlich ein zentrales
+Sternchen gezeigt, das möglicherweise hineingehörte. Daraus machte
+die Platte einen großen, im Ring umschlossenen inneren Nebelfleck,
+der auf der Photographie wirksamer sogar war als der Ring selbst.
+Warum sah man ihn mit unserm Auge trotz aller Rohre nicht? Dieser
+Zentralkörper warf einfach Lichtstrahlen aus, auf die unser Sehnerv
+nicht mehr eingerichtet ist: jene berühmten ultravioletten Strahlen,
+die zwar auf der photographischen Platte einen Eindruck hinterlassen,
+den wir dort als Ergebnis dann auch gewahren, — die als unmittelbar
+einfallende Lichtwirkung unser Auge aber blind finden. Kein Physiker
+hat zur Zeit eine Ahnung, was das für eine Sorte Weltkörper sein kann,
+die da leuchtet. Ist dieses ganze Gebilde doch vielleicht kein Ring,
+sondern eine einheitliche Gaskugel, deren Schichten sich aber in der
+Art ihres Leuchtens, ihrer Phosphoreszenz im früher angedeuteten
+Sinne, unterscheiden? Einstweilen reißt mit diesem Funde jedes Band.
+Mit unserm Milchstraßen-System hat dieser krause Geselle mit seinem
+ultravioletten Gas-Herzen jedenfalls gar nichts zu tun, weder so, noch
+so. Hier waren die Andromeda-Freunde in Kants Sinne also glänzend noch
+einmal wieder gerettet.</p>
+
+<p>Doch auch bei den Platten war noch nicht aller Tage Abend.</p>
+
+<p>Nach dem Ring kamen die Spiralen, die Frösche und Schwärmer <span class="pagenum" id="Page_38">[Pg 38]</span>an die
+Reihe. Sie waren ja nicht ganz so unbequem wie der nackte Ring. Aber
+schließlich ist eine Spirale, wenn sie einigermaßen regelmäßig ist,
+einem Ring immer noch ähnlicher als eine solide Scheibe oder Linse.</p>
+
+<p>In Anbetracht dessen war es Musik in den Ohren der strengen Kantianer
+gewesen, als ein äußerst gewissenhafter neuerer Kritiker, der Astronom
+Tempel, gerade diese Spiralnebel, die sich in der Zeit nach Herschel
+gar aufdringlich vorgetan, schlechthin hatte aus der Welt schaffen
+wollen als „Phantasietrug“. Tempel war ein Wunderkind im Gebiete der
+menschlichen Netzhaut. Vom Lithographen zum Sternforscher war er
+wesentlich heraufgekommen eben wegen seiner einzigartigen körperlichen
+Sehschärfe. Er sah das Doppelte fast seiner Kollegen — und gerade mit
+diesem Doppelten leugnete er die Spiralform bei Nebeln.</p>
+
+<p>Wir Menschen, meinte er, sind nun einmal unverbesserliche Aesthetiker.
+In Fleisch und Blut stecken uns rhythmische Gebilde. In ein Chaos sehen
+wir Kunstfiguren hinein. So soll eine chaotisch versprühte Lichtmaterie
+gleich einem Feuerwerkskörper ähneln, wie ihn unsere Kunst baut. Aber
+wir beschwindeln uns, und alle Nebelspiralen, so nett sie im Buche
+aussehen, sind solche mit Phantasiezutat erschwindelten „Kunstformen
+der Natur“.</p>
+
+<p>Hinter solchem Zweifel steckt im Grunde ja eine Weltanschauung. Die
+Weltanschauung der Angst, es könnte in der Natur irgendwo rhythmische,
+ästhetisch schöne Gebilde geben auch ohne Zutun des Menschen. Es
+gibt Leute, die meinen, ihre ganze freie Naturauffassung falle in
+Mystik zurück, wenn so etwas möglich sei, — wobei die guten Leute
+nur leider vergessen, daß sie selber ja den Menschen aus dieser Natur
+hervorwachsen lassen und also in ihm schließlich doch an das Wunder
+glauben, daß die Natur auf natürlichem Wege rhythmische Kunstgebilde
+schaffe. Doch das jetzt beiseite.</p>
+
+<p>Sachlich hatte Tempel in seinem Falle sogar guten Grund zur Skepsis, —
+das heißt bis zu dem Tage, da die Photographie auch hier ohne Rücksicht
+auf Sachlichkeit oder Weltanschauung des einen oder andern die Sache
+selbstherrlich in die Hand nahm.</p>
+
+<p>Mochte nun im Weltall Kunstfeuerwerke abbrennen, wer <span class="pagenum" id="Page_39">[Pg 39]</span>wollte: bessere
+Schwärmer und Frösche, als jetzt in korrektester Spiralform auf den
+photographischen Platten wirklich erschienen, ließen sich einfach nicht
+ausdenken, — trotz Tempel.</p>
+
+<p>Es gab Spiralnebel genau im Sinne der brauchbaren älteren Zeichnungen.
+Man denke sich, um das Bild klar zu bekommen, einen nebelhaft glühenden
+Hauptkörper, eine Kugel etwa. Von dieser Kugel wickeln sich Arme los.
+Einmal etwa genau zwei, links einer, rechts einer. Jeder ist nach der
+entgegengesetzten Seite krumm gebogen. Oder es gehen drei solcher
+Schweife in Windrosenlage ab, also in regelmäßiger Stellung wie
+arabeskenhaft geschweifte Radspeichen. Oder: von dem Hauptkörper rollt
+sich ein einziger fast gleich dicker Arm wurmhaft heraus und umkringelt
+ihn als einzelner Spiralstreifen fast vollständig, nur eine kleine
+Oeffnung lassend. Oder endlich, noch verzwickter: von dem Zentralkörper
+fließen mehrere solcher fast konzentrischen Spiral-Ringe aus, die sich
+auch noch gegenseitig ein Stück weit umkringeln, dann aber, als sei die
+Spirale verbogen, übereinander hinlaufen, sich schneiden und getrennt
+endigen. Der eine oder der andere Arm hat dabei wohl noch die besondere
+Eigenheit, an der offenen Spitze wie in einem Knopf in einen zweiten
+Kernball auszulaufen.</p>
+
+<p>Und nun: — gerade diese seltsamen Spiral-Nebel, einmal sicher als
+vorhanden festgestellt, zeigten zwei weitere, im höchsten Grade
+bemerkenswerte Eigenschaften.</p>
+
+<p>Zunächst fiel ihre Menge auf. Ging allmählich die Anzahl der
+Nebelflecke überhaupt in die Tausende und Abertausende (über
+7000 sind heute fest bestimmt, über 100000 werden mindestens als
+Wahrscheinlichkeitsabschätzung vermutet), so vermehrte sich mit dem
+Photographieren gerade die Zahl der unverkennbaren Spiralen aufs
+überraschendste dabei.</p>
+
+<p>Dazu aber trat als weiterer Umstand, daß ausgesucht diese Spiralnebel
+nicht aus Gas, sondern aus echten Sternen bestehen wollten, wo immer
+die Spektral-Analyse ihnen zu Leibe ging. Ich habe schon den Nebel
+im Sternbild der Jagdhunde einmal berührt, den Scheiner etwa 6½
+Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein läßt und entsprechend als
+echte Milchstraßenwelt, als zweites, unabhängiges Weltsystem gleich dem
+unserigen faßt. Nun denn: <span class="pagenum" id="Page_40">[Pg 40]</span>gerade dieser Jagdhund-Nebel war von allen
+der erste, der sicher als Spirale erkannt wurde, schon vom Lord Rosse.
+Seitdem ist auch er in Amerika photographiert und in seiner Gestalt
+genau in Rosses Sinne bestätigt worden.</p>
+
+<p>Auch die Forschungs-Arabeske um den Andromeda-Nebel und unsere
+Milchstraßenform nähert sich hier offenbar ihrer letzten, aber
+bedenklichsten Spirale.</p>
+
+<p>Der Andromeda-Nebel schwebte noch einmal vor uns, gerettet als
+selbständiges Milchstraßen-System. Aber mit ihm ist der Jagdhund-Nebel
+auf dieselbe Deutung gerettet. Und dieser Jagdhund-Nebel ist keine
+einheitliche Stern-Linse, sondern doch ein wenigstens annähernd
+ringförmiges Gebilde: eine ungeheure Spirale aus Fixsternschwärmen.</p>
+
+<p>Wem gleicht nun endgültig unser eigenes Milchstraßensystem: der Linse
+der Andromeda — oder dem spiralig gewundenen Feuerwerkskörper der
+Jagdhunde?</p>
+
+<p>Diese Doppel-Frage aber ist im Jahre 1888 durch Anwendung der
+Himmelsphotographie nochmals vereinfacht und im Prinzip gelöst worden.
+Der Andromeda-Nebel selbst wurde von Roberts photographiert. Und
+die photographische Platte erwies ihn selber — — ebenfalls <em class="gesperrt">als
+Spiral-Nebel</em>.</p>
+
+<p>Es war eine der ersten Errungenschaften des Nebel-Photographierens, daß
+es uns auf eine bestimmte Möglichkeit bei den Spiralnebeln überhaupt
+aufmerksam machte.</p>
+
+<p>Nehmen wir eine platte Uhrfeder. Und bringen wir diese platte Spirale
+in verschiedene Lagen zu unserm Gesichtsfeld. Es ergibt sich, daß
+bei bestimmten Lagen das Erkennen der Spirale schwer, ja zuletzt
+geradezu unmöglich wird. Wenn ich genau gegen die Kante der Spirale
+sehe, so sehe ich nur mehr ein senkrechtes Streifchen, — genau wie
+beim senkrechten Blick auf den gekerbten Rand eines Markstückes. Aber
+auch wenn ich die Spirale etwas mit der Fläche um die Ecke lugen
+lasse, sehe ich gerade die Spiral-Natur noch nicht als solche. Die
+Spiralringe schieben sich ja perspektivisch so aneinander, daß ich
+einen geschlossenen Körper zu sehen glaube. Ein solides Markstück,
+ebenso ein wenig um die Ecke balanciert, schaut tatsächlich noch genau
+so aus. Und erst ein ungemein <span class="pagenum" id="Page_41">[Pg 41]</span>scharfer Blick würde schließlich die
+ganz feine Zeichnung der aneinandergeschobenen Spiralreifen doch in der
+Fläche noch herausfinden können und so die wahre Natur enträtseln.</p>
+
+<p>Aus dieser Betrachtung folgt, daß auch Spiralnebel im Raum, die mit der
+schmalen Kante senkrecht gegen uns stehen, uns bloß als leuchtendes
+Streifchen, solche aber, die ein wenig mehr schräg stehen, als schmale
+Spindel, Scheibe, Linse erscheinen müssen. Und erst eine kolossal
+verschärfte Detailschau würde wenigstens im letzteren Falle noch gerade
+die Spiralnatur enthüllen aus feinsten Linienandeutungen, spiralig
+gewundenen Strichen in der Scheibe oder Linse. Eben diese Detailschau
+nun hat die Photographie uns beim Andromeda-Nebel ermöglicht.</p>
+
+<p>Schon längst hatten scharfe Beobachter im Fernrohr etwas in dem
+Linsenscheibchen dieses Nebels wie eine feine Struktur gesehen, — eine
+Art dämmerhaft angedeuteten engeren Grundrisses. Im Mittelpunkt schien
+eine undeutlich begrenzte Verdichtung sich merkbar zu machen.</p>
+
+<p>Dann sah Trouvelot in Washington mit einem besonders brauchbaren Rohr
+zwei dunkle Streifen, die den Nebel fast längelang durchsetzten.</p>
+
+<p>Was sollte das sein?</p>
+
+<p>Die Skepsis im Sinne Tempels sagte: Augentäuschung. Das Auge der
+photographischen Platte aber sah den Dingen auf den Grund.</p>
+
+<p>Auf der Photographie erscheint die ganze Nebel-Linse mit einer
+endgiltig durchschlagenden Unzweideutigkeit als eine — Spirale in
+außerordentlich schiefer Projektion.</p>
+
+<p>In der Mitte genau wie bei dem Nebel der Jagdhunde ein Zentral-Ball.
+Von ihm sich loswindend mehrere riesige Spiralenarme, die an sich
+offenbar frei herum greifen, für unsere zufällige Beobachterstelle
+auf der Erde aber so aneinandergeschoben sind, daß ihre Zwischenräume
+nur mehr als ganz feine, dunkle, elliptische Längsbogen die schmale
+Gesamtlinse durchsetzen.</p>
+
+<p>Mit diesem Funde war die Kant’sche Idee inmitten ihres vollen Triumphes
+noch einmal geschlagen.</p>
+
+<p>Es gab ferne Welteninseln gleich unserm ganzen Milchstraßensystem.
+<span class="pagenum" id="Page_42">[Pg 42]</span>Aber es gab sie nur in Spiralform. Auch der Andromeda-Nebel wies diese
+Form. Wir wußten aus der Spektral-Analyse, daß er aus einem unendlichen
+Gewimmel sonnenähnlicher Fixsterne bestand. Aber diese Fixsterne
+durchwimmelten nicht eine einheitliche Linse, die, vom Mittelpunkt
+angesehen, das rein perspektivische Bild eines Milchstraßenringes
+ergab, sondern im Mittelpunkt schwebte zunächst ein rundlicher, oben
+und unten abgeplatteter Sternhaufen. Von ihm aber ging in flacher
+Ebene ein spiralig gewundener Strom weiterer Fixsterne aus, der die
+Zentralmasse im ganzen nun doch wirklich ringförmig umgürtete. Freilich
+nicht als regelmäßiger Ring. Denn in Wahrheit schoben sich ja mehrere
+Spiralreifen hintereinander darin mit dunklen Zwischenräumen.</p>
+
+<p>Kant selbst hätte als ehrlicher Logiker vor dieser völlig verwandelten
+Sachlage zugeben müssen, daß seinem ganzen Ideengang die sachliche
+Grundlage unter den Füßen fortgezogen sei. Und nur eins konnte er
+schließlich noch vorbringen.</p>
+
+<p>Die Nebelflecke — das Wort einmal für das Ganze gebraucht — hatten
+ja doch verschiedene Gestalt. Warum sollten nicht auch neben jenen
+spiralförmigen Weltnebeln tatsächlich noch anders geformte existieren?
+Und warum sollte nicht gerade unser Fixsternsystem anders gebaut sein?
+Wenn die Milchstraße sich so hübsch auch aus einer Linsengestalt mit
+gleichmäßiger Sternverteilung erklären ließ: warum sollten wir nicht
+Linsengestalt trotz so und so vieler spiraliger Brüder im All besitzen?</p>
+
+<p>Dieser neue Schluß wäre eine Rettung, — aber eine äußerst dürftige,
+wie man sieht. Die sichtbaren Nebelwelten, die früher ein Glied der
+Schlußkette waren, das erklärte, sind jetzt ein Ballast, der selber mit
+Mühe forterklärt werden muß. Aber es bedarf der ganzen Spitzfindigkeit
+zum Glück nicht. Denn ein allerletzter Schleier reißt: und damit ist
+die Situation klar.</p>
+
+<p>Denken wir uns doch noch auf einen Augenblick in jenen wirklichen
+Spiralnebel der Andromeda so hinein, wie wir es früher taten, als
+wir ihn für eine einheitliche Sternenlinse hielten. Stellen wir uns
+beobachtende Menschen vor auf einem Weltkörper fast oder ganz im
+Mittelpunkt.</p>
+
+<p>Wie würden sie den Himmel jetzt sehen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_43">[Pg 43]</span></p>
+
+<p>Sie befänden sich zunächst im Mittelpunkt des inneren Sternhaufens,
+jener glänzenden Mittelstelle im Nebel. Nach allen Seiten ständen
+Sterne, viele groß und nah, und alle immerhin so, daß nirgendwo ein
+Gedränge nach Milchstraßenart entstände, da der Sternhaufen vielleicht
+abgeplattet, aber immer doch noch annähernd eine Kugel wäre. Aber in
+bestimmter Ebene erschiene gleichwohl eine solche Milchstraße als
+größter Kreis rings um den Himmel. Das wäre nämlich jetzt das ganze
+Spiralsystem, dessen Ringe sich so glatt hintereinanderlegten, daß sie
+von innen nur mehr als einziger Reifen erschienen. Immerhin würde eine
+gewisse Ungleichheit in dieser Milchstraße sich bemerkbar machen. Denn
+die Spirale kommt ja doch an einer Stelle aus dem Zentralfixsternhaufen
+heraus und verläuft an einer anderen ins Weite. Eine Seite der
+Milchstraße würde näher aussehen, sich leichter noch in Sterne auflösen
+lassen: die, wo die Spirale sich von der Mitte losringt, — eine andere
+umgekehrt verlöre sich mehr in völlige Milch. Und selbst das könnte
+recht wohl noch weit überboten werden durch einen zweiten Umstand.</p>
+
+<p>Die Spirale mit ihren Windungen liegt in diesen Nebeln anscheinend,
+wie gesagt, flach in einer und derselben Ebene. Aber sie könnte für
+den engeren Anblick gleichwohl sehr gut wenigstens gewisse kleinere
+Verschiebungen auch über die Horizontallage hinaus besitzen.</p>
+
+<p>Dann würde die von ihr gebildete Milchstraße einer solchen Welt die
+Spuren davon zeigen in Gestalt von Spalten, von dunklen Lücken.</p>
+
+<p>Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen,
+würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer
+kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes,
+in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen
+dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale
+schließen, — niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße
+für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im
+Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten,
+durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse
+müßte durchsetzt <span class="pagenum" id="Page_44">[Pg 44]</span>sein mit tiefen Röhren und, — abgesehen von dieser
+Verschiebung schon des ganzen Bildes, — wie sollte man sich das im
+Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß
+er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur
+schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt&#8239;.....</p>
+
+<p>Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das
+alte liebe Silberband.</p>
+
+<p>Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde
+überwallt.</p>
+
+<p>Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, — oder
+wirklich hier?</p>
+
+<p>Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere
+Milchstraße&#8239;.....</p>
+
+<p>Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort
+wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle
+Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz
+gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen.</p>
+
+<p>Schon das schlichte Auge sieht das, — einem Kinde kann man es
+zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In
+wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, —
+dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh
+in den schwarzen Raum.</p>
+
+<p>So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der
+Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten.
+Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige
+Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in
+seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem
+Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen.</p>
+
+<p>Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls.</p>
+
+<p>Kant hat unrecht — und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem
+des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas
+lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt,
+unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse,
+sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure
+Spirale aus Millionen Fixsternsonnen <span class="pagenum" id="Page_45">[Pg 45]</span>umwindet. Und unsere Schau in die
+Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich
+teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander.</p>
+
+<p>Ein in seiner Größe fast grausiges Bild.</p>
+
+<p>Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen
+ergießt, wird nicht ruhen.</p>
+
+<p>Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion
+fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich
+auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger.</p>
+
+<p>Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein
+unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der
+Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder
+Traum&#8239;.....</p>
+
+<p>Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über
+mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen.</p>
+
+<p>Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt.</p>
+
+<p>Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister
+meines Hirns.</p>
+
+<p>Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich.</p>
+
+<p>Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren
+Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen
+Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich.
+Warum bangt dir vor dir selbst?</p>
+
+<p>Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten
+finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste
+moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und
+Höllenwelt des Dante war.</p>
+
+<p>Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine
+Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie
+wieder — als Schönheitslinie.</p>
+
+<p>Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit.
+Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale
+Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden
+schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es
+liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses <span class="pagenum" id="Page_46">[Pg 46]</span>Armes
+noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er:
+Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs.
+Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese
+Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich
+selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer,
+weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt
+sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu
+verfallen.</p>
+
+<p>Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das
+gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese
+jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie
+schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt,
+nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell.</p>
+
+<p>Warum das alles?</p>
+
+<p>Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die
+Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume&#8239;.....</p>
+
+<p>Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit.</p>
+
+<p>Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens,
+in dieser ungeheuren Natur, — vom Andromeda-Nebel bis zum
+prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir?</p>
+
+<p>Ein Narr fragt viel.</p>
+
+<p>Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des
+menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen,
+denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit
+irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder
+den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr
+abbog, höheren Sternen und Ideen zu.</p>
+
+<p>Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und
+fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform
+hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_47">[Pg 47]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Entstehung_der_deutschen_Landschaft">
+ Die Entstehung der deutschen Landschaft.
+ <br>
+ <span class="s6">Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt.</span>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde
+beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne
+Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge.</p>
+
+<p>Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne
+Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was
+frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit
+vergleichenden Landschaftsstudiums.</p>
+
+<p>Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende
+einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt
+lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche
+Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während
+das Auge den Totaleindruck erlebt.</p>
+
+<p>In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden
+Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis
+zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt.</p>
+
+<p>Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz
+hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten
+Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher,
+denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen
+des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich
+Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen.</p>
+
+<p>Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger
+Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen <span class="pagenum" id="Page_48">[Pg 48]</span>Birkenalleen:
+die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins
+deutsche Land.</p>
+
+<p>Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen
+wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern.</p>
+
+<p>Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die
+blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die
+Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens
+auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist.</p>
+
+<p>Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit
+ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil
+wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform,
+die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee
+Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar
+zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang
+der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes
+Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten,
+wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales
+Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als
+ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist
+die <span class="antiqua">Linnaea borealis</span>, das eigene Patenkind des großen Linné
+bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern
+ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des
+Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien
+findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede.</p>
+
+<p>Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach
+werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft.</p>
+
+<p>Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen
+rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen
+deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif
+war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen.</p>
+
+<p>Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_49">[Pg 49]</span></p>
+
+<p>Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere
+Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als
+Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr
+wußte.</p>
+
+<p>Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem
+stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine
+starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen
+Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam
+gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben
+enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine
+Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden
+den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden
+Bernstein.</p>
+
+<p>Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des
+Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das
+packend.</p>
+
+<p>Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die
+Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die
+Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder
+reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im
+Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln
+sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie
+mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es
+ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt,
+wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen
+Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los.
+Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die
+Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den
+Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“</p>
+
+<p>Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, — sagen wir
+heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem
+Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig
+Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt
+ein ewiges Streitgebiet der Natur, von <span class="pagenum" id="Page_50">[Pg 50]</span>dem man nicht weiß, ist es
+noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln
+oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie,
+Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei
+der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit
+dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die
+Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt,
+denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse
+flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen
+ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und
+die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der
+Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke
+überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“</p>
+
+<p>In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk
+von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu
+zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend
+Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren
+Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen
+feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur.</p>
+
+<p>Das ist das hergebrachte Geschichtsbild.</p>
+
+<p>Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen
+nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie
+viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren.</p>
+
+<p>Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen.</p>
+
+<p>Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu
+sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer
+mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge
+schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um
+Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen,
+planetengroßen Weltgeschichte, — nicht als ledern begrifflicher
+Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren
+Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine
+Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da,
+sonst wüßten wir es nicht. <span class="pagenum" id="Page_51">[Pg 51]</span>Nur um feine Schleier handelt es sich, die
+aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein
+der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen
+Schleiern.</p>
+
+<p>Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr
+Grund.</p>
+
+<p>Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den
+Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten
+Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne
+folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine
+Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block
+Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser
+Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen
+den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald.
+Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich
+das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken.</p>
+
+<p>Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl.</p>
+
+<p>Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist
+als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld.</p>
+
+<p>Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter
+Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der
+Weltentwickelung an als wir selbst.</p>
+
+<p>Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer
+faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben
+und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen
+<em class="gesperrt">Zusammensturzes</em>. Und doch zielen alle neueren geologischen
+Gedanken mehr oder minder dahin.</p>
+
+<p>Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte,
+sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit
+Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig
+gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt
+Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr
+man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe,
+bis endlich in <span class="pagenum" id="Page_52">[Pg 52]</span>der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen
+war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau
+umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen.</p>
+
+<p>Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden
+Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern
+etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese
+und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen
+entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter
+dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie
+Pfeiler und Berge darüberragen.</p>
+
+<p>Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war
+aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien
+Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im
+Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete
+sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der
+Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden
+Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen
+Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen
+Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche
+dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue
+Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde
+mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu
+den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu
+haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem
+Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über
+die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle
+der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar.</p>
+
+<p>Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue
+Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung
+zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus
+ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet,
+und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die
+nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_53">[Pg 53]</span></p>
+
+<p>In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus
+geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde.</p>
+
+<p>Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der
+Erdgeschichte sich vollzogen haben, — nicht ruckweise natürlich als
+wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung
+und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal
+glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen
+auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren
+solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier
+sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler
+stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher
+Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen,
+sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und
+Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben.</p>
+
+<p>Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein
+geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor,
+eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten.</p>
+
+<p>Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich
+mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder
+abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem
+Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels
+war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und
+Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem
+Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene
+hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung.
+Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das
+in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als
+Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und
+zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in
+den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe
+lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch
+das Tiefland kam, bis das Meer voll war.</p>
+
+<p>Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte
+<span class="pagenum" id="Page_54">[Pg 54]</span>schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich
+herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und
+so viel Meter <em class="gesperrt">unter</em> der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig
+dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten
+längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so
+und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß.</p>
+
+<p>Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie
+der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt.
+Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter
+Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd
+wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer
+Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich
+notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt.</p>
+
+<p>Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen
+Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den
+Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe.</p>
+
+<p>Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein
+dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station,
+daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus
+schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das
+Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die <span class="antiqua">Linnaea
+borealis</span> blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu
+den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand,
+das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen
+lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel
+am Tiberstrand.</p>
+
+<p>Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle
+um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet
+als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund.
+Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche,
+wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken
+Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, —
+hier das dumpfe Deuten von der Tiefe <span class="pagenum" id="Page_55">[Pg 55]</span>her. Das Deuten, das meldet:
+alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die
+Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die
+Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie
+vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, — der
+flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher
+Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“
+sein, — Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten,
+wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in
+Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck.</p>
+
+<p>Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner
+Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und
+Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten.</p>
+
+<p>Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen
+Birkenebene.</p>
+
+<p>Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf
+der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt
+hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer
+Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von
+einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute
+unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans
+hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns,
+die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen.
+Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu
+Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen.</p>
+
+<p>In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht
+vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde
+nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere.
+Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er
+ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er
+sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von
+Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein
+Bruchmaterial weit verschleppt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_56">[Pg 56]</span></p>
+
+<p>Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter
+Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in
+die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes
+ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu
+acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst
+jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten
+über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da
+unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische
+Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig
+gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie
+kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den
+Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten
+Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort
+und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse
+winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich
+häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke
+werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide.</p>
+
+<p>Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große
+Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die
+blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst
+aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder
+mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der
+sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist
+nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht
+von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der
+böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes
+Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein
+die Alpen nach Holland schleppt.</p>
+
+<p>Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich
+zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß,
+ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und
+auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine
+Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich
+beschieden hat: der Umdrehung der <span class="pagenum" id="Page_57">[Pg 57]</span>Kugel, den Schwankungen und
+Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit
+dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los.</p>
+
+<p>Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der
+Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen.</p>
+
+<p>Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme
+erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die
+selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog
+sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben
+vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann
+wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren
+Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht
+gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die
+Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während
+jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter
+nach den Polen trieb.</p>
+
+<p>Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht
+bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch
+betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren
+Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade
+damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen
+und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen.</p>
+
+<p>Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen
+Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt
+das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen
+bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah,
+aber schon hinter ihr.</p>
+
+<p>Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter
+uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines
+Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von
+unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den
+gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit
+nach Thüringen und Sachsen zurückbringt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_58">[Pg 58]</span></p>
+
+<p>Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten.
+Mich faßte ein neues Bild.</p>
+
+<p>Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches
+Land im Fernrohr schaute.</p>
+
+<p>Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland.
+Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus
+dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das
+Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen:
+kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders
+reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte.</p>
+
+<p>Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen
+Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium
+wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so
+faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten
+Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation
+an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars
+(und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche
+Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs
+gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll.</p>
+
+<p>Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß
+verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart.</p>
+
+<p>Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer
+solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit
+Abendhintergrund.</p>
+
+<p>Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen
+vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden
+Qualmes hinein.</p>
+
+<p>Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen,
+glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen — Urwaldbäumen,
+jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu
+unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel
+nähere Etage über der Ebene bildend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[Pg 59]</span></p>
+
+<p>Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine
+Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die
+zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch
+damals bestand?</p>
+
+<p>Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser
+Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als
+„Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle
+des heutigen Lebens.</p>
+
+<p>Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für
+diese Geisterstunde noch einmal empor.</p>
+
+<p>Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz
+Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte
+bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie
+jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, — ein mystisches Schattenbild
+der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die
+menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den
+Menschengeist selbst.</p>
+
+<p>War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der
+sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe
+der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden
+Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften
+Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten?</p>
+
+<p>Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne,
+einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit
+Deutschlands geglüht hatte&#8239;.....</p>
+
+<p>Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos
+eilende Zug schon die Scene jäh geändert.</p>
+
+<p>Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die
+letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende
+Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von
+Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser
+Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde
+vor: der Farrnkräuter.</p>
+
+<p>In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische
+Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes <span class="pagenum" id="Page_60">[Pg 60]</span>oder je
+nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche
+Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen.</p>
+
+<p>Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste
+dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte
+Steinkohlen-Urwald selbst.</p>
+
+<p>Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder
+kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben,
+aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das
+Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp
+und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen,
+auch die oberste.</p>
+
+<p>Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne
+niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der
+heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe.
+Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin
+Raum zum Herbergen.</p>
+
+<p>Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit
+grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten
+Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen
+hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als
+schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der
+Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern
+Stammdicke sich wälzten.</p>
+
+<p>Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende
+bei uns genommen.</p>
+
+<p>Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem
+Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland,
+das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die
+Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller
+aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, — so
+empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit
+über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch
+ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der
+Individuen.</p>
+
+<p>Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht
+unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst <span class="pagenum" id="Page_61">[Pg 61]</span>wir
+mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein
+Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen
+unserer Heimat geworden.</p>
+
+<p>Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der
+Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist
+heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, — der eine
+sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen,
+— der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung
+zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone
+vorkommen. Da kann man nun wählen.</p>
+
+<p>Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur
+umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten,
+die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener
+Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer
+Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen!</p>
+
+<p>In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut,
+— ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher
+Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit.</p>
+
+<p>Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im
+ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist.</p>
+
+<p>Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die
+Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus
+dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute
+keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt
+zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der
+reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom
+Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das
+hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern.</p>
+
+<p>Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und
+oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene
+Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt.</p>
+
+<p>Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die
+deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich <span class="pagenum" id="Page_62">[Pg 62]</span>zweifelhaft
+sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in
+Kiefer, Fichte und Tanne — oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder
+Birke.</p>
+
+<p>Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen
+zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner
+Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu
+ertragen.</p>
+
+<p>Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden,
+wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als
+„Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden.
+Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür
+kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein
+echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das
+Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des
+Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß
+gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen.
+Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur
+nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch
+geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas.</p>
+
+<p>Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da
+das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil
+ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit
+Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne
+durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut
+der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre
+Regsamkeit, ihre Daseinsenergie.</p>
+
+<p>Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte
+des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau
+auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der
+großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch
+herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von
+denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß
+gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen
+Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste
+Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale <span class="pagenum" id="Page_63">[Pg 63]</span>beste Anpassung sich vom
+Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als
+dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie
+dem standgehalten haben.</p>
+
+<p>In der noch späteren Tertiär-Zeit besteht kein Zweifel, daß Deutschland
+ein geradezu heißes Klima wirklich hatte, prachtvolle Fächerpalmen,
+Drachenbäume und Bananen grünten bei uns, in denen Affen kletterten
+und zu denen die Giraffe ihren langen Hals aufstreckte. In deutschen
+Braunkohlenlagern der mittleren Tertiär-Zeit ragen riesige Stämme,
+die das Nadelholz in Gestalt der schönen Sumpfcypresse zeigen, wie
+sie heute nur noch in Amerika vorkommt. Bei Groß-Reschen in der
+Niederlausitz ist die bekannteste Fundstelle, dort stehen die ganzen
+Stümpfe noch in der Tiefe, als sei eben erst ein tausendjähriger Forst
+abgehackt worden. Auch unser Bernstein ist nichts anderes als das
+versteinerte Harz einer tertiären deutschen Fichte, — wie unglaublich
+groß müssen aber diese Nadelholzwälder damals gewesen sein, wenn man
+der Bernsteinmassen gedenkt, die das Meer seit Plinius’ Tagen an die
+Küsten treibt und die aus dieser Küste gegraben werden.</p>
+
+<p>Dieser Wärmeanpassung des Weihnachtswaldes hat erst wieder die Eiszeit
+ein Ende gemacht. Als sie ganz Norddeutschland unter Grönlandeis
+warf, mußte dort wenigstens auch der Fichtenwald fliehen. Als sie
+wich, kam er aber erst recht zurück, denn es kehrte ja für ihn gerade
+die Temperatur wieder, die vielleicht sein Ausgangspunkt war: die
+gemäßigte. Und nur eins machte ihm vorübergehend noch einmal Not, —
+doch davon gleich.</p>
+
+<p>Blieb so die Flora der deutschen Reptilien-Groß-Zeit in gewissem Sinne
+durch ihre Zähigkeit uns bis heute treu, so ist das Tiervolk von damals
+dafür um so gründlicher gesunken. Die elefantengroßen, hausgroßen
+Saurier sind verschwunden, das traf aber Deutschland nicht allein,
+sondern die ganze Erde. Nur in zwei urweltlich kolossalen Gruppen ist
+diese Hochblüte der Reptilien ja überhaupt lebend auf uns gekommen:
+als Krokodil und als Riesenschildkröte. Beide waren Deutschland noch
+in jener Tertiär-Zeit, als es mit allen Ichthyosauriern und Iguanodons
+längst alle war, treu: bei Ulm krochen Landschildkröten mit zolldicken
+Panzerplatten, zwischen Mainz und Darmstadt schwamm der Alligator.
+Dann <span class="pagenum" id="Page_64">[Pg 64]</span>aber hat die Eiszeit hier eine Aufräumearbeit von unerbittlicher
+Gründlichkeit besorgt.</p>
+
+<p>Im ganzen und auch für die allerkleinsten Formen hat sie unsere
+Eidechsen-, Schlangen- und Schildkrötenwelt auf einen Nullpunkt
+gebracht (ihr Nullpunkt im Klima wurde für diese armen wechselwarmen
+Sonnenkinder ja auch Nullpunkt jeglicher Blut- und Lebenswärme), von
+dem diese sich bis heute nicht eigentlich erholt hat.</p>
+
+<p>Das Reptil als auffälliges Charaktertier der Landschaft existiert für
+ganz Deutschland nicht mehr.</p>
+
+<p>Wenn man über die Alpenmauer nach Italien wandert, so ist ein erstes
+charakteristisches Anzeichen der zum Mittelmeer sich wendenden
+italienischen Landschaft das emsige Geschwänzel der Eidechslein auf
+jeder Bruchsteinmauer. Es sind keine Lindwurm-Saurier mehr, aber
+man empfindet doch, daß man in einer Gegend ist, die wenigstens ihr
+kleines Reptilvolk nie verloren hat. Ich bin persönlich (vielleicht
+im Gegensatz zu vielen Lesern) ein großer Freund der Eidechsen und
+empfinde einen ästhetischen Verlust der Landschaft da, wo sie spärlich
+werden.</p>
+
+<p>Radikal herausgewalzt aus unserer Heimat durch die große Frostwalze
+der Mammutzeit, ist das Reptilvolk erst in der folgenden wieder
+milderen Epoche, sozusagen innerhalb also schon unserer „deutschen
+Geschichte“, ganz langsam und hier und da von Süden her wieder zu uns
+hereingekrochen. An einer größeren Rückwanderung hat freilich die
+Alpenmauer gehemmt. Wo eine solche ostwestliche Barriere nicht bestand,
+wie in Nordamerika, das zu großen Teilen doch auch seine Eiszeit
+durchgemacht hat, ist der Norden wieder ohne viel Mühe reptilienreich
+geworden. Bei uns kann man noch jetzt ziemlich genau beobachten, wie
+die großen südnördlichen Flußtäler nicht bloß den Wanderungen der
+Menschen, sondern auch denen der Schlangen und Eidechsen noch am
+ehesten geholfen haben, — vor allem das Rheintal, an dem sich Schritt
+für Schritt noch gegenwärtig fortbestehende Stationen der südnördlichen
+Einwanderung von Schlangen und Eidechsen nachweisen lassen.</p>
+
+<p>Was sonst noch Fremdartigeres im Nadelwalde der Saurierzeit bei uns
+räuberte, ist so gut wie ganz verschollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_65">[Pg 65]</span></p>
+
+<p>Der Ur-Vogel Archäopteryx liegt nur noch im zierlichen Stein-Abdruck
+vor.</p>
+
+<p>Selbst der famose <span class="antiqua">Ceratites nodosus</span> hat uns für immer verlassen
+und mit uns die Welt überhaupt. Es war ein großer Tintenfisch, der
+in einer hübschen gedrehten Schale saß wie heute der Nautilus auf
+Amboina. Er lebte im Meer, und Meer mußte die deutsche Scholle decken,
+wenn er hinkommen und seine Gehäuse auf ihr ablagern sollte. Aber es
+ist drollig, wie dieser alte Krake sich dabei mit der auffälligsten
+Konsequenz wirklich immer nur auf solchem Boden gehalten hat, der
+später einmal deutsch werden sollte, — mit Ausnahme eines ganz kleinen
+Streifchens Frankreich, von dem er jedenfalls annahm, es würde noch
+einmal annektiert werden. Auf diesem Deutschboden vermehrte er sich
+mit Glück in wahrhaft biblischer Weise und hinterließ ungeheuerliche
+Schalenmassen, — sonst bekam ihn kein Erdenfleck zu sehen. Schon
+Leopold von Buch hat den guten Witz von ihm gemacht, daß er um seiner
+prophetischen Treue willen verdiene, ins deutsche Wappen aufgenommen zu
+werden.</p>
+
+<p>Durch das offene Fenster meines Coupés träumte ich in die milde
+Frühlingsnacht hinein von Primeln und Anemonen in den dunklen
+Wiesengründen.</p>
+
+<p>Dann stieg der Mond höher und tauchte die Zweige am Bahndamm in ein
+Silberlicht, als ginge die Fahrt durch eitel blühende Kirschbäume.</p>
+
+<p>Wunderliche Vorstellung, daß unsere Landschaft einmal keine Blumen
+hatte!</p>
+
+<p>Die Primelwiese, der Veilchengrund, die rote Heide und der goldene
+Caltha-palustris-Sumpf, Dornröschen und der Lenzschnee der süddeutschen
+Obstgärten: sie alle sind eine späte, eine verhältnismäßig junge
+Erfindung der Natur, gegen die das Farrnkraut und die Kiefer ehrwürdige
+Patriarchen sind.</p>
+
+<p>Abermals ist es eine höhere geologische Schicht, die durch dieses bunte
+Blütenparadies der deutschen Landschaft schneidet. Sie geht nur mehr
+bis auf die zweite Hälfte der sogenannten Kreide-Zeit zurück.</p>
+
+<p>Weite Gebiete Deutschlands waren damals Tiefsee. Aber aus <span class="pagenum" id="Page_66">[Pg 66]</span>dem Ozean
+hoben sich gegen Schlesien und Böhmen zu Länder mit reichem Waldstand.
