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| author | pgww <pgww@lists.pglaf.org> | 2025-09-15 11:22:02 -0700 |
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Besondere + Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen + Antiqua: _Unterstriche_ + + #################################################################### + + + + + Von Sonnen und Sonnenstäubchen + + + + + Von Sonnen und Sonnenstäubchen + + Kosmische Wanderungen + + von + + Wilhelm Bölsche + + Vierzehntes bis zwanzigstes Tausend + + Volksausgabe + + [Illustration] + + Berlin + + Georg Bondi + 1906 + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + =Die Rätsel in der Milchstrasse.= Aus dem Tagebuche einer + Gebirgswanderung 1 + + =Die Entstehung der deutschen Landschaft.= Träumereien auf einer + Eisenbahnfahrt 47 + + =Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.= Ein Kapitel aus + Wahrheit und Dichtung 93 + + =Der erste Vogel= 126 + + =Die Weltgeschichte des Nilpferdes= 169 + + =Die Wunderwelt der Radiolarien.= Ein Blick in die Tiefsee 201 + + =Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?= 244 + + =Vom Leben im Weltraum= 260 + + =Die Küche der Urzeit= 275 + + =Das Ende der Tierwelt= 282 + + =Die Anfänge der Kultur bei den Tieren= 300 + + =Die Affensprache= 311 + + =Das Schnabeltier.= Vom Säugetier, das Eier legt 320 + + =Das Tierleben der Grossstadt= 347 + + =Kepler’s Traum vom Mond= 356 + + =Vom Krebs, der vom Himmel fällt= 381 + + =Osterglaube= 416 + + + + +Vorwort. + + +„Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ nenne ich dieses Buch. Ein +Sonnenstäubchen nur ist diese ganze lustige alte Erde. Ein Stäubchen +dieses Sonnenstäubchens ist der Mensch. + +Aber Sonnenstäubchen sind wir Menschen auch im Sinne, daß wir selbst +Kinder sind der großen Sonne, geboren und genährt von ihr. Sonnenblut +rinnt durch unsere Adern, Sonnenträume rauschen durch unser Gehirn. + +Wie ein Sonnenstrahl durch ein dunkles Gemach fällt und die grauen +Staubteilchen schimmern plötzlich selber in ihm wie kleine Sonnen +auf -- so tanzt unser Leben in dem Ausschnitte, den Sonnenlicht und +Sonnenwärme durch den kalten Raum ziehen. Und doch sind wir alle auch +wieder, jeder für sich, ganze strahlenwerfende Sonnen. Da schleudern +unsere Gedanken ungeheure Strahlenbänder in die geheimnisvolle Nacht, +und in diesen Lichtschweifen des Denkens tauchen alle die Zauberdinge +erst auf, die wir leben. Da tanzen ganze Weltsysteme, Milchstraßen aus +Millionen Sonnen als Sonnenstäubchen dieses unseres Gedankens. Sie +tanzen und verwehen. Unendliche Jahrmillionen spinnen sich durch das +Sonnenstäubchen Zeit unseres Lebensaugenblicks, -- Urwelten, in denen +Nebelflecke zu Fixsternen zerfallen und Sonnen zu Planeten und ein +Planet zu Menschen, die das Brot brechen und sprechen: „Liebe deinen +Nächsten wie dich selbst✹...“ + +Einen unermeßlichen Wust Staub hat die Naturforschung unserer Tage +aufgewühlt. Manchem ist zu Mute, er solle darin ersticken mit Leib +und Seele. Mir scheint es eine ernste Aufgabe, kleine Lichtkegel +gelegentlich hindurchzuwerfen, damit dieser graue Natur-Staub +wenigstens auf Momente zu dem auferstehe, was er doch in seiner +Verkleidung tatsächlich ist und bleibt: Sonnenstaub. Was für Stäubchen +gerade vorüber flirren, darauf kommt es mir weniger an. Es mögen +Lebenskeime dabei sein und auch Mumienstaub. Wenn der Lichtkegel sie +nur faßt und vergoldet. Er ist die Einheit dieses Buches -- nicht die +Staubteilchen selbst. + +Meine siebzehn Kapitel sind in ziemlich kurzer Frist hintereinander +niedergeschrieben, alle aus der gleichen Laune und Weltanschauung +heraus. Sie wurden niedergeschrieben mit der festen Absicht, daß ein +Buch daraus werde, -- nicht aber ist dieses Buch erst entstanden durch +nachträgliches loses Aneinanderreihen unzusammenhängender Feuilletons. +Wenn die Stücke zunächst da und dort in Zeitschriften einzeln +erschienen sind, so war es das zerstückelte Buch, das so erschien, +nicht erst das planlose Baumaterial. Einzelne Tatsachen-Wiederholungen +sind dabei mit Absicht in den Text gebracht, ich halte es für +aussichtsvoller, eine Sache kurz noch einmal zu sagen, wenn sie noch +einmal als Beweisstück nötig wird, als den Leser zum Zurückblättern +aufzumuntern. + + +Wilhelm Bölsche.+ + + + + +Die Rätsel in der Milchstraße. + +Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung. + + +Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln. + +Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von +Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert. + +Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der +norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser +bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und +glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst +bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen +schwebt. + +Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude +zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht, +-- trotz Rübezahl. + +Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in +Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die +Naturgeister nichts. + +Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte +der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch +dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und +Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung +der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus +dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien +mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere +glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als +Denkmal einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel +in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren -- kein +Mensch weiß, wie lange schon. + +Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch +selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt. +Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man +selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der +Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme +scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über +die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch, +-- ein Riese. + +Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum. + +Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht +sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an +die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen +Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen. + +Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte +der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach +Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal +sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in +die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als +erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse +sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel +habe sie herabgekegelt✹.... + +Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache +Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten +Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann +würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht, +ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht +würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge +geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die +Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren? + +Der Weg dehnte sich. + +Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein +Licht. Ob es die Baude war? + +Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also +wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber. +Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise +fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel +gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen. +Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze +Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt. + +Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie +Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines +Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen +streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und +es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, -- der +Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er +warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne. + +Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei, +eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit. + +Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle +aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes +erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde +Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann? +Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes, +phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes +Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche +Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen +weckt. + +Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen. + +Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie +kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, -- daher das Wort +„Milchstraße“. + +Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen +und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es habe die Sonne einst +eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei +gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des +rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen +um die ruhende Erde, -- warum sollte die Spur sich nicht einprägen? +Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie, +die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an +sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete. + +Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten +Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar +verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter +den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber +auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener +Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn +seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge +durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke +aufeinandergepaßt wären. + +Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers +aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts +anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da +die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches +Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums +dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem +blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel +verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan +in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen +Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte, +durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen +Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen +Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im +Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild. + +Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters, +der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als +Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären. + +Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas +ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der +moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren +vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten +Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht, +die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung +erlebt. + +Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese +Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in +moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in +Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir +heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante +der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet +sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem +Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im +Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns +die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, -- +die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle +hinab, sondern aufwärts will, -- jede Planetenbahn ist eine Stufe +höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe, +die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle +Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der +astronomischen Welt. + +Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser +Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen, +weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur +für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur. + +Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über +das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen +Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt. + +Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel +brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht, +das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land +nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein Wilder eine Fackel +entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, -- Kolumbus fühlt die +Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt, +liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als +bloß ein Land. + +Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der +Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist +die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem +Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie +als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig +sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und +der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt -- +und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor +Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von +Jahrtausenden tatsächlich zersprungen. + +Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des +Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten +Verzauberung erlöst. + +Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume +schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen +von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen +ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den +neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, -- auch er ein Dichter in seiner +Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in +vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet +unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die +Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen, +zunächst geht die Astronomie jetzt weiter. + +Und wieder ist es Nacht -- und ein Stern glimmt, diesmal ein echter +Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und +beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte +Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht +die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres +Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe, +greifbar mit einem menschlich vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß +mit dem logischen Gedanken. + +Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag. + +Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen +Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den +ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine +Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch +dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich +der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um +die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich +uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit +ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph +von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die +Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll +aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn +Pythagoras und Dante geschaut✹.....? + +Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, -- vom grünen +Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt +eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon +der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses +Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am +Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden +mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier +zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns +entfernt hohe Gebirge trägt. + +Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie +durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus +ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische +Menschengeist wieder über alle Millionenfernen. + +Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne +und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt, +-- wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser +naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, ein mystisches Nichts? +Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die +Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine +andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft +wie der Granit, über den die Wasser rauschen. + +Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte +Krönung des Gebäudes. + +Kräfte entwickeln sich auseinander. + +Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die +Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen, +fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge +in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war +vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke +und doch öffnet er nochmals eine Welt. + +Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit. + +Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in +unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit +haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden. +Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum +Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines +Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut +und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze +Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem +kosmischen Nebel sich verdichtet. + +Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen +ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges +Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine +Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie +auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei +und Newton. + +Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht +sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit +der alten Dante’schen Weltvorstellung, -- die Heimkehr und die +Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem +moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum +Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren +Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die +einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, -- das Ganze +steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein +Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im +gesamten Kosmos, -- eine Welt, die Gott werden will. + +Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie +des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die +Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, -- was bei +Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich +gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die +ganze Ewigkeit zu Gebote steht. + +Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des +Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das +große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst +wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht +Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung, +in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind +auf der Bahn hinan. + +So war der Weg -- und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf. + +Auf einen Berg war er geklettert, -- ihn grüßte das alte glimmernde +Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor +Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung +erschienen war. + +Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen +aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt? + +Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen +Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die +bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große +Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße. + +Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es +schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen +Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein +Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese +Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen +Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif. +Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im +Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd +als größter Kreis. + +Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug. +Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte +aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert +war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch +schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als +Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der +nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die +ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde. + +Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches. + +Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen, +die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige +Masse erschienen. + +Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne +von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur +wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte +gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem +Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker +Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester +Quelle. + +Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen +Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen +wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus. + +Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst +von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die +räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren Stadt Berlin läge. +Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im +Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche +Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht +mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch +den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden +durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die +York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich +hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im +Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges. +Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch +Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und +Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr +Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen. +Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und +Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun, +leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert +Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor +Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem. + +Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen +Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch +nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond +wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, -- um auf die +nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha +im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere +Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000 +Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu +uns zu kommen. + +Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich +wagten. + +Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich +perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder +Lichtring -- eine Milchstraße -- entstand. Für dieses Sonnengewimmel +mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz haben. Platz mußte auch der +Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen. +Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von +Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist +niederprasseln, -- hageldicht. + +In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert +ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll +anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht +werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der +Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir, +-- er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des +Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment +im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts. + +Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie +Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten +sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen +Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer +waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff +umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort +umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel. + +Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter +Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, -- +eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in +den Schwanz biß. + +Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere +Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden +Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr +der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, -- er erschien +hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie +tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, -- einsinken +wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen +Dichterphilosophen✹......? + +Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender +noch als alle früheren. + +Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften, +hier vereinzelter, raumlassend schwebten, -- -- erschien nebelhaft +dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, -- eines ganzen, selber +wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems. + +In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen +_W_ vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels: +die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem +Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem +riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke +ist die Andromeda. + +In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem +zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612 +der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß +dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine +schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von +Horn, -- so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten +Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne +war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und +hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja +nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen, +abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein? + +Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des +Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis +endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die +„Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese +Zeit kam der Moment, den ich meinte. + +Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn +der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die +Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der +Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch +zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils, +sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des +Lukretius bis auf ein Gebilde, so groß noch einmal wie diese unsere +ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser +Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen +unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der +Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß +diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte, +obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen +war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem +bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch +zusammenschmolz. + +Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie +es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der +moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant. + +Er kannte keinen Schwindel, -- also auch nicht vor dem Gedanken einer +Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn, +der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah +er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß. + +In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein, +ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das +erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in +der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort +die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem +Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems +lernen, -- so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer +Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während +der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter +Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert. + +Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu +können. + +Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der +Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda +wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren +Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß +diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel gar nicht in Sterne +gegliedert war, -- noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose +Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie. + +Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme +hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung +darstellte. Dort war es vielleicht noch so, -- bei uns war es vor +Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens +baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne +aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so +entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese +Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene +als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor +Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter +Schluß. + +Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch +er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren: +auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst +charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe +als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild +unseres eigenen Systems sein? + +Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch +vorzuliegen. + +Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener +Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein +von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und +nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien? + +Im Gegenteil, sagt Kant. + +Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen, +wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem +System bildeten, -- das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso +erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen +das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und +weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform +wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch +bei uns so sein, -- auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache +Linsenscheibe bilden. + +Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender +Tatsache. + +Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer +flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal +zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa. +Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt +nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der +Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt. +Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren +Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen +Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung +dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen? + +Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite +sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie +hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich +ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen +auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in +die Welt außerhalb der Mark -- also vielleicht auf andere, entfernte +Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand +-- erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der +Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals +dasselbe Schauspiel, -- denn auch hier bohrt sich der Blick durch die +geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen +wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in +der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung +wählte? + +Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten +Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch +die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze +Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes +Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in +Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht +sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich +dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch +eine und so eine ganze lange, lange Kette. Und da die Hintermänner +sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon +nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze +Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als +Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte +Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein +in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte +Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend +stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz +fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder +Hosen-Ausblicke dar. + +Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene +Sachlage am Himmel. + +Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen +Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen +Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus +einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung. +Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen +mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die +Fläche der Sternscheibe -- und rasch durchdringt unser Auge die paar +Einzelsterne dieses kurzen Stücks, -- schon taucht in den Lücken der +leere, schwarze, kalte Weltraum -- die Hosenwand oder Portemonnaiewand +unseres Bildes -- auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die +Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde. + +Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen -- und die +Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn +hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden, +-- die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen +ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder +einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse +begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der +Sternscheibe eindringen will, -- genau wie das Markstück seinen +gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der +Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, -- -- +und in diesem Ring glänzt dem Auge folgerichtig jene einheitliche +Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und +die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt. + +Wir stehen bei der Milchstraße. + +Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige +Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau +in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten +Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht +verschieben können. + +Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den +Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither +auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins +Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse +Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden. + +Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen. + +Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche +Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie +von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte +doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung +Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie. + +In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb, +mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die +Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren +Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen +ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch +wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen +gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze +Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und +Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren, +durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, -- da beschlich +auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde. + +Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener wunderbar +verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später +einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem +ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet +Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen +an, als sollte etwas ganz anderes werden -- bis endlich jäh der Typus, +die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt +auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im +Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig +anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom +blauen Himmel fiele. + +Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform +umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien +wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit +von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die +Größe einer echten Linse für uns. + +Gab es solche Entfernungen? + +Gab es eine Rechnung, die da nachkam? + +Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt. + +Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie +gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht, +um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es +läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu +groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist +der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig +solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie +es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde. +Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere +Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000 +Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und +solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das +einen ungefähren Längendurchmesser des Systems -- sagen wir in Kants +Sinn, der Scheibe oder Linse -- von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus +unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch +nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was +heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer +sicherlich noch nicht das volle Maß. + +Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere +Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen, +erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres +eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den +Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, -- also gegen +die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser +Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, -- was du dort +im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen +siehst, das ist die ganze Alpenkette, -- wie weit muß die entfernt +sein! 44000, -- das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal +Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber +das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil. +Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen. + +Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert, +der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse +Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus. + +Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, -- das +berührte eine andere Ziffer der Naturforschung. + +So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar +schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung +der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter +die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der +kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde +unseres Planeten, -- ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis +des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter +die der Milchstraßeninsel selber. + +In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in +der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen +und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste +sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt +noch besitzen! + +War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne +innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder. +Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in +Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals +war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch +sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel +entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande. + +Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige +pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen. + +Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich +doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, -- erhöhte +nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser +Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe. + +Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung. + +Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz +neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel. + +Die Photographie eroberte auch hier den Himmel -- ein unvergleichlicher +Fortschritt. + +Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit +empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von +der Natur mitbekommen haben. + +Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal +der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter +nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel +und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne +Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder +liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man +gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich. +Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten +badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen. + +Was sollte das? + +Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde +geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst bekannten +Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser +Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig +vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in +ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie +ungeheure Kometenschwänze. + +Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen +Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange +festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so +mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion, +aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß +sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah? + +Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten +also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die +gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren +sollten! + +Eine große Reaktion trat ein. + +Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres +Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen +Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen +von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren +Entfernung können Nebel liegen. + +Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske. + +Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der +Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre +von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems, +diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte✹......? + +Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines +Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme +leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit +des Raumes noch geben, -- mit nichts schien auf einmal bewiesen, +daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß +sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten +Materieteilchen, die den Weltraum unsichtbar doch noch überall +erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde. + +Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu +Hilfe kam. + +Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke. + +Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und +Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in +hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, -- jetzt eben nahte das +vierte Mal. + +Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert +durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte +Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es +einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde, +die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne +aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der +Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus +Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen +wollte. + +Woran lag das? + +Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine +einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich +so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit +stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin +unterscheiden könnten. + +Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte +auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er +konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war +Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb. + +Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein +noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des +Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe +angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge +kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu +sinken begann. Das Problem kam nun doch, schien es, aus der reinen +„Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu +lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert +und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe. + +Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren +Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, -- aber ihre Lösbarkeit gab auf +der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern +der Entfernung. + +Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich +wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die +astronomische Welt. + +Kirchhoff und Bunsen hatten abermals -- nicht einen neuen Stern oder +Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich +den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches +Auge durfte man es nennen. + +Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse, +sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben. +Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne +auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl +in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes +ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage, +das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und +jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter +offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt +war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten +ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam +zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache +aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging, +spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem +glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder +verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut, +die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte +man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle +festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei +Lichtstrahlen, deren Quelle man zunächst nicht kannte, einen Schluß +aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener +anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne. + +Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer +Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das +Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein +sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder +besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung +wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre +Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen +und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium, +hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken +verflüchtigt. + +Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten +welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren +ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne +geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur +so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder +dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser +treuer Helios. + +Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im +gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder +unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend +rehabilitiert. + +Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig +ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit +dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte) +notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern. +Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, -- diese Lichtprobe läßt +sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der +Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne +Sternflämmchen darin aushändigen müßte. + +Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es +tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt +der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie schlechterdings bloß +das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging: +nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch +einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die +zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither +haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das +ungemein merkwürdige Helium ist, -- ein Stoff, den man zuerst nur eben +mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach +Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch +auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine +kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem +Punkte sich als vollständig erweise. + +Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, -- frei +im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, -- +vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff. + +Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine +Instanz mehr, -- die Natur hatte gesprochen. + +Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der +Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu +Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre +Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke +waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber +Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag. +Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern +erst durch Abkühlung bildeten. + +Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem +Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch +im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit +von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten +Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte. + +Nicht lange aber -- und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen +Sachlage Mut. + +Echter Nebel blieb Nebel -- ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß +perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, war +sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr +auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der +auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine +Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, -- er „konnte“ eben +auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses +„Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie +jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle +möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen +lassen. + +Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie +hatte man sich das eigentlich zu denken? + +Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden +Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus +schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker, +der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen +könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie +es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen +Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten +und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft +gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator +umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen +irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit +übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen +Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel +vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches +mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und +in sich schließen, -- Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach +Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen✹..... + +Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher +feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung +mehr besitzen könne, -- und es wurde nachdrücklich gesagt. + +Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu, +daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze, +nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der Nebel auch sein. Ein ganz +neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine +kalte Wolke Wasserstoff. + +Aber die Wolke leuchtet ja? + +Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall +leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein +Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade +sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der +Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen, +ein geheimnisvolles Phosphorlicht, -- ein Kälte-Licht, auszustrahlen? +Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums +bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch +andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife +der Kometen, das Nordlicht. + +Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun +die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, -- wie +können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt +jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was +aber ist ein Gas in absoluter Starre? + +Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so +jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie +sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten +Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und +in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie +nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs +der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch +als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der +gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen? + +Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an +schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether, +wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen +heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und -- +trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche +Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche Vermutungen überhaupt +schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand, +auftauchen konnten. + +Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und +fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein +„Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende +Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern +und Stern, -- -- so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht +einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch +unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere +Milchstraße sich ziehen sollten. + +Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar +unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von +Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, -- sie mit +ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft +wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch +nur gleichkommen konnte. + +Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der +unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle +Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert +hatten wie aus einer Mutterlauge. + +Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für +unsere Kenntnis, -- eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt +hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem +Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites. + +Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu +uns, war mit umschlossen in unserem System. + +Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere +Raum. + +Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen. + +Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen +eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte. + +Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie +zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem +letzten Fixstern begann für uns -- das Nichts, -- -- das Nichts des +ewig Blinden. + +An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor +der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche +Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe +Saiten aufzuziehen. + +Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade +das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis +schien. + +Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das +Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde -- so viel bleibt fest -- +hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt. + +Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle +nicht so groß, wie man geglaubt hatte. + +Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß +ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings +rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in +Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten +(wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht +benutzt werden dürfen. + +Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer +Zeit +keineswegs+ eingefallen, +sämtliche+ Nebel, die von +Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst +werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen. + +Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und +dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache +ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den +Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme +machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal +entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über +die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der +ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese +scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen. + +Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer +Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des +Prismas ein Fixstern-Haufen. + +Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die leiseste +Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen +Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn +dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das +kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt +also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das +Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können +wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht +erkennen? + +Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr +viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit +von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße +als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit +sein✹..... + +Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel. + +Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung. + +Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine +Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst +perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt +dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen +noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues, +-- wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer, +Stockwerke, -- nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des +Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses +„Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine. + +Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier +der schönen Andromeda. + +Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede +Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige, +gedulderprobende Arbeit. + +Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es +dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut +entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere +Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also +schon genügen, um wahrscheinlich zu machen, daß dieser Nebel aus +sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen +Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch +einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein +solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so +konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen. + +Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon +vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen +lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält, +glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die +nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht +strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun +damit bei der Sonne sei, -- sicher ist, daß diese Sonne gleich allen +echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das +erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist. + +Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt, +noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht +aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht +zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst +eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma +ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man +nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus +ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst, +die uns aber hier weiter nichts angehen. + +Für uns wesentlich ist, daß, wo immer Fraunhofer’sche Linien im +Prisma-Lichte eines selbstleuchtenden Weltkörpers auftreten, mit +Sicherheit auf einen Sonnenstern, eine echte Sonne nach unserer Art, +geschlossen werden kann. Und hier jetzt ist ein neuester Fund von +höchster Bedeutung. + +Scheiner in Potsdam, dessen grundlegende Forschungen auf diesem Gebiet +im voraufgehenden schon mehrfach gestreift und benutzt sind, hat +es mit zäher Ausdauer ganz kürzlich fertig gebracht, im Lichte des +Andromeda-Nebels die dunkeln Fraunhofer’schen Linien tatsächlich zu +sehen und in ihrer Lage zu messen. Damit ist der Beweis erbracht, +daß dieser Nebel endgiltig aus sonnenähnlichen Fixsternen besteht. +Er besteht daraus, obwohl kein bestes Fernrohr unserer Technik diese +Einzelsonnen in ihm noch wirklich unterscheiden kann. + +Nehmen wir die Größe seiner Sonnen dabei im Normalmaße unserer +Fixsterne an, so ist dieses doppelte Verhalten jetzt nur noch erklärbar +durch einen wirklich ungeheuren Abstand des Nebels von uns, -- durch +einen Abstand, der in diesem Falle nun doch unbedingt über die Grenzen +unseres eigenen Milchstraßensystems hinausführt. + +Der Andromeda-Nebel ist doch ein zweites Milchstraßen-System, frei im +Raume schwebend jenseits unseres eigenen. + +Scheiner läßt als allgemeine Möglichkeit zu, daß der Nebel eine halbe +Million Lichtjahre von uns entfernt sei. Für einen zweiten Nebel, +auf den dieselben Verhältnisse zutreffen und der im Sternbild der +Jagdhunde leuchtet, kämen dann entsprechend 6½ Millionen Lichtjahre +heraus, -- also immerhin annähernd Humboldt’sche Ziffern. Vor 6½ +Millionen Jahren, als die heute eintreffende Lichtpost von dort abging, +schwamm bei uns auf Erden der Ichthyosaurus noch und der erste Mensch +schlummerte noch tief im Schicksalsschoße. + +Die Arabeske wächst zurück, greift wieder ein. + +Also wir dürfen nun dennoch vom Andromeda-Nebel etwas über unsere +Milchstraße zu erfahren hoffen, -- eine Antwort hoffen, die über eine +halbe Million Lichtjahre zu uns reist. Aber hatten wir diese Antwort +nicht schon? + +Ein letzter Schleier hebt sich. + +Dem alten Marius glühte der Andromeda-Nebel wie ein Lichtlein durch +eine Hornlaterne. Ein Lichtscheibchen, eine nebelhafte Linse, -- so +erhielt ihn Kant als Material für sein kühnes Denken. Anderthalb +Jahrhunderte verrauschen nach Kant. Da kehrt der Gedanke zu jener +Denklinie zurück. Aber diesmal reicht der Astronom dem Sinnenden, +dem Träumenden ein ganz anderes Blatt: eine Photographie des +Andromeda-Nebels. Auch sie erfaßt die einzelnen Sternpunkte in ihm +nicht. Aber sie erreicht etwas anderes, nochmals völlig Unerwartetes. + +Und noch einmal, zum letztenmal, muß die Phantasie in eine ganz neue +Bahn. + +Wahrheit, -- was ist Wahrheit? + +Die alte Pilatusfrage klingt durch die ganze Geschichte der +Naturforschung. + +Auf der „Wahrheit“ ruht diese Forschung. Vorsichtige Gemüter sagen +schon etwas bescheidener: auf dem lauteren „Streben nach Wahrheit“. In +diesem Sinne ist Wahrheit ein moralischer Wert. Wenn aber selbst das +nur nicht so verzweifelte Ecken haben wollte! + +Es scheint so brav: hier steht eine Tatsache; jetzt kommt einer, hat +jenen lauteren Wahrheitsdrang in sich, schaut hin, beschreibt die +Sache; damit ist die Geschichte für immer erledigt; der eine gilt für +alle, die der gleiche Drang beseelt, und ob Tausende kommen, ob nach +Jahrtausenden welche kommen, alle können nur bestätigen. + +Die wahre Wahrheit in diesem Falle, die von aller Erfahrung bestätigte, +ist, daß derselbe Gegenstand von hundert und mehr Beobachtern, die +sämtlich wahre Engel an Wahrheitsmoral sind, beschrieben werden kann +und daß unter Umständen jeder etwas anderes sieht. + +Ich will gar nicht reden davon, daß die Augen verschieden sehen, obwohl +das schon gewaltig viel tut. Aber die ganzen Menschen sind verschieden. +Unser physisches Sehen ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was +wir wirklich „Sehen“ nennen. Der Rest ist individuelle Zutat. So und +so viel Tropfen mitgebrachte Erfahrung, so und so viel mitspielende, +unbewußt sofort abrundende, ausspinnende Phantasietätigkeit, so und so +viel bestimmtes, längst ins Unbewußte eingewachsenes und von keiner +„Moral“ aus mehr kontrollierbares Vorurteil, -- kurz ein derartiges +Rezept, daß die reine neue Beobachtung als solche darin untergeht +wie ein unschuldiger Schuß _Aqua destillata_ in irgend einer +schwarzbraunen Apothekerbrühe. So geschieht es schon, wenn mehrere +nebeneinander beobachten. Vollends, wenn Jahrhunderte dazwischen +liegen, geht die Verschiedenheit ins Unglaubliche. Man schlägt sich +vor den Kopf, wenn man irgend ein altes Tierbuch oder eine alte Karte +vornimmt, die ein paar hundert Jahre alt sind. Wie konnten die Leute +dies und das nicht sehen, was jetzt ein Kind sieht, wie konnten sie +Mücken für Elefanten halten? Und wir lesen, daß es Leute von einer +Reinheit des Wahrheitsstrebens waren, die uns beschämt, -- Leute, die +sich für den Mut ihrer Ueberzeugungen verbrennen ließen, was, Hand aufs +Herz, doch nicht jeder tut. Wenn heute ein Seetier ans Land kriecht, +das einen Leib wie eine Walze hat, vier flossenhafte Füße und einen +lustigen klugen Hundskopf ohne Hunde-Ohren, so sagt der kleine Junge +auf der Düne schon: ein Seehund. Der Weise von Anno dazumal sagte: aha, +ein Meerweibchen, -- ging nach Hause und zeichnete ein Ungetüm, hinten +Fisch, vorne Mensch. Und der Weise schrieb gleichzeitig ein Buch über +die Heiligkeit der Wahrheit, während der kleine Bengel täglich noch +Prügel bekommt wegen absichtlichen Lügens✹..... + +Von dieser moralischen Betrachtung aus bedarf es durchaus keines Salto +mortale, um auf die Nebelflecke zu kommen. + +Ein Nebelfleck im Fernrohr ist von Anfang an ein wahres Zwitterding an +der Grenze von Sehen und Phantasieren noch in ganz besonders erhöhtem +Sinne gewesen. Ein Lichtwölkchen, eben angedeutet, zerfließend, +verdämmernd. Und das sollte nun einer mit rohen Zeichenmitteln aufs +Papier bannen! Man versuche doch eine gewöhnliche blasse Federwolke +unseres Tageshimmels „exakt“ nachzuzeichnen. Mancher, der sich gar +geschickt dünkt, wird sich als Polonius, der Kamele zeichnet, dabei +ertappen. + +Gleich die ersten Nebelforscher, die auf den alten Simon Marius +folgten, erkannten eins deutlich: die Nebelflecke sahen unbedingt nicht +alle gleich aus. + +Das einfache Bild einer Linse, wie es aus der Andromeda glänzte, war +nicht das absolute. Bald dieser, bald jener kühne Pionier in dem neuen +Weltenwalde brachte eine völlig andersartige Zeichnung mit. + +Da erschien auf dem Papier ein Nebel, der anzuschauen war wie der +griechische Buchstabe Omega. Einer trat in Gestalt eines Krebses auf, +einer sollte einer Hantel oder (nach andern) einem Ei mit doppeltem +Dotter gleichen. + +Wieder andere sahen täuschend aus wie eine losrollende Spirale, eine +Uhrfeder etwa, bis zu dem Bilde eines platzenden Schwärmers und +ähnlicher Feuerwerkskörper. + +Und der Anhänger der Kant’schen Ideen sah sich mit einiger Unruhe +sogar einer Figur gegenüber, die aus dem Sternbild der Leier (nahe +dem herrlichen Sterne Wega) stammte und ganz unzweideutig einen +regelrechten geschlossenen Ring bildete, -- just so, wie die +Milchstraße von fern nun doch aussehen würde, wenn sie eben ein echter +Sternenring wäre. + +Fragte sich nun bloß, ob diese hübsche Musterkarte stichhaltig sei vor +den Augen mehrerer Beobachter. + +Als diese sich allmählich meldeten, schien die Sache allerdings fast +überall zu hapern. Was der eine so sah, sah der andere total anders. +Wo der eine eine Spirale malte, malte jener ein Billardspiel loser +Nebelkugeln. Sah einer wenig, etwa nur ein Streifchen oder dünnes +Viereck, so setzte der nächste einen Spiralschweif daran, der abermals +folgende aber kassierte wieder die Details. Ganz vorsichtige Kritiker +verfehlten nicht, den Bankrott aller vorhandenen Nebelbilder überhaupt +als noch einmal möglich zu prophezeien. Und besonders die ganz +extravaganten Fratzen sollten mehr Menschen- als Himmelsphantasie sein. + +In all diese Mühen, Zweifel und Wunder, aus denen einstweilen gar keine +Theorie recht Kapital zu schlagen wußte, platzte nun ebenfalls wie eine +Bombe jene große neue Erfindung, die für die Anzahl und Verbreitung der +Nebel so wichtig geworden war: die Photographie. + +Jedermann weiß, daß auch die photographische Platte noch nicht das +vollkommene Ideal der schwindelfreien Wahrheits-Wiedergabe ist. Auch +sie hat noch ihr Lügenrezept, obwohl es nicht mehr aus dem Unbewußten +schöpft. Wie sie heute ist, ist sie sozusagen noch ein etwas dreckiges +Auge. Aber bei alledem ist der Fortschritt kolossal, ja über jede +Erwartung. Und er war es auch für die Festnagelung der Nebelformen. + +Man legte sich im großen Stil ins Zeug. Eine halbe Nacht wurde die +Platte genau auf den Nebel eingestellt, dann tagsüber peinlich genau +verhüllt und die nächste Nacht nochmals fast ebenso lange exponiert. +Jetzt gab es unzweideutig sicherere Bilder, ohne Phantasie, Vorurteil +und Augentatterich aufs Papier geprägt. Die Ueberraschungen drängten +sich. + +Da war beispielsweise gleich der bewußte Nebel in Ringgestalt aus der +Leier. Seit man mit dem anderen chemischen Auge, dem Prismaglas der +Spektral-Analyse, die Nebel aufs Korn genommen, war er allerdings +der Kant’schen Milchstraßen-Theorie schon von dort her ziemlich +ungefährlich geworden. Denn er bestand nachgewiesenermaßen aus +echtem Gas, zählte also zu den so wie so jetzt beweisunkräftigen +Nebelmassen. Immerhin war aber seine Ringform selber ein Aergernis, +das die bösen Zweifler lockte, wenn es so schwarz auf weiß im Buche +stand. Die photographische Platte lieferte jetzt den Beweis, daß man +sich mit diesem starren Individualisten auch der Form wegen besser +in gar keiner allgemeinen Theorie beschäftigte. Schon das Fernrohr +hatte im Innern des länglichen Ringes gelegentlich ein zentrales +Sternchen gezeigt, das möglicherweise hineingehörte. Daraus machte +die Platte einen großen, im Ring umschlossenen inneren Nebelfleck, +der auf der Photographie wirksamer sogar war als der Ring selbst. +Warum sah man ihn mit unserm Auge trotz aller Rohre nicht? Dieser +Zentralkörper warf einfach Lichtstrahlen aus, auf die unser Sehnerv +nicht mehr eingerichtet ist: jene berühmten ultravioletten Strahlen, +die zwar auf der photographischen Platte einen Eindruck hinterlassen, +den wir dort als Ergebnis dann auch gewahren, -- die als unmittelbar +einfallende Lichtwirkung unser Auge aber blind finden. Kein Physiker +hat zur Zeit eine Ahnung, was das für eine Sorte Weltkörper sein kann, +die da leuchtet. Ist dieses ganze Gebilde doch vielleicht kein Ring, +sondern eine einheitliche Gaskugel, deren Schichten sich aber in der +Art ihres Leuchtens, ihrer Phosphoreszenz im früher angedeuteten +Sinne, unterscheiden? Einstweilen reißt mit diesem Funde jedes Band. +Mit unserm Milchstraßen-System hat dieser krause Geselle mit seinem +ultravioletten Gas-Herzen jedenfalls gar nichts zu tun, weder so, noch +so. Hier waren die Andromeda-Freunde in Kants Sinne also glänzend noch +einmal wieder gerettet. + +Doch auch bei den Platten war noch nicht aller Tage Abend. + +Nach dem Ring kamen die Spiralen, die Frösche und Schwärmer an die +Reihe. Sie waren ja nicht ganz so unbequem wie der nackte Ring. Aber +schließlich ist eine Spirale, wenn sie einigermaßen regelmäßig ist, +einem Ring immer noch ähnlicher als eine solide Scheibe oder Linse. + +In Anbetracht dessen war es Musik in den Ohren der strengen Kantianer +gewesen, als ein äußerst gewissenhafter neuerer Kritiker, der Astronom +Tempel, gerade diese Spiralnebel, die sich in der Zeit nach Herschel +gar aufdringlich vorgetan, schlechthin hatte aus der Welt schaffen +wollen als „Phantasietrug“. Tempel war ein Wunderkind im Gebiete der +menschlichen Netzhaut. Vom Lithographen zum Sternforscher war er +wesentlich heraufgekommen eben wegen seiner einzigartigen körperlichen +Sehschärfe. Er sah das Doppelte fast seiner Kollegen -- und gerade mit +diesem Doppelten leugnete er die Spiralform bei Nebeln. + +Wir Menschen, meinte er, sind nun einmal unverbesserliche Aesthetiker. +In Fleisch und Blut stecken uns rhythmische Gebilde. In ein Chaos sehen +wir Kunstfiguren hinein. So soll eine chaotisch versprühte Lichtmaterie +gleich einem Feuerwerkskörper ähneln, wie ihn unsere Kunst baut. Aber +wir beschwindeln uns, und alle Nebelspiralen, so nett sie im Buche +aussehen, sind solche mit Phantasiezutat erschwindelten „Kunstformen +der Natur“. + +Hinter solchem Zweifel steckt im Grunde ja eine Weltanschauung. Die +Weltanschauung der Angst, es könnte in der Natur irgendwo rhythmische, +ästhetisch schöne Gebilde geben auch ohne Zutun des Menschen. Es +gibt Leute, die meinen, ihre ganze freie Naturauffassung falle in +Mystik zurück, wenn so etwas möglich sei, -- wobei die guten Leute +nur leider vergessen, daß sie selber ja den Menschen aus dieser Natur +hervorwachsen lassen und also in ihm schließlich doch an das Wunder +glauben, daß die Natur auf natürlichem Wege rhythmische Kunstgebilde +schaffe. Doch das jetzt beiseite. + +Sachlich hatte Tempel in seinem Falle sogar guten Grund zur Skepsis, -- +das heißt bis zu dem Tage, da die Photographie auch hier ohne Rücksicht +auf Sachlichkeit oder Weltanschauung des einen oder andern die Sache +selbstherrlich in die Hand nahm. + +Mochte nun im Weltall Kunstfeuerwerke abbrennen, wer wollte: bessere +Schwärmer und Frösche, als jetzt in korrektester Spiralform auf den +photographischen Platten wirklich erschienen, ließen sich einfach nicht +ausdenken, -- trotz Tempel. + +Es gab Spiralnebel genau im Sinne der brauchbaren älteren Zeichnungen. +Man denke sich, um das Bild klar zu bekommen, einen nebelhaft glühenden +Hauptkörper, eine Kugel etwa. Von dieser Kugel wickeln sich Arme los. +Einmal etwa genau zwei, links einer, rechts einer. Jeder ist nach der +entgegengesetzten Seite krumm gebogen. Oder es gehen drei solcher +Schweife in Windrosenlage ab, also in regelmäßiger Stellung wie +arabeskenhaft geschweifte Radspeichen. Oder: von dem Hauptkörper rollt +sich ein einziger fast gleich dicker Arm wurmhaft heraus und umkringelt +ihn als einzelner Spiralstreifen fast vollständig, nur eine kleine +Oeffnung lassend. Oder endlich, noch verzwickter: von dem Zentralkörper +fließen mehrere solcher fast konzentrischen Spiral-Ringe aus, die sich +auch noch gegenseitig ein Stück weit umkringeln, dann aber, als sei die +Spirale verbogen, übereinander hinlaufen, sich schneiden und getrennt +endigen. Der eine oder der andere Arm hat dabei wohl noch die besondere +Eigenheit, an der offenen Spitze wie in einem Knopf in einen zweiten +Kernball auszulaufen. + +Und nun: -- gerade diese seltsamen Spiral-Nebel, einmal sicher als +vorhanden festgestellt, zeigten zwei weitere, im höchsten Grade +bemerkenswerte Eigenschaften. + +Zunächst fiel ihre Menge auf. Ging allmählich die Anzahl der +Nebelflecke überhaupt in die Tausende und Abertausende (über +7000 sind heute fest bestimmt, über 100000 werden mindestens als +Wahrscheinlichkeitsabschätzung vermutet), so vermehrte sich mit dem +Photographieren gerade die Zahl der unverkennbaren Spiralen aufs +überraschendste dabei. + +Dazu aber trat als weiterer Umstand, daß ausgesucht diese Spiralnebel +nicht aus Gas, sondern aus echten Sternen bestehen wollten, wo immer +die Spektral-Analyse ihnen zu Leibe ging. Ich habe schon den Nebel +im Sternbild der Jagdhunde einmal berührt, den Scheiner etwa 6½ +Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein läßt und entsprechend als +echte Milchstraßenwelt, als zweites, unabhängiges Weltsystem gleich dem +unserigen faßt. Nun denn: gerade dieser Jagdhund-Nebel war von allen +der erste, der sicher als Spirale erkannt wurde, schon vom Lord Rosse. +Seitdem ist auch er in Amerika photographiert und in seiner Gestalt +genau in Rosses Sinne bestätigt worden. + +Auch die Forschungs-Arabeske um den Andromeda-Nebel und unsere +Milchstraßenform nähert sich hier offenbar ihrer letzten, aber +bedenklichsten Spirale. + +Der Andromeda-Nebel schwebte noch einmal vor uns, gerettet als +selbständiges Milchstraßen-System. Aber mit ihm ist der Jagdhund-Nebel +auf dieselbe Deutung gerettet. Und dieser Jagdhund-Nebel ist keine +einheitliche Stern-Linse, sondern doch ein wenigstens annähernd +ringförmiges Gebilde: eine ungeheure Spirale aus Fixsternschwärmen. + +Wem gleicht nun endgültig unser eigenes Milchstraßensystem: der Linse +der Andromeda -- oder dem spiralig gewundenen Feuerwerkskörper der +Jagdhunde? + +Diese Doppel-Frage aber ist im Jahre 1888 durch Anwendung der +Himmelsphotographie nochmals vereinfacht und im Prinzip gelöst worden. +Der Andromeda-Nebel selbst wurde von Roberts photographiert. Und +die photographische Platte erwies ihn selber -- -- ebenfalls +als +Spiral-Nebel+. + +Es war eine der ersten Errungenschaften des Nebel-Photographierens, daß +es uns auf eine bestimmte Möglichkeit bei den Spiralnebeln überhaupt +aufmerksam machte. + +Nehmen wir eine platte Uhrfeder. Und bringen wir diese platte Spirale +in verschiedene Lagen zu unserm Gesichtsfeld. Es ergibt sich, daß +bei bestimmten Lagen das Erkennen der Spirale schwer, ja zuletzt +geradezu unmöglich wird. Wenn ich genau gegen die Kante der Spirale +sehe, so sehe ich nur mehr ein senkrechtes Streifchen, -- genau wie +beim senkrechten Blick auf den gekerbten Rand eines Markstückes. Aber +auch wenn ich die Spirale etwas mit der Fläche um die Ecke lugen +lasse, sehe ich gerade die Spiral-Natur noch nicht als solche. Die +Spiralringe schieben sich ja perspektivisch so aneinander, daß ich +einen geschlossenen Körper zu sehen glaube. Ein solides Markstück, +ebenso ein wenig um die Ecke balanciert, schaut tatsächlich noch genau +so aus. Und erst ein ungemein scharfer Blick würde schließlich die +ganz feine Zeichnung der aneinandergeschobenen Spiralreifen doch in der +Fläche noch herausfinden können und so die wahre Natur enträtseln. + +Aus dieser Betrachtung folgt, daß auch Spiralnebel im Raum, die mit der +schmalen Kante senkrecht gegen uns stehen, uns bloß als leuchtendes +Streifchen, solche aber, die ein wenig mehr schräg stehen, als schmale +Spindel, Scheibe, Linse erscheinen müssen. Und erst eine kolossal +verschärfte Detailschau würde wenigstens im letzteren Falle noch gerade +die Spiralnatur enthüllen aus feinsten Linienandeutungen, spiralig +gewundenen Strichen in der Scheibe oder Linse. Eben diese Detailschau +nun hat die Photographie uns beim Andromeda-Nebel ermöglicht. + +Schon längst hatten scharfe Beobachter im Fernrohr etwas in dem +Linsenscheibchen dieses Nebels wie eine feine Struktur gesehen, -- eine +Art dämmerhaft angedeuteten engeren Grundrisses. Im Mittelpunkt schien +eine undeutlich begrenzte Verdichtung sich merkbar zu machen. + +Dann sah Trouvelot in Washington mit einem besonders brauchbaren Rohr +zwei dunkle Streifen, die den Nebel fast längelang durchsetzten. + +Was sollte das sein? + +Die Skepsis im Sinne Tempels sagte: Augentäuschung. Das Auge der +photographischen Platte aber sah den Dingen auf den Grund. + +Auf der Photographie erscheint die ganze Nebel-Linse mit einer +endgiltig durchschlagenden Unzweideutigkeit als eine -- Spirale in +außerordentlich schiefer Projektion. + +In der Mitte genau wie bei dem Nebel der Jagdhunde ein Zentral-Ball. +Von ihm sich loswindend mehrere riesige Spiralenarme, die an sich +offenbar frei herum greifen, für unsere zufällige Beobachterstelle +auf der Erde aber so aneinandergeschoben sind, daß ihre Zwischenräume +nur mehr als ganz feine, dunkle, elliptische Längsbogen die schmale +Gesamtlinse durchsetzen. + +Mit diesem Funde war die Kant’sche Idee inmitten ihres vollen Triumphes +noch einmal geschlagen. + +Es gab ferne Welteninseln gleich unserm ganzen Milchstraßensystem. +Aber es gab sie nur in Spiralform. Auch der Andromeda-Nebel wies diese +Form. Wir wußten aus der Spektral-Analyse, daß er aus einem unendlichen +Gewimmel sonnenähnlicher Fixsterne bestand. Aber diese Fixsterne +durchwimmelten nicht eine einheitliche Linse, die, vom Mittelpunkt +angesehen, das rein perspektivische Bild eines Milchstraßenringes +ergab, sondern im Mittelpunkt schwebte zunächst ein rundlicher, oben +und unten abgeplatteter Sternhaufen. Von ihm aber ging in flacher +Ebene ein spiralig gewundener Strom weiterer Fixsterne aus, der die +Zentralmasse im ganzen nun doch wirklich ringförmig umgürtete. Freilich +nicht als regelmäßiger Ring. Denn in Wahrheit schoben sich ja mehrere +Spiralreifen hintereinander darin mit dunklen Zwischenräumen. + +Kant selbst hätte als ehrlicher Logiker vor dieser völlig verwandelten +Sachlage zugeben müssen, daß seinem ganzen Ideengang die sachliche +Grundlage unter den Füßen fortgezogen sei. Und nur eins konnte er +schließlich noch vorbringen. + +Die Nebelflecke -- das Wort einmal für das Ganze gebraucht -- hatten +ja doch verschiedene Gestalt. Warum sollten nicht auch neben jenen +spiralförmigen Weltnebeln tatsächlich noch anders geformte existieren? +Und warum sollte nicht gerade unser Fixsternsystem anders gebaut sein? +Wenn die Milchstraße sich so hübsch auch aus einer Linsengestalt mit +gleichmäßiger Sternverteilung erklären ließ: warum sollten wir nicht +Linsengestalt trotz so und so vieler spiraliger Brüder im All besitzen? + +Dieser neue Schluß wäre eine Rettung, -- aber eine äußerst dürftige, +wie man sieht. Die sichtbaren Nebelwelten, die früher ein Glied der +Schlußkette waren, das erklärte, sind jetzt ein Ballast, der selber mit +Mühe forterklärt werden muß. Aber es bedarf der ganzen Spitzfindigkeit +zum Glück nicht. Denn ein allerletzter Schleier reißt: und damit ist +die Situation klar. + +Denken wir uns doch noch auf einen Augenblick in jenen wirklichen +Spiralnebel der Andromeda so hinein, wie wir es früher taten, als +wir ihn für eine einheitliche Sternenlinse hielten. Stellen wir uns +beobachtende Menschen vor auf einem Weltkörper fast oder ganz im +Mittelpunkt. + +Wie würden sie den Himmel jetzt sehen? + +Sie befänden sich zunächst im Mittelpunkt des inneren Sternhaufens, +jener glänzenden Mittelstelle im Nebel. Nach allen Seiten ständen +Sterne, viele groß und nah, und alle immerhin so, daß nirgendwo ein +Gedränge nach Milchstraßenart entstände, da der Sternhaufen vielleicht +abgeplattet, aber immer doch noch annähernd eine Kugel wäre. Aber in +bestimmter Ebene erschiene gleichwohl eine solche Milchstraße als +größter Kreis rings um den Himmel. Das wäre nämlich jetzt das ganze +Spiralsystem, dessen Ringe sich so glatt hintereinanderlegten, daß sie +von innen nur mehr als einziger Reifen erschienen. Immerhin würde eine +gewisse Ungleichheit in dieser Milchstraße sich bemerkbar machen. Denn +die Spirale kommt ja doch an einer Stelle aus dem Zentralfixsternhaufen +heraus und verläuft an einer anderen ins Weite. Eine Seite der +Milchstraße würde näher aussehen, sich leichter noch in Sterne auflösen +lassen: die, wo die Spirale sich von der Mitte losringt, -- eine andere +umgekehrt verlöre sich mehr in völlige Milch. Und selbst das könnte +recht wohl noch weit überboten werden durch einen zweiten Umstand. + +Die Spirale mit ihren Windungen liegt in diesen Nebeln anscheinend, +wie gesagt, flach in einer und derselben Ebene. Aber sie könnte für +den engeren Anblick gleichwohl sehr gut wenigstens gewisse kleinere +Verschiebungen auch über die Horizontallage hinaus besitzen. + +Dann würde die von ihr gebildete Milchstraße einer solchen Welt die +Spuren davon zeigen in Gestalt von Spalten, von dunklen Lücken. + +Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen, +würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer +kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes, +in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen +dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale +schließen, -- niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße +für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im +Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten, +durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse +müßte durchsetzt sein mit tiefen Röhren und, -- abgesehen von dieser +Verschiebung schon des ganzen Bildes, -- wie sollte man sich das im +Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß +er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur +schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt✹..... + +Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das +alte liebe Silberband. + +Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde +überwallt. + +Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, -- oder +wirklich hier? + +Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere +Milchstraße✹..... + +Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort +wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle +Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz +gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen. + +Schon das schlichte Auge sieht das, -- einem Kinde kann man es +zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In +wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, -- +dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh +in den schwarzen Raum. + +So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der +Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten. +Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige +Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in +seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem +Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen. + +Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls. + +Kant hat unrecht -- und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem +des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas +lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt, +unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse, +sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure +Spirale aus Millionen Fixsternsonnen umwindet. Und unsere Schau in die +Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich +teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander. + +Ein in seiner Größe fast grausiges Bild. + +Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen +ergießt, wird nicht ruhen. + +Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion +fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich +auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger. + +Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein +unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der +Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder +Traum✹..... + +Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über +mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen. + +Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt. + +Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister +meines Hirns. + +Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich. + +Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren +Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen +Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich. +Warum bangt dir vor dir selbst? + +Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten +finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste +moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und +Höllenwelt des Dante war. + +Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine +Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie +wieder -- als Schönheitslinie. + +Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit. +Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale +Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden +schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es +liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses Armes +noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er: +Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs. +Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese +Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich +selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer, +weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt +sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu +verfallen. + +Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das +gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese +jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie +schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt, +nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell. + +Warum das alles? + +Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die +Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume✹..... + +Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit. + +Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens, +in dieser ungeheuren Natur, -- vom Andromeda-Nebel bis zum +prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir? + +Ein Narr fragt viel. + +Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des +menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen, +denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit +irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder +den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr +abbog, höheren Sternen und Ideen zu. + +Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und +fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform +hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns. + + + + +Die Entstehung der deutschen Landschaft. + +Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt. + + +Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde +beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne +Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge. + +Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne +Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was +frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit +vergleichenden Landschaftsstudiums. + +Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende +einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt +lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche +Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während +das Auge den Totaleindruck erlebt. + +In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden +Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis +zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt. + +Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz +hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten +Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher, +denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen +des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich +Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen. + +Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger +Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen Birkenalleen: +die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins +deutsche Land. + +Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen +wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern. + +Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die +blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die +Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens +auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist. + +Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit +ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil +wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform, +die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee +Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar +zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang +der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes +Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten, +wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales +Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als +ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist +die _Linnaea borealis_, das eigene Patenkind des großen Linné +bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern +ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des +Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien +findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede. + +Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach +werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft. + +Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen +rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen +deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif +war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen. + +Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu. + +Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere +Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als +Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr +wußte. + +Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem +stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine +starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen +Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam +gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben +enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine +Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden +den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden +Bernstein. + +Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des +Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das +packend. + +Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die +Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die +Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder +reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im +Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln +sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie +mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es +ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt, +wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen +Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los. +Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die +Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den +Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“ + +Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, -- sagen wir +heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem +Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig +Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt +ein ewiges Streitgebiet der Natur, von dem man nicht weiß, ist es +noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln +oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie, +Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei +der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit +dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die +Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt, +denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse +flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen +ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und +die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der +Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke +überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“ + +In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk +von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu +zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend +Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren +Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen +feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur. + +Das ist das hergebrachte Geschichtsbild. + +Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen +nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie +viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren. + +Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen. + +Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu +sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer +mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge +schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um +Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen, +planetengroßen Weltgeschichte, -- nicht als ledern begrifflicher +Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren +Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine +Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da, +sonst wüßten wir es nicht. Nur um feine Schleier handelt es sich, die +aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein +der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen +Schleiern. + +Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr +Grund. + +Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den +Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten +Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne +folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine +Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block +Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser +Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen +den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald. +Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich +das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken. + +Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl. + +Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist +als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld. + +Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter +Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der +Weltentwickelung an als wir selbst. + +Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer +faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben +und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen ++Zusammensturzes+. Und doch zielen alle neueren geologischen +Gedanken mehr oder minder dahin. + +Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte, +sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit +Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig +gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt +Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr +man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe, +bis endlich in der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen +war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau +umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen. + +Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden +Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern +etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese +und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen +entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter +dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie +Pfeiler und Berge darüberragen. + +Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war +aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien +Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im +Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete +sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der +Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden +Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen +Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen +Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche +dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue +Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde +mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu +den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu +haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem +Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über +die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle +der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar. + +Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue +Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung +zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus +ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet, +und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die +nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld. + +In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus +geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde. + +Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der +Erdgeschichte sich vollzogen haben, -- nicht ruckweise natürlich als +wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung +und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal +glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen +auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren +solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier +sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler +stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher +Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen, +sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und +Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben. + +Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein +geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor, +eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten. + +Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich +mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder +abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem +Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels +war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und +Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem +Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene +hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung. +Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das +in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als +Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und +zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in +den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe +lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch +das Tiefland kam, bis das Meer voll war. + +Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte +schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich +herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und +so viel Meter +unter+ der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig +dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten +längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so +und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß. + +Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie +der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt. +Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter +Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd +wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer +Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich +notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt. + +Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen +Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den +Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe. + +Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein +dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station, +daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus +schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das +Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die _Linnaea +borealis_ blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu +den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand, +das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen +lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel +am Tiberstrand. + +Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle +um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet +als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund. +Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche, +wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken +Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, -- +hier das dumpfe Deuten von der Tiefe her. Das Deuten, das meldet: +alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die +Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die +Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie +vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, -- der +flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher +Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“ +sein, -- Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten, +wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in +Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck. + +Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner +Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und +Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten. + +Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen +Birkenebene. + +Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf +der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt +hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer +Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von +einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute +unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans +hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns, +die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen. +Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu +Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen. + +In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht +vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde +nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere. +Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er +ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er +sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von +Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein +Bruchmaterial weit verschleppt. + +Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter +Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in +die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes +ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu +acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst +jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten +über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da +unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische +Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig +gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie +kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den +Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten +Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort +und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse +winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich +häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke +werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide. + +Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große +Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die +blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst +aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder +mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der +sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist +nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht +von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der +böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes +Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein +die Alpen nach Holland schleppt. + +Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich +zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß, +ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und +auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine +Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich +beschieden hat: der Umdrehung der Kugel, den Schwankungen und +Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit +dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los. + +Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der +Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen. + +Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme +erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die +selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog +sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben +vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann +wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren +Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht +gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die +Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während +jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter +nach den Polen trieb. + +Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht +bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch +betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren +Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade +damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen +und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen. + +Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen +Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt +das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen +bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah, +aber schon hinter ihr. + +Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter +uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines +Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von +unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den +gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit +nach Thüringen und Sachsen zurückbringt. + +Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten. +Mich faßte ein neues Bild. + +Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches +Land im Fernrohr schaute. + +Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland. +Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus +dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das +Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen: +kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders +reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte. + +Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen +Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium +wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so +faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten +Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation +an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars +(und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche +Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs +gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll. + +Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß +verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart. + +Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer +solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit +Abendhintergrund. + +Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen +vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden +Qualmes hinein. + +Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen, +glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen -- Urwaldbäumen, +jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu +unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel +nähere Etage über der Ebene bildend. + +Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine +Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die +zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch +damals bestand? + +Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser +Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als +„Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle +des heutigen Lebens. + +Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für +diese Geisterstunde noch einmal empor. + +Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz +Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte +bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie +jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, -- ein mystisches Schattenbild +der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die +menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den +Menschengeist selbst. + +War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der +sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe +der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden +Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften +Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten? + +Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne, +einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit +Deutschlands geglüht hatte✹..... + +Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos +eilende Zug schon die Scene jäh geändert. + +Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die +letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende +Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von +Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser +Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde +vor: der Farrnkräuter. + +In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische +Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes oder je +nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche +Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen. + +Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste +dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte +Steinkohlen-Urwald selbst. + +Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder +kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben, +aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das +Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp +und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen, +auch die oberste. + +Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne +niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der +heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe. +Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin +Raum zum Herbergen. + +Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit +grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten +Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen +hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als +schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der +Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern +Stammdicke sich wälzten. + +Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende +bei uns genommen. + +Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem +Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland, +das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die +Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller +aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, -- so +empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit +über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch +ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der +Individuen. + +Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht +unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst wir +mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein +Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen +unserer Heimat geworden. + +Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der +Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist +heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, -- der eine +sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen, +-- der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung +zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone +vorkommen. Da kann man nun wählen. + +Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur +umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten, +die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener +Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer +Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen! + +In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut, +-- ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher +Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit. + +Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im +ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist. + +Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die +Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus +dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute +keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt +zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der +reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom +Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das +hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern. + +Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und +oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene +Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt. + +Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die +deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich zweifelhaft +sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in +Kiefer, Fichte und Tanne -- oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder +Birke. + +Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen +zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner +Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu +ertragen. + +Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden, +wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als +„Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden. +Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür +kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein +echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das +Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des +Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß +gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen. +Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur +nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch +geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas. + +Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da +das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil +ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit +Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne +durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut +der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre +Regsamkeit, ihre Daseinsenergie. + +Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte +des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau +auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der +großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch +herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von +denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß +gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen +Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste +Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale beste Anpassung sich vom +Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als +dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie +dem standgehalten haben. + +In der noch späteren Tertiär-Zeit besteht kein Zweifel, daß Deutschland +ein geradezu heißes Klima wirklich hatte, prachtvolle Fächerpalmen, +Drachenbäume und Bananen grünten bei uns, in denen Affen kletterten +und zu denen die Giraffe ihren langen Hals aufstreckte. In deutschen +Braunkohlenlagern der mittleren Tertiär-Zeit ragen riesige Stämme, +die das Nadelholz in Gestalt der schönen Sumpfcypresse zeigen, wie +sie heute nur noch in Amerika vorkommt. Bei Groß-Reschen in der +Niederlausitz ist die bekannteste Fundstelle, dort stehen die ganzen +Stümpfe noch in der Tiefe, als sei eben erst ein tausendjähriger Forst +abgehackt worden. Auch unser Bernstein ist nichts anderes als das +versteinerte Harz einer tertiären deutschen Fichte, -- wie unglaublich +groß müssen aber diese Nadelholzwälder damals gewesen sein, wenn man +der Bernsteinmassen gedenkt, die das Meer seit Plinius’ Tagen an die +Küsten treibt und die aus dieser Küste gegraben werden. + +Dieser Wärmeanpassung des Weihnachtswaldes hat erst wieder die Eiszeit +ein Ende gemacht. Als sie ganz Norddeutschland unter Grönlandeis +warf, mußte dort wenigstens auch der Fichtenwald fliehen. Als sie +wich, kam er aber erst recht zurück, denn es kehrte ja für ihn gerade +die Temperatur wieder, die vielleicht sein Ausgangspunkt war: die +gemäßigte. Und nur eins machte ihm vorübergehend noch einmal Not, -- +doch davon gleich. + +Blieb so die Flora der deutschen Reptilien-Groß-Zeit in gewissem Sinne +durch ihre Zähigkeit uns bis heute treu, so ist das Tiervolk von damals +dafür um so gründlicher gesunken. Die elefantengroßen, hausgroßen +Saurier sind verschwunden, das traf aber Deutschland nicht allein, +sondern die ganze Erde. Nur in zwei urweltlich kolossalen Gruppen ist +diese Hochblüte der Reptilien ja überhaupt lebend auf uns gekommen: +als Krokodil und als Riesenschildkröte. Beide waren Deutschland noch +in jener Tertiär-Zeit, als es mit allen Ichthyosauriern und Iguanodons +längst alle war, treu: bei Ulm krochen Landschildkröten mit zolldicken +Panzerplatten, zwischen Mainz und Darmstadt schwamm der Alligator. +Dann aber hat die Eiszeit hier eine Aufräumearbeit von unerbittlicher +Gründlichkeit besorgt. + +Im ganzen und auch für die allerkleinsten Formen hat sie unsere +Eidechsen-, Schlangen- und Schildkrötenwelt auf einen Nullpunkt +gebracht (ihr Nullpunkt im Klima wurde für diese armen wechselwarmen +Sonnenkinder ja auch Nullpunkt jeglicher Blut- und Lebenswärme), von +dem diese sich bis heute nicht eigentlich erholt hat. + +Das Reptil als auffälliges Charaktertier der Landschaft existiert für +ganz Deutschland nicht mehr. + +Wenn man über die Alpenmauer nach Italien wandert, so ist ein erstes +charakteristisches Anzeichen der zum Mittelmeer sich wendenden +italienischen Landschaft das emsige Geschwänzel der Eidechslein auf +jeder Bruchsteinmauer. Es sind keine Lindwurm-Saurier mehr, aber +man empfindet doch, daß man in einer Gegend ist, die wenigstens ihr +kleines Reptilvolk nie verloren hat. Ich bin persönlich (vielleicht +im Gegensatz zu vielen Lesern) ein großer Freund der Eidechsen und +empfinde einen ästhetischen Verlust der Landschaft da, wo sie spärlich +werden. + +Radikal herausgewalzt aus unserer Heimat durch die große Frostwalze +der Mammutzeit, ist das Reptilvolk erst in der folgenden wieder +milderen Epoche, sozusagen innerhalb also schon unserer „deutschen +Geschichte“, ganz langsam und hier und da von Süden her wieder zu uns +hereingekrochen. An einer größeren Rückwanderung hat freilich die +Alpenmauer gehemmt. Wo eine solche ostwestliche Barriere nicht bestand, +wie in Nordamerika, das zu großen Teilen doch auch seine Eiszeit +durchgemacht hat, ist der Norden wieder ohne viel Mühe reptilienreich +geworden. Bei uns kann man noch jetzt ziemlich genau beobachten, wie +die großen südnördlichen Flußtäler nicht bloß den Wanderungen der +Menschen, sondern auch denen der Schlangen und Eidechsen noch am +ehesten geholfen haben, -- vor allem das Rheintal, an dem sich Schritt +für Schritt noch gegenwärtig fortbestehende Stationen der südnördlichen +Einwanderung von Schlangen und Eidechsen nachweisen lassen. + +Was sonst noch Fremdartigeres im Nadelwalde der Saurierzeit bei uns +räuberte, ist so gut wie ganz verschollen. + +Der Ur-Vogel Archäopteryx liegt nur noch im zierlichen Stein-Abdruck +vor. + +Selbst der famose _Ceratites nodosus_ hat uns für immer verlassen +und mit uns die Welt überhaupt. Es war ein großer Tintenfisch, der +in einer hübschen gedrehten Schale saß wie heute der Nautilus auf +Amboina. Er lebte im Meer, und Meer mußte die deutsche Scholle decken, +wenn er hinkommen und seine Gehäuse auf ihr ablagern sollte. Aber es +ist drollig, wie dieser alte Krake sich dabei mit der auffälligsten +Konsequenz wirklich immer nur auf solchem Boden gehalten hat, der +später einmal deutsch werden sollte, -- mit Ausnahme eines ganz kleinen +Streifchens Frankreich, von dem er jedenfalls annahm, es würde noch +einmal annektiert werden. Auf diesem Deutschboden vermehrte er sich +mit Glück in wahrhaft biblischer Weise und hinterließ ungeheuerliche +Schalenmassen, -- sonst bekam ihn kein Erdenfleck zu sehen. Schon +Leopold von Buch hat den guten Witz von ihm gemacht, daß er um seiner +prophetischen Treue willen verdiene, ins deutsche Wappen aufgenommen zu +werden. + +Durch das offene Fenster meines Coupés träumte ich in die milde +Frühlingsnacht hinein von Primeln und Anemonen in den dunklen +Wiesengründen. + +Dann stieg der Mond höher und tauchte die Zweige am Bahndamm in ein +Silberlicht, als ginge die Fahrt durch eitel blühende Kirschbäume. + +Wunderliche Vorstellung, daß unsere Landschaft einmal keine Blumen +hatte! + +Die Primelwiese, der Veilchengrund, die rote Heide und der goldene +Caltha-palustris-Sumpf, Dornröschen und der Lenzschnee der süddeutschen +Obstgärten: sie alle sind eine späte, eine verhältnismäßig junge +Erfindung der Natur, gegen die das Farrnkraut und die Kiefer ehrwürdige +Patriarchen sind. + +Abermals ist es eine höhere geologische Schicht, die durch dieses bunte +Blütenparadies der deutschen Landschaft schneidet. Sie geht nur mehr +bis auf die zweite Hälfte der sogenannten Kreide-Zeit zurück. + +Weite Gebiete Deutschlands waren damals Tiefsee. Aber aus dem Ozean +hoben sich gegen Schlesien und Böhmen zu Länder mit reichem Waldstand. +Und wieder hatte in diesem Waldstand sich ein Ruck vollzogen. Da war +zuerst aus dem Nadelholz ein Laubbaum geworden. Die Palme, die Magnolie +war „erfunden“ worden, und -- uns für heute interessanter -- die Eiche, +die Buche, die Kirsche. Neben die Nadel stellte sich das grüne Blatt, +doch ein anderes als das ehemalige des Farrnkrauts, das Eichenblatt und +Haselnußblatt, das Blatt des echten Laubbaumes. + +In jenem Bericht des Plinius erscheinen die deutschen Urwald-Eichen +wie die Türhüter der Ewigkeit am ersten Schöpfungstage in die Welt +gestellt und nun ewig fortgrünend. Auf einer Esche, also ebenfalls +einem Laubbaume, ruhte dem alten Deutschen selber die Welt. Der Blick +aber des Geologen sucht in der größten Eiche und Esche doch immer +nur das Kind, die Jugend dieser Landschaft, neben dem der blaugraue +Nadel-Wacholder ein Greis und gar Bärlapp und Farrnkraut gespenstische +Urahnen sind. + +Aber wiederum die Eiche selbst und der Haselstrauch in ihrem Schatten +sind alt gegen das Maiglöckchen, das verborgen im Schatten dieses +Haselstrauches blüht. Das Maiglöckchen und die Dornrose und der +weiße Flieder, so viel alter romantischer Zauber sie nun wieder +umspinnen mag, sind erst recht ganz die Jungen und die Neuen in dieser +geologischen Schichtung unserer Landesvegetation. + +Eine Liebesgeschichte mischt sich hier ein. + +Der Haselbusch macht es noch genau so wie die Kiefer: er streut seinen +goldenen Blütenstaub vom Kätzchen dem Wind in die Arme und läßt ihn +so zur weiblichen Blüte tragen. So hatten es die ersten Laubbäume +der Kreidezeit alle noch gelernt. Aber diese Kreidezeit war lang, +endlos lang. Und so glückte noch in ihr vor Schluß eine zweite, für +das Landschaftsbild reichlich ebenso wichtige „Erfindung“ wie die des +grünen Laub-Blattes. + +Früh mit dem Farrnblatt in der Steinkohlen-Zeit waren die Insekten +entstanden. Während die Saurier zu Goliaths wuchsen, blieben sie immer +relativ klein, aber dafür wurden sie beweglich, klug wie keine zweite +Tiergruppe der Urwelt. An diese Insekten paßte sich die Pflanze an. Sie +bepuderte die Fliege, die Biene mit ihrem Lebensstaub und ließ ihn +so zur weiblichen Blüte tragen. Das war unvergleichlich viel sicherer +als die Fahrt auf gut Glück mit dem Winde. Um das Insekt zu locken, +wurde das stäubende Kätzchen, das unscheinbare weibliche Blütlein zur +„Blume“, zum bunten, auffälligen Gebilde, das über seinen Honig ein +weithin prangendes Wirtshausschild hing, bald blau, bald rot, bald in +sinnreichster Reklame-Verbindung verschiedener Farben. + +Die Blätter hatten nach uraltem Pflanzenbrauch die grüne Farbe +mitübernommen, -- so machte es die Blume, um sich dagegen von fern +schon dem Insekt kenntlich zu machen, ausgesucht in möglichst +anderen Farben, als da sind Feuerlilien-Rot, Vergißmeinnicht-Blau, +Kirschen-Weiß und Löwenzahn-Gelb. + +Aus diesem Wettbewerb um immer wirksamere Reklameschilder des +Insekten-Wirtshauses mit dem Hintergedanken eines Briefstellers für +Liebende erwuchs der herrliche Blutteppich der „Heide“, der Erika, +in dem Westfalen glüht, -- es erwuchs der tiefblaue Kristallbecher +des Enzians am Riesengebirge, das Caltha-Gold von Worpswede und das +liebliche Gewebe blauer Anemonen und gelber Primeln an den Jura-Hängen +der schwäbischen Alb, unter deren Hut der Ichthyosaurus schläft. + +Das alles, wie gesagt, geschah noch im letzten Kapitel jener +tatenreichen Kreidezeit. Als im Tertiär die Bernsteinfichte ihre +goldenen Tränen weinte (sie träumte damals noch nicht von der Palme im +Süden, denn die stand noch in prangender Fülle neben ihr, eingewurzelt +wie sie im deutschen Lande), da rann dieses Harz schon um beide: die +Fliege als Liebespostillon und die Blume als Animierkneipe, -- beide +begegnen uns heute im Bernstein, zu dem das Fichtenharz sich verhärtet +hat. + +Einsam rasselte mein Zug durch die Nacht. + +Walpurgisschauer mochten durch den mondhellen Wald ziehen. Die Eulen +riefen ihr altes Wodanslied. Wodan und die Eisenbahn, -- mir war, als +stürze der Blick wieder durch Aeonen vom Aeltesten ins Jüngste ab. Und +doch ist auch diese Eule als Vogel ganz oben erst im Reigen. Den Vogel, +das Säugetier des heutigen Deutschland hat uns erst eben jene Zeit der +weinenden Bernstein-Fichte, die Tertiär-Zeit, geschenkt. + +Als der Alligator noch in den Sümpfen bei Mainz schwamm, da fielen +schon Scharen echter Enten dort auf dem Wasserspiegel ein. Um dieselbe +Zeit war am heutigen Hahnenberg bei Nördlingen im bayrischen Schwaben +ein Brutplatz des Pelikans. Längst offenbar war der Vogel vom +eidechsenschwänzigen Urgreif Archäopteryx damals also schlicht zu Ente +und Pelikan geworden. Heute kann der Pelikan selbst freilich nicht mehr +als deutscher Vogel gelten. Er verfliegt sich ab und zu noch einmal zu +uns, aber er brütet nirgendwo mehr. + +Der Verwandtschaft nach vielleicht unser altertümlichster deutscher +Vogel, den wir noch massenhaft haben (z.✹B. als wahren Nationalvogel +auf dem Müggelsee bei Friedrichshagen) ist der Haubensteißfuß. + +Denn eng an diese Taucher schließt sich ein geheimnisvolles Wesen, +dessen Knochenreste in Nordamerika in Gestein noch der Kreidezeit +gefunden worden sind, der „königliche Westvogel“ (_Hesperornis +regalis_), der, ein ganz flügelloser Haubensteißfuß von Gestalt, +doch im Schnabel noch eine Rinne hat, in der oben 28 und unten 66 echte +Zähne wurzelten -- eine Eigenschaft, die also noch deutlich an die +ebenfalls bezahnte Archäopteryx erinnerte. + +Umgekehrt unser ältester noch lebender Säuger ist ziemlich sicher kein +anderer als der Igel. + +Die überhaupt urweltlichste Säugetierform der Erde ist das australische +Schnabeltier, dessen sehr igelähnliche Landsorte (es gibt auch eine +im Wasser) heute im Herzen Deutschlands nur in einem lustigen Pärchen +des Berliner Zoologischen Gartens lebt. Dieses Schnabeltier legt noch +Eier wie die Eidechse, von der es (in allerdings noch sehr dunklem +Zusammenhang) zwischen dem Ende der Steinkohlenzeit und der Blüte der +Riesenreptile irgendwann und irgendwo entsprungen sein muß. Die nächst +höhere Stufe war dann das Beuteltier. + +In der ganzen Ichthyosaurus-Epoche war das Beuteltier das +Charaktersäugetier Europas, also ziemlich sicher auch Deutschlands; die +beweisendsten Knochenfunde sind zufällig in England gemacht worden, das +aber durchaus mit dem Kontinente sonst übereinstimmte. Nach heutigem +Maß muß es der Landschaft einen australischen Charakter verliehen +haben. Noch in der Tertiärzeit hatten wir die echte Beutelratte, das +heutige Opossum der Nordamerikaner, in Weisenau bei Mainz und in +Eckingen bei Ulm. Möglicherweise haben dem letzten deutschen Beutler +auch erst die Vorwehen der Eiszeit den Garaus gemacht. + +Im heutigen deutschen Klima würde allerdings ein Grund auf keinen Fall +stecken, daß wir nicht Känguruhs in der deutschen Heide haben sollten +so gut wie Kaninchen. Zweimal ist nämlich in den letzten Jahrzehnten +versucht worden, an dieser Stelle durch Menschenkunst das Rädlein der +Dinge noch einmal rückwärts zu drehen und dieses Stück Urwelt bei uns +leibhaftig wieder auferstehen zu lassen. Zuerst hat 1887 der Freiherr +von Böselager auf Heimerzheim im Rheinland Känguruhs frei in seinen +Wald gesetzt, und sie sind sofort wirklich „wild“ geworden wie die +Hasen, ohne sich durch den nordischen Winter irgendwie anfechten zu +lassen. + +In noch größerem Stil ist das dann seit 1889 dem Grafen Witzleben +im Buschwalde von Altdöbern in der Niederlausitz geglückt. Die +Känguruhs haben sich dort nicht nur regelrecht als freies Jagdtier +eingebürgert und fortgepflanzt, sondern sie haben sich auch mit dem +übrigen echtdeutschen Wild aufs beste vertragen. Witzleben preist +die Schmackhaftigkeit des Wildprets und besonders die Suppe aus +Känguruh-Schwanz. + +Wie die Dinge liegen, würde solche Verpflanzung übrigens mehr sein als +ein bißchen menschliches Hineinpfuschen in den Lauf der Erdgeschichte +nach rückwärts. Das Känguruh, eine der possierlichsten, malerisch +merkwürdigsten Tiergestalten der Erde, könnte nur so überhaupt auf +unsere Enkel gerettet werden, da es in Australien selbst hoffnungslos +der Ausrottung verfällt, ja in großen Gebieten schon verfallen ist. + +Als dritte Säugergruppe haben nun offenbar ganz früh schon unter +die Schnabler und Beutler der Saurierzeit sich die sogenannten +„Insektenfresser“ gemischt. Drei von denen sind uns treu geblieben: +der Igel, der Maulwurf und die Spitzmaus. Den Igel kennzeichnet sein +altertümliches, schnabeltierhaftes Stachelkleid als die urweltlichste +Form. Sehr wahrscheinlich gehört auch die Fledermaus noch eng hierher. +Ganz früh, fast an der Wende noch der Saurierepoche zur Tertiärzeit, +drei Millionen Jahre mindestens vor der Eiszeit, tritt sie völlig +unvermittelt fix und fertig auf, recht ein Rätseltier, dessen Ableitung +von den Ur-Säugetieren noch völlig dunkel ist. Ihre fruchtfressenden +tropischen Verwandten, die sogenannten „Fliegenden Hunde“, sind +möglicherweise sogar noch viel älter. + +So spiegelt sich in diesen ganz Harmlosen, Stillen, Verkannten und in +ihrer Insektenjagd doch so Nützlichen unserer Landschaft wieder eine +weit tiefere Schicht Urwelt als etwa im großen Hirsch oder im Pferde +und vollends als im Menschen, den heute die tosende Eisenbahn durch die +rote Heide und den stillen Hochwald führt. + +Sie raste in die Mondnacht hinein, meine Bahn. + +Gespenstisch fahl ragten jetzt die jungen Birken aus der Ebene draußen, +-- ich träumte weiter. + +Auf der Schwelle der Erdperiode, der wir angehören, ringen drei +Gewalten um die deutsche Landschaft. + +Wenn die Sagen der deutschen Stämme so weit zurückgingen, müßten sie +als drei Riesen darin erscheinen, mit einer ungeheuren Axt, einer +Schaufel, einer Keule in der Hand. + +Der eine rollt Eisblöcke. + +Der andere pustet Sand. + +Der dritte häuft Urwaldstämme. + +Lange Jahrtausende ist die deutsche Erde in ihre Faust gegeben. Zwar +den Grund des Gesteins, den längst gefestigten Stamm des Gebirges +müssen sie stehen lassen. Aber die Oberfläche dürfen sie verwandeln, +verwüsten, neu bauen nach ihrer Lust. + +Ein Faustschlag des einen -- und die Zinnen Skandinaviens zerbrechen +zu Scherben und diese Scherben rollen über ganz Norddeutschland. Wie +ein Gärtner Wasseradern durch seine Wiese zieht, so drängt er ganze +Stromsysteme vor sich auf, windet Ströme ineinander, schiebt ihre +gestauten Wasser stufenweise hin und her. Was der eine nackt gerodet, +überzieht der andere mit Wald. Auf den Wald aber stürzt jener den +Sandsturm der Steppe. Und doch geht aus dem Todeskampf dieser ringenden +Elementargeister zuletzt, wie so oft im Märchen, ein Segensreiches +hervor: eine Erde, die zwar längst kein Paradies mehr ist mit Bananen +und Brotfruchtbäumen, deren Boden aber jederzeit sich als Schatz +heben läßt für die strenge Kulturarbeit; der fruchtbare Kornboden +Deutschlands geht daraus hervor. + +Tundra, Gras-Steppe und Sumpfwald lassen die drei Riesen sich botanisch +benennen. + +Geologisch knüpft die Tundra an die Eiszeit an. Die Gras-Steppe an den +eigentümlichen Lehm weiter deutscher Gebiete, den sogenannten Löß. Der +Sumpfwald endlich an eine Zwischen- und Nachstufe beider mit feuchtem +Klima ohne Vergletscherung, aber auch ohne Wüstenglut. + +Es ist die große Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, daß wir +auch diese drei Gestalter unseres Landes jetzt wenigstens alle drei +als historische Figuren kennen, -- als die letzten Naturriesen, die an +unserer Heimat gebaut haben, ehe der deutsche Mensch selber das Heft +in die Hand nahm und den Landschaftscharakter in den Grenzen seines +Könnens nach dem Bilde seiner Sehnsucht modelte. Wer ihr Antlitz nicht +auch noch durchleuchten sieht, der versteht nichts vom feinen Gewebe +heutiger deutscher Landschaft trotz aller Kenntnis vom Heraufgang +dieser nachfolgenden Menschenkultur. + +Geheimnisvoll verschleiert sich nur auch unserm geologisch +vorgeschrittenen Schauen das zeitliche Verwandtschaftsverhältnis +jener drei Ur-Bauer und Ur-Verwüster diesseits der paradiesischen +Tertiär-Zeit. Wer war der Vater, der Sohn, der Enkel? Oder waren sie zu +ihrer Zeit gleichaltrige Brüder, die nur um die Oberherrschaft stritten? + +Der noch urweltlich riesige, feuchte, mit Moorgrund abwechselnde, +mangels jeder Forstkultur unwegsame deutsche Stammwald mit stofflich +ähnlicher Zusammensetzung wie heute: das ist das vertrauteste, das +plausibelste Bild zunächst von den dreien. So fing ja die deutsche +Landschaft bei Plinius geschichtlich im Sinne von Kulturüberlieferung +an. Rückwärts haben wir gesehen, wie in solchem Urwalde die Farrn-Flora +sank, wie die Nadelhölzer ihn in Ichthyosaurus-Tagen eroberten, wie +zwischen das Nadelholz sich dann Laubbäume mischten. Diese deutschen +Laubbäume waren in der heißen Tertiärzeit noch Eichen und Palmen. Von +jenen Plinius-Tagen herauf bis zu uns gestattet das deutsche Klima +keinen Palmenwuchs mehr. Wir haben Anzeichen, daß dieses Klima-Sinken +noch gegen Ende der Tertiär-Zeit selber eintrat. So wäre damals +schon das letzte für uns Fremdartige ausgemerzt worden: ein Rest +südländischer Formen in unserm Walde. Damit aber schlösse sich glatt +das Bild: die Urwelt einmündend in den germanischen Forst des Plinius. + +In diesen Forst bricht +von da ab+ dann die Kultur ein. Hier rodet +sie ihn ganz, um Raum zu gewinnen für die Ausnutzung des schlummernden +Korn-Bodens. Dort nimmt sie ihm wenigstens seine sumpfig-unhandliche +Ur-Form. Die Forstkultur kommandiert mehr und mehr den rohen Genossen +der alten Bären und Elentiere in eine Art Baumkaserne um mit strammer +Militärhaltung und einem Zug auf ein „Normalschema“. Schließlich greift +sie aber auch in die Art des Waldbestandes ein. Sie begünstigt Bäume, +die der Mensch in ihrer Lebensart und Leistung besser gebrauchen kann, +und wirft so in hundert Jahren mehr Abwechselung und Neuerung in die +deutsche Waldlandschaft, als ganze Perioden der Erdgeschichte kaum +vermocht haben. + +So weit wäre alles so glatt wie möglich, -- von einer beruhigenden +Einfachheit. Die Natur tut uns aber leider nicht den Gefallen, es dabei +zu lassen. + +Seit fünfzig Jahren hat sie uns mit einem ganzen Arsenal von Tatsachen +bombardiert, um uns aufzurütteln aus dem Gedanken, es lasse sich der +Sumpfwald des Plinius ohne Bruch und Ruck angliedern an den schon +palmenfreien deutschen Wald der spätesten Tertiär-Zeit. + +Zwei deutsche Landschaften schieben sich da mit der größten Energie +noch dazwischen, und es sind ausgespart die unmöglichsten für eine +glatte Entwickelung. + +Die eine entspricht dem, was wir heute auf der Erde „Tundra“ nennen. +Und die andere etwa nach asiatischem Bilde der echten „Steppe“. + +Die Wälder des Plinius verstehen wir noch, wenn wir auch kaum hier und +dort mehr ein winziges Restchen davon haben. Was aber eine Tundra ist, +weiß der Durchschnittsdeutsche höchstens aus dem Konversations-Lexikon. + +Wer das Glück hat, wie ich, seit Jahren an einem unserer großen +märkischen Seen zu wohnen, dem ist ein Vogel lieb geworden, der zu +Zeiten dort das Landschaftsbild geradezu aufdringlich beherrscht: die +Wildgans. + +Schnurgerade geht der Bahndamm durch den brausenden Kiefernwald, +mit der letzten blassen Rainflora oder am Wärterhäuschen ein paar +welkenden Sonnenblumen. Hinter den Kiefern liegt auf der einen Seite +der blaue See. Dahin wandern sie, endlose, schnatternde Keilstreifen +dieser Gänse. Lange schon hört man ihr Geplapper, ehe noch der +Kronenrand der schwarzen Bäume sie entläßt. Dann sind sie da, Schatten +werfend wie eine Wolke, endlos. Oft ist die Spitze des Keils mit +ihrer ewig wechselnden Vorfliegerin schon jenseits hinter die Kiefern +hinabgetaucht und hier rinnt und rinnt noch immer der Doppelarm der +beiden Gabeln nach. + +Nun denn: die meisten dieser Wildgänse kennen die Tundra ganz genau. +Alljährlich wandert die Saatgans im Sommer dorthin, um zu brüten. Im +Herbst kommt sie dann in ungezählten Geschwadern zu uns zurück, um im +Winter oft noch viel weiter nach Süden zu gehen, vielfach bis nach +Afrika. In der rauhen Zeit des Jahres ist es ihr in der Tundra zu kalt. +Denn diese Tundra ist heute hoch, hoch im Norden: die Mooswüste des +Polargebietes. + +Die Tundra umgürtet den Nordpol, ein letzter Kümmerversuch des Lebens. + +Wer die Schneekoppe besteigt, der sieht die Waldgrenze unter sich +schwinden und endlich auch den steppenartigen Grasteppich mit seinen +blauweißen Anemonen und roten Primeln. Zuletzt klebt nur noch an den +grauen Verwitterungsflächen des Glimmerschiefers die Flechte, hier +goldgelb, hier bräunlich, das letzte, selber schon beinah steinhaft +erstarrte Leben, das sich anklammert. + +Ein solcher nackter Fels aber, endlich von ewigen Eismassen bedeckt, +ragt der Pol des ganzen Erdballs, einem ungeheuren Hochgebirgsgipfel +vergleichbar, in den kalten Raum. Auch gegen ihn hin schwindet, +weit nördlich allerdings erst vom deutschen Gebiet, nahezu auf der +Breite des Nordkaps, wo Europa im ganzen endet, der Baumwuchs. Jene +Liliputanergestalt kryptogamischer Gewächse, die schon in unserm +Walde merkbar wird, wird noch ein Stück weiter dort zur vollkommenen +Herrscherin. Moose und Flechten überziehen unermeßliche Wüsteneien als +Charakterpflanze. Die Birke kriecht noch hier und da dazwischen, aber +auch sie ist ein Zwerg geworden, ein armer verkrüppelter Eskimo, dessen +„Krone“ kaum ein paar Zentimeter über den Boden ragt, während der +„Stamm“ die Dicke eines Zündhölzchens weist. + +Sieht man auf diesen Pflanzenwuchs, der längst nicht mehr ein Kleid, +sondern kaum noch ein färbender Bodenanstrich dieser Oede ist, so +sollte man das Tierleben dort völlig erloschen wähnen. + +Gerade umgekehrt aber ist es, als hefte sich eine uralte, eine +unverwüstliche Liebe ungezählter Tiere an diesen unwirtlichen Fleck. +Wie Dampfsäulen schießen die Mückenschwärme auf, wenn der steinhart +gefrorene Boden im kurzen Sommer oberflächlich eine kleine Schicht weit +taut. Nagetiere kriechen in Scharen hervor. Stellenweise wandern wilde +Ochsen in Herden an und äsen sich an den elenden paar Blättchen der +Zwergbirken. Ganz unerschöpflich aber ist der sommerliche Reichtum der +Vögel, die ausgesucht in diese Polarwüste den Höhepunkt ihres Daseins +verlegen, hier ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen. + +Seltsam fürwahr, der Geschmack einer solchen Wildgans. + +Ihre strammen Flugmuskeln geben die Welt von der Nordgrenze Sibiriens, +wo Nordenskjöld gesegelt ist, über ganz Europa, über das lachende +Mittelmeer hinweg bis ins heiße Afrika hinein in ihren Willen. +Alljährlich überschauen sie das, -- und suchen doch die Tundra, um ihr +Nest dort zu bauen. + +Diese ausgesprochenen Heimatsgefühle der Wandervögel -- ausgesprochen +in einem Maße, daß unser Kulturvolk-„Patriotismus“ fast beschämt +daneben steht -- haben aber nicht nur für das Gemüt etwas Rührendes, +sondern sie sind auch wissenschaftlich gerade für unsere Fragen +vom allergrößten Interesse. Der Vogel, der heute in der Tundra +nistet, bewährt vielleicht nicht nur Patriotismus im einfachen +Sinne der Anhänglichkeit an eine bestimmte Landschaft. Er ist +möglicherweise dieser Landschaft +nachgezogen+, als sie sich durch +geschichtliches Verhängnis selber von der Stelle bewegte. + +Wenn die Saatgans heute in Deutschland nur durchreisender Zugvogel +ist, der uns nicht der Ehre würdigt, seine Nestfreuden zu erleben, +so ist sehr wohl denkbar, daß sie es tut, nicht obgleich, sondern ++weil+ sie ein ursprünglich deutscher Vogel ist. + +Ihr ist etwas passiert, dem ihr Gänseverstand in höherem Ueberschauen +nicht nachkommen konnte: das Vaterland ist ihr vor Zeiten sozusagen auf +der Landkarte ins Rutschen geraten, -- es hat sich ihr verschoben nach +Norden zu. Ihre Tundra, an die sie sich gewöhnt hatte, lag einst statt +in Sibirien quer durch Deutschland. Sie war im übrigen Tundra genau wie +heute. Auch sie fror und schneite im Winter zur absoluten Hungerkammer +ein, aus der es dem Vogelvolk nur einen Ausweg gab: bis über die Alpen +hinaus nach dem warmen Afrika wandern. Lange Zeiten, viele Jahrtausende +lang, paukte sich diesen Gänsegenerationen ein: Heimat ist die Tundra, +aber im Winter geht’s nach Afrika, denn am vollkommen hereinbrechenden +Nordpol mit Weltraumkälte scheitert auch der wärmste Patriotismus. + +Aber diesen Generationen schmuggelte sich eins unter der Hand dazu. +Von Jahrhundert zu Jahrhundert schob sich ihnen die liebe Tundra +immer ein paar Meilchen weiter nach Norden. Das Vaterland hatte sich +als vom Klima bedingte „Landschaft“ unmerklich in Bewegung gesetzt +wie ein Flechtenüberzug, der an einem sinkenden Gebirge Schritt für +Schritt höher kriecht, um die alten Höhenverhältnisse beizubehalten. +Die Tundra kroch so nordwärts an dem Polargipfel der Erde -- bildlich +gesprochen -- höher. Da die Sache langsam einstudiert wurde, machte +es den Enkel-Gänsen nicht viel, daß sie etwas länger heimflogen, als +ihre Ahnen. Und schließlich flogen sie mit alter Treue über das ganze +alte Deutschland weg bis nach Lappland und Nordsibirien, der wandernden +Tundra nach. Einigen scheint ja die Riesenstrecke von dort bis Afrika +schließlich doch zu viel geworden zu sein: so hat die andere Wildgans, +die Graugans, heute doch gelernt, vielfach wieder auf deutscher Erde zu +nisten. + +Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von +einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte +immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat. + +Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen +Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des +Schussen reguliert wurde. + +Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage: +ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten +durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden +alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der +echten deutschen Tundra. + +Gletscherschutt lag da, -- in dieser Gegend, die heute weit und breit +nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich +der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den +Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos +überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen +konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte +in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen +Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen +versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch +einmal in unsere Zeit hinein. + +Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die +Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir +Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in +unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen +Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches +Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der +grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum +allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen +mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar +kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung +der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei +all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit +unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der +deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden +an eine deutsche Tundra-Zeit. + +Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum +sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte. + +Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte +Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im +Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den +das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber +bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar +erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch +über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz +Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht. + +Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man +sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich +von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa +das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche +geraten wäre. + +Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge +in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis +und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes +niederkollern ließ, -- erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war +die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich +schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes +Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand, +wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die +Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß +die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein +Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb. + +Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da +brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen. + +Es erhöhte die Furchtbarkeit, daß zu der einen skandinavisch-russischen +Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte, +kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten. +Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt +damals, endgiltig unterzugehen. Die Nadelholz- wie Laubwälder der +Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am +Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe, +deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von +der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein +Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein +winzigstes Käferlein gekrabbelt. + +Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des +Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst. + +Der Planet auf diesem ganzen Gebiet -- die gesamte Strecke, die ich +auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im +Riesengebirge durchmaß -- war gemordet. + +Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der +Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens +zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können. +So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend, +vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben +muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die +Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den +Bodensee gedrängt worden, -- die Moschusochsen und der andere, der, +unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der +Mensch. Was hatte +ihn+ hierher gebracht? Die Knochen des Wesens, +das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen +Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik +fehlt✹.... + +Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze. + +Auf wessen Gebot? + +Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten +begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und +Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der +Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, -- wer +weiß es. + +Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat +Alexander nicht wirklich die Welt erobert? + +Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst +zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt +in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf +unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit +Grönlandmoosen, -- der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und +Eskimo-Menschen. + +Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal +zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen -- nicht +Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im +Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der +heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit +wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten. +Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses +Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An +den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst +ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten +Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie +viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands. + +Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen +Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das +Eis herum nach der Nordsee sich wandte. + +Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm +ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in +diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee, +sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf +der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der +Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der +Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog +sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee +zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser +Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs +des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere, +heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die +Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa +Eberswalde, Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die +Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl +wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig +von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der +Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte +Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man +rein geographisch seinen Kern erfaßt. + +Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt, +steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher +Riesenströme mit Tundrastaffage. + +Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer +Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches +nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen +Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die +hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken +wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse +ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin. + +Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist. + +Denn auch die Tundra schwand. + +Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland +und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und +Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher +Landschaftsgeschichte entziffert worden. + +Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so +gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des +Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt +der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen +des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit +Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen +gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit. + +An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas +hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen, +einst das Walten einer Naturmacht erkannt, die bis dahin in alten wie +neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes +in der freien Steppe. + +Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken +gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren +Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen +Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag. +Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit +abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis +die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer +einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne. + +Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung, +wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu +lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick +aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der +Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten +Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der +Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem +Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde +unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich +schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub. + +Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China +gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst +bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst. + +Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen +wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer +gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden +ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur +ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde +Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging. + +Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt +dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst +ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns +erfolgt. + +Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist +„Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von +„Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll. + +Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet, +dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse +von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal +danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer +Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten +deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden. + +Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter +deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der +heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht. + +Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die +Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und +Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar +wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von +asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig +weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien +geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß +alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige +Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der +sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen +Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann +man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig +dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige +dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen, +immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von +flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener +Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“ + +Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene +Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an +der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute +erst im europäischen Rußland auftaucht und dann bis zum Altai geht, +jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark +entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen +südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es +lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine +glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten +muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein +und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde +Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem +sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien, +Nordchina versetzt -- nach Deutschland. + +Aber wann jetzt war das wieder? + +Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine +Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden +kann. + +Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete, +sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet, +hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser +sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages +niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt. + +Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter +Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine +letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich +besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal +getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder +allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich, +müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen, +mindestens überaus trockenen Zeit. + +Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode +erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius. + +Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also +zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis +begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug +des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol zu. Trockenes Klima. +Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks, +Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals +vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum +zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie +Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga, +Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem +sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser +zweiten Steppe wäre -- offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der, +wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, -- +der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten +Deutschen fanden. + +Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den +Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so +ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das +Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter +machen. + +Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem +Widerstande gegen den Wald. + +Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die +Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter +im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend +denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit, +so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses +Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält, +den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im +Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die +Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der +erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine +solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten, +und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe +der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer +des Uebergangs dazwischen geschmuggelt. + +Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder +ging zwischen den anderen Bildern. + +Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied +der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen +die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich, +bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte +Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima +feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt? +Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen! + +Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon +eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand +voraufgegangen war. + +In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall +aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald +so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals +war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund +der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische +Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen +Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz +bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß +zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann, +als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das +einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische +Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit +bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet +hatte. + +Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen, +wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen +hätten. + +Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen +Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in +Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland +dauernd erobern. Bis wohin? + +Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft +von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches +Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen schwindender Steppe +und -- neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra? + +Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem +(über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des +Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt. + +Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in +einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode +deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden +neuen Eiszeit-Tundra. + +Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz +langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten +zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen +den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten. + +Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht. + +Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre +Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des +Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer +Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft +ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr +Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen +einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu +einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten +der echten Steppe. + +In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere +Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer +unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder +periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das +wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art. +So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her +in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer +Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie +die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter +Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die +zunehmende Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings +in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte +ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher +russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt. + +So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze +Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo +die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in +phantasierende Gedanken. + +Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der +Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele. + +Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben +Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz. + +Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte, +daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte. +Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund +kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der +Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein +weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue +Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich +werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache +Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in +der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins +vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die +lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer +des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch +die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen +endlosen platten Wiese, -- man träumt, man müsse über den Kirchturm +von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter +Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche +Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in +Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte. + +Aber sonst überall Menschenwerk. + +Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der Gutsbesitzer +von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald +mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und +weiter treibt. + +Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald +und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch. +Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen +Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern +praktischen deutschen Geld-Baum. + +Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern +gepflanzt. + +Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England +gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt. + +In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der +Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach +Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber +und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die +baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche +transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land +jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine +kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine +Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte, +keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach +jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die +große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß +und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue +Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora +im entscheidenden Moment gewirkt. + +In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora +vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände +zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit +so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke +mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie +im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte +Amerika. Europa hatte davon aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da +die Landbrücke gerade jetzt fehlte. + +Doch seltsamer Schicksalsweg. + +Der Baumstamm, die Planke aus Fichtenholz, lehrte den Menschen, wohl +noch in Eiszeit-Tagen, wie man trennendes Wasser künstlich überwindet. +Und auf dieser Schiffsplanke des Menschen, diesem schwimmenden +Pflanzenleib selber hat sich dann doch eines Tages die große +transatlantische Brücke, die der Erdball versagte, gerade für die Flora +wiedergefunden. + +Der tote Baum, vom Menschen vergeistigt durch die Zweckmäßigkeitsidee +des Werkzeugs, trug den lebendigen zurück. + +Ueber den blauen Ozean sah ich sie im Geiste so anschwimmen: die +Geretteten vor der Eiszeit in Nordamerika, die die alte deutsche Erde, +die losgelöste Ecke des Europaamerika von ehemals, neu begrüßten. + +Gleich jene Weymouths-Kiefer war ein Beispiel: sie war in der +Tertiär-Zeit über ganz Europa weit verbreitet gewesen. + +Im Schloßgarten meines Freundes ragte aber ein anderes, noch viel +prächtigeres. Da stand auf der einen Seite eine ungeheure, ehrwürdige +Linde, also einer der schönsten deutschen Bäume, die mit dem Walde +überhaupt vor alters schon zu uns zurückgekommen sind. Gärtnerhand +hatte freilich auch dieses Riesenexemplar von früh auf in die +seltsamste Kunstform gezwungen, -- also doch schon halbes Menschenwerk. +Auf der anderen Seite aber wurde als zweite Merkwürdigkeit mir ein +lichtgrüner Tulpenbaum gezeigt. + +Auch er hatte hier schon förmliche Altersrechte. Und doch sind +alle Tulpenbäume unserer Gärten erst durch Menschenhand wieder +herüberverpflanzt aus Nordamerika in den vierhundert Jahren seit +Columbus. In der Kreide-Zeit, als zuerst Laubbäume überhaupt +auftauchten, wuchs der Tulpenbaum schon ganz nahe dieser Stätte, in +Böhmen, wild. In der Tertiär-Zeit ging er bis Island und Grönland +hinauf und war über ganz Europa verbreitet. Aber kein lebendiger Stamm +überdauerte bei uns die Eiszeit, auch in Südeuropa nicht. Gestrichen +war er als deutscher Baum aus dem Buch des Lebendigen, bis die +Nachfolger des Columbus ihn in Nordamerika neu auffanden -- und als +fremdländische Seltenheit wieder heimbrachten und unter anderem auch +hier in der Lausitz zur deutschen Linde in den Schloßpark pflanzten. + +Mein Freund, der ja nicht nur Landwirt, sondern der treffliche, weit +bekannte Dichter ist, wird vielleicht einmal einen Baum daneben setzen, +der eben so lichtes, lustiges Smaragdlaub hat und dabei geweiht ist +durch liebliche Verse Goethes: den Gingko. Der hat nun noch einen +verwickelteren Roman. + +Zunächst ist er, was ihm freilich kein Laie ansieht, ein echtes +Nadelholz, das sich aber erlaubt, statt Nadeln die zierlichsten +grünen Blätter zu tragen, doppelt gelappte Blätter, deren jedes wie +aus einem Zwillingspaar verwachsen erscheint. Die Eigenart erklärt +sich, wenn man hört, daß der Gingko bis in die Zeit der Erdgeschichte +zurückreicht, da die Grenze zwischen Farrnkraut und Bärlapp einerseits +und den Nadelhölzern überhaupt noch schwankte. Sein Blattwerk steht +sozusagen auf der Kippe zwischen Farrnblatt- und Nadelholzmerkmalen. +Solcher Gestalt begann er schon in der Steinkohlenzeit. Als der +Ichthyosaurus schwamm, grünte er als deutscher Baum bei Bayreuth. In +der Kreide-Periode wuchs er in der Schweiz, in der Tertiär-Zeit von +Italien bis Grönland. Dann ist es, als habe eine Hand ihn fortgewischt +von der Tafel der Erde. Auch Amerika, das treue, hat ihn nicht mehr. Da +plötzlich wird er vor zweihundert Jahren in Japan als „heiliger Baum“ +in Tempelhainen entdeckt. Wie er dahin gekommen und wo er wild wächst, +weiß an Ort und Stelle niemand. Und unsere Botaniker wissen es heute +noch nicht. Der importierte Zierbaum ist im Garten aber so wetterhart, +daß man ihn ohne Gefahr unserm kältesten deutschen Winter aussetzen +kann. + +So kommt aus Winkeln der Erde durch Menschenschlauheit unser ältester +Heimatsbesitz Stück um Stück wieder zusammen. + +Sie hat ja auch gelegentlich ganz neues hinzugeliefert, diese +„überseeische“ Epoche unserer Landschaftsgeschichte. Ich erinnere nur +an unsere südamerikanische Kartoffel, die für uns Charakterpflanze +geworden ist wie nur irgend eine. + +Es ist mit ihr gegangen wie am Mittelmeer mit der Agave und dem +Feigenkaktus. Beide sind waschechte Amerikaner. Aber sie beherrschen +heute einfach das Landschaftsbild. Preller, als er seine odysseischen +Landschaften malte, hat den Dulder Odysseus und die schöne Circe naiv +zwischen hohe Agavenblüten und Kaktushecken gestellt, als hätte es +nie anders sein können. Wenn dazu am italischen Meer australische +Eukalyptus-Bäume ihre Säulenstämme zum blauen Himmel recken, so +empfindet man, was das Wort heißt: der Mensch Herr der Erde. + +An dem gleichen Bahndamm meines Heimatortes Friedrichshagen, über den +ich alljährlich die Keilgeschwader der Wildgänse dahinziehen sehe, +freut mich ebenso jährlich die gelbe Blütenpracht der _Oenothera_, +-- der Nachtkerze. Weithin überzieht sie den ganzen Bahnabhang, -- +Ideen weckend beim stillen Wanderer, der den Fragen der modernen +Biologie folgt. Denn es ist der Gattung nach die Wunderpflanze, aus +der De Vries eine ganze neue geistvolle Variante der Darwinschen +Entwickelungstheorie herausgelesen hat. Wer würde sie nicht für eine +Charakterpflanze ersten Ranges unserer märkischen Landschaft halten? +Und doch ist auch sie aus Nordamerika erst eingeführt und dann +verwildert. Die erste Art kam 1614 aus Virginien zu uns. + +Europa ist heute zahm wie wild ein Garten des Menschen. Und ein Beet +nur mehr dieses Gartens ist die deutsche Landschaft. + +Wird der Mensch bei allem überwältigenden Reichtum seiner Mittel aber +immer ein umsichtiger Gärtner sein? + +Durch meinen Sinn, wie ich so in die Nacht hineinfuhr, zogen auch trübe +Stimmungen. + +Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit. +Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher +Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der +gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch +gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr +eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren +Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um +das Aergernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche +Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben läßt. +Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein +Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in +Jahrtausenden schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht +zu spät. Aber „Heimatschutz“ muß eine Tat werden, eine Gewalt, -- nicht +bloß ein Wort. + +Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein +Kunstwerk+, +aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen +Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt. + +Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand. + +Und wir, die wir uns unserer „bewußten Kunst“ so stolz zu rühmen +pflegen, -- sollten wir uns nicht auch hier bewähren? Bewähren, -- +indem wir vor allem begreifen, daß in solcher Landschaft wirklich +ein großes Kunstwerk uns anvertraut ist, das wir wohl organisch +weiterentwickeln, aber nicht plump zerstören sollen. + + + + +Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers. + +Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung + + +Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da, +wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land +einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem +vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza. + +An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig +harmlosen Namen Eberhard. + +Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der +Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell. + +Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter +dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen +steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren +bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr +und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen +davon zum „Andenken“ mit. + +Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten +doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des +Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich +hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man +schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache. + +Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern +gerieten. + +Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat +der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher aus +seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete +und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen +frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen. + +An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell +eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an +erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten +Riesenfaultiers. + +Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes +Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell. + +Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten +Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das +Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller +vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In +offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches +im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, -- bloß unsere +Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem +Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten +Jahrhunderts! + +Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens +ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der +Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte +die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die +wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem +nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika. + +In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem +Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden +Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu +bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, -- zu jener Stunde +hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits +mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten +naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen. + +Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die +scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei +der Reihe nach geritten. + +Voran kein geringerer als Altmeister Goethe. + +Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele +mehr. + +Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung +von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher +weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht +bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der +„alten Welt“ entdeckt worden. + +Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem. +Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens. +Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete +er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln, +soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst +schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als +dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen +Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich +„amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer +die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium +verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt +schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor +Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf. + +Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas +Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt +bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie +ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine +einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten, +Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen +durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter. + +Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon +alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter +diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders +merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch +dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten. + +Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh +schon in Ruf gekommen -- das Faultier. + +Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze +gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf +bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige, +schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner +„Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich +geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die +beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen. + +Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige +Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist. +Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter +Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier +anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen +Blätterversteck, -- die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf +mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt. +Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem +Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos +zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner +schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener +köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh +entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet +mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im +Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts. +Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den +Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne +wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends +zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als +ein verzauberter Strohwisch. + +Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen +Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller +Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein +Kunstwerk. + +Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben im +ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen +Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein +Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen +Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe +besitzt, -- die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere +heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau +so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen +Kleiderhakens. + +Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner +seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie +Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen +schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat +es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der +Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden +Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in +einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst +gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen +das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht +nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere +Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese +ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch +Blutstockung bewahren. + +Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem +so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige +denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte. + +Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun +freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade +damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz +besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne +jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten +Tierformen. + +Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der +damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen +von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon, +der die geistreichen Antithesen liebte, hatte sich so recht satt +schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der +tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins +Aschgraue rednerisch ausgemalt. + +In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers +zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche +Tage den Gnadenstoß gibt. + +Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr +sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich +immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche +Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune +Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen +Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die +wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose +nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der +feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas, +Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan; +seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt +und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht +haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen. + +In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms -- sei +es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß +der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft --: überall +da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft +Knochen+ +dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen +vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe. + +Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal +sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt +der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel +aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem +Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt. +Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene +Eskimohütten. + +Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm ein Volk +ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und +lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier +früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich +die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter +wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder +Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine +dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet, +gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer +Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer +Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein, +Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an +die profane Sonne wirft. + +Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789. + +Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas +mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei +Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen +Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß +Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten, +das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die +Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des +stärksten Elefanten. + +Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig +Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in +Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im +Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den +ersten offiziellen Bericht. + +Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die +Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der +Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an. + +Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes +Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine +Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er +bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes nichts anderes +sei, als ein ins Kolossale übersetztes -- Faultier. + +Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers. + +Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise +dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen +gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so +hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab +bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein +Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere +getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das +Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus. +Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder +Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es +recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf +flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich +bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum +Frühstück aus der Erde. + +Das alles natürlich in längst verschollener Zeit. + +Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“ +Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte +keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz +unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu +den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei. + +In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei, +taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung +von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert, +obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre. + +Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher +gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend +eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte +sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut +angeschwemmt, begraben haben. + +Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm +wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das +vollbracht hätte. + +Cuvier freilich wollte die Geschichte schon noch weiter zurücklegen. +Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten +des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere +vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen +Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den +letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste +Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen +noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit +zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar +tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge +meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts +konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl +sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener +amerikanischen Riesenfaultiere. + +Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein +interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen +Urwelt als dieses „Großtier“. + +Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein +Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab, +ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort. + +Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner +wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er +sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen. + +Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander +vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen +in der Erscheinung“. + +In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar +vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen +Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es +gewiß nicht verleugnet. + +Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung +der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie +das Geripp der Faultiere. + +Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen +poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht +hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge +denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch +schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe +vierzig Jahre vor Darwin betätigt. + +Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier +vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus +ersterem entwickelt. + +Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den +Säugetieren besitzt: den Walfisch, -- so möchte es selber sich nach +ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein +Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“. +Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich +ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des +Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper +leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure +Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das +seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und +vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern +zugestehen“. + +Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden +Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen +Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt +solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht +beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert, +durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs +trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich +erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt, +das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber +wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so +geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht +verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn +sie, ungeduldig über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit +erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den +Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“ + +Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch +lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer +endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige -- +dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen, +sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das +bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen +gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“ + +In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege +genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium +war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es +heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade +umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden +Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat. +Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie +vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens +wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden +Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie +in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist +und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei +beiden lebenden Sorten. + +Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so +bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart. + +Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt +gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur +Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier, +und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich +verschiedenen früheren Tieren. + +Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt +vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei +nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für Goethe, der in der Welt +nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein +einheitliches Ganzes ohne Riß sieht. + +Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach +Südamerika. + +Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche +Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der +alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der +erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken. + +Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im +Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten +Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges +Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst. + +Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der +Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche +anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist. +Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da +sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da +sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind +Pferdezähne. + +Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest +und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier, +Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit +1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden. +Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit +Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung +mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene +Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene +regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika +sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In +jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes, +landeseigentümliches Pferd besessen haben. + +Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild. + +Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des +Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine +fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies. +Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, als wenn diese alten +Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten, +wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie +starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich +auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute +auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet: +der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im +Sande tief begraben war. + +Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin +ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge. + +Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen +gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das +Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich +vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände +der „_gran secco_“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der +ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln. +In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden +drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und +ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später +eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe +mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas +dürreres Jahr. + +Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich +noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren +sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten +offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze. + +Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt +besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, -- aber in dem +wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse +alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere, +Gürteltiere. + +Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen +Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte, +das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte doch auch ihm +gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf +natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer +Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm +auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem +auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas +einfällt. + +Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz +bestimmter Seite. + +Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in +seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen +Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel +stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden. +Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen, +das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo +gewesen war. + +An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers +spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie +an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre +herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie +getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel +durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach, +Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte, +plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine +groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig +gewesen, um der Wahrheit -- oder sagen wir mindestens, der neuen Suche +nach der Wahrheit -- eine Gasse zu bahnen. + +Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit +wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten +Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte, +daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere +gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom +echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt. +Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen +Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter. + +Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein +wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage. + +Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom +Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern +Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben +mußte. + +An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen +der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen +Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere +nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine +außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte +er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des +Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben +und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen. +Kein schlauer Riese offenbar. + +Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es +möchte am Ende der +Mensch+ gewesen sein, der dem alten Herrn die +Löcher in den Kopf gehauen hätte. + +In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in +unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort +„prähistorische Forschung“ umschließt. + +An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig +und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits +aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter +Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen +rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch +nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte. + +Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war +wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt, +die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft +bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren, +zurückdatiert hatte. + +Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des +europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig +gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese letzteren Knochen zeigten +vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande +von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt +zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt, +durch Schnitte verunstaltet, und so weiter. + +Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor +Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch +wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika +Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische +Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das +scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten? + +Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending +her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen +„Werkzeug“, -- etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch +der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein, +daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen +beherberge, -- eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer +Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat. + +Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch +sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein. + +Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes +an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet. + +Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit +untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen +Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des +Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein +und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in +einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser +auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen. +Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung, +sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom +alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie +ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen. + +Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich durch +diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da, +wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose +Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe +schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der +Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun +doch eine Art Panzer gebildet haben. + +So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine +gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück +gemacht haben muß. + +Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine +große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des +Menschen. + +Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst +etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr +tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium +gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran +deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche +Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien +saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster +Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale +seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so +etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in +der großen Weltlogik wider Tatsachen. + +Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von +Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia +saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth +und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus, +daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein ++mußten+. + +Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen +birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber +ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen, +genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen +Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem +und erhaltenem Herdfeuer gebraten worden war. Einmal wusch das +Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch +fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen +regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so +aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem +Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die +Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so +wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen. + +Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar +bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da +zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen +sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein +kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal +hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein +andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf +deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand, +gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze +Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte +offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte. + +Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr +einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig. +Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und +Riesenfaultier? + +Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen +prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut +ausgerottet worden? + +So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben. +Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der +Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren, +die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das +aber mindestens Streitobjekt. + +Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in +Deutschland gelebt habe, -- vielleicht irrtümlich. Mindestens aber +zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar: +der noch lebende Wisent (Auerochse) und der wahrscheinlich durch +Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen +Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem +mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied +vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig +widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird +jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet) +gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins +Mittelalter hinein gegeben. + +Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so +benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals +rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden +sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und +Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“ +gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch +jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger +Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel +bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt +nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende +Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden +kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der +Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der +sehr+ +geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen +solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während +andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel +auf Java unlängst gefunden worden ist. + +Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und +Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der +Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich. + +Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden +Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam +zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig +„Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei +Weimar oder unsere Renntier-Menschen von Schussenried. Tatsache aber +ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in +Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die +bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von +Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere +Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom +Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische +Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken. + +Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der +zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas +durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent +kein+ +Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein +Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein +Megatherium oder Mylodon. + +Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die +Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste +Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere ++lebe+ noch -- das Riesenfaultier. + +Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache. + +Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch +das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus +Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht +langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine +Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel, +daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen +Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen -- oder wenigstens +gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte +und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa +worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm, +der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen +worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom +„lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische. + +Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh, +ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener +Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. Das seltsamste +an ihm sei aber -- seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als +wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer +erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen. +Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch +von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr. +Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern. + +Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr +angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des +Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch +Mord untergegangen. + +Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine +selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes +Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier +aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug. +Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt +wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam +es dem Jäger. + +Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter +Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere +sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in +Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie +dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie +aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten +Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis +schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das +fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens +irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch +teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren. +Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben, +so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz +kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin +als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte +doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin +seltsam. + +Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf. + +Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz. +Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten +Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat. + +Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese +Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge, +-- außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon. + +Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an! + +Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten +Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel +aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es +Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon. + +Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als -- allerdings nur +hypothetischen -- Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898. +Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe +unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen +worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem +bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten +auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin. + +Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen +so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die +Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine +außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher +Punkt dabei weiter aufgeklärt werden. + +Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort? + +Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten +frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr +oder minder lange ausgestorben sind. + +In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des +Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet +ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit, +da diese Museen bestehen, im neunzehnten Jahrhundert ausgestorben. +Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener +Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum +aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel +da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen +worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her +als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel +heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls +merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer +Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung +nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene +Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich +aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck +mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht +mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen +Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute +noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die +Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund +je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von +einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß +gescheckten Pelz besaß. + +Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in +Betracht zu ziehen. + +Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu +beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in +gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen +Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß +Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen +oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und +daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher +und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals +auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land +hingegangen. + +Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder +sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte gleich +jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer +Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren +gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so +hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein. + +Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative +„Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, -- wir Kulturmenschen wären dann +gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu +spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, -- das Riesenfaultier +bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und +Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, -- +kein Urweltstier. + +An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich +alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert. + +Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die +Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren +Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben, +den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue +Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu +neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden. + +Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit +Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895. + +In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere +Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle. +Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so +breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz +oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von +dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht. +Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse +konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle. + +Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum +überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere +Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer +Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und +veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. Zuerst Eimar Nordenskjöld +von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums +in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch +schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich +die rätselhafte Sache wie folgt. + +Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert +Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal. + +Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren +Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift. +Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe +von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der +Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan. + +Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von +etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal +herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter +nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem, +frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer +mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal +wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem +Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden +und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste. + +Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich +selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und +hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht +liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas -- alles +wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten. + +Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten, +neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens +mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, -- nämlich von +Mist. + +Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach +Gürteltier, -- also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade +jener alten Wundertiere. + +Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder. + +Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen +auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal +hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund +geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne, +Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch +Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer +dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen, +einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel +kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener +einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der +Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also +mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr +lebenden Tierarten. + +Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit +des Menschen. + +An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von +einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war +ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument +zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war +also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher +gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel +waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich +menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die +Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl +auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen +zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der +ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch +vorhanden gewesen sein. + +Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter +Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie +aufgestellt. + +Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen +Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich +befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, -- das Tier sei kein +Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten +Mylodon-Gattung an, die man längst +Grypotherium+ getauft hatte. +Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine +Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im +ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als +Ochsen-Größe. + +Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses +Grypotherium soll nämlich das Beiwort _domesticum_ erhalten. Das +heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“. + +Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht +mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von +den Indianern in Westpatagonien als +Haustier+ gehalten worden. +Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in +dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang +„Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie +der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle +mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein +nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, -- endlich +einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren. + +So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht +finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als +Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und +Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen +entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das +ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen +Detailangaben noch nicht vor. + +Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die +ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle +zeitweise sowohl+ von +Menschen, +als+ von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die +Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft. +Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere +zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, -- es müssen ja +geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei +kann aber genau dasselbe +Nacheinander+ obgewaltet haben, das uns +bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, in deren Lehmboden +die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, -- +sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd ++bald+ dem Bären und +bald+ dem Menschen als Versteck gedient +haben. + +Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein +Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt +wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer +folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der +Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die +jetzt die Menschenspuren wieder begrub. + +Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken +Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im +Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu +begreifen. + +Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem +Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als +lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine +Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst +des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten +Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl +das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen. +Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der +schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner +Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme, +plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus +guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht. + +Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier +dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig +ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das +Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen +Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen +die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht +mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war, +dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich +aneignen wollte, so ließe sich begreifen, daß es schließlich den +Nachstellungen ganz erlag, -- zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war, +das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen +nicht. + +Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das +Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben +ist+. + +Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist. + +Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden +Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von +einem frischen Kadaver abgezogen sind -- und das ist in gewissem Sinne +etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung. + +Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren +Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert +Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache +scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und +in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit +abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren +behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos +erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint +mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit +derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die +Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder +die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres +Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich +hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr +Einstürze erfolgten und +diesen+ altbewährten Boden denn doch ++zu+ ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig +fortleben. + +Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz +jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute +bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte +Zeitgenossen der Grypotherien -- und sollen diese heute noch leben, -- +wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben? + +Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist +günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche +hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado gelangt zu sein. Ein +einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen +Nachrichten zufolge damals +nicht+ im Lande. Die Pferdezähne +der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern +einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die +also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder +ausgestorben sein müßte. + +Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die +Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde +europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen +sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft +eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber +doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die +Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, -- und wie +das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung +ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller +Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das +Zeitliche gesegnet haben. + +Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz, +ist noch immer durchaus kein reines Argument. + +Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander +ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen +des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder +aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen +Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die +Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt. +Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend +die sorgsamste Archäologen-Weisheit. + +Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte, +hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde +entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch +allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie +irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen +hatte? + +Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno +dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den Menschen erst +herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden? +In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu +alles+ möglich, -- wer +da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur- +und Kulturgeschichte durcheinander rühren. + +Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch +auch damals schon -- und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch. +Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals +längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So +kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako. + +Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher +der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach +dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach +selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle. + +Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien, +den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, -- und +auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen +aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt +niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene +radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der +nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten +Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre! + +Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen +lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument +vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein +ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und +hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht +zurück. + +Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier, +dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt. +Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich +so erdacht sein kann: nämlich +Jemisch+, zu deutsch das Tier, das +kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf +jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut. + +Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre +Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig +unberührten Mistboden geschöpft haben sollten. + +Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt +viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute +besitzen, -- und warum dann nicht vom lebenden Tier? + +Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte +des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein +Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein +Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser +(also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage +seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die +Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich +aus dem Fell Mäntel zu fertigen. + +Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier +Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch. +Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein +grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener +Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen +ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat. + +Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag +werden, +Su+ genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den +Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer +spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden +sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist +Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet. +Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den +Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit +einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen +und mit pfeilen erschossen.“ + +Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der +südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine +Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während die +Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein +sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es +sonst sein sollte. + +Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten +sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal +sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem +Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden +Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und +angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den +Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges +großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im +vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen +wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle +einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen +Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte. +Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien +gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht +herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen +Streifereien zu beobachten. + +So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen +Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch +noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine +Ausweispapiere streng geprüft werden könnte. + +Wenn nicht, -- dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat +uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über +den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt. + +Gönnen wir ihm seinen Platz in der Kulturgeschichte. + +Und wenn es auf der Messerschneide jener letzten paar Jahrhunderte, bis +zu denen es sicherlich +heranreicht+, wirklich nicht mehr leben +sollte, so gehört es erst recht hinein. + +Denn was ist die menschliche Kulturgeschichte anders als die liebe, +lustige Geschichte menschlicher Hoffnungen, Träume -- und Irrtümer. + + + + +Der erste Vogel. + + +Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere +Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich +der bösen Kobolde verschlagen zu sein. + +Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der +Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen +des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen +Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor +betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze +Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt, +wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der +List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier +Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen +von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird +vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten +Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold +führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses +Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die +auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus +von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren +Kultur-Triumphzug feiert, -- aber leider ohne Arme. Der kühnste +Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche +über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach +anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter +anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode +ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch noch auszuwickeln und +lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie. +Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der +Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte +und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen +Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius -- oder gar dem +Ur-Evangelium. + +Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute +Kobolde glauben, wie im Märchen. + +Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah +komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“ +durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens +fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes +Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die +Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei +die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt. + +Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in +Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er +einer „verlorenen Handschrift“ nach, -- der Handschrift der Erde. + +Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier +und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt, +die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde, +losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf, +bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie +eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene +von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses +Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen. + +Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie. + +In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde, +ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der +Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister. + +Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im +wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn es nur in seinen +öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der +Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer, +die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt +mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der +Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art +und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird, +ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet, +ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich +der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte +treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken: +ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber +dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem +großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und +so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich +die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“. +In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters +für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so +wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes +zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine +köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, -- mit allen +Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher +Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die +Tausende nähren können, sind da, -- aber die Tausende fehlen. Mir ist +das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, -- wohin man +sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit +änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden. + +Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere +Fleck, den ich meine. + +Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend. + +Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut +oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden +Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes +Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel +mehr sagt, als das etwas hellere vom lebenden Nilpferd im Lichthofe +nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren, +die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt +verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen +unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher +Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen, +wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche +gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens +nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im +Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters +Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke. + +Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne +jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den +Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in +seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt. +Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten +Schutzgeistes der ganzen Geologie. + +Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache +Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung +ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht +gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, -- mit +jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die +„Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile +vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt. + +Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht +ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte +habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen +Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den +Glaskasten. + +Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun +wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines +denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist +eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und +Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem Morast abgedrückt. Der +Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault +zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen +selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist +nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der +Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte +Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen! + +In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des +Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst. + +Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein +Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées +Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon, +der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt. +Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges +stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch, +der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will +auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug -- +und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen +Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern +Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem +er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und +roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des +Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt +der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den +Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel +geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache +durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das +Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie +die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz +Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt? + +Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen +Stein. + +Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das +wir im Werkzeug überbieten möchten. + +Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar +Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind +der schattenhafte Abdruck des +ältesten Vogels+, den wir kennen, +-- des „Ur-Vogels“. + +Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich +vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, -- das Leben in der +blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros. + +Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere. +Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er +wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues +eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit +setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der +Werkzeugerfindung, -- das Gehirn. + +Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung +des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer +Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung +nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten +zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade +Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor +Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten +daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz +jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar +Unwahrscheinlichste war. + +Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die +Jura-Zeit nennt, -- also in der Zeit noch des Ichthyosaurus. + +Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher +Erde von damals rasch noch einmal umkneten, -- Berge glätten, Land +unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche +Noäh hineinstülpen. + +Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind +die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das +Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und Franken +liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem +Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und +es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des +wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen +unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in +unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte +Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen +vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen +aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche +massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die +Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere +sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der +Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien +-- Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem +wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben -- geheimnisvolle Wälder. Auch +ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne +Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an +Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus +dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen +Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe +eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von +der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean +in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine +feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese +nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der +Tiefe. + +Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über +deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort +und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und +Kleinsten im feuchten Schoß. + +Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von +München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so. + +Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“. + +Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt +denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche +Wandlung. + +Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem +Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder. +Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen +der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht +sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit +voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das +Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen, +als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch +viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan. +Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf +und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte +Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank +langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab. + +Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den +Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile +weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den +nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke +Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte +seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt. +So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten, +nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht. + +Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die +zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen +Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der +kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen. + +Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche +Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu +wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von +diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von +weißem Kalkstaub, zu dem jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel. +Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem, +älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem +Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein, +fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit +eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen +Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den +Ichthyosaurus beherbergte. + +Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und +Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher +Vorgang vollzogen. + +Die Wasser des Himmels, der Atmosphäre, hatten den Boden erobert, den +die Wasser des Ozeans frei gegeben. + +Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, -- diese waren +ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte +in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als +murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer +noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, -- bis er endlich das +Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe +Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte +Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, -- an der äußersten Stelle, +da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes +mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon +einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten +Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht +aus, -- so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den +bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen. +Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht! + +In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig +plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande. + +Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich +der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber +hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat und +mußte erwarten, in wieder tausend Jahren -- einer Nachtwache! -- selber +nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein, +der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein +würde. + +Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch +Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da +im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch +sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht +gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber +die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen +noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen +lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter. + +Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit ++Kalk+. + +Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit +jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt, +in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und +wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im +stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken. + +Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen, +Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte +in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde +es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung +in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden +Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte. + +Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des +Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt. + +Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des +fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um +Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber +erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche +Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels. + +Sie wirkten nämlich als Totengräber. + +Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute. + +Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen +Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte +und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem +reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte. + +Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus. +Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten +hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen +südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer +oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich +farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt +kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier, +das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte. + +Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben. +Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen +Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem +Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund, +den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer +wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz +unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials. + +Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die +Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins +Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen +tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein +der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl +schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig, +den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts; +oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt +war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und +Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so +hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die zarten +Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, -- +auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden +Kalkschlammes. + +Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein +Herbarium, ein Museum. + +Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der +kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie +durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der +Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte +doch noch das treueste, das feinste Schattenbild. + +Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege +gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch +Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer +Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die +vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als +Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet +wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem +Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie +erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber +wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die +Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein +stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde, +geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer +Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die +Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da. +Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche +Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug, +grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein +schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund, +der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese +armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji. + +Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch +sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein. + +Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in +dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle, +die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner +ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch +ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der +Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!) +malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht +und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt, +daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf +herauskomme. + +Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische +Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus +Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich. + +Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf +Kalkblättern wurde, -- es wurde zunächst unabänderlich ein ganz +verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine +Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine +Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein +darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden +so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne +daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben +darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel +noch einmal aufzublättern. + +Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große +„Interessen-Wesen“, -- der Mensch. + +Und der fehlte noch lange. + +Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die +Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das +Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch +Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder +gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz +Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und +es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch +seichtes. + +Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete der +alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die +Berghacke als festen Kalkstein aufschlug. + +Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher +deutscher Wald. + +Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch +urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen +immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander +verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig +jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen, +das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes +baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand. + +Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des +Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im +Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des +Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer +Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen +Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe. + +Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch +tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der +zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar +wertvolles Glied der Menschheit war, -- nämlich auf den braven Aloys +Senefelder. + +Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans. + +Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich +in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend +die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den +Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in +seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten +Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen +Dorfe. + +Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts +die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch +bestimmte genial vereinigte Methoden von solcher Zeichnung beliebige +Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken. + +Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen +Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein +von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen +Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß +die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne +Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse +unglaublich belasten, ohne zu springen, -- kurz, die neue Kunst hätte +besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient, +so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach +hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen +gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz +da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die +ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist +der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen +hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken. + +Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder +seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der +Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein +geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an +einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen +werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den +Boden eingraben werde, -- daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften +Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn +Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben: +hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben +allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also +mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten +Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage +kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen +Handschriften -- zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten +Jahrhunderts. + +Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch etwa +vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente +alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände +benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und +überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als +sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll. +Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug +zu solchem einseitigen Streich. + +Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen +Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig +geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel +den Text. + +Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf +eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte, +zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren +Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon +meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten +beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die +Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in +wissenschaftlichen Kreisen verbreiten. + +Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit +nicht mehr unterdrücken. + +Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst +für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“ +aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand +anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich +die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig +wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden: +„Schladenvögel“ und „Stangenreiter“. + +Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren +begann! + +Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer +so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer +geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden +Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, vergeistigter +Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der +Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser +köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt +uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer +gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte. + +Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in +ihrem +ganzen+ Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus +oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen, +und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald +selbst wieder dicke Bände füllte. + +Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels +erst möglich wird, -- auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist. + +Es war im Jahre 1860. + +Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank +gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der +längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger +„wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte +ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen +zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine +flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes +Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war. + +Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das +der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist. + +Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles +grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm +hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die +flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes +Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein +Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven +Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß +in diesem Juramorast wirklich schon einmal auch ein zierliches +Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl: +Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand +man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten +Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die +recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen. + +Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere, +der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der +Rangordnung unseres Systems. + +Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß +der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man +unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel +näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut +wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale +mehr sind. + +Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte +Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam +noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe +es noch nicht recht gelangt“, -- einerlei nun, wie man sich dieses „es“ +damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze +war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die +meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher +Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den +verschiedenen Epochen der Erdgeschichte. + +Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl +Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn +nicht gar keine Rolle gespielt hätten. + +Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte +Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie +gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und +schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten. + +Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes +aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige +Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (+nicht+ in +Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern, +beinahe haushohen Störchen? + +Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern +haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir +heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die +nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften. + +Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen +setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz +Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von +Solnhofen auftauchte. + +Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein +zierliches Federchen. + +Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet +ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja +nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse +geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich +angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede +Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine +Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der +Tat außer dem Vogel nicht. + +Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas +weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine +umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe, +also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner +Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung +durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht. + +Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im +Solnhofener Stein eine echte Feder war. + +War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt? + +Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen +Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen +nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen. + +In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt nahe bei +Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte +zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte. + +Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar +deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn! + +Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer +der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die +Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding +besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam +als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte +er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit +auswendig und zeichnete es -- eine Prachtleistung -- daheim aus dem +Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu +nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“ +einen lateinischen Namen. + +Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der +Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel +erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit +Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten. +Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im +System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer +Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst +hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“! + +Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu +Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das +Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard +Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft. + +Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten ++rechts+ in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das +Original ist heute noch in London. + +Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel +weiter. + +Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht. + +So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern +pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die +zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten +Lithographie zum Ausdruck kamen, -- der Gegenstand selber war diesmal +ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn +deckte. + +Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund +der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser, +so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich +den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und +auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie +einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal +weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf, +Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen. +Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein +wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden. + +Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten +keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles +glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand +kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch +genug, um sie -- gründlich zu verwirren. + +Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s +diesen Vogel +gab+, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher +System-Kunst zusammen. + +Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse +eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines +Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet +waren. + +Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel +fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und +den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines +großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und +Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner. + +Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte nun das +alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so +gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und +auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also +von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als +die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur +mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern +besessen hatte, -- kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte. + +Ein Vogel von Krähengröße -- und dieser Vogel Zeitgenosse der +Ichthyosaurier. + +Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz +bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter +und zwar ging sie gerade +nicht+ so weiter, wie es jetzt logisch +hätte sein sollen, -- das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von +1861. + +Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres +ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser +Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien, +zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat +schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte +auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand +aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An +jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa +das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt +haben muß. + +Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen +echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter +sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein +Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form +eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte +Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln. +Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus, +und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz +nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben +Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern +fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in +diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen +Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks. + +Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben +gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange, +zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz +einer +Eidechse+ war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen. + +Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein +Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht. +Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des +Vogeltieres. Aber sie stecken auch +ganz+ darin und zumal die +Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem +Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den +Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf +getrennten Fingern, -- dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem +Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen +festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine +echteste Eidechsenklaue. + +Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war ++entweder+ eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; +oder+ es +war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren +Tierklasse, der Eidechsen. + +Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen +Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die +befiederte Eidechse und taufte also _Griphosaurus_, zu deutsch der +Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der +Greif der bekannte Vogel der Sage. + +Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte +ihn seiner Urtümlichkeit halber _Archaeopteryx_, das ist: Urvogel. +Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also +korrekt sagen: +die+ Archäopteryx; durch die unwillkürlich +untergelegte Uebersetzung in „+der+ Urvogel“ hat sich freilich in +die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist +heute kaum noch wieder zu verbannen. + +Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde +Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig +geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht +getan, der ging jetzt erst recht los. + +In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten +Hochflug. + +Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die +Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das +war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch +Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der +andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte +uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge +noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum +Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in +Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb +des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die +Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse --, so +war das abermals Wasser auf ihre Mühle: -- der Molch hatte sich eben +über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt. + +Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald +im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt. + +Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten +des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen +der Federwelt, -- maßen dessen auch er so eine wirkliche +entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige +Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel. + +In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in +vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren +aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der +Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert. +Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der +des Doktors Faustus. Das eine Tier haftete noch nach Reptiliums-Art +am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen +an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes +Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe +aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, -- es flog schon als beschwingter +Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin. + +Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht +ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz +allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie +hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und +Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich +dartun werde, -- auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe +finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten +„Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die +Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer +daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein +Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist. + +Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch. + +Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des +Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet +sei. + +Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise +erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte. + +Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn +Jahren. + +Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem +Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener +Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen +Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch +der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis +ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang +bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung +der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt. + +Diesmal ist’s eine geradezu +tadellose+ Archäopteryx. + +Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben +ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran. + +Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die +Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles +Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet, +nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist +ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht +von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er +sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten, +„entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener +Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, -- ein guter +Entwickelungsfortschritt. + +Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder +noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in +New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu +bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden. + +Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten +sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, -- +derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet +hat -- versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz +gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde. +Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit +Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem +Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift +entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine +deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen. + +Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt +noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder +Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei. + +Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen. + +Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche +Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische +Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf +von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen +sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist, +focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, -- +umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder +heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche +Fahrwasser ein. + +Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals +der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück +ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber +schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens, +daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach. +Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der +Radikalstreich eines deutschen Idealisten. + +Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung +untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so +verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung +gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den +bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück +wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt, +aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei +sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein +Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf +daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im +April 1880 -- nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es +keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art +liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle +Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen +Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden, +wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines +Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean schwebte. Frühere Fälle +haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der +einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei +Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit +schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern +zertrümmert worden. + +In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser +Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage +noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche. + +Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel +wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem +Häberlein die ganze geforderte Summe -- es waren jetzt schon nur mehr +20000 Mark -- bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des +Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen +Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach +einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die +Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den +Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum +für Naturkunde. + +So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an +irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das +weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem +blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe. + +Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen +Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der +Naturforschung ihren Schlachtruf. + +Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu +dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte +zum ersten Male den +Kopf+ der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf +-- oder ein Eidechsenkopf? + +Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen +Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die +Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß +ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz und gar nur Vogel schien. +Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der +Knochennähte, -- alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte +den Vogelschnabel, -- war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der +Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem +Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen +zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten +Vogelschnabel, sondern er trug +Zähne+ im Ober- wie Unterkiefer. +Zähne einmal wieder wie eine Eidechse! + +Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend. + +Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von +1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln +urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb, +Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln +gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein +großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb -- +auf lateinisch: _Hesperornis regalis_, das ist: der königliche +Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen +Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz +und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter +Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte +Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, -- noch in viel späteren Tagen +als der Jura-Zeit. + +Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein +„Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen. + +Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und +Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren +offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen, +die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben. + +Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh. + +Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee +wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich +dünner. Dafür gab es aber +innerhalb+ eines allgemeinen und +vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige +Meinungsverschiedenheiten. + +Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte +sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht +Fleisch sein +könne+, weil er wirklich im natürlichen Werden +der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich ++verknüpfe+: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über +die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache +war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten, +was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen +Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum +Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und +der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor. + +Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch +auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War +sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse -- oder schon näher zum +Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden. + +Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der +„revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von +Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der +alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte +der Befiederung sich dem Vogel nähere. + +In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die +Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch +heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt +noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel) +und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, -- mit +dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die +Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei +der Eidechse stehe. + +Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen +innerhalb+ +des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider +vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx +sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames sollte sie entwertet +haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht +mehr um die +Leiter+ -- die stand ein- für allemal fest -- sondern +um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der +Sprosse+, +die gerade Frau Archäopteryx vertritt. + +Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des +Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug. + +Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien +stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher -- als Vogel -- vor +eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das +Problem vom Fliegen. + +In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte +Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als +erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des +festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, -- dieser Vogel ist uns +nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten -- +ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu +teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung +im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit. + +Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des +Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift, +eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins +Symbolische rückt. + +Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den +Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck +heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime +ausgegangen war. + +Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen +ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr. + +Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich +das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen. + +Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde -- +und eine leidende. + +Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin fliegen +wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der +schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues +Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn +dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so +viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren +nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die +Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives +Feld, wie jeder sofort merkt. + +So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können +und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch +diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte +Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war +das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die +lebende Wesen einfach _nolens volens_ mitreißen konnte, -- und +andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit, +daß sie sich’s gefallen lassen mußten. + +Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt +sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten +offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch +ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich +oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung +in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen +äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken +von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den +wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je +gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so +ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren +konnte. + +Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig. + +Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und +leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch +jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder +Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht +werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche +leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich durchweg unserm unbewaffneten +Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr +zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste +Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser +Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um +die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen +auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten +Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus +der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig +sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im +Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten +auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug +dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen. + +Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den +allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen. + +Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer +einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus +Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen. +Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis. + +Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst +in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, -- nun +so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine +ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils +entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber +wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das +einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser +ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken +können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen +Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug. +Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich +in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend +das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal +gleichsam in den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück. +Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer +einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich +leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze +gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt +es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige +Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen +Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die +Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern +stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt +dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das +ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie +Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in +der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große +Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen +es ja noch heute gar nicht anders. + +Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die +Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese +Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen. + +Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium +hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und +doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden +-- zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser +Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften +Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen, +das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung +vorwärtsbewegte. + +Es waren Tiere, -- diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten +Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen +ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des +gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen, +im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren +es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch +von Solnhofen so reichlich vertreten ist, -- Verwandte der kuriosen +Schladenvögel oder Stangenreiter, die nichts anderes sind als +Wasserjungfern oder Libellen, -- also Insekten. + +Fliegende Insekten. + +Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen, +mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den +Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den +Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog +das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte, +ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab. +Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der +_postillon d’amour_ der Pflanze in einer Weise, die entschieden +sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind. + +Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem +Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan. +Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte -- und alle unsere +bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig +auf diese „Insekten-Befruchtung“ --, so war der Umschwung selber doch +entschieden ganz und gar Werk des Tieres. + +Wie war das zugegangen? + +Das Tier kam aus dem Wasser. + +Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser. + +Die chemische Formel _H₂O_, die Wasser bedeutet, ist ein +wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl +zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze +ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt +und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden +Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser +zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser +ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden +in sich selbst über den Wassern. + +Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie +Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich gar nicht herauswagte, +hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste +Entwickelungsschule ging. + +Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und +Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es +war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier +sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb +widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium +oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm, +der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie +entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung +des Wassers. + +Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu +einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die +Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das +Tier hat diese Neigung überwunden. + +Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren +Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen +Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich +zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser +Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin. + +Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als +Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die +ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß, +mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es +gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu +erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen +stellte sich das aktive Schwimmen. + +Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen +schon ein +erster Flug+. Der Flug in einem dickeren, zäheren +Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt +ein Flug. + +Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich +dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie +zu schwimmen begannen. + +Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden +grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der +Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers, +die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine +kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte +Fliegen als Leitmotive beherrscht haben. + +Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder. + +Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der +„Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon +des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende +Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen +entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper +die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh. +Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen, +also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese +Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen +aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen +Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon +durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen +Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft +vollgepumpt wird. + +Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die +eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall +aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist +ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des +Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul +verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm +getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar +von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist +die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser +noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons +erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend +ausgestaltet, daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers +eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er +will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, -- sein +spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so +wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt. + +Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt +wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene +zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem +Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese +Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten +Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde +noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der +Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der +riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element, +daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde +bis acht Meter weit vorwärts. + +Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der +Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so +weiter auch in die Luft hinaufsteigen? + +Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich +eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit +den Flossen auch die Luft peitschen? + +Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische +das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit +einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes +Stück weit -- bis zu hundert Metern -- allen Ernstes auf seinen Flossen. + +Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht +glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten, +um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß, +Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die +hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende +Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere +einem schwebenden märchenhaft bunten Orchideenzweig geglichen haben +müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der +fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form. +Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem +Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter +abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft +nicht, denn er würde ersticken. + +So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender +Wichtigkeit in der Flugfrage. + +Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan +schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen +Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam. + +Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen +aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso +scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten +blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des +Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben, +die beim Schwimmen helfen. + +Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart +selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere +Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von +der Atmung her fest erobert. + +Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die +Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden +sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich. + +Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten, +schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine +zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf +dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr +gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die +hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß +sie seinen Körper wirklich dahintrugen, -- wobei die Kleinheit und die +durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der +Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, ist der Schmetterling +entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von +Solnhofen. + +Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch. + +Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu +werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf +dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern, +die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das +nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte. +Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch -- oder wie er jetzt +genannt werden muß -- der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und +schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen, +Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten. + +So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das +Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des +Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner +rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine +Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind +mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der +ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte +und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt. + +Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg +größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht +so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem +Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch +auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten. + +Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden +erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem +Beutegelüst. + +Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja +die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber +noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute +trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln +(_Rhacophorus_) sich zum „fliegenden Frosch“ bilden. Will er +von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren +riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts. +Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen +Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern. + +Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse, +der sogenannte Flugdrache (_Draco volans_). Ihr stehen jederseits +ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und +darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm. + +Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben +ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte: +der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche +flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den +Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar +nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen +saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf +dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie +Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen +Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber +nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel +gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu +dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen. + +Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut. +Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und +springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise +Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der +Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung +dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein +mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere +Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen +und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche +Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte +Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine +Hautfäserchen zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers +ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich +die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares +Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt +der +Feder+. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und +Gliedmaßen mit dichtem Federkleid. + +Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste +Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu +sausen. + +Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug +von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog +schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte +Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung. + +Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit +war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt +worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon +Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und +mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen +Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen +können. + +Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue +Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu +durchdringen. + +Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen +eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte +Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen +Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips. + +Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast +zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als +Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme +also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag, +die Arme ruderten. Und da ein Triumph. + +An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie auf, -- +auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, -- ein altes wahres +Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle +Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte +Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil. + +In dieser Kette der Dinge +ist der Vogel entstanden+. + +Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des +Menschen fertig gebracht hat. + +Der Urvogel von Solnhofen war der erste klare Vertreter. + +Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am +Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen +und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den +langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel +war mit ihm da, unwiderruflich. + +Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern +aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle +Wassersäule für sich gewann. + +Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen +hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe. + +Werden wir Menschen den Vogel überbieten, -- das letzte abstreifen, was +an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist? + +Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug +alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen +hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige +Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht +auch bezwungen werden! + +Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre +Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der +Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten +abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich -- +der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen? + + + + +Die Weltgeschichte des Nilpferdes. + + +Die Wasser brausen -- und nun kommt etwas Ungeheures. + +Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher +Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei +kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als +seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element +zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun +hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die +Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul +spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten. +Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art +von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern +derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu +oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich +hineingebissen und zerkaut. + +Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis +kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose, +fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das +Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche +von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze +nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast +verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen +hat, deren jedes vier Hufe trägt. + +Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen +breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam +einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als +sei in einem _D_-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle +Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft. + +Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen +Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt. + +Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch! +Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau -- und in diesen +Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem +Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das +bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich. + +Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher +eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“ +mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll. + +Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern +taucht, ist ein Stück Weltgeschichte. + +Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen +Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch +viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx. + +Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der +großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten +Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, -- der Sanduhr, die mit +rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe +von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden +Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch +wieder abgetragen hat. + +Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in +recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, -- +wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen +Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der +Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt +war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter +der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt. + +Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes, +dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern +glotzt. + +Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt +eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten +Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist +nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet. +Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche +Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich +als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine +cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von +Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem +Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe +handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser +schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil +allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß. + +Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die +der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit +rechnet. + +Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest +der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von +Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte +sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung, +das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich +jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng +trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte +das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und +die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu +dessen Sumpfseen die Elefanten kamen. + +Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde. + +Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten +sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst +Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe +der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und +mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie +existiert hat, reizte. + +Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf den spaßhaften +Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich +ging noch ganz wo anders hin. + +Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der +Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren. + +Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen +Beinen dahin -- und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel, +hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein +Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder +Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges +Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des +zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern +sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen, +Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe +nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden -- und +in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen. +Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, -- Neuigkeiten der +jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die +alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit +einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk +gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der +fletschende Fleischklotz im trüben Becken, -- das ist Patriarchenzeit, +unverfälschte, vormenschliche Urwelt. + +Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines +Nilpferd an Unhandlichkeit, -- aus den guten alten Zeiten, da man im +Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch +Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten +Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins +heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, -- es ist +jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu +lesen. + +Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen +_Historia animalium_, der Tiergeschichte des Konrad Gesner, +gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer. + +Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der +Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein genialer +Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte +es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von +Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie +war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und +den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen +Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles. +Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares +Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere +Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der +(wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um +des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs +willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente. + +In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck +und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für +das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte. + +Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser +sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger +Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem, +was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen +und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das +Nilpferd folgerichtig auf. + +Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen +anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des +römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch +einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen +im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar +Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.), +erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt, +hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen. +Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er +umspann auch ihre Tiere. + +Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig +aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich eine +deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte -- da +war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit +allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es, +wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es +sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben +und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen +ozeanischen Gestade traten. + +Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare +Zeitung. + +Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel +gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort +ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der +deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt +oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich +außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß +in iren Rachen als in ein sack würfft.“ + +Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte +selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten +wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf +Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus, +von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war +das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß +auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese +Quellen wiesen -- höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh, +also einem echten Seesäugetier -- allerdings auch nach Indien, -- +immerhin in ferne, heiße Länder. + +Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft +froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg +lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf +den Gefrierpunkt zu bringen. + +Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne +des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese +entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder +oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf? + +Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter +Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel, +sondern frisch, wie er ihn gefunden, -- -- aus einem Bachbett bei +Zürich! + +Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn +(also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die +Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt +zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal. + +Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners +Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man +in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser +oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung +resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen +grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die +Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu +schwierig für 1558. + +Fünfzig Jahre gingen hin, -- da kam eine neue Nachricht über das +lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten. +Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das +Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen +Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen. + +Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht, +einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute +am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen, +und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem +Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die +Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch. +Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir +gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse +von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der +Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen +als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf +ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein +Männchen und ein Weibchen. Die Häute wurden eingesalzen und mit +Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch +einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich +aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann +nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor +Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den +Hippopotamus.“ + +Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten. +Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft +klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert, +in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im +ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt +in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt +in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum +erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß +eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen +wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr +anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“. + +Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese +umgetriebenen Menagerie-Riesen. + +Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine +tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings +aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen +Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich +zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger, +unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen +übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren +Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten +beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten +muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu +führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er +bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller, +entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird +furchtbar, -- bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die +ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den +Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab, +wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen +Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner +Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt +er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung +derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer +Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß +der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei +erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln: +er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel. +Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit +dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug +und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’ +Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten. + +Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd. + +Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons, +des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten, +also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest, +daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst +in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei. +Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte +wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein. +Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein +verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte +seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten +Fallgruben gebracht. + +Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten +Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle +Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller +wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung +gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende ägyptologische +Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung +eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem +Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat. + +Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode +des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit +entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe +gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen +Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich +unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich, +wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk +dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine +Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab. + +Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus +hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine +Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob +über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der +schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht, +der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken; +wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle +Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt. + +Aber was nützte das. + +Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf +Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des +Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande. + +Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es +zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der +Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im +Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den +Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist +der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und +schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine +kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere und anderes +mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf. +Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem +Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne +eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern +gesehen, beschrieben -- und mangels besserer Verproviantierung +aufgegessen worden sind. + +Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein +recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht. +Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine +Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben. +Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen +ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der +ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens +die Kulturgeschichte zurückreichte. + +Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke +um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika +im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den +alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was +die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald, +Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen, +Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue +Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche +Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch✹..... + +Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch +der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd. + +Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich +kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien, +andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen +Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint +es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der +Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt. +Als Nachtigall es am Tsadsee findet, kommt ihm auf einmal hell zum +Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von +Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine +Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders +Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte. + +Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte +„Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet +worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten +lebend vereinigte. + +Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot +in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und +diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein +lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es -- und es ist ein Ereignis für +die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts +übrig hat. + +Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter +nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten +Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird +ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht +fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier, +bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem +Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen +kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen. +Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König +erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der +ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon. + +Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei +Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem +Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge +kennt. + +Eigenartiger Zug aber der Dinge. + +Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen +Boden setzte, -- es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der ++Heimkehr+. + +Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins +Ungemessene zu wandern -- weit hinaus über alles bisher Erzählte. + +In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva, +ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der +Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt +nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz +von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig +unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät +thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer. + +An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die +geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich +nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht: +die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe. +Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag +er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung +Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere +geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie +dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und +zu begraben. + +Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische +Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und +brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London +ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm +aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener +längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als +Tertiärzeit bezeichnet. + +Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür +den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor +dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem +Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck. +Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die +Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe +da. + +Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort +einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit +besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der +Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen +Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen. +Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine +kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch +in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber +noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja +solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen +Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg +und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten +hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht +nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten +dran.“ + +Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten +nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen +aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches +Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob, +desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und +Gerölle auf. + +Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln, +oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest +zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge +in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch +noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen, +die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und +die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln +darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen. + +In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der +Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen. + +Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche +Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser +tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn Riesen und Zwerge wollten +in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben. + +Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie +es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark +aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger +Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich +duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere -- Gebrüll und +Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in +dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher. + +Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in +der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung +seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den +unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt +annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander +pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der +Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es +fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen +kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite +und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn +zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare +zackig geschweifte Schaufeln, -- also im ganzen vier Hörner. Mit diesem +wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter +hohen Giraffenbeinen. + +Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier, +und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen +Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in +Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich +prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war +ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der +Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem +Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem +Walroß gegeben haben müssen. + +Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals neben der +großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig +war, -- dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne +statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, -- Nashörner mit Hörnern +und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, -- endlich +Schweine und Tapire. + +In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll +von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen +wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken +und Schimpansen. + +Vom Menschen, -- ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber +kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch, +als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich +der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht +gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java +versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt. + +Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die +Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der +Panzerwölbung hoch wurde, -- ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder +Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß +gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer +kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die +größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat! + +Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der +uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf. + +Also doch in Indien! + +Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die +Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen +Afrika. + +Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne +absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt +lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so +wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar. + +Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am Sivasumpf +und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm +gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt. +Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich +herausentwickelt haben? + +Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, -- der Name, wie wir +ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der +Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst +folgerichtig Nilpferd geworden. + +Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen +pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren +wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte +es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie +dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten +Fischschwanz zu, -- dieselbe Phantasie, die entgegen aller +Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd +schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen +konnte wie eine Otter. + +Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger +Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein +Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern +dahin. + +Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind +sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt +es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros +ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche +Siva-Tier sind welche. + +Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas +verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende +Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, -- +und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter +sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen +sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen. + +Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl. + +Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche +Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft sich kopfüber in +denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich +nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein, +wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant. +Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut, +die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt +ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal +versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man +erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn, +Nilpferd, Tapir und Schwein. + +Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die +Sache war ein großer Schnitzer. + +Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt, +„ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere +eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen, +eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner. +Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört +geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast +des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen +Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht +nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern. + +In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten +Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue +Posaune herbei. + +Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der +Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen +übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen, +eine Ordnung für sich, -- und noch zu dieser Stunde weiß kein noch +so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der +Entwickelung gekommen ist. + +Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck +zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir. + +Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand +echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese drei Tiere +tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte +uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren. + +Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen +lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die +fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen +sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab, +sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem +haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt. +Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß +das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen +ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber +diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren +zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen +Säugetiere herausgewachsen sind. + +Wie es nun damit sei -- jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle +gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt. +Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den +Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an +allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder, +besser gesagt, Abkürzungen. + +Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald +diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, -- sie verkümmerte zu +gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode +aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große +Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und +Mittelfinger zu greifen. + +Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter +sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige +Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar +zwei verschiedene Bedürfnisse. + +Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt. + +Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen +irgend ging, über den grünen Teppich, -- im schnellsten Lauf, da der +Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten sie der üppigsten +Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen. +Kurz: Sausen war Trumpf. + +Und die Krone dieses Sausens wurde -- das Pferd. + +Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier +Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den +ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben +und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr +gerade eben auf den Boden tippt. + +Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele, +ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen +Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet +war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten, +natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes +Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln +lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen +Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch +früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch +wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor +Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen +der Zeit auftaucht. + +Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man +besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern +sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden +heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese +Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen +kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste +des großen Pferde-Stammbaumes. + +Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem +Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz +andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt. +Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten +abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin +der mittelste -- in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal -- schon +etwas stärker entwickelt ist. + +Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter zurück, +maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, -- also halb +die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere, +vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft +urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt. +Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten, +so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker +mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen +zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener +in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif +eingeschlafen war. + +So die Linie auf der Grasebene. + +Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder +wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist, +weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist. + +Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit +ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht +eine+ hüpfende Zehe, -- sondern ++zwei+ Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar: +der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes. + +Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, -- +Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse, +Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe +langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen +Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich +die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen +Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche, +Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um +ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde +legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das +Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen. + +Wir sind am Ziel. + +Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier +Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an +der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal. + +Dann aber: -- das Nilpferd. + +Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden. + +Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug. + +Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im +Rhinozeros die des Pferdestamms. + +Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen +Boden Europas, -- nach Griechenland, wo die Marmorklippen des +Pentelikon ragen. + +Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue +Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen +ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist. + +Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von +Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie +gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt. + +Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer +der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser +als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos +(die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch +eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte +Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes +Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt +durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen +Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen. + +Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der +Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen, +wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene +Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier +aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere +Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum +Vorschein kam. + +Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene +Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese +Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das +Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte nicht einmal als ihr +unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine +stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge +Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte. + +Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein +Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl +wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München. + +Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr +beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus +einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu +schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der +Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte. + +Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der +wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner +-- und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen +Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes +Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine +Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen +Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem +sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten. + +Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte +sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage +des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, -- +und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte. + +Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch- +und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse +zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten +Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier +bildeten. + +Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß +von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das +ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen einer +Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück +Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei +Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer +Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht. + +Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von +Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre +Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen _tabula rasa_ +gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser +verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten +Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen +als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein +Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet, +erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende +schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um +eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft +war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der +Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse +urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit +seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist +sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache. + +Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von +Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa +erwarten. + +Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe +mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den +giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf, +das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst +etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald +endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier +festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am +nächsten kommt. + +Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt +stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher +machte. Und nun eröffnet sich eine großartige Perspektive, die beide +klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet. + +Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen +ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des +Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist +aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland +von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere +unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte +sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von +Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit +der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos, +um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit +abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis +Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser +Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und +sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über +den Aequator hinaus. + +Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und +nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus +entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle +Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen +Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, -- bei +Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei +Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher +Schädel ausgegraben worden, -- zum nicht geringen Schrecken der +trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher +unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts +gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder +Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und +das ebenso in Pikermi lebte. + +Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne +weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen -- in +ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen +sein -- quer durch ganz Asien herangekommen und abgeströmt durch das +ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis +nach Deutschland hinauf. + +Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren +Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte: +einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg, +westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein. + +Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals +auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf +die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus. + +Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir +wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So +kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der +asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom +Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen +unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst +versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite +wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit +vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle +vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der +Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher +Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das +Ansiedlerland, -- wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des +Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther. +Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das +erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas +allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung. + +Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat +damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt. + +In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare +Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan +haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf. +Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit +zurück. Ein Trupp ging schneller, andere ganz langsam, im Verlauf +erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren +Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in +hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete. + +Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist +ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit +den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich +eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab. +Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg +nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da, +unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab. + +Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen +wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen +konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack +oder Teufelshilfe im Spiele war. + +In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden. +Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht +so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es +jedenfalls gekommen, -- gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen +Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte +auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie +es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im +letzten Schoße, -- das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren +Spuren wir eben aufdecken. + +Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst +in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange +Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt +haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung +hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn +jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit +entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas +größer scheint es gewesen zu sein, -- _Hippopotamus major_ ist es +deshalb getauft worden. + +Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich +auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in +England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung +englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja +unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich +auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas, +zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch +lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa +fort und fort schlechter wurde. + +Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz +Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die +warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber +diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz +langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder +wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der +Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in +ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten. +Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz +aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute +Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das +Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter, +den immer kargeren Sommer. + +Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht +verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die +jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, -- +seltsam genug, wenn man an heute denkt. + +Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von +ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die +Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es +endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die +eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner +hat es jedenfalls nicht mitgemacht. + +In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich erst +ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns +aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei +den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland +und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, -- aber sie setzt +ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die +herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen? +Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem +Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das +Nilpferd ganz aus Europa, -- auch aus dem Mittelmeergebiet. + +Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit +zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen +eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute +das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach +Afrika bildeten. + +Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze +bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien, +gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika +hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt +nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel +später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von +Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den +Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling +aus dem ungastlichen Europa. + +Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf +einigen Inseln des Mittelmeers. + +Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich +herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf +absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im +trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen +gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das +auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu +jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der +langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener +Pfeiler alten Festlandes, das sich noch in verhältnismäßig jungen +Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht +haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite +Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte, +besiegelte erst ihr Schicksal. + +Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie +zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz +gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden +Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los, +ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von +1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch +sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel +machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der +Griechen vom Untergang der Atlantis, -- eine Sage, die wahrscheinlich +erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden +ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden. + +Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine +höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben. + +Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das +Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam, +als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in +ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame +Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern +stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz +Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten +bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig +anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“ +träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun +scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine +gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf +die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in +Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei +Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere +und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen Behemot, +denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den +Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie +der Nilriese. + +Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen +Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die +Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird +vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen +und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und +(in der kleinsten Art) sogar nur +einem+ Meter Höhe ergeben, also +Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß. + +Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste +eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten +Festlandes an dieser Stelle +verkümmerten+, als das Festland +sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als +letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn +und immer dünner, -- und so entstand in einer Art zwangsweiser +Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und +Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die +Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von +andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt +unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten +und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als +die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber +verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen +Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta +ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im +Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd +zuerst in Aegypten auf. + +Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf +dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind. + +Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der +Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische +Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern +Wegen erreicht hatte. + +Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See. +Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein +stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets. + +Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug, +vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser +Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen +und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe +Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste +Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten +Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar +keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große +Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem. + +Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine +Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf +Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen +und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber +auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz +eingegangen. + +Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es +wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von +Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen. + +Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird +in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber +altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der +wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der +Zeit verrinnen sieht -- ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub, +wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es +erzeugt hat, sein wird. + +Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der +Gedanke lebt, -- der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und +der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, -- -- du +Stück Weltgeschichte -- Nilpferd. + + + + +Die Wunderwelt der Radiolarien. + +Ein Blick in die Tiefsee. + + +Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“. + +Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten +Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf. +Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom +zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von +versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich +einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar +abspiegeln muß und läge sie noch so tief. + +Alte Schnurren -- die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als +das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger +Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen +liest. + +Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten +Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch +mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort. + +Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen +verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas +abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem +Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme +mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher, +Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller +Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim. +Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und +Kinderspielzeug, Rasseln und kleine Windmühlen, aber alles durch +äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige, +doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller +Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen +darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische +und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es +uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück, +jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein +Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt. + +Wo liegt dieser Schatz? + +Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor. +Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas +wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als +sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner +Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht. +„_Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd._“ + +Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der +fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der +Naturforscher als +Radiolarien+ bezeichnet. Die vorliegende +Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen +Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der +zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen +Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im +Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich +um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe +dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein +Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über +4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch. +Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das +größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine +Klippe zu stoßen. + +Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“ +heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert, +hat sie eben unter meinem Mikroskop gelegen. Sie war der „Schatz“, der +bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem +staunenden Auge vorüberzog. + +Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die +Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar +nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne +Schale eines einzelnen Lebewesens -- eine Schale, in der einmal ein +lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen +selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich +Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut. + +Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr +Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst +weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die +eine winzige Schlammprobe. + +Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure +sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen +Bergkristall baut. + +Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen +als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben +menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und +Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches +Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in +einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen, +in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die +Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile +Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist, +ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut✹.... + +Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer +Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber +ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat. + +Tiefseeforschung! + +Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte! + +Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur. +Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der +Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war. + +Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge +überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit +dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er +dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte, +den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das +eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich +hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen. +Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu +fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging +das hinab. + +Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern +nur alte Mythen. + +Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung, +offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der +Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in +einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung +der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie +hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich +auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben +und unten. + +An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber +selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die +kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den +Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete +Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und +da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war, +zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts +ernstlich daran, ob das Weltmeer +überhaupt+ allerorten einen +Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte +noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen. + +Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das +südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit. +Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den +Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre +des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert +Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich +John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat +stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer +kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit +lebenden Tieren darin) ans Licht. + +Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter +noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten +Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben, +so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig +seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr +erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren. + +Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse +Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten +Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern +festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In +dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im +Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung +schien also ungefähr erfüllt. + +Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis +zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die +Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige +Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte +an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich +gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen +und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in +Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit +Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder +illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang. + +Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein. + +Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel +allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein +geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst +dringlichen +praktischen+ Forderung. + +Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und +Amerika tauchte auf. + +Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den +Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“ +endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab +dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber +bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung. + +M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806-1873) +revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die +Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme +zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in +der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden. + +Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige +vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das +regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal +und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird. + +Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie +verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum +annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und +zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten +Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange +enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange +selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war +eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und +Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment +des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und +Leine konnten dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und +in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein- +und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich +Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von +Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf +ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen +getrieben worden. + +Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit +Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar +im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der +Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden +Jahrzehnten jetzt wenigstens +einige+ Seetiefen im Atlantischen +und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr +entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die +Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres +Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten: +wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das +Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht. +Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich +sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der +Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan) +mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd +tausend Atmosphären lasten! + +Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen +ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt +war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in +gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant. +Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber +allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund. + +Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die +wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn +es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus? +Vor allem: gibt es +Leben+ da unten? + +Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg +zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. Und abermals +war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die +vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit +heraufzog. + +Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit -- in +Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas +davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben, +daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so +doch abwärts in die Tiefe hinunter ein +einziges ungeheures Grab+ +ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei. + +Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran +selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß +Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln +bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll +fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen +nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen +durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut +beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes +kannte. + +Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren +beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist +einer+ der großen +Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber +zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen -- außer Wirbeltieren +noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln, +Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken), +Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen, +Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten +Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die +Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten, +fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde +damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte +unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und +Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens +die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber den +ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer +noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte +Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre +hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich +meerbewohnenden Gruppen geblieben war. + +Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres +großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht +wenig zu dem Umschwung beigetragen. + +Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als +eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein +dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte +es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen +und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes +Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See +und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee, +bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke +eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als +jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste +Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten. +Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop -- +verbessert, wie die Technik es jetzt bot -- als das entscheidende +Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre, +von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen +Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des +tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das +Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch +Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen +Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die +ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen. + +Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller, +Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und +die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach +kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit +einem Schmetterlingsnetz. Das war für den Augenblick ein gewaltiger +Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster +Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert +hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht. +Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob +diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend +welches Interesse biete. + +Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor. +Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner +Tiefensondierung von -- behaupteterweise -- fast zweitausend Metern +in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam +er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein +unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern +an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben +hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und +vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ... +ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes +zurücktrat! + +Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die +besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und +späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der +vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei +etwas über achthundert Meter Tiefe. + +Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art +die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings +meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe. + +Edward Forbes (1815-1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit +der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des +Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß +von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei. +Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben +mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen. +Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so +sein müsse, -- die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein +und beweist euch, es müßt’ so sein.“! + +Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte +folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine +Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich +eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte, +daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine +Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise +konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als +Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des +obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon +sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber +verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte. + +Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre +letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende +Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des +transatlantischen Kabels. + +Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig +werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt +hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer +Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre. + +Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem +Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen +Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt. +Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die +abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich +sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran. + +Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall +wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf +dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor +winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien +und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit +drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen +drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen +Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also -- und gerade in Forbes’ +„unfruchtbarem“ Mittelmeer -- unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern! + +Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus +ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben +stand, daß sie an Tiefenverhältnisse +angepaßt+ waren. + +Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende +zu den sechziger Jahren bedeutete. + +Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre +aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien +als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick +bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt, +das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem +Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie +etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt +existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein +müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher +Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar +sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde +unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben +könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte, +bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr +zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich +auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging? + +Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes +geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle +Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde +Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (_Leptoderus_), +dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit +scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge +ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde. + +Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen +jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen +aufwiesen. Zunächst gerade auch +blinde+ Tiere. Blinde Fische, +blinde Krebse. Das +mußten+ echte Bewohner der dunklen, also +tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen +aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch. + +Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr +große+ Augen +hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße. + +Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte +nämlich äußerst kräftige +Leuchtorgane+. Auch diese Anpassung hat +der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine +ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“, +kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen +Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der +Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein +einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres +erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende +Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren +Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges +werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg. + +Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen +Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist, +als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende +geworden. + +Bei dem Fische _Malacosteus_, der schon aus Tiefen von 5000 Metern +gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und +je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes +Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch _Echiostoma_ +flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer. +Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar +wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem +Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate +selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen +zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein +aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben +dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind +übrigens nicht Fische allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen, +Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische +„illuminieren“ in den prachtvollsten Farben. + +Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht +verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber +von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch +andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre +Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig +aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt. + +Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht +nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal +gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten +Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen +Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da +hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean +durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher +und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild. + +Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten +andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser +Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten +wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen +Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als +einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und +Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst +weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers +auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner +signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in +bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die +Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher, +und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß +beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich +unseren Weberknechten. + +Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser, +und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte Welle zerschlüge, +durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine +Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz +besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe +sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte +zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom +Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe +der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in +unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller +Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem +Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die +großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode -- +also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit -- den damaligen +Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge, +die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte +fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher +vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich +einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben +glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine +ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine +Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen, +leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen +Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche! + +Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer +Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit +der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura- +und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe +beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl +am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen +Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit +Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus +der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so +schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die +einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende +Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog +Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen +der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig +Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben +mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß +gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei +Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich +fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal +wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch +sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch +einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts +steige, hat sich sonst nicht halten lassen. + +Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag. +Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von +den Kabelarbeiten. + +Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz +Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte +sich der Eifer zu +Tiefsee-Expeditionen+, die eigens diesen ++zoologischen+ Zweck ins Auge faßten. + +Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten +diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe. + +Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den +eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen +Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich +zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als +sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung +von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine +noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt, +allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren +sollte. + +Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen +Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868 +wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer bei den +Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches +Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“ +(Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die +Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere +Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend +Meter hinab. + +Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die +Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für +Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage +diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine +ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus +der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos +anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden. + +Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten +Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen +Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit +von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere +Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde +durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines +Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das +Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen +Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine +glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis +über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere +fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in +Thomsons bewährte Hand. + +Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten, +konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender +Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie, +Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der +erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus +Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition +teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das +glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise +hinraffte. + +Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung -- seit den Tagen +des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet +worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den +Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die +Absicht zu haben schien, auf dem Wasser -- je offener, desto besser +-- geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag +Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo +immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten. + +Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876. +Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und +einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt +in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer +hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr +als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie +ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel +besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen +flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch +widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte +durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück, +das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert +wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in +Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den +Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit +der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den +sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne. + +Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles +unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord. + +Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten +Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger +als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden, +zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und +zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand sich eine +erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern, +also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht +weit von den Philippinen. + +Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der +Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit +zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim +anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das +aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete. + +Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte +sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten +Gebiete umspannte. + +Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens +bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die +Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des +Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten +Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen +auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von +der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten. +Der engere Sachverhalt schien dabei folgender. + +Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz +regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen -- +Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom +Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer +hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis +zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen. + +Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich. +Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den? + +Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim +Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm +war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop +zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein +dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe. + +Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen +selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich +auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen +frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn +das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab. +Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser +Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß +Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit +einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind! +Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere +heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute +Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir +als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den +Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen +der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen +diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen +heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide +unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer. +Doch das nebenbei. + +Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern +der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten ++Urtieren+. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den ++Wurzelfüßern oder Rhizopoden+. + +Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles +dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen +schwebt. + +Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere. +Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet, +aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, -- +den sogenannten +Zellen+. Auch der Körper des Menschen ist aus +Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber +gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige +Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen, +das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder +Frosch auch die Beine und Füße. + +Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu +nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus +einer einzigen+. +Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen +in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe +Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber +nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung +auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es +gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier +trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche +Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen +aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder +dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu +zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings +ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen +Leibe +harte Skelette+ auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper +als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei +den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des +Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine +hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt. + +An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem +„Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den ++ganzen+ Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen +von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine +runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche -- +ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen. + +Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die +Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz +einfach über einen Leisten gearbeitet ist. + +Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen +viertausend und fünftausend Metern der +Globigerinenschlamm mehr +und mehr aufhört+. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der +viertausend Meter-Grenze zu Ende. + +Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein +Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, dem gerade das +Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich +die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk. + +An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der +Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben, +allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf +treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den +Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei +sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend +Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als +viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen +fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum +sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern +genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen? + +Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der +Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter, +also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe +wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen ++auflöst+. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das +mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser +selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende +Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück +Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes +hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain +unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen. + +Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein +Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her? + +Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach +bemerkbaren Farbe nach den „+roten Tiefseeschlamm+“ genannt. + +Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem +durchaus verschieden. + +Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische +Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer +Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse ist, Asche, Bimsstein, +Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem +Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins +Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im +Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua +an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn +wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre +mit vulkanischem Staub durchsetzt, -- Staub, der allmählich dann +niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean +aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule +bis auf den Grund. + +Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen +zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der +Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel +Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen +mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach +außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was +kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf ++kosmischen+ Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt, +die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe +Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben, +der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser +Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin +kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich +die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall +der Staub verpulverter Gestirne rinnt✹.... + +Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es +bleibt noch ein Hauptbestandteil: +Kieselerde+. Wie oberhalb der +viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser +Stoff? + +Wir rufen uns zurück, daß jener Kalk des oberen Schlammteppichs auch +nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige +Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form +von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber +von lebendigen Geschöpfen der Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig +verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile +des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition +des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und +Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten +Entdeckungen zu machen. + +Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit +eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht, +enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale, +das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus +nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem +Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „+Radiolarien+“, zu +deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert. + +Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur +aus +einer+ Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von +den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette +oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus ++Kiesel+ aufgebaut. + +Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben +ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende +Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans +(allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf +dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt, +jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen +Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt +werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also +theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört, +nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten +jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte +das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache +doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch +zu erwarten war. + +Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel +bot. + +Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich +steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt +der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter +hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und +wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die +ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit +reinem +Radiolarienschlamm+. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht, +wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die +Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den +Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe +ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre +Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar +noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar +erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die +individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar +ist. Wer diese Zerstörung besorgt -- die hier offenbar keine chemische +Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern +nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet -- bleibt +einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich. + +Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher +Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee. + +Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier +heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam. + +Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie +„Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches, +Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere, +oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher +„entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der +Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen +einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon +den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich +geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die +Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches +Beispiel dafür, wohl wert, erzählt zu werden, da zugleich ein Stück +Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt. + +In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen +zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im +heutigen Sinne noch gar nichts. + +Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die +Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze +Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten. + +Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu +werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte. +Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und +darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man +wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte. + +Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten +Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden +Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte. + +Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, +Christian Gottfried +Ehrenberg+ in Berlin, die Sache ins Große, -- ins Große tatsächlich +des Kleinsten. + +Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder +wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der +trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie +das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, -- alles +wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne, +wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken +aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher +Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als +die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im +Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht. + +Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen +Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten +eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der +Riesensonnen am Firmament. + +Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit +Herkuleswucht? + +Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten +aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen +Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen +nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen +aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg +einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf ++eine+ Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die +bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den +Körper bilden. + +Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen +Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er +heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige +Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und +Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese +Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten, +daß die Tiere darunter tatsächlich eine +hohe+ Organisation +besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das +ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art +„vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen +Organen der höheren Tiere, sein. + +Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren +vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt +bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den +wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte. + +In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend +einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die +schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst +stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts +für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und +Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder +herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren +Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus +zierlichen Kieselpanzer und benannte sie, -- übrigens noch nicht als +Radiolarien, der Name fand sich erst später. + +Gerade weil die Schalen -- lebende Tiere erhielt er zunächst nicht -- +aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in +seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch +im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier +herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich +zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken, +wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere +überhaupt anzuweisen war. + +In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender, +teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846 +brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die +vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt +waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit, +einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und +Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar +Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre +Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der +Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über +den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden. + +Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die +es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon +erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg +vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860 +erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar +ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen +Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere +große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten +Triumph aller Radiolarienforschung -- und doch wußte Ehrenberg noch +immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre. + +Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives +Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren +Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer Berliner Kollege +Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus -- in einer +nachgelassenen Schrift -- gerade diese Frage bis zu einer gewissen +Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer +Seite. + +Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel +auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist +aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende +Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur +Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach +Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt +nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche +mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte +Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und +zwar diesmal auf +lebendes+ Material. + +In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang +der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen +Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang +gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley, +nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener +Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das +gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen +im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein +zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber +Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb +seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr +klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts +anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von +Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen +die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war +-- ein großer Fortschritt --, so zählte Huxley seine Einzeller mit +Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im +richtigen Schubfach des Museums! + +Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade +noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg an +Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß. + +Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine +Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf +rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen +geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen +neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe. + +Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten +zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die +eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und +Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter +einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so +benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der +großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren. + +Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit +dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste +unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich +schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin +lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht +mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein +Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in +Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher +jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien +eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten +Früchte getragen hat. + +Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten +Ranges. + +Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet +waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war ++Ernst Haeckel+. + +Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze +Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst +1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten +Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem +tierreichen Hafen führten ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das +war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn. + +Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen +Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die +schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile +nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der _Camera lucida_ +und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller +wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862 +erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der +Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten +und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von +Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist +noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das +ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen +Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel +erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem +Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter +Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus. +Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die +Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung. + +In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine +große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein +geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich +für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen +war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um +Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe +allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel +kommt, eigentlich +nur+ bekannt zu sein pflegen, braucht hier +nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden +vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil +allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst. + +In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer +seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren +des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 kam Cienkowski +mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung, +die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung +tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat. + +Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs +zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb +notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein +müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von +der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von +seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch +nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus +mehreren Zellen+ +fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes +jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel +lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren. +Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren +mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom +Wurzelfüßerschlage sein. + +Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen +überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der +Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich +die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt +notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen +zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur +eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen +aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller +plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel +selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die +dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu +entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten +Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden. + +Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen +Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis +führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien +echte „Einzeller“+ +seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten. + +Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, zeigte +er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren +fremde+ +Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars +aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche, +die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den +Pflanzen+ +ähnelten, -- also sogenannte „Urpflanzen“. + +Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie +nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im +verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen, +wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in +der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen: +so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig +urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die +wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben: +sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts +anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und +uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht +auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen +schmarotzern? + +Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen. +Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars +scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen, +sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen +Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen +jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich +des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten. +Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute +weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von +Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen. +Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der +Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns +den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars +vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand. +Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und +scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende Pflanze dagegen zersetzt +wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So +kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet +diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches +Leben“. + +Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand +natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als +nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat +das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und +allgemein eingeführt. + +Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte, +mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs +aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen, +was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er +kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der +Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den +lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für +ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere. +Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage +aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht +mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal +den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl +überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich +beobachtet. + +Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide +zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß +und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten; +und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein +Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte. +Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg +genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten +Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief. + +Hier aber beginnt tatsächlich das letzte und das großartigste Kapitel +in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis. + +Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren +mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht +worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung +des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk +vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen +sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen +läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander +von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt +hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der +„Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend +Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und +Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an +außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter +tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der +Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit +und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft. +Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon +zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt +waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch +nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus +der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John +Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der +Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm +das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als +ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken, +daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten +gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und +gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien. + +Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den +Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut. + +Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, +was+ für +einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen +sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien. + +„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten +Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen +Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg in Glasgow folgend, +der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil +der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht +über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist +mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir +Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von +„Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d.✹h. von jenen mikroskopischen +Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes +durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in +Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt +waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr +als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen +Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren +Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den +Radiolarien.“ + +Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die +Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es +wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des +„Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus +seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich +umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie. + +Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache +Ziffer der +neu+ beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte +fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von +1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf +das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort +auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85 +Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum +-- bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es +keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken, +was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder +Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint +vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der +4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse der Säugetiere noch +nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht, +daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“ +erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich +an Radiolarien noch besitzen mögen. + +Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist +selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen +hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise +auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten, +dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage +veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch +hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige +Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch +einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar +aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für +die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja +wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für +den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen, +daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher +so sehr wenig bekannt geworden sind. + +Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische +Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres. +Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“ +gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen +zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck +und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt +noch etwas viel umfassenderes in Fluß. + +Die +ästhetischen Interessen+ werden aufs nachhaltigste berührt. + +Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere. + +Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser +Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten +Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von +Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben war, seinem +Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen. +Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur, +die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen +Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster +Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, +rhythmische Gebilde von +vollkommener Schönheit+ hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles. +Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in +den tiefsten Gründen der Philosophie endigt. + +Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die +Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger +Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck +volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften +von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich +zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle +möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach +einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem +ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel +heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff, +unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt. + +Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch +wiedergegebenen Objekte der organischen Natur +ausübenden +Künstlern+ eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen +gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke. +Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem +Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem +Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!) +ist es der +Naturforscher+ gewesen, der dem Künstler dabei +entgegengekommen ist. + +Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert +hat -- im vergrößernden Mikroskop -- ist dem Künstler durchweg fremd +geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte +nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die +im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn +der Gewinn liegt unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der +Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher +Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit +dem Apparat des Mikroskopes und der _Camera lucida_ reproduziert. +Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der +innigen Begeisterung aus: wie +schön+ ist das! Der Naturforscher +stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch +auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von +Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur +sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der +Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus, +und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar +in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht +einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe -- oder auch treibend auf +dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina --: es arbeitet +Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir +Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen -- Vertreter der Spitze +aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals +diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat -- wir +Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und +das sollte nicht zu denken geben? + +Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist +voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene +künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre +vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen +Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit +einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen, +setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall +oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im +Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen +der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der +Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt -- und +das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“. + +Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht, +ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen +bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört, +daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden +Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu +denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als +„mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn +man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt +und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar +für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene +Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt. + +Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle +Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze +des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung +beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet. + +Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen +nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm +minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt +werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll. + +Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in +ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen +umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer +gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß. + +Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der +Gegensatz von mechanisch und lebendig +aufhebt+, und wenn ich das +Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich +eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium +geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern +„mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das +paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. +Das +Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der +Welt.+ + +Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der +Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die +kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist +in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer +kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch +ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu +erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen +uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen +glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an +der eigentlich interessanten +ästhetischen+ Frage +nichts+. + +Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja +auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in +diesem+ +Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des +Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen +des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der +eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen +Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier, +wie es das Radiolar darstellt, trennt. + +Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen +wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen +Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die +sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke, +der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische +Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht +in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der +Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas +Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des +Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den +Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und +züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann +noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er +erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl +bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, sucht sich +Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde, +die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor, +er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst, +die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt. +Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung +gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen +Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der +Form. + +Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt +aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante +Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars +bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht -- den Weg von einer +Anlage zu einer Erfüllung. + +Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es +dasselbe+ +Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft +-- und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das +Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der +Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht +entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im +Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß: +daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von +unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom +unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden +Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade +unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, -- des rufe ich jeden +echten Schaffenden zum Zeugen an. + +Die Kunst läßt sich nicht kommandieren. Sie ist ein Geschenk, +allerdings eines aus uns selbst. Das Naturprinzip, das in ihr +durchbricht, läuft ja nicht übernatürliche Bahnen hinter uns. Es läuft +in uns, ist ein Teil von uns, ein Bestandteil unseres tiefsten Seins. +Da ich aber selbst im Sinne natürlicher Entwickelung vom einzelligen +Urwesen nur getrennt bin durch einen Unterschied des Grades, nicht +der Art, -- so scheint es mir kein großes Wagnis, zu sagen: dieses +in mir enthaltene, in meiner Menschenkunst so und so durchbrechende +Naturprinzip sei auch da unten schon, wenn auch auf einer anderen +Stufe, im Radiolar vorhanden und schaffend wirksam. Es dichtet keinen +Faust, dieses Radiolar, und malt kein jüngstes Gericht. Aber in seinem +triebhaften Gestalten zierlicher, rhythmischer Gebilde beweist es +in seiner Weise doch schon, daß auch in ihm eine Durchbruchsstelle +ist jenes gewaltigen, auch aller höchsten Kunst letztlich zugrunde +liegenden Naturprinzips, das auf rhythmische, harmonische, „schöne“ +Gebilde geht. + +Es war kein Silberschatz, kein wirklicher Nibelungenhort, von dem wir +ausgegangen sind. Winzige Schälchen meerbewohnender Tiere niedrigster +Art lagen unter dem Mikroskop, eine Messerspitze voll wie eine Prise +Schnupftabak. + +Und doch -- welche Bilder dahinter! + +Meerestiefen, gegen die der grüne Grund des Rheinstroms, der in der +Sage das Nibelungengold verschlingt, ein seichtes Rinnlein mit ein +paar dünnen Tropfen wird. Und in diesen schwarzen Gaurisankar-Tiefen, +nur vom gespenstischen Licht phosphorescierender Fische noch magisch +erhellt, ein unendlich geheimnisvoller Schatz, so wunderbar, wie +ihn keine Sage träumt: die heilige Natur-Knospe des Großartigsten, +Edelsten, Glückseligsten, was der Menschheit oben im freien Sonnenlicht +verliehen wurde: -- der Kunst. + + + + +Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind? + + +Es war an einem wundervollen Sommermorgen auf der Insel Rügen. + +Ich war eine Weile pfadlos durch den dichten Wald geschritten, zwischen +hohen Farrnkräutern, nach oben und allen Seiten ganz eingesponnen in +das lückenlose Smaragdgrün der kleinen, hart gerippten, zitternden und +flimmernden Buchenblätter. + +Auf einmal eine Lücke, als tauche das Auge aus einem tiefen, tiefen +grünen See. Und da unendlich weit das blaue Meer, das alte, immer +schöne. + +Ich kletterte von der Buchenhöhe herab zum schmalen, steinigen Strande +und setzte mich auf einen grauen Block, ein paar Minuten still +versonnen in der Folge eines weißen Dampfers, der fern, klein wie ein +Spielzeug, die Meereswölbung schnitt. + +Dann kam mein Blick, wie sich ausruhend von dem unendlichen Bilde, aufs +Nächste zurück. + +Dicht vor meinen Füßen lag um eine Vertiefung ein kleiner Steinring. +Kinder hatten ihn spielend gebaut, eine Art Burg, in der eines gesessen +hatte, während die andern einen Kreis darum bildeten und sangen. + +Aber mich fesselten die Steine selbst. + +Weiße Kreidebrocken; einer war zerschlagen und wies einen schwärzlichen +Kern: Feuerstein. Ein rötliches Geröllstück von ganz anderer +Mineralart. Ein kleiner, halb abgebrochener gelblicher Steincylinder +wie ein länglicher Fingerhut. Ein bläuliches rundes Ding, seltsam +wie mit undeutlichen Ornamenten verziert, im ganzen einer harten, +eingetrockneten Cypressenfrucht nicht unähnlich. Zwischen allerhand +größeren Trümmern auch ein winziges Körnchen von auffallendem Rotgelb: +Bernstein. + +Meine Gedanken begannen zu wandern. + +Diese Kinder hatten mit Jahrmillionen der Erdgeschichte gespielt ohne +eine Ahnung davon. Jede kleine Quader da in ihrer Festung war ein Stück +Urwelt mit einer ungeheuren Perspektive. + +Dieses Körnchen Bernstein war versteinertes Harz eines Fichtenbaumes, +dessen Art heute auf Erden nicht mehr gefunden wird, ein Gruß aus +längst verschollenem Urwalde einer deutschen Küste in Tagen, da es noch +keinen Begriff „deutsch“ gab, weil es noch keinen Begriff „Menschheit“ +gab. + +Diese Kreide, wie sie jetzt die steilen Wände der Stubbenkammer +auf Rügen zusammensetzt, war einst Tiefseeschlamm des Ozeans. +Die Kalkschalen mikroskopisch kleiner Tierchen, die diesen Ozean +belebten, sanken jahrhunderttausendelang unablässig in die Tiefe und +bildeten dort allmählich diesen Schlamm. Dann kamen Faltungen der +Erdrinde, verschoben Land und Wasser und stauten den uralten, zu Stein +verhärteten Schlamm als Hügel empor. Gegen diesen Hügel quetschten +sich Millionen Jahre später die Gletschermassen der Eiszeit, die, von +Norden kommend, die ganze Ostsee ausfüllten. Mit diesen Gletschern ist +der rote Stein dort von den Gebirgen Schwedens bis hierher geschleppt +worden. Zugleich rissen diese mit Steinen wie ein Reibeisen besetzten +Gletscher hier die weiche Kreide Rügens auf, wühlten gleichsam ihre +Eingeweide heraus, daß sie in nackter Blöße, zersplittert und zerfetzt, +offen blieben, wie sie heute stehen. + +Aus dem zerrissenen Fels aber lösten sich schwärzlich-gelbbraune +Einlagen. Von da stammt der Feuerstein. Als der Kreidefels noch +weicher Schlamm war, betteten sich in diesen Schlamm schichtenweise +seltsame Knollen aus Kieselstoff, auch sie das Erzeugnis wahrscheinlich +kleinster Tiere, vielleicht hauptsächlich Radiolarien, die unzählige +Gehäuse aus stahlhartem Kiesel aufbauten und zu solchen Klumpen sich +ballen ließen. Das ist unser heutiger Feuerstein. + +Zwischen diesem Feuerstein fiel aus der Kreide noch mancherlei +anderes Gebild, auch das urzeitlicher Rest verschollenen tierischen +Lebens. Dieses zerbrochene gelbe Röhrchen, „Donnerkeil“ im Volksmunde +genannt, war einst ein Körperteil eines Tintenfisches vom Schlage der +sogenannten „Belemniten“. Diese wie mit Hieroglyphen besetzte blaue +Steinfrucht ist der Ausguß der Schale ebenfalls eines Tieres, eines +See-Igels, der zugleich mit jenem Tintenfisch lebte, als der Feuerstein +und die Kreide sich bildeten. + +In jenem Ozean der Kreidezeit schwammen 120 Fuß lange Eidechsen, +die Mosasaurier, dünn wie das Schiffermärchen die große Seeschlange +träumt. Und am Strande des Meeres stapften reptilische Scheusale von +zehn Metern Länge, die aufrecht auf den Hinterbeinen gingen wie unser +Känguruh. In Belgien liegen heute noch die Reste; beim Bergwerksbetrieb +sind sie zutage gekommen tief unter der Sohle des heutigen Lebens, eine +versunkene Welt. + +An solchem Fleck, wo die Geschichte des Kosmos sich in ein Kinderspiel +drängt, tauchen einem von selbst allerhand Fragen auf. + +Es ist immer eine der nächsten gewesen: wo ist das alles hingekommen? +Warum ist es heute nicht mehr da? + +Das Meer blaut noch in unabsehbarer Weite wie je, hat noch immer +Tiefen, in denen der Gaurisankar sich untertauchen ließe, noch heute +bietet es dem Walfisch, der auch hundert Fuß lang wird, Nahrung und +Raum. Wo sind die Mosasaurier, die Iguanodons, wo der Ichthyosaurus +hingekommen, dessen Steinmumien in Schwaben dicht beisammenliegen wie +die Heringe, wo die Mammute, deren rotwollige Leiber noch blutig frisch +im sibirischen Eis stecken wie in einer Konservenbüchse der Ewigkeit? + ++Eine+ Antwort scheint ja die erste, rascheste. + +Unendliche Zeit ist seit damals hin. In dieser Zeit hat die Erde +hundert Akte des wildesten Spektakelstücks durchgespielt. Das +Land ist geborsten und hat feurige Lava und kochenden Wasserdampf +gespieen, Sintfluten haben sich darüber ergossen. Da wurden die Fische +gebraten und die Sumpfreptile ertränkt. Und über die Mammute gar ist +klafterhohes Eis gestürzt. + +Aber davon will die heutige Wissenschaft nicht mehr viel wissen, wenn +es auch in Jugendbüchern und Romanen noch erzählt wird. + +Wir haben gelernt, daß die Mühlen der Weltgeschichte in der +Ichthyosaurus-Zeit wahrscheinlich genau so langsam gemahlen haben wie +heute. Es brodelt wohl einmal ein Vulkan. In Jahrhunderttausenden frißt +sich ein Strom auch ein neues Bett, versandet ein See, sinkt eine +Küste Millimeter um Millimeter abwärts, bis endlich ganz, ganz langsam +der Ozean ins Wattenmeer zwischen Inseln, in die Marschen, ja endlich +über ein ganzes Tiefland bis zur nächsten Hügelmauer dringt. Daß es +aber niemals jene allvernichtenden Katastrophen, die gleichsam mit dem +Schwamm über alles Lebendige wischten, seit ältesten Erdentagen in +Wahrheit gegeben habe, davon liegt ein schlichtestes Zeugnis vor. + +Es leben nämlich heute noch einzelne Tiergeschlechter munter neben +uns, die schon mit dem Ichthyosaurus und noch weiter zurück blühten. +Ein solcher leibhaftiger überlebender Urweltler ist der Molchfisch +Ceratodus Australiens, der recht im Sinne Darwins eine Uebergangsform +darstellt zwischen Fisch und Molch, weil er nämlich noch Kiemen zum +Wasseratmen besitzt wie ein Fisch und doch zugleich schon eine Lunge, +wie die Landtiere sie vom Molch an aufwärts haben. Dieser Molchfisch +ist genau der Gattung nach +älter+ als der älteste Ichthyosaurus +und erfreut doch noch jetzt die Australneger Queenslands durch sein +wohlschmeckendes, lachsrotes Fleisch. Ja, die Lingula, ein kleines, +halb wurm-, halb muschelähnliches Tier aus der Gruppe der sogenannten +Brachiopoden, lebt im Ozean, so lange wir überhaupt Kenntnis und Reste +von lebenden Wesen besitzen: von der kambrischen Epoche an, mit der all +unsere Weisheit beginnt, bis auf den heutigen Tag. + +Umgekehrt das Mammut war ausgestorben, als unsere +Geschichtsüberlieferung begann, kein Lied, kein Heldenbuch meldet mehr +von diesem „deutschen Elefanten“ mit seinen ungeheuren Stoßzähnen. +Und doch hat der Mensch, wie wir heute sicher wissen, dieses Mammut +noch gejagt, sein Fleisch hat er verspeist, aus dem Elfenbein seiner +Zähne hat er Schnitzereien gefertigt, ja auf ein solches Knochenstück, +das in einer französischen Höhle bei Kulturresten der Steinzeit +(also der ältesten Menschheits-Kultur jenseits aller schriftlichen +Ueberlieferung) entdeckt worden ist, hat ein Künstler jener Urtage mit +roher Hand, aber noch wohl erkennbar, das Umrißbild eines solchen +Elefanten mit Pelz, Stoßzähnen und Rüssel eingekritzelt. Den Menschen +hat offenbar keine Erdkatastrophe fortgefegt seither, -- die Mammute +aber sind alle tot. Warum? + +Man hat beim Mammut vermutet, es sei dann wohl der Mensch selber +gewesen, der es vertilgt hat. + +Kein Zweifel ist ja, wie dieser Mensch wahrhaft verheerend eingebrochen +ist in die Tierwelt der Erde. Wo ist all das wilde Getier der alten +Germanen-Wälder, wie es die Römer bei uns fanden, in den zweitausend +Jahren hingekommen? Bären, Wölfe, Luchse gab es die Masse, Ur-Stiere +und Auerochsen und Elentiere sielten sich im Sumpf, und aus jedem +Flußarm stiegen die seltsamen Kuppelbauten und Dämme der Biber. +Verschwunden ist das alles vor der Kultur. Hier und da nur noch ein +letztes Häufchen Biber, ein paar künstlich gehegte Elentiere. Der +deutsche Auerochs und Bär sind längst ganz verschollen, der schwarze +Ur-Stier ist sogar überhaupt ausgestorben. Warum soll es dem Mammut, +dessen Knochen heute noch im Kies bei Berlin, im Flußbett der Lippe, +auf dem Elbplateau jenseits Dresdens gefunden werden, nicht schon ein +paar Jahrtausende vor Cäsar genau so ergangen sein? + +Aber auf jene Seeschlangen der Kreidezeit und den Ichthyosaurus vom +Fuße der schwäbischen Alb paßt auch das wieder nicht, denn mit ihnen +ist zu ihren Lebzeiten überhaupt noch kein Mensch zusammengetroffen. +Millionen von Jahren liegen zwischen dem ersten Auftreten des Menschen +und dem letzten Ichthyosaurus. Kein Siegfried kann diese Lindwürmer +erlegt haben. Aber wer war es denn? + +Es ist erst ein paar hundert Jahre her, da hatte man bezüglich dieser +versteinerten Ungeheuer noch ganz anders verwegene Fragen. + +Haben diese Tiere überhaupt je gelebt? fragte man. Im Gestein selber +sollte eine mystische Bildungskraft stecken, die den toten Stein +gelegentlich spielend zu tierähnlichem Gebilde formte. So wäre ein +solches vermeintliches Drachen-Gerippe gar kein echter Rest eines +Tieres, das einst im Sonnenlicht sich gefreut und seine Tatzen geregt +wie wir, -- sondern es wäre das Ergebnis einer Art geheimnisvollen +Kristallisationsprozesses erst in der schwarzen Erdentiefe. + +So lustig das erdacht war: es hielt doch den Tatsachen nicht lange +stand. Es läßt sich an den sinnfälligsten Merkmalen beweisen, daß diese +Urweltler einmal +gestorben+ sind. Was aber stirbt, muß gelebt +haben. + +In goldig durchschimmernden Stückchen dieses Bernsteins hier gewahrt +der Kundige nicht selten Mücklein, Spinnen und Ameisen. Sie sind genau +des Todes verstorben, der heute ähnliche kleine Tiere ereilt, wenn die +Fichte tränt und der Kirschbaum zähes Harz aus seiner Rinde träufelt: +vom klebrigen Harztropfen sind die Vorwitzigen gefangen und umhüllt +worden wie die Einwohner Pompejis anno dazumal vom Aschenschlamm des +Vesuv, -- zum Bernstein verhärtet, ins Meer verschwemmt, hegt sie noch +heute die alte Harzmasse als gläserner Sarg. + +Tief im Gestein, wo der Ichthyosaurus heute schläft, liegen eng bei +ihm, auch zu Stein geworden, die Verdauungsreste seiner Nahrung. Der +Forscher schleift sie auf und gewahrt auf der Schlifffläche die wohl +erkennbaren unverdaulichen Ueberreste dessen, was der alte Drache +verschlungen hat. Fischschuppen sind es, Gräten und die Trümmerstücke +von Tintenfischen. Dieses kleinere Getier ist also gefressen worden vom +großen, -- gestorben im dicht bezahnten Rachen eines hungrigen Räubers. +Damals wie heute gab es offenbar Hader und „Kampf ums Dasein“, es gab +Fresser und Gefressene, Ueberwinder und Unterliegende. + +Wir ahnen aber noch andere Ursachen des Todes und zwar nicht nur bei +Kleinen, sondern auch bei den Gewaltigen selbst. + +Jene Rieseneidechse Iguanodon, von der ich gesprochen habe und die +auf den Hinterbeinen trottete wie ein Känguruh, ist im sogenannten +Wälderton bei Bernissart in Belgien in einer ganzen Herde von +dreiundzwanzig Stück ausgeschachtet worden. Dieses ganze Regiment +Kolosse stand derart aufrecht im Tongrund, daß man nicht anders +annehmen kann, als es ist voreinst einmal in einer Unglücksstunde die +ganze Kavalkade aufrecht so im weichen Sumpfgrunde eingesunken und +erstickt. Wunderbar kann das ja nicht sein bei Reptilien von zehn +Metern Länge, die wahrhafte Drachenschwänze hinter sich herschleiften +und nach vorne Hängebäuche wie die Fettgänse gehabt haben müssen, +während der vogelartige Schnabelkopf sich auf hohem Schwanenhalse +haushoch über das ganze reckte. Ein ähnlicher Unhold, den man in +Amerika gefunden hat und der seine siebzig Fuß lang wurde, der +Brontosaurus, wird auf ein Gewicht von zwanzig Tonnen, das sind +zwanzigtausend Kilogramm, geschätzt. Ein solches Tier auf einem +genügend tiefen urweltlichen Moorboden war rettungslos verloren; es +ging unter wie ein leckes Schiff mit Steinfracht. + +Gerade dieser letztere Fall muß uns aber nun besonders zu denken geben. + +Er macht auf etwas aufmerksam, was am Ende nicht nur das einzelne +Sterben, sondern das ganze endgültige „Aussterben“ solcher Urweltler in +seinem Grunde aufhellen könnte, wenn man es nur recht erwägt. + +Ein solcher wandelnder Fleischberg wie der Iguanodon oder der +Brontosaurus hatte etwas unverkennbar Uebertriebenes in sich. Etwas +Uebertriebenes, das sich unter besonderen Umständen hatte heranbilden +können und in seiner Weise eine Zeitlang Herr der Situation war, -- das +aber über kurz oder lang doch dem Lose aller Uebertreibungen verfallen +mußte: unpraktisch zu sein. + +Wenn wir das Gerippe eines solchen Brontosaurus, wie es von dem +amerikanischen Geologen Marsh im Museum zu New Haven wieder +zusammengesetzt worden ist, genau betrachten, so erscheint in ihm ein +groteskes Mißverhältnis. + +Alle Wucht der Entwickelung dieses Riesenleibes ist in die reine +Masse verlegt. Dieses Tier konnte, so lange es sich um Größe allein +handelte, wenig Feinde haben, denn es trampelte da alles nieder. Ein +ausgewachsener Elefant wiegt bloß 6000 Kilogramm. Dieses Reptil hätte +ihn also gründlich zerquetscht, wenn es nur über ihn wegkroch. Viele +dieser Drachen waren auch noch am ganzen Leibe verpanzert, trugen +riesige Hörner auf Stirn und Nase wie Stiere und Rhinozerosse, oder +sie hatten aufrechtragende steinharte Kämme aus soliden Platten den +ganzen Rücken entlang und auf dem Schwanz halbmeterlange Stacheln, die +ein anspringendes Raubtier von Tigergröße durchlöchern mußten wie die +zusammengefaßten Speere den Winkelried. + +Aber diese riesengleichen Lindwürmer hatten umgekehrt Gehirne, so ++winzig+, daß ein Spatzenhirn sich im Verhältnis über sie erhebt, +wie das Gehirn eines Menschen über ein Spatzenhirn. Mehrfach war bei +ihnen das Rückenmark in der Beckengegend viel dicker als das ganze +Gehirn, so daß man fast sagen möchte: sie haben mehr mit den Beinen +gedacht als mit dem Kopf. Es kann aber mit dem ganzen Denken nicht +weit her gewesen sein. Der ungeheuerlichen Leibesfülle entsprach +eine ungeheuerliche Dummheit. Wenn man die Höhle im Schädel mit Gips +ausgießt, so erhält man die Maße ihrer Hirne heute noch ziemlich genau: +sie sind erschreckend klein. Das Wort scheint wahr geworden vom Berge, +der eine Maus erzeugt. Sie besaßen aber noch lange keine Gehirne, die +sich dem eines kleinsten Mäusleins vergleichen ließen. Und das war denn +doch schließlich wohl der Punkt, wo sie sterblich waren. + +Ihre Körperlast, sonst unangreifbar, machte sie zum Opfer jeglichen +Terrains, das nachgab, -- des Sumpfbodens wie des Flugsandes. + +Und ihre wahrhaft monumentale Dummheit führte Generation um Generation +wohl immer wieder auf so verfänglichen Boden. In diesen kleinen +Gehirnchen speicherten sich keine Erfahrungen an, warfen Falten des +vererbten Denkens auf, lehrten die Enkel in Schläue meiden, was den +Ahnen Verderben gebracht. Sie trotteten jahrtausendelang ihren gleichen +Weg, und wenn auf diesem Wege eines Tages ein Moor entstand, so sanken +sie in dieses Moor und erstickten, als müßte es so sein. + +Bis an einem letzten Tage der letzte Lindwurm so das Zeitliche gesegnet +hatte. + +Es mag ebenso geschehen sein, daß viel kleinere Tiere ihrer doch Herr +wurden trotz aller zwanzig Tonnen Gewicht, und zwar aus dem einfachen +Grunde, weil diese Tiere sich inzwischen im Verhältnis größere, also +klügere Gehirne erworben hatten. + +Gegen einen solchen schwachköpfigen Saurier war ein Vogel, wie gesagt, +ein Genie. Es gab aber in der letzten Drachenzeit nachweisbar bereits +Vögel, und zwar sind in Südamerika neuerdings auch Vogelriesen gefunden +worden, die über drei Meter hoch waren und Raubvogelschnäbel und +Krallen gehabt haben müssen wie aus Stahl. Wenn ein solcher Greif +sich dem Lindwurm unversehens auf dem Rücken festhakte, vermöge +seiner viel feineren geistigen Gewitztheit geschickt den Schlägen des +Stachelschwanzes auswich und seinen Schnabel zwischen die Panzerplatten +einhieb, so half dem Herkules schließlich all sein Gewicht nichts mehr, +und der schlimme Vogel schlug ihm endlich den Leib auf, wie ein Igel +sich mit seinen spitzen Zähnen in eine Viper frißt. + +Darwin hat uns im neunzehnten Jahrhundert auf das große Prinzip in der +Entwickelung des Lebens auf Erden aufmerksam gemacht, das mit dem Worte +„Anpassung“ ausgesprochen ist. Ueberblicken wir die heutige Tierwelt, +so sehen wir jede Tierart in einer bewundernswürdigen Weise ihrer +Lebenslage angepaßt. Der Fisch ist wie eine kunstvolle Maschine auf +das Leben im Wasser hin gebaut, der Vogel auf die Luft, der Maulwurf +auf die Wühlarbeit im dunklen Erdreich, das Roß auf die Ebene, die +Gemse auf das Gebirge, der Affe auf den Baum. Auch die Tiere der Urwelt +zeigen in all ihren Abdrücken und Gerippresten, die uns von ihnen im +Gestein erhalten sind, solche Anpassungen in Hülle und Fülle. Schon da +hat der uralte Fisch seine Flossen, die verschollene Schildkröte ihren +Schutzpanzer, der Ichthyosaurus seine scharfen Zähne und der älteste +Vogel seine Federflügel. Und schon aus diesen Organen der Anpassung +allein, die so deutlich noch vor Augen stehen, kann man den sicheren +Schluß ziehen, daß diese Tiere wirklich einmal gelebt haben. Aber man +kann aus dem Prinzip gerade der Anpassung auch herleiten, daß und warum +viele einst vorhandene Arten vollständig wieder ausgestorben sind. + +Gab es auch in der Erdgeschichte nicht jene wüsten Katastrophen, die +ganze Tiervölker in Lava brieten oder in Sintfluten ersäuften, so hat +sich doch die Erdoberfläche im Laufe der Jahrmillionen langsam, aber +sicher fort und fort ganz respektabel verändert. + +Das aber schuf für das bunte Tiervolk im ganzen immer wieder andere +Grundlagen, andere Nötigungen der „Anpassung“. + +„Andere Zeiten, andere Vögel!“ Der alte Vers hat zoologisch eine +tiefste Wahrheit. Was für die Zeit der Erdgeschichte etwa, da der +heutige Jura-Schiefer als Meeresschlamm sich absetzte, gut war im +Sinne vollkommener Anpassung, das genügte für die spätere Epoche, da +die heutige Kreide sich in der Tiefsee bildete, nicht mehr, -- und so +fort. Einzelne stille Winkel hat es zwar immer gegeben, wo diese oder +jene Art allen Wechsel überstand, ohne sich wesentlich dem Fortgang +anzubequemen: so erklären sich jene überlebenden letzten Mohikaner +urältester Tage wie jener Molchfisch und jenes Lingula-Tier. Für die +Masse aber schuf jede neue Epoche der großen Erdentwickelung ein +scharfes Entweder -- oder. + +Entweder die Tiere paßten sich den neuen Verhältnissen entsprechend ++neu+ an, oder sie +starben+ als unbrauchbar, als reaktionär +geworden aus. + +Beide Fälle sind in Masse immer wieder eingetreten. Welche Veranlagung +dabei über das „Wie“ des Weges entschied, ist freilich auch dem +darwinistisch gesinnten Naturforscher von heute noch keine ohne +weiteres beantwortbare Frage. Man ist versucht zu sagen, daß es +jedesmal die Genies der Tierwelt waren, die sich umformten zu neuer +Anpassung, und andererseits die Tröpfe und Trottel, die den Anschluß +nicht finden konnten und unter den Tisch fielen. Wobei die Worte +selbst freilich, von uns Menschen entnommen, vorläufig noch keine +echte, tiefere Erklärung umschließen. Denn wir wissen durchaus nicht, +auf Grund welcher innerlichen Weltverknüpfung nun etwa in unserem +Menschenleben selbst hier ein Genie geboren wird und dort ein Trottel. +Bloß das sehen wir klar, daß das Genie, wenn es einmal da ist, seine +Zeit beim Schopfe nimmt und mit ihr hochschwimmt, -- während der arme +Tropf in ihrer Welle elendiglich ertrinkt. Und dieses Verhältnis ist +(hier hat Darwin zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen) für die +alten Tiere jedenfalls ebenso maßgebend gewesen. + +Wer in veränderter neuer Zeitlage die entsprechende neue Anpassung +darbot, der +erhielt+ sich, war Herr der Situation, -- wer sie +aber nicht hatte, der +versank+. + +Immerhin läßt sich aus jenem guten Beispiel von den ungeheuer +körperschweren, aber ebenso verstandesdürren Lindwürmern der Kreidezeit +aber noch ein engerer Schluß zu diesem Hauptgedanken wagen. + +Je extremer, je einseitiger, je fanatischer, möchte ich sagen, eine +Tiersorte zu einer Zeit ihre Anpassung an ganz bestimmte enge +Verhältnisse getrieben, desto geringer scheint die Wahrscheinlichkeit +gewesen zu sein, daß sie jene goldene Straße des Fortschritts noch +einmal einschlagen konnte, desto größer der Zwang, daß sie tragisch +unterging. + +Ziemlich unzweifelhaft liegt hier der Grund, daß so viele gerade der +sonderbarsten barocksten und uns unbegreiflichsten Riesentiere der +Vorwelt eben bloß noch als Gerippe im alten Gestein liegen, -- sie +waren solche Extreme der einseitigen, nicht mehr beweglichen Anpassung +ihrer Zeit. + +In neueren Tagen sind insbesondere von dem Privatdozenten Brandes +in Halle interessante Vermutungen über dieses Aussterben extrem +veranlagter Tiere geäußert worden. + +Noch in der sogenannten Diluvialzeit, also in den ersten Tagen, aus +denen wir die Knochenreste von Menschen und die ersten Anzeichen einer +eskimo-artigen, ganz niedrigen Kultur besitzen, lebte in Europa sowohl +wie besonders in Amerika ein Geschlecht großer, löwenartiger Katzen +von sonderbarstem Aussehen. Machairodus hat man sie getauft, das ist +zu deutsch: der Säbelzahn. In der Tat führten diese Ungeheuer im +Oberkiefer Eckzähne, die nicht bloß wie echte Raubtierzähne von heute +als derbe Wehr und Angriffswaffe im Maule saßen, sondern die wie wahre +krumme Säbel oder Messer über den Unterkiefer hinweg aus dem Maule +vorsprangen. + +Man hat sich mit Recht gefragt, wie ein solches Tier überhaupt +entstehen konnte? + +Es ist nicht mehr ein regelrechter Löwe, sondern eher die Karikatur +eines solchen. + +Diese wahren Walroß-Hauer im Maul einer Katze scheinen durch +Uebertreibung des Prinzips mehr einen Ballast darzustellen, denn eine +Waffe, die wirklich noch zum Beißen Sinn hat. Man glaubt den Räuber, +der ein Wild angesprungen hat, sich damit festbeißen zu sehen in einer +Weise, die ihn förmlich festnagelt an den eigenen Zähnen, ohne daß er +doch damit richtig packen kann. + +Wie soll eine so abstruse Anpassung überhaupt je zustande gekommen +sein, -- an was hatte dieser Säbelzahn sich überhaupt angepaßt. + +Nun ist gewiß auffällig, daß wenigstens in Amerika, also gerade da, +wo die Machairodus-Löwen mit üppigster Zahnentfaltung in Masse gelebt +haben, aus derselben Zeit uns die Knochenreste kolossaler Säugetiere +überliefert sind, die +steinharte Panzer+ trugen. + +Bekanntlich gibt es noch heute einige recht solid verpanzerte Säuger, +-- so das Gürteltier, das in einem festen Hornpanzer steckt wie +ein Krebs in seiner Schale. Heute noch gibt es solche Gürteltiere +ausschließlich in Amerika, es sind aber durchweg ziemlich kleine +Tiere. In den Tagen jenes Machairodus aber existierten im Lande +dort Riesen aus der Verwandtschaft der Gürteltiere und der nah +dazugehörigen Faultiere, die die Größe von Elefanten und Nashörnern +erreichten, ja zum Teil noch massiver gebaut waren als der Elefant. +Und auch von diesen Patriarchen besaßen viele den echten knochigen +Gürteltierpanzer, bloß auch übersetzt in die Dimensionen eines +Rhinozeros. Die sogenannten Glyptodonten steckten ganz darunter wie +enorme Schildkröten. Einige Riesenfaultiere (Vettern des berühmten +Megatherium) trugen den Panzer wie ein geheimes Kettenhemd innerhalb +ihres dicken, obenauf mit gelbroter Wolle belegten Felles. + +Es scheint nun ein ganz plausibler Gedanke, daß die Existenz so +zahlreicher Panzertiere am Ort, wo der Machairodus jagte, einen +Fingerzeig abgebe dafür, wie sein abnormes Gebiß doch einmal einen +echten Anpassungszweck gehabt haben könnte. + +Diese Ungeheuer im Schildkrötenrock hatten keine andere Waffe gegen +ein aufspringendes Raubtier, als eben ihren Rock. Dumm waren sie ihren +Gehirnen nach auch über alle Maßen, und ihr Gebiß war auf Blätter- oder +Wurzelkost gebaut wie das von harmlosen Wiederkäuern. Aber ein Löwe +oder Tiger von heute hätte ihnen immerhin ja auf den Buckel springen +mögen zum „Löwenritt“: -- kein gewöhnlicher Raubtierzahn hätte diese +harte Nuß aufknacken und dem Schalenbesitzer wirklich ans Blut kommen +können. Ganz anders dagegen unser Machairodus. Seine Säbelzähne mochten +allen Ernstes in die Hornwand einschneiden, mochten Panzerplatten +losreißen und so den leckeren Braten bei lebendigem Leibe tranchieren. +Ein fürchterliches, aber zum Zweck sinnreiches Tranchiermesser für +Gürteltiere wäre also der Eckzahn des Machairodus gewesen seiner +ursprünglichen Anpassung nach. + +Es ist aus diesem Gedankengang dann selbst wieder ersichtlich, +daß diese enge Anpassung für so einseitigen Zweck später doch ein +Entwickelungshemmnis und eine Ursache schließlich des Unterganges der +Machairodus-Löwen aus sich heraus werden konnte. + +Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom +siegreich angepaßten Machairodus, +selber+ ganz oder doch mehr +und mehr aus, -- der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes +Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, -- und jetzt +rächte sich plötzlich die +zu tolle+ Anpassung, die Säbelzähne +brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, -- er blieb zurück +gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein +Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon +zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen +Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher +machen. + +Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will, +daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der +alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen +Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich +bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals +wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein +Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch +von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den +Angreifer mitgerissen haben könnte. + +Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut +zu bieten. + +Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut +die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich +aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach +kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen, +oben wieder hineinwachsen. + +Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines lebenden +Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins +Unsinnige umschlagenden Uebertreibung. + +Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen +Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, -- wobei +er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das +Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische +Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber +durch diese seine Riesenzähne +wehrloser+ gemacht worden, da er +überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß +durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner +freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde. + +Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen? + +In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen +Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind +zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der +Raubtiere nichts zu tun haben. + +Ihr Nutzen besteht für den Elefanten vor allem darin, daß er beim +Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er +faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen +Stoßzahn ab. + +Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des +Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit, +in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst +sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die +Stoßzähne dort erworben worden. + +Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die +große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und +armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren +sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen. + +Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch +einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande +unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis +selbst geraten und unter guten Umständen (wie in Sibirien, wo in der +Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere +Zeit darin erhalten bleiben. + +Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich +total überflüssig. + +Sie hätten ganz eingehen können. + +Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne +allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne +der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des +ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil +immer weiter zu wachsen+, +wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, -- etwa so, +wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn +man sie nicht künstlich kürzt. + +Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich +stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß +sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also +trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch +kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch +einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten +ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen +sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in +den Schädel ein. + +Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen. + +Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich +dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese +Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, -- +da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen +Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke +Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des +Mammut. + +Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte +sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin. +Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast. +Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete +Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen zweifellos +in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum +Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem +krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum +Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den +heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch +ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem +Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen. + +So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg. + +Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten +Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch +wieder zu ihrer Zeit. + +Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus +Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus +uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem +Schlage der Hand. + +Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig +dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da +draußen vor meinem Blick. + +Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen, +der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie +in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse +der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück +der Weltentechnik, -- die vollkommene Anpassung, für die es keinen +Stillstand mehr gibt? + +Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am +Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle +Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu +einem Schluß zu kommen, -- Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung +zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg. + + + + +Vom Leben im Weltraum. + + +Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß +sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst. + +Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren; +jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt +an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein +Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne. + +Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer +Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen +Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie +kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies, +daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in +den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie +draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans, +in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst +energisch gelöst. + +Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner +rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder. + +Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers, +der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich +entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht +diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten, +ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen +herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe +Eisen wie in uns! + +Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum +Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den +unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne +ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender +Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: -- +wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht +fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank. + +Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, +wie+ fest sie in +der übrigen Natur hängen. + +Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie +fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der +schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir +den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches +Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers, +besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber +diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie +ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf. + +Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt, +er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar +bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser +warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen +und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine +wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch, +der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester +Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts +als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für +dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich +augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer +Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo +hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende? + +Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius +noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit +des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen +irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser +Leib tatsächlich bis dorthin reicht? + +Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die +Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben +Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch -- was war +diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche +Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen +Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige +Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner +Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses +entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen +eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit +du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr +an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens? + +Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es +nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch +wirkliches Leben existieren sollte. + +Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das +Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie +zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes +in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet +Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an +das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In +der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar +alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so +unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt: +der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol +selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere +nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen +in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um +die Ränder dieses Schnees kreisen? + +Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All +über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine +strahlende Offenbarung. + +Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne +geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum erstenmal träumte, auf +all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte +Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters, +kam das zuerst. + +Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere +Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf +dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr +erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt. +Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten +schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt +und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen +Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit. + +Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt +war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall, +nach wirklich sichtbaren Spuren. + +Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken +gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt +der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die +eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre, +eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges +riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die +uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen +einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur +durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das +Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen. + +Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte +Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in +denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu +entgehen. + +Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im +Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde +gleich den Meteorsteinen niederfalle. + +Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen, +fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf. + +Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes +durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich +als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die +Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt +unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die +vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal +nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten. +Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker +Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein +kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene +Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen +und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit +den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte. + +Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut. + +Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere, +zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen +als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen +diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz +unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über +hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In +dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und +ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond -- also ebenfalls leblos. + +So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die +bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde, +wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein +Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des +Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden✹.... + +Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft. + +Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig +wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten +Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage +angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte. + +Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken +gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben +selbst. + +Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten +Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier +märchenhaften +Zähigkeit+, die dem Leben innewohnt. + +Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt +grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter. + +Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist +das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings +wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben? + +Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen. +Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein +Zeitungsscherz. + +Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese +Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne +des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur +leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder. + +Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch +nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das +Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom +Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit +Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige +Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und +so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen, +genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten +Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber +auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher +Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt +zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander. + +Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang +sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft +nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft in die Welt posaunt +worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten +vom zähen Leben. + +In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich +getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus, +befeuchtete sie -- und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine +neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich +geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt -- und +das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert +Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen +hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken. + +Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger +Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (_Macrobiotus_). Sie sind +klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd +noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen. +Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber +Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und +dieser Staub mag +Jahre+ hindurch hierhin, dorthin wehen, als +Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen: +kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt +das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus -- und ist, +auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst +und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt +wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu. + +Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt +fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei +Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute +noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen +einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen -- auch +das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die +Bärtierchen sind unzweifelbar echt. + +Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges, +jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit +staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte. + +Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß +kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier +erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer +Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs +in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er +dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man +einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen +ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für +das ganze Leben. + +Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg, +der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser +abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen +Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene +Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen +zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze +hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also +Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und +kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius. +Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser +in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere +Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in +dieser Kochbrühe. + +Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener +allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen +heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht +recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der +ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des +pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel +der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen +mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden +Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze +von hundertvierzig Grad. + +Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens +annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam wieder von einem +bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht: +Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in +der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre +Keimkraft zu verlieren. + +Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer +Bravour der Kälte trotzen. + +Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei +höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren, +daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder +tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die +Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen +sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie +gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem +Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas +sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere; +als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche +heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben. + +Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium +anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte +künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet +erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich +die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken +herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das +Leben geprüft -- und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte. +Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null, +so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die +Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen +Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad +Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber +ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst +flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius +erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und +Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, -- er verlor seine +Keimkraft, also sein Leben nicht! + +Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in +Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches +Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und +keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf, +als sei das alles noch nichts gewesen. + +Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr +Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle +allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder +Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare +Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen +werden könnte. + +Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile +empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub, +der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des +Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene +Teile in den Raum hinein. + +An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden +Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige +Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst +da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst, +die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht +durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen +eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der +Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin +schwebt, losreißen und in den Raum werfen. + +Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende +Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen +Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen, +flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen. + +Und wenn es nun mit verloren geht? + +Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere +Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg +nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, +daß+ sie recht kalt +sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise +wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste +von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen, +schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre +dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem +trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu +sterben. + +Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim, +auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht, +genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten +durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus +sich hervorgehen zu lassen. + +Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern +aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis +im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden +Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen +eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen. + +Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist. + +Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne +solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet +hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem +Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst +spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft, +immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und +Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde +gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf +hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß, +mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich +als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja +bezwang sie zuletzt als denkender Mensch. + +Das ist +eine+ Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den +Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man +den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus +spinnen könnte. + +Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so +prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten, +luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt +sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung +vom Leben +nie zutrauen würden+. + +Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich +den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch +ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee +sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren +tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da +unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die +Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und +erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an +Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben. + +Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der +Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen +Erdenstern sei. + +Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern +Anpassungen bewähren. + +Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg +keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben +von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so +fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade ++so+ leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der +Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der +Maulwurf in der Erde leben können. + +Aber es +brauchte+ ursprünglich keineswegs überall so zu sein. + +Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform +auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer +Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung, +ob hier nicht noch +Reste+ auftauchen einer +allgemeineren+ +Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und +Kältegegensätze und an anderes mehr. + +Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste +die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des Lebens denken +könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das +gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen +des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein +leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen +aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen +beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde, +als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf +niederschlug -- erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der +Dinge „angepaßt“ und es wäre nun +das+ Leben entstanden, das +fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann. + +Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste +von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem +Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft +und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an +genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung +nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein +Minimum von Luft und Wasser dazu. + +Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft, +denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst +der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“. +Ein +beständig+ scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für +„Leben“ rechnen. + +Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden +Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit +gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden +muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen +die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff +gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie +ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem -- +sie ziehen ihn nämlich aus +festen+ Stoffen, festen chemischen +Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so +viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt. + +Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe +wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen -- eine +einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran +erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet +hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie +bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese +Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden +könnten. Aber man sieht: es +könnten+, wenn schon Pflanzen, +so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein -- Pflanzen eben mit +Mondanpassung. + +Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder +angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch +heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse. + +Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der +Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker +drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche +von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen, +kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden +ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt +oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer +großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste +Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem +Grundplane ebenfalls anlegen +müßte+. Nicht die fahrigen und +phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen +von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister: +nämlich menschenähnliche Intelligenz. + +Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der ++Anlage+ nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage +des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut +entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei +uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen, +wenn ihre Zeit erfüllt ist. + +Darum aber kann der +Weg+, den die Lebensentwickelung bis hierher +genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein +unendlich +verschiedener+ sein. + +Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit +überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde), +können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das +„Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch +unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder +Darwin unterscheidet. + +Ihre +Kraft+ ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres ++Stoffes+ könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen, +so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf +Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte +der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach, +Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch -- +und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes! + +Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer +gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse +ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen +müssen+, einerlei, +wie nun die +äußere+ Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren +Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der +Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das: +„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen +Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie +etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die +gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz +bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird. + +Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken +durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der +kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei +denen es sich zu verweilen lohnt. + +Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf. + + + + +Die Küche der Urzeit. + + +In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am +Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm +die süßen Früchte in den Mund hängen, -- und der Mensch, hinausgejagt +ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend +und hungernd. + +Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich +in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen +Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an +jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger +Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel +auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele +herrschten. + +Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen, +Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und +es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener +Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die +Lawinen der Eiszeit donnerten. + +Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat +der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit. + +An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer +seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig +manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind +buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures +Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben, +indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern +gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen. + +Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen +bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen +Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen. + +Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die +Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten +folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete +sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht, +ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe +Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder +besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet, +verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger +bestehen heute noch✹.... + +Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust +und getafelt hat. + +Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis +begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war +noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne +Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht. +Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden, +bedeckten Land und Küste. + +Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir +sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut: +rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete +Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und +kein Anzeichen von Ackerbau. + +Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die +Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe +auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt +Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel +geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die +jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang +systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme +nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war +hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung. + +Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen. +Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil +sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand +noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch +weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall +ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen +Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der +Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee +gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit +andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem +„Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als +selbstverständlich rechnete. + +Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten +hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen +geblieben. + +Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei +denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen +wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das +schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr +viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren +Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer +vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es +als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er +lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen -- erst wollte er bloß +solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder +Vulkanbrand gegeben, zu bewahren -- dann lernte er, daß beim Schaben +das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, -- und Prometheus war +fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige. + +Mit der Herdflamme begann die Kochkunst. + +In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes, +verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft +und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu +den Urwaldfichten empor. + +Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu +leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier. + +Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das +Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel +und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper +mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene +Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem +dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine, +künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los +jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“, +den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden +kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland +ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten +durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für +Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist +überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er +die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent +als Fürstenmahl. + +An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch +kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von +„Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste +neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen +Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht +mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist. + +In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine +Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas +liegen sie um so reichlicher. + +Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe +gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt +ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang +fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals +im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war +nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker, +rot und weiß gescheckter Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel +gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch +vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den +Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf +die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm +bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an +den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte +herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die +Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie +ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter. + +Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich +„aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden +immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu +Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht +Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche +Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre +Bestimmung erfüllt. + +Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß +vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch +und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der +Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich, +werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein +großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten +Stoßzähnen war. + +Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In +Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer +vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie +eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß +man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht. + +Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht +frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist +nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen +Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden wohlkonservierte +Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das +Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten +Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische +Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die +Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und +verzehrt haben. + +Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander +zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die +Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen +Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das +lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene +uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche +Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt +und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das +Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den +Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße. + +Wo immer man in den Kjökkenmöddingern wühlt: immer stellt sich eine +gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem +verloren gegangen ist. + +Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere +deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr -- und damals war er ein +Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich +gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen. +Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen +Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein +haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten, +wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit +er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, -- dieselbe Praxis, die am +Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein +schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch +bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten. + +Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen, +flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem +uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben heute, steht er bloß als +ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man +für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger +Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem +Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser +Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten, +ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist! + +Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig +aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals +Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in +jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land +erobert hat, längst völlig verschwunden. + +Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden. +Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den +Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das +schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche. + + + + +Das Ende der Tierwelt. + + +_Morituri te salutant_✹.... + +Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren +gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel. + +Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein +Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es +ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem +„Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein +Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten +Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der +Geier. + +Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im +Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller. + +„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er +gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten +einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den +wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen +tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte +sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy +habend ein leiblich fleisch und weich gebein“. + +Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs +einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“ +(Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran, +geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte +Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er +aus erster Hand gibt, hatte ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung +festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man +jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte. + +Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor +der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll +jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben. + +Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten +zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen +„Waldrapp“. + +Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu +vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel +und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt +Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen +Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort +„Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit +haust. + +Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng +wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser +Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt. +Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch +in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp, +dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden +könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt +nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt +haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals +unmöglich sei. + +Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch +in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner +hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch +nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen +Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen. + +Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre. + +Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, Hartert +und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen, +besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild +und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen +Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W. +von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick, +der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber +er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger +Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt +ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich +findet. + +Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit +metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem +Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel -- ein +Ibis+. + +Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in +Schwärmen in altem Gemäuer, z.✹B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat, +und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus. + +Es ist einfach derselbe Vogel. + +Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die +Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis +besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen +Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, -- kurz, +ein typischer Landesvogel war. _Geronticus eremita_ lautet der +wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden +asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben +erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von +Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände, +in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die +Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum +erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt. + +Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns +heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden. +Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im +Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der +Türkei und verfliegt sich ab und zu auch einmal vereinzelt bis nach +Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter +Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in +Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder +Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem +ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf -- ausgestorben +buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner. + +Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab, +zeichnen vielleicht sein Schicksal. + +Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer +ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es +waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s +doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse +ausgeblieben, -- verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet. +Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft +registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke +einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter +den Tisch -- und was für eine interessante. + +Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse +jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert +sind, sich noch bis heute erhalten hat. + +Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher, +ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein +einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig +sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach +zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der +ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen +ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft +zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und +Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist? + +Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über +Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was +hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine +Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu Buffons Zeiten, war er +noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf +den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß +zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete, +klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen +Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen. + +Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder +Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel +auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt +still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer- +und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist. + +Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur +überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel +ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig +vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten +auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art -- wie lange, steht dahin. +Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der +letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden +Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte +Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der +Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. _Tempi passati!_ + +Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile +gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands +noch wiederzufinden. + +Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus +entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als +Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten, +der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen +Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen +gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab, +systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine +Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend +erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er +mit diesen ein deutsches Tier, unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine +Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und +Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er +ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten. + +Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien, +Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses +sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der +deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese +wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und +Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die +damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen +hineinlagen. + +Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von +Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht +den europäischen Löwen. + +Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen +Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und +streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er +erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten, +bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm +Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt. + +Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit +in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder +Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen +Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz +war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner +trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes +Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar +heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder +lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus, +die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter +Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, -- so ist auch der +Wisent für immer in der Welt dahin! + +Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der überhaupt +der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere +wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es +gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport +wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu +bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn +geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen +lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland +einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen +zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird, +wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall, +wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne +Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt. + +So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von +Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück +Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der +Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen +bewohnt war. + +Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der +europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig +Stück an der Elbe und Mulde vorhanden. + +Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast +immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie +die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich +(ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser +Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem +Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie +Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte +Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden +mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt +hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten. + +Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes +kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten +Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren +deutschen Tierwelt heute. + +Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige +Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum, +der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume +sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns +jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit +der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge, +den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte +Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils +giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den +bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt. +Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern +farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum +Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den +uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende +heraufkommen, ins Gesicht. + +Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben +uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben, +die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim +mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten, +kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord +treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben. + +Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen +Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich +las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung. +Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott +wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich +an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht +und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist, +daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft +leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen +habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört +habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme. +Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte keiner. +Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das +Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen +Storchs, die alle rapid eingehen. + +Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit! + +Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor. + +Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die +Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch +etwas Zoologisches neu zu schenken. + +Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner, +in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand +weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht, +trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen +sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In +reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von +Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau +in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin +-- sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der +gegen das metallene Netz der Kultur stieß -- zu seinem Verderben. + +Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für +Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei. + +Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen +Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte +wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die +vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch +all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und +Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die +getrockneten Korallen und Seesterne -- sie haben mir einen Todeszug, +ein hippokratisches Gesicht, -- Gruß der Sterbenden. + +Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend +Jahren. + +Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung, +präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln, +die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe, +dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling -- überall steht +ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen. + +Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich, +aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen. + +Ein Totenkopf. + +Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist. + +Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer +Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner +singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der +Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In +den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte +geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles +Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem +Tage verschwunden sein. + +In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie +schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die +der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im +Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der +Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die +Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist. +Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht +nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen. + +In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen +Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis +auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem +eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot; +nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden. + +Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges +mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen +Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war. +Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert +dort landeten, verproviantierten sich fröhlich mit diesen wandelnden +Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte +Dronte war gegessen. + +Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator +des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück +wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die +Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig. + +Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers +vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein +Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie +Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag +vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das +Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen +Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges +Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei +Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten +diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen. + +Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische +Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin: +es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit. + +Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt. + +Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs +selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger +bleiben würde. + +Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in +Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein +Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der +Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache, +Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die +wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft +emporgestiegen. + +Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen +Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich +Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit +den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft +vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde, +schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend +wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last. + +Und dahinein eines Tages -- der nackte Mensch. + +Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so +viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch +anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen +Raubtiere also! + +Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die +Körpergröße. + +Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei +ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley, +daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls +fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von +manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen +gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen +sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer +Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen +allein kaum haltbar. + +In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das +Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle +Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu +schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891 +entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen +Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens +volle Militärgröße. + +Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich +vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil. + +Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm +gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war +ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses +Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist +als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei dem er eine +ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz +der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe +haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier. +Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch +Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten +Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch +des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen, +wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger +zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen. + +Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff, +mußte größer sein als er. + +Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben +Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in +Betracht als Größengegner des Menschen. + +Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort, +denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom +farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen, +Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die +einzige Qualle _Cyanea arctica_ gefährlich werden. Denn sie hat +einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde +Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie +Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht +dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich +diese vierzig Meter Giftschnur wickeln. + +Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische) +dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die +indische Riesenmuschel _Tridacna gigas_, deren zwei Meter +breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch +blitzschnellen Schluß guillotinieren können -- zur leckeren Mahlzeit +für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und +der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig +Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen +zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß. + +Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere +-- Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste +sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend +Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm +_Megascolides australis_ von Gipsland in Australien, der zweimal +so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde +besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung. + +Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird +noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der +römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde +Nase töten. + +Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an, +nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen. + +Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den +Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser +aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon +ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton +Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten +erschien, da es jeder Schüssel spottete -- diesem anderthalb +Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim +täglichen Bade begegnen mögen. + +Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer +kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als +wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß +er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt. + +Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien +nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die +wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin +verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen +kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht +wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten. + +Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht: +die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so vieler +Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist; +das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische +Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer +mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke +Ruderschaufeln Löcher beißen kann. + +Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser +Reptilien im ganzen längst herum. + +Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf +den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und +dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit, +jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der +eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota, +der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der +Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und +der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee +wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den +Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der +zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den +Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich +so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen +Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens +drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der +Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in +denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat. + +Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge, +als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem +wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine +besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat +er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste +Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland +die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er +damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon +für sein Museum zu spät kam. + +So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner. + +Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie +in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns +in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor +Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem +Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere, +dem Höhlenbären und dem Tiger. + +Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt, +sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der +Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15 +Fuß des Mosasaurus gebracht hat. + +Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch +in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der +Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends +um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt +antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das +Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu +entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können +uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange +mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder, +und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen +schon so gut wie ausgerottet. + +Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten +noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der +Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser +Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die +Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen. + +Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich +von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel +Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im +Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie +beim Walroß vorspringender Messer trug. + +Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in +einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute +noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst +ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der, +wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf. + +Und doch das alles eines Tages im Absturz. + +Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück +Menschenhaushalt selbst, als Haustiere. + +Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze +müssen selbst ihn schon schützen. + +Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer +Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die +Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das +alles? + +Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt +an ein Stück Feuerstein. + +Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen +mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit +haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage, +gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein +liegt des ganzen Rätsels Kern. + +Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der +Eiszeitgletscher. + +Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum +Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug. + +Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung, +diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten +Köpfe der übrigen Tierwelt -- der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und +das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des +Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches. + +Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen +Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe +bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein +Schlag mit der flachen Hand eine Mücke. + +In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen +hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke, +der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht. + +Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie +schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die +Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete. + +Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel. + +Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt +„ausgestorben“ -- ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt! + + + + +Die Anfänge der Kultur bei den Tieren. + + +Natur und Kultur sind keine Gegensätze. + +Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung. + +Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der +Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in +schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller, +pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint +er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie +zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers +geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal +aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr +Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn. + +Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche +Lichtpost des Auges hin die Hand. + +Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht +nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen +gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft +wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um +die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich +hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des +Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus, +begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung +daran. + +So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich +in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres Wunder, als es in +jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur. + +Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“. + +Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing +die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten +Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich +nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in +grandiosem Schwunge erhob. + +Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der +Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst, +ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser +Kultursinfonie. + +Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf +sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes -- Knochen, +Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen -- hinauszugehen zu ++Werkzeugen+, zu totem Material, das erst indirekt durch die +Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird. + +Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote +Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen +des Ufers herabschleifen. + +Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen +der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in +dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein +Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“ +hat hier gebaut: der Ameisenlöwe. + +Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen +seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem +größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber +als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die +ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut. +Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne +mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur +mangelhafte Beine und gar keine Flügel. + +Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet. +Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er +glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit +seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten +vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein +wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit +seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der +Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen +jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel: +immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem, +also zur Kultur. + +Da führte die Sache selbst weiter. + +Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem +losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine +rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters +saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst +zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein +Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum. +Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes +wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre: +eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe. + +Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen: +die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal +regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei +mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über +den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog +durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand +von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ +es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle +war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß. + +Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein +weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen +Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig zögernde Besucher +seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu +schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal +besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in +üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit +Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und +Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand +übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da +treibt er es unentwegt heute noch. + +Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser +kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen +Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu +nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das +Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“. + +Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der +Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit. + +In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch +jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich +nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last +zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand +und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des +Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode. + +Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten +Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn +zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten +Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen +ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine +Minierspinne _Cteniza fodiens_ auf Korsika erfunden. Sie baut sich +halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll +mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke +aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats, +einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer +Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck +von innen aufklappt. + +Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit einer Nadel +öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein +Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen +zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in +feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen +Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie +verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge +Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet. + +Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von +dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem +Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze +Wasserkäfer des Müggelsees _Hydrophilus piceus_ löst das Problem +alljährlich noch. + +Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine +schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April +sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem +legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt +er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst +hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine +Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich +dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt +er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest +in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist +oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks, +da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack +jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig +langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen +Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht +zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So +darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht, +in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die +wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine +Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt, +sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip +der vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten +unterseeischen Bootes modernster Konstruktion. + +Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine +irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch +die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie +längst die Wasserspinne, die _Argyroneta aquatica_. + +Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft +sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe +nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja +beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form +einer anhängenden Perle mitzuführen. + +Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug. +Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen +und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie -- und +mit mehr physikalischem Glück -- auf den systematischen Luftfang. Im +Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten +Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines +halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie +zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und +fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund +zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der +Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen, +wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert +sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke +geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist +es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen +einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch +wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir +klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten! + +Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll +altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im +Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche +Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch einer selbsterbauten +schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, -- noch kein Mauerwerk, +sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein. + +Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der +Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert +er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib +hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine +ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie +ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung +lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer +Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe. + +Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen, +stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen +in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund. + +Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch +unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden +Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den +zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das +Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft +umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei +Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen +verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche +verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den +wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke +Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus +dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen, +kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf +Pfahlbaurosten. + +Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich +weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon +hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders +günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner +Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr sollte die Karte +dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis +von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein +künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es +heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch +wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber. + +Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel, +einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem +stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der +Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken. +Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter +wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten +geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne +Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern, +künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim +flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das +Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die +Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein +Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst✹.... + +Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart, +die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut +und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als +billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst +voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten +entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege +einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige +Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren +Wurzelanhängsel. + +Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft +sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse +geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe +gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz +der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall, +gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über +ihren Blattlauskolonien auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese +Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung. + +Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe, +führt die Termite auf. + +Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus +Papiermasse erbaut, -- macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt +sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen, +chitinhaltigen Speichel dabei vermischt. + +Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die +raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer. +Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und +mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine +reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen, +die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer, +der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn +der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des +Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und +auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten +reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes +aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt +endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock +die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer +echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter +Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und +schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte. + +Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar +jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein +organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht: +sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen +geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat +dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar +dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe +in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich +projiziert, scheint der Prometheusfunke wirklich reines Menschengenie, +solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die +Herdflamme, denken. + +Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch +Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch +dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier +durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses +australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser +und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft +seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die +künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden +Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau, +was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet +die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken +aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen +Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft +klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt. + +Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische +Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt +und Blätter regelrecht damit aneinandernäht. + +Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf +Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre +Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken +zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der +Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch +ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz, +daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen +Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt. + +Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein +zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen +und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden: +„Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger +Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten +Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem +verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: in den Gemeinden der +tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit +warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist +nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen. +Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die +Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“ + +So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der +Mensch erfüllen sollte. + +Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen +herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende +Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das +Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem +wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso, +wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha, +Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große +Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme +Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden +Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was +„Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene +Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich. + + + + +Die Affensprache. + + +Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen +Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen. + +Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett -- eine +Märchenstimmung! + +Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem +die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff +verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell +noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in +dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen +sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur +Naturgeschichte. + +Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den +Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch +geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen +Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten. + +Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte +einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik -- die Romantik des +Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der +Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns, +die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus, +der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen +und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt -- der +Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“ + +Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache +der Affen“ lese. + +Es ist ein ernsthaftes Buch -- und das ist der gute Witz der Sache. + +Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil +der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist, +wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen +und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm +erklärt. + +Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze +Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur +zum Reden zu bringen. + +Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und +wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein +glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht, +durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen +dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir +nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum: +der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und +wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf +unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter +solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat +der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium +und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem +Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume +hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich +zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der +Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares. + +Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich +herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem +Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei; +die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft +widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie +im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub +verstecken -- sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das +Feuergelb des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin +Gift -- und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen, +daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen +Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich +bin schön, liebe mich. + +Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen +nicht auch unterhalten? + +Es ist freilich noch ein Unterschied. + +Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören +dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen. + +Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die +Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes +aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb +der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze. + +Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines, +hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei +ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses +Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz, +und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht +eine Sprache habe. + +Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht, +daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können +und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen. +Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater. + +Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden +Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein +allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein. + +Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen +am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen +mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die +Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch +ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen +und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht +besser, als es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner +durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den +schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber +jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten +Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen +und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle. + +Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst +eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der +Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht +sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen +ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe +besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die +Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer +Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der +Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von +Sänger und Sprecher in unserem Sinn, -- der reinen Möglichkeit nach. + +Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken +zur Menschensprache nicht enorm sei. + +Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles. +Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich +geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde +Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf +sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche +leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen, +stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war +freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis +der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines +einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn. + +Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte +unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von +Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang +des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch +bereits abhängig vom Gehirn, ist eine Geistestat, bloß noch eine, die +in den Innenbau des Leibes selbst eingriff. + +Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese +Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt, +nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift, +äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine +entscheidende Rolle gespielt hatten. + +Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser +Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon +sichtbar werden. + +Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat +auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits +erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer +der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien, +von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die +Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen +stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer +gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige +auseinandergefallen. + +Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung +gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine +Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten +einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen +Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte -- sich also ernstlich +einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte. + +Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets +garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas +bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, -- es wäre eben ein +Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung +überhaupt. + +Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter +„Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die +Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie +es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „_The Speech of +Monkeys_“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat. + +Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort rein +humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem +Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen +ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger +sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten, +sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein +Bild für Witzblätter. + +Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich +liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten +deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das +ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter +Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit +im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht +erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und +findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin. + +In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für +Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs +nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst +offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus +der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten +Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst +ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode +interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man +nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht +das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da +macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner +zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten +Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so +kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus +dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir +der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie +erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text +danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs. +Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich. + +Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen Garten in +Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten +gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen, +die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß +die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren, +bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor +ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft, +und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde +aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen. + +Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst +nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze -- sondern +um ein +Signalwort+. Solche Signaltöne haben aber eine Menge +sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die +Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich +von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil +besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick +des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses +einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte +Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir +längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen. + +Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache +immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er +auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit. + +Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute +auf, die sie je nachdem erzeugten. + +Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen +Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph +absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft +wieder, wie man wollte. + +Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm +vorgedreht, und er reagiert darauf! + +Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit +voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein +leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, dann ein echtes +Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes +Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des +Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu +rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn +der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ +„Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im +Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen +jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans +Fenster schlug. + +Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine +Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit +dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige +Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies +der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht +zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort +erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein +gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls +außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich +zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind. +Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen +sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern +Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn +er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine +ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige +Mosaik geben. + +Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten +und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über +kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel +einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert +in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit +„Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint. + +Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie +bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest umrissenes +Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in +der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe +entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß +man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners +unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten. + +Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der +menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben +im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit. + + + + +Das Schnabeltier. + +Vom Säugetier, das Eier legt. + + +Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel +hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles +Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide. + +Ziert, -- ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden +dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus. +Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner +Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so +schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und +wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen +Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar +merkwürdig. + +Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt. +Das Märchen vom Schnabeltier, -- vom Säugetier, das sich herausnimmt, +Eier zu legen. + +Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes +Raritätenkabinett. + +Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben, +ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als +alle Dichtung war die Konfusion. + +Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein +schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen, +war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als +würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern +weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an +der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern. +Linné gab feste Namen, und er brachte diese Namen zugleich in eine +Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein +unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet +seither. + +Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des +ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer +Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen +der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam +eingeschmolzen. + +Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte. + +Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen. +Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere +Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder +Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und +als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher +wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches +an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich +der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten +Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ. + +Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da +stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große +Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können. + +Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem +System selber erwuchs. + +Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz +bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die +selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur +selbst+, +in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen +stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte +Rubriken wirklich +gebe+. + +Hier stand ein Vogel -- hier ein Fisch -- hier ein Säugetier. Da +war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine +unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich +wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien, +Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen +alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie +vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine philosophische +Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau +dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“ +worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich +„miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen +worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der +andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art +ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab +sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie +ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung +treu bewahrte. + +Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst +die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt +hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen +Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte +Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die +Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, -- und was an +neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es ++mußte+ ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also +geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte +zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und +Zweifel geben konnte. + +Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres +passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende +des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten. + +In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen +worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald +bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische +Welt. + +Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein +kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in +eine englische Privatsammlung verirrt hatte. + +Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine +Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also +wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier. + +Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines +gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten +Schnabel+ zu tragen, +der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich. + +Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés +etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das ++zwischen+ Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das, +sagte die Theorie, +konnte+ es doch nicht geben. Wie der Astronom +sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild +plötzlich ein großer Stern: „Das +darf+ nicht sein.“ + +Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen +Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es _Platypus +anatinus_, den entenhaften Plattfuß. Das Wort _Platypus_ war +aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder +fallen. + +Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein +Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen +Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe. + +Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche +Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals +unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks +Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“, +den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn +als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig _Ornithorhynchus +paradoxus_: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“. ++Schnabeltier+ hat sich in der Folge als kürzeste deutsche +Bezeichnung überall eingebürgert. + +Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den +strikten Anhängern Linnés lieb war. + +Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe +Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles +durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen +und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen +gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse der Säugetiere als +Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“, +nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte, +just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum +Säugetier. + +Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus! +Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien +beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit +Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden, +dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste +Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das +lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es +damit beim Schnabeltier? + +Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer +wollte seine Kinderstube überwachen? + +Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und +behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar. +Dann half alles nichts: es war +kein+ Säugetier. Aber was war es +denn? + +Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde +im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie +Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb +nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz +neue Klasse der Wirbeltiere. + +Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel, +Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also +jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen -- immerhin eine etwas +bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um +eines+ Vertreters +willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen +ganz allein? + +Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt +als Fehlgriff entlarvt. + +1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus -- und Meckel hatte +nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster +Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die Sache, es stellte sich +auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin +recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings +nicht abzuleugnen. + +Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich +vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war +nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber +gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen +könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß +das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche +liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber +noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die +Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und +drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis +Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der +Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den +Schnäbeln ihre Suppe. + +Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition ++doch+ ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in +so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere +verließ und einsam für sich ging, -- einsam für sich auf Straßen, wo im +System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten. + +Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und +zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter +den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an +die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht +mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen +Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von +Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine +langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus +Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte +es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der +Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein +solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von +beiden+ noch +etwas hatte, das +noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs+ +zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte? + +Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der +großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den +Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann -- ging man zur +Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und +seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System +eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne +von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war +ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich +denkender Mensch. + +Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als +sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier +selber, wirklich sehr übertrieben worden. + +Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der +englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“ +einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so +rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien. + +Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben! + +Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere +Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen +es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst +gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre +leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die +Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und +einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen +austapeziert. + +Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die +jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen, +an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein +Bruchstück einer Schale -- nichts. Die Eingeborenen hatten einmal +wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet✹.... + +Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber +für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera. + +Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die +Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre +des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus, +sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war +übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen +jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt +das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah. + +Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man +leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen +hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“ +mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch +so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein +gewöhnliches Säugetier blieben +verschieden+, darüber bestand +auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf +gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle +Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste +Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein +Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch +näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch +mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man +an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man +jetzt als besonders wichtig nach +Uebergangsformen+. + +Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor +aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus +nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der +Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung +der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin +ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon +in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem +Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder +recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man +hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der +heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen +Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache +und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der +menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der +irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen, +erschlossen ist. + +Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit +dem haushalten, was man besaß. + +Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem +Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen +einzigen -- den sogenannten Amphioxus -- noch lebend im Inventar +mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen, +wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte +ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen) +fischähnlicher Tiere -- die Molchfische -- den entsprechenden Uebergang +vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte. +Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine +einzige absonderliche Eidechsenart -- die Hatteria aus Neuseeland +--, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige +Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und +krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten +Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das +passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des +Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines +längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige +Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig +befiederter, geflügelter Vogel gewesen war. + +Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für +die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr, +die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die +Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber +die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere. +Welche Tierform, lebend oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen +hinauf? Und den Uebergang von wo aus? + +Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus +bedeutsam werden mußte. + +Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes +Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel +oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten. +Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel +ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche +Entwickelung glaubten -- was aber damals allgemein verlacht worden +war -- das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls +eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese +Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere +und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse. + +Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue +Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig +herauslockte -- und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie +damals durch Bennett. + +Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte +Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde +erhalten hatte. + +Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande +so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel. +Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich +diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es +aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites +und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen +schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt +es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte +griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch. + +Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen +die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier +festgestellt. + +Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, Wilhelm +Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines +Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur +gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich +gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie +sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen, +erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen. +Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen +hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern +da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber +ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher +greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im +Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber +die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also +auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse✹.... + +Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und +gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein +Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in +dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit +ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und +die Tatsache stand zum erstenmal +ganz+ fest: beide Schnabeltiere +legten Eier! + +In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch +und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das +Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen, +daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels +in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen +konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die +eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres -- des +Molchfisches Ceratodus -- gründlich zu studieren. + +Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten +im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer +Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen +Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, eine +zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der +Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen +Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die +Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige +Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden +weiblichen Ameisenigel. + +Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an, +zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei +mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere +der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh +gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue +Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf +den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren +Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die +überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen, +während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig +gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten. + +Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier +zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren +famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein +ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke +Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden +zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten +abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln +mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In +Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer +gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei +ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von +Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen, +aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche +geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt +der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber +spricht sich weniger günstig aus. Das Wasserschnabeltier ähnelt auch +darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt. +Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde, +die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich +verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in +absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln. + +Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen +Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine +Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über +eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet. + +Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei +untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch +dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen +Geschöpfes aufgehellt. + +Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche +Ameisenigel nur an +einem+, nämlich dem linken Eierstock reife +Eier. + +Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben, +wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch +um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter +immer noch in sie eintreten, -- ein Vorgang, der sich allerdings so +nun wieder +nicht+ bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt, +daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen; +bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer +Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt. + +Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn +Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen +Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn +oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine +Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die +unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und +vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen +Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser +besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben, +wissen sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren +Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend +und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen, +daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als +Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer +Ahnen+ +wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das +junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch +oder Fisch. + +Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein +Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen +zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so +gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind +sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide +wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe. + +Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die +Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert +vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage +hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art +Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese +Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit +der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle +sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin +hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat +mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst +jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht +jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu +engen Gefängnisses zu sprengen. + +Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum +Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte, +wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen +der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze +eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand +durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige +Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die +leere Eihülle, das Junge aber benimmt sich jetzt zum erstenmal als +echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen +abgesonderte Milch -- eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen +Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu +unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt. + +Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter +erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das +Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die +ganze+ +Entwickelung einrechnet. + +Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende +Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes +Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt +Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige +Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und +zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie +sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für +das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife +wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den +frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch +daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“ + +Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte +hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat +er in umfassender Weise Material gesammelt. + +Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt +über das Geistesleben der Landschnabler. + +„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der +Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen, +die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen +abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem +es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt +zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus +dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein +ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen +Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird +sich eben in einem Geschöpfe anders projizieren, bei dem diese +Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn, +Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders +ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht +an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt, +ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche +Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht +schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir +dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich +dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die +Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren +Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als +die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und +höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere +steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang. +Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen +und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber +verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz +in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so +lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft. +Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel +werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter +nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten +gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen +von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren +weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem +Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht +gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter +mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren +an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht +fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch +zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei +nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen +hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit, +daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die Schnüre durch die +Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß +ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann +den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht +einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig +zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit +dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier +über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen +Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn +der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde +aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer +weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang +es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren +nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten +Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der +Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in +einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack +in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung +zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an +den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ. +Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen +ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der +Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch, +der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen +Beigeschmack verleiht.“ + +Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch +ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier. + +„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn +die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang +und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am +Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die +ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände +unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß +Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt. +Zuweilen liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder +ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle +aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des +Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ -- (Ich zitiere weiter nicht +aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen +Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das +Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es +plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter +Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf. +Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach +Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken +und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt. +Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die +Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter +langen Exemplaren von _Corbicula nepeanensis Lesson_ strotzend +gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den +Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu +sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und +plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen. +In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im +Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken +und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die +Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter +und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem +Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang +wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und +Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht +lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt, +daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang +anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die +unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu +werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem +oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen. +Wird das Tier, wenn es sich im Wasser befindet, erschreckt, so taucht +es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem +Wasser befindlichen Zugang. Obwohl _Ornithorhynchus_ ein guter +Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser +verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz +verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet +man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist +nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das +Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk +versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es +auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange +das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm, +genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht. +Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt, +nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der +Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut +bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen, +als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald +wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn +es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal +verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an +dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist +es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur +nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen +bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie +einen Auerhahn.“ + +Zu den vielfältigen körperlichen Absonderlichkeiten der Schnabeltiere +gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein +des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist. +Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für +einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit +einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller +Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding +funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste +aller Säugetier-Waffen. Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das +Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos? +Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ +sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte +nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich +mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier +wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten +von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und +von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist +Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm +keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie +er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient +als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler. + +Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der +Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische +Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die +beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend +wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, -- einem +Punkte, der allerdings nur am +lebenden+ Objekt und nicht daheim +im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte. + +Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von +sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur. + +Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad +Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere +(einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis +vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer +dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den +Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen, +kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt +hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch +Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts. + +Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde +Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis auf 25 Grad herunter, +-- fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als +diese! + +Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der +Schnabler in den weitesten Grenzen +schwankt+, also bald höher, +bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es +wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen. + +Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer +eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine +untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden +darwinistischen Denkens weiterspinnen. + +Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische +Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht +mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört, +daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der +moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf +getrennten Tierklassen ineinander glaubt, -- er wird als geradezu +selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang +bilde vom +Vogel+ zum Säugetier. + +Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich +hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und +keine andere. + +Und doch: wie so oft, geht es auch hier, -- das Nächstliegende ist noch +nicht das Richtige. + +Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels +Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas +zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse +abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom +Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang? + +Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich ++nicht so+ ist. + +Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über +die Blutwärme. + +Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen +Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren +Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der +Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen. + +Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von +über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet -- also faktisch noch ein Teil +blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein +Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des +Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz +und gar nicht. + +Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil, +bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden +hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut +wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von +innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“: +es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange +in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen +Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich +auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein +ganz willkürlich +schwankendes+ Maß, je nach der äußeren Luftwärme +oder Luftkälte. + +Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien +schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die +weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern +sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus. + +Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich, +nähert sich nun das Schnabeltier, -- nicht aber der dauerhaft höheren +Vogel-Temperatur. Es +ist+ natürlich noch kein Reptil, -- ganz +gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den +starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige +Neigung zu sehr großen +Schwankungen+ im Normalmaße ein, -- kurz, +man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend +einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum +Reptil, zur Eidechse! + +Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar von +eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln? + +Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen +höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das +Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische; +aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien +(Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich +als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch +den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das +Schnabeltier). + +Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die +Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese +Reptilien legen ja durchweg +auch+ Eier, gerade wie der Vogel. Und +die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der +Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt, +gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz +individuell. + +Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten +Wunder, -- der seltsame Vogelschnabel! + +Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man +nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist. + +Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier +hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der +Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der +Ichthyosaurier, -- wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten +Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber +noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von +Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die +echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von +Entenschnäbeln keine Spur. + +Also vom Vogel von +damals+ konnte das Schnabeltier gar keinen +Schnabel erben! + +Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit +unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals +lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich +zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach Känguruh-Art auf den +Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den +prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei +diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings +auch+ noch +winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, -- über zweitausend. + +Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser +Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen +Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber, +scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von +heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der +paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein +letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel. + +Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung +niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in +den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte +Knochen erster echter Säugetiere überliefert. + +Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein. + +Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, +was+ +solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem +Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann +solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische +Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der +Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende +Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe -- +und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade +der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht. + +Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin +aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen +Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es +sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die +eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen. + +Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster Linie +ausgesucht gerade +Zähne+ gefunden! Zähne und ganz und gar nichts, +was auf einen zahnlosen Schnabel _à la_ Schnabeltier deutete. + +Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als +Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts +besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier ++nicht+ hat. + +In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen, +das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat. + +Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz +bestimmte, höchst charakteristische Form. + +Bei dem Tiere _Microlestes antiquus_ beispielsweise, dessen +Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg +entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen +mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes +Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende +„Vielhöcker-Zähne“. + +Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich +nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform. + +Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen +Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen +läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, +welches+ +Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in +Ahnen-Wiederholung weisen möge. + +Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber. + +Das Wasserschnabeltier! + +Das +junge+ Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir +als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und +unten noch +je vier echte und rechte Zähne+. Und diese Zähne des +unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen +Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie +im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal +die Ahnen wiederspiegeln heißt -- diese Zähne sind ebenfalls winzige +Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, -- -- was kein Säugetierzahn +von heute sonst noch weist, das weisen sie: den charakteristischen +Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen +_Microlestes_. + +Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr +viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten +jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen +Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so +besitzt. + +Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste +Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein +der Trias-Zeit finden, +echte Schnabeltiere+ mit dem Eierlegen, +dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u.✹s.✹w. der +heutigen Schnabeltiere waren -- bloß mit der einzigen Abweichung, daß +sie +keine Schnäbel+ hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß +vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als +vorübergehendes Milchgebiß zeigt. + +Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit +gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel +vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu +erhalten: -- die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts +zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt. + +Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr +ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels +verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise +wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das +Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die +Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen +bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der +Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt +der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne +abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, -- so +das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der +raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art +altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren +Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist. + +Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen +und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig +Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“. + +Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben. + +Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz, +deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele +Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen +noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich +heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte +aufschreibe✹.... + + + + +Das Tierleben der Großstadt. + + +Vor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer +Fang gemacht. + +Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers. +Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen gespenstischen +Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete +endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand +sich im Versteck hinter roten Bordeauxfässern -- ein Kiwi. + +Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den +Farndickichten Neuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der +riesigen Moas, deren Knochen heute noch, dick fast wie die von +Elefanten, in den Höhlen dieser geheimnisvollen Südseeinsel liegen. +Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Jardin des +Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die +Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht +unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto +gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt“ an einer ihrer +unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den +Fässern der _Halle aux vins_, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes +Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln. + +Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von +Tier und Großstadt auf der Erde. + +Unsere Großstädte sind durch die Bedürfnisse der menschlichen +Intelligenz zu einer Art Arche Noäh geworden. Tiergärten und Aquarien +holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt +zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die +Riesenschildkröte der Insel Aldabra, die in kurzer Frist in ihrer +wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche +Großstadttiere existieren werden. + +Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald +mit, bald ohne ausdrückliche Absicht. + +Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche +brasilianische Vogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich +eingeschleppt mit importierten Hölzern. + +Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil +ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit +einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit +miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis -- +heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar +nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der +Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“ +herübergekommen war. + +Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art +geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder +die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der +Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen +von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien +ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei +Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in +einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer +herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen. + +Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der +Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, -- die von selbst +einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein +Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel. + +Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der +Großstadt selbst. + +Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der +Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig +hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern +starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem +und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer. + +Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges +Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses +Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem +Licht das Geheimnis der Großstadt. + +Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht. + +Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus +dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der +„Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich +noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in +Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke +die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen +aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster, +Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte +Raum erwünschtes Versteck. + +Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als +stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt, +Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte, +die Fledermaus, der Marder und die Eule. + +So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere +ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle. + +Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten +Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da +unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende +kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt. + +Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches +patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich +verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer +wuchs der Domturm ins Blaue -- und in ihm siedelte sich mit treuer +Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den +Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik +gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der +Kölner Dom waren ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst +umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die +Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell +in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der +Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein +Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung -- Mäuse und schädliche +Insekten -- sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des +Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der +Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet +ist, wird er es sein. + +Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes, +zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen. + +In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge +Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie, +in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen +deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß +mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten, +gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250) +allgemein da war. + +Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen +zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die +braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa. +Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem +Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga +überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen +gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809 +erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England +erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um +die Welt gegangen. + +Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die +Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz +von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in +einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt. + +Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen, +diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten +wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war +für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit +gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des +Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in +die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz. + +Die Pariser Belagerungsratte taucht hier auf, die vielgefürchtete +„Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen +Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk +nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der +Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht +die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr +fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch +anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten +Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten +ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen +Hauses schwarz geworden ist. + +Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr +die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um +so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt +ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare +Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen +sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe +gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis +ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus +mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe +überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen +Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine +Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke +übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich +durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht -- +dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot. + +Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß +gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen +Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis +herausgenagt -- ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich +ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt +worden. + +Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in +der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist? + +Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich. + +Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein +so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt +und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden +kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer +polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein +Spätzlein sättigen kann! + +Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das +interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich +im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller +sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug +gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer +natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die +Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen +Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist +darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur. + +Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, -- wer will +es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst +als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen +Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und +Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist +er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie +bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen +Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz, +seit alter Germanenzeit ein segenbringendes Hausgeistchen des +Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse. + +Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn +bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe +kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den +wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas +und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht +fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet, +wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer +Hyazinthen geschmückt hatte. + +Sein Triumph aber ist die Großstadt. + +Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten, +öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle. + +Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter +uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des +Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen +die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit +jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes +Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos -- und dazu eines +waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt +routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden +Kultur beiseite -- nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge +eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein, +zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als +unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös -- wie kann man denn +bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto +sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell +von mir Notiz zu nehmen. + +Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei +hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud +stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen +werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die +Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte +den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber +läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von +seinem Keifen, wenn er gerade recht dabei ist -- er wechselt ein +Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen, +schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter. + +Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle +am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des +Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive +heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in +einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen +der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste +Grundmelodie zu vernehmen war. + +In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses +Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika +im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der +sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes +ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie +aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den +Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die +Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im +ganzen wohlbefestigten Stadt. + +Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im +Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain. + +Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck. +Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in +der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine +förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten +Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun +der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien +Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der +Großstadt. + +Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen +und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen +Weltstadt hängen können. + +Eine Weltstadt -- und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die +Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar +endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz simple statistische +Ziffer steigt -- die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das +tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen, +eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken -- gegen +Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen +können! + +Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der +Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten +Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt -- +und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins +Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal +die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller +Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen, +weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins +Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie +wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen. + +Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen, +märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der +sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus +dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut +der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener +tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten. +Große Teile von Paris sind so entstanden. + +Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen +dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin, +auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein +Schimmelfleckchen ist. + + + + +Keplers Traum vom Mond. + + +In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar +übersetzt worden: Keplers „Traum“. + +Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch +alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen +Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte. + +Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine +Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene +Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler +ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige +Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie +eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel +Gewaltigeres. + +Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel +glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, -- mitten im Vollglanz +mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches +Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen -- +und Irrtümer. Und das bis heute. + +Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle +seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber +hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit +kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben? + +Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung +überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist +nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes, +wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, -- +nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis +heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die +Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde +sind. + +In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der +nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das +mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich +übertrieben ist. + +Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die +je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das +doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens +war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb +dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens, +der menschlichen Deutung voneinander los. + +Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen +Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des +Zweiten von Habsburg und Wallensteins. + +Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste +zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen +Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal +jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der +Geburtsstunde strahlten. + +Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte: +eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge +des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem +Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in +diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber +um +diesen+ Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine +ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das +ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen, +die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in +diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze +sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen. +Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind, +das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt. + +Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine +Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte +und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind +war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder +grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht +bestand. + +In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das +bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische +Harmonie. + +Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die +Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber +mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien +dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen +war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb +er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige +Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“ + +Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler +mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, -- bis +zum Verzweifeln. + +Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie +die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich +fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte. + +Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn +gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern +und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer +Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des +Sonnensystems unter sich. + +Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen +Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als +Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue +Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt +erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis -- ein Stück Welt, in dem +ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische +Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren. + +In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und +sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand. +Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen +Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz +andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige +Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler +und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm +schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng +wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat. + +Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie! + +Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres +Gebiet für seine tiefe +künstlerische+ Sehnsucht fand. Der Traum +erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder +jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen +Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt +künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren +Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten +wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten. + +In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster +Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen, +beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen. +Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich +„stimmend“, -- das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter +zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, -- bis zu dem goldenen +Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit +unermeßlich+ +ineinandergeschachtelter Harmonien hing. + +Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers +strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte +wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will. + +Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und +die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der +Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide +zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine +Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf +dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß +beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute +endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben. + +In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen. +Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das +Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder +Fechner zurückzukehren, -- zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne +Zwiespalt. + +In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine +bedeutende Rolle. + +Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran +geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das +ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen +großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten +umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn +blieb. Von allen blieb er auch +nach+ Kopernikus noch der Erde +treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden. + +Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die +Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, -- wie würden +die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf +der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab -- das klassische +Altertum hatte schon an so etwas gedacht --, wenn diese Mondbewohner +Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, -- wie erschienen ihnen +die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben? + +Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig +Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß +die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes +als Sternwarte aus. + +Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so +Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über +Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen, +wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom +Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus. + +Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so +etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf +dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen. + +Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er +es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es +lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen +Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben. +Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der +Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in +scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie +wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein +Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“ + +Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller +Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete, +die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine +Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch +begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst +Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann +noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen, +die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen +wertlosen Scherz. + +Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit +hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die +Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene +Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch +gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen +und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er +einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im +Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in +Wirklichkeit wohl nicht besteht.“ + +Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne, +als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er +liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und +hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen +lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet +seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er, +daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt. +Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer +Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart. +Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht +Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine +Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit +draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt, +daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen +haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener +Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer +wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß +der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt +ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen +über die Stränge. + +Keplers Geister -- die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der +Astronomie -- schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit +einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist +von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel +in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond +selber hinweg -- also bei der Mondfinsternis, -- so ist die ganze Bahn +frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich +etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die +Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und +Erde steht, also seinerseits -- in der Sonnenfinsternis -- einen vollen +Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt. + +Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer +Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den +Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem +Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit +der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer +aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders +die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor +wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen +zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler +sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde +überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere +Hülfe erfolgt. + +Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer +Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir +heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung +der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir +stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der +Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so +nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz +gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches +handhabt. + +Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist, +wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen +Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem +Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“, +-- und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die +magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung +die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von +beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine +Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“ + +Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister +alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne +zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute +das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem +„Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, um in ihrer +Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen. +„Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer +war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller; +aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach +der Mittagssonne um den längsten Tag.“ + +Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus +der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine +verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich +zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute +sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele +beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht +festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim +Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden +hatte. + +Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns, +wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es, +als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher +Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister +tatsächlich in ihre Löcher kriechen. + +In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde +gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist, +mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig +abgewandte Seite. + +Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß, +wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite +zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen +keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch ++muß+ er sie gerade haben, +damit+ uns seine eine Seite treu +bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe +oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu +merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so +kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht +und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie +sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die +Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß +der Mond +nicht+ wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er +läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand +etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen +wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die +Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand +um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst +drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade +auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst +davon+ +ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, -- die ewige innere +Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines +Erdbewohners Auge je überschaut worden ist. + +Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit. + +Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein +ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse +die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren +Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, -- wer +aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer +fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“ +streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe +Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte. +Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese +Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten +Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein +noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt, +alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“. + +Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken +eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei, +hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos +lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer +wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von +Astronomen, die an Eis auf dem Monde glauben. Sie finden keine andere +Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch +viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden, +also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem +Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben +könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich +nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre +flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der +Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach +Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche +Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum +Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder +etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur +bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den +absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze +Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als +die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig +hineingelagerte Erde besitzt. + +Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück. + +Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht +sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere. + +Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker +singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat +umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja +beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler +verrät uns, wie die Gesichter ausschauen. + +Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die +Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen +in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts +ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die +Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene +Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt +es, „weil Magellanika ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land, +noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide +Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“ + +Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine +andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers +Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein +überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben. +Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor, +-- es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im +äußeren Umriß festzustellen. + +Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika: +die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf +Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den +Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar. + +Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt: +Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als +dem andern; die Katze ist Skandinavien. + +Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In +Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland +dunkel zusammen. + +Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler +kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen +Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit +geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars, +dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben +sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer +wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre +bei uns aufs Korn genommen haben. + +Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem +Monde selbst? + +Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten +vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen +Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen, +Strahlensystemen, Rillen, -- das Werk unendlichen Gelehrtenfleißes, an +das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser +Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten, +prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie +ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, -- bis auf jene +Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die +luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war +das alles zu Keplers Zeit! + +Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte, +wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der +alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres +Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von +Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem +Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen, +Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle, +ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste +Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog +Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag, +worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre +später ist das erste Fernrohr hergestellt worden. + +Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden. + +Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig +Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht +wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden +Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch -- ohne +vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers +Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine +Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte! + +Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie +schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein. + +In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer +ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in +denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene, +durchlöcherte Rinde, in der doch jede Zuckung erstarrt ist. Alles +starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit +den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das +„hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte +im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein +Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich. + +Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei +gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper. +Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage. + +Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank +sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche +Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da +hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das +überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider +noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als +mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe +Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt +im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der +Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er +hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der +Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der +Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte, +gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre +in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß +gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden. + +Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des +größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht +hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt +der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt. +Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit, +als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte +Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute +wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze +Planetensystem durchschweifen, unsere Sternschnuppen und vielleicht +die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders +weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne +Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten. + +Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike +Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns +so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, +so+ blank poliert +sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er +dahinwandelte, +abspiegelte+. Die Flecken sollten einfach die +wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische +und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit +dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen +Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu +bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der +Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich +und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu +ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte. + +Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen +Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans. + +Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher +Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende +Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen +Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte +das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen +wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle +Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur +unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete +Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da +er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von +oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im +Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen +gelassen, -- nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei +Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen +Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars bedeutsam geworden ist, +ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen +können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land +und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für +dichten Pflanzenwuchs. + +Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen, +und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht +Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz +Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im +Umfang hat, d.✹h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch +sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde +sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und +von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden +wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der +von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren +Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer +abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser +letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur +Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie +hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt, +-- nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst, +wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die +zahllosen Kraterhöhlen ergreift. + +Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph +zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach +der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die ++Erfindung des Fernrohrs+. + +Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, -- meinem +Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das +Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit +dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes +etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom +durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze +bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es. +Denn zu der Stelle kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis +als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist +der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst +angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele +tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht +bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch +gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder +geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber +das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres, +Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt +es. + +Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in +seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte +Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum +Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer +schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge +wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein +Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im +Frühjahr 1610 herüber. + +Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem +geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein +sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung +auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es +zuerst zusammengesetzt hat, -- die Legende erzählt, Kinder hätten beim +Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater +aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater +war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen +bedeutete es eine neue Welt. + +Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus: +er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander, +und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig +auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen +Zauberrohrs überzeugen. + +Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift, +dem „_Sidereus nuncius_“ (Sternenbote) Galileis, -- und zwar +gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das +bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die +unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den +urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho +und Kepler bescheiden zurücktreten mußten. + +Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen +von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die +Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und +damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles +ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war +seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig +Einzelsterne dar. Wenig später -- und Galilei hatte Flecken in der +Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z.✹B. +Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas +ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem +altvertrauten Planeten Saturn, -- erst später ist klar geworden, +daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn +handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst +korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte +in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich +Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen -- kurz: +es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon +erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind. + +Keine Entdeckung Galileis hat Kepler so bis in die tiefsten Gründe +seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein +Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in +ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem +Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat +blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich +und greifbar vor der Erfüllung steht und die +geträumten+ Dinge ++sieht+. + +Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in +lebendigstem Bild. + +Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, vor +Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“ +als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige +Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die +Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, -- +Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die +Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis +neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu +einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen +wäre. + +Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte. +In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer +wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu +erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem +Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als ++Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart+. + +Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder +aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen +eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon +und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu +mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem +Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder. + +Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender +Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des +siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes +und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung. + +Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond +befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden, +bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d.✹h. tiefgelegene +Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem +Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig +sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz +für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige +Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der Sonne, vielleicht auch +gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in +der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an +diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen +Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit +dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles +hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse +zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens +eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in +einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen, +teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr +tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück, +gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand +des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt +es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern +daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines +schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang +durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist. +Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der +Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des +sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn +der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist +er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der +Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes +sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen, +die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile +des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese +Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig +von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher +und ertragen dadurch die Hitze.“ + +Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt, +Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das +wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während +des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes. + +Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch +vollkommen spaßhafte Sache✹..... + +Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir +auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen +von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch +schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus +logischen Gedankengang. + +Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut +kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“ +entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich +entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte +Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im +gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine +Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der +Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der +Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet +werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer +des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine +natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen +Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne +Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in +einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem +Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen +Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des +Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel +heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich +durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch +diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch +im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens, +meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte +an. + +Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen +von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne +„natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur des Materials“ +hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der +man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe. + +Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch +widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht +vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond. + +„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen +auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen +und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material +bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen +abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben, +die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort +durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers +im Gleichgewicht gehalten. +Aber+ in den fleckigen Partien +des Mondes ist die Gestalt der +genau runden+ Höhlen und die +Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume +etwas Gemachtes und zwar +gemacht von einem architektonischen +Verstande+. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form +eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es +scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf +dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um +jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit +jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der +Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und +die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen +der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte +und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“ + +Daß die Mondbewohner -- einmal ihre Existenz vorausgesetzt -- gerade +solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz, +der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen +in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie +bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der +Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz +anpassen+!“ + +Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren +Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich +meine bei der Enträtselung des Planeten Mars. + +Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren +Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen +Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“. +Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“ +in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen, +für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas +getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden +Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage +raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und +mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder +nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht +haben. Keplers Schluß, -- bloß auf den Mars übertragen! + +Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so +ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik, ++sein+ Fall tatsächlich +falsch+ war. + +Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller +Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher +Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“ +Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein +schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle +sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten +an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers +Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter +Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern. + +Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch +heute+ +deshalb noch nicht klar wissen, +was+ die ringförmigen Mondgebilde +nun +wirklich+ sind. + +Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den +Schulbüchern steht? + +Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse Mondlöcher +mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild +heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie. +Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die +seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos +„Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte +Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht? + +Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto +weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater +entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren +Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar +nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen +Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein? + +Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch +eigentlich alles an. + +Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun +die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“ +(wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des +Abstürzens von oben kommender Massen wären, -- von Massen, vielleicht +einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet +war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach +einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand +kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem +man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht, +führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich +die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes +Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er +alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, -- vorausgesetzt, daß nicht noch +immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die +letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren +Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers +von innen heraus noch +mitgewirkt+ und auch kleine echte „Krater“ +wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben +haben könnte✹.... + +Das mag als Bild genügen, -- als Bild, wie wenig wir noch heute „über +den Berg“ sind. + +Den Mondberg! + +Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, -- mit jenem Lächeln +aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar +Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes +Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des +Menschengeistes. + +Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp +und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist, +der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, -- der „Traum im +Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller +Zerrissenheit des „Wirklichen“. + + + + +Vom Krebs, der „vom Himmel fällt“. + + +Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres. + +Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine +weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr +niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden. + +Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus +allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen +Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus +der alten roten Laubdecke im Waldesgrund. + +Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener +Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand, +mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch +ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und +drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem +Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer +Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken +einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang +baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft +impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten +immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein. + +Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren. + +Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht. +In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur, +sollte es sich bergen. + +Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein +echter, dauernder Tümpel bestand. + +In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune +Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste +Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde +es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr +trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren +Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte +Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich. + +An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste +Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem +dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln +plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran. +Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber +ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier +noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht. + +Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle +Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der +Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt, +ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber +in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage, +der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und +ich sah. + +Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser, +bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen +lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob +sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde +wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch +aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß +bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte +von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen +der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es +fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam +sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto +deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf +dem Rücken, die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf, +hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist +wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader +schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven +Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am +Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch +ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner +Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist +ein Krebs, -- im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt. + +Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt +er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der _Branchipus_. + +Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen +Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der +Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für +eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische +Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für +den Branchipus. + +Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort, +überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum +erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich +starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines +Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht. +Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht +naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der +Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich +scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes +wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin, +ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt +vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das +zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will. + +Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier: +den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs +sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. Von oben sieht +er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von +einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale +brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen +heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine +sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich +gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst +wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar +zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln +unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar +richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her, +meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder +„Schieler“. + +Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein +Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem +abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee. + +Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie +dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und +in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen +Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel +nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes +Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe +war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas +durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel +aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt +wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien. + +Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten +Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer +nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei +fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen +wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers +im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu +durchstöbert. + +Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt +in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit ist jetzt am +stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz +zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines +der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender +Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden. + +Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten, +Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter +der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich +sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine +Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der +Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der +ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein +Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert, +-- und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt. +Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir +aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich +einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt. + +Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren, +sagenumwobenen _Apus_, des „Ohnfußes“, wie das lateinische +Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter +Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt. + +Nun, da die zappelnde Schildkröte abwechselnd sich auf Rücken und +Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen +zu lassen, -- des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in +der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander +vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs +enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel +von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden +Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die +des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt +in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine +Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen +Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den +Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen +gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den +Löchern gucken. Ein absurdes Bild -- und doch steckt der Apus genau +so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben +durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem +Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber +in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie +beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder, +sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also +„Kiemenfüße“. + +Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber, +der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten +braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote +Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem +_Apus productus_) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas +an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen +konnte. + +Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar +Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten +über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die +Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu +verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen +und ihnen die Beine abbissen. + +Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte +die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von +allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie +zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“. +Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei +Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der +unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je +auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt +zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen +eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes +dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch +ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten +Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange +des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche +Komplizierung der Gliedmaßen. + +Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot +er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten +einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte +die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die +verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister, +der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das +wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter +Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im +Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder +spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war +ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr +Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia. + +Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler +mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur +Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade +damals +einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen+. + +Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich +lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus +beschäftigt hat. + +Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig +sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und +findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern. +Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf +beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der +Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel, +Wasserwanzen ein, -- wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem +Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen +bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung. + +Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, Radspuren +und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend -- und hier +auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten, +wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die +Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat. + +Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu +bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und +mehr, -- jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und +füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer, +als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich +wieder und alles ist voller Tiere. + +Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem +Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen? + +Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den +Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit +Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die +Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben +die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung -- und in diesen Lachen, +mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in +wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann +sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher. + +Ja, was fällt nicht alles vom Himmel! + +Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als +die meisten Menschen denken. + +Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine +und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe +nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im +neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus +dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad +überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig +bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen +nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost +zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend +zu halten, aber in der Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom +Himmel“ aus einer Regenwolke -- das fordert ja noch nicht einmal +wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich +in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend +die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan +Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter +Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen +sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß +das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja +gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine +Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint +er schon als ein Produkt des Regens. + +Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt +worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche +Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das +einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses +wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache +nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in +tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit +eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. + +Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern +nach noch keine zweihundert Jahre. + +In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab +Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in +Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen +ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem +Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens +Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“, +schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn +es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn, +für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die +es für Füsse ansehen, ein _polypus_ heißen muß, bei mir aber +_apus_.“ + +Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich +die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb +aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert +hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im +System sein könne? + +Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung +wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind +aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter +Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann +Christian Schäffer. + +Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn +herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille +Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der +Streitfrage glücklich auseinander gewickelt. + +Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu +Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der +Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus +irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der +wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer +Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde +denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer +nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso +mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen. + +Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus +diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten +eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung +einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die +Eier dabei? + +Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt +mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren +Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen +rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie +aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, -- und wenn man dann +einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein +Embryo gestaltet sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben +Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben +Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine +fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen -- der echte Apus. + +Damit ist ein Streitpunkt sofort klar. + +Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen +Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem +Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier +durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und +plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren. + +Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich +die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen +kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare +Trocken-Festigkeit haben. + +Ein weiterer Schluß wird möglich. + +In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der +Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die +Wanderschaft kommen. Es ist -- neuere Staubfälle haben es erst wieder +bewiesen -- schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich +eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise +oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre +Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind +sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen +jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel +Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen +sein! Staub -- und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen, +warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt: +warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte +Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist? + +Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte +Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des +Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen +waren. Es gelang ihm mit allem Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu +entdecken. Was bedeutete wieder das? + +Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was +nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und +Wissenschaft einfach nicht sein +durfte+. + +Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen +Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder +waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete, +was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß +einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von +denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße +auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von +sich gegeben haben.“ + +Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche. + +Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und +Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch +gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder +beobachtet noch richtig war. + +Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und +Weib in einem Leib. + +Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in +der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte, +eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte. + +Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten +Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen. +Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine +bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für +seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun -- mit diesem Tümpel-Leben war +wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff +hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand! + +Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus +lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen +hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher, +daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen +Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie oft mochte nur eines +kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus +Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die +Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden. + +Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von +all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals +nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt +von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer. +Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide +Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene +glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die +Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort +überhaupt keine gefunden hatte. + +Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach +ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage +an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm +und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger +Krebs vom Himmel fiel. + +Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche +gar auch noch Ereignis. + +Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus +und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen +Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also +echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein +und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen +haben. + +Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857 +führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei +Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare +Männchen des Apus sich tummelten. + +Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein +„Naturgesetz“. Wer würde siegen? + +Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras +gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die +mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb ihres +Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie +vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier +nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt +in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen +ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung +zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen +Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so +hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja +sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“ +doch immer noch eine kleine Sache! + +So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen +Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber +vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der +Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen +an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute +so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein +Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen, +mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an +kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut +hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten +Jahrhunderts gewesen. + +In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den +sechziger Jahren auch der Apus. + +Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener +„Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit +Schrauben“ auf den Leib zu rücken. + +Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf +ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der +Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber +einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen +Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so +wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In +diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus. + +Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken, +in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung; +das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde +die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen +bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den +Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen +durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des +Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung. + +Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs +Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war, +während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer. + +Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische +Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz +auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine +weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann. + +Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist, +die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen +Ehekodex sich selber gesetzt hat. + +Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier +aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das +sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und +Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein, +-- abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung +stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und +das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem +gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem +Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für +ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht +im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren +Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze +Märchen wieder von vorne beginnen lassen. + +Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung gemacht, daß +auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die +Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des +„Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der +Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt, +hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person +die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier +zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder +wieder Königinnen) hervorgehen, -- oder aber durch Jungfernzeugung +unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn -- eine Drohne -- entwächst. Im +verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion +eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das +schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde. + +Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des +Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner +Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten +Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann +noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt +und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete +Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so +wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch +wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen +minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im +Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans, +Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig +entschieden -- und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das +Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem +fertigen Tier. + +So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt +und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen +Tierarche gefunden. + +Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind +noch heute da. + +Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die +kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser enthält, dem schönsten +Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen +könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip +durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine +absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer +etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt +entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern, +die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines +Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei +dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben +sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine +Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß +überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten +kleinen Teich zeigt, -- bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen, ++ohne+ sich zu entwickeln. + +Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins +Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das +Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich +zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen +Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen +Neuerungen aus. + +Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das +aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es +Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt +machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, -- Handlungen, bei +denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein +geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen. + +Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher +Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen +schon abreißen sollte. + +Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen. + +Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat +an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug +rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft +lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich der tollen +Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung +vorüberzieht. + +Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter +klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen +Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings +gefunden worden sind. + +Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine +Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich +heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage +vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke +plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem +Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber +in dem allgemeinen Glanz verschwimmt. + +Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie +ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt. + +Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu +riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt +wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den +Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers +schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze +aus acht orangeroten Pfauenfedern. + +Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem +leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch +noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in +gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn +mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur +nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen +Futterplätzen zuführt. + +Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als +Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie +eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die +„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier +geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal +das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus +unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen +völlig dem Wasser entzogen, wenn auch noch an feuchte Orte gebannt: +das Kellertier oder der Kelleresel. + +Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt +in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer +lebendigen großen blauen Meduse. + +Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum +genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist +auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines +hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe. + +Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen +Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der +Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar +seine Augen als überflüssig zuwachsen. + +Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings. + +Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe +besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es, +die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000 +Kilogramm Speck ansetzen kann -- jede Schätzung erlahmt vor der Zahl, +die dazu nötig ist. + +Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche +Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein +schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd +durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt. + +Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt, +mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach +oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen +Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die +eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst +beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen +parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe. + +Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand +halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen +Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen +durch diesen eigenen Laternenschein spähend. + +Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen +Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf, +-- und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge +zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß +kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen +„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen +Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas✹...... + +Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei +Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn +kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres +Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem +größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng +zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts. + +Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber +überhaupt beschreiben zu können. + +Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn +so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem +ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles +und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem +Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie +er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden +die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes +Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten +Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste +Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für +die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so +besorgter, wohin damit. + +Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein. + +Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs +feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen +Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem +auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art. + +Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann +unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er +denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch +dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren +Anschluß zu verrechnen. + +Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch +wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn +so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte, +auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden. + +Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus. + +Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist +bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei +Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, -- ja +der Gletscherapus (_Apus glacialis_) geht am Kap Krusenstern in +Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in +Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf +Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der +Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen, +wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt. + +Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur +die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei +verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein +uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete +Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken +die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der +Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes. + +Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von +Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge. + +Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner +Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen +Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache +Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon +unendlich differenziert sich erweist. + +Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen +bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen +finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer, +Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als +„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus +packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der +Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen +zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn +man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht +wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese +Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der +Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen. + +Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel. + +Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den +Beinen. + +Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht +und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die +Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen +so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im +Prinzip macht es der Molukkenkrebs. + +Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit +ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von +denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er +Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern +Kupfer. + +So will er in kein System. + +Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes +Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten. + +Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen +unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, -- in der das Bild der +Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt +zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das +war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen +erklingt. + +Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo +der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie +eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs +herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen +liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse, +-- auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die +Wunder des Apus studiert hat. + +Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die +Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel, +halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch +wieder seltsameres Wesen. + +Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und +Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie +bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der +ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt. + +Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen +krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei +bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf +dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, -- und diese Larve zeigt den +gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen +Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das +die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von +Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein +Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals +gräbt. + +Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt +hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses +eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute +allerdings völlig die Erde verlassen haben. + +Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel, +ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken +herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen +Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein +Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit +zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze +ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als +je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem +Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war +wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse +er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits +ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane +eroberte, -- das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis +vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und -- vor eine +verschlossene Tür laufen. + +Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer +Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er +gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, -- es schienen ihm unklare +Bruchstücke von Fischen zu sein. + +Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten +ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf +Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein. +_Concha Triloba_ nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus +ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler, +Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl +man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt. + +Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden, +vollends wenn sich herausstellt, daß es ein -- Krebs ist. + +Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige +Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart +gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren +Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs! + +Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam +1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine +Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so +geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen. + +Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein +Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den +Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei +es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht, +gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten +nachgewiesen worden. + +Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend +ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben +die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in +dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß +die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib +erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich +in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es +in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte +Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht. +Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier +die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es +nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich +ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim +Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb, +und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und +Atmungsorgan jeder zugleich. + +Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt +in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften +Apus von heute. + +Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste, +stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten. +Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: -- alle hatten sie nur +ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite +nichts. + +Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte +nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen. +Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend +igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander +zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit +verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck +angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500 +gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt +die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur +Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter +Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine +seitwärts noch offenklar herausstehen. + +Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die +Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der +Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang +alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung +herabgeschneit dasteht. + +Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon +andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der +Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich +wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen +wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem +Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des +Lebens auf Erden. + +Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie +mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit. + +Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle, +aus der sich alles gebildet haben soll. + +Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber +diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen +Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist +es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der +sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit +aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden, +Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen? + +Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der +Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium -- und die Chronik +schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt. + +Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine +noch ältere Erdenschale, -- aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von +-- Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava +eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die +Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die +Trilobiten. Vom Himmel -- aus dem All -- woher? + +Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen +geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen +Trilobiten-Invasion schier verzweifelt. + +Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein +„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs +unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und +er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen +prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in +die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen +Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit +soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum +andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der +da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem +annoch weißen ersten Blatt? + +Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve +bringen könnte, er sucht die Sterne. + +Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen +Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese +Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des +leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch +bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom +Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel? + +Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene +Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle +aufführe. + +Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus +der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze +Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten +einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium +gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen, +weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren +Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so +vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind, +daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses, +sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte +Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten +Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also +das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit +ursprünglich schon tief im Text stand, -- so wie es bisweilen mit alten +Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen +gelesen worden sind. + +Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der +Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet, +die als solche dick vor Augen liegen. + +Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur +Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und +sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit +basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist +weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf +einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber +fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen. + +Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein +soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten +noch vielerlei zu fragen. + +Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein +hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette hinter sich +haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze +der Entwickelung. + +Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen +Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm, +der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung +auf Erden geworden ist, -- von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst +eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch +festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische. +Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten +Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der +Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber +eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der +Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch? + +Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“. + +Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus, +eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer +Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die +Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil, +das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst +entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs. + +In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts +Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst +entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine +Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der +Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu +sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der +Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende +Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß +der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser +Lächerlichkeit gestorben. + +Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde, +vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. Man nahm den +Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen +große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern +parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten. +War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch +eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich +hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben +auch ins Unermeßliche hineinwuchsen. + +Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die +Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und +andere kühn. + +Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man +nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten +Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte. +Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging. + +Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten, +Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat +auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit +Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der +große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode +gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten, +der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte +Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der +sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete. + +Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener +urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten +äußeren Gestalten annähmen. + +Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch +steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen +Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die +Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen +Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen. + +Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden andere +kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus +herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für +Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat +sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der +Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth +gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden +krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen. +„Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei +ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen +Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich +heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige +gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk +in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste +sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt +wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in +der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge -- +ein Scheitelauge -- saß. + +Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum +weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich +vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden +zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum +doch noch nicht. + +Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft. +Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der +schärfsten Art -- und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie +ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus. + +Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen +Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen +Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, -- aber nicht, daß ein +Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem. + +Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche +Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut +erklärt. + +Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen +Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem +großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich +einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das +sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig +als freier Schwimmer paradierte. + +Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von +Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge +aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind. + +Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat, +da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht +mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in +stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne +Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte, +ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich +geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in +ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde? + +Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im +Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit +ihnen ihre Wasser belebte. + +Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie +über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn +wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne +Pflanzen sich entfalten können. + +Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines +offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben +wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer +Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber +gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese +Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und +Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der +ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter +den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig +Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so +einst ein Hauptheer dieser asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten +Abgrund sein Wesen getrieben haben? + +Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten +erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht. +Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen +begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer +soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am +wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch +gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären, +keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in +seiner Regenpfütze uns bietet. + +Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt +er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen +Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder +Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl. + +Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit. + +Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen +Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts +anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses +Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind. + +Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner +jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt +er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er +eine ganze Weile sogar die freie Luft. + +Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft, +wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer +winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als +igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit +seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten +Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben +herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel +die Fensterchen des Kapitäns. + +Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-, +das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine +Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten, +daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese +Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm +äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst +Tiere waren, die ihm ganz fernstanden. + +Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich +verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite, +die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine +Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über +dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem +Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging. +Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich, +wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre +Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort +dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern +geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander +gestanden haben. + +Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um +so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen +Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben. + +Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und +der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der +Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im +hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein. + +Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen +Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter +seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es, +als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang +zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd +und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde +ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch +Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat. + +So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem +Querschnitt durch Jahrmillionen. + +Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere +Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das +begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf +es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der +Unsterblichkeit. + +Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da +Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem +Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache. + + + + +Osterglaube. + + +Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch +noch ohne starke Farben. + +Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als +gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das +wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus +tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf +und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich, +in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine +Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf. + +Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein +eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig +Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim +auf sein Wasserrevier. + +In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet. + +Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht +heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen +aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten, +mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher +Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt +wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel +gehäuft. + +Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die +ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings. + +Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend +karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der +Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener, +tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem +Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt. + +Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte +nur beschleunigt. + +Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der +Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber +darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme, +die unser Grübeln auslacht. „Neu!