+Und wieder hatte in diesem Waldstand sich ein Ruck vollzogen. Da war
+zuerst aus dem Nadelholz ein Laubbaum geworden. Die Palme, die Magnolie
+war „erfunden“ worden, und — uns für heute interessanter — die Eiche,
+die Buche, die Kirsche. Neben die Nadel stellte sich das grüne Blatt,
+doch ein anderes als das ehemalige des Farrnkrauts, das Eichenblatt und
+Haselnußblatt, das Blatt des echten Laubbaumes.</p>
+
+<p>In jenem Bericht des Plinius erscheinen die deutschen Urwald-Eichen
+wie die Türhüter der Ewigkeit am ersten Schöpfungstage in die Welt
+gestellt und nun ewig fortgrünend. Auf einer Esche, also ebenfalls
+einem Laubbaume, ruhte dem alten Deutschen selber die Welt. Der Blick
+aber des Geologen sucht in der größten Eiche und Esche doch immer
+nur das Kind, die Jugend dieser Landschaft, neben dem der blaugraue
+Nadel-Wacholder ein Greis und gar Bärlapp und Farrnkraut gespenstische
+Urahnen sind.</p>
+
+<p>Aber wiederum die Eiche selbst und der Haselstrauch in ihrem Schatten
+sind alt gegen das Maiglöckchen, das verborgen im Schatten dieses
+Haselstrauches blüht. Das Maiglöckchen und die Dornrose und der
+weiße Flieder, so viel alter romantischer Zauber sie nun wieder
+umspinnen mag, sind erst recht ganz die Jungen und die Neuen in dieser
+geologischen Schichtung unserer Landesvegetation.</p>
+
+<p>Eine Liebesgeschichte mischt sich hier ein.</p>
+
+<p>Der Haselbusch macht es noch genau so wie die Kiefer: er streut seinen
+goldenen Blütenstaub vom Kätzchen dem Wind in die Arme und läßt ihn
+so zur weiblichen Blüte tragen. So hatten es die ersten Laubbäume
+der Kreidezeit alle noch gelernt. Aber diese Kreidezeit war lang,
+endlos lang. Und so glückte noch in ihr vor Schluß eine zweite, für
+das Landschaftsbild reichlich ebenso wichtige „Erfindung“ wie die des
+grünen Laub-Blattes.</p>
+
+<p>Früh mit dem Farrnblatt in der Steinkohlen-Zeit waren die Insekten
+entstanden. Während die Saurier zu Goliaths wuchsen, blieben sie immer
+relativ klein, aber dafür wurden sie beweglich, klug wie keine zweite
+Tiergruppe der Urwelt. An diese Insekten paßte sich die Pflanze an. Sie
+bepuderte die Fliege, die Biene mit <span class="pagenum" id="Page_67">[Pg 67]</span>ihrem Lebensstaub und ließ ihn
+so zur weiblichen Blüte tragen. Das war unvergleichlich viel sicherer
+als die Fahrt auf gut Glück mit dem Winde. Um das Insekt zu locken,
+wurde das stäubende Kätzchen, das unscheinbare weibliche Blütlein zur
+„Blume“, zum bunten, auffälligen Gebilde, das über seinen Honig ein
+weithin prangendes Wirtshausschild hing, bald blau, bald rot, bald in
+sinnreichster Reklame-Verbindung verschiedener Farben.</p>
+
+<p>Die Blätter hatten nach uraltem Pflanzenbrauch die grüne Farbe
+mitübernommen, — so machte es die Blume, um sich dagegen von fern
+schon dem Insekt kenntlich zu machen, ausgesucht in möglichst
+anderen Farben, als da sind Feuerlilien-Rot, Vergißmeinnicht-Blau,
+Kirschen-Weiß und Löwenzahn-Gelb.</p>
+
+<p>Aus diesem Wettbewerb um immer wirksamere Reklameschilder des
+Insekten-Wirtshauses mit dem Hintergedanken eines Briefstellers für
+Liebende erwuchs der herrliche Blutteppich der „Heide“, der Erika,
+in dem Westfalen glüht, — es erwuchs der tiefblaue Kristallbecher
+des Enzians am Riesengebirge, das Caltha-Gold von Worpswede und das
+liebliche Gewebe blauer Anemonen und gelber Primeln an den Jura-Hängen
+der schwäbischen Alb, unter deren Hut der Ichthyosaurus schläft.</p>
+
+<p>Das alles, wie gesagt, geschah noch im letzten Kapitel jener
+tatenreichen Kreidezeit. Als im Tertiär die Bernsteinfichte ihre
+goldenen Tränen weinte (sie träumte damals noch nicht von der Palme im
+Süden, denn die stand noch in prangender Fülle neben ihr, eingewurzelt
+wie sie im deutschen Lande), da rann dieses Harz schon um beide: die
+Fliege als Liebespostillon und die Blume als Animierkneipe, — beide
+begegnen uns heute im Bernstein, zu dem das Fichtenharz sich verhärtet
+hat.</p>
+
+<p>Einsam rasselte mein Zug durch die Nacht.</p>
+
+<p>Walpurgisschauer mochten durch den mondhellen Wald ziehen. Die Eulen
+riefen ihr altes Wodanslied. Wodan und die Eisenbahn, — mir war, als
+stürze der Blick wieder durch Aeonen vom Aeltesten ins Jüngste ab. Und
+doch ist auch diese Eule als Vogel ganz oben erst im Reigen. Den Vogel,
+das Säugetier des heutigen Deutschland hat uns erst eben jene Zeit der
+weinenden Bernstein-Fichte, die Tertiär-Zeit, geschenkt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_68">[Pg 68]</span></p>
+
+<p>Als der Alligator noch in den Sümpfen bei Mainz schwamm, da fielen
+schon Scharen echter Enten dort auf dem Wasserspiegel ein. Um dieselbe
+Zeit war am heutigen Hahnenberg bei Nördlingen im bayrischen Schwaben
+ein Brutplatz des Pelikans. Längst offenbar war der Vogel vom
+eidechsenschwänzigen Urgreif Archäopteryx damals also schlicht zu Ente
+und Pelikan geworden. Heute kann der Pelikan selbst freilich nicht mehr
+als deutscher Vogel gelten. Er verfliegt sich ab und zu noch einmal zu
+uns, aber er brütet nirgendwo mehr.</p>
+
+<p>Der Verwandtschaft nach vielleicht unser altertümlichster deutscher
+Vogel, den wir noch massenhaft haben (z.&#8239;B. als wahren Nationalvogel
+auf dem Müggelsee bei Friedrichshagen) ist der Haubensteißfuß.</p>
+
+<p>Denn eng an diese Taucher schließt sich ein geheimnisvolles Wesen,
+dessen Knochenreste in Nordamerika in Gestein noch der Kreidezeit
+gefunden worden sind, der „königliche Westvogel“ (<span class="antiqua">Hesperornis
+regalis</span>), der, ein ganz flügelloser Haubensteißfuß von Gestalt,
+doch im Schnabel noch eine Rinne hat, in der oben 28 und unten 66 echte
+Zähne wurzelten — eine Eigenschaft, die also noch deutlich an die
+ebenfalls bezahnte Archäopteryx erinnerte.</p>
+
+<p>Umgekehrt unser ältester noch lebender Säuger ist ziemlich sicher kein
+anderer als der Igel.</p>
+
+<p>Die überhaupt urweltlichste Säugetierform der Erde ist das australische
+Schnabeltier, dessen sehr igelähnliche Landsorte (es gibt auch eine
+im Wasser) heute im Herzen Deutschlands nur in einem lustigen Pärchen
+des Berliner Zoologischen Gartens lebt. Dieses Schnabeltier legt noch
+Eier wie die Eidechse, von der es (in allerdings noch sehr dunklem
+Zusammenhang) zwischen dem Ende der Steinkohlenzeit und der Blüte der
+Riesenreptile irgendwann und irgendwo entsprungen sein muß. Die nächst
+höhere Stufe war dann das Beuteltier.</p>
+
+<p>In der ganzen Ichthyosaurus-Epoche war das Beuteltier das
+Charaktersäugetier Europas, also ziemlich sicher auch Deutschlands; die
+beweisendsten Knochenfunde sind zufällig in England gemacht worden, das
+aber durchaus mit dem Kontinente sonst übereinstimmte. Nach heutigem
+Maß muß es der Landschaft einen australischen <span class="pagenum" id="Page_69">[Pg 69]</span>Charakter verliehen
+haben. Noch in der Tertiärzeit hatten wir die echte Beutelratte, das
+heutige Opossum der Nordamerikaner, in Weisenau bei Mainz und in
+Eckingen bei Ulm. Möglicherweise haben dem letzten deutschen Beutler
+auch erst die Vorwehen der Eiszeit den Garaus gemacht.</p>
+
+<p>Im heutigen deutschen Klima würde allerdings ein Grund auf keinen Fall
+stecken, daß wir nicht Känguruhs in der deutschen Heide haben sollten
+so gut wie Kaninchen. Zweimal ist nämlich in den letzten Jahrzehnten
+versucht worden, an dieser Stelle durch Menschenkunst das Rädlein der
+Dinge noch einmal rückwärts zu drehen und dieses Stück Urwelt bei uns
+leibhaftig wieder auferstehen zu lassen. Zuerst hat 1887 der Freiherr
+von Böselager auf Heimerzheim im Rheinland Känguruhs frei in seinen
+Wald gesetzt, und sie sind sofort wirklich „wild“ geworden wie die
+Hasen, ohne sich durch den nordischen Winter irgendwie anfechten zu
+lassen.</p>
+
+<p>In noch größerem Stil ist das dann seit 1889 dem Grafen Witzleben
+im Buschwalde von Altdöbern in der Niederlausitz geglückt. Die
+Känguruhs haben sich dort nicht nur regelrecht als freies Jagdtier
+eingebürgert und fortgepflanzt, sondern sie haben sich auch mit dem
+übrigen echtdeutschen Wild aufs beste vertragen. Witzleben preist
+die Schmackhaftigkeit des Wildprets und besonders die Suppe aus
+Känguruh-Schwanz.</p>
+
+<p>Wie die Dinge liegen, würde solche Verpflanzung übrigens mehr sein als
+ein bißchen menschliches Hineinpfuschen in den Lauf der Erdgeschichte
+nach rückwärts. Das Känguruh, eine der possierlichsten, malerisch
+merkwürdigsten Tiergestalten der Erde, könnte nur so überhaupt auf
+unsere Enkel gerettet werden, da es in Australien selbst hoffnungslos
+der Ausrottung verfällt, ja in großen Gebieten schon verfallen ist.</p>
+
+<p>Als dritte Säugergruppe haben nun offenbar ganz früh schon unter
+die Schnabler und Beutler der Saurierzeit sich die sogenannten
+„Insektenfresser“ gemischt. Drei von denen sind uns treu geblieben:
+der Igel, der Maulwurf und die Spitzmaus. Den Igel kennzeichnet sein
+altertümliches, schnabeltierhaftes Stachelkleid als die urweltlichste
+Form. Sehr wahrscheinlich gehört auch die Fledermaus noch eng hierher.
+Ganz früh, fast an der Wende noch der Saurierepoche <span class="pagenum" id="Page_70">[Pg 70]</span>zur Tertiärzeit,
+drei Millionen Jahre mindestens vor der Eiszeit, tritt sie völlig
+unvermittelt fix und fertig auf, recht ein Rätseltier, dessen Ableitung
+von den Ur-Säugetieren noch völlig dunkel ist. Ihre fruchtfressenden
+tropischen Verwandten, die sogenannten „Fliegenden Hunde“, sind
+möglicherweise sogar noch viel älter.</p>
+
+<p>So spiegelt sich in diesen ganz Harmlosen, Stillen, Verkannten und in
+ihrer Insektenjagd doch so Nützlichen unserer Landschaft wieder eine
+weit tiefere Schicht Urwelt als etwa im großen Hirsch oder im Pferde
+und vollends als im Menschen, den heute die tosende Eisenbahn durch die
+rote Heide und den stillen Hochwald führt.</p>
+
+<p>Sie raste in die Mondnacht hinein, meine Bahn.</p>
+
+<p>Gespenstisch fahl ragten jetzt die jungen Birken aus der Ebene draußen,
+— ich träumte weiter.</p>
+
+<p>Auf der Schwelle der Erdperiode, der wir angehören, ringen drei
+Gewalten um die deutsche Landschaft.</p>
+
+<p>Wenn die Sagen der deutschen Stämme so weit zurückgingen, müßten sie
+als drei Riesen darin erscheinen, mit einer ungeheuren Axt, einer
+Schaufel, einer Keule in der Hand.</p>
+
+<p>Der eine rollt Eisblöcke.</p>
+
+<p>Der andere pustet Sand.</p>
+
+<p>Der dritte häuft Urwaldstämme.</p>
+
+<p>Lange Jahrtausende ist die deutsche Erde in ihre Faust gegeben. Zwar
+den Grund des Gesteins, den längst gefestigten Stamm des Gebirges
+müssen sie stehen lassen. Aber die Oberfläche dürfen sie verwandeln,
+verwüsten, neu bauen nach ihrer Lust.</p>
+
+<p>Ein Faustschlag des einen — und die Zinnen Skandinaviens zerbrechen
+zu Scherben und diese Scherben rollen über ganz Norddeutschland. Wie
+ein Gärtner Wasseradern durch seine Wiese zieht, so drängt er ganze
+Stromsysteme vor sich auf, windet Ströme ineinander, schiebt ihre
+gestauten Wasser stufenweise hin und her. Was der eine nackt gerodet,
+überzieht der andere mit Wald. Auf den Wald aber stürzt jener den
+Sandsturm der Steppe. Und doch geht aus dem Todeskampf dieser ringenden
+Elementargeister zuletzt, wie so oft im Märchen, ein Segensreiches
+hervor: eine Erde, die zwar längst kein Paradies mehr ist mit Bananen
+und Brotfruchtbäumen, deren Boden aber jederzeit sich als Schatz
+heben läßt für <span class="pagenum" id="Page_71">[Pg 71]</span>die strenge Kulturarbeit; der fruchtbare Kornboden
+Deutschlands geht daraus hervor.</p>
+
+<p>Tundra, Gras-Steppe und Sumpfwald lassen die drei Riesen sich botanisch
+benennen.</p>
+
+<p>Geologisch knüpft die Tundra an die Eiszeit an. Die Gras-Steppe an den
+eigentümlichen Lehm weiter deutscher Gebiete, den sogenannten Löß. Der
+Sumpfwald endlich an eine Zwischen- und Nachstufe beider mit feuchtem
+Klima ohne Vergletscherung, aber auch ohne Wüstenglut.</p>
+
+<p>Es ist die große Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, daß wir
+auch diese drei Gestalter unseres Landes jetzt wenigstens alle drei
+als historische Figuren kennen, — als die letzten Naturriesen, die an
+unserer Heimat gebaut haben, ehe der deutsche Mensch selber das Heft
+in die Hand nahm und den Landschaftscharakter in den Grenzen seines
+Könnens nach dem Bilde seiner Sehnsucht modelte. Wer ihr Antlitz nicht
+auch noch durchleuchten sieht, der versteht nichts vom feinen Gewebe
+heutiger deutscher Landschaft trotz aller Kenntnis vom Heraufgang
+dieser nachfolgenden Menschenkultur.</p>
+
+<p>Geheimnisvoll verschleiert sich nur auch unserm geologisch
+vorgeschrittenen Schauen das zeitliche Verwandtschaftsverhältnis
+jener drei Ur-Bauer und Ur-Verwüster diesseits der paradiesischen
+Tertiär-Zeit. Wer war der Vater, der Sohn, der Enkel? Oder waren sie zu
+ihrer Zeit gleichaltrige Brüder, die nur um die Oberherrschaft stritten?</p>
+
+<p>Der noch urweltlich riesige, feuchte, mit Moorgrund abwechselnde,
+mangels jeder Forstkultur unwegsame deutsche Stammwald mit stofflich
+ähnlicher Zusammensetzung wie heute: das ist das vertrauteste, das
+plausibelste Bild zunächst von den dreien. So fing ja die deutsche
+Landschaft bei Plinius geschichtlich im Sinne von Kulturüberlieferung
+an. Rückwärts haben wir gesehen, wie in solchem Urwalde die Farrn-Flora
+sank, wie die Nadelhölzer ihn in Ichthyosaurus-Tagen eroberten, wie
+zwischen das Nadelholz sich dann Laubbäume mischten. Diese deutschen
+Laubbäume waren in der heißen Tertiärzeit noch Eichen und Palmen. Von
+jenen Plinius-Tagen herauf bis zu uns gestattet das deutsche Klima
+<span class="pagenum" id="Page_72">[Pg 72]</span>keinen Palmenwuchs mehr. Wir haben Anzeichen, daß dieses Klima-Sinken
+noch gegen Ende der Tertiär-Zeit selber eintrat. So wäre damals
+schon das letzte für uns Fremdartige ausgemerzt worden: ein Rest
+südländischer Formen in unserm Walde. Damit aber schlösse sich glatt
+das Bild: die Urwelt einmündend in den germanischen Forst des Plinius.</p>
+
+<p>In diesen Forst bricht <em class="gesperrt">von da ab</em> dann die Kultur ein. Hier rodet
+sie ihn ganz, um Raum zu gewinnen für die Ausnutzung des schlummernden
+Korn-Bodens. Dort nimmt sie ihm wenigstens seine sumpfig-unhandliche
+Ur-Form. Die Forstkultur kommandiert mehr und mehr den rohen Genossen
+der alten Bären und Elentiere in eine Art Baumkaserne um mit strammer
+Militärhaltung und einem Zug auf ein „Normalschema“. Schließlich greift
+sie aber auch in die Art des Waldbestandes ein. Sie begünstigt Bäume,
+die der Mensch in ihrer Lebensart und Leistung besser gebrauchen kann,
+und wirft so in hundert Jahren mehr Abwechselung und Neuerung in die
+deutsche Waldlandschaft, als ganze Perioden der Erdgeschichte kaum
+vermocht haben.</p>
+
+<p>So weit wäre alles so glatt wie möglich, — von einer beruhigenden
+Einfachheit. Die Natur tut uns aber leider nicht den Gefallen, es dabei
+zu lassen.</p>
+
+<p>Seit fünfzig Jahren hat sie uns mit einem ganzen Arsenal von Tatsachen
+bombardiert, um uns aufzurütteln aus dem Gedanken, es lasse sich der
+Sumpfwald des Plinius ohne Bruch und Ruck angliedern an den schon
+palmenfreien deutschen Wald der spätesten Tertiär-Zeit.</p>
+
+<p>Zwei deutsche Landschaften schieben sich da mit der größten Energie
+noch dazwischen, und es sind ausgespart die unmöglichsten für eine
+glatte Entwickelung.</p>
+
+<p>Die eine entspricht dem, was wir heute auf der Erde „Tundra“ nennen.
+Und die andere etwa nach asiatischem Bilde der echten „Steppe“.</p>
+
+<p>Die Wälder des Plinius verstehen wir noch, wenn wir auch kaum hier und
+dort mehr ein winziges Restchen davon haben. Was aber eine Tundra ist,
+weiß der Durchschnittsdeutsche höchstens aus dem Konversations-Lexikon.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_73">[Pg 73]</span></p>
+
+<p>Wer das Glück hat, wie ich, seit Jahren an einem unserer großen
+märkischen Seen zu wohnen, dem ist ein Vogel lieb geworden, der zu
+Zeiten dort das Landschaftsbild geradezu aufdringlich beherrscht: die
+Wildgans.</p>
+
+<p>Schnurgerade geht der Bahndamm durch den brausenden Kiefernwald,
+mit der letzten blassen Rainflora oder am Wärterhäuschen ein paar
+welkenden Sonnenblumen. Hinter den Kiefern liegt auf der einen Seite
+der blaue See. Dahin wandern sie, endlose, schnatternde Keilstreifen
+dieser Gänse. Lange schon hört man ihr Geplapper, ehe noch der
+Kronenrand der schwarzen Bäume sie entläßt. Dann sind sie da, Schatten
+werfend wie eine Wolke, endlos. Oft ist die Spitze des Keils mit
+ihrer ewig wechselnden Vorfliegerin schon jenseits hinter die Kiefern
+hinabgetaucht und hier rinnt und rinnt noch immer der Doppelarm der
+beiden Gabeln nach.</p>
+
+<p>Nun denn: die meisten dieser Wildgänse kennen die Tundra ganz genau.
+Alljährlich wandert die Saatgans im Sommer dorthin, um zu brüten. Im
+Herbst kommt sie dann in ungezählten Geschwadern zu uns zurück, um im
+Winter oft noch viel weiter nach Süden zu gehen, vielfach bis nach
+Afrika. In der rauhen Zeit des Jahres ist es ihr in der Tundra zu kalt.
+Denn diese Tundra ist heute hoch, hoch im Norden: die Mooswüste des
+Polargebietes.</p>
+
+<p>Die Tundra umgürtet den Nordpol, ein letzter Kümmerversuch des Lebens.</p>
+
+<p>Wer die Schneekoppe besteigt, der sieht die Waldgrenze unter sich
+schwinden und endlich auch den steppenartigen Grasteppich mit seinen
+blauweißen Anemonen und roten Primeln. Zuletzt klebt nur noch an den
+grauen Verwitterungsflächen des Glimmerschiefers die Flechte, hier
+goldgelb, hier bräunlich, das letzte, selber schon beinah steinhaft
+erstarrte Leben, das sich anklammert.</p>
+
+<p>Ein solcher nackter Fels aber, endlich von ewigen Eismassen bedeckt,
+ragt der Pol des ganzen Erdballs, einem ungeheuren Hochgebirgsgipfel
+vergleichbar, in den kalten Raum. Auch gegen ihn hin schwindet,
+weit nördlich allerdings erst vom deutschen Gebiet, nahezu auf der
+Breite des Nordkaps, wo Europa im ganzen endet, der Baumwuchs. Jene
+Liliputanergestalt kryptogamischer Gewächse, die schon in unserm
+Walde merkbar wird, wird <span class="pagenum" id="Page_74">[Pg 74]</span>noch ein Stück weiter dort zur vollkommenen
+Herrscherin. Moose und Flechten überziehen unermeßliche Wüsteneien als
+Charakterpflanze. Die Birke kriecht noch hier und da dazwischen, aber
+auch sie ist ein Zwerg geworden, ein armer verkrüppelter Eskimo, dessen
+„Krone“ kaum ein paar Zentimeter über den Boden ragt, während der
+„Stamm“ die Dicke eines Zündhölzchens weist.</p>
+
+<p>Sieht man auf diesen Pflanzenwuchs, der längst nicht mehr ein Kleid,
+sondern kaum noch ein färbender Bodenanstrich dieser Oede ist, so
+sollte man das Tierleben dort völlig erloschen wähnen.</p>
+
+<p>Gerade umgekehrt aber ist es, als hefte sich eine uralte, eine
+unverwüstliche Liebe ungezählter Tiere an diesen unwirtlichen Fleck.
+Wie Dampfsäulen schießen die Mückenschwärme auf, wenn der steinhart
+gefrorene Boden im kurzen Sommer oberflächlich eine kleine Schicht weit
+taut. Nagetiere kriechen in Scharen hervor. Stellenweise wandern wilde
+Ochsen in Herden an und äsen sich an den elenden paar Blättchen der
+Zwergbirken. Ganz unerschöpflich aber ist der sommerliche Reichtum der
+Vögel, die ausgesucht in diese Polarwüste den Höhepunkt ihres Daseins
+verlegen, hier ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen.</p>
+
+<p>Seltsam fürwahr, der Geschmack einer solchen Wildgans.</p>
+
+<p>Ihre strammen Flugmuskeln geben die Welt von der Nordgrenze Sibiriens,
+wo Nordenskjöld gesegelt ist, über ganz Europa, über das lachende
+Mittelmeer hinweg bis ins heiße Afrika hinein in ihren Willen.
+Alljährlich überschauen sie das, — und suchen doch die Tundra, um ihr
+Nest dort zu bauen.</p>
+
+<p>Diese ausgesprochenen Heimatsgefühle der Wandervögel — ausgesprochen
+in einem Maße, daß unser Kulturvolk-„Patriotismus“ fast beschämt
+daneben steht — haben aber nicht nur für das Gemüt etwas Rührendes,
+sondern sie sind auch wissenschaftlich gerade für unsere Fragen
+vom allergrößten Interesse. Der Vogel, der heute in der Tundra
+nistet, bewährt vielleicht nicht nur Patriotismus im einfachen
+Sinne der Anhänglichkeit an eine bestimmte Landschaft. Er ist
+möglicherweise dieser Landschaft <em class="gesperrt">nachgezogen</em>, als sie sich durch
+geschichtliches Verhängnis selber von der Stelle bewegte.</p>
+
+<p>Wenn die Saatgans heute in Deutschland nur durchreisender <span class="pagenum" id="Page_75">[Pg 75]</span>Zugvogel
+ist, der uns nicht der Ehre würdigt, seine Nestfreuden zu erleben,
+so ist sehr wohl denkbar, daß sie es tut, nicht obgleich, sondern
+<em class="gesperrt">weil</em> sie ein ursprünglich deutscher Vogel ist.</p>
+
+<p>Ihr ist etwas passiert, dem ihr Gänseverstand in höherem Ueberschauen
+nicht nachkommen konnte: das Vaterland ist ihr vor Zeiten sozusagen auf
+der Landkarte ins Rutschen geraten, — es hat sich ihr verschoben nach
+Norden zu. Ihre Tundra, an die sie sich gewöhnt hatte, lag einst statt
+in Sibirien quer durch Deutschland. Sie war im übrigen Tundra genau wie
+heute. Auch sie fror und schneite im Winter zur absoluten Hungerkammer
+ein, aus der es dem Vogelvolk nur einen Ausweg gab: bis über die Alpen
+hinaus nach dem warmen Afrika wandern. Lange Zeiten, viele Jahrtausende
+lang, paukte sich diesen Gänsegenerationen ein: Heimat ist die Tundra,
+aber im Winter geht’s nach Afrika, denn am vollkommen hereinbrechenden
+Nordpol mit Weltraumkälte scheitert auch der wärmste Patriotismus.</p>
+
+<p>Aber diesen Generationen schmuggelte sich eins unter der Hand dazu.
+Von Jahrhundert zu Jahrhundert schob sich ihnen die liebe Tundra
+immer ein paar Meilchen weiter nach Norden. Das Vaterland hatte sich
+als vom Klima bedingte „Landschaft“ unmerklich in Bewegung gesetzt
+wie ein Flechtenüberzug, der an einem sinkenden Gebirge Schritt für
+Schritt höher kriecht, um die alten Höhenverhältnisse beizubehalten.
+Die Tundra kroch so nordwärts an dem Polargipfel der Erde — bildlich
+gesprochen — höher. Da die Sache langsam einstudiert wurde, machte
+es den Enkel-Gänsen nicht viel, daß sie etwas länger heimflogen, als
+ihre Ahnen. Und schließlich flogen sie mit alter Treue über das ganze
+alte Deutschland weg bis nach Lappland und Nordsibirien, der wandernden
+Tundra nach. Einigen scheint ja die Riesenstrecke von dort bis Afrika
+schließlich doch zu viel geworden zu sein: so hat die andere Wildgans,
+die Graugans, heute doch gelernt, vielfach wieder auf deutscher Erde zu
+nisten.</p>
+
+<p>Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von
+einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte
+immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_76">[Pg 76]</span></p>
+
+<p>Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen
+Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des
+Schussen reguliert wurde.</p>
+
+<p>Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage:
+ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten
+durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden
+alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der
+echten deutschen Tundra.</p>
+
+<p>Gletscherschutt lag da, — in dieser Gegend, die heute weit und breit
+nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich
+der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den
+Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos
+überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen
+konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte
+in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen
+Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen
+versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch
+einmal in unsere Zeit hinein.</p>
+
+<p>Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die
+Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir
+Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in
+unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen
+Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches
+Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der
+grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum
+allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen
+mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar
+kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung
+der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei
+all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit
+unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der
+deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden
+an eine deutsche Tundra-Zeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_77">[Pg 77]</span></p>
+
+<p>Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum
+sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte.</p>
+
+<p>Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte
+Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im
+Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den
+das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber
+bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar
+erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch
+über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz
+Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht.</p>
+
+<p>Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man
+sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich
+von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa
+das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche
+geraten wäre.</p>
+
+<p>Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge
+in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis
+und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes
+niederkollern ließ, — erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war
+die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich
+schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes
+Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand,
+wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die
+Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß
+die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein
+Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb.</p>
+
+<p>Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da
+brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen.</p>
+
+<p>Es erhöhte die Furchtbarkeit, daß zu der einen skandinavisch-russischen
+Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte,
+kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten.
+Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt
+damals, endgiltig unterzugehen. Die <span class="pagenum" id="Page_78">[Pg 78]</span>Nadelholz- wie Laubwälder der
+Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am
+Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe,
+deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von
+der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein
+Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein
+winzigstes Käferlein gekrabbelt.</p>
+
+<p>Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des
+Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst.</p>
+
+<p>Der Planet auf diesem ganzen Gebiet — die gesamte Strecke, die ich
+auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im
+Riesengebirge durchmaß — war gemordet.</p>
+
+<p>Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der
+Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens
+zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können.
+So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend,
+vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben
+muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die
+Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den
+Bodensee gedrängt worden, — die Moschusochsen und der andere, der,
+unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der
+Mensch. Was hatte <em class="gesperrt">ihn</em> hierher gebracht? Die Knochen des Wesens,
+das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen
+Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik
+fehlt&#8239;....</p>
+
+<p>Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze.</p>
+
+<p>Auf wessen Gebot?</p>
+
+<p>Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten
+begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und
+Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der
+Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, — wer
+weiß es.</p>
+
+<p>Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat
+Alexander nicht wirklich die Welt erobert?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_79">[Pg 79]</span></p>
+
+<p>Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst
+zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt
+in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf
+unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit
+Grönlandmoosen, — der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und
+Eskimo-Menschen.</p>
+
+<p>Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal
+zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen — nicht
+Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im
+Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der
+heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit
+wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten.
+Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses
+Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An
+den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst
+ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten
+Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie
+viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands.</p>
+
+<p>Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen
+Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das
+Eis herum nach der Nordsee sich wandte.</p>
+
+<p>Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm
+ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in
+diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee,
+sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf
+der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der
+Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der
+Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog
+sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee
+zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser
+Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs
+des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere,
+heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die
+Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa
+Eberswalde, <span class="pagenum" id="Page_80">[Pg 80]</span>Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die
+Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl
+wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig
+von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der
+Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte
+Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man
+rein geographisch seinen Kern erfaßt.</p>
+
+<p>Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt,
+steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher
+Riesenströme mit Tundrastaffage.</p>
+
+<p>Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer
+Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches
+nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen
+Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die
+hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken
+wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse
+ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin.</p>
+
+<p>Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist.</p>
+
+<p>Denn auch die Tundra schwand.</p>
+
+<p>Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland
+und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und
+Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher
+Landschaftsgeschichte entziffert worden.</p>
+
+<p>Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so
+gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des
+Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt
+der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen
+des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit
+Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen
+gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit.</p>
+
+<p>An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas
+hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen,
+einst das Walten einer Naturmacht <span class="pagenum" id="Page_81">[Pg 81]</span>erkannt, die bis dahin in alten wie
+neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes
+in der freien Steppe.</p>
+
+<p>Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken
+gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren
+Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen
+Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag.
+Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit
+abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis
+die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer
+einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne.</p>
+
+<p>Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung,
+wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu
+lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick
+aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der
+Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten
+Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der
+Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem
+Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde
+unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich
+schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub.</p>
+
+<p>Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China
+gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst
+bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst.</p>
+
+<p>Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen
+wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer
+gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden
+ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur
+ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde
+Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging.</p>
+
+<p>Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt
+dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst
+ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns
+erfolgt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_82">[Pg 82]</span></p>
+
+<p>Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist
+„Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von
+„Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll.</p>
+
+<p>Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet,
+dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse
+von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal
+danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer
+Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten
+deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden.</p>
+
+<p>Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter
+deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der
+heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht.</p>
+
+<p>Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die
+Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und
+Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar
+wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von
+asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig
+weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien
+geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß
+alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige
+Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der
+sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen
+Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann
+man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig
+dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige
+dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen,
+immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von
+flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener
+Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“</p>
+
+<p>Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene
+Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an
+der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute
+erst im europäischen Rußland auftaucht und <span class="pagenum" id="Page_83">[Pg 83]</span>dann bis zum Altai geht,
+jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark
+entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen
+südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es
+lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine
+glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten
+muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein
+und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde
+Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem
+sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien,
+Nordchina versetzt — nach Deutschland.</p>
+
+<p>Aber wann jetzt war das wieder?</p>
+
+<p>Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine
+Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden
+kann.</p>
+
+<p>Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete,
+sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet,
+hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser
+sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages
+niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt.</p>
+
+<p>Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter
+Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine
+letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich
+besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal
+getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder
+allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich,
+müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen,
+mindestens überaus trockenen Zeit.</p>
+
+<p>Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode
+erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius.</p>
+
+<p>Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also
+zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis
+begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug
+des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol <span class="pagenum" id="Page_84">[Pg 84]</span>zu. Trockenes Klima.
+Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks,
+Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals
+vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum
+zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie
+Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga,
+Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem
+sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser
+zweiten Steppe wäre — offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der,
+wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, —
+der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten
+Deutschen fanden.</p>
+
+<p>Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den
+Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so
+ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das
+Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter
+machen.</p>
+
+<p>Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem
+Widerstande gegen den Wald.</p>
+
+<p>Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die
+Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter
+im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend
+denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit,
+so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses
+Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält,
+den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im
+Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die
+Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der
+erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine
+solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten,
+und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe
+der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer
+des Uebergangs dazwischen geschmuggelt.</p>
+
+<p>Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder
+ging zwischen den anderen Bildern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_85">[Pg 85]</span></p>
+
+<p>Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied
+der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen
+die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich,
+bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte
+Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima
+feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt?
+Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen!</p>
+
+<p>Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon
+eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand
+voraufgegangen war.</p>
+
+<p>In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall
+aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald
+so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals
+war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund
+der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische
+Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen
+Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz
+bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß
+zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann,
+als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das
+einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische
+Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit
+bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet
+hatte.</p>
+
+<p>Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen,
+wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen
+hätten.</p>
+
+<p>Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen
+Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in
+Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland
+dauernd erobern. Bis wohin?</p>
+
+<p>Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft
+von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches
+Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen <span class="pagenum" id="Page_86">[Pg 86]</span>schwindender Steppe
+und — neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra?</p>
+
+<p>Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem
+(über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des
+Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt.</p>
+
+<p>Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in
+einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode
+deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden
+neuen Eiszeit-Tundra.</p>
+
+<p>Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz
+langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten
+zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen
+den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten.</p>
+
+<p>Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht.</p>
+
+<p>Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre
+Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des
+Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer
+Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft
+ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr
+Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen
+einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu
+einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten
+der echten Steppe.</p>
+
+<p>In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere
+Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer
+unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder
+periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das
+wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art.
+So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her
+in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer
+Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie
+die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter
+Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die
+zunehmende <span class="pagenum" id="Page_87">[Pg 87]</span>Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings
+in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte
+ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher
+russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt.</p>
+
+<p>So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze
+Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo
+die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in
+phantasierende Gedanken.</p>
+
+<p>Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der
+Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele.</p>
+
+<p>Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben
+Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz.</p>
+
+<p>Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte,
+daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte.
+Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund
+kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der
+Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein
+weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue
+Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich
+werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache
+Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in
+der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins
+vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die
+lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer
+des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch
+die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen
+endlosen platten Wiese, — man träumt, man müsse über den Kirchturm
+von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter
+Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche
+Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in
+Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte.</p>
+
+<p>Aber sonst überall Menschenwerk.</p>
+
+<p>Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der <span class="pagenum" id="Page_88">[Pg 88]</span>Gutsbesitzer
+von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald
+mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und
+weiter treibt.</p>
+
+<p>Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald
+und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch.
+Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen
+Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern
+praktischen deutschen Geld-Baum.</p>
+
+<p>Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern
+gepflanzt.</p>
+
+<p>Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England
+gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt.</p>
+
+<p>In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der
+Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach
+Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber
+und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die
+baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche
+transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land
+jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine
+kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine
+Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte,
+keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach
+jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die
+große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß
+und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue
+Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora
+im entscheidenden Moment gewirkt.</p>
+
+<p>In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora
+vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände
+zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit
+so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke
+mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie
+im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte
+Amerika. Europa hatte davon <span class="pagenum" id="Page_89">[Pg 89]</span>aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da
+die Landbrücke gerade jetzt fehlte.</p>
+
+<p>Doch seltsamer Schicksalsweg.</p>
+
+<p>Der Baumstamm, die Planke aus Fichtenholz, lehrte den Menschen, wohl
+noch in Eiszeit-Tagen, wie man trennendes Wasser künstlich überwindet.
+Und auf dieser Schiffsplanke des Menschen, diesem schwimmenden
+Pflanzenleib selber hat sich dann doch eines Tages die große
+transatlantische Brücke, die der Erdball versagte, gerade für die Flora
+wiedergefunden.</p>
+
+<p>Der tote Baum, vom Menschen vergeistigt durch die Zweckmäßigkeitsidee
+des Werkzeugs, trug den lebendigen zurück.</p>
+
+<p>Ueber den blauen Ozean sah ich sie im Geiste so anschwimmen: die
+Geretteten vor der Eiszeit in Nordamerika, die die alte deutsche Erde,
+die losgelöste Ecke des Europaamerika von ehemals, neu begrüßten.</p>
+
+<p>Gleich jene Weymouths-Kiefer war ein Beispiel: sie war in der
+Tertiär-Zeit über ganz Europa weit verbreitet gewesen.</p>
+
+<p>Im Schloßgarten meines Freundes ragte aber ein anderes, noch viel
+prächtigeres. Da stand auf der einen Seite eine ungeheure, ehrwürdige
+Linde, also einer der schönsten deutschen Bäume, die mit dem Walde
+überhaupt vor alters schon zu uns zurückgekommen sind. Gärtnerhand
+hatte freilich auch dieses Riesenexemplar von früh auf in die
+seltsamste Kunstform gezwungen, — also doch schon halbes Menschenwerk.
+Auf der anderen Seite aber wurde als zweite Merkwürdigkeit mir ein
+lichtgrüner Tulpenbaum gezeigt.</p>
+
+<p>Auch er hatte hier schon förmliche Altersrechte. Und doch sind
+alle Tulpenbäume unserer Gärten erst durch Menschenhand wieder
+herüberverpflanzt aus Nordamerika in den vierhundert Jahren seit
+Columbus. In der Kreide-Zeit, als zuerst Laubbäume überhaupt
+auftauchten, wuchs der Tulpenbaum schon ganz nahe dieser Stätte, in
+Böhmen, wild. In der Tertiär-Zeit ging er bis Island und Grönland
+hinauf und war über ganz Europa verbreitet. Aber kein lebendiger Stamm
+überdauerte bei uns die Eiszeit, auch in Südeuropa nicht. Gestrichen
+war er als deutscher Baum aus dem Buch des Lebendigen, bis die
+Nachfolger des Columbus ihn in Nordamerika neu auffanden — und als
+fremdländische Seltenheit <span class="pagenum" id="Page_90">[Pg 90]</span>wieder heimbrachten und unter anderem auch
+hier in der Lausitz zur deutschen Linde in den Schloßpark pflanzten.</p>
+
+<p>Mein Freund, der ja nicht nur Landwirt, sondern der treffliche, weit
+bekannte Dichter ist, wird vielleicht einmal einen Baum daneben setzen,
+der eben so lichtes, lustiges Smaragdlaub hat und dabei geweiht ist
+durch liebliche Verse Goethes: den Gingko. Der hat nun noch einen
+verwickelteren Roman.</p>
+
+<p>Zunächst ist er, was ihm freilich kein Laie ansieht, ein echtes
+Nadelholz, das sich aber erlaubt, statt Nadeln die zierlichsten
+grünen Blätter zu tragen, doppelt gelappte Blätter, deren jedes wie
+aus einem Zwillingspaar verwachsen erscheint. Die Eigenart erklärt
+sich, wenn man hört, daß der Gingko bis in die Zeit der Erdgeschichte
+zurückreicht, da die Grenze zwischen Farrnkraut und Bärlapp einerseits
+und den Nadelhölzern überhaupt noch schwankte. Sein Blattwerk steht
+sozusagen auf der Kippe zwischen Farrnblatt- und Nadelholzmerkmalen.
+Solcher Gestalt begann er schon in der Steinkohlenzeit. Als der
+Ichthyosaurus schwamm, grünte er als deutscher Baum bei Bayreuth. In
+der Kreide-Periode wuchs er in der Schweiz, in der Tertiär-Zeit von
+Italien bis Grönland. Dann ist es, als habe eine Hand ihn fortgewischt
+von der Tafel der Erde. Auch Amerika, das treue, hat ihn nicht mehr. Da
+plötzlich wird er vor zweihundert Jahren in Japan als „heiliger Baum“
+in Tempelhainen entdeckt. Wie er dahin gekommen und wo er wild wächst,
+weiß an Ort und Stelle niemand. Und unsere Botaniker wissen es heute
+noch nicht. Der importierte Zierbaum ist im Garten aber so wetterhart,
+daß man ihn ohne Gefahr unserm kältesten deutschen Winter aussetzen
+kann.</p>
+
+<p>So kommt aus Winkeln der Erde durch Menschenschlauheit unser ältester
+Heimatsbesitz Stück um Stück wieder zusammen.</p>
+
+<p>Sie hat ja auch gelegentlich ganz neues hinzugeliefert, diese
+„überseeische“ Epoche unserer Landschaftsgeschichte. Ich erinnere nur
+an unsere südamerikanische Kartoffel, die für uns Charakterpflanze
+geworden ist wie nur irgend eine.</p>
+
+<p>Es ist mit ihr gegangen wie am Mittelmeer mit der Agave und dem
+Feigenkaktus. Beide sind waschechte Amerikaner. Aber sie beherrschen
+heute einfach das Landschaftsbild. Preller, als er seine <span class="pagenum" id="Page_91">[Pg 919]</span>odysseischen
+Landschaften malte, hat den Dulder Odysseus und die schöne Circe naiv
+zwischen hohe Agavenblüten und Kaktushecken gestellt, als hätte es
+nie anders sein können. Wenn dazu am italischen Meer australische
+Eukalyptus-Bäume ihre Säulenstämme zum blauen Himmel recken, so
+empfindet man, was das Wort heißt: der Mensch Herr der Erde.</p>
+
+<p>An dem gleichen Bahndamm meines Heimatortes Friedrichshagen, über den
+ich alljährlich die Keilgeschwader der Wildgänse dahinziehen sehe,
+freut mich ebenso jährlich die gelbe Blütenpracht der <span class="antiqua">Oenothera</span>,
+— der Nachtkerze. Weithin überzieht sie den ganzen Bahnabhang, —
+Ideen weckend beim stillen Wanderer, der den Fragen der modernen
+Biologie folgt. Denn es ist der Gattung nach die Wunderpflanze, aus
+der De Vries eine ganze neue geistvolle Variante der Darwinschen
+Entwickelungstheorie herausgelesen hat. Wer würde sie nicht für eine
+Charakterpflanze ersten Ranges unserer märkischen Landschaft halten?
+Und doch ist auch sie aus Nordamerika erst eingeführt und dann
+verwildert. Die erste Art kam 1614 aus Virginien zu uns.</p>
+
+<p>Europa ist heute zahm wie wild ein Garten des Menschen. Und ein Beet
+nur mehr dieses Gartens ist die deutsche Landschaft.</p>
+
+<p>Wird der Mensch bei allem überwältigenden Reichtum seiner Mittel aber
+immer ein umsichtiger Gärtner sein?</p>
+
+<p>Durch meinen Sinn, wie ich so in die Nacht hineinfuhr, zogen auch trübe
+Stimmungen.</p>
+
+<p>Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit.
+Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher
+Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der
+gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch
+gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr
+eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren
+Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um
+das Aergernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche
+Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben läßt.
+Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein
+Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in
+Jahrtausenden <span class="pagenum" id="Page_92">[Pg 92]</span>schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht
+zu spät. Aber „Heimatschutz“ muß eine Tat werden, eine Gewalt, — nicht
+bloß ein Wort.</p>
+
+<p>Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein <em class="gesperrt">Kunstwerk</em>,
+aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen
+Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt.</p>
+
+<p>Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand.</p>
+
+<p>Und wir, die wir uns unserer „bewußten Kunst“ so stolz zu rühmen
+pflegen, — sollten wir uns nicht auch hier bewähren? Bewähren, —
+indem wir vor allem begreifen, daß in solcher Landschaft wirklich
+ein großes Kunstwerk uns anvertraut ist, das wir wohl organisch
+weiterentwickeln, aber nicht plump zerstören sollen.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_93">[Pg 93]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Kampf_um_die_Haut_des_Riesenfaultiers">
+ Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.
+ <br>
+ <span class="s6">Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung</span>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da,
+wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land
+einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem
+vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza.</p>
+
+<p>An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig
+harmlosen Namen Eberhard.</p>
+
+<p>Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der
+Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell.</p>
+
+<p>Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter
+dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen
+steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren
+bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr
+und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen
+davon zum „Andenken“ mit.</p>
+
+<p>Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten
+doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des
+Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich
+hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man
+schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache.</p>
+
+<p>Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern
+gerieten.</p>
+
+<p>Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat
+der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher <span class="pagenum" id="Page_94">[Pg 94]</span>aus
+seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete
+und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen
+frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen.</p>
+
+<p>An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell
+eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an
+erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten
+Riesenfaultiers.</p>
+
+<p>Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes
+Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell.</p>
+
+<p>Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten
+Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das
+Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller
+vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In
+offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches
+im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, — bloß unsere
+Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem
+Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten
+Jahrhunderts!</p>
+
+<p>Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens
+ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der
+Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte
+die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die
+wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem
+nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika.</p>
+
+<p>In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem
+Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden
+Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu
+bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, — zu jener Stunde
+hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits
+mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten
+naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen.</p>
+
+<p>Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die
+scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei
+der Reihe nach geritten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_95">[Pg 95]</span></p>
+
+<p>Voran kein geringerer als Altmeister Goethe.</p>
+
+<p>Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele
+mehr.</p>
+
+<p>Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung
+von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher
+weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht
+bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der
+„alten Welt“ entdeckt worden.</p>
+
+<p>Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem.
+Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens.
+Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete
+er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln,
+soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst
+schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als
+dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen
+Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich
+„amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer
+die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium
+verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt
+schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor
+Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf.</p>
+
+<p>Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas
+Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt
+bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie
+ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine
+einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten,
+Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen
+durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter.</p>
+
+<p>Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon
+alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter
+diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders
+merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch
+dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_96">[Pg 96]</span></p>
+
+<p>Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh
+schon in Ruf gekommen — das Faultier.</p>
+
+<p>Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze
+gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf
+bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige,
+schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner
+„Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich
+geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die
+beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen.</p>
+
+<p>Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige
+Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist.
+Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter
+Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier
+anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen
+Blätterversteck, — die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf
+mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt.
+Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem
+Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos
+zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner
+schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener
+köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh
+entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet
+mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im
+Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts.
+Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den
+Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne
+wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends
+zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als
+ein verzauberter Strohwisch.</p>
+
+<p>Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen
+Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller
+Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein
+Kunstwerk.</p>
+
+<p>Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben <span class="pagenum" id="Page_97">[Pg 97]</span>im
+ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen
+Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein
+Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen
+Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe
+besitzt, — die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere
+heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau
+so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen
+Kleiderhakens.</p>
+
+<p>Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner
+seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie
+Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen
+schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat
+es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der
+Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden
+Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in
+einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst
+gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen
+das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht
+nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere
+Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese
+ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch
+Blutstockung bewahren.</p>
+
+<p>Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem
+so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige
+denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte.</p>
+
+<p>Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun
+freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade
+damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz
+besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne
+jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten
+Tierformen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der
+damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen
+von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon,
+der die geistreichen Antithesen liebte, <span class="pagenum" id="Page_98">[Pg 98]</span>hatte sich so recht satt
+schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der
+tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins
+Aschgraue rednerisch ausgemalt.</p>
+
+<p>In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers
+zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche
+Tage den Gnadenstoß gibt.</p>
+
+<p>Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr
+sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich
+immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche
+Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune
+Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen
+Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die
+wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose
+nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der
+feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas,
+Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan;
+seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt
+und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht
+haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen.</p>
+
+<p>In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms — sei
+es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß
+der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft —: überall
+da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft <em class="gesperrt">Knochen</em>
+dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen
+vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe.</p>
+
+<p>Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal
+sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt
+der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel
+aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem
+Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt.
+Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene
+Eskimohütten.</p>
+
+<p>Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm <span class="pagenum" id="Page_99">[Pg 99]</span>ein Volk
+ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und
+lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier
+früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich
+die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter
+wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder
+Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine
+dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet,
+gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer
+Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer
+Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein,
+Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an
+die profane Sonne wirft.</p>
+
+<p>Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789.</p>
+
+<p>Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas
+mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei
+Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen
+Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß
+Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten,
+das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die
+Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des
+stärksten Elefanten.</p>
+
+<p>Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig
+Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in
+Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im
+Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den
+ersten offiziellen Bericht.</p>
+
+<p>Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die
+Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der
+Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an.</p>
+
+<p>Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes
+Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine
+Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er
+bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes <span class="pagenum" id="Page_100">[Pg 100]</span>nichts anderes
+sei, als ein ins Kolossale übersetztes — Faultier.</p>
+
+<p>Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers.</p>
+
+<p>Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise
+dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen
+gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so
+hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab
+bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein
+Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere
+getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das
+Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus.
+Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder
+Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es
+recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf
+flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich
+bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum
+Frühstück aus der Erde.</p>
+
+<p>Das alles natürlich in längst verschollener Zeit.</p>
+
+<p>Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“
+Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte
+keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz
+unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu
+den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei.</p>
+
+<p>In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei,
+taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung
+von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert,
+obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre.</p>
+
+<p>Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher
+gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend
+eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte
+sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut
+angeschwemmt, begraben haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_101">[Pg 101]</span></p>
+
+<p>Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm
+wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das
+vollbracht hätte.</p>
+
+<p>Cuvier freilich wollte die Geschichte schon noch weiter zurücklegen.
+Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten
+des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere
+vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen
+Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den
+letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste
+Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen
+noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit
+zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar
+tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge
+meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts
+konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl
+sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener
+amerikanischen Riesenfaultiere.</p>
+
+<p>Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein
+interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen
+Urwelt als dieses „Großtier“.</p>
+
+<p>Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein
+Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab,
+ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort.</p>
+
+<p>Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner
+wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er
+sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen.</p>
+
+<p>Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander
+vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen
+in der Erscheinung“.</p>
+
+<p>In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar
+vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen
+Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es
+gewiß nicht verleugnet.</p>
+
+<p>Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung
+<span class="pagenum" id="Page_102">[Pg 102]</span>der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie
+das Geripp der Faultiere.</p>
+
+<p>Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen
+poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht
+hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge
+denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch
+schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe
+vierzig Jahre vor Darwin betätigt.</p>
+
+<p>Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier
+vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus
+ersterem entwickelt.</p>
+
+<p>Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den
+Säugetieren besitzt: den Walfisch, — so möchte es selber sich nach
+ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein
+Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“.
+Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich
+ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des
+Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper
+leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure
+Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das
+seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und
+vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern
+zugestehen“.</p>
+
+<p>Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden
+Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen
+Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt
+solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht
+beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert,
+durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs
+trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich
+erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt,
+das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber
+wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so
+geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht
+verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn
+sie, ungeduldig <span class="pagenum" id="Page_103">[Pg 103]</span>über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit
+erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den
+Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“</p>
+
+<p>Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch
+lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer
+endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige —
+dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen,
+sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das
+bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen
+gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“</p>
+
+<p>In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege
+genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium
+war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es
+heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade
+umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden
+Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat.
+Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie
+vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens
+wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden
+Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie
+in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist
+und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei
+beiden lebenden Sorten.</p>
+
+<p>Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so
+bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.</p>
+
+<p>Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt
+gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur
+Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier,
+und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich
+verschiedenen früheren Tieren.</p>
+
+<p>Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt
+vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei
+nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für <span class="pagenum" id="Page_104">[Pg 104]</span>Goethe, der in der Welt
+nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein
+einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.</p>
+
+<p>Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach
+Südamerika.</p>
+
+<p>Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche
+Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der
+alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der
+erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.</p>
+
+<p>Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im
+Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten
+Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges
+Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.</p>
+
+<p>Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der
+Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche
+anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist.
+Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da
+sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da
+sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind
+Pferdezähne.</p>
+
+<p>Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest
+und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier,
+Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit
+1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden.
+Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit
+Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung
+mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene
+Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene
+regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika
+sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In
+jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes,
+landeseigentümliches Pferd besessen haben.</p>
+
+<p>Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.</p>
+
+<p>Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des
+Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine
+fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies.
+Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, <span class="pagenum" id="Page_105">[Pg 105]</span>als wenn diese alten
+Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten,
+wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie
+starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich
+auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute
+auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet:
+der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im
+Sande tief begraben war.</p>
+
+<p>Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin
+ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.</p>
+
+<p>Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen
+gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das
+Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich
+vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände
+der „<span class="antiqua">gran secco</span>“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der
+ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln.
+In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden
+drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und
+ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später
+eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe
+mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas
+dürreres Jahr.</p>
+
+<p>Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich
+noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren
+sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten
+offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.</p>
+
+<p>Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt
+besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, — aber in dem
+wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse
+alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere,
+Gürteltiere.</p>
+
+<p>Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen
+Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte,
+das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte <span class="pagenum" id="Page_106">[Pg 106]</span>doch auch ihm
+gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf
+natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer
+Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm
+auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem
+auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas
+einfällt.</p>
+
+<p>Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz
+bestimmter Seite.</p>
+
+<p>Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in
+seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen
+Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel
+stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden.
+Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen,
+das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo
+gewesen war.</p>
+
+<p>An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers
+spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie
+an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre
+herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie
+getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel
+durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach,
+Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte,
+plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine
+groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig
+gewesen, um der Wahrheit — oder sagen wir mindestens, der neuen Suche
+nach der Wahrheit — eine Gasse zu bahnen.</p>
+
+<p>Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit
+wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten
+Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte,
+daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere
+gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom
+echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt.
+Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen
+Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_107">[Pg 107]</span></p>
+
+<p>Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein
+wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.</p>
+
+<p>Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom
+Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern
+Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben
+mußte.</p>
+
+<p>An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen
+der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen
+Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere
+nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine
+außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte
+er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des
+Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben
+und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen.
+Kein schlauer Riese offenbar.</p>
+
+<p>Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es
+möchte am Ende der <em class="gesperrt">Mensch</em> gewesen sein, der dem alten Herrn die
+Löcher in den Kopf gehauen hätte.</p>
+
+<p>In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in
+unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort
+„prähistorische Forschung“ umschließt.</p>
+
+<p>An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig
+und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits
+aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter
+Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen
+rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch
+nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.</p>
+
+<p>Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war
+wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt,
+die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft
+bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren,
+zurückdatiert hatte.</p>
+
+<p>Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des
+europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig
+gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese <span class="pagenum" id="Page_108">[Pg 108]</span>letzteren Knochen zeigten
+vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande
+von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt
+zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt,
+durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.</p>
+
+<p>Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor
+Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch
+wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika
+Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische
+Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das
+scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?</p>
+
+<p>Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending
+her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen
+„Werkzeug“, — etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch
+der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein,
+daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen
+beherberge, — eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer
+Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.</p>
+
+<p>Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch
+sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.</p>
+
+<p>Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes
+an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.</p>
+
+<p>Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit
+untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen
+Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des
+Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein
+und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in
+einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser
+auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen.
+Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung,
+sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom
+alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie
+ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.</p>
+
+<p>Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich <span class="pagenum" id="Page_109">[Pg 109]</span>durch
+diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da,
+wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose
+Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe
+schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der
+Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun
+doch eine Art Panzer gebildet haben.</p>
+
+<p>So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine
+gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück
+gemacht haben muß.</p>
+
+<p>Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine
+große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des
+Menschen.</p>
+
+<p>Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst
+etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr
+tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium
+gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran
+deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche
+Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien
+saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster
+Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale
+seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so
+etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in
+der großen Weltlogik wider Tatsachen.</p>
+
+<p>Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von
+Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia
+saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth
+und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus,
+daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein
+<em class="gesperrt">mußten</em>.</p>
+
+<p>Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen
+birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber
+ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen,
+genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen
+Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem
+und erhaltenem Herdfeuer gebraten <span class="pagenum" id="Page_110">[Pg 110]</span>worden war. Einmal wusch das
+Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch
+fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen
+regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so
+aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem
+Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die
+Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so
+wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.</p>
+
+<p>Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar
+bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da
+zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen
+sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein
+kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal
+hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein
+andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf
+deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand,
+gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze
+Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte
+offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.</p>
+
+<p>Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr
+einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig.
+Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und
+Riesenfaultier?</p>
+
+<p>Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen
+prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut
+ausgerottet worden?</p>
+
+<p>So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben.
+Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der
+Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren,
+die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das
+aber mindestens Streitobjekt.</p>
+
+<p>Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in
+Deutschland gelebt habe, — vielleicht irrtümlich. Mindestens aber
+zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar:
+der noch lebende Wisent (Auerochse) und der <span class="pagenum" id="Page_111">[Pg 111]</span>wahrscheinlich durch
+Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen
+Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem
+mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied
+vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig
+widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird
+jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet)
+gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins
+Mittelalter hinein gegeben.</p>
+
+<p>Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so
+benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals
+rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden
+sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und
+Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“
+gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch
+jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger
+Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel
+bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt
+nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende
+Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden
+kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der
+Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der <em class="gesperrt">sehr</em>
+geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen
+solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während
+andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel
+auf Java unlängst gefunden worden ist.</p>
+
+<p>Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und
+Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der
+Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.</p>
+
+<p>Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden
+Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam
+zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig
+„Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei
+Weimar oder unsere Renntier-Menschen <span class="pagenum" id="Page_112">[Pg 112]</span>von Schussenried. Tatsache aber
+ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in
+Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die
+bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von
+Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere
+Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom
+Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische
+Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.</p>
+
+<p>Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der
+zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas
+durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent <em class="gesperrt">kein</em>
+Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein
+Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein
+Megatherium oder Mylodon.</p>
+
+<p>Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die
+Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste
+Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere
+<em class="gesperrt">lebe</em> noch — das Riesenfaultier.</p>
+
+<p>Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.</p>
+
+<p>Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch
+das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus
+Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht
+langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine
+Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel,
+daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen
+Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen — oder wenigstens
+gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte
+und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa
+worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm,
+der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen
+worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom
+„lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.</p>
+
+<p>Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh,
+ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener
+Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. <span class="pagenum" id="Page_113">[Pg 113]</span>Das seltsamste
+an ihm sei aber — seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als
+wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer
+erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen.
+Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch
+von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr.
+Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.</p>
+
+<p>Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr
+angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des
+Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch
+Mord untergegangen.</p>
+
+<p>Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine
+selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes
+Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier
+aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug.
+Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt
+wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam
+es dem Jäger.</p>
+
+<p>Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter
+Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere
+sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in
+Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie
+dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie
+aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten
+Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis
+schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das
+fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens
+irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch
+teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren.
+Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben,
+so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz
+kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin
+als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte
+doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin
+seltsam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_114">[Pg 114]</span></p>
+
+<p>Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.</p>
+
+<p>Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz.
+Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten
+Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.</p>
+
+<p>Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese
+Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge,
+— außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.</p>
+
+<p>Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!</p>
+
+<p>Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten
+Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel
+aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es
+Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.</p>
+
+<p>Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als — allerdings nur
+hypothetischen — Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898.
+Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe
+unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen
+worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem
+bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten
+auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.</p>
+
+<p>Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen
+so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die
+Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine
+außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher
+Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.</p>
+
+<p>Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?</p>
+
+<p>Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten
+frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr
+oder minder lange ausgestorben sind.</p>
+
+<p>In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des
+Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet
+ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit,
+da diese Museen bestehen, im neunzehnten <span class="pagenum" id="Page_115">[Pg 115]</span>Jahrhundert ausgestorben.
+Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener
+Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum
+aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel
+da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen
+worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her
+als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel
+heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls
+merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer
+Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung
+nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene
+Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich
+aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck
+mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht
+mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen
+Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute
+noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die
+Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund
+je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von
+einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß
+gescheckten Pelz besaß.</p>
+
+<p>Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in
+Betracht zu ziehen.</p>
+
+<p>Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu
+beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in
+gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen
+Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß
+Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen
+oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und
+daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher
+und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals
+auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land
+hingegangen.</p>
+
+<p>Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder
+sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte <span class="pagenum" id="Page_116">[Pg 116]</span>gleich
+jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer
+Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren
+gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so
+hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein.</p>
+
+<p>Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative
+„Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, — wir Kulturmenschen wären dann
+gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu
+spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, — das Riesenfaultier
+bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und
+Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, —
+kein Urweltstier.</p>
+
+<p>An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich
+alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert.</p>
+
+<p>Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die
+Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren
+Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben,
+den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue
+Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu
+neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden.</p>
+
+<p>Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit
+Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895.</p>
+
+<p>In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere
+Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle.
+Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so
+breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz
+oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von
+dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht.
+Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse
+konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle.</p>
+
+<p>Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum
+überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere
+Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer
+Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und
+veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. <span class="pagenum" id="Page_117">[Pg 117]</span>Zuerst Eimar Nordenskjöld
+von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums
+in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch
+schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich
+die rätselhafte Sache wie folgt.</p>
+
+<p>Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert
+Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal.</p>
+
+<p>Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren
+Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift.
+Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe
+von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der
+Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan.</p>
+
+<p>Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von
+etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal
+herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter
+nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem,
+frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer
+mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal
+wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem
+Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden
+und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste.</p>
+
+<p>Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich
+selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und
+hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht
+liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas — alles
+wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten.</p>
+
+<p>Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten,
+neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens
+mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, — nämlich von
+Mist.</p>
+
+<p>Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach
+Gürteltier, — also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade
+jener alten Wundertiere.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_118">[Pg 118]</span></p>
+
+<p>Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder.</p>
+
+<p>Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen
+auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal
+hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund
+geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne,
+Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch
+Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer
+dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen,
+einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel
+kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener
+einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der
+Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also
+mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr
+lebenden Tierarten.</p>
+
+<p>Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit
+des Menschen.</p>
+
+<p>An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von
+einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war
+ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument
+zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war
+also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher
+gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel
+waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich
+menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die
+Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl
+auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen
+zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der
+ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch
+vorhanden gewesen sein.</p>
+
+<p>Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter
+Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie
+aufgestellt.</p>
+
+<p>Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen
+Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich
+befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, — das Tier sei <span class="pagenum" id="Page_119">[Pg 119]</span>kein
+Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten
+Mylodon-Gattung an, die man längst <em class="gesperrt">Grypotherium</em> getauft hatte.
+Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine
+Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im
+ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als
+Ochsen-Größe.</p>
+
+<p>Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses
+Grypotherium soll nämlich das Beiwort <span class="antiqua">domesticum</span> erhalten. Das
+heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“.</p>
+
+<p>Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht
+mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von
+den Indianern in Westpatagonien als <em class="gesperrt">Haustier</em> gehalten worden.
+Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in
+dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang
+„Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie
+der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle
+mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein
+nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, — endlich
+einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren.</p>
+
+<p>So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht
+finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als
+Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und
+Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen
+entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das
+ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen
+Detailangaben noch nicht vor.</p>
+
+<p>Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die
+ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle <em class="gesperrt">zeitweise sowohl</em> von
+Menschen, <em class="gesperrt">als</em> von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die
+Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft.
+Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere
+zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, — es müssen ja
+geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei
+kann aber genau dasselbe <em class="gesperrt">Nacheinander</em> obgewaltet haben, das uns
+bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, <span class="pagenum" id="Page_120">[Pg 120]</span>in deren Lehmboden
+die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, —
+sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd
+<em class="gesperrt">bald</em> dem Bären und <em class="gesperrt">bald</em> dem Menschen als Versteck gedient
+haben.</p>
+
+<p>Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein
+Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt
+wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer
+folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der
+Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die
+jetzt die Menschenspuren wieder begrub.</p>
+
+<p>Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken
+Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im
+Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu
+begreifen.</p>
+
+<p>Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem
+Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als
+lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine
+Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst
+des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten
+Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl
+das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen.
+Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der
+schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner
+Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme,
+plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus
+guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht.</p>
+
+<p>Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier
+dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig
+ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das
+Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen
+Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen
+die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht
+mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war,
+dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich
+aneignen wollte, <span class="pagenum" id="Page_121">[Pg 121]</span>so ließe sich begreifen, daß es schließlich den
+Nachstellungen ganz erlag, — zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war,
+das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen
+nicht.</p>
+
+<p>Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das
+Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben <em class="gesperrt">ist</em>.</p>
+
+<p>Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist.</p>
+
+<p>Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden
+Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von
+einem frischen Kadaver abgezogen sind — und das ist in gewissem Sinne
+etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung.</p>
+
+<p>Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren
+Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert
+Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache
+scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und
+in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit
+abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren
+behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos
+erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint
+mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit
+derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die
+Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder
+die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres
+Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich
+hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr
+Einstürze erfolgten und <em class="gesperrt">diesen</em> altbewährten Boden denn doch
+<em class="gesperrt">zu</em> ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig
+fortleben.</p>
+
+<p>Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz
+jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute
+bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte
+Zeitgenossen der Grypotherien — und sollen diese heute noch leben, —
+wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben?</p>
+
+<p>Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist
+günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche
+hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado <span class="pagenum" id="Page_122">[Pg 122]</span>gelangt zu sein. Ein
+einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen
+Nachrichten zufolge damals <em class="gesperrt">nicht</em> im Lande. Die Pferdezähne
+der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern
+einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die
+also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder
+ausgestorben sein müßte.</p>
+
+<p>Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die
+Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde
+europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen
+sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft
+eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber
+doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die
+Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, — und wie
+das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung
+ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller
+Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das
+Zeitliche gesegnet haben.</p>
+
+<p>Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz,
+ist noch immer durchaus kein reines Argument.</p>
+
+<p>Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander
+ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen
+des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder
+aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen
+Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die
+Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt.
+Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend
+die sorgsamste Archäologen-Weisheit.</p>
+
+<p>Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte,
+hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde
+entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch
+allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie
+irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen
+hatte?</p>
+
+<p>Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno
+dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den <span class="pagenum" id="Page_123">[Pg 123]</span>Menschen erst
+herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden?
+In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu <em class="gesperrt">alles</em> möglich, — wer
+da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur-
+und Kulturgeschichte durcheinander rühren.</p>
+
+<p>Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch
+auch damals schon — und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch.
+Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals
+längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So
+kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako.</p>
+
+<p>Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher
+der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach
+dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach
+selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle.</p>
+
+<p>Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien,
+den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, — und
+auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen
+aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt
+niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene
+radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der
+nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten
+Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre!</p>
+
+<p>Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen
+lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument
+vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein
+ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und
+hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht
+zurück.</p>
+
+<p>Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier,
+dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt.
+Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich
+so erdacht sein kann: nämlich <em class="gesperrt">Jemisch</em>, zu deutsch das Tier, das
+kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf
+jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_124">[Pg 124]</span></p>
+
+<p>Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre
+Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig
+unberührten Mistboden geschöpft haben sollten.</p>
+
+<p>Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt
+viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute
+besitzen, — und warum dann nicht vom lebenden Tier?</p>
+
+<p>Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte
+des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein
+Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein
+Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser
+(also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage
+seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die
+Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich
+aus dem Fell Mäntel zu fertigen.</p>
+
+<p>Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier
+Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch.
+Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein
+grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener
+Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen
+ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat.</p>
+
+<p>Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag
+werden, <em class="gesperrt">Su</em> genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den
+Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer
+spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden
+sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist
+Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet.
+Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den
+Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit
+einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen
+und mit pfeilen erschossen.“</p>
+
+<p>Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der
+südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine
+Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während <span class="pagenum" id="Page_125">[Pg 125]</span>die
+Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein
+sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es
+sonst sein sollte.</p>
+
+<p>Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten
+sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal
+sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem
+Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden
+Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und
+angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den
+Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges
+großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im
+vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen
+wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle
+einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen
+Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte.
+Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien
+gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht
+herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen
+Streifereien zu beobachten.</p>
+
+<p>So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen
+Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch
+noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine
+Ausweispapiere streng geprüft werden könnte.</p>
+
+<p>Wenn nicht, — dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat
+uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über
+den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt.</p>
+
+<p>Gönnen wir ihm seinen Platz in der Kulturgeschichte.</p>
+
+<p>Und wenn es auf der Messerschneide jener letzten paar Jahrhunderte, bis
+zu denen es sicherlich <em class="gesperrt">heranreicht</em>, wirklich nicht mehr leben
+sollte, so gehört es erst recht hinein.</p>
+
+<p>Denn was ist die menschliche Kulturgeschichte anders als die liebe,
+lustige Geschichte menschlicher Hoffnungen, Träume — und Irrtümer.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_126">[Pg 126]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_erste_Vogel">
+ Der erste Vogel.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere
+Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich
+der bösen Kobolde verschlagen zu sein.</p>
+
+<p>Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der
+Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen
+des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen
+Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor
+betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze
+Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt,
+wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der
+List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier
+Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen
+von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird
+vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten
+Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold
+führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses
+Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die
+auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus
+von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren
+Kultur-Triumphzug feiert, — aber leider ohne Arme. Der kühnste
+Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche
+über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach
+anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter
+anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode
+ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch <span class="pagenum" id="Page_127">[Pg 127]</span>noch auszuwickeln und
+lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie.
+Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der
+Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte
+und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen
+Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius — oder gar dem
+Ur-Evangelium.</p>
+
+<p>Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute
+Kobolde glauben, wie im Märchen.</p>
+
+<p>Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah
+komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“
+durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens
+fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes
+Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die
+Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei
+die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt.</p>
+
+<p>Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in
+Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er
+einer „verlorenen Handschrift“ nach, — der Handschrift der Erde.</p>
+
+<p>Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier
+und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt,
+die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde,
+losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf,
+bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie
+eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene
+von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses
+Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen.</p>
+
+<p>Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie.</p>
+
+<p>In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde,
+ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der
+Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister.</p>
+
+<p>Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im
+wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn <span class="pagenum" id="Page_128">[Pg 128]</span>es nur in seinen
+öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der
+Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer,
+die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt
+mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der
+Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art
+und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird,
+ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet,
+ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich
+der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte
+treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken:
+ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber
+dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem
+großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und
+so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich
+die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“.
+In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters
+für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so
+wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes
+zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine
+köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, — mit allen
+Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher
+Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die
+Tausende nähren können, sind da, — aber die Tausende fehlen. Mir ist
+das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, — wohin man
+sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit
+änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden.</p>
+
+<p>Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere
+Fleck, den ich meine.</p>
+
+<p>Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend.</p>
+
+<p>Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut
+oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden
+Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes
+Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel
+mehr sagt, als das etwas hellere <span class="pagenum" id="Page_129">[Pg 129]</span>vom lebenden Nilpferd im Lichthofe
+nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren,
+die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt
+verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen
+unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher
+Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen,
+wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche
+gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens
+nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im
+Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters
+Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke.</p>
+
+<p>Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne
+jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den
+Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in
+seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt.
+Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten
+Schutzgeistes der ganzen Geologie.</p>
+
+<p>Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache
+Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung
+ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht
+gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, — mit
+jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die
+„Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile
+vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt.</p>
+
+<p>Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht
+ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte
+habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen
+Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den
+Glaskasten.</p>
+
+<p>Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun
+wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines
+denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist
+eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und
+Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem <span class="pagenum" id="Page_130">[Pg 130]</span>Morast abgedrückt. Der
+Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault
+zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen
+selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist
+nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der
+Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte
+Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen!</p>
+
+<p>In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des
+Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst.</p>
+
+<p>Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein
+Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées
+Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon,
+der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt.
+Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges
+stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch,
+der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will
+auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug —
+und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen
+Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern
+Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem
+er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und
+roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des
+Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt
+der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den
+Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel
+geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache
+durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das
+Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie
+die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz
+Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt?</p>
+
+<p>Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen
+Stein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_131">[Pg 131]</span></p>
+
+<p>Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das
+wir im Werkzeug überbieten möchten.</p>
+
+<p>Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar
+Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind
+der schattenhafte Abdruck des <em class="gesperrt">ältesten Vogels</em>, den wir kennen,
+— des „Ur-Vogels“.</p>
+
+<p>Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich
+vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, — das Leben in der
+blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros.</p>
+
+<p>Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere.
+Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er
+wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues
+eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit
+setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der
+Werkzeugerfindung, — das Gehirn.</p>
+
+<p>Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung
+des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer
+Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung
+nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten
+zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade
+Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor
+Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten
+daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz
+jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar
+Unwahrscheinlichste war.</p>
+
+<p>Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die
+Jura-Zeit nennt, — also in der Zeit noch des Ichthyosaurus.</p>
+
+<p>Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher
+Erde von damals rasch noch einmal umkneten, — Berge glätten, Land
+unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche
+Noäh hineinstülpen.</p>
+
+<p>Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind
+die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das
+Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und <span class="pagenum" id="Page_132">[Pg 132]</span>Franken
+liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem
+Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und
+es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des
+wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen
+unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in
+unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte
+Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen
+vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen
+aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche
+massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die
+Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere
+sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der
+Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien
+— Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem
+wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben — geheimnisvolle Wälder. Auch
+ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne
+Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an
+Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus
+dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen
+Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe
+eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von
+der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean
+in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine
+feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese
+nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der
+Tiefe.</p>
+
+<p>Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über
+deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort
+und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und
+Kleinsten im feuchten Schoß.</p>
+
+<p>Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von
+München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so.</p>
+
+<p>Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_133">[Pg 133]</span></p>
+
+<p>Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt
+denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche
+Wandlung.</p>
+
+<p>Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem
+Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder.
+Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen
+der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht
+sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit
+voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das
+Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen,
+als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch
+viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan.
+Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf
+und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte
+Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank
+langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab.</p>
+
+<p>Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den
+Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile
+weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den
+nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke
+Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte
+seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt.
+So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten,
+nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht.</p>
+
+<p>Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die
+zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen
+Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der
+kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen.</p>
+
+<p>Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche
+Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu
+wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von
+diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von
+weißem Kalkstaub, zu dem <span class="pagenum" id="Page_134">[Pg 134]</span>jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel.
+Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem,
+älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem
+Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein,
+fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit
+eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen
+Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den
+Ichthyosaurus beherbergte.</p>
+
+<p>Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und
+Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher
+Vorgang vollzogen.</p>
+
+<p>Die Wasser des Himmels, der Atmosphäre, hatten den Boden erobert, den
+die Wasser des Ozeans frei gegeben.</p>
+
+<p>Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, — diese waren
+ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte
+in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als
+murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer
+noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, — bis er endlich das
+Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe
+Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte
+Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, — an der äußersten Stelle,
+da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes
+mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon
+einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten
+Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht
+aus, — so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den
+bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen.
+Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht!</p>
+
+<p>In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig
+plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande.</p>
+
+<p>Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich
+der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber
+hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat <span class="pagenum" id="Page_135">[Pg 135]</span>und
+mußte erwarten, in wieder tausend Jahren — einer Nachtwache! — selber
+nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein,
+der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein
+würde.</p>
+
+<p>Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch
+Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da
+im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch
+sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht
+gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber
+die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen
+noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen
+lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter.</p>
+
+<p>Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit
+<em class="gesperrt">Kalk</em>.</p>
+
+<p>Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit
+jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt,
+in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und
+wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im
+stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken.</p>
+
+<p>Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen,
+Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte
+in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde
+es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung
+in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden
+Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte.</p>
+
+<p>Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des
+Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt.</p>
+
+<p>Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des
+fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um
+Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber
+erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche
+Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_136">[Pg 136]</span></p>
+
+<p>Sie wirkten nämlich als Totengräber.</p>
+
+<p>Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute.</p>
+
+<p>Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen
+Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte
+und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem
+reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte.</p>
+
+<p>Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus.
+Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten
+hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen
+südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer
+oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich
+farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt
+kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier,
+das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte.</p>
+
+<p>Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben.
+Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen
+Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem
+Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund,
+den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer
+wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz
+unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials.</p>
+
+<p>Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die
+Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins
+Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen
+tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein
+der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl
+schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig,
+den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts;
+oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt
+war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und
+Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so
+hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die <span class="pagenum" id="Page_137">[Pg 137]</span>zarten
+Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, —
+auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden
+Kalkschlammes.</p>
+
+<p>Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein
+Herbarium, ein Museum.</p>
+
+<p>Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der
+kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie
+durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der
+Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte
+doch noch das treueste, das feinste Schattenbild.</p>
+
+<p>Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege
+gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch
+Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer
+Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die
+vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als
+Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet
+wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem
+Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie
+erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber
+wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die
+Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein
+stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde,
+geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer
+Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die
+Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da.
+Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche
+Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug,
+grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein
+schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund,
+der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese
+armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji.</p>
+
+<p>Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch
+sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_138">[Pg 138]</span></p>
+
+<p>Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in
+dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle,
+die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner
+ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch
+ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der
+Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!)
+malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht
+und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt,
+daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf
+herauskomme.</p>
+
+<p>Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische
+Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus
+Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich.</p>
+
+<p>Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf
+Kalkblättern wurde, — es wurde zunächst unabänderlich ein ganz
+verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine
+Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine
+Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein
+darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden
+so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne
+daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben
+darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel
+noch einmal aufzublättern.</p>
+
+<p>Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große
+„Interessen-Wesen“, — der Mensch.</p>
+
+<p>Und der fehlte noch lange.</p>
+
+<p>Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die
+Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das
+Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch
+Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder
+gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz
+Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und
+es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch
+seichtes.</p>
+
+<p>Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete <span class="pagenum" id="Page_139">[Pg 139]</span>der
+alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die
+Berghacke als festen Kalkstein aufschlug.</p>
+
+<p>Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher
+deutscher Wald.</p>
+
+<p>Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch
+urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen
+immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander
+verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig
+jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen,
+das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes
+baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand.</p>
+
+<p>Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des
+Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im
+Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des
+Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer
+Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen
+Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe.</p>
+
+<p>Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch
+tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der
+zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar
+wertvolles Glied der Menschheit war, — nämlich auf den braven Aloys
+Senefelder.</p>
+
+<p>Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans.</p>
+
+<p>Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich
+in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend
+die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den
+Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in
+seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten
+Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen
+Dorfe.</p>
+
+<p>Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts
+die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch
+bestimmte genial vereinigte Methoden von <span class="pagenum" id="Page_140">[Pg 140]</span>solcher Zeichnung beliebige
+Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken.</p>
+
+<p>Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen
+Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein
+von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen
+Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß
+die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne
+Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse
+unglaublich belasten, ohne zu springen, — kurz, die neue Kunst hätte
+besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient,
+so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach
+hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen
+gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz
+da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die
+ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist
+der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen
+hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken.</p>
+
+<p>Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder
+seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der
+Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein
+geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an
+einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen
+werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den
+Boden eingraben werde, — daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften
+Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn
+Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben:
+hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben
+allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also
+mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten
+Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage
+kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen
+Handschriften — zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten
+Jahrhunderts.</p>
+
+<p>Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch <span class="pagenum" id="Page_141">[Pg 141]</span>etwa
+vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente
+alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände
+benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und
+überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als
+sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll.
+Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug
+zu solchem einseitigen Streich.</p>
+
+<p>Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen
+Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig
+geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel
+den Text.</p>
+
+<p>Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf
+eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte,
+zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren
+Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon
+meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten
+beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die
+Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in
+wissenschaftlichen Kreisen verbreiten.</p>
+
+<p>Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit
+nicht mehr unterdrücken.</p>
+
+<p>Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst
+für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“
+aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand
+anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich
+die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig
+wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden:
+„Schladenvögel“ und „Stangenreiter“.</p>
+
+<p>Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren
+begann!</p>
+
+<p>Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer
+so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer
+geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden
+Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, <span class="pagenum" id="Page_142">[Pg 142]</span>vergeistigter
+Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der
+Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser
+köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt
+uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer
+gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte.</p>
+
+<p>Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in
+ihrem <em class="gesperrt">ganzen</em> Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus
+oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen,
+und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald
+selbst wieder dicke Bände füllte.</p>
+
+<p>Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels
+erst möglich wird, — auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist.</p>
+
+<p>Es war im Jahre 1860.</p>
+
+<p>Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank
+gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der
+längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger
+„wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte
+ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen
+zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine
+flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes
+Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war.</p>
+
+<p>Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das
+der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist.</p>
+
+<p>Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles
+grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm
+hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die
+flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes
+Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein
+Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven
+Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß
+in diesem Juramorast wirklich <span class="pagenum" id="Page_143">[Pg 143]</span>schon einmal auch ein zierliches
+Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl:
+Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand
+man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten
+Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die
+recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen.</p>
+
+<p>Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere,
+der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der
+Rangordnung unseres Systems.</p>
+
+<p>Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß
+der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man
+unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel
+näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut
+wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale
+mehr sind.</p>
+
+<p>Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte
+Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam
+noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe
+es noch nicht recht gelangt“, — einerlei nun, wie man sich dieses „es“
+damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze
+war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die
+meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher
+Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den
+verschiedenen Epochen der Erdgeschichte.</p>
+
+<p>Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl
+Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn
+nicht gar keine Rolle gespielt hätten.</p>
+
+<p>Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte
+Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie
+gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und
+schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten.</p>
+
+<p>Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes
+aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige
+Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (<em class="gesperrt">nicht</em> <span class="pagenum" id="Page_144">[Pg 144]</span>in
+Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern,
+beinahe haushohen Störchen?</p>
+
+<p>Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern
+haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir
+heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die
+nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften.</p>
+
+<p>Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen
+setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz
+Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von
+Solnhofen auftauchte.</p>
+
+<p>Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein
+zierliches Federchen.</p>
+
+<p>Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet
+ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja
+nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse
+geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich
+angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede
+Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine
+Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der
+Tat außer dem Vogel nicht.</p>
+
+<p>Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas
+weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine
+umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe,
+also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner
+Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung
+durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht.</p>
+
+<p>Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im
+Solnhofener Stein eine echte Feder war.</p>
+
+<p>War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt?</p>
+
+<p>Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen
+Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen
+nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen.</p>
+
+<p>In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt <span class="pagenum" id="Page_145">[Pg 145]</span>nahe bei
+Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte
+zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte.</p>
+
+<p>Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar
+deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn!</p>
+
+<p>Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer
+der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die
+Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding
+besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam
+als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte
+er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit
+auswendig und zeichnete es — eine Prachtleistung — daheim aus dem
+Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu
+nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“
+einen lateinischen Namen.</p>
+
+<p>Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der
+Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel
+erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit
+Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten.
+Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im
+System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer
+Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst
+hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“!</p>
+
+<p>Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu
+Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das
+Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard
+Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft.</p>
+
+<p>Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten
+<em class="gesperrt">rechts</em> in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das
+Original ist heute noch in London.</p>
+
+<p>Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel
+weiter.</p>
+
+<p>Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_146">[Pg 146]</span></p>
+
+<p>So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern
+pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die
+zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten
+Lithographie zum Ausdruck kamen, — der Gegenstand selber war diesmal
+ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn
+deckte.</p>
+
+<p>Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund
+der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser,
+so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich
+den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und
+auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie
+einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal
+weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf,
+Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen.
+Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein
+wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden.</p>
+
+<p>Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten
+keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles
+glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand
+kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch
+genug, um sie — gründlich zu verwirren.</p>
+
+<p>Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s
+diesen Vogel <em class="gesperrt">gab</em>, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher
+System-Kunst zusammen.</p>
+
+<p>Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse
+eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines
+Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet
+waren.</p>
+
+<p>Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel
+fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und
+den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines
+großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und
+Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner.</p>
+
+<p>Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte <span class="pagenum" id="Page_147">[Pg 147]</span>nun das
+alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so
+gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und
+auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also
+von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als
+die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur
+mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern
+besessen hatte, — kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte.</p>
+
+<p>Ein Vogel von Krähengröße — und dieser Vogel Zeitgenosse der
+Ichthyosaurier.</p>
+
+<p>Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz
+bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter
+und zwar ging sie gerade <em class="gesperrt">nicht</em> so weiter, wie es jetzt logisch
+hätte sein sollen, — das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von
+1861.</p>
+
+<p>Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres
+ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser
+Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien,
+zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat
+schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte
+auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand
+aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An
+jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa
+das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt
+haben muß.</p>
+
+<p>Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen
+echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter
+sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein
+Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form
+eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte
+Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln.
+Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus,
+und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz
+nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben
+<span class="pagenum" id="Page_148">[Pg 148]</span>Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern
+fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in
+diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen
+Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks.</p>
+
+<p>Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben
+gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange,
+zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz
+einer <em class="gesperrt">Eidechse</em> war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen.</p>
+
+<p>Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein
+Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht.
+Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des
+Vogeltieres. Aber sie stecken auch <em class="gesperrt">ganz</em> darin und zumal die
+Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem
+Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den
+Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf
+getrennten Fingern, — dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem
+Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen
+festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine
+echteste Eidechsenklaue.</p>
+
+<p>Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war
+<em class="gesperrt">entweder</em> eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; <em class="gesperrt">oder</em> es
+war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren
+Tierklasse, der Eidechsen.</p>
+
+<p>Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen
+Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die
+befiederte Eidechse und taufte also <span class="antiqua">Griphosaurus</span>, zu deutsch der
+Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der
+Greif der bekannte Vogel der Sage.</p>
+
+<p>Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte
+ihn seiner Urtümlichkeit halber <span class="antiqua">Archaeopteryx</span>, das ist: Urvogel.
+Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also
+korrekt sagen: <em class="gesperrt">die</em> Archäopteryx; durch die unwillkürlich
+untergelegte Uebersetzung in „<em class="gesperrt">der</em> Urvogel“ hat <span class="pagenum" id="Page_149">[Pg 149]</span>sich freilich in
+die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist
+heute kaum noch wieder zu verbannen.</p>
+
+<p>Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde
+Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig
+geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht
+getan, der ging jetzt erst recht los.</p>
+
+<p>In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten
+Hochflug.</p>
+
+<p>Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die
+Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das
+war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch
+Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der
+andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte
+uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge
+noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum
+Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in
+Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb
+des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die
+Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse —, so
+war das abermals Wasser auf ihre Mühle: — der Molch hatte sich eben
+über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt.</p>
+
+<p>Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald
+im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt.</p>
+
+<p>Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten
+des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen
+der Federwelt, — maßen dessen auch er so eine wirkliche
+entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige
+Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel.</p>
+
+<p>In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in
+vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren
+aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der
+Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert.
+Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der
+des Doktors Faustus. Das eine Tier <span class="pagenum" id="Page_150">[Pg 150]</span>haftete noch nach Reptiliums-Art
+am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen
+an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes
+Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe
+aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, — es flog schon als beschwingter
+Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin.</p>
+
+<p>Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht
+ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz
+allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie
+hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und
+Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich
+dartun werde, — auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe
+finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten
+„Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die
+Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer
+daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein
+Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist.</p>
+
+<p>Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch.</p>
+
+<p>Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des
+Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet
+sei.</p>
+
+<p>Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise
+erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte.</p>
+
+<p>Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn
+Jahren.</p>
+
+<p>Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem
+Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener
+Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen
+Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch
+der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis
+ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang
+bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung
+der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_151">[Pg 151]</span></p>
+
+<p>Diesmal ist’s eine geradezu <em class="gesperrt">tadellose</em> Archäopteryx.</p>
+
+<p>Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben
+ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran.</p>
+
+<p>Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die
+Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles
+Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet,
+nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist
+ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht
+von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er
+sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten,
+„entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener
+Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, — ein guter
+Entwickelungsfortschritt.</p>
+
+<p>Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder
+noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in
+New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu
+bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden.</p>
+
+<p>Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten
+sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, —
+derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet
+hat — versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz
+gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde.
+Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit
+Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem
+Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift
+entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine
+deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen.</p>
+
+<p>Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt
+noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder
+Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei.</p>
+
+<p>Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_152">[Pg 152]</span></p>
+
+<p>Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche
+Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische
+Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf
+von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen
+sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist,
+focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, —
+umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder
+heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche
+Fahrwasser ein.</p>
+
+<p>Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals
+der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück
+ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber
+schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens,
+daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach.
+Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der
+Radikalstreich eines deutschen Idealisten.</p>
+
+<p>Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung
+untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so
+verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung
+gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den
+bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück
+wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt,
+aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei
+sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein
+Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf
+daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im
+April 1880 — nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es
+keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art
+liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle
+Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen
+Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden,
+wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines
+Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean <span class="pagenum" id="Page_153">[Pg 153]</span>schwebte. Frühere Fälle
+haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der
+einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei
+Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit
+schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern
+zertrümmert worden.</p>
+
+<p>In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser
+Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage
+noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche.</p>
+
+<p>Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel
+wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem
+Häberlein die ganze geforderte Summe — es waren jetzt schon nur mehr
+20000 Mark — bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des
+Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen
+Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach
+einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die
+Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den
+Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum
+für Naturkunde.</p>
+
+<p>So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an
+irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das
+weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem
+blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.</p>
+
+<p>Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen
+Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der
+Naturforschung ihren Schlachtruf.</p>
+
+<p>Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu
+dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte
+zum ersten Male den <em class="gesperrt">Kopf</em> der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf
+— oder ein Eidechsenkopf?</p>
+
+<p>Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen
+Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die
+Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß
+ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz <span class="pagenum" id="Page_154">[Pg 154]</span>und gar nur Vogel schien.
+Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der
+Knochennähte, — alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte
+den Vogelschnabel, — war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der
+Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem
+Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen
+zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten
+Vogelschnabel, sondern er trug <em class="gesperrt">Zähne</em> im Ober- wie Unterkiefer.
+Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!</p>
+
+<p>Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.</p>
+
+<p>Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von
+1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln
+urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb,
+Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln
+gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein
+großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb —
+auf lateinisch: <span class="antiqua">Hesperornis regalis</span>, das ist: der königliche
+Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen
+Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz
+und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter
+Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte
+Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, — noch in viel späteren Tagen
+als der Jura-Zeit.</p>
+
+<p>Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein
+„Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.</p>
+
+<p>Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und
+Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren
+offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen,
+die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.</p>
+
+<p>Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.</p>
+
+<p>Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee
+wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich
+dünner. Dafür gab es aber <em class="gesperrt">innerhalb</em> eines allgemeinen und
+<span class="pagenum" id="Page_155">[Pg 155]</span>vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige
+Meinungsverschiedenheiten.</p>
+
+<p>Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte
+sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht
+Fleisch sein <em class="gesperrt">könne</em>, weil er wirklich im natürlichen Werden
+der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich
+<em class="gesperrt">verknüpfe</em>: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über
+die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache
+war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten,
+was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen
+Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum
+Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und
+der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.</p>
+
+<p>Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch
+auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War
+sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse — oder schon näher zum
+Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.</p>
+
+<p>Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der
+„revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von
+Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der
+alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte
+der Befiederung sich dem Vogel nähere.</p>
+
+<p>In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die
+Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch
+heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt
+noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel)
+und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, — mit
+dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die
+Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei
+der Eidechse stehe.</p>
+
+<p>Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen <em class="gesperrt">innerhalb</em>
+des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider
+vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx
+sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames <span class="pagenum" id="Page_156">[Pg 156]</span>sollte sie entwertet
+haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht
+mehr um die <em class="gesperrt">Leiter</em> — die stand ein- für allemal fest — sondern
+um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der <em class="gesperrt">Sprosse</em>,
+die gerade Frau Archäopteryx vertritt.</p>
+
+<p>Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des
+Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.</p>
+
+<p>Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien
+stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher — als Vogel — vor
+eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das
+Problem vom Fliegen.</p>
+
+<p>In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte
+Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als
+erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des
+festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, — dieser Vogel ist uns
+nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten —
+ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu
+teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung
+im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des
+Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift,
+eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins
+Symbolische rückt.</p>
+
+<p>Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den
+Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck
+heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime
+ausgegangen war.</p>
+
+<p>Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen
+ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.</p>
+
+<p>Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich
+das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.</p>
+
+<p>Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde —
+und eine leidende.</p>
+
+<p>Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin <span class="pagenum" id="Page_157">[Pg 157]</span>fliegen
+wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der
+schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues
+Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn
+dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so
+viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren
+nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die
+Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives
+Feld, wie jeder sofort merkt.</p>
+
+<p>So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können
+und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch
+diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte
+Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war
+das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die
+lebende Wesen einfach <span class="antiqua">nolens volens</span> mitreißen konnte, — und
+andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit,
+daß sie sich’s gefallen lassen mußten.</p>
+
+<p>Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt
+sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten
+offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch
+ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich
+oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung
+in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen
+äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken
+von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den
+wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je
+gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so
+ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren
+konnte.</p>
+
+<p>Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.</p>
+
+<p>Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und
+leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch
+jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder
+Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht
+werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche
+leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich <span class="pagenum" id="Page_158">[Pg 158]</span>durchweg unserm unbewaffneten
+Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr
+zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste
+Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser
+Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um
+die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen
+auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten
+Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus
+der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig
+sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im
+Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten
+auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug
+dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.</p>
+
+<p>Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den
+allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.</p>
+
+<p>Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer
+einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus
+Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen.
+Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.</p>
+
+<p>Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst
+in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, — nun
+so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine
+ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils
+entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber
+wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das
+einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser
+ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken
+können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen
+Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug.
+Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich
+in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend
+das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal
+gleichsam in <span class="pagenum" id="Page_159">[Pg 159]</span>den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück.
+Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer
+einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich
+leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze
+gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt
+es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige
+Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen
+Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die
+Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern
+stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt
+dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das
+ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie
+Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in
+der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große
+Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen
+es ja noch heute gar nicht anders.</p>
+
+<p>Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die
+Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese
+Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen.</p>
+
+<p>Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium
+hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und
+doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden
+— zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser
+Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften
+Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen,
+das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung
+vorwärtsbewegte.</p>
+
+<p>Es waren Tiere, — diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten
+Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen
+ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des
+gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen,
+im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren
+es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch
+von Solnhofen so reichlich vertreten ist, — Verwandte der kuriosen
+Schladenvögel oder Stangenreiter, <span class="pagenum" id="Page_160">[Pg 160]</span>die nichts anderes sind als
+Wasserjungfern oder Libellen, — also Insekten.</p>
+
+<p>Fliegende Insekten.</p>
+
+<p>Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen,
+mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den
+Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den
+Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog
+das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte,
+ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab.
+Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der
+<span class="antiqua">postillon d’amour</span> der Pflanze in einer Weise, die entschieden
+sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind.</p>
+
+<p>Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem
+Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan.
+Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte — und alle unsere
+bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig
+auf diese „Insekten-Befruchtung“ —, so war der Umschwung selber doch
+entschieden ganz und gar Werk des Tieres.</p>
+
+<p>Wie war das zugegangen?</p>
+
+<p>Das Tier kam aus dem Wasser.</p>
+
+<p>Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser.</p>
+
+<p>Die chemische Formel <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span>, die Wasser bedeutet, ist ein
+wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl
+zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze
+ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt
+und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden
+Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser
+zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser
+ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden
+in sich selbst über den Wassern.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie
+Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich <span class="pagenum" id="Page_161">[Pg 161]</span>gar nicht herauswagte,
+hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste
+Entwickelungsschule ging.</p>
+
+<p>Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und
+Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es
+war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier
+sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb
+widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium
+oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm,
+der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie
+entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung
+des Wassers.</p>
+
+<p>Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu
+einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die
+Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das
+Tier hat diese Neigung überwunden.</p>
+
+<p>Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren
+Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen
+Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich
+zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser
+Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin.</p>
+
+<p>Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als
+Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die
+ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß,
+mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es
+gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu
+erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen
+stellte sich das aktive Schwimmen.</p>
+
+<p>Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen
+schon ein <em class="gesperrt">erster Flug</em>. Der Flug in einem dickeren, zäheren
+Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt
+ein Flug.</p>
+
+<p>Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich
+dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie
+zu schwimmen begannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_162">[Pg 162]</span></p>
+
+<p>Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden
+grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der
+Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers,
+die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine
+kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte
+Fliegen als Leitmotive beherrscht haben.</p>
+
+<p>Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder.</p>
+
+<p>Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der
+„Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon
+des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende
+Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen
+entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper
+die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh.
+Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen,
+also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese
+Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen
+aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen
+Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon
+durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen
+Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft
+vollgepumpt wird.</p>
+
+<p>Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die
+eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall
+aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist
+ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des
+Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul
+verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm
+getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar
+von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist
+die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser
+noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons
+erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend
+ausgestaltet, <span class="pagenum" id="Page_163">[Pg 163]</span>daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers
+eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er
+will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, — sein
+spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so
+wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt.</p>
+
+<p>Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt
+wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene
+zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem
+Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese
+Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten
+Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde
+noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der
+Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der
+riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element,
+daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde
+bis acht Meter weit vorwärts.</p>
+
+<p>Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der
+Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so
+weiter auch in die Luft hinaufsteigen?</p>
+
+<p>Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich
+eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit
+den Flossen auch die Luft peitschen?</p>
+
+<p>Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische
+das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit
+einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes
+Stück weit — bis zu hundert Metern — allen Ernstes auf seinen Flossen.</p>
+
+<p>Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht
+glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten,
+um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß,
+Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die
+hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende
+Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere
+einem schwebenden märchenhaft <span class="pagenum" id="Page_164">[Pg 164]</span>bunten Orchideenzweig geglichen haben
+müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der
+fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form.
+Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem
+Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter
+abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft
+nicht, denn er würde ersticken.</p>
+
+<p>So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender
+Wichtigkeit in der Flugfrage.</p>
+
+<p>Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan
+schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen
+Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam.</p>
+
+<p>Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen
+aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso
+scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten
+blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des
+Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben,
+die beim Schwimmen helfen.</p>
+
+<p>Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart
+selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere
+Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von
+der Atmung her fest erobert.</p>
+
+<p>Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die
+Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden
+sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich.</p>
+
+<p>Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten,
+schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine
+zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf
+dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr
+gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die
+hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß
+sie seinen Körper wirklich dahintrugen, — wobei die Kleinheit und die
+durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der
+Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, <span class="pagenum" id="Page_165">[Pg 165]</span>ist der Schmetterling
+entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von
+Solnhofen.</p>
+
+<p>Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch.</p>
+
+<p>Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu
+werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf
+dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern,
+die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das
+nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte.
+Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch — oder wie er jetzt
+genannt werden muß — der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und
+schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen,
+Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten.</p>
+
+<p>So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das
+Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des
+Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner
+rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine
+Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind
+mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der
+ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte
+und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt.</p>
+
+<p>Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg
+größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht
+so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem
+Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch
+auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten.</p>
+
+<p>Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden
+erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem
+Beutegelüst.</p>
+
+<p>Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja
+die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber
+noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute
+trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln
+(<span class="antiqua">Rhacophorus</span>) sich zum „fliegenden <span class="pagenum" id="Page_166">[Pg 166]</span>Frosch“ bilden. Will er
+von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren
+riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts.
+Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen
+Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern.</p>
+
+<p>Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse,
+der sogenannte Flugdrache (<span class="antiqua">Draco volans</span>). Ihr stehen jederseits
+ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und
+darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm.</p>
+
+<p>Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben
+ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte:
+der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche
+flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den
+Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar
+nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen
+saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf
+dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie
+Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen
+Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber
+nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel
+gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu
+dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen.</p>
+
+<p>Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut.
+Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und
+springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise
+Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der
+Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung
+dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein
+mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere
+Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen
+und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche
+Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte
+Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine
+Hautfäserchen <span class="pagenum" id="Page_167">[Pg 167]</span>zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers
+ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich
+die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares
+Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt
+der <em class="gesperrt">Feder</em>. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und
+Gliedmaßen mit dichtem Federkleid.</p>
+
+<p>Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste
+Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu
+sausen.</p>
+
+<p>Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug
+von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog
+schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte
+Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung.</p>
+
+<p>Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit
+war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt
+worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon
+Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und
+mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen
+Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen
+können.</p>
+
+<p>Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue
+Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu
+durchdringen.</p>
+
+<p>Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen
+eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte
+Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen
+Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips.</p>
+
+<p>Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast
+zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als
+Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme
+also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag,
+die Arme ruderten. Und da ein Triumph.</p>
+
+<p>An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie <span class="pagenum" id="Page_168">[Pg 168]</span>auf, —
+auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, — ein altes wahres
+Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle
+Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte
+Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil.</p>
+
+<p>In dieser Kette der Dinge <em class="gesperrt">ist der Vogel entstanden</em>.</p>
+
+<p>Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des
+Menschen fertig gebracht hat.</p>
+
+<p>Der Urvogel von Solnhofen war der erste klare Vertreter.</p>
+
+<p>Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am
+Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen
+und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den
+langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel
+war mit ihm da, unwiderruflich.</p>
+
+<p>Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern
+aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle
+Wassersäule für sich gewann.</p>
+
+<p>Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen
+hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe.</p>
+
+<p>Werden wir Menschen den Vogel überbieten, — das letzte abstreifen, was
+an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist?</p>
+
+<p>Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug
+alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen
+hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige
+Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht
+auch bezwungen werden!</p>
+
+<p>Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre
+Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der
+Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten
+abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich —
+der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen?</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_169">[Pg 169]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Weltgeschichte_des_Nilpferdes">
+ Die Weltgeschichte des Nilpferdes.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Die Wasser brausen — und nun kommt etwas Ungeheures.</p>
+
+<p>Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher
+Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei
+kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als
+seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element
+zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun
+hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die
+Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul
+spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten.
+Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art
+von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern
+derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu
+oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich
+hineingebissen und zerkaut.</p>
+
+<p>Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis
+kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose,
+fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das
+Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche
+von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze
+nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast
+verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen
+hat, deren jedes vier Hufe trägt.</p>
+
+<p>Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen
+breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam
+einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als
+sei in einem <span class="antiqua">D</span>-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle
+Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_170">[Pg 170]</span></p>
+
+<p>Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen
+Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.</p>
+
+<p>Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch!
+Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau — und in diesen
+Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem
+Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das
+bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.</p>
+
+<p>Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher
+eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“
+mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.</p>
+
+<p>Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern
+taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.</p>
+
+<p>Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen
+Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch
+viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.</p>
+
+<p>Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der
+großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten
+Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, — der Sanduhr, die mit
+rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe
+von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden
+Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch
+wieder abgetragen hat.</p>
+
+<p>Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in
+recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, —
+wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen
+Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der
+Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt
+war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter
+der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.</p>
+
+<p>Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes,
+dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern
+glotzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_171">[Pg 171]</span></p>
+
+<p>Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt
+eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten
+Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist
+nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet.
+Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche
+Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich
+als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine
+cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von
+Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem
+Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe
+handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser
+schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil
+allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.</p>
+
+<p>Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die
+der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit
+rechnet.</p>
+
+<p>Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest
+der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von
+Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte
+sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung,
+das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich
+jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng
+trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte
+das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und
+die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu
+dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.</p>
+
+<p>Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.</p>
+
+<p>Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten
+sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst
+Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe
+der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und
+mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie
+existiert hat, reizte.</p>
+
+<p>Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf <span class="pagenum" id="Page_172">[Pg 172]</span>den spaßhaften
+Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich
+ging noch ganz wo anders hin.</p>
+
+<p>Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der
+Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.</p>
+
+<p>Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen
+Beinen dahin — und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel,
+hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein
+Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder
+Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges
+Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des
+zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern
+sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen,
+Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe
+nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden — und
+in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen.
+Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, — Neuigkeiten der
+jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die
+alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit
+einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk
+gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der
+fletschende Fleischklotz im trüben Becken, — das ist Patriarchenzeit,
+unverfälschte, vormenschliche Urwelt.</p>
+
+<p>Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines
+Nilpferd an Unhandlichkeit, — aus den guten alten Zeiten, da man im
+Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch
+Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten
+Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins
+heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, — es ist
+jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu
+lesen.</p>
+
+<p>Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen
+<span class="antiqua">Historia animalium</span>, der Tiergeschichte des Konrad Gesner,
+gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.</p>
+
+<p>Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der
+Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein <span class="pagenum" id="Page_173">[Pg 173]</span>genialer
+Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte
+es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von
+Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie
+war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und
+den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen
+Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles.
+Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares
+Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere
+Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der
+(wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um
+des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs
+willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.</p>
+
+<p>In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck
+und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für
+das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.</p>
+
+<p>Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser
+sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger
+Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem,
+was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen
+und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das
+Nilpferd folgerichtig auf.</p>
+
+<p>Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen
+anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des
+römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch
+einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen
+im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar
+Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.),
+erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt,
+hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen.
+Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er
+umspann auch ihre Tiere.</p>
+
+<p>Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig
+aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich <span class="pagenum" id="Page_174">[Pg 174]</span>eine
+deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte — da
+war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit
+allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es,
+wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es
+sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben
+und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen
+ozeanischen Gestade traten.</p>
+
+<p>Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare
+Zeitung.</p>
+
+<p>Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel
+gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort
+ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der
+deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt
+oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich
+außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß
+in iren Rachen als in ein sack würfft.“</p>
+
+<p>Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte
+selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten
+wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf
+Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus,
+von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war
+das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß
+auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese
+Quellen wiesen — höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh,
+also einem echten Seesäugetier — allerdings auch nach Indien, —
+immerhin in ferne, heiße Länder.</p>
+
+<p>Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft
+froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg
+lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf
+den Gefrierpunkt zu bringen.</p>
+
+<p>Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne
+des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese
+entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder
+oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_175">[Pg 175]</span></p>
+
+<p>Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter
+Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel,
+sondern frisch, wie er ihn gefunden, — — aus einem Bachbett bei
+Zürich!</p>
+
+<p>Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn
+(also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die
+Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt
+zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.</p>
+
+<p>Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners
+Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man
+in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser
+oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung
+resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen
+grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die
+Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu
+schwierig für 1558.</p>
+
+<p>Fünfzig Jahre gingen hin, — da kam eine neue Nachricht über das
+lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten.
+Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das
+Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen
+Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.</p>
+
+<p>Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht,
+einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute
+am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen,
+und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem
+Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die
+Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch.
+Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir
+gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse
+von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der
+Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen
+als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf
+ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein
+Männchen und ein Weibchen. Die Häute <span class="pagenum" id="Page_176">[Pg 176]</span>wurden eingesalzen und mit
+Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch
+einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich
+aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann
+nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor
+Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den
+Hippopotamus.“</p>
+
+<p>Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten.
+Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft
+klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert,
+in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im
+ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt
+in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt
+in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum
+erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß
+eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen
+wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr
+anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.</p>
+
+<p>Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese
+umgetriebenen Menagerie-Riesen.</p>
+
+<p>Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine
+tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings
+aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen
+Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich
+zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger,
+unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen
+übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren
+Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten
+beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten
+muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu
+führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er
+bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller,
+entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird
+furchtbar, — bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die
+<span class="pagenum" id="Page_177">[Pg 177]</span>ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den
+Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab,
+wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen
+Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner
+Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt
+er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung
+derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer
+Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß
+der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei
+erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln:
+er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel.
+Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit
+dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug
+und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’
+Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.</p>
+
+<p>Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.</p>
+
+<p>Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons,
+des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten,
+also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest,
+daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst
+in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei.
+Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte
+wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein.
+Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein
+verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte
+seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten
+Fallgruben gebracht.</p>
+
+<p>Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten
+Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle
+Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller
+wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung
+gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende <span class="pagenum" id="Page_178">[Pg 178]</span>ägyptologische
+Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung
+eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem
+Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.</p>
+
+<p>Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode
+des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit
+entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe
+gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen
+Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich
+unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich,
+wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk
+dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine
+Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.</p>
+
+<p>Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus
+hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine
+Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob
+über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der
+schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht,
+der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken;
+wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle
+Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.</p>
+
+<p>Aber was nützte das.</p>
+
+<p>Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf
+Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des
+Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.</p>
+
+<p>Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es
+zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der
+Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im
+Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den
+Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist
+der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und
+schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine
+kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere <span class="pagenum" id="Page_179">[Pg 179]</span>und anderes
+mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf.
+Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem
+Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne
+eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern
+gesehen, beschrieben — und mangels besserer Verproviantierung
+aufgegessen worden sind.</p>
+
+<p>Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein
+recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht.
+Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine
+Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben.
+Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen
+ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der
+ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens
+die Kulturgeschichte zurückreichte.</p>
+
+<p>Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke
+um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika
+im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den
+alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was
+die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald,
+Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen,
+Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue
+Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche
+Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch&#8239;.....</p>
+
+<p>Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch
+der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.</p>
+
+<p>Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich
+kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien,
+andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen
+Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint
+es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der
+Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt.
+Als Nachtigall es am Tsadsee <span class="pagenum" id="Page_180">[Pg 180]</span>findet, kommt ihm auf einmal hell zum
+Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von
+Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine
+Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders
+Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.</p>
+
+<p>Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte
+„Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet
+worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten
+lebend vereinigte.</p>
+
+<p>Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot
+in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und
+diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein
+lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es — und es ist ein Ereignis für
+die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts
+übrig hat.</p>
+
+<p>Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter
+nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten
+Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird
+ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht
+fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier,
+bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem
+Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen
+kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen.
+Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König
+erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der
+ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.</p>
+
+<p>Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei
+Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem
+Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge
+kennt.</p>
+
+<p>Eigenartiger Zug aber der Dinge.</p>
+
+<p>Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen
+Boden setzte, — es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der
+<em class="gesperrt">Heimkehr</em>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_181">[Pg 181]</span></p>
+
+<p>Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins
+Ungemessene zu wandern — weit hinaus über alles bisher Erzählte.</p>
+
+<p>In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva,
+ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der
+Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt
+nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz
+von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig
+unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät
+thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.</p>
+
+<p>An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die
+geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich
+nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht:
+die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe.
+Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag
+er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung
+Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere
+geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie
+dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und
+zu begraben.</p>
+
+<p>Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische
+Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und
+brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London
+ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm
+aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener
+längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als
+Tertiärzeit bezeichnet.</p>
+
+<p>Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür
+den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor
+dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem
+Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck.
+Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die
+Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe
+da.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_182">[Pg 182]</span></p>
+
+<p>Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort
+einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit
+besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der
+Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen
+Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen.
+Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine
+kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch
+in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber
+noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja
+solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen
+Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg
+und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten
+hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht
+nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten
+dran.“</p>
+
+<p>Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten
+nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen
+aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches
+Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob,
+desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und
+Gerölle auf.</p>
+
+<p>Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln,
+oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest
+zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge
+in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch
+noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen,
+die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und
+die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln
+darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.</p>
+
+<p>In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der
+Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.</p>
+
+<p>Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche
+Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser
+tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn <span class="pagenum" id="Page_183">[Pg 183]</span>Riesen und Zwerge wollten
+in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.</p>
+
+<p>Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie
+es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark
+aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger
+Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich
+duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere — Gebrüll und
+Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in
+dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.</p>
+
+<p>Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in
+der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung
+seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den
+unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt
+annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander
+pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der
+Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es
+fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen
+kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite
+und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn
+zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare
+zackig geschweifte Schaufeln, — also im ganzen vier Hörner. Mit diesem
+wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter
+hohen Giraffenbeinen.</p>
+
+<p>Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier,
+und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen
+Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in
+Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich
+prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war
+ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der
+Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem
+Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem
+Walroß gegeben haben müssen.</p>
+
+<p>Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals <span class="pagenum" id="Page_184">[Pg 184]</span>neben der
+großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig
+war, — dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne
+statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, — Nashörner mit Hörnern
+und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, — endlich
+Schweine und Tapire.</p>
+
+<p>In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll
+von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen
+wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken
+und Schimpansen.</p>
+
+<p>Vom Menschen, — ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber
+kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch,
+als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich
+der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht
+gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java
+versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.</p>
+
+<p>Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die
+Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der
+Panzerwölbung hoch wurde, — ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder
+Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß
+gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer
+kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die
+größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!</p>
+
+<p>Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der
+uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.</p>
+
+<p>Also doch in Indien!</p>
+
+<p>Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die
+Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen
+Afrika.</p>
+
+<p>Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne
+absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt
+lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so
+wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.</p>
+
+<p>Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am <span class="pagenum" id="Page_185">[Pg 185]</span>Sivasumpf
+und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm
+gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt.
+Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich
+herausentwickelt haben?</p>
+
+<p>Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, — der Name, wie wir
+ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der
+Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst
+folgerichtig Nilpferd geworden.</p>
+
+<p>Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen
+pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren
+wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte
+es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie
+dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten
+Fischschwanz zu, — dieselbe Phantasie, die entgegen aller
+Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd
+schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen
+konnte wie eine Otter.</p>
+
+<p>Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger
+Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein
+Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern
+dahin.</p>
+
+<p>Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind
+sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt
+es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros
+ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche
+Siva-Tier sind welche.</p>
+
+<p>Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas
+verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende
+Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, —
+und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter
+sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen
+sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.</p>
+
+<p>Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.</p>
+
+<p>Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche
+Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft <span class="pagenum" id="Page_186">[Pg 186]</span>sich kopfüber in
+denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich
+nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein,
+wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant.
+Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut,
+die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt
+ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal
+versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man
+erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn,
+Nilpferd, Tapir und Schwein.</p>
+
+<p>Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die
+Sache war ein großer Schnitzer.</p>
+
+<p>Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt,
+„ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere
+eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen,
+eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner.
+Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört
+geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast
+des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen
+Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht
+nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.</p>
+
+<p>In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten
+Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue
+Posaune herbei.</p>
+
+<p>Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der
+Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen
+übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen,
+eine Ordnung für sich, — und noch zu dieser Stunde weiß kein noch
+so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der
+Entwickelung gekommen ist.</p>
+
+<p>Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck
+zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.</p>
+
+<p>Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand
+echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese <span class="pagenum" id="Page_187">[Pg 187]</span>drei Tiere
+tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte
+uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.</p>
+
+<p>Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen
+lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die
+fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen
+sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab,
+sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem
+haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt.
+Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß
+das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen
+ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber
+diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren
+zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen
+Säugetiere herausgewachsen sind.</p>
+
+<p>Wie es nun damit sei — jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle
+gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt.
+Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den
+Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an
+allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder,
+besser gesagt, Abkürzungen.</p>
+
+<p>Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald
+diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, — sie verkümmerte zu
+gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode
+aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große
+Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und
+Mittelfinger zu greifen.</p>
+
+<p>Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter
+sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige
+Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar
+zwei verschiedene Bedürfnisse.</p>
+
+<p>Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.</p>
+
+<p>Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen
+irgend ging, über den grünen Teppich, — im schnellsten Lauf, da der
+Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten <span class="pagenum" id="Page_188">[Pg 188]</span>sie der üppigsten
+Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen.
+Kurz: Sausen war Trumpf.</p>
+
+<p>Und die Krone dieses Sausens wurde — das Pferd.</p>
+
+<p>Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier
+Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den
+ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben
+und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr
+gerade eben auf den Boden tippt.</p>
+
+<p>Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele,
+ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen
+Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet
+war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten,
+natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes
+Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln
+lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen
+Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch
+früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch
+wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor
+Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen
+der Zeit auftaucht.</p>
+
+<p>Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man
+besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern
+sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden
+heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese
+Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen
+kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste
+des großen Pferde-Stammbaumes.</p>
+
+<p>Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem
+Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz
+andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt.
+Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten
+abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin
+der mittelste — in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal — schon
+etwas stärker entwickelt ist.</p>
+
+<p>Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter <span class="pagenum" id="Page_189">[Pg 189]</span>zurück,
+maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, — also halb
+die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere,
+vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft
+urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt.
+Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten,
+so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker
+mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen
+zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener
+in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif
+eingeschlafen war.</p>
+
+<p>So die Linie auf der Grasebene.</p>
+
+<p>Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder
+wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist,
+weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.</p>
+
+<p>Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit
+ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht <em class="gesperrt">eine</em> hüpfende Zehe, — sondern
+<em class="gesperrt">zwei</em> Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar:
+der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.</p>
+
+<p>Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, —
+Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse,
+Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe
+langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen
+Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich
+die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen
+Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche,
+Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um
+ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde
+legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das
+Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.</p>
+
+<p>Wir sind am Ziel.</p>
+
+<p>Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier
+Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an
+der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.</p>
+
+<p>Dann aber: — das Nilpferd.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_190">[Pg 190]</span></p>
+
+<p>Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.</p>
+
+<p>Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.</p>
+
+<p>Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im
+Rhinozeros die des Pferdestamms.</p>
+
+<p>Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen
+Boden Europas, — nach Griechenland, wo die Marmorklippen des
+Pentelikon ragen.</p>
+
+<p>Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue
+Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen
+ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.</p>
+
+<p>Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von
+Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie
+gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.</p>
+
+<p>Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer
+der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser
+als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos
+(die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch
+eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte
+Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes
+Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt
+durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen
+Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.</p>
+
+<p>Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der
+Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen,
+wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene
+Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier
+aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere
+Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum
+Vorschein kam.</p>
+
+<p>Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene
+Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese
+Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das
+Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte <span class="pagenum" id="Page_191">[Pg 191]</span>nicht einmal als ihr
+unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine
+stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge
+Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.</p>
+
+<p>Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein
+Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl
+wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.</p>
+
+<p>Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr
+beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus
+einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu
+schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der
+Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.</p>
+
+<p>Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der
+wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner
+— und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen
+Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes
+Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine
+Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen
+Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem
+sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.</p>
+
+<p>Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte
+sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage
+des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, —
+und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte.</p>
+
+<p>Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch-
+und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse
+zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten
+Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier
+bildeten.</p>
+
+<p>Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß
+von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das
+ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen <span class="pagenum" id="Page_192">[Pg 192]</span>einer
+Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück
+Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei
+Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer
+Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht.</p>
+
+<p>Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von
+Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre
+Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen <span class="antiqua">tabula rasa</span>
+gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser
+verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten
+Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen
+als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein
+Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet,
+erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende
+schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um
+eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft
+war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der
+Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse
+urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit
+seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist
+sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache.</p>
+
+<p>Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von
+Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa
+erwarten.</p>
+
+<p>Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe
+mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den
+giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf,
+das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst
+etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald
+endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier
+festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am
+nächsten kommt.</p>
+
+<p>Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt
+stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher
+machte. Und nun eröffnet sich eine großartige <span class="pagenum" id="Page_193">[Pg 193]</span>Perspektive, die beide
+klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet.</p>
+
+<p>Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen
+ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des
+Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist
+aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland
+von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere
+unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte
+sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von
+Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit
+der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos,
+um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit
+abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis
+Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser
+Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und
+sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über
+den Aequator hinaus.</p>
+
+<p>Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und
+nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus
+entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle
+Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen
+Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, — bei
+Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei
+Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher
+Schädel ausgegraben worden, — zum nicht geringen Schrecken der
+trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher
+unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts
+gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder
+Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und
+das ebenso in Pikermi lebte.</p>
+
+<p>Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne
+weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen — in
+ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen
+sein — quer durch ganz Asien herangekommen <span class="pagenum" id="Page_194">[Pg 194]</span>und abgeströmt durch das
+ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis
+nach Deutschland hinauf.</p>
+
+<p>Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren
+Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte:
+einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg,
+westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein.</p>
+
+<p>Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals
+auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf
+die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus.</p>
+
+<p>Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir
+wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So
+kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der
+asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom
+Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen
+unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst
+versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite
+wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit
+vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle
+vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der
+Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher
+Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das
+Ansiedlerland, — wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des
+Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther.
+Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das
+erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas
+allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung.</p>
+
+<p>Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat
+damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt.</p>
+
+<p>In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare
+Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan
+haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf.
+Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit
+zurück. Ein Trupp ging schneller, andere <span class="pagenum" id="Page_195">[Pg 195]</span>ganz langsam, im Verlauf
+erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren
+Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in
+hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete.</p>
+
+<p>Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist
+ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit
+den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich
+eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab.
+Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg
+nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da,
+unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab.</p>
+
+<p>Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen
+wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen
+konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack
+oder Teufelshilfe im Spiele war.</p>
+
+<p>In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden.
+Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht
+so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es
+jedenfalls gekommen, — gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen
+Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte
+auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie
+es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im
+letzten Schoße, — das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren
+Spuren wir eben aufdecken.</p>
+
+<p>Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst
+in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange
+Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt
+haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung
+hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn
+jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit
+entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas
+größer scheint es gewesen zu sein, — <span class="antiqua">Hippopotamus major</span> ist es
+deshalb getauft worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_196">[Pg 196]</span></p>
+
+<p>Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich
+auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in
+England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung
+englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja
+unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich
+auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas,
+zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch
+lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa
+fort und fort schlechter wurde.</p>
+
+<p>Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz
+Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die
+warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber
+diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz
+langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder
+wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der
+Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in
+ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten.
+Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz
+aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute
+Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das
+Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter,
+den immer kargeren Sommer.</p>
+
+<p>Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht
+verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die
+jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, —
+seltsam genug, wenn man an heute denkt.</p>
+
+<p>Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von
+ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die
+Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es
+endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die
+eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner
+hat es jedenfalls nicht mitgemacht.</p>
+
+<p>In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich <span class="pagenum" id="Page_197">[Pg 197]</span>erst
+ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns
+aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei
+den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland
+und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, — aber sie setzt
+ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die
+herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen?
+Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem
+Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das
+Nilpferd ganz aus Europa, — auch aus dem Mittelmeergebiet.</p>
+
+<p>Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit
+zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen
+eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute
+das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach
+Afrika bildeten.</p>
+
+<p>Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze
+bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien,
+gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika
+hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt
+nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel
+später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von
+Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den
+Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling
+aus dem ungastlichen Europa.</p>
+
+<p>Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf
+einigen Inseln des Mittelmeers.</p>
+
+<p>Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich
+herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf
+absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im
+trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen
+gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das
+auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu
+jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der
+langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener
+Pfeiler alten Festlandes, <span class="pagenum" id="Page_198">[Pg 198]</span>das sich noch in verhältnismäßig jungen
+Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht
+haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite
+Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte,
+besiegelte erst ihr Schicksal.</p>
+
+<p>Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie
+zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz
+gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden
+Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los,
+ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von
+1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch
+sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel
+machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der
+Griechen vom Untergang der Atlantis, — eine Sage, die wahrscheinlich
+erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden
+ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden.</p>
+
+<p>Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine
+höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben.</p>
+
+<p>Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das
+Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam,
+als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in
+ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame
+Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern
+stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz
+Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten
+bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig
+anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“
+träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun
+scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine
+gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf
+die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in
+Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei
+Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere
+und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen <span class="pagenum" id="Page_199">[Pg 199]</span>Behemot,
+denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den
+Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie
+der Nilriese.</p>
+
+<p>Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen
+Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die
+Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird
+vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen
+und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und
+(in der kleinsten Art) sogar nur <em class="gesperrt">einem</em> Meter Höhe ergeben, also
+Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß.</p>
+
+<p>Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste
+eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten
+Festlandes an dieser Stelle <em class="gesperrt">verkümmerten</em>, als das Festland
+sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als
+letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn
+und immer dünner, — und so entstand in einer Art zwangsweiser
+Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und
+Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die
+Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von
+andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt
+unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten
+und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als
+die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber
+verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen
+Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta
+ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im
+Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd
+zuerst in Aegypten auf.</p>
+
+<p>Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf
+dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind.</p>
+
+<p>Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der
+Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische
+Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern
+Wegen erreicht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_200">[Pg 200]</span></p>
+
+<p>Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See.
+Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein
+stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets.</p>
+
+<p>Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug,
+vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser
+Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen
+und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe
+Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste
+Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten
+Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar
+keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große
+Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem.</p>
+
+<p>Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine
+Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf
+Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen
+und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber
+auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz
+eingegangen.</p>
+
+<p>Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es
+wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von
+Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen.</p>
+
+<p>Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird
+in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber
+altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der
+wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der
+Zeit verrinnen sieht — ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub,
+wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es
+erzeugt hat, sein wird.</p>
+
+<p>Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der
+Gedanke lebt, — der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und
+der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, — — du
+Stück Weltgeschichte — Nilpferd.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_201">[Pg 201]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Wunderwelt_der_Radiolarien">
+ Die Wunderwelt der Radiolarien.
+ <br>
+ <span class="s6">Ein Blick in die Tiefsee.</span>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“.</p>
+
+<p>Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten
+Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf.
+Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom
+zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von
+versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich
+einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar
+abspiegeln muß und läge sie noch so tief.</p>
+
+<p>Alte Schnurren — die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als
+das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger
+Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen
+liest.</p>
+
+<p>Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten
+Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch
+mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort.</p>
+
+<p>Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen
+verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas
+abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem
+Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme
+mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher,
+Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller
+Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim.
+Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und
+Kinderspielzeug, Rasseln und kleine <span class="pagenum" id="Page_202">[Pg 202]</span>Windmühlen, aber alles durch
+äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige,
+doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller
+Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen
+darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische
+und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es
+uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück,
+jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein
+Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt.</p>
+
+<p>Wo liegt dieser Schatz?</p>
+
+<p>Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor.
+Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas
+wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als
+sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner
+Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht.
+„<span class="antiqua">Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd.</span>“</p>
+
+<p>Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der
+fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der
+Naturforscher als <em class="gesperrt">Radiolarien</em> bezeichnet. Die vorliegende
+Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen
+Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der
+zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen
+Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im
+Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich
+um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe
+dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein
+Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über
+4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch.
+Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das
+größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine
+Klippe zu stoßen.</p>
+
+<p>Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“
+heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert,
+hat sie eben unter meinem Mikroskop <span class="pagenum" id="Page_203">[Pg 203]</span>gelegen. Sie war der „Schatz“, der
+bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem
+staunenden Auge vorüberzog.</p>
+
+<p>Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die
+Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar
+nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne
+Schale eines einzelnen Lebewesens — eine Schale, in der einmal ein
+lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen
+selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich
+Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut.</p>
+
+<p>Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr
+Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst
+weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die
+eine winzige Schlammprobe.</p>
+
+<p>Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure
+sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen
+Bergkristall baut.</p>
+
+<p>Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen
+als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben
+menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und
+Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches
+Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in
+einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen,
+in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die
+Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile
+Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist,
+ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut&#8239;....</p>
+
+<p>Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer
+Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber
+ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat.</p>
+
+<p>Tiefseeforschung!</p>
+
+<p>Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_204">[Pg 204]</span></p>
+
+<p>Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur.
+Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der
+Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war.</p>
+
+<p>Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge
+überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit
+dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er
+dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte,
+den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das
+eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich
+hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen.
+Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu
+fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging
+das hinab.</p>
+
+<p>Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern
+nur alte Mythen.</p>
+
+<p>Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung,
+offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der
+Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in
+einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung
+der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie
+hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich
+auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben
+und unten.</p>
+
+<p>An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber
+selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die
+kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den
+Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete
+Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und
+da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war,
+zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
+ernstlich daran, ob das Weltmeer <em class="gesperrt">überhaupt</em> allerorten einen
+Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte
+noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_205">[Pg 205]</span></p>
+
+<p>Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das
+südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit.
+Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den
+Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre
+des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert
+Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich
+John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat
+stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer
+kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit
+lebenden Tieren darin) ans Licht.</p>
+
+<p>Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter
+noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten
+Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben,
+so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig
+seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr
+erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren.</p>
+
+<p>Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse
+Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten
+Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern
+festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In
+dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im
+Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung
+schien also ungefähr erfüllt.</p>
+
+<p>Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis
+zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die
+Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige
+Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte
+an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich
+gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen
+und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in
+Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit
+Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder
+illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_206">[Pg 206]</span></p>
+
+<p>Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein.</p>
+
+<p>Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel
+allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein
+geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst
+dringlichen <em class="gesperrt">praktischen</em> Forderung.</p>
+
+<p>Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und
+Amerika tauchte auf.</p>
+
+<p>Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den
+Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“
+endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab
+dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber
+bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung.</p>
+
+<p>M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806–1873)
+revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die
+Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme
+zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in
+der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden.</p>
+
+<p>Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige
+vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das
+regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal
+und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird.</p>
+
+<p>Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie
+verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum
+annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und
+zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten
+Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange
+enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange
+selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war
+eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und
+Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment
+des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und
+Leine konnten <span class="pagenum" id="Page_207">[Pg 207]</span>dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und
+in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein-
+und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich
+Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von
+Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf
+ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen
+getrieben worden.</p>
+
+<p>Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit
+Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar
+im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der
+Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden
+Jahrzehnten jetzt wenigstens <em class="gesperrt">einige</em> Seetiefen im Atlantischen
+und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr
+entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die
+Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres
+Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten:
+wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das
+Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht.
+Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich
+sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der
+Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan)
+mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd
+tausend Atmosphären lasten!</p>
+
+<p>Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen
+ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt
+war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in
+gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant.
+Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber
+allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund.</p>
+
+<p>Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die
+wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn
+es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus?
+Vor allem: gibt es <em class="gesperrt">Leben</em> da unten?</p>
+
+<p>Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg
+zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. <span class="pagenum" id="Page_208">[Pg208]</span>Und abermals
+war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die
+vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit
+heraufzog.</p>
+
+<p>Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit — in
+Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas
+davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben,
+daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so
+doch abwärts in die Tiefe hinunter ein <em class="gesperrt">einziges ungeheures Grab</em>
+ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei.</p>
+
+<p>Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran
+selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß
+Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln
+bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll
+fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen
+nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen
+durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut
+beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes
+kannte.</p>
+
+<p>Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren
+beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist <em class="gesperrt">einer</em> der großen
+Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber
+zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen — außer Wirbeltieren
+noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln,
+Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken),
+Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen,
+Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten
+Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die
+Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten,
+fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde
+damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte
+unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und
+Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens
+die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber <span class="pagenum" id="Page_209">[Pg 209]</span>den
+ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer
+noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte
+Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre
+hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich
+meerbewohnenden Gruppen geblieben war.</p>
+
+<p>Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres
+großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht
+wenig zu dem Umschwung beigetragen.</p>
+
+<p>Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als
+eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein
+dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte
+es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen
+und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes
+Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See
+und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee,
+bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke
+eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als
+jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste
+Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten.
+Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop —
+verbessert, wie die Technik es jetzt bot — als das entscheidende
+Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre,
+von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen
+Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des
+tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das
+Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch
+Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen
+Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die
+ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen.</p>
+
+<p>Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller,
+Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und
+die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach
+kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit
+einem Schmetterlingsnetz. Das war für den <span class="pagenum" id="Page_210">[Pg 210]</span>Augenblick ein gewaltiger
+Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster
+Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert
+hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht.
+Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob
+diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend
+welches Interesse biete.</p>
+
+<p>Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor.
+Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner
+Tiefensondierung von — behaupteterweise — fast zweitausend Metern
+in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam
+er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein
+unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern
+an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben
+hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und
+vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ...
+ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes
+zurücktrat!</p>
+
+<p>Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die
+besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und
+späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der
+vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei
+etwas über achthundert Meter Tiefe.</p>
+
+<p>Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art
+die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings
+meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe.</p>
+
+<p>Edward Forbes (1815–1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit
+der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des
+Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß
+von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei.
+Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben
+mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen.
+Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so
+sein müsse, — die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein
+und beweist euch, es müßt’ so sein.“!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_211">[Pg 211]</span></p>
+
+<p>Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte
+folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine
+Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich
+eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte,
+daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine
+Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise
+konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als
+Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des
+obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon
+sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber
+verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte.</p>
+
+<p>Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre
+letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende
+Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des
+transatlantischen Kabels.</p>
+
+<p>Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig
+werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt
+hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer
+Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre.</p>
+
+<p>Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem
+Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen
+Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt.
+Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die
+abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich
+sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran.</p>
+
+<p>Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall
+wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf
+dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor
+winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien
+und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit
+drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen
+drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen
+Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also — und gerade in Forbes’
+<span class="pagenum" id="Page_212">[Pg 212]</span>„unfruchtbarem“ Mittelmeer — unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern!</p>
+
+<p>Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus
+ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben
+stand, daß sie an Tiefenverhältnisse <em class="gesperrt">angepaßt</em> waren.</p>
+
+<p>Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende
+zu den sechziger Jahren bedeutete.</p>
+
+<p>Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre
+aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien
+als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick
+bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt,
+das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem
+Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie
+etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt
+existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein
+müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher
+Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar
+sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde
+unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben
+könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte,
+bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr
+zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich
+auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging?</p>
+
+<p>Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes
+geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle
+Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde
+Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (<span class="antiqua">Leptoderus</span>),
+dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit
+scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge
+ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde.</p>
+
+<p>Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen
+jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen
+aufwiesen. Zunächst gerade auch <em class="gesperrt">blinde</em> Tiere. Blinde Fische,
+blinde Krebse. Das <em class="gesperrt">mußten</em> echte Bewohner der <span class="pagenum" id="Page_213">[Pg 213]</span>dunklen, also
+tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen
+aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch.</p>
+
+<p>Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr <em class="gesperrt">große</em> Augen
+hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße.</p>
+
+<p>Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte
+nämlich äußerst kräftige <em class="gesperrt">Leuchtorgane</em>. Auch diese Anpassung hat
+der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine
+ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“,
+kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen
+Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der
+Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein
+einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres
+erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende
+Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren
+Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges
+werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg.</p>
+
+<p>Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen
+Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist,
+als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende
+geworden.</p>
+
+<p>Bei dem Fische <span class="antiqua">Malacosteus</span>, der schon aus Tiefen von 5000 Metern
+gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und
+je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes
+Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch <span class="antiqua">Echiostoma</span>
+flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer.
+Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar
+wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem
+Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate
+selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen
+zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein
+aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben
+dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind
+übrigens nicht Fische <span class="pagenum" id="Page_214">[Pg 214]</span>allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen,
+Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische
+„illuminieren“ in den prachtvollsten Farben.</p>
+
+<p>Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht
+verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber
+von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch
+andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre
+Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig
+aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt.</p>
+
+<p>Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht
+nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal
+gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten
+Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen
+Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da
+hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean
+durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher
+und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild.</p>
+
+<p>Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten
+andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser
+Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten
+wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen
+Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als
+einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und
+Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst
+weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers
+auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner
+signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in
+bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die
+Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher,
+und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß
+beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich
+unseren Weberknechten.</p>
+
+<p>Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser,
+und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte <span class="pagenum" id="Page_215">[Pg 215]</span>Welle zerschlüge,
+durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine
+Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz
+besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe
+sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte
+zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom
+Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe
+der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in
+unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller
+Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem
+Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die
+großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode —
+also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit — den damaligen
+Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge,
+die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte
+fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher
+vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich
+einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben
+glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine
+ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine
+Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen,
+leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen
+Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche!</p>
+
+<p>Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer
+Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit
+der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura-
+und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe
+beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl
+am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen
+Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit
+Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus
+der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so
+schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die
+einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende
+<span class="pagenum" id="Page_216">[Pg 216]</span>Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog
+Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen
+der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig
+Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben
+mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß
+gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei
+Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich
+fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal
+wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch
+sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch
+einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts
+steige, hat sich sonst nicht halten lassen.</p>
+
+<p>Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag.
+Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von
+den Kabelarbeiten.</p>
+
+<p>Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz
+Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte
+sich der Eifer zu <em class="gesperrt">Tiefsee-Expeditionen</em>, die eigens diesen
+<em class="gesperrt">zoologischen</em> Zweck ins Auge faßten.</p>
+
+<p>Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten
+diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe.</p>
+
+<p>Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den
+eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen
+Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich
+zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als
+sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung
+von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine
+noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt,
+allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren
+sollte.</p>
+
+<p>Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen
+Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868
+wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer <span class="pagenum" id="Page_217">[Pg 217]</span>bei den
+Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches
+Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“
+(Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die
+Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere
+Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend
+Meter hinab.</p>
+
+<p>Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die
+Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für
+Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage
+diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine
+ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus
+der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos
+anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden.</p>
+
+<p>Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten
+Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen
+Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit
+von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere
+Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde
+durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines
+Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das
+Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen
+Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine
+glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis
+über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere
+fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in
+Thomsons bewährte Hand.</p>
+
+<p>Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten,
+konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender
+Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie,
+Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der
+erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus
+Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition
+teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das
+glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise
+hinraffte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_218">[Pg 218]</span></p>
+
+<p>Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung — seit den Tagen
+des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet
+worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den
+Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die
+Absicht zu haben schien, auf dem Wasser — je offener, desto besser
+— geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag
+Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo
+immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten.</p>
+
+<p>Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876.
+Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und
+einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt
+in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer
+hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr
+als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie
+ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel
+besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen
+flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch
+widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte
+durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück,
+das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert
+wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in
+Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den
+Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit
+der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den
+sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne.</p>
+
+<p>Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles
+unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord.</p>
+
+<p>Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten
+Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger
+als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden,
+zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und
+zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand <span class="pagenum" id="Page_219">[Pg 219]</span>sich eine
+erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern,
+also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht
+weit von den Philippinen.</p>
+
+<p>Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der
+Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit
+zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim
+anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das
+aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete.</p>
+
+<p>Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte
+sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten
+Gebiete umspannte.</p>
+
+<p>Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens
+bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die
+Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des
+Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten
+Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen
+auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von
+der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten.
+Der engere Sachverhalt schien dabei folgender.</p>
+
+<p>Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz
+regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen —
+Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom
+Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer
+hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis
+zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen.</p>
+
+<p>Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich.
+Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den?</p>
+
+<p>Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim
+Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm
+war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop
+zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein
+dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_220">[Pg 220]</span></p>
+
+<p>Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen
+selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich
+auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen
+frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn
+das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab.
+Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser
+Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß
+Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit
+einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind!
+Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere
+heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute
+Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir
+als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den
+Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen
+der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen
+diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen
+heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide
+unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer.
+Doch das nebenbei.</p>
+
+<p>Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern
+der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten
+<em class="gesperrt">Urtieren</em>. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den
+<em class="gesperrt">Wurzelfüßern oder Rhizopoden</em>.</p>
+
+<p>Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles
+dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen
+schwebt.</p>
+
+<p>Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere.
+Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet,
+aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, —
+den sogenannten <em class="gesperrt">Zellen</em>. Auch der Körper des Menschen ist aus
+Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber
+gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige
+Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen,
+das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder
+Frosch auch die Beine und Füße.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_221">[Pg 221]</span></p>
+
+<p>Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu
+nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus <em class="gesperrt">einer einzigen</em>.
+Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen
+in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe
+Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber
+nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung
+auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es
+gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier
+trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche
+Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen
+aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder
+dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu
+zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings
+ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen
+Leibe <em class="gesperrt">harte Skelette</em> auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper
+als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei
+den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des
+Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine
+hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt.</p>
+
+<p>An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem
+„Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den
+<em class="gesperrt">ganzen</em> Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen
+von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine
+runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche —
+ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen.</p>
+
+<p>Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die
+Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz
+einfach über einen Leisten gearbeitet ist.</p>
+
+<p>Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen
+viertausend und fünftausend Metern der <em class="gesperrt">Globigerinenschlamm mehr
+und mehr aufhört</em>. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der
+viertausend Meter-Grenze zu Ende.</p>
+
+<p>Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein
+Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, <span class="pagenum" id="Page_222">[Pg 222]</span>dem gerade das
+Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich
+die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk.</p>
+
+<p>An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der
+Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben,
+allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf
+treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den
+Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei
+sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend
+Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als
+viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen
+fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum
+sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern
+genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen?</p>
+
+<p>Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der
+Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter,
+also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe
+wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen
+<em class="gesperrt">auflöst</em>. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das
+mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser
+selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende
+Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück
+Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes
+hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain
+unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen.</p>
+
+<p>Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein
+Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her?</p>
+
+<p>Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach
+bemerkbaren Farbe nach den „<em class="gesperrt">roten Tiefseeschlamm</em>“ genannt.</p>
+
+<p>Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem
+durchaus verschieden.</p>
+
+<p>Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische
+Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer
+Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse <span class="pagenum" id="Page_223">[Pg 223]</span>ist, Asche, Bimsstein,
+Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem
+Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins
+Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im
+Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua
+an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn
+wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre
+mit vulkanischem Staub durchsetzt, — Staub, der allmählich dann
+niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean
+aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule
+bis auf den Grund.</p>
+
+<p>Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen
+zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der
+Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel
+Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen
+mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach
+außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was
+kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf
+<em class="gesperrt">kosmischen</em> Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt,
+die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe
+Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben,
+der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser
+Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin
+kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich
+die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall
+der Staub verpulverter Gestirne rinnt&#8239;....</p>
+
+<p>Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es
+bleibt noch ein Hauptbestandteil: <em class="gesperrt">Kieselerde</em>. Wie oberhalb der
+viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser
+Stoff?</p>
+
+<p>Wir rufen uns zurück, daß jener Kalk des oberen Schlammteppichs auch
+nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige
+Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form
+von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber
+von lebendigen Geschöpfen der <span class="pagenum" id="Page_224">[Pg 224]</span>Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig
+verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile
+des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition
+des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und
+Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten
+Entdeckungen zu machen.</p>
+
+<p>Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit
+eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht,
+enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale,
+das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus
+nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem
+Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „<em class="gesperrt">Radiolarien</em>“, zu
+deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert.</p>
+
+<p>Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur
+aus <em class="gesperrt">einer</em> Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von
+den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette
+oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus
+<em class="gesperrt">Kiesel</em> aufgebaut.</p>
+
+<p>Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben
+ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende
+Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans
+(allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf
+dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt,
+jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen
+Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt
+werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also
+theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört,
+nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten
+jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte
+das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache
+doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch
+zu erwarten war.</p>
+
+<p>Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel
+bot.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_225">[Pg 225]</span></p>
+
+<p>Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich
+steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt
+der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter
+hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und
+wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die
+ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit <em class="gesperrt">reinem
+Radiolarienschlamm</em>. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht,
+wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die
+Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den
+Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe
+ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre
+Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar
+noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar
+erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die
+individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar
+ist. Wer diese Zerstörung besorgt — die hier offenbar keine chemische
+Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern
+nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet — bleibt
+einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich.</p>
+
+<p>Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher
+Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee.</p>
+
+<p>Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier
+heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam.</p>
+
+<p>Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie
+„Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches,
+Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere,
+oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher
+„entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der
+Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen
+einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon
+den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich
+geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die
+Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches
+Beispiel dafür, wohl wert, erzählt <span class="pagenum" id="Page_226">[Pg 226]</span>zu werden, da zugleich ein Stück
+Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt.</p>
+
+<p>In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen
+zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im
+heutigen Sinne noch gar nichts.</p>
+
+<p>Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die
+Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze
+Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten.</p>
+
+<p>Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu
+werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte.
+Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und
+darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man
+wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte.</p>
+
+<p>Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten
+Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden
+Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte.</p>
+
+<p>Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, <em class="gesperrt">Christian Gottfried
+Ehrenberg</em> in Berlin, die Sache ins Große, — ins Große tatsächlich
+des Kleinsten.</p>
+
+<p>Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder
+wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der
+trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie
+das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, — alles
+wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne,
+wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken
+aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher
+Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als
+die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im
+Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht.</p>
+
+<p>Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen
+Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten
+eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der
+Riesensonnen am Firmament.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_227">[Pg 227]</span></p>
+
+<p>Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit
+Herkuleswucht?</p>
+
+<p>Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten
+aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen
+Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen
+nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen
+aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg
+einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf
+<em class="gesperrt">eine</em> Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die
+bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den
+Körper bilden.</p>
+
+<p>Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen
+Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er
+heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige
+Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und
+Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese
+Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten,
+daß die Tiere darunter tatsächlich eine <em class="gesperrt">hohe</em> Organisation
+besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das
+ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art
+„vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen
+Organen der höheren Tiere, sein.</p>
+
+<p>Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren
+vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt
+bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den
+wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte.</p>
+
+<p>In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend
+einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die
+schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst
+stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts
+für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und
+Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder
+herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren
+Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus
+zierlichen <span class="pagenum" id="Page_228">[Pg 228]</span>Kieselpanzer und benannte sie, — übrigens noch nicht als
+Radiolarien, der Name fand sich erst später.</p>
+
+<p>Gerade weil die Schalen — lebende Tiere erhielt er zunächst nicht —
+aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in
+seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch
+im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier
+herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich
+zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken,
+wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere
+überhaupt anzuweisen war.</p>
+
+<p>In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender,
+teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846
+brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die
+vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt
+waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit,
+einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und
+Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar
+Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre
+Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der
+Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über
+den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden.</p>
+
+<p>Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die
+es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon
+erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg
+vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860
+erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar
+ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen
+Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere
+große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten
+Triumph aller Radiolarienforschung — und doch wußte Ehrenberg noch
+immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre.</p>
+
+<p>Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives
+Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren
+Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer <span class="pagenum" id="Page_229">[Pg 229]</span>Berliner Kollege
+Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus — in einer
+nachgelassenen Schrift — gerade diese Frage bis zu einer gewissen
+Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer
+Seite.</p>
+
+<p>Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel
+auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist
+aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende
+Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur
+Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach
+Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt
+nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche
+mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte
+Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und
+zwar diesmal auf <em class="gesperrt">lebendes</em> Material.</p>
+
+<p>In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang
+der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen
+Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang
+gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley,
+nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener
+Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das
+gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen
+im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein
+zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber
+Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb
+seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr
+klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts
+anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von
+Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen
+die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war
+— ein großer Fortschritt —, so zählte Huxley seine Einzeller mit
+Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im
+richtigen Schubfach des Museums!</p>
+
+<p>Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade
+noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg <span class="pagenum" id="Page_230">[Pg 230]</span>an
+Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß.</p>
+
+<p>Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine
+Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf
+rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen
+geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen
+neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe.</p>
+
+<p>Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten
+zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die
+eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und
+Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter
+einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so
+benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der
+großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren.</p>
+
+<p>Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit
+dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste
+unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich
+schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin
+lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht
+mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein
+Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in
+Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher
+jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien
+eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten
+Früchte getragen hat.</p>
+
+<p>Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten
+Ranges.</p>
+
+<p>Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet
+waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war
+<em class="gesperrt">Ernst Haeckel</em>.</p>
+
+<p>Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze
+Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst
+1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten
+Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem
+tierreichen Hafen führten <span class="pagenum" id="Page_231">[Pg 231]</span>ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das
+war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.</p>
+
+<p>Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen
+Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die
+schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile
+nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der <span class="antiqua">Camera lucida</span>
+und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller
+wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862
+erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der
+Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten
+und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von
+Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist
+noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das
+ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen
+Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel
+erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem
+Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter
+Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus.
+Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die
+Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.</p>
+
+<p>In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine
+große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein
+geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich
+für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen
+war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um
+Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe
+allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel
+kommt, eigentlich <em class="gesperrt">nur</em> bekannt zu sein pflegen, braucht hier
+nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden
+vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil
+allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.</p>
+
+<p>In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer
+seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren
+des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 <span class="pagenum" id="Page_232">[Pg 232]</span>kam Cienkowski
+mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung,
+die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung
+tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.</p>
+
+<p>Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs
+zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb
+notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein
+müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von
+der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von
+seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch
+nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus <em class="gesperrt">mehreren Zellen</em>
+fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes
+jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel
+lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren.
+Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren
+mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom
+Wurzelfüßerschlage sein.</p>
+
+<p>Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen
+überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der
+Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich
+die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt
+notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen
+zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur
+eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen
+aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller
+plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel
+selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die
+dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu
+entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten
+Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.</p>
+
+<p>Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen
+Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis
+führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien <em class="gesperrt">echte „Einzeller“</em>
+seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.</p>
+
+<p>Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, <span class="pagenum" id="Page_233">[Pg 233]</span>zeigte
+er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren <em class="gesperrt">fremde</em>
+Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars
+aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche,
+die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den <em class="gesperrt">Pflanzen</em>
+ähnelten, — also sogenannte „Urpflanzen“.</p>
+
+<p>Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie
+nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im
+verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen,
+wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in
+der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen:
+so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig
+urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die
+wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben:
+sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts
+anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und
+uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht
+auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen
+schmarotzern?</p>
+
+<p>Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen.
+Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars
+scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen,
+sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen
+Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen
+jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich
+des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten.
+Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute
+weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von
+Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen.
+Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der
+Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns
+den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars
+vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand.
+Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und
+scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende <span class="pagenum" id="Page_234">[Pg 234]</span>Pflanze dagegen zersetzt
+wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So
+kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet
+diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches
+Leben“.</p>
+
+<p>Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand
+natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als
+nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat
+das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und
+allgemein eingeführt.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte,
+mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs
+aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen,
+was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er
+kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der
+Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den
+lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für
+ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere.
+Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage
+aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht
+mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal
+den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl
+überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich
+beobachtet.</p>
+
+<p>Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide
+zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß
+und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten;
+und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein
+Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte.
+Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg
+genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten
+Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief.</p>
+
+<p>Hier aber beginnt tatsächlich das letzte und das großartigste Kapitel
+in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis.</p>
+
+<p>Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren
+mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht
+<span class="pagenum" id="Page_235">[Pg 235]</span>worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung
+des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk
+vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen
+sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen
+läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander
+von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt
+hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der
+„Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend
+Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und
+Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an
+außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter
+tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der
+Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit
+und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft.
+Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon
+zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt
+waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch
+nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus
+der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John
+Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der
+Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm
+das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als
+ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken,
+daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten
+gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und
+gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien.</p>
+
+<p>Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den
+Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut.</p>
+
+<p>Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, <em class="gesperrt">was</em> für
+einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen
+sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien.</p>
+
+<p>„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten
+Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen
+Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg <span class="pagenum" id="Page_236">[Pg 236]</span>in Glasgow folgend,
+der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil
+der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht
+über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist
+mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir
+Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von
+„Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d.&#8239;h. von jenen mikroskopischen
+Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes
+durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in
+Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt
+waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr
+als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen
+Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren
+Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den
+Radiolarien.“</p>
+
+<p>Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die
+Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es
+wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des
+„Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus
+seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich
+umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie.</p>
+
+<p>Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache
+Ziffer der <em class="gesperrt">neu</em> beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte
+fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von
+1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf
+das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort
+auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85
+Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum
+— bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es
+keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken,
+was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder
+Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint
+vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der
+4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse <span class="pagenum" id="Page_237">[Pg 237]</span>der Säugetiere noch
+nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht,
+daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“
+erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich
+an Radiolarien noch besitzen mögen.</p>
+
+<p>Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist
+selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen
+hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise
+auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten,
+dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage
+veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch
+hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige
+Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch
+einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar
+aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für
+die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja
+wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für
+den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen,
+daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher
+so sehr wenig bekannt geworden sind.</p>
+
+<p>Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische
+Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres.
+Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“
+gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen
+zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck
+und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt
+noch etwas viel umfassenderes in Fluß.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">ästhetischen Interessen</em> werden aufs nachhaltigste berührt.</p>
+
+<p>Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere.</p>
+
+<p>Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser
+Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten
+Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von
+Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben <span class="pagenum" id="Page_238">[Pg 238]</span>war, seinem
+Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen.
+Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur,
+die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen
+Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster
+Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, <em class="gesperrt">rhythmische Gebilde von
+vollkommener Schönheit</em> hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles.
+Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in
+den tiefsten Gründen der Philosophie endigt.</p>
+
+<p>Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die
+Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger
+Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck
+volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften
+von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich
+zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle
+möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach
+einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem
+ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel
+heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff,
+unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt.</p>
+
+<p>Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch
+wiedergegebenen Objekte der organischen Natur <em class="gesperrt">ausübenden
+Künstlern</em> eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen
+gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke.
+Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem
+Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem
+Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!)
+ist es der <em class="gesperrt">Naturforscher</em> gewesen, der dem Künstler dabei
+entgegengekommen ist.</p>
+
+<p>Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert
+hat — im vergrößernden Mikroskop — ist dem Künstler durchweg fremd
+geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte
+nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die
+im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn
+der Gewinn liegt <span class="pagenum" id="Page_239">[Pg 239]</span>unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der
+Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher
+Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit
+dem Apparat des Mikroskopes und der <span class="antiqua">Camera lucida</span> reproduziert.
+Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der
+innigen Begeisterung aus: wie <em class="gesperrt">schön</em> ist das! Der Naturforscher
+stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch
+auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von
+Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur
+sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der
+Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus,
+und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar
+in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht
+einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe — oder auch treibend auf
+dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina —: es arbeitet
+Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir
+Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen — Vertreter der Spitze
+aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals
+diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat — wir
+Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und
+das sollte nicht zu denken geben?</p>
+
+<p>Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist
+voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene
+künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre
+vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen
+Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit
+einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen,
+setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall
+oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im
+Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen
+der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der
+Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt — und
+das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“.</p>
+
+<p>Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht,
+<span class="pagenum" id="Page_240">[Pg 240]</span>ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen
+bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört,
+daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden
+Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu
+denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als
+„mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn
+man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt
+und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar
+für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene
+Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt.</p>
+
+<p>Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle
+Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze
+des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung
+beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet.</p>
+
+<p>Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen
+nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm
+minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt
+werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll.</p>
+
+<p>Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in
+ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen
+umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer
+gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß.</p>
+
+<p>Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der
+Gegensatz von mechanisch und lebendig <em class="gesperrt">aufhebt</em>, und wenn ich das
+Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich
+eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium
+geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern
+„mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das
+paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. <em class="gesperrt">Das
+Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der
+Welt.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_241">[Pg 241]</span></p>
+
+<p>Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der
+Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die
+kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist
+in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer
+kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch
+ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu
+erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen
+uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen
+glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an
+der eigentlich interessanten <em class="gesperrt">ästhetischen</em> Frage <em class="gesperrt">nichts</em>.</p>
+
+<p>Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja
+auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in <em class="gesperrt">diesem</em>
+Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des
+Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen
+des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der
+eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen
+Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier,
+wie es das Radiolar darstellt, trennt.</p>
+
+<p>Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen
+wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen
+Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die
+sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke,
+der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische
+Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht
+in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der
+Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas
+Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des
+Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den
+Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und
+züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann
+noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er
+erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl
+bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, <span class="pagenum" id="Page_242">[Pg 242]</span>sucht sich
+Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde,
+die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor,
+er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst,
+die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt.
+Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung
+gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen
+Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der
+Form.</p>
+
+<p>Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt
+aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante
+Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars
+bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht — den Weg von einer
+Anlage zu einer Erfüllung.</p>
+
+<p>Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es <em class="gesperrt">dasselbe</em>
+Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft
+— und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das
+Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der
+Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht
+entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im
+Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß:
+daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von
+unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom
+unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden
+Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade
+unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, — des rufe ich jeden
+echten Schaffenden zum Zeugen an.</p>
+
+<p>Die Kunst läßt sich nicht kommandieren. Sie ist ein Geschenk,
+allerdings eines aus uns selbst. Das Naturprinzip, das in ihr
+durchbricht, läuft ja nicht übernatürliche Bahnen hinter uns. Es läuft
+in uns, ist ein Teil von uns, ein Bestandteil unseres tiefsten Seins.
+Da ich aber selbst im Sinne natürlicher Entwickelung vom einzelligen
+Urwesen nur getrennt bin durch einen Unterschied des Grades, nicht
+der Art, — so scheint es mir kein großes Wagnis, zu sagen: dieses
+in mir enthaltene, in meiner Menschenkunst so und so durchbrechende
+Naturprinzip sei auch da unten schon, wenn <span class="pagenum" id="Page_243">[Pg 243]</span>auch auf einer anderen
+Stufe, im Radiolar vorhanden und schaffend wirksam. Es dichtet keinen
+Faust, dieses Radiolar, und malt kein jüngstes Gericht. Aber in seinem
+triebhaften Gestalten zierlicher, rhythmischer Gebilde beweist es
+in seiner Weise doch schon, daß auch in ihm eine Durchbruchsstelle
+ist jenes gewaltigen, auch aller höchsten Kunst letztlich zugrunde
+liegenden Naturprinzips, das auf rhythmische, harmonische, „schöne“
+Gebilde geht.</p>
+
+<p>Es war kein Silberschatz, kein wirklicher Nibelungenhort, von dem wir
+ausgegangen sind. Winzige Schälchen meerbewohnender Tiere niedrigster
+Art lagen unter dem Mikroskop, eine Messerspitze voll wie eine Prise
+Schnupftabak.</p>
+
+<p>Und doch — welche Bilder dahinter!</p>
+
+<p>Meerestiefen, gegen die der grüne Grund des Rheinstroms, der in der
+Sage das Nibelungengold verschlingt, ein seichtes Rinnlein mit ein
+paar dünnen Tropfen wird. Und in diesen schwarzen Gaurisankar-Tiefen,
+nur vom gespenstischen Licht phosphorescierender Fische noch magisch
+erhellt, ein unendlich geheimnisvoller Schatz, so wunderbar, wie
+ihn keine Sage träumt: die heilige Natur-Knospe des Großartigsten,
+Edelsten, Glückseligsten, was der Menschheit oben im freien Sonnenlicht
+verliehen wurde: — der Kunst.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_244">[Pg 244]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Warum_die_urweltlichen_Tiere_ausgestorben_sind">
+ Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Es war an einem wundervollen Sommermorgen auf der Insel Rügen.</p>
+
+<p>Ich war eine Weile pfadlos durch den dichten Wald geschritten, zwischen
+hohen Farrnkräutern, nach oben und allen Seiten ganz eingesponnen in
+das lückenlose Smaragdgrün der kleinen, hart gerippten, zitternden und
+flimmernden Buchenblätter.</p>
+
+<p>Auf einmal eine Lücke, als tauche das Auge aus einem tiefen, tiefen
+grünen See. Und da unendlich weit das blaue Meer, das alte, immer
+schöne.</p>
+
+<p>Ich kletterte von der Buchenhöhe herab zum schmalen, steinigen Strande
+und setzte mich auf einen grauen Block, ein paar Minuten still
+versonnen in der Folge eines weißen Dampfers, der fern, klein wie ein
+Spielzeug, die Meereswölbung schnitt.</p>
+
+<p>Dann kam mein Blick, wie sich ausruhend von dem unendlichen Bilde, aufs
+Nächste zurück.</p>
+
+<p>Dicht vor meinen Füßen lag um eine Vertiefung ein kleiner Steinring.
+Kinder hatten ihn spielend gebaut, eine Art Burg, in der eines gesessen
+hatte, während die andern einen Kreis darum bildeten und sangen.</p>
+
+<p>Aber mich fesselten die Steine selbst.</p>
+
+<p>Weiße Kreidebrocken; einer war zerschlagen und wies einen schwärzlichen
+Kern: Feuerstein. Ein rötliches Geröllstück von ganz anderer
+Mineralart. Ein kleiner, halb abgebrochener gelblicher Steincylinder
+wie ein länglicher Fingerhut. Ein bläuliches rundes Ding, seltsam
+wie mit undeutlichen Ornamenten verziert, im ganzen einer harten,
+eingetrockneten Cypressenfrucht nicht unähnlich. <span class="pagenum" id="Page_245">[Pg 245]</span>Zwischen allerhand
+größeren Trümmern auch ein winziges Körnchen von auffallendem Rotgelb:
+Bernstein.</p>
+
+<p>Meine Gedanken begannen zu wandern.</p>
+
+<p>Diese Kinder hatten mit Jahrmillionen der Erdgeschichte gespielt ohne
+eine Ahnung davon. Jede kleine Quader da in ihrer Festung war ein Stück
+Urwelt mit einer ungeheuren Perspektive.</p>
+
+<p>Dieses Körnchen Bernstein war versteinertes Harz eines Fichtenbaumes,
+dessen Art heute auf Erden nicht mehr gefunden wird, ein Gruß aus
+längst verschollenem Urwalde einer deutschen Küste in Tagen, da es noch
+keinen Begriff „deutsch“ gab, weil es noch keinen Begriff „Menschheit“
+gab.</p>
+
+<p>Diese Kreide, wie sie jetzt die steilen Wände der Stubbenkammer
+auf Rügen zusammensetzt, war einst Tiefseeschlamm des Ozeans.
+Die Kalkschalen mikroskopisch kleiner Tierchen, die diesen Ozean
+belebten, sanken jahrhunderttausendelang unablässig in die Tiefe und
+bildeten dort allmählich diesen Schlamm. Dann kamen Faltungen der
+Erdrinde, verschoben Land und Wasser und stauten den uralten, zu Stein
+verhärteten Schlamm als Hügel empor. Gegen diesen Hügel quetschten
+sich Millionen Jahre später die Gletschermassen der Eiszeit, die, von
+Norden kommend, die ganze Ostsee ausfüllten. Mit diesen Gletschern ist
+der rote Stein dort von den Gebirgen Schwedens bis hierher geschleppt
+worden. Zugleich rissen diese mit Steinen wie ein Reibeisen besetzten
+Gletscher hier die weiche Kreide Rügens auf, wühlten gleichsam ihre
+Eingeweide heraus, daß sie in nackter Blöße, zersplittert und zerfetzt,
+offen blieben, wie sie heute stehen.</p>
+
+<p>Aus dem zerrissenen Fels aber lösten sich schwärzlich-gelbbraune
+Einlagen. Von da stammt der Feuerstein. Als der Kreidefels noch
+weicher Schlamm war, betteten sich in diesen Schlamm schichtenweise
+seltsame Knollen aus Kieselstoff, auch sie das Erzeugnis wahrscheinlich
+kleinster Tiere, vielleicht hauptsächlich Radiolarien, die unzählige
+Gehäuse aus stahlhartem Kiesel aufbauten und zu solchen Klumpen sich
+ballen ließen. Das ist unser heutiger Feuerstein.</p>
+
+<p>Zwischen diesem Feuerstein fiel aus der Kreide noch mancherlei
+anderes Gebild, auch das urzeitlicher Rest verschollenen tierischen
+<span class="pagenum" id="Page_246">[Pg 246]</span>Lebens. Dieses zerbrochene gelbe Röhrchen, „Donnerkeil“ im Volksmunde
+genannt, war einst ein Körperteil eines Tintenfisches vom Schlage der
+sogenannten „Belemniten“. Diese wie mit Hieroglyphen besetzte blaue
+Steinfrucht ist der Ausguß der Schale ebenfalls eines Tieres, eines
+See-Igels, der zugleich mit jenem Tintenfisch lebte, als der Feuerstein
+und die Kreide sich bildeten.</p>
+
+<p>In jenem Ozean der Kreidezeit schwammen 120 Fuß lange Eidechsen,
+die Mosasaurier, dünn wie das Schiffermärchen die große Seeschlange
+träumt. Und am Strande des Meeres stapften reptilische Scheusale von
+zehn Metern Länge, die aufrecht auf den Hinterbeinen gingen wie unser
+Känguruh. In Belgien liegen heute noch die Reste; beim Bergwerksbetrieb
+sind sie zutage gekommen tief unter der Sohle des heutigen Lebens, eine
+versunkene Welt.</p>
+
+<p>An solchem Fleck, wo die Geschichte des Kosmos sich in ein Kinderspiel
+drängt, tauchen einem von selbst allerhand Fragen auf.</p>
+
+<p>Es ist immer eine der nächsten gewesen: wo ist das alles hingekommen?
+Warum ist es heute nicht mehr da?</p>
+
+<p>Das Meer blaut noch in unabsehbarer Weite wie je, hat noch immer
+Tiefen, in denen der Gaurisankar sich untertauchen ließe, noch heute
+bietet es dem Walfisch, der auch hundert Fuß lang wird, Nahrung und
+Raum. Wo sind die Mosasaurier, die Iguanodons, wo der Ichthyosaurus
+hingekommen, dessen Steinmumien in Schwaben dicht beisammenliegen wie
+die Heringe, wo die Mammute, deren rotwollige Leiber noch blutig frisch
+im sibirischen Eis stecken wie in einer Konservenbüchse der Ewigkeit?</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Eine</em> Antwort scheint ja die erste, rascheste.</p>
+
+<p>Unendliche Zeit ist seit damals hin. In dieser Zeit hat die Erde
+hundert Akte des wildesten Spektakelstücks durchgespielt. Das
+Land ist geborsten und hat feurige Lava und kochenden Wasserdampf
+gespieen, Sintfluten haben sich darüber ergossen. Da wurden die Fische
+gebraten und die Sumpfreptile ertränkt. Und über die Mammute gar ist
+klafterhohes Eis gestürzt.</p>
+
+<p>Aber davon will die heutige Wissenschaft nicht mehr viel wissen, wenn
+es auch in Jugendbüchern und Romanen noch erzählt wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_247">[Pg 247]</span></p>
+
+<p>Wir haben gelernt, daß die Mühlen der Weltgeschichte in der
+Ichthyosaurus-Zeit wahrscheinlich genau so langsam gemahlen haben wie
+heute. Es brodelt wohl einmal ein Vulkan. In Jahrhunderttausenden frißt
+sich ein Strom auch ein neues Bett, versandet ein See, sinkt eine
+Küste Millimeter um Millimeter abwärts, bis endlich ganz, ganz langsam
+der Ozean ins Wattenmeer zwischen Inseln, in die Marschen, ja endlich
+über ein ganzes Tiefland bis zur nächsten Hügelmauer dringt. Daß es
+aber niemals jene allvernichtenden Katastrophen, die gleichsam mit dem
+Schwamm über alles Lebendige wischten, seit ältesten Erdentagen in
+Wahrheit gegeben habe, davon liegt ein schlichtestes Zeugnis vor.</p>
+
+<p>Es leben nämlich heute noch einzelne Tiergeschlechter munter neben
+uns, die schon mit dem Ichthyosaurus und noch weiter zurück blühten.
+Ein solcher leibhaftiger überlebender Urweltler ist der Molchfisch
+Ceratodus Australiens, der recht im Sinne Darwins eine Uebergangsform
+darstellt zwischen Fisch und Molch, weil er nämlich noch Kiemen zum
+Wasseratmen besitzt wie ein Fisch und doch zugleich schon eine Lunge,
+wie die Landtiere sie vom Molch an aufwärts haben. Dieser Molchfisch
+ist genau der Gattung nach <em class="gesperrt">älter</em> als der älteste Ichthyosaurus
+und erfreut doch noch jetzt die Australneger Queenslands durch sein
+wohlschmeckendes, lachsrotes Fleisch. Ja, die Lingula, ein kleines,
+halb wurm-, halb muschelähnliches Tier aus der Gruppe der sogenannten
+Brachiopoden, lebt im Ozean, so lange wir überhaupt Kenntnis und Reste
+von lebenden Wesen besitzen: von der kambrischen Epoche an, mit der all
+unsere Weisheit beginnt, bis auf den heutigen Tag.</p>
+
+<p>Umgekehrt das Mammut war ausgestorben, als unsere
+Geschichtsüberlieferung begann, kein Lied, kein Heldenbuch meldet mehr
+von diesem „deutschen Elefanten“ mit seinen ungeheuren Stoßzähnen.
+Und doch hat der Mensch, wie wir heute sicher wissen, dieses Mammut
+noch gejagt, sein Fleisch hat er verspeist, aus dem Elfenbein seiner
+Zähne hat er Schnitzereien gefertigt, ja auf ein solches Knochenstück,
+das in einer französischen Höhle bei Kulturresten der Steinzeit
+(also der ältesten Menschheits-Kultur jenseits aller schriftlichen
+Ueberlieferung) entdeckt worden ist, hat ein Künstler jener Urtage mit
+roher Hand, aber noch wohl erkennbar, das <span class="pagenum" id="Page_248">[Pg 248]</span>Umrißbild eines solchen
+Elefanten mit Pelz, Stoßzähnen und Rüssel eingekritzelt. Den Menschen
+hat offenbar keine Erdkatastrophe fortgefegt seither, — die Mammute
+aber sind alle tot. Warum?</p>
+
+<p>Man hat beim Mammut vermutet, es sei dann wohl der Mensch selber
+gewesen, der es vertilgt hat.</p>
+
+<p>Kein Zweifel ist ja, wie dieser Mensch wahrhaft verheerend eingebrochen
+ist in die Tierwelt der Erde. Wo ist all das wilde Getier der alten
+Germanen-Wälder, wie es die Römer bei uns fanden, in den zweitausend
+Jahren hingekommen? Bären, Wölfe, Luchse gab es die Masse, Ur-Stiere
+und Auerochsen und Elentiere sielten sich im Sumpf, und aus jedem
+Flußarm stiegen die seltsamen Kuppelbauten und Dämme der Biber.
+Verschwunden ist das alles vor der Kultur. Hier und da nur noch ein
+letztes Häufchen Biber, ein paar künstlich gehegte Elentiere. Der
+deutsche Auerochs und Bär sind längst ganz verschollen, der schwarze
+Ur-Stier ist sogar überhaupt ausgestorben. Warum soll es dem Mammut,
+dessen Knochen heute noch im Kies bei Berlin, im Flußbett der Lippe,
+auf dem Elbplateau jenseits Dresdens gefunden werden, nicht schon ein
+paar Jahrtausende vor Cäsar genau so ergangen sein?</p>
+
+<p>Aber auf jene Seeschlangen der Kreidezeit und den Ichthyosaurus vom
+Fuße der schwäbischen Alb paßt auch das wieder nicht, denn mit ihnen
+ist zu ihren Lebzeiten überhaupt noch kein Mensch zusammengetroffen.
+Millionen von Jahren liegen zwischen dem ersten Auftreten des Menschen
+und dem letzten Ichthyosaurus. Kein Siegfried kann diese Lindwürmer
+erlegt haben. Aber wer war es denn?</p>
+
+<p>Es ist erst ein paar hundert Jahre her, da hatte man bezüglich dieser
+versteinerten Ungeheuer noch ganz anders verwegene Fragen.</p>
+
+<p>Haben diese Tiere überhaupt je gelebt? fragte man. Im Gestein selber
+sollte eine mystische Bildungskraft stecken, die den toten Stein
+gelegentlich spielend zu tierähnlichem Gebilde formte. So wäre ein
+solches vermeintliches Drachen-Gerippe gar kein echter Rest eines
+Tieres, das einst im Sonnenlicht sich gefreut und seine Tatzen geregt
+wie wir, — sondern es wäre das Ergebnis einer Art geheimnisvollen
+Kristallisationsprozesses erst in der schwarzen Erdentiefe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_249">[Pg 249]</span></p>
+
+<p>So lustig das erdacht war: es hielt doch den Tatsachen nicht lange
+stand. Es läßt sich an den sinnfälligsten Merkmalen beweisen, daß diese
+Urweltler einmal <em class="gesperrt">gestorben</em> sind. Was aber stirbt, muß gelebt
+haben.</p>
+
+<p>In goldig durchschimmernden Stückchen dieses Bernsteins hier gewahrt
+der Kundige nicht selten Mücklein, Spinnen und Ameisen. Sie sind genau
+des Todes verstorben, der heute ähnliche kleine Tiere ereilt, wenn die
+Fichte tränt und der Kirschbaum zähes Harz aus seiner Rinde träufelt:
+vom klebrigen Harztropfen sind die Vorwitzigen gefangen und umhüllt
+worden wie die Einwohner Pompejis anno dazumal vom Aschenschlamm des
+Vesuv, — zum Bernstein verhärtet, ins Meer verschwemmt, hegt sie noch
+heute die alte Harzmasse als gläserner Sarg.</p>
+
+<p>Tief im Gestein, wo der Ichthyosaurus heute schläft, liegen eng bei
+ihm, auch zu Stein geworden, die Verdauungsreste seiner Nahrung. Der
+Forscher schleift sie auf und gewahrt auf der Schlifffläche die wohl
+erkennbaren unverdaulichen Ueberreste dessen, was der alte Drache
+verschlungen hat. Fischschuppen sind es, Gräten und die Trümmerstücke
+von Tintenfischen. Dieses kleinere Getier ist also gefressen worden vom
+großen, — gestorben im dicht bezahnten Rachen eines hungrigen Räubers.
+Damals wie heute gab es offenbar Hader und „Kampf ums Dasein“, es gab
+Fresser und Gefressene, Ueberwinder und Unterliegende.</p>
+
+<p>Wir ahnen aber noch andere Ursachen des Todes und zwar nicht nur bei
+Kleinen, sondern auch bei den Gewaltigen selbst.</p>
+
+<p>Jene Rieseneidechse Iguanodon, von der ich gesprochen habe und die
+auf den Hinterbeinen trottete wie ein Känguruh, ist im sogenannten
+Wälderton bei Bernissart in Belgien in einer ganzen Herde von
+dreiundzwanzig Stück ausgeschachtet worden. Dieses ganze Regiment
+Kolosse stand derart aufrecht im Tongrund, daß man nicht anders
+annehmen kann, als es ist voreinst einmal in einer Unglücksstunde die
+ganze Kavalkade aufrecht so im weichen Sumpfgrunde eingesunken und
+erstickt. Wunderbar kann das ja nicht sein bei Reptilien von zehn
+Metern Länge, die wahrhafte Drachenschwänze hinter sich herschleiften
+und nach vorne Hängebäuche wie die Fettgänse gehabt haben müssen,
+während der vogelartige <span class="pagenum" id="Page_250">[Pg 250]</span>Schnabelkopf sich auf hohem Schwanenhalse
+haushoch über das ganze reckte. Ein ähnlicher Unhold, den man in
+Amerika gefunden hat und der seine siebzig Fuß lang wurde, der
+Brontosaurus, wird auf ein Gewicht von zwanzig Tonnen, das sind
+zwanzigtausend Kilogramm, geschätzt. Ein solches Tier auf einem
+genügend tiefen urweltlichen Moorboden war rettungslos verloren; es
+ging unter wie ein leckes Schiff mit Steinfracht.</p>
+
+<p>Gerade dieser letztere Fall muß uns aber nun besonders zu denken geben.</p>
+
+<p>Er macht auf etwas aufmerksam, was am Ende nicht nur das einzelne
+Sterben, sondern das ganze endgültige „Aussterben“ solcher Urweltler in
+seinem Grunde aufhellen könnte, wenn man es nur recht erwägt.</p>
+
+<p>Ein solcher wandelnder Fleischberg wie der Iguanodon oder der
+Brontosaurus hatte etwas unverkennbar Uebertriebenes in sich. Etwas
+Uebertriebenes, das sich unter besonderen Umständen hatte heranbilden
+können und in seiner Weise eine Zeitlang Herr der Situation war, — das
+aber über kurz oder lang doch dem Lose aller Uebertreibungen verfallen
+mußte: unpraktisch zu sein.</p>
+
+<p>Wenn wir das Gerippe eines solchen Brontosaurus, wie es von dem
+amerikanischen Geologen Marsh im Museum zu New Haven wieder
+zusammengesetzt worden ist, genau betrachten, so erscheint in ihm ein
+groteskes Mißverhältnis.</p>
+
+<p>Alle Wucht der Entwickelung dieses Riesenleibes ist in die reine
+Masse verlegt. Dieses Tier konnte, so lange es sich um Größe allein
+handelte, wenig Feinde haben, denn es trampelte da alles nieder. Ein
+ausgewachsener Elefant wiegt bloß 6000 Kilogramm. Dieses Reptil hätte
+ihn also gründlich zerquetscht, wenn es nur über ihn wegkroch. Viele
+dieser Drachen waren auch noch am ganzen Leibe verpanzert, trugen
+riesige Hörner auf Stirn und Nase wie Stiere und Rhinozerosse, oder
+sie hatten aufrechtragende steinharte Kämme aus soliden Platten den
+ganzen Rücken entlang und auf dem Schwanz halbmeterlange Stacheln, die
+ein anspringendes Raubtier von Tigergröße durchlöchern mußten wie die
+zusammengefaßten Speere den Winkelried.</p>
+
+<p>Aber diese riesengleichen Lindwürmer hatten umgekehrt Gehirne, <span class="pagenum" id="Page_251">[Pg 251]</span>so
+<em class="gesperrt">winzig</em>, daß ein Spatzenhirn sich im Verhältnis über sie erhebt,
+wie das Gehirn eines Menschen über ein Spatzenhirn. Mehrfach war bei
+ihnen das Rückenmark in der Beckengegend viel dicker als das ganze
+Gehirn, so daß man fast sagen möchte: sie haben mehr mit den Beinen
+gedacht als mit dem Kopf. Es kann aber mit dem ganzen Denken nicht
+weit her gewesen sein. Der ungeheuerlichen Leibesfülle entsprach
+eine ungeheuerliche Dummheit. Wenn man die Höhle im Schädel mit Gips
+ausgießt, so erhält man die Maße ihrer Hirne heute noch ziemlich genau:
+sie sind erschreckend klein. Das Wort scheint wahr geworden vom Berge,
+der eine Maus erzeugt. Sie besaßen aber noch lange keine Gehirne, die
+sich dem eines kleinsten Mäusleins vergleichen ließen. Und das war denn
+doch schließlich wohl der Punkt, wo sie sterblich waren.</p>
+
+<p>Ihre Körperlast, sonst unangreifbar, machte sie zum Opfer jeglichen
+Terrains, das nachgab, — des Sumpfbodens wie des Flugsandes.</p>
+
+<p>Und ihre wahrhaft monumentale Dummheit führte Generation um Generation
+wohl immer wieder auf so verfänglichen Boden. In diesen kleinen
+Gehirnchen speicherten sich keine Erfahrungen an, warfen Falten des
+vererbten Denkens auf, lehrten die Enkel in Schläue meiden, was den
+Ahnen Verderben gebracht. Sie trotteten jahrtausendelang ihren gleichen
+Weg, und wenn auf diesem Wege eines Tages ein Moor entstand, so sanken
+sie in dieses Moor und erstickten, als müßte es so sein.</p>
+
+<p>Bis an einem letzten Tage der letzte Lindwurm so das Zeitliche gesegnet
+hatte.</p>
+
+<p>Es mag ebenso geschehen sein, daß viel kleinere Tiere ihrer doch Herr
+wurden trotz aller zwanzig Tonnen Gewicht, und zwar aus dem einfachen
+Grunde, weil diese Tiere sich inzwischen im Verhältnis größere, also
+klügere Gehirne erworben hatten.</p>
+
+<p>Gegen einen solchen schwachköpfigen Saurier war ein Vogel, wie gesagt,
+ein Genie. Es gab aber in der letzten Drachenzeit nachweisbar bereits
+Vögel, und zwar sind in Südamerika neuerdings auch Vogelriesen gefunden
+worden, die über drei Meter hoch waren und Raubvogelschnäbel und
+Krallen gehabt haben müssen wie aus Stahl. Wenn ein solcher Greif
+sich dem Lindwurm <span class="pagenum" id="Page_252">[Pg 252]</span>unversehens auf dem Rücken festhakte, vermöge
+seiner viel feineren geistigen Gewitztheit geschickt den Schlägen des
+Stachelschwanzes auswich und seinen Schnabel zwischen die Panzerplatten
+einhieb, so half dem Herkules schließlich all sein Gewicht nichts mehr,
+und der schlimme Vogel schlug ihm endlich den Leib auf, wie ein Igel
+sich mit seinen spitzen Zähnen in eine Viper frißt.</p>
+
+<p>Darwin hat uns im neunzehnten Jahrhundert auf das große Prinzip in der
+Entwickelung des Lebens auf Erden aufmerksam gemacht, das mit dem Worte
+„Anpassung“ ausgesprochen ist. Ueberblicken wir die heutige Tierwelt,
+so sehen wir jede Tierart in einer bewundernswürdigen Weise ihrer
+Lebenslage angepaßt. Der Fisch ist wie eine kunstvolle Maschine auf
+das Leben im Wasser hin gebaut, der Vogel auf die Luft, der Maulwurf
+auf die Wühlarbeit im dunklen Erdreich, das Roß auf die Ebene, die
+Gemse auf das Gebirge, der Affe auf den Baum. Auch die Tiere der Urwelt
+zeigen in all ihren Abdrücken und Gerippresten, die uns von ihnen im
+Gestein erhalten sind, solche Anpassungen in Hülle und Fülle. Schon da
+hat der uralte Fisch seine Flossen, die verschollene Schildkröte ihren
+Schutzpanzer, der Ichthyosaurus seine scharfen Zähne und der älteste
+Vogel seine Federflügel. Und schon aus diesen Organen der Anpassung
+allein, die so deutlich noch vor Augen stehen, kann man den sicheren
+Schluß ziehen, daß diese Tiere wirklich einmal gelebt haben. Aber man
+kann aus dem Prinzip gerade der Anpassung auch herleiten, daß und warum
+viele einst vorhandene Arten vollständig wieder ausgestorben sind.</p>
+
+<p>Gab es auch in der Erdgeschichte nicht jene wüsten Katastrophen, die
+ganze Tiervölker in Lava brieten oder in Sintfluten ersäuften, so hat
+sich doch die Erdoberfläche im Laufe der Jahrmillionen langsam, aber
+sicher fort und fort ganz respektabel verändert.</p>
+
+<p>Das aber schuf für das bunte Tiervolk im ganzen immer wieder andere
+Grundlagen, andere Nötigungen der „Anpassung“.</p>
+
+<p>„Andere Zeiten, andere Vögel!“ Der alte Vers hat zoologisch eine
+tiefste Wahrheit. Was für die Zeit der Erdgeschichte etwa, da der
+heutige Jura-Schiefer als Meeresschlamm sich absetzte, gut war im
+Sinne vollkommener Anpassung, das genügte für die spätere <span class="pagenum" id="Page_253">[Pg 253]</span>Epoche, da
+die heutige Kreide sich in der Tiefsee bildete, nicht mehr, — und so
+fort. Einzelne stille Winkel hat es zwar immer gegeben, wo diese oder
+jene Art allen Wechsel überstand, ohne sich wesentlich dem Fortgang
+anzubequemen: so erklären sich jene überlebenden letzten Mohikaner
+urältester Tage wie jener Molchfisch und jenes Lingula-Tier. Für die
+Masse aber schuf jede neue Epoche der großen Erdentwickelung ein
+scharfes Entweder — oder.</p>
+
+<p>Entweder die Tiere paßten sich den neuen Verhältnissen entsprechend
+<em class="gesperrt">neu</em> an, oder sie <em class="gesperrt">starben</em> als unbrauchbar, als reaktionär
+geworden aus.</p>
+
+<p>Beide Fälle sind in Masse immer wieder eingetreten. Welche Veranlagung
+dabei über das „Wie“ des Weges entschied, ist freilich auch dem
+darwinistisch gesinnten Naturforscher von heute noch keine ohne
+weiteres beantwortbare Frage. Man ist versucht zu sagen, daß es
+jedesmal die Genies der Tierwelt waren, die sich umformten zu neuer
+Anpassung, und andererseits die Tröpfe und Trottel, die den Anschluß
+nicht finden konnten und unter den Tisch fielen. Wobei die Worte
+selbst freilich, von uns Menschen entnommen, vorläufig noch keine
+echte, tiefere Erklärung umschließen. Denn wir wissen durchaus nicht,
+auf Grund welcher innerlichen Weltverknüpfung nun etwa in unserem
+Menschenleben selbst hier ein Genie geboren wird und dort ein Trottel.