“ + +Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder +erlebt sie sie. + +Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus +einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in +ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen +fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in +äonenfernen Tagen. + +„Neu!“ + +Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt. + +Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten +durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen. +Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen +sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der +tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers +der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein +solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden +berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser +der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen +Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als +es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und +Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen✹... + +An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden. +Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch +älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen +Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen. + +Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf, +vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht +verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die +lieblichen Muschelkalkberge Thüringens. + +Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein +bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und +Haifischen und Korallen. + +Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem +Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre +Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der +Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist +ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen +über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten +Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden, +stehen heute noch im Berliner Museum. + +Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen +trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen +auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand +und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine +Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie +wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten. + +An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt +Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den +Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche. + +Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt +nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge. + +Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen +Stellung der Weltatome begründet. + +Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder +sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer. + +Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem +gleichen Gesetz. + +Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem +Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter -- das Wort: +„selbstverständlich“. + +Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das +Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur +und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer +wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung: +mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt +der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke, +schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der +Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht +weiter. + +Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute +wie nur je. + +Nicht tot zu kriegen ist sie. + +Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie +der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht +der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein +Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus +der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an +den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle +das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt -- +das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette +Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es +nicht finden können. + +Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr +in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die +Fenster ein!“ + +Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“? + +Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder +unserer Zeit, das Wunder aller Wunder. + +Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen, +ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern +daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem +Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst! + +Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad +wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen. + +Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie +wunderbar das Natürliche selber ist. + +Als Natürliches! + +Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich +will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich +geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch +wieder das höchste Wunder. + +Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen +Geschehens. + +Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome? +Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch? + +Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist! + +Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein +Auferstehungsmorgen geschenkt ist -- das zweite, nicht minder große: +daß es Verschiedenes gibt. + +Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle +Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische +Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem +unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern +auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge, +eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem +Auge noch wieder das alles schwimmt. + +Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten +aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten +beachtet wird: -- daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten +das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich +erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt. + +Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute -- diese +zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die +Entwickelung, der Fortschritt. + +Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als +„selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare, +daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie +Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen. + +Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die +Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu +fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige +einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen -- es hat +gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch +Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An +der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten +Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr +ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte +Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend +Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt. + +Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines +„Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden +erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur +möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der +Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom +Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern +großen Ur-Wunder lag. + +Das Wunder des Natürlichen! + +Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den +einsamen See. + +Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden +Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das +schelmisch die blanken Zähne zeigt. + +Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“. + +Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln +stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir +verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt. + +Es ist, -- mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der +dunklen Höhle wirft. + + +Ende. + + + + +„=Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung=“ +vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft, +die aus Anlaß des +Jahrhundertwechsels+ die letzten hundert +Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten +historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke +im Verlage von =Georg Bondi= in Berlin erschienen: + +_Dr._ =Theobald Ziegler=, ord. Professor a. d. Univ. +Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts. + +_Dr._ =Cornelius Gurlitt=, ord. Professor a. d. Kgl. techn. +Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts. + +_Dr._ =Richard M. Meyer=, Professor a. d. Univ. Berlin: Die +deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts. + +_Dr._ =Georg Kaufmann=, ord. Professor a. d. Univ. Breslau: +Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert. + +_Dr._ =Siegmund Günther=, ord. Professor a. d. techn. +Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im +19. Jahrhundert. + +_Dr._ =Franz Carl Müller= in München: Geschichte der +organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert. + +_Dr._ =Werner Sombart=, Professor a. d. Univ. Breslau: Die +deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. + + +Die folgenden Bände der Sammlung sind =in Vorbereitung=: + +_Dr._ =Heinrich Welti= in Berlin: Das musikalische Drama und +die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland. + +_Dr._ =Paul Schlenther=, Direktor des K. K. Hofburgtheaters +zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert. + +=Colmar Freiherr v. d. Goltz=, General d. Infanterie: Deutsche +Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts. + + +Ein jeder Band umfaßt etwa 800 Seiten groß Oktav, bildet ein +abgeschlossenes Ganzes und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis +von M. 10.-- (broschiert) und M. 12.50 (Halbfranz gebunden) zu haben. + + + + +Stereotypplattendruck von +F. E. Haag+, Melle i. Hann. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 *** diff --git a/76878-h/76878-h.htm b/76878-h/76878-h.htm new file mode 100644 index 0000000..941b52d --- /dev/null +++ b/76878-h/76878-h.htm @@ -0,0 +1,16702 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Von Sonnen und Sonnenstäubchen | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker .eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1,.s1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +h3,.s3 {font-size: 125%;} +h4,.s4 {font-size: 110%;} +h5,.s5 {font-size: 90%;} +h6,.s6 {font-size: 70%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1.5em;} + +p.p0, p.center {text-indent: 0;} + +.mtop1 {margin-top: 1em;} +.mtop2 {margin-top: 2em;} +.mtop3 {margin-top: 3em;} +.mbot1 {margin-bottom: 1em;} +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} +.mright2 {margin-right: 2em;} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} +.padtop3 {padding-top: 3em;} +.padtop5 {padding-top: 5em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.break-before {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +table.toc { + width: 32em; + margin: auto;} +.x-ebookmaker table.toc { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.vab {vertical-align: bottom;} +.vat {vertical-align: top;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 94%; + font-size: 70%; + color: #777777; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.bt {border-top: thin black solid;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.left {text-align: left;} + +.u {text-decoration: underline;} + +sub { + font-size: 65%; + vertical-align: -25%; + line-height: 1;} + +.antiqua {font-style: italic;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote { + background-color: #dadada; + color: black; + font-size: smaller; + padding: 0.5em; + margin-bottom: 5em; + page-break-before: always;} + +.hidehtml {display: none} +.x-ebookmaker .hidehtml {display: inline} + +/* Illustration classes */ +.illowe8 {width: 8em;} +.illowe32 {width: 32em;} + +/* Illustration classes; e-books */ +.illowe8 {width: 25%; margin: auto 37.5%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***</div> + +<div class="transnote mbot3"> + +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von +1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in +<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv dargestellt. +<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe32 break-before x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> + <figcaption> + <span class="u">Original-Bucheinband</span> + </figcaption> +</figure> + +<p class="s2 center break-before mbot3 mtop3">Von Sonnen und Sonnenstäubchen</p> + +<div class="chapter"> + +<h1 class="s2 padtop1">Von Sonnen und Sonnenstäubchen</h1> + +<p class="s3 center">Kosmische Wanderungen</p> + +<p class="center mtop2 mbot2">von</p> + +<p class="s1 center">Wilhelm Bölsche</p> + +<p class="center padtop3 mbot1">Vierzehntes bis zwanzigstes Tausend</p> + +<p class="center mtop1"><b>Volksausgabe</b></p> + +<figure class="figcenter illowe8"> + <img class="w100 padtop1" src="images/signet.jpg" alt="Signet: Georg Bondi"> +</figure> + +<p class="center mtop1">Berlin</p> + +<p class="center mtop1">Georg Bondi<br> + <span class="s5">1906</span></p> + +</div> + +<div class="chapter"> + + <h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Rätsel in der + Milchstrasse.</b></span> Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Raetsel_in_der_Milchstrasse">1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Entstehung der deutschen + Landschaft.</b></span> Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Entstehung_der_deutschen_Landschaft">47</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Der Kampf um die Haut des + Riesenfaultiers.</b></span> Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Kampf_um_die_Haut_des_Riesenfaultiers">93</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Der erste Vogel</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_erste_Vogel">126</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Weltgeschichte des + Nilpferdes</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Weltgeschichte_des_Nilpferdes">169</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Wunderwelt der + Radiolarien.</b></span> Ein Blick in die Tiefsee</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Wunderwelt_der_Radiolarien">201</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Warum die urweltlichen Tiere + ausgestorben sind?</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Warum_die_urweltlichen_Tiere_ausgestorben_sind">244</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Vom Leben im Weltraum</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vom_Leben_im_Weltraum">260</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Küche der Urzeit</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Kueche_der_Urzeit">275</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Das Ende der Tierwelt</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Ende_der_Tierwelt">282</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Anfänge der Kultur bei den + Tieren</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Anfaenge_der_Kultur_bei_den_Tieren">300</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Die Affensprache</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Affensprache">311</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Das Schnabeltier.</b></span> Vom + Säugetier, das Eier legt</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Schnabeltier">320</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Das Tierleben der + Grossstadt</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Tierleben_der_Grossstadt">347</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Kepler’s Traum vom Mond</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Keplers_Traum_vom_Mond">356</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Dom Krebs, der vom Himmel + fällt</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vom_Krebs_der_vom_Himmel_faellt">381</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="s4"><b>Osterglaube</b></span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Osterglaube">416</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> + +</div> + +<p>„Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ nenne ich dieses Buch. Ein +Sonnenstäubchen nur ist diese ganze lustige alte Erde. Ein Stäubchen +dieses Sonnenstäubchens ist der Mensch.</p> + +<p>Aber Sonnenstäubchen sind wir Menschen auch im Sinne, daß wir selbst +Kinder sind der großen Sonne, geboren und genährt von ihr. Sonnenblut +rinnt durch unsere Adern, Sonnenträume rauschen durch unser Gehirn.</p> + +<p>Wie ein Sonnenstrahl durch ein dunkles Gemach fällt und die grauen +Staubteilchen schimmern plötzlich selber in ihm wie kleine Sonnen +auf — so tanzt unser Leben in dem Ausschnitte, den Sonnenlicht und +Sonnenwärme durch den kalten Raum ziehen. Und doch sind wir alle auch +wieder, jeder für sich, ganze strahlenwerfende Sonnen. Da schleudern +unsere Gedanken ungeheure Strahlenbänder in die geheimnisvolle Nacht, +und in diesen Lichtschweifen des Denkens tauchen alle die Zauberdinge +erst auf, die wir leben. Da tanzen ganze Weltsysteme, Milchstraßen aus +Millionen Sonnen als Sonnenstäubchen dieses unseres Gedankens. Sie +tanzen und verwehen. Unendliche Jahrmillionen spinnen sich durch das +Sonnenstäubchen Zeit unseres Lebensaugenblicks, — Urwelten, in denen +Nebelflecke zu Fixsternen zerfallen und Sonnen zu Planeten und ein +Planet zu Menschen, die das Brot brechen und sprechen: „Liebe deinen +Nächsten wie dich selbst ...“</p> + +<p>Einen unermeßlichen Wust Staub hat die Naturforschung unserer Tage +aufgewühlt. Manchem ist zu Mute, er solle darin ersticken mit Leib +und Seele. Mir scheint es eine ernste Aufgabe, kleine Lichtkegel +gelegentlich hindurchzuwerfen, damit dieser graue Natur-Staub +wenigstens auf Momente zu dem auferstehe, was er doch in seiner +Verkleidung tatsächlich ist und bleibt: Sonnenstaub. Was für Stäubchen +gerade vorüber flirren, darauf kommt es mir weniger an. Es mögen +Lebenskeime dabei sein und auch Mumienstaub. Wenn der Lichtkegel sie +nur faßt und vergoldet. Er ist die Einheit dieses Buches — nicht die +Staubteilchen selbst.</p> + +<p>Meine siebzehn Kapitel sind in ziemlich kurzer Frist hintereinander +niedergeschrieben, alle aus der gleichen Laune und Weltanschauung +heraus. Sie wurden niedergeschrieben mit der festen Absicht, daß ein +Buch daraus werde, — nicht aber ist dieses Buch erst entstanden durch +nachträgliches loses Aneinanderreihen unzusammenhängender Feuilletons. +Wenn die Stücke zunächst da und dort in Zeitschriften einzeln +erschienen sind, so war es das zerstückelte Buch, das so erschien, +nicht erst das planlose Baumaterial. Einzelne Tatsachen-Wiederholungen +sind dabei mit Absicht in den Text gebracht, ich halte es für +aussichtsvoller, eine Sache kurz noch einmal zu sagen, wenn sie noch +einmal als Beweisstück nötig wird, als den Leser zum Zurückblättern +aufzumuntern.</p> + +<p class="s4 right mtop2 mright2"><em class="gesperrt">Wilhelm Bölsche.</em></p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_1">[Pg 1]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Raetsel_in_der_Milchstrasse"> + Die Rätsel in der Milchstraße. + <br> + <span class="s6">Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung.</span> + </h2> +</div> + +<p>Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln.</p> + +<p>Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von +Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert.</p> + +<p>Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der +norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser +bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und +glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst +bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen +schwebt.</p> + +<p>Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude +zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht, +— trotz Rübezahl.</p> + +<p>Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in +Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die +Naturgeister nichts.</p> + +<p>Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte +der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch +dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und +Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung +der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus +dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien +mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere +glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als +Denkmal <span class="pagenum" id="Page_2">[Pg 2]</span>einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel +in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren — kein +Mensch weiß, wie lange schon.</p> + +<p>Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch +selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt. +Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man +selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der +Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme +scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über +die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch, +— ein Riese.</p> + +<p>Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum.</p> + +<p>Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht +sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an +die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen +Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen.</p> + +<p>Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte +der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach +Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal +sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in +die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als +erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse +sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel +habe sie herabgekegelt ....</p> + +<p>Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache +Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten +Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann +würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht, +ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht +würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge +geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die +Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren?</p> + +<p>Der Weg dehnte sich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_3">[Pg 3]</span></p> + +<p>Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein +Licht. Ob es die Baude war?</p> + +<p>Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also +wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber. +Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise +fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel +gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen. +Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze +Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt.</p> + +<p>Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie +Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines +Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen +streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und +es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, — der +Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er +warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne.</p> + +<p>Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei, +eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit.</p> + +<p>Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle +aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes +erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde +Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann? +Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes, +phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes +Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche +Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen +weckt.</p> + +<p>Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen.</p> + +<p>Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie +kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, — daher das Wort +„Milchstraße“.</p> + +<p>Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen +und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es <span class="pagenum" id="Page_4">[Pg 4]</span>habe die Sonne einst +eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei +gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des +rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen +um die ruhende Erde, — warum sollte die Spur sich nicht einprägen? +Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie, +die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an +sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete.</p> + +<p>Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten +Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar +verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter +den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber +auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener +Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn +seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge +durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke +aufeinandergepaßt wären.</p> + +<p>Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers +aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts +anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da +die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches +Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums +dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem +blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel +verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan +in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen +Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte, +durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen +Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen +Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im +Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild.</p> + +<p>Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters, +der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als +Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_5">[Pg 5]</span></p> + +<p>Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas +ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der +moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren +vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten +Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht, +die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung +erlebt.</p> + +<p>Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese +Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in +moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in +Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir +heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante +der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet +sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem +Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im +Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns +die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, — +die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle +hinab, sondern aufwärts will, — jede Planetenbahn ist eine Stufe +höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe, +die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle +Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der +astronomischen Welt.</p> + +<p>Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser +Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen, +weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur +für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur.</p> + +<p>Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über +das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen +Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt.</p> + +<p>Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel +brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht, +das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land +nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein <span class="pagenum" id="Page_6">[Pg 6]</span>Wilder eine Fackel +entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, — Kolumbus fühlt die +Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt, +liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als +bloß ein Land.</p> + +<p>Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der +Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist +die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem +Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie +als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig +sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und +der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt — +und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor +Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von +Jahrtausenden tatsächlich zersprungen.</p> + +<p>Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des +Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten +Verzauberung erlöst.</p> + +<p>Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume +schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen +von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen +ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den +neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, — auch er ein Dichter in seiner +Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in +vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet +unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die +Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen, +zunächst geht die Astronomie jetzt weiter.</p> + +<p>Und wieder ist es Nacht — und ein Stern glimmt, diesmal ein echter +Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und +beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte +Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht +die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres +Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe, +greifbar mit einem menschlich <span class="pagenum" id="Page_7">[Pg 7]</span>vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß +mit dem logischen Gedanken.</p> + +<p>Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag.</p> + +<p>Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen +Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den +ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine +Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch +dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich +der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um +die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich +uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit +ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph +von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die +Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll +aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn +Pythagoras und Dante geschaut .....?</p> + +<p>Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, — vom grünen +Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt +eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon +der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses +Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am +Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden +mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier +zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns +entfernt hohe Gebirge trägt.</p> + +<p>Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie +durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus +ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische +Menschengeist wieder über alle Millionenfernen.</p> + +<p>Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne +und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt, +— wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser +naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, <span class="pagenum" id="Page_8">[Pg 8]</span>ein mystisches Nichts? +Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die +Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine +andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft +wie der Granit, über den die Wasser rauschen.</p> + +<p>Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte +Krönung des Gebäudes.</p> + +<p>Kräfte entwickeln sich auseinander.</p> + +<p>Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die +Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen, +fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge +in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war +vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke +und doch öffnet er nochmals eine Welt.</p> + +<p>Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit.</p> + +<p>Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in +unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit +haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden. +Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum +Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines +Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut +und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze +Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem +kosmischen Nebel sich verdichtet.</p> + +<p>Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen +ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges +Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine +Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie +auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei +und Newton.</p> + +<p>Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht +sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit +der alten Dante’schen Weltvorstellung, — die Heimkehr <span class="pagenum" id="Page_9">[Pg 9]</span>und die +Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem +moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum +Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren +Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die +einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, — das Ganze +steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein +Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im +gesamten Kosmos, — eine Welt, die Gott werden will.</p> + +<p>Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie +des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die +Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, — was bei +Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich +gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die +ganze Ewigkeit zu Gebote steht.</p> + +<p>Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des +Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das +große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst +wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht +Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung, +in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind +auf der Bahn hinan.</p> + +<p>So war der Weg — und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf.</p> + +<p>Auf einen Berg war er geklettert, — ihn grüßte das alte glimmernde +Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor +Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung +erschienen war.</p> + +<p>Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen +aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt?</p> + +<p>Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen +Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die +bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große +Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_10">[Pg 10]</span></p> + +<p>Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es +schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen +Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein +Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese +Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen +Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif. +Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im +Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd +als größter Kreis.</p> + +<p>Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug. +Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte +aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert +war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch +schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als +Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der +nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die +ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde.</p> + +<p>Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.</p> + +<p>Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen, +die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige +Masse erschienen.</p> + +<p>Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne +von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur +wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte +gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem +Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker +Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester +Quelle.</p> + +<p>Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen +Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen +wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus.</p> + +<p>Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst +von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die +räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren <span class="pagenum" id="Page_11">[Pg 11]</span>Stadt Berlin läge. +Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im +Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche +Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht +mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch +den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden +durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die +York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich +hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im +Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges. +Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch +Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und +Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr +Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen. +Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und +Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun, +leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert +Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor +Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem.</p> + +<p>Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen +Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch +nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond +wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, — um auf die +nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha +im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere +Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000 +Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu +uns zu kommen.</p> + +<p>Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich +wagten.</p> + +<p>Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich +perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder +Lichtring — eine Milchstraße — entstand. Für dieses Sonnengewimmel +mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz <span class="pagenum" id="Page_12">[Pg 12]</span>haben. Platz mußte auch der +Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen. +Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von +Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist +niederprasseln, — hageldicht.</p> + +<p>In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert +ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll +anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht +werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der +Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir, +— er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des +Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment +im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts.</p> + +<p>Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie +Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten +sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen +Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer +waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff +umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort +umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel.</p> + +<p>Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter +Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, — +eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in +den Schwanz biß.</p> + +<p>Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere +Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden +Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr +der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, — er erschien +hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie +tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, — einsinken +wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen +Dichterphilosophen ......?</p> + +<p>Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender +noch als alle früheren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_13">[Pg 13]</span></p> + +<p>Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften, +hier vereinzelter, raumlassend schwebten, — — erschien nebelhaft +dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, — eines ganzen, selber +wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems.</p> + +<p>In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen +<span class="antiqua">W</span> vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels: +die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem +Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem +riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke +ist die Andromeda.</p> + +<p>In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem +zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612 +der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß +dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine +schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von +Horn, — so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten +Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne +war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und +hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja +nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen, +abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein?</p> + +<p>Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des +Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis +endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die +„Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese +Zeit kam der Moment, den ich meinte.</p> + +<p>Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn +der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die +Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der +Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch +zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils, +sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des +Lukretius bis auf ein Gebilde, <span class="pagenum" id="Page_14">[Pg 14]</span>so groß noch einmal wie diese unsere +ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser +Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen +unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der +Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß +diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte, +obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen +war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem +bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch +zusammenschmolz.</p> + +<p>Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie +es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der +moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant.</p> + +<p>Er kannte keinen Schwindel, — also auch nicht vor dem Gedanken einer +Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn, +der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah +er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß.</p> + +<p>In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein, +ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das +erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in +der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort +die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem +Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems +lernen, — so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer +Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während +der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter +Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert.</p> + +<p>Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu +können.</p> + +<p>Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der +Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda +wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren +Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß +diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel <span class="pagenum" id="Page_15">[Pg 15]</span>gar nicht in Sterne +gegliedert war, — noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose +Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie.</p> + +<p>Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme +hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung +darstellte. Dort war es vielleicht noch so, — bei uns war es vor +Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens +baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne +aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so +entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese +Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene +als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor +Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter +Schluß.</p> + +<p>Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch +er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren: +auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst +charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe +als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild +unseres eigenen Systems sein?</p> + +<p>Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch +vorzuliegen.</p> + +<p>Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener +Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein +von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und +nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien?</p> + +<p>Im Gegenteil, sagt Kant.</p> + +<p>Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen, +wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem +System bildeten, — das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso +erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen +das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und +weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform +wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch +bei uns so sein, — auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache +Linsenscheibe bilden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_16">[Pg 16]</span></p> + +<p>Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender +Tatsache.</p> + +<p>Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer +flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal +zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa. +Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt +nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der +Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt. +Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren +Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen +Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung +dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen?</p> + +<p>Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite +sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie +hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich +ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen +auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in +die Welt außerhalb der Mark — also vielleicht auf andere, entfernte +Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand +— erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der +Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals +dasselbe Schauspiel, — denn auch hier bohrt sich der Blick durch die +geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen +wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in +der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung +wählte?</p> + +<p>Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten +Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch +die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze +Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes +Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in +Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht +sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich +dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch +eine und so eine ganze <span class="pagenum" id="Page_17">[Pg 17]</span>lange, lange Kette. Und da die Hintermänner +sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon +nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze +Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als +Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte +Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein +in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte +Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend +stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz +fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder +Hosen-Ausblicke dar.</p> + +<p>Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene +Sachlage am Himmel.</p> + +<p>Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen +Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen +Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus +einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung. +Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen +mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die +Fläche der Sternscheibe — und rasch durchdringt unser Auge die paar +Einzelsterne dieses kurzen Stücks, — schon taucht in den Lücken der +leere, schwarze, kalte Weltraum — die Hosenwand oder Portemonnaiewand +unseres Bildes — auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die +Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde.</p> + +<p>Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen — und die +Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn +hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden, +— die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen +ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder +einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse +begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der +Sternscheibe eindringen will, — genau wie das Markstück seinen +gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der +Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, — — +und in diesem Ring glänzt <span class="pagenum" id="Page_18">[Pg 18]</span>dem Auge folgerichtig jene einheitliche +Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und +die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt.</p> + +<p>Wir stehen bei der Milchstraße.</p> + +<p>Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige +Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau +in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten +Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht +verschieben können.</p> + +<p>Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den +Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither +auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins +Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse +Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden.</p> + +<p>Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen.</p> + +<p>Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche +Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie +von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte +doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung +Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie.</p> + +<p>In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb, +mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die +Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren +Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen +ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch +wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen +gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze +Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und +Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren, +durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, — da beschlich +auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde.</p> + +<p>Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener <span class="pagenum" id="Page_19">[Pg 19]</span>wunderbar +verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später +einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem +ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet +Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen +an, als sollte etwas ganz anderes werden — bis endlich jäh der Typus, +die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt +auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im +Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig +anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom +blauen Himmel fiele.</p> + +<p>Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform +umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien +wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit +von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die +Größe einer echten Linse für uns.</p> + +<p>Gab es solche Entfernungen?</p> + +<p>Gab es eine Rechnung, die da nachkam?</p> + +<p>Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt.</p> + +<p>Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie +gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht, +um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es +läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu +groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist +der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig +solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie +es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde. +Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere +Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000 +Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und +solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das +einen ungefähren Längendurchmesser des Systems — sagen wir in Kants +Sinn, der Scheibe oder Linse — von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus +unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch +<span class="pagenum" id="Page_20">[Pg 20]</span>nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was +heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer +sicherlich noch nicht das volle Maß.</p> + +<p>Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere +Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen, +erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres +eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den +Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, — also gegen +die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser +Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, — was du dort +im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen +siehst, das ist die ganze Alpenkette, — wie weit muß die entfernt +sein! 44000, — das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal +Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber +das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil. +Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen.</p> + +<p>Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert, +der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse +Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus.</p> + +<p>Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, — das +berührte eine andere Ziffer der Naturforschung.</p> + +<p>So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar +schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung +der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter +die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der +kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde +unseres Planeten, — ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis +des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter +die der Milchstraßeninsel selber.</p> + +<p>In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in +der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen +und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste +sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt +noch besitzen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_21">[Pg 21]</span></p> + +<p>War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne +innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder. +Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in +Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals +war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch +sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel +entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande.</p> + +<p>Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige +pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen.</p> + +<p>Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich +doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, — erhöhte +nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser +Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe.</p> + +<p>Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung.</p> + +<p>Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz +neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel.</p> + +<p>Die Photographie eroberte auch hier den Himmel — ein unvergleichlicher +Fortschritt.</p> + +<p>Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit +empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von +der Natur mitbekommen haben.</p> + +<p>Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal +der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter +nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel +und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne +Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder +liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man +gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich. +Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten +badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen.</p> + +<p>Was sollte das?</p> + +<p>Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde +geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst <span class="pagenum" id="Page_22">[Pg 22]</span>bekannten +Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser +Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig +vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in +ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie +ungeheure Kometenschwänze.</p> + +<p>Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen +Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange +festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so +mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion, +aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß +sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah?</p> + +<p>Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten +also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die +gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren +sollten!</p> + +<p>Eine große Reaktion trat ein.</p> + +<p>Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres +Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen +Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen +von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren +Entfernung können Nebel liegen.</p> + +<p>Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske.</p> + +<p>Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der +Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre +von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems, +diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte ......?</p> + +<p>Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines +Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme +leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit +des Raumes noch geben, — mit nichts schien auf einmal bewiesen, +daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß +sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten +Materieteilchen, die den Weltraum <span class="pagenum" id="Page_23">[Pg 23]</span>unsichtbar doch noch überall +erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde.</p> + +<p>Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu +Hilfe kam.</p> + +<p>Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke.</p> + +<p>Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und +Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in +hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, — jetzt eben nahte das +vierte Mal.</p> + +<p>Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert +durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte +Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es +einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde, +die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne +aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der +Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus +Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen +wollte.</p> + +<p>Woran lag das?</p> + +<p>Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine +einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich +so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit +stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin +unterscheiden könnten.</p> + +<p>Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte +auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er +konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war +Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb.</p> + +<p>Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein +noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des +Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe +angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge +kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu +sinken begann. Das Problem <span class="pagenum" id="Page_24">[Pg 24]</span>kam nun doch, schien es, aus der reinen +„Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu +lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert +und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe.</p> + +<p>Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren +Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, — aber ihre Lösbarkeit gab auf +der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern +der Entfernung.</p> + +<p>Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich +wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die +astronomische Welt.</p> + +<p>Kirchhoff und Bunsen hatten abermals — nicht einen neuen Stern oder +Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich +den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches +Auge durfte man es nennen.</p> + +<p>Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse, +sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben. +Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne +auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl +in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes +ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage, +das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und +jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter +offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt +war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten +ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam +zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache +aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging, +spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem +glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder +verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut, +die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte +man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle +festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei +Lichtstrahlen, deren Quelle man <span class="pagenum" id="Page_25">[Pg 25]</span>zunächst nicht kannte, einen Schluß +aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener +anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne.</p> + +<p>Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer +Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das +Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein +sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder +besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung +wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre +Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen +und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium, +hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken +verflüchtigt.</p> + +<p>Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten +welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren +ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne +geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur +so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder +dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser +treuer Helios.</p> + +<p>Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im +gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder +unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend +rehabilitiert.</p> + +<p>Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig +ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit +dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte) +notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern. +Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, — diese Lichtprobe läßt +sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der +Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne +Sternflämmchen darin aushändigen müßte.</p> + +<p>Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es +tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt +der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie <span class="pagenum" id="Page_26">[Pg 26]</span>schlechterdings bloß +das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging: +nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch +einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die +zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither +haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das +ungemein merkwürdige Helium ist, — ein Stoff, den man zuerst nur eben +mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach +Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch +auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine +kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem +Punkte sich als vollständig erweise.</p> + +<p>Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, — frei +im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, — +vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff.</p> + +<p>Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine +Instanz mehr, — die Natur hatte gesprochen.</p> + +<p>Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der +Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu +Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre +Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke +waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber +Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag. +Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern +erst durch Abkühlung bildeten.</p> + +<p>Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem +Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch +im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit +von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten +Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte.</p> + +<p>Nicht lange aber — und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen +Sachlage Mut.</p> + +<p>Echter Nebel blieb Nebel — ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß +perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, <span class="pagenum" id="Page_27">[Pg 27]</span>war +sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr +auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der +auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine +Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, — er „konnte“ eben +auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses +„Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie +jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle +möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen +lassen.</p> + +<p>Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie +hatte man sich das eigentlich zu denken?</p> + +<p>Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden +Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus +schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker, +der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen +könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie +es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen +Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten +und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft +gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator +umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen +irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit +übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen +Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel +vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches +mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und +in sich schließen, — Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach +Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen .....</p> + +<p>Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher +feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung +mehr besitzen könne, — und es wurde nachdrücklich gesagt.</p> + +<p>Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu, +daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze, +nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der <span class="pagenum" id="Page_28">[Pg 28]</span>Nebel auch sein. Ein ganz +neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine +kalte Wolke Wasserstoff.</p> + +<p>Aber die Wolke leuchtet ja?</p> + +<p>Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall +leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein +Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade +sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der +Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen, +ein geheimnisvolles Phosphorlicht, — ein Kälte-Licht, auszustrahlen? +Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums +bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch +andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife +der Kometen, das Nordlicht.</p> + +<p>Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun +die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, — wie +können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt +jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was +aber ist ein Gas in absoluter Starre?</p> + +<p>Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so +jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie +sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten +Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und +in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie +nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs +der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch +als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der +gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen?</p> + +<p>Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an +schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether, +wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen +heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und — +trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche +Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche <span class="pagenum" id="Page_29">[Pg 29]</span>Vermutungen überhaupt +schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand, +auftauchen konnten.</p> + +<p>Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und +fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein +„Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende +Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern +und Stern, — — so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht +einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch +unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere +Milchstraße sich ziehen sollten.</p> + +<p>Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar +unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von +Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, — sie mit +ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft +wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch +nur gleichkommen konnte.</p> + +<p>Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der +unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle +Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert +hatten wie aus einer Mutterlauge.</p> + +<p>Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für +unsere Kenntnis, — eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt +hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem +Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites.</p> + +<p>Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu +uns, war mit umschlossen in unserem System.</p> + +<p>Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere +Raum.</p> + +<p>Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen.</p> + +<p>Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen +eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte.</p> + +<p>Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie +zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem +letzten Fixstern begann für uns — das Nichts, — — das Nichts des +ewig Blinden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_30">[Pg 30]</span></p> + +<p>An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor +der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche +Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe +Saiten aufzuziehen.</p> + +<p>Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade +das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis +schien.</p> + +<p>Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das +Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde — so viel bleibt fest — +hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt.</p> + +<p>Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle +nicht so groß, wie man geglaubt hatte.</p> + +<p>Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß +ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings +rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in +Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten +(wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht +benutzt werden dürfen.</p> + +<p>Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer +Zeit <em class="gesperrt">keineswegs</em> eingefallen, <em class="gesperrt">sämtliche</em> Nebel, die von +Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst +werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen.</p> + +<p>Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und +dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache +ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den +Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme +machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal +entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über +die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der +ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese +scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen.</p> + +<p>Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer +Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des +Prismas ein Fixstern-Haufen.</p> + +<p>Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die <span class="pagenum" id="Page_31">[Pg 31]</span>leiseste +Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen +Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn +dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das +kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt +also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das +Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können +wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht +erkennen?</p> + +<p>Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr +viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit +von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße +als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit +sein .....</p> + +<p>Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel.</p> + +<p>Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung.</p> + +<p>Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine +Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst +perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt +dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen +noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues, +— wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer, +Stockwerke, — nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des +Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses +„Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine.</p> + +<p>Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier +der schönen Andromeda.</p> + +<p>Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede +Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige, +gedulderprobende Arbeit.</p> + +<p>Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es +dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut +entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere +Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also +schon genügen, um wahrscheinlich zu <span class="pagenum" id="Page_32">[Pg 32]</span>machen, daß dieser Nebel aus +sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen +Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch +einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein +solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so +konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen.</p> + +<p>Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon +vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen +lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält, +glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die +nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht +strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun +damit bei der Sonne sei, — sicher ist, daß diese Sonne gleich allen +echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das +erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist.</p> + +<p>Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt, +noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht +aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht +zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst +eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma +ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man +nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus +ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst, +die uns aber hier weiter nichts angehen.</p> + +<p>Für uns wesentlich ist, daß, wo immer Fraunhofer’sche Linien im +Prisma-Lichte eines selbstleuchtenden Weltkörpers auftreten, mit +Sicherheit auf einen Sonnenstern, eine echte Sonne nach unserer Art, +geschlossen werden kann. Und hier jetzt ist ein neuester Fund von +höchster Bedeutung.</p> + +<p>Scheiner in Potsdam, dessen grundlegende Forschungen auf diesem Gebiet +im voraufgehenden schon mehrfach gestreift und benutzt sind, hat +es mit zäher Ausdauer ganz kürzlich fertig gebracht, im Lichte des +Andromeda-Nebels die dunkeln Fraunhofer’schen Linien tatsächlich zu +sehen und in ihrer Lage zu messen. <span class="pagenum" id="Page_33">[Pg 33]</span>Damit ist der Beweis erbracht, +daß dieser Nebel endgiltig aus sonnenähnlichen Fixsternen besteht. +Er besteht daraus, obwohl kein bestes Fernrohr unserer Technik diese +Einzelsonnen in ihm noch wirklich unterscheiden kann.</p> + +<p>Nehmen wir die Größe seiner Sonnen dabei im Normalmaße unserer +Fixsterne an, so ist dieses doppelte Verhalten jetzt nur noch erklärbar +durch einen wirklich ungeheuren Abstand des Nebels von uns, — durch +einen Abstand, der in diesem Falle nun doch unbedingt über die Grenzen +unseres eigenen Milchstraßensystems hinausführt.</p> + +<p>Der Andromeda-Nebel ist doch ein zweites Milchstraßen-System, frei im +Raume schwebend jenseits unseres eigenen.</p> + +<p>Scheiner läßt als allgemeine Möglichkeit zu, daß der Nebel eine halbe +Million Lichtjahre von uns entfernt sei. Für einen zweiten Nebel, +auf den dieselben Verhältnisse zutreffen und der im Sternbild der +Jagdhunde leuchtet, kämen dann entsprechend 6½ Millionen Lichtjahre +heraus, — also immerhin annähernd Humboldt’sche Ziffern. Vor 6½ +Millionen Jahren, als die heute eintreffende Lichtpost von dort abging, +schwamm bei uns auf Erden der Ichthyosaurus noch und der erste Mensch +schlummerte noch tief im Schicksalsschoße.</p> + +<p>Die Arabeske wächst zurück, greift wieder ein.</p> + +<p>Also wir dürfen nun dennoch vom Andromeda-Nebel etwas über unsere +Milchstraße zu erfahren hoffen, — eine Antwort hoffen, die über eine +halbe Million Lichtjahre zu uns reist. Aber hatten wir diese Antwort +nicht schon?</p> + +<p>Ein letzter Schleier hebt sich.</p> + +<p>Dem alten Marius glühte der Andromeda-Nebel wie ein Lichtlein durch +eine Hornlaterne. Ein Lichtscheibchen, eine nebelhafte Linse, — so +erhielt ihn Kant als Material für sein kühnes Denken. Anderthalb +Jahrhunderte verrauschen nach Kant. Da kehrt der Gedanke zu jener +Denklinie zurück. Aber diesmal reicht der Astronom dem Sinnenden, +dem Träumenden ein ganz anderes Blatt: eine Photographie des +Andromeda-Nebels. Auch sie erfaßt die einzelnen Sternpunkte in ihm +nicht. Aber sie erreicht etwas anderes, nochmals völlig Unerwartetes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_34">[Pg 34]</span></p> + +<p>Und noch einmal, zum letztenmal, muß die Phantasie in eine ganz neue +Bahn.</p> + +<p>Wahrheit, — was ist Wahrheit?</p> + +<p>Die alte Pilatusfrage klingt durch die ganze Geschichte der +Naturforschung.</p> + +<p>Auf der „Wahrheit“ ruht diese Forschung. Vorsichtige Gemüter sagen +schon etwas bescheidener: auf dem lauteren „Streben nach Wahrheit“. In +diesem Sinne ist Wahrheit ein moralischer Wert. Wenn aber selbst das +nur nicht so verzweifelte Ecken haben wollte!</p> + +<p>Es scheint so brav: hier steht eine Tatsache; jetzt kommt einer, hat +jenen lauteren Wahrheitsdrang in sich, schaut hin, beschreibt die +Sache; damit ist die Geschichte für immer erledigt; der eine gilt für +alle, die der gleiche Drang beseelt, und ob Tausende kommen, ob nach +Jahrtausenden welche kommen, alle können nur bestätigen.</p> + +<p>Die wahre Wahrheit in diesem Falle, die von aller Erfahrung bestätigte, +ist, daß derselbe Gegenstand von hundert und mehr Beobachtern, die +sämtlich wahre Engel an Wahrheitsmoral sind, beschrieben werden kann +und daß unter Umständen jeder etwas anderes sieht.</p> + +<p>Ich will gar nicht reden davon, daß die Augen verschieden sehen, obwohl +das schon gewaltig viel tut. Aber die ganzen Menschen sind verschieden. +Unser physisches Sehen ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was +wir wirklich „Sehen“ nennen. Der Rest ist individuelle Zutat. So und +so viel Tropfen mitgebrachte Erfahrung, so und so viel mitspielende, +unbewußt sofort abrundende, ausspinnende Phantasietätigkeit, so und so +viel bestimmtes, längst ins Unbewußte eingewachsenes und von keiner +„Moral“ aus mehr kontrollierbares Vorurteil, — kurz ein derartiges +Rezept, daß die reine neue Beobachtung als solche darin untergeht +wie ein unschuldiger Schuß <span class="antiqua">Aqua destillata</span> in irgend einer +schwarzbraunen Apothekerbrühe. So geschieht es schon, wenn mehrere +nebeneinander beobachten. Vollends, wenn Jahrhunderte dazwischen +liegen, geht die Verschiedenheit ins Unglaubliche. Man schlägt sich +vor den Kopf, wenn man irgend ein altes Tierbuch oder eine alte Karte +vornimmt, die ein paar hundert Jahre alt sind. Wie konnten die <span class="pagenum" id="Page_35">[Pg 35]</span>Leute +dies und das nicht sehen, was jetzt ein Kind sieht, wie konnten sie +Mücken für Elefanten halten? Und wir lesen, daß es Leute von einer +Reinheit des Wahrheitsstrebens waren, die uns beschämt, — Leute, die +sich für den Mut ihrer Ueberzeugungen verbrennen ließen, was, Hand aufs +Herz, doch nicht jeder tut. Wenn heute ein Seetier ans Land kriecht, +das einen Leib wie eine Walze hat, vier flossenhafte Füße und einen +lustigen klugen Hundskopf ohne Hunde-Ohren, so sagt der kleine Junge +auf der Düne schon: ein Seehund. Der Weise von Anno dazumal sagte: aha, +ein Meerweibchen, — ging nach Hause und zeichnete ein Ungetüm, hinten +Fisch, vorne Mensch. Und der Weise schrieb gleichzeitig ein Buch über +die Heiligkeit der Wahrheit, während der kleine Bengel täglich noch +Prügel bekommt wegen absichtlichen Lügens .....</p> + +<p>Von dieser moralischen Betrachtung aus bedarf es durchaus keines Salto +mortale, um auf die Nebelflecke zu kommen.</p> + +<p>Ein Nebelfleck im Fernrohr ist von Anfang an ein wahres Zwitterding an +der Grenze von Sehen und Phantasieren noch in ganz besonders erhöhtem +Sinne gewesen. Ein Lichtwölkchen, eben angedeutet, zerfließend, +verdämmernd. Und das sollte nun einer mit rohen Zeichenmitteln aufs +Papier bannen! Man versuche doch eine gewöhnliche blasse Federwolke +unseres Tageshimmels „exakt“ nachzuzeichnen. Mancher, der sich gar +geschickt dünkt, wird sich als Polonius, der Kamele zeichnet, dabei +ertappen.</p> + +<p>Gleich die ersten Nebelforscher, die auf den alten Simon Marius +folgten, erkannten eins deutlich: die Nebelflecke sahen unbedingt nicht +alle gleich aus.</p> + +<p>Das einfache Bild einer Linse, wie es aus der Andromeda glänzte, war +nicht das absolute. Bald dieser, bald jener kühne Pionier in dem neuen +Weltenwalde brachte eine völlig andersartige Zeichnung mit.</p> + +<p>Da erschien auf dem Papier ein Nebel, der anzuschauen war wie der +griechische Buchstabe Omega. Einer trat in Gestalt eines Krebses auf, +einer sollte einer Hantel oder (nach andern) einem Ei mit doppeltem +Dotter gleichen.</p> + +<p>Wieder andere sahen täuschend aus wie eine losrollende Spirale, <span class="pagenum" id="Page_36">[Pg 36]</span>eine +Uhrfeder etwa, bis zu dem Bilde eines platzenden Schwärmers und +ähnlicher Feuerwerkskörper.</p> + +<p>Und der Anhänger der Kant’schen Ideen sah sich mit einiger Unruhe +sogar einer Figur gegenüber, die aus dem Sternbild der Leier (nahe +dem herrlichen Sterne Wega) stammte und ganz unzweideutig einen +regelrechten geschlossenen Ring bildete, — just so, wie die +Milchstraße von fern nun doch aussehen würde, wenn sie eben ein echter +Sternenring wäre.</p> + +<p>Fragte sich nun bloß, ob diese hübsche Musterkarte stichhaltig sei vor +den Augen mehrerer Beobachter.</p> + +<p>Als diese sich allmählich meldeten, schien die Sache allerdings fast +überall zu hapern. Was der eine so sah, sah der andere total anders. +Wo der eine eine Spirale malte, malte jener ein Billardspiel loser +Nebelkugeln. Sah einer wenig, etwa nur ein Streifchen oder dünnes +Viereck, so setzte der nächste einen Spiralschweif daran, der abermals +folgende aber kassierte wieder die Details. Ganz vorsichtige Kritiker +verfehlten nicht, den Bankrott aller vorhandenen Nebelbilder überhaupt +als noch einmal möglich zu prophezeien. Und besonders die ganz +extravaganten Fratzen sollten mehr Menschen- als Himmelsphantasie sein.</p> + +<p>In all diese Mühen, Zweifel und Wunder, aus denen einstweilen gar keine +Theorie recht Kapital zu schlagen wußte, platzte nun ebenfalls wie eine +Bombe jene große neue Erfindung, die für die Anzahl und Verbreitung der +Nebel so wichtig geworden war: die Photographie.</p> + +<p>Jedermann weiß, daß auch die photographische Platte noch nicht das +vollkommene Ideal der schwindelfreien Wahrheits-Wiedergabe ist. Auch +sie hat noch ihr Lügenrezept, obwohl es nicht mehr aus dem Unbewußten +schöpft. Wie sie heute ist, ist sie sozusagen noch ein etwas dreckiges +Auge. Aber bei alledem ist der Fortschritt kolossal, ja über jede +Erwartung. Und er war es auch für die Festnagelung der Nebelformen.</p> + +<p>Man legte sich im großen Stil ins Zeug. Eine halbe Nacht wurde die +Platte genau auf den Nebel eingestellt, dann tagsüber peinlich genau +verhüllt und die nächste Nacht nochmals fast ebenso lange exponiert. +Jetzt gab es unzweideutig sicherere Bilder, ohne <span class="pagenum" id="Page_37">[Pg 37]</span>Phantasie, Vorurteil +und Augentatterich aufs Papier geprägt. Die Ueberraschungen drängten +sich.</p> + +<p>Da war beispielsweise gleich der bewußte Nebel in Ringgestalt aus der +Leier. Seit man mit dem anderen chemischen Auge, dem Prismaglas der +Spektral-Analyse, die Nebel aufs Korn genommen, war er allerdings +der Kant’schen Milchstraßen-Theorie schon von dort her ziemlich +ungefährlich geworden. Denn er bestand nachgewiesenermaßen aus +echtem Gas, zählte also zu den so wie so jetzt beweisunkräftigen +Nebelmassen. Immerhin war aber seine Ringform selber ein Aergernis, +das die bösen Zweifler lockte, wenn es so schwarz auf weiß im Buche +stand. Die photographische Platte lieferte jetzt den Beweis, daß man +sich mit diesem starren Individualisten auch der Form wegen besser +in gar keiner allgemeinen Theorie beschäftigte. Schon das Fernrohr +hatte im Innern des länglichen Ringes gelegentlich ein zentrales +Sternchen gezeigt, das möglicherweise hineingehörte. Daraus machte +die Platte einen großen, im Ring umschlossenen inneren Nebelfleck, +der auf der Photographie wirksamer sogar war als der Ring selbst. +Warum sah man ihn mit unserm Auge trotz aller Rohre nicht? Dieser +Zentralkörper warf einfach Lichtstrahlen aus, auf die unser Sehnerv +nicht mehr eingerichtet ist: jene berühmten ultravioletten Strahlen, +die zwar auf der photographischen Platte einen Eindruck hinterlassen, +den wir dort als Ergebnis dann auch gewahren, — die als unmittelbar +einfallende Lichtwirkung unser Auge aber blind finden. Kein Physiker +hat zur Zeit eine Ahnung, was das für eine Sorte Weltkörper sein kann, +die da leuchtet. Ist dieses ganze Gebilde doch vielleicht kein Ring, +sondern eine einheitliche Gaskugel, deren Schichten sich aber in der +Art ihres Leuchtens, ihrer Phosphoreszenz im früher angedeuteten +Sinne, unterscheiden? Einstweilen reißt mit diesem Funde jedes Band. +Mit unserm Milchstraßen-System hat dieser krause Geselle mit seinem +ultravioletten Gas-Herzen jedenfalls gar nichts zu tun, weder so, noch +so. Hier waren die Andromeda-Freunde in Kants Sinne also glänzend noch +einmal wieder gerettet.</p> + +<p>Doch auch bei den Platten war noch nicht aller Tage Abend.</p> + +<p>Nach dem Ring kamen die Spiralen, die Frösche und Schwärmer <span class="pagenum" id="Page_38">[Pg 38]</span>an die +Reihe. Sie waren ja nicht ganz so unbequem wie der nackte Ring. Aber +schließlich ist eine Spirale, wenn sie einigermaßen regelmäßig ist, +einem Ring immer noch ähnlicher als eine solide Scheibe oder Linse.</p> + +<p>In Anbetracht dessen war es Musik in den Ohren der strengen Kantianer +gewesen, als ein äußerst gewissenhafter neuerer Kritiker, der Astronom +Tempel, gerade diese Spiralnebel, die sich in der Zeit nach Herschel +gar aufdringlich vorgetan, schlechthin hatte aus der Welt schaffen +wollen als „Phantasietrug“. Tempel war ein Wunderkind im Gebiete der +menschlichen Netzhaut. Vom Lithographen zum Sternforscher war er +wesentlich heraufgekommen eben wegen seiner einzigartigen körperlichen +Sehschärfe. Er sah das Doppelte fast seiner Kollegen — und gerade mit +diesem Doppelten leugnete er die Spiralform bei Nebeln.</p> + +<p>Wir Menschen, meinte er, sind nun einmal unverbesserliche Aesthetiker. +In Fleisch und Blut stecken uns rhythmische Gebilde. In ein Chaos sehen +wir Kunstfiguren hinein. So soll eine chaotisch versprühte Lichtmaterie +gleich einem Feuerwerkskörper ähneln, wie ihn unsere Kunst baut. Aber +wir beschwindeln uns, und alle Nebelspiralen, so nett sie im Buche +aussehen, sind solche mit Phantasiezutat erschwindelten „Kunstformen +der Natur“.</p> + +<p>Hinter solchem Zweifel steckt im Grunde ja eine Weltanschauung. Die +Weltanschauung der Angst, es könnte in der Natur irgendwo rhythmische, +ästhetisch schöne Gebilde geben auch ohne Zutun des Menschen. Es +gibt Leute, die meinen, ihre ganze freie Naturauffassung falle in +Mystik zurück, wenn so etwas möglich sei, — wobei die guten Leute +nur leider vergessen, daß sie selber ja den Menschen aus dieser Natur +hervorwachsen lassen und also in ihm schließlich doch an das Wunder +glauben, daß die Natur auf natürlichem Wege rhythmische Kunstgebilde +schaffe. Doch das jetzt beiseite.</p> + +<p>Sachlich hatte Tempel in seinem Falle sogar guten Grund zur Skepsis, — +das heißt bis zu dem Tage, da die Photographie auch hier ohne Rücksicht +auf Sachlichkeit oder Weltanschauung des einen oder andern die Sache +selbstherrlich in die Hand nahm.</p> + +<p>Mochte nun im Weltall Kunstfeuerwerke abbrennen, wer <span class="pagenum" id="Page_39">[Pg 39]</span>wollte: bessere +Schwärmer und Frösche, als jetzt in korrektester Spiralform auf den +photographischen Platten wirklich erschienen, ließen sich einfach nicht +ausdenken, — trotz Tempel.</p> + +<p>Es gab Spiralnebel genau im Sinne der brauchbaren älteren Zeichnungen. +Man denke sich, um das Bild klar zu bekommen, einen nebelhaft glühenden +Hauptkörper, eine Kugel etwa. Von dieser Kugel wickeln sich Arme los. +Einmal etwa genau zwei, links einer, rechts einer. Jeder ist nach der +entgegengesetzten Seite krumm gebogen. Oder es gehen drei solcher +Schweife in Windrosenlage ab, also in regelmäßiger Stellung wie +arabeskenhaft geschweifte Radspeichen. Oder: von dem Hauptkörper rollt +sich ein einziger fast gleich dicker Arm wurmhaft heraus und umkringelt +ihn als einzelner Spiralstreifen fast vollständig, nur eine kleine +Oeffnung lassend. Oder endlich, noch verzwickter: von dem Zentralkörper +fließen mehrere solcher fast konzentrischen Spiral-Ringe aus, die sich +auch noch gegenseitig ein Stück weit umkringeln, dann aber, als sei die +Spirale verbogen, übereinander hinlaufen, sich schneiden und getrennt +endigen. Der eine oder der andere Arm hat dabei wohl noch die besondere +Eigenheit, an der offenen Spitze wie in einem Knopf in einen zweiten +Kernball auszulaufen.</p> + +<p>Und nun: — gerade diese seltsamen Spiral-Nebel, einmal sicher als +vorhanden festgestellt, zeigten zwei weitere, im höchsten Grade +bemerkenswerte Eigenschaften.</p> + +<p>Zunächst fiel ihre Menge auf. Ging allmählich die Anzahl der +Nebelflecke überhaupt in die Tausende und Abertausende (über +7000 sind heute fest bestimmt, über 100000 werden mindestens als +Wahrscheinlichkeitsabschätzung vermutet), so vermehrte sich mit dem +Photographieren gerade die Zahl der unverkennbaren Spiralen aufs +überraschendste dabei.</p> + +<p>Dazu aber trat als weiterer Umstand, daß ausgesucht diese Spiralnebel +nicht aus Gas, sondern aus echten Sternen bestehen wollten, wo immer +die Spektral-Analyse ihnen zu Leibe ging. Ich habe schon den Nebel +im Sternbild der Jagdhunde einmal berührt, den Scheiner etwa 6½ +Millionen Lichtjahre von uns entfernt sein läßt und entsprechend als +echte Milchstraßenwelt, als zweites, unabhängiges Weltsystem gleich dem +unserigen faßt. Nun denn: <span class="pagenum" id="Page_40">[Pg 40]</span>gerade dieser Jagdhund-Nebel war von allen +der erste, der sicher als Spirale erkannt wurde, schon vom Lord Rosse. +Seitdem ist auch er in Amerika photographiert und in seiner Gestalt +genau in Rosses Sinne bestätigt worden.</p> + +<p>Auch die Forschungs-Arabeske um den Andromeda-Nebel und unsere +Milchstraßenform nähert sich hier offenbar ihrer letzten, aber +bedenklichsten Spirale.</p> + +<p>Der Andromeda-Nebel schwebte noch einmal vor uns, gerettet als +selbständiges Milchstraßen-System. Aber mit ihm ist der Jagdhund-Nebel +auf dieselbe Deutung gerettet. Und dieser Jagdhund-Nebel ist keine +einheitliche Stern-Linse, sondern doch ein wenigstens annähernd +ringförmiges Gebilde: eine ungeheure Spirale aus Fixsternschwärmen.</p> + +<p>Wem gleicht nun endgültig unser eigenes Milchstraßensystem: der Linse +der Andromeda — oder dem spiralig gewundenen Feuerwerkskörper der +Jagdhunde?</p> + +<p>Diese Doppel-Frage aber ist im Jahre 1888 durch Anwendung der +Himmelsphotographie nochmals vereinfacht und im Prinzip gelöst worden. +Der Andromeda-Nebel selbst wurde von Roberts photographiert. Und +die photographische Platte erwies ihn selber — — ebenfalls <em class="gesperrt">als +Spiral-Nebel</em>.</p> + +<p>Es war eine der ersten Errungenschaften des Nebel-Photographierens, daß +es uns auf eine bestimmte Möglichkeit bei den Spiralnebeln überhaupt +aufmerksam machte.</p> + +<p>Nehmen wir eine platte Uhrfeder. Und bringen wir diese platte Spirale +in verschiedene Lagen zu unserm Gesichtsfeld. Es ergibt sich, daß +bei bestimmten Lagen das Erkennen der Spirale schwer, ja zuletzt +geradezu unmöglich wird. Wenn ich genau gegen die Kante der Spirale +sehe, so sehe ich nur mehr ein senkrechtes Streifchen, — genau wie +beim senkrechten Blick auf den gekerbten Rand eines Markstückes. Aber +auch wenn ich die Spirale etwas mit der Fläche um die Ecke lugen +lasse, sehe ich gerade die Spiral-Natur noch nicht als solche. Die +Spiralringe schieben sich ja perspektivisch so aneinander, daß ich +einen geschlossenen Körper zu sehen glaube. Ein solides Markstück, +ebenso ein wenig um die Ecke balanciert, schaut tatsächlich noch genau +so aus. Und erst ein ungemein <span class="pagenum" id="Page_41">[Pg 41]</span>scharfer Blick würde schließlich die +ganz feine Zeichnung der aneinandergeschobenen Spiralreifen doch in der +Fläche noch herausfinden können und so die wahre Natur enträtseln.</p> + +<p>Aus dieser Betrachtung folgt, daß auch Spiralnebel im Raum, die mit der +schmalen Kante senkrecht gegen uns stehen, uns bloß als leuchtendes +Streifchen, solche aber, die ein wenig mehr schräg stehen, als schmale +Spindel, Scheibe, Linse erscheinen müssen. Und erst eine kolossal +verschärfte Detailschau würde wenigstens im letzteren Falle noch gerade +die Spiralnatur enthüllen aus feinsten Linienandeutungen, spiralig +gewundenen Strichen in der Scheibe oder Linse. Eben diese Detailschau +nun hat die Photographie uns beim Andromeda-Nebel ermöglicht.</p> + +<p>Schon längst hatten scharfe Beobachter im Fernrohr etwas in dem +Linsenscheibchen dieses Nebels wie eine feine Struktur gesehen, — eine +Art dämmerhaft angedeuteten engeren Grundrisses. Im Mittelpunkt schien +eine undeutlich begrenzte Verdichtung sich merkbar zu machen.</p> + +<p>Dann sah Trouvelot in Washington mit einem besonders brauchbaren Rohr +zwei dunkle Streifen, die den Nebel fast längelang durchsetzten.</p> + +<p>Was sollte das sein?</p> + +<p>Die Skepsis im Sinne Tempels sagte: Augentäuschung. Das Auge der +photographischen Platte aber sah den Dingen auf den Grund.</p> + +<p>Auf der Photographie erscheint die ganze Nebel-Linse mit einer +endgiltig durchschlagenden Unzweideutigkeit als eine — Spirale in +außerordentlich schiefer Projektion.</p> + +<p>In der Mitte genau wie bei dem Nebel der Jagdhunde ein Zentral-Ball. +Von ihm sich loswindend mehrere riesige Spiralenarme, die an sich +offenbar frei herum greifen, für unsere zufällige Beobachterstelle +auf der Erde aber so aneinandergeschoben sind, daß ihre Zwischenräume +nur mehr als ganz feine, dunkle, elliptische Längsbogen die schmale +Gesamtlinse durchsetzen.</p> + +<p>Mit diesem Funde war die Kant’sche Idee inmitten ihres vollen Triumphes +noch einmal geschlagen.</p> + +<p>Es gab ferne Welteninseln gleich unserm ganzen Milchstraßensystem. +<span class="pagenum" id="Page_42">[Pg 42]</span>Aber es gab sie nur in Spiralform. Auch der Andromeda-Nebel wies diese +Form. Wir wußten aus der Spektral-Analyse, daß er aus einem unendlichen +Gewimmel sonnenähnlicher Fixsterne bestand. Aber diese Fixsterne +durchwimmelten nicht eine einheitliche Linse, die, vom Mittelpunkt +angesehen, das rein perspektivische Bild eines Milchstraßenringes +ergab, sondern im Mittelpunkt schwebte zunächst ein rundlicher, oben +und unten abgeplatteter Sternhaufen. Von ihm aber ging in flacher +Ebene ein spiralig gewundener Strom weiterer Fixsterne aus, der die +Zentralmasse im ganzen nun doch wirklich ringförmig umgürtete. Freilich +nicht als regelmäßiger Ring. Denn in Wahrheit schoben sich ja mehrere +Spiralreifen hintereinander darin mit dunklen Zwischenräumen.</p> + +<p>Kant selbst hätte als ehrlicher Logiker vor dieser völlig verwandelten +Sachlage zugeben müssen, daß seinem ganzen Ideengang die sachliche +Grundlage unter den Füßen fortgezogen sei. Und nur eins konnte er +schließlich noch vorbringen.</p> + +<p>Die Nebelflecke — das Wort einmal für das Ganze gebraucht — hatten +ja doch verschiedene Gestalt. Warum sollten nicht auch neben jenen +spiralförmigen Weltnebeln tatsächlich noch anders geformte existieren? +Und warum sollte nicht gerade unser Fixsternsystem anders gebaut sein? +Wenn die Milchstraße sich so hübsch auch aus einer Linsengestalt mit +gleichmäßiger Sternverteilung erklären ließ: warum sollten wir nicht +Linsengestalt trotz so und so vieler spiraliger Brüder im All besitzen?</p> + +<p>Dieser neue Schluß wäre eine Rettung, — aber eine äußerst dürftige, +wie man sieht. Die sichtbaren Nebelwelten, die früher ein Glied der +Schlußkette waren, das erklärte, sind jetzt ein Ballast, der selber mit +Mühe forterklärt werden muß. Aber es bedarf der ganzen Spitzfindigkeit +zum Glück nicht. Denn ein allerletzter Schleier reißt: und damit ist +die Situation klar.</p> + +<p>Denken wir uns doch noch auf einen Augenblick in jenen wirklichen +Spiralnebel der Andromeda so hinein, wie wir es früher taten, als +wir ihn für eine einheitliche Sternenlinse hielten. Stellen wir uns +beobachtende Menschen vor auf einem Weltkörper fast oder ganz im +Mittelpunkt.</p> + +<p>Wie würden sie den Himmel jetzt sehen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_43">[Pg 43]</span></p> + +<p>Sie befänden sich zunächst im Mittelpunkt des inneren Sternhaufens, +jener glänzenden Mittelstelle im Nebel. Nach allen Seiten ständen +Sterne, viele groß und nah, und alle immerhin so, daß nirgendwo ein +Gedränge nach Milchstraßenart entstände, da der Sternhaufen vielleicht +abgeplattet, aber immer doch noch annähernd eine Kugel wäre. Aber in +bestimmter Ebene erschiene gleichwohl eine solche Milchstraße als +größter Kreis rings um den Himmel. Das wäre nämlich jetzt das ganze +Spiralsystem, dessen Ringe sich so glatt hintereinanderlegten, daß sie +von innen nur mehr als einziger Reifen erschienen. Immerhin würde eine +gewisse Ungleichheit in dieser Milchstraße sich bemerkbar machen. Denn +die Spirale kommt ja doch an einer Stelle aus dem Zentralfixsternhaufen +heraus und verläuft an einer anderen ins Weite. Eine Seite der +Milchstraße würde näher aussehen, sich leichter noch in Sterne auflösen +lassen: die, wo die Spirale sich von der Mitte losringt, — eine andere +umgekehrt verlöre sich mehr in völlige Milch. Und selbst das könnte +recht wohl noch weit überboten werden durch einen zweiten Umstand.</p> + +<p>Die Spirale mit ihren Windungen liegt in diesen Nebeln anscheinend, +wie gesagt, flach in einer und derselben Ebene. Aber sie könnte für +den engeren Anblick gleichwohl sehr gut wenigstens gewisse kleinere +Verschiebungen auch über die Horizontallage hinaus besitzen.</p> + +<p>Dann würde die von ihr gebildete Milchstraße einer solchen Welt die +Spuren davon zeigen in Gestalt von Spalten, von dunklen Lücken.</p> + +<p>Stellenweise, wo zwei Spiralwindungen eben übereinander weg ragen, +würde sie wie verdoppelt erscheinen. Man hätte den Eindruck nicht einer +kompakten Masse, sondern eines in sich höchst verwickelten Gebildes, +in das man in schrägster Projektion hineinschaute. Findige Astronomen +dort würden immerhin aus der Summe dieser Anzeichen auf eine Spirale +schließen, — niemals aber würden sie eine so gebaute Milchstraße +für die rein optische Wirkung einer einheitlichen Sternenlinse im +Sinne Kants halten können. Wie sollten in die hinein Spalten geraten, +durch die man in den schwarzen Weltraum blickt? Die Fläche der Linse +müßte durchsetzt <span class="pagenum" id="Page_44">[Pg 44]</span>sein mit tiefen Röhren und, — abgesehen von dieser +Verschiebung schon des ganzen Bildes, — wie sollte man sich das im +Einzelnen ausdenken? Undenkbar! Kein Mensch dort würde zweifeln, daß +er sich in einem Spiralnebel befindet und daß jeder Augenaufschlag zur +schönen Milchstraße ihn in diese Spirale tauchen läßt .....</p> + +<p>Mein Blick sucht die Milchstraße selber wieder, unsere Milchstraße, das +alte liebe Silberband.</p> + +<p>Im Geist durchfliege ich sie ganz, wie sie unsern Nordhimmel der Erde +überwallt.</p> + +<p>Seltsam: bin ich doch noch dort drüben in der Andromeda-Welt, — oder +wirklich hier?</p> + +<p>Was ich eben beschrieben habe, ist ja Zug für Zug unsere +Milchstraße .....</p> + +<p>Sie ist es, die hier nah, scharf gerandet, glänzend erscheint, dort +wolkenhaft blaß, als wolle sie verschweben. Sie ist es, die dunkle +Stellen umschließt, und die sich endlich auf eine weite Strecke ganz +gabelt, in zwei Arme auflöst, die breit voneinanderklaffen.</p> + +<p>Schon das schlichte Auge sieht das, — einem Kinde kann man es +zeigen. Im Fernrohr wird alles nur noch unendlich viel deutlicher. In +wolkenartigen Klumpen schieben sich dort ihre Teile voreinander, — +dann reißt aber gelegentlich das ganze Gedränge und der Blick fällt jäh +in den schwarzen Raum.</p> + +<p>So lange Kants Idee durch die Köpfe pilgerte, so lange hatte der +Zweifel immer wieder gefragt, was diese Zeichen und Wunder sollten. +Aber leichtfüßig war die Idee darüber weggehüpft. Zufällige +Nebenerscheinungen sollten es sein. Und so muß der Gedankenflug in +seiner ganzen Schwere vom Andromeda-Nebel selber zurückkommen mit dem +Bilde eines Spiral-Systems, um uns die Augen endlich zu öffnen.</p> + +<p>Wir selber leben in einem Spiralnebel des Alls.</p> + +<p>Kant hat unrecht — und hat recht. Recht hat er, daß unser System dem +des Andromeda-Nebels gleicht. Recht hat er, daß wir von dort etwas +lernen können über uns. Unrecht aber hat er im Vergleichungspunkt, +unrecht in dem, was wir lernen sollten. Hier wie dort ist keine Linse, +sondern ein kugeliger Zentralhaufen von Fixsternen, den eine ungeheure +Spirale aus Millionen Fixsternsonnen <span class="pagenum" id="Page_45">[Pg 45]</span>umwindet. Und unsere Schau in die +Milchstraße ist der Blick auf unsere Spirale. Wo die Milchstraße sich +teilt, klaffen die Reifen der Spirale voneinander.</p> + +<p>Ein in seiner Größe fast grausiges Bild.</p> + +<p>Diese Spirale, in der sich ein Sonnenstrom, ein Strom von Sonnen +ergießt, wird nicht ruhen.</p> + +<p>Wir wissen es ja: alles fließt. Unsere Sonne selber wandert, vom Orion +fort, auf die Sterne des Herkules zu, dorthin, wo die Sterne sich +auseinanderlösen wie die Pappeln einer Allee vor dem Pilger.</p> + +<p>Auch in jenen Wirbeln wird eine ungeheure Bewegung sein, ein +unablässiges Dahinziehen der Fixsterne wie das Strömen der +Rauchpartikelchen in dem blauen Wirbel einer Zigarre. Schwindelnder +Traum .....</p> + +<p>Auf meiner einsamen Gebirgswanderung, das flimmernde Silberband über +mir, wollte eine dumpfe Angst mich überkommen.</p> + +<p>Die Angst des Menschen, über dem das All zusammenstürzt.</p> + +<p>Aber ein friedlicher Gedanke trat zwischen die aufgeregten Geister +meines Hirns.</p> + +<p>Was siehst du dort? Im Grunde ja nur dich.</p> + +<p>Im Grunde ist diese ungeheuerliche Himmelsspirale mit all ihren +Sonnen nur ein ferner, schöner Abschlußreifen in deiner eigenen +Individualität. Du umgreifst alle diese Welten, du mit deinem Ich. +Warum bangt dir vor dir selbst?</p> + +<p>Dein Gedanke hat diesen Spiralnebel erobert. Er wird noch mehr Welten +finden. Und er wird nicht ruhen, bis das alles wieder eine feste +moralische Leiter ist in dir selbst, wie es einst die Himmels- und +Höllenwelt des Dante war.</p> + +<p>Vielleicht ist gerade die Spiralgestalt dieser Milchstraße eine feine +Brücke dazu. Zu dir, wenn du selbst ein Schaffender wirst, kehrt sie +wieder — als Schönheitslinie.</p> + +<p>Du gräbst einen alten Grabhügel auf, aus vorhistorischer Zeit. +Goldschmuck kommt zu Tage. Und schon dort ist die Spirale +Kunst-Ornament. Als goldene Ringelschlange lag sie vor Jahrtausenden +schon um den nackten Arm eines schönen Mädchens. Der Mann, der es +liebte, suchte eine ästhetische Form, die Naturschöne dieses <span class="pagenum" id="Page_46">[Pg 46]</span>Armes +noch zu erhöhen. Er schuf. Ein anderes naturschönes Gebilde nahm er: +Gold. Und dem gab er eine Kunstform: die Spirale eines Armreifs. +Dem Menschenauge war das wohlgefällig. Es glitt angenehm über diese +Schlangenlinie hin, die sich wohl um sich selbst wand, rhythmisch sich +selbst wieder zustrebte und sich doch dann wieder löste zu höherer, +weiter ausgreifender, im Unendlichen verklingender Harmonie, anstatt +sich selber in den Schwanz zu beißen und so der platten Wiederkehr zu +verfallen.</p> + +<p>Das Menschenauge mit seinem Sinnen und mit seiner Sehnsucht ist das +gleiche geblieben bis heute. Lege deiner Liebsten diese Spirale, diese +jahrtausendalte Goldspirale um den weißen Arm und sie jubelt: Wie +schön! Der Goldschmied von heute, der den Geschmack seiner Leute kennt, +nimmt sie dir aus der Hand und benutzt sie als neues Modell.</p> + +<p>Warum das alles?</p> + +<p>Zu solcher einsamen Gebirgsnacht, wenn der Hirsch schreit und die +Sternenkrone zum Greifen über dir schwebt, hat man Träume .....</p> + +<p>Rübezahl, der Naturgeist, denkt mit.</p> + +<p>Warum diese Gleichartigkeit der Linien, der Erfindung, des Schaffens, +in dieser ungeheuren Natur, — vom Andromeda-Nebel bis zum +prähistorischen Goldreif, von der Milchstraße bis zu mir?</p> + +<p>Ein Narr fragt viel.</p> + +<p>Aber aus Narrenfragen sind Weltanschauungen erstanden, Gebilde des +menschlichen Gedankens, riesiger noch als Nebelflecke und Milchstraßen, +denn diese alle sind mit darin. Jede dieser Weltanschauungen begann mit +irgend einer dummen Frage und hat an einer solchen Frage auch wieder +den Endpunkt gehabt, wo die Spirale der Ideen-Entwickelung sich von ihr +abbog, höheren Sternen und Ideen zu.</p> + +<p>Wer in dieses Geheimnis dränge, warum menschliche Kunstformen und +fernste Gebilde des Alls auf dieselbe Figur, dieselbe Schaffensform +hinauslaufen, der wäre ein solcher Frager für uns.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_47">[Pg 47]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Entstehung_der_deutschen_Landschaft"> + Die Entstehung der deutschen Landschaft. + <br> + <span class="s6">Träumereien auf einer Eisenbahnfahrt.</span> + </h2> +</div> + +<p>Mir war in diesem Frühjahr eine lange Fahrt über deutsche Erde +beschieden: von den Marschwiesen Worpswedes bei Bremen fast ohne +Unterbrechung bis ins schlesische Riesengebirge.</p> + +<p>Die Eisenbahn wird so oft gescholten, weil sie eine Generation ohne +Naturfreude erziehen helfe. Ich danke ihr umgekehrt etwas, was +frühere Zeiten unbedingt nicht so besessen haben: die Möglichkeit +vergleichenden Landschaftsstudiums.</p> + +<p>Wie über eine wunderbar belebte Karte, die doch dabei das Umfassende +einer wirklichen Karte bewahrt, fliegt der Blick. Auf solcher Fahrt +lernt man nicht Landschaft in Deutschland kennen, sondern deutsche +Landschaft. Und der Gedanke wühlt sich ein in diesen Begriff, während +das Auge den Totaleindruck erlebt.</p> + +<p>In diesem Auge hing noch das Gold der fett und naß blühenden +Caltha-palustris-Felder der Marschen, ein endloser gelber Teppich bis +zum Horizont, über dem eine bläuliche Hügelwelle eben vorragt.</p> + +<p>Dieser Hügel ist in Wahrheit schon eine Düne. Unter dem Schilfkranz +hier, in dem der Wind unter dem blaßblauen, wolkenbefederten +Wasserhimmel singt, rauscht zu Zeiten der murmelnde Spiegel höher, +denn die Flut des Ozeans spielt schon hinein. Zwischen die Lerchen +des Landes, die Kiebitze und Störche des Binnensumpfs mischen sich +Seeschwalben und lustige Kampfschnepfen.</p> + +<p>Aber dazu jetzt in schneller Wandeldekoration die braune Lüneburger +Heide, dürre Erika, rote Bauernhöfe zwischen lichtgrünen <span class="pagenum" id="Page_48">[Pg 48]</span>Birkenalleen: +die trockene Sand- und Birkenebene Osteuropas tief einschneidend ins +deutsche Land.</p> + +<p>Und wieder die dichten, dunkeln Waldungen der Mark, auf roten Säulen +wie eine endlose graue Wolkenbank die Nadelkronen der Kiefern.</p> + +<p>Und abermals öde, ganz öde, ganz platte Ebene mit Birken, bis die +blaue, noch leicht beschneite Silhouette der Rübezahlberge die +Landesgrenze gegen den Himmel schreibt und mit der Erhebung des Bodens +auf einmal in schwarzer Pracht die Fichte da ist.</p> + +<p>Die Bahn steigt, und der schwere, zottige Fichtenpelz kriecht mit +ihr den Hang empor. Bis für beide der rauhe Urgebirgsfels zu steil +wird. Noch einmal triumphiert die Kiefer, aber in ihrer Zwergform, +die auf gebeugtem Rücken als „Krummholz“ dem ungeheuren Winterschnee +Trotz zu bieten wagt. Hier liegt die deutsche Ebene schon unabsehbar +zu Füßen wirklich wie eine grell kolorierte Karte. Am Krummholzhang +der Schneegrube aber blüht im Hochsommer ein seltsames rosenrotes +Glöckchen, das lieblich nach Vanille duftet. Das malt am deutlichsten, +wo wir sind. Der Südrand der deutschen Landschaft hat durch vertikales +Ansteigen noch einmal Nordlandscharakter erreicht, stärker sogar, als +ihn der meerbespülte Nordrand selber besitzt. Dieses Pflänzlein ist +die <span class="antiqua">Linnaea borealis</span>, das eigene Patenkind des großen Linné +bei seiner riesigen Massentaufe des Lebendigen auf Erden und insofern +ein bevorzugtes Wesen in dieser ganzen Fülle für immer. Der Name des +Meisters von Upsala weist aber auch schon den Weg: erst in Skandinavien +findet die Linnäa sich wieder, noch weit nördlich von Worpswede.</p> + +<p>Es braucht nicht mehr als diese Fahrt, um alle Bilder in der Seele wach +werden zu lassen vom geschichtlichen Werden dieser Landschaft.</p> + +<p>Wer seine deutsche Erde liebt, für den gibt es nicht leicht einen +rührenderen Moment in der Geschichte, als das erste Auftauchen +deutscher Landschaft in den Augen von Menschen, deren Entwickelung reif +war, einen Landschaftscharakter als solchen reflektierend zu erfassen.</p> + +<p>Ein Zufall warf dem Römer dieses Los zu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_49">[Pg 49]</span></p> + +<p>Bei ihm erscheint das Urbild, das lange, bis ganz nahe an unsere +Gegenwart heran, jede historische Betrachtung unserer Landschaft als +Ausgangspunkt beherrscht hat, hinter dem man überhaupt nichts mehr +wußte.</p> + +<p>Vom Rhein her kommt der Römer mit seinen goldenen Adlern und seinem +stolzen Weltgefühl des absoluten Kulturträgers. Er stößt auf eine +starre Mauer von Wald. Die Berge liegen begraben in diesem unwegsamen +Forst. Im Tal lauert Moorboden, über den erst hölzerne Stege mühsam +gelegt werden müssen. Wo aber dieser lebendige Wall und Graben +enden, am Meer, da lastet auf der eisigen Flut ewiger Nebel, eine +Tartaruslandschaft. Armselige Sanddünen mit wehendem Hafer bilden +den Rand. An sie speit die geheimnisvolle Tiefe den goldschimmernden +Bernstein.</p> + +<p>Eine auffallend wenig bekannte Stelle aus der Naturgeschichte des +Plinius (also aus dem ersten Jahrhundert nach Chr.) zeichnet das +packend.</p> + +<p>Ein „Wunder“ bieten ihm diese deutschen Wälder. Sie steigern die +Kälte durch ihren Schatten und sperren, abstürzend, die Seen. „Die +Ufer nehmen die üppigsten Eichen ein. Unterwühlt sie die Flut oder +reißen Stürme sie los, so gehen in ihren Wurzeln ganze Inseln mit. Im +Gleichgewicht stehend mit dem Takelwerk ihrer gewaltigen Aeste, segeln +sie daher. So haben sie oft unsere Flotten geschreckt, wenn sie wie +mit Absicht in der Nacht gegen die verankerten Schiffe trieben, daß es +ein Seegefecht für diese gegen Bäume galt. In Jahrhunderten unberührt, +wie mit der Welt entstanden, ragen die Riesenstämme des herkynischen +Waldes, das Wunder aller Wunder durch ihr fast unsterbliches Los. +Durch den Druck der kämpfenden Wurzeln wölben sich Hügel auf. Oder die +Krümmungen brechen im Zwist aus dem Boden hervor und bilden bis zu den +Aesten hinauf Torbogen, daß Reitergeschwader hindurchpassieren können.“</p> + +<p>Zu diesem Wald nun die Seeküste, bei den Chaucern, — sagen wir +heute, den Leuten von Jever, Worpswede, den Halligen. „Mit ungeheurem +Andrange“, erzählt Plinius, „rollt dort zweimal in vierundzwanzig +Stunden der Ozean daher, breitet sich ins Unermeßliche aus und bedeckt +ein ewiges Streitgebiet der Natur, von <span class="pagenum" id="Page_50">[Pg 50]</span>dem man nicht weiß, ist es +noch Festland, noch Meer. Hier haust das armselige Volk, auf Hügeln +oder mit der Hütte auf künstlichem Gerüst über der höchsten Flutlinie, +Seefahrer, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchige bei +der Ebbe, Jäger hinter den Fischen her, die im Umkreis der Hütten mit +dem Meere entweichen. Vieh zu halten und Milch zu trinken, wie die +Nachbarn, ja auch nur Jagd auf Wild ist diesen Leuten nicht vergönnt, +denn weit und breit wächst kein Strauch. Aus Seegras und Sumpfbinse +flechten sie Fischnetze. Mit den Händen heben sie Torf auf und trocknen +ihn mehr am Winde, als an der Sonne, ihre Speisen damit zu wärmen und +die vom Nord starrenden Eingeweide. Ihr Trank ist der Regen, in der +Grube vor dem Hause gesammelt. Und doch: wenn sie heute vom Römervolke +überwunden würden, so sprächen diese Stämme von Sklaverei!“</p> + +<p>In diese Landschaft dringt jetzt die Kultur. Sie weckt ein Volk +von Riesenkräften gleich jenen Eichenwurzeln des Plinius zu +zweitausendjährigem Aufwärtsringen. Im Sturm dieser zweitausend +Jahre Kampf entsteht aus dem weltenalten Walde und der unfruchtbaren +Fischerküste das, was wir heute deutsche Landschaft nennen, in allen +feineren Zügen jetzt selbst ein Werk der Kultur.</p> + +<p>Das ist das hergebrachte Geschichtsbild.</p> + +<p>Ich aber dachte, während mein Blick dem Wechselbilde da draußen +nachging vom Nordseestrande bis zu den sudetischen Grenzbergen, wie +viel für unser Erkennen hinzugekommen ist in den letzten fünfzig Jahren.</p> + +<p>Zu zwei Jahrtausenden Jahrmillionen.</p> + +<p>Erst wir heute fangen an, die deutsche Landschaft durch und durch zu +sehen, nicht bloß bis auf die Wälder des Tacitus und Plinius. Wer +mit dem Auge des Wissenden, des Naturwissenden heute in die Dinge +schaut, dem vollzieht sich ein immer gewaltigeres Wunder. Schicht um +Schicht erscheinen ihm die Zeiten in ihnen, die Aeonen der großen, +planetengroßen Weltgeschichte, — nicht als ledern begrifflicher +Paragraph eines Lehrbuchs, sondern heute noch lebend in der greifbaren +Wirklichkeit. Im Grunde, so paradox es klingen mag: es gibt gar keine +Vergangenheit. Alles, was wir von ihr wissen, ist ja heute noch da, +sonst wüßten wir es nicht. <span class="pagenum" id="Page_51">[Pg 51]</span>Nur um feine Schleier handelt es sich, die +aufgedeckt, die gesondert werden müssen. Jeder Baum und Quell und Stein +der deutschen Landschaft ist durchsponnen bis ins Mark von solchen +Schleiern.</p> + +<p>Das erste, woran wir denken müssen bei unserer Landschaft, ist ihr +Grund.</p> + +<p>Das Auge, das dem folgt vom Meer zum Fels, verliert zunächst den +Menschen, ob Römer, ob Germanen, ganz. Es sieht den uralten Planeten +Erde schwebend im Raum, schwebend, sich um und um rollend, der Sonne +folgend, wie wir ihn kennen seit Kopernikus. Denken wir uns eine +Riesenhand, die um diese harte Kugel fingert, wie wir einen Block +Korallenkalk umgreifen. Was wäre dem Tastgefühl dieser Hand unser +Deutschland? Die Finger rührten an seine Vorsprünge, etwa gegen +den Grat des Riesengebirges, oder den Brocken, oder den Odenwald. +Dazwischen Vertiefungen, Lücken wie in einem morschen Zahn. Bis endlich +das Ganze gegen die Nord- und Ostsee abstürzte in zwei wahre Zahnlücken.</p> + +<p>Es läge eine Wahrheit in diesem oberflächlichen Gefühl.</p> + +<p>Diese deutsche Erde, auf der alle unsere Herrlichkeit sich aufbaut, ist +als geologischer Grund ein einziges großes Trümmerfeld.</p> + +<p>Sie muß es sein. Denn sie gehört so in urbestimmter +Schicksalsverknüpfung einem weiteren, umfassenderen Ringe der +Weltentwickelung an als wir selbst.</p> + +<p>Es ist den meisten Menschen heute noch ein fremder, ein schwer +faßlicher Gedanke, daß der Boden, auf dem wir wandeln, streben +und hoffen, als solcher das Ergebnis ist eines gigantischen +<em class="gesperrt">Zusammensturzes</em>. Und doch zielen alle neueren geologischen +Gedanken mehr oder minder dahin.</p> + +<p>Die ältere Geologie, wie sie noch in Humboldts Tagen herrschte, +sah in der gesamten Erdenlandschaft etwas wie eine grüne Wiese mit +Maulwurfshaufen. Das Niveau der Wiese blieb selbst sich so gut wie ewig +gleich. Aber von unten stießen geheime Kräfte mit furchtbarer Gewalt +Berge auf. Wenn man von Worpswede nach dem Riesengebirge fuhr, so fuhr +man ganz allmählich ins Bereich der immer leistungsfähigeren Maulwürfe, +bis endlich in <span class="pagenum" id="Page_52">[Pg 52]</span>der Schneekoppe das norddeutsche Meisterstück vor Augen +war. Heute hat die Geologie überall ein unverkennbares Streben, genau +umgekehrt, von oben nach unten, zu gehen.</p> + +<p>Sollen wir auch für ihre Vorstellung ein Bild vom Leben eines wühlenden +Tieres nehmen, so müßte es nicht der hügelwerfende Maulwurf, sondern +etwa das Kaninchen sein. Es wühlt Röhren unter der grünen Wiese +und plötzlich bricht da und dort die Fläche ein. Löcher und Höhlen +entstehen, in denen die mitabgestürzte Grasdecke tief unten, weit unter +dem alten Niveau, fortgrünt, während die stehengebliebenen Teile wie +Pfeiler und Berge darüberragen.</p> + +<p>Das große Karnickel, das diese Arbeit im Erdenleib besorgt hat, war +aller Wahrscheinlichkeit nach der Erdkern selbst. Wie alle freien +Körper im All, wie die kolossale Sonne selbst, zog die Erde sich im +Laufe ihrer unaufhaltsamen Eigenentwickelung zusammen, verdichtete +sich. Und ihre oberflächlichen Schichten sanken dabei nach wie der +Rockärmel über einem abmagernden Arm, oder die Haut eines schrumpfenden +Apfels. Eisenharte Gesteinsbänke von so und so viel Quadratmeilen +Ausdehnung sind ja gerade kein sehr williges Material für solchen +Abstieg. Im buchstäblichen Sinne ging die Erdenrinde in die Brüche +dabei. Hier sanken weite Gebiete gutwillig ab und bildeten eine neue +Sohle tief unter dem alten Stand. Dort blieb ein Pfeiler alte Rinde +mit abgeknickten Kanten trotzig stehen: er war jetzt im Verhältnis zu +den Stücken da unten ein hoher Berg, ohne sich tatsächlich gerührt zu +haben. Anderswo freilich staute sich auch der ganze Boden in seitlichem +Druck zu einer Falte auf, die mit dem Kamm wirklich berghaft noch über +die alte Normalhöhe hinaus geriet. Im ganzen aber blieb auf alle Fälle +der Stieg nach unten als Grundzug unverkennbar.</p> + +<p>Die Ozeane mußten sich, selber mit ihren Becken sinkend, auf das neue +Maß einstellen, wobei es in dem Durcheinander nicht ohne Ueberflutung +zu tief gesunkener alter Landteile abging. Zum Ueberfluß quoll noch aus +ganz tiefen Bruchspalten glühendes Tiefengestein, vom Druck entlastet, +und warf jetzt selber noch wirkliche kleine Maulwurfshaufen, die +nachmals zu Basalthügeln erstarrten, mitten im Senkungsfeld.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_53">[Pg 53]</span></p> + +<p>In gewissen Zügen ist es für uns ja immer noch ein überaus +geheimnisvolles Ding um diese Zusammenziehungen der Erde.</p> + +<p>Sehr möglich ist, daß sie nach einem periodischen Gesetz in der +Erdgeschichte sich vollzogen haben, — nicht ruckweise natürlich als +wüste Katastrophen, aber doch mit bestimmten Perioden der Steigerung +und dann wieder anderen der Ruhe. Vielleicht wird es noch einmal +glücken, in diesem Rhythmus eine bedeutsam treibende Macht zu erkennen +auch für die Entwickelung der Tiere und Pflanzen. Sicherlich waren +solche Zeiten, da das ganze Erdniveau sank, die alte Ebene hier +sich als Niederung tief unten erst wiederfand, dort als Pfeiler +stehenbleibend plötzlich Gebirge war, dort endlich gar als wolkenhoher +Faltenwulst noch höher aufquoll, zwingendster Anlaß neuer Anpassungen, +sie werden auch das Niveau des Lebendigen, die Normalruhe der Arten und +Gattungen in wilde Schwankungen und Fluß gebracht haben.</p> + +<p>Jedenfalls aber ging aus jeder dieser Schrumpfungen das rein +geologische Landschaftsbild als ein furchtbares Zerstörungsfeld hervor, +eine Wiese, die die Kaninchen glücklich um und umgestülpt hatten.</p> + +<p>Dann jedoch setzte ebenso folgerichtig ein neuer Prozeß ein, der sich +mühte, diese Ungleichheit, dieses Trümmerhafte nach Kräften wieder +abzustellen zu Gunsten einer neuen Glättung des Grundes zu neuem +Normalniveau. Den eingesunkenen Rindenteilen des schrumpfenden Apfels +war die Atmosphäre nachgesunken. Die stehengebliebenen alten Horste und +Wülste stießen aus der dicksten Luftschicht folgerichtig bei diesem +Nachsinken heraus, deckten sich mit Schnee und erlitten alle jene +hübschen Erlebnisse, die wir Erosion nennen, zu deutsch Ausnagung. +Das nagende Karnickel war jetzt ganz oben in Gestalt von Wasser, das +in Gesteinsritzen gefror und den Fels sprengte wie Glas, oder das als +Bach vom Berg zum Tal sprang, die losgesprengten Blöcke mahlend und +zerkleinernd, bis sie endlich als atomisierte Sandbarre tief unten in +den tiefsten Stellen des neuen Niveaus, nämlich in der Meerestiefe +lagen. Block um Block kam so und endlich das ganze Gebirge. Aber auch +das Tiefland kam, bis das Meer voll war.</p> + +<p>Dieser Prozeß, in ungezählte Jahrmillionen ausgedehnt, hätte +<span class="pagenum" id="Page_54">[Pg 54]</span>schließlich immer wieder eine absolute grüne Normalwiese wirklich +herstellen müssen, die im ganzen allerdings mathematisch genau so und +so viel Meter <em class="gesperrt">unter</em> der vorigen lag. Aber lange, ehe es völlig +dahingekommen ist, war wohl jedesmal die innere Periode des Planeten +längst erfüllt: ein neues allgemeines Absinken begann, das abermals so +und soviel Meter tiefer das gleiche Spiel von neuem beginnen hieß.</p> + +<p>Begründete Anzeichen lehren uns, daß die letzte große Rutschpartie +der Erdrinde in die erste Hälfte der sogenannten Tertiär-Zeit fällt. +Damals haben die Alpen sich gebildet als ein großer emporgestauter +Faltenwulst. Damals ist unser gesamtes deutsches Gebiet annähernd +wenigstens in das Niveau gestürzt, in dem es heute steht. Seit einer +Million mindestens von Jahren (es wird mehr sein) hält es sich +notdürftig in der hier gegebenen Balance bis jetzt.</p> + +<p>Das Trümmerfeld dieser letzten Senkungsfelder, stehengebliebenen +Pfeiler und Wülste ist es, das das Auge streift auf der Fahrt von den +Marschen zum Trümmerkegel aus Glimmerschiefer der Schneekoppe.</p> + +<p>Ganz ist auch das freilich längst nicht mehr. In die Nordsee hinein +dehnt sich das versandende Wattenmeer. Das ist die mahnende Station, +daß der Zeiger unserer Tage im Zeichen des wachsenden Normalniveaus +schon wieder steht: die Gebirge sind es, die da unten ankommen, das +Riesengebirge, das aus seiner blauen Wolkenhöhe, wo die <span class="antiqua">Linnaea +borealis</span> blüht, zur winzigen Sanddüne von Worpswede abschmilzt, zu +den Halligen, wo der alte Plinius das wunderbare zähe Völklein fand, +das lieber von der nivellierenden Welle der Erdgeschichte sich fressen +lassen wollte, als von der jungen Kulturweisheit der sieben Wolfshügel +am Tiberstrand.</p> + +<p>Bereits sind alle unsere deutschen Gebirge nur mehr Ruinen. Scholle +um Scholle bricht oben nieder, reibt sich zu Kieseln im Fluß, endet +als Sand im Meer. Ab und zu aber zuckt ein Erdbeben durch den Grund. +Die Phänomene kreuzen sich bereits. Dort der Niedergang einer Epoche, +wachsende Annäherung an einen neuen Sieg einer spiegelblanken +Normalnivellierung, die mit der wüsten Trümmerstätte aufräumt, — +hier das dumpfe Deuten von der Tiefe <span class="pagenum" id="Page_55">[Pg 55]</span>her. Das Deuten, das meldet: +alle jene Mühe ist umsonst. Der Kern wird von neuem schrumpfen, die +Schale muß über kurz oder lang abermals nach. An dem Tage kann die +Schneekoppe, dreiviertel abrasiert durch die Verwitterung, wie sie +vielleicht dann schon ist, absinken bergetief zur neuen Sohle, — der +flache Marschengrund bei Worpswede aber kann stehen bleiben als zäher +Pfeiler über dem ungeheuren neuen Abgrund ringsum und kann „Gebirge“ +sein, — Gebirge, das jetzt das Abströmen des frostzersprengten, +wasserzermahlenen Gesteins in Jahrhunderttausenden langsam abträgt in +Sanddünen und Schlick eines Wattenmeeres am alten Schneekoppenfleck.</p> + +<p>Das war mein erstes Zeitenbild, das ich träumend hinter meiner +Landschaft sah. Ein unaufhaltsamer Weltprozeß. Vergangenheit und +Zukunft zugleich, schicksalsbestimmt durch das Los eines Planeten.</p> + +<p>Mein Blick suchte unwillkürlich den blauen Himmel über der flachen +Birkenebene.</p> + +<p>Dort oben war sie einst gewesen, die Wölbung der alten Erde, auf +der die Farrnwälder gegrünt, die Iguanodon-Eidechsen sich getummelt +hatten, bergeshoch, wolkenhoch über dem heutigen Plan. Ein tiefer +Schacht eigentlich war diese Ebene, hier und da nur überragt noch von +einzelnen Ruinen des alten Grundes. So müßte es sein, wenn wir heute +unser Reich auf dem ausgetrockneten Boden etwa des atlantischen Ozeans +hätten, Tausende von Metern tief, mit ungeheuren Gebirgen über uns, +die heute kaum als Inselspitzchen, als Untiefe aus dem Wasser kommen. +Schwindelndes Bild: wir selber mit unserer deutschen Erde sind zu +Zeiten ja solche Ozeanssohle schon gewesen.</p> + +<p>In der Ostsee ragt der weiße Kreidefelsen von Rügen, Kreide geht +vielfältig unter die norddeutsche Tiefebene hinein. Eine seichte Mulde +nur ist heute diese ganze Ostsee, ein Teich gegen die Weltmeere. +Dennoch deckt ihre Flut den Rügener Kreideblock nicht mehr zu, er +ragt darüber fort, von grünen Buchen umkränzt. Vor der Eiszeit ist er +sogar wahrscheinlich viel höher gewesen. Die Eismassen, die damals von +Schweden herüberdrängten, haben ihn schon geköpft, zerrissen, sein +Bruchmaterial weit verschleppt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_56">[Pg 56]</span></p> + +<p>Und doch ist diese ganze weiße Schreibkreide nichts als echter +Tiefseeschlamm. Ein Pfeiler tiefsten Ozeangrundes ragt hier noch in +die Lüfte. Wir wissen heute, wie die Landschaft solchen Ozeangrundes +ausschaut. Eine Wassersäule lastet darauf von drei, vier, ja bis zu +acht- und neuntausend Metern, ja von mehr als Gaurisankarhöhe. Erst +jenseits dieser Höhe kommt der Wasserspiegel, tauchen flache Küsten +über ihm auf, blaue Bergketten über den Küsten. Finster ist es da +unten, lichtlose Nacht. Keine Pflanze grünt mehr, nur tierische +Seelilien ragen, die sich hier erhalten können mit ihrem glasartig +gebrechlichen Schaft, da kein Sturm mehr hier hinab wühlt. Um sie +kreisen gespenstische Leuchtfische mit wahren Scheinwerfern über den +Augen und Tintenfische, um den Leib illuminiert mit regenbogenbunten +Flämmchen. Von oben her, aus der ganzen Wassersäule aber regnen fort +und fort mikroskopische Stäubchen aus Kalkmasse: die toten Gehäuse +winzigster Urtierchen. Sie bauen, zahllos in zahllosen Jahren sich +häufend, den eigentlichen Schlamm der Tiefsee. Solche Schlammbänke +werden bergesdick und werden Stein, werden Kreide.</p> + +<p>Träumend, wahre Vergangenheit noch einmal erträumend, sah ich große +Gebiete deutscher Landschaft verzaubert in solchen Tiefseegrund. Die +blaue Luft da oben war eine Wassersäule von Gaurisankarhöhe. Und erst +aus diesem Ozean stiegen die Länder, die Gebirge von damals. Länder +mit himmelragenden Gebirgen. Auch die seltsamen Sandsteinwürfel der +sächsischen Schweiz stammen aus jener Kreidezeit. Doch ihr Baustoff ist +nicht Tiefseeschlamm, sondern Sand. Sand von einer Küste, vielleicht +von einem riesigen Flußdelta. In diesem Mississippi oder Ganges der +böhmischen Grenze kam, zu Sand vermahlen, irgend ein unbekanntes großes +Gebirge damals langsam meerwärts herab, herab so wie heute der Rhein +die Alpen nach Holland schleppt.</p> + +<p>Es ist ein ruheloser, ahasverischer Gedanke, diese ewig sich +zusammenziehende, sich verdichtende Erdkugel, deren Haut ewig nach muß, +ewig sich sinkend und faltend dem verengten Kern anschmiegen muß. Und +auf diese Haut gerade sind wir, ist das ganze Leben festgebannt. Eine +Ruhelosigkeit mehr zu den andern, die uns die Forschung allmählich +beschieden hat: der Umdrehung der <span class="pagenum" id="Page_57">[Pg 57]</span>Kugel, den Schwankungen und +Drehungen der Erdachse, dem Lauf um die Sonne, der Fortbewegung mit +dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los.</p> + +<p>Möglich ist, daß an dieser innerlichsten, individuellsten Tätigkeit der +Erdkugel auch Geheimnisse ihres Klimawechsels hingen.</p> + +<p>Jede Verdichtung mußte naturgesetzlich in dem ganzen Ball Wärme +erzeugen. Ist es doch heute wohl bloß noch ihre Verdichtungswärme, die +selbst der Sonne im eisigen Raum ihre Glut konstant erhält. Vollzog +sich aber dieser Verdichtungsvorgang bei der Erde, wie schon oben +vermutet, mit einem gewissen Rhythmus, mit langen Pausen jetzt und dann +wieder einer raschen Steigerung, so mochte das sehr wohl in fühlbaren +Wärmeschwankungen auch für die Rinde sich geltend machen. Vielleicht +gipfelte jede Verdichtungspause, bei der die Weltraumkälte die +Innenwärme überbot, in einer Eiszeit für die gemäßigten Zonen, während +jede Periode gesteigerter Verdichtungstätigkeit das Tropenklima weiter +nach den Polen trieb.</p> + +<p>Es stimmte dazu die neuere Behauptung, daß Eiszeiten die Erde nicht +bloß einmal, sondern periodisch durch alle älteren Epochen hindurch +betroffen haben. Es stimmte dazu das wärmere Klima der älteren +Tertiärzeit, das bei uns in Deutschland Palmen gedeihen ließ. Gerade +damals fanden die letzten ganz großen Niveauverschiebungen, Senkungen +und Faltungen ja statt, die wir kennen, also Verdichtungsanzeichen.</p> + +<p>Die sogenannte große Eiszeit, die zwischen jener heißen und unruhigen +Zeit und unserer Menschenüberlieferung liegt, bedeutete dann umgekehrt +das letzte Maximum einer Ruhe- und also Kältepause. Wir heute ständen +bereits wieder jenseits dieses Maximums, immerhin noch der Eiszeit nah, +aber schon hinter ihr.</p> + +<p>Und wie in Erdbeben der Grund schon jetzt gelegentlich wieder unter +uns sich regt, sich zerrt und spannt, so möchte eines Tages, eines +Jahrtausends eine ganz langsame, aber stetige Wärmezufuhr auch von +unten her sich wachsend wieder geltend machen, die vielleicht den +gefrorenen Boden Sibiriens wieder auftaut und die Palmenmöglichkeit +nach Thüringen und Sachsen zurückbringt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_58">[Pg 58]</span></p> + +<p>Doch mein Bahnzug streifte das Gebiet einer Stadt. Schlote rauchten. +Mich faßte ein neues Bild.</p> + +<p>Denken wir uns einen Astronomen auf fremdem Stern, der unser deutsches +Land im Fernrohr schaute.</p> + +<p>Vieles würde er gewiß leicht erkennen. Meer schiede sich vom Festland. +Schatten der Gebirge zeichneten sich ein. Als bunte Stickerei aus +dunklem Waldgrün, hellem Wiesengrün, goldenem Kornstand läge das +Flachland da. Aber ein Gebild machte wohl am meisten Kopfzerbrechen: +kleine Bezirke hier und dort, über denen es wie eine dickere, anders +reflektierende Luftschicht trotz wolkenfreier Atmosphäre lagerte.</p> + +<p>Jedesmal nämlich unter solcher Schicht, solchem Flecken im farbigen +Tuche steckte eine unserer größeren Fabrikstädte, und das zähe Medium +wäre die Qualmwolke der vereinten Schornsteine. Würden wir eine so +faustdicke Trübung etwa wie die edle Schlotwolke „Berlin“ auf dem roten +Mars gewahren, so dürfte findige Phantasie auf eine seltsame Vegetation +an dieser Stelle raten, die periodisch ab- und zunähme. Auf dem Mars +(und von einigen Astronomen sogar auf dem Monde) werden veränderliche +Schatten ja heute mit besonderer Liebhaberei auf Pflanzenwuchs +gedeutet, der bald verdorren, bald wieder Blätter treiben soll.</p> + +<p>Und doch: so ganz schösse der Gedanke gar nicht am Ziel vorbei. Bloß +verwirrte er wieder einmal etwas Vergangenheit und Gegenwart.</p> + +<p>Mein Blick aus dem Wagen-Abteil streifte die Silhouette einer +solchen gerade aus vollen Teufelsbacken heraufpaffenden Stadt mit +Abendhintergrund.</p> + +<p>Gespenstisch wuchsen die einzelnen schwarzen Schlote und Rauchsäulen +vor dem blutroten Himmel in eine gemeinsame dichte Krone lastenden +Qualmes hinein.</p> + +<p>Und wie sie so scheinbar reglos vor der flammenden Röte standen, +glichen sie dem Schattenbilde ungeheurer Pflanzen — Urwaldbäumen, +jeder kerzengerade Stamm von Domturm-Höhe und oben die Gigantenäste zu +unentwirrbarem Laubdach verfilzt, eine zweite, dem Himmel schon so viel +nähere Etage über der Ebene bildend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_59">[Pg 59]</span></p> + +<p>Und waren sie nicht wirklich noch einmal schemenhaft für eine +Geisterstunde auferstanden, die kolossalen Farrnwälder der Urwelt, die +zu ihren Lebzeiten nie ein Menschenfuß betreten, weil noch kein Mensch +damals bestand?</p> + +<p>Aus der zertrümmerten, einsinkenden Ruine der Erdkruste holte dieser +Mensch heute den ältesten deutschen Wald. Selbst zu Stein geworden, als +„Steinkohle“, ruhte er dort seit Jahrmillionen, tief unter der Sohle +des heutigen Lebens.</p> + +<p>Nun löste ihn die Flamme und als ein Heer von Rauchbäumen stieg er für +diese Geisterstunde noch einmal empor.</p> + +<p>Träumend sah ich diese Steinkohlenschlote gereiht über ganz +Deutschland, die Kulturwälder überragend, das Bild der Städte +bestimmend, eine Vegetation, die abermals Länder, Erdteile umspann wie +jene der wirklichen Steinkohlen-Periode, — ein mystisches Schattenbild +der alten, das den ganzen Weg aber inzwischen durchmessen durch die +menschliche Technik und mit dieser in gewissem Sinne quer durch den +Menschengeist selbst.</p> + +<p>War es nicht ein Schachtelhalm dort, der große Schlot gerade vor der +sinkenden Rotglut der Sonnenesse selber, ein Schachtelhalm von der Höhe +der Kölner Domtürme? Und dort mit der pinienhaft auseinanderwachsenden +Krone ein imposanter Farrnbaum oder einer jener rätselhaften +Siegelbäume (Sigillarien), die in einem besenartigen Schopf endeten?</p> + +<p>Und die Sonne glühte diese Rauchflora an, wie sie, dieselbe Sonne, +einst in die feuchten Sumpfwälder der echten Schachtelhalm-Zeit +Deutschlands geglüht hatte .....</p> + +<p>Meine Phantasie folgte noch ihrem freien Spiel, da hatte der rastlos +eilende Zug schon die Scene jäh geändert.</p> + +<p>Er schnitt schon wieder in den wirklichen Wald von heute ein. Die +letzten roten Kiefernstämme verglühten oben langsam wie erkaltende +Metallpfeiler eines ausgebrannten modernen Warenhauses von +Eisenkonstruktion. Unten aber leuchtete ganz hart und starr in dieser +Abendstimmung das zackige Blätterwerk des Niederwaldes im Hochwalde +vor: der Farrnkräuter.</p> + +<p>In drei Gefächern, drei Stufen baut sich besonders der märkische +Wald ja so gern auf, drei Farbenunterschieden. Lichtgrünes <span class="pagenum" id="Page_60">[Pg 60]</span>oder je +nachdem herbstlich rotgelbes Farrnkraut unten; dann höher der bläuliche +Wachholder; endlich die roten Kiefernsäulen.</p> + +<p>Auch in diesen Stufen steckt Geschichte. Und zwar ist die unterste +dabei der Rest des ältesten Waldes: der noch lebende degenerierte +Steinkohlen-Urwald selbst.</p> + +<p>Einförmig, wie diese heutige Unterstufe, müssen diese Wälder +kryptogamischer Pflanzen damals unser Vaterland überzogen haben, +aber in Hochwald-Größe. Das war ihr Entscheidendes, diese Größe. Das +Farrnkraut im Verein mit dem heute noch niedriger kriechenden Bärlapp +und dem formschönen Schachtelhalm besaß damals die ganzen drei Stufen, +auch die oberste.</p> + +<p>Völlig geschwunden ist dieser wahre Urwald im historischen Sinne +niemals bei uns, er ist bloß heruntergekommen. Ein kleiner Bengel, der +heute den Wald betritt, fühlt sich stolz schon Herr dieser Farrnstufe. +Mit Zwergen bevölkert sie die Märchenpoesie, größeres hätte nicht darin +Raum zum Herbergen.</p> + +<p>Damals barg der Farrn-Hochwald krokodilgroße Panzeramphibien mit +grotesken Froschköpfen. Auch sie sind heute zum kleinen goldgefleckten +Molch herabgekommen, den nur die Sage noch einmal riesengroß gelogen +hatte, der in Wahrheit aber über unseren kriechenden Bärlapp als +schweres Hindernis mühsam wegrutscht, wie seine Lindwurm-Ahnen der +Steinkohlenzeit über gefallene Urwaldriesen von ein paar Metern +Stammdicke sich wälzten.</p> + +<p>Eine so gewaltige Periode der Erdgeschichte hat ein liliputisches Ende +bei uns genommen.</p> + +<p>Durchfliegt man tagelang deutsche Landschaft immer wieder an diesem +Farrnteppich lang, denkt man an die ungeheuren Strecken Moorland, +das von geselligen Torfmoosen einförmig besiedelt ist, zählt man die +Massen und Massen der bunten Pilze dazu, hört man den Kröten-Triller +aus dem nassen Bruch, den Froschgesang aus jedem Dorfteich, — so +empfindet man durchaus, wie diese Kryptogamen- und Amphibien-Zeit +über die Jahrmillionen hinweg unser deutsches Landschaftsbild noch +ganz energisch beherrscht in räumlichem Bodenumfang, in der Fülle der +Individuen.</p> + +<p>Aber immer auch fühlt man das Herabsinken in eine Art Unterschicht +unserer Hauptlandschaft, in ein Zwergenreich, zu dem selbst <span class="pagenum" id="Page_61">[Pg 61]</span>wir +mittelgroßen Menschen nicht mehr empor, sondern niederblicken: ein +Froschmäuseler und Pilzmännchen ist die Steinkohlenzeit im Märchen +unserer Heimat geworden.</p> + +<p>Warum das? Lag es im Klima oder in unbekannten Gesetzen der +Lebensentwickelung? Das Klima der alten Riesenfarrnwälder Europas ist +heute eine ganz verzwickte Frage der Geologie geworden, — der eine +sagt: glutheiß, weil heute baumgroße Farrn nur in den Tropen wachsen, +— der andere sagt: ausgesprochen kühl, weil die Steinkohle Torfbildung +zur Voraussetzung hat und Torfmoore nur in der gemäßigten Zone +vorkommen. Da kann man nun wählen.</p> + +<p>Eine solche schlichte Frage wie „Klein und Groß“ in der Natur +umschließt offenbar die tiefsten Rätsel. Warum sind die Insekten, +die es doch bis zum Ameisengehirn gebracht haben, seit jener +Steinkohlenzeit, da sie schon lebhaft schwärmten, bis heute immer +Liliputaner geblieben, ohne ihr Maß irgendwie zu ändern? Fragen!</p> + +<p>In stolzer Schöne ragt die Kiefer über dem verkrüppelten Farrnkraut, +— ohne Antwort. Und doch verkörpert auch sie ein Kapitel deutscher +Urwelt, just das nächste nach der Steinkohlen-Zeit.</p> + +<p>Wie sie heute noch da steht, ist sie der Sieg eines Weltalters, das im +ganzen doch auch schon wieder seine Jahrmillionen hinter uns zurück ist.</p> + +<p>Eines Tages schwanden die Farrnwälder auf dem deutschen Boden. Die +Pflanzenentwickelung hatte einen Ruck getan: aus den Kryptogamen, aus +dem Bärlapp waren Nadelhölzer geworden. Ohne diesen Ruck gäbe es heute +keine Kiefern, keine Fichten und keinen Wachholder, die noch jetzt +zur großen Heeresfolge der Nadelhölzer gehören. Es war die Zeit der +reptilischen Ungeheuer, der Ichthyosaurier und anderen Drachen vom +Eidechsentypus. Was von dieser Bande im deutschen Walde hauste, das +hauste jetzt durchweg im Schatten von Nadelhölzern.</p> + +<p>Die Trias- und Jura-Zeit ist es in Wahrheit, die als mittleres und +oberes Stockwerk in unserm Kiefernforst da draußen die verkommene +Steinkohlen-Zeit der Bärlapp- und Farrn-Schicht überragt.</p> + +<p>Als Pflanze ist sie stattlich oben geblieben, denn noch kann, wer die +deutsche Landschaft im Dampfwagen durchquert, ernstlich <span class="pagenum" id="Page_62">[Pg 62]</span>zweifelhaft +sein, wer der echtere deutsche Charakterbaum sei: das Nadelholz in +Kiefer, Fichte und Tanne — oder der Laubbaum in Eiche, Buche oder +Birke.</p> + +<p>Es ist in diesem Falle ziemlich sicher, daß das Nadelholz seinen +zähen Sieg über so viel Jahrmillionen diesmal wirklich seiner +Wetterfestigkeit verdankt, seiner Gabe, auch ein rauhes Klima zu +ertragen.</p> + +<p>Vertraut als Heimatbild allerersten Ranges ist uns die Fichte geworden, +wie sie mutig kleine Lawinen von Schnee trägt, und gerade als +„Weihnachtsbaum“ im Winter ist sie unser tiefster Gemütsbaum geworden. +Nicht eigentliche Polarpflanze ist ja auch dieses Nadelholz. Dafür +kann viel eher sein typischer Begleiter bei uns, die Birke (also ein +echter Laubbaum) gelten. Und niemals auf der andern Seite hat das +Nadelholz ganz auf die warmen Länder verzichtet: schon den Leuten des +Columbus fiel im tropischen Mittelamerika wie ein Wunder auf, daß +gelegentlich Palmen und Tannen im gleichen Walde nebeneinander wuchsen. +Sein Lieblingsklima aber ist und bleibt heute das gemäßigte bis zur +nordischen Baumgrenze hinauf, und auf diese Neigung hin ist es deutsch +geblieben trotz aller Wandlungen deutschen Klimas.</p> + +<p>Ueber die klimatischen Verhältnisse jener Ichthyosaurus-Zeit, da +das Nadelholz zuerst bei uns triumphierte, ist ein sicheres Urteil +ebenfalls nicht zu fällen. Die üppige Bevölkerung des Landes mit +Reptilien spricht für eine warme Zeit, denn nur in der molligen Sonne +durchwärmt sich das indifferente, von innen her nicht geheizte Blut +der Eidechse und Schildkröte, an dieser Blutwärme hängt aber ihre +Regsamkeit, ihre Daseinsenergie.</p> + +<p>Möglich immerhin ist, daß die ursprüngliche Entstehungsstätte +des ganzen Nadelholztypus mit seinem merkwürdig wetterharten Bau +auf Gebirgen mit kühlerem Höhenklima gewesen ist. Lange vor der +großen Reptilienzeit und während unten überall die Farrnwälder noch +herrschten, hätte er dann da oben sich gebildet, auf Höhenrücken, von +denen längst jede äußere Spur verloren ist. Denkbar ist auch, daß +gegen Ende der Steinkohlenzeit ein allgemeines Sinken der europäischen +Temperatur vorübergehend eingetreten sei, bei dem diese kältefeste +Gebirgsflora als die jetzt auch im Tale <span class="pagenum" id="Page_63">[Pg 63]</span>beste Anpassung sich vom +Gebirgsfuße in die ganze Ebene hinein als Herrscherin ausdehnte. Als +dann die Wärme in die Reptilienzeit hinein abermals stieg, müßte sie +dem standgehalten haben.</p> + +<p>In der noch späteren Tertiär-Zeit besteht kein Zweifel, daß Deutschland +ein geradezu heißes Klima wirklich hatte, prachtvolle Fächerpalmen, +Drachenbäume und Bananen grünten bei uns, in denen Affen kletterten +und zu denen die Giraffe ihren langen Hals aufstreckte. In deutschen +Braunkohlenlagern der mittleren Tertiär-Zeit ragen riesige Stämme, +die das Nadelholz in Gestalt der schönen Sumpfcypresse zeigen, wie +sie heute nur noch in Amerika vorkommt. Bei Groß-Reschen in der +Niederlausitz ist die bekannteste Fundstelle, dort stehen die ganzen +Stümpfe noch in der Tiefe, als sei eben erst ein tausendjähriger Forst +abgehackt worden. Auch unser Bernstein ist nichts anderes als das +versteinerte Harz einer tertiären deutschen Fichte, — wie unglaublich +groß müssen aber diese Nadelholzwälder damals gewesen sein, wenn man +der Bernsteinmassen gedenkt, die das Meer seit Plinius’ Tagen an die +Küsten treibt und die aus dieser Küste gegraben werden.</p> + +<p>Dieser Wärmeanpassung des Weihnachtswaldes hat erst wieder die Eiszeit +ein Ende gemacht. Als sie ganz Norddeutschland unter Grönlandeis +warf, mußte dort wenigstens auch der Fichtenwald fliehen. Als sie +wich, kam er aber erst recht zurück, denn es kehrte ja für ihn gerade +die Temperatur wieder, die vielleicht sein Ausgangspunkt war: die +gemäßigte. Und nur eins machte ihm vorübergehend noch einmal Not, — +doch davon gleich.</p> + +<p>Blieb so die Flora der deutschen Reptilien-Groß-Zeit in gewissem Sinne +durch ihre Zähigkeit uns bis heute treu, so ist das Tiervolk von damals +dafür um so gründlicher gesunken. Die elefantengroßen, hausgroßen +Saurier sind verschwunden, das traf aber Deutschland nicht allein, +sondern die ganze Erde. Nur in zwei urweltlich kolossalen Gruppen ist +diese Hochblüte der Reptilien ja überhaupt lebend auf uns gekommen: +als Krokodil und als Riesenschildkröte. Beide waren Deutschland noch +in jener Tertiär-Zeit, als es mit allen Ichthyosauriern und Iguanodons +längst alle war, treu: bei Ulm krochen Landschildkröten mit zolldicken +Panzerplatten, zwischen Mainz und Darmstadt schwamm der Alligator. +Dann <span class="pagenum" id="Page_64">[Pg 64]</span>aber hat die Eiszeit hier eine Aufräumearbeit von unerbittlicher +Gründlichkeit besorgt.</p> + +<p>Im ganzen und auch für die allerkleinsten Formen hat sie unsere +Eidechsen-, Schlangen- und Schildkrötenwelt auf einen Nullpunkt +gebracht (ihr Nullpunkt im Klima wurde für diese armen wechselwarmen +Sonnenkinder ja auch Nullpunkt jeglicher Blut- und Lebenswärme), von +dem diese sich bis heute nicht eigentlich erholt hat.</p> + +<p>Das Reptil als auffälliges Charaktertier der Landschaft existiert für +ganz Deutschland nicht mehr.</p> + +<p>Wenn man über die Alpenmauer nach Italien wandert, so ist ein erstes +charakteristisches Anzeichen der zum Mittelmeer sich wendenden +italienischen Landschaft das emsige Geschwänzel der Eidechslein auf +jeder Bruchsteinmauer. Es sind keine Lindwurm-Saurier mehr, aber +man empfindet doch, daß man in einer Gegend ist, die wenigstens ihr +kleines Reptilvolk nie verloren hat. Ich bin persönlich (vielleicht +im Gegensatz zu vielen Lesern) ein großer Freund der Eidechsen und +empfinde einen ästhetischen Verlust der Landschaft da, wo sie spärlich +werden.</p> + +<p>Radikal herausgewalzt aus unserer Heimat durch die große Frostwalze +der Mammutzeit, ist das Reptilvolk erst in der folgenden wieder +milderen Epoche, sozusagen innerhalb also schon unserer „deutschen +Geschichte“, ganz langsam und hier und da von Süden her wieder zu uns +hereingekrochen. An einer größeren Rückwanderung hat freilich die +Alpenmauer gehemmt. Wo eine solche ostwestliche Barriere nicht bestand, +wie in Nordamerika, das zu großen Teilen doch auch seine Eiszeit +durchgemacht hat, ist der Norden wieder ohne viel Mühe reptilienreich +geworden. Bei uns kann man noch jetzt ziemlich genau beobachten, wie +die großen südnördlichen Flußtäler nicht bloß den Wanderungen der +Menschen, sondern auch denen der Schlangen und Eidechsen noch am +ehesten geholfen haben, — vor allem das Rheintal, an dem sich Schritt +für Schritt noch gegenwärtig fortbestehende Stationen der südnördlichen +Einwanderung von Schlangen und Eidechsen nachweisen lassen.</p> + +<p>Was sonst noch Fremdartigeres im Nadelwalde der Saurierzeit bei uns +räuberte, ist so gut wie ganz verschollen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_65">[Pg 65]</span></p> + +<p>Der Ur-Vogel Archäopteryx liegt nur noch im zierlichen Stein-Abdruck +vor.</p> + +<p>Selbst der famose <span class="antiqua">Ceratites nodosus</span> hat uns für immer verlassen +und mit uns die Welt überhaupt. Es war ein großer Tintenfisch, der +in einer hübschen gedrehten Schale saß wie heute der Nautilus auf +Amboina. Er lebte im Meer, und Meer mußte die deutsche Scholle decken, +wenn er hinkommen und seine Gehäuse auf ihr ablagern sollte. Aber es +ist drollig, wie dieser alte Krake sich dabei mit der auffälligsten +Konsequenz wirklich immer nur auf solchem Boden gehalten hat, der +später einmal deutsch werden sollte, — mit Ausnahme eines ganz kleinen +Streifchens Frankreich, von dem er jedenfalls annahm, es würde noch +einmal annektiert werden. Auf diesem Deutschboden vermehrte er sich +mit Glück in wahrhaft biblischer Weise und hinterließ ungeheuerliche +Schalenmassen, — sonst bekam ihn kein Erdenfleck zu sehen. Schon +Leopold von Buch hat den guten Witz von ihm gemacht, daß er um seiner +prophetischen Treue willen verdiene, ins deutsche Wappen aufgenommen zu +werden.</p> + +<p>Durch das offene Fenster meines Coupés träumte ich in die milde +Frühlingsnacht hinein von Primeln und Anemonen in den dunklen +Wiesengründen.</p> + +<p>Dann stieg der Mond höher und tauchte die Zweige am Bahndamm in ein +Silberlicht, als ginge die Fahrt durch eitel blühende Kirschbäume.</p> + +<p>Wunderliche Vorstellung, daß unsere Landschaft einmal keine Blumen +hatte!</p> + +<p>Die Primelwiese, der Veilchengrund, die rote Heide und der goldene +Caltha-palustris-Sumpf, Dornröschen und der Lenzschnee der süddeutschen +Obstgärten: sie alle sind eine späte, eine verhältnismäßig junge +Erfindung der Natur, gegen die das Farrnkraut und die Kiefer ehrwürdige +Patriarchen sind.</p> + +<p>Abermals ist es eine höhere geologische Schicht, die durch dieses bunte +Blütenparadies der deutschen Landschaft schneidet. Sie geht nur mehr +bis auf die zweite Hälfte der sogenannten Kreide-Zeit zurück.</p> + +<p>Weite Gebiete Deutschlands waren damals Tiefsee. Aber aus <span class="pagenum" id="Page_66">[Pg 66]</span>dem Ozean +hoben sich gegen Schlesien und Böhmen zu Länder mit reichem Waldstand. +Und wieder hatte in diesem Waldstand sich ein Ruck vollzogen. Da war +zuerst aus dem Nadelholz ein Laubbaum geworden. Die Palme, die Magnolie +war „erfunden“ worden, und — uns für heute interessanter — die Eiche, +die Buche, die Kirsche. Neben die Nadel stellte sich das grüne Blatt, +doch ein anderes als das ehemalige des Farrnkrauts, das Eichenblatt und +Haselnußblatt, das Blatt des echten Laubbaumes.</p> + +<p>In jenem Bericht des Plinius erscheinen die deutschen Urwald-Eichen +wie die Türhüter der Ewigkeit am ersten Schöpfungstage in die Welt +gestellt und nun ewig fortgrünend. Auf einer Esche, also ebenfalls +einem Laubbaume, ruhte dem alten Deutschen selber die Welt. Der Blick +aber des Geologen sucht in der größten Eiche und Esche doch immer +nur das Kind, die Jugend dieser Landschaft, neben dem der blaugraue +Nadel-Wacholder ein Greis und gar Bärlapp und Farrnkraut gespenstische +Urahnen sind.</p> + +<p>Aber wiederum die Eiche selbst und der Haselstrauch in ihrem Schatten +sind alt gegen das Maiglöckchen, das verborgen im Schatten dieses +Haselstrauches blüht. Das Maiglöckchen und die Dornrose und der +weiße Flieder, so viel alter romantischer Zauber sie nun wieder +umspinnen mag, sind erst recht ganz die Jungen und die Neuen in dieser +geologischen Schichtung unserer Landesvegetation.</p> + +<p>Eine Liebesgeschichte mischt sich hier ein.</p> + +<p>Der Haselbusch macht es noch genau so wie die Kiefer: er streut seinen +goldenen Blütenstaub vom Kätzchen dem Wind in die Arme und läßt ihn +so zur weiblichen Blüte tragen. So hatten es die ersten Laubbäume +der Kreidezeit alle noch gelernt. Aber diese Kreidezeit war lang, +endlos lang. Und so glückte noch in ihr vor Schluß eine zweite, für +das Landschaftsbild reichlich ebenso wichtige „Erfindung“ wie die des +grünen Laub-Blattes.</p> + +<p>Früh mit dem Farrnblatt in der Steinkohlen-Zeit waren die Insekten +entstanden. Während die Saurier zu Goliaths wuchsen, blieben sie immer +relativ klein, aber dafür wurden sie beweglich, klug wie keine zweite +Tiergruppe der Urwelt. An diese Insekten paßte sich die Pflanze an. Sie +bepuderte die Fliege, die Biene mit <span class="pagenum" id="Page_67">[Pg 67]</span>ihrem Lebensstaub und ließ ihn +so zur weiblichen Blüte tragen. Das war unvergleichlich viel sicherer +als die Fahrt auf gut Glück mit dem Winde. Um das Insekt zu locken, +wurde das stäubende Kätzchen, das unscheinbare weibliche Blütlein zur +„Blume“, zum bunten, auffälligen Gebilde, das über seinen Honig ein +weithin prangendes Wirtshausschild hing, bald blau, bald rot, bald in +sinnreichster Reklame-Verbindung verschiedener Farben.</p> + +<p>Die Blätter hatten nach uraltem Pflanzenbrauch die grüne Farbe +mitübernommen, — so machte es die Blume, um sich dagegen von fern +schon dem Insekt kenntlich zu machen, ausgesucht in möglichst +anderen Farben, als da sind Feuerlilien-Rot, Vergißmeinnicht-Blau, +Kirschen-Weiß und Löwenzahn-Gelb.</p> + +<p>Aus diesem Wettbewerb um immer wirksamere Reklameschilder des +Insekten-Wirtshauses mit dem Hintergedanken eines Briefstellers für +Liebende erwuchs der herrliche Blutteppich der „Heide“, der Erika, +in dem Westfalen glüht, — es erwuchs der tiefblaue Kristallbecher +des Enzians am Riesengebirge, das Caltha-Gold von Worpswede und das +liebliche Gewebe blauer Anemonen und gelber Primeln an den Jura-Hängen +der schwäbischen Alb, unter deren Hut der Ichthyosaurus schläft.</p> + +<p>Das alles, wie gesagt, geschah noch im letzten Kapitel jener +tatenreichen Kreidezeit. Als im Tertiär die Bernsteinfichte ihre +goldenen Tränen weinte (sie träumte damals noch nicht von der Palme im +Süden, denn die stand noch in prangender Fülle neben ihr, eingewurzelt +wie sie im deutschen Lande), da rann dieses Harz schon um beide: die +Fliege als Liebespostillon und die Blume als Animierkneipe, — beide +begegnen uns heute im Bernstein, zu dem das Fichtenharz sich verhärtet +hat.</p> + +<p>Einsam rasselte mein Zug durch die Nacht.</p> + +<p>Walpurgisschauer mochten durch den mondhellen Wald ziehen. Die Eulen +riefen ihr altes Wodanslied. Wodan und die Eisenbahn, — mir war, als +stürze der Blick wieder durch Aeonen vom Aeltesten ins Jüngste ab. Und +doch ist auch diese Eule als Vogel ganz oben erst im Reigen. Den Vogel, +das Säugetier des heutigen Deutschland hat uns erst eben jene Zeit der +weinenden Bernstein-Fichte, die Tertiär-Zeit, geschenkt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_68">[Pg 68]</span></p> + +<p>Als der Alligator noch in den Sümpfen bei Mainz schwamm, da fielen +schon Scharen echter Enten dort auf dem Wasserspiegel ein. Um dieselbe +Zeit war am heutigen Hahnenberg bei Nördlingen im bayrischen Schwaben +ein Brutplatz des Pelikans. Längst offenbar war der Vogel vom +eidechsenschwänzigen Urgreif Archäopteryx damals also schlicht zu Ente +und Pelikan geworden. Heute kann der Pelikan selbst freilich nicht mehr +als deutscher Vogel gelten. Er verfliegt sich ab und zu noch einmal zu +uns, aber er brütet nirgendwo mehr.</p> + +<p>Der Verwandtschaft nach vielleicht unser altertümlichster deutscher +Vogel, den wir noch massenhaft haben (z. B. als wahren Nationalvogel +auf dem Müggelsee bei Friedrichshagen) ist der Haubensteißfuß.</p> + +<p>Denn eng an diese Taucher schließt sich ein geheimnisvolles Wesen, +dessen Knochenreste in Nordamerika in Gestein noch der Kreidezeit +gefunden worden sind, der „königliche Westvogel“ (<span class="antiqua">Hesperornis +regalis</span>), der, ein ganz flügelloser Haubensteißfuß von Gestalt, +doch im Schnabel noch eine Rinne hat, in der oben 28 und unten 66 echte +Zähne wurzelten — eine Eigenschaft, die also noch deutlich an die +ebenfalls bezahnte Archäopteryx erinnerte.</p> + +<p>Umgekehrt unser ältester noch lebender Säuger ist ziemlich sicher kein +anderer als der Igel.</p> + +<p>Die überhaupt urweltlichste Säugetierform der Erde ist das australische +Schnabeltier, dessen sehr igelähnliche Landsorte (es gibt auch eine +im Wasser) heute im Herzen Deutschlands nur in einem lustigen Pärchen +des Berliner Zoologischen Gartens lebt. Dieses Schnabeltier legt noch +Eier wie die Eidechse, von der es (in allerdings noch sehr dunklem +Zusammenhang) zwischen dem Ende der Steinkohlenzeit und der Blüte der +Riesenreptile irgendwann und irgendwo entsprungen sein muß. Die nächst +höhere Stufe war dann das Beuteltier.</p> + +<p>In der ganzen Ichthyosaurus-Epoche war das Beuteltier das +Charaktersäugetier Europas, also ziemlich sicher auch Deutschlands; die +beweisendsten Knochenfunde sind zufällig in England gemacht worden, das +aber durchaus mit dem Kontinente sonst übereinstimmte. Nach heutigem +Maß muß es der Landschaft einen australischen <span class="pagenum" id="Page_69">[Pg 69]</span>Charakter verliehen +haben. Noch in der Tertiärzeit hatten wir die echte Beutelratte, das +heutige Opossum der Nordamerikaner, in Weisenau bei Mainz und in +Eckingen bei Ulm. Möglicherweise haben dem letzten deutschen Beutler +auch erst die Vorwehen der Eiszeit den Garaus gemacht.</p> + +<p>Im heutigen deutschen Klima würde allerdings ein Grund auf keinen Fall +stecken, daß wir nicht Känguruhs in der deutschen Heide haben sollten +so gut wie Kaninchen. Zweimal ist nämlich in den letzten Jahrzehnten +versucht worden, an dieser Stelle durch Menschenkunst das Rädlein der +Dinge noch einmal rückwärts zu drehen und dieses Stück Urwelt bei uns +leibhaftig wieder auferstehen zu lassen. Zuerst hat 1887 der Freiherr +von Böselager auf Heimerzheim im Rheinland Känguruhs frei in seinen +Wald gesetzt, und sie sind sofort wirklich „wild“ geworden wie die +Hasen, ohne sich durch den nordischen Winter irgendwie anfechten zu +lassen.</p> + +<p>In noch größerem Stil ist das dann seit 1889 dem Grafen Witzleben +im Buschwalde von Altdöbern in der Niederlausitz geglückt. Die +Känguruhs haben sich dort nicht nur regelrecht als freies Jagdtier +eingebürgert und fortgepflanzt, sondern sie haben sich auch mit dem +übrigen echtdeutschen Wild aufs beste vertragen. Witzleben preist +die Schmackhaftigkeit des Wildprets und besonders die Suppe aus +Känguruh-Schwanz.</p> + +<p>Wie die Dinge liegen, würde solche Verpflanzung übrigens mehr sein als +ein bißchen menschliches Hineinpfuschen in den Lauf der Erdgeschichte +nach rückwärts. Das Känguruh, eine der possierlichsten, malerisch +merkwürdigsten Tiergestalten der Erde, könnte nur so überhaupt auf +unsere Enkel gerettet werden, da es in Australien selbst hoffnungslos +der Ausrottung verfällt, ja in großen Gebieten schon verfallen ist.</p> + +<p>Als dritte Säugergruppe haben nun offenbar ganz früh schon unter +die Schnabler und Beutler der Saurierzeit sich die sogenannten +„Insektenfresser“ gemischt. Drei von denen sind uns treu geblieben: +der Igel, der Maulwurf und die Spitzmaus. Den Igel kennzeichnet sein +altertümliches, schnabeltierhaftes Stachelkleid als die urweltlichste +Form. Sehr wahrscheinlich gehört auch die Fledermaus noch eng hierher. +Ganz früh, fast an der Wende noch der Saurierepoche <span class="pagenum" id="Page_70">[Pg 70]</span>zur Tertiärzeit, +drei Millionen Jahre mindestens vor der Eiszeit, tritt sie völlig +unvermittelt fix und fertig auf, recht ein Rätseltier, dessen Ableitung +von den Ur-Säugetieren noch völlig dunkel ist. Ihre fruchtfressenden +tropischen Verwandten, die sogenannten „Fliegenden Hunde“, sind +möglicherweise sogar noch viel älter.</p> + +<p>So spiegelt sich in diesen ganz Harmlosen, Stillen, Verkannten und in +ihrer Insektenjagd doch so Nützlichen unserer Landschaft wieder eine +weit tiefere Schicht Urwelt als etwa im großen Hirsch oder im Pferde +und vollends als im Menschen, den heute die tosende Eisenbahn durch die +rote Heide und den stillen Hochwald führt.</p> + +<p>Sie raste in die Mondnacht hinein, meine Bahn.</p> + +<p>Gespenstisch fahl ragten jetzt die jungen Birken aus der Ebene draußen, +— ich träumte weiter.</p> + +<p>Auf der Schwelle der Erdperiode, der wir angehören, ringen drei +Gewalten um die deutsche Landschaft.</p> + +<p>Wenn die Sagen der deutschen Stämme so weit zurückgingen, müßten sie +als drei Riesen darin erscheinen, mit einer ungeheuren Axt, einer +Schaufel, einer Keule in der Hand.</p> + +<p>Der eine rollt Eisblöcke.</p> + +<p>Der andere pustet Sand.</p> + +<p>Der dritte häuft Urwaldstämme.</p> + +<p>Lange Jahrtausende ist die deutsche Erde in ihre Faust gegeben. Zwar +den Grund des Gesteins, den längst gefestigten Stamm des Gebirges +müssen sie stehen lassen. Aber die Oberfläche dürfen sie verwandeln, +verwüsten, neu bauen nach ihrer Lust.</p> + +<p>Ein Faustschlag des einen — und die Zinnen Skandinaviens zerbrechen +zu Scherben und diese Scherben rollen über ganz Norddeutschland. Wie +ein Gärtner Wasseradern durch seine Wiese zieht, so drängt er ganze +Stromsysteme vor sich auf, windet Ströme ineinander, schiebt ihre +gestauten Wasser stufenweise hin und her. Was der eine nackt gerodet, +überzieht der andere mit Wald. Auf den Wald aber stürzt jener den +Sandsturm der Steppe. Und doch geht aus dem Todeskampf dieser ringenden +Elementargeister zuletzt, wie so oft im Märchen, ein Segensreiches +hervor: eine Erde, die zwar längst kein Paradies mehr ist mit Bananen +und Brotfruchtbäumen, deren Boden aber jederzeit sich als Schatz +heben läßt für <span class="pagenum" id="Page_71">[Pg 71]</span>die strenge Kulturarbeit; der fruchtbare Kornboden +Deutschlands geht daraus hervor.</p> + +<p>Tundra, Gras-Steppe und Sumpfwald lassen die drei Riesen sich botanisch +benennen.</p> + +<p>Geologisch knüpft die Tundra an die Eiszeit an. Die Gras-Steppe an den +eigentümlichen Lehm weiter deutscher Gebiete, den sogenannten Löß. Der +Sumpfwald endlich an eine Zwischen- und Nachstufe beider mit feuchtem +Klima ohne Vergletscherung, aber auch ohne Wüstenglut.</p> + +<p>Es ist die große Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, daß wir +auch diese drei Gestalter unseres Landes jetzt wenigstens alle drei +als historische Figuren kennen, — als die letzten Naturriesen, die an +unserer Heimat gebaut haben, ehe der deutsche Mensch selber das Heft +in die Hand nahm und den Landschaftscharakter in den Grenzen seines +Könnens nach dem Bilde seiner Sehnsucht modelte. Wer ihr Antlitz nicht +auch noch durchleuchten sieht, der versteht nichts vom feinen Gewebe +heutiger deutscher Landschaft trotz aller Kenntnis vom Heraufgang +dieser nachfolgenden Menschenkultur.</p> + +<p>Geheimnisvoll verschleiert sich nur auch unserm geologisch +vorgeschrittenen Schauen das zeitliche Verwandtschaftsverhältnis +jener drei Ur-Bauer und Ur-Verwüster diesseits der paradiesischen +Tertiär-Zeit. Wer war der Vater, der Sohn, der Enkel? Oder waren sie zu +ihrer Zeit gleichaltrige Brüder, die nur um die Oberherrschaft stritten?</p> + +<p>Der noch urweltlich riesige, feuchte, mit Moorgrund abwechselnde, +mangels jeder Forstkultur unwegsame deutsche Stammwald mit stofflich +ähnlicher Zusammensetzung wie heute: das ist das vertrauteste, das +plausibelste Bild zunächst von den dreien. So fing ja die deutsche +Landschaft bei Plinius geschichtlich im Sinne von Kulturüberlieferung +an. Rückwärts haben wir gesehen, wie in solchem Urwalde die Farrn-Flora +sank, wie die Nadelhölzer ihn in Ichthyosaurus-Tagen eroberten, wie +zwischen das Nadelholz sich dann Laubbäume mischten. Diese deutschen +Laubbäume waren in der heißen Tertiärzeit noch Eichen und Palmen. Von +jenen Plinius-Tagen herauf bis zu uns gestattet das deutsche Klima +<span class="pagenum" id="Page_72">[Pg 72]</span>keinen Palmenwuchs mehr. Wir haben Anzeichen, daß dieses Klima-Sinken +noch gegen Ende der Tertiär-Zeit selber eintrat. So wäre damals +schon das letzte für uns Fremdartige ausgemerzt worden: ein Rest +südländischer Formen in unserm Walde. Damit aber schlösse sich glatt +das Bild: die Urwelt einmündend in den germanischen Forst des Plinius.</p> + +<p>In diesen Forst bricht <em class="gesperrt">von da ab</em> dann die Kultur ein. Hier rodet +sie ihn ganz, um Raum zu gewinnen für die Ausnutzung des schlummernden +Korn-Bodens. Dort nimmt sie ihm wenigstens seine sumpfig-unhandliche +Ur-Form. Die Forstkultur kommandiert mehr und mehr den rohen Genossen +der alten Bären und Elentiere in eine Art Baumkaserne um mit strammer +Militärhaltung und einem Zug auf ein „Normalschema“. Schließlich greift +sie aber auch in die Art des Waldbestandes ein. Sie begünstigt Bäume, +die der Mensch in ihrer Lebensart und Leistung besser gebrauchen kann, +und wirft so in hundert Jahren mehr Abwechselung und Neuerung in die +deutsche Waldlandschaft, als ganze Perioden der Erdgeschichte kaum +vermocht haben.</p> + +<p>So weit wäre alles so glatt wie möglich, — von einer beruhigenden +Einfachheit. Die Natur tut uns aber leider nicht den Gefallen, es dabei +zu lassen.</p> + +<p>Seit fünfzig Jahren hat sie uns mit einem ganzen Arsenal von Tatsachen +bombardiert, um uns aufzurütteln aus dem Gedanken, es lasse sich der +Sumpfwald des Plinius ohne Bruch und Ruck angliedern an den schon +palmenfreien deutschen Wald der spätesten Tertiär-Zeit.</p> + +<p>Zwei deutsche Landschaften schieben sich da mit der größten Energie +noch dazwischen, und es sind ausgespart die unmöglichsten für eine +glatte Entwickelung.</p> + +<p>Die eine entspricht dem, was wir heute auf der Erde „Tundra“ nennen. +Und die andere etwa nach asiatischem Bilde der echten „Steppe“.</p> + +<p>Die Wälder des Plinius verstehen wir noch, wenn wir auch kaum hier und +dort mehr ein winziges Restchen davon haben. Was aber eine Tundra ist, +weiß der Durchschnittsdeutsche höchstens aus dem Konversations-Lexikon.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_73">[Pg 73]</span></p> + +<p>Wer das Glück hat, wie ich, seit Jahren an einem unserer großen +märkischen Seen zu wohnen, dem ist ein Vogel lieb geworden, der zu +Zeiten dort das Landschaftsbild geradezu aufdringlich beherrscht: die +Wildgans.</p> + +<p>Schnurgerade geht der Bahndamm durch den brausenden Kiefernwald, +mit der letzten blassen Rainflora oder am Wärterhäuschen ein paar +welkenden Sonnenblumen. Hinter den Kiefern liegt auf der einen Seite +der blaue See. Dahin wandern sie, endlose, schnatternde Keilstreifen +dieser Gänse. Lange schon hört man ihr Geplapper, ehe noch der +Kronenrand der schwarzen Bäume sie entläßt. Dann sind sie da, Schatten +werfend wie eine Wolke, endlos. Oft ist die Spitze des Keils mit +ihrer ewig wechselnden Vorfliegerin schon jenseits hinter die Kiefern +hinabgetaucht und hier rinnt und rinnt noch immer der Doppelarm der +beiden Gabeln nach.</p> + +<p>Nun denn: die meisten dieser Wildgänse kennen die Tundra ganz genau. +Alljährlich wandert die Saatgans im Sommer dorthin, um zu brüten. Im +Herbst kommt sie dann in ungezählten Geschwadern zu uns zurück, um im +Winter oft noch viel weiter nach Süden zu gehen, vielfach bis nach +Afrika. In der rauhen Zeit des Jahres ist es ihr in der Tundra zu kalt. +Denn diese Tundra ist heute hoch, hoch im Norden: die Mooswüste des +Polargebietes.</p> + +<p>Die Tundra umgürtet den Nordpol, ein letzter Kümmerversuch des Lebens.</p> + +<p>Wer die Schneekoppe besteigt, der sieht die Waldgrenze unter sich +schwinden und endlich auch den steppenartigen Grasteppich mit seinen +blauweißen Anemonen und roten Primeln. Zuletzt klebt nur noch an den +grauen Verwitterungsflächen des Glimmerschiefers die Flechte, hier +goldgelb, hier bräunlich, das letzte, selber schon beinah steinhaft +erstarrte Leben, das sich anklammert.</p> + +<p>Ein solcher nackter Fels aber, endlich von ewigen Eismassen bedeckt, +ragt der Pol des ganzen Erdballs, einem ungeheuren Hochgebirgsgipfel +vergleichbar, in den kalten Raum. Auch gegen ihn hin schwindet, +weit nördlich allerdings erst vom deutschen Gebiet, nahezu auf der +Breite des Nordkaps, wo Europa im ganzen endet, der Baumwuchs. Jene +Liliputanergestalt kryptogamischer Gewächse, die schon in unserm +Walde merkbar wird, wird <span class="pagenum" id="Page_74">[Pg 74]</span>noch ein Stück weiter dort zur vollkommenen +Herrscherin. Moose und Flechten überziehen unermeßliche Wüsteneien als +Charakterpflanze. Die Birke kriecht noch hier und da dazwischen, aber +auch sie ist ein Zwerg geworden, ein armer verkrüppelter Eskimo, dessen +„Krone“ kaum ein paar Zentimeter über den Boden ragt, während der +„Stamm“ die Dicke eines Zündhölzchens weist.</p> + +<p>Sieht man auf diesen Pflanzenwuchs, der längst nicht mehr ein Kleid, +sondern kaum noch ein färbender Bodenanstrich dieser Oede ist, so +sollte man das Tierleben dort völlig erloschen wähnen.</p> + +<p>Gerade umgekehrt aber ist es, als hefte sich eine uralte, eine +unverwüstliche Liebe ungezählter Tiere an diesen unwirtlichen Fleck. +Wie Dampfsäulen schießen die Mückenschwärme auf, wenn der steinhart +gefrorene Boden im kurzen Sommer oberflächlich eine kleine Schicht weit +taut. Nagetiere kriechen in Scharen hervor. Stellenweise wandern wilde +Ochsen in Herden an und äsen sich an den elenden paar Blättchen der +Zwergbirken. Ganz unerschöpflich aber ist der sommerliche Reichtum der +Vögel, die ausgesucht in diese Polarwüste den Höhepunkt ihres Daseins +verlegen, hier ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen.</p> + +<p>Seltsam fürwahr, der Geschmack einer solchen Wildgans.</p> + +<p>Ihre strammen Flugmuskeln geben die Welt von der Nordgrenze Sibiriens, +wo Nordenskjöld gesegelt ist, über ganz Europa, über das lachende +Mittelmeer hinweg bis ins heiße Afrika hinein in ihren Willen. +Alljährlich überschauen sie das, — und suchen doch die Tundra, um ihr +Nest dort zu bauen.</p> + +<p>Diese ausgesprochenen Heimatsgefühle der Wandervögel — ausgesprochen +in einem Maße, daß unser Kulturvolk-„Patriotismus“ fast beschämt +daneben steht — haben aber nicht nur für das Gemüt etwas Rührendes, +sondern sie sind auch wissenschaftlich gerade für unsere Fragen +vom allergrößten Interesse. Der Vogel, der heute in der Tundra +nistet, bewährt vielleicht nicht nur Patriotismus im einfachen +Sinne der Anhänglichkeit an eine bestimmte Landschaft. Er ist +möglicherweise dieser Landschaft <em class="gesperrt">nachgezogen</em>, als sie sich durch +geschichtliches Verhängnis selber von der Stelle bewegte.</p> + +<p>Wenn die Saatgans heute in Deutschland nur durchreisender <span class="pagenum" id="Page_75">[Pg 75]</span>Zugvogel +ist, der uns nicht der Ehre würdigt, seine Nestfreuden zu erleben, +so ist sehr wohl denkbar, daß sie es tut, nicht obgleich, sondern +<em class="gesperrt">weil</em> sie ein ursprünglich deutscher Vogel ist.</p> + +<p>Ihr ist etwas passiert, dem ihr Gänseverstand in höherem Ueberschauen +nicht nachkommen konnte: das Vaterland ist ihr vor Zeiten sozusagen auf +der Landkarte ins Rutschen geraten, — es hat sich ihr verschoben nach +Norden zu. Ihre Tundra, an die sie sich gewöhnt hatte, lag einst statt +in Sibirien quer durch Deutschland. Sie war im übrigen Tundra genau wie +heute. Auch sie fror und schneite im Winter zur absoluten Hungerkammer +ein, aus der es dem Vogelvolk nur einen Ausweg gab: bis über die Alpen +hinaus nach dem warmen Afrika wandern. Lange Zeiten, viele Jahrtausende +lang, paukte sich diesen Gänsegenerationen ein: Heimat ist die Tundra, +aber im Winter geht’s nach Afrika, denn am vollkommen hereinbrechenden +Nordpol mit Weltraumkälte scheitert auch der wärmste Patriotismus.</p> + +<p>Aber diesen Generationen schmuggelte sich eins unter der Hand dazu. +Von Jahrhundert zu Jahrhundert schob sich ihnen die liebe Tundra +immer ein paar Meilchen weiter nach Norden. Das Vaterland hatte sich +als vom Klima bedingte „Landschaft“ unmerklich in Bewegung gesetzt +wie ein Flechtenüberzug, der an einem sinkenden Gebirge Schritt für +Schritt höher kriecht, um die alten Höhenverhältnisse beizubehalten. +Die Tundra kroch so nordwärts an dem Polargipfel der Erde — bildlich +gesprochen — höher. Da die Sache langsam einstudiert wurde, machte +es den Enkel-Gänsen nicht viel, daß sie etwas länger heimflogen, als +ihre Ahnen. Und schließlich flogen sie mit alter Treue über das ganze +alte Deutschland weg bis nach Lappland und Nordsibirien, der wandernden +Tundra nach. Einigen scheint ja die Riesenstrecke von dort bis Afrika +schließlich doch zu viel geworden zu sein: so hat die andere Wildgans, +die Graugans, heute doch gelernt, vielfach wieder auf deutscher Erde zu +nisten.</p> + +<p>Es ist nicht diese Zauberkraft des Vogelfluges allein, die uns von +einer Tundra im Herzen Deutschlands erzählt. Dieses Auspizium könnte +immerhin noch trügen, wie so manches getrogen hat.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_76">[Pg 76]</span></p> + +<p>Aber es sind jetzt mehr als drei Jahrzehnte über dem denkwürdigen +Sommer hingegangen, da in Oberschwaben bei Schussenried die Quelle des +Schussen reguliert wurde.</p> + +<p>Ein Graben wurde gezogen und dabei kam etwas Unwahrscheinliches zutage: +ein einziges Stücklein Deutschland, das in seiner Weise auftreten +durfte gegen das ganze übrige. Denn es war ein leibhaftig im Erdboden +alle die Jahrtausende hindurch wohlkonserviertes Restchen noch der +echten deutschen Tundra.</p> + +<p>Gletscherschutt lag da, — in dieser Gegend, die heute weit und breit +nichts mehr von Gletschern weiß. Zwischen dem Schutt aber hatte sich +der ganze uralte Moospolster erhalten, Moosarten, wie sie heute in den +Gletschertümpeln Grönlands vorkommen. Und wiederum das Moos, tadellos +überliefert, wie es war, so daß man es sofort ins Herbarium legen +konnte, hatte Tierknochen und rohe, vorgeschichtliche Menschengeräte +in seinem Schoße bewahrt: Knochen des Renntiers und des arktischen +Eisfuchses und Steingeräte des Eiszeit-Menschen. Wie Dornröschen +versponnen und vergessen, starrte die alte Tundra hier tatsächlich noch +einmal in unsere Zeit hinein.</p> + +<p>Dann kamen an anderen Orten, auch in Deutschland bis weit an die +Südwestgrenze hinab, die Knochen des Moschusochsen ans Licht. Wir +Berliner haben im Sommer 1901 das seltene Schauspiel genossen, in +unserem (von Heck jetzt so unvergleichlich gut geleiteten) Zoologischen +Garten den Moschusochsen lebend zu sehen. Es war ein zoologisches +Ereignis, denn der lebende Moschusochse muß heute wirklich aus der +grönländischen Tundra herübergeholt werden, was in diesem Falle zum +allerersten Male geglückt war. So lange man diesen seltsamen Gesellen +mit seinem struppigen, bis auf die Hufe herabwallenden Haar-Talar +kennt, hat er geradezu als das Symbol, als die wandelnde Verkörperung +der Tundra gegolten. In Herden durchstreift er sie, zufrieden bei +all seiner Größe mit der kargen Nahrung, die sie ihm bietet. Seit +unanzweifelbare Knochenreste gerade ihn als ehemaligen Bürger auch der +deutschen Landschaft erwiesen haben, ist der letzte Zweifel geschwunden +an eine deutsche Tundra-Zeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_77">[Pg 77]</span></p> + +<p>Und wir wissen ja auch heute ganz genau, warum sie einmal kam, warum +sie in unabwendbarem Verhängnis kommen mußte.</p> + +<p>Wie sie heute das ewige Polareis umgibt als der Rain, wo das letzte +Leben noch mit der Allmacht der Eiskönigin ringt, so ist sie im +Ausgang der Tertiär-Zeit zu uns gewandert als der Teppichrand, den +das ungeheure Eisfeld des Pols vor sich herschob, als es sich selber +bis zu uns ausdehnte. Was der alte Dichter-Geologe Goethe schon klar +erkannt hatte, das ist uns heute eine unumstößliche Tatsache: auch +über Deutschland ist einmal die große Eiszeit hingegangen. Ganz +Norddeutschland mindestens hat sie einheitlich unter Eis gebracht.</p> + +<p>Will man es sich in großem Bilde umrißhaft zusammenfassen, so mag man +sich eine einzige kolossalste Eisscholle denken, die hauptsächlich +von der Richtung Skandinaviens her anrückte, ganz so, wie wenn etwa +das gesamte heutige Grönland nach hier herüber auf eine Rutschfläche +geraten wäre.</p> + +<p>Auf dieser Scholle lasteten halbe losgesprengte nordische Gebirge +in Gestalt unzähliger loser Gesteinsscherben, die jeder Riß im Eis +und jedes Abschmelzen auf die verwüstete Sohle des deutschen Landes +niederkollern ließ, — erratische Blöcke dort bildend. Im ganzen war +die Ebene ziemlich flach, in die dieses Ungetüm von Scholle sich +schob. Wo aber aus ihr selber ein urgeborener Block, ein aufgebäumtes +Stück alter, längst abgesunkener Erdkruste noch entgegen stand, +wie der Muschelkalkfelsen von Rüdersdorf, da krallte sich die +Tatze der Eisscholle hinein, rieb und ritzte und polierte sie, daß +die unverkennbare, unseren Geologen genau lesbare Schrift wie ein +Keilschrift-Dokument für späte Tage sichtbar blieb.</p> + +<p>Wo immer diese zermalmende Scholle das deutsche Land überwalzte, da +brach zunächst das ganze Leben der Landschaft überhaupt zusammen.</p> + +<p>Es erhöhte die Furchtbarkeit, daß zu der einen skandinavisch-russischen +Hauptscholle, die sich von Schweden bis ans Elbtal bei Dresden drängte, +kleinere Schollen von den Alpen, ja selbst vom Riesengebirge traten. +Deutschland im Sinne einer eigenen Landschaft stand auf dem Punkt +damals, endgiltig unterzugehen. Die <span class="pagenum" id="Page_78">[Pg 78]</span>Nadelholz- wie Laubwälder der +Tertiär-Zeit versanken unter dem Schollendruck wie die Pinienwälder am +Vesuv unter Lava und Asche stürzen. Auf dem Höhepunkt der Katastrophe, +deren Ursache uns noch immer so dunkel ist, hat ziemlich sicher von +der Nordspitze Rügens bis in die Gegend von Pirna hinter Dresden kein +Baum Norddeutschlands mehr gestanden, kein Heidekraut geblüht, kein +winzigstes Käferlein gekrabbelt.</p> + +<p>Dieser Höhepunkt war nicht einmal mehr Tundra. Er war nicht Rand des +Teppichs, wo noch Leben ringt, sondern einheitliches Eisfeld selbst.</p> + +<p>Der Planet auf diesem ganzen Gebiet — die gesamte Strecke, die ich +auf meiner Bahnfahrt von Worpswede in den Marschen bis Schreiberhau im +Riesengebirge durchmaß — war gemordet.</p> + +<p>Wären nicht im westlichen und südlichen Deutschland gewisse Felder der +Karte auch jetzt eisfrei geblieben, so hätte man von einem wenigstens +zeitweisen Radikaluntergang der deutschen Flora und Fauna reden können. +So retteten sie das Inventar, das sich, vor dem Eisschrecken fliehend, +vorübergehend in ihnen wie in einer Arche Noäh zusammengedrängt haben +muß. Vor dieser berghoch anwandelnden Kristallwand mußte ja selbst die +Tundra flüchten. In dieser Gipfelzeit sind die Moschusochsen bis an den +Bodensee gedrängt worden, — die Moschusochsen und der andere, der, +unbekannt woher, plötzlich auch in dieser flüchtenden Tundra war: der +Mensch. Was hatte <em class="gesperrt">ihn</em> hierher gebracht? Die Knochen des Wesens, +das ihn mit dem Tier, dem Gibbon-Affen, verknüpft, liegen in der heißen +Sonneninsel Java, fern am Aequator. Das weitere Blatt der Chronik +fehlt ....</p> + +<p>Doch der Eisschrecken überschritt seine eigene Schicksalsgrenze.</p> + +<p>Auf wessen Gebot?</p> + +<p>Lag es in den Tiefen der Erde, die sich wieder stärker zu verdichten +begann? Oder weit draußen im Kosmos, in Stellungen der Erdachse und +Wandlungen der Erdbahn, die vielleicht in der endlosen Verkettung der +Dinge in den Wirbeln der Milchstraße ihre letzte Instanz fanden, — wer +weiß es.</p> + +<p>Es ist mit solchen Naturgewalten wie mit Menschenschicksalen. Warum hat +Alexander nicht wirklich die Welt erobert?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_79">[Pg 79]</span></p> + +<p>Das Weichen der lähmenden Eisscholle nach Norden zu bedeutete zunächst +zweifelsohne eine Vollherrschaft erst der eigentlichen Tundra jetzt +in Norddeutschland. Der Teppichrand lag jetzt Stufe um Stufe auf +unserer Landschaft: der Teppichrand der Teiche am Gletscherfuß mit +Grönlandmoosen, — der Moschusochsen, Polarfüchse, Renntiere und +Eskimo-Menschen.</p> + +<p>Man träumt sich in eine Zeit, da etwa Berlin zum erstenmal +zurückerobert wurde von einer nachschiebenden deutschen — nicht +Urwaldlandschaft im Sinne des Plinius, sondern Tundralandschaft im +Sinne des heutigen Nordsibirien. Die Wildgans und der Singschwan (der +heute in Lappland brütet) erkannten zum erstenmal die Möglichkeit +wieder, in der norddeutschen Ebene sich häuslich einzurichten. +Prachtvoll, wie ein großes Schauspiel, können wir heute dieses +Zurückgehen der Eismauer noch in wirklichen Stufen verfolgen. An +den Steinfrachten, die der sterbende Gletscherriese, der sich einst +ein halbes Gebirge auf den Buckel geladen hatte, in seinen letzten +Zuckungen hat fallen lassen, können wir es noch nachleben. Aber wie +viel besser noch an den heutigen Flußläufen Norddeutschlands.</p> + +<p>Als die Eismauer bis gegen Dresden hin stand, gab es keine deutschen +Ströme, die zur Ostsee abflossen. Nur die Elbe war möglich, die um das +Eis herum nach der Nordsee sich wandte.</p> + +<p>Als dann das Eis langsam nordwärts zurückging, bildete sich vor ihm +ein Strom abtröpfelnder Schmelzwasser, der von Ost nach West in +diese Elbe floß. In diesen Ur-Strom, der nicht senkrecht zur Ostsee, +sondern zunächst parallel dem deutschen Grenzgebirge senkrecht auf +der Elbe stand, mündete damals der Quelllauf sowohl der Oder wie der +Weichsel. Beide waren also auf weitem Ostwest-Weg Nebenflüsse der +Elbe. Je weiter aber die ungeheure Scholle schmolz, desto weiter zog +sie die Schmelzrinne naturgemäß auch nach Norden, nach der Ostsee +zu vor sich mit. Noch sind die alten Ostwest-Rinnen auf dieser +Wanderschaft stufenweise zu verfolgen. So eine, in der die Oder längs +des Gletschersaumes zur Elbe floß, über Luckenwalde. Eine weitere, +heute noch auf jeder Karte deutliche führte quer über Berlin, in die +Spree- und Havellinie hinein. Eine nochmals spätere schnitt etwa +Eberswalde, <span class="pagenum" id="Page_80">[Pg 80]</span>Oranienburg und Fehrbellin. Und erst ganz zuletzt, als die +Eisscholle kläglich in der Ostsee sich auflöste, rissen die Oder sowohl +wie die Weichsel sich, dahin ihr direkt folgend, ein Bett unabhängig +von der Elbe auf diese Ostsee zu. Erst seit man dieses Urnetz vor der +Eisbarriere dem Rätsel unserer seltsam geknickten, durch rätselhafte +Ostwest-Linien verknüpften norddeutschen Ströme zugrunde legt, hat man +rein geographisch seinen Kern erfaßt.</p> + +<p>Dem Träumer, der mit dem Dampfroß durch die deutsche Tiefebene jagt, +steigt aber das neue gewaltige Bild herauf verschollener deutscher +Riesenströme mit Tundrastaffage.</p> + +<p>Berlin im Bett eines solchen Stromes, der mindestens die Breite einer +Meile gehabt haben muß. In der Ferne blinkt, ein vermeintliches +nördliches Gebirge der Ebene, der weiße Gletscherrand. Zum Strom kommen +Herden dick bepelzter Moschusochsen. Moossteppe weithin, kein Wald. Die +hungrige Schar äst sich an winzigem, kriechendem Birkengestrüpp. Mücken +wirbeln in Säulen über der gletschergespeisten Flut. Und Wildgänse +ziehen, zum endlosen Keil gereiht, schnatternd dahin.</p> + +<p>Diese Wildgänse sind das einzige, was uns davon treu geblieben ist.</p> + +<p>Denn auch die Tundra schwand.</p> + +<p>Heute haben unerquickliche Ereignisse so aufdringlich Deutschland +und China auf das gleiche Blatt Geschichte gebracht. Vor Jahr und +Tag aber ist schon einmal auf chinesischem Boden ein Blatt deutscher +Landschaftsgeschichte entziffert worden.</p> + +<p>Will man China gleichsam auf eine einzige Farbe hinaus spielen, so +gibt es keine bessere als „gelb“. Nicht nur die gelbe Hautfarbe des +Mongolen ist damit bezeichnet. Aus den Tiefen des Riesenreiches kommt +der Hoangho, der „gelbe Fluß“. Gelb ist er, weil ungeheure Flächen +des Landes, durch das er sich wühlt und dem er bei dieser Wühlarbeit +Teilchen entreißt, aus „gelber Erde“ bestehen, einem einheitlichen +gelben Lehm von merkwürdiger Beschaffenheit.</p> + +<p>An diesen unabsehbaren, Hunderte von Metern mächtigen Lehmlagern Chinas +hat das Auge eines deutschen Reisenden, unseres großen Richthofen, +einst das Walten einer Naturmacht <span class="pagenum" id="Page_81">[Pg 81]</span>erkannt, die bis dahin in alten wie +neuen Landschaftsbildern übersehen worden war: die Tat des Sandsturmes +in der freien Steppe.</p> + +<p>Kein Märchenstrom der Urwelt, keine Sintflut hatte diesen dicken +gelben Lehmteppich gebreitet. Aber Jahr um Jahr hatte zur dürren +Zeit der Steppenwind die trockenen Gräser der Steppe mit seinen +Staubwolken überpudert, bis eine ganze Generation Gras begraben lag. +Eine neue hatte sich auf dem Staubgrab gebildet und war zu ihrer Zeit +abermals verschüttet worden. So ging das Jahrtausende hindurch, bis +die Erdkruste sich in dieser Gegend einheitlich erhöht hatte zu einer +einzigen, über ein ganzes Landgebiet ausgedehnten Sanddüne.</p> + +<p>Es fehlte dieser Staub-Formation die innerliche schöne Schichtung, +wie sie der Schlamm alter Wasserablagerungen behält, auch wenn er zu +lehmiger Erdmasse wird. Dafür zeigte sie sich dem prüfenden Blick +aber noch durchzogen von zahllosen feinen Röhrchen: den Abgüssen der +Würzelchen jener übereinander folgenden Generationen verschütteten +Graswuchses. Und ebenso verschüttet lagen in ihr die Gehäuse der +Landschnecken, die immer wieder die Grasoberfläche bis zu ihrem +Staub-Ende bewohnt hatten, und die Knochen gewisser Steppenfreunde +unter den Säugetieren: der Antilope, die in Herden über den Grasteppich +schwärmte, des Nagetiers, das seinen Bau in den Sandboden grub.</p> + +<p>Diese Beobachtungen eines deutschen Reisenden im entlegenen China +gaben aber dem Heimgekehrten plötzlich den Schlüssel zu einem längst +bestaunten Rätsel seiner deutschen Heimat selbst.</p> + +<p>Denn so wenig wir heute von Chinesentum auf deutscher Erde wissen +wollen, so sicher bleibt, daß eine Riesenhand voll solcher chinesischer +gelber Erde zu einer Zeit auch über unser Vaterland ausgegossen worden +ist. Das heißt: nicht echten Chinalehmes selber, sondern eines nur +ebenso entstandenen Streusandes von Steppenstürmen, deren prickelnde +Staubwolke auch bei uns damals auf echtes Steppengras niederging.</p> + +<p>Vor allem das romantische Rheintal ist es, das förmlich im Mittelpunkt +dieses Streusand-Ergusses einmal gestanden haben muß. Aber auch sonst +ist der gelbe Segen reichlich genug an allen Ecken und Enden über uns +erfolgt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_82">[Pg 82]</span></p> + +<p>Das wissenschaftlich anerkannte deutsche Wort für diese Sorte Lehm ist +„Löß“, was (nach einer Ableitung, die ich nicht beschwören will) von +„Lose“, „Gelöst“, „leicht sich ablösend“ herstammen soll.</p> + +<p>Genau wie der chinesische, ist auch dieser deutsche Löß ungeschichtet, +dagegen durchsetzt von jenen Röhrchen verwitterter Graspolster. Gehäuse +von Landschnecken stecken massenhaft in ihm. Und nachdem man einmal +danach suchte, sind endlich auch die schönsten Knochen typischer +Steppen-Säugetiere der heutigen asiatischen Steppe auf dem echtesten +deutschen Boden haufenweise darin gefunden worden.</p> + +<p>Nach alle dem blieb nichts übrig, als in das große Wandelbild alter +deutscher Landschaften auch eines aufzunehmen, das ausgesprochen der +heutigen innerasiatischen Grassteppe entspricht.</p> + +<p>Die Landschaft taucht als „deutsche“, beispielsweise als die +Rheinlandschaft oder als die Elblandschaft zwischen Meißen und +Pirna, so auf, wie sie einst Humboldt für Zentralasien in ein paar +wirkungsvolle Sätze gedrängt hat. „Der schönere Teil der Ebenen, von +asiatischen Hirtenvölkern bewohnt, ist mit niedrigen Stämmen üppig +weißblühender Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien +geschmückt. Wie die heiße Zone sich im ganzen dadurch auszeichnet, daß +alles Vegetative baumartig zu werden strebt, so charakterisiert einige +Steppen der asiatischen gemäßigten Zone die wundersame Höhe, zu der +sich blühende Kräuter erheben. Wenn man in den niedrigen tatarischen +Fuhrwerken sich durch weglose Teile dieser Krautsteppen bewegt, kann +man nur aufrecht stehend sich orientieren, und sieht die waldartig +dichtgedrängten Pflanzen sich vor den Rädern niederbeugen. Einige +dieser asiatischen Steppen sind Grasebenen; andere mit saftigen, +immergrünen, gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fernleuchtend von +flechtenartig aufsprießendem Salze, das ungleich, wie frischgefallener +Schnee, den lettigen Boden verhüllt.“</p> + +<p>Ueber solche Steppe, die zu Zeiten dürr, aber niemals eine gefrorene +Tundra ist, gingen die Sandwehen, die unseren Löß am Rhein oder an +der Elbe gehäuft haben. Auf ihr lebte die Saiga-Antilope, die heute +erst im europäischen Rußland auftaucht und <span class="pagenum" id="Page_83">[Pg 83]</span>dann bis zum Altai geht, +jene kleine, plumpe Steppen-Antilope, die sich durch ein so stark +entwickeltes semitisches Profil auszeichnet; ihre Knochen liegen +südlich und westlich noch weit über Deutschland hinaus im Löß. Es +lebte die Springmaus, die selbst das ungeübteste Laienauge für eine +glänzende Anpassung an weite, mehr oder minder öde Sandsteppen halten +muß; ferner der Bobak oder das Steppen-Murmeltier; das Stachelschwein +und die Pfeifhasen und Zieselmäuse der Steppe. Endlich schwärmten wilde +Pferde und wilde Esel. In jedem Zuge, in jedem Knöchelchen und jedem +sandbegrabenen Pflanzenwürzelchen ein einheitliches Bild: Zentralasien, +Nordchina versetzt — nach Deutschland.</p> + +<p>Aber wann jetzt war das wieder?</p> + +<p>Unser Löß liegt, wo immer er liegt, so, daß seine +Streusandbüchsen-Epoche unmöglich weit von der Eiszeit entfernt werden +kann.</p> + +<p>Als man ihn noch nicht auf Sandverwehungen einer Steppe deutete, +sondern auch bei ihm wie bei anderem Lehm auf Wasserniederschläge riet, +hatte man ihn mit Vorliebe als Absatz geradezu der großen Schmelzwasser +sich gedacht, die von den tauenden Eismassen jener Eiszeit eines Tages +niederrieselten. Damit ist es nun nichts, aber die Eiszeit-Nähe bleibt.</p> + +<p>Bisweilen schien es, als schiebe der Löß sich stellenweise unter +Gletschergerölle der Eiszeit, sei also älter mindestens als eine +letzte Periode der Vereisung. Die Eiszeit scheint Schwankungen in sich +besessen zu haben, vielleicht längere Intervalle, da alles schon einmal +getaut war, ja das Klima so mild wurde, daß die Tundra aus großen oder +allen Teilen Deutschlands wich. Damals, in solchem Zwischenreich, +müßte die Steppe Deutschland erobert haben, in einer relativ warmen, +mindestens überaus trockenen Zeit.</p> + +<p>Andere haben das nicht gelten lassen. Sie legen die gesamte Löß-Periode +erst zwischen die letzte Eiszeit und die Urwälder des Plinius.</p> + +<p>Eine dritte Partei endlich rechnet mit beiden Möglichkeiten. Also +zuerst Eiszeit Numero eins, die große Teile Deutschlands ganz in Eis +begrub und den Rest zur Tundra degradierte. Dann Kälte-Pause, Abzug +des Eises und ihm nach der Tundra nach dem Pol <span class="pagenum" id="Page_84">[Pg 84]</span>zu. Trockenes Klima. +Deutschland wird Steppe mit unendlichem Grasteppich voller Bobaks, +Saigas und Wildpferde. Dann Rückkehr der Tundra vor südwärts abermals +vorrückendem Eise her. Höhepunkt einer zweiten Eiszeit. Endlich zum +zweitenmal und jetzt bis heute endgiltig Abzug von Eis sowohl wie +Tundra. Eine zweite Hochblüte der Steppe wiederum mit Bobak, Saiga, +Wildpferd und mit den nötigen Sandstürmen, die Löß häuften, indem +sie Steppengras begruben und gelegentlich die Tiere mit. Erst dieser +zweiten Steppe wäre — offenbar durch einen neuen Klima-Wandel, der, +wenn nicht viel kälter, doch mindestens viel feuchter machte, — +der „deutsche Urwald“ gefolgt, in dem Plinius und Tacitus die alten +Deutschen fanden.</p> + +<p>Die Lösung steht noch dahin. Und so wenig wir ernsthaft heute von den +Ursachen der Eiszeit wissen, so wenig verstehen wir, warum eine so +ausgesprochene Zeit der Steppendürre sie durchsetzte oder abschloß. Das +Tatsachen-Bild selbst läßt sich dagegen leicht noch etwas verwickelter +machen.</p> + +<p>Tundra wie Grassteppe waren sich in einem Punkte sehr ähnlich: in ihrem +Widerstande gegen den Wald.</p> + +<p>Die Tundra ließ ihn nicht aufkommen, weil ihr gefrorener Boden die +Wurzeln nicht gedeihen ließ. Die Steppe war das Eldorado der Kräuter +im Gegensatz zum echten Baum. Aber wenn wir uns eine Tundra tauend +denken, entfesselt zunächst durch die Wärme in all ihrer Feuchtigkeit, +so wird sich, ehe sie Steppe werden kann, ziemlich sicher ein gewisses +Zwischenreich einschalten, das, wofern es nur lange genug anhält, +den Wald sogar besonders begünstigen muß, einen feuchten Urwald im +Plinius-Sinne. Laubwald wird es wohl zuerst sein. Dann, wenn die +Steppendürre schon näher rückt, nur noch Nadelholzwald. Bis auch der +erliegt. Jedesmal, wenn die Tundra vor der Steppe wich, wäre eine +solche Eroberung der deutschen Erde durch den Wald dazwischen getreten, +und umgekehrt: wenn im Zwischenraum der Eiszeiten abermals die Steppe +der Tundra wieder Raum gab, hätte sich ebenso der Wald auf die Dauer +des Uebergangs dazwischen geschmuggelt.</p> + +<p>Es gibt mancherlei Anzeichen für solchen Urwald, der kam und wieder +ging zwischen den anderen Bildern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_85">[Pg 85]</span></p> + +<p>Und am seltsamsten will den träumenden Gedanken hier das letzte Glied +der Kette anregen. Die letzte Eisperiode wich eines Tages. Zwischen +die letzte Tundra und die letzte, nacheiszeitliche Steppe zog sich, +bildlich gesprochen, ein Urwaldstreifen. Dann verging auch diese letzte +Steppe. Wodurch? Weil es offenbar wieder weniger dürr wurde, das Klima +feuchtkühler wurde. Das rief den Wald zurück. Aber wo sind wir jetzt? +Beim feuchten Sumpfwald jetzt wirklich schon der alten Germanen!</p> + +<p>Es gibt leise Anzeichen, daß dieser Wald mit seinen Eichen schon +eine zweite Station war: daß ihm ein ausgesprochener Nadelholzstand +voraufgegangen war.</p> + +<p>In Dänemark wenigstens ist beim Studium unberührter alter Moore überall +aufs klarste festgestellt worden, daß lange Zeiten hindurch der Urwald +so gut wie ausschließlich Fichtennadelwald gewesen sein muß. Damals +war der Charaktervogel Dänemarks der Auerhahn, der erklärte Freund +der jungen Fichtentriebe. Heute gibt es dort weder einheimische +Auerhähne noch Fichten. Jeder kennt dafür die Herrlichkeit der heutigen +Buchenwälder Dänemarks. Die Moorschichten deuten genau an, wie zu ganz +bestimmter Wende der Zeiten die Fichte wieder zurückgegangen sein muß +zu gunsten einwandernder Laubbäume, zuerst der Eiche und Erle, dann, +als das bis heute entscheidend Dauernde, der Buche. Denkt man sich das +einigermaßen auch als giltig für Deutschland, so wäre der germanische +Eichenwald schon ein Zeichen gewesen, daß das Klima sich sehr weit +bereits vom Steppenhaften, Trockenwarmen zum Feuchtkühlen gewendet +hatte.</p> + +<p>Nun denn: dieser Germanenwald würde aber heute noch bei uns herrschen, +wenn wir nicht mit unserer Forst- und Feldkultur in ihn eingegriffen +hätten.</p> + +<p>Seiner ungehemmten Wachstums-Freiheit zurückgegeben, würde er seinen +Kampf gegen den Nadelholzwald und die letzten Steppen-Reste in +Deutschland vom Klima begünstigt fortsetzen und wenigstens das Tiefland +dauernd erobern. Bis wohin?</p> + +<p>Die Frage dämmert auf, ob unsere ganze Periode deutscher Landschaft +von den Eichenforsten des Plinius bis heute nicht bloß ein solches +Urwald-Zwischenreich abermals sein könnte zwischen <span class="pagenum" id="Page_86">[Pg 86]</span>schwindender Steppe +und — neu von Norden her gegen uns anwachsender Tundra?</p> + +<p>Unsere ganze deutsche Waldherrschaft verdankten wir dann nur einem +(über eine Reihe von Jahrtausenden ausgedehnten) Feuchtkühlwerden des +Klimas, wie es als Vorbote einer neuen Eiszeit-Stufe in Kraft tritt.</p> + +<p>Alles, was wir deutsche Geschichte nennen, hätte sich abgespielt in +einem schon verhältnismäßig vorgeschrittenen Abteil einer Waldepisode +deutscher Landschaft zwischen der letzten Steppe und einer kommenden +neuen Eiszeit-Tundra.</p> + +<p>Und das Los unserer Enkel wäre es, in weiteren Jahrtausenden eine ganz +langsame, aber fortgesetzte Klima-Verschlechterung nach dem Naßkalten +zu erleben, bis endlich in noch fernerer Zeit echte Polarerscheinungen +den vollzogenen Beginn einer neuen Eiszeit ankündigten.</p> + +<p>Eine völlig zwingende Beweisführung liegt in alle dem nicht.</p> + +<p>Es wäre ganz gut auch denkbar, daß die Steppe selbst ihre +Zwischenzeiten hätte, die zwar feuchtkühler waren und Jahrtausende des +Waldwuchses begünstigten, aber doch noch lange nicht jedesmal zu einer +Eiszeit führten. Dann könnte unsere geschichtliche deutsche Landschaft +ein Interregnum zwischen zwei Steppenzeiten darstellen und ihr +Zukunftskampf wäre nicht der zwischen Wald und Tundra, sondern zwischen +einem Höhepunkt des feuchten Waldes und dem immer trockeneren bis zu +einem Maximum des Untergangs jeglichen Waldwuchses wieder zu Gunsten +der echten Steppe.</p> + +<p>In diesem Falle würden unsere Enkel gerade umgekehrt heißere, dürrere +Sommer zu erwarten haben. Die russische Landschaft würde sich in einer +unaufhaltsamen Bewegung auf uns an befinden. Das plötzliche oder +periodische Auftauchen russischer Steppentiere in Norddeutschland, das +wiederholt beobachtet worden ist, wäre ein Vorzeichen gewichtiger Art. +So ist das Steppenhuhn geradezu von den echten chinesischen Wüsten her +in den letzten vierzig Jahren zweimal bei uns aufgetaucht auf einer +Vogel-Völkerwanderung, deren Ursache uns ebenso verschleiert ist wie +die große der geschichtlichen deutschen Völkerwanderung. Ein alter +Freund unserer Steppen-Zeit, der kleine, mäuseartige Ziesel, den die +zunehmende <span class="pagenum" id="Page_87">[Pg 87]</span>Waldperiode nach Osten gedrängt hatte, wandert neuerdings +in Schlesien langsam wieder westwärts. Auch unsere braune Hausratte +ist bekanntlich erst seit nicht ganz zweihundert Jahren als solcher +russischer Vorposten bei uns mit glänzendstem Erfolge eingekehrt.</p> + +<p>So spannen sich, während mein Bahnzug immer tiefer in die schwarze +Nacht hineinsank, meine Gedanken ins Nebelhafte der Zukunft, wo +die festen Landschaftsbilder sich selber schließlich auflösen in +phantasierende Gedanken.</p> + +<p>Und nur ein letztes greifbares Einzelbild drängte sich mir noch mit der +Wucht innerer Logik zu den andern vor die Seele.</p> + +<p>Ich befand mich vor nicht langer Zeit auf dem Landgute eines lieben +Freundes, des Dichters Wilhelm von Polenz in der Oberlausitz.</p> + +<p>Ein altes Schloß mit so viel feinen Individualzügen der Geschichte, +daß man es unter einer Glasglocke in ein Museum stellen möchte. +Wendische Mädchen, ein Stück lebendiger Geschichte. Alter Urgrund +kristallinischen Gesteins, in dessen Mulden jene drei Riesen der +Diluvial-Zeit kulturfähigen Boden geschaufelt. Der Blick faßt ein +weites Stück deutscher Landschaft, begrenzt wie durch erstarrte blaue +Kämme eines versteinten Meeres, Bruchtrümmer der sinkenden, sich +werfenden, aus Spalten wieder hochquellenden alten Erdrinde. Der flache +Klotz des Erzgebirges. Die trotzigen Basaltkuppen Böhmens, einst in +der palmenfrohen Tertiär-Zeit durch Entlastung des Tiefengesteins +vulkanisch aufgeworfen wie kolossale Maulwurfshaufen. Ganz fern die +lange violette, vom Zahn der Himmels-Wasser zernagte Granitmauer +des Riesengebirges. Und dann die Ebene, die unendlich weite, durch +die die Spree abfließt wie ein murmelnder Bach in einer einzigen +endlosen platten Wiese, — man träumt, man müsse über den Kirchturm +von Hochkirch hinweg bis Berlin sehen können .... Das war naturechter +Ausblick, unverrückbar einstweilen für Menschenhand. Deutsche +Landschaft in der Hand der Erde, die sie geschaffen hatte, die sie, in +Krisen neuer Faltung, allein auch wieder vernichten mochte.</p> + +<p>Aber sonst überall Menschenwerk.</p> + +<p>Wir sprachen vom Walde. Ich ließ mir erzählen, wie der <span class="pagenum" id="Page_88">[Pg 88]</span>Gutsbesitzer +von heute aus praktischen Gründen seines Geldbeutels keinen Laubwald +mehr mag und so gut wie ausschließlich den Nadelholzstand hegt und +weiter treibt.</p> + +<p>Das stand nicht mehr in der Linie von Tundra, Sumpfwald, Nadelholzwald +und Steppe. Hier herrschte einstweilen der für sich rechnende Mensch. +Auf lange Jahrhunderte mindestens entschied er in der norddeutschen +Landschaft kraft seiner Kulturmittel für das Nadelholz als den nüchtern +praktischen deutschen Geld-Baum.</p> + +<p>Am Rande einer solchen Schonung waren aber edle Weymouths-Kiefern +gepflanzt.</p> + +<p>Die erste ist im achtzehnten Jahrhundert von Kanada nach England +gebracht worden, von dem Lord, dessen Namen sie noch trägt.</p> + +<p>In jenen alten Tagen der größten Baumpracht Deutschlands, in der +Tertiär-Zeit, ging eine wirkliche Landbrücke von Europa nach +Nordamerika. Frei flutete der grüne Strom schöner Bäume herüber +und hinüber. Als die Eiszeit mit ihrer entsetzlichen Walze und die +baumfeindliche Steppe für Deutschland vorüber waren, bestand solche +transatlantische Brücke längst nicht mehr. Was das verödete Land +jetzt an Bäumen langsam von Süden her zurückerhielt, das war nur eine +kümmerliche Auslese im Vergleich zu der alten Pracht, die kleine +Auslese dessen, was eben in Südeuropa sich noch gehalten hatte, +keineswegs aber die ganze Fülle mehr, die dem gemäßigten Klima nach +jetzt wieder hätte bei uns gedeihen können. Wahrscheinlich hat die +große Barriere der Alpen, die Europa im Süden noch einmal abschloß +und der vor der Nord-Kälte flüchtenden Tertiärflora dort eine neue +Kältemauer in den Weg warf, vernichtend auf den größten Teil der Flora +im entscheidenden Moment gewirkt.</p> + +<p>In Nordamerika lagen die Dinge besser, dort war die gute Waldflora +vor der Kälte einfach südlich gewichen, ohne zwischen zwei Eiswände +zu geraten, da gegen den warmen Busen von Mexiko zu (den die Eiszeit +so wenig erreichte wie das Mittelmeer) keine stauende Alpenschranke +mit eigener Gletscherentwickelung lag. Als die Kälte wich, kam sie +im ganzen unbeschädigt zurück auch wieder ins nördlichere, gemäßigte +Amerika. Europa hatte davon <span class="pagenum" id="Page_89">[Pg 89]</span>aber zunächst auf Jahrtausende nichts, da +die Landbrücke gerade jetzt fehlte.</p> + +<p>Doch seltsamer Schicksalsweg.</p> + +<p>Der Baumstamm, die Planke aus Fichtenholz, lehrte den Menschen, wohl +noch in Eiszeit-Tagen, wie man trennendes Wasser künstlich überwindet. +Und auf dieser Schiffsplanke des Menschen, diesem schwimmenden +Pflanzenleib selber hat sich dann doch eines Tages die große +transatlantische Brücke, die der Erdball versagte, gerade für die Flora +wiedergefunden.</p> + +<p>Der tote Baum, vom Menschen vergeistigt durch die Zweckmäßigkeitsidee +des Werkzeugs, trug den lebendigen zurück.</p> + +<p>Ueber den blauen Ozean sah ich sie im Geiste so anschwimmen: die +Geretteten vor der Eiszeit in Nordamerika, die die alte deutsche Erde, +die losgelöste Ecke des Europaamerika von ehemals, neu begrüßten.</p> + +<p>Gleich jene Weymouths-Kiefer war ein Beispiel: sie war in der +Tertiär-Zeit über ganz Europa weit verbreitet gewesen.</p> + +<p>Im Schloßgarten meines Freundes ragte aber ein anderes, noch viel +prächtigeres. Da stand auf der einen Seite eine ungeheure, ehrwürdige +Linde, also einer der schönsten deutschen Bäume, die mit dem Walde +überhaupt vor alters schon zu uns zurückgekommen sind. Gärtnerhand +hatte freilich auch dieses Riesenexemplar von früh auf in die +seltsamste Kunstform gezwungen, — also doch schon halbes Menschenwerk. +Auf der anderen Seite aber wurde als zweite Merkwürdigkeit mir ein +lichtgrüner Tulpenbaum gezeigt.</p> + +<p>Auch er hatte hier schon förmliche Altersrechte. Und doch sind +alle Tulpenbäume unserer Gärten erst durch Menschenhand wieder +herüberverpflanzt aus Nordamerika in den vierhundert Jahren seit +Columbus. In der Kreide-Zeit, als zuerst Laubbäume überhaupt +auftauchten, wuchs der Tulpenbaum schon ganz nahe dieser Stätte, in +Böhmen, wild. In der Tertiär-Zeit ging er bis Island und Grönland +hinauf und war über ganz Europa verbreitet. Aber kein lebendiger Stamm +überdauerte bei uns die Eiszeit, auch in Südeuropa nicht. Gestrichen +war er als deutscher Baum aus dem Buch des Lebendigen, bis die +Nachfolger des Columbus ihn in Nordamerika neu auffanden — und als +fremdländische Seltenheit <span class="pagenum" id="Page_90">[Pg 90]</span>wieder heimbrachten und unter anderem auch +hier in der Lausitz zur deutschen Linde in den Schloßpark pflanzten.</p> + +<p>Mein Freund, der ja nicht nur Landwirt, sondern der treffliche, weit +bekannte Dichter ist, wird vielleicht einmal einen Baum daneben setzen, +der eben so lichtes, lustiges Smaragdlaub hat und dabei geweiht ist +durch liebliche Verse Goethes: den Gingko. Der hat nun noch einen +verwickelteren Roman.</p> + +<p>Zunächst ist er, was ihm freilich kein Laie ansieht, ein echtes +Nadelholz, das sich aber erlaubt, statt Nadeln die zierlichsten +grünen Blätter zu tragen, doppelt gelappte Blätter, deren jedes wie +aus einem Zwillingspaar verwachsen erscheint. Die Eigenart erklärt +sich, wenn man hört, daß der Gingko bis in die Zeit der Erdgeschichte +zurückreicht, da die Grenze zwischen Farrnkraut und Bärlapp einerseits +und den Nadelhölzern überhaupt noch schwankte. Sein Blattwerk steht +sozusagen auf der Kippe zwischen Farrnblatt- und Nadelholzmerkmalen. +Solcher Gestalt begann er schon in der Steinkohlenzeit. Als der +Ichthyosaurus schwamm, grünte er als deutscher Baum bei Bayreuth. In +der Kreide-Periode wuchs er in der Schweiz, in der Tertiär-Zeit von +Italien bis Grönland. Dann ist es, als habe eine Hand ihn fortgewischt +von der Tafel der Erde. Auch Amerika, das treue, hat ihn nicht mehr. Da +plötzlich wird er vor zweihundert Jahren in Japan als „heiliger Baum“ +in Tempelhainen entdeckt. Wie er dahin gekommen und wo er wild wächst, +weiß an Ort und Stelle niemand. Und unsere Botaniker wissen es heute +noch nicht. Der importierte Zierbaum ist im Garten aber so wetterhart, +daß man ihn ohne Gefahr unserm kältesten deutschen Winter aussetzen +kann.</p> + +<p>So kommt aus Winkeln der Erde durch Menschenschlauheit unser ältester +Heimatsbesitz Stück um Stück wieder zusammen.</p> + +<p>Sie hat ja auch gelegentlich ganz neues hinzugeliefert, diese +„überseeische“ Epoche unserer Landschaftsgeschichte. Ich erinnere nur +an unsere südamerikanische Kartoffel, die für uns Charakterpflanze +geworden ist wie nur irgend eine.</p> + +<p>Es ist mit ihr gegangen wie am Mittelmeer mit der Agave und dem +Feigenkaktus. Beide sind waschechte Amerikaner. Aber sie beherrschen +heute einfach das Landschaftsbild. Preller, als er seine <span class="pagenum" id="Page_91">[Pg 919]</span>odysseischen +Landschaften malte, hat den Dulder Odysseus und die schöne Circe naiv +zwischen hohe Agavenblüten und Kaktushecken gestellt, als hätte es +nie anders sein können. Wenn dazu am italischen Meer australische +Eukalyptus-Bäume ihre Säulenstämme zum blauen Himmel recken, so +empfindet man, was das Wort heißt: der Mensch Herr der Erde.</p> + +<p>An dem gleichen Bahndamm meines Heimatortes Friedrichshagen, über den +ich alljährlich die Keilgeschwader der Wildgänse dahinziehen sehe, +freut mich ebenso jährlich die gelbe Blütenpracht der <span class="antiqua">Oenothera</span>, +— der Nachtkerze. Weithin überzieht sie den ganzen Bahnabhang, — +Ideen weckend beim stillen Wanderer, der den Fragen der modernen +Biologie folgt. Denn es ist der Gattung nach die Wunderpflanze, aus +der De Vries eine ganze neue geistvolle Variante der Darwinschen +Entwickelungstheorie herausgelesen hat. Wer würde sie nicht für eine +Charakterpflanze ersten Ranges unserer märkischen Landschaft halten? +Und doch ist auch sie aus Nordamerika erst eingeführt und dann +verwildert. Die erste Art kam 1614 aus Virginien zu uns.</p> + +<p>Europa ist heute zahm wie wild ein Garten des Menschen. Und ein Beet +nur mehr dieses Gartens ist die deutsche Landschaft.</p> + +<p>Wird der Mensch bei allem überwältigenden Reichtum seiner Mittel aber +immer ein umsichtiger Gärtner sein?</p> + +<p>Durch meinen Sinn, wie ich so in die Nacht hineinfuhr, zogen auch trübe +Stimmungen.</p> + +<p>Ich dachte an leichtsinnig zerstörte deutsche Landschaftsschönheit. +Die wundervollen Elbsandsteinfelsen bei der Bastei, von roher +Steinbrucharbeit angenagt. Das idyllische Siebengebirge, die Perle der +gesamten Rheinlandschaft, schon in weiten Teilen fortgefressen durch +gleichen Raubbetrieb. Die Urwaldpracht des Spreewaldes von Jahr zu Jahr +eingeengt, aufgesaugt von winzigen Augenblickszwecken einer wahren +Pygmäenkultur. Dazu eine nivellierende staatliche Forstkultur, die, um +das Aergernis eines hohlen Baumes zu beseitigen, eine schöne deutsche +Vogelart um die andere am Mangel an Nistgelegenheit aussterben läßt. +Landschaftliche Schutzgesetze, die zu spät kommen an Orten, wo ein +Narr in einer Woche mehr roden und ausrotten kann, als die Natur in +Jahrtausenden <span class="pagenum" id="Page_92">[Pg 92]</span>schenkt. Noch ist es zum Glück an unzähligen Orten nicht +zu spät. Aber „Heimatschutz“ muß eine Tat werden, eine Gewalt, — nicht +bloß ein Wort.</p> + +<p>Wie unsere deutsche Landschaft dasteht, ist sie ein <em class="gesperrt">Kunstwerk</em>, +aus all seinem Zeitenwandel doch mit allen Mitteln der großen +Zauberkünstlerin Natur einheitlich herausgestellt.</p> + +<p>Nun ist diese Natur eingesunken in uns, wir sind ihre Augen, ihre Hand.</p> + +<p>Und wir, die wir uns unserer „bewußten Kunst“ so stolz zu rühmen +pflegen, — sollten wir uns nicht auch hier bewähren? Bewähren, — +indem wir vor allem begreifen, daß in solcher Landschaft wirklich +ein großes Kunstwerk uns anvertraut ist, das wir wohl organisch +weiterentwickeln, aber nicht plump zerstören sollen.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_93">[Pg 93]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Der_Kampf_um_die_Haut_des_Riesenfaultiers"> + Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers. + <br> + <span class="s6">Ein Kapitel aus Wahrheit und Dichtung</span> + </h2> +</div> + +<p>Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da, +wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land +einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem +vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza.</p> + +<p>An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig +harmlosen Namen Eberhard.</p> + +<p>Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der +Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell.</p> + +<p>Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter +dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen +steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren +bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr +und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen +davon zum „Andenken“ mit.</p> + +<p>Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten +doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des +Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich +hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man +schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache.</p> + +<p>Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern +gerieten.</p> + +<p>Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat +der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher <span class="pagenum" id="Page_94">[Pg 94]</span>aus +seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete +und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen +frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen.</p> + +<p>An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell +eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an +erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten +Riesenfaultiers.</p> + +<p>Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes +Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell.</p> + +<p>Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten +Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das +Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller +vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In +offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches +im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, — bloß unsere +Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem +Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten +Jahrhunderts!</p> + +<p>Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens +ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der +Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte +die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die +wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem +nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika.</p> + +<p>In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem +Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden +Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu +bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, — zu jener Stunde +hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits +mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten +naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen.</p> + +<p>Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die +scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei +der Reihe nach geritten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_95">[Pg 95]</span></p> + +<p>Voran kein geringerer als Altmeister Goethe.</p> + +<p>Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele +mehr.</p> + +<p>Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung +von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher +weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht +bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der +„alten Welt“ entdeckt worden.</p> + +<p>Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem. +Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens. +Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete +er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln, +soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst +schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als +dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen +Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich +„amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer +die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium +verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt +schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor +Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf.</p> + +<p>Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas +Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt +bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie +ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine +einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten, +Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen +durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter.</p> + +<p>Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon +alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter +diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders +merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch +dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_96">[Pg 96]</span></p> + +<p>Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh +schon in Ruf gekommen — das Faultier.</p> + +<p>Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze +gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf +bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige, +schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner +„Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich +geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die +beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen.</p> + +<p>Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige +Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist. +Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter +Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier +anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen +Blätterversteck, — die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf +mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt. +Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem +Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos +zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner +schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener +köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh +entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet +mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im +Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts. +Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den +Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne +wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends +zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als +ein verzauberter Strohwisch.</p> + +<p>Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen +Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller +Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein +Kunstwerk.</p> + +<p>Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben <span class="pagenum" id="Page_97">[Pg 97]</span>im +ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen +Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein +Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen +Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe +besitzt, — die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere +heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau +so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen +Kleiderhakens.</p> + +<p>Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner +seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie +Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen +schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat +es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der +Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden +Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in +einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst +gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen +das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht +nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere +Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese +ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch +Blutstockung bewahren.</p> + +<p>Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem +so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige +denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte.</p> + +<p>Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun +freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade +damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz +besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne +jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten +Tierformen.</p> + +<p>Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der +damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen +von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon, +der die geistreichen Antithesen liebte, <span class="pagenum" id="Page_98">[Pg 98]</span>hatte sich so recht satt +schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der +tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins +Aschgraue rednerisch ausgemalt.</p> + +<p>In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers +zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche +Tage den Gnadenstoß gibt.</p> + +<p>Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr +sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich +immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche +Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune +Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen +Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die +wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose +nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der +feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas, +Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan; +seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt +und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht +haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen.</p> + +<p>In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms — sei +es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß +der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft —: überall +da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft <em class="gesperrt">Knochen</em> +dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen +vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe.</p> + +<p>Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal +sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt +der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel +aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem +Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt. +Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene +Eskimohütten.</p> + +<p>Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm <span class="pagenum" id="Page_99">[Pg 99]</span>ein Volk +ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und +lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier +früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich +die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter +wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder +Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine +dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet, +gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer +Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer +Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein, +Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an +die profane Sonne wirft.</p> + +<p>Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789.</p> + +<p>Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas +mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei +Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen +Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß +Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten, +das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die +Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des +stärksten Elefanten.</p> + +<p>Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig +Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in +Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im +Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den +ersten offiziellen Bericht.</p> + +<p>Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die +Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der +Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an.</p> + +<p>Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes +Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine +Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er +bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes <span class="pagenum" id="Page_100">[Pg 100]</span>nichts anderes +sei, als ein ins Kolossale übersetztes — Faultier.</p> + +<p>Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers.</p> + +<p>Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise +dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen +gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so +hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab +bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein +Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere +getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das +Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus. +Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder +Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es +recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf +flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich +bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum +Frühstück aus der Erde.</p> + +<p>Das alles natürlich in längst verschollener Zeit.</p> + +<p>Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“ +Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte +keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz +unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu +den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei.</p> + +<p>In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei, +taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung +von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert, +obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre.</p> + +<p>Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher +gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend +eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte +sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut +angeschwemmt, begraben haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_101">[Pg 101]</span></p> + +<p>Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm +wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das +vollbracht hätte.</p> + +<p>Cuvier freilich wollte die Geschichte schon noch weiter zurücklegen. +Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten +des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere +vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen +Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den +letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste +Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen +noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit +zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar +tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge +meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts +konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl +sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener +amerikanischen Riesenfaultiere.</p> + +<p>Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein +interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen +Urwelt als dieses „Großtier“.</p> + +<p>Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein +Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab, +ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort.</p> + +<p>Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner +wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er +sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen.</p> + +<p>Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander +vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen +in der Erscheinung“.</p> + +<p>In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar +vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen +Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es +gewiß nicht verleugnet.</p> + +<p>Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung +<span class="pagenum" id="Page_102">[Pg 102]</span>der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie +das Geripp der Faultiere.</p> + +<p>Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen +poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht +hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge +denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch +schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe +vierzig Jahre vor Darwin betätigt.</p> + +<p>Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier +vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus +ersterem entwickelt.</p> + +<p>Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den +Säugetieren besitzt: den Walfisch, — so möchte es selber sich nach +ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein +Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“. +Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich +ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des +Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper +leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure +Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das +seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und +vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern +zugestehen“.</p> + +<p>Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden +Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen +Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt +solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht +beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert, +durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs +trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich +erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt, +das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber +wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so +geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht +verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn +sie, ungeduldig <span class="pagenum" id="Page_103">[Pg 103]</span>über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit +erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den +Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“</p> + +<p>Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch +lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer +endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige — +dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen, +sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das +bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen +gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“</p> + +<p>In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege +genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium +war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es +heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade +umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden +Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat. +Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie +vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens +wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden +Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie +in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist +und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei +beiden lebenden Sorten.</p> + +<p>Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so +bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.</p> + +<p>Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt +gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur +Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier, +und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich +verschiedenen früheren Tieren.</p> + +<p>Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt +vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei +nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für <span class="pagenum" id="Page_104">[Pg 104]</span>Goethe, der in der Welt +nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein +einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.</p> + +<p>Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach +Südamerika.</p> + +<p>Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche +Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der +alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der +erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.</p> + +<p>Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im +Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten +Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges +Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.</p> + +<p>Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der +Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche +anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist. +Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da +sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da +sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind +Pferdezähne.</p> + +<p>Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest +und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier, +Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit +1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden. +Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit +Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung +mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene +Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene +regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika +sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In +jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes, +landeseigentümliches Pferd besessen haben.</p> + +<p>Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.</p> + +<p>Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des +Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine +fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies. +Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, <span class="pagenum" id="Page_105">[Pg 105]</span>als wenn diese alten +Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten, +wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie +starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich +auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute +auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet: +der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im +Sande tief begraben war.</p> + +<p>Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin +ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.</p> + +<p>Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen +gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das +Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich +vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände +der „<span class="antiqua">gran secco</span>“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der +ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln. +In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden +drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und +ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später +eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe +mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas +dürreres Jahr.</p> + +<p>Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich +noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren +sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten +offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.</p> + +<p>Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt +besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, — aber in dem +wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse +alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere, +Gürteltiere.</p> + +<p>Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen +Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte, +das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte <span class="pagenum" id="Page_106">[Pg 106]</span>doch auch ihm +gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf +natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer +Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm +auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem +auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas +einfällt.</p> + +<p>Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz +bestimmter Seite.</p> + +<p>Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in +seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen +Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel +stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden. +Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen, +das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo +gewesen war.</p> + +<p>An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers +spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie +an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre +herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie +getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel +durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach, +Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte, +plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine +groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig +gewesen, um der Wahrheit — oder sagen wir mindestens, der neuen Suche +nach der Wahrheit — eine Gasse zu bahnen.</p> + +<p>Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit +wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten +Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte, +daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere +gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom +echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt. +Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen +Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_107">[Pg 107]</span></p> + +<p>Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein +wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.</p> + +<p>Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom +Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern +Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben +mußte.</p> + +<p>An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen +der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen +Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere +nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine +außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte +er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des +Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben +und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen. +Kein schlauer Riese offenbar.</p> + +<p>Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es +möchte am Ende der <em class="gesperrt">Mensch</em> gewesen sein, der dem alten Herrn die +Löcher in den Kopf gehauen hätte.</p> + +<p>In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in +unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort +„prähistorische Forschung“ umschließt.</p> + +<p>An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig +und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits +aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter +Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen +rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch +nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.</p> + +<p>Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war +wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt, +die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft +bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren, +zurückdatiert hatte.</p> + +<p>Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des +europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig +gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese <span class="pagenum" id="Page_108">[Pg 108]</span>letzteren Knochen zeigten +vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande +von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt +zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt, +durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.</p> + +<p>Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor +Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch +wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika +Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische +Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das +scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?</p> + +<p>Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending +her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen +„Werkzeug“, — etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch +der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein, +daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen +beherberge, — eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer +Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.</p> + +<p>Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch +sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.</p> + +<p>Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes +an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.</p> + +<p>Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit +untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen +Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des +Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein +und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in +einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser +auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen. +Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung, +sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom +alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie +ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.</p> + +<p>Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich <span class="pagenum" id="Page_109">[Pg 109]</span>durch +diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da, +wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose +Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe +schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der +Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun +doch eine Art Panzer gebildet haben.</p> + +<p>So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine +gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück +gemacht haben muß.</p> + +<p>Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine +große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des +Menschen.</p> + +<p>Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst +etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr +tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium +gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran +deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche +Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien +saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster +Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale +seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so +etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in +der großen Weltlogik wider Tatsachen.</p> + +<p>Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von +Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia +saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth +und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus, +daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein +<em class="gesperrt">mußten</em>.</p> + +<p>Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen +birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber +ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen, +genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen +Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem +und erhaltenem Herdfeuer gebraten <span class="pagenum" id="Page_110">[Pg 110]</span>worden war. Einmal wusch das +Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch +fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen +regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so +aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem +Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die +Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so +wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.</p> + +<p>Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar +bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da +zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen +sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein +kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal +hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein +andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf +deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand, +gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze +Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte +offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.</p> + +<p>Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr +einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig. +Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und +Riesenfaultier?</p> + +<p>Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen +prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut +ausgerottet worden?</p> + +<p>So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben. +Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der +Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren, +die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das +aber mindestens Streitobjekt.</p> + +<p>Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in +Deutschland gelebt habe, — vielleicht irrtümlich. Mindestens aber +zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar: +der noch lebende Wisent (Auerochse) und der <span class="pagenum" id="Page_111">[Pg 111]</span>wahrscheinlich durch +Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen +Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem +mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied +vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig +widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird +jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet) +gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins +Mittelalter hinein gegeben.</p> + +<p>Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so +benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals +rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden +sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und +Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“ +gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch +jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger +Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel +bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt +nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende +Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden +kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der +Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der <em class="gesperrt">sehr</em> +geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen +solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während +andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel +auf Java unlängst gefunden worden ist.</p> + +<p>Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und +Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der +Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.</p> + +<p>Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden +Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam +zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig +„Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei +Weimar oder unsere Renntier-Menschen <span class="pagenum" id="Page_112">[Pg 112]</span>von Schussenried. Tatsache aber +ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in +Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die +bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von +Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere +Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom +Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische +Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.</p> + +<p>Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der +zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas +durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent <em class="gesperrt">kein</em> +Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein +Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein +Megatherium oder Mylodon.</p> + +<p>Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die +Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste +Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere +<em class="gesperrt">lebe</em> noch — das Riesenfaultier.</p> + +<p>Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.</p> + +<p>Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch +das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus +Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht +langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine +Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel, +daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen +Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen — oder wenigstens +gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte +und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa +worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm, +der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen +worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom +„lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.</p> + +<p>Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh, +ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener +Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. <span class="pagenum" id="Page_113">[Pg 113]</span>Das seltsamste +an ihm sei aber — seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als +wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer +erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen. +Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch +von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr. +Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.</p> + +<p>Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr +angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des +Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch +Mord untergegangen.</p> + +<p>Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine +selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes +Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier +aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug. +Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt +wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam +es dem Jäger.</p> + +<p>Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter +Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere +sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in +Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie +dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie +aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten +Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis +schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das +fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens +irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch +teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren. +Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben, +so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz +kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin +als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte +doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin +seltsam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_114">[Pg 114]</span></p> + +<p>Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.</p> + +<p>Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz. +Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten +Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.</p> + +<p>Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese +Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge, +— außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.</p> + +<p>Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!</p> + +<p>Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten +Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel +aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es +Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.</p> + +<p>Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als — allerdings nur +hypothetischen — Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898. +Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe +unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen +worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem +bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten +auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.</p> + +<p>Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen +so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die +Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine +außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher +Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.</p> + +<p>Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?</p> + +<p>Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten +frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr +oder minder lange ausgestorben sind.</p> + +<p>In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des +Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet +ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit, +da diese Museen bestehen, im neunzehnten <span class="pagenum" id="Page_115">[Pg 115]</span>Jahrhundert ausgestorben. +Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener +Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum +aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel +da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen +worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her +als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel +heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls +merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer +Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung +nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene +Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich +aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck +mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht +mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen +Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute +noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die +Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund +je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von +einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß +gescheckten Pelz besaß.</p> + +<p>Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in +Betracht zu ziehen.</p> + +<p>Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu +beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in +gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen +Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß +Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen +oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und +daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher +und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals +auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land +hingegangen.</p> + +<p>Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder +sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte <span class="pagenum" id="Page_116">[Pg 116]</span>gleich +jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer +Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren +gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so +hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein.</p> + +<p>Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative +„Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, — wir Kulturmenschen wären dann +gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu +spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, — das Riesenfaultier +bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und +Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, — +kein Urweltstier.</p> + +<p>An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich +alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert.</p> + +<p>Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die +Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren +Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben, +den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue +Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu +neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden.</p> + +<p>Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit +Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895.</p> + +<p>In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere +Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle. +Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so +breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz +oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von +dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht. +Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse +konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle.</p> + +<p>Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum +überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere +Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer +Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und +veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. <span class="pagenum" id="Page_117">[Pg 117]</span>Zuerst Eimar Nordenskjöld +von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums +in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch +schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich +die rätselhafte Sache wie folgt.</p> + +<p>Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert +Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal.</p> + +<p>Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren +Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift. +Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe +von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der +Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan.</p> + +<p>Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von +etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal +herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter +nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem, +frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer +mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal +wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem +Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden +und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste.</p> + +<p>Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich +selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und +hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht +liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas — alles +wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten.</p> + +<p>Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten, +neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens +mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, — nämlich von +Mist.</p> + +<p>Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach +Gürteltier, — also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade +jener alten Wundertiere.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_118">[Pg 118]</span></p> + +<p>Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder.</p> + +<p>Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen +auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal +hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund +geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne, +Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch +Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer +dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen, +einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel +kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener +einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der +Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also +mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr +lebenden Tierarten.</p> + +<p>Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit +des Menschen.</p> + +<p>An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von +einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war +ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument +zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war +also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher +gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel +waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich +menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die +Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl +auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen +zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der +ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch +vorhanden gewesen sein.</p> + +<p>Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter +Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie +aufgestellt.</p> + +<p>Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen +Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich +befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, — das Tier sei <span class="pagenum" id="Page_119">[Pg 119]</span>kein +Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten +Mylodon-Gattung an, die man längst <em class="gesperrt">Grypotherium</em> getauft hatte. +Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine +Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im +ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als +Ochsen-Größe.</p> + +<p>Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses +Grypotherium soll nämlich das Beiwort <span class="antiqua">domesticum</span> erhalten. Das +heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“.</p> + +<p>Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht +mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von +den Indianern in Westpatagonien als <em class="gesperrt">Haustier</em> gehalten worden. +Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in +dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang +„Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie +der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle +mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein +nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, — endlich +einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren.</p> + +<p>So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht +finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als +Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und +Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen +entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das +ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen +Detailangaben noch nicht vor.</p> + +<p>Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die +ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle <em class="gesperrt">zeitweise sowohl</em> von +Menschen, <em class="gesperrt">als</em> von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die +Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft. +Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere +zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, — es müssen ja +geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei +kann aber genau dasselbe <em class="gesperrt">Nacheinander</em> obgewaltet haben, das uns +bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, <span class="pagenum" id="Page_120">[Pg 120]</span>in deren Lehmboden +die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, — +sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd +<em class="gesperrt">bald</em> dem Bären und <em class="gesperrt">bald</em> dem Menschen als Versteck gedient +haben.</p> + +<p>Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein +Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt +wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer +folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der +Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die +jetzt die Menschenspuren wieder begrub.</p> + +<p>Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken +Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im +Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu +begreifen.</p> + +<p>Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem +Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als +lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine +Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst +des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten +Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl +das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen. +Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der +schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner +Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme, +plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus +guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht.</p> + +<p>Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier +dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig +ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das +Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen +Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen +die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht +mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war, +dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich +aneignen wollte, <span class="pagenum" id="Page_121">[Pg 121]</span>so ließe sich begreifen, daß es schließlich den +Nachstellungen ganz erlag, — zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war, +das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen +nicht.</p> + +<p>Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das +Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben <em class="gesperrt">ist</em>.</p> + +<p>Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist.</p> + +<p>Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden +Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von +einem frischen Kadaver abgezogen sind — und das ist in gewissem Sinne +etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung.</p> + +<p>Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren +Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert +Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache +scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und +in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit +abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren +behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos +erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint +mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit +derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die +Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder +die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres +Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich +hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr +Einstürze erfolgten und <em class="gesperrt">diesen</em> altbewährten Boden denn doch +<em class="gesperrt">zu</em> ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig +fortleben.</p> + +<p>Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz +jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute +bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte +Zeitgenossen der Grypotherien — und sollen diese heute noch leben, — +wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben?</p> + +<p>Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist +günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche +hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado <span class="pagenum" id="Page_122">[Pg 122]</span>gelangt zu sein. Ein +einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen +Nachrichten zufolge damals <em class="gesperrt">nicht</em> im Lande. Die Pferdezähne +der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern +einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die +also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder +ausgestorben sein müßte.</p> + +<p>Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die +Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde +europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen +sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft +eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber +doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die +Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, — und wie +das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung +ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller +Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das +Zeitliche gesegnet haben.</p> + +<p>Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz, +ist noch immer durchaus kein reines Argument.</p> + +<p>Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander +ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen +des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder +aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen +Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die +Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt. +Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend +die sorgsamste Archäologen-Weisheit.</p> + +<p>Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte, +hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde +entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch +allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie +irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen +hatte?</p> + +<p>Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno +dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den <span class="pagenum" id="Page_123">[Pg 123]</span>Menschen erst +herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden? +In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu <em class="gesperrt">alles</em> möglich, — wer +da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur- +und Kulturgeschichte durcheinander rühren.</p> + +<p>Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch +auch damals schon — und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch. +Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals +längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So +kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako.</p> + +<p>Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher +der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach +dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach +selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle.</p> + +<p>Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien, +den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, — und +auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen +aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt +niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene +radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der +nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten +Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre!</p> + +<p>Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen +lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument +vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein +ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und +hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht +zurück.</p> + +<p>Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier, +dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt. +Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich +so erdacht sein kann: nämlich <em class="gesperrt">Jemisch</em>, zu deutsch das Tier, das +kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf +jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_124">[Pg 124]</span></p> + +<p>Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre +Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig +unberührten Mistboden geschöpft haben sollten.</p> + +<p>Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt +viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute +besitzen, — und warum dann nicht vom lebenden Tier?</p> + +<p>Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte +des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein +Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein +Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser +(also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage +seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die +Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich +aus dem Fell Mäntel zu fertigen.</p> + +<p>Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier +Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch. +Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein +grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener +Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen +ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat.</p> + +<p>Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag +werden, <em class="gesperrt">Su</em> genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den +Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer +spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden +sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist +Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet. +Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den +Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit +einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen +und mit pfeilen erschossen.“</p> + +<p>Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der +südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine +Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während <span class="pagenum" id="Page_125">[Pg 125]</span>die +Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein +sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es +sonst sein sollte.</p> + +<p>Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten +sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal +sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem +Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden +Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und +angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den +Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges +großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im +vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen +wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle +einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen +Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte. +Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien +gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht +herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen +Streifereien zu beobachten.</p> + +<p>So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen +Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch +noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine +Ausweispapiere streng geprüft werden könnte.</p> + +<p>Wenn nicht, — dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat +uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über +den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt.</p> + +<p>Gönnen wir ihm seinen Platz in der Kulturgeschichte.</p> + +<p>Und wenn es auf der Messerschneide jener letzten paar Jahrhunderte, bis +zu denen es sicherlich <em class="gesperrt">heranreicht</em>, wirklich nicht mehr leben +sollte, so gehört es erst recht hinein.</p> + +<p>Denn was ist die menschliche Kulturgeschichte anders als die liebe, +lustige Geschichte menschlicher Hoffnungen, Träume — und Irrtümer.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_126">[Pg 126]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Der_erste_Vogel"> + Der erste Vogel. + </h2> +</div> + +<p>Wenn man den Reliquienschrein durchmustert, auf dem sich unsere +Kenntnis der Weltgeschichte aufbaut, so meint man bisweilen ins Reich +der bösen Kobolde verschlagen zu sein.</p> + +<p>Wunderbare Dichtungen, die wie herrliche Leitsprüche über der +Menschheits-Entwickelung schweben, sind überliefert ohne den Namen +des Verfassers. Und der Text liegt uns in der Form eines liederlichen +Korrekturbogens vor, bei dem der Setzer ein Idiot und der Korrektor +betrunken war. Inschriften, die uns wie ein Blitz eine ganze +Kulturepoche aufhellen könnten, sind gerade an der Stelle verstümmelt, +wo die Hauptsache kommt. Die Pyramide, die fünftausend Jahre lang der +List der Grabschänder von zwanzig Nationen getrotzt hatte, ist vier +Wochen vor ihrer wissenschaftlichen Eröffnung durch Fach-Archäologen +von irgend wem ausgeräumt worden; ihr unschätzbarer Inhalt wird +vielleicht einmal zwischen dem zweideutigen Gerümpel einer bekannten +Fälscherbude auftauchen und unbeachtet dort verkommen. Ein Kobold +führt ein Grabscheit in die Erde einer griechischen Insel, dieses +Grabscheit klirrt auf etwas, wirft ein paar Steinbrocken herauf, die +auf den Abfall kommen; und diese Brocken sind die Arme der Venus +von Milo gewesen, die bei ihrer endlichen Auferstehung einen wahren +Kultur-Triumphzug feiert, — aber leider ohne Arme. Der kühnste +Aufwand der Weltgeschichte läßt einen Vesuv seine heiße Brei-Asche +über eine römische Provinzialstadt regnen. Diese Stadt wird nach +anderthalb Jahrtausenden entdeckt und ausgegraben. Man findet unter +anderem die Bibliothek eines Gelehrten. Es wird eine besondere Methode +ausgeklügelt, um die verkohlten Rollen doch <span class="pagenum" id="Page_127">[Pg 127]</span>noch auszuwickeln und +lesbar zu machen, mit allen Hilfsmitteln der Mechanik und Chemie. +Als die Rollen aber zum Teil entziffert sind, zeigt sich, daß der +Besitzer gerade dieser Bibliothek den einseitigsten Geschmack hatte +und bloß engste epikureische Philosophie besaß, statt der verlorenen +Sophokles-Tragödien, dem vollständigen Livius — oder gar dem +Ur-Evangelium.</p> + +<p>Will man gerecht sein, so muß man freilich auch neben den bösen an gute +Kobolde glauben, wie im Märchen.</p> + +<p>Ein braver Hausgeist mindestens läßt Schliemann, der unter beinah +komischen Voraussetzungen den Hügel von Hissarlik nach „Troja“ +durchsucht, einen weltgeschichtlichen Komposthaufen von mindestens +fünf Städten aufdecken, der, wenn nicht Troja, so doch ein ganzes +Kapitel Menschheit wirklich gibt. Und ein ebenso freundlicher läßt die +Aegyptologen 1881 ein wüstes Diebsversteck mit Beschlag belegen, wobei +die Mumie Ramses des Großen aus der Diebsbeute fällt.</p> + +<p>Wenn irgend einer, so hat auch der Naturforscher von solchen Dingen in +Gut und Böse ein Lied zu singen. Seit einem Jahrhundert jetzt wühlt er +einer „verlorenen Handschrift“ nach, — der Handschrift der Erde.</p> + +<p>Blätter von Schiefergestein, ohne Einband, mit wüsten Rissen, hier +und da nur ein geheimnisvoller Buchstabe, verzerrt, halb zerpreßt, +die Schrift von furchtbaren Mäusen zernagt: Bewegungen der Erdrinde, +losdonnernden Vulkanen mit Basaltregen, nachträglichem Faltenwurf, +bei dem die Erdrinde sich hob, senkte, platzte, Risse bildete wie +eine Rhinozeroshaut. Und dazu auch diese Bibliothek, wie jene +von Herkulaneum, niemals vollständig, gleichsam ein wahlloses +Liebhaberprodukt, das die Kobolde zusammengetragen.</p> + +<p>Einmal haben sie doch wohl gewollt, diese Hausgeister auch der Geologie.</p> + +<p>In Berlin, in der Invalidenstraße, im Museum für Naturkunde, +ist ein kleines Plätzchen, ein Inselchen im großen Getriebe der +Weltenschicksale und ihrer Koboldarbeit. Da glaubt man an gute Geister.</p> + +<p>Das Berliner Museum für Naturkunde ist an sich schon eine Insel im +wilden Trubel der Großstadt, eine Geistes-Insel. Wenn <span class="pagenum" id="Page_128">[Pg 128]</span>es nur in seinen +öffentlichen Besuchsstunden nicht so geisterhaft öde wäre. Gerade der +Fleck, den ich jetzt in ihm meine, der, wo die ältesten Ungeheuer, +die Vorsintflutler von Ichthyosaurus- und Mammuts-Tagen stehen, kommt +mir immer selbst wie eine graue, leere, hallende Katakombe vor. Der +Berliner hat dieses Museum so recht noch gar nicht entdeckt. Die Art +und Weise, wie hier volkstümliche Wissenschaft dargebracht wird, +ist daran gewiß nicht schuld. Zwar der Bau selbst, 1887 vollendet, +ist etwas wunderlich. Er wurde im Umriß fertig gestellt, ehe sich +der rechte Mann fand, den schönen Inhalt hineinzuordnen, der alte +treffliche Karl Möbius. So sieht man jetzt noch wunderliche Arabesken: +ungeheure, auf Massen berechnete Treppen führen zum Oberstock, aber +dieser Oberstock ist (nach sehr weiser Möbius’scher Einteilung) dem +großen Publikum gar nicht nötig und also auch nicht zugänglich, und +so scheint der Zweck dieser wunderbaren Raumverschwendung wesentlich +die äußerst üppige Erhellung eines Schildes „Hier ist kein Aufgang“. +In der Sammlung selbst läßt dafür die oberste Pflicht des Baumeisters +für Museen, die Beleuchtung, aufs empfindlichste zu wünschen. Und so +wäre noch manches von den Schatten, echten und idealen, des Gebäudes +zu verzeichnen. Aber um so gewaltiger die geniale Kraft, wie nun eine +köstliche Sammlung in diese Hallen eingegliedert ist, — mit allen +Mitteln systematischer, ästhetischer und auch echt volkstümlicher +Aufstellungskunst. Nichtsdestoweniger: die Brote und Fische, die +Tausende nähren können, sind da, — aber die Tausende fehlen. Mir ist +das Museum ein Ort, wo man seinen Schritt hallen hört, — wohin man +sich aus dem Geklingel der Straße rettet zur Einsamkeit. Die Zeit +änder’s! Doch davon wollte ich hier nicht eigentlich reden.</p> + +<p>Also in der paläontologischen Abteilung dieses Museums ist der engere +Fleck, den ich meine.</p> + +<p>Der Saal ist für den Laien nicht gerade äußerlich aufregend.</p> + +<p>Berlin hat vorläufig keine gigantischen Zugstücke, kein ganzes Mammut +oder Mastodon, kein Megatherium, nicht einmal die nötigen imponierenden +Gipsabgüsse. Im Grunde des Saales steht ein kleines braunes +Nilpferd-Gerippe von Madagaskar, das dem Besucher zunächst nicht viel +mehr sagt, als das etwas hellere <span class="pagenum" id="Page_129">[Pg 129]</span>vom lebenden Nilpferd im Lichthofe +nebenan. In Wahrheit ist es freilich einer jener ausgestorbenen Herren, +die auf der großen Wunderinsel ihrer Zeit noch mit dem auch jetzt +verschollenen Riesenvogel Aepyornis zusammen die Ufer der Binnenseen +unsicher machten. Dieser Riesenvogel selber war wieder ein naher +Verwandter der großen Moa-Strauße von Neu-Seeland, die inzwischen, +wahrscheinlich unter Nachhilfe des hungrigen Menschen, das Zeitliche +gesegnet haben gleich ihnen. Solcher Moas stehen einige, in übrigens +nicht gerade bedeutenden Gerippen, links gegen das Fenster zu im +Schrank. Hinter diesem freien Glasschrank aber, ganz in des Fensters +Nische, ragt ein schlichter Tisch mit Glasdecke.</p> + +<p>Der Blick des Laien begegnet zwei flachen gelblichen Steintafeln ohne +jeden reklamehaften Reiz. Und doch ist das jetzt ein Ort, wo er den +Hut abziehen soll. Dieser ganze Saal orientiert sich hierher als in +seinen Mittelpunkt. Das ganze Museum hat kein kostbareres Objekt. +Und unsichtbar über diesem Kasten schweben die Händchen des besten +Schutzgeistes der ganzen Geologie.</p> + +<p>Auf beiden Steinplatten sieht der naive Beschauer, wie mir mehrfache +Erfahrung bestätigt, zunächst überhaupt nichts. Eine nähere Erläuterung +ist gerade hier auf dem lateinischen Namensschilde leider nicht +gegeben, und er würde also wohl ganz gleichgiltig vorübergehen, — mit +jenem Museumsblick des Laien, der sich aus einem Teil Staunen über die +„Masse“ der verschiedenen Naturgegenstände und zwei Teilen Langeweile +vor so viel Unverständlichem chemisch zusammensetzt.</p> + +<p>Aber einer der Museumsdiener hat ihn beobachtet, tritt hinzu und macht +ihn mit Nachdruck darauf aufmerksam, diese links liegende eine Platte +habe zwanzigtausend Mark gekostet. Unter der Wucht dieser goldenen +Tatsache geht der Besucher also hilflos, aber willig noch einmal an den +Glaskasten.</p> + +<p>Mit Aufbietung all seines gesunden Lebenswitzes entziffert er nun +wirklich auf der Zwanzigtausendmarkplatte einige lose Spuren eines +denkbaren Ereignisses. Auf einem schmutzigen, klebrigen Lehmboden ist +eine Krähe oder ein ähnlicher Vogel gerupft worden. Beim Hin- und +Herwerfen haben sich einzelne Federn in dem <span class="pagenum" id="Page_130">[Pg 130]</span>Morast abgedrückt. Der +Kadaver scheint schließlich am Fleck liegen geblieben und fortgefault +zu sein, denn es stecken auch noch ein paar morsche Knöchelchen +selber im Lehm. Das mag ja nun lange her sein, denn der Morast ist +nachgerade steinhart geworden, so viel sieht man. Das Alte gilt in der +Wissenschaft teuer. Aber es ist doch ein starkes Stück, solche alte +Müllkastenprobe mit zwanzigtausend Mark zu bezahlen!</p> + +<p>In Wahrheit sind diese zwanzigtausend Mark nur die Schale des +Zauberwortes, das ihm einer hätte sagen müssen, nicht das Wort selbst.</p> + +<p>Das erste Bild, das vor dieser gelben Platte auftauchen sollte, ist ein +Bild aus dem heißesten Ringen der denkenden Kulturmenschheit. Andrées +Ballon, der ins Ungewisse gegen den Pol zu verschwindet. Der Ballon, +der mit dem großen Alpenforscher Heim an Bord die Alpen überfliegt. +Der unglückliche Lilienthal, der den Märtyrertod des Einzel-Fluges +stirbt, vielleicht ganz nahe an der Schwelle der Lösung. Der Mensch, +der immer wieder das Organ neu und verbessert als Werkzeug baut, will +auch den Vogel so erobern, den Flügel des Vogels durch ein Werkzeug — +und dann, wie immer, an diesem Werkzeug mehr als bloß diesen schwachen +Flügel: ein neues Weltmittel seiner Kultur. Herauf, herab vor unsern +Augen wogt dieser Kampf. Er hat so viel bezwungen, der Mensch, seitdem +er in grauen prähistorischen Tagen, zwischen schwarzen Eibenwäldern und +roten Mammuten, das erste Werkzeug erfunden. Längst hat er das Auge des +Adlers unendlich weit überboten mit seinem Fernrohr, das in die Welt +der Nebelflecke dringt. Das elektrische Organ, mit dem der Aal in den +Sümpfen Venezuelas sich verteidigt, ist ihm zum transatlantischen Kabel +geworden, durch das er Ozeane mit dem Geistesmittel seiner Sprache +durchdringt. Warum soll er nicht fliegen wie die Schwalbe, die das +Mittelmeer kreuzt, wie der Albatros, der Weltmeere übersegelt, wie +die Rosenmöve, die sich seit alters über die Eiswüste jenseits Franz +Josefs-Land, die wir erst durch Nansen kennen, schwingt?</p> + +<p>Gerade dieser Zukunftsflug aber führt zurück auf diesen altersgrauen +Stein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_131">[Pg 131]</span></p> + +<p>Dieser Stein ist für uns ein Grundstein. Auf ihm beginnt das Organ, das +wir im Werkzeug überbieten möchten.</p> + +<p>Diese paar Federabdrücke im einstmals weichen Schlamm, diese paar +Knöchelchen, die auch der Laie schließlich herausbuchstabiert hat, sind +der schattenhafte Abdruck des <em class="gesperrt">ältesten Vogels</em>, den wir kennen, +— des „Ur-Vogels“.</p> + +<p>Auf diesen Knöchelchen und Federchen begann das Wirbeltier, das sich +vom Fisch zur Eidechse gesteigert, ein neues Leben, — das Leben in der +blauen Höhe, das Leben des Adlers, der Schwalbe, des Albatros.</p> + +<p>Auch wir Menschen sind unserem zoologischen Bau nach Wirbeltiere. +Auch unser Vogel-Flug wird, wie immer er nun werde und falls er +wird, in gewisse Schranken und Gesetze dieses Wirbeltier-Baues +eingegliedert bleiben. Bloß daß wir noch ein Organ mehr dazu in Arbeit +setzen, als Knochen und Federn: eben das ausgesprochene Organ der +Werkzeugerfindung, — das Gehirn.</p> + +<p>Daß uns aber gerade dieser Eckpfeiler noch der ganzen Flug-Entwickelung +des Wirbeltieres heute vor Augen steht, das verdanken wir einer +Verkettung der Zufälle, wie sie ähnlich in der ganzen Forschung +nach den Urweltsdingen nicht wiederkehrt. Um bei jenen bewußten +zwanzigtausend Mark zu enden, die schließlich auch nichts gerade +Alltägliches waren, mußte ein Netz des Märchens sich schon vor +Millionen von Jahren anspinnen und die Kobolde der Geschichte mußten +daran fortwirken bis auf unsern Tag, mit einem immer erneuten Einsatz +jenes Wahren, das, mathematisch angeschaut, jedesmal das denkbar +Unwahrscheinlichste war.</p> + +<p>Es war gegen das Ende der großen erdgeschichtlichen Epoche, die man die +Jura-Zeit nennt, — also in der Zeit noch des Ichthyosaurus.</p> + +<p>Mit der Faust des Gedankens muß der Leser sich die Dinge auf deutscher +Erde von damals rasch noch einmal umkneten, — Berge glätten, Land +unter Wasser drücken, den Wald vertauschen und eine ganz andere Arche +Noäh hineinstülpen.</p> + +<p>Fort, noch nicht heraufgefaltet aus der runzligen Erdrinde, sind +die Alpen. Zwischen Vulkaninseln mit Korallenriffen blaut das +Mittelmeer bis nach Deutschland tief hinein. Schwaben und <span class="pagenum" id="Page_132">[Pg 132]</span>Franken +liegen unter Wasser. Wo heute ein kleiner grüner Eidechs sich auf dem +Schiefergestein einer Berghalde sonnt, da schäumt die Salzflut auf und +es ragen der groteske Krokodilkopf, die delphinartige Rückenflosse des +wilden Ur-Räubers Ichthyosaurus heraus. In den purpurnen Wassergründen +unter diesem Scheusal aber blüht und wuchert allenthalben in +unendlicher Ueppigkeit das Kleinleben des echten Ozeans. Winzige bunte +Korallentierchen, zierlichen Röschen und Vergißmeinnicht-Sternchen +vergleichbar, haben Jahrtausende lang ihre kleinen Kalkhäuschen +aufeinandergehäuft, bis Untiefen entstanden sind, bei denen eine solche +massive Kalkstadt der Korallenarbeit wie eine steile Festung die +Gewässer durchragt. In unabsehbaren Feldern haben dicke Schwammtiere +sich gesellig darum angesiedelt. Sehr tief unten, wo die Bewegung der +Wellen sie nicht knicken kann, bilden herrliche gefiederte Seelilien +— Tiere aus der Verwandtschaft der Seesterne, die aber auf langem +wurzelnden Stiel gleich Blumen schweben — geheimnisvolle Wälder. Auch +ihr fester, dauernder Bestandteil, der liegen bleibt, wenn das schöne +Tier selber abstirbt, ist Kalk. In weiten Bänken liegt Muschel an +Muschel, Austern und Pilgermuscheln, alle mit harten Kalkgehäusen. Aus +dem freien Wasser aber regnet unablässig Kalk in mikroskopisch kleinen +Teilchen frei herunter: jedes Teilchen ist das niedliche Kalkgerippe +eines sonst formlosen Ur-Tiers, eines lebendigen Schleim-Klümpchens von +der Sorte, wie sie heute noch in unausdenkbaren Myriaden unsern Ozean +in allen Tiefen durchwimmeln und Foraminiferen genannt werden. Wie eine +feine Schneedecke einheitlich reinsten Kalkschlammes legt sich diese +nicht endende Fracht noch einmal über alles sonstige Kalkmaterial der +Tiefe.</p> + +<p>Lang, unfaßbar lang rauschen diese hohen Wasser der Jura-Zeit über +deutsches Land und überrauschen still in all der Zeit immer dieses fort +und fort schaffende, häufende, Kalk ablagernde Leben ihrer Kleinen und +Kleinsten im feuchten Schoß.</p> + +<p>Auch im Herzen des Frankenlandes, da, wo heute die Eisenbahn von +München nach Nürnberg quer durchschneidet, ist es so.</p> + +<p>Aber die Zeit läuft, wie Busch sagt, „eins-zwei-drei im Sauseschritt“.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_133">[Pg 133]</span></p> + +<p>Und eines Tages, eines Jahrtausends sagt sich hier besser, erfährt +denn doch gerade diese mittelfränkische Gegend eine ganz eigentümliche +Wandlung.</p> + +<p>Die gewaltige Jura-Periode, wie gesagt, neigt sich unaufhaltsam ihrem +Ende zu. Ein ungeheurer Tag der Erdgeschichte versinkt einmal wieder. +Der eigentliche Anlaß zum Wechsel mag in fernen, tiefen Ursachen +der ganzen Erdgestaltung, Erdentwickelung liegen. Jedenfalls macht +sich hier im kleinen Frankenwinkel zunächst eine vielleicht weit +voraufbrandende, aber an sich ganz unzweideutige Wirkung geltend: das +Meer beginnt langsam in der Richtung von Nord nach Süd zurückzuweichen, +als hätten sich ihm fern drüben in den Mittelmeergegenden, oder noch +viel weiter südlich, gegen den Aequator an, neue Abzugsbecken aufgetan. +Oder auch, als wölbe sich die ganze Nordhalbkugel zeitweilig höher auf +und lasse ihr Naß abströmen wie ein auftauchender Seehund. Die rechte +Grunderklärung wissen wir heute noch nicht. Genug aber: der Ozean sank +langsam, ganz langsam etwas mehr südwärts ab.</p> + +<p>Eines Tages stießen die Untiefen aus Kalkmasse, die von den +Korallentieren aufgebaut worden waren, vom Wasser befreit als steile +weiße Kalkinseln aus dem blauen Spiegel heraus. Bald aber dann in den +nördlichsten Teilen unseres Mittelfranken werden auch ganze Stücke +Seeboden zwischen den Korallenklippen sichtbar. Der Meeresgrund hatte +seit alters hier immer eine geringe Neigung von Nord nach Süd gehabt. +So kamen mit dem Sinken des Seespiegels naturgemäß zuerst die höchsten, +nördlichsten Teile der Schrägfläche als „Land“ ans Licht.</p> + +<p>Ans Licht kamen aber mit ihr die Schwammfelder, die Austernbänke, die +zerbrochenen Trümmerstätten der Seelilien, endlich in unendlichen +Massen der lose Schlammteppich jener mikroskopischen Kalkgerippchen der +kleinsten der Kleinen, der Ur-Tierchen.</p> + +<p>Ein ödes Land natürlich anfangs, das da aus der Sintflut stieg. Morsche +Kalkmassen überall, die sich in den Jahrhunderttausenden vorher zu +wahren Gesteinsschichten in der Tiefe übereinander gelagert. Und von +diesem Grundmaterial im Sturmwind aufdampfend Wolken, Sandhosen von +weißem Kalkstaub, zu dem <span class="pagenum" id="Page_134">[Pg 134]</span>jener feinste Grundschlamm sofort zerfiel. +Erst allmählich brachte der Wind selber von fernem, nördlicherem, +älterem Festlande Pflanzensamen herüber, der die Kalkwüste mit grünem +Kleide überzog. Erst allmählich wanderten Landtiere von dort ein, +fliegende Insekten, Landeidechsen, was es um diese Wende der Jurazeit +eben auf trockenem Boden schon an seltsamem Getier gab zu der gleichen +Periode, da die Meerflut noch einen so kuriosen Gesellen wie den +Ichthyosaurus beherbergte.</p> + +<p>Längst aber, als diese „Erregung“ des neuen Landes von Tieren und +Pflanzen glücklich erfolgt war, hatte sich ein anderer natürlicher +Vorgang vollzogen.</p> + +<p>Die Wasser des Himmels, der Atmosphäre, hatten den Boden erobert, den +die Wasser des Ozeans frei gegeben.</p> + +<p>Wolken hatten sich um die alten Korallenriffe gehäuft, — diese waren +ja jetzt Berge. Das Regenwasser sammelte sich oben in Mulden, sickerte +in die Risse des Gesteins, trat unten am Fuße der Kalkschroffen als +murmelnder Silberquell hervor. Der Quell brach sich durch das immer +noch südwärts geneigte Flachland weiter Bahn, — bis er endlich das +Meer doch noch erreichte. Freilich nicht mehr das tiefe, abgrundtiefe +Meer, in dem einst Seelilien geblüht hatten. Sondern bloß das alte +Frankenmeer auf dem Punkt seines Abzuges, — an der äußersten Stelle, +da es, unablässig sinkend, die schräge Ebene des aufsteigenden Landes +mit oberster Welle gerade noch beleckte. Draußen ragten überall schon +einzelne trockene Korallenklippen vor. Zwischen ihnen und dem jüngsten +Festlande dehnte sich der Ozean nur mehr in Form einer flachen Bucht +aus, — so seicht, daß man weithin wohl schon bei einer Kahnfahrt den +bunten Seegrund mit seinen Tiergärten hätte durchschimmern sehen. +Menschen und Kähne gab’s freilich noch lange nicht!</p> + +<p>In diese seichte Bucht also fiel jetzt das Flüßchen ein, das lustig +plaudernde Kind der schon längst freien Kalkhügel da drinnen im Lande.</p> + +<p>Sein Süßwasser, das Geschenk der violetten Wolken da hinten, einte sich +der friedlichen Salzwelle, die alle ihre Ozeanswildheit längst selber +hier verloren hatte; stand sie doch schon auf dem Aussterbeetat <span class="pagenum" id="Page_135">[Pg 135]</span>und +mußte erwarten, in wieder tausend Jahren — einer Nachtwache! — selber +nur noch ein ganz stiller, rings von Festland umgebener See zu sein, +der dann gar bald von den einströmenden Bergwassern auch ausgesüßt sein +würde.</p> + +<p>Einstweilen war das Wasser der mittelfränkischen Bucht allerdings noch +Meer, hatte noch offenen Zusammenhang mit der ozeanischen Welt da +im Süden, so sehr auch deren goldene Zeit im ganzen um schien. Noch +sollte es den Bergwässerlein, und kämen ihrer noch so viele, nicht +gelingen, sie diesem Versüßungs-Schicksal unrettbar auszuliefern. Aber +die Silberflüßlein brachten nicht bloß Süßwasser zu ihr. Sie trugen +noch etwas anderes, derberes mit. Und das mußte die Bucht sich gefallen +lassen. Kam es doch zu ihr wie ein alter Bekannter.</p> + +<p>Wo immer die Bäche sich vom Gebirge loswanden: sie waren versetzt mit +<em class="gesperrt">Kalk</em>.</p> + +<p>Durch Kalkgestein hatten sie sich gewühlt, Kalk hatte der Wind mit +jeder Staubwolke in sie hineingeweht, Kalk war um sie und, zerstäubt, +in ihnen bis zur Meeresmündung. Wie Milch ging er in ihnen mit, und +wo die Mündung sich öffnete, da schwamm er mit ins Meer, um dort, im +stillen, salzigen Buchtwasser, alsbald zu Boden zu sinken.</p> + +<p>Im Grunde war’s eine Heimkehr. Das alte Kalkmaterial der Korallen, +Muscheln, Seelilien, Foraminiferen, einst im Ozean gebildet, kehrte +in den Ozean zurück. Fels geworden, den der Regen peitschte, wurde +es abermals Meeresschlamm. Freilich jetzt Schlamm einer Flußmündung +in einer ohnehin verkommenden, verflachenden Bucht eines abziehenden +Ozeans, dessen Stunde geschlagen hatte.</p> + +<p>Hier ist jetzt die erste große Station, die uns zur Kenntnis des +Ur-Vogels verholfen hat, der wundersamen Handlung erster Akt.</p> + +<p>Also Kalk wurde von den Bächen immerfort in die seichte Bucht des +fränkischen Jura-Meeres hinabgespült, Kalk lagerte sich Häutchen um +Häutchen, Schicht um Schicht auf dem Boden dieser Bucht ab. Dabei aber +erhielten diese feinen Kalkhäutchen ganz von selbst eine eigentümliche +Rolle im Naturhaushalt dieses Winkels.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_136">[Pg 136]</span></p> + +<p>Sie wirkten nämlich als Totengräber.</p> + +<p>Wo Wasser ist, da ist reges Leben. Das galt damals wie heute.</p> + +<p>Zwar das Leben der tiefen See war mit dem langsamen Rückgang des hohen +Meeresspiegels auch allmählich geschwunden. Aber um so üppiger grünte +und tummelte sich alles, was zu solcher flachen Ozeansbucht nahe einem +reich belebten Ufer gewohnheitsmäßig gehörte.</p> + +<p>Grüne Wiesen von Seetang dehnten sich unter dem ruhigen Spiegel aus. +Im Tangbusch bargen sich zahllose Fischlein, und die Krebse hatten +hier so recht ihr gesegnetes Reich. Wehte der Wind von der offenen +südlichen See herein, so trieb die Strömung endlose Ketten blauer +oder orangeroter Quallen und Herden bunter, dem Chamäleon gleich +farbenwechselnder Tintenfische landwärts mit sich. Vom Lande umgekehrt +kamen mit dem Luftzug große Libellen und anderes flatterndes Getier, +das wenigstens dicht über die blauen Wellen dahingaukelte.</p> + +<p>Wiederum indessen: wo Leben ist, da ist auch ein ewiges Sterben. +Generationen sinken ins Grab. Das Grab jedes losgerissenen +Pflanzenblattes, jedes abgestorbenen Tier-Körpers aber war in diesem +Falle immer nur wieder der Grund der Bucht, also derselbe stille Grund, +den der einströmende Kalk in gar nicht so sehr langsamer Folge immer +wieder schichtweise zudeckte. So wurden die feinen Kalkschichten ganz +unabänderlich zugleich die Leichentücher all dieses toten Materials.</p> + +<p>Und es gab da immerfort genug so einzusargen. Von oben fielen die +Libellen und andere Land- und Lufttiere, vom Sturm überwältigt, ins +Wasser, ertranken und gerieten auf den Grund. Aus dem Tang-Wald kamen +tote Fische, tote Krebse herab, dazwischen losgeschaukelte Zweiglein +der Tangpflanzen selbst. Auch der einströmende Kalkbach brachte wohl +schon das eine oder andere Kirchhofsgut mit: einen Cypressenzweig, +den schönen Wedel eines Palmfarrnbaumes von den Wäldern landeinwärts; +oder den Kadaver einer Eidechse, die irgendwo weiter innen verunglückt +war. Jeder Sturm von der Seeseite aber warf jene Quallen- und +Tintenfischschwärme nicht nur in die Bucht, sondern erbarmungslos so +hoch bis ins äußere Strandwasser hinauf, daß sie sich die <span class="pagenum" id="Page_137">[Pg 137]</span>zarten +Fangarme und weichen Leiber elendiglich am Sande zu Fetzen schlugen, — +auch sie eine Beute dann des ewig nivellierenden, schnell zudeckenden +Kalkschlammes.</p> + +<p>Die Schichten des Kalkes wurden allmählich ganz von selber ein +Herbarium, ein Museum.</p> + +<p>Weich, wie sie zunächst waren, nahmen sie die Umrißgestalt aller der +kleinen Leiblein, die da in ihren Arm fielen zum ewigen Schlaf, wie +durch eine Art feinsten Naturselbstdruckes in sich auf. War auch der +Leib selber längst entschwunden, so wahrte der Kalk an seiner Stätte +doch noch das treueste, das feinste Schattenbild.</p> + +<p>Die Natur hat ja auch in späteren Tagen noch manchesmal Mittel und Wege +gefunden, in einer wenigstens verwandten Weise Lebensumrisse durch +Steinabdruck aufzubewahren. Das wunderbarste Beispiel aus unserer +Menschheitsgeschichte sind die Leichen aus der Römerstadt Pompeji, die +vielleicht der eine oder andere Leser aus eigener Anschauung kennt. Als +Pompeji im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt vom Vesuv verschüttet +wurde, ergoß sich ein Gemisch von vulkanischer Asche und kochendem +Wasser breiartig über arme Flüchtlinge, die sich verspätet hatten. Sie +erstickten im heißen Brei. Als dann die weiche Masse, die ihre Leiber +wie zäher Teig umhüllte, allmählich hart wurde, blieb der Abdruck, die +Form eines jeden Menschenkörpers wie eine grausige Totenmaske im Stein +stehen. Nach achtzehnhundert Jahren, als Pompeji ausgegraben wurde, +geriet man auf diese zwangsweisen Gräber. Die Körper selbst in ihrer +Höhle waren längst zermorscht bis auf schlotternde Gerippe. Aber die +Höhlung mit ihrem Körperrelief war um jedes Gerippe her noch treu da. +Man bohrte sie an, goß flüssiges Gips hinein und gewann so künstliche +Ausgüsse, die, als man die versteinte Aschenmasse jetzt herunterschlug, +grausig realistische Umrißbilder der Leichen im Todeskampf ergaben: ein +schönes junges Mädchen, einen alten Mann und anderes; auch ein Hund, +der zuckend die Beine über den Kopf schlägt, ist dabei. So stehen diese +armen Zeugen eines Schreckenstages heute im Museum zu Pompeji.</p> + +<p>Im Grunde jener fränkischen Bucht muß das Natur-Verfahren aber noch +sehr viel intimer, viel sorgfältiger gewesen sein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_138">[Pg 138]</span></p> + +<p>Jedes Fiederblättchen, jedes durchsichtige Libellenflügelchen kam in +dem butterweichen Kalkbrei zum zierlichsten Abdruck. Selbst die Qualle, +die doch tot wie ein Gallerttropfen alsbald dahinschwindet, daß keiner +ihre Spur mehr ahnt, prägte ihre charakteristische Gestalt gerade noch +ab, ehe sie zerfloß. Und die Krebse, die Fische, die Tintenfische (der +Tintenfisch ist kein Fisch, sondern ein schneckenartiges Weichtier!) +malten sich auf, als hätte sie einer zuerst in braune Farbe getaucht +und dann so fest gegen eine frisch gestrichene weiße Wand gepreßt, +daß jedes Spitzchen und Fühlerchen der Silhouette nur ja haarscharf +herauskomme.</p> + +<p>Es war in diesem Kalkgrunde, als schreibe und drucke die fränkische +Uferwelt der letzten Jura-Tage ihr eigenes Tagebuch, ein Tagebuch aus +Photographien, Bilderbuch und Lebensbuch zugleich.</p> + +<p>Aber selbstverständlich: so reizend exakt wie dieses Tagebuch auf +Kalkblättern wurde, — es wurde zunächst unabänderlich ein ganz +verborgenes Tagebuch, ein Geheimbuch. Hatte sich heute eine feine +Kalkhaut wie ein Herbariumblatt über einen Tangzweig oder eine +Hummerschere gelegt, so lagerten sich morgen schon wieder neue Häutlein +darüber und übermorgen abermals welche. Abdruck um Abdruck verschwanden +so alsbald wieder in dem stets dicker anschwellenden Folianten, ohne +daß irgend ein Wesen damals in dem Wassergrün und Himmelsblau oben +darüber ein Interesse daran gehabt hätte, die steinerne Familienbibel +noch einmal aufzublättern.</p> + +<p>Denn es fehlte ja gänzlich noch auf dieser Erde das große +„Interessen-Wesen“, — der Mensch.</p> + +<p>Und der fehlte noch lange.</p> + +<p>Jahrmillionen rauschten dahin. In ihnen versiegten schließlich die +Kalkbäche, in ihnen schwand die ganze fränkische Meeresbucht. Das +Getier, das sie belebt hatte, starb aus oder stellte sich selber durch +Fortentwickelung so gründlich auf den Kopf, daß keiner es mehr wieder +gekannt hätte. Zuletzt gab es in ganz Franken und weiter in ganz +Deutschland kein Land mehr mit Cypressen- und Palmfarrn-Wäldern, und +es gab auch kein Meer mehr tief drinnen im Lande, weder tiefes, noch +seichtes.</p> + +<p>Da, wo die Frankenbucht einst in der Sonne geglitzert, bildete <span class="pagenum" id="Page_139">[Pg 139]</span>der +alte Grund der Bucht jetzt soliden deutschen Vaterlandsgrund, den die +Berghacke als festen Kalkstein aufschlug.</p> + +<p>Hoch über der uralten Familienbibel aus Jura-Tagen grünte stattlicher +deutscher Wald.</p> + +<p>Und alle die alten Seiten, zwischen denen die Portraits der mythisch +urältesten Cypressenzweige, Tangbüschel, Fische, Krebse und Quallen +immer noch fein säuberlich eingedruckt lagen, stellten zäh miteinander +verwachsen einen ungeheuren Gesteinsblock dar, fremd und gleichgültig +jetzt erst recht zunächst für das neue Geschlecht wimmelnder Erdwesen, +das als „Mensch“ sich Straßen durch die Täler dieses Frankenlandes +baute, Dörfer gründete und für Berg und Tal und Fluß Namen erfand.</p> + +<p>Nun wird die Geschichte fromm. Der heilige Sola, ein Schüler des +Bonifatius, lebt als Eremit im Lande. Von ihm heißt heute ein Ort im +Herzen des klassischen Bodens Solnhofen. Es wird der Heiligkeit des +Mannes keinen Abbruch tun, wenn man versichert, daß er weder von einer +Jura-Zeit noch von einem eventuell in diesem Erdenschoße verborgenen +Tagebuche dieser Zeit auch nur die leiseste Ahnung besessen habe.</p> + +<p>Uns aber tut not, daß wir auch über den heiligen Sola hinweg noch +tausend und einige Jahre springen bis auf einen zweiten Menschen, der +zwar nicht heilig gesprochen worden ist, aber trotzdem ein unverkennbar +wertvolles Glied der Menschheit war, — nämlich auf den braven Aloys +Senefelder.</p> + +<p>Hier beginnt das zweite Kapitel des weltgeschichtlichen Romans.</p> + +<p>Senefelder glückte nämlich etwas, was der heilige Sola wahrscheinlich +in der Zukunftsperspektive so wenig geahnt hatte, wie er rückschauend +die fränkische Bucht des Jura-Meeres gekannt hatte. Er machte den +Ort Solnhofen von einem Tag zum andern weltberühmt, ja einzig in +seiner Art. Er schuf einen Zusammenhang zwischen der gesamten +Menschheitskultur und diesem unscheinbaren verborgenen fränkischen +Dorfe.</p> + +<p>Senefelder erfand nämlich um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts +die Kunst der Lithographie, die Kunst, auf Stein zu zeichnen und durch +bestimmte genial vereinigte Methoden von <span class="pagenum" id="Page_140">[Pg 140]</span>solcher Zeichnung beliebige +Abbilder mit Hilfe des Steines selbst zu drucken.</p> + +<p>Diese Erfindung aber war im buchstäblichen Sinne einer einzigen +Stein-Art der Welt „auf den Leib“ erfunden, und das war der Kalkstein +von Solnhofen. Er allein bot die wahren Grundlagen des neuen +Verfahrens, er ließ sich entsprechend färben und bearbeiten, daß +die „lithographische Platte“ wirklich entstand, er ließ sich ohne +Ausfaserung haarscharf schneiden, er ließ sich in der Druckpresse +unglaublich belasten, ohne zu springen, — kurz, die neue Kunst hätte +besser den Namen „Solnhofener Kunst“ als allgemein Steindruck verdient, +so eng gehörte gerade dieser Stein als Grundlage dazu. Heute noch, nach +hundert Jahren und nach unzähligen Versuchen, in denen alle Nationen +gewetteifert haben, steht der Stein Frankens ohne ernstliche Konkurrenz +da, ein deutsches Nationalprodukt so ausgesprochen wie wenige. Die +ganze Welt holt ihre Platten aus Solnhofen und nicht auszusagen ist +der Gewinn, den Kunst wie Wissenschaft der gesamten Kultur in diesen +hundert Jahren diesem ihrem wahren „Bilderstein“ danken.</p> + +<p>Wunderbares Zusammentreffen der Dinge! Am Tage, da Aloys Senefelder +seinen Fund der Oeffentlichkeit offenbarte, stand also in der +Notwendigkeit der Folgen fest geschrieben, gleichsam lapidar in Stein +geritzt: daß auf der Hochfläche westlich von Solnhofen und noch an +einigen anderen Punkten unbedeutend weiter davon der Wald fallen +werde, die Picke einsetzen und Steinbruch um Steinbruch sich in den +Boden eingraben werde, — daß der Mensch mit seiner ganzen fabelhaften +Zähigkeit sich über diesen Block alten Jurakalkes stürzen und ihn +Platte für Platte herausbauen werde, als sei die Parole ausgegeben: +hier liegt Gold. Es lag ja bares Gold tatsächlich genug darin neben +allem Kunst- und Wissenschaftszweck. Und bei dieser Gelegenheit also +mußten jetzt das gesamte Tagebuch von Anno dazumal, die gesamten +Chronikblätter der Familienbibel jener Ichthyosaurus-Zeit mit zutage +kommen, Seite um Seite, mit all ihren Fratzen-Bildern und urweltlichen +Handschriften — zutage kommen mitten im hellen Licht des neunzehnten +Jahrhunderts.</p> + +<p>Wohl schien der Sinn dieser Auferstehung zunächst noch <span class="pagenum" id="Page_141">[Pg 141]</span>etwa +vergleichbar jener Art, wie in barbarischen Tagen köstliche Pergamente +alter Klassiker-Handschriften wohl behandelt worden sind: Schülerhände +benutzten die alten Pergamentblätter noch einmal rein als „Papier“ und +überkritzelten die unschätzbare Handschrift mit ihren Stümpereien, als +sei sie selber das absolut Gleichgültige und nur der „Stoff“ wertvoll. +Aber in Wahrheit war das neunzehnte Jahrhundert doch schon viel zu klug +zu solchem einseitigen Streich.</p> + +<p>Schließlich hätte die ganze Kunst der Lithographie selber gar keinen +Zweck gehabt, wenn nicht die Wissenschaft als solche gleichzeitig +geblüht hätte. Und diese Wissenschaft verstand alsbald auch zum Mittel +den Text.</p> + +<p>Als Senefelder seine Erfindung machte, kam Smith in England gerade auf +eine erste klare Tabelle der verschiedenen Epochen der Erdgeschichte, +zu denen auch die Jurazeit gehörte. Und als die Lithographie ihren +Triumphzug durch die Welt begann, da hatte Leopold von Buch schon +meisterhaft diese Jurazeit aus ihren hinterlassenen Gesteinsschichten +beschrieben und eingeteilt, und die neue Technik selber half die +Bilder von Gerippen des Ichthyosaurus und der anderen Juraungeheuer in +wissenschaftlichen Kreisen verbreiten.</p> + +<p>Auch in den Steinbrüchen von Solnhofen ließ sich diese Stimme der Zeit +nicht mehr unterdrücken.</p> + +<p>Dem schlichten Arbeiter fiel auf, daß seine Platten, die er roh erst +für den menschlichen Bilderdruck brach, des öfteren schon „illustriert“ +aus dem Gestein kamen. Krebse waren darauf gemalt, Fische und allerhand +anderes Getier. Langgeflügelt, aber spindeldürr von Leib zeigten sich +die Bildchen riesiger Libellen, und gerade die kamen so regelmäßig +wieder, daß die Leute sich bald volkstümliche Namen dafür erfanden: +„Schladenvögel“ und „Stangenreiter“.</p> + +<p>Es war das uralte Tagebuch, das langsam aufgeblättert zurückzukehren +begann!</p> + +<p>Den ersten echten Forschern, denen irgend ein Steinbruchbesitzer +so eine Reliquie abließ, ward sofort klar, daß man da vor einer +geologischen Handschrift ersten Ranges stehe. Und zum gleißenden +Weltrufe Solnhofens trat gar bald noch ein feinerer, <span class="pagenum" id="Page_142">[Pg 142]</span>vergeistigter +Schmelz: der Ruf als Fundstätte von Tier- und Pflanzenresten der +Jurazeit in einer Art der Erhaltung, wie sie eben auch nur dieser +köstlichste lithographische Kalkschiefer einmal in der ganzen Welt +uns gewährte. Die Museen meldeten sich, man bot stattliche, immer +gesteigerte Summen für jede schon von der Natur bemalte Platte.</p> + +<p>Und so begann denn die wahre Auferstehung der fränkischen Bucht in +ihrem <em class="gesperrt">ganzen</em> Inhalt und Sinn. Wie ein echter Kodex des Tacitus +oder Aristoteles kam jede Seite ihres Tagebuchs unter Glas und Rahmen, +und hundert Weise der Weisesten schrieben den Kommentar dazu, der bald +selbst wieder dicke Bände füllte.</p> + +<p>Hier jetzt ist der Punkt, wo die engere Geschichte unseres Ur-Vogels +erst möglich wird, — auf so weitem Umweg vom Stoff zum Geist.</p> + +<p>Es war im Jahre 1860.</p> + +<p>Man hatte jetzt, dank der Forschung von hundert Jahren und dank +gewissen großartigen Fundstellen, ein ziemlich klares Bild von der +längstverflossenen Jura-Zeit. Man träumte sich mit mehr oder weniger +„wissenschaftlicher Exaktheit“ in ihre Länder und Meere zurück, meinte +ihre Araukarien- und Cycadeen-Wälder in Deutschland wieder rauschen +zu hören und wußte nachgerade sehr gut, daß bei Solnhofen einmal eine +flache Meeresbucht bestanden hatte und in Schwaben einmal ein tiefes +Meer, durch das der Ichthyosaurus scharenweise dahingeschwänzelt war.</p> + +<p>Man hatte aber auch sonst Ideen über allerlei, kluge und dumme, wie das +der Weltweisheit besonders in Geschichtsfragen so der Lauf ist.</p> + +<p>Man hatte unwiderleglich klar vor Augen, daß in der Jura-Zeit vieles +grundverschieden gewesen sei von heute. Dieser Solnhofener Kalkschlamm +hatte die zarteste gallertige Qualle abkonterfeit und selbst die +flüchtige Fußspur bewahrt, die zur Ebbezeit ein spazierenwandelndes +Reptil in ihn abgedrückt, ganz richtig die alten Tatzen, wie ein +Mensch etwa in die berüchtigte rote Erde Westfalens nach einem braven +Landregen die Nägel seiner Schuhsohlen drückt. Aber keine Rede, daß +in diesem Juramorast wirklich <span class="pagenum" id="Page_143">[Pg 143]</span>schon einmal auch ein zierliches +Menschenfüßchen mitversteinert sich fände. Man merkte recht wohl: +Menschen hatte es damals nun ganz gewiß noch nicht gegeben. Dafür fand +man Tiere vom Volk der Eidechsen, der Reptile in den aufdringlichsten +Mengen, und man hatte sich längst gewöhnt, die ganze Jura-Zeit als die +recht eigentliche Blütezeit der Reptilien zu bezeichnen.</p> + +<p>Das Reptil steht aber in der Reihe der höheren und höchsten Tiere, +der sogenannten Wirbeltiere, immerhin noch ziemlich tief bei der +Rangordnung unseres Systems.</p> + +<p>Diese Rangordnung wird wesentlich durch den Gedanken bestimmt, daß +der Mensch die Krone aller Lebensentfaltung sei. An ihm mißt man +unwillkürlich. Dem Menschen stehen nun Säugetier und Vogel sehr viel +näher als eine Eidechse oder Schildkröte. Sie haben dauer-warmes Blut +wie er, ihr Gehirn ist viel verwickelter gebaut und was der Merkmale +mehr sind.</p> + +<p>Da nun die Jura-Periode so aufdringlich gerade Eidechsen und verwandte +Reptile wies, nahm man also an, die ganze Tierwelt sei damals gleichsam +noch um eine Stufe zurück gewesen. Zu den höchsten Wirbeltieren „habe +es noch nicht recht gelangt“, — einerlei nun, wie man sich dieses „es“ +damals ausmalen wollte. Der Glaube an Darwins Entwickelungsgesetze +war ja 1860 erst in den nüchternsten, allerdünnsten Anfängen, und die +meisten Naturforscher neigten viel mehr zur Annahme übernatürlicher +Eingriffe bei Vernichtung wie Entstehung der Tierwelt in den +verschiedenen Epochen der Erdgeschichte.</p> + +<p>Jedenfalls aber schienen die Tatsachen so viel zu lehren, daß sowohl +Vögel wie Säugetiere damals nur erst eine ganz untergeordnete, wenn +nicht gar keine Rolle gespielt hätten.</p> + +<p>Von Säugetieren besaß man neuerdings ein paar einzelne versteinerte +Unterkiefer aus Gestein der Jura-Zeit, aber das war auch alles. Sie +gehörten der nahezu niedrigsten Säugergruppe, den Beuteltieren, an und +schienen noch ganz vereinzelte Vorläufer erst anzudeuten.</p> + +<p>Von Vögeln aber wußte man überhaupt eigentlich noch nichts rechtes +aus so entlegener Zeit. Da waren wohl ein paar riesige dreizehige +Fußstapfen auf uralten Steinplatten gelegentlich (<em class="gesperrt">nicht</em> <span class="pagenum" id="Page_144">[Pg 144]</span>in +Solnhofen) entdeckt worden. Waren es Vogelspuren? Von ungeheuern, +beinahe haushohen Störchen?</p> + +<p>Die einen ließen es zu, die andern bestritten es. Und diese andern +haben recht behalten. Denn was da herumgestapft war, sind, wie wir +heute wissen, auch nur Reptilien gewesen, zehn Meter lange Saurier, die +nach Art der Känguruhs auf den Hinterbeinen hüpften.</p> + +<p>Um so mehr mußte bei solcher Sachlage nun ein kleiner Fund in Erstaunen +setzen, der im genannten Jahre so recht nebensächlich wie etwas ganz +Harmloses zwischen all den Fischen, Krebsen und „Stangenreitern“ von +Solnhofen auftauchte.</p> + +<p>Auf einer frischgebrochenen lithographischen Platte zeigte sich ein +zierliches Federchen.</p> + +<p>Den Fisch erkennt man an den Flossen, den Vogel an der Feder, lautet +ein altes Wort der Volksnaturgeschichte. Für den Fisch stimmt es ja +nun nicht ganz, und das ist eine Quelle ungezählter Mißverständnisse +geworden. Denn der Walfisch zum Beispiel hat auch, äußerlich +angeschaut, Flossen, und doch ist er ein so echtes Säugetier wie jede +Katze oder jedes Meerschweinchen. Um so mehr hat der Satz aber seine +Richtigkeit für den Vogel. Ein Tier, das Federn trüge, gibt es in der +Tat außer dem Vogel nicht.</p> + +<p>Wir wissen heute so genau, wie man überhaupt auf solchen Gebieten etwas +weiß, daß die Feder nichts wesentlich anderes darstellt, als eine +umgewandelte, verfeinerte, höheren Bedürfnissen angepaßte Schuppe, +also etwa als eine Eidechsenschuppe. Aber ein Tier, das bei seiner +Körperbedeckung gerade diese höchst charakteristische Umwandlung +durchgemacht hätte, kennen wir außer dem Vogel schlechterdings nicht.</p> + +<p>Fragte sich also bloß, ob jenes Naturselbstdruck-Bildchen im +Solnhofener Stein eine echte Feder war.</p> + +<p>War es nicht doch ein täuschend ähnliches Pflanzenblatt?</p> + +<p>Es ist anzunehmen, daß das einen langen und vielleicht aussichtslosen +Gelehrtenzwist gegeben hätte, wäre das treue Bilderbuch von Solnhofen +nicht wenig hinterher abermals helfend eingesprungen.</p> + +<p>In einem Steinbruch der sogenannten Langenaltheimer Haardt <span class="pagenum" id="Page_145">[Pg 145]</span>nahe bei +Solnhofen kam schon im nächsten Jahre, also 1861, eine größere Platte +zutage, die denn nun den allersonderbarsten Anblick gewährte.</p> + +<p>Eine Anzahl wüst zerstreuter Knochenteile. Und darum herum der denkbar +deutlichste Abdruck einer ganzen Masse von Federn!</p> + +<p>Ein Arzt in Solnhofen, Ernst Häberlein, trat als glücklicher Besitzer +der Wunderplatte auf. Er schickte die allgemeine Kunde davon in die +Welt, verlangte aber einen kolossalen Preis. Gelehrte dürften das Ding +besehen, aber einstweilen nicht abzeichnen. Der Fachforscher Oppel kam +als Erster hinzu. Da er nicht nach dem Original zeichnen durfte, machte +er einen Hauptstreich; er lernte das ganze Bild bis in jede Einzelheit +auswendig und zeichnete es — eine Prachtleistung — daheim aus dem +Gedächtnis nieder. Auf Grund dieser ersten wissenschaftlich ernst zu +nehmenden Skizze gab dann Andreas Wagner in München dem „neuen Tier“ +einen lateinischen Namen.</p> + +<p>Die Umstände waren aber so sonderbare, daß ein dritter Fachmann, der +Zoologe Giebel, rundweg die ganze Platte für regelrechten Schwindel +erklärte. Oppels Zeichnung wies, so schien es, Eidechsenknochen mit +Federn vereint. Wagner hatte also auf eine befiederte Eidechse geraten. +Das wollte aber Giebel, der ein Fanatiker der natürlichen Schranken im +System der Tiere war, nicht in den Kopf. Wenn die Knochen von einer +Eidechse stammten, so waren die Federn hinzugelogen! Menschliche Kunst +hatte sie nachträglich in den echten Fund „hineinlithographiert“!</p> + +<p>Dieses Hin und Her der Ideen machte eine ferne Geldmacht sich zu +Nutzen: ehe noch die Oppel und Giebel sich geeinigt hatten, hatte das +Britische Museum zu London auf den Rat seines großen Helfers Richard +Owen hin das Streitobjekt für bare 14000 Mark angekauft.</p> + +<p>Es ist die Platte, die heute in unserm Berliner Museum im Kasten +<em class="gesperrt">rechts</em> in einer täuschend ähnlichen Gips-Nachahmung steht. Das +Original ist heute noch in London.</p> + +<p>Die Platte mit dem seltsamen Tier war echt. Darüber blieb kein Zweifel +weiter.</p> + +<p>Aber sie war zugleich unverkennbar schlecht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_146">[Pg 146]</span></p> + +<p>So köstlich sonst der Solnhofener Stein seine Abdrücke zu liefern +pflegte und so fein er sich auch hier darin bewährt hatte, daß die +zarten Vogelfedern tatsächlich wie auf einer von Menschenhand besorgten +Lithographie zum Ausdruck kamen, — der Gegenstand selber war diesmal +ein überaus mangelhafter gewesen schon damals, als der Kalkschlamm ihn +deckte.</p> + +<p>Ein geflügeltes, vogelähnliches Geschöpf war auf den Schlammgrund +der Bucht geraten, tot jedenfalls schon, und es war im Seichtwasser, +so schien es, von irgend welchen räuberischen Tieren, wahrscheinlich +den Allerwelts-Totengräbern, den Krebsen, angefressen und +auseinandergezerrt worden. Diese armen Krebse wußten ja nicht, daß sie +einen Gegenstand zernagten, der nach Millionen von Jahren noch einmal +weltgeschichtliche Bedeutung erlangen sollte. Sie verschleppten Kopf, +Hals und Brust vollständig, so daß sie auf der Platte überhaupt fehlen. +Den Rest aber warfen sie so hübsch durcheinander, als sollte es ein +wahrer Rösselsprung für die Gelehrten werden.</p> + +<p>Und nur ein Glück dabei: die Federn, Füße, Krallen und Wirbel hatten +keinerlei kulinarisches Interesse, und so hatten wir also alles +glücklich behalten, was gleichsam bei der Mahlzeit auf den Tellerrand +kam. Die Naturforscher mußten genügsam sein. War es doch gerade noch +genug, um sie — gründlich zu verwirren.</p> + +<p>Der alte Professor Giebel hatte darin ganz recht gesehen: wenn’s +diesen Vogel <em class="gesperrt">gab</em>, dann brach ein ganzes Stockwerk menschlicher +System-Kunst zusammen.</p> + +<p>Man sah auf der schlechten Platte aufs deutlichste noch die Umrisse +eines Tieres mit Federn, dessen Vorderbeine durchaus in der Art eines +Vogels zu Flügeln mit großen Schwungfedern und Deckfedern umgebildet +waren.</p> + +<p>Jedermann kennt ja das charakteristische Bild eines Vogels: der Vogel +fliegt mit den Vorderbeinen oder, menschlich gesprochen, den Armen und +den Federn, die an den Arm- und Handknochen sitzen wie die Zähne eines +großen Kammes. Mit den Hinterbeinen dagegen stützt er beim Sitzen und +Laufen allein den Körper auf: er ist hier ein echter Zweibeiner.</p> + +<p>Vogelflügel und Vogelhinterbeine ganz in diesem Sinne hatte <span class="pagenum" id="Page_147">[Pg 147]</span>nun das +alte Rätselwesen offenbar auch gehabt. Die Hinterfüße zumal waren so +gut wie gar nicht von denen eines heutigen Vogels zu unterscheiden, und +auch die Schwingen selbst waren Vogel in jeder Faser. Man schloß also +von hier aus unmittelbar auf ein Tier, das eine Stufe höher stand als +die Eidechse, das im Leben dauernd warmes Blut und ein Herz nicht nur +mit zwei Vorkammern, sondern auch zwei wohl getrennten Hauptkammern +besessen hatte, — kurz, das im System als Vogel zu gelten hatte.</p> + +<p>Ein Vogel von Krähengröße — und dieser Vogel Zeitgenosse der +Ichthyosaurier.</p> + +<p>Das war ja immerhin sehr merkwürdig, doch jenen großen System-Sturz +bedingte es an sich noch nicht. Aber die Sache ging eben noch weiter +und zwar ging sie gerade <em class="gesperrt">nicht</em> so weiter, wie es jetzt logisch +hätte sein sollen, — das heißt „logisch“ im Sinne der Tierkunde von +1861.</p> + +<p>Auf derselben Platte lag als Bestandteil eines und desselben Tieres +ein Rückgrat aus Wirbeln von der Form einer Sanduhr, wie sie in dieser +Gestalt nirgendwo bei lebenden Vögeln, dagegen wohl bei Reptilien, +zum Beispiel gerade beim Ichthyosaurus, vorkommen. An dieses Rückgrat +schloß sich in einer Deutlichkeit, die selbst dem Laien auf der Platte +auffallen muß, ein geradezu riesiger Schwanz an. Dieser Schwanz bestand +aus zwanzig Schwanzwirbeln, die gegen Ende immer schlanker wurden. An +jedem Wirbel saßen je zwei große Federn, so daß der ganze Schwanz etwa +das Ansehen eines jener Palmwedel in unsern Begräbniskränzen gehabt +haben muß.</p> + +<p>Wir alle kennen ja unsern schönen Pfau und wissen, daß der auch einen +echten Federschweif von ganz gewaltiger Länge gravitätisch hinter +sich herschleppt. Aber auch beim stattlichsten Pfauhahn reicht kein +Knochen in jener Weise bis tief in den Schwanz hinein, so daß die Form +eines jederseits befiederten Blattes entstände. Kurz nur ist das echte +Knochenschwänzchen am Gerippe des Pfaues wie bei allen lebenden Vögeln. +Die Anzahl der Schwanzwirbel keines Vogels geht über neun hinaus, +und allermeist spitzen selbst diese sich nicht wie ein Rattenschwanz +nach hinten zu, sondern das letzte Schwanzstück bildet einen derben +<span class="pagenum" id="Page_148">[Pg 148]</span>Knochen in der Form einer Pflugschar, von dem die großen Schwanzfedern +fächerartig ausstrahlen. Auch die Länge des Pfauenschweifs ist in +diesem Sinne nur ein Ergebnis der ungeheuren Länge jeder einzelnen +Prachtfeder, nicht aber der wahren Länge des Schwanzknochenstücks.</p> + +<p>Ganz anders aber auf der Platte dort. Dieses Palmblatt da war eben +gar kein Pfauen- oder sonst ein großer Vogelschwanz: der lange, +zugespitzte, durch und durch von knöchernen Wirbeln getragene Schwanz +einer <em class="gesperrt">Eidechse</em> war es, dem bloß Vogelfedern äußerlich ansaßen.</p> + +<p>Und ein drittes Wunder, ein dritter Widerspruch. Der Flügel war ein +Vogelflügel und doch war er’s in einem Punkte auch wieder nicht. +Im echten Vogelflügel, sagte ich eben, stecken Arm und Hand des +Vogeltieres. Aber sie stecken auch <em class="gesperrt">ganz</em> darin und zumal die +Hand ist völlig verarbeitet gleichsam in den Flügel hinein. Bei dem +Solnhofener „Vogel“ ragte dagegen die Hand als solche noch über den +Flügel hinaus, an der Flügelecke saßen drei scharfe Krallen auf +getrennten Fingern, — dieses Tier konnte in gewisser Weise mit dem +Flügel also auch noch greifen, sich mit ihm beim Klettern oder Kriechen +festhaken. Auch dieser Vogelflügel war, mit einem Wort, noch halb eine +echteste Eidechsenklaue.</p> + +<p>Das Fazit aus all diesen Sonderbarkeiten: das neue Tier war +<em class="gesperrt">entweder</em> eine fliegende Eidechse mit Vogelfedern; <em class="gesperrt">oder</em> es +war ein Vogel mit so und so viel Merkmalen noch der nächstniedrigeren +Tierklasse, der Eidechsen.</p> + +<p>Dieses Entwederoder spiegelte sich zunächst in der wissenschaftlichen +Namengebung wieder. Der Professor Wagner in München war für die +befiederte Eidechse und taufte also <span class="antiqua">Griphosaurus</span>, zu deutsch der +Greifer-Saurier; Saurier dabei soviel wie eidechsenartiges Tier; der +Greif der bekannte Vogel der Sage.</p> + +<p>Umgekehrt Hermann von Meyer in Frankfurt vertrat den Vogel und nannte +ihn seiner Urtümlichkeit halber <span class="antiqua">Archaeopteryx</span>, das ist: Urvogel. +Das griechische Wort ist, nebenbei bemerkt, weiblich, man muß also +korrekt sagen: <em class="gesperrt">die</em> Archäopteryx; durch die unwillkürlich +untergelegte Uebersetzung in „<em class="gesperrt">der</em> Urvogel“ hat <span class="pagenum" id="Page_149">[Pg 149]</span>sich freilich in +die Mehrzahl aller Bücher der männliche Artikel eingeschmuggelt und ist +heute kaum noch wieder zu verbannen.</p> + +<p>Am britischen Museum, wo man den Schatz selber jetzt fest besaß, wurde +Archäopteryx als Name übernommen und so ist diese Taufe endgültig +geworden. Mit dem Zwist über die Sache war’s aber damit noch nicht +getan, der ging jetzt erst recht los.</p> + +<p>In den folgenden zehn Jahren nahm die Lehre Darwins ihren ersten +Hochflug.</p> + +<p>Die Darwinianer brachten einen ganz neuen Gärungsstoff in die +Tierkunde. Wo die Systematik wackelte, da freuten sie sich, denn das +war gerade ihr Fall. Wenn es ein Tier gab wie den wunderlichen Fisch +Amphioxus, den der eine Systematiker für einen Fisch hielt und der +andere für ein wirbelloses Tier, so schossen sie Viktoria: hier lebte +uns also eine Uebergangsform vom wirbellosen Wurm zum Fisch, ein Zeuge +noch der alten Entwickelung, die da vor Zeiten einmal vom Wurm zum +Fisch geführt hatte. Und wenn die Systematiker wetterten, es gebe in +Südamerika einen leibhaftigen „Molchfisch“, ein Tier mit Merkmalen halb +des Molches und halb des Fisches, das man schlechterdings nicht in die +Museumsschränke und ihr „Hie Molch, hie Fisch“ einzuordnen wisse —, so +war das abermals Wasser auf ihre Mühle: — der Molch hatte sich eben +über diesen Molchfisch hinweg aus dem Fisch entwickelt.</p> + +<p>Durch diese Darwinianer wurde nun auch die Archäopteryx-Platte alsbald +im weitesten Kreise berühmt, ja für die Gegner berüchtigt.</p> + +<p>Der „Ur-Vogel“ wurde hier aus einem bloß zeitlichen Alterspräsidenten +des Vogelgeschlechts umgedeutet in einen wahren Patriarchen +der Federwelt, — maßen dessen auch er so eine wirkliche +entwickelungsgeschichtliche Uebergangsform sei: nämlich das leibhaftige +Bindeglied zwischen Eidechse und Vogel.</p> + +<p>In jener entlegenen Jura-Zeit, hieß es, waren die Dinge da noch in +vollem Fluß gewesen. Gerade wollte der Vogel sich herauskristallisieren +aus dem Reptil, der Eidechse. Und so hatte dieser kleine Gast der +Solnhofener Bucht noch die Scheide zweier Welten in sich verkörpert. +Zwei Tiere wohnten schon in seiner Brust, wie die zwei Seelen in der +des Doktors Faustus. Das eine Tier <span class="pagenum" id="Page_150">[Pg 150]</span>haftete noch nach Reptiliums-Art +am Boden „mit klammernden Organen“, es hakte sich mit seinen Krallen +an die Rinde des Urwaldbaumes und schleppte schwänzelnd ein langes +Eidechsenanhängsel hinter sich her. Das andere Tier im selben Leibe +aber „hebt gewaltsam sich vom Dust“, — es flog schon als beschwingter +Vogel lustig frei über Wald und Meer dahin.</p> + +<p>Von alledem wollten aber wieder, wie sich versteht, die Gegner nicht +ein Sterbenswörtchen wahr haben. Ihnen war das ärgerliche Tier trotz +allem entweder ein echter Vogel oder eine echte Eidechse, und sie +hofften bloß auf den Retter, der das durch eine noch im Quadrat und +Kubus verfeinerte Bestimmung eines Tages doch noch unwiderleglich +dartun werde, — auf daß die heilige Ordnung im Museumsschrank Ruhe +finde und das leidige Herumdenken angesichts einer bombenfesten +„Nummer“ im System aufhöre. War doch für viele dieser Herren die +Systematik wirklich „heilig“, sie war der „Schöpfungsplan“, und wer +daran rüttelte, der war nicht mehr ein Naturforscher, sondern ein +Gottesleugner, ein Bedroher der sittlichen Weltordnung und Anarchist.</p> + +<p>Für beide Lager aber blieb ein gemeinsamer Wunsch.</p> + +<p>Es möchte nämlich das Tagebuch von Solnhofen noch ein zweites Stück des +Urvogels hergeben, damit man in der Sache selbst sicherer unterrichtet +sei.</p> + +<p>Es geschah im Jahre des Heils 1877, daß dieser Wunsch in einer Weise +erfüllt wurde, die den guten Geistern von Solnhofen die Krone aufsetzte.</p> + +<p>Noch einmal beginnt das geheimnisvolle Versteckenspiel wie vor sechzehn +Jahren.</p> + +<p>Der Steinbruchbesitzer Dürr findet auf seinem Grundstück auf dem +Blumberg bei Eichstätt, also dreieinhalb Wegstunden von jener +Langenaltheimer Haardt, wo das erste Stück lag, im lithographischen +Schiefer eine neue Platte mit vorlugendem Federrest. Sogleich ist auch +der bewußte Herr Häberlein wieder zur Stelle, erwirbt (um welchen Preis +ist nicht überliefert) den rohen Stein und spaltet ihn mit einem lang +bewährten Geschick so auseinander, daß der ganze Inhalt nach Entfernung +der Deckscheibe wie auf einer feinen Druckplatte vor Augen tritt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_151">[Pg 151]</span></p> + +<p>Diesmal ist’s eine geradezu <em class="gesperrt">tadellose</em> Archäopteryx.</p> + +<p>Unzerfressen, frisch hingeworfen, als solle sie für ein Museum eben +ausgebalgt werden: Kopf, Hals, alles ist diesmal daran.</p> + +<p>Herr Häberlein weiß allsogleich, was er hat, und er weiß auch, wie die +Dinge betrieben werden müssen. Ganz wie damals geht zuerst ein dunkles +Munkeln in die Naturforscherkreise. Die Platte soll nicht abgezeichnet, +nicht photographiert werden, ehe sie nicht verkauft ist. Und zwar ist +ein Verkaufspreis angesetzt, der, wie man in Berlin sagen würde, „nicht +von schlechten Eltern ist“. Wie der Vogel aus dem Reptil, so hat er +sich nämlich aus den 14000 Mark, die seiner Zeit in London geboten, +„entwickelt“. Zusammen mit einer Anzahl schlichterer Solnhofener +Sachen, soll die Platte diesmal bloß 36000 Mark kosten, — ein guter +Entwickelungsfortschritt.</p> + +<p>Trotz dieses Riesenpreises lag die Möglichkeit nahe, daß England oder +noch wahrscheinlicher Amerika (wo beispielsweise Professor Marsh in +New Haven ebensoviel Geld wie Unternehmungslust vor solchen Dingen zu +bewähren pflegte) sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen würden.</p> + +<p>Der alte Volger, Geologe und Obmann zugleich des von ihm gestifteten +sogenannten Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt am Main, — +derselbe Mann, der durch Ankauf das Frankfurter Goethe-Haus gerettet +hat — versuchte also einen Hauptstreich für dieses Tier, das ganz +gewiß den Geheimrat Goethe auch nicht wenig interessiert haben würde. +Und zwar für die „Deutschheit“ des Tieres. Er schloß einen Vertrag mit +Häberlein des Inhalts, daß die Platte zunächst für sechs Monate dem +Hochstift anvertraut werden solle. In dieser Frist werde das Hochstift +entweder selber die Mittel zum Kauf aufbringen, oder irgend eine +deutsche Körperschaft oder Anstalt dafür zu gewinnen suchen.</p> + +<p>Auch das Hochstift mußte sich wunderlicherweise bei diesem Kontrakt +noch einmal ausdrücklich verpflichten, keinerlei Abzeichnen oder +Photographieren der Platte zu gestatten, ehe der Kauf endgültig sei.</p> + +<p>Nun begannen von Frankfurt aus die nachdrücklichsten Bemühungen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_152">[Pg 152]</span></p> + +<p>Das Hochstift selber konnte keine 36000 Mark beschaffen. Das Deutsche +Reich wurde als solches angerufen, es erfolgte aber der büreaukratische +Bescheid, daß ein „Reichs-Museum“ nicht bestehe, also auch kein Ankauf +von reichswegen erfolgen könne. Die Museen der Einzelstaaten besaßen +sämtlich nicht die Mittel. Man verhandelte, verlängerte die Frist, +focht tapfer mit allen Waffen des Idealismus und der Rechenkunst, — +umsonst. Eines Tages holte Häberlein seinen seltenen Vogel wieder +heim und die Sache mündete abermals ins ausschließlich geschäftliche +Fahrwasser ein.</p> + +<p>Es erfolgten jetzt Verhandlungen mit der Universität Genf, wo damals +der dicke Vogt die Entwickelungslehre vertrat und dieses Prachtstück +ersten Ranges natürlich gern gehabt hätte. Auch die Genfer fielen aber +schließlich vor der Summe ab. Der gute Erfolg war diesmal wenigstens, +daß Häberlein im Preise etwas herunterging. Er ließ 10000 Mark nach. +Blieben also 26000, und auf die hin geschah jetzt nochmals der +Radikalstreich eines deutschen Idealisten.</p> + +<p>Auch an das preußische Kultusministerium, dem die Berliner Sammlung +untersteht, war eine Aufforderung zum Ankauf auf Grund des so +verminderten Preises ergangen. Die Berliner paläontologische Sammlung +gehörte ihrem Umfang und Inhalt nach damals nicht eben zu den +bedeutendsten und konnte eine Auffrischung durch dieses Glanzstück +wahrlich gebrauchen. Man war denn auch nicht gerade ganz abgeneigt, +aber die Sache sollte ihren gemächlichen Instanzenweg gehen, wobei +sich schließlich herausstellen mochte, ob oder ob besser nicht. Ein +Geheimrat wurde nach Pappenheim zum Meister Häberlein entsandt, auf +daß er ein erstes Gutachten abgebe. Man befand sich inzwischen im +April 1880 — nachdem der Fund 1877 erfolgt war. Noch immer gab es +keine wissenschaftliche Beschreibung der Platte. Gerüchte aller Art +liefen um. Man wußte, daß von Pappenheim aus, unbekümmert um alle +Instanzenpausen der Berliner, immer regere Verhandlungen mit dem fernen +Ausland im Gange waren. Man mußte sich, schien es, damit abfinden, +wenn plötzlich das unersetzliche Objekt in einer Kiste irgend eines +Schiffsbauches auf dem Atlantischen Ozean <span class="pagenum" id="Page_153">[Pg 153]</span>schwebte. Frühere Fälle +haben gelehrt, wie zerbrechliche Versteinerungen dabei fahren. Der +einzigartige Schädel des Dinotherium-Elefanten von Eppelsheim bei +Worms, dessen Gypsabguß heute im Berliner Museum steht, war seiner Zeit +schon auf der kurzen Fahrt über den Kanal nach London zu Splittern +zertrümmert worden.</p> + +<p>In diesem kritischsten Augenblick war es denn kein Geringerer als unser +Werner Siemens, der die gute Tat des Hochstifts auf besserer Grundlage +noch einmal tat und zwar ganz aus eigener Initiative und eigener Tasche.</p> + +<p>Auch er legte provisorisch Beschlag auf die Platte, aber in sehr viel +wirksamerer Weise. Er zahlte nämlich von einem Tag zum andern dem +Häberlein die ganze geforderte Summe — es waren jetzt schon nur mehr +20000 Mark — bar aus und war von Stunde an also jetzt selber Herr des +Geschäfts. Die fremden Bewerber wurden abgewiesen und dem preußischen +Kultusministerium das Vorkaufsrecht auf alle Fälle gewahrt. Nach +einiger Zeit kam der Kauf denn auch von hier aus wirklich zustande. Die +Archäopteryx ging aus Siemens’ Hand gegen die ausgelegte Summe in den +Besitz des preußischen Staates über und wanderte ins Berliner Museum +für Naturkunde.</p> + +<p>So hatte das arme Jura-Vöglein, das vor einigen Millionen Jahren an +irgend einem schweren Tage den bitteren Sturz in den Tod und in das +weiche Grab des Kalkschlammes getan, endlich seine Ruhe unter einem +blanken Glasdeckel und vor einer hellen Fensterscheibe.</p> + +<p>Um so stürmischer und lauter aber erhoben über seinem gläsernen +Schneewittchen-Sarge dafür jetzt die kämpfenden Parteien der +Naturforschung ihren Schlachtruf.</p> + +<p>Das zweite Fundstück, das fortan das „Berliner“ hieß im Gegensatz zu +dem Londoner, führte rein sachlich sofort ein Stück weiter. Es zeigte +zum ersten Male den <em class="gesperrt">Kopf</em> der Archäopteryx. War es ein Vogelkopf +— oder ein Eidechsenkopf?</p> + +<p>Wie mancher hatte sich in den Zwischenjahren seit 1861 seinen weisen +Menschenkopf über dieser Frage weidlich zerbrochen. Jetzt rissen die +Schleier. An einem langen, auf der Platte rückwärts gebogenen Halse saß +ein Köpfchen, das im ersten Augenblick ganz <span class="pagenum" id="Page_154">[Pg 154]</span>und gar nur Vogel schien. +Formgröße des Gehirnraums, Lage der Nasenlöcher, Verschmelzung der +Knochennähte, — alles war Vogel, nicht Eidechse. Aber der Blick suchte +den Vogelschnabel, — war’s ein Entenschnabel oder Krähenschnabel? Der +Vogel mußte doch einen Schnabel haben! Der Vogel war aber in diesem +Falle unentwegt aufgelegt, aller Schablone immer wieder ein Schnippchen +zu schlagen, und so hatte er also jetzt überhaupt keinen echten +Vogelschnabel, sondern er trug <em class="gesperrt">Zähne</em> im Ober- wie Unterkiefer. +Zähne einmal wieder wie eine Eidechse!</p> + +<p>Gerade diese Geschichte kam ja damals nicht so ganz überraschend.</p> + +<p>Nunmehr vor sieben Jahren schon, in dem weltgeschichtlichen Winter von +1870, hatte in Nordamerika ein Naturforscher, der das Herausbuddeln +urweltlicher Geschöpfe in echt amerikanischem Großstile betrieb, +Marsh, in Gesteinsschichten aus der Kreide-Zeit die Gerippe von Vögeln +gefunden, die ebenfalls Zähne in den Kiefern trugen. Da war ein +großer Schwimmvogel, den Marsh als „schwimmenden Strauß“ beschrieb — +auf lateinisch: <span class="antiqua">Hesperornis regalis</span>, das ist: der königliche +Westvogel. Er hatte in den Kiefern oben wie unten Rinnen und in diesen +Rinnen steckten echte, unverkennbare Zähne. Im übrigen war er ja ganz +und gar keine Archäopteryx mehr, sondern ein sozusagen waschechter +Vogel wie jeder andere von heute. Aber man wußte jetzt, daß es alte +Vogelformen mit Zähnen gegeben hatte, — noch in viel späteren Tagen +als der Jura-Zeit.</p> + +<p>Nun sah man: die Archäopteryx selber war also auch noch ein +„Zahn-Vogel“, wie man hinfort zu sagen pflegte, gewesen.</p> + +<p>Da sie indessen in allem sonst so sehr ein Gemisch von Eidechse und +Vogel darstellte, so fiel auf die Zähne auch ein neues Licht. Es waren +offenbar auch diese Zähne noch Eidechsen-Zähne, ein Erbe der Eidechsen, +die ja durchweg das bissigste Zahnzeug haben.</p> + +<p>Der Zwist entbrannte sofort wieder lichterloh.</p> + +<p>Zwar die eigentlichen Gegner der ganzen Entwickelungsidee +wurden damals, ums Ende der siebziger Jahre, schon merklich +dünner. Dafür gab es aber <em class="gesperrt">innerhalb</em> eines allgemeinen und +<span class="pagenum" id="Page_155">[Pg 155]</span>vorsichtigen Darwinismus gerade zum Falle Ur-Vogel gar gewichtige +Meinungsverschiedenheiten.</p> + +<p>Man ließ den Kern der Sache zu. Die Mehrzahl der Tierkundigen einigte +sich dahin, daß dieser Solnhofener Schwerenöter eben nicht Fisch, nicht +Fleisch sein <em class="gesperrt">könne</em>, weil er wirklich im natürlichen Werden +der Dinge zwei später widerspruchsvolle Reiche noch geschichtlich +<em class="gesperrt">verknüpfe</em>: die Eidechse und den Vogel. Man mochte sich ja über +die Gesetze dieses Werdens selbst seine Gedanken machen. Die Tatsache +war zu scharf vor Augen, daß die Natur, mochte nun in ihr arbeiten, +was da wollte, keine Sprünge gemacht, keine Systemlücken und scharfen +Abgrenzungsstriche selber erzeugt hatte. Als sie von der Eidechse zum +Vogel wollte, brauchte sie einfach einen Eidechsenvogel als Leiter. Und +der lag uns im Solnhofener Tagebuch vor.</p> + +<p>Aber nun die engeren Fragen. Die Archäopteryx war streng genommen doch +auch gewiß noch nicht die ganze Leiter, sondern nur eine Sprosse. War +sie nun eine Sprosse noch näher zur Eidechse — oder schon näher zum +Vogel? Hierüber ist viel Papier verschrieben worden.</p> + +<p>Der Professor Vogt von Genf, einst ein toller Heißsporn der +„revolutionären Zoologie“, jetzt aber grau von Haaren und bedächtig von +Geist, meinte, das rätselhafte Vieh sei im Grunde doch noch, wie der +alte Wagner behauptet hatte, eine echte Eidechse, die bloß im Punkte +der Befiederung sich dem Vogel nähere.</p> + +<p>In Berlin aber setzte sich der treffliche Wilhelm Dames über die +Platte selbst, feilte alle Einzelheiten zunächst aus dem Stein noch +heraus, die irgendwie zu fassen waren (zum Beispiel ganz zuletzt +noch den täuschend vogelähnlichen Schulter- und Beckengürtel) +und veröffentlichte die fleißigsten Einzelbeschreibungen, — mit +dem wirklich unwiderleglichen Ergebnis, daß gerade umgekehrt die +Leitersprosse der Entwickelung hier schon viel näher beim Vogel als bei +der Eidechse stehe.</p> + +<p>Aus diesem Zwist zwischen Leuten, die alle im ganzen <em class="gesperrt">innerhalb</em> +des Entwickelungsgedankens standen, ist in weiteren Kreisen dann leider +vielfach die grundverkehrte Folgerung gezogen worden, die Archäopteryx +sei überhaupt darwinistisch wertlos. Zumal Dames <span class="pagenum" id="Page_156">[Pg 156]</span>sollte sie entwertet +haben. Das ist aber der helle Unsinn, denn man kämpfte hier gar nicht +mehr um die <em class="gesperrt">Leiter</em> — die stand ein- für allemal fest — sondern +um die eidechsennahe Tiefe oder die vogelnahe Höhe der <em class="gesperrt">Sprosse</em>, +die gerade Frau Archäopteryx vertritt.</p> + +<p>Mag man diese Sprosse aber auch ansetzen, wo man will, so bleibt des +Lehrreichen für ein allgemeines Denken genug.</p> + +<p>Denn wie es nun auch noch wieder mit den darwinistischen Theorien +stehe: der Ur-Vogel führt uns eben als solcher — als Vogel — vor +eines der großartigsten Probleme der Weltgeschichte überhaupt: vor das +Problem vom Fliegen.</p> + +<p>In der Geschichte des Ur-Vogels von Solnhofen wirkt eine bestimmte +Verknüpfung der Zufälle ganz besonders drollig. Der Vogel, der als +erster kühn die Luft erobert hatte, die freie Luft sogar jenseits des +festen Erdbodens, hoch über diesem Erdboden, — dieser Vogel ist uns +nur erhalten geblieben, weil er am Ende seiner frohen Luftfahrten — +ins Wasser gefallen ist. Auf dem Grunde des Wassers nur konnte ihm zu +teil werden, was Wolke und Fels ihm nie gewährt hätten: Einbalsamierung +im feinen Kalkschlamm und damit eine körperliche Unsterblichkeit.</p> + +<p>Zufall, sagen wir. Und Zufall war es. Aber hinter diesem Zufall des +Augenblicks liest, wie so oft, der Wissende eine feine Geistesschrift, +eine dunkle vergeistigte Beziehung, die den Fall ganz leise ins +Symbolische rückt.</p> + +<p>Diese kleine Archäopteryx, die uns Kunde wahren sollte von den +Anfangserfolgen einer großen Kunst, kehrte sterbend an den Fleck +heim, von wo in Wahrheit diese Kunst selber in ihrem tiefsten Keime +ausgegangen war.</p> + +<p>Es kann ein Satz nicht leicht paradoxer klingen als der: das Fliegen +ist im Wasser erfunden worden. Und doch ist er wahr.</p> + +<p>Wenn man von einer „Erfindung“ des Fliegens spricht, so muß man sich +das Wörtchen Fliegen selber freilich zunächst etwas enger umgrenzen.</p> + +<p>Es gibt zweierlei Methoden des Fliegens: eine sozusagen handelnde — +und eine leidende.</p> + +<p>Wenn der arme Lilienthal und jetzt der alte Graf Zeppelin <span class="pagenum" id="Page_157">[Pg 157]</span>fliegen +wollten oder noch wollen, so ist dieser Flug das Ergebnis der +schärfsten geistigen wie körperlichen „Handlung“, es soll ein neues +Stück Welt dabei für den aktiven Menschen erobert werden. Wenn +dagegen ein Pulverschuppen in die Luft fliegt und es gehen so und so +viel unglückliche Opfer mit hoch; oder wenn einer jener furchtbaren +nordamerikanischen Wirbelstürme einen Stall mit samt der Kuh in die +Höhe wirbelt und fortträgt: so zählt das in ein ganz anderes, passives +Feld, wie jeder sofort merkt.</p> + +<p>So weit rückwärts wir uns nun auf der Erde bewegte Luft denken können +und gleichzeitig organisches Leben, so alt müssen wir uns auch +diese letztere rein passive Art des „Fliegens“ als ewig wiederholte +Möglichkeit vorstellen, die keiner erst zu „erfinden“ brauchte. Es war +das wesentlich eine Frage einerseits der Stärke der Luftbewegung, die +lebende Wesen einfach <span class="antiqua">nolens volens</span> mitreißen konnte, — und +andererseits der Größe dieser Wesen und damit der Wahrscheinlichkeit, +daß sie sich’s gefallen lassen mußten.</p> + +<p>Ob es in urweltlichen Tagen stärkere Stürme gegeben hat als heute, läßt +sich nicht nachweisen. Wir haben bei uns in Europa zu gewissen Zeiten +offenbar gewaltige Steppenstürme gehabt, damals, als bei uns auch noch +ausgesprochene Steppentiere lebten. Und so haben die Dinge sicherlich +oft gewechselt. Aber für eine allgemeine Zunahme der Luftbewegung +in die älteren Tage hinein spricht rund gar nichts. In all diesen +äußeren Dingen, Stürmen, Ueberschwemmungen, Aufsteigen und Absinken +von Ländern und so weiter, galt ja früher die liebe Urwelt für den +wahren Hexensabbat. Wir denken heute, daß es in den Hauptzügen kaum je +gewaltsamer zugegangen ist als jetzt, nur die Zeiträume selbst sind so +ungeheuer gewesen, daß sich alles ins Aeußerste schließlich summieren +konnte.</p> + +<p>Dagegen ist etwas anderes recht sinnfällig.</p> + +<p>Je tiefer man im Reich des Lebenden hinabsteigt, desto kleiner und +leichter pflegen die Einzelwesen zu werden. Die tiefste Stelle, noch +jenseits von Tier und Pflanze, nehmen die sogenannten Bakterien oder +Bazillen ein, Wesen, wie sie einfacher in ihrem Bau nicht mehr gedacht +werden können, die aber zugleich an Kleinheit das schier Unglaubliche +leisten. Wie bekannt, entziehen sie sich <span class="pagenum" id="Page_158">[Pg 158]</span>durchweg unserm unbewaffneten +Auge überhaupt, und an eine Gewichtsbestimmung ist schon gar nicht mehr +zu denken. Nicht nur der Wind, sondern recht schon jedes geringste +Regen und Bewegen der Luft schaukelt mindestens die Keimsporen dieser +Leichtesten der Leichten mit und treibt sie dahin und dorthin. Um +die ganze Erde fliegen sie in dieser Weise passiv herum, sie fallen +auf die unzugänglichsten Alpengipfel nieder wie in den entlegensten +Polarschnee, und wir wissen ja, wie sie unsere Häuser durchqueren, aus +der blauen Luft sich uns auf die Nase setzen und rein allgegenwärtig +sind, wo immer nur Luft uns erreicht. Es steht nun durchaus nichts im +Wege, sich diese allereinfachsten Lebewesen auch als die allerältesten +auf der Erde zu denken. Und dann wäre der passive Allerwelts-Flug +dieser Bakterien auch die erste Flugform im weiten Sinne gewesen.</p> + +<p>Diese Flugart muß aber ihre natürliche Grenze gefunden haben bei den +allmählich entstehenden größeren und schwereren Geschöpfen.</p> + +<p>Jedes Bakterium jener Art besteht als ganzes Wesen nur aus einer +einzigen Zelle. Die echten Tiere und Pflanzen aber pflegen sich aus +Millionen und Abermillionen lebender Zellkörperchen zusammenzusetzen. +Da wächst denn das Gewicht im einfachen Additions-Verhältnis.</p> + +<p>Nehmen wir als die Gruppe lebendiger Wesen, die sich vielleicht zuerst +in dieser Weise „vielzellig“ gebildet haben, die Pflanzen an, — nun +so hatte das lustige Fliegen mit jedem Druck der Luft alsbald seine +ordentlichen Schranken. Ein nordamerikanischer Tornado größten Stils +entwurzelt schließlich auch einen Eichbaum und wirbelt ihn mit. Aber +wie seltene Ausnahme das ist, sieht man sofort, wenn man sich an das +einfache Dasein tausendjähriger Eichen erinnert, die also in dieser +ganzen Zeit niemals ein Windstoß hat auch nur von der Stelle rücken +können. Tatsächlich ist die Pflanze mit ihrem Prinzip des festen +Einwurzelns sogar ein einziger Protest gegen jeden unfreiwilligen Flug. +Und nur in einem Punkte ist sie seiner Arbeit froh gewesen, nämlich +in ihrem Liebesleben. Der Blütenstaub der Pflanzen, der befruchtend +das Leben der Art im Wechsel der Zeiten fortsetzt, kehrt noch einmal +gleichsam in <span class="pagenum" id="Page_159">[Pg 159]</span>den sonst längst verlassenen Bakterien-Zustand zurück. +Jedes einzelne Stäubchen da besteht nochmals wieder nur aus einer +einzigen Zelle und ist also auch wieder winzig klein und unglaublich +leicht. Entsprechend faßt es, so bald es sich von der großen Pflanze +gelöst, dann auch sogleich wieder der leichteste Wind und wirbelt +es umher, wobei sich den Pflanzen mit Doppelgeschlecht die günstige +Wahrscheinlichkeit ergibt, mit ihrem Staube den Griffel einer anderen +Blüte fliegend zu erreichen, wo die Befruchtung erfolgen kann. Wo die +Haselkätzchen ihren goldenen Staubregen verpulvern, wo die Kiefern +stäuben oder der Bärlapp sein Hexenmehl reift, da überall erfolgt +dieser passive, aber äußerst zweckgerechte „Flug“ der Pflanzen. Und das +ist sicher schon gewesen in jenen Urtagen, da Bärlapp-Gewächse hoch wie +Palmen bei uns zu Lande wuchsen, und es war im wesentlichen auch so in +der Jura-Zeit, als an Stelle der Farrnkraut- und Bärlappwälder große +Forsten von Nadelhölzern getreten waren. Gerade die Nadelhölzer wissen +es ja noch heute gar nicht anders.</p> + +<p>Aber auf der Wende eben von damals, etwa in den Tagen, da die +Archäopteryx an der Solnhofener Bucht ihr Wesen trieb, lernten diese +Pflanzen auch etwas Neues, bisher Unerhörtes kennen.</p> + +<p>Es fanden sich andere Wesen, die auch weit, weit über das Bakterium +hinausgestiegen waren. Diese Wesen waren auch schwerer geworden. Und +doch war diese Schwere kein endgültiges Hindernis für sie geworden +— zu fliegen. Sie flogen nämlich aktiv, nicht bloß als loser +Spielball des Windes und keineswegs bloß in ihrer bakterienhaften +Befruchtungsform als einzelne Samenzelle, sondern als ganzes Wesen, +das selbsttätig sich in der Luft nach einer gewollten Richtung +vorwärtsbewegte.</p> + +<p>Es waren Tiere, — diese Wesen. Also Genossen jener großen zweiten +Entwickelungslinie, die wohl ebenfalls aus dem Bakterium heraufgekommen +ist, aber im Punkte der Ernährung und der Vereinheitlichung des +gesamten Organismus eine Bahn höchstens parallel zu den Pflanzen, +im übrigen aber ganz für sich eingeschlagen hatte. Und zwar waren +es zunächst Tiere aus jener engeren Gruppe, die auch im Tagebuch +von Solnhofen so reichlich vertreten ist, — Verwandte der kuriosen +Schladenvögel oder Stangenreiter, <span class="pagenum" id="Page_160">[Pg 160]</span>die nichts anderes sind als +Wasserjungfern oder Libellen, — also Insekten.</p> + +<p>Fliegende Insekten.</p> + +<p>Die Pflanzen haben damals, wie, wollen wir hier nicht untersuchen, +mit diesen Insekten eine Art von Bündnis geschlossen. Sie boten den +Insekten Leckereien dar, Honig, und im Moment, wo die Insekten den +Honig schlürften, bepuderten sie sie mit ihrem Blütenstaub. Dann flog +das Insekt weiter, kehrte im nächsten Blumenwirtshaus ein und streifte, +ohne darauf zu achten, den Samenstaub hier auf den Blütengriffel ab. +Das Insekt übernahm also einfach die Rolle des Windes, wurde der +<span class="antiqua">postillon d’amour</span> der Pflanze in einer Weise, die entschieden +sehr viel sicherer war als die alte lose Post durch den Wind.</p> + +<p>Aber wo hatten jetzt diese Tiere das Fliegen gelernt? Mit ihrem +Auftreten war offenbar der große Schritt von „Passiv“ zu „Aktiv“ getan. +Wenn die Pflanze nachträglich davon profitierte — und alle unsere +bunten, duftenden, honigabsondernden Blumen von heute schwören einzig +auf diese „Insekten-Befruchtung“ —, so war der Umschwung selber doch +entschieden ganz und gar Werk des Tieres.</p> + +<p>Wie war das zugegangen?</p> + +<p>Das Tier kam aus dem Wasser.</p> + +<p>Alles Lebendige hatte eine tiefe Beziehung zum Wasser.</p> + +<p>Die chemische Formel <span class="antiqua">H<sub>2</sub>O</span>, die Wasser bedeutet, ist ein +wahres heiliges Pentagramma auch des Lebens. Aus dem Wasser ist wohl +zweifellos das erste Bakterium gekommen. Im Wasser hat auch die Pflanze +ihre Bahn begonnen. Im Wasser sind die ältesten Tiergeschlechter samt +und sonders entstanden. Wasser ist ein Hauptbestandteil der lebenden +Körper selbst. Unser Menschenleib setzt sich zu 58 Prozent aus Wasser +zusammen. Wie Venedig auf seinen Pfählen im Meer, so schwebt unser +ganzes Dasein, schwebt die Erscheinungsform alles Lebendigen auf Erden +in sich selbst über den Wassern.</p> + +<p>Kein Wunder, daß das erste Leben, ein Schaumgebilde der blauen Flut wie +Aphrodite, aus dem Wasser sich auch äußerlich <span class="pagenum" id="Page_161">[Pg 161]</span>gar nicht herauswagte, +hier seine erste Jungkraft erstarken ließ und in seine erste +Entwickelungsschule ging.</p> + +<p>Das Tier, also zunächst das Wassertier, war aber zu Bakterium und +Pflanze der erste ganz große Triumph dieser Entwickelung. Und es +war gleichsam der Angelpunkt dieser Entwickelung, daß das Tier +sich im Wasser frei bewegen lernte. Die losgerissene Pflanze trieb +widerstandslos mit dem Zug der Welle dahin genau so, wie das Bakterium +oder der Haselnußstaub oben mit dem Winde wehten. Die Qualle, der Wurm, +der Krebs, der Fisch dagegen begannen ein himmelweit neues Prinzip: sie +entwickelten eigene Bewegungsarten, Bewegungsorgane zur Beherrschung +des Wassers.</p> + +<p>Auch die Tiere haben ja die Pflanzenneigung zur Seßhaftigkeit bis zu +einem gewissen Grade in sich durchgemacht. Der Korallenpolyp, die +Seelilie, die Auster, der Rankenkrebs sind gute Beispiele. Aber das +Tier hat diese Neigung überwunden.</p> + +<p>Der Wurm, in vieler Hinsicht eine Grundform der ganzen höheren +Tierheit, fing an zu kriechen. Aus einem haftenden, polypenartigen +Tier, das wie ein Becher mit dem Munde nach oben da saß, erhob er sich +zur Schlauchform, mit einer vorderen und hinteren Oeffnung. Und dieser +Schlauch jetzt kroch geradlinig dahin.</p> + +<p>Aber dieses Tier fing zugleich recht klein an, und lange ist es als +Einzelindividuum merkwürdig klein geblieben. So lag nahe, daß die +ab- und anflutende Welle das kriechende Tier immer wieder emporriß, +mitstrudelte. Es wurde eine frühe zweite Aufgabe (vielleicht ist es +gleich die erste sogar gewesen), sich durch aktive Bewegung auch zu +erhalten inmitten der bewegten Wassersäule. Neben das aktive Kriechen +stellte sich das aktive Schwimmen.</p> + +<p>Nun beachte man aber wohl: Schwimmen im freien Wasser war im Wesen +schon ein <em class="gesperrt">erster Flug</em>. Der Flug in einem dickeren, zäheren +Medium als die Luft. Aber im Verhältnis zum Kriechen am Boden unbedingt +ein Flug.</p> + +<p>Der Polyp, der am Grunde festsaß, der Wurm, der auf dem Grunde sich +dahinschlängelte: sie begannen zu fliegen in ihrem Element, indem sie +zu schwimmen begannen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_162">[Pg 162]</span></p> + +<p>Und wirklich nun: beim Schwimmen im Wasser jetzt sind die beiden +grundlegenden Methoden erfunden worden, die von der Libelle und der +Archäopteryx von Solnhofen bis auf den ersten Luftballon Montgolfiers, +die Flügelplatten Lilienthals und den aus Ballon und Flugmaschine +kombinierten Riesenapparat des Grafen Zeppelin auch das ganze echte +Fliegen als Leitmotive beherrscht haben.</p> + +<p>Erfunden wurde da erstens der schwebende Ballon und zweitens das Ruder.</p> + +<p>Das Prinzip des Ballons trat im Wasser naturgemäß in der Form der +„Schwimmblase“ auf. Noch für uns Menschen ist der Rettungs-Ballon +des Ertrinkenden der hohle, luftgefüllte, stets obenauf treibende +Schwimmgürtel. Das Wassertier bildete irgendwo in seinem Leibe einen +entsprechenden wasserleeren Hohlraum aus, der seinem ganzen Körper +die Vorteile eines von Natur angewachsenen Schwimmgürtels verlieh. +Die eigentlichen Erfinder dieses Grundprinzips sind gewisse Quallen, +also polypenähnliche, aber bereits frei schwimmende Tiere. Diese +Sorte Quallen (sogenannte Siphonophoren) schwimmen, zu Klumpen +aneinandergewachsen, als Kolonie dahin und das Schweben der ganzen +Gesellschaft an der Oberfläche des Meeres wird tatsächlich schon +durch eine regelrechte Ballonblase ermöglicht, die von der lustigen +Genossenschaft als gemeinsamer Rettungsgürtel aufgebläht und mit Luft +vollgepumpt wird.</p> + +<p>Dasselbe Prinzip kehrt dann viel feiner bei den Fischen wieder, die +eine echte und auch so genannte „Schwimmblase“ besitzen, das prall +aufgepustete Organ, das jeder Köchin bekannt ist. Die Schwimmblase ist +ursprünglich bloß eine Art Falte, ein kleiner Hautsack am Darm des +Fisches gewesen. In diese Falte wurde Luft gepumpt, die das Fischmaul +verschluckt hatte. Nachher hat sich der Sack aber ganz vom Darm +getrennt, hat sich tief ins Leibesinnere zurückgezogen und unmittelbar +von den Blutgefäßen her mit Luft füllen lassen. In dieser Form ist +die Schwimmblase ebenfalls zum echten Ballon geworden, oder besser +noch: der ganze Fisch hat mit ihr die Fähigkeiten eines Wasserballons +erhalten. Bei unsern meisten Fischen hat sich die Sache so glänzend +ausgestaltet, <span class="pagenum" id="Page_163">[Pg 163]</span>daß der Fischkörper genau auf das Gewicht des Wassers +eingestellt ist, also positiv im Wasser gar nichts mehr wiegt. Wo er +will, da kann er inmitten der Wassersäule stehen bleiben, — sein +spezifisches Gewicht ist dem des Wassers genau gleich und er kann so +wenig von selbst sinken, wie Wasser in Wasser sinkt.</p> + +<p>Aber dieser Fisch ist deswegen nun nicht etwa zur Untätigkeit verdammt +wie ein Luftballon in absolut unbewegter Luft. Er gerade hat auch jene +zweite Methode bereits wunderbar ausgebildet: das Ruder. An seinem +Körper haben sich flache Auswüchse entwickelt, die Flossen, und diese +Flossen arbeiten in der allbekannten Weise als Ruder der trefflichsten +Art, Schlagruder und Steuerruder zugleich. Mit ihrer Hilfe und im Bunde +noch mit der famosen, hinten und vorn spitzen Körperform, die der +Mensch in seinen Booten treu dem Fisch nachgebildet hat, schießen der +riesigste Kabeljau so gut wie der kleinste Stichling durch ihr Element, +daß es eine wahre Pracht ist. Ein Lachs schnellt sich in einer Sekunde +bis acht Meter weit vorwärts.</p> + +<p>Das Wasser liegt auf der Feste. Auf dem Wasser liegt die Luft. Mit der +Luftblase und der Flosse war das Wasser bezwungen. Warum nicht genau so +weiter auch in die Luft hinaufsteigen?</p> + +<p>Der Kampf ums Dasein tobte, im Wasser wurde es gelegentlich ungemütlich +eng. Warum nicht die Schwimmblase wirklich zum Ballon machen und mit +den Flossen auch die Luft peitschen?</p> + +<p>Mit der Flosse bringen in bescheidenem Maße wenigstens ein paar Fische +das Kunststück tatsächlich fertig. Der „fliegende Fisch“ saust mit +einem hohen Anlauf aus der Wasserfläche herauf und schwebt ein ganzes +Stück weit — bis zu hundert Metern — allen Ernstes auf seinen Flossen.</p> + +<p>Mit der Schwimmblase wollte die Sache dagegen so einfach nicht +glücken. Ein Wasserballon braucht bloß schlichte Luft zu enthalten, +um alles nötige zu leisten. Ein Luftballon erfordert, wie jeder weiß, +Füllung mit einer Gasart, die leichter ist als gewöhnliche Luft. Die +hatten Fisch und Qualle zunächst nicht zur Verfügung. Die fliegende +Siphonophorenqualle, die bei der blumenhaften Schönheit dieser Tiere +einem schwebenden märchenhaft <span class="pagenum" id="Page_164">[Pg 164]</span>bunten Orchideenzweig geglichen haben +müßte, hat uns die Natur leider versagt. Und schließlich war auch der +fliegende Fisch nur ein rechter Stümper in dieser unbeholfenen Form. +Was ihm vor allem abgeht, ist die innere Lebensmöglichkeit, in dem +Luftreich, das er erobern möchte, zu atmen. Mag er seine hundert Meter +abfliegen: viel länger ginge die Sache selbst bei bester Flugkraft +nicht, denn er würde ersticken.</p> + +<p>So wurden die Atmungsverhältnisse der höheren Tiere von entscheidender +Wichtigkeit in der Flugfrage.</p> + +<p>Es ist nun höchst eigenartig zu sehen, wie gerade das Atmungsorgan +schon in seiner Wasserform (als sogenannte Kieme) bei verschiedenen +Tiergruppen früh mit der Bewegungsfrage überhaupt in Berührung kam.</p> + +<p>Die vier Hauptflossen des Fisches sind wahrscheinlich hervorgegangen +aus gewissen stacheligen Anhängseln der Kiemenbogen. Und ebenso +scheinen, obwohl in recht verschiedener Einzelweise, bei den Insekten +blattförmige Kiemen, also auch Atmungsorgane, an der Rückenseite des +Körpers zunächst zu flossenartigen Gebilden sich umgeformt zu haben, +die beim Schwimmen helfen.</p> + +<p>Da glückte es eines Tages sowohl Fischen wie Insekten, ihre Atmungsart +selber so von Grund aus umzukrempeln, daß das Wasser ohne weitere +Erstickungsgefahr dauernd verlassen werden konnte. Die Luft wurde von +der Atmung her fest erobert.</p> + +<p>Alsbald aber bekamen jetzt auch wieder jene Flossenanhänge neue, die +Luft betreffenden Möglichkeiten und Aufgaben. In dem Wie unterschieden +sich fortan freilich Fische und Insekten gründlich.</p> + +<p>Das Insekt hatte sich, unabhängig von den rückseitigen Flossenfalten, +schon im Wasser an der Bauchseite drei Paare regelrechter Beine +zum Kriechen und Festhalten ausgebildet. Die benutzte es jetzt auf +dem Lande glatt weiter. Aus jenen (zur Atmung fortan nicht mehr +gebrauchten) Rückenflossen dagegen schuf es sich nach und nach die +hübschesten Flügel. Es lernte, sie gegen die Luft so einzustellen, daß +sie seinen Körper wirklich dahintrugen, — wobei die Kleinheit und die +durch viele luftgefüllte Körperröhren noch erhöhte Leichtigkeit der +Insekten helfend beitrug. So ist die Fliege, <span class="pagenum" id="Page_165">[Pg 165]</span>ist der Schmetterling +entstanden. Und so hatte es die Libelle schon erreicht am Strande von +Solnhofen.</p> + +<p>Viel verwickelter verlief die Sache dagegen beim Fisch.</p> + +<p>Der Fisch brachte es als „Molchfisch“ fertig, ebenfalls Luftatmer zu +werden und zwar auf die äußerst sinnreiche Weise, daß er gerade den auf +dem Lande doch so nicht mehr brauchbaren Ballon-Apparat seines Innern, +die Schwimmblase, als geschlossenen Ballon ganz abschaffte und in das +nötige neue, offene Luftatmungs-Organ, nämlich eine Lunge, verwandelte. +Einmal auf dem Lande, schaffte dann der Fisch — oder wie er jetzt +genannt werden muß — der Molch aber auch seine Ruderflossen ab und +schuf sie zu vier regelrechten Beinen um, die zum Kriechen, Springen, +Laufen, Klettern nach und nach sich aufs schönste einschulten.</p> + +<p>So schien hier beim Wirbeltier allerdings für eine Weile das +Flugprinzip nicht vorwärts-, sondern eher rückentwickelt, trotz des +Aufenthalts auf dem Lande. Aber es kam auch da schon wieder zu seiner +rechten Zeit. Und als es kam, da war es, als habe die Natur nur eine +Pause gemacht, um sich endlich zum Hauptstreich zu sammeln. Wir sind +mit dem Fisch und Molch ja ohnehin in der höchststeigenden Linie der +ganzen Lebensentwickelung, wo alles an kühnen Möglichkeiten Angelegte +und Aufgespeicherte in wahrem Feuerwerk losbrennt.</p> + +<p>Die Wirbeltiere, zu denen Fisch und Molch gehören, waren durchweg +größere, viel schwerere Tiere als die Insekten. Es geschah ihnen nicht +so leicht, daß der Wind sie mitriß und so auf Versuche zu aktivem +Fliegen führte. Schließlich kamen sie aber doch wie die Insekten auch +auf Gelegenheiten, die zum Fliegen geradezu drängten.</p> + +<p>Aus den Kriechbeinen wurden Kletterbeine und Springbeine. Bäume wurden +erklettert auf der Jagd nach Beute oder auch auf der Flucht vor fremdem +Beutegelüst.</p> + +<p>Der Laubfrosch zum Beispiel kroch hoch ins grüne Blätterdach, er hat ja +die Farbe dazu auf den Leib gemalt. Der Frosch stand dem Wasser aber +noch so nahe, daß er zwischen seinen Zehen flossenartige Schwimmhäute +trug. So sehen wir heute noch einen Laubfrosch der Sundainseln +(<span class="antiqua">Rhacophorus</span>) sich zum „fliegenden <span class="pagenum" id="Page_166">[Pg 166]</span>Frosch“ bilden. Will er +von hohem Ast rasch zur Erde, so benutzt er die vier Füße mit ihren +riesigen Schwimmhautflächen als Fallschirm und flattert darauf abwärts. +Es war ein erster Versuch, den fliegenden Fisch unter ganz neuen +Verhältnissen gleichsam zurückzuerobern.</p> + +<p>Auf denselben Sundainseln „fliegt“ eine kleine farbenbunte Eidechse, +der sogenannte Flugdrache (<span class="antiqua">Draco volans</span>). Ihr stehen jederseits +ein halbes Dutzend falscher Rippen wie Fischgräten aus dem Leibe und +darüber spannt sich eine Hautfalte als Fallschirm.</p> + +<p>Viel weiter war schon eine Eidechse gekommen, die heute ausgestorben +ist, in Solnhofen aber zur Archäopteryx-Zeit überall herumflatterte: +der Flugfinger oder Pterodaktylus. Bei ihr spannte sich eine ähnliche +flossenartige Haut von einem Finger der Hand in kühner Sichel zu den +Hinterschenkeln herüber. Mit echter Schwimmhaut hatte das jetzt gar +nichts mehr zu tun, es war eigens zum Flattern erfunden. Die Gliedmaßen +saßen in der Flatterhaut wie die Fischbeine in einem Regenschirm. Auf +dem Schirm aber schwebte tatsächlich das ganze Tier durch die freie +Luft dahin. Dieses Regenschirmprinzip ist viel später von einem kleinen +Säugetier, der Fledermaus, noch einmal nachgemacht worden, die aber +nicht bloß einen Finger, sondern fast die ganze Hand durch den Flügel +gesteckt hat. Ein Ideal schließlich war es aber immer noch nicht, zu +dem mußten zu allerletzt noch einmal die Atmungs-Verhältnisse verhelfen.</p> + +<p>Es traten Eidechsen auf mit warmem, von innen her geheiztem Blut. +Vielleicht hat gerade die lebhafte Bewegungsart kletternder und +springender Tiere viel dazu beigetragen. Man hat auch an zeitweise +Verschlechterung des Klimas, große Eiszeiten noch jenseits der +Jura-Periode gedacht, wobei das dauernd warme Blut eine Anpassung +dargestellt hätte, einen Notausweg. Wie es nun damit gewesen sein +mag: die Warmblütigkeit war plötzlich als Tatsache da. Diese innere +Blutdurchwärmung wiederum aber stand in Zusammenhang mit Umwandlungen +und Neuerungen in der Haut der Tiere. Die Haut bildete eigentümliche +Schutzmittel der kostbaren Innenwärme aus, erzeugte sich schlechte +Wärmeleiter nach außen. Da geschah es, daß einerseits feine +Hautfäserchen <span class="pagenum" id="Page_167">[Pg 167]</span>zwischen den Schuppen sich zum Haarpelz des Säugetiers +ausreckten. In einer anderen Entwickelungslinie aber zeigte sich +die hornige, harte Eidechsenschuppe willig, ein ebenso brauchbares +Wärmeschutzmittel unmittelbar aus sich hervorgehen zu lassen in Gestalt +der <em class="gesperrt">Feder</em>. Bei gewissen Eidechsen bedeckten sich Leib und +Gliedmaßen mit dichtem Federkleid.</p> + +<p>Nun denn aber: gerade unter diesen Federträgern waren ausgesprochenste +Kletterer und Springer, echteste Baumtiere, gewohnt, von Ast zu Ast zu +sausen.</p> + +<p>Es waren keine sehr großen Herren dabei, die ganz dicken trug +von vornherein das schwankende Geäst nicht. Also das Gewicht wog +schon nicht zu schlimm bei Sprüngen. Doch jetzt gab die vermehrte +Körperheizung selbst eine neue Möglichkeit auch noch der Erleichterung.</p> + +<p>Schon beim Pterodaktylus und anderen Reptilen der Ichthyosaurus-Zeit +war eine Verminderung des Körpergewichts vielfach dadurch angebahnt +worden, daß die Knochen Hohlräume im Innern zeigten. Da gab es schon +Saurier, deren Skelett wie aus Kartonpapier aufgebaut schien, und +mancher der reptilischen Landriesen von damals hätte seinen eigenen +Knochenberg ohne dieses Prinzip gar nicht mehr von der Stelle bewegen +können.</p> + +<p>Jetzt bot die innere Zentralheizung des Vogelkörpers eine neue +Möglichkeit: nämlich diese Knochenhöhlen mit Luftheizung zu +durchdringen.</p> + +<p>Die Lungen bildeten verzweigte Säcke, die bis in die hohlen Knochen +eindrangen, eine neue Variante der alten Schwimmblase. Und die erwärmte +Luft erfüllte sie dabei wie eine Montgolfiere und machte den ganzen +Körper noch ein Teil leichter im Sinne jetzt des alten Ballonprinzips.</p> + +<p>Immer kühner durften da die Sprünge dieser Leichtfüße werden von Ast +zu Ast. Alle Kletterer werden aber gedrängt, die Hinterbeine mehr als +Stützpunkt zu nehmen und die Vorderbeine mehr zum Greifen, als Arme +also, zu gebrauchen. Beim Sprung gaben die Hinterbeine den Ausschlag, +die Arme ruderten. Und da ein Triumph.</p> + +<p>An diesen Armen saßen ja die Federn. Der Luftzug blies sie <span class="pagenum" id="Page_168">[Pg 168]</span>auf, — +auch sie halfen tragen. Was geübt wird, nimmt zu, — ein altes wahres +Wort. Die Federn nahmen zu, reckten sich. Auf einmal hatten sie alle +Vorteile vereint in sich des Ruders und des Fallschirms. Und der harte +Knochenarm in ihnen bot gleichzeitig den sicheren, aktiven Ruderstil.</p> + +<p>In dieser Kette der Dinge <em class="gesperrt">ist der Vogel entstanden</em>.</p> + +<p>Die größte Lösung des Flugproblems, das die Natur unterhalb des +Menschen fertig gebracht hat.</p> + +<p>Der Urvogel von Solnhofen war der erste klare Vertreter.</p> + +<p>Noch trug er Zähne im Maul, noch hatte er Fingerkrallen oben am +Flügel, als traue er dem Fluge nicht allein, müsse auch noch greifen +und klettern, noch schleppte er als ein recht unbeholfenes Steuer den +langen Eidechsenschwanz grob befiedert hinter sich her. Aber der Vogel +war mit ihm da, unwiderruflich.</p> + +<p>Der Fisch hatte die Luft erobert, nicht bloß atmend am Boden, sondern +aktiv schwimmend wieder in ihrer Ganzheit, wie er einst die volle +Wassersäule für sich gewann.</p> + +<p>Ueber diesen Erfolg ist wieder ein Zeitraum von Jahrmillionen +hingegangen. Jetzt sind wir an der Reihe.</p> + +<p>Werden wir Menschen den Vogel überbieten, — das letzte abstreifen, was +an ihm noch unbehülflich, was unlösbarer Rest seiner Vergangenheit ist?</p> + +<p>Es ist ein wunderbarer Glaube, daß der Mensch endlich mit dem Werkzeug +alles erringen und überbieten werde, was die Natur als Organ geschaffen +hat. Die ganze Bahn der menschlichen Technik ist eine einzige +Triumphstraße in dieser Linie. Wie sollte dieses einzelne Problem nicht +auch bezwungen werden!</p> + +<p>Vielleicht aber, wenn unsere Enkel die Luft besitzen, wird an ihre +Gedankentür das abermals Höhere klopfen. Das Wasser liegt auf der +Feste, auf Feste und Wasser die Luft. Die Luft hüllt den Planeten +abermals wie eine Haut. Zwischen Planet und Planet aber spannt sich — +der Aether. Werden wir zuletzt auch in ihn auftauchen?</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_169">[Pg 169]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Weltgeschichte_des_Nilpferdes"> + Die Weltgeschichte des Nilpferdes. + </h2> +</div> + +<p>Die Wasser brausen — und nun kommt etwas Ungeheures.</p> + +<p>Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher +Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei +kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als +seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element +zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun +hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die +Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul +spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten. +Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art +von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern +derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu +oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich +hineingebissen und zerkaut.</p> + +<p>Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis +kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose, +fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das +Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche +von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze +nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast +verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen +hat, deren jedes vier Hufe trägt.</p> + +<p>Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen +breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam +einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als +sei in einem <span class="antiqua">D</span>-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle +Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_170">[Pg 170]</span></p> + +<p>Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen +Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.</p> + +<p>Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch! +Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau — und in diesen +Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem +Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das +bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.</p> + +<p>Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher +eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“ +mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.</p> + +<p>Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern +taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.</p> + +<p>Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen +Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch +viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.</p> + +<p>Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der +großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten +Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, — der Sanduhr, die mit +rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe +von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden +Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch +wieder abgetragen hat.</p> + +<p>Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in +recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, — +wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen +Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der +Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt +war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter +der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.