+Bloß das sehen wir klar, daß das Genie, wenn es einmal da ist, seine
+Zeit beim Schopfe nimmt und mit ihr hochschwimmt, — während der arme
+Tropf in ihrer Welle elendiglich ertrinkt. Und dieses Verhältnis ist
+(hier hat Darwin zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen) für die
+alten Tiere jedenfalls ebenso maßgebend gewesen.</p>
+
+<p>Wer in veränderter neuer Zeitlage die entsprechende neue Anpassung
+darbot, der <em class="gesperrt">erhielt</em> sich, war Herr der Situation, — wer sie
+aber nicht hatte, der <em class="gesperrt">versank</em>.</p>
+
+<p>Immerhin läßt sich aus jenem guten Beispiel von den ungeheuer
+körperschweren, aber ebenso verstandesdürren Lindwürmern der Kreidezeit
+aber noch ein engerer Schluß zu diesem Hauptgedanken wagen.</p>
+
+<p>Je extremer, je einseitiger, je fanatischer, möchte ich sagen, eine
+Tiersorte zu einer Zeit ihre Anpassung an ganz bestimmte <span class="pagenum" id="Page_254">[Pg 254]</span>enge
+Verhältnisse getrieben, desto geringer scheint die Wahrscheinlichkeit
+gewesen zu sein, daß sie jene goldene Straße des Fortschritts noch
+einmal einschlagen konnte, desto größer der Zwang, daß sie tragisch
+unterging.</p>
+
+<p>Ziemlich unzweifelhaft liegt hier der Grund, daß so viele gerade der
+sonderbarsten barocksten und uns unbegreiflichsten Riesentiere der
+Vorwelt eben bloß noch als Gerippe im alten Gestein liegen, — sie
+waren solche Extreme der einseitigen, nicht mehr beweglichen Anpassung
+ihrer Zeit.</p>
+
+<p>In neueren Tagen sind insbesondere von dem Privatdozenten Brandes
+in Halle interessante Vermutungen über dieses Aussterben extrem
+veranlagter Tiere geäußert worden.</p>
+
+<p>Noch in der sogenannten Diluvialzeit, also in den ersten Tagen, aus
+denen wir die Knochenreste von Menschen und die ersten Anzeichen einer
+eskimo-artigen, ganz niedrigen Kultur besitzen, lebte in Europa sowohl
+wie besonders in Amerika ein Geschlecht großer, löwenartiger Katzen
+von sonderbarstem Aussehen. Machairodus hat man sie getauft, das ist
+zu deutsch: der Säbelzahn. In der Tat führten diese Ungeheuer im
+Oberkiefer Eckzähne, die nicht bloß wie echte Raubtierzähne von heute
+als derbe Wehr und Angriffswaffe im Maule saßen, sondern die wie wahre
+krumme Säbel oder Messer über den Unterkiefer hinweg aus dem Maule
+vorsprangen.</p>
+
+<p>Man hat sich mit Recht gefragt, wie ein solches Tier überhaupt
+entstehen konnte?</p>
+
+<p>Es ist nicht mehr ein regelrechter Löwe, sondern eher die Karikatur
+eines solchen.</p>
+
+<p>Diese wahren Walroß-Hauer im Maul einer Katze scheinen durch
+Uebertreibung des Prinzips mehr einen Ballast darzustellen, denn eine
+Waffe, die wirklich noch zum Beißen Sinn hat. Man glaubt den Räuber,
+der ein Wild angesprungen hat, sich damit festbeißen zu sehen in einer
+Weise, die ihn förmlich festnagelt an den eigenen Zähnen, ohne daß er
+doch damit richtig packen kann.</p>
+
+<p>Wie soll eine so abstruse Anpassung überhaupt je zustande gekommen
+sein, — an was hatte dieser Säbelzahn sich überhaupt angepaßt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_255">[Pg 255]</span></p>
+
+<p>Nun ist gewiß auffällig, daß wenigstens in Amerika, also gerade da,
+wo die Machairodus-Löwen mit üppigster Zahnentfaltung in Masse gelebt
+haben, aus derselben Zeit uns die Knochenreste kolossaler Säugetiere
+überliefert sind, die <em class="gesperrt">steinharte Panzer</em> trugen.</p>
+
+<p>Bekanntlich gibt es noch heute einige recht solid verpanzerte Säuger,
+— so das Gürteltier, das in einem festen Hornpanzer steckt wie
+ein Krebs in seiner Schale. Heute noch gibt es solche Gürteltiere
+ausschließlich in Amerika, es sind aber durchweg ziemlich kleine
+Tiere. In den Tagen jenes Machairodus aber existierten im Lande
+dort Riesen aus der Verwandtschaft der Gürteltiere und der nah
+dazugehörigen Faultiere, die die Größe von Elefanten und Nashörnern
+erreichten, ja zum Teil noch massiver gebaut waren als der Elefant.
+Und auch von diesen Patriarchen besaßen viele den echten knochigen
+Gürteltierpanzer, bloß auch übersetzt in die Dimensionen eines
+Rhinozeros. Die sogenannten Glyptodonten steckten ganz darunter wie
+enorme Schildkröten. Einige Riesenfaultiere (Vettern des berühmten
+Megatherium) trugen den Panzer wie ein geheimes Kettenhemd innerhalb
+ihres dicken, obenauf mit gelbroter Wolle belegten Felles.</p>
+
+<p>Es scheint nun ein ganz plausibler Gedanke, daß die Existenz so
+zahlreicher Panzertiere am Ort, wo der Machairodus jagte, einen
+Fingerzeig abgebe dafür, wie sein abnormes Gebiß doch einmal einen
+echten Anpassungszweck gehabt haben könnte.</p>
+
+<p>Diese Ungeheuer im Schildkrötenrock hatten keine andere Waffe gegen
+ein aufspringendes Raubtier, als eben ihren Rock. Dumm waren sie ihren
+Gehirnen nach auch über alle Maßen, und ihr Gebiß war auf Blätter- oder
+Wurzelkost gebaut wie das von harmlosen Wiederkäuern. Aber ein Löwe
+oder Tiger von heute hätte ihnen immerhin ja auf den Buckel springen
+mögen zum „Löwenritt“: — kein gewöhnlicher Raubtierzahn hätte diese
+harte Nuß aufknacken und dem Schalenbesitzer wirklich ans Blut kommen
+können. Ganz anders dagegen unser Machairodus. Seine Säbelzähne mochten
+allen Ernstes in die Hornwand einschneiden, mochten Panzerplatten
+losreißen und so den leckeren Braten bei lebendigem Leibe tranchieren.
+Ein fürchterliches, aber zum Zweck sinnreiches <span class="pagenum" id="Page_256">[Pg 256]</span>Tranchiermesser für
+Gürteltiere wäre also der Eckzahn des Machairodus gewesen seiner
+ursprünglichen Anpassung nach.</p>
+
+<p>Es ist aus diesem Gedankengang dann selbst wieder ersichtlich,
+daß diese enge Anpassung für so einseitigen Zweck später doch ein
+Entwickelungshemmnis und eine Ursache schließlich des Unterganges der
+Machairodus-Löwen aus sich heraus werden konnte.</p>
+
+<p>Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom
+siegreich angepaßten Machairodus, <em class="gesperrt">selber</em> ganz oder doch mehr
+und mehr aus, — der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes
+Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, — und jetzt
+rächte sich plötzlich die <em class="gesperrt">zu tolle</em> Anpassung, die Säbelzähne
+brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, — er blieb zurück
+gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein
+Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon
+zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen
+Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher
+machen.</p>
+
+<p>Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will,
+daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der
+alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen
+Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich
+bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals
+wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein
+Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch
+von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den
+Angreifer mitgerissen haben könnte.</p>
+
+<p>Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut
+zu bieten.</p>
+
+<p>Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut
+die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich
+aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach
+kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen,
+oben wieder hineinwachsen.</p>
+
+<p>Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines <span class="pagenum" id="Page_257">[Pg 257]</span>lebenden
+Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins
+Unsinnige umschlagenden Uebertreibung.</p>
+
+<p>Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen
+Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, — wobei
+er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das
+Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische
+Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber
+durch diese seine Riesenzähne <em class="gesperrt">wehrloser</em> gemacht worden, da er
+überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß
+durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner
+freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde.</p>
+
+<p>Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen?</p>
+
+<p>In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen
+Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind
+zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der
+Raubtiere nichts zu tun haben.</p>
+
+<p>Ihr Nutzen besteht für den Elefanten vor allem darin, daß er beim
+Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er
+faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen
+Stoßzahn ab.</p>
+
+<p>Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des
+Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit,
+in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst
+sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die
+Stoßzähne dort erworben worden.</p>
+
+<p>Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die
+große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und
+armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren
+sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen.</p>
+
+<p>Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch
+einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande
+unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis
+selbst geraten und unter guten Umständen <span class="pagenum" id="Page_258">[Pg 258]</span>(wie in Sibirien, wo in der
+Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere
+Zeit darin erhalten bleiben.</p>
+
+<p>Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich
+total überflüssig.</p>
+
+<p>Sie hätten ganz eingehen können.</p>
+
+<p>Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne
+allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne
+der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des
+ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil <em class="gesperrt">immer weiter zu wachsen</em>,
+wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, — etwa so,
+wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn
+man sie nicht künstlich kürzt.</p>
+
+<p>Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich
+stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß
+sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also
+trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch
+kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch
+einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten
+ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen
+sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in
+den Schädel ein.</p>
+
+<p>Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen.</p>
+
+<p>Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich
+dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese
+Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, —
+da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen
+Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke
+Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des
+Mammut.</p>
+
+<p>Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte
+sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin.
+Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast.
+Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete
+Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen <span class="pagenum" id="Page_259">[Pg 259]</span>zweifellos
+in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum
+Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem
+krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum
+Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den
+heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch
+ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem
+Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen.</p>
+
+<p>So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg.</p>
+
+<p>Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten
+Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch
+wieder zu ihrer Zeit.</p>
+
+<p>Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus
+Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus
+uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem
+Schlage der Hand.</p>
+
+<p>Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig
+dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da
+draußen vor meinem Blick.</p>
+
+<p>Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen,
+der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie
+in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse
+der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück
+der Weltentechnik, — die vollkommene Anpassung, für die es keinen
+Stillstand mehr gibt?</p>
+
+<p>Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am
+Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle
+Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu
+einem Schluß zu kommen, — Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung
+zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_260">[Pg 260]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Vom_Leben_im_Weltraum">
+ Vom Leben im Weltraum.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß
+sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst.</p>
+
+<p>Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren;
+jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt
+an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein
+Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne.</p>
+
+<p>Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer
+Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen
+Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie
+kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies,
+daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in
+den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie
+draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans,
+in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst
+energisch gelöst.</p>
+
+<p>Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner
+rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder.</p>
+
+<p>Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers,
+der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich
+entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht
+diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten,
+ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen
+herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe
+Eisen wie in uns!</p>
+
+<p>Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum
+Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den
+<span class="pagenum" id="Page_261">[Pg 261]</span>unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne
+ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender
+Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: —
+wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht
+fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank.</p>
+
+<p>Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, <em class="gesperrt">wie</em> fest sie in
+der übrigen Natur hängen.</p>
+
+<p>Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie
+fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der
+schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir
+den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches
+Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers,
+besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber
+diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie
+ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf.</p>
+
+<p>Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt,
+er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar
+bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser
+warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen
+und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine
+wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch,
+der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester
+Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts
+als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für
+dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich
+augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer
+Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo
+hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende?</p>
+
+<p>Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius
+noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit
+des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen
+irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser
+Leib tatsächlich bis dorthin reicht?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_262">[Pg 262]</span></p>
+
+<p>Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die
+Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben
+Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch — was war
+diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche
+Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen
+Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige
+Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner
+Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses
+entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen
+eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit
+du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr
+an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens?</p>
+
+<p>Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es
+nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch
+wirkliches Leben existieren sollte.</p>
+
+<p>Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das
+Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie
+zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes
+in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet
+Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an
+das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In
+der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar
+alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so
+unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt:
+der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol
+selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere
+nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen
+in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um
+die Ränder dieses Schnees kreisen?</p>
+
+<p>Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All
+über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine
+strahlende Offenbarung.</p>
+
+<p>Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne
+geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum <span class="pagenum" id="Page_263">[Pg 263]</span>erstenmal träumte, auf
+all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte
+Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters,
+kam das zuerst.</p>
+
+<p>Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere
+Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf
+dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr
+erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt.
+Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten
+schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt
+und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen
+Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit.</p>
+
+<p>Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt
+war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall,
+nach wirklich sichtbaren Spuren.</p>
+
+<p>Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken
+gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt
+der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die
+eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre,
+eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges
+riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die
+uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen
+einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur
+durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das
+Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen.</p>
+
+<p>Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte
+Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in
+denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu
+entgehen.</p>
+
+<p>Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im
+Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde
+gleich den Meteorsteinen niederfalle.</p>
+
+<p>Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen,
+fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_264">[Pg 264]</span></p>
+
+<p>Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes
+durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich
+als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die
+Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt
+unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die
+vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal
+nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten.
+Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker
+Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein
+kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene
+Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen
+und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit
+den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte.</p>
+
+<p>Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut.</p>
+
+<p>Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere,
+zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen
+als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen
+diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz
+unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über
+hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In
+dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und
+ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond — also ebenfalls leblos.</p>
+
+<p>So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die
+bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde,
+wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein
+Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des
+Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden&#8239;....</p>
+
+<p>Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft.</p>
+
+<p>Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig
+wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten
+Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage
+angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_265">[Pg 265]</span></p>
+
+<p>Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken
+gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben
+selbst.</p>
+
+<p>Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten
+Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier
+märchenhaften <em class="gesperrt">Zähigkeit</em>, die dem Leben innewohnt.</p>
+
+<p>Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt
+grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter.</p>
+
+<p>Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist
+das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings
+wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben?</p>
+
+<p>Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen.
+Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein
+Zeitungsscherz.</p>
+
+<p>Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese
+Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne
+des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur
+leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder.</p>
+
+<p>Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch
+nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das
+Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom
+Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit
+Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige
+Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und
+so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen,
+genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten
+Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber
+auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher
+Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt
+zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander.</p>
+
+<p>Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang
+sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft
+nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft <span class="pagenum" id="Page_266">[Pg 266]</span>in die Welt posaunt
+worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten
+vom zähen Leben.</p>
+
+<p>In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich
+getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus,
+befeuchtete sie — und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine
+neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich
+geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt — und
+das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert
+Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen
+hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken.</p>
+
+<p>Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger
+Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (<span class="antiqua">Macrobiotus</span>). Sie sind
+klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd
+noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen.
+Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber
+Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und
+dieser Staub mag <em class="gesperrt">Jahre</em> hindurch hierhin, dorthin wehen, als
+Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen:
+kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt
+das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus — und ist,
+auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst
+und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt
+wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu.</p>
+
+<p>Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt
+fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei
+Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute
+noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen
+einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen — auch
+das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die
+Bärtierchen sind unzweifelbar echt.</p>
+
+<p>Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges,
+jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit
+staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_267">[Pg 267]</span></p>
+
+<p>Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß
+kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier
+erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer
+Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs
+in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er
+dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man
+einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen
+ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für
+das ganze Leben.</p>
+
+<p>Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg,
+der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser
+abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen
+Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene
+Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen
+zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze
+hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also
+Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und
+kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius.
+Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser
+in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere
+Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in
+dieser Kochbrühe.</p>
+
+<p>Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener
+allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen
+heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht
+recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der
+ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des
+pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel
+der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen
+mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden
+Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze
+von hundertvierzig Grad.</p>
+
+<p>Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens
+annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam <span class="pagenum" id="Page_268">[Pg 268]</span>wieder von einem
+bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht:
+Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in
+der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre
+Keimkraft zu verlieren.</p>
+
+<p>Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer
+Bravour der Kälte trotzen.</p>
+
+<p>Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei
+höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren,
+daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder
+tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die
+Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen
+sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie
+gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem
+Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas
+sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere;
+als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche
+heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben.</p>
+
+<p>Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium
+anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte
+künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet
+erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich
+die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken
+herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das
+Leben geprüft — und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte.
+Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null,
+so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die
+Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen
+Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad
+Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber
+ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst
+flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius
+erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und
+Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, — er verlor seine
+Keimkraft, also sein Leben nicht!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_269">[Pg 269]</span></p>
+
+<p>Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in
+Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches
+Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und
+keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf,
+als sei das alles noch nichts gewesen.</p>
+
+<p>Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr
+Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle
+allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder
+Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare
+Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen
+werden könnte.</p>
+
+<p>Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile
+empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub,
+der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des
+Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene
+Teile in den Raum hinein.</p>
+
+<p>An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden
+Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige
+Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst
+da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst,
+die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht
+durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen
+eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der
+Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin
+schwebt, losreißen und in den Raum werfen.</p>
+
+<p>Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende
+Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen
+Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen,
+flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen.</p>
+
+<p>Und wenn es nun mit verloren geht?</p>
+
+<p>Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere
+Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg
+nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, <em class="gesperrt">daß</em> <span class="pagenum" id="Page_270">[Pg 270]</span>sie recht kalt
+sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise
+wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste
+von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen,
+schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre
+dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem
+trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu
+sterben.</p>
+
+<p>Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim,
+auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht,
+genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten
+durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus
+sich hervorgehen zu lassen.</p>
+
+<p>Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern
+aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis
+im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden
+Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen
+eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen.</p>
+
+<p>Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist.</p>
+
+<p>Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne
+solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet
+hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem
+Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst
+spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft,
+immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und
+Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde
+gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf
+hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß,
+mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich
+als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja
+bezwang sie zuletzt als denkender Mensch.</p>
+
+<p>Das ist <em class="gesperrt">eine</em> Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den
+Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man
+den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus
+spinnen könnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_271">[Pg 271]</span></p>
+
+<p>Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so
+prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten,
+luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt
+sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung
+vom Leben <em class="gesperrt">nie zutrauen würden</em>.</p>
+
+<p>Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich
+den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch
+ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee
+sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren
+tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da
+unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die
+Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und
+erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an
+Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben.</p>
+
+<p>Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der
+Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen
+Erdenstern sei.</p>
+
+<p>Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern
+Anpassungen bewähren.</p>
+
+<p>Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg
+keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben
+von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so
+fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade
+<em class="gesperrt">so</em> leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der
+Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der
+Maulwurf in der Erde leben können.</p>
+
+<p>Aber es <em class="gesperrt">brauchte</em> ursprünglich keineswegs überall so zu sein.</p>
+
+<p>Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform
+auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer
+Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung,
+ob hier nicht noch <em class="gesperrt">Reste</em> auftauchen einer <em class="gesperrt">allgemeineren</em>
+Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und
+Kältegegensätze und an anderes mehr.</p>
+
+<p>Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste
+die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des <span class="pagenum" id="Page_272">[Pg 272]</span>Lebens denken
+könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das
+gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen
+des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein
+leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen
+aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen
+beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde,
+als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf
+niederschlug — erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der
+Dinge „angepaßt“ und es wäre nun <em class="gesperrt">das</em> Leben entstanden, das
+fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann.</p>
+
+<p>Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste
+von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem
+Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft
+und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an
+genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung
+nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein
+Minimum von Luft und Wasser dazu.</p>
+
+<p>Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft,
+denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst
+der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“.
+Ein <em class="gesperrt">beständig</em> scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für
+„Leben“ rechnen.</p>
+
+<p>Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden
+Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit
+gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden
+muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen
+die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff
+gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie
+ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem —
+sie ziehen ihn nämlich aus <em class="gesperrt">festen</em> Stoffen, festen chemischen
+Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so
+viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt.</p>
+
+<p>Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe
+<span class="pagenum" id="Page_273">[Pg 273]</span>wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen — eine
+einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran
+erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet
+hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie
+bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese
+Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden
+könnten. Aber man sieht: es <em class="gesperrt">könnten</em>, wenn schon Pflanzen,
+so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein — Pflanzen eben mit
+Mondanpassung.</p>
+
+<p>Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder
+angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch
+heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse.</p>
+
+<p>Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der
+Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker
+drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche
+von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen,
+kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden
+ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt
+oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer
+großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste
+Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem
+Grundplane ebenfalls anlegen <em class="gesperrt">müßte</em>. Nicht die fahrigen und
+phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen
+von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister:
+nämlich menschenähnliche Intelligenz.</p>
+
+<p>Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der
+<em class="gesperrt">Anlage</em> nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage
+des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut
+entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei
+uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen,
+wenn ihre Zeit erfüllt ist.</p>
+
+<p>Darum aber kann der <em class="gesperrt">Weg</em>, den die Lebensentwickelung bis hierher
+genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein
+unendlich <em class="gesperrt">verschiedener</em> sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_274">[Pg 274]</span></p>
+
+<p>Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit
+überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde),
+können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das
+„Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch
+unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder
+Darwin unterscheidet.</p>
+
+<p>Ihre <em class="gesperrt">Kraft</em> ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres
+<em class="gesperrt">Stoffes</em> könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen,
+so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf
+Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte
+der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach,
+Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch —
+und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes!</p>
+
+<p>Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer
+gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse
+ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen <em class="gesperrt">müssen</em>, einerlei,
+wie nun die <em class="gesperrt">äußere</em> Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren
+Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der
+Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das:
+„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen
+Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie
+etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die
+gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz
+bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird.</p>
+
+<p>Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken
+durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der
+kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei
+denen es sich zu verweilen lohnt.</p>
+
+<p>Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_275">[Pg 275]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Kueche_der_Urzeit">
+ Die Küche der Urzeit.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am
+Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm
+die süßen Früchte in den Mund hängen, — und der Mensch, hinausgejagt
+ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend
+und hungernd.</p>
+
+<p>Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich
+in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen
+Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an
+jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger
+Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel
+auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele
+herrschten.</p>
+
+<p>Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen,
+Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und
+es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener
+Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die
+Lawinen der Eiszeit donnerten.</p>
+
+<p>Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat
+der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit.</p>
+
+<p>An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer
+seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig
+manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind
+buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures
+Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben,
+indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern
+gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_276">[Pg 276]</span></p>
+
+<p>Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen
+bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen
+Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen.</p>
+
+<p>Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die
+Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten
+folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete
+sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht,
+ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe
+Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder
+besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet,
+verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger
+bestehen heute noch&#8239;....</p>
+
+<p>Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust
+und getafelt hat.</p>
+
+<p>Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis
+begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war
+noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne
+Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht.
+Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden,
+bedeckten Land und Küste.</p>
+
+<p>Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir
+sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut:
+rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete
+Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und
+kein Anzeichen von Ackerbau.</p>
+
+<p>Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die
+Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe
+auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt
+Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel
+geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die
+jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang
+systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme
+nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war
+hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_277">[Pg 277]</span></p>
+
+<p>Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen.
+Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil
+sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand
+noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch
+weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall
+ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen
+Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der
+Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee
+gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit
+andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem
+„Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als
+selbstverständlich rechnete.</p>
+
+<p>Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten
+hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen
+geblieben.</p>
+
+<p>Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei
+denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen
+wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das
+schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr
+viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren
+Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer
+vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es
+als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er
+lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen — erst wollte er bloß
+solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder
+Vulkanbrand gegeben, zu bewahren — dann lernte er, daß beim Schaben
+das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, — und Prometheus war
+fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige.</p>
+
+<p>Mit der Herdflamme begann die Kochkunst.</p>
+
+<p>In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes,
+verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft
+und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu
+den Urwaldfichten empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_278">[Pg 278]</span></p>
+
+<p>Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu
+leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier.</p>
+
+<p>Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das
+Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel
+und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper
+mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene
+Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem
+dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine,
+künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los
+jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“,
+den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden
+kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland
+ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten
+durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für
+Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist
+überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er
+die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent
+als Fürstenmahl.</p>
+
+<p>An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch
+kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von
+„Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste
+neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen
+Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht
+mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist.</p>
+
+<p>In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine
+Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas
+liegen sie um so reichlicher.</p>
+
+<p>Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe
+gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt
+ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang
+fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals
+im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war
+nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker,
+rot und weiß gescheckter <span class="pagenum" id="Page_279">[Pg 279]</span>Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel
+gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch
+vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den
+Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf
+die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm
+bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an
+den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte
+herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die
+Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie
+ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter.</p>
+
+<p>Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich
+„aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden
+immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu
+Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht
+Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche
+Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre
+Bestimmung erfüllt.</p>
+
+<p>Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß
+vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch
+und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der
+Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich,
+werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein
+großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten
+Stoßzähnen war.</p>
+
+<p>Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In
+Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer
+vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie
+eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß
+man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht.</p>
+
+<p>Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht
+frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist
+nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen
+Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden <span class="pagenum" id="Page_280">[Pg 280]</span>wohlkonservierte
+Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das
+Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten
+Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische
+Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die
+Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und
+verzehrt haben.</p>
+
+<p>Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander
+zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die
+Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen
+Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das
+lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene
+uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche
+Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt
+und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das
+Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den
+Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße.</p>
+
+<p>Wo immer man in den Kjökkenmöddingern wühlt: immer stellt sich eine
+gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem
+verloren gegangen ist.</p>
+
+<p>Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere
+deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr — und damals war er ein
+Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich
+gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen.
+Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen
+Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein
+haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten,
+wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit
+er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, — dieselbe Praxis, die am
+Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein
+schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch
+bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten.</p>
+
+<p>Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen,
+flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem
+uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben <span class="pagenum" id="Page_281">[Pg 281]</span>heute, steht er bloß als
+ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man
+für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger
+Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem
+Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser
+Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten,
+ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist!</p>
+
+<p>Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig
+aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals
+Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in
+jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land
+erobert hat, längst völlig verschwunden.</p>
+
+<p>Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden.
+Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den
+Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das
+schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_282">[Pg 282]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_Ende_der_Tierwelt">
+ Das Ende der Tierwelt.
+ </h2>
+</div>
+
+<p><span class="antiqua">Morituri te salutant</span>&#8239;....</p>
+
+<p>Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren
+gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel.</p>
+
+<p>Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein
+Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es
+ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem
+„Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein
+Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten
+Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der
+Geier.</p>
+
+<p>Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im
+Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller.</p>
+
+<p>„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er
+gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten
+einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den
+wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen
+tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte
+sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy
+habend ein leiblich fleisch und weich gebein“.</p>
+
+<p>Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs
+einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“
+(Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran,
+geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte
+Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er
+aus erster Hand gibt, hatte <span class="pagenum" id="Page_283">[Pg 283]</span>ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung
+festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man
+jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte.</p>
+
+<p>Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor
+der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll
+jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben.</p>
+
+<p>Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten
+zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen
+„Waldrapp“.</p>
+
+<p>Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu
+vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel
+und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt
+Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen
+Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort
+„Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit
+haust.</p>
+
+<p>Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng
+wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser
+Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt.
+Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch
+in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp,
+dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden
+könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt
+nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt
+haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals
+unmöglich sei.</p>
+
+<p>Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch
+in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner
+hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch
+nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen
+Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen.</p>
+
+<p>Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre.</p>
+
+<p>Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, <span class="pagenum" id="Page_284">[Pg 284]</span>Hartert
+und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen,
+besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild
+und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen
+Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W.
+von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick,
+der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber
+er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger
+Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt
+ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich
+findet.</p>
+
+<p>Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit
+metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem
+Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel — ein <em class="gesperrt">Ibis</em>.</p>
+
+<p>Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in
+Schwärmen in altem Gemäuer, z.&#8239;B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat,
+und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus.</p>
+
+<p>Es ist einfach derselbe Vogel.</p>
+
+<p>Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die
+Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis
+besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen
+Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, — kurz,
+ein typischer Landesvogel war. <span class="antiqua">Geronticus eremita</span> lautet der
+wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden
+asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben
+erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von
+Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände,
+in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die
+Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum
+erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt.</p>
+
+<p>Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns
+heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden.
+Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im
+Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der
+Türkei und verfliegt sich ab und zu <span class="pagenum" id="Page_285">[Pg 285]</span>auch einmal vereinzelt bis nach
+Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter
+Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in
+Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder
+Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem
+ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf — ausgestorben
+buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner.</p>
+
+<p>Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab,
+zeichnen vielleicht sein Schicksal.</p>
+
+<p>Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer
+ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es
+waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s
+doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse
+ausgeblieben, — verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet.
+Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft
+registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke
+einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter
+den Tisch — und was für eine interessante.</p>
+
+<p>Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse
+jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert
+sind, sich noch bis heute erhalten hat.</p>
+
+<p>Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher,
+ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein
+einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig
+sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach
+zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der
+ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen
+ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft
+zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und
+Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist?</p>
+
+<p>Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über
+Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was
+hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine
+Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu <span class="pagenum" id="Page_286">[Pg 286]</span>Buffons Zeiten, war er
+noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf
+den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß
+zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete,
+klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen
+Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen.</p>
+
+<p>Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder
+Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel
+auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt
+still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer-
+und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist.</p>
+
+<p>Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur
+überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel
+ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig
+vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten
+auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art — wie lange, steht dahin.
+Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der
+letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden
+Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte
+Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der
+Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. <span class="antiqua">Tempi passati!</span></p>
+
+<p>Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile
+gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands
+noch wiederzufinden.</p>
+
+<p>Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus
+entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als
+Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten,
+der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen
+Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen
+gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab,
+systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine
+Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend
+erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er
+mit diesen ein deutsches Tier, <span class="pagenum" id="Page_287">[Pg 287]</span>unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine
+Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und
+Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er
+ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten.</p>
+
+<p>Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien,
+Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses
+sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der
+deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese
+wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und
+Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die
+damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen
+hineinlagen.</p>
+
+<p>Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von
+Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht
+den europäischen Löwen.</p>
+
+<p>Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen
+Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und
+streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er
+erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten,
+bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm
+Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt.</p>
+
+<p>Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit
+in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder
+Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen
+Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz
+war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner
+trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes
+Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar
+heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder
+lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus,
+die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter
+Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, — so ist auch der
+Wisent für immer in der Welt dahin!</p>
+
+<p>Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der <span class="pagenum" id="Page_288">[Pg 288]</span>überhaupt
+der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere
+wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es
+gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport
+wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu
+bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn
+geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen
+lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland
+einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen
+zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird,
+wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall,
+wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne
+Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt.</p>
+
+<p>So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von
+Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück
+Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der
+Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen
+bewohnt war.</p>
+
+<p>Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der
+europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig
+Stück an der Elbe und Mulde vorhanden.</p>
+
+<p>Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast
+immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie
+die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich
+(ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser
+Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem
+Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie
+Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte
+Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden
+mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt
+hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten.</p>
+
+<p>Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes
+kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten
+Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren
+deutschen Tierwelt heute.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_289">[Pg 289]</span></p>
+
+<p>Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige
+Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum,
+der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume
+sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns
+jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit
+der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge,
+den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte
+Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils
+giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den
+bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt.
+Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern
+farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum
+Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den
+uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende
+heraufkommen, ins Gesicht.</p>
+
+<p>Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben
+uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben,
+die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim
+mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten,
+kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord
+treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben.</p>
+
+<p>Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen
+Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich
+las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung.
+Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott
+wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich
+an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht
+und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist,
+daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft
+leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen
+habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört
+habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme.
+Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte <span class="pagenum" id="Page_290">[Pg 290]</span>keiner.
+Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das
+Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen
+Storchs, die alle rapid eingehen.</p>
+
+<p>Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit!</p>
+
+<p>Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor.</p>
+
+<p>Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die
+Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch
+etwas Zoologisches neu zu schenken.</p>
+
+<p>Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner,
+in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand
+weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht,
+trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen
+sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In
+reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von
+Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau
+in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin
+— sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der
+gegen das metallene Netz der Kultur stieß — zu seinem Verderben.</p>
+
+<p>Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für
+Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei.</p>
+
+<p>Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen
+Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte
+wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die
+vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch
+all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und
+Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die
+getrockneten Korallen und Seesterne — sie haben mir einen Todeszug,
+ein hippokratisches Gesicht, — Gruß der Sterbenden.</p>
+
+<p>Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend
+Jahren.</p>
+
+<p>Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung,
+präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln,
+<span class="pagenum" id="Page_291">[Pg 291]</span>die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe,
+dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling — überall steht
+ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen.</p>
+
+<p>Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich,
+aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen.</p>
+
+<p>Ein Totenkopf.</p>
+
+<p>Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer
+Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner
+singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der
+Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In
+den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte
+geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles
+Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem
+Tage verschwunden sein.</p>
+
+<p>In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie
+schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die
+der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im
+Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der
+Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die
+Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist.
+Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht
+nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen.</p>
+
+<p>In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen
+Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis
+auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem
+eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot;
+nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden.</p>
+
+<p>Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges
+mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen
+Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war.
+Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert
+dort landeten, verproviantierten <span class="pagenum" id="Page_292">[Pg 292]</span>sich fröhlich mit diesen wandelnden
+Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte
+Dronte war gegessen.</p>
+
+<p>Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator
+des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück
+wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die
+Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig.</p>
+
+<p>Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers
+vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein
+Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie
+Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag
+vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das
+Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen
+Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges
+Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei
+Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten
+diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen.</p>
+
+<p>Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische
+Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin:
+es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit.</p>
+
+<p>Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt.</p>
+
+<p>Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs
+selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger
+bleiben würde.</p>
+
+<p>Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in
+Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein
+Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der
+Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache,
+Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die
+wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft
+emporgestiegen.</p>
+
+<p>Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen
+Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich
+Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit
+<span class="pagenum" id="Page_293">[Pg 293]</span>den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft
+vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde,
+schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend
+wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last.</p>
+
+<p>Und dahinein eines Tages — der nackte Mensch.</p>
+
+<p>Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so
+viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch
+anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen
+Raubtiere also!</p>
+
+<p>Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die
+Körpergröße.</p>
+
+<p>Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei
+ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley,
+daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls
+fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von
+manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen
+gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen
+sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer
+Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen
+allein kaum haltbar.</p>
+
+<p>In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das
+Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle
+Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu
+schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891
+entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen
+Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens
+volle Militärgröße.</p>
+
+<p>Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich
+vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil.</p>
+
+<p>Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm
+gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war
+ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses
+Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist
+als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei <span class="pagenum" id="Page_294">[Pg 294]</span>dem er eine
+ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz
+der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe
+haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier.
+Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch
+Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten
+Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch
+des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen,
+wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger
+zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen.</p>
+
+<p>Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff,
+mußte größer sein als er.</p>
+
+<p>Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben
+Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in
+Betracht als Größengegner des Menschen.</p>
+
+<p>Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort,
+denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom
+farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen,
+Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die
+einzige Qualle <span class="antiqua">Cyanea arctica</span> gefährlich werden. Denn sie hat
+einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde
+Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie
+Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht
+dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich
+diese vierzig Meter Giftschnur wickeln.</p>
+
+<p>Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische)
+dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die
+indische Riesenmuschel <span class="antiqua">Tridacna gigas</span>, deren zwei Meter
+breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch
+blitzschnellen Schluß guillotinieren können — zur leckeren Mahlzeit
+für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und
+der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig
+Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen
+zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß.</p>
+
+<p>Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere
+<span class="pagenum" id="Page_295">[Pg 295]</span>— Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste
+sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend
+Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm
+<span class="antiqua">Megascolides australis</span> von Gipsland in Australien, der zweimal
+so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde
+besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung.</p>
+
+<p>Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird
+noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der
+römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde
+Nase töten.</p>
+
+<p>Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an,
+nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen.</p>
+
+<p>Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den
+Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser
+aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon
+ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton
+Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten
+erschien, da es jeder Schüssel spottete — diesem anderthalb
+Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim
+täglichen Bade begegnen mögen.</p>
+
+<p>Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer
+kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als
+wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß
+er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt.</p>
+
+<p>Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien
+nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die
+wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin
+verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen
+kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht
+wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten.</p>
+
+<p>Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht:
+die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so <span class="pagenum" id="Page_296">[Pg 296]</span>vieler
+Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist;
+das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische
+Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer
+mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke
+Ruderschaufeln Löcher beißen kann.</p>
+
+<p>Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser
+Reptilien im ganzen längst herum.</p>
+
+<p>Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf
+den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und
+dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit,
+jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der
+eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota,
+der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der
+Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und
+der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee
+wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den
+Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der
+zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den
+Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich
+so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen
+Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens
+drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der
+Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in
+denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat.</p>
+
+<p>Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge,
+als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem
+wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine
+besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat
+er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste
+Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland
+die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er
+damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon
+für sein Museum zu spät kam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_297">[Pg 297]</span></p>
+
+<p>So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner.</p>
+
+<p>Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie
+in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns
+in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor
+Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem
+Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere,
+dem Höhlenbären und dem Tiger.</p>
+
+<p>Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt,
+sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der
+Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15
+Fuß des Mosasaurus gebracht hat.</p>
+
+<p>Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch
+in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der
+Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends
+um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt
+antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das
+Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu
+entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können
+uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange
+mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder,
+und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen
+schon so gut wie ausgerottet.</p>
+
+<p>Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten
+noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der
+Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser
+Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die
+Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen.</p>
+
+<p>Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich
+von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel
+Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im
+Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie
+beim Walroß vorspringender Messer trug.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_298">[Pg 298]</span></p>
+
+<p>Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in
+einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute
+noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst
+ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der,
+wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf.</p>
+
+<p>Und doch das alles eines Tages im Absturz.</p>
+
+<p>Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück
+Menschenhaushalt selbst, als Haustiere.</p>
+
+<p>Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze
+müssen selbst ihn schon schützen.</p>
+
+<p>Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer
+Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die
+Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das
+alles?</p>
+
+<p>Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt
+an ein Stück Feuerstein.</p>
+
+<p>Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen
+mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit
+haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage,
+gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein
+liegt des ganzen Rätsels Kern.</p>
+
+<p>Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der
+Eiszeitgletscher.</p>
+
+<p>Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum
+Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug.</p>
+
+<p>Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung,
+diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten
+Köpfe der übrigen Tierwelt — der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und
+das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des
+Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches.</p>
+
+<p>Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen
+Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe
+bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein
+Schlag mit der flachen Hand eine Mücke.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_299">[Pg 299]</span></p>
+
+<p>In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen
+hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke,
+der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht.</p>
+
+<p>Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie
+schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die
+Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete.</p>
+
+<p>Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel.</p>
+
+<p>Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt
+„ausgestorben“ — ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt!</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_300">[Pg 300]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Anfaenge_der_Kultur_bei_den_Tieren">
+ Die Anfänge der Kultur bei den Tieren.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Natur und Kultur sind keine Gegensätze.</p>
+
+<p>Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung.</p>
+
+<p>Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der
+Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in
+schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller,
+pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint
+er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie
+zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers
+geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal
+aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr
+Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn.</p>
+
+<p>Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche
+Lichtpost des Auges hin die Hand.</p>
+
+<p>Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht
+nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen
+gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft
+wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um
+die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich
+hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des
+Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus,
+begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung
+daran.</p>
+
+<p>So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich
+in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres <span class="pagenum" id="Page_301">[Pg 301]</span>Wunder, als es in
+jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur.</p>
+
+<p>Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“.</p>
+
+<p>Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing
+die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten
+Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich
+nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in
+grandiosem Schwunge erhob.</p>
+
+<p>Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der
+Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst,
+ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser
+Kultursinfonie.</p>
+
+<p>Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf
+sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes — Knochen,
+Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen — hinauszugehen zu
+<em class="gesperrt">Werkzeugen</em>, zu totem Material, das erst indirekt durch die
+Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird.</p>
+
+<p>Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote
+Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen
+des Ufers herabschleifen.</p>
+
+<p>Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen
+der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in
+dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein
+Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“
+hat hier gebaut: der Ameisenlöwe.</p>
+
+<p>Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen
+seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem
+größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber
+als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die
+ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut.
+Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne
+mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur
+mangelhafte Beine und gar keine Flügel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_302">[Pg 302]</span></p>
+
+<p>Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet.
+Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er
+glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit
+seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten
+vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein
+wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit
+seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der
+Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen
+jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel:
+immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem,
+also zur Kultur.</p>
+
+<p>Da führte die Sache selbst weiter.</p>
+
+<p>Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem
+losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine
+rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters
+saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst
+zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein
+Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum.
+Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes
+wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre:
+eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe.</p>
+
+<p>Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen:
+die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal
+regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei
+mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über
+den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog
+durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand
+von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ
+es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle
+war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß.</p>
+
+<p>Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein
+weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen
+Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig <span class="pagenum" id="Page_303">[Pg 303]</span>zögernde Besucher
+seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu
+schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal
+besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in
+üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit
+Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und
+Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand
+übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da
+treibt er es unentwegt heute noch.</p>
+
+<p>Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser
+kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen
+Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu
+nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das
+Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“.</p>
+
+<p>Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der
+Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit.</p>
+
+<p>In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch
+jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich
+nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last
+zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand
+und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des
+Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode.</p>
+
+<p>Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten
+Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn
+zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten
+Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen
+ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine
+Minierspinne <span class="antiqua">Cteniza fodiens</span> auf Korsika erfunden. Sie baut sich
+halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll
+mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke
+aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats,
+einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer
+Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck
+von innen aufklappt.</p>
+
+<p>Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit <span class="pagenum" id="Page_304">[Pg 304]</span>einer Nadel
+öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein
+Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen
+zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in
+feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen
+Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie
+verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge
+Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet.</p>
+
+<p>Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von
+dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem
+Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze
+Wasserkäfer des Müggelsees <span class="antiqua">Hydrophilus piceus</span> löst das Problem
+alljährlich noch.</p>
+
+<p>Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine
+schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April
+sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem
+legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt
+er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst
+hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine
+Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich
+dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt
+er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest
+in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist
+oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks,
+da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack
+jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig
+langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen
+Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht
+zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So
+darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht,
+in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die
+wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine
+Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt,
+sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip
+der <span class="pagenum" id="Page_305">[Pg 305]</span>vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten
+unterseeischen Bootes modernster Konstruktion.</p>
+
+<p>Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine
+irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch
+die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie
+längst die Wasserspinne, die <span class="antiqua">Argyroneta aquatica</span>.</p>
+
+<p>Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft
+sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe
+nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja
+beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form
+einer anhängenden Perle mitzuführen.</p>
+
+<p>Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug.
+Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen
+und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie — und
+mit mehr physikalischem Glück — auf den systematischen Luftfang. Im
+Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten
+Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines
+halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie
+zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und
+fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund
+zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der
+Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen,
+wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert
+sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke
+geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist
+es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen
+einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch
+wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir
+klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten!</p>
+
+<p>Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll
+altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im
+Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche
+Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch <span class="pagenum" id="Page_306">[Pg 306]</span>einer selbsterbauten
+schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, — noch kein Mauerwerk,
+sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein.</p>
+
+<p>Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der
+Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert
+er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib
+hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine
+ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie
+ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung
+lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer
+Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe.</p>
+
+<p>Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen,
+stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen
+in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund.</p>
+
+<p>Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch
+unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden
+Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den
+zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das
+Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft
+umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei
+Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen
+verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche
+verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den
+wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke
+Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus
+dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen,
+kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf
+Pfahlbaurosten.</p>
+
+<p>Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich
+weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon
+hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders
+günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner
+Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr <span class="pagenum" id="Page_307">[Pg 307]</span>sollte die Karte
+dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis
+von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein
+künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es
+heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch
+wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber.</p>
+
+<p>Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel,
+einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem
+stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der
+Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken.
+Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter
+wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten
+geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne
+Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern,
+künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim
+flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das
+Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die
+Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein
+Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst&#8239;....</p>
+
+<p>Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart,
+die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut
+und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als
+billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst
+voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten
+entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege
+einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige
+Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren
+Wurzelanhängsel.</p>
+
+<p>Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft
+sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse
+geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe
+gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz
+der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall,
+gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über
+ihren Blattlauskolonien <span class="pagenum" id="Page_308">[Pg 308]</span>auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese
+Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung.</p>
+
+<p>Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe,
+führt die Termite auf.</p>
+
+<p>Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus
+Papiermasse erbaut, — macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt
+sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen,
+chitinhaltigen Speichel dabei vermischt.</p>
+
+<p>Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die
+raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer.
+Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und
+mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine
+reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen,
+die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer,
+der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn
+der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des
+Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und
+auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten
+reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes
+aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt
+endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock
+die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer
+echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter
+Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und
+schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte.</p>
+
+<p>Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar
+jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein
+organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht:
+sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen
+geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat
+dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar
+dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe
+in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich
+projiziert, scheint der Prometheusfunke <span class="pagenum" id="Page_309">[Pg 309]</span>wirklich reines Menschengenie,
+solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die
+Herdflamme, denken.</p>
+
+<p>Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch
+Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch
+dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier
+durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses
+australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser
+und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft
+seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die
+künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden
+Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau,
+was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet
+die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken
+aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen
+Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft
+klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt.</p>
+
+<p>Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische
+Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt
+und Blätter regelrecht damit aneinandernäht.</p>
+
+<p>Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf
+Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre
+Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken
+zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der
+Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch
+ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz,
+daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen
+Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt.</p>
+
+<p>Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein
+zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen
+und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden:
+„Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger
+Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten
+Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem
+verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: <span class="pagenum" id="Page_310">[Pg 310]</span>in den Gemeinden der
+tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit
+warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist
+nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen.
+Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die
+Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“</p>
+
+<p>So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der
+Mensch erfüllen sollte.</p>
+
+<p>Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen
+herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende
+Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das
+Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem
+wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso,
+wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha,
+Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große
+Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme
+Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden
+Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was
+„Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene
+Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_311">[Pg 311]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Affensprache">
+ Die Affensprache.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen
+Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen.</p>
+
+<p>Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett — eine
+Märchenstimmung!</p>
+
+<p>Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem
+die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff
+verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell
+noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in
+dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen
+sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur
+Naturgeschichte.</p>
+
+<p>Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den
+Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch
+geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen
+Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten.</p>
+
+<p>Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte
+einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik — die Romantik des
+Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der
+Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns,
+die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus,
+der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen
+und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt — der
+Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“</p>
+
+<p>Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache
+der Affen“ lese.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_312">[Pg 312]</span></p>
+
+<p>Es ist ein ernsthaftes Buch — und das ist der gute Witz der Sache.</p>
+
+<p>Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil
+der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist,
+wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen
+und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm
+erklärt.</p>
+
+<p>Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze
+Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur
+zum Reden zu bringen.</p>
+
+<p>Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und
+wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein
+glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht,
+durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen
+dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir
+nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum:
+der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und
+wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf
+unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter
+solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat
+der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium
+und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem
+Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume
+hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich
+zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der
+Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares.</p>
+
+<p>Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich
+herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem
+Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei;
+die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft
+widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie
+im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub
+verstecken — sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das
+Feuergelb <span class="pagenum" id="Page_313">[Pg 313]</span>des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin
+Gift — und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen,
+daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen
+Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich
+bin schön, liebe mich.</p>
+
+<p>Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen
+nicht auch unterhalten?</p>
+
+<p>Es ist freilich noch ein Unterschied.</p>
+
+<p>Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören
+dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen.</p>
+
+<p>Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die
+Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes
+aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb
+der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze.</p>
+
+<p>Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines,
+hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei
+ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses
+Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz,
+und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht
+eine Sprache habe.</p>
+
+<p>Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht,
+daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können
+und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen.
+Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater.</p>
+
+<p>Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden
+Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein
+allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein.</p>
+
+<p>Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen
+am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen
+mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die
+Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch
+ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen
+und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht
+besser, als <span class="pagenum" id="Page_314">[Pg 314]</span>es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner
+durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den
+schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber
+jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten
+Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen
+und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle.</p>
+
+<p>Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst
+eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der
+Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht
+sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen
+ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe
+besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die
+Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer
+Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der
+Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von
+Sänger und Sprecher in unserem Sinn, — der reinen Möglichkeit nach.</p>
+
+<p>Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken
+zur Menschensprache nicht enorm sei.</p>
+
+<p>Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles.
+Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich
+geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde
+Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf
+sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche
+leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen,
+stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war
+freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis
+der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines
+einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn.</p>
+
+<p>Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte
+unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von
+Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang
+des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch
+bereits abhängig vom Gehirn, <span class="pagenum" id="Page_315">[Pg 315]</span>ist eine Geistestat, bloß noch eine, die
+in den Innenbau des Leibes selbst eingriff.</p>
+
+<p>Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese
+Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt,
+nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift,
+äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine
+entscheidende Rolle gespielt hatten.</p>
+
+<p>Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser
+Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon
+sichtbar werden.</p>
+
+<p>Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat
+auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits
+erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer
+der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien,
+von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die
+Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen
+stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer
+gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige
+auseinandergefallen.</p>
+
+<p>Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung
+gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine
+Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten
+einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen
+Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte — sich also ernstlich
+einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte.</p>
+
+<p>Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets
+garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas
+bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, — es wäre eben ein
+Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung
+überhaupt.</p>
+
+<p>Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter
+„Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die
+Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie
+es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „<span class="antiqua">The Speech of
+Monkeys</span>“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat.</p>
+
+<p>Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort <span class="pagenum" id="Page_316">[Pg 316]</span>rein
+humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem
+Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen
+ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger
+sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten,
+sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein
+Bild für Witzblätter.</p>
+
+<p>Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich
+liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten
+deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das
+ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter
+Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit
+im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht
+erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und
+findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin.</p>
+
+<p>In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für
+Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs
+nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst
+offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus
+der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten
+Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst
+ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode
+interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man
+nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht
+das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da
+macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner
+zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten
+Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so
+kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus
+dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir
+der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie
+erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text
+danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs.
+Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich.</p>
+
+<p>Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen <span class="pagenum" id="Page_317">[Pg 317]</span>Garten in
+Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten
+gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen,
+die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß
+die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren,
+bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor
+ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft,
+und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde
+aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen.</p>
+
+<p>Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst
+nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze — sondern
+um ein <em class="gesperrt">Signalwort</em>. Solche Signaltöne haben aber eine Menge
+sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die
+Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich
+von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil
+besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick
+des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses
+einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte
+Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir
+längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen.</p>
+
+<p>Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache
+immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er
+auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit.</p>
+
+<p>Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute
+auf, die sie je nachdem erzeugten.</p>
+
+<p>Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen
+Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph
+absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft
+wieder, wie man wollte.</p>
+
+<p>Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm
+vorgedreht, und er reagiert darauf!</p>
+
+<p>Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit
+voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein
+leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, <span class="pagenum" id="Page_318">[Pg 318]</span>dann ein echtes
+Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes
+Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des
+Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu
+rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn
+der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ
+„Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im
+Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen
+jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans
+Fenster schlug.</p>
+
+<p>Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine
+Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit
+dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige
+Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies
+der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht
+zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort
+erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein
+gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls
+außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich
+zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind.
+Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen
+sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern
+Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn
+er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine
+ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige
+Mosaik geben.</p>
+
+<p>Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten
+und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über
+kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel
+einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert
+in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit
+„Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint.</p>
+
+<p>Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie
+bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest <span class="pagenum" id="Page_319">[Pg 319]</span>umrissenes
+Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in
+der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe
+entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß
+man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners
+unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten.</p>
+
+<p>Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der
+menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben
+im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_320">[Pg 320]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_Schnabeltier">
+ Das Schnabeltier.
+ <br>
+ <span class="s6">Vom Säugetier, das Eier legt.</span>
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel
+hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles
+Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.</p>
+
+<p>Ziert, — ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden
+dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus.
+Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner
+Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so
+schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und
+wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen
+Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar
+merkwürdig.</p>
+
+<p>Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt.
+Das Märchen vom Schnabeltier, — vom Säugetier, das sich herausnimmt,
+Eier zu legen.</p>
+
+<p>Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes
+Raritätenkabinett.</p>
+
+<p>Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben,
+ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als
+alle Dichtung war die Konfusion.</p>
+
+<p>Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein
+schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen,
+war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als
+würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern
+weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an
+der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern.
+Linné gab feste Namen, und er brachte <span class="pagenum" id="Page_321">[Pg 321]</span>diese Namen zugleich in eine
+Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein
+unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet
+seither.</p>
+
+<p>Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des
+ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer
+Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen
+der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam
+eingeschmolzen.</p>
+
+<p>Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.</p>
+
+<p>Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen.
+Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere
+Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder
+Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und
+als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher
+wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches
+an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich
+der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten
+Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.</p>
+
+<p>Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da
+stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große
+Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.</p>
+
+<p>Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem
+System selber erwuchs.</p>
+
+<p>Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz
+bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die
+selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur <em class="gesperrt">selbst</em>,
+in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen
+stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte
+Rubriken wirklich <em class="gesperrt">gebe</em>.</p>
+
+<p>Hier stand ein Vogel — hier ein Fisch — hier ein Säugetier. Da
+war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine
+unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich
+wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien,
+Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen
+alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie
+vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine <span class="pagenum" id="Page_322">[Pg 322]</span>philosophische
+Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau
+dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“
+worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich
+„miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen
+worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der
+andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art
+ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab
+sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie
+ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung
+treu bewahrte.</p>
+
+<p>Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst
+die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt
+hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen
+Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte
+Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die
+Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, — und was an
+neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es
+<em class="gesperrt">mußte</em> ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also
+geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte
+zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und
+Zweifel geben konnte.</p>
+
+<p>Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres
+passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende
+des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.</p>
+
+<p>In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen
+worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald
+bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische
+Welt.</p>
+
+<p>Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein
+kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in
+eine englische Privatsammlung verirrt hatte.</p>
+
+<p>Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine
+<span class="pagenum" id="Page_323">[Pg 323]</span>Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also
+wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.</p>
+
+<p>Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines
+gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten <em class="gesperrt">Schnabel</em> zu tragen,
+der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.</p>
+
+<p>Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés
+etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das
+<em class="gesperrt">zwischen</em> Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das,
+sagte die Theorie, <em class="gesperrt">konnte</em> es doch nicht geben. Wie der Astronom
+sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild
+plötzlich ein großer Stern: „Das <em class="gesperrt">darf</em> nicht sein.“</p>
+
+<p>Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen
+Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es <span class="antiqua">Platypus
+anatinus</span>, den entenhaften Plattfuß. Das Wort <span class="antiqua">Platypus</span> war
+aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder
+fallen.</p>
+
+<p>Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein
+Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen
+Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.</p>
+
+<p>Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche
+Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals
+unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks
+Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“,
+den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn
+als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig <span class="antiqua">Ornithorhynchus
+paradoxus</span>: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“.
+<em class="gesperrt">Schnabeltier</em> hat sich in der Folge als kürzeste deutsche
+Bezeichnung überall eingebürgert.</p>
+
+<p>Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den
+strikten Anhängern Linnés lieb war.</p>
+
+<p>Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe
+Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles
+durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen
+und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen
+gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse <span class="pagenum" id="Page_324">[Pg 324]</span>der Säugetiere als
+Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“,
+nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte,
+just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum
+Säugetier.</p>
+
+<p>Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus!
+Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien
+beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit
+Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden,
+dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste
+Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das
+lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es
+damit beim Schnabeltier?</p>
+
+<p>Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer
+wollte seine Kinderstube überwachen?</p>
+
+<p>Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und
+behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar.
+Dann half alles nichts: es war <em class="gesperrt">kein</em> Säugetier. Aber was war es
+denn?</p>
+
+<p>Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde
+im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie
+Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb
+nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz
+neue Klasse der Wirbeltiere.</p>
+
+<p>Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel,
+Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also
+jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen — immerhin eine etwas
+bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um <em class="gesperrt">eines</em> Vertreters
+willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen
+ganz allein?</p>
+
+<p>Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt
+als Fehlgriff entlarvt.</p>
+
+<p>1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus — und Meckel hatte
+nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster
+Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die <span class="pagenum" id="Page_325">[Pg 325]</span>Sache, es stellte sich
+auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin
+recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings
+nicht abzuleugnen.</p>
+
+<p>Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich
+vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war
+nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber
+gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen
+könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß
+das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche
+liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber
+noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die
+Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und
+drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis
+Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der
+Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den
+Schnäbeln ihre Suppe.</p>
+
+<p>Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition
+<em class="gesperrt">doch</em> ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in
+so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere
+verließ und einsam für sich ging, — einsam für sich auf Straßen, wo im
+System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.</p>
+
+<p>Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und
+zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter
+den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an
+die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht
+mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen
+Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von
+Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine
+langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus
+Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte
+es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der
+Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein
+solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von <span class="pagenum" id="Page_326">[Pg 326]</span><em class="gesperrt">beiden</em> noch
+etwas hatte, das <em class="gesperrt">noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs</em>
+zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?</p>
+
+<p>Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der
+großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den
+Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann — ging man zur
+Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und
+seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System
+eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne
+von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war
+ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich
+denkender Mensch.</p>
+
+<p>Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als
+sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier
+selber, wirklich sehr übertrieben worden.</p>
+
+<p>Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der
+englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“
+einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so
+rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.</p>
+
+<p>Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!</p>
+
+<p>Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere
+Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen
+es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst
+gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre
+leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die
+Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und
+einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen
+austapeziert.</p>
+
+<p>Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die
+jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen,
+an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein
+Bruchstück einer Schale — nichts. Die Eingeborenen hatten einmal
+wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet&#8239;....</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_327">[Pg 327]</span></p>
+
+<p>Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber
+für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.</p>
+
+<p>Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die
+Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre
+des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus,
+sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war
+übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen
+jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt
+das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.</p>
+
+<p>Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man
+leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen
+hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“
+mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch
+so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein
+gewöhnliches Säugetier blieben <em class="gesperrt">verschieden</em>, darüber bestand
+auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf
+gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle
+Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste
+Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein
+Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch
+näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch
+mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man
+an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man
+jetzt als besonders wichtig nach <em class="gesperrt">Uebergangsformen</em>.</p>
+
+<p>Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor
+aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus
+nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der
+Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung
+der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin
+ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon
+in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem
+Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder
+<span class="pagenum" id="Page_328">[Pg 328]</span>recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man
+hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der
+heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen
+Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache
+und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der
+menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der
+irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen,
+erschlossen ist.</p>
+
+<p>Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit
+dem haushalten, was man besaß.</p>
+
+<p>Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem
+Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen
+einzigen — den sogenannten Amphioxus — noch lebend im Inventar
+mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen,
+wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte
+ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen)
+fischähnlicher Tiere — die Molchfische — den entsprechenden Uebergang
+vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte.
+Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine
+einzige absonderliche Eidechsenart — die Hatteria aus Neuseeland
+—, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige
+Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und
+krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten
+Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das
+passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des
+Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines
+längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige
+Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig
+befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.</p>
+
+<p>Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für
+die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr,
+die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die
+Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber
+die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere.
+Welche Tierform, lebend <span class="pagenum" id="Page_329">[Pg 329]</span>oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen
+hinauf? Und den Uebergang von wo aus?</p>
+
+<p>Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus
+bedeutsam werden mußte.</p>
+
+<p>Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes
+Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel
+oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten.
+Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel
+ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche
+Entwickelung glaubten — was aber damals allgemein verlacht worden
+war — das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls
+eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese
+Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere
+und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.</p>
+
+<p>Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue
+Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig
+herauslockte — und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie
+damals durch Bennett.</p>
+
+<p>Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte
+Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde
+erhalten hatte.</p>
+
+<p>Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande
+so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel.
+Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich
+diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es
+aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites
+und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen
+schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt
+es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte
+griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.</p>
+
+<p>Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen
+die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier
+festgestellt.</p>
+
+<p>Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, <span class="pagenum" id="Page_330">[Pg 330]</span>Wilhelm
+Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines
+Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur
+gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich
+gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie
+sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen,
+erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen.
+Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen
+hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern
+da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber
+ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher
+greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im
+Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber
+die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also
+auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse&#8239;....</p>
+
+<p>Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und
+gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein
+Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in
+dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit
+ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und
+die Tatsache stand zum erstenmal <em class="gesperrt">ganz</em> fest: beide Schnabeltiere
+legten Eier!</p>
+
+<p>In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch
+und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das
+Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen,
+daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels
+in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen
+konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die
+eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres — des
+Molchfisches Ceratodus — gründlich zu studieren.</p>
+
+<p>Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten
+im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer
+Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen
+Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, <span class="pagenum" id="Page_331">[Pg 331]</span>eine
+zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der
+Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen
+Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die
+Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige
+Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden
+weiblichen Ameisenigel.</p>
+
+<p>Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an,
+zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei
+mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere
+der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh
+gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue
+Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf
+den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren
+Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die
+überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen,
+während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig
+gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.</p>
+
+<p>Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier
+zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren
+famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein
+ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke
+Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden
+zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten
+abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln
+mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In
+Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer
+gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei
+ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von
+Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen,
+aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche
+geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt
+der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber
+spricht sich weniger günstig aus. Das <span class="pagenum" id="Page_332">[Pg 332]</span>Wasserschnabeltier ähnelt auch
+darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt.
+Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde,
+die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich
+verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in
+absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.</p>
+
+<p>Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen
+Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine
+Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über
+eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.</p>
+
+<p>Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei
+untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch
+dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen
+Geschöpfes aufgehellt.</p>
+
+<p>Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche
+Ameisenigel nur an <em class="gesperrt">einem</em>, nämlich dem linken Eierstock reife
+Eier.</p>
+
+<p>Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben,
+wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch
+um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter
+immer noch in sie eintreten, — ein Vorgang, der sich allerdings so
+nun wieder <em class="gesperrt">nicht</em> bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt,
+daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen;
+bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer
+Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.</p>
+
+<p>Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn
+Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen
+Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn
+oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine
+Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die
+unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und
+vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen
+Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser
+besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben,
+wissen <span class="pagenum" id="Page_333">[Pg 333]</span>sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren
+Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend
+und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen,
+daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als
+Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer <em class="gesperrt">Ahnen</em>
+wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das
+junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch
+oder Fisch.</p>
+
+<p>Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein
+Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen
+zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so
+gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind
+sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide
+wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.</p>
+
+<p>Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die
+Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert
+vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage
+hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art
+Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese
+Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit
+der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle
+sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin
+hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat
+mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst
+jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht
+jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu
+engen Gefängnisses zu sprengen.</p>
+
+<p>Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum
+Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte,
+wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen
+der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze
+eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand
+durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige
+Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die
+leere Eihülle, das Junge aber <span class="pagenum" id="Page_334">[Pg 334]</span>benimmt sich jetzt zum erstenmal als
+echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen
+abgesonderte Milch — eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen
+Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu
+unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.</p>
+
+<p>Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter
+erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das
+Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die <em class="gesperrt">ganze</em>
+Entwickelung einrechnet.</p>
+
+<p>Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende
+Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes
+Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt
+Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige
+Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und
+zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie
+sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für
+das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife
+wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den
+frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch
+daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“</p>
+
+<p>Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte
+hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat
+er in umfassender Weise Material gesammelt.</p>
+
+<p>Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt
+über das Geistesleben der Landschnabler.</p>
+
+<p>„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der
+Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen,
+die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen
+abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem
+es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt
+zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus
+dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein
+ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen
+Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird
+sich eben in einem Geschöpfe anders <span class="pagenum" id="Page_335">[Pg 335]</span>projizieren, bei dem diese
+Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn,
+Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders
+ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht
+an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt,
+ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche
+Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht
+schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir
+dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich
+dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die
+Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren
+Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als
+die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und
+höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere
+steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang.
+Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen
+und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber
+verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz
+in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so
+lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft.
+Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel
+werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter
+nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten
+gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen
+von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren
+weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem
+Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht
+gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter
+mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren
+an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht
+fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch
+zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei
+nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen
+hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit,
+daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die <span class="pagenum" id="Page_336">[Pg 336]</span>Schnüre durch die
+Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß
+ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann
+den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht
+einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig
+zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit
+dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier
+über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen
+Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn
+der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde
+aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer
+weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang
+es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren
+nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten
+Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der
+Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in
+einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack
+in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung
+zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an
+den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ.
+Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen
+ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der
+Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch,
+der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen
+Beigeschmack verleiht.“</p>
+
+<p>Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch
+ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier.</p>
+
+<p>„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn
+die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang
+und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am
+Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die
+ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände
+unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß
+Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt.
+Zuweilen <span class="pagenum" id="Page_337">[Pg 337]</span>liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder
+ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle
+aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des
+Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ — (Ich zitiere weiter nicht
+aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen
+Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das
+Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es
+plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter
+Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf.
+Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach
+Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken
+und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt.
+Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die
+Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter
+langen Exemplaren von <span class="antiqua">Corbicula nepeanensis Lesson</span> strotzend
+gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den
+Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu
+sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und
+plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen.
+In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im
+Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken
+und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die
+Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter
+und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem
+Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang
+wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und
+Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht
+lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt,
+daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang
+anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die
+unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu
+werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem
+oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen.
+Wird das Tier, wenn es sich <span class="pagenum" id="Page_338">[Pg 338]</span>im Wasser befindet, erschreckt, so taucht
+es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem
+Wasser befindlichen Zugang. Obwohl <span class="antiqua">Ornithorhynchus</span> ein guter
+Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser
+verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz
+verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet
+man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist
+nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das
+Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk
+versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es
+auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange
+das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm,
+genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht.
+Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt,
+nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der
+Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut
+bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen,
+als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald
+wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn
+es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal
+verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an
+dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist
+es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur
+nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen
+bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie
+einen Auerhahn.“</p>
+
+<p>Zu den vielfältigen körperlichen Absonderlichkeiten der Schnabeltiere
+gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein
+des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist.
+Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für
+einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit
+einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller
+Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding
+funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste
+aller Säugetier-Waffen. <span class="pagenum" id="Page_339">[Pg 339]</span>Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das
+Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos?
+Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ
+sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte
+nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich
+mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier
+wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten
+von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und
+von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist
+Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm
+keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie
+er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient
+als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler.</p>
+
+<p>Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der
+Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische
+Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die
+beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend
+wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, — einem
+Punkte, der allerdings nur am <em class="gesperrt">lebenden</em> Objekt und nicht daheim
+im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte.</p>
+
+<p>Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von
+sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur.</p>
+
+<p>Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad
+Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere
+(einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis
+vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer
+dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den
+Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen,
+kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt
+hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch
+Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts.</p>
+
+<p>Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde
+Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis <span class="pagenum" id="Page_340">[Pg 340]</span>auf 25 Grad herunter,
+— fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als
+diese!</p>
+
+<p>Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der
+Schnabler in den weitesten Grenzen <em class="gesperrt">schwankt</em>, also bald höher,
+bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es
+wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen.</p>
+
+<p>Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer
+eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine
+untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden
+darwinistischen Denkens weiterspinnen.</p>
+
+<p>Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische
+Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht
+mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört,
+daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der
+moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf
+getrennten Tierklassen ineinander glaubt, — er wird als geradezu
+selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang
+bilde vom <em class="gesperrt">Vogel</em> zum Säugetier.</p>
+
+<p>Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich
+hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und
+keine andere.</p>
+
+<p>Und doch: wie so oft, geht es auch hier, — das Nächstliegende ist noch
+nicht das Richtige.</p>
+
+<p>Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels
+Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas
+zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse
+abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom
+Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang?</p>
+
+<p>Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich
+<em class="gesperrt">nicht so</em> ist.</p>
+
+<p>Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über
+die Blutwärme.</p>
+
+<p>Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen
+Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren
+<span class="pagenum" id="Page_341">[Pg 341]</span>Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der
+Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen.</p>
+
+<p>Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von
+über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet — also faktisch noch ein Teil
+blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein
+Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des
+Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz
+und gar nicht.</p>
+
+<p>Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil,
+bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden
+hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut
+wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von
+innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“:
+es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange
+in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen
+Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich
+auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein
+ganz willkürlich <em class="gesperrt">schwankendes</em> Maß, je nach der äußeren Luftwärme
+oder Luftkälte.</p>
+
+<p>Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien
+schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die
+weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern
+sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus.</p>
+
+<p>Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich,
+nähert sich nun das Schnabeltier, — nicht aber der dauerhaft höheren
+Vogel-Temperatur. Es <em class="gesperrt">ist</em> natürlich noch kein Reptil, — ganz
+gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den
+starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige
+Neigung zu sehr großen <em class="gesperrt">Schwankungen</em> im Normalmaße ein, — kurz,
+man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend
+einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum
+Reptil, zur Eidechse!</p>
+
+<p>Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar <span class="pagenum" id="Page_342">[Pg 342]</span>von
+eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln?</p>
+
+<p>Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen
+höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das
+Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische;
+aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien
+(Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich
+als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch
+den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das
+Schnabeltier).</p>
+
+<p>Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die
+Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese
+Reptilien legen ja durchweg <em class="gesperrt">auch</em> Eier, gerade wie der Vogel. Und
+die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der
+Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt,
+gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz
+individuell.</p>
+
+<p>Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten
+Wunder, — der seltsame Vogelschnabel!</p>
+
+<p>Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man
+nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist.</p>
+
+<p>Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier
+hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der
+Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der
+Ichthyosaurier, — wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten
+Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber
+noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von
+Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die
+echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von
+Entenschnäbeln keine Spur.</p>
+
+<p>Also vom Vogel von <em class="gesperrt">damals</em> konnte das Schnabeltier gar keinen
+Schnabel erben!</p>
+
+<p>Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit
+unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals
+lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich
+zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach <span class="pagenum" id="Page_343">[Pg 343]</span>Känguruh-Art auf den
+Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den
+prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei
+diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings <em class="gesperrt">auch</em> noch
+winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, — über zweitausend.</p>
+
+<p>Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser
+Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen
+Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber,
+scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von
+heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der
+paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein
+letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel.</p>
+
+<p>Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung
+niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in
+den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte
+Knochen erster echter Säugetiere überliefert.</p>
+
+<p>Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein.</p>
+
+<p>Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, <em class="gesperrt">was</em>
+solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem
+Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann
+solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische
+Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der
+Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende
+Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe —
+und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade
+der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht.</p>
+
+<p>Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin
+aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen
+Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es
+sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die
+eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen.</p>
+
+<p>Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster <span class="pagenum" id="Page_344">[Pg 344]</span>Linie
+ausgesucht gerade <em class="gesperrt">Zähne</em> gefunden! Zähne und ganz und gar nichts,
+was auf einen zahnlosen Schnabel <span class="antiqua">à la</span> Schnabeltier deutete.</p>
+
+<p>Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als
+Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts
+besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier
+<em class="gesperrt">nicht</em> hat.</p>
+
+<p>In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen,
+das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat.</p>
+
+<p>Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz
+bestimmte, höchst charakteristische Form.</p>
+
+<p>Bei dem Tiere <span class="antiqua">Microlestes antiquus</span> beispielsweise, dessen
+Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg
+entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen
+mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes
+Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende
+„Vielhöcker-Zähne“.</p>
+
+<p>Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich
+nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform.</p>
+
+<p>Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen
+Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen
+läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, <em class="gesperrt">welches</em>
+Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in
+Ahnen-Wiederholung weisen möge.</p>
+
+<p>Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber.</p>
+
+<p>Das Wasserschnabeltier!</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">junge</em> Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir
+als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und
+unten noch <em class="gesperrt">je vier echte und rechte Zähne</em>. Und diese Zähne des
+unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen
+Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie
+im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal
+die Ahnen wiederspiegeln heißt — diese Zähne sind ebenfalls winzige
+Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, — — was kein Säugetierzahn
+von heute sonst <span class="pagenum" id="Page_345">[Pg 345]</span>noch weist, das weisen sie: den charakteristischen
+Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen
+<span class="antiqua">Microlestes</span>.</p>
+
+<p>Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr
+viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten
+jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen
+Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so
+besitzt.</p>
+
+<p>Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste
+Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein
+der Trias-Zeit finden, <em class="gesperrt">echte Schnabeltiere</em> mit dem Eierlegen,
+dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u.&#8239;s.&#8239;w. der
+heutigen Schnabeltiere waren — bloß mit der einzigen Abweichung, daß
+sie <em class="gesperrt">keine Schnäbel</em> hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß
+vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als
+vorübergehendes Milchgebiß zeigt.</p>
+
+<p>Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit
+gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel
+vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu
+erhalten: — die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts
+zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt.</p>
+
+<p>Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr
+ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels
+verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise
+wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das
+Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die
+Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen
+bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der
+Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt
+der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne
+abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, — so
+das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der
+raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art
+altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren
+Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_346">[Pg 346]</span></p>
+
+<p>Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen
+und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig
+Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“.</p>
+
+<p>Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben.</p>
+
+<p>Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz,
+deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele
+Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen
+noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich
+heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte
+aufschreibe&#8239;....</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_347">[Pg 347]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_Tierleben_der_Grossstadt">
+ Das Tierleben der Großstadt.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Vor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer
+Fang gemacht.</p>
+
+<p>Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers.
+Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen gespenstischen
+Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete
+endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand
+sich im Versteck hinter roten Bordeauxfässern — ein Kiwi.</p>
+
+<p>Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den
+Farndickichten Neuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der
+riesigen Moas, deren Knochen heute noch, dick fast wie die von
+Elefanten, in den Höhlen dieser geheimnisvollen Südseeinsel liegen.
+Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Jardin des
+Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die
+Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht
+unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto
+gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt“ an einer ihrer
+unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den
+Fässern der <span class="antiqua">Halle aux vins</span>, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes
+Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln.</p>
+
+<p>Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von
+Tier und Großstadt auf der Erde.</p>
+
+<p>Unsere Großstädte sind durch die Bedürfnisse der menschlichen
+Intelligenz zu einer Art Arche Noäh geworden. Tiergärten und Aquarien
+holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt
+zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die
+Riesenschildkröte der Insel Aldabra, <span class="pagenum" id="Page_348">[Pg 348]</span>die in kurzer Frist in ihrer
+wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche
+Großstadttiere existieren werden.</p>
+
+<p>Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald
+mit, bald ohne ausdrückliche Absicht.</p>
+
+<p>Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche
+brasilianische Vogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich
+eingeschleppt mit importierten Hölzern.</p>
+
+<p>Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil
+ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit
+einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit
+miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis —
+heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar
+nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der
+Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“
+herübergekommen war.</p>
+
+<p>Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art
+geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder
+die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der
+Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen
+von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien
+ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei
+Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in
+einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer
+herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.</p>
+
+<p>Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der
+Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, — die von selbst
+einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein
+Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel.</p>
+
+<p>Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der
+Großstadt selbst.</p>
+
+<p>Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der
+Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig
+hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern
+<span class="pagenum" id="Page_349">[Pg 349]</span>starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem
+und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.</p>
+
+<p>Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges
+Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses
+Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem
+Licht das Geheimnis der Großstadt.</p>
+
+<p>Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.</p>
+
+<p>Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus
+dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der
+„Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich
+noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in
+Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke
+die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen
+aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster,
+Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte
+Raum erwünschtes Versteck.</p>
+
+<p>Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als
+stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt,
+Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte,
+die Fledermaus, der Marder und die Eule.</p>
+
+<p>So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere
+ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.</p>
+
+<p>Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten
+Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da
+unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende
+kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt.</p>
+
+<p>Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches
+patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich
+verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer
+wuchs der Domturm ins Blaue — und in ihm siedelte sich mit treuer
+Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den
+Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik
+gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der
+Kölner Dom waren <span class="pagenum" id="Page_350">[Pg 350]</span>ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst
+umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die
+Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell
+in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der
+Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein
+Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung — Mäuse und schädliche
+Insekten — sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des
+Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der
+Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet
+ist, wird er es sein.</p>
+
+<p>Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes,
+zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.</p>
+
+<p>In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge
+Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie,
+in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen
+deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß
+mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten,
+gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250)
+allgemein da war.</p>
+
+<p>Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen
+zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die
+braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa.
+Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem
+Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga
+überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen
+gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809
+erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England
+erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um
+die Welt gegangen.</p>
+
+<p>Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die
+Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz
+von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in
+einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt.</p>
+
+<p>Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen,
+<span class="pagenum" id="Page_351">[Pg 351]</span>diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten
+wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war
+für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit
+gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des
+Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in
+die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz.</p>
+
+<p>Die Pariser Belagerungsratte taucht hier auf, die vielgefürchtete
+„Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen
+Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk
+nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der
+Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht
+die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr
+fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch
+anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten
+Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten
+ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen
+Hauses schwarz geworden ist.</p>
+
+<p>Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr
+die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um
+so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt
+ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare
+Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen
+sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe
+gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis
+ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus
+mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe
+überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen
+Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine
+Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke
+übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich
+durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht —
+dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_352">[Pg 352]</span></p>
+
+<p>Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß
+gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen
+Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis
+herausgenagt — ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich
+ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt
+worden.</p>
+
+<p>Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in
+der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist?</p>
+
+<p>Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich.</p>
+
+<p>Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein
+so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt
+und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden
+kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer
+polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein
+Spätzlein sättigen kann!</p>
+
+<p>Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das
+interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich
+im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller
+sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug
+gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer
+natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die
+Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen
+Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist
+darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.</p>
+
+<p>Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, — wer will
+es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst
+als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen
+Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und
+Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist
+er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie
+bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen
+Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz,
+seit alter Germanenzeit <span class="pagenum" id="Page_353">[Pg 353]</span>ein segenbringendes Hausgeistchen des
+Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.</p>
+
+<p>Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn
+bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe
+kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den
+wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas
+und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht
+fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet,
+wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer
+Hyazinthen geschmückt hatte.</p>
+
+<p>Sein Triumph aber ist die Großstadt.</p>
+
+<p>Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten,
+öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle.</p>
+
+<p>Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter
+uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des
+Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen
+die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit
+jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes
+Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos — und dazu eines
+waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt
+routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden
+Kultur beiseite — nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge
+eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein,
+zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als
+unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös — wie kann man denn
+bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto
+sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell
+von mir Notiz zu nehmen.</p>
+
+<p>Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei
+hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud
+stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen
+werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die
+Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte
+den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber
+läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von
+seinem Keifen, wenn er gerade recht <span class="pagenum" id="Page_354">[Pg 354]</span>dabei ist — er wechselt ein
+Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen,
+schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.</p>
+
+<p>Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle
+am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des
+Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive
+heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in
+einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen
+der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste
+Grundmelodie zu vernehmen war.</p>
+
+<p>In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses
+Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika
+im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der
+sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes
+ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie
+aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den
+Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die
+Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im
+ganzen wohlbefestigten Stadt.</p>
+
+<p>Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im
+Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.</p>
+
+<p>Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck.
+Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in
+der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine
+förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten
+Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun
+der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien
+Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der
+Großstadt.</p>
+
+<p>Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen
+und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen
+Weltstadt hängen können.</p>
+
+<p>Eine Weltstadt — und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die
+Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar
+endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz <span class="pagenum" id="Page_355">[Pg 355]</span>simple statistische
+Ziffer steigt — die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das
+tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen,
+eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken — gegen
+Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen
+können!</p>
+
+<p>Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der
+Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten
+Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt —
+und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins
+Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal
+die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller
+Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen,
+weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins
+Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie
+wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.</p>
+
+<p>Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen,
+märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der
+sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus
+dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut
+der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener
+tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten.
+Große Teile von Paris sind so entstanden.</p>
+
+<p>Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen
+dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin,
+auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein
+Schimmelfleckchen ist.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_356">[Pg 356]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Keplers_Traum_vom_Mond">
+ Keplers Traum vom Mond.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar
+übersetzt worden: Keplers „Traum“.</p>
+
+<p>Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch
+alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen
+Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.</p>
+
+<p>Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine
+Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene
+Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler
+ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige
+Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie
+eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel
+Gewaltigeres.</p>
+
+<p>Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel
+glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, — mitten im Vollglanz
+mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches
+Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen —
+und Irrtümer. Und das bis heute.</p>
+
+<p>Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle
+seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber
+hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit
+kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?</p>
+
+<p>Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung
+überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist
+nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes,
+wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen <span class="pagenum" id="Page_357">[Pg 357]</span>läßt, —
+nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis
+heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die
+Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde
+sind.</p>
+
+<p>In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der
+nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das
+mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich
+übertrieben ist.</p>
+
+<p>Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die
+je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das
+doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens
+war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb
+dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens,
+der menschlichen Deutung voneinander los.</p>
+
+<p>Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen
+Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des
+Zweiten von Habsburg und Wallensteins.</p>
+
+<p>Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste
+zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen
+Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal
+jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der
+Geburtsstunde strahlten.</p>
+
+<p>Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte:
+eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge
+des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem
+Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in
+diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber
+um <em class="gesperrt">diesen</em> Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine
+ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das
+ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen,
+die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in
+diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze
+sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen.
+Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; <span class="pagenum" id="Page_358">[Pg 358]</span>und hier einer: das Erdenkind,
+das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.</p>
+
+<p>Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine
+Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte
+und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind
+war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder
+grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht
+bestand.</p>
+
+<p>In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das
+bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische
+Harmonie.</p>
+
+<p>Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die
+Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber
+mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien
+dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen
+war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb
+er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige
+Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“</p>
+
+<p>Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler
+mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, — bis
+zum Verzweifeln.</p>
+
+<p>Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie
+die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich
+fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.</p>
+
+<p>Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn
+gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern
+und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer
+Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des
+Sonnensystems unter sich.</p>
+
+<p>Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen
+Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als
+Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue
+Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt
+erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis — ein Stück Welt, in dem
+ganze Planetenabstände und Umläufe nur <span class="pagenum" id="Page_359">[Pg 359]</span>Stationen, nur rhythmische
+Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.</p>
+
+<p>In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und
+sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand.
+Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen
+Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz
+andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige
+Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler
+und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm
+schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng
+wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.</p>
+
+<p>Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!</p>
+
+<p>Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres
+Gebiet für seine tiefe <em class="gesperrt">künstlerische</em> Sehnsucht fand. Der Traum
+erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder
+jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen
+Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt
+künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren
+Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten
+wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.</p>
+
+<p>In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster
+Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen,
+beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen.
+Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich
+„stimmend“, — das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter
+zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, — bis zu dem goldenen
+Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit <em class="gesperrt">unermeßlich</em>
+ineinandergeschachtelter Harmonien hing.</p>
+
+<p>Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers
+strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte
+wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.</p>
+
+<p>Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und
+die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende <span class="pagenum" id="Page_360">[Pg 360]</span>Forschung der
+Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide
+zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine
+Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf
+dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß
+beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute
+endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.</p>
+
+<p>In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen.
+Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das
+Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder
+Fechner zurückzukehren, — zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne
+Zwiespalt.</p>
+
+<p>In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine
+bedeutende Rolle.</p>
+
+<p>Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran
+geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das
+ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen
+großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten
+umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn
+blieb. Von allen blieb er auch <em class="gesperrt">nach</em> Kopernikus noch der Erde
+treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.</p>
+
+<p>Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die
+Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, — wie würden
+die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf
+der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab — das klassische
+Altertum hatte schon an so etwas gedacht —, wenn diese Mondbewohner
+Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, — wie erschienen ihnen
+die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?</p>
+
+<p>Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig
+Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß
+die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes
+als Sternwarte aus.</p>
+
+<p>Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so
+Außergewöhnliches. <span class="pagenum" id="Page_361">[Pg 361]</span>Wir sind alle an volkstümliche Werke über
+Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen,
+wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom
+Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.</p>
+
+<p>Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so
+etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf
+dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.</p>
+
+<p>Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er
+es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es
+lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen
+Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben.
+Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der
+Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in
+scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie
+wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein
+Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“</p>
+
+<p>Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller
+Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete,
+die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine
+Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch
+begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst
+Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann
+noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen,
+die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen
+wertlosen Scherz.</p>
+
+<p>Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit
+hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die
+Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene
+Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch
+gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen
+und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er
+einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im
+Traum wird Freiheit <span class="pagenum" id="Page_362">[Pg 362]</span>des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in
+Wirklichkeit wohl nicht besteht.“</p>
+
+<p>Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne,
+als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er
+liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und
+hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen
+lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet
+seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er,
+daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt.
+Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer
+Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart.
+Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht
+Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine
+Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit
+draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt,
+daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen
+haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener
+Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer
+wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß
+der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt
+ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen
+über die Stränge.</p>
+
+<p>Keplers Geister — die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der
+Astronomie — schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit
+einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist
+von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel
+in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond
+selber hinweg — also bei der Mondfinsternis, — so ist die ganze Bahn
+frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich
+etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die
+Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und
+Erde steht, also seinerseits — in der Sonnenfinsternis — einen vollen
+Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_363">[Pg 363]</span></p>
+
+<p>Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer
+Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den
+Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem
+Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit
+der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer
+aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders
+die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor
+wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen
+zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler
+sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde
+überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere
+Hülfe erfolgt.</p>
+
+<p>Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer
+Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir
+heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung
+der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir
+stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der
+Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so
+nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz
+gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches
+handhabt.</p>
+
+<p>Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist,
+wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen
+Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem
+Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“,
+— und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die
+magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung
+die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von
+beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine
+Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“</p>
+
+<p>Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister
+alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne
+zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute
+das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem
+„Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, <span class="pagenum" id="Page_364">[Pg 364]</span>um in ihrer
+Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen.
+„Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer
+war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller;
+aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach
+der Mittagssonne um den längsten Tag.“</p>
+
+<p>Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus
+der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine
+verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich
+zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute
+sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele
+beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht
+festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim
+Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden
+hatte.</p>
+
+<p>Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns,
+wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es,
+als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher
+Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister
+tatsächlich in ihre Löcher kriechen.</p>
+
+<p>In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde
+gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist,
+mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig
+abgewandte Seite.</p>
+
+<p>Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß,
+wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite
+zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen
+keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch
+<em class="gesperrt">muß</em> er sie gerade haben, <em class="gesperrt">damit</em> uns seine eine Seite treu
+bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe
+oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu
+merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so
+kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht
+und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie
+sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die
+<span class="pagenum" id="Page_365">[Pg 365]</span>Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß
+der Mond <em class="gesperrt">nicht</em> wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er
+läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand
+etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen
+wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die
+Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand
+um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst
+drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade
+auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst <em class="gesperrt">davon</em>
+ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, — die ewige innere
+Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines
+Erdbewohners Auge je überschaut worden ist.</p>
+
+<p>Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit.</p>
+
+<p>Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein
+ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse
+die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren
+Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, — wer
+aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer
+fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“
+streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe
+Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte.
+Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese
+Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten
+Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein
+noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt,
+alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“.</p>
+
+<p>Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken
+eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei,
+hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos
+lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer
+wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von
+Astronomen, die an Eis auf dem <span class="pagenum" id="Page_366">[Pg 366]</span>Monde glauben. Sie finden keine andere
+Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch
+viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden,
+also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem
+Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben
+könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich
+nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre
+flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der
+Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach
+Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche
+Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum
+Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder
+etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur
+bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den
+absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze
+Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als
+die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig
+hineingelagerte Erde besitzt.</p>
+
+<p>Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück.</p>
+
+<p>Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht
+sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere.</p>
+
+<p>Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker
+singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat
+umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja
+beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler
+verrät uns, wie die Gesichter ausschauen.</p>
+
+<p>Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die
+Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen
+in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts
+ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die
+Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene
+Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt
+es, „weil Magellanika <span class="pagenum" id="Page_367">[Pg 367]</span>ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land,
+noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide
+Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“</p>
+
+<p>Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine
+andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers
+Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein
+überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben.
+Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor,
+— es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im
+äußeren Umriß festzustellen.</p>
+
+<p>Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika:
+die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf
+Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den
+Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar.</p>
+
+<p>Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt:
+Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als
+dem andern; die Katze ist Skandinavien.</p>
+
+<p>Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In
+Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland
+dunkel zusammen.</p>
+
+<p>Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler
+kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen
+Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit
+geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars,
+dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben
+sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer
+wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre
+bei uns aufs Korn genommen haben.</p>
+
+<p>Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem
+Monde selbst?</p>
+
+<p>Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten
+vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen
+Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen,
+Strahlensystemen, Rillen, — das Werk unendlichen <span class="pagenum" id="Page_368">[Pg 368]</span>Gelehrtenfleißes, an
+das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser
+Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten,
+prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie
+ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, — bis auf jene
+Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die
+luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war
+das alles zu Keplers Zeit!</p>
+
+<p>Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte,
+wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der
+alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres
+Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von
+Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem
+Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen,
+Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle,
+ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste
+Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog
+Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag,
+worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre
+später ist das erste Fernrohr hergestellt worden.</p>
+
+<p>Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden.</p>
+
+<p>Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig
+Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht
+wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden
+Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch — ohne
+vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers
+Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine
+Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte!</p>
+
+<p>Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie
+schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein.</p>
+
+<p>In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer
+ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in
+denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene,
+durchlöcherte Rinde, in der doch jede <span class="pagenum" id="Page_369">[Pg 369]</span>Zuckung erstarrt ist. Alles
+starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit
+den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das
+„hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte
+im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein
+Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich.</p>
+
+<p>Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei
+gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper.
+Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage.</p>
+
+<p>Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank
+sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche
+Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da
+hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das
+überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider
+noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als
+mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe
+Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt
+im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der
+Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er
+hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der
+Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der
+Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte,
+gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre
+in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß
+gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden.</p>
+
+<p>Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des
+größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht
+hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt
+der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt.
+Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit,
+als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte
+Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute
+wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze
+Planetensystem durchschweifen, unsere <span class="pagenum" id="Page_370">[Pg 370]</span>Sternschnuppen und vielleicht
+die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders
+weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne
+Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten.</p>
+
+<p>Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike
+Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns
+so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, <em class="gesperrt">so</em> blank poliert
+sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er
+dahinwandelte, <em class="gesperrt">abspiegelte</em>. Die Flecken sollten einfach die
+wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische
+und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit
+dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen
+Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu
+bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der
+Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich
+und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu
+ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte.</p>
+
+<p>Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen
+Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans.</p>
+
+<p>Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher
+Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende
+Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen
+Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte
+das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen
+wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle
+Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur
+unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete
+Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da
+er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von
+oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im
+Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen
+gelassen, — nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei
+Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen
+Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars <span class="pagenum" id="Page_371">[Pg 371]</span>bedeutsam geworden ist,
+ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen
+können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land
+und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für
+dichten Pflanzenwuchs.</p>
+
+<p>Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen,
+und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht
+Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz
+Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im
+Umfang hat, d.&#8239;h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch
+sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde
+sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und
+von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden
+wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der
+von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren
+Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer
+abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser
+letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur
+Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie
+hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt,
+— nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst,
+wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die
+zahllosen Kraterhöhlen ergreift.</p>
+
+<p>Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph
+zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach
+der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die
+<em class="gesperrt">Erfindung des Fernrohrs</em>.</p>
+
+<p>Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, — meinem
+Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das
+Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit
+dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes
+etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom
+durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze
+bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es.
+Denn zu der Stelle <span class="pagenum" id="Page_372">[Pg 372]</span>kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis
+als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist
+der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst
+angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele
+tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht
+bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch
+gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder
+geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber
+das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres,
+Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt
+es.</p>
+
+<p>Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in
+seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte
+Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum
+Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer
+schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge
+wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein
+Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im
+Frühjahr 1610 herüber.</p>
+
+<p>Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem
+geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein
+sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung
+auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es
+zuerst zusammengesetzt hat, — die Legende erzählt, Kinder hätten beim
+Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater
+aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater
+war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen
+bedeutete es eine neue Welt.</p>
+
+<p>Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus:
+er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander,
+und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig
+auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen
+Zauberrohrs überzeugen.</p>
+
+<p>Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift,
+<span class="pagenum" id="Page_373">[Pg 373]</span>dem „<span class="antiqua">Sidereus nuncius</span>“ (Sternenbote) Galileis, — und zwar
+gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das
+bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die
+unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den
+urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho
+und Kepler bescheiden zurücktreten mußten.</p>
+
+<p>Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen
+von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die
+Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und
+damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles
+ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war
+seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig
+Einzelsterne dar. Wenig später — und Galilei hatte Flecken in der
+Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z.&#8239;B.
+Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas
+ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem
+altvertrauten Planeten Saturn, — erst später ist klar geworden,
+daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn
+handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst
+korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte
+in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich
+Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen — kurz:
+es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon
+erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind.</p>
+
+<p>Keine Entdeckung Galileis hat Kepler so bis in die tiefsten Gründe
+seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein
+Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in
+ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem
+Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat
+blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich
+und greifbar vor der Erfüllung steht und die <em class="gesperrt">geträumten</em> Dinge
+<em class="gesperrt">sieht</em>.</p>
+
+<p>Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in
+lebendigstem Bild.</p>
+
+<p>Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, <span class="pagenum" id="Page_374">[Pg 374]</span>vor
+Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“
+als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige
+Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die
+Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, —
+Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die
+Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis
+neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu
+einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen
+wäre.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte.
+In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer
+wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu
+erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem
+Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als
+<em class="gesperrt">Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart</em>.</p>
+
+<p>Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder
+aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen
+eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon
+und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu
+mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem
+Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.</p>
+
+<p>Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender
+Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des
+siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes
+und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung.</p>
+
+<p>Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond
+befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden,
+bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d.&#8239;h. tiefgelegene
+Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem
+Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig
+sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz
+für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige
+Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der <span class="pagenum" id="Page_375">[Pg 375]</span>Sonne, vielleicht auch
+gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in
+der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an
+diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen
+Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit
+dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles
+hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse
+zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens
+eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in
+einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen,
+teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr
+tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück,
+gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand
+des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt
+es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern
+daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines
+schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang
+durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist.
+Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der
+Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des
+sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn
+der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist
+er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der
+Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes
+sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen,
+die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile
+des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese
+Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig
+von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher
+und ertragen dadurch die Hitze.“</p>
+
+<p>Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt,
+Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das
+wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während
+des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_376">[Pg 376]</span></p>
+
+<p>Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch
+vollkommen spaßhafte Sache&#8239;.....</p>
+
+<p>Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir
+auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen
+von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch
+schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus
+logischen Gedankengang.</p>
+
+<p>Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut
+kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“
+entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich
+entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte
+Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im
+gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine
+Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der
+Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der
+Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet
+werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer
+des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine
+natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen
+Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne
+Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in
+einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem
+Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen
+Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des
+Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel
+heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich
+durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch
+diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch
+im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens,
+meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte
+an.</p>
+
+<p>Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen
+von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne
+„natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur <span class="pagenum" id="Page_377">[Pg 377]</span>des Materials“
+hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der
+man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe.</p>
+
+<p>Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch
+widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht
+vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond.</p>
+
+<p>„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen
+auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen
+und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material
+bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen
+abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben,
+die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort
+durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers
+im Gleichgewicht gehalten. <em class="gesperrt">Aber</em> in den fleckigen Partien
+des Mondes ist die Gestalt der <em class="gesperrt">genau runden</em> Höhlen und die
+Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume
+etwas Gemachtes und zwar <em class="gesperrt">gemacht von einem architektonischen
+Verstande</em>. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form
+eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es
+scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf
+dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um
+jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit
+jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der
+Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und
+die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen
+der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte
+und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“</p>
+
+<p>Daß die Mondbewohner — einmal ihre Existenz vorausgesetzt — gerade
+solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz,
+der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen
+in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie
+bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der
+Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz <em class="gesperrt">anpassen</em>!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_378">[Pg 378]</span></p>
+
+<p>Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren
+Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich
+meine bei der Enträtselung des Planeten Mars.</p>
+
+<p>Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren
+Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen
+Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“.
+Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“
+in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen,
+für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas
+getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden
+Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage
+raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und
+mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder
+nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht
+haben. Keplers Schluß, — bloß auf den Mars übertragen!</p>
+
+<p>Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so
+ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik,
+<em class="gesperrt">sein</em> Fall tatsächlich <em class="gesperrt">falsch</em> war.</p>
+
+<p>Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller
+Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher
+Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“
+Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein
+schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle
+sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten
+an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers
+Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter
+Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern.</p>
+
+<p>Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch <em class="gesperrt">heute</em>
+deshalb noch nicht klar wissen, <em class="gesperrt">was</em> die ringförmigen Mondgebilde
+nun <em class="gesperrt">wirklich</em> sind.</p>
+
+<p>Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den
+Schulbüchern steht?</p>
+
+<p>Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse <span class="pagenum" id="Page_379">[Pg 379]</span>Mondlöcher
+mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild
+heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie.
+Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die
+seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos
+„Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte
+Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht?</p>
+
+<p>Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto
+weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater
+entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren
+Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar
+nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen
+Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein?</p>
+
+<p>Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch
+eigentlich alles an.</p>
+
+<p>Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun
+die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“
+(wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des
+Abstürzens von oben kommender Massen wären, — von Massen, vielleicht
+einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet
+war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach
+einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand
+kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem
+man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht,
+führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich
+die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes
+Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er
+alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, — vorausgesetzt, daß nicht noch
+immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die
+letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren
+Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers
+von innen heraus noch <em class="gesperrt">mitgewirkt</em> und auch kleine echte „Krater“
+wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben
+haben könnte&#8239;....</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_380">[Pg 380]</span></p>
+
+<p>Das mag als Bild genügen, — als Bild, wie wenig wir noch heute „über
+den Berg“ sind.</p>
+
+<p>Den Mondberg!</p>
+
+<p>Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, — mit jenem Lächeln
+aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar
+Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes
+Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des
+Menschengeistes.</p>
+
+<p>Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp
+und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist,
+der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, — der „Traum im
+Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller
+Zerrissenheit des „Wirklichen“.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_381">[Pg 381]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Vom_Krebs_der_vom_Himmel_faellt">
+ Vom Krebs, der „vom Himmel fällt“.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres.</p>
+
+<p>Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine
+weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr
+niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden.</p>
+
+<p>Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus
+allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen
+Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus
+der alten roten Laubdecke im Waldesgrund.</p>
+
+<p>Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener
+Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand,
+mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch
+ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und
+drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem
+Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer
+Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken
+einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang
+baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft
+impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten
+immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein.</p>
+
+<p>Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren.</p>
+
+<p>Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht.
+In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur,
+sollte es sich bergen.</p>
+
+<p>Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein
+echter, dauernder Tümpel bestand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_382">[Pg 382]</span></p>
+
+<p>In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune
+Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste
+Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde
+es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr
+trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren
+Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte
+Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich.</p>
+
+<p>An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste
+Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem
+dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln
+plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran.
+Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber
+ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier
+noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht.</p>
+
+<p>Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle
+Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der
+Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt,
+ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber
+in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage,
+der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und
+ich sah.</p>
+
+<p>Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser,
+bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen
+lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob
+sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde
+wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch
+aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß
+bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte
+von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen
+der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es
+fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam
+sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto
+deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf
+dem Rücken, <span class="pagenum" id="Page_383">[Pg 383]</span>die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf,
+hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist
+wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader
+schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven
+Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am
+Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch
+ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner
+Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist
+ein Krebs, — im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt.</p>
+
+<p>Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt
+er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der <span class="antiqua">Branchipus</span>.</p>
+
+<p>Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen
+Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der
+Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für
+eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische
+Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für
+den Branchipus.</p>
+
+<p>Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort,
+überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum
+erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich
+starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines
+Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht.
+Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht
+naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der
+Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich
+scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes
+wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin,
+ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt
+vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das
+zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will.</p>
+
+<p>Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier:
+den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs
+sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. <span class="pagenum" id="Page_384">[Pg 384]</span>Von oben sieht
+er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von
+einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale
+brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen
+heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine
+sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich
+gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst
+wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar
+zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln
+unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar
+richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her,
+meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder
+„Schieler“.</p>
+
+<p>Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein
+Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem
+abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee.</p>
+
+<p>Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie
+dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und
+in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen
+Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel
+nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes
+Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe
+war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas
+durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel
+aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt
+wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien.</p>
+
+<p>Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten
+Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer
+nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei
+fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen
+wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers
+im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu
+durchstöbert.</p>
+
+<p>Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt
+in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit <span class="pagenum" id="Page_385">[Pg 385]</span>ist jetzt am
+stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz
+zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines
+der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender
+Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden.</p>
+
+<p>Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten,
+Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter
+der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich
+sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine
+Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der
+Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der
+ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein
+Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert,
+— und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt.
+Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir
+aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich
+einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt.</p>
+
+<p>Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren,
+sagenumwobenen <span class="antiqua">Apus</span>, des „Ohnfußes“, wie das lateinische
+Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter
+Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt.</p>
+
+<p>Nun, da die zappelnde Schildkröte abwechselnd sich auf Rücken und
+Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen
+zu lassen, — des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in
+der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander
+vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs
+enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel
+von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden
+Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die
+des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt
+in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine
+Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen
+Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den
+<span class="pagenum" id="Page_386">[Pg 386]</span>Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen
+gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den
+Löchern gucken. Ein absurdes Bild — und doch steckt der Apus genau
+so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben
+durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem
+Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber
+in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie
+beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder,
+sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also
+„Kiemenfüße“.</p>
+
+<p>Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber,
+der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten
+braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote
+Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem
+<span class="antiqua">Apus productus</span>) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas
+an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen
+konnte.</p>
+
+<p>Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar
+Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten
+über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die
+Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu
+verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen
+und ihnen die Beine abbissen.</p>
+
+<p>Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte
+die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von
+allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie
+zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“.
+Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei
+Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der
+unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je
+auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt
+zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen
+eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes
+dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch
+<span class="pagenum" id="Page_387">[Pg 387]</span>ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten
+Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange
+des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche
+Komplizierung der Gliedmaßen.</p>
+
+<p>Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot
+er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten
+einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte
+die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die
+verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister,
+der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das
+wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter
+Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im
+Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder
+spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war
+ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr
+Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia.</p>
+
+<p>Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler
+mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur
+Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade
+damals <em class="gesperrt">einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen</em>.</p>
+
+<p>Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich
+lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus
+beschäftigt hat.</p>
+
+<p>Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig
+sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und
+findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern.
+Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf
+beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der
+Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel,
+Wasserwanzen ein, — wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem
+Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen
+bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung.</p>
+
+<p>Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, <span class="pagenum" id="Page_388">[Pg 388]</span>Radspuren
+und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend — und hier
+auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten,
+wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die
+Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat.</p>
+
+<p>Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu
+bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und
+mehr, — jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und
+füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer,
+als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich
+wieder und alles ist voller Tiere.</p>
+
+<p>Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem
+Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen?</p>
+
+<p>Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den
+Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit
+Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die
+Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben
+die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung — und in diesen Lachen,
+mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in
+wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann
+sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher.</p>
+
+<p>Ja, was fällt nicht alles vom Himmel!</p>
+
+<p>Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als
+die meisten Menschen denken.</p>
+
+<p>Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine
+und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe
+nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im
+neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus
+dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad
+überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig
+bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen
+nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost
+zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend
+zu halten, aber in der <span class="pagenum" id="Page_389">[Pg 389]</span>Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom
+Himmel“ aus einer Regenwolke — das fordert ja noch nicht einmal
+wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich
+in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend
+die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan
+Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter
+Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen
+sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß
+das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja
+gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine
+Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint
+er schon als ein Produkt des Regens.</p>
+
+<p>Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt
+worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche
+Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das
+einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses
+wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache
+nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in
+tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit
+eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.</p>
+
+<p>Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern
+nach noch keine zweihundert Jahre.</p>
+
+<p>In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab
+Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in
+Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen
+ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem
+Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens
+Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“,
+schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn
+es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn,
+für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die
+es für Füsse ansehen, ein <span class="antiqua">polypus</span> heißen muß, bei mir aber
+<span class="antiqua">apus</span>.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_390">[Pg 390]</span></p>
+
+<p>Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich
+die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb
+aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert
+hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im
+System sein könne?</p>
+
+<p>Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung
+wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind
+aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter
+Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann
+Christian Schäffer.</p>
+
+<p>Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn
+herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille
+Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der
+Streitfrage glücklich auseinander gewickelt.</p>
+
+<p>Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu
+Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der
+Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus
+irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der
+wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer
+Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde
+denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer
+nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso
+mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen.</p>
+
+<p>Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus
+diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten
+eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung
+einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die
+Eier dabei?</p>
+
+<p>Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt
+mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren
+Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen
+rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie
+aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, — und wenn man dann
+einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein
+Embryo gestaltet <span class="pagenum" id="Page_391">[Pg 391]</span>sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben
+Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben
+Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine
+fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen — der echte Apus.</p>
+
+<p>Damit ist ein Streitpunkt sofort klar.</p>
+
+<p>Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen
+Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem
+Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier
+durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und
+plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren.</p>
+
+<p>Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich
+die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen
+kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare
+Trocken-Festigkeit haben.</p>
+
+<p>Ein weiterer Schluß wird möglich.</p>
+
+<p>In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der
+Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die
+Wanderschaft kommen. Es ist — neuere Staubfälle haben es erst wieder
+bewiesen — schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich
+eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise
+oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre
+Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind
+sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen
+jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel
+Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen
+sein! Staub — und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen,
+warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt:
+warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte
+Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist?</p>
+
+<p>Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte
+Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des
+Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen
+waren. Es gelang ihm mit allem <span class="pagenum" id="Page_392">[Pg 392]</span>Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu
+entdecken. Was bedeutete wieder das?</p>
+
+<p>Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was
+nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und
+Wissenschaft einfach nicht sein <em class="gesperrt">durfte</em>.</p>
+
+<p>Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen
+Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder
+waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete,
+was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß
+einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von
+denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße
+auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von
+sich gegeben haben.“</p>
+
+<p>Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche.</p>
+
+<p>Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und
+Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch
+gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder
+beobachtet noch richtig war.</p>
+
+<p>Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und
+Weib in einem Leib.</p>
+
+<p>Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in
+der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte,
+eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte.</p>
+
+<p>Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten
+Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen.
+Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine
+bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für
+seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun — mit diesem Tümpel-Leben war
+wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff
+hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand!</p>
+
+<p>Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus
+lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen
+hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher,
+daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen
+Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie <span class="pagenum" id="Page_393">[Pg 393]</span>oft mochte nur eines
+kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus
+Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die
+Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden.</p>
+
+<p>Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von
+all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals
+nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt
+von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer.
+Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide
+Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene
+glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die
+Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort
+überhaupt keine gefunden hatte.</p>
+
+<p>Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach
+ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage
+an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm
+und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger
+Krebs vom Himmel fiel.</p>
+
+<p>Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche
+gar auch noch Ereignis.</p>
+
+<p>Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus
+und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen
+Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also
+echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein
+und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen
+haben.</p>
+
+<p>Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857
+führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei
+Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare
+Männchen des Apus sich tummelten.</p>
+
+<p>Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein
+„Naturgesetz“. Wer würde siegen?</p>
+
+<p>Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras
+gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die
+mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb <span class="pagenum" id="Page_394">[Pg394]</span>ihres
+Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie
+vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier
+nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt
+in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen
+ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung
+zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen
+Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so
+hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja
+sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“
+doch immer noch eine kleine Sache!</p>
+
+<p>So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen
+Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber
+vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der
+Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen
+an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute
+so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein
+Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen,
+mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an
+kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut
+hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten
+Jahrhunderts gewesen.</p>
+
+<p>In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den
+sechziger Jahren auch der Apus.</p>
+
+<p>Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener
+„Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit
+Schrauben“ auf den Leib zu rücken.</p>
+
+<p>Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf
+ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der
+Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber
+einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen
+Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so
+wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In
+diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_395">[Pg 395]</span></p>
+
+<p>Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken,
+in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung;
+das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde
+die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen
+bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den
+Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen
+durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des
+Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung.</p>
+
+<p>Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs
+Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war,
+während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer.</p>
+
+<p>Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische
+Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz
+auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine
+weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann.</p>
+
+<p>Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist,
+die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen
+Ehekodex sich selber gesetzt hat.</p>
+
+<p>Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier
+aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das
+sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und
+Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein,
+— abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung
+stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und
+das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem
+gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem
+Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für
+ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht
+im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren
+Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze
+Märchen wieder von vorne beginnen lassen.</p>
+
+<p>Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung <span class="pagenum" id="Page_396">[Pg 396]</span>gemacht, daß
+auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die
+Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des
+„Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der
+Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt,
+hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person
+die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier
+zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder
+wieder Königinnen) hervorgehen, — oder aber durch Jungfernzeugung
+unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn — eine Drohne — entwächst. Im
+verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion
+eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das
+schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde.</p>
+
+<p>Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des
+Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner
+Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten
+Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann
+noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt
+und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete
+Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so
+wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch
+wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen
+minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im
+Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans,
+Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig
+entschieden — und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das
+Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem
+fertigen Tier.</p>
+
+<p>So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt
+und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen
+Tierarche gefunden.</p>
+
+<p>Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind
+noch heute da.</p>
+
+<p>Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die
+kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser <span class="pagenum" id="Page_397">[Pg 397]</span>enthält, dem schönsten
+Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen
+könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip
+durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine
+absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer
+etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt
+entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern,
+die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines
+Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei
+dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben
+sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine
+Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß
+überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten
+kleinen Teich zeigt, — bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen,
+<em class="gesperrt">ohne</em> sich zu entwickeln.</p>
+
+<p>Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins
+Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das
+Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich
+zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen
+Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen
+Neuerungen aus.</p>
+
+<p>Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das
+aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es
+Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt
+machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, — Handlungen, bei
+denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein
+geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.</p>
+
+<p>Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher
+Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen
+schon abreißen sollte.</p>
+
+<p>Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.</p>
+
+<p>Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat
+an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug
+rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft
+lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich <span class="pagenum" id="Page_398">[Pg 398]</span>der tollen
+Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung
+vorüberzieht.</p>
+
+<p>Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter
+klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen
+Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings
+gefunden worden sind.</p>
+
+<p>Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine
+Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich
+heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage
+vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke
+plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem
+Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber
+in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.</p>
+
+<p>Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie
+ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.</p>
+
+<p>Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu
+riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt
+wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den
+Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers
+schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze
+aus acht orangeroten Pfauenfedern.</p>
+
+<p>Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem
+leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch
+noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in
+gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn
+mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur
+nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen
+Futterplätzen zuführt.</p>
+
+<p>Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als
+Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie
+eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die
+„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier
+geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal
+das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus
+unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen
+völlig dem Wasser entzogen, <span class="pagenum" id="Page_399">[Pg 399]</span>wenn auch noch an feuchte Orte gebannt:
+das Kellertier oder der Kelleresel.</p>
+
+<p>Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt
+in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer
+lebendigen großen blauen Meduse.</p>
+
+<p>Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum
+genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist
+auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines
+hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.</p>
+
+<p>Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen
+Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der
+Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar
+seine Augen als überflüssig zuwachsen.</p>
+
+<p>Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.</p>
+
+<p>Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe
+besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es,
+die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000
+Kilogramm Speck ansetzen kann — jede Schätzung erlahmt vor der Zahl,
+die dazu nötig ist.</p>
+
+<p>Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche
+Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein
+schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd
+durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.</p>
+
+<p>Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt,
+mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach
+oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen
+Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die
+eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst
+beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen
+parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.</p>
+
+<p>Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand
+halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der <span class="pagenum" id="Page_400">[Pg 400]</span>sonnenfernen
+Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen
+durch diesen eigenen Laternenschein spähend.</p>
+
+<p>Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen
+Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf,
+— und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge
+zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß
+kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen
+„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen
+Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas&#8239;......</p>
+
+<p>Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei
+Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn
+kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres
+Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem
+größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng
+zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.</p>
+
+<p>Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber
+überhaupt beschreiben zu können.</p>
+
+<p>Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn
+so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem
+ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles
+und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem
+Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie
+er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden
+die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes
+Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten
+Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste
+Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für
+die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so
+besorgter, wohin damit.</p>
+
+<p>Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.</p>
+
+<p>Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs
+feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen
+Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute <span class="pagenum" id="Page_401">[Pg 401]</span>noch jedem
+auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.</p>
+
+<p>Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann
+unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er
+denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch
+dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren
+Anschluß zu verrechnen.</p>
+
+<p>Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch
+wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn
+so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte,
+auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.</p>
+
+<p>Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.</p>
+
+<p>Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist
+bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei
+Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, — ja
+der Gletscherapus (<span class="antiqua">Apus glacialis</span>) geht am Kap Krusenstern in
+Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in
+Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf
+Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der
+Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen,
+wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.</p>
+
+<p>Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur
+die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei
+verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein
+uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete
+Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken
+die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der
+Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.</p>
+
+<p>Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von
+Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.</p>
+
+<p>Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner
+Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen
+<span class="pagenum" id="Page_402">[Pg 402]</span>Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache
+Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon
+unendlich differenziert sich erweist.</p>
+
+<p>Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen
+bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen
+finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer,
+Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als
+„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus
+packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der
+Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen
+zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn
+man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht
+wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese
+Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der
+Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.</p>
+
+<p>Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.</p>
+
+<p>Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den
+Beinen.</p>
+
+<p>Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht
+und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die
+Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen
+so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im
+Prinzip macht es der Molukkenkrebs.</p>
+
+<p>Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit
+ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von
+denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er
+Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern
+Kupfer.</p>
+
+<p>So will er in kein System.</p>
+
+<p>Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes
+Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.</p>
+
+<p>Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen
+unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, — in der das Bild der
+Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des <span class="pagenum" id="Page_403">[Pg 403]</span>Krebses, verschwimmt
+zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das
+war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen
+erklingt.</p>
+
+<p>Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo
+der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie
+eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs
+herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen
+liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse,
+— auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die
+Wunder des Apus studiert hat.</p>
+
+<p>Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die
+Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel,
+halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch
+wieder seltsameres Wesen.</p>
+
+<p>Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und
+Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie
+bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der
+ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.</p>
+
+<p>Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen
+krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei
+bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf
+dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, — und diese Larve zeigt den
+gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen
+Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das
+die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von
+Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein
+Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals
+gräbt.</p>
+
+<p>Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt
+hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses
+eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute
+allerdings völlig die Erde verlassen haben.</p>
+
+<p>Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel,
+ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz <span class="pagenum" id="Page_404">[Pg 404]</span>anders große Becken
+herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen
+Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein
+Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit
+zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze
+ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als
+je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem
+Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war
+wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse
+er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits
+ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane
+eroberte, — das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis
+vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und — vor eine
+verschlossene Tür laufen.</p>
+
+<p>Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer
+Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er
+gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, — es schienen ihm unklare
+Bruchstücke von Fischen zu sein.</p>
+
+<p>Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten
+ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf
+Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein.
+<span class="antiqua">Concha Triloba</span> nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus
+ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler,
+Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl
+man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.</p>
+
+<p>Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden,
+vollends wenn sich herausstellt, daß es ein — Krebs ist.</p>
+
+<p>Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige
+Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart
+gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren
+Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!</p>
+
+<p>Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam
+1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit <span class="pagenum" id="Page_405">[Pg 405]</span>sei am Ende eine
+Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so
+geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.</p>
+
+<p>Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein
+Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den
+Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei
+es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht,
+gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten
+nachgewiesen worden.</p>
+
+<p>Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend
+ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben
+die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in
+dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß
+die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib
+erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich
+in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es
+in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte
+Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht.
+Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier
+die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es
+nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich
+ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim
+Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb,
+und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und
+Atmungsorgan jeder zugleich.</p>
+
+<p>Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt
+in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften
+Apus von heute.</p>
+
+<p>Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste,
+stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten.
+Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: — alle hatten sie nur
+ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite
+nichts.</p>
+
+<p>Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte
+nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß <span class="pagenum" id="Page_406">[Pg 406]</span>das Wunder lösen.
+Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend
+igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander
+zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit
+verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck
+angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500
+gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt
+die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur
+Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter
+Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine
+seitwärts noch offenklar herausstehen.</p>
+
+<p>Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die
+Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der
+Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang
+alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung
+herabgeschneit dasteht.</p>
+
+<p>Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon
+andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der
+Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich
+wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen
+wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem
+Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des
+Lebens auf Erden.</p>
+
+<p>Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie
+mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.</p>
+
+<p>Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle,
+aus der sich alles gebildet haben soll.</p>
+
+<p>Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber
+diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen
+Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist
+es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der
+sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit
+aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden,
+Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_407">[Pg 407]</span></p>
+
+<p>Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der
+Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium — und die Chronik
+schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.</p>
+
+<p>Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine
+noch ältere Erdenschale, — aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von
+— Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava
+eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die
+Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die
+Trilobiten. Vom Himmel — aus dem All — woher?</p>
+
+<p>Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen
+geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen
+Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.</p>
+
+<p>Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein
+„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs
+unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und
+er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen
+prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in
+die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen
+Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit
+soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum
+andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der
+da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem
+annoch weißen ersten Blatt?</p>
+
+<p>Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve
+bringen könnte, er sucht die Sterne.</p>
+
+<p>Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen
+Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese
+Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des
+leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch
+bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom
+Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?</p>
+
+<p>Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene
+<span class="pagenum" id="Page_408">[Pg 408]</span>Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle
+aufführe.</p>
+
+<p>Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus
+der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze
+Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten
+einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium
+gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen,
+weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren
+Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so
+vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind,
+daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses,
+sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte
+Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten
+Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also
+das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit
+ursprünglich schon tief im Text stand, — so wie es bisweilen mit alten
+Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen
+gelesen worden sind.</p>
+
+<p>Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der
+Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet,
+die als solche dick vor Augen liegen.</p>
+
+<p>Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur
+Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und
+sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit
+basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist
+weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf
+einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber
+fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.</p>
+
+<p>Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein
+soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten
+noch vielerlei zu fragen.</p>
+
+<p>Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein
+hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette <span class="pagenum" id="Page_409">[Pg 409]</span>hinter sich
+haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze
+der Entwickelung.</p>
+
+<p>Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen
+Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm,
+der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung
+auf Erden geworden ist, — von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst
+eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch
+festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische.
+Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten
+Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der
+Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber
+eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der
+Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?</p>
+
+<p>Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.</p>
+
+<p>Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus,
+eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer
+Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die
+Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil,
+das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst
+entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.</p>
+
+<p>In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts
+Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst
+entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine
+Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der
+Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu
+sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der
+Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende
+Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß
+der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser
+Lächerlichkeit gestorben.</p>
+
+<p>Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde,
+vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. <span class="pagenum" id="Page_410">[Pg 410]</span>Man nahm den
+Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen
+große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern
+parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten.
+War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch
+eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich
+hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben
+auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.</p>
+
+<p>Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die
+Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und
+andere kühn.</p>
+
+<p>Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man
+nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten
+Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte.
+Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.</p>
+
+<p>Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten,
+Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat
+auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit
+Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der
+große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode
+gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten,
+der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte
+Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der
+sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.</p>
+
+<p>Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener
+urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten
+äußeren Gestalten annähmen.</p>
+
+<p>Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch
+steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen
+Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die
+Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen
+Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.</p>
+
+<p>Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden <span class="pagenum" id="Page_411">[Pg 411]</span>andere
+kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus
+herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für
+Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat
+sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der
+Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth
+gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden
+krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen.
+„Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei
+ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen
+Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich
+heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige
+gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk
+in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste
+sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt
+wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in
+der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge —
+ein Scheitelauge — saß.</p>
+
+<p>Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum
+weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich
+vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden
+zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum
+doch noch nicht.</p>
+
+<p>Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft.
+Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der
+schärfsten Art — und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie
+ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.</p>
+
+<p>Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen
+Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen
+Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, — aber nicht, daß ein
+Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.</p>
+
+<p>Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche
+Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut
+erklärt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_412">[Pg 412]</span></p>
+
+<p>Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen
+Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem
+großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich
+einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das
+sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig
+als freier Schwimmer paradierte.</p>
+
+<p>Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von
+Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge
+aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.</p>
+
+<p>Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat,
+da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht
+mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in
+stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne
+Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte,
+ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich
+geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in
+ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?</p>
+
+<p>Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im
+Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit
+ihnen ihre Wasser belebte.</p>
+
+<p>Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie
+über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn
+wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne
+Pflanzen sich entfalten können.</p>
+
+<p>Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines
+offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben
+wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer
+Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber
+gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese
+Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und
+Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der
+ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter
+den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig
+Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so
+einst ein Hauptheer dieser <span class="pagenum" id="Page_413">[Pg 413]</span>asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten
+Abgrund sein Wesen getrieben haben?</p>
+
+<p>Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten
+erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht.
+Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen
+begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer
+soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am
+wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch
+gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären,
+keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in
+seiner Regenpfütze uns bietet.</p>
+
+<p>Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt
+er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen
+Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder
+Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.</p>
+
+<p>Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.</p>
+
+<p>Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen
+Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts
+anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses
+Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.</p>
+
+<p>Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner
+jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt
+er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er
+eine ganze Weile sogar die freie Luft.</p>
+
+<p>Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft,
+wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer
+winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als
+igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit
+seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten
+Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben
+herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel
+die Fensterchen des Kapitäns.</p>
+
+<p>Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-,
+<span class="pagenum" id="Page_414">[Pg 414]</span>das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine
+Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten,
+daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese
+Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm
+äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst
+Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.</p>
+
+<p>Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich
+verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite,
+die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine
+Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über
+dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem
+Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging.
+Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich,
+wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre
+Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort
+dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern
+geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander
+gestanden haben.</p>
+
+<p>Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um
+so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen
+Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben.</p>
+
+<p>Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und
+der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der
+Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im
+hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein.</p>
+
+<p>Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen
+Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter
+seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es,
+als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang
+zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd
+und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde
+ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch
+Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_415">[Pg 415]</span></p>
+
+<p>So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem
+Querschnitt durch Jahrmillionen.</p>
+
+<p>Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere
+Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das
+begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf
+es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der
+Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da
+Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem
+Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_416">[Pg 416]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Osterglaube">
+ Osterglaube.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch
+noch ohne starke Farben.</p>
+
+<p>Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als
+gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das
+wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus
+tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf
+und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich,
+in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine
+Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf.</p>
+
+<p>Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein
+eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig
+Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim
+auf sein Wasserrevier.</p>
+
+<p>In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet.</p>
+
+<p>Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht
+heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen
+aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten,
+mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher
+Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt
+wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel
+gehäuft.</p>
+
+<p>Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die
+ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_417">[Pg 417]</span></p>
+
+<p>Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend
+karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der
+Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener,
+tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem
+Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt.</p>
+
+<p>Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte
+nur beschleunigt.</p>
+
+<p>Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der
+Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber
+darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme,
+die unser Grübeln auslacht. „Neu!“</p>
+
+<p>Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder
+erlebt sie sie.</p>
+
+<p>Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus
+einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in
+ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen
+fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in
+äonenfernen Tagen.</p>
+
+<p>„Neu!“</p>
+
+<p>Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt.</p>
+
+<p>Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten
+durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen.
+Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen
+sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der
+tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers
+der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein
+solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden
+berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser
+der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen
+Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als
+es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und
+Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen&#8239;...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_418">[Pg 418]</span></p>
+
+<p>An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden.
+Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch
+älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen
+Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen.</p>
+
+<p>Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf,
+vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht
+verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die
+lieblichen Muschelkalkberge Thüringens.</p>
+
+<p>Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein
+bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und
+Haifischen und Korallen.</p>
+
+<p>Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem
+Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre
+Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der
+Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist
+ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen
+über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten
+Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden,
+stehen heute noch im Berliner Museum.</p>
+
+<p>Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen
+trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen
+auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand
+und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine
+Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie
+wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten.</p>
+
+<p>An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt
+Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den
+Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche.</p>
+
+<p>Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt
+nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_419">[Pg 419]</span></p>
+
+<p>Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen
+Stellung der Weltatome begründet.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder
+sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer.</p>
+
+<p>Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem
+gleichen Gesetz.</p>
+
+<p>Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem
+Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter — das Wort:
+„selbstverständlich“.</p>
+
+<p>Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das
+Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur
+und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer
+wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung:
+mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt
+der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke,
+schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der
+Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht
+weiter.</p>
+
+<p>Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute
+wie nur je.</p>
+
+<p>Nicht tot zu kriegen ist sie.</p>
+
+<p>Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie
+der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht
+der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein
+Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus
+der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an
+den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle
+das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt —
+das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette
+Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es
+nicht finden können.</p>
+
+<p>Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr
+in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die
+Fenster ein!“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_420">[Pg 420]</span></p>
+
+<p>Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“?</p>
+
+<p>Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder
+unserer Zeit, das Wunder aller Wunder.</p>
+
+<p>Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen,
+ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern
+daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem
+Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst!</p>
+
+<p>Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad
+wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen.</p>
+
+<p>Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie
+wunderbar das Natürliche selber ist.</p>
+
+<p>Als Natürliches!</p>
+
+<p>Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich
+will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich
+geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch
+wieder das höchste Wunder.</p>
+
+<p>Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen
+Geschehens.</p>
+
+<p>Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome?
+Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch?</p>
+
+<p>Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist!</p>
+
+<p>Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein
+Auferstehungsmorgen geschenkt ist — das zweite, nicht minder große:
+daß es Verschiedenes gibt.</p>
+
+<p>Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle
+Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische
+Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem
+unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern
+auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge,
+eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem
+Auge noch wieder das alles schwimmt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_421">[Pg 421]</span></p>
+
+<p>Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten
+aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten
+beachtet wird: — daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten
+das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich
+erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt.</p>
+
+<p>Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute — diese
+zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die
+Entwickelung, der Fortschritt.</p>
+
+<p>Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als
+„selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare,
+daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie
+Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen.</p>
+
+<p>Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die
+Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu
+fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige
+einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen — es hat
+gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch
+Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An
+der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten
+Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr
+ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte
+Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend
+Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt.</p>
+
+<p>Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines
+„Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden
+erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur
+möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der
+Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom
+Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern
+großen Ur-Wunder lag.</p>
+
+<p>Das Wunder des Natürlichen!</p>
+
+<p>Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den
+einsamen See.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_422">[Pg 422]</span></p>
+
+<p>Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden
+Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das
+schelmisch die blanken Zähne zeigt.</p>
+
+<p>Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“.</p>
+
+<p>Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln
+stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir
+verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt.</p>
+
+<p>Es ist, — mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der
+dunklen Höhle wirft.</p>
+
+<p class="center mtop3">Ende.</p>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="eng break-before">
+
+<p class="mbot1">„<b class="s4">Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung</b>“
+vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft,
+die aus Anlaß des <em class="gesperrt">Jahrhundertwechsels</em> die letzten hundert
+Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten
+historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke
+im Verlage von <b class="s4">Georg Bondi</b> in Berlin erschienen:</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Theobald Ziegler</b>, ord. Professor a. d. Univ.
+Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Cornelius Gurlitt</b>, ord. Professor a. d. Kgl. techn.
+Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Richard M. Meyer</b>, Professor a. d. Univ. Berlin: Die
+deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Georg Kaufmann</b>, ord. Professor a. d. Univ. Breslau:
+Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Siegmund Günther</b>, ord. Professor a. d. techn.
+Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im
+19. Jahrhundert.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Franz Carl Müller</b> in München: Geschichte der
+organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Werner Sombart</b>, Professor a. d. Univ. Breslau: Die
+deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.</p>
+
+<p class="mtop1 mbot1">Die folgenden Bände der Sammlung sind <b class="s4">in Vorbereitung</b>:</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Heinrich Welti</b> in Berlin: Das musikalische Drama und
+die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Paul Schlenther</b>, Direktor des K. K. Hofburgtheaters
+zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert.</p>
+
+<p><b class="s4">Colmar Freiherr v. d. Goltz</b>, General d. Infanterie: Deutsche
+Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts.</p>
+
+<p class="mtop2">Ein jeder Band umfaßt etwa 800 Seiten groß Oktav, bildet ein
+abgeschlossenes Ganzes und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis
+von M. 10.— (broschiert) und M. 12.50 (Halbfranz gebunden) zu haben.</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before"><span class="bt">&#8195;&#8195;Stereotypplattendruck von
+<em class="gesperrt">F. E. Haag</em>, Melle i. Hann.&#8195;&#8195;</span></p>
+
+</div>
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+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #76878
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