</p> + +<p>Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes, +dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern +glotzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_171">[Pg 171]</span></p> + +<p>Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt +eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten +Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist +nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet. +Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche +Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich +als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine +cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von +Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem +Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe +handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser +schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil +allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.</p> + +<p>Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die +der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit +rechnet.</p> + +<p>Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest +der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von +Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte +sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung, +das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich +jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng +trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte +das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und +die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu +dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.</p> + +<p>Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.</p> + +<p>Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten +sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst +Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe +der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und +mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie +existiert hat, reizte.</p> + +<p>Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf <span class="pagenum" id="Page_172">[Pg 172]</span>den spaßhaften +Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich +ging noch ganz wo anders hin.</p> + +<p>Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der +Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.</p> + +<p>Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen +Beinen dahin — und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel, +hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein +Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder +Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges +Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des +zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern +sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen, +Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe +nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden — und +in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen. +Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, — Neuigkeiten der +jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die +alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit +einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk +gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der +fletschende Fleischklotz im trüben Becken, — das ist Patriarchenzeit, +unverfälschte, vormenschliche Urwelt.</p> + +<p>Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines +Nilpferd an Unhandlichkeit, — aus den guten alten Zeiten, da man im +Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch +Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten +Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins +heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, — es ist +jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu +lesen.</p> + +<p>Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen +<span class="antiqua">Historia animalium</span>, der Tiergeschichte des Konrad Gesner, +gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.</p> + +<p>Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der +Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein <span class="pagenum" id="Page_173">[Pg 173]</span>genialer +Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte +es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von +Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie +war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und +den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen +Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles. +Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares +Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere +Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der +(wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um +des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs +willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.</p> + +<p>In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck +und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für +das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.</p> + +<p>Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser +sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger +Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem, +was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen +und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das +Nilpferd folgerichtig auf.</p> + +<p>Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen +anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des +römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch +einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen +im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar +Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.), +erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt, +hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen. +Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er +umspann auch ihre Tiere.</p> + +<p>Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig +aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich <span class="pagenum" id="Page_174">[Pg 174]</span>eine +deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte — da +war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit +allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es, +wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es +sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben +und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen +ozeanischen Gestade traten.</p> + +<p>Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare +Zeitung.</p> + +<p>Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel +gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort +ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der +deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt +oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich +außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß +in iren Rachen als in ein sack würfft.“</p> + +<p>Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte +selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten +wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf +Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus, +von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war +das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß +auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese +Quellen wiesen — höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh, +also einem echten Seesäugetier — allerdings auch nach Indien, — +immerhin in ferne, heiße Länder.</p> + +<p>Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft +froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg +lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf +den Gefrierpunkt zu bringen.</p> + +<p>Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne +des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese +entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder +oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_175">[Pg 175]</span></p> + +<p>Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter +Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel, +sondern frisch, wie er ihn gefunden, — — aus einem Bachbett bei +Zürich!</p> + +<p>Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn +(also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die +Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt +zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.</p> + +<p>Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners +Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man +in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser +oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung +resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen +grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die +Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu +schwierig für 1558.</p> + +<p>Fünfzig Jahre gingen hin, — da kam eine neue Nachricht über das +lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten. +Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das +Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen +Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.</p> + +<p>Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht, +einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute +am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen, +und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem +Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die +Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch. +Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir +gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse +von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der +Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen +als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf +ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein +Männchen und ein Weibchen. Die Häute <span class="pagenum" id="Page_176">[Pg 176]</span>wurden eingesalzen und mit +Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch +einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich +aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann +nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor +Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den +Hippopotamus.“</p> + +<p>Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten. +Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft +klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert, +in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im +ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt +in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt +in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum +erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß +eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen +wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr +anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.</p> + +<p>Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese +umgetriebenen Menagerie-Riesen.</p> + +<p>Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine +tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings +aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen +Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich +zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger, +unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen +übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren +Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten +beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten +muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu +führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er +bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller, +entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird +furchtbar, — bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die +<span class="pagenum" id="Page_177">[Pg 177]</span>ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den +Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab, +wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen +Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner +Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt +er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung +derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer +Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß +der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei +erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln: +er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel. +Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit +dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug +und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’ +Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.</p> + +<p>Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.</p> + +<p>Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons, +des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten, +also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest, +daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst +in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei. +Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte +wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein. +Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein +verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte +seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten +Fallgruben gebracht.</p> + +<p>Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten +Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle +Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller +wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung +gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende <span class="pagenum" id="Page_178">[Pg 178]</span>ägyptologische +Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung +eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem +Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.</p> + +<p>Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode +des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit +entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe +gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen +Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich +unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich, +wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk +dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine +Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.</p> + +<p>Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus +hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine +Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob +über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der +schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht, +der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken; +wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle +Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.</p> + +<p>Aber was nützte das.</p> + +<p>Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf +Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des +Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.</p> + +<p>Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es +zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der +Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im +Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den +Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist +der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und +schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine +kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere <span class="pagenum" id="Page_179">[Pg 179]</span>und anderes +mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf. +Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem +Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne +eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern +gesehen, beschrieben — und mangels besserer Verproviantierung +aufgegessen worden sind.</p> + +<p>Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein +recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht. +Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine +Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben. +Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen +ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der +ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens +die Kulturgeschichte zurückreichte.</p> + +<p>Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke +um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika +im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den +alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was +die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald, +Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen, +Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue +Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche +Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch .....</p> + +<p>Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch +der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.</p> + +<p>Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich +kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien, +andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen +Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint +es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der +Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt. +Als Nachtigall es am Tsadsee <span class="pagenum" id="Page_180">[Pg 180]</span>findet, kommt ihm auf einmal hell zum +Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von +Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine +Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders +Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.</p> + +<p>Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte +„Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet +worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten +lebend vereinigte.</p> + +<p>Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot +in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und +diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein +lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es — und es ist ein Ereignis für +die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts +übrig hat.</p> + +<p>Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter +nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten +Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird +ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht +fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier, +bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem +Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen +kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen. +Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König +erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der +ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.</p> + +<p>Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei +Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem +Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge +kennt.</p> + +<p>Eigenartiger Zug aber der Dinge.</p> + +<p>Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen +Boden setzte, — es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der +<em class="gesperrt">Heimkehr</em>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_181">[Pg 181]</span></p> + +<p>Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins +Ungemessene zu wandern — weit hinaus über alles bisher Erzählte.</p> + +<p>In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva, +ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der +Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt +nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz +von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig +unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät +thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.</p> + +<p>An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die +geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich +nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht: +die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe. +Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag +er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung +Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere +geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie +dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und +zu begraben.</p> + +<p>Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische +Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und +brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London +ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm +aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener +längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als +Tertiärzeit bezeichnet.</p> + +<p>Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür +den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor +dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem +Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck. +Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die +Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe +da.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_182">[Pg 182]</span></p> + +<p>Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort +einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit +besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der +Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen +Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen. +Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine +kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch +in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber +noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja +solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen +Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg +und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten +hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht +nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten +dran.“</p> + +<p>Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten +nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen +aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches +Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob, +desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und +Gerölle auf.</p> + +<p>Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln, +oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest +zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge +in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch +noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen, +die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und +die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln +darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.</p> + +<p>In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der +Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.</p> + +<p>Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche +Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser +tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn <span class="pagenum" id="Page_183">[Pg 183]</span>Riesen und Zwerge wollten +in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.</p> + +<p>Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie +es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark +aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger +Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich +duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere — Gebrüll und +Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in +dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.</p> + +<p>Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in +der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung +seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den +unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt +annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander +pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der +Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es +fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen +kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite +und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn +zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare +zackig geschweifte Schaufeln, — also im ganzen vier Hörner. Mit diesem +wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter +hohen Giraffenbeinen.</p> + +<p>Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier, +und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen +Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in +Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich +prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war +ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der +Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem +Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem +Walroß gegeben haben müssen.</p> + +<p>Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals <span class="pagenum" id="Page_184">[Pg 184]</span>neben der +großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig +war, — dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne +statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, — Nashörner mit Hörnern +und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, — endlich +Schweine und Tapire.</p> + +<p>In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll +von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen +wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken +und Schimpansen.</p> + +<p>Vom Menschen, — ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber +kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch, +als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich +der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht +gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java +versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.</p> + +<p>Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die +Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der +Panzerwölbung hoch wurde, — ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder +Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß +gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer +kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die +größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!</p> + +<p>Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der +uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.</p> + +<p>Also doch in Indien!</p> + +<p>Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die +Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen +Afrika.</p> + +<p>Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne +absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt +lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so +wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.</p> + +<p>Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am <span class="pagenum" id="Page_185">[Pg 185]</span>Sivasumpf +und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm +gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt. +Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich +herausentwickelt haben?</p> + +<p>Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, — der Name, wie wir +ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der +Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst +folgerichtig Nilpferd geworden.</p> + +<p>Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen +pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren +wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte +es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie +dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten +Fischschwanz zu, — dieselbe Phantasie, die entgegen aller +Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd +schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen +konnte wie eine Otter.</p> + +<p>Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger +Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein +Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern +dahin.</p> + +<p>Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind +sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt +es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros +ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche +Siva-Tier sind welche.</p> + +<p>Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas +verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende +Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, — +und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter +sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen +sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.</p> + +<p>Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.</p> + +<p>Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche +Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft <span class="pagenum" id="Page_186">[Pg 186]</span>sich kopfüber in +denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich +nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein, +wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant. +Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut, +die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt +ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal +versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man +erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn, +Nilpferd, Tapir und Schwein.</p> + +<p>Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die +Sache war ein großer Schnitzer.</p> + +<p>Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt, +„ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere +eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen, +eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner. +Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört +geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast +des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen +Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht +nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.</p> + +<p>In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten +Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue +Posaune herbei.</p> + +<p>Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der +Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen +übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen, +eine Ordnung für sich, — und noch zu dieser Stunde weiß kein noch +so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der +Entwickelung gekommen ist.</p> + +<p>Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck +zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.</p> + +<p>Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand +echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese <span class="pagenum" id="Page_187">[Pg 187]</span>drei Tiere +tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte +uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.</p> + +<p>Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen +lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die +fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen +sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab, +sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem +haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt. +Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß +das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen +ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber +diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren +zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen +Säugetiere herausgewachsen sind.</p> + +<p>Wie es nun damit sei — jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle +gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt. +Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den +Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an +allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder, +besser gesagt, Abkürzungen.</p> + +<p>Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald +diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, — sie verkümmerte zu +gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode +aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große +Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und +Mittelfinger zu greifen.</p> + +<p>Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter +sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige +Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar +zwei verschiedene Bedürfnisse.</p> + +<p>Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.</p> + +<p>Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen +irgend ging, über den grünen Teppich, — im schnellsten Lauf, da der +Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten <span class="pagenum" id="Page_188">[Pg 188]</span>sie der üppigsten +Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen. +Kurz: Sausen war Trumpf.</p> + +<p>Und die Krone dieses Sausens wurde — das Pferd.</p> + +<p>Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier +Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den +ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben +und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr +gerade eben auf den Boden tippt.</p> + +<p>Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele, +ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen +Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet +war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten, +natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes +Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln +lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen +Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch +früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch +wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor +Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen +der Zeit auftaucht.</p> + +<p>Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man +besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern +sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden +heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese +Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen +kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste +des großen Pferde-Stammbaumes.</p> + +<p>Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem +Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz +andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt. +Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten +abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin +der mittelste — in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal — schon +etwas stärker entwickelt ist.</p> + +<p>Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter <span class="pagenum" id="Page_189">[Pg 189]</span>zurück, +maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, — also halb +die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere, +vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft +urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt. +Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten, +so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker +mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen +zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener +in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif +eingeschlafen war.</p> + +<p>So die Linie auf der Grasebene.</p> + +<p>Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder +wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist, +weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.</p> + +<p>Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit +ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht <em class="gesperrt">eine</em> hüpfende Zehe, — sondern +<em class="gesperrt">zwei</em> Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar: +der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.</p> + +<p>Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, — +Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse, +Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe +langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen +Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich +die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen +Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche, +Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um +ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde +legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das +Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.</p> + +<p>Wir sind am Ziel.</p> + +<p>Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier +Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an +der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.</p> + +<p>Dann aber: — das Nilpferd.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_190">[Pg 190]</span></p> + +<p>Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.</p> + +<p>Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.</p> + +<p>Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im +Rhinozeros die des Pferdestamms.</p> + +<p>Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen +Boden Europas, — nach Griechenland, wo die Marmorklippen des +Pentelikon ragen.</p> + +<p>Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue +Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen +ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.</p> + +<p>Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von +Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie +gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.</p> + +<p>Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer +der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser +als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos +(die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch +eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte +Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes +Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt +durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen +Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.</p> + +<p>Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der +Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen, +wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene +Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier +aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere +Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum +Vorschein kam.</p> + +<p>Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene +Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese +Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das +Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte <span class="pagenum" id="Page_191">[Pg 191]</span>nicht einmal als ihr +unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine +stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge +Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.</p> + +<p>Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein +Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl +wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.</p> + +<p>Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr +beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus +einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu +schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der +Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.</p> + +<p>Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der +wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner +— und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen +Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes +Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine +Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen +Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem +sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.</p> + +<p>Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte +sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage +des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, — +und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte.</p> + +<p>Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch- +und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse +zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten +Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier +bildeten.</p> + +<p>Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß +von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das +ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen <span class="pagenum" id="Page_192">[Pg 192]</span>einer +Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück +Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei +Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer +Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht.</p> + +<p>Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von +Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre +Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen <span class="antiqua">tabula rasa</span> +gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser +verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten +Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen +als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein +Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet, +erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende +schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um +eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft +war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der +Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse +urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit +seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist +sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache.</p> + +<p>Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von +Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa +erwarten.</p> + +<p>Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe +mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den +giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf, +das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst +etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald +endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier +festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am +nächsten kommt.</p> + +<p>Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt +stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher +machte. Und nun eröffnet sich eine großartige <span class="pagenum" id="Page_193">[Pg 193]</span>Perspektive, die beide +klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet.</p> + +<p>Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen +ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des +Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist +aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland +von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere +unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte +sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von +Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit +der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos, +um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit +abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis +Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser +Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und +sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über +den Aequator hinaus.</p> + +<p>Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und +nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus +entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle +Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen +Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, — bei +Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei +Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher +Schädel ausgegraben worden, — zum nicht geringen Schrecken der +trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher +unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts +gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder +Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und +das ebenso in Pikermi lebte.</p> + +<p>Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne +weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen — in +ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen +sein — quer durch ganz Asien herangekommen <span class="pagenum" id="Page_194">[Pg 194]</span>und abgeströmt durch das +ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis +nach Deutschland hinauf.</p> + +<p>Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren +Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte: +einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg, +westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein.</p> + +<p>Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals +auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf +die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus.</p> + +<p>Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir +wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So +kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der +asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom +Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen +unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst +versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite +wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit +vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle +vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der +Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher +Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das +Ansiedlerland, — wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des +Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther. +Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das +erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas +allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung.</p> + +<p>Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat +damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt.</p> + +<p>In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare +Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan +haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf. +Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit +zurück. Ein Trupp ging schneller, andere <span class="pagenum" id="Page_195">[Pg 195]</span>ganz langsam, im Verlauf +erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren +Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in +hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete.</p> + +<p>Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist +ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit +den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich +eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab. +Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg +nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da, +unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab.</p> + +<p>Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen +wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen +konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack +oder Teufelshilfe im Spiele war.</p> + +<p>In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden. +Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht +so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es +jedenfalls gekommen, — gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen +Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte +auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie +es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im +letzten Schoße, — das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren +Spuren wir eben aufdecken.</p> + +<p>Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst +in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange +Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt +haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung +hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn +jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit +entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas +größer scheint es gewesen zu sein, — <span class="antiqua">Hippopotamus major</span> ist es +deshalb getauft worden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_196">[Pg 196]</span></p> + +<p>Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich +auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in +England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung +englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja +unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich +auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas, +zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch +lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa +fort und fort schlechter wurde.</p> + +<p>Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz +Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die +warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber +diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz +langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder +wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der +Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in +ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten. +Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz +aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute +Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das +Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter, +den immer kargeren Sommer.</p> + +<p>Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht +verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die +jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, — +seltsam genug, wenn man an heute denkt.</p> + +<p>Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von +ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die +Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es +endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die +eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner +hat es jedenfalls nicht mitgemacht.</p> + +<p>In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich <span class="pagenum" id="Page_197">[Pg 197]</span>erst +ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns +aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei +den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland +und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, — aber sie setzt +ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die +herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen? +Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem +Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das +Nilpferd ganz aus Europa, — auch aus dem Mittelmeergebiet.</p> + +<p>Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit +zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen +eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute +das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach +Afrika bildeten.</p> + +<p>Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze +bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien, +gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika +hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt +nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel +später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von +Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den +Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling +aus dem ungastlichen Europa.</p> + +<p>Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf +einigen Inseln des Mittelmeers.</p> + +<p>Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich +herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf +absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im +trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen +gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das +auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu +jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der +langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener +Pfeiler alten Festlandes, <span class="pagenum" id="Page_198">[Pg 198]</span>das sich noch in verhältnismäßig jungen +Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht +haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite +Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte, +besiegelte erst ihr Schicksal.</p> + +<p>Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie +zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz +gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden +Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los, +ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von +1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch +sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel +machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der +Griechen vom Untergang der Atlantis, — eine Sage, die wahrscheinlich +erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden +ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden.</p> + +<p>Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine +höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben.</p> + +<p>Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das +Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam, +als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in +ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame +Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern +stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz +Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten +bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig +anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“ +träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun +scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine +gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf +die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in +Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei +Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere +und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen <span class="pagenum" id="Page_199">[Pg 199]</span>Behemot, +denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den +Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie +der Nilriese.</p> + +<p>Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen +Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die +Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird +vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen +und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und +(in der kleinsten Art) sogar nur <em class="gesperrt">einem</em> Meter Höhe ergeben, also +Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß.</p> + +<p>Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste +eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten +Festlandes an dieser Stelle <em class="gesperrt">verkümmerten</em>, als das Festland +sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als +letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn +und immer dünner, — und so entstand in einer Art zwangsweiser +Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und +Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die +Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von +andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt +unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten +und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als +die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber +verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen +Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta +ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im +Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd +zuerst in Aegypten auf.</p> + +<p>Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf +dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind.</p> + +<p>Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der +Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische +Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern +Wegen erreicht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_200">[Pg 200]</span></p> + +<p>Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See. +Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein +stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets.</p> + +<p>Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug, +vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser +Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen +und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe +Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste +Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten +Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar +keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große +Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem.</p> + +<p>Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine +Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf +Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen +und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber +auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz +eingegangen.</p> + +<p>Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es +wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von +Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen.</p> + +<p>Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird +in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber +altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der +wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der +Zeit verrinnen sieht — ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub, +wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es +erzeugt hat, sein wird.</p> + +<p>Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der +Gedanke lebt, — der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und +der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, — — du +Stück Weltgeschichte — Nilpferd.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_201">[Pg 201]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Wunderwelt_der_Radiolarien"> + Die Wunderwelt der Radiolarien. + <br> + <span class="s6">Ein Blick in die Tiefsee.</span> + </h2> +</div> + +<p>Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“.</p> + +<p>Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten +Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf. +Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom +zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von +versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich +einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar +abspiegeln muß und läge sie noch so tief.</p> + +<p>Alte Schnurren — die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als +das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger +Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen +liest.</p> + +<p>Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten +Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch +mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort.</p> + +<p>Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen +verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas +abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem +Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme +mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher, +Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller +Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim. +Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und +Kinderspielzeug, Rasseln und kleine <span class="pagenum" id="Page_202">[Pg 202]</span>Windmühlen, aber alles durch +äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige, +doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller +Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen +darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische +und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es +uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück, +jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein +Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt.</p> + +<p>Wo liegt dieser Schatz?</p> + +<p>Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor. +Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas +wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als +sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner +Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht. +„<span class="antiqua">Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd.</span>“</p> + +<p>Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der +fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der +Naturforscher als <em class="gesperrt">Radiolarien</em> bezeichnet. Die vorliegende +Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen +Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der +zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen +Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im +Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich +um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe +dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein +Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über +4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch. +Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das +größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine +Klippe zu stoßen.</p> + +<p>Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“ +heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert, +hat sie eben unter meinem Mikroskop <span class="pagenum" id="Page_203">[Pg 203]</span>gelegen. Sie war der „Schatz“, der +bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem +staunenden Auge vorüberzog.</p> + +<p>Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die +Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar +nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne +Schale eines einzelnen Lebewesens — eine Schale, in der einmal ein +lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen +selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich +Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut.</p> + +<p>Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr +Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst +weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die +eine winzige Schlammprobe.</p> + +<p>Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure +sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen +Bergkristall baut.</p> + +<p>Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen +als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben +menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und +Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches +Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in +einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen, +in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die +Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile +Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist, +ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut ....</p> + +<p>Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer +Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber +ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat.</p> + +<p>Tiefseeforschung!</p> + +<p>Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_204">[Pg 204]</span></p> + +<p>Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur. +Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der +Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war.</p> + +<p>Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge +überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit +dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er +dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte, +den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das +eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich +hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen. +Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu +fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging +das hinab.</p> + +<p>Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern +nur alte Mythen.</p> + +<p>Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung, +offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der +Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in +einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung +der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie +hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich +auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben +und unten.</p> + +<p>An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber +selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die +kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den +Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete +Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und +da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war, +zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts +ernstlich daran, ob das Weltmeer <em class="gesperrt">überhaupt</em> allerorten einen +Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte +noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_205">[Pg 205]</span></p> + +<p>Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das +südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit. +Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den +Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre +des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert +Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich +John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat +stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer +kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit +lebenden Tieren darin) ans Licht.</p> + +<p>Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter +noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten +Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben, +so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig +seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr +erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren.</p> + +<p>Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse +Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten +Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern +festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In +dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im +Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung +schien also ungefähr erfüllt.</p> + +<p>Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis +zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die +Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige +Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte +an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich +gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen +und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in +Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit +Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder +illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_206">[Pg 206]</span></p> + +<p>Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein.</p> + +<p>Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel +allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein +geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst +dringlichen <em class="gesperrt">praktischen</em> Forderung.</p> + +<p>Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und +Amerika tauchte auf.</p> + +<p>Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den +Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“ +endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab +dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber +bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung.</p> + +<p>M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806–1873) +revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die +Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme +zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in +der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden.</p> + +<p>Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige +vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das +regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal +und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird.</p> + +<p>Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie +verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum +annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und +zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten +Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange +enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange +selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war +eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und +Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment +des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und +Leine konnten <span class="pagenum" id="Page_207">[Pg 207]</span>dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und +in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein- +und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich +Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von +Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf +ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen +getrieben worden.</p> + +<p>Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit +Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar +im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der +Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden +Jahrzehnten jetzt wenigstens <em class="gesperrt">einige</em> Seetiefen im Atlantischen +und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr +entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die +Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres +Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten: +wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das +Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht. +Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich +sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der +Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan) +mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd +tausend Atmosphären lasten!</p> + +<p>Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen +ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt +war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in +gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant. +Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber +allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund.</p> + +<p>Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die +wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn +es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus? +Vor allem: gibt es <em class="gesperrt">Leben</em> da unten?</p> + +<p>Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg +zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. <span class="pagenum" id="Page_208">[Pg208]</span>Und abermals +war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die +vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit +heraufzog.</p> + +<p>Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit — in +Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas +davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben, +daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so +doch abwärts in die Tiefe hinunter ein <em class="gesperrt">einziges ungeheures Grab</em> +ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei.</p> + +<p>Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran +selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß +Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln +bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll +fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen +nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen +durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut +beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes +kannte.</p> + +<p>Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren +beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist <em class="gesperrt">einer</em> der großen +Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber +zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen — außer Wirbeltieren +noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln, +Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken), +Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen, +Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten +Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die +Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten, +fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde +damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte +unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und +Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens +die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber <span class="pagenum" id="Page_209">[Pg 209]</span>den +ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer +noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte +Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre +hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich +meerbewohnenden Gruppen geblieben war.</p> + +<p>Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres +großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht +wenig zu dem Umschwung beigetragen.</p> + +<p>Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als +eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein +dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte +es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen +und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes +Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See +und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee, +bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke +eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als +jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste +Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten. +Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop — +verbessert, wie die Technik es jetzt bot — als das entscheidende +Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre, +von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen +Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des +tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das +Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch +Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen +Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die +ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen.</p> + +<p>Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller, +Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und +die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach +kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit +einem Schmetterlingsnetz. Das war für den <span class="pagenum" id="Page_210">[Pg 210]</span>Augenblick ein gewaltiger +Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster +Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert +hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht. +Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob +diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend +welches Interesse biete.</p> + +<p>Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor. +Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner +Tiefensondierung von — behaupteterweise — fast zweitausend Metern +in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam +er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein +unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern +an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben +hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und +vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ... +ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes +zurücktrat!</p> + +<p>Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die +besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und +späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der +vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei +etwas über achthundert Meter Tiefe.</p> + +<p>Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art +die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings +meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe.</p> + +<p>Edward Forbes (1815–1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit +der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des +Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß +von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei. +Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben +mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen. +Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so +sein müsse, — die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein +und beweist euch, es müßt’ so sein.“!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_211">[Pg 211]</span></p> + +<p>Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte +folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine +Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich +eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte, +daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine +Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise +konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als +Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des +obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon +sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber +verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte.</p> + +<p>Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre +letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende +Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des +transatlantischen Kabels.</p> + +<p>Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig +werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt +hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer +Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre.</p> + +<p>Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem +Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen +Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt. +Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die +abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich +sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran.</p> + +<p>Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall +wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf +dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor +winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien +und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit +drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen +drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen +Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also — und gerade in Forbes’ +<span class="pagenum" id="Page_212">[Pg 212]</span>„unfruchtbarem“ Mittelmeer — unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern!</p> + +<p>Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus +ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben +stand, daß sie an Tiefenverhältnisse <em class="gesperrt">angepaßt</em> waren.</p> + +<p>Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende +zu den sechziger Jahren bedeutete.</p> + +<p>Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre +aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien +als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick +bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt, +das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem +Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie +etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt +existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein +müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher +Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar +sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde +unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben +könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte, +bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr +zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich +auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging?</p> + +<p>Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes +geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle +Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde +Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (<span class="antiqua">Leptoderus</span>), +dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit +scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge +ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde.</p> + +<p>Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen +jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen +aufwiesen. Zunächst gerade auch <em class="gesperrt">blinde</em> Tiere. Blinde Fische, +blinde Krebse. Das <em class="gesperrt">mußten</em> echte Bewohner der <span class="pagenum" id="Page_213">[Pg 213]</span>dunklen, also +tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen +aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch.</p> + +<p>Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr <em class="gesperrt">große</em> Augen +hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße.</p> + +<p>Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte +nämlich äußerst kräftige <em class="gesperrt">Leuchtorgane</em>. Auch diese Anpassung hat +der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine +ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“, +kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen +Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der +Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein +einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres +erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende +Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren +Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges +werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg.</p> + +<p>Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen +Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist, +als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende +geworden.</p> + +<p>Bei dem Fische <span class="antiqua">Malacosteus</span>, der schon aus Tiefen von 5000 Metern +gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und +je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes +Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch <span class="antiqua">Echiostoma</span> +flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer. +Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar +wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem +Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate +selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen +zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein +aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben +dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind +übrigens nicht Fische <span class="pagenum" id="Page_214">[Pg 214]</span>allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen, +Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische +„illuminieren“ in den prachtvollsten Farben.</p> + +<p>Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht +verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber +von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch +andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre +Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig +aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt.</p> + +<p>Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht +nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal +gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten +Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen +Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da +hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean +durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher +und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild.</p> + +<p>Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten +andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser +Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten +wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen +Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als +einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und +Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst +weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers +auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner +signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in +bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die +Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher, +und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß +beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich +unseren Weberknechten.</p> + +<p>Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser, +und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte <span class="pagenum" id="Page_215">[Pg 215]</span>Welle zerschlüge, +durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine +Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz +besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe +sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte +zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom +Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe +der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in +unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller +Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem +Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die +großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode — +also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit — den damaligen +Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge, +die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte +fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher +vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich +einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben +glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine +ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine +Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen, +leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen +Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche!</p> + +<p>Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer +Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit +der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura- +und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe +beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl +am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen +Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit +Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus +der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so +schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die +einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende +<span class="pagenum" id="Page_216">[Pg 216]</span>Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog +Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen +der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig +Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben +mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß +gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei +Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich +fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal +wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch +sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch +einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts +steige, hat sich sonst nicht halten lassen.</p> + +<p>Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag. +Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von +den Kabelarbeiten.</p> + +<p>Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz +Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte +sich der Eifer zu <em class="gesperrt">Tiefsee-Expeditionen</em>, die eigens diesen +<em class="gesperrt">zoologischen</em> Zweck ins Auge faßten.</p> + +<p>Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten +diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe.</p> + +<p>Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den +eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen +Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich +zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als +sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung +von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine +noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt, +allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren +sollte.</p> + +<p>Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen +Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868 +wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer <span class="pagenum" id="Page_217">[Pg 217]</span>bei den +Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches +Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“ +(Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die +Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere +Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend +Meter hinab.</p> + +<p>Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die +Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für +Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage +diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine +ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus +der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos +anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden.</p> + +<p>Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten +Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen +Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit +von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere +Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde +durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines +Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das +Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen +Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine +glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis +über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere +fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in +Thomsons bewährte Hand.</p> + +<p>Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten, +konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender +Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie, +Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der +erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus +Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition +teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das +glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise +hinraffte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_218">[Pg 218]</span></p> + +<p>Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung — seit den Tagen +des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet +worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den +Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die +Absicht zu haben schien, auf dem Wasser — je offener, desto besser +— geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag +Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo +immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten.</p> + +<p>Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876. +Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und +einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt +in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer +hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr +als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie +ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel +besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen +flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch +widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte +durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück, +das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert +wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in +Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den +Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit +der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den +sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne.</p> + +<p>Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles +unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord.</p> + +<p>Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten +Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger +als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden, +zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und +zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand <span class="pagenum" id="Page_219">[Pg 219]</span>sich eine +erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern, +also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht +weit von den Philippinen.</p> + +<p>Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der +Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit +zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim +anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das +aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete.</p> + +<p>Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte +sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten +Gebiete umspannte.</p> + +<p>Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens +bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die +Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des +Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten +Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen +auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von +der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten. +Der engere Sachverhalt schien dabei folgender.</p> + +<p>Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz +regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen — +Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom +Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer +hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis +zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen.</p> + +<p>Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich. +Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den?</p> + +<p>Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim +Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm +war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop +zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein +dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_220">[Pg 220]</span></p> + +<p>Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen +selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich +auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen +frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn +das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab. +Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser +Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß +Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit +einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind! +Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere +heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute +Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir +als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den +Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen +der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen +diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen +heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide +unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer. +Doch das nebenbei.</p> + +<p>Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern +der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten +<em class="gesperrt">Urtieren</em>. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den +<em class="gesperrt">Wurzelfüßern oder Rhizopoden</em>.</p> + +<p>Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles +dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen +schwebt.</p> + +<p>Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere. +Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet, +aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, — +den sogenannten <em class="gesperrt">Zellen</em>. Auch der Körper des Menschen ist aus +Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber +gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige +Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen, +das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder +Frosch auch die Beine und Füße.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_221">[Pg 221]</span></p> + +<p>Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu +nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus <em class="gesperrt">einer einzigen</em>. +Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen +in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe +Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber +nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung +auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es +gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier +trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche +Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen +aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder +dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu +zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings +ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen +Leibe <em class="gesperrt">harte Skelette</em> auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper +als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei +den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des +Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine +hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt.</p> + +<p>An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem +„Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den +<em class="gesperrt">ganzen</em> Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen +von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine +runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche — +ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen.</p> + +<p>Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die +Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz +einfach über einen Leisten gearbeitet ist.</p> + +<p>Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen +viertausend und fünftausend Metern der <em class="gesperrt">Globigerinenschlamm mehr +und mehr aufhört</em>. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der +viertausend Meter-Grenze zu Ende.</p> + +<p>Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein +Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, <span class="pagenum" id="Page_222">[Pg 222]</span>dem gerade das +Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich +die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk.</p> + +<p>An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der +Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben, +allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf +treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den +Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei +sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend +Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als +viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen +fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum +sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern +genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen?</p> + +<p>Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der +Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter, +also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe +wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen +<em class="gesperrt">auflöst</em>. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das +mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser +selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende +Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück +Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes +hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain +unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen.</p> + +<p>Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein +Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her?</p> + +<p>Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach +bemerkbaren Farbe nach den „<em class="gesperrt">roten Tiefseeschlamm</em>“ genannt.</p> + +<p>Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem +durchaus verschieden.</p> + +<p>Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische +Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer +Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse <span class="pagenum" id="Page_223">[Pg 223]</span>ist, Asche, Bimsstein, +Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem +Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins +Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im +Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua +an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn +wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre +mit vulkanischem Staub durchsetzt, — Staub, der allmählich dann +niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean +aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule +bis auf den Grund.</p> + +<p>Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen +zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der +Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel +Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen +mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach +außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was +kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf +<em class="gesperrt">kosmischen</em> Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt, +die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe +Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben, +der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser +Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin +kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich +die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall +der Staub verpulverter Gestirne rinnt ....</p> + +<p>Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es +bleibt noch ein Hauptbestandteil: <em class="gesperrt">Kieselerde</em>. Wie oberhalb der +viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser +Stoff?</p> + +<p>Wir rufen uns zurück, daß jener Kalk des oberen Schlammteppichs auch +nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige +Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form +von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber +von lebendigen Geschöpfen der <span class="pagenum" id="Page_224">[Pg 224]</span>Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig +verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile +des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition +des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und +Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten +Entdeckungen zu machen.</p> + +<p>Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit +eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht, +enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale, +das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus +nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem +Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „<em class="gesperrt">Radiolarien</em>“, zu +deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert.</p> + +<p>Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur +aus <em class="gesperrt">einer</em> Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von +den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette +oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus +<em class="gesperrt">Kiesel</em> aufgebaut.</p> + +<p>Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben +ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende +Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans +(allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf +dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt, +jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen +Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt +werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also +theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört, +nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten +jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte +das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache +doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch +zu erwarten war.</p> + +<p>Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel +bot.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_225">[Pg 225]</span></p> + +<p>Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich +steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt +der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter +hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und +wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die +ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit <em class="gesperrt">reinem +Radiolarienschlamm</em>. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht, +wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die +Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den +Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe +ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre +Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar +noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar +erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die +individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar +ist. Wer diese Zerstörung besorgt — die hier offenbar keine chemische +Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern +nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet — bleibt +einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich.</p> + +<p>Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher +Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee.</p> + +<p>Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier +heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam.</p> + +<p>Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie +„Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches, +Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere, +oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher +„entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der +Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen +einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon +den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich +geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die +Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches +Beispiel dafür, wohl wert, erzählt <span class="pagenum" id="Page_226">[Pg 226]</span>zu werden, da zugleich ein Stück +Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt.</p> + +<p>In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen +zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im +heutigen Sinne noch gar nichts.</p> + +<p>Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die +Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze +Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten.</p> + +<p>Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu +werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte. +Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und +darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man +wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte.</p> + +<p>Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten +Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden +Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte.</p> + +<p>Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, <em class="gesperrt">Christian Gottfried +Ehrenberg</em> in Berlin, die Sache ins Große, — ins Große tatsächlich +des Kleinsten.</p> + +<p>Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder +wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der +trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie +das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, — alles +wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne, +wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken +aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher +Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als +die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im +Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht.</p> + +<p>Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen +Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten +eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der +Riesensonnen am Firmament.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_227">[Pg 227]</span></p> + +<p>Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit +Herkuleswucht?</p> + +<p>Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten +aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen +Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen +nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen +aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg +einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf +<em class="gesperrt">eine</em> Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die +bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den +Körper bilden.</p> + +<p>Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen +Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er +heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige +Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und +Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese +Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten, +daß die Tiere darunter tatsächlich eine <em class="gesperrt">hohe</em> Organisation +besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das +ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art +„vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen +Organen der höheren Tiere, sein.</p> + +<p>Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren +vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt +bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den +wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte.</p> + +<p>In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend +einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die +schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst +stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts +für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und +Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder +herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren +Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus +zierlichen <span class="pagenum" id="Page_228">[Pg 228]</span>Kieselpanzer und benannte sie, — übrigens noch nicht als +Radiolarien, der Name fand sich erst später.</p> + +<p>Gerade weil die Schalen — lebende Tiere erhielt er zunächst nicht — +aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in +seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch +im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier +herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich +zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken, +wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere +überhaupt anzuweisen war.</p> + +<p>In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender, +teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846 +brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die +vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt +waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit, +einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und +Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar +Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre +Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der +Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über +den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden.</p> + +<p>Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die +es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon +erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg +vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860 +erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar +ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen +Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere +große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten +Triumph aller Radiolarienforschung — und doch wußte Ehrenberg noch +immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre.</p> + +<p>Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives +Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren +Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer <span class="pagenum" id="Page_229">[Pg 229]</span>Berliner Kollege +Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus — in einer +nachgelassenen Schrift — gerade diese Frage bis zu einer gewissen +Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer +Seite.</p> + +<p>Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel +auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist +aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende +Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur +Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach +Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt +nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche +mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte +Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und +zwar diesmal auf <em class="gesperrt">lebendes</em> Material.</p> + +<p>In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang +der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen +Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang +gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley, +nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener +Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das +gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen +im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein +zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber +Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb +seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr +klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts +anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von +Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen +die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war +— ein großer Fortschritt —, so zählte Huxley seine Einzeller mit +Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im +richtigen Schubfach des Museums!</p> + +<p>Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade +noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg <span class="pagenum" id="Page_230">[Pg 230]</span>an +Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß.</p> + +<p>Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine +Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf +rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen +geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen +neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe.</p> + +<p>Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten +zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die +eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und +Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter +einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so +benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der +großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren.</p> + +<p>Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit +dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste +unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich +schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin +lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht +mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein +Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in +Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher +jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien +eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten +Früchte getragen hat.</p> + +<p>Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten +Ranges.</p> + +<p>Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet +waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war +<em class="gesperrt">Ernst Haeckel</em>.</p> + +<p>Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze +Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst +1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten +Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem +tierreichen Hafen führten <span class="pagenum" id="Page_231">[Pg 231]</span>ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das +war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.</p> + +<p>Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen +Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die +schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile +nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der <span class="antiqua">Camera lucida</span> +und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller +wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862 +erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der +Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten +und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von +Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist +noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das +ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen +Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel +erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem +Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter +Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus. +Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die +Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.</p> + +<p>In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine +große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein +geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich +für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen +war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um +Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe +allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel +kommt, eigentlich <em class="gesperrt">nur</em> bekannt zu sein pflegen, braucht hier +nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden +vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil +allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.</p> + +<p>In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer +seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren +des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 <span class="pagenum" id="Page_232">[Pg 232]</span>kam Cienkowski +mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung, +die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung +tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.</p> + +<p>Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs +zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb +notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein +müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von +der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von +seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch +nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus <em class="gesperrt">mehreren Zellen</em> +fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes +jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel +lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren. +Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren +mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom +Wurzelfüßerschlage sein.</p> + +<p>Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen +überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der +Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich +die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt +notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen +zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur +eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen +aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller +plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel +selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die +dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu +entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten +Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.</p> + +<p>Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen +Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis +führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien <em class="gesperrt">echte „Einzeller“</em> +seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.</p> + +<p>Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, <span class="pagenum" id="Page_233">[Pg 233]</span>zeigte +er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren <em class="gesperrt">fremde</em> +Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars +aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche, +die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den <em class="gesperrt">Pflanzen</em> +ähnelten, — also sogenannte „Urpflanzen“.</p> + +<p>Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie +nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im +verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen, +wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in +der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen: +so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig +urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die +wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben: +sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts +anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und +uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht +auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen +schmarotzern?</p> + +<p>Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen. +Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars +scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen, +sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen +Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen +jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich +des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten. +Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute +weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von +Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen. +Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der +Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns +den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars +vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand. +Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und +scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende <span class="pagenum" id="Page_234">[Pg 234]</span>Pflanze dagegen zersetzt +wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So +kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet +diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches +Leben“.</p> + +<p>Nachdem diese verwickelte Geschichte einmal durchschaut war, stand +natürlich nichts mehr im Wege, nunmehr das Radiolar selber wieder als +nur aus einer einzigen Zelle bestehend aufzufassen. Richard Hertwig hat +das im Verlaufe der siebziger Jahre in korrekter Weise dargelegt und +allgemein eingeführt.</p> + +<p>Inzwischen hatte aber auch der alte Ehrenberg, der immer noch lebte, +mikroskopierte und systematisierte, seine Radiolarienstudien keineswegs +aufgegeben. 1872 und 1875 faßte er alles noch einmal genau zusammen, +was er über die Radiolarien der versteinerten Vorwelt wußte. Er +kam aber nach wie vor über einfaches Abzeichnen und Benennen der +Kieselschälchen nicht hinaus. Alles, was die Zwischenzeit über den +lebendigen Organismus seiner Lieblinge gebracht, ignorierte er. Für +ihn gab es keine „Radiolarien“ als Gruppe der einzelligen Urtiere. +Die ganze Zellentheorie, seit bald vierzig Jahren jetzt die Grundlage +aller biologischen Forschung, war ihm eine Modetorheit, die er nicht +mitmachen mochte. Von Haeckels Monographie kannte er nicht einmal +den richtigen Titel. Und bis zu allerletzt meinte er, es habe wohl +überhaupt noch kein Forscher ein lebendes Radiolar tatsächlich +beobachtet.</p> + +<p>Es ist, als gehe durch eine solche Gestalt wie Ehrenberg die Scheide +zweier Epochen der Naturforschung: der alten, die im Museum saß +und mit Naturmerkwürdigkeiten spielte wie mit kuriosen Raritäten; +und der neuen, die mit der lebendigen Natur wirklich lebte wie ein +Freund und aus dieser Freundschaft Welten des Gedankens schöpfte. +Für die Radiolarienforschung war es kein Verlust mehr, daß Ehrenberg +genau in dem Jahre starb, da der „Challenger“ mit dem größten +Radiolarienmaterial, das je gesehen worden war, in Portsmouth einlief.</p> + +<p>Hier aber beginnt tatsächlich das letzte und das großartigste Kapitel +in der Geschichte unserer Radiolarienkenntnis.</p> + +<p>Von den dreiundeindrittel Millionen der Challenger-Unkosten waren +mehr als zweiundeindrittel für die Expedition selbst verbraucht +<span class="pagenum" id="Page_235">[Pg 235]</span>worden. Den Rest hat in den folgenden zwanzig Jahren die Herstellung +des wissenschaftlichen Reisewerkes aufgezehrt. Heute ist das Werk +vollendet, schon räumlich ein Reisebericht von Dimensionen, mit denen +sich nur ein Werk ganz vom Anfang des Jahrhunderts im Plan vergleichen +läßt, das aber nie fertig geworden ist: die Riesenarbeit Alexander +von Humboldts über seine Fahrten in Süd- und Mittelamerika. Humboldt +hat schließlich dreißig Quartanten und Folianten herausgebracht. Der +„Challenger-Bericht“ umfaßt fünfzig Bände mit rund dreißigtausend +Quartseiten Text und über dreitausend lithographischen und +Kupfertafeln. Es war von Beginn der zwanzigjährigen Arbeit an +außer Frage, daß diese Herkuleslast nicht ein einzelner Bearbeiter +tragen könne. Auch Humboldt hat ja seiner Zeit die ganze Elite der +Forschung in Bewegung gesetzt. Aber schon die Verteilung der Arbeit +und Oberleitung erforderte eine vorzügliche und ausdauernde Kraft. +Thomson, der die Expedition selbst so glücklich geleitet, brach schon +zu Beginn der Ausarbeitung daheim zusammen. Die Strapazen der Fahrt +waren ungeheure gewesen. Mehrere der besten Teilnehmer büßten sie noch +nachträglich mit dem Leben. So auch Thomson, den ein Gehirnleiden aus +der Bahn warf. 1882 hat ihn der Tod erlöst. An seine Stelle trat John +Murray, sein erster Assistent. Keine bessere Kraft konnte sich der +Sache widmen. Mit Hilfe von sechsundsiebzig Mitarbeitern wurde von ihm +das grandiose Unternehmen nun wirklich bis zur Neige durchgeführt. Als +ein schönes Zeugnis englischer Unbefangenheit war dabei zu vermerken, +daß die Mitarbeiter lediglich nach wissenschaftlichen Rücksichten +gewählt wurden, also, wo es not tat, auch unter Nicht-Engländern. Und +gerade dieser Zug wurde bedeutsam für die Radiolarien.</p> + +<p>Haeckel war jetzt für sie die unbestritten höchste Autorität unter den +Zoologen aller Nationen. Also wurde Haeckel damit betraut.</p> + +<p>Erst unter seinen Händen ist dann offenbar geworden, <em class="gesperrt">was</em> für +einen Reichtum man auf dem Radiolariengebiet eingeheimst hatte in jenen +sechshundert Kisten heimgebrachter Naturalien.</p> + +<p>„Ich werde nie“, erzählt Haeckel selbst, „das Erstaunen beim ersten +Anblick derselben vergessen, als ich im August 1876, der freundlichen +Einladung meines lieben Freundes Paul Rottenburg <span class="pagenum" id="Page_236">[Pg 236]</span>in Glasgow folgend, +der dort tagenden British Association beiwohnte; ein großer Teil +der Sammlungen war dort ausgestellt, und die allgemeine Uebersicht +über die Resultate der Expedition wurde mitgeteilt. Unvergeßlich ist +mir insbesondere ein Sonntag-Vormittag, den ich zusammen mit Sir +Wyville Thomson, Carpenter und John Murray zubrachte; Hunderte von +„Stationspräparaten“ wurden gezeigt, d. h. von jenen mikroskopischen +Präparaten, welche unmittelbar nach dem Heraufziehen des feinen Netzes +durch Behandlung mit Alkohol, Färbung mit Carmin und Einbettung in +Kanadabalsam auf den einzelnen 354 Beobachtungsstationen angefertigt +waren. Jedes einzelne dieser Präparate enthielt zahlreiche (oft mehr +als hundert verschiedene) Lebensformen, die vielen verschiedenen +Klassen angehörten; alle aber wurden übertroffen von den wunderbaren +Gestalten einer einzigen Klasse einzelliger Urtierchen, den +Radiolarien.“</p> + +<p>Der Eindruck dieses Sonntag-Morgens entschied bei Haeckel über die +Arbeit von zehn Jahren. Er hatte auf drei bis fünf gerechnet, es +wurden aber zehn. Dann erschienen 1887 als achtzehnter Teil des +„Challenger-Berichts“ drei Bände von im ganzen 2750 Druckseiten aus +seiner Feder: eine zweite Monographie der Radiolarien, unvergleichlich +umfangreicher als die erste. 140 Bildertafeln illustrierten sie.</p> + +<p>Wie reich das Material auf einmal geworden war, lehrt die einfache +Ziffer der <em class="gesperrt">neu</em> beschriebenen Arten: es waren 3508! Müller hatte +fünfzig lebende Radiolarienarten gekannt. In Haeckels Prachtwerk von +1862 kamen 14 neue Arten hinzu. Im ganzen stand die Kenntnis bis auf +das „Challenger-Werk“ bei 810 Arten. Jetzt wuchs die Ziffer sofort +auf 4318. Und diese 4318 Arten verteilten sich über 739 Gattungen, 85 +Familien, 20 Ordnungen und 4 Legionen. Ein unglaublicher Formenreichtum +— bei Urtieren von so einfacher Grundorganisation! Vielleicht gibt es +keine zweite Tatsache, die so angetan ist, Respekt vor dem zu wecken, +was man „Leben“ nennt. Die Kraft dieses Lebens, Formen und immer wieder +Formen in unerschöpflicher Fülle aus sich heraus zu gebären, erscheint +vor diesen Kleinsten in ihrer vollen Größe. Es mag zum Vergleich der +4318 Radiolarienarten dienen, daß die ganze Klasse <span class="pagenum" id="Page_237">[Pg 237]</span>der Säugetiere noch +nicht dreitausend Arten umfaßt. Haeckel selbst ist aber der Ansicht, +daß mit seiner Arbeit noch lange nicht einmal das „Challenger-Material“ +erschöpft sei, geschweige denn alles, was die Ozeane der Erde wirklich +an Radiolarien noch besitzen mögen.</p> + +<p>Der Text auch des Radiolarienteiles des „Challenger-Berichts“ ist +selbstverständlich in englischer Sprache erschienen. Inzwischen +hat der deutsche Verfasser aber (1887 und 1888) erfreulicherweise +auch eine deutsche Ausgabe der wichtigsten Textteile als zweiten, +dritten und vierten Band seiner Monographie im Reimerschen Verlage +veröffentlicht. 106 Bildertafeln der englischen Ausgabe sind auch +hier beigefügt. Leider liegt es in der Natur der Dinge, daß derartige +Prachtbände größten Formats mit luxuriösen Tafeln im Buchhandel auch +einen Preis vom „größten Format“ besitzen. Ein vollständiges Exemplar +aller vier Bände der deutschen Monographie kostet 180 Mark. Für +die Spezialforschung selbst ist das weniger wichtig, da es hier ja +wesentlich darauf ankommt, daß Bibliotheken und Institute das Werk für +den gemeinsamen Gebrauch vieler anschaffen. Sehr schade ist dagegen, +daß in weiteren Bildungskreisen diese wundervollen Bildertafeln bisher +so sehr wenig bekannt geworden sind.</p> + +<p>Es handelt sich dabei keineswegs bloß um Tierbilder für das zoologische +Interesse. Auch das wird ja bei uns mit jedem Jahr ein allgemeineres. +Wie viel tausend und tausend Gebildete, die gewiß nicht zum „Fach“ +gehören, haben sich nicht in den letzten Jahrzehnten an den köstlichen +zoologischen Bilderbüchern von Brehm und Mützel, Vogt und Specht, Heck +und anderen immer wieder erfreut und weitergebildet. Aber hier kommt +noch etwas viel umfassenderes in Fluß.</p> + +<p>Die <em class="gesperrt">ästhetischen Interessen</em> werden aufs nachhaltigste berührt.</p> + +<p>Das erweitert den Interessentenkreis aber alsbald ins unendlich Größere.</p> + +<p>Ich meine das jetzt nicht bloß der vorzüglichen Ausführung dieser +Radiolarientafeln wegen. Ganz gewiß ist sie schlechtweg allerersten +Ranges. Haeckel, treu unterstützt durch die kunstfertige Hand von +Adolf Giltsch in Jena, hat das Schöne, das wiederzugeben <span class="pagenum" id="Page_238">[Pg 238]</span>war, seinem +Rang entsprechend mit allen Mitteln höchster Kunst dem Bilde gewonnen. +Aber das Grundlegende ist eben doch die Natur selbst. Diese Natur, +die im Reiche des atomistisch Winzigen, jenseits unserer leiblichen +Sehgrenzen, den weichen, an sich formlosen Protoplasmaleib niedrigster +Urtiere mit der Gabe ausgerüstet hat, <em class="gesperrt">rhythmische Gebilde von +vollkommener Schönheit</em> hervorzubringen. Das Bild sagt hier alles. +Es reicht die Hand zu einem Wege, der bei der Aesthetik anfängt und in +den tiefsten Gründen der Philosophie endigt.</p> + +<p>Haeckel hat nun kürzlich die ersten Hefte eines neuen Werkes in die +Welt geschickt, das ebenfalls eine Fülle schöner, zum Teil farbiger +Tafeln bringen soll, dabei aber diesmal ausgesprochen zum Zweck +volkstümlicher Belehrung gedacht ist. Es erscheint in zwanglosen Heften +von je zehn Tafeln mit populärem Text, jedes Heft einzeln verkäuflich +zu dem überaus geringen Preise von drei Mark. Das Werk behandelt alle +möglichen Objekte aus dem Tier- und Pflanzenreich, ausgewählt nach +einem einzigen Gesichtspunkt. Auch Radiolarien sind gleich auf dem +ersten Blatt in schönster Auswahl vereinigt. Aber der Gesamttitel +heißt: „Kunstformen der Natur“. Prägnant faßt dieses Wort den Begriff, +unter den auch das „Merkwürdige“ der Radiolarien fällt.</p> + +<p>Haeckel denkt sich, daß diese von ihm gewählten und künstlerisch +wiedergegebenen Objekte der organischen Natur <em class="gesperrt">ausübenden +Künstlern</em> eine Fülle geradezu von Vorlagen, Motiven, Anregungen +gewähren könnten. Zweifellos ein bedeutender, fruchtbringender Gedanke. +Immer ist es ja die Natur gewesen, aus der der Künstler als ewigem +Lebensborn geschöpft hat. Aber keineswegs immer, ja man kann mit gutem +Recht sagen: so gut wie gar nicht bisher (mit wenigen Ausnahmen!) +ist es der <em class="gesperrt">Naturforscher</em> gewesen, der dem Künstler dabei +entgegengekommen ist.</p> + +<p>Die Ecke, wo er die Welt des sinnlich Sichtbaren am meisten erweitert +hat — im vergrößernden Mikroskop — ist dem Künstler durchweg fremd +geblieben. Und nicht nur dem Künstler. Der Aesthetiker vom Fach wußte +nichts davon zu sagen. So blieben Beziehungen lange unfruchtbar, die +im rechten Bruderbund das Beste für beide Teile zeugen könnten. Denn +der Gewinn liegt <span class="pagenum" id="Page_239">[Pg 239]</span>unverkennbar auf beiden Seiten gleich stark. Der +Naturforscher beschreibt seine Naturgegenstände zunächst als einfacher +Registrator. Nun hat er aber seine Radiolarien auf dem Blatt, treu mit +dem Apparat des Mikroskopes und der <span class="antiqua">Camera lucida</span> reproduziert. +Da kommt der Aesthetiker, der Künstler hinzu und bricht in den Ruf der +innigen Begeisterung aus: wie <em class="gesperrt">schön</em> ist das! Der Naturforscher +stutzt und besinnt sich. Er besinnt sich darauf, daß sein Beruf doch +auch noch ein höherer ist als der des einfachen Registrierens von +Tatsachen. Er soll ja doch auch der „Geschichtschreiber“ der Natur +sein. Radiolar und Mensch, alles gehört in diese Geschichte. Der +Mensch arbeitet als Künstler eine Welt des Schönen aus sich heraus, +und als Aesthetiker schafft er eine Lehre vom Schönen. Das Radiolar +in den Schlünden der Tiefsee, in den untersten Schichten vielleicht +einer Wassersäule von beinahe Meilenhöhe — oder auch treibend auf +dem sonnigen Blau der Mittelmeerwelle von Messina —: es arbeitet +Gebilde aus seinem weichen einzelligen Protoplasmaleibe heraus, die wir +Menschen als „schön“ bezeichnen. Wir Menschen — Vertreter der Spitze +aller tierischen Organisation, Vertreter der „Kultur“, die nochmals +diese tierische Stufe um einen ganzen Oberbau überboten hat — wir +Menschen, Phidias und Michelangelo und Raffael, Homer und Goethe. Und +das sollte nicht zu denken geben?</p> + +<p>Es ist gar keine Frage: die „Natur“ auch unterhalb des Menschen ist +voll von Objekten, die unserem menschlichen Sinn noch als vollkommene +künstlerische Leistung erscheinen, die zweifellos Objekt der Lehre +vom Schönen, der Aesthetik, sein müssen. Und das hebt in solchen +Entwickelungstiefen schon an, wie beim Radiolar, ja dort setzt es mit +einer Energie ein, die verblüfft. Im Grunde und ganz bei Licht besehen, +setzt es sogar noch viel früher ein. Man betrachte ein Schneekristall +oder eine Säule Bergkristall. Da ist die Anlage dieser Dinge schon im +Anorganischen, im sogenannten „Toten“. Nach geheimnisvollen Gesetzen +der Natur erscheint eine rhythmische, eine harmonische Ordnung der +Stoffteilchen, die uns als „künstlerisch“, als „schön“ entzückt — und +das selbst noch jenseits der Grenze des sogenannten „Lebendigen“.</p> + +<p>Für den Laien hat allerdings die Frage immer am meisten Gewicht, +<span class="pagenum" id="Page_240">[Pg 240]</span>ob diese Gestalten nur rein „mechanisch“ oder ob sie durch einen +bewußten künstlerischen Willensakt geschaffen seien. Wenn er hört, +daß diese köstlichen Kieselskelette der Radiolarien doch von lebenden +Wesen geformt seien, so neigt er dazu, noch an die letztere Art zu +denken. Beim Kristall aber erscheint ihm alles notwendig bereits als +„mechanisch“. Wenn man aber nun die Gebilde selbst vergleicht, wenn +man die Aehnlichkeit zwischen Kristall und Radiolarienschale erkennt +und wenn man sich sagt, daß gerade das „Schöne“ in beiden unverkennbar +für unser Auge das Gleiche ist, so muß man schwankend werden, ob jene +Unterscheidung wirklich etwas Scharfes aussagt.</p> + +<p>Wie allbekannt, führt eine große Schule moderner Naturforscher alle +Erscheinungen auch des Lebens nach Möglichkeit zurück auf die Gesetze +des einfachen mechanischen Geschehens, wie es auch jede Kristallbildung +beherrscht und im Weltall von Stern zu Stern waltet.</p> + +<p>Das erscheint dem begeisterten Betrachter der Lebenserscheinungen +nun wieder leicht als etwas Herabziehendes: das „Leben“ scheint ihm +minderwertig gemacht, herabgedrückt, weil es „mechanisch“ erklärt +werden, ins rein „Mechanische“ eingegliedert werden soll.</p> + +<p>Man vergißt aber dabei, daß die Lebenserscheinungen als solche ja in +ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit bestehen bleiben, daß dagegen +umgekehrt der Begriff des „Mechanischen“ in solchem Falle ungeheuer +gesteigert und in ein ganz neues Licht gerückt werden muß.</p> + +<p>Wenn ich eine wirkliche Einheit der Natur annehme, in der sich der +Gegensatz von mechanisch und lebendig <em class="gesperrt">aufhebt</em>, und wenn ich das +Wörtchen „mechanisch“ dann als die Gesamtbezeichnung wähle, so gebe ich +eben diesem Wörtchen eine ungeheure Bedeutung: das ganze Weltmysterium +geht darin ein. Wir vertauschen im gewöhnlichen Sprachgebrauch gern +„mechanisch“ mit natürlich im Sinne von „selbstverständlich“. Aber das +paßt auf diesen hohen Begriff dann eigentlich gar nicht mehr. <em class="gesperrt">Das +Mechanische bleibt das einzige letzte größte Wunder im Majaschleier der +Welt.</em></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_241">[Pg 241]</span></p> + +<p>Diese Gedanken führen weit hinaus. Ich sagte ja: die Aesthetik der +Radiolarien geht unmittelbar in die Philosophie. Immerhin mag die +kurze Andeutung zeigen, wie diese Aesthetik aufzufassen ist. Es ist +in der verhältnismäßig kurzen Zeit, da wir die Radiolarien genauer +kennen, doch schon der eine oder andere Versuch gemacht worden, auch +ihre Bildung ästhetisch schöner Formen wirklich rein „mechanisch“ zu +erklären. Die einzelnen Erfolge sind noch problematisch und brauchen +uns hier nicht zu beschäftigen. Aber mag in der Folge dergleichen +glücken: im Sinne jener allgemeinen Betrachtungsweise ändert das ja an +der eigentlich interessanten <em class="gesperrt">ästhetischen</em> Frage <em class="gesperrt">nichts</em>.</p> + +<p>Jene höchste, ganz weltumfassende Definition von „mechanisch“ würde ja +auch das Gehirn eines Phidias oder Goethe umspannen: in <em class="gesperrt">diesem</em> +Punkte unterschieden sich der Meister des olympischen Zeus und des +Faust nicht von einem beliebigen Radiolar, das in Montblanc-Tiefen +des Ozeans schwimmt. Was bleibt, ist der Unterschied des Grades, der +eben ein menschliches Gehirn der höchsten Art und einen menschlichen +Organismus überhaupt von einem nahezu organlosen einzelzelligen Urtier, +wie es das Radiolar darstellt, trennt.</p> + +<p>Schon beim höheren Tier, das dem Menschen in etwas näher kommt, sehen +wir das Bilden ästhetischer Dinge aus dem einfachen kristallartigen +Ausscheiden übertretend in gewisse verwickeltere Handlungen, die +sich unserer Kunstbetätigung unverkennbar nähern. Die Heuschrecke, +der Frosch, die Nachtigall, der Gibbon-Affe bringen rhythmische +Laute von mehr oder minder musikalischem Werte hervor. Es geschieht +in der Zeit der lebhaftesten Erregung des ganzen Organismus: in der +Zeit der Liebe. Und die Laute werden erzeugt und vernommen als etwas +Angenehmes, Erfreuliches, der höchste Lebens- und Glücksgehalt des +Tieres konzentriert sich darin. Weibliche Vögel wählen sich das in den +Farben ihnen am meisten sympathische: das „schönste“ Männchen aus und +züchten so unmittelbar schönere Rassen heran. Der Mensch vollzieht dann +noch den riesigen Schritt, daß er das Organ zum Werkzeug erweitert: er +erfindet Musikinstrumente, züchtet sich nicht mehr durch jene Auswahl +bunte Farben am eigenen Leibe, sondern beginnt zu malen, <span class="pagenum" id="Page_242">[Pg 242]</span>sucht sich +Farbstoffe, projiziert seine Wünsche nach außen in ornamentale Gebilde, +die er sich mit Hilfe von Werkzeugen „schafft“, er bildet in Marmor, +er malt auf Leinewand, bis eine Welt der Kunst um ihn her erwächst, +die wie ein höherer, gemeinsamer Bau sich über der Menschheit wölbt. +Gleichzeitig werden die rhythmischen Mittel der Sprache zur Dichtung +gesteigert. Gedankenharmonien mischen sich in die rein formalen +Harmoniegebilde, die Ideale des Geistes verketten sich mit denen der +Form.</p> + +<p>Dieser große Weg braucht nicht weiter angedeutet zu werden. Jeder fühlt +aber wohl dabei den Nerv von selbst, die ungeheure, aber konstante +Linie, die wirklich von dem rhythmisch gebauten Panzer des Radiolars +bis zur schaffenden Kunst des Menschen reicht — den Weg von einer +Anlage zu einer Erfüllung.</p> + +<p>Es besteht für mich kein Zweifel darüber, daß es <em class="gesperrt">dasselbe</em> +Prinzip ist, das den rhythmisch schönen Panzer des Radiolars schafft +— und die Kunst des Menschen. Will man mir entgegenhalten, daß das +Radiolar doch sein Kieselgebilde nicht „bewußt“ schaffe, während der +Mensch mit Bewußtsein auf seine Kunst ausgehe, so muß ich schlicht +entgegenhalten, daß ich zwar über den Grad des Bewußtseins im +Radiolar nichts sicheres weiß, daß ich aber eines ganz sicher weiß: +daß nämlich unser menschliches Kunstschaffen ganz gewiß nicht von +unserm menschlichen Bewußtsein ausgeht. Triebhaft im Sinne einer vom +unbekannten Innern unseres Daseins aus vordringenden und fortreißenden +Macht, die wir weder rufen noch abweisen können, vollzieht sich gerade +unser menschliches Dichten und Kunstschaffen, — des rufe ich jeden +echten Schaffenden zum Zeugen an.</p> + +<p>Die Kunst läßt sich nicht kommandieren. Sie ist ein Geschenk, +allerdings eines aus uns selbst. Das Naturprinzip, das in ihr +durchbricht, läuft ja nicht übernatürliche Bahnen hinter uns. Es läuft +in uns, ist ein Teil von uns, ein Bestandteil unseres tiefsten Seins. +Da ich aber selbst im Sinne natürlicher Entwickelung vom einzelligen +Urwesen nur getrennt bin durch einen Unterschied des Grades, nicht +der Art, — so scheint es mir kein großes Wagnis, zu sagen: dieses +in mir enthaltene, in meiner Menschenkunst so und so durchbrechende +Naturprinzip sei auch da unten schon, wenn <span class="pagenum" id="Page_243">[Pg 243]</span>auch auf einer anderen +Stufe, im Radiolar vorhanden und schaffend wirksam. Es dichtet keinen +Faust, dieses Radiolar, und malt kein jüngstes Gericht. Aber in seinem +triebhaften Gestalten zierlicher, rhythmischer Gebilde beweist es +in seiner Weise doch schon, daß auch in ihm eine Durchbruchsstelle +ist jenes gewaltigen, auch aller höchsten Kunst letztlich zugrunde +liegenden Naturprinzips, das auf rhythmische, harmonische, „schöne“ +Gebilde geht.</p> + +<p>Es war kein Silberschatz, kein wirklicher Nibelungenhort, von dem wir +ausgegangen sind. Winzige Schälchen meerbewohnender Tiere niedrigster +Art lagen unter dem Mikroskop, eine Messerspitze voll wie eine Prise +Schnupftabak.</p> + +<p>Und doch — welche Bilder dahinter!</p> + +<p>Meerestiefen, gegen die der grüne Grund des Rheinstroms, der in der +Sage das Nibelungengold verschlingt, ein seichtes Rinnlein mit ein +paar dünnen Tropfen wird. Und in diesen schwarzen Gaurisankar-Tiefen, +nur vom gespenstischen Licht phosphorescierender Fische noch magisch +erhellt, ein unendlich geheimnisvoller Schatz, so wunderbar, wie +ihn keine Sage träumt: die heilige Natur-Knospe des Großartigsten, +Edelsten, Glückseligsten, was der Menschheit oben im freien Sonnenlicht +verliehen wurde: — der Kunst.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_244">[Pg 244]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Warum_die_urweltlichen_Tiere_ausgestorben_sind"> + Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind? + </h2> +</div> + +<p>Es war an einem wundervollen Sommermorgen auf der Insel Rügen.</p> + +<p>Ich war eine Weile pfadlos durch den dichten Wald geschritten, zwischen +hohen Farrnkräutern, nach oben und allen Seiten ganz eingesponnen in +das lückenlose Smaragdgrün der kleinen, hart gerippten, zitternden und +flimmernden Buchenblätter.</p> + +<p>Auf einmal eine Lücke, als tauche das Auge aus einem tiefen, tiefen +grünen See. Und da unendlich weit das blaue Meer, das alte, immer +schöne.</p> + +<p>Ich kletterte von der Buchenhöhe herab zum schmalen, steinigen Strande +und setzte mich auf einen grauen Block, ein paar Minuten still +versonnen in der Folge eines weißen Dampfers, der fern, klein wie ein +Spielzeug, die Meereswölbung schnitt.</p> + +<p>Dann kam mein Blick, wie sich ausruhend von dem unendlichen Bilde, aufs +Nächste zurück.</p> + +<p>Dicht vor meinen Füßen lag um eine Vertiefung ein kleiner Steinring. +Kinder hatten ihn spielend gebaut, eine Art Burg, in der eines gesessen +hatte, während die andern einen Kreis darum bildeten und sangen.</p> + +<p>Aber mich fesselten die Steine selbst.</p> + +<p>Weiße Kreidebrocken; einer war zerschlagen und wies einen schwärzlichen +Kern: Feuerstein. Ein rötliches Geröllstück von ganz anderer +Mineralart. Ein kleiner, halb abgebrochener gelblicher Steincylinder +wie ein länglicher Fingerhut. Ein bläuliches rundes Ding, seltsam +wie mit undeutlichen Ornamenten verziert, im ganzen einer harten, +eingetrockneten Cypressenfrucht nicht unähnlich. <span class="pagenum" id="Page_245">[Pg 245]</span>Zwischen allerhand +größeren Trümmern auch ein winziges Körnchen von auffallendem Rotgelb: +Bernstein.</p> + +<p>Meine Gedanken begannen zu wandern.</p> + +<p>Diese Kinder hatten mit Jahrmillionen der Erdgeschichte gespielt ohne +eine Ahnung davon. Jede kleine Quader da in ihrer Festung war ein Stück +Urwelt mit einer ungeheuren Perspektive.</p> + +<p>Dieses Körnchen Bernstein war versteinertes Harz eines Fichtenbaumes, +dessen Art heute auf Erden nicht mehr gefunden wird, ein Gruß aus +längst verschollenem Urwalde einer deutschen Küste in Tagen, da es noch +keinen Begriff „deutsch“ gab, weil es noch keinen Begriff „Menschheit“ +gab.</p> + +<p>Diese Kreide, wie sie jetzt die steilen Wände der Stubbenkammer +auf Rügen zusammensetzt, war einst Tiefseeschlamm des Ozeans. +Die Kalkschalen mikroskopisch kleiner Tierchen, die diesen Ozean +belebten, sanken jahrhunderttausendelang unablässig in die Tiefe und +bildeten dort allmählich diesen Schlamm. Dann kamen Faltungen der +Erdrinde, verschoben Land und Wasser und stauten den uralten, zu Stein +verhärteten Schlamm als Hügel empor. Gegen diesen Hügel quetschten +sich Millionen Jahre später die Gletschermassen der Eiszeit, die, von +Norden kommend, die ganze Ostsee ausfüllten. Mit diesen Gletschern ist +der rote Stein dort von den Gebirgen Schwedens bis hierher geschleppt +worden. Zugleich rissen diese mit Steinen wie ein Reibeisen besetzten +Gletscher hier die weiche Kreide Rügens auf, wühlten gleichsam ihre +Eingeweide heraus, daß sie in nackter Blöße, zersplittert und zerfetzt, +offen blieben, wie sie heute stehen.</p> + +<p>Aus dem zerrissenen Fels aber lösten sich schwärzlich-gelbbraune +Einlagen. Von da stammt der Feuerstein. Als der Kreidefels noch +weicher Schlamm war, betteten sich in diesen Schlamm schichtenweise +seltsame Knollen aus Kieselstoff, auch sie das Erzeugnis wahrscheinlich +kleinster Tiere, vielleicht hauptsächlich Radiolarien, die unzählige +Gehäuse aus stahlhartem Kiesel aufbauten und zu solchen Klumpen sich +ballen ließen. Das ist unser heutiger Feuerstein.</p> + +<p>Zwischen diesem Feuerstein fiel aus der Kreide noch mancherlei +anderes Gebild, auch das urzeitlicher Rest verschollenen tierischen +<span class="pagenum" id="Page_246">[Pg 246]</span>Lebens. Dieses zerbrochene gelbe Röhrchen, „Donnerkeil“ im Volksmunde +genannt, war einst ein Körperteil eines Tintenfisches vom Schlage der +sogenannten „Belemniten“. Diese wie mit Hieroglyphen besetzte blaue +Steinfrucht ist der Ausguß der Schale ebenfalls eines Tieres, eines +See-Igels, der zugleich mit jenem Tintenfisch lebte, als der Feuerstein +und die Kreide sich bildeten.</p> + +<p>In jenem Ozean der Kreidezeit schwammen 120 Fuß lange Eidechsen, +die Mosasaurier, dünn wie das Schiffermärchen die große Seeschlange +träumt. Und am Strande des Meeres stapften reptilische Scheusale von +zehn Metern Länge, die aufrecht auf den Hinterbeinen gingen wie unser +Känguruh. In Belgien liegen heute noch die Reste; beim Bergwerksbetrieb +sind sie zutage gekommen tief unter der Sohle des heutigen Lebens, eine +versunkene Welt.</p> + +<p>An solchem Fleck, wo die Geschichte des Kosmos sich in ein Kinderspiel +drängt, tauchen einem von selbst allerhand Fragen auf.</p> + +<p>Es ist immer eine der nächsten gewesen: wo ist das alles hingekommen? +Warum ist es heute nicht mehr da?</p> + +<p>Das Meer blaut noch in unabsehbarer Weite wie je, hat noch immer +Tiefen, in denen der Gaurisankar sich untertauchen ließe, noch heute +bietet es dem Walfisch, der auch hundert Fuß lang wird, Nahrung und +Raum. Wo sind die Mosasaurier, die Iguanodons, wo der Ichthyosaurus +hingekommen, dessen Steinmumien in Schwaben dicht beisammenliegen wie +die Heringe, wo die Mammute, deren rotwollige Leiber noch blutig frisch +im sibirischen Eis stecken wie in einer Konservenbüchse der Ewigkeit?</p> + +<p><em class="gesperrt">Eine</em> Antwort scheint ja die erste, rascheste.</p> + +<p>Unendliche Zeit ist seit damals hin. In dieser Zeit hat die Erde +hundert Akte des wildesten Spektakelstücks durchgespielt. Das +Land ist geborsten und hat feurige Lava und kochenden Wasserdampf +gespieen, Sintfluten haben sich darüber ergossen. Da wurden die Fische +gebraten und die Sumpfreptile ertränkt. Und über die Mammute gar ist +klafterhohes Eis gestürzt.</p> + +<p>Aber davon will die heutige Wissenschaft nicht mehr viel wissen, wenn +es auch in Jugendbüchern und Romanen noch erzählt wird.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_247">[Pg 247]</span></p> + +<p>Wir haben gelernt, daß die Mühlen der Weltgeschichte in der +Ichthyosaurus-Zeit wahrscheinlich genau so langsam gemahlen haben wie +heute. Es brodelt wohl einmal ein Vulkan. In Jahrhunderttausenden frißt +sich ein Strom auch ein neues Bett, versandet ein See, sinkt eine +Küste Millimeter um Millimeter abwärts, bis endlich ganz, ganz langsam +der Ozean ins Wattenmeer zwischen Inseln, in die Marschen, ja endlich +über ein ganzes Tiefland bis zur nächsten Hügelmauer dringt. Daß es +aber niemals jene allvernichtenden Katastrophen, die gleichsam mit dem +Schwamm über alles Lebendige wischten, seit ältesten Erdentagen in +Wahrheit gegeben habe, davon liegt ein schlichtestes Zeugnis vor.</p> + +<p>Es leben nämlich heute noch einzelne Tiergeschlechter munter neben +uns, die schon mit dem Ichthyosaurus und noch weiter zurück blühten. +Ein solcher leibhaftiger überlebender Urweltler ist der Molchfisch +Ceratodus Australiens, der recht im Sinne Darwins eine Uebergangsform +darstellt zwischen Fisch und Molch, weil er nämlich noch Kiemen zum +Wasseratmen besitzt wie ein Fisch und doch zugleich schon eine Lunge, +wie die Landtiere sie vom Molch an aufwärts haben. Dieser Molchfisch +ist genau der Gattung nach <em class="gesperrt">älter</em> als der älteste Ichthyosaurus +und erfreut doch noch jetzt die Australneger Queenslands durch sein +wohlschmeckendes, lachsrotes Fleisch. Ja, die Lingula, ein kleines, +halb wurm-, halb muschelähnliches Tier aus der Gruppe der sogenannten +Brachiopoden, lebt im Ozean, so lange wir überhaupt Kenntnis und Reste +von lebenden Wesen besitzen: von der kambrischen Epoche an, mit der all +unsere Weisheit beginnt, bis auf den heutigen Tag.</p> + +<p>Umgekehrt das Mammut war ausgestorben, als unsere +Geschichtsüberlieferung begann, kein Lied, kein Heldenbuch meldet mehr +von diesem „deutschen Elefanten“ mit seinen ungeheuren Stoßzähnen. +Und doch hat der Mensch, wie wir heute sicher wissen, dieses Mammut +noch gejagt, sein Fleisch hat er verspeist, aus dem Elfenbein seiner +Zähne hat er Schnitzereien gefertigt, ja auf ein solches Knochenstück, +das in einer französischen Höhle bei Kulturresten der Steinzeit +(also der ältesten Menschheits-Kultur jenseits aller schriftlichen +Ueberlieferung) entdeckt worden ist, hat ein Künstler jener Urtage mit +roher Hand, aber noch wohl erkennbar, das <span class="pagenum" id="Page_248">[Pg 248]</span>Umrißbild eines solchen +Elefanten mit Pelz, Stoßzähnen und Rüssel eingekritzelt. Den Menschen +hat offenbar keine Erdkatastrophe fortgefegt seither, — die Mammute +aber sind alle tot. Warum?</p> + +<p>Man hat beim Mammut vermutet, es sei dann wohl der Mensch selber +gewesen, der es vertilgt hat.</p> + +<p>Kein Zweifel ist ja, wie dieser Mensch wahrhaft verheerend eingebrochen +ist in die Tierwelt der Erde. Wo ist all das wilde Getier der alten +Germanen-Wälder, wie es die Römer bei uns fanden, in den zweitausend +Jahren hingekommen? Bären, Wölfe, Luchse gab es die Masse, Ur-Stiere +und Auerochsen und Elentiere sielten sich im Sumpf, und aus jedem +Flußarm stiegen die seltsamen Kuppelbauten und Dämme der Biber. +Verschwunden ist das alles vor der Kultur. Hier und da nur noch ein +letztes Häufchen Biber, ein paar künstlich gehegte Elentiere. Der +deutsche Auerochs und Bär sind längst ganz verschollen, der schwarze +Ur-Stier ist sogar überhaupt ausgestorben. Warum soll es dem Mammut, +dessen Knochen heute noch im Kies bei Berlin, im Flußbett der Lippe, +auf dem Elbplateau jenseits Dresdens gefunden werden, nicht schon ein +paar Jahrtausende vor Cäsar genau so ergangen sein?</p> + +<p>Aber auf jene Seeschlangen der Kreidezeit und den Ichthyosaurus vom +Fuße der schwäbischen Alb paßt auch das wieder nicht, denn mit ihnen +ist zu ihren Lebzeiten überhaupt noch kein Mensch zusammengetroffen. +Millionen von Jahren liegen zwischen dem ersten Auftreten des Menschen +und dem letzten Ichthyosaurus. Kein Siegfried kann diese Lindwürmer +erlegt haben. Aber wer war es denn?</p> + +<p>Es ist erst ein paar hundert Jahre her, da hatte man bezüglich dieser +versteinerten Ungeheuer noch ganz anders verwegene Fragen.</p> + +<p>Haben diese Tiere überhaupt je gelebt? fragte man. Im Gestein selber +sollte eine mystische Bildungskraft stecken, die den toten Stein +gelegentlich spielend zu tierähnlichem Gebilde formte. So wäre ein +solches vermeintliches Drachen-Gerippe gar kein echter Rest eines +Tieres, das einst im Sonnenlicht sich gefreut und seine Tatzen geregt +wie wir, — sondern es wäre das Ergebnis einer Art geheimnisvollen +Kristallisationsprozesses erst in der schwarzen Erdentiefe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_249">[Pg 249]</span></p> + +<p>So lustig das erdacht war: es hielt doch den Tatsachen nicht lange +stand. Es läßt sich an den sinnfälligsten Merkmalen beweisen, daß diese +Urweltler einmal <em class="gesperrt">gestorben</em> sind. Was aber stirbt, muß gelebt +haben.</p> + +<p>In goldig durchschimmernden Stückchen dieses Bernsteins hier gewahrt +der Kundige nicht selten Mücklein, Spinnen und Ameisen. Sie sind genau +des Todes verstorben, der heute ähnliche kleine Tiere ereilt, wenn die +Fichte tränt und der Kirschbaum zähes Harz aus seiner Rinde träufelt: +vom klebrigen Harztropfen sind die Vorwitzigen gefangen und umhüllt +worden wie die Einwohner Pompejis anno dazumal vom Aschenschlamm des +Vesuv, — zum Bernstein verhärtet, ins Meer verschwemmt, hegt sie noch +heute die alte Harzmasse als gläserner Sarg.</p> + +<p>Tief im Gestein, wo der Ichthyosaurus heute schläft, liegen eng bei +ihm, auch zu Stein geworden, die Verdauungsreste seiner Nahrung. Der +Forscher schleift sie auf und gewahrt auf der Schlifffläche die wohl +erkennbaren unverdaulichen Ueberreste dessen, was der alte Drache +verschlungen hat. Fischschuppen sind es, Gräten und die Trümmerstücke +von Tintenfischen. Dieses kleinere Getier ist also gefressen worden vom +großen, — gestorben im dicht bezahnten Rachen eines hungrigen Räubers. +Damals wie heute gab es offenbar Hader und „Kampf ums Dasein“, es gab +Fresser und Gefressene, Ueberwinder und Unterliegende.</p> + +<p>Wir ahnen aber noch andere Ursachen des Todes und zwar nicht nur bei +Kleinen, sondern auch bei den Gewaltigen selbst.</p> + +<p>Jene Rieseneidechse Iguanodon, von der ich gesprochen habe und die +auf den Hinterbeinen trottete wie ein Känguruh, ist im sogenannten +Wälderton bei Bernissart in Belgien in einer ganzen Herde von +dreiundzwanzig Stück ausgeschachtet worden. Dieses ganze Regiment +Kolosse stand derart aufrecht im Tongrund, daß man nicht anders +annehmen kann, als es ist voreinst einmal in einer Unglücksstunde die +ganze Kavalkade aufrecht so im weichen Sumpfgrunde eingesunken und +erstickt. Wunderbar kann das ja nicht sein bei Reptilien von zehn +Metern Länge, die wahrhafte Drachenschwänze hinter sich herschleiften +und nach vorne Hängebäuche wie die Fettgänse gehabt haben müssen, +während der vogelartige <span class="pagenum" id="Page_250">[Pg 250]</span>Schnabelkopf sich auf hohem Schwanenhalse +haushoch über das ganze reckte. Ein ähnlicher Unhold, den man in +Amerika gefunden hat und der seine siebzig Fuß lang wurde, der +Brontosaurus, wird auf ein Gewicht von zwanzig Tonnen, das sind +zwanzigtausend Kilogramm, geschätzt. Ein solches Tier auf einem +genügend tiefen urweltlichen Moorboden war rettungslos verloren; es +ging unter wie ein leckes Schiff mit Steinfracht.</p> + +<p>Gerade dieser letztere Fall muß uns aber nun besonders zu denken geben.</p> + +<p>Er macht auf etwas aufmerksam, was am Ende nicht nur das einzelne +Sterben, sondern das ganze endgültige „Aussterben“ solcher Urweltler in +seinem Grunde aufhellen könnte, wenn man es nur recht erwägt.</p> + +<p>Ein solcher wandelnder Fleischberg wie der Iguanodon oder der +Brontosaurus hatte etwas unverkennbar Uebertriebenes in sich. Etwas +Uebertriebenes, das sich unter besonderen Umständen hatte heranbilden +können und in seiner Weise eine Zeitlang Herr der Situation war, — das +aber über kurz oder lang doch dem Lose aller Uebertreibungen verfallen +mußte: unpraktisch zu sein.</p> + +<p>Wenn wir das Gerippe eines solchen Brontosaurus, wie es von dem +amerikanischen Geologen Marsh im Museum zu New Haven wieder +zusammengesetzt worden ist, genau betrachten, so erscheint in ihm ein +groteskes Mißverhältnis.</p> + +<p>Alle Wucht der Entwickelung dieses Riesenleibes ist in die reine +Masse verlegt. Dieses Tier konnte, so lange es sich um Größe allein +handelte, wenig Feinde haben, denn es trampelte da alles nieder. Ein +ausgewachsener Elefant wiegt bloß 6000 Kilogramm. Dieses Reptil hätte +ihn also gründlich zerquetscht, wenn es nur über ihn wegkroch. Viele +dieser Drachen waren auch noch am ganzen Leibe verpanzert, trugen +riesige Hörner auf Stirn und Nase wie Stiere und Rhinozerosse, oder +sie hatten aufrechtragende steinharte Kämme aus soliden Platten den +ganzen Rücken entlang und auf dem Schwanz halbmeterlange Stacheln, die +ein anspringendes Raubtier von Tigergröße durchlöchern mußten wie die +zusammengefaßten Speere den Winkelried.</p> + +<p>Aber diese riesengleichen Lindwürmer hatten umgekehrt Gehirne, <span class="pagenum" id="Page_251">[Pg 251]</span>so +<em class="gesperrt">winzig</em>, daß ein Spatzenhirn sich im Verhältnis über sie erhebt, +wie das Gehirn eines Menschen über ein Spatzenhirn. Mehrfach war bei +ihnen das Rückenmark in der Beckengegend viel dicker als das ganze +Gehirn, so daß man fast sagen möchte: sie haben mehr mit den Beinen +gedacht als mit dem Kopf. Es kann aber mit dem ganzen Denken nicht +weit her gewesen sein. Der ungeheuerlichen Leibesfülle entsprach +eine ungeheuerliche Dummheit. Wenn man die Höhle im Schädel mit Gips +ausgießt, so erhält man die Maße ihrer Hirne heute noch ziemlich genau: +sie sind erschreckend klein. Das Wort scheint wahr geworden vom Berge, +der eine Maus erzeugt. Sie besaßen aber noch lange keine Gehirne, die +sich dem eines kleinsten Mäusleins vergleichen ließen. Und das war denn +doch schließlich wohl der Punkt, wo sie sterblich waren.</p> + +<p>Ihre Körperlast, sonst unangreifbar, machte sie zum Opfer jeglichen +Terrains, das nachgab, — des Sumpfbodens wie des Flugsandes.</p> + +<p>Und ihre wahrhaft monumentale Dummheit führte Generation um Generation +wohl immer wieder auf so verfänglichen Boden. In diesen kleinen +Gehirnchen speicherten sich keine Erfahrungen an, warfen Falten des +vererbten Denkens auf, lehrten die Enkel in Schläue meiden, was den +Ahnen Verderben gebracht. Sie trotteten jahrtausendelang ihren gleichen +Weg, und wenn auf diesem Wege eines Tages ein Moor entstand, so sanken +sie in dieses Moor und erstickten, als müßte es so sein.</p> + +<p>Bis an einem letzten Tage der letzte Lindwurm so das Zeitliche gesegnet +hatte.</p> + +<p>Es mag ebenso geschehen sein, daß viel kleinere Tiere ihrer doch Herr +wurden trotz aller zwanzig Tonnen Gewicht, und zwar aus dem einfachen +Grunde, weil diese Tiere sich inzwischen im Verhältnis größere, also +klügere Gehirne erworben hatten.</p> + +<p>Gegen einen solchen schwachköpfigen Saurier war ein Vogel, wie gesagt, +ein Genie. Es gab aber in der letzten Drachenzeit nachweisbar bereits +Vögel, und zwar sind in Südamerika neuerdings auch Vogelriesen gefunden +worden, die über drei Meter hoch waren und Raubvogelschnäbel und +Krallen gehabt haben müssen wie aus Stahl. Wenn ein solcher Greif +sich dem Lindwurm <span class="pagenum" id="Page_252">[Pg 252]</span>unversehens auf dem Rücken festhakte, vermöge +seiner viel feineren geistigen Gewitztheit geschickt den Schlägen des +Stachelschwanzes auswich und seinen Schnabel zwischen die Panzerplatten +einhieb, so half dem Herkules schließlich all sein Gewicht nichts mehr, +und der schlimme Vogel schlug ihm endlich den Leib auf, wie ein Igel +sich mit seinen spitzen Zähnen in eine Viper frißt.</p> + +<p>Darwin hat uns im neunzehnten Jahrhundert auf das große Prinzip in der +Entwickelung des Lebens auf Erden aufmerksam gemacht, das mit dem Worte +„Anpassung“ ausgesprochen ist. Ueberblicken wir die heutige Tierwelt, +so sehen wir jede Tierart in einer bewundernswürdigen Weise ihrer +Lebenslage angepaßt. Der Fisch ist wie eine kunstvolle Maschine auf +das Leben im Wasser hin gebaut, der Vogel auf die Luft, der Maulwurf +auf die Wühlarbeit im dunklen Erdreich, das Roß auf die Ebene, die +Gemse auf das Gebirge, der Affe auf den Baum. Auch die Tiere der Urwelt +zeigen in all ihren Abdrücken und Gerippresten, die uns von ihnen im +Gestein erhalten sind, solche Anpassungen in Hülle und Fülle. Schon da +hat der uralte Fisch seine Flossen, die verschollene Schildkröte ihren +Schutzpanzer, der Ichthyosaurus seine scharfen Zähne und der älteste +Vogel seine Federflügel. Und schon aus diesen Organen der Anpassung +allein, die so deutlich noch vor Augen stehen, kann man den sicheren +Schluß ziehen, daß diese Tiere wirklich einmal gelebt haben. Aber man +kann aus dem Prinzip gerade der Anpassung auch herleiten, daß und warum +viele einst vorhandene Arten vollständig wieder ausgestorben sind.</p> + +<p>Gab es auch in der Erdgeschichte nicht jene wüsten Katastrophen, die +ganze Tiervölker in Lava brieten oder in Sintfluten ersäuften, so hat +sich doch die Erdoberfläche im Laufe der Jahrmillionen langsam, aber +sicher fort und fort ganz respektabel verändert.</p> + +<p>Das aber schuf für das bunte Tiervolk im ganzen immer wieder andere +Grundlagen, andere Nötigungen der „Anpassung“.</p> + +<p>„Andere Zeiten, andere Vögel!“ Der alte Vers hat zoologisch eine +tiefste Wahrheit. Was für die Zeit der Erdgeschichte etwa, da der +heutige Jura-Schiefer als Meeresschlamm sich absetzte, gut war im +Sinne vollkommener Anpassung, das genügte für die spätere <span class="pagenum" id="Page_253">[Pg 253]</span>Epoche, da +die heutige Kreide sich in der Tiefsee bildete, nicht mehr, — und so +fort. Einzelne stille Winkel hat es zwar immer gegeben, wo diese oder +jene Art allen Wechsel überstand, ohne sich wesentlich dem Fortgang +anzubequemen: so erklären sich jene überlebenden letzten Mohikaner +urältester Tage wie jener Molchfisch und jenes Lingula-Tier. Für die +Masse aber schuf jede neue Epoche der großen Erdentwickelung ein +scharfes Entweder — oder.</p> + +<p>Entweder die Tiere paßten sich den neuen Verhältnissen entsprechend +<em class="gesperrt">neu</em> an, oder sie <em class="gesperrt">starben</em> als unbrauchbar, als reaktionär +geworden aus.</p> + +<p>Beide Fälle sind in Masse immer wieder eingetreten. Welche Veranlagung +dabei über das „Wie“ des Weges entschied, ist freilich auch dem +darwinistisch gesinnten Naturforscher von heute noch keine ohne +weiteres beantwortbare Frage. Man ist versucht zu sagen, daß es +jedesmal die Genies der Tierwelt waren, die sich umformten zu neuer +Anpassung, und andererseits die Tröpfe und Trottel, die den Anschluß +nicht finden konnten und unter den Tisch fielen. Wobei die Worte +selbst freilich, von uns Menschen entnommen, vorläufig noch keine +echte, tiefere Erklärung umschließen. Denn wir wissen durchaus nicht, +auf Grund welcher innerlichen Weltverknüpfung nun etwa in unserem +Menschenleben selbst hier ein Genie geboren wird und dort ein Trottel. +Bloß das sehen wir klar, daß das Genie, wenn es einmal da ist, seine +Zeit beim Schopfe nimmt und mit ihr hochschwimmt, — während der arme +Tropf in ihrer Welle elendiglich ertrinkt. Und dieses Verhältnis ist +(hier hat Darwin zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen) für die +alten Tiere jedenfalls ebenso maßgebend gewesen.</p> + +<p>Wer in veränderter neuer Zeitlage die entsprechende neue Anpassung +darbot, der <em class="gesperrt">erhielt</em> sich, war Herr der Situation, — wer sie +aber nicht hatte, der <em class="gesperrt">versank</em>.</p> + +<p>Immerhin läßt sich aus jenem guten Beispiel von den ungeheuer +körperschweren, aber ebenso verstandesdürren Lindwürmern der Kreidezeit +aber noch ein engerer Schluß zu diesem Hauptgedanken wagen.</p> + +<p>Je extremer, je einseitiger, je fanatischer, möchte ich sagen, eine +Tiersorte zu einer Zeit ihre Anpassung an ganz bestimmte <span class="pagenum" id="Page_254">[Pg 254]</span>enge +Verhältnisse getrieben, desto geringer scheint die Wahrscheinlichkeit +gewesen zu sein, daß sie jene goldene Straße des Fortschritts noch +einmal einschlagen konnte, desto größer der Zwang, daß sie tragisch +unterging.</p> + +<p>Ziemlich unzweifelhaft liegt hier der Grund, daß so viele gerade der +sonderbarsten barocksten und uns unbegreiflichsten Riesentiere der +Vorwelt eben bloß noch als Gerippe im alten Gestein liegen, — sie +waren solche Extreme der einseitigen, nicht mehr beweglichen Anpassung +ihrer Zeit.</p> + +<p>In neueren Tagen sind insbesondere von dem Privatdozenten Brandes +in Halle interessante Vermutungen über dieses Aussterben extrem +veranlagter Tiere geäußert worden.</p> + +<p>Noch in der sogenannten Diluvialzeit, also in den ersten Tagen, aus +denen wir die Knochenreste von Menschen und die ersten Anzeichen einer +eskimo-artigen, ganz niedrigen Kultur besitzen, lebte in Europa sowohl +wie besonders in Amerika ein Geschlecht großer, löwenartiger Katzen +von sonderbarstem Aussehen. Machairodus hat man sie getauft, das ist +zu deutsch: der Säbelzahn. In der Tat führten diese Ungeheuer im +Oberkiefer Eckzähne, die nicht bloß wie echte Raubtierzähne von heute +als derbe Wehr und Angriffswaffe im Maule saßen, sondern die wie wahre +krumme Säbel oder Messer über den Unterkiefer hinweg aus dem Maule +vorsprangen.</p> + +<p>Man hat sich mit Recht gefragt, wie ein solches Tier überhaupt +entstehen konnte?</p> + +<p>Es ist nicht mehr ein regelrechter Löwe, sondern eher die Karikatur +eines solchen.</p> + +<p>Diese wahren Walroß-Hauer im Maul einer Katze scheinen durch +Uebertreibung des Prinzips mehr einen Ballast darzustellen, denn eine +Waffe, die wirklich noch zum Beißen Sinn hat. Man glaubt den Räuber, +der ein Wild angesprungen hat, sich damit festbeißen zu sehen in einer +Weise, die ihn förmlich festnagelt an den eigenen Zähnen, ohne daß er +doch damit richtig packen kann.</p> + +<p>Wie soll eine so abstruse Anpassung überhaupt je zustande gekommen +sein, — an was hatte dieser Säbelzahn sich überhaupt angepaßt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_255">[Pg 255]</span></p> + +<p>Nun ist gewiß auffällig, daß wenigstens in Amerika, also gerade da, +wo die Machairodus-Löwen mit üppigster Zahnentfaltung in Masse gelebt +haben, aus derselben Zeit uns die Knochenreste kolossaler Säugetiere +überliefert sind, die <em class="gesperrt">steinharte Panzer</em> trugen.</p> + +<p>Bekanntlich gibt es noch heute einige recht solid verpanzerte Säuger, +— so das Gürteltier, das in einem festen Hornpanzer steckt wie +ein Krebs in seiner Schale. Heute noch gibt es solche Gürteltiere +ausschließlich in Amerika, es sind aber durchweg ziemlich kleine +Tiere. In den Tagen jenes Machairodus aber existierten im Lande +dort Riesen aus der Verwandtschaft der Gürteltiere und der nah +dazugehörigen Faultiere, die die Größe von Elefanten und Nashörnern +erreichten, ja zum Teil noch massiver gebaut waren als der Elefant. +Und auch von diesen Patriarchen besaßen viele den echten knochigen +Gürteltierpanzer, bloß auch übersetzt in die Dimensionen eines +Rhinozeros. Die sogenannten Glyptodonten steckten ganz darunter wie +enorme Schildkröten. Einige Riesenfaultiere (Vettern des berühmten +Megatherium) trugen den Panzer wie ein geheimes Kettenhemd innerhalb +ihres dicken, obenauf mit gelbroter Wolle belegten Felles.</p> + +<p>Es scheint nun ein ganz plausibler Gedanke, daß die Existenz so +zahlreicher Panzertiere am Ort, wo der Machairodus jagte, einen +Fingerzeig abgebe dafür, wie sein abnormes Gebiß doch einmal einen +echten Anpassungszweck gehabt haben könnte.</p> + +<p>Diese Ungeheuer im Schildkrötenrock hatten keine andere Waffe gegen +ein aufspringendes Raubtier, als eben ihren Rock. Dumm waren sie ihren +Gehirnen nach auch über alle Maßen, und ihr Gebiß war auf Blätter- oder +Wurzelkost gebaut wie das von harmlosen Wiederkäuern. Aber ein Löwe +oder Tiger von heute hätte ihnen immerhin ja auf den Buckel springen +mögen zum „Löwenritt“: — kein gewöhnlicher Raubtierzahn hätte diese +harte Nuß aufknacken und dem Schalenbesitzer wirklich ans Blut kommen +können. Ganz anders dagegen unser Machairodus. Seine Säbelzähne mochten +allen Ernstes in die Hornwand einschneiden, mochten Panzerplatten +losreißen und so den leckeren Braten bei lebendigem Leibe tranchieren. +Ein fürchterliches, aber zum Zweck sinnreiches <span class="pagenum" id="Page_256">[Pg 256]</span>Tranchiermesser für +Gürteltiere wäre also der Eckzahn des Machairodus gewesen seiner +ursprünglichen Anpassung nach.</p> + +<p>Es ist aus diesem Gedankengang dann selbst wieder ersichtlich, +daß diese enge Anpassung für so einseitigen Zweck später doch ein +Entwickelungshemmnis und eine Ursache schließlich des Unterganges der +Machairodus-Löwen aus sich heraus werden konnte.</p> + +<p>Denn eines Tages starben die Panzergürteltiere, dauernd bezwungen vom +siegreich angepaßten Machairodus, <em class="gesperrt">selber</em> ganz oder doch mehr +und mehr aus, — der Angreifer sah sich auf anderes, nicht bepanzertes +Wild, Pferde, Hirsche, Lamas und so weiter, angewiesen, — und jetzt +rächte sich plötzlich die <em class="gesperrt">zu tolle</em> Anpassung, die Säbelzähne +brachten ihm Nachteil im Daseinskampfe statt Gewinn, — er blieb zurück +gegen schwächer, aber bequemer bezahnte Raubtiere, und damit war sein +Schicksal besiegelt. Tatsächlich hat der Machairodus mit dem Glyptodon +zusammen das Feld geräumt, während der Jaguar und Puma, diese großen +Katzen mit sehr viel kleineren Eckzähnen, heute noch Amerika unsicher +machen.</p> + +<p>Es ist eine Schwierigkeit der Theorie, die ich nicht verhehlen will, +daß sie bloß auf Südamerika zugeschnitten ist. Niemals haben in der +alten Welt verpanzerte Glyptodon-Arten gelebt, wohl aber liegen +Reste säbelzähniger Raubtiere auch hier in Menge. Immerhin läßt sich +bei einer großen Reihe auch der altweltlichen Säugetiere von damals +wenigstens auf dicke, rhinozerosartige Häute schließen, die schon ein +Machairodus-Gebiß als Gegen-Anpassung herausfordern konnten. Und auch +von dieser tertiären Tierwelt ist nachher viel ausgestorben, was den +Angreifer mitgerissen haben könnte.</p> + +<p>Ein anderes vielleicht noch besseres Beispiel scheint dann das Mammut +zu bieten.</p> + +<p>Von allen lebenden und ausgestorbenen Elefantenarten trug das Mammut +die kuriosesten Stoßzähne. In gewaltiger Krümmung biegen sie sich +aufwärts am Rüssel vorbei wieder der Stirn zu, als wollten sie nach +kühnstem Bogen geradezu in den Kopf, von dem sie unten ausgegangen, +oben wieder hineinwachsen.</p> + +<p>Vergleicht man mit diesen Bogenzähnen die Zahnwehr eines <span class="pagenum" id="Page_257">[Pg 257]</span>lebenden +Elefanten, so machen auch sie in der Tat den Eindruck einer ins +Unsinnige umschlagenden Uebertreibung.</p> + +<p>Der Laie ist ja geneigt, sich unter dem Mammut gerade dieser enormen +Zähne wegen ein besonders entsetzliches Tier zu denken, — wobei +er gewöhnlich noch die an sich irrige Meinung mitbringt, daß das +Mammut bedeutend größer als der heutige indische oder afrikanische +Elefant gewesen sei. In Wahrheit ist dieser alte Eiszeit-Elefant aber +durch diese seine Riesenzähne <em class="gesperrt">wehrloser</em> gemacht worden, da er +überhaupt mit ihnen nicht mehr als Stoßwaffe arbeiten konnte und bloß +durch die außerordentliche Schwere dieser zwecklosen Kopfzier in seiner +freien Bewegung ärgerlich gehemmt wurde.</p> + +<p>Wie aber sind diese unpraktischen Uebertreibungshauer zustande gekommen?</p> + +<p>In jedem zoologischen Garten kann man beobachten, daß die gewöhnlichen +Stoßzähne des Elefanten aus dem Oberkiefer sich herausbiegen. Es sind +zwei wurzellose Schneidezähne dieses Kiefers, die mit den Eckzähnen der +Raubtiere nichts zu tun haben.</p> + +<p>Ihr Nutzen besteht für den Elefanten vor allem darin, daß er beim +Abbrechen von Zweigen im Urwalde sie als Gegenstütze benutzt: er +faßt den Zweig mit dem Rüssel und knackt ihn über dem kurzen krummen +Stoßzahn ab.</p> + +<p>Genau so haben es aller Wahrscheinlichkeit nach schon die Vorfahren des +Mammut gemacht, waldbewohnende Elefanten jener sogenannten Tertiärzeit, +in der Europa noch dichte tropische Urwälder besaß. Als eine höchst +sinnreiche Anpassung an dieses Zweigknicken im Walde waren die +Stoßzähne dort erworben worden.</p> + +<p>Nun änderten sich aber die Dinge. Am Ende der Tertiärzeit brach die +große Eiszeit los. Ihr kalter Hauch vertilgte die Urwälder, karg und +armselig wurde der Pflanzenwuchs am Gletscherrande, und was von Tieren +sich hielt, das mußte fortan damit vorlieb nehmen.</p> + +<p>Das Mammut bestand die Kälte selbst. Es paßte sich ihr an durch +einen dicken Wollpelz und dauerte jahrtausendelang dicht am Eisrande +unentwegt aus. Nur so konnten seine Kadaver gelegentlich in das Eis +selbst geraten und unter guten Umständen <span class="pagenum" id="Page_258">[Pg 258]</span>(wie in Sibirien, wo in der +Eiszeit gefrorener Boden bis heute nicht getaut ist) bis auf unsere +Zeit darin erhalten bleiben.</p> + +<p>Doch die Stoßzähne, auf den Wald berechnet, wurden dabei allmählich +total überflüssig.</p> + +<p>Sie hätten ganz eingehen können.</p> + +<p>Aber da gerade mischte sich ein Gesetz ein, das für diese Sorte Zähne +allgemeine Gültigkeit zu haben scheint. Diese wurzellosen Schneidezähne +der Säugetiere haben, scheint es, allgemein eine Tendenz, während des +ganzen Lebens der Tiere für ihr Teil <em class="gesperrt">immer weiter zu wachsen</em>, +wenn sie nicht durch äußeres Abschleifen gehemmt werden, — etwa so, +wie unsere Fingernägel und Haare immer langsam vorwärts wachsen, wenn +man sie nicht künstlich kürzt.</p> + +<p>Man kann das sehr hübsch bei Nagetieren beobachten. Für gewöhnlich +stehen da die oberen und unteren Schneidezähne so gegeneinander, daß +sie sich stets an der Spitze aneinander abreiben und abschleifen, also +trotz permanenten inneren Nachwachsens im ganzen nicht größer noch +kleiner werden. Kommt aber der Fall vor, daß etwa unten die Zähne durch +einen Mißwachs oder Unfall fehlen, also das gegenseitige Abarbeiten +ausbleibt, so wachsen die oberen Zähne ins Blaue hinein weiter, krümmen +sich zur tollen Spirale und bohren sich wohl gar rückwärts wieder in +den Schädel ein.</p> + +<p>Dieses Schicksal erlitt das Mammut im großen.</p> + +<p>Solange seine Stoßzähne als Aesteknacker dienten, schliffen sie sich +dabei von selbst ständig auf ihr Normalmaß herab. Als aber diese +Tätigkeit aufhörte und damit auch das regulierende Abschleifen, — +da entstanden aus ungehemmtem Wachstums-Uebermut jene kolossalen +Bogenkrümmungen, es kamen die stirnwärts und wieder auswärts wie kranke +Kartoffeltriebe gekrümmten Riesenhauer zustande: die Stoßzähne des +Mammut.</p> + +<p>Ihr Sinn stand zunächst jenseits jeder Anpassung. Bald aber zeigte +sich ein „Unsinn“ geradezu in Hinsicht solcher Anpassung darin. +Diese Krummstäbe aus schwerer Elfenbeinmasse wurden reiner Ballast. +Und es ist sehr möglich, daß dieses am Kopfe sinnlos belastete +Ungeheuer gerade deshalb gewissen Angreifern (zu denen <span class="pagenum" id="Page_259">[Pg 259]</span>zweifellos +in erster Linie schon der Mensch gehört hat) früh und endgültig zum +Opfer gefallen ist. Die Elefanten der Tropenländer, die nie diesem +krankhaften Zahnwachstum verfallen waren, weil ihnen die Baumzweige zum +Abnutzen niemals gefehlt hatten, blieben dagegen erhalten bis auf den +heutigen Tag, wo freilich von einer neuen Seite her die Stoßzähne auch +ihnen zum Verderben werden: indem nämlich der Mensch sie in schnellem +Tempo jetzt ausrottet des Elfenbeins dieser Zähne wegen.</p> + +<p>So träumte ich am Strande Rügens über den Steinchen der Kinderburg.</p> + +<p>Die alte Erde erschien mir, bebend unter der Last ewig neu gezeugten +Lebens. Aber wie der Saturnus der Sage verschlang sie ihre Söhne auch +wieder zu ihrer Zeit.</p> + +<p>Die Meisterin Natur baute in Millionen von Jahren ihr Kinderspiel aus +Machairodus-Löwen und Mammuten wie diese Kinder hier ihren Ring aus +uralten Tintenfischen und Seeigeln, und sie zerwarf es ebenso mit einem +Schlage der Hand.</p> + +<p>Aber das Leben, die Entwickelung des Ganzen wogte, schwoll unablässig +dabei, selber nie ruhend, nie verschwindend, wie das ewig blaue Meer da +draußen vor meinem Blick.</p> + +<p>Eines Tages war aus diesem dunklen Spiel der Mensch heraufgestiegen, +der dieses ganze Werden noch einmal übersah und in der Urwelt las wie +in einem Buche. Was wird sein Los sein? Wird er auch in eine Sackgasse +der Anpassung einst einmünden? Oder ist er das endgültige Meisterstück +der Weltentechnik, — die vollkommene Anpassung, für die es keinen +Stillstand mehr gibt?</p> + +<p>Ich folgte dem letzten Rauchstreifchen des weißen Dampfers am +Horizontstrich, und ich tröstete mich, daß die Menschheit auf alle +Fälle noch Millionen von Jahren vor sich habe, um in dieser Frage zu +einem Schluß zu kommen, — Jahrmillionen der grandiosesten Entfaltung +zum Herrn der Erde über alle Länder und Ozeane hinweg.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_260">[Pg 260]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Vom_Leben_im_Weltraum"> + Vom Leben im Weltraum. + </h2> +</div> + +<p>Es gehört zu den liebenswürdigsten Ergebnissen der Naturforschung, daß +sie den Menschen von seiner Einsamkeit erlöst.</p> + +<p>Jeder von uns wird ja aus dem Geheimnisse ins Geheimnis hineingeboren; +jedem kommt auch einmal die Stunde, wo er sich ohne Anschluß fühlt +an die Welt. Hier ich, auf einsamen Planeten verschlagen für ein +Menschenleben; und über mir die fremden kalten Sterne.</p> + +<p>Auch die Menschheit im ganzen, selber ja nur wieder ein großer +Uebermensch mit allen Sorgen und Lieben des einzelnen, hat diesen +Moment durchgemacht. Die Natur war ihr ein banger Traum, an dem sie +kein Teil zu haben glaubte. Der erste Chemiker, der genau nachwies, +daß ein Teilchen Eisen, ein Körnlein Salz, ein Tropfen Wasser, die in +den Menschen eingehen und ihn bauen helfen, dort dieselben bleiben wie +draußen in der Erzstufe des Erdengrundes, in der Salzflut des Ozeans, +in den blauen Wassern der Himmelswolke: er hat diesen Bann zuerst +energisch gelöst.</p> + +<p>Am Nachthimmel glüht jäh eine Feuerkugel auf, sie zerplatzt, ein Donner +rollt und heiße Steine fallen auf die Erde nieder.</p> + +<p>Meteorsteine sind es, Bruchstücke eines fremden kleinen Weltkörpers, +der in rasendem Fluge unsere Erde gestreift, an ihrer Atmosphäre sich +entzündet hat, geborsten, herabgestürzt ist. Der Chemiker untersucht +diesen Weltallsfremdling, der sich zwischen Monden und Planeten, +ja seiner Bahn nach offenbar in ganz anderen Fixsternsystemen +herumgetrieben hat, und er stellt auch in ihm Eisenteile fest. Dasselbe +Eisen wie in uns!</p> + +<p>Hier zieht sich ein Band vom roten Blutsaft unserer Adern zum +Siriusstern, zum Nebelfleck des Orion, die unserem Auge aus den +<span class="pagenum" id="Page_261">[Pg 261]</span>unendlichsten Fernen des Alls heraufglimmen, im buchstäblichen Sinne +ein eisernes Band. Und dieses Eisen wallt um die Sonne als glühender +Dampf. Es webt in den grünen Blättern des Eichbaumes über dir: — +wenn du der wachsenden Pflanze das Eisen entziehst, wenn du sie nicht +fütterst damit, so bleibt ihr Blatt bleich und krank.</p> + +<p>Wenige Menschen noch haben heute eine Ahnung, <em class="gesperrt">wie</em> fest sie in +der übrigen Natur hängen.</p> + +<p>Unser Blick schweift über die endlose Wogenfläche des Meeres: wie +fremd, wie ungeheuerlich, wie unfaßbar erscheint das alles von der +schmalen Klippe, die uns Pygmäen Raum gibt, aus. Und doch: wenn wir +den rechten Blick hätten, so erschiene der eigene Leib uns als solches +Meer. 58 Prozent, mehr also als die Hälfte unseres ganzen Körpers, +besteht aus reinem Wasser; jeder Muskel enthält 75 Prozent. Ueber +diesem schwankenden See baut sich das Feste unserer Existenz nur wie +ein dünnes luftiges Gitterwerk in uns selber auf.</p> + +<p>Ja dieser Körper, der sich einsam fühlt und im Gegensatz zu aller Welt, +er hat nicht einmal eine feste Grenze gegen diese Welt. Scheinbar +bildet die Haut ja eine. Aber unablässig verflüchtigen sich von dieser +warmen, feuchten, atmenden Haut unsichtbar winzige chemische Teilchen +und verbreiten sich ins Freie hinaus. Der Chemiker sagt dir, daß keine +wirkliche Scheidewand ist zwischen einem Stoff und dem feinen Hauch, +der von ihm ausgeht. Dieser Hauch, vielleicht nur noch als zartester +Duft mit dem chemisch feinsten der Sinne wahrnehmbar, ist ja nichts +als unendlich verteilter Stoff selbst. Schärfte sich das Auge für +dieses unablässige Zu- und Abströmen über der Haut, so verlöre sich +augenblicklich der ganze feste Körperumriß: wie ein immer feinerer +Nebel flösse der ganze Mensch in einer losen Wolke dahin. Bis wohin? Wo +hat dieser chemische Wellenschlag sein Ende?</p> + +<p>Vielleicht nirgendwo. Unser Auge ist stark, die Lichtwellen des Sirius +noch zu empfinden. Wer sagt uns, ob es nicht bloß Sache der Feinheit +des chemischen Apparats wäre, umgekehrt den feinen Duft einer schönen +irdischen Haarlocke auf dem Sirius aufzufangen, ein Beweis, daß unser +Leib tatsächlich bis dorthin reicht?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_262">[Pg 262]</span></p> + +<p>Wir bewundern die Rosenfarbe einer Wange. Nach Jahren kehrt die +Erinnerung dazu zurück, als sei der ganze Zauber einer lieben +Menschenindividualität darin enthalten gewesen. Und doch — was war +diese Farbe? Sonnenlicht war es, von dieser reflektierenden Fläche +Menschenhaut zurückgestrahlt auf unser eigenes Auge. Zwanzig Millionen +Meilen von uns entfernt, von der ganzen Erde entfernt, hat die riesige +Sonne, dieser Weltallshochofen mit seinem weißglühenden Kern und seiner +Hülle glühender Metalldämpfe, dieses Licht und in diesem Lichte dieses +entzückende Rot gekocht. Durch diese ganzen zwanzig Millionen Meilen +eiskalten öden Raumes hat das Licht sich erst durchquälen müssen, damit +du es von der lieben Mädchenwange erhalten kannst. Wem gehört es mehr +an: der Sonne oder der Individualität des Mädchens?</p> + +<p>Wer in diese Gedanken sich einmal resolut eingelebt hat, dem hat es +nichts so sehr Fremdartiges mehr, daß auch außer der Erde im All noch +wirkliches Leben existieren sollte.</p> + +<p>Zwölf Grundstoffe oder Elemente mindestens bauen bei uns das +Lebendige. Wo aber das All eine Sprache hat, um uns von seiner Chemie +zu erzählen, da tauchen immerfort Elemente dieses gleichen Stammes +in ihm auf. Im Nebelfleck, wo er wirklich aus Gas besteht, leuchtet +Wasserstoff. Der Meteorstein, das einzige Ding der Sternenferne, an +das unsere Hand greift, besteht durchweg, wie gesagt, aus Eisen. In +der Sonne glühen nachweislich eine ganze Reihe, wahrscheinlich sogar +alle Lebenselemente. Im Kometen glänzt Natrium, das dem Leben so +unentbehrliche Kochsalzelement. Da schwebt im Fernrohr eine ferne Welt: +der Mars. Bläulich glänzen seine Wasser um den Pol, und an diesem Pol +selber blinkt eine weiße Kappe von Schnee. Warum sollen in diesem Meere +nicht silberne Fische spielen, nicht rosenrote und orangegelbe Medusen +in stillem Zuge dahintreiben, warum sollen nicht weißbrüstige Möven um +die Ränder dieses Schnees kreisen?</p> + +<p>Vor etwas über 300 Jahren war es, da kam die Idee eines Lebens im All +über diese enge Erde hinaus einem großen Denker der Menschheit wie eine +strahlende Offenbarung.</p> + +<p>Kopernikus hatte die Erde als ein bewegtes Sternlein unter die Sterne +geworfen. Giordano Bruno war es jetzt, der zum <span class="pagenum" id="Page_263">[Pg 263]</span>erstenmal träumte, auf +all diesen tausend und tausend Lichtpunkten der Sternennacht möchte +Leben blühen wie bei uns. Phantastisch, als die Vision eines Dichters, +kam das zuerst.</p> + +<p>Aber zur gleichen Stunde fast, da Bruno für diese und andere +Gedanken, die seinen Zeitgenossen Sünde schienen, den Martertod auf +dem Scheiterhaufen erlitt, zur gleichen Stunde wurde das Fernrohr +erfunden. Ein neuer wirklicher Blick tat sich auf in die Sternenwelt. +Vom Monde herüber glänzten auf einmal Berge, in der Sonne dräuten +schwarze Flecken, der ganze Himmel erschien wunderbar verwandelt +und nähergerückt. Und unter den Schauern dieser grandiosen neuen +Sichtbarkeit der Dinge verlor jener Gedanke selbst seine Kühnheit.</p> + +<p>Der Blick, dem das Rohr als neues Auge zu seinem alten Organe gefügt +war, suchte unwillkürlich nach Spuren fremden Lebens im Sternenall, +nach wirklich sichtbaren Spuren.</p> + +<p>Da dünkte dem einen, die Sonne weise in ihren schwarzen Flecken +gleichsam Fenster einer geheimnisvollen Innenwelt. Diese Innenwelt +der Riesenkugel sollte an sich fest und dunkel sein, ohne die +eigentliche Sonnenglut. Erst über ihr schwebte eine hohe Atmosphäre, +eine Luftschicht, deren oberste Lage weiß glühte wie ein beständiges +riesenhaftes Nordlicht und jene Wärmestrahlen nach außen warf, die +uns Erdbewohner noch in einer Entfernung von zwanzig Millionen Meilen +einen warmen Tag machen. Auf jener schwarzen Innensonne aber, die nur +durchlugte, wenn die Lichthülle im „Sonnenfleck“ zerriß, sollte das +Leben der Sonne blühen, ihre Wälder, ihre Tiere, ihre Sonnenmenschen.</p> + +<p>Ein anderer studierte mit dem Fernrohr den Mond, und vermeinte +Festungen zu sehen, die die Mondbewohner sich errichtet, Höhlen, in +denen sie ihre Städte bauten, um dem furchtbaren Sonnenbrande zu +entgehen.</p> + +<p>Ein dritter träumte von organischer, lebendiger Substanz, die frei im +Weltraum fliege und bisweilen als leuchtender Gallert auf die Erde +gleich den Meteorsteinen niederfalle.</p> + +<p>Aber mit alledem räumte die Forschung, die das scheinbar geschaffen, +fortschreitend auch ebenso rasch wieder auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_264">[Pg 264]</span></p> + +<p>Der wahre Kern der Sonne, den uns die Untersuchung des Sonnenlichtes +durch die sogenannte Spektralanalyse enträtselt, erwies sich +als weißglühende Kugel geradezu von unfaßbarer Hitze, und die +Sonnenflecken waren nicht Löcher zu einer schwarzen Gespensterwelt +unseres Lichtballs, sondern höchstens rostartige Erkaltungswolken, die +vielleicht auf ein in der Millionenfolge der Jahre dereinst einmal +nahendes Ausglühen des ganzen Riesen von der Oberfläche her deuteten. +Die Mondburgen waren tatsächlich nur zackige Gebirge von grotesker +Zerrissenheit. Jene lebendigen Meteore aber erwiesen sich, wo ein +kritischer Naturforscher sie faßte, als über Nacht jäh entstandene +Schleimteller braver irdischer Algen, ja als Eingeweide von Fröschen +und ähnliches, das bloß die Seltsamkeit des plötzlichen Anblickes mit +den Sternschnuppen der Sommernacht willkürlich verknüpft hatte.</p> + +<p>Nun sank auf einmal der Phantasie wieder der Mut.</p> + +<p>Alle die Fixsterne des Nachthimmels da oben waren Sonnen wie unsere, +zum Teil bloß noch viel heißer. In Gluten, sagte man sich, wo das Eisen +als schimmerndes Wölkchen verdampft, kann kein Leben bestehen. Zwischen +diesen lohenden Herden des Alls aber dehnte sich ein im Gegensatz +unglaublich kalter, luftleerer Raum, der mit seiner Kälte von über +hundert Grad umgekehrt jede Lebensmöglichkeit durch Frost erstickte. In +dieser nackten Raumeskälte schwamm schutzlos, ohne eigene Lufthülle und +ohne jedes Tröpflein Wasser, der Mond — also ebenfalls leblos.</p> + +<p>So zog der Gedanke, der einst Sternbilder belebt, langsam wieder die +bunten Flügel überall ein. Am Ende war doch diese rätselreiche Erde, +wenn auch nicht der Weltmittelpunkt, so doch das einzige Pünktlein +Welt, wo lebendige Herzen schlugen und das stille Wandeln des +Naturgesetzes als Freude und Schmerz empfanden ....</p> + +<p>Menschengedanken kommen und gehen wie Wolkenzüge über einer Landschaft.</p> + +<p>Auch was wir „Wissenschaft“ nennen, ist nur ein solcher ewig +wechselnder Wolkenzug. Heute, auf der Wende des zwanzigsten +Jahrhunderts, hat sich abermals gar viel Stoff über dieser großen Frage +angesammelt, der die Wage wiederum wohl zum Gegenteil belasten könnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_265">[Pg 265]</span></p> + +<p>Es ist aber zunächst eine ganze andere Ecke, die uns heute zu denken +gibt. Nicht die Sterne trifft sie ohne weiteres, sondern das Leben +selbst.</p> + +<p>Zu den wunderbarsten Errungenschaften der Forschung in den letzten +Jahrzehnten gehört das Bild, das wir gewonnen haben von der schier +märchenhaften <em class="gesperrt">Zähigkeit</em>, die dem Leben innewohnt.</p> + +<p>Wohl, die Sonnen im All bleiben glühend, der Weltraum dazwischen bleibt +grabeskalt, der Mond bleibt nahezu ohne Luft, und so weiter.</p> + +<p>Nur daß wir zu dieser Stunde uns ernstlich zu fragen anfangen: beweist +das wirklich etwas gegenüber der Zähigkeit, die wir neuerdings +wenigstens an gewissen Formen des Lebens entdeckt haben?</p> + +<p>Vor langen Jahren machte einmal eine Sache gewaltiges Aufsehen. +Man wußte nicht, war es ein Stück ernsthafte Wissenschaft oder ein +Zeitungsscherz.</p> + +<p>Aus Pyramidensärgen sollten Weizenkörner gefallen sein, und diese +Körner, alt wie Sesostris und Moses, sollten in der hellen Sonne +des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal aufgeblüht sein bis zur +leibhaftigen Aehre. „Mumienweizen“ taufte man das Wunder.</p> + +<p>Hübsch, wie die Geschichte klang, war sie in diesem Falle doch +nur hübsch erfunden. Wohl haben diese alten Aegypter ja das +Menschenmöglichste geleistet im Einbalsamieren ihrer ganzen Zeit, vom +Nilpferd bis zur Katze, vom König bis zum Kärrner, als hätten sie mit +Gewalt in unsere Museen kommen wollen. Wir besitzen die leibhaftige +Mumie jenes Ramses, der zu Herodots Tagen schon ein Fabelheld war. Und +so ist auch der uralt ägyptische Weizen wirklich auf uns gekommen, +genau so, wie wir aus dem Moorboden der Schweizer Seen die verkohlten +Früchte noch gezogen haben, von denen die Pfahlbauer sich nährten. Aber +auch dieser Mumienweizen ist allemal völlig in sich zu schwärzlicher +Kohle geworden, und wenn er ins Wasser kommt, so löst er sich, anstatt +zu keimen, in schmutzigen Brei auseinander.</p> + +<p>Man hatte eben hier gleich zu viel verlangt vom Leben: jahrtausendelang +sollte es mumienhaft in der Gruft liegen können und dennoch seine Kraft +nicht verlieren. Was aber nicht so theaterhaft <span class="pagenum" id="Page_266">[Pg 266]</span>in die Welt posaunt +worden ist, das sind andere, schlichtere, aber dafür wahre Geschichten +vom zähen Leben.</p> + +<p>In alten Herbarien aus dem achtzehnten Jahrhundert fanden sich +getrocknete, sauber gepreßte Moospflänzchen. Man nahm sie heraus, +befeuchtete sie — und erzog aus den Sporen, den Zeugungsteilen eine +neue, tadellos lebendige Moosgeneration. Hier hatte das Leben wirklich +geschlafen, eingesargt schon als scheinbar totes Museumsobjekt — und +das über hundert und mehr Jahre fort. Dem großen Botaniker Robert +Brown ist es geglückt, sogar den Samen der Lotospflanze nach vollen +hundertfünfzig Jahren aus solchem Herbarium zum Leben aufzuwecken.</p> + +<p>Mit diesem Falle hat eine große Aehnlichkeit das Kunststück winziger +Tiere, der sogenannten „Bärtierchen“ (<span class="antiqua">Macrobiotus</span>). Sie sind +klein, aber nicht ganz niedrig organisiert, etwa den Spinnen annähernd +noch vergleichbar. Ihr Aufenthaltsort sind gern alte Dachrinnen. +Ist es nun dort feucht, so tummeln sie sich munter herum. Wenn aber +Dürre kommt, so erstarren sie scheinbar zu absolut totem Staube, und +dieser Staub mag <em class="gesperrt">Jahre</em> hindurch hierhin, dorthin wehen, als +Sonnenstäubchen schweben, im Winkel der Dachrinne gehäuft liegen: +kommt nach all den Jahren endlich nun wieder Wasser hinzu, so quillt +das formlose Körnlein auf, streckt Beinchen heraus — und ist, +auferstanden, wieder ein regelrechtes Bärtierchen, das frißt, wächst +und liebt, als wäre nichts geschehen. Dieselbe Auferstehungskraft kommt +wurmähnlichen Kleintieren, den Rädertierchen, zu.</p> + +<p>Man hat sogar von Kröten, die, in Stein eingeschlossen, lange erstarrt +fortgelebt haben sollen, ähnliches behauptet, es hat sich aber bei +Experimenten nicht bestätigt. Und man behauptet es von Menschen heute +noch: indische Fakirs sollen sich lebendig begraben lassen, sollen +einschnurren wie die Bärtierchen und doch wieder auferstehen — auch +das bis jetzt ohne Gewähr. Gleichviel: die alten Herbarienmoose und die +Bärtierchen sind unzweifelbar echt.</p> + +<p>Doch sie erzählen bloß vom Sieg des Lebens über jahrzehntelanges, +jahrhundertlanges Vertrocknen ohne jede Spur von Wasser. Weit +staunenswerter noch ist der Kampf dieses Lebens gegen Hitze und Kälte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_267">[Pg 267]</span></p> + +<p>Wie selbstverständlich scheint es, wenn wir an uns denken, daß +kochendes Wasser verbrüht, Frostkälte erfrieren macht. Pflanze wie Tier +erliegt dem, wohin wir sehen. Das Maiglöckchen im Strauß an unserer +Brust wird nach wenigen Minuten strenger Winterkälte welk, der Krebs +in der kochenden Brühe stirbt elendiglich und sein roter Rock, den er +dabei anzieht, ist sein Marterkleid, wie die bunten Mäntel, die man +einst in Spanien den Ketzern umhing, wenn es auf den Scheiterhaufen +ging. Und doch ist das, wie wir heute wissen, nicht mehr allgültig für +das ganze Leben.</p> + +<p>Schon vor fast fünfzig Jahren zog der Berliner Naturforscher Ehrenberg, +der es besonders auf die Kleinsten der Kleinen in Luft, Erde und Wasser +abgesehen hatte, auf der Insel Ischia bei Neapel aus einer heißen +Quelle von achtzig Grad Hitze lebende Wasserpflanzen (Algen) und jene +Rädertierchen, denen es gar nicht einfiel, sich da drinnen verbrühen +zu lassen, sondern die offenbar seit alters fidel in aller Hitze +hausten und sich vermehrten. Auf derselben Insel leben Algen (also +Pflanzen) in kochendem Dampf (die Insel ist vulkanisch und glüht und +kocht allenthalben von unten her) von über vierundsechzig Grad Celsius. +Und im berühmten Yellowstonepark in Nordamerika, wo kochendes Wasser +in turmhohen Fontänen aus der Erde spritzt, sind gar noch viel höhere +Temperaturen gemessen worden, und immer noch grünten die Pflanzen in +dieser Kochbrühe.</p> + +<p>Das alles aber ist endlich noch nichts gegen gewisse jener +allerniedrigsten Lebewesen, die wir Bazillen nennen und von denen +heute so viel die Rede ist. Streng genommen ist so ein Bazillus nicht +recht Tier und nicht recht Pflanze. Aber er lebt und ist sozusagen der +ganz schlichte, einfachste Ausgangspunkt sowohl des tierischen wie des +pflanzlichen Lebens. Nun denn: einige solcher Bazillen, zum Beispiel +der böse Milzbrandbazillus und der Heubazillus, sind nicht umzubringen +mit einer Glut von über hundert Grad. Ja im äußersten Falle überstanden +Bazillenkeime einen dreistündigen Aufenthalt in einer trockenen Hitze +von hundertvierzig Grad.</p> + +<p>Und seltsam: es ist, als sei auch das höhere Leben da noch wenigstens +annähernd so gewappnet, wo es selber noch gleichsam <span class="pagenum" id="Page_268">[Pg 268]</span>wieder von einem +bazillenhaften Stadium, als Keim oder Samenkorn, für sich ausgeht: +Getreidekörner ertragen ebenfalls ein stundenlanges Ausdörren in +der vollen Hitze von wenigstens hundertzehn Grad Celsius, ohne ihre +Keimkraft zu verlieren.</p> + +<p>Die gleichen Bazillen sind es denn auch, die mit noch unerhörterer +Bravour der Kälte trotzen.</p> + +<p>Auch bei der Kälte war man schon früh auf gewisse Merkwürdigkeiten bei +höheren Tieren aufmerksam geworden. Der eine sah Quallen einfrieren, +daß der ganze Leib mit Eiskristallen durchsetzt war, und doch wieder +tauend weiterleben. Dem andern froren auf einer Nordpolfahrt die +Karpfen hart wie die Steine, und als er sie ans Feuer brachte, sprangen +sie ihm noch aus dem Topf, so wenig wirklich „erfroren“ waren sie +gewesen. Ich selbst habe grüne Frösche in einem Glase mit Wasser dem +Froste ausgesetzt, das Wasser wurde zu einem Eisklumpen, der das Glas +sprengte, und durch das Eis schimmerten die grünen Leiber der Tiere; +als aber der Klumpen im warmen Zimmer taute, krochen die Frösche +heraus, als sei nichts geschehen. Das mußte schon zu denken geben.</p> + +<p>Aber erst als Raoul Pictet, der große Physiker, in seinem Laboratorium +anfing, nicht nur wahre Polarkälte, sondern schon über Weltraumskälte +künstlich herzustellen, da begannen die ganz großen Wunder. Pictet +erzeugte jene ungeheuerlichen Kältegrade, bei denen schließlich +die Luft gefriert und ihre Gase in Tropfen, ja in Schneeflocken +herabfallen. In solchen Eiskammern wurde nun gelegentlich auch das +Leben geprüft — und es bestand Proben, die keiner je geträumt hätte. +Ertrugen Frösche eine Kälte von achtundzwanzig Grad Celsius unter Null, +so kam der Tausendfuß noch lebendig davon bei fünfzig Grad und die +Schnecke hielt es gar noch mit hundertzwanzig Grad aus. Auch diesen +Rekord aber schlug im Triumph der Bazillus, der mit zweihundert Grad +Kälte noch nicht umzubringen war. Auch in diesem Falle gingen aber +ebenfalls die Samen höherer Pflanzen fast den ganzen Weg mit: mittelst +flüssiger Luft wurde eine Kälte von hundertzweiundneunzig Grad Celsius +erzeugt und der sorgfältig ausgetrocknete Samen von Kürbissen und +Erbsen hundertzehn Stunden lang hineingebracht, — er verlor seine +Keimkraft, also sein Leben nicht!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_269">[Pg 269]</span></p> + +<p>Nun setzte man Bohnen und Rettigsamen auch noch sechzehn Monate lang in +Glasröhren, aus denen die Luft ausgepumpt war, also in ein künstliches +Stück luftleeren Weltraums: es half alles nichts, sie dauerten und +keimten, der Luft, der Feuchte und der Wärme zurückgegeben, lustig auf, +als sei das alles noch nichts gewesen.</p> + +<p>Diese ganz schlichten Tatsachen haben nun praktisch sehr viel mehr +Bedeutung für die Frage nach dem „Leben im Weltall“, als alle +allgemeinen astronomischen Träumereien über Mondfestungen oder +Marsmenschen. Sie eröffnen uns zunächst eine wirklich diskutierbare +Möglichkeit, wie Leben von einem Weltkörper auf andere übertragen +werden könnte.</p> + +<p>Wie unsere Erde unablässig vom Weltraum her fremde Bestandteile +empfängt (bald derbe Meteorsteine, bald nur ganz feinen Eisenstaub, +der sich auf dem unberührten Eise der Polarlande und in den Tiefen des +Ozeans ablagert), so auch verliert sie zweifellos fort und fort eigene +Teile in den Raum hinein.</p> + +<p>An den Grenzen ihrer Lufthülle verflüchtigen sich bei ihrem rasenden +Laufe schwebende Teilchen und bleiben hinter ihrer Bahn zurück. Winzige +Stäubchen hochgewirbelter Asche von feuerspeienden Bergen und was sonst +da hinaufkommt, mag sich so abstreifen. Auch Meteorsteine selbst, +die bloß als leuchtende Sternschnuppe unsere oberste Luftschicht +durchschneiden, aber aus dem Bereiche der Erde vermöge ihrer kolossalen +eigenen Geschwindigkeit doch wieder halbverbrannt (die Reibung an der +Luft erhitzt sie) entrinnen, werden Luftteile mit allem, was darin +schwebt, losreißen und in den Raum werfen.</p> + +<p>Jetzt in dieser Luft schweben aber auch organische Teilchen, lebende +Wesen in jenem staubhaft vertrockneten, aber doch noch lebensfähigen +Zustande. Bazillenkeime, vom Wind dahingewirbelte Bärtierchen, +flugfähige Pflanzensamen, allerlei mag da mit hinaufgelangen.</p> + +<p>Und wenn es nun mit verloren geht?</p> + +<p>Kälter als hundertfünfzig bis zweihundert Grad setzt selbst kühnere +Rechnung die Temperatur des Weltraumes zwischen den Sternen durchweg +nicht an; genau weiß man ja von ihr nur, <em class="gesperrt">daß</em> <span class="pagenum" id="Page_270">[Pg 270]</span>sie recht kalt +sein muß. Ohne große Mühe läßt sich denken, daß auf diese Weise +wenigstens einzelne Lebenskeime als fakirhaft schlummernde Lebensreste +von einem Weltkörper zum andern kommen könnten, das Leben der einen, +schon bewohnten Welt auf andere übertragend. Mag sie hundert Jahre +dauern, diese Sternfahrt. Wir wissen ja jetzt, daß das Leben in solchem +trockenen Samenkorn ein Jahrhundert lang ruhig schlummern kann, ohne zu +sterben.</p> + +<p>Wenn Darwins Lehre recht hat, so würde aber ein einziger Bazilluskeim, +auf einen noch gänzlich lebensleeren Weltkörper solchermaßen verweht, +genügen, um die ganze herrliche Fülle aller Tier- und Pflanzenarten +durch allmähliche Entwickelung im Laufe vieler Millionen von Jahren aus +sich hervorgehen zu lassen.</p> + +<p>Unsere Erde selbst könnte so einst von irgend einem unbekannten Stern +aus befruchtet worden sein. Wie das göttliche Weizenkorn von Eleusis +im Mythus des Altertums symbolisch die ganze Formenfülle der zeugenden +Natur umschloß, so wäre ein erstes, unsichtbar kleines Keimstäubchen +eines Bazillus Urmutter alles Lebendigen bei uns gewesen.</p> + +<p>Wir wissen nicht, was Leben eigentlich ist.</p> + +<p>Wir wissen nicht, wie es ursprünglich entsteht. Möglich wäre im Sinne +solcher Betrachtungsweise, daß es unter Verhältnissen sich gebildet +hat, die wir gar nicht kennen, da sie in Urtagen auf äonenfernem +Stern vielleicht nur einmal gegeben waren. Zu uns wäre das Leben erst +spät als längst fertiges Bazilluskörnlein herübergewandert. Oft, +immer wieder kamen solche fliegenden Körnlein im Trockenheits- und +Kälteschlaf des Raumes zu uns heran. Lange aber glühte die Urerde +gleich der Sonne, da hielt sich nichts. Bis die Erdrinde sich auf +hundert Grad etwa abgekühlt hatte, da faßte der erste Bazillus Fuß, +mehrte sich, änderte, entwickelte sich und umgrünte die Erde endlich +als Wiese und Wald, umschwebte sie als Vogel und Schmetterling, ja +bezwang sie zuletzt als denkender Mensch.</p> + +<p>Das ist <em class="gesperrt">eine</em> Linie, wie wir uns auf Grund der Tatsachen gut den +Verlauf der Dinge denken könnten. Aber es ist nicht zu leugnen, daß man +den Gedankenfaden auch noch nach einer ganz anderen Seite von hier aus +spinnen könnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_271">[Pg 271]</span></p> + +<p>Diese wunderbare Fähigkeit des Lebens, sich an extreme Temperaturen so +prachtvoll anzupassen, schlägt nicht bloß eine Brücke durch den kalten, +luftleeren Raum, sie macht auch wahrscheinlich, daß Weltkörper belebt +sein können, denen wir es nach unserer gewöhnlichen, älteren Auffassung +vom Leben <em class="gesperrt">nie zutrauen würden</em>.</p> + +<p>Wo immer wir auf unserer Erde das Leben studieren, da zeigt es sich +den Verhältnissen dieser Erde wahrhaft genial angepaßt. Der Fisch +ist dem Wasser, der Vogel der Luft angepaßt. Die Fische der Tiefsee +sind gebaut, den furchtbaren Druck einer Wassermasse von mehreren +tausend Metern Dicke auszuhalten, und sie ertragen die Finsternis da +unten, indem sie selber Licht erzeugen. Der Mensch aber ist gar die +Universalanpassung der Erde, die schließlich alles in einem kann und +erträgt, was die ungezählten Tier- und Pflanzenarten jede für sich an +Anpassungen an ihr Milieu ausgeheckt haben.</p> + +<p>Nun fragt sich, ob nicht aber das Ganze, was wir als „Leben“ auf der +Erde kennen, noch wieder eine Grundanpassung gerade bloß an diesen +Erdenstern sei.</p> + +<p>Das „Leben“ selber aber könnte sich im weiten All noch in ganz andern +Anpassungen bewähren.</p> + +<p>Unsere Erde bietet uns viel Luft, viel Wasser, sie bietet durchweg +keine allzu tollen Wärme- und Kältekontraste. So hätte sich unser Leben +von früh an auf diese irdische Sachlage im wesentlichen eingestellt, so +fest, daß es nun in seinen Vertretern gar nicht mehr anders als gerade +<em class="gesperrt">so</em> leben kann, genau wie der Tiefseefisch heute nur noch in der +Tiefsee und der Vogel nur auf dem Lande, der Affe auf dem Baum und der +Maulwurf in der Erde leben können.</p> + +<p>Aber es <em class="gesperrt">brauchte</em> ursprünglich keineswegs überall so zu sein.</p> + +<p>Und wenn wir heute noch gerade unsere älteste, niedrigste Lebensform +auf Erden, den Bazillus, einer Hitze von hundertvierzig Grad, einer +Kälte von zweihundert Grad trotzen sehen, so kommt uns die Vermutung, +ob hier nicht noch <em class="gesperrt">Reste</em> auftauchen einer <em class="gesperrt">allgemeineren</em> +Anpassungsfähigkeit des Urlebens an noch ganz andere Wärme- und +Kältegegensätze und an anderes mehr.</p> + +<p>Der geistvolle Physiologe Preyer hat gelegentlich im vollen Ernste +die Frage aufgeworfen, ob man sich nicht eine Form des <span class="pagenum" id="Page_272">[Pg 272]</span>Lebens denken +könne, die einfach an Tausende von Hitzegraden angepaßt wäre. Das +gäbe aber die Möglichkeit lebender Wesen mitten in den Metalldämpfen +des Sonnenballs. Als die Erde einst selber noch glühend war, ein +leuchtender Stern, auf dem der glühende Wasserdampf in roten Fontänen +aufspritzte, wie jetzt auf der Sonne, da mochte sie solche Glutwesen +beherbergt haben. Und erst als ihre Rinde starr, hart und kühl wurde, +als die chemische Verbindung, die wir Wasser nennen, sich darauf +niederschlug — erst da hätte dieses Urleben sich dem Umschwunge der +Dinge „angepaßt“ und es wäre nun <em class="gesperrt">das</em> Leben entstanden, das +fortan ohne Wasser, ohne eine gewisse Kühle nicht mehr bestehen kann.</p> + +<p>Umgekehrt ein Weltkörper etwa wie der Mond, der furchtbare Kontraste +von wochenlanger permanenter Mittagsglut und wiederum wochenlangem +Nachtfrost zeigt und der wahrscheinlich nur geringste Reste von Luft +und Wasser besitzt, könnte das Leben zu einer Anpassung von Anfang an +genötigt haben, die eben wieder das ertrüge: einer Wechselanpassung +nämlich im Temperaturwiderstand und einer ganz aparten Diät für ein +Minimum von Luft und Wasser dazu.</p> + +<p>Es klingt ja für unser Erdenleben so plausibel: kein Leben ohne Luft, +denn kein Leben ohne beständige Fütterung mit Sauerstoff. Und selbst +der Rettigsame unter der Luftpumpe bleibt bei uns doch „scheintot“. +Ein <em class="gesperrt">beständig</em> scheintotes Leben könnte aber doch nicht mehr für +„Leben“ rechnen.</p> + +<p>Gewiß, aber man vergißt dabei, daß zwar der Sauerstoff zur dauernden +Erhaltung des Lebens absolut nötig sein kann, daß aber nicht damit +gesagt ist, daß dieser Sauerstoff nun gerade der Luft entnommen werden +muß. Wir kennen hier auf Erden schon Bazillen (immer wieder müssen +die als Urbeispiel heran!), die tatsächlich ganz ohne Luftsauerstoff +gedeihen, ja es gibt welche, die dieser direkte Sauerstoff tötet wie +ein Gift. Auch diese Bazillen aber fressen Sauerstoff trotzdem — +sie ziehen ihn nämlich aus <em class="gesperrt">festen</em> Stoffen, festen chemischen +Verbindungen nach derselben Methode, wie jede Pflanzenwurzel so und so +viel nötige Sachen sich einfach aus der schwarzen Gartenerde saugt.</p> + +<p>Wie denn, wenn also die Mondwesen nun auch ihre Atmungsnährstoffe +<span class="pagenum" id="Page_273">[Pg 273]</span>wurzelhaft aus sauerstoffhaltigen Mondmineralien zögen — eine +einfache Anpassung des Lebens an einen Stern ohne Luft? Es sei daran +erinnert, daß man auf dem Monde wirklich seltsame Färbungen beobachtet +hat, die manche Kraterhöhlen allmählich annehmen, wenn die Sonne sie +bescheint. Auch sehr gewissenhafte Astronomen glauben, daß diese +Farben durch eine aufsprießende Art Pflanzenwuchs hervorgerufen werden +könnten. Aber man sieht: es <em class="gesperrt">könnten</em>, wenn schon Pflanzen, +so doch gar seltsam fremdartige Pflanzen sein — Pflanzen eben mit +Mondanpassung.</p> + +<p>Tatsächlich haben erst vor solchen Gedankengängen alle die echten oder +angeblichen Spuren, die man von lebenden Wesen jenseits der Erde auch +heute wieder entdecken möchte, ein tieferes Interesse.</p> + +<p>Der einzige wirklich ernsthafte Fall ist da ja gegenwärtig der +Mars. Je näher wir die Karte des Mars kennen lernen, desto stärker +drängt sich das Bild auf, daß dieser Planet an seiner Oberfläche +von intelligenten Wesen systematisch „bearbeitet“ sei. Die grünen, +kanalartigen Linien, die seine rötlichen Länder durchqueren, bilden +ein Netz von mathematischer Schärfe, wie Straßen einer irdischen Stadt +oder künstlich angelegte Vegetations- und Bewässerungsstreifen einer +großen Kultur. Man ahnt den Sinn dieser Streifen, man sieht kürzeste +Verbindungen so angelegt, wie ein irdischer Baumeister sie auf einem +Grundplane ebenfalls anlegen <em class="gesperrt">müßte</em>. Nicht die fahrigen und +phantastischen, sondern gerade die nüchternen, besonnenen Astronomen +von heute raten hier auf einen großen, einheitlichen Marsbaumeister: +nämlich menschenähnliche Intelligenz.</p> + +<p>Wenn Darwin recht hat, lag die höchste irdische Menschenintelligenz der +<em class="gesperrt">Anlage</em> nach schon im ersten Bazillus. Sie ist eine Grundanlage +des Lebens. Auf dem Mars konnte sie als Blüte der Anlage so gut +entwachsen wie bei uns, und sie bleibt dort so gut Intelligenz wie bei +uns. Auf Milliarden Sternen mag sie genau so aus der Knospe brechen, +wenn ihre Zeit erfüllt ist.</p> + +<p>Darum aber kann der <em class="gesperrt">Weg</em>, den die Lebensentwickelung bis hierher +genommen hat, auf andern Sternen im Sinne des oben Gesagten ein +unendlich <em class="gesperrt">verschiedener</em> sein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_274">[Pg 274]</span></p> + +<p>Die Marsmenschen, an positiver Intelligenz uns vielleicht schon weit +überlegen (denn der Mars ist wahrscheinlich älter als die Erde), +können an Gestalt, also in der äußeren Form der Anpassung, die das +„Leben“ sich dort geleistet hat, sich von uns um so viel und mehr noch +unterscheiden, als hier auf Erden ein Bazillus sich von Goethe oder +Darwin unterscheidet.</p> + +<p>Ihre <em class="gesperrt">Kraft</em> ist die gleiche; die äußere Gestaltung ihres +<em class="gesperrt">Stoffes</em> könnte uns vielleicht entsetzen, wenn wir sie sähen, +so absolut fremd, dämonisch fremd wäre sie uns. Sind wir doch auf +Erden von solchen Dämonen allerorten schon umgeben! Ein Tier konnte +der innewohnenden Gotteskraft nach, der Urkraft der Entwickelung nach, +Mensch werden. Und doch welcher Kontrast: ein Elefant, ein Walfisch — +und ein Mensch auf der Sonnenhöhe Goethes!</p> + +<p>Andererseits ist allerdings mit Sicherheit anzunehmen, daß mit einer +gewissen Intelligenzhöhe, wenn sie einmal errungen ist, auch gewisse +ethische Eigenschaften zum Durchbruch kommen <em class="gesperrt">müssen</em>, einerlei, +wie nun die <em class="gesperrt">äußere</em> Schale sei. Die Entwickelung dieser höheren +Ethik ist so gut eine logische Naturnotwendigkeit, wie die der +Intelligenz selbst. Der schlichte Kern christlicher Ideen wie das: +„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird sich mit der gleichen +Folgerichtigkeit auf einer gewissen Entwickelungshöhe einstellen, wie +etwa die Erkenntnis des Pythagoreischen Lehrsatzes, der durch die +gleichartige Macht der Logik auf allen Sternen, wo immer Intelligenz +bis zum echten Denken steigt, ewig neu geboren werden wird.</p> + +<p>Nur wer den Mut hat, sich zu diesen und ähnlichen Gedanken +durchzukämpfen, für den tritt ein Wort wie „Leben im Weltall“ aus der +kindlichen Spielerei über ins Gebiet der tiefen und ernsten Fragen, bei +denen es sich zu verweilen lohnt.</p> + +<p>Ein Stück Weltanschauung taucht ihm dahinter auf.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_275">[Pg 275]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Kueche_der_Urzeit"> + Die Küche der Urzeit. + </h2> +</div> + +<p>In der uralten Tradition stehen jene beiden Bilder: der Mensch am +Anfang seiner Existenz in einem schönen grünen Paradiesgarten, wo ihm +die süßen Früchte in den Mund hängen, — und der Mensch, hinausgejagt +ins Dornenfeld, in Not und Mühe sein karges Brot sich suchend, frierend +und hungernd.</p> + +<p>Es ist, als hätten das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert sich +in diese Bilder geteilt. Im achtzehnten träumte man den wirklichen +Menschen der Urzeit in einem paradiesischen Naturzustand. Man dachte an +jene köstlichen Südseeinseln, wo der Brotfruchtbaum wächst und ewiger +Sommer ist. Und der gute Rousseau baute sich daraus eine selige Urinsel +auf, wo eitel Tugend, Liebe und Sättigung des Leibes und der Seele +herrschten.</p> + +<p>Im nüchternen neunzehnten Jahrhundert umgekehrt grub man alte Knochen, +Scherben, Pfahlbaumpflöcke und Müllhaufen aus Höhlen und Sümpfen, und +es erschien der Steinzeitmensch, ein armer, nackter, vertriebener +Adam, der mit Höhlenbären und Mammuten kämpfte, während hinter ihm die +Lawinen der Eiszeit donnerten.</p> + +<p>Mit gebratenem Mammutrüssel und Höhlenbärenschinken beginnt in der Tat +der nachweisbare Ur-Speisezettel der Menschheit.</p> + +<p>An den Ostküsten der dänischen Inseln liegen allenthalben dicht am Meer +seltsame Dämme. Bis zu drei Metern werden sie hoch, bis zu sechzig +manchmal breit. Kjökkenmöddinger nennt man sie im Lande. Das sind +buchstäbliche Müllhaufen, Küchenabfallhaufen. Es ist ein ungeheures +Monument, das unsere entlegensten Altvordern sich selbst gesetzt haben, +indem sie etwas sehr Schlichtes taten, das sonst nicht mit Denkmälern +gefeiert zu werden pflegt: nämlich tapfer aßen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_276">[Pg 276]</span></p> + +<p>Der vielbewährte Brauch der Berliner Grunewaldbesucher stand bei ihnen +bereits in hohen Ehren, alle Schalen, Knochen, Gräten und zerbrochenen +Geschirre hübsch am Fleck der Mahlzeit liegen zu lassen.</p> + +<p>Ort der Mahlzeit war traditionell in ungezählten Generationen die +Meeresküste. Und da niemand wehrte, so kam im Lauf der Zeiten +folgerichtig zustande, was dem Grunewald auch winkt: es bildete +sich rings um die Inseln eine Art geologischer Kulturschicht, +ein unverwüstlicher Damm von Küchenkehricht. Andersen, der liebe +Dänendichter, sagt so hübsch: „Vergoldung vergeht, Schweinsleder +besteht.“ Die ganze Nation von Steinzeitmenschen, die da gearbeitet, +verging endlich bis auf die letzte Spur. Aber die Kjökkenmöddinger +bestehen heute noch ....</p> + +<p>Es war ein Volk jener vorgeschichtlichen Steinzeit, das hier gehaust +und getafelt hat.</p> + +<p>Die große wilde Eiszeit, in der ganz Dänemark unter Gletschereis +begraben lag, war allerdings schon vorüber. Aber das Klima war +noch wesentlich unwirtlicher als jetzt. Der wundervolle lichtgrüne +Buchenkranz, der heute Dänemarks Stolz ist, existierte noch nicht. +Düstere Fichtenwälder, wie sie heute wild dort nirgendwo sich finden, +bedeckten Land und Küste.</p> + +<p>Arm war die Kultur der Menschen im Schatten dieses Fichtenurwaldes. Wir +sehen an den Resten ihrer Habe in den Müllhaufen selbst ihre Armut: +rohe Messer und Werkzeuge von Feuerstein, Knochengerät, verarbeitete +Geweihstücke, ganz ungefüges Tongeschirr, aber keinerlei Metall und +kein Anzeichen von Ackerbau.</p> + +<p>Und doch wie es geht: ein Feinschmecker von heute vor die +Kjökkenmöddinger gestellt, möchte am Ende doch gar meinen, er stehe +auf der Kehrichtkiste des Rousseau’schen Paradieses. In der Stadt +Kopenhagen wird noch heute, wie weltbekannt, eine gar gute Tafel +geführt. Aber es ist kein Gedanke mehr an die Austernverschwendung, die +jene Stein- und Hornleute des Fichtenwaldes offenbar jahrhundertelang +systematisch betrieben haben. Den ganzen Grundstock jener Mülldämme +nämlich bilden Austernschalen. Der philanthropische Zukunftstraum war +hier schon einmal Vergangenheitstatsache: Austern als Volksnahrung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_277">[Pg 277]</span></p> + +<p>Die Möglichkeit beweist zugleich, wie weit diese Tage zurückgehen. +Denn die Auster ist heute überhaupt kein Freund der Ostsee mehr, weil +sie salzigeres Wasser vorzieht. Als über dem dänischen Ostseestrand +noch die Fichte ragte, da muß auch das Wasser dieser Ostsee noch +weniger durch Zuflüsse versüßt gewesen sein, als es heute der Fall +ist. Man erinnert sich, daß während der ganzen Eiszeit die großen +Flüsse, die heute in die Ostsee fließen, Oder und Weichsel, hinter der +Eisbarriere nach der Elbe zu abflossen und mit dieser in die Nordsee +gingen. Wie dem nun sei: die dänische Auster war damals Trumpf. Mit +andern eßbaren Muscheln mag sie das eigentliche Zugericht zu allem +„Konsistenteren“ gebildet haben, die Kartoffel der Urzeit, die man als +selbstverständlich rechnete.</p> + +<p>Wo die Schale der Auster sich treu durch alle Jahrtausende erhalten +hat, da ist natürlich auch der Knochen des zugehörigen Bratens liegen +geblieben.</p> + +<p>Braten konnten sie schon, die Vorgeschichtler. Steppenbrände, bei +denen Tiere unfreiwillig gebraten wurden, haben den Urmenschen +wahrscheinlich zuerst auf den Geschmack am Bratfleisch gebracht. Das +schmeckte in seiner salzigen Aschenkruste köstlich und hielt sich sehr +viel länger als frisches. In der großen Eiszeit mit ihren furchtbaren +Wintern ist dann wohl die stolze Kulturtat geschehen, daß das Feuer +vom Menschen eingefangen, zur Herdflamme gezähmt wurde. Er lernte es +als Funken auffangen, der aus dem zerschlagenen Feuerstein sprühte. Er +lernte es beim Schaben von Holzmehl gewinnen — erst wollte er bloß +solches Schabemehl herstellen, um die Glut, die ein Blitzstrahl oder +Vulkanbrand gegeben, zu bewahren — dann lernte er, daß beim Schaben +das Holz selbst warm wurde, sich entzündete, — und Prometheus war +fertig. Er ist auch der größte Küchenheilige.</p> + +<p>Mit der Herdflamme begann die Kochkunst.</p> + +<p>In den Kjökkenmöddingern liegen immerzu Feuerstellen, geschwärztes, +verkohltes Holz, Asche, angeglühte Steine, gesengte Knochen. Gedampft +und gebrodelt hat es schon bei diesen Austernessern nach Herzenslust zu +den Urwaldfichten empor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_278">[Pg 278]</span></p> + +<p>Es war Getier dieses Urwalds, das in der Asche briet. Wie nicht zu +leugnen: auch durchweg schlemmerhaft schmackhaftes Getier.</p> + +<p>Da liegen im Müllgrund Knochen des Auerochsen. Wem hat nicht einmal das +Herz höher geschlagen, wenn er im „Lederstrumpf“ vom köstlichen Buckel +und der noch köstlicheren Zunge des Büffels las, die der alte Trapper +mit unnachahmlicher Kunst nach glücklicher Jagd bereitet? Verschollene +Küchenromantik der Menschheit! Die echten Lederstrümpfe haben seitdem +dafür gesorgt, daß der nordamerikanische Büffel bis auf eine kleine, +künstlich gehegte Herde ausgerottet ist. Und damit teilt er nur das Los +jenes europäischen Wisents oder fälschlich so genannten „Auerochsen“, +den unsere Uraltvordern sich schmecken ließen. Von der überlebenden +kleinen Wisentherde im kaiserlichen Forst von Bjelowjehsa in Rußland +ist zur Not heute noch einmal ein Stück für einen Zoologischen Garten +durch Gnadenakt des Zaren zu haben, aber einen Wildbrethändler für +Wisentbraten gibt es längst in der ganzen Welt nicht mehr. Noch ist +überliefert, wie er schmeckte: zwischen Rindfleisch und Hirsch soll er +die Mitte gehalten haben, und im alten Polen galt eingesalzener Wisent +als Fürstenmahl.</p> + +<p>An gewöhnlichem Ochsenfleisch war übrigens bei den Steinzeitleuten auch +kein Mangel, bloß wird es ebenfalls damals noch einen Beigeschmack von +„Wild“ gehabt haben. Denn ungezähmt als wilder Forstschrecken hauste +neben dem Wisent auch noch die echte Stammform unseres heutigen zahmen +Rindes im Fichtenwalde: der schwarze „Urstier“, der heute einfach nicht +mehr existiert, weil er in unsern Kulturrassen aufgegangen ist.</p> + +<p>In den dänischen Kehrichthaufen kommen, soweit bekannt, keine +Küchenabfälle mehr vom Rhinozeros vor. Aber an andern Orten Europas +liegen sie um so reichlicher.</p> + +<p>Mitten im Herzen Deutschlands, am Fleck, wo Schiller und Goethe +gewandelt sind, in alten Kalkablagerungen der Ilm bei Weimar, steckt +ein vorgeschichtlicher Müllhaufen, der auf ein jahrhundertelang +fortgesetztes Rhinozerosfestessen deutet. Die Nashörner müssen damals +im Thüringerwald so häufig gewesen sein, wie heute die Rehe. Es war +nicht genau dieselbe Sorte wie heute in den warmen Ländern. Ein dicker, +rot und weiß gescheckter <span class="pagenum" id="Page_279">[Pg 279]</span>Pelz bedeckte die Haut als Schutzmittel +gegen die Kälte. Noch heute schmeckt dem Neger das Nashornfleisch +vortrefflich, obwohl die Europäer nichts davon wissen wollen. Den +Weimaranern der Steinzeit aber ist es wahrscheinlich noch mehr auf +die Masse, die solch ein Koloß an Nahrung für einen ganzen Stamm +bot, angekommen, als auf die Feinschmeckerei. Immerhin merkt man an +den Knochen, die heute noch angebrannt auf der alten Feuerstätte +herumlagen, als man den Kalktuff aufgrub, recht gut, wie die +Steinzeitler sich hauptsächlich über junge Tiere hergemacht haben. Sie +ließen sich zweifellos leichter fangen und schmeckten obendrein zarter.</p> + +<p>Alles in allem dürfte das Rhinozeros in Europa vom Menschen schließlich +„aufgegessen“ worden sein. Die Menschen mehrten sich rasch und erfanden +immer mehr Fallgruben, Giftpfeile und andere hübsche Sachen zu +Gunsten ihrer Küche. Damit konnten die schwerfälligen Ungetüme nicht +Schritt halten, und zu irgend einer Stunde hat die letzte deutsche +Nashornkalbskeule sang- und klanglos an irgend einem Bratspieß ihre +Bestimmung erfüllt.</p> + +<p>Elefantenfleisch ist gröber als Ochsenfleisch. Ein Stück Vorderfuß muß +vierundzwanzig Stunden gekocht werden, um zart zu werden, aber Fleisch +und Bouillon sind dann gleichermaßen vortrefflich. Der Rüssel, in der +Asche gebraten, gehört zur Feinschmeckerei. So ähnlich, denke ich, +werden die Dinge also auch beim Mammut gelegen haben, das ja nur ein +großer, dick mit rotem Wollpelz bekleideter Elefant mit toll gekrümmten +Stoßzähnen war.</p> + +<p>Aber es gibt gerade über den Mammutbraten einen gelehrten Streit. In +Predmost in Mähren ist sozusagen wieder einmal die Knochenkiste einer +vorgeschichtlichen Volksküche ausgegraben worden, und diesmal ergab sie +eine solche Ueberfülle zerspaltener und angebrannter Mammutknochen, daß +man hier offenbar vor den Tafelresten einer wahren Mammutorgie steht.</p> + +<p>Doch ist behauptet worden, die Elefantenesser von Predmost hätten nicht +frisches Fleisch, sondern Eisfleisch gegessen. Als Eisfleisch ist +nämlich Mammut heute noch in Sibirien zu haben. Im dauernd gefrorenen +Boden dort liegen seit vielen Jahrtausenden <span class="pagenum" id="Page_280">[Pg 280]</span>wohlkonservierte +Mammutkadaver, die sich beim Auftauen so frisch erweisen, daß das +Fleisch wieder anfängt zu bluten und die splitterdürren, verhungerten +Hunde der Tungusen dort mit Gier darüber herfallen, als sei es frische +Jagdbeute. Solche Eiskadaver sollen nun schon in der Steinzeit die +Predmoster ausgegraben und ebenfalls mit Seelenruhe gebraten und +verzehrt haben.</p> + +<p>Die Geschichte hat den Zweck, Mensch und Mammut möglichst auseinander +zu bringen, das Mammut vor die Eiszeit, den Menschen hinter die +Eiszeit. Aber an andern Orten ist neuerdings mit aller nur möglichen +Sicherheit erwiesen, daß der Steinzeitmensch tatsächlich auch das +lebende Mammut gejagt und mit Pfeilen angeschossen hat. Und jene +uralten Weimaraner haben sogar noch eine andere ausgestorbene deutsche +Elefantenart, den sogenannten Altelefanten, gewohnheitsmäßig erlegt +und verspeist. In Südamerika brieten die Urleute gleichzeitig das +Megatherium, ein Faultier, das noch größer als der Elefant war, und den +Glyptodon, ein Gürteltier von Rhinozerosgröße.</p> + +<p>Wo immer man in den Kjökkenmöddingern wühlt: immer stellt sich eine +gewisse epikureische Wehmut ein, wie viel Gutes unserer Küche seitdem +verloren gegangen ist.</p> + +<p>Da liegen die großen gelben Nagezähne des Bibers. Den kennt nun unsere +deutsche Luxusküche auch schon nicht mehr — und damals war er ein +Volksgericht. Es gibt noch alte Rezepte: daß er mit Seerosen sich +gemästet haben müsse, um gut zu schmecken, und ähnliche schöne Sachen. +Es hat sogar sicher nicht zum wenigsten an der Ausrottung des deutschen +Bibers mitgetan, daß er einen so exquisiten Braten gab. Die Pfäfflein +haben ihn ihrer Zeit, als sie ins Land kamen und fromme Klöster bauten, +wo allerwege gut gegessen wurde, für ein „Fischgericht“ erklärt, damit +er auch am Fasttag aufgetischt werden dürfe, — dieselbe Praxis, die am +Orinoko durchgehalten wurde, wo die Missionare die fette Seekuh, ein +schwimmendes Säugetier von ausgesuchtem Wohlgeschmack, sofort als Fisch +bezeichneten, um es für ihre Freitagstafel zu retten.</p> + +<p>Und wer möchte nicht auch vom „Riesenalk“ gekostet haben, einem großen, +flugunfähigen Tauchvogel, dessen abgeknabberte Gerippteilchen in dem +uralten Kehricht stecken. Total ausgestorben <span class="pagenum" id="Page_281">[Pg 281]</span>heute, steht er bloß als +ausgestopfter Balg noch in einigen Museen. Zehntausend Mark zahlt man +für einen Balg, sechstausend für das Ei. Damals war er ein ständiger +Gast unserer Küsten. Massenhaft mögen die Federn beim Rupfen mit dem +Wind zerstoben sein. Am Ende hat das Fleisch wie bei den meisten dieser +Seevögel stark nach Tran geschmeckt. Aber welcher Genuß des Aparten, +ein Spiegelei, das sechstausend Mark wert ist!</p> + +<p>Ein anderer großer Vogel, den die Kjökkenmöddingerschlemmer fleißig +aßen, war der Auerhahn. Gerade er ist ein Beweisstück, daß damals +Dänemark noch Fichtenwald hatte. Denn er ist selbst ein Schlemmer in +jungen Fichtentrieben. Heute ist er vor dem Laubwald, der das Land +erobert hat, längst völlig verschwunden.</p> + +<p>Unsere Kulturküche ist zweifellos sauberer und appetitlicher geworden. +Aber das alte Sprichwort bleibt ewige Weisheit: der eine hat den +Beutel, der andere das Geld. Es war stofflich noch lange nicht das +schlechteste Jugendabenteuer der Menschheit, die Kjökkenmöddingerküche.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_282">[Pg 282]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Das_Ende_der_Tierwelt"> + Das Ende der Tierwelt. + </h2> +</div> + +<p><span class="antiqua">Morituri te salutant</span> ....</p> + +<p>Wie ein Tier sozusagen am hellichten Tage mitten in Europa verloren +gehen kann, dafür gibt es ein lehrreiches Exempel.</p> + +<p>Im sechzehnten Jahrhundert schrieb Konrad Gesner zu Zürich ein +Tierleben in riesigen Folianten. Er schrieb es lateinisch, und es +ist dann erst in eine Art Lutherdeutsch übertragen worden. In dem +„Vogelbuch“ dieses ehrwürdigen zoologischen Kirchenvaters wird ein +Vogel beschrieben, der anno 1555 in der Schweiz und benachbarten +Ländern offenbar so männiglich bekannt war wie der Specht oder der +Geier.</p> + +<p>Dafür zeugt, daß er nicht weniger als sechs verschiedene Namen im +Volksmund hatte: Waldrapp, Steinrapp, Klausrapp, Meerrapp und Scheller.</p> + +<p>„Rapp“ ist Rabe, und schwarz mit grünem Schiller auf den Federn war er +gleich diesem. Wie die Dohlen nistete er „in hohen schrofen oder alten +einöden thürmen und schlössern“, wie es bei Gesner heißt, und an den +wilden Felsen beim Bade Pfäffers mußte der Vogelsteller sich an Seilen +tollkühn hinablassen, um die Jungen aus den Nestern zu holen. Man holte +sie, weil diese Nestküken „für einen schläck“ gehalten wurden, „denn sy +habend ein leiblich fleisch und weich gebein“.</p> + +<p>Sonst aber glich der Waldrapp nach Bild und Beschreibung keineswegs +einem Raben. Der Kopf hatte oben eine Glatze und hinten ein „streußlin“ +(Federsträußchen), und ein langer, spitzer, roter Schnabel saß daran, +geschaffen, das Gewürm aus den engsten Felsenritzen zu ziehen. Der alte +Gesner selbst, Muster eines sorgsamen Beobachters überall da, wo er +aus erster Hand gibt, hatte <span class="pagenum" id="Page_283">[Pg 283]</span>ihm den Magen geöffnet und seine Nahrung +festgestellt. Kurz, so recht ein unbestrittenes Tier, nach dem man +jeden Bauern im Lande und jeden feinen Schlemmer nur zu fragen brauchte.</p> + +<p>Zweihundert Jahre später sitzt Meister Linné zu Upsala in Schweden vor +der großen Schöpfungsarche noch einmal wie der erste Mensch und soll +jedem Tier auf Erden einen lateinischen Doppelnamen geben.</p> + +<p>Wie er aber die Häupter seiner Lieben aus allen vorhandenen Folianten +zusammenzählt, gerät er auch auf das Gesnersche Protokoll in Sachen +„Waldrapp“.</p> + +<p>Nun, in Schweden gibt’s den Vogel nicht, das steht fest. Der zu +vergebende Name muß also auf Gesner gebaut werden. Der lange Schnabel +und die Federholle am Kopf sprechen für einen Wiedehopf, also erfolgt +Upupa (das ist: Wiedehopf). Zum Unterschied von dem gewöhnlichen +Wiedehopf kommt aber dazu eremita, entsprechend dem Volkswort +„Klausrapp“, also ein Vogel, der in einsamer Klause wie ein Eremit +haust.</p> + +<p>Rund fünfzig Jahre genügte Linnés Ansehen, um den Vogel so auch streng +wissenschaftlich noch außer Diskussion zu halten. 1805 aber hält unser +Bechstein neue Generalmusterung der deutschen und verwandten Vogelwelt. +Er kennt die Vögel unvergleichlich viel besser als Linné und weiß auch +in der Schweiz Bescheid. Und er erklärt plötzlich zum Kapitel Waldrapp, +dieser Vogel sei weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, und in Schweden +könne es ihn allerdings nicht gut geben, denn es gebe ihn überhaupt +nicht. Man müsse den alten Gesner mit einem Kunstprodukt angeschwindelt +haben, einem Vogelbalg, halb Krähe, halb Hopf, der heute wie damals +unmöglich sei.</p> + +<p>Hieran war nun unbestreitbar wahr, daß weder im Bade Pfäffers noch +in Zürich noch in Bayern und Lothringen noch wo sonst ihn Gesner +hinbeschrieben, irgend ein anno 1805 lebender Mensch einen Vogel auch +nur annähernd dieses Ansehens mehr kannte. Das Standesamt der strengen +Wissenschaft sah keinen Ausweg, als ihn wirklich zu streichen.</p> + +<p>Jetzt vergehen nochmals über neunzig Jahre.</p> + +<p>Dann sitzen zwei tüchtige Vogelkundige modernsten Schlages, <span class="pagenum" id="Page_284">[Pg 284]</span>Hartert +und Kleinschmidt, im Rothschild’schen Museum in England beisammen, +besehen den alten Gesnerschen Holzschnitt und ein ähnliches altes Bild +und überlegen, wie bloß der Züricher Altvater auf seinen mysteriösen +Rapp habe kommen können. In diesem Augenblick tritt der Vogelkenner W. +von Rothschild selbst herein und erklärt nach einem raschen Hinblick, +der Vogel stände in einem modernen Bildwerk auch noch. Es stimmt, aber +er steht dort als ein afrikanischer Vogel, der seit den dreißiger +Jahren aus Afrika, Arabien und Klein-Asien wissenschaftlich bekannt +ist und von dort her ausgestopft sogar im Rothschildmuseum selbst sich +findet.</p> + +<p>Es ist in der Tat weder ein Wiedehopf noch ein Rabe, sondern mit +metallisch schwarzem Gefieder, langem, rotem Hakenschnabel, dem +Kahlkopf und dem Hinterhauptbüschel — ein <em class="gesperrt">Ibis</em>.</p> + +<p>Dieser Schopf- oder Mähnenibis nistet heute noch nach Dohlenart in +Schwärmen in altem Gemäuer, z. B. an einem Sarazenenschloß am Euphrat, +und holt sich das Gewürm mit dem langen Schnabelhaken heraus.</p> + +<p>Es ist einfach derselbe Vogel.</p> + +<p>Und das schlichte Resultat ist, daß Süddeutschland, Tirol, die +Schweiz, Italien im sechzehnten Jahrhundert einen echten Ibis +besessen haben, der nach Rabenart ihre alten Burgen und schroffen +Felsen umschwärmte, massenhaft gejagt und gegessen wurde, — kurz, +ein typischer Landesvogel war. <span class="antiqua">Geronticus eremita</span> lautet der +wiederhergestellte wissenschaftliche Name, er umfaßt den lebenden +asiatisch-afrikanischen Vogel und den ehemaligen Europäer. In der eben +erscheinenden, nicht genug zu empfehlenden prachtvollen Neuausgabe von +Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (zwölf Foliobände, +in Koehlers Verlag zu Gera) ist der Verschollene nach Exemplaren, die +Rüppell aus Afrika mitgebracht hat, auf trefflichster Farbentafel zum +erstenmal als wenigstens ehemaliger „Mitteleuropäer“ dargestellt.</p> + +<p>Man muß sich vergegenwärtigen, welch fremdartiges Tier ein Ibis für uns +heute ist. Jeder denkt dabei an Afrika, an Krokodile und Pyramiden. +Ibismumien liegen in den altägyptischen Katakomben. Eine kleine, im +Hochzeitskleid schön rote Ibisart lebt ja heute noch in Ungarn und der +Türkei und verfliegt sich ab und zu <span class="pagenum" id="Page_285">[Pg 285]</span>auch einmal vereinzelt bis nach +Deutschland, doch kann das nicht mitrechnen; denn als versprengter +Irrgast sind auch der afrikanische Geier und der Flamingo schon so in +Schlesien aufgetaucht. Um 1555 war aber der große gehaubte Ibis oder +Waldrapp einfach „unser“, wie Kuckuck und Nachtigall. Und erst seitdem +ist er bei uns ausgestorben bis auf den letzten Kopf — ausgestorben +buchstäblich fast bis auf jenen Holzschnitt bei Gesner.</p> + +<p>Die paar Worte des Altmeisters von dem „schläck“, den er abgab, +zeichnen vielleicht sein Schicksal.</p> + +<p>Es heißt da schon, daß die Leute an den Vogelwänden bei Pfäffers immer +ein Junges im Nest ließen, um die Vögel nicht ganz zu verscheuchen. Es +waren aber böse Zeiten damals im Punkte Vogelschutz. „Immer“ wird’s +doch wohl nicht geschehen sein. Und eines Tages sind die Ibisse +ausgeblieben, — verscheucht vielleicht, vielleicht auch ausgerottet. +Still hat sich das vollzogen. Während oben die Wissenschaft +registrierte, Akten anlegte, mit Linné ein Standesamt für Taufzwecke +einrichtete, fiel unten eine ganze altvertraute Tierart einfach unter +den Tisch — und was für eine interessante.</p> + +<p>Der Zufall will, daß sie im fernen Afrika, wohin unsere Waldrapp-Ibisse +jedenfalls alljährlich wie unsere Störche, unsere Schwalben gewandert +sind, sich noch bis heute erhalten hat.</p> + +<p>Aber wie dünn ist der Faden dieses Zufalls! Heute haschen die Forscher, +ob nicht noch, in einem alten Schweizer Naturalienkabinett etwa, ein +einziger wurmstichiger ausgestopfter Balg des deutschen Waldrapp übrig +sein könnte. Kleinschmidt hat geradezu einen Aufruf erlassen, danach +zu suchen. 1740, so weiß man schon, gab es noch einen, aber auch der +ist längst verschollen. Oder soll es nicht am Ende doch noch einen +ganz versteckten Felswinkel, eine in diesem Sinn ganz märchenhaft +zoologisch-romantische Ruine geben, um die heute noch statt Krähen und +Dohlen der deutsche Ibis leibhaft lebendig kreist?</p> + +<p>Schwerlich. Der Blick, der heute nach kreisenden Vögeln über +Felsschroffen sucht, findet ja überhaupt so manches nicht mehr. Was +hat der Lämmergeier als Nationalvogel der Alpenromantik nicht für eine +Rolle gespielt. Im achtzehnten Jahrhundert, zu <span class="pagenum" id="Page_286">[Pg 286]</span>Buffons Zeiten, war er +noch der vollkommene Fabelvogel. Dann rückte ihm das neunzehnte auf +den Leib. Die ganz entsetzlichen Räubergeschichten gingen auf ihr Maß +zurück. Der treffliche Girtanner in St. Gallen beschrieb, ordnete, +klärte. Im Zoologischen Garten bekam auch der Laie den bärtigen +Banditen, ästhetisch eine Glanzleistung der Natur, leibhaftig zu sehen.</p> + +<p>Heute, wenn man auf dem Dampfer über den Thuner- oder +Vierwaldstättersee fährt und im Blau taucht ein kreisender Raubvogel +auf, so ruft alles: „Seht, ein Lämmergeier.“ Der Zoologe aber schreibt +still in sein Tierbuch, daß seit sechs Jahren in den ganzen Schweizer- +und Tiroleralpen kein Lämmergeier mehr gesehen worden ist.</p> + +<p>Die Schußwaffen und gleichzeitig der Wandel der Dinge durch die Kultur +überhaupt haben, wie es scheint, auch hier einen deutschen Vogel +ersten Ranges, für meinen Geschmack fast den allerschönsten, endgültig +vernichtet. Außerdeutsche Gebirge (Albanien, die Pyrenäen) erhalten +auch ihn zur Stunde noch als zoologische Art — wie lange, steht dahin. +Und einst ging er bis auf die schwäbische Alb. In Bayern ist der +letzte bei Berchtesgaden 1855 geschossen worden. Die letzten beiden +Steierer, heute im Wiener Hofmuseum, fielen schon 1809. Der letzte +Oberösterreicher, ein altes Weibchen, wurde am 3. Februar 1824 bei der +Ruine Scharnstein am Tissenbach heruntergeholt. <span class="antiqua">Tempi passati!</span></p> + +<p>Der Waldrapp ist nicht der einzige Fall, wo man heute in ferne Erdteile +gehen muß, um die letzten Trümmer der älteren Tierwelt Deutschlands +noch wiederzufinden.</p> + +<p>Im Zoologischen Garten bestaunen wir manchen wilden Gast aus +entlegenstem Erdenwinkel und ahnen nicht, wie eng er einst als +Landsmann zu uns gehörte. So hat uns unser schöner Berliner Garten, +der sich neuerdings zum wissenschaftlich wertvollsten der ganzen +Welt entwickelt, im vorigen Sommer zum erstenmal den Moschusochsen +gezeigt. Struppig wie ein Eskimo kommt er hoch aus Grönland herab, +systematisch ein Wundertier zwischen Schaf und Rind. Er ist eine +Reliquie der Mammutzeit: wie die Mammute tot, so ist er uns lebend +erhalten im ewigen Polareis. Als aber die Mammute noch lebten, war er +mit diesen ein deutsches Tier, <span class="pagenum" id="Page_287">[Pg 287]</span>unsere Urväter haben ihn gejagt. Seine +Knochenreste finden sich in England und Frankreich, in Deutschland und +Rußland. Bis an die Pyrenäen schweifte er heran und im Rheintal war er +ständiger Gast, so lange die großen Gletscher ragten.</p> + +<p>Derselbe Garten beherbergt jene wundervollen Tiger aus Nordasien, +Kolosse mit dem dicken Pelz, der nach Sibirien deutet. Im Bild dieses +sibirischen Tigers aber erscheint wieder nichts Geringeres als der +deutsche Tiger. Mit solcher Mähne, solchen Zottelhaaren kamen diese +wilden Riesenkatzen einst bis zu uns, kämpften mit Pfahlbauern und +Höhlenmenschen und scheuten den Eishauch der Gletscher nicht, die +damals von Rübezahls Bergen tief nach Schlesien und nach Böhmen +hineinlagen.</p> + +<p>Die Griechen, als sie die Cyklopenmauern von Mykenä türmten und von +Herakles zu fabeln begannen, kannten noch von Angesicht zu Angesicht +den europäischen Löwen.</p> + +<p>Heute wandeln allsommerlich Tausende von Touristen den herrlichen +Fichtenwald vom Elbfall nach Spindelmühle im Riesengebirge herab und +streifen einen Fleck dabei, der im Bädeker der „Bärengrund“ heißt. Er +erinnert sagenhaft noch an eine der letzten Stationen dieser alten, +bedrohlichen Invasion menschenfressender großer Raubtiere in unserm +Heimatland: 1726 wurde hier der letzte Bär erlegt.</p> + +<p>Rund dreißig Jahre später endete die Kugel eines Wilddiebs bei Tilsit +in Ostpreußen ein anderes Tierdrama: sie tötete den letzten Wisent oder +Auerochsen auf deutscher Erde. Gesner hatte noch den zweiten deutschen +Waldstier, den eigentlichen Urochsen, lebendig gekannt, der schwarz +war mit hellem Rückenstreif und lange, leierförmig geschwungene Hörner +trug. Er ist längst von der Erde verschwunden, während ein letztes +Häuflein Auerochsen in Litauen durch Inzucht langsam, aber unrettbar +heute zugrunde geht. Erreicht das gleiche Schicksal über kurz oder +lang eine andere, kaum größere Schar am Nordwestabhang des Kaukasus, +die zwar noch als „wild“ gerechnet wird, aber doch schon unter +Schutzgesetzen (der Anfang meist vom Ende!) steht, — so ist auch der +Wisent für immer in der Welt dahin!</p> + +<p>Die Inzucht bei mangelnder Blutauffrischung ist es, an der <span class="pagenum" id="Page_288">[Pg 288]</span>überhaupt +der Versuch durchweg scheitern wird, solche aussterbenden Tiere +wenigstens in zoologischen Gärten zu retten. Wohl gelingt es +gelegentlich uns noch, ein schon verlassenes Land durch Massenimport +wieder mit einer sonst noch vollkräftig erhaltenen Tierart zu +bevölkern. So war in ganz Großbritannien schon 1762 der letzte Auerhahn +geschossen worden. Seit 1837 wurden dann systematisch ganze Massen +lebender Auerhähne aus Norwegen eingeführt und heute hat Schottland +einen der großartigsten Auerhahnbestände der ganzen Welt, der diesen +zweitschönsten Vogel Europas vielleicht noch einmal retten wird, +wenn wir auf dem Kontinent mit ihm aufgeräumt haben. Aber überall, +wo kleine Restkolonien einer Tierform abgeschnittene Inseln ohne +Zuzugsmöglichkeit bilden, da ist ihr Schicksal besiegelt.</p> + +<p>So wird die winzige Station europäischer Affen auf dem Felsen von +Gibraltar kaum mehr lange ausdauern. Auch mit ihnen geht ein Stück +Weltgeschichte zu Grabe, etwas wie ein letztes Lichtstreifchen der +Erinnerung an eine Zeit, da Europa noch bis nach Schwaben von Affen +bewohnt war.</p> + +<p>Zu Ende geht, in solche hoffnungslose Robinsonlage verbannt, der +europäische Biber, heute nur noch in einer Kolonie von hundertfünfzig +Stück an der Elbe und Mulde vorhanden.</p> + +<p>Merkwürdig ist, wie mit solchem größeren Tier, wenn es ausstirbt, fast +immer auch noch die eine oder andere Kleintierart mitgerissen wird, wie +die Ratte vom untersinkenden Schiff. An den deutschen Biber hatte sich +(ebenso wie an den amerikanischen) ein höchst seltsamer flügelloser +Käfer schmarotzernd nach Läuseart angepaßt, der nur allein in seinem +Pelz vorkommt. Geht der Biber ein, so fällt ihm der Käfer nach, wie +Fiesko seinem Mantel. Als die Seekuh der Beringsinsel, das sogenannte +Borkentier, im achtzehnten Jahrhundert ausgerottet wurde, verschwanden +mit ihr eine Walfischlaus und ein Spulwurm, die sich ihr so angepaßt +hatten, daß sie nicht mehr anderswo leben konnten.</p> + +<p>Dieses Wechselverhältnis, das ein Wesen bis in den Tod an ein anderes +kettet, ist leider auch eine der mißlichsten Ursachen zur ungewollten +Verwüstung unserer liebenswürdigsten, ästhetisch reizvollsten kleineren +deutschen Tierwelt heute.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_289">[Pg 289]</span></p> + +<p>Mit vollem Recht geht unsere Kultur gegen häßliche und giftige +Unkräuter vor. Der Förster wütet gegen jedes alte Gerümpel von Baum, +der Parkliebhaber holzt aus, um alle feuchten Winkel, wo die Bäume +sich formlos durcheinanderflechten, aufzuhellen, im Garten stört uns +jedes ungepflegte Stück, jede Dornecke ohne Schermesserspuren. Aber mit +der Brennessel vernichten wir einen unserer schönsten Schmetterlinge, +den goldbraunen „Kleinen Fuchs“, dessen Raupe diese scharf gewürzte +Kost braucht, und ein ähnlich enges Band verknüpft andere, teils +giftige, teils unschöne Unkräuter mit diesen lieben Gesellen, den +bunten Schmetterlingen, ohne die der gepflegteste Garten arm bleibt. +Und mit den hohlen Bäumen und dem Dorngestrüpp nehmen wir unsern +farbenprächtigsten und sangesfrohesten Vögeln die Gelegenheit zum +Nestbau, mit roher Hand schlägt unsere Forst- und Parkkultur all den +uralten Anpassungen und Gewohnheiten, die da über viele Jahrtausende +heraufkommen, ins Gesicht.</p> + +<p>Der Erfolg ist ein Veröden der Landschaft, ein Stillwerden. Wir haben +uns so gewöhnt, alles den bösen Italienern in die Schuhe zu schieben, +die uns die Singvögel wegfangen und verspeisen. Daß wir selber daheim +mit unserm bloß noch auf praktische Holz-Rücksichten reglementierten, +kasernenhaft strammen und geputzten Walde beständigen Vogelmord +treiben, wollen wir durchweg nicht Wort haben.</p> + +<p>Schon wächst bei uns eine Generation heran, die von der ursprünglichen +Schönheit unserer deutschen Vogelwelt kaum noch eine Ahnung hat. Ich +las unlängst ein paar Verse von Karl Busse, eine Sommerstimmung. +Zuletzt hieß es da: „Und einsam streicht die Mandelkrähe, weiß Gott +wohin, weiß Gott wohin ...“ Ich weiß nicht, ob unser Lyriker wirklich +an die Mandelkrähe (die mit den Krähen nichts zu tun hat) gedacht +und nicht bloß einen Namen aufgegriffen hat. Was ich aber weiß, ist, +daß ich seit Jahren eine ausgestopfte Mandelkrähe mit ihrer wahrhaft +leuchtenden Farbenfülle in Grün, Blau und Zimmetbraun im Zimmer stehen +habe und in all diesen Jahren fast von jedem Besucher die Frage gehört +habe, aus welchem tropischen Papageienlande dieser Prachtkerl stamme. +Daß er noch jetzt ein urtümlich deutscher Vogel sei, wußte <span class="pagenum" id="Page_290">[Pg 290]</span>keiner. +Aber auch dies Juwel wird alljährlich freilich seltener. Es teilt das +Schicksal des Uhus, des Schwarzspechts, der Trappe, des schwarzen +Storchs, die alle rapid eingehen.</p> + +<p>Ein Kampf der Kultur mit der Schönheit!</p> + +<p>Mir schwebt da immer ein drastisches Beispiel vor.</p> + +<p>Zweimal im neunzehnten Jahrhundert, 1863 und 1888 war es, als habe die +Natur vor, uns in Deutschland statt des ewigen Nehmens einmal auch +etwas Zoologisches neu zu schenken.</p> + +<p>Aus Zentralasien kamen Schwärme lieblicher Vögelchen, Steppenhühner, +in der weichen, gelblichen Farbe wie aus Wüstensand aufgebaut. Niemand +weiß, warum sie plötzlich wanderten. Behalten haben wir sie auch nicht, +trotz lebhafter Hoffnungen aller Vogelfreunde. Die armen Vögelchen +sollten merken, daß sie sich ins Reich der Kultur gewagt hatten. In +reißendem Flug kamen sie an. Es war ihnen nichts, in einem Tage von +Jütland quer über die ganze Nordsee nach England zu sausen. Aber genau +in ihrer Flughöhe zogen sich allenthalben die Telegraphendrähte dahin +— sie prallten an und kamen in Menge um. Der freie Wüstenvogel, der +gegen das metallene Netz der Kultur stieß — zu seinem Verderben.</p> + +<p>Wenn ich manchmal durch die schönen Räume des Berliner Museums für +Naturkunde wandere, so überfällt mich eine seltsame Träumerei.</p> + +<p>Ich habe das Gefühl einer verschollenen Welt, eines untergegangenen +Planeten. Nicht bloß in dem Mumiensaal, wo von steinerner Platte +wirklich die uralt verschollenen Ichthyosaurier mich anglotzen, die +vor Jahrmillionen bis auf den letzten Kopf ausgestorben sind. Auch +all das frisch ausgestopfte Getier, die bunten Vögel, die Affen und +Elefanten und Löwen, die Schmetterlinge in ihren Glaskästen, die +getrockneten Korallen und Seesterne — sie haben mir einen Todeszug, +ein hippokratisches Gesicht, — Gruß der Sterbenden.</p> + +<p>Ich sehe im Geiste ein Riesenmuseum der Menschheit in ein paar tausend +Jahren.</p> + +<p>Da stehen die Tiere wie heute, noch viel schöner in der Erhaltung, +präpariert für die Ewigkeit mit den vollkommenen Konservierungsmitteln, +<span class="pagenum" id="Page_291">[Pg 291]</span>die wir heute noch nicht kennen. Aber an Tier um Tier, an der Giraffe, +dem Tiger, dem Nashorn, der Wildgans und dem Sperling — überall steht +ein Zettelchen angeklebt mit einem geheimnisvollen Zeichen.</p> + +<p>Wer in der Geheimsprache der Zoologen bewandert ist, kennt es sogleich, +aber auch der Laie mag den Sinn schon ahnen.</p> + +<p>Ein Totenkopf.</p> + +<p>Er besagt, daß diese Tierart ausgestorben ist.</p> + +<p>Dieser Gedanke ist mehr als ein paradoxer Einfall. Er entspringt einer +Wahrscheinlichkeit, ja einer unerbittlichen Logik. Der Südseeinsulaner +singt ein schwermütiges Liedchen von der Palme, die wächst, der +Koralle, die sich breitet, und dem Menschen, der untergeht. In +den Sternen der Kulturmenschheit steht aber das genau Umgekehrte +geschrieben. Der Mensch wird Herr der Erde sein, eines Tages. Und alles +Getier, das nicht unmittelbar in seiner Kultur aufgeht, wird an dem +Tage verschwunden sein.</p> + +<p>In der köstlichen Vogelsammlung des Zwingers zu Dresden haben sie +schon jetzt einen besonderen Schrank eingerichtet für Tiere, die +der Mensch in der kurzen Zeit, da er für Museen sammelt, bereits im +Leben ausgerottet hat und nur noch in Museumsbälgen besitzt: der +Takahevogel und der Dünnschnabelnestor, ein Papagei von Neuseeland, die +Labradorente und der Riesenalk, der 1844 auf Island untergegangen ist. +Diese Vogelbälge sind heute schon so köstlich, daß man sie dem Licht +nicht mehr auszusetzen wagt, aus Furcht, sie verbleichen.</p> + +<p>In demselben Schrank liegen ein paar einzelne Federn der kolossalen +Moastrauße, flugunfähiger Vögel, die von den Neuseeländern bis +auf den letzten Kopf vertilgt wurden, als die tierarme Insel dem +eingewanderten, rasch wachsenden Volk keine andere Fleischnahrung bot; +nachher sind die Leute in ihrer Not Kannibalen geworden.</p> + +<p>Selbst diese kostbare Sammlung rühmt sich aber schon keines Balges +mehr von der Dronte, jener grotesken, ebenfalls völlig flugunfähigen +Riesentaube der Insel Mauritius, die größer als ein fetter Schwan war. +Die Matrosen der holländischen Schiffe, die im siebzehnten Jahrhundert +dort landeten, verproviantierten <span class="pagenum" id="Page_292">[Pg 292]</span>sich fröhlich mit diesen wandelnden +Fetttöpfen. Nach hundert Jahren war die Freude zu Ende: die letzte +Dronte war gegessen.</p> + +<p>Und nochmals fünfzig Jahre später warf der weise Konservator +des Museums zu Oxford auch noch das letzte ausgestopfte Stück +wegen Mottenfraß aus der Sammlung; damit war endgültig auch die +Schattenexistenz im Museum dahin; nur Bilder und Knochen sind übrig.</p> + +<p>Im Britischen Museum zu London steht das Gerippe jenes Seesäugetiers +vom Geschlecht der sogenannten Seekühe, des Borkentiers. Es war ein +Ungetüm, das zehn Meter lang und achtzig Zentner schwer wurde. Wie +Borke war seine verfilzte Schwartenhaut anzusehen, darunter aber lag +vier Finger dick der reinste Speck. Um dieses Speckes willen hat das +Borkentier daran glauben müssen. Auch diesen Riesen der rätselvollen +Einsamkeit, einen wahrhaft urweltlichen Gesellen, entdeckte hungriges +Matrosenvolk eines gestrandeten Schiffes auf einer Insel bei +Kamtschatka im achtzehnten Jahrhundert. Siebenundzwanzig Jahre reichten +diesmal hin, um den Koloß verschwinden zu lassen auf Nimmerwiedersehen.</p> + +<p>Solche absonderlichen Fälle klingen uns wie hübsche zoologische +Geschichtchen, jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Aber es ist mehr darin: +es ist die Schicksalsstimme der Allgemeinheit.</p> + +<p>Es wird leer um den Menschen, wohin er kommt.</p> + +<p>Als der Mensch auf der Erde erschien, war die Frage zunächst keineswegs +selbstverständlich, wer in dem Kampf zwischen Mensch und Tier Sieger +bleiben würde.</p> + +<p>Furchtbar verbarrikadiert mit ihren unzähligen Anpassungen in +Verteidigungs- und Angriffsmitteln stand die Tierwelt da, ein +Meisterstück von Jahrmillionen. Denn in all diesen Jahrmillionen der +Erdgeschichte hatte der Daseinskampf selbst immerfort alles Schwache, +Ungenügende unerbittlich ausgemerzt. Nur das Wehrhafteste, nur die +wahrhaft raffinierte Schutzanpassung war aus dem langen Spiel sieghaft +emporgestiegen.</p> + +<p>Im Gestein der Erdentiefe schliefen die ungezählten falschen +Experimente, alle die alten Saurier und Scheusäler, denen schließlich +Hai, Delphin und Riesenvogel oder auch die eigene Unförmlichkeit +<span class="pagenum" id="Page_293">[Pg 293]</span>den Garaus gemacht. Bis in jedes Winkelchen umspann eine wahrhaft +vollkommene Tierwelt diesen alten Planeten, Luft, Wasser, Erde, +schwimmend, fliegend, kletternd, laufend, selbst im Erdreich wühlend +wie der Maulwurf. Die Erdenarche zitterte unter der Last.</p> + +<p>Und dahinein eines Tages — der nackte Mensch.</p> + +<p>Was war er zunächst? Ein Stück Fleisch, gut zu fressen. So und so +viel Tiervölker hatten sich in ihrer Lebensanpassung gewöhnt, Fleisch +anderer Geschöpfe zu fressen. Der Mensch ein Objekt der hungrigen +Raubtiere also!</p> + +<p>Das Nächste, was da in Betracht kam, war die Größe des Menschen, die +Körpergröße.</p> + +<p>Es ist in neuerer Zeit ein paarmal behauptet worden, der Urmensch sei +ein Zwerg gewesen. Wir wissen ja heute durch Schweinfurth und Stanley, +daß es in Afrika noch jetzt regelrechte Zwergvölker gibt. Der ebenfalls +fast zwerghafte Stamm der Weddas in den Urwäldern Ceylons wird von +manchen Kennern für die unterste, urtümlichste aller Menschenrassen +gehalten, die heute noch lebt. Und in Schweizersbild bei Schaffhausen +sind allen Ernstes ja auch die Knochenreste sogar prähistorischer +Zwerge gefunden worden. Gleichwohl ist die Vermutung aus diesen Gründen +allein kaum haltbar.</p> + +<p>In alten wie in neueren Zeiten kann auch Verkümmerung nachträglich das +Normalmaß bei ganzen Völkern herabgedrückt haben. Jenes geheimnisvolle +Wesen von der Insel Java, das einen halben Affenkopf hatte und dazu +schon echte Menschenbeine, der Pithekanthropus, über dessen 1891 +entdeckte Gebeine sich die darwinistischen und antidarwinistischen +Forscher seither so mächtig in den Haaren liegen: es hatte mindestens +volle Militärgröße.</p> + +<p>Brachte der Mensch die aber mit, so teilte das sogleich das Tierreich +vor ihm in einen größeren und einen kleineren Teil.</p> + +<p>Im allgemeinen war alles, was größer war als der Mensch, ihm +gefährlich, alles Kleinere dagegen trat unter ihn. Der Maulwurf war +ihm ein lächerliches, ein verächtliches Tier, obwohl das Gebiß dieses +Maulwurfs, gegen ein noch kleineres Tier gehalten, furchtbarer ist +als ein Tigergebiß. Das erste kleine Geschöpf, bei <span class="pagenum" id="Page_294">[Pg 294]</span>dem er eine +ganz besondere, auch ihm gefährliche Angriffswaffe entdeckte trotz +der Körperkleinheit, war die giftige Schlange. Wenige Geschöpfe +haben seine Phantasie denn auch so erregt, wie dieses Ausnahmetier. +Der Schlangenkultus beweist es. Die Allerkleinsten und doch +Allerschlimmsten hat freilich erst das Mikroskop des neunzehnten +Jahrhunderts entdeckt: die Trichinenwürmer, die sich ins Muskelfleisch +des Riesen bohren, und die allerdings nicht mehr eigentlich tierischen, +wenn auch lebenden Bazillen, die seine Lunge als Schwindsuchterzeuger +zerstören, seinen Darm als Cholera bedrohen.</p> + +<p>Im wesentlichen aber ging sein Blick damals nach oben. Was ihn angriff, +mußte größer sein als er.</p> + +<p>Der Naturforscher von heute unterscheidet mindestens sieben +Hauptgruppen oder „Stämme“ im Tierreich. Davon kommen sechs kaum in +Betracht als Größengegner des Menschen.</p> + +<p>Die Urtiere (vom Laien meist Infusorien genannt) fallen ganz fort, +denn sie sind durchweg mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar. Vom +farbenbunten Volk der Pflanzentiere (also den Schwämmen, Korallen, +Seerosen, Quallen) könnte zur Not einem Schwimmer im Ozean einmal die +einzige Qualle <span class="antiqua">Cyanea arctica</span> gefährlich werden. Denn sie hat +einen Schirm von zwei Metern Breite und darunter abwärtsbaumelnde +Fangarme von vierzig Metern Länge. Das alles ist zwar weich wie +Gallert, aber diese Quallenarme nesseln wie Brennesseln, und vielleicht +dürfte der Taucher denn doch verloren sein, um dessen nackten Leib sich +diese vierzig Meter Giftschnur wickeln.</p> + +<p>Vom Molluskenstamm (Schnecken, Muscheln und Tintenfische) +dräuen nur zwei, und beide auch nur in der purpurnen Tiefe: die +indische Riesenmuschel <span class="antiqua">Tridacna gigas</span>, deren zwei Meter +breite Klappschalen gar wohl einen unvorsichtigen Menschen durch +blitzschnellen Schluß guillotinieren können — zur leckeren Mahlzeit +für das ungeheure, zehn Kilogramm schwere Muscheltier im Innern. Und +der Kraken, der Riesentintenfisch, der mit den Fangarmen wohl zwanzig +Meter lang wird und mit seinem harten Hornschnabel dann einen Menschen +zerknacken würde wie ein Affe eine Haselnuß.</p> + +<p>Ganz ausscheiden wieder die so unendlich formenreichen Gliedertiere +<span class="pagenum" id="Page_295">[Pg 295]</span>— Krebs und Insekt. Einzelne Krebse mögen unheimliche Gäste +sein, ernsthaft gefährlich sind sie nicht, trotz ihrer „tausend +Gelenke“. Auch gegen den größten aller Regenwürmer, den Riesenwurm +<span class="antiqua">Megascolides australis</span> von Gipsland in Australien, der zweimal +so lang wie der Mensch wird, bedürfte es nicht einmal bei einem Kinde +besonderer Herkuleskraft zur Verteidigung.</p> + +<p>Und vollends der dickste Seeigel vom Geschlecht der Stachelhäuter wird +noch nicht einmal so dick wie das Stachelschwein, das die Jäger in der +römischen Kampagna durch einen einfachen Klaps auf die schnüffelnde +Nase töten.</p> + +<p>Erst im Stamm der Wirbeltiere fangen die echten Größen zahlreicher an, +nochmals freilich mit Unterschied auch da nach den einzelnen Klassen.</p> + +<p>Ein paar Fische machen in der Reihenfolge von unten nach oben den +Anfang. Der Hai als Menschenfresser ist altberüchtigt. Im Süßwasser +aber ist der kolossal bewehrte Hecht durchweg zu klein, wenn schon +ich mich eines Ungetüms aus dem tiefen tückischen Wallensee im Kanton +Glarus erinnere, das auf der Tafel wahrhaft zu Koteletten zerschnitten +erschien, da es jeder Schüssel spottete — diesem anderthalb +Meterriesen hätte ich beileibe nicht in dem kalten Gebirgssee beim +täglichen Bade begegnen mögen.</p> + +<p>Vom Wels, dessen größte, zwei Meter lange Exemplare, einer +kohlschwarzen Riesenkaulquappe gleich, hier bei Friedrichshagen als +wahre „Seeschlange“ des Müggelsees gelten, ist sicher überliefert, daß +er Hunde, große Wasservögel und gelegentlich selbst ein Kind schluckt.</p> + +<p>Dagegen kommt von der ganzen nächsthöheren Klasse der Amphibien +nicht einmal der Riesensalamander Japans auf. Und seitdem auch die +wahnsinnige Angst vor dem „Gift“ der Molche und Kröten sich dahin +verflüchtigt hat, daß der Schutzsaft dieser nützlichsten Tiere einen +kleinen Schnupfen erzeugt, wenn er just auf die Schleimhäute gebracht +wird, kann das ganze Lurchvolk geradezu als Typus der Harmlosen gelten.</p> + +<p>Von den Reptilien kommen ihrer Größe nach nur drei in Betracht: +die Riesenschlange, deren Gefährlichkeit aber, wie die so <span class="pagenum" id="Page_296">[Pg 296]</span>vieler +Tropentiere, in älteren Quellen arg übertrieben worden ist; +das Krokodil; und endlich zur Not noch die nordamerikanische +Schnappschildkröte, die über ein Meter lang wird und dem Schwimmer +mit einem stahlharten Schnabel zu Leibe geht, der in zentimeterdicke +Ruderschaufeln Löcher beißen kann.</p> + +<p>Als der erste Mensch die Erde betrat, war die „große“ Zeit dieser +Reptilien im ganzen längst herum.</p> + +<p>Verschwunden war der Iguanodon von Bernissart in Belgien, der auf +den Hinterbeinen trabte wie ein Känguruh, der zehn Meter maß und +dessen Daumen rechtwinklig abstanden wie mächtige Dolche, bereit, +jeden Angreifer umarmend zu spießen wie das Folterwerkzeug der +eisernen Jungfrau. Verschwunden war der Hadrosaurus von Dakota, +der nicht weniger als 2072 Zähne im Maul trug, verschwunden der +Atlantosaurus, der mit 115 Fuß Länge auf dem Lande dahinwatschelte, und +der Mosasaurus, der ebenso lang im Ozean sich schlängelte. Die Idee +wäre so hübsch: den Urmenschen sich noch im Kampf zu denken mit den +Ichthyosauriern. In einer „Deutschen Geschichte“ (von Pfahler, aus der +zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts) habe ich gelegentlich den +Satz wirklich gefunden, daß die alten Germanen ihre weltgeschichtlich +so bekannte Kraft gestählt hätten im Drachenkampf mit diesen +Ichthyosauriern. Leider stören dieses gute Bild aber die mindestens +drei Millionen Jahre der Tertiärzeit, die zwischen den Germanen auf der +Bärenhaut und der Ichthyosaurusepoche der Erdgeschichte liegen und in +denen schon kein einziges jener Ueberreptile mehr gelebt hat.</p> + +<p>Auch die Gigantenzeit der Vögel war vorbei oder doch im raschen Abzuge, +als der Mensch kam. Den Brontornis von Patagonien, der zu einem +wahrhaft schauerlichen Raubvogelschnabel fast zwei Meter lange Beine +besaß und wahrscheinlich selbst noch jenes Saurierhochwild jagte, hat +er wohl nicht mehr erlebt. Die großen Strauße kann man nicht als ernste +Gegner mitrechnen, und wo er sie auf Inseln fand, wie auf Neu-Seeland +die Moas und auf Madagaskar den drei Meter hohen Aepyornis, da ist er +damit rasch so gründlich fertig geworden, daß der Naturforscher schon +für sein Museum zu spät kam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_297">[Pg 297]</span></p> + +<p>So bleiben die Säugetiere. Und damit die wahren Größengegner.</p> + +<p>Die Tertiärzeit, die dem Menschen unmittelbar voraufgeht, hatte sie +in ihrer ganzen Kraft entfaltet. Im Moment, da der Mensch für uns +in erkennbaren Kulturresten in Europa auftaucht, sieht er sich vor +Mammutelefanten, Nashörnern, Nilpferden, wilden Ochsenarten, dem +Riesenhirsch, dem Renntier und den größten aller bekannten Raubtiere, +dem Höhlenbären und dem Tiger.</p> + +<p>Der erste Kühne, der sich auf schwankendem Boot in die Salzflut wagt, +sieht Dampf aufwallen und glaubt, eine schwarze Insel entsteige der +Tiefe: er erlebt den Walfisch, das Säugetier, das es jetzt auf jene 15 +Fuß des Mosasaurus gebracht hat.</p> + +<p>Ganz unglaublich muß das Gedränge jener großen und größten Säuger noch +in den ersten Urwäldern, Steppen und Wassern gewesen sein, in die der +Mensch geriet. Nur die wildesten Gebiete Zentralafrikas, wo abends +um die Tränke alles dröhnt und zittert von dem Stampfen ungezählt +antrampelnder Elefantenherden, Nashörner, Giraffen, Antilopen, oder das +Getümmel großer Seesäugetiere, Robben, Seebären, Seeelefanten auf neu +entdeckten Klippen der arktischen und antarktischen Vorgegend können +uns heute noch einen Begriff davon geben. Und auch sie nicht lange +mehr, denn die Büchse knallt von Jahr zu Jahr die Elefanten nieder, +und die großen Robben und Wale sind an ihren älteren bekannten Plätzen +schon so gut wie ausgerottet.</p> + +<p>Von Säugergruppen, die heute klein sind wie das Gürteltier, lebten +noch Riesenformen, groß wie das Nashorn (der Glyptodon), als der +Mensch den Kampf begann. Waren doch in dem gleichen Südamerika dieser +Riesengürtler (in allerdings noch etwas älteren Zeiten) selbst die +Mäuse einmal zu solcher Rhinozerosgröße heraufgewachsen.</p> + +<p>Die furchtbarsten angreifenden Gegner aber waren zweifellos gleich +von Beginn an die Raubtiere. Deutschland hatte damals noch so viel +Tiger wie Indien, und dabei war auch noch der Machairodustiger, der im +Oberkiefer jene zwei Eckzähne in Gestalt gekrümmter, aus dem Maul wie +beim Walroß vorspringender Messer trug.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_298">[Pg 298]</span></p> + +<p>Ein nicht zu verachtendes Gegenüber waren gewiß auch die Affen in +einigen Arten: der Gorilla, an Größe dem Menschen gleich, gilt heute +noch als „ernste“ Sache trotz des Feuergewehrs, und ganz kürzlich erst +ist auf Madagaskar das Gerippe eines Halbaffen gefunden worden, der, +wie es scheint, den Gorilla noch an Höhe übertraf.</p> + +<p>Und doch das alles eines Tages im Absturz.</p> + +<p>Ein paar Säugetiere und Vögel gerettet durch Kultivieren als ein Stück +Menschenhaushalt selbst, als Haustiere.</p> + +<p>Ein anderer Rest noch eine Weile erhalten als Jägerfreude. Jagdgesetze +müssen selbst ihn schon schützen.</p> + +<p>Ganze Länder schon in ein paar Geschichtsjahrhunderten ihrer +Charaktertiere beraubt: Aegypten ohne Nilpferde, Deutschland ohne die +Ure und Schelche seiner Nibelungenzeit. Und durch welche Macht das +alles?</p> + +<p>Ich wandere an meinem märkischen See hier draußen hin, mein Fuß stößt +an ein Stück Feuerstein.</p> + +<p>Im tiefen Meer der Kreidezeit ist das aus den Kieselschalen +mikroskopischer Urtierchen zusammengebacken. Die Gletscher der Eiszeit +haben es aus der Kreide von Rügen, dem alten Tiefseeschlamm jener Tage, +gerissen und hierher transportiert. In solchem Stückchen Feuerstein +liegt des ganzen Rätsels Kern.</p> + +<p>Das hat der Mensch gefunden, eines Tages, damals am Rande der +Eiszeitgletscher.</p> + +<p>Und seine Intelligenz war soweit vorgeschritten, daß er es zum +Werkzeug, zur Waffe zurechtschlug.</p> + +<p>Und an dieser neuen Kapitelüberschrift der kosmischen Entwickelung, +diesem kleinen Wörtchen „Werkzeug“ sind sie alle abgeprallt, die harten +Köpfe der übrigen Tierwelt — der elfenbeinerne Stoßzahn des Mammut und +das natürliche Messer im Maul des Machairodustigers, der Panzer des +Riesengürteltiers und die Speckschwarte des ungeheuren Walfisches.</p> + +<p>Aus diesem Feuersteinmesser hat sich in einer geraden Linie geistigen +Fortschritts das Bronzeschwert entwickelt und aus dem die Eisenwaffe +bis zum Rohr der Kanone, deren Kugel einen Elefanten fällt wie ein +Schlag mit der flachen Hand eine Mücke.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_299">[Pg 299]</span></p> + +<p>In diesem Stückchen Feuerstein wurde die schwache Hand des Menschen +hart wie Stein, hart wie Stahl, brennend und verheerend wie der Funke, +der aus diesem Feuerstein, wenn er geschlagen wird, sprüht.</p> + +<p>Und an dieser Werkzeugwende brach die Tierwelt zusammen, wie +schließlich der Granitberg der Alpen davor zum Tunnel einbrach und die +Landenge von Suez zum Kanal sich spaltete.</p> + +<p>Im Menschenmuseum ist ihr Grab, ihr Ziel.</p> + +<p>Mit dem kleinen Zeichen des Totenkopfs auf der Etikette, das da besagt +„ausgestorben“ — ausgerottet durch den Menschen. Das Ende der Tierwelt!</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_300">[Pg 300]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Anfaenge_der_Kultur_bei_den_Tieren"> + Die Anfänge der Kultur bei den Tieren. + </h2> +</div> + +<p>Natur und Kultur sind keine Gegensätze.</p> + +<p>Stufen sind es einer fortschreitenden Entwickelung.</p> + +<p>Jedes kleine Menschenkind kann uns das lehren. Was in grauen Tagen der +Urgeschichte wie ein Mysterium erscheint, das erlebt jede Mutter in +schlichtem Bild noch einmal mit. Wunderbare Kräfte haben in stiller, +pflanzenhafter Arbeit den Leib des Kindes gebaut. Eines Tages erscheint +er im Lichte und die feinen Saiten des Kunstwerks beginnen ihre Melodie +zu spielen. Jene Kräfte haben in festem Ziel die Organe des Körpers +geschaffen: wie Magen und Herz, so auch Gehirn und Hand. Auf einmal +aber ist es, als sinke die ganze Schaffensmacht, nachdem sie dort ihr +Werk getan, jetzt konzentriert hinein in das kleine Kindergehirn.</p> + +<p>Zu ihm geht, was die Aeuglein schauen, von ihm aus regt sich auf solche +Lichtpost des Auges hin die Hand.</p> + +<p>Und die Hand greift nach Dingen der Außenwelt. Der erste Griff geht +nach Stoffen der Ernährung. Dann wird spielerisch nach allem möglichen +gefaßt. Holzklötzchen werden aufeinandergetürmt, Sandhügelchen gehäuft +wie kleine Bauten. Das rosige Händchen lernt einen Löffel greifen, um +die Suppe zu bewältigen. Mit einem Bleistift wird gekritzelt. Zugleich +hat die Sprache eingesetzt, ebenfalls Muskelarbeit im Dienste des +Gehirns. Und die ersten moralischen Empfindungen bilden sich aus, +begründet auf das Zusammenleben mit andern Menschen und die Anpassung +daran.</p> + +<p>So erobert die junge Menschenblüte, aus der Natur heraus geboren, sich +in organischer Folge, ohne Riß und ohne ein größeres <span class="pagenum" id="Page_301">[Pg 301]</span>Wunder, als es in +jeder Entwickelung liegt, die höhere Stufe der Kultur.</p> + +<p>Jedes Kind ist aber ein „erster Mensch“.</p> + +<p>Es erlebt noch einmal die Schauer der Schöpfung. So wie bei ihm, fing +die große neue Melodie „Kultur“ einst überhaupt einmal auf der alten +Erde an zu spielen, eine höhere Sinfonie der Natur, zu der sie sich +nach Jahrmillionen einförmigen Summens und Klingens plötzlich in +grandiosem Schwunge erhob.</p> + +<p>Wie aber das Kind, noch schlafend im Naturschoß, ehe es das Licht der +Welt erblickt, sich bisweilen traumhaft schon regt, so raunten längst, +ehe der Mensch kam, durch die Tierwelt schon präludierende Laute dieser +Kultursinfonie.</p> + +<p>Ueberall da vernehmen wir sie, wo im Tier schon ein ahnender Anlauf +sich zeigt, über die Ausbildung von Organen des Leibes — Knochen, +Klauen, Zähnen, Panzern, angewachsenen Schalen — hinauszugehen zu +<em class="gesperrt">Werkzeugen</em>, zu totem Material, das erst indirekt durch die +Absicht und Arbeit des Tieres in gewissem Maß „vergeistigt“ wird.</p> + +<p>Da liegt in seiner wunderbaren Bläue der märkische Müggelsee. Rote +Kiefern lassen ihr grotesk verknäultes Wurzelwerk an den Sandabhängen +des Ufers herabschleifen.</p> + +<p>Der Blick sucht ein schimmerndes Feuersteinstückchen, einen Zeugen +der Eiszeit, im gelben Sand. Dabei gewahrt er winzige Trichterchen in +dieser Sandfläche, regelmäßig, als sei es eine Tierfährte. Aber kein +Tier stößt solche spitzen Trichter im Schreiten ein. Ein „Kulturtier“ +hat hier gebaut: der Ameisenlöwe.</p> + +<p>Als ausgewachsenes Insekt gleicht er einer Libelle. Dann langen +seine Körperorgane aus zum Lebenskampf, große Flügel tragen ihn dem +größten Ereignis auf dem Scheitel seiner Bahn zu: der Liebe. Aber +als unentwickelte Larve, auf der Stufe, die beim Schmetterling die +ungeflügelte, ewig hungrige Raupe darstellt, geht es ihm weniger gut. +Sein Körper gleicht dann einer kleinen weichen Rübe, an der zwar vorne +mächtige Kieferzangen sitzen, die zugleich kneifen und saugen, aber nur +mangelhafte Beine und gar keine Flügel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_302">[Pg 302]</span></p> + +<p>Eine Rettung war es so für ihn, als er auf weichen Sand geriet. +Er drehte und wurschtelte sich so lange hinterwärts herum, bis er +glücklich bis an den Kopf eingemummt saß. Da lauerte er nun mit +seinem knurrenden Larvenmagen. Ging ein großer, bedrohlicher Schatten +vor ihm über, so duckte er sich ganz in den Sand. Kroch aber ein +wehrloseres Insekt, als er, arglos dicht vorbei, so erspähte er mit +seinen zahlreichen Augen den guten Moment, schoß vor und stieß der +Beute seine bösen Sauggabeln in den Leib. So mögen es die Ameisenlöwen +jahrhunderttausendelang getrieben haben. Der lose Sand war ihr Mantel: +immerhin schon ein ganz, ganz vager Anlauf zu etwas Werkzeugähnlichem, +also zur Kultur.</p> + +<p>Da führte die Sache selbst weiter.</p> + +<p>Das ungestüme Drehen beim Einwühlen ins Sandbett erzeugte in diesem +losen Flugsand einen kleinen Wirbel, dessen Ergebnis meist eine +rundliche, trichterartige Einsenkung wurde. Im Grunde des Trichters +saß jedesmal der Räuber. Dieser Trichter aber lieferte jetzt selbst +zum Sandrock ein neues Kulturwerkzeug: er bildete eine Falle. Ein +Insekt lief heran, geriet achtlos über den Rand und fiel ins Zentrum. +Im Schreck über den Sturz und zugleich in der Enge des Trichtergrundes +wurde selbst ein Tier zur leichten Beute, das sonst entronnen wäre: +eine wehrhafte Spinne, Ameise oder Raupe.</p> + +<p>Und die Ameisenlöwen begannen den Doppelzweck resolut zu erfassen: +die Einbuddelei wurde in ihrer Energie so verstärkt, daß jedesmal +regelrechte Fallentrichter entstanden von ausreichender Tiefe. Dabei +mochte es geschehen, daß mitten in der Arbeit schon eine Ameise über +den Rand kam. Noch stockte sie oben, wollte nicht. Gerade aber flog +durch die Wucht des kreiselnd sich einwühlenden Löwen eine Garbe Sand +von unten her auf den Trichterrand: sie traf das fremde Insekt und ließ +es kopfüber herabfliegen trotz seines Widerstrebens. Zu Rock und Falle +war ein drittes gesellt: das Wurfgeschoß.</p> + +<p>Was auch hier das erste Mal zufällig mitgeschehen war, wurde ein +weiterer Schritt in der Ameisenlöwenkultur. Auch aus dem fertigen +Trichter heraus gewöhnte er sich fortan, vorsichtig <span class="pagenum" id="Page_303">[Pg 303]</span>zögernde Besucher +seines Fallenrandes durch gut gezielte Sandwürfe aus der Balance zu +schmettern und in die Mörderhöhle herabzuzwingen, wo ihr Schicksal +besiegelt war. So hat der kleine Löwe sein Werk bei uns getrieben, in +üppigster Entfaltung wahrscheinlich damals, als in vorhistorischer Zeit +Deutschland einmal größtenteils gelbe Sandsteppe mit Springmäusen und +Saigaantilopen war. Wo von dieser Steppe noch ein hübsches Teil Sand +übriggeblieben ist, wie zwischen unsern märkischen Heidekiefern, da +treibt er es unentwegt heute noch.</p> + +<p>Ich glaube nicht, daß es allzu kühn ist, sich den Hergang dieser +kleinen tierischen Kulturentwickelung so zu denken. Die einzelnen +Stufen liegen so nah. Gar kein mystischer Wille des Tieres ist dazu +nötig, nur eine Kette ganz schlichter Anpassungen. Und doch hat das +Resultat alle charakteristischen Züge eines „Kulturanfangs“.</p> + +<p>Unwillkürlich steigen vor diesem Höhlen- und Fallgrubenjäger aus der +Insektenwelt Bilder auf aus der menschlichen Urzeit.</p> + +<p>In einer Grube, ganz nach ähnlichem Prinzip erfunden, hat der Urmensch +jener Eiszeit seine Mammute und Nashörner gefangen. Bloß daß er sich +nicht selbst unten hineinsetzte; bei seinen Mammuten wäre die Last +zu schwer geworden. Er setzte sich nach dem Fall oben an den Rand +und warf den abgestürzten Riesen, in Erweiterung des Wurfsystems des +Ameisenlöwen, mit Steinen und Speeren vom sicheren Boden aus zu Tode.</p> + +<p>Auch er aber barg seinen nackten Leib, wie in einem ersten +Schutzpanzer, im Gestein, in Höhlen. Und ein Triumph war es für ihn +zweifellos, als er vor dieser Höhle die erste Tür erfand, den ersten +Verschluß, den außen Laub überdeckte, der sich aber von innen öffnen +ließ. Gerade dieses „Werkzeug“ hat aber lange vor ihm die kleine +Minierspinne <span class="antiqua">Cteniza fodiens</span> auf Korsika erfunden. Sie baut sich +halbmeterlange Kellerschachte ins Erdreich hinein, die sie kunstvoll +mit selbstgesponnenem Seidengewebe austapeziert. Vor die Kellerluke +aber setzt sie die eleganteste Falltür ebenfalls eigenen Fabrikats, +einen Deckel in Nut und Angel aus Seidenpolster, der außen mit einer +Erdschicht täuschend beklebt ist und automatisch auf einen leisen Druck +von innen aufklappt.</p> + +<p>Ein Beobachter, der die Tür von außen her gewaltsam mit <span class="pagenum" id="Page_304">[Pg 304]</span>einer Nadel +öffnen wollte, bemerkte mit Staunen einen Widerstand, als sei gar ein +Riegel vorgeschoben. Es war aber die Spinne selbst, die von innen +zuhielt. Sie ermöglichte es, indem sie mit einigen ihrer Klauen in +feine Löcher des Seidengewebes sich einhakte und zugleich den ganzen +Körper nach Kräften rückwärts gegen die Wand ihrer Höhle preßte. Sie +verteidigt übrigens nicht nur sich so, sondern auch ihre Eier und junge +Brut, die sie nach Spinnenart treu behütet.</p> + +<p>Viele Jahrtausende nach Anfang der Menschenkultur hat Horaz noch von +dem kühnen Uebermenschen gesungen, der zum erstenmal in ungeheurem +Wagnis dem Wasser ein Schiff anvertraut. Der große, pechschwarze +Wasserkäfer des Müggelsees <span class="antiqua">Hydrophilus piceus</span> löst das Problem +alljährlich noch.</p> + +<p>Sein kunstvolles Schifflein, vielleicht das älteste der Welt, ist eine +schwimmende Wiege gleich dem biblischen, das den Moses trug. Im April +sucht der weibliche Käfer sich ein schwimmendes Blatt im See. Unter dem +legt er sich, den Bauch nach oben, festgeklammert vor Anker. Nun spinnt +er aus feinen Röhren des Hinterleibs ein dichtes seidiges Gespinst +hervor, das in Zeit noch nicht einer ganzen Stunde den Bauch wie eine +Art Seidenhemdlein überwölbt. Unter diesem halben Hemd dreht er sich +dann selbst um, so daß es ihm auf den Rücken rutscht, und sofort spinnt +er abermals vor der Bauchseite eine zweite Hälfte, deren Rand fest +in die andere verwebt wird, also daß nunmehr ein ganzes Hemd da ist +oder, besser noch, eine Art großen, hoch heraufgerutschten Fußsacks, +da auch das hintere Ende des Ganzen fest vernäht ist. In diesen Sack +jetzt endlich legt der Käfer seine Eier, indem er sich gleichzeitig +langsam nach vorn aus ihm herauszieht. Im Moment des gänzlichen +Entschlüpfens spinnt er auch noch die letzte offene Seite wasserdicht +zu und formt aus steifen Fäden eine Art Mastspitze auf dem Ganzen. So +darf er sein Mosesschifflein getrost treiben lassen: die Eierfracht, +in den Grund des Bootes gesunken, hält als Ballast die Balance, die +wasserdichte, luftgefüllte Blase sichert das Schwimmen, und der kleine +Mast, über den Spiegel vorragend und von einem feinen Kanal durchbohrt, +sorgt für den nötigen Luftaustausch im Innern genau nach dem Prinzip +der <span class="pagenum" id="Page_305">[Pg 305]</span>vorspringenden Spitze eines sonst gänzlich eingetauchten +unterseeischen Bootes modernster Konstruktion.</p> + +<p>Der alte Horaz hatte schon seit mehr als anderthalb Jahrtausenden seine +irdischen Wein- und Liebesfahrten beschlossen, da erfand der Mensch +die Taucherglocke. Im Reich des schwarzen Wasserkäfers besaß auch sie +längst die Wasserspinne, die <span class="antiqua">Argyroneta aquatica</span>.</p> + +<p>Ihr Leben verrinnt im Wasser, aber ihre Sehnsucht ist Luft. Auf Luft +sind ihre Atmungsorgane gebaut, ohne Luft kann sie sich in der Tiefe +nicht wohl fühlen. Für ihren Privatgebrauch des Moments weiß sie ja +beim Tauchen an ihrem fettigen und haarigen Leib genügend Luft in Form +einer anhängenden Perle mitzuführen.</p> + +<p>Aber das ist ihr lange noch nicht bequem, noch nicht häuslich genug. +Wie der weise Schildbürger einst Licht portionenweise einzufangen +und in sein fensterloses Haus zu tragen gedachte, so geht sie — und +mit mehr physikalischem Glück — auf den systematischen Luftfang. Im +Teichgrund baut sie, an Wasserpflanzen geheftet, aus dem firnißdichten +Seidenstoff ihrer Spinndrüsen eine feine Glocke von der Größe eines +halben Taubeneies, unten richtig glockenhaft offen. Dann saust sie +zum Teichspiegel, hebt den Gegenpol ihres Leibes darüber hinaus und +fährt, mit einer großen haftenden Luftblase bewaffnet, in den Grund +zurück. Schnell würde die Luftblase, da unten befreit, wieder nach der +Oberfläche hinaufperlen. Aber die Spinne setzt sie unter ihr Glöckchen, +wo das unmöglich wird. Und Perle um Perle des lieben Stoffes räubert +sie sich so hinab, bis die Glocke eine regelrechte Taucherglocke +geworden ist, ein wohliges Lufthäuschen tief in den Wassern. Burg ist +es zugleich und Hochzeitshaus. Von seiner Glocke baut das Männchen +einen verdeckten Gang zur Glocke der Spinnenbraut. In der Glocke auch +wird die Kinderwiege bereitet. Eine solche Spinnenglocke müßten wir +klugen Menschen uns bauen, wenn wir den luftarmen Mond bereisen wollten!</p> + +<p>Auf einsamen Waldgipfeln Deutschlands liegen heute noch geheimnisvoll +altertümliche, rohe Steinwälle, zum Beispiel auf dem Altkönig im +Taunus. Uralt jedenfalls, gehen sie vielleicht bis in vorgeschichtliche +Tage zurück. Es war der erste Menschen-Versuch <span class="pagenum" id="Page_306">[Pg 306]</span>einer selbsterbauten +schirmenden Festung im Gegensatz zur Höhle, — noch kein Mauerwerk, +sondern bloß lose gehäufte Ringwälle von wildem Stein.</p> + +<p>Genau solche Festung aus Bruchsteinen baut sich tief im Ozean der +Tintenfisch. Mit seinen langen wimmelnden Krakenarmen umklammert +er jeden einzelnen Stein, saugt sich fest, schiebt den dicken Leib +hebelartig darunter und schafft die Quadern so zum Bau an eine +ausgewählte Stelle. Dort ordnet er die Blöcke kunstvoll, daß sie wie +ein Krater eine innere Höhle zum Versteck umgeben. In der Höhlung +lauert er dann regungslos mit funkelndem Auge, ein ebenso schlimmer +Wegelagerer im Großen wie der kleine Ameisenlöwe.</p> + +<p>Das erste echte Haus des beginnenden Kulturmenschen, das wir kennen, +stand auf eingerammten Baumstämmen im Wasser als Pfahlbau. Noch ragen +in den Schweizer Seen die alten Pfähle aus dem Moorgrund.</p> + +<p>Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß in diesem Fall der Mensch +unmittelbar sein Bauprinzip von einem kleinen, tief unter ihm stehenden +Nagetier gelernt hat, das die Gewässer von damals allerorten mit den +zweckmäßigsten Pfahlbauten umsäumte: dem Biber. Der Biber ist das +Tier, dessen Kulturarbeit im Großen imstande ist, eine Landschaft +umzugestalten. Er baut Dämme, die mehrere hundert Meter lang und drei +Meter hoch sind, wenn man ihn ungestört läßt. Mit solchen Dämmen +verändert er nach seinen Wünschen das Niveau des Wassers. Bäche +verwandelt er in Teichreihen, an deren Ufern sich Moore bilden. Den +wilden Urwald durchsetzt er mit weiten Lichtungen, indem er mannsdicke +Stämme einen um den andern fällt und in Stücke zerschneidet. Und aus +dem Teich läßt er dann durch eigene Neuarbeit die Biberstadt erstehen, +kuppelförmige Wohnhäuser mit Gesellschafts- und Vorratsräumen auf +Pfahlbaurosten.</p> + +<p>Als der große Vollender kam, mußte der kleine Erfinder freilich +weichen: vor dem Menschen ist der Biber nahezu auf der Erde schon +hingeschwunden. Aber denken wir uns einen Planeten unter besonders +günstigen Umständen Jahrmillionen hindurch ausschließlich in seiner +Hand. Und denken wir uns, ein Menschenfernrohr <span class="pagenum" id="Page_307">[Pg 307]</span>sollte die Karte +dieses Planeten in ihre Einzelheiten hinein enträtseln. Im Verhältnis +von Wald und Lichtung, in der Ausgestaltung der Wasserläufe würde ein +künstliches Prinzip, ein Kulturprinzip erkennbar werden, wie wir es +heute in den geradlinigen Kanalsystemen des Mars vermuten. Und doch +wären diese Planetenbildner nicht Menschen, sondern Biber.</p> + +<p>Doch der Blick will mehr als einen bloßen Steinwall am Berggipfel, +einen Rost auf Pfählen im See, wenn er an Menschheitskultur in ihrem +stolzen Anstieg denkt. Er schweift über goldene Saatwellen, die der +Mensch gepflanzt. Er sieht diesen Menschen als Viehzüchter Kühe melken. +Ueber den Bauernhöfen erhebt sich die Burg, ein fest gemauerter +wirklicher Bau mit Treppen und Gängen. Aus dem Tor dieser Burg reiten +geharnischte Ritter mit abnehmbaren Schutzpanzern. Es wandeln schöne +Frauen mit Blumen im Haar hernieder, mit bunten Ziergewändern, +künstlich genäht und befestigt. Gesang erklingt. Auf dem Herd daheim +flackert die Flamme. Und von diesem Herd strahlt Gemütswärme, das +Mitleid, die Menschenliebe, die zuletzt Palast und Hütte einen und die +Rüstung überflüssig machen wird, da es keinen Kampf mehr gibt. Ein +Weltalter der Liebe dämmert, eine Zeit der Kunst ....</p> + +<p>Aber auch die ackerbautreibende Ameise in Texas hegt die Reisart, +die sie besonders liebt, umgibt sie mit Mauern, jätet das Unkraut +und erntet die Körner zu ihrer Zeit. Allen Schwärmern für „Pilze als +billige Volksnahrung“ sind die pilzzüchtenden Ameisen Brasiliens längst +voraus. Sie schleppen ungeheure Massen von Blättern, ganze Gärten +entlaubend, in ihre Nester und züchten darauf durch besondere Pflege +einen leckeren Pilz, dessen unterirdisches Geflecht kohlrabiartige +Knollen erzeugt, ähnlich wie unsere Kartoffel ihre eßbaren +Wurzelanhängsel.</p> + +<p>Melkende Kühe besitzen die Ameisen in den Blattläusen, deren süßen Saft +sie abmelken und schlecken. Ihr wahres Haustier sind diese Blattläuse +geworden. Gegen jeden Feind werden die Hilflosen verteidigt, wie Schafe +gegen den Wolf. Und wie der Mensch das wilde Schaf schließlich ganz +der Natur entzogen und in einen künstlichen Stall, einen Kulturstall, +gepfercht hat, so baut die Ameise aus Erde zierliche Häuschen über +ihren Blattlauskolonien <span class="pagenum" id="Page_308">[Pg 308]</span>auf den Futterpflanzen selbst und setzt diese +Hürden durch bedeckte Gänge mit ihren eigenen Wohnungen in Verbindung.</p> + +<p>Burgen, viel größer noch als Domtürme im Verhältnis zu ihrer Größe, +führt die Termite auf.</p> + +<p>Was uns noch wie ein amerikanischer Traum erscheint: Häuser aus +Papiermasse erbaut, — macht die Papierwespe. Ihr Papier stellt +sie her, indem sie Pflanzenstoffe zerkaut und mit ihrem zähen, +chitinhaltigen Speichel dabei vermischt.</p> + +<p>Im Müggelsee, wo der Wasserkäfer Mosesschifflein spinnt, hüllt die +raupenartige Larve der Köcherfliege sich in den schönsten Panzer. +Auch sie hat den Leimtopf gleich im Leibe als Organ gewachsen, und +mit seinen Kleberfäden webt sie sich prächtig ihr Kleid. Die eine +reiht Holzstückchen schindelartig aneinander, die andere Steinchen, +die dritte Pflanzenteile. Immer aber entsteht ein solider Panzer, +der zugleich schützt und unkenntlich macht: ein Panzer nicht im Sinn +der am Leib angewachsenen Schale des Krebses oder der Schuppen des +Schuppentiers, sondern ein Kleid, bei dem das Tier beliebig ein- und +auskriechen kann, ein selbstverfertigtes Panzerkleid. Mehrere Arten +reihen sogar kleine Schneckenhäuschen als Glieder ihres Panzerhemdes +aneinander, lieblichste Kunstarbeit. Und das höchste Wunder gipfelt +endlich in der Leistung, daß eine amerikanische Art dem Gesamtrock +die Form eines Schneckenhauses ganz getreu nach dem Muster einer +echten Schnecke zu geben weiß, so täuschend echt, daß ein gewiegter +Schneckenkenner zuerst ein echtes Schneckenhaus zu sehen glaubte und +schon einen Schneckennamen dazu gesetzt hatte.</p> + +<p>Eine kleine Lücke bleibt: denn kein Tier, scheint es, ist unmittelbar +jemals zur künstlichen Feuererzeugung übergegangen. Die rein +organbildende Natur hat ja zwei Kunststücke ausgezeichnet vollbracht: +sie hat den Vogel und das Säugetier von innen wie automatische Oefen +geheizt und sie so gegen Eiszeiten und Polarschnee gefeit, und sie hat +dem Leuchtkäfer seine Laterne auf den Leib genäht; hat sie doch sogar +dem elektrischen Aal eine wuchtige elektrische Batterie als Schutzwaffe +in Gestalt eines Organs wachsen lassen. Aber als „Werkzeug“, äußerlich +projiziert, scheint der Prometheusfunke <span class="pagenum" id="Page_309">[Pg 309]</span>wirklich reines Menschengenie, +solange wir an wirklich leuchtende und brennende Funken, an die +Herdflamme, denken.</p> + +<p>Wenn es sich dagegen bloß um die Erzeugung einer gewissen Hitze durch +Kulturtechnik handeln soll, so hat das Talegallushuhn Australiens auch +dieses Problem endgültig gelöst. Statt ein Nest zu bauen und seine Eier +durch die eigene organische Körperwärme auszubrüten, errichtet dieses +australische Truthuhn kolossale Hügel von mehreren Metern Durchmesser +und Höhe aus faulendem Laub, fetter Pflanzenerde und Pilzen, stopft +seine Eier bis metertief in diese Pyramide und läßt sie durch die +künstliche Wärme ausbrüten, die der Fäulnisprozeß der verwesenden +Pflanzenstoffe allmählich erzeugt. Der alte Vogel weiß dabei genau, +was er tut, er sieht täglich nach, prüft den Grad der Wärme, ordnet +die Eier eventuell um und hilft schließlich den ausgeschlüpften Küken +aus ihrer Gruft. Kürzlich noch hat Richard Semon in seinem famosen +Reisebericht aus dem australischen Busch diese fast märchenhaft +klingenden Tatsachen wieder aus eigener Schau bestätigt.</p> + +<p>Wenn der Mensch das Nähen verlernte, so würde der indische +Schneidervogel die Kunst retten, der beim Nestbau Baumwollfäden spinnt +und Blätter regelrecht damit aneinandernäht.</p> + +<p>Wenn der Mensch aufhörte, Kränze zu winden: der Paradiesvogel auf +Neuguinea und der australische Laubenvogel würden fortfahren, ihre +Nester und Hochzeitslauben mit bunten Blüten schönheitstrunken +zu schmücken. Die Grille hat ihr Lied schon gezirpt, als der +Ichthyosaurus schwamm und der ganze Mensch in Leid und Liebe noch +ein blauer Zukunftstraum war. Auch im Tier waltet schon das Gesetz, +daß jede Entlastung vom rohen Daseinskampf eine Befreiung des tiefen +Schönheitsdranges, des ästhetischen Prinzips in der Natur, bedingt.</p> + +<p>Und die Liebe? Brehm, der das „Tier“ kannte wie vielleicht kein +zweiter vor ihm, hat einmal von den Vogelkolonien der dummen Lummen +und Pinguine erzählt. Er fand dafür folgende Sätze, die Bände reden: +„Unbeschreibliches Leben regt sich, und dennoch herrscht ewiger +Frieden unter der Gemeinde, die an Anzahl die unserer größten +Städte übertrifft. In diesen geschieht es, daß der Mensch an seinem +verhungernden Mitbruder kalt vorübergeht: <span class="pagenum" id="Page_310">[Pg 310]</span>in den Gemeinden der +tiefstehenden Vögel finden sich Hunderte, die nur auf die Gelegenheit +warten, Barmherzigkeit zu üben. Das Junge, das seine Eltern verlor, ist +nicht verloren. Die Gesamtheit steht ein für das Wohl des Einzelnen. +Unendliche Liebe kommt auf diesen öden Felsen im Meer zur Geltung. Die +Eltern vergessen über ihren Kindern sich selbst.“</p> + +<p>So erscheint die Tierwelt allerwege wie ein großer Keim dessen, was der +Mensch erfüllen sollte.</p> + +<p>Armselig beschränkter Sinn meint wohl, es ziehe das den Menschen +herab. In Wahrheit gibt es gar keine über den Menschen hinausgreifende +Betrachtungsweise, die ihm irgend etwas ab- oder zutun könnte. Das +Tiefste an Verkommenheit in der ganzen uns bekannten Welt, mit dem +wir messen können, ist der tiefverkommene Mensch selbst. Ebenso, +wie allerdings das höchste Maß der ganz große Mensch, der Buddha, +Christus, Goethe, ist. Hier, im Menschentum selber, ist die große +Kluft, die wir allerorten immer wieder zu überbrücken haben. Das arme +Tier, so fern unter uns, ist im Vergleich zu diesem immerwährenden +Kampfe zwischen Niedermensch und Höhenmensch wahrlich indifferent, was +„Werte“ anbetrifft. Unbefangen besehen, hat aber sein Ringen um eigene +Kulturanfänge etwas Rührendes und etwas unendlich Lehrreiches zugleich.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_311">[Pg 311]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Die_Affensprache"> + Die Affensprache. + </h2> +</div> + +<p>Wir saßen auf Capri, unter dem alten, schönen, dunkelgrünen +Johannisbrotbaum oberhalb der Faraglioniklippen.</p> + +<p>Himmel und Meer verschmolzen in einem wunderbaren Abendviolett — eine +Märchenstimmung!</p> + +<p>Wir hatten von Homer gesprochen, weil einer den Fels da unten, an dem +die Welle sich zu Schaum schlug, mit dem versteinerten Phäakenschiff +verglichen hatte. Damals gab es zwar das Buch von Theodor Zell +noch nicht, das augenblicklich die Philologen beschäftigt und in +dem ernsthaft erwogen wird, ob Polyphem nicht ein Gorilla gewesen +sein könne. Aber unser Gespräch ging auch von der Odyssee zur +Naturgeschichte.</p> + +<p>Ich erzählte von der himmelblauen Eidechse, die dort auf den +Faraglionifelsen hause und über die der Zoologe Eimer ein ganzes Buch +geschrieben hat. Von den orangegelben Polypengärten bei der blauen +Grotte. Vom Tintenfisch und von seinen verrückten Liebesgeschichten.</p> + +<p>Schließlich, wie der heilige Capri bianco die Geister ganz löste, sagte +einer: „Laßt uns anstoßen auf die neue Romantik — die Romantik des +Naturforschers. Wir erleben eine geheimnisvolle Zeit: die Erfüllung der +Märchen. Was wollen die paar Wunder der homerischen Götter gegen uns, +die wir über Wolken fliegen und durch Wände schauen. Was ist Proteus, +der Verwandlungsreiche, gegen Darwin, der Schnabeltiere aus Eidechsen +und Fische aus Würmern zieht. Der Dichter hat es geträumt — der +Naturforscher aber hat es gemacht. Heil dem Märchenprinzen!“</p> + +<p>Ich muß an jene gute Stunde denken, da ich ein Buch von der „Sprache +der Affen“ lese.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_312">[Pg 312]</span></p> + +<p>Es ist ein ernsthaftes Buch — und das ist der gute Witz der Sache.</p> + +<p>Im Märchen liegt die Welt verzaubert, zum Schweigen verzaubert, weil +der böse Mensch sich sehen läßt, der naturfremde. Wenn er fort ist, +wird der Wald plaudern, und die Nixen werden aus dem Brunnen kriechen +und hinter dem Schulmeister Nasen drehen, der das alles für stumm +erklärt.</p> + +<p>Wir heute haben aber den Spieß umgedreht. Was ist im Grunde die ganze +Naturforschung anders als ein einziger grandioser Versuch, die Natur +zum Reden zu bringen.</p> + +<p>Die Sonne steht zwanzig Millionen Meilen weit von uns entfernt, und +wir haben uns doch auf ein Alphabet mit ihr geeinigt. Wir stellen ein +glühendes Kalklicht hinter verdampfendes Eisen und werfen das Licht, +durch ein Prisma sortiert, auf die Wand. Im Regenbogenband erscheinen +dunkle Streifen. Das ist der erste Buchstabe, den wir brauchen. Wir +nehmen statt Eisen Natrium, und es gibt andere Striche im Spektrum: +der zweite Buchstabe. Und so fort mit so und so viel Metallen. Und +wir fangen das Licht der fernen Sonne durch dasselbe Prismaglas auf +unsere irdische Wand: es ist ein ungeheures Kryptogramm aus lauter +solchen Buchstaben. Wir setzen es zusammen und schreiben als Diktat +der Sonne nieder: Meine äußere Hülle besteht aus Eisen und aus Natrium +und aus so und so viel Metallen in Form glühender Dämpfe vor einem +Kern in Weißglut. Aeonenlang hat die Sonne das in die Planetenräume +hinausgesprochen. Wir endlich entziffern es, und zwar wesentlich +zuverlässiger als hier auf Erden selbst etwa die Anhänger der +Bacontheorie die angeblichen Chiffernwunder Shakespeares.</p> + +<p>Wir haben mit Sprengel und Darwin die wahre Blumensprache endlich +herausgefunden: das gelbe Kränzlein im Vergißmeinnicht meldet dem +Insekt, das es zu seinen Liebeswundern braucht, daß hier Honig sei; +die rote Kirsche will gern gegessen werden, da ihr Kern dem Magensaft +widersteht und Vorteil von diesem Spaziergang hat; die grüne Kastanie +im Stachelrock umgekehrt will abwehren, will sich im grünen Laub +verstecken — sie schweigt demonstrativ sozusagen. Wir wissen, daß das +Feuergelb <span class="pagenum" id="Page_313">[Pg 313]</span>des Salamanders und der Wasserkröte offen ruft: ich bin +Gift — und daraufhin von klugen Tieren respektiert wird. Wir wissen, +daß der Farbenrausch des entfalteten Pfauenschweifs mit seinen blauen +Kugeln im Goldgrün ein Liebesbrief ist, der meldet: ich bin stark, ich +bin schön, liebe mich.</p> + +<p>Warum sollen sich Schimpansen und Orang-Utans auf ihren Urwaldbäumen +nicht auch unterhalten?</p> + +<p>Es ist freilich noch ein Unterschied.</p> + +<p>Alle jene „Sprachen“ der Natur, die wir da dechiffriert haben, gehören +dem an, was wir gewöhnlich „unbewußt“ nennen.</p> + +<p>Das Wörtlein sagt ja nicht mehr so sehr viel in einer Zeit, wo die +Forschung auch das „Bewußte“ als ein naturgesetzlich Gewordenes +aufzufassen sucht und man also mit beiden Begriffen hübsch innerhalb +der gleichen Natur bleibt. Aber gelte es einmal als Grenze.</p> + +<p>Nun, so hat der Orang-Utan allerdings schon ein so feines, +hochentwickeltes Geistesorgan in seinem Gehirn, daß eine Sprache bei +ihm unbedingt bereits ins Gebiet des Bewußtseins fiele. Aber in dieses +Bewußte streift auch die Ameise mit ihrem dicken Knoten Gehirnsubstanz, +und wie lange hat man jetzt schon davon geplaudert, ob die Ameise nicht +eine Sprache habe.</p> + +<p>Forel, der große Alkoholbekämpfer, ist neuerdings sogar der Ansicht, +daß Ameisen sich gewohnheitsmäßig einer Art Alkoholismus ergeben können +und dann tatsächlich ganz regelrechte Münchener Bierbäuche bekommen. +Der Rausch aber, sagt uralte Weisheit, ist der Rede Vater.</p> + +<p>Lubbock hat vor Jahren schon einmal einen ganzen kribbelnden +Ameisenhaufen mit dem Mikrophon geprüft: es soll aber bloß ein +allgemeines furchtbares Getrampel hörbar geworden sein.</p> + +<p>Wie es aber auch mit den Ameisen stehe: sicher ist, daß das Heimchen +am Herd sein Liebchen heranzirpt. Der Klopfkäfer haut es gewissermaßen +mit dem Kopf herbei durch wahre spiritistische Pochlaute im Holz. Die +Wespe (die auch jenes gelbgeringelte Abschreckekleid trägt) warnt durch +ihr Gebrumm. Mögen das auch unbeholfene Sprechversuche sein, mit Beinen +und Kopfstößen. Das Johanniswürmchen (ein Käfer) weiß es sogar nicht +besser, als <span class="pagenum" id="Page_314">[Pg 314]</span>es die alte Sonne macht: es lockt seinen Liebespartner +durch Lichtsprache. Gerade von Leuchttieren, die besonders in den +schwarzen Abgründen der Tiefsee ihr Wesen treiben, wissen wir aber +jetzt genau, daß ihr Leuchtapparat vielfach mit einer regelrechten +Nervenleitung zum Gehirn versehen ist, also auf Wunsch sich betätigen +und versagen kann genau wie unsere Zunge und Kehle.</p> + +<p>Zunge und Kehle in unserm echten Sinn sind ja in der Natur erst +eine engere, ziemlich späte Errungenschaft. Sie beginnen an der +Stelle, wo das Wirbeltier zuerst aufs Land geht. Der Fisch macht +sich zum Molchfisch, der neben den Wasserkiemen Lungen zum Luftatmen +ausbildet. Der Frosch wirft die Kiemen, die er noch als Kaulquappe +besitzt, im erwachsenen Zustand ganz ab. Ganz stumm sind ja die +Fische strenggenommen schon nicht mehr, einige wissen mit Hülfe ihrer +Schwimmblase schon eine regelrechte Art Musik zu machen. Aber erst der +Frosch mit seiner Lunge quakt doch offen hinaus. Er ist der Urtypus von +Sänger und Sprecher in unserem Sinn, — der reinen Möglichkeit nach.</p> + +<p>Mit alledem ist aber noch nicht gesagt, daß der Sprung vom Froschquaken +zur Menschensprache nicht enorm sei.</p> + +<p>Die Menschensprache hat in ihrem Ursprung etwas tief Geheimnisvolles. +Sie ist die letzte große Organentwickelung des Menschen. Bekanntlich +geht der große Schnitt zwischen Mensch und Tier durch die dauernde +Ausgestaltung des Werkzeugs. Der Mensch, der Werkzeuge baute, schuf +sich darin eine neue Art äußerlicher Organe. Seine eigentliche +leibliche Organbildung, die bis dahin seinen Körper geschaffen, +stand dafür fortan so gut wie absolut still. Strenggenommen war +freilich diese ganze Werkzeugschaffung nur selbst wieder ein Ergebnis +der unglaublich über jedes Tier fortgeschrittenen Ausbildung eines +einzelnen Körperorgans, des Geistesträgers Gehirn.</p> + +<p>Nun denn, an der Kante genau dieses Umschwungs steht jene letzte +unmittelbare Organbildung am Leibe des Menschen: die Ausgestaltung von +Kehlkopf und Zunge zur Sprache, unterstützt durch den aufrechten Gang +des Menschen. In jedem Zug ist gerade diese letzte Organbildung auch +bereits abhängig vom Gehirn, <span class="pagenum" id="Page_315">[Pg 315]</span>ist eine Geistestat, bloß noch eine, die +in den Innenbau des Leibes selbst eingriff.</p> + +<p>Erst viele Jahrtausende später hat im Telephon auch diese +Sprachentwickelung sich noch der äußeren Werkzeugtechnik bemächtigt, +nachdem freilich bei dem Zwillingsbruder der Sprache, der Schrift, +äußere Materialien wie Stein, Pergament, Papier längst eine +entscheidende Rolle gespielt hatten.</p> + +<p>Zu leugnen ist nun nicht, daß schwache Anläufe zu dieser +Organentwickelung der Sprache gerade bei höchsten Tieren auch schon +sichtbar werden.</p> + +<p>Der Vogel, der ja den aufrechten Gang schon für sich erfunden hat, hat +auch die Singkehle in unverkennbar weit gediehener Weise sich bereits +erworben. Und wahr ist, wenn auch vielfach nicht gekannt, daß einer +der menschenähnlichen Affen, der Hylobates oder Gibbon in Südasien, +von allen Säugetieren das einzige ist, das vollkommen klar die +Tonleiter singen kann. Singen und Sprechen sind aber bei uns Menschen +stets aufs engste beieinander gewesen und eigentlich erst auf einer +gewissen Höhe der Kultur, wie so vieles dort, scharf in zwei Zweige +auseinandergefallen.</p> + +<p>Und es erhebt sich bloß die Frage, ob die Gehirnentwickelung +gleichzeitig bei irgend einem dieser höheren Tiere auch schon eine +Stufe erreicht habe, die mit diesen rein physikalischen Möglichkeiten +einer Sprache auch vom Gehirn aus, also von dem eigentlichen geistigen +Sprachmotor aus, schon etwas anzufangen wußte — sich also ernstlich +einer „Sprache“ strikt in unserm Sinn näherte.</p> + +<p>Es würde dem Menschen, dessen unendliches Ueberragen ja doch stets +garantiert bleibt, nichts zu- und nichts abtun, wenn irgend etwas +bejahend zu dieser Frage entdeckt werden könnte, — es wäre eben ein +Punkt mehr für die große Einheitlichkeit nur der Naturentwickelung +überhaupt.</p> + +<p>Nimmt man die Dinge so ganz schlicht vom Boden echter +„Naturforscherromantik“ aus, so versteht man recht gut die +Stellungnahme verschiedener Kreise zu einem solchen Büchlein, wie +es der Amerikaner R. L. Garner kürzlich über „<span class="antiqua">The Speech of +Monkeys</span>“, die Sprache der Affen, veröffentlicht hat.</p> + +<p>Als eine Notiz davon durch die Blätter lief, wurde sie dort <span class="pagenum" id="Page_316">[Pg 316]</span>rein +humoristisch genommen. Ein verrückter „Amerikaner“, der mit dem +Phonographen in Kamerun auf die Affenbäume klettert und den Schimpansen +ihre Sprache abnimmt! Es muß gewaltsam geschehen, denn, wie der Neger +sagt, sie wollen das Geheimnis, daß sie reden können, nicht verraten, +sonst gelten sie für voll und müssen arbeiten. Das war so recht ein +Bild für Witzblätter.</p> + +<p>Auf der andern Seite aber erleben wir, daß einer unserer zugleich +liebenswürdigsten und fachwissenschaftlich vielseitig gebildetsten +deutschen Zoologieprofessoren, der Leipziger William Marshall, das +ominöse Garnerbuch in unsere Sprache übersetzt und mit größter +Anteilnahme weitläufig kommentiert hat. Marshall hat auch an der Arbeit +im einzelnen ein gut Teil auszusetzen. Aber gerade die Grundabsicht +erkennt er als moderner Fachnaturforscher um so bereitwilliger an und +findet durchaus nichts Witzblattmäßiges darin.</p> + +<p>In der Tat: die Resultate Garners sind äußerst simpel. Für +Sensationsleute eigentlich viel zu simpel. Garner ist keineswegs +nach Kamerun zu den Schimpansen gegangen, dazu hatte er vorerst +offenbar kein Geld. Er hat sich in Chicago und New-York im Affenhaus +der zoologischen Gärten etwas intimer festgesetzt als die meisten +Besucher und gelegentlich hat er sich eine „Nelly“, oder wie sonst +ein Aeffchen hieß, ins Studierzimmer genommen und nach seiner Methode +interviewt. Garner ist dabei ein graunüchterner Kerl, das hat man +nach drei Seiten Lektüre heraus. Er hat wirklich ganz und gar nicht +das Zeug zum Oberförster Fröhlich. Wo er etwas spekulieren will, da +macht er es so unbeholfen, so abstrakt und leer, daß man vor seiner +zufassenden Phantasie keinerlei Angst bekommt. Mitten im hübschesten +Stoff ist er ehrlich bis zur gähnenden Langeweile. Aber gerade so +kommen eine Anzahl Lichtpunkte heraus, die aus der Wirklichkeit, aus +dem feinen Phantasieschatz der Meisterin Natur stammen müssen, da wir +der Phantasie dieses Erzählers unmöglich zutrauen können, daß er sie +erfunden haben sollte. Man muß nur in den anderthalbhundert Seiten Text +danach angeln wie nach den drei Forellen eines ganzen Gebirgsbachs. +Forellen aber sind’s wenigstens, schließlich.</p> + +<p>Also Herr Garner befand sich eines Tages im zoologischen <span class="pagenum" id="Page_317">[Pg 317]</span>Garten in +Chicago vor einem großen doppelten Affenkasten. Beide Flügel bewohnten +gemeinsam ein alter böser Mandrill und eine Bande kleiner Aeffchen, +die den Alten verzweifelt fürchteten. Es fiel Garner nun auf, daß +die Aeffchen aus dem einen Raum denen, die gerade im andern waren, +bestimmte Rufe zuschrien, je nachdem der Mandrill irgend etwas vor +ihren Augen vornahm. Einmal war ihm, als riefen sie: er schläft, +und ein solches Signal kam öfter wieder in der Folge. Garner wurde +aufmerksam und begann die Sache zu verfolgen.</p> + +<p>Man sieht aus dieser schlichten Geschichte schon, daß es sich zunächst +nicht um eine verwickelte Sprache handelt, etwa um Sätze — sondern +um ein <em class="gesperrt">Signalwort</em>. Solche Signaltöne haben aber eine Menge +sozial lebender Tiere. Stellen doch Tiere förmlich Wachen aus, und die +Wache pfeift, wenn Gefahr im Anzug ist. Nichts ist leichter, als sich +von diesem Warnsignal eine Modulation zu denken, die das Gegenteil +besagt: die Luft ist rein! Der Laut, den der kleine Affe beim Anblick +des schlafenden Feindes ausstieß, brauchte nichts zu sein als dieses +einfache Locksignal vor der geringeren Gefährlichkeit. Mit dieser Sorte +Affensprache wären wir also noch keinen Zoll über das hinaus, was wir +längst von gesellig lebenden Tieren auch sonst wissen.</p> + +<p>Aber Garner hatte trotzdem recht, daß gerade diese einfache Tatsache +immer noch höchst studierenswert sei. Und bei diesem Studium verfiel er +auf den eigentlich neuen, den originalen Gedanken seiner Arbeit.</p> + +<p>Er setzte einen Phonographen vor seine Affen und fing allerhand Laute +auf, die sie je nachdem erzeugten.</p> + +<p>Wie die photographische Platte Nebelflecke faßt, die des Menschen +Netzhaut unmittelbar nicht sehen kann, so faßte der Phonograph +absonderliche Laute der Affenkehle und gab sie auf Verlangen so oft +wieder, wie man wollte.</p> + +<p>Und nun wird ein fremder Affe geholt, und die Laute werden ihm +vorgedreht, und er reagiert darauf!</p> + +<p>Damit hatte man klare Bahn für Experimente. Ein Alarmzeichen wirkte mit +voller Sicherheit. Aber das Signal erwies sich nuanciert. Es gab ein +leises, noch fast bloß verwundertes Unruhezeichen, <span class="pagenum" id="Page_318">[Pg 318]</span>dann ein echtes +Gefahrsignal, schrill und hoch, und endlich auch noch ein indifferentes +Wort im Sinne von „da kommt ein gleichgültiges Ding“. Das Gelächter des +Affen wurde aufgenommen im Apparat und der einfache Laut, um jemand zu +rufen. Ein Ton wird von Garner als „Fressen“ gedeutet, doch bot ihn +der Affe auch wie einen Gruß dar, und wieder diente er als Imperativ +„Gieb!“ „Trinken“ schien dagegen sicherer fixiert. Ob „Wetter“ im +Wortschatz lebt, wurde nicht völlig klar, obwohl ein Kapuzineräffchen +jedesmal seinen besonderen Laut hatte, wenn ein Regenschauer ans +Fenster schlug.</p> + +<p>Wichtiger eigentlich als diese Einzelheiten waren gewisse allgemeine +Erfahrungen. Die Laute gingen unzweideutig an bestimmte Individuen, mit +dem Zweck, etwas mitzuteilen. Daß das Wort und nicht die gleichzeitige +Gebärde den Ausschlag gab oder wenigstens allein geben konnte, bewies +der Phonograph, der verstanden wurde, ohne doch ein Affengesicht +zu haben. War ein Laut erfolgt, so wurde pausiert, eine Antwort +erwartet, dann der Laut wiederholt. Sehr wichtig: ein Affe, der allein +gelassen ist und niemand in der Nähe weiß, redet nicht. Und ebenfalls +außerordentlich interessant: verschiedene Affenarten verstehen sich +zunächst untereinander nicht, da ihre Worte offenbar verschieden sind. +Nach einiger Zeit schien es, als lernten auch solche fremden Affen +sich gegenseitig verstehen, doch lernt in der Regel keiner des andern +Dialekt oder Sprachform wirklich sprechen. Auch der Affe flüstert, wenn +er nicht von allen gehört sein will. Und so findet Garner noch eine +ganze Menge kleiner Züge heraus, die alle zusammen eine recht lustige +Mosaik geben.</p> + +<p>Wenn andere nach ihm denselben Weg gehen, ebenso schlicht beobachten +und ihre Beobachtungen etwas besser erzählen werden, so sind wir über +kurz oder lang eines kleinen Wörterbuchs gewiß, das, in so und so viel +einzelnen Lauten, uns die Elemente der Affenverständigung überliefert +in der Weise, wie eine Mutter schließlich weiß, daß ihr Kindchen mit +„Baba“ Schlafengehen und „Hottepürr“ Wagenfahren meint.</p> + +<p>Und so wäre die ganze Sache wirklich alles eher als lächerlich, sie +bedeutet einmal wieder nichts anderes als ein kleines, fest <span class="pagenum" id="Page_319">[Pg 319]</span>umrissenes +Arbeitsprogramm für kluge, nüchterne Menschen, denen kein Ding in +der Natur zu gering ist, ihm nicht heilige Inbrunst der Hingabe +entgegenzubringen. Nur unglaubliche, himmelstürmende Resultate muß +man nicht erwarten, und gerade zu dieser Ernüchterung erzieht Garners +unbeholfen-schlaues Büchlein am allerbesten.</p> + +<p>Schließlich ist das größte Wunder in der ganzen Sache doch der +menschliche Phonograph. Und damit wären wir glücklich wieder ganz oben +im Sonnenglanz unserer Menschenherrlichkeit.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_320">[Pg 320]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Das_Schnabeltier"> + Das Schnabeltier. + <br> + <span class="s6">Vom Säugetier, das Eier legt.</span> + </h2> +</div> + +<p>Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel +hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles +Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.</p> + +<p>Ziert, — ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden +dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus. +Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner +Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so +schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und +wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen +Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar +merkwürdig.</p> + +<p>Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt. +Das Märchen vom Schnabeltier, — vom Säugetier, das sich herausnimmt, +Eier zu legen.</p> + +<p>Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes +Raritätenkabinett.</p> + +<p>Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben, +ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als +alle Dichtung war die Konfusion.</p> + +<p>Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein +schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen, +war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als +würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern +weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an +der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern. +Linné gab feste Namen, und er brachte <span class="pagenum" id="Page_321">[Pg 321]</span>diese Namen zugleich in eine +Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein +unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet +seither.</p> + +<p>Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des +ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer +Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen +der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam +eingeschmolzen.</p> + +<p>Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.</p> + +<p>Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen. +Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere +Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder +Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und +als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher +wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches +an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich +der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten +Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.</p> + +<p>Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da +stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große +Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.</p> + +<p>Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem +System selber erwuchs.</p> + +<p>Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz +bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die +selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur <em class="gesperrt">selbst</em>, +in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen +stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte +Rubriken wirklich <em class="gesperrt">gebe</em>.</p> + +<p>Hier stand ein Vogel — hier ein Fisch — hier ein Säugetier. Da +war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine +unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich +wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien, +Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen +alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie +vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine <span class="pagenum" id="Page_322">[Pg 322]</span>philosophische +Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau +dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“ +worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich +„miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen +worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der +andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art +ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab +sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie +ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung +treu bewahrte.</p> + +<p>Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst +die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt +hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen +Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte +Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die +Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, — und was an +neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es +<em class="gesperrt">mußte</em> ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also +geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte +zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und +Zweifel geben konnte.</p> + +<p>Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres +passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende +des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.</p> + +<p>In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen +worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald +bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische +Welt.</p> + +<p>Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein +kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in +eine englische Privatsammlung verirrt hatte.</p> + +<p>Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine +<span class="pagenum" id="Page_323">[Pg 323]</span>Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also +wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.</p> + +<p>Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines +gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten <em class="gesperrt">Schnabel</em> zu tragen, +der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.</p> + +<p>Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés +etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das +<em class="gesperrt">zwischen</em> Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das, +sagte die Theorie, <em class="gesperrt">konnte</em> es doch nicht geben. Wie der Astronom +sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild +plötzlich ein großer Stern: „Das <em class="gesperrt">darf</em> nicht sein.“</p> + +<p>Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen +Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es <span class="antiqua">Platypus +anatinus</span>, den entenhaften Plattfuß. Das Wort <span class="antiqua">Platypus</span> war +aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder +fallen.</p> + +<p>Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein +Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen +Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.</p> + +<p>Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche +Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals +unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks +Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“, +den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn +als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig <span class="antiqua">Ornithorhynchus +paradoxus</span>: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“. +<em class="gesperrt">Schnabeltier</em> hat sich in der Folge als kürzeste deutsche +Bezeichnung überall eingebürgert.</p> + +<p>Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den +strikten Anhängern Linnés lieb war.</p> + +<p>Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe +Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles +durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen +und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen +gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse <span class="pagenum" id="Page_324">[Pg 324]</span>der Säugetiere als +Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“, +nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte, +just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum +Säugetier.</p> + +<p>Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus! +Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien +beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit +Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden, +dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste +Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das +lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es +damit beim Schnabeltier?</p> + +<p>Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer +wollte seine Kinderstube überwachen?</p> + +<p>Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und +behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar. +Dann half alles nichts: es war <em class="gesperrt">kein</em> Säugetier. Aber was war es +denn?</p> + +<p>Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde +im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie +Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb +nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz +neue Klasse der Wirbeltiere.</p> + +<p>Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel, +Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also +jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen — immerhin eine etwas +bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um <em class="gesperrt">eines</em> Vertreters +willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen +ganz allein?</p> + +<p>Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt +als Fehlgriff entlarvt.</p> + +<p>1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus — und Meckel hatte +nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster +Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die <span class="pagenum" id="Page_325">[Pg 325]</span>Sache, es stellte sich +auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin +recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings +nicht abzuleugnen.</p> + +<p>Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich +vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war +nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber +gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen +könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß +das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche +liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber +noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die +Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und +drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis +Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der +Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den +Schnäbeln ihre Suppe.</p> + +<p>Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition +<em class="gesperrt">doch</em> ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in +so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere +verließ und einsam für sich ging, — einsam für sich auf Straßen, wo im +System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.</p> + +<p>Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und +zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter +den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an +die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht +mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen +Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von +Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine +langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus +Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte +es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der +Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein +solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von <span class="pagenum" id="Page_326">[Pg 326]</span><em class="gesperrt">beiden</em> noch +etwas hatte, das <em class="gesperrt">noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs</em> +zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?</p> + +<p>Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der +großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den +Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann — ging man zur +Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und +seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System +eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne +von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war +ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich +denkender Mensch.</p> + +<p>Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als +sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier +selber, wirklich sehr übertrieben worden.</p> + +<p>Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der +englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“ +einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so +rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.</p> + +<p>Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!</p> + +<p>Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere +Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen +es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst +gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre +leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die +Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und +einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen +austapeziert.</p> + +<p>Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die +jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen, +an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein +Bruchstück einer Schale — nichts. Die Eingeborenen hatten einmal +wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet ....</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_327">[Pg 327]</span></p> + +<p>Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber +für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.</p> + +<p>Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die +Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre +des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus, +sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war +übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen +jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt +das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.</p> + +<p>Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man +leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen +hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“ +mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch +so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein +gewöhnliches Säugetier blieben <em class="gesperrt">verschieden</em>, darüber bestand +auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf +gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle +Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste +Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein +Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch +näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch +mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man +an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man +jetzt als besonders wichtig nach <em class="gesperrt">Uebergangsformen</em>.</p> + +<p>Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor +aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus +nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der +Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung +der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin +ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon +in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem +Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder +<span class="pagenum" id="Page_328">[Pg 328]</span>recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man +hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der +heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen +Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache +und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der +menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der +irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen, +erschlossen ist.</p> + +<p>Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit +dem haushalten, was man besaß.</p> + +<p>Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem +Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen +einzigen — den sogenannten Amphioxus — noch lebend im Inventar +mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen, +wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte +ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen) +fischähnlicher Tiere — die Molchfische — den entsprechenden Uebergang +vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte. +Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine +einzige absonderliche Eidechsenart — die Hatteria aus Neuseeland +—, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige +Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und +krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten +Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das +passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des +Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines +längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige +Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig +befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.</p> + +<p>Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für +die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr, +die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die +Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber +die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere. +Welche Tierform, lebend <span class="pagenum" id="Page_329">[Pg 329]</span>oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen +hinauf? Und den Uebergang von wo aus?</p> + +<p>Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus +bedeutsam werden mußte.</p> + +<p>Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes +Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel +oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten. +Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel +ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche +Entwickelung glaubten — was aber damals allgemein verlacht worden +war — das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls +eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese +Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere +und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.</p> + +<p>Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue +Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig +herauslockte — und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie +damals durch Bennett.</p> + +<p>Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte +Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde +erhalten hatte.</p> + +<p>Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande +so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel. +Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich +diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es +aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites +und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen +schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt +es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte +griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.</p> + +<p>Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen +die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier +festgestellt.</p> + +<p>Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, <span class="pagenum" id="Page_330">[Pg 330]</span>Wilhelm +Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines +Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur +gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich +gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie +sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen, +erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen. +Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen +hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern +da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber +ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher +greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im +Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber +die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also +auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse ....</p> + +<p>Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und +gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein +Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in +dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit +ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und +die Tatsache stand zum erstenmal <em class="gesperrt">ganz</em> fest: beide Schnabeltiere +legten Eier!</p> + +<p>In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch +und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das +Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen, +daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels +in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen +konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die +eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres — des +Molchfisches Ceratodus — gründlich zu studieren.</p> + +<p>Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten +im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer +Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen +Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, <span class="pagenum" id="Page_331">[Pg 331]</span>eine +zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der +Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen +Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die +Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige +Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden +weiblichen Ameisenigel.</p> + +<p>Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an, +zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei +mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere +der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh +gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue +Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf +den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren +Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die +überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen, +während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig +gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.</p> + +<p>Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier +zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren +famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein +ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke +Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden +zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten +abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln +mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In +Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer +gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei +ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von +Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen, +aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche +geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt +der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber +spricht sich weniger günstig aus. Das <span class="pagenum" id="Page_332">[Pg 332]</span>Wasserschnabeltier ähnelt auch +darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt. +Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde, +die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich +verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in +absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.</p> + +<p>Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen +Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine +Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über +eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.</p> + +<p>Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei +untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch +dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen +Geschöpfes aufgehellt.</p> + +<p>Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche +Ameisenigel nur an <em class="gesperrt">einem</em>, nämlich dem linken Eierstock reife +Eier.</p> + +<p>Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben, +wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch +um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter +immer noch in sie eintreten, — ein Vorgang, der sich allerdings so +nun wieder <em class="gesperrt">nicht</em> bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt, +daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen; +bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer +Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.</p> + +<p>Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn +Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen +Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn +oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine +Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die +unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und +vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen +Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser +besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben, +wissen <span class="pagenum" id="Page_333">[Pg 333]</span>sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren +Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend +und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen, +daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als +Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer <em class="gesperrt">Ahnen</em> +wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das +junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch +oder Fisch.</p> + +<p>Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein +Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen +zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so +gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind +sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide +wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.</p> + +<p>Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die +Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert +vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage +hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art +Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese +Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit +der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle +sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin +hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat +mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst +jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht +jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu +engen Gefängnisses zu sprengen.</p> + +<p>Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum +Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte, +wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen +der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze +eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand +durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige +Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die +leere Eihülle, das Junge aber <span class="pagenum" id="Page_334">[Pg 334]</span>benimmt sich jetzt zum erstenmal als +echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen +abgesonderte Milch — eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen +Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu +unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.</p> + +<p>Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter +erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das +Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die <em class="gesperrt">ganze</em> +Entwickelung einrechnet.</p> + +<p>Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende +Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes +Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt +Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige +Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und +zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie +sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für +das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife +wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den +frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch +daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“</p> + +<p>Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte +hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat +er in umfassender Weise Material gesammelt.</p> + +<p>Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt +über das Geistesleben der Landschnabler.</p> + +<p>„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der +Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen, +die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen +abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem +es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt +zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus +dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein +ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen +Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird +sich eben in einem Geschöpfe anders <span class="pagenum" id="Page_335">[Pg 335]</span>projizieren, bei dem diese +Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn, +Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders +ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht +an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt, +ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche +Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht +schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir +dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich +dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die +Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren +Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als +die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und +höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere +steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang. +Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen +und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber +verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz +in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so +lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft. +Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel +werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter +nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten +gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen +von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren +weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem +Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht +gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter +mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren +an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht +fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch +zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei +nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen +hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit, +daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die <span class="pagenum" id="Page_336">[Pg 336]</span>Schnüre durch die +Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß +ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann +den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht +einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig +zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit +dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier +über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen +Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn +der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde +aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer +weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang +es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren +nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten +Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der +Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in +einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack +in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung +zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an +den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ. +Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen +ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der +Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch, +der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen +Beigeschmack verleiht.“</p> + +<p>Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch +ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier.</p> + +<p>„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn +die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang +und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am +Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die +ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände +unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß +Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt. +Zuweilen <span class="pagenum" id="Page_337">[Pg 337]</span>liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder +ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle +aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des +Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ — (Ich zitiere weiter nicht +aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen +Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das +Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es +plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter +Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf. +Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach +Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken +und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt. +Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die +Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter +langen Exemplaren von <span class="antiqua">Corbicula nepeanensis Lesson</span> strotzend +gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den +Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu +sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und +plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen. +In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im +Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken +und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die +Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter +und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem +Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang +wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und +Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht +lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt, +daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang +anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die +unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu +werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem +oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen. +Wird das Tier, wenn es sich <span class="pagenum" id="Page_338">[Pg 338]</span>im Wasser befindet, erschreckt, so taucht +es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem +Wasser befindlichen Zugang. Obwohl <span class="antiqua">Ornithorhynchus</span> ein guter +Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser +verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz +verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet +man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist +nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das +Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk +versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es +auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange +das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm, +genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht. +Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt, +nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der +Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut +bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen, +als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald +wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn +es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal +verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an +dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist +es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur +nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen +bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie +einen Auerhahn.“</p> + +<p>Zu den vielfältigen körperlichen Absonderlichkeiten der Schnabeltiere +gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein +des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist. +Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für +einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit +einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller +Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding +funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste +aller Säugetier-Waffen. <span class="pagenum" id="Page_339">[Pg 339]</span>Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das +Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos? +Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ +sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte +nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich +mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier +wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten +von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und +von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist +Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm +keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie +er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient +als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler.</p> + +<p>Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der +Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische +Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die +beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend +wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, — einem +Punkte, der allerdings nur am <em class="gesperrt">lebenden</em> Objekt und nicht daheim +im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte.</p> + +<p>Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von +sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur.</p> + +<p>Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad +Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere +(einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis +vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer +dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den +Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen, +kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt +hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch +Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts.</p> + +<p>Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde +Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis <span class="pagenum" id="Page_340">[Pg 340]</span>auf 25 Grad herunter, +— fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als +diese!</p> + +<p>Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der +Schnabler in den weitesten Grenzen <em class="gesperrt">schwankt</em>, also bald höher, +bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es +wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen.</p> + +<p>Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer +eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine +untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden +darwinistischen Denkens weiterspinnen.</p> + +<p>Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische +Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht +mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört, +daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der +moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf +getrennten Tierklassen ineinander glaubt, — er wird als geradezu +selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang +bilde vom <em class="gesperrt">Vogel</em> zum Säugetier.</p> + +<p>Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich +hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und +keine andere.</p> + +<p>Und doch: wie so oft, geht es auch hier, — das Nächstliegende ist noch +nicht das Richtige.</p> + +<p>Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels +Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas +zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse +abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom +Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang?</p> + +<p>Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich +<em class="gesperrt">nicht so</em> ist.</p> + +<p>Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über +die Blutwärme.</p> + +<p>Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen +Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren +<span class="pagenum" id="Page_341">[Pg 341]</span>Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der +Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen.</p> + +<p>Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von +über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet — also faktisch noch ein Teil +blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein +Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des +Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz +und gar nicht.</p> + +<p>Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil, +bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden +hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut +wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von +innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“: +es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange +in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen +Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich +auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein +ganz willkürlich <em class="gesperrt">schwankendes</em> Maß, je nach der äußeren Luftwärme +oder Luftkälte.</p> + +<p>Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien +schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die +weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern +sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus.</p> + +<p>Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich, +nähert sich nun das Schnabeltier, — nicht aber der dauerhaft höheren +Vogel-Temperatur. Es <em class="gesperrt">ist</em> natürlich noch kein Reptil, — ganz +gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den +starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige +Neigung zu sehr großen <em class="gesperrt">Schwankungen</em> im Normalmaße ein, — kurz, +man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend +einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum +Reptil, zur Eidechse!</p> + +<p>Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar <span class="pagenum" id="Page_342">[Pg 342]</span>von +eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln?</p> + +<p>Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen +höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das +Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische; +aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien +(Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich +als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch +den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das +Schnabeltier).</p> + +<p>Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die +Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese +Reptilien legen ja durchweg <em class="gesperrt">auch</em> Eier, gerade wie der Vogel. Und +die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der +Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt, +gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz +individuell.</p> + +<p>Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten +Wunder, — der seltsame Vogelschnabel!</p> + +<p>Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man +nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist.</p> + +<p>Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier +hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der +Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der +Ichthyosaurier, — wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten +Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber +noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von +Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die +echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von +Entenschnäbeln keine Spur.</p> + +<p>Also vom Vogel von <em class="gesperrt">damals</em> konnte das Schnabeltier gar keinen +Schnabel erben!</p> + +<p>Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit +unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals +lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich +zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach <span class="pagenum" id="Page_343">[Pg 343]</span>Känguruh-Art auf den +Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den +prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei +diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings <em class="gesperrt">auch</em> noch +winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, — über zweitausend.</p> + +<p>Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser +Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen +Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber, +scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von +heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der +paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein +letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel.</p> + +<p>Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung +niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in +den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte +Knochen erster echter Säugetiere überliefert.</p> + +<p>Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein.</p> + +<p>Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, <em class="gesperrt">was</em> +solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem +Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann +solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische +Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der +Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende +Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe — +und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade +der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht.</p> + +<p>Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin +aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen +Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es +sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die +eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen.</p> + +<p>Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster <span class="pagenum" id="Page_344">[Pg 344]</span>Linie +ausgesucht gerade <em class="gesperrt">Zähne</em> gefunden! Zähne und ganz und gar nichts, +was auf einen zahnlosen Schnabel <span class="antiqua">à la</span> Schnabeltier deutete.</p> + +<p>Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als +Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts +besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier +<em class="gesperrt">nicht</em> hat.</p> + +<p>In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen, +das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat.</p> + +<p>Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz +bestimmte, höchst charakteristische Form.</p> + +<p>Bei dem Tiere <span class="antiqua">Microlestes antiquus</span> beispielsweise, dessen +Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg +entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen +mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes +Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende +„Vielhöcker-Zähne“.</p> + +<p>Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich +nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform.</p> + +<p>Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen +Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen +läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, <em class="gesperrt">welches</em> +Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in +Ahnen-Wiederholung weisen möge.</p> + +<p>Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber.</p> + +<p>Das Wasserschnabeltier!</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">junge</em> Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir +als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und +unten noch <em class="gesperrt">je vier echte und rechte Zähne</em>. Und diese Zähne des +unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen +Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie +im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal +die Ahnen wiederspiegeln heißt — diese Zähne sind ebenfalls winzige +Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, — — was kein Säugetierzahn +von heute sonst <span class="pagenum" id="Page_345">[Pg 345]</span>noch weist, das weisen sie: den charakteristischen +Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen +<span class="antiqua">Microlestes</span>.</p> + +<p>Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr +viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten +jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen +Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so +besitzt.</p> + +<p>Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste +Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein +der Trias-Zeit finden, <em class="gesperrt">echte Schnabeltiere</em> mit dem Eierlegen, +dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u. s. w. der +heutigen Schnabeltiere waren — bloß mit der einzigen Abweichung, daß +sie <em class="gesperrt">keine Schnäbel</em> hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß +vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als +vorübergehendes Milchgebiß zeigt.</p> + +<p>Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit +gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel +vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu +erhalten: — die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts +zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt.</p> + +<p>Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr +ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels +verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise +wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das +Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die +Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen +bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der +Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt +der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne +abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, — so +das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der +raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art +altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren +Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_346">[Pg 346]</span></p> + +<p>Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen +und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig +Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“.</p> + +<p>Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben.</p> + +<p>Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz, +deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele +Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen +noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich +heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte +aufschreibe ....</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_347">[Pg 347]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Das_Tierleben_der_Grossstadt"> + Das Tierleben der Großstadt. + </h2> +</div> + +<p>Vor so etwa zehn Jahren wurde in der Weltstadt Paris ein gar seltsamer +Fang gemacht.</p> + +<p>Es war in den bekannten großen Weinmagazinen des linken Seineufers. +Arbeiter hatten längst schon nächtlicherweile einen gespenstischen +Schatten mit langer Schnabelnase herumhuschen sehen. Man fahndete +endlich systematisch auf den Kobold, und im grellen Laternenschein fand +sich im Versteck hinter roten Bordeauxfässern — ein Kiwi.</p> + +<p>Der Kiwi, ein Strauß von der Größe eines Hahns, lebt in den +Farndickichten Neuseelands. Er ist der überlebende Verwandte der +riesigen Moas, deren Knochen heute noch, dick fast wie die von +Elefanten, in den Höhlen dieser geheimnisvollen Südseeinsel liegen. +Dieses Pariser Exemplar war aber aus dem benachbarten Jardin des +Plantes entsprungen, und zwar schon geraume Zeit vorher. Die +Gelehrten der Direktion hatten es schmerzlich beklagt und den nicht +unbeträchtlichen Preis des seltenen Vogels auf ihr Verlustkonto +gebucht. Ihm aber gefiel die „freie Großstadt“ an einer ihrer +unsolidesten Stellen, und er überwinterte ohne Beschwerde hinter den +Fässern der <span class="antiqua">Halle aux vins</span>, die ihm lange Zeit ein ebenso gutes +Versteck boten, wie seine neuseeländischen Farnkrautwurzeln.</p> + +<p>Diese kleine Geschichte ist lehrreich für das allgemeine Verhältnis von +Tier und Großstadt auf der Erde.</p> + +<p>Unsere Großstädte sind durch die Bedürfnisse der menschlichen +Intelligenz zu einer Art Arche Noäh geworden. Tiergärten und Aquarien +holen die Tierwelt unseres ganzen Planeten wie in einen Brennpunkt +zusammen. Es sind Tiere dabei, wie der nordamerikanische Bison und die +Riesenschildkröte der Insel Aldabra, <span class="pagenum" id="Page_348">[Pg 348]</span>die in kurzer Frist in ihrer +wilden Heimat ausgerottet sein und dann nur noch als buchstäbliche +Großstadttiere existieren werden.</p> + +<p>Was die Wissenschaft aber nicht schafft, das bringt der Handel, bald +mit, bald ohne ausdrückliche Absicht.</p> + +<p>Gleich jenem Kiwi ist in Danzig die große, ausgesucht scheußliche +brasilianische Vogelspinne plötzlich aufgetaucht, wahrscheinlich +eingeschleppt mit importierten Hölzern.</p> + +<p>Im Jahre 1766 entstand in Paris auf offener Straße eine Panik, weil +ein Wesen daherschwirrte, das ein grasgrünes Licht mit der Helligkeit +einer Laterne fliegend ausstrahlte. Offenbar war das in dieser Zeit +miserabler Straßenbeleuchtung ein sehr außergewöhnliches Ereignis — +heute fürchte ich, daß man es auf der Leipziger Straße in Berlin gar +nicht bemerkt hätte. Es war der Cucujo, der riesige Leuchtkäfer der +Havana, der ebenfalls mit amerikanischem Holz als „blinder Passagier“ +herübergekommen war.</p> + +<p>Wenn Berlin, wenn Paris einmal wieder versänken bis auf eine Art +geologischer Schicht mit spärlichen Kulturresten wie Babylon oder +die Stadt, die Schliemann als Troja ausgegraben hat, so würde der +Naturforscher sich den Kopf zerbrechen über die unendlichen Massen +von Austernschalen in diesem Schutt. Vielleicht würde er Theorien +ersinnen über eine andere Lage der Meeresküste, würde die Nordsee bei +Berlin branden lassen. Denn eine Weltstadt etwa wie Paris verbraucht in +einem Jahr über hundert Millionen Austern, die alle künstlich vom Meer +herbeigeschafft werden und alle einmal in ihr gelebt haben müssen.</p> + +<p>Aber eigentlich doch noch viel interessanter ist die Tierwelt der +Großstadt, die der Mensch nicht zu holen brauchte, — die von selbst +einwandernde Tierwelt, die dieses Häusermeer aufgefaßt hat wie ein +Stück neuer Landschaft, wie eine neu zu bevölkernde Insel.</p> + +<p>Zwiefach ist diese Eroberung gewesen, zwiefach wie das Bild der +Großstadt selbst.</p> + +<p>Auf der einen Seite ist diese Stadt ein Triumph des Lichts, der +Oeffentlichkeit. Das intimste Privatleben scheint beständig +hineingerissen in den Strudel der Straße, mit hunderttausend Fenstern +<span class="pagenum" id="Page_349">[Pg 349]</span>starrt der Himmel in jeden Winkel, nachts flammt das Ganze in blauem +und gelbem Licht wie ein einziger ungeheurer Leuchtkäfer.</p> + +<p>Die Kehrseite ist der Umschlag in größte Verborgenheit, ein beständiges +Verlorengehen ungezählter Spuren in der dunklen Unterschicht dieses +Häuserozeans, in einem einzigen großen Keller gleichsam, neben dem +Licht das Geheimnis der Großstadt.</p> + +<p>Beides nun hat sich das Tier zu nutze gemacht.</p> + +<p>Es ist ein alter Satz der Naturgeschichte, daß das menschliche Haus +dem ungezähmten Tier von jeher erschienen ist unter dem Begriff der +„Höhle“. Das wird angefangen haben, als der Steinzeitmensch wirklich +noch in Höhlen wohnte, aus denen er bei uns den Höhlenbären und in +Amerika das Riesenfaultier erst vertreiben mußte und an deren Decke +die Fledermäuse hingen. Aber auch als er Häuser aus Holz und Steinen +aufbaute, behielten sie dem Tier den Höhlencharakter. Türen, Fenster, +Dachluken waren die Höhleneingänge, Keller, Speicher, jeder unbewohnte +Raum erwünschtes Versteck.</p> + +<p>Höhlentiere ausgesprochener Art haben sich von jeher denn auch als +stille, ungerufene Teilhaber der menschlichen Wohnungen gezeigt, +Nachttiere, die im Dunkeln Bescheid wußten, wie die Maus und die Ratte, +die Fledermaus, der Marder und die Eule.</p> + +<p>So beredt wir die Weltstadt preisen mögen: in der Kritik dieser Tiere +ist auch sie nach wie vor bloß die ins Labyrinthische vergrößerte Höhle.</p> + +<p>Ihr höchster Speicher ist das gotische Zackenwerk des höchsten +Domturms, ihr tiefster Keller der Kanalisationsraum. Da oben und da +unten haben sich parallel zum Heranwachsen der Großstadt spannende +kleine Romane der „wilden“ Tierwelt abgespielt.</p> + +<p>Mit dem Uebergang einst von Dörfern in Städte überhaupt war manches +patriarchalische Verhältnis von Mensch und Vogel unwiderbringlich +verfallen: so das Storchnest auf dem Dach. Aber aus dem Dächermeer +wuchs der Domturm ins Blaue — und in ihm siedelte sich mit treuer +Liebe der kleine, edelgeformte Turmfalke an. Kein Kunstfreund aus den +Tagen Meister Erwins oder der Brüder Boisserée hat fester zur Gotik +gehalten als dieser zierliche Raubvogel. Das Straßburger Münster, der +Kölner Dom waren <span class="pagenum" id="Page_350">[Pg 350]</span>ihm die erwünschtesten „Höhlen“. Aber ihn selbst +umspann die Romantik menschlicher Träumerei. Es heftete sich ihm die +Legende an, daß er einem andern Höhlenvogel, den der Mensch offiziell +in seinen Schutz genommen, nach Leib und Leben stelle, nämlich der +Taube. In Wahrheit ist er zu schwach, um auch der dümmsten Taube ein +Leides anzutun, und seine wirkliche Nahrung — Mäuse und schädliche +Insekten — sollte ihn selbst zum ausgesprochenen Schützling des +Menschen stempeln. Aber der Wahn sitzt fest, und immer wieder muß der +Unschuldige als böser Taubenstößer bluten. Ehe der Irrtum ausgerottet +ist, wird er es sein.</p> + +<p>Umgekehrt in der Tiefe hat sich das Tierdrama des Rattenkampfes, +zunächst unabhängig vom Menschen, vollzogen.</p> + +<p>In der mittelalterlichen Stadt und noch in jener etwa, wo der junge +Goethe aufwuchs, lebte die schwarze Hausratte überall. Dunkel war sie, +in echter Schutzfarbe finsterer „Höhlenwinkel“ des altertümlichen +deutschen Stadthauses. Auch sie ist einmal „gekommen“, aber keiner weiß +mehr woher. Gewiß ist, daß die Griechen und Römer sie nicht kannten, +gewiß aber auch, daß sie in den Tagen des Albertus Magnus (um 1250) +allgemein da war.</p> + +<p>Dann aber, eben in der Zeit, da die Großstadt sich in ersten Anfängen +zeigte, kam (mit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts) die +braune Wanderratte aus Rußland herüber und eroberte Kultureuropa. +Im Herbst 1727 war sie beobachtet worden, wie sie in unermeßlichem +Gewimmel aus der asiatischen Steppe kommend bei Astrachan die Wolga +überschwamm. 1750 hatten sich die ersten Vorposten in Ostpreußen +gemeldet. Dreißig Jahre später war ganz Mitteldeutschland voll. 1809 +erschien sie in der Schweiz, nachdem sie lange vorher schon England +erobert hatte. Mit der englischen Flotte ist sie dann buchstäblich um +die Welt gegangen.</p> + +<p>Bei uns warf sie sich sofort mit der Kraft des Bauern auf die +Städterin. Und indem sie die schwarze fortbiß, nahm sie selbst Besitz +von der Stadt und mit dieser wachsend von der Großstadt. Kaum daß in +einem alten Patrizierhaus noch die Ratte der guten alten Zeit fortlebt.</p> + +<p>Sie war ein kleinstädtisch verträgliches, ängstliches Tier gewesen, +<span class="pagenum" id="Page_351">[Pg 351]</span>diese dunkle Ratte. Die neue mit ihrer Lehmfarbe feuchter Neubauten +wurde rücksichtslos, derb wie die neue Großstadtkultur. Die alte war +für eine gewisse Solidität ihrer „Höhle“, Trockenheit und Reinlichkeit +gewesen. Die neue nahm Feuchtigkeit als eine Pioniernotwendigkeit des +Weltfortschritts, sie stieg in die Keller und vom Hauskeller zuletzt in +die Großstadtkeller: in das ganz düstere unterirdische Kanalnetz.</p> + +<p>Die Pariser Belagerungsratte taucht hier auf, die vielgefürchtete +„Kanalratte“, eine Weile die Tyrannin geradezu eines kolossalen +Großstadtorgans, die der Mensch aus seinem eigenen kunstvollen Werk +nicht wieder herausbringen kann. Aber auch ihr Alexanderpunkt in der +Welteroberung ist überschritten. Gegen sie wendet sich diesmal nicht +die Legende, sondern die Wissenschaft, und die wird sicher mit ihr +fertig werden. Es hilft ihr nichts mehr, daß sie allmählich auch noch +anfängt, ihre Farben zu wechseln und nachzudunkeln gleich der alten +Hausratte, die, wenn nicht alle Anzeichen trügen, ganz vor Zeiten +ebenfalls einmal braun war und erst in der Höhle des mittelalterlichen +Hauses schwarz geworden ist.</p> + +<p>Je heller das Haus der eleganten Großstadtteile wird und je mehr +die teuren Mieten den Luxus einer „Rumpelkammer“ einschränken, um +so rapider geht es auch mit der Hausmaus abwärts. Kein Mensch kennt +ihre Herkunft. Auch sie war auf einmal da, eine schier unzertrennbare +Genossin des Menschen. Ihre Urheimat wird wohl nie mehr festzulegen +sein, doch ist es schwerlich wie bei der Ratte die asiatische Steppe +gewesen. Die „Erfindung“ der Stadt war aber auch für sie ein Ereignis +ohnegleichen. Ihre Idealwelt war dann das alte, winkelige Stadthaus +mit morschem Holzwerk, die alte, enge, finstere Gasse, die ohne Mühe +überquert wurde. Manchmal, wenn ich heute durch den elektrischen +Sonnenglanz der Leipziger Straße wandle und als Vision der Zukunft eine +Weltstadt sehe, bloß noch aus Eisen und Glas, unzählige Stockwerke +übereinander, mit Aufzügen statt Treppen, und alles nächtlich +durchflutet vom blauen Strahl, tags vom unerbittlich grellen Licht — +dann denke ich an die Maus in ihrer letzten Phase: auf der Wohnungsnot.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_352">[Pg 352]</span></p> + +<p>Im Grunde war sie ein lustiges Tier, das der Menschheit doch auch Spaß +gemacht hat. Hin und wieder hat sie einen alten, ohnehin wurmstichigen +Gedanken aus unsern Bibliotheken und damit dem Menschengedächtnis +herausgenagt — ob das in der Ueberfülle so schlimm war? Schließlich +ist alles Vernünftige doch siebenmal siebenmal immer wieder gesagt +worden.</p> + +<p>Sicherlich wird es einmal ein Museum ausgestorbener Großstadttiere in +der Großstadt selbst geben. Ob auch der Sperling dann dort ist?</p> + +<p>Als Straßentier im heutigen Sinn höchst wahrscheinlich.</p> + +<p>Welcher Abstand: zwischen der afrikanischen und indischen Stadt, wo ein +so riesiger Vogel, wie der Marabustorch, in Scharen die Straßen belebt +und doch noch nicht mit dem ganzen Berg von Abfällen fertig werden +kann, den jeder Tag neu anhäuft, und der Weltstadtstraße, die in ihrer +polizeilich geregelten Reinlichkeit schließlich nicht einmal mehr ein +Spätzlein sättigen kann!</p> + +<p>Heute ist von allen Tieren der Großstadt der Spatz mir das +interessanteste. Nie ist er im ganzen zahm geworden, obwohl er sich +im einzelnen Fall sehr gut zähmen läßt, und obgleich die Freude aller +sinnigen Menschenkinder an diesen Herrgottsnärrchen immer groß genug +gewesen ist. Die scheue, wilde Felsentaube hat der Mensch aus ihrer +natürlichen Höhle herausgeholt und als Haustier an sich gewöhnt, die +Katze sogar ist bedingt zahm geworden: der Sperling in der gleichen +Zeit nicht. Aber sein Lernen, sein eigenes, unbeeinflußtes Lernen ist +darum doch Hand in Hand gegangen mit der ansteigenden Kultur.</p> + +<p>Er hat ein großes Sündenregister auf sich, der gute Spatz, — wer will +es leugnen. Er ist keineswegs so nützlich, als Maikäferjäger und sonst +als Ungeziefertilger, wie es eine Zeitlang seinen ornithologischen +Gönnern schien. In Nordamerika, wo man ihn ob dieses auf Treu und +Glauben genommenen Nutzens künstlich aus Europa eingeführt hat, ist +er zum Lohn aller Liebe zur wahren Landplage geworden. Dort wie +bei uns nimmt er viel besseren Vögeln die ohnehin heute so knappen +Nistgelegenheiten fort. Er verscheucht uns den lieben Rotschwanz, +seit alter Germanenzeit <span class="pagenum" id="Page_353">[Pg 353]</span>ein segenbringendes Hausgeistchen des +Menschenheims. Selbst den Star bedrängt er durch seine Masse.</p> + +<p>Aber wer ihn vom Maßstab der Intelligenz aus nimmt, der muß ihn +bewundern, muß ihn schließlich lieben in seiner Eigenart. Alle Höhe +kleiner Vogelklugheit steckt in ihm. Selbst jener Schönheitssinn, den +wir gemeiniglich nur in fernen Landen, beim Paradiesvogel Neu-Guineas +und beim Laubenvogel des australischen Busches suchen, ist ihm nicht +fremd. Kleinschmidt, also ein unanfechtbarer Kenner, hat beobachtet, +wie er einen Nistkasten, den er besetzt, mit einem Stengel blauer +Hyazinthen geschmückt hatte.</p> + +<p>Sein Triumph aber ist die Großstadt.</p> + +<p>Er bildet in ihr den Gipfel der Eroberung gerade des lichtesten, +öffentlichen Gebiets, der hellichten Straße im Gegensatz zur Höhle.</p> + +<p>Man muß das Bild nebeneinander sehen: eines wackeren Provinzlers unter +uns Kulturmenschen selbst, der zum erstenmal etwa in die Wogen des +Berliner Alexanderplatzes sich geworfen fühlt, eingekeilt zwischen +die donnernden Kolosse der Pferdebahnen und elektrischen Wagen, mit +jedem ängstlichen Schritt tastend auf ein neues, gefahrdrohendes +Geleise, betäubt vom Lärm, verzweifelt, hilflos — und dazu eines +waschechten Großstadtsperlings, der gemächlich wie ein uralt +routinierter Weltfahrer in diesem wirbelnden Ozean der hastenden +Kultur beiseite — nicht fliegt, sondern trippelt, wenn das Gebirge +eines solchen Straßenbahnwagens sich gegen ihn heranwälzt. Nur ein, +zwei Menschenschritte weit trippelt er fort, keinen Zoll mehr, als +unumgänglich nötig ist, nicht die Spur nervös — wie kann man denn +bloß, es ist ja immer dasselbe, und je größer der rollende Berg, desto +sicherer, daß er auf seinen Schienen vorbeischmettert, ohne individuell +von mir Notiz zu nehmen.</p> + +<p>Brentano erzählt aus seiner Jugend die lustige Geschichte von zwei +hitzigen Rabbinern, die so weltvergessen über eine Stelle des Talmud +stritten, daß schließlich einige Eimer Wasser über sie ergossen +werden mußten, um sie wieder in die Wirklichkeit zurückzurufen. Die +Notwendigkeit, den Leipziger Platz in Berlin zu überschreiten, dürfte +den gleichen Erfolg erzielt haben. Der ausgepichte Großstadtspatz aber +läßt mitten im Getümmel und Ausweichen auch nicht eine Sekunde ab von +seinem Keifen, wenn er gerade recht <span class="pagenum" id="Page_354">[Pg 354]</span>dabei ist — er wechselt ein +Dutzend mal in wenigen Augenblicken das Geleise, um Platz zu machen, +schwätzt und schwadroniert aber unentwegt dabei weiter.</p> + +<p>Jahrelang haben mich die Sperlinge der großen Berliner Bahnhofshalle +am Schlesischen Bahnhof amüsiert. Der riesige Schildkrötenpanzer des +Hallendachs bot ihnen Unterkunft, der heiße Dampf der Lokomotive +heizte ihnen das Heim, und da summten und zwitscherten sie nun in +einem solchen Massenton, daß er zwischen allem Pfeifen und Dröhnen +der unablässig ein- und ausrollenden Züge immer noch wie eine feste +Grundmelodie zu vernehmen war.</p> + +<p>In den ungeheuren Dimensionen menschlicher Kultur wiederholte dieses +Dach den Vögelchen etwas, was findiger Spatzenverstand im fernen Afrika +im kleinen selbst sich zu bauen weiß. Da haust im Mimosenwald der +sogenannte Siedelsperling. Gleich den lustigen Vögeln bei Aristophanes +ist er zu einer Art Staatenbildung übergegangen. Zu Tausenden bauen sie +aus Gras ein gemeinsames Dach, das wie ein großer Heuschober in den +Zweigen hängt, unter diesem Gemeinschaftshaus aber sitzen dann erst die +Einzelnester, jedes mit seinem Eingang wie ein Häuschen in einer im +ganzen wohlbefestigten Stadt.</p> + +<p>Ein Seitenstück zu jenem Gesumme lustiger Großstadtvögel sind im +Frühjahr die Frösche im Berliner Friedrichshain.</p> + +<p>Ringsum die Mietskasernen himmelhoch wie Mauern um den grünen Fleck. +Den ganzen Tag lärmt der wildeste Großstadttrubel daran hin. Nun in +der Nacht aber ebbt das Geräusch langsam ein, bis gegen Morgen eine +förmlich feierliche Ruhe kommt. Der Duft der zahllosen violetten +Fliederblüten fließt vom Hain her in die öden Straßen. Und nun +der Triller der Frösche, schmetternd laut, die Stimme des freien +Eindringlings auf eine Weile Sieger über das ganze Maschinenwerk der +Großstadt.</p> + +<p>Unwillkürlich denkt man in solchem Moment an die Kraft dieses kleinen +und kleinsten Tiervolks, an der sehr gut Wohl und Wehe einer ganzen +Weltstadt hängen können.</p> + +<p>Eine Weltstadt — und trüge sie die Traditionen der ewigen Roma, die +Traditionen einer Weltherrschaft: sie muß veröden, als unbewohnbar +endlich doch noch verlassen werden, wenn eine ganz <span class="pagenum" id="Page_355">[Pg 355]</span>simple statistische +Ziffer steigt — die Ziffer der Malariaanfälle. Die Malaria, das +tückische Sumpffieber, aber wird, wie wir heute zu wissen beginnen, +eingeimpft durch eine Mücke. Ein gewisser Prozentsatz Mücken — gegen +Rom, das kein Barbarensturm in Jahrtausenden ernstlich hat bedrohen +können!</p> + +<p>Wir lassen eine andere Ziffer in Gedanken steigen, die Anzahl der +Individuen des berüchtigten „Bohrwurms“, einer wurmartig gestalteten +Muschel, die den solidesten Holzpfahl durchlöchert und verdirbt — +und eine Großstadt auf solchen Pfählen, wie Amsterdam, gerät ins +Wanken, stürzt Vineta nach. Es war im Jahre 1730, als schon einmal +die furchtbarste Panik durch Holland ging, aufregender als aller +Kriegsschrecken dieses geprüften Landes: alle Dämme sollten stürzen, +weil der Bohrwurm, winzig selbst nur wie ein Regenwurm, sich ins +Ungemessene zu mehren beginne. Die Gefahr verzog sich noch einmal. Sie +wäre, erfüllt, der absolute Untergang der ganzen Niederlande gewesen.</p> + +<p>Dagegen aber das umgekehrte Bild: Trillionen und Abertrillionen, +märchenhaft unfaßbare Zahlen winzigster, einzelliger Tierchen, der +sogenannten Miliolideen, häufen ihre Kalkschalen aufeinander, bis aus +dem Ganzen ein fester Kalkstein wird. Und aus solchem Kalkstein baut +der Mensch eine Großstadt, baut sie, dank der Arbeitsleistung jener +tierischen Baumeister, die Millionen von Jahren vor seiner Zeit lebten. +Große Teile von Paris sind so entstanden.</p> + +<p>Vor solchen Bildern gewinnt das Tierleben der Großstadt einen +dämonischen Zug: die wirkende Kraft des Planeten erscheint darin, +auf dem auch die meilenbreite Weltstadt nur ein Pünktchen, ein +Schimmelfleckchen ist.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_356">[Pg 356]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Keplers_Traum_vom_Mond"> + Keplers Traum vom Mond. + </h2> +</div> + +<p>In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar +übersetzt worden: Keplers „Traum“.</p> + +<p>Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch +alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen +Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.</p> + +<p>Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine +Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene +Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler +ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige +Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie +eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel +Gewaltigeres.</p> + +<p>Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel +glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, — mitten im Vollglanz +mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches +Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen — +und Irrtümer. Und das bis heute.</p> + +<p>Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle +seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber +hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit +kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?</p> + +<p>Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung +überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist +nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes, +wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen <span class="pagenum" id="Page_357">[Pg 357]</span>läßt, — +nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis +heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die +Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde +sind.</p> + +<p>In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der +nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das +mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich +übertrieben ist.</p> + +<p>Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die +je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das +doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens +war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb +dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens, +der menschlichen Deutung voneinander los.</p> + +<p>Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen +Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des +Zweiten von Habsburg und Wallensteins.</p> + +<p>Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste +zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen +Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal +jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der +Geburtsstunde strahlten.</p> + +<p>Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte: +eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge +des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem +Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in +diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber +um <em class="gesperrt">diesen</em> Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine +ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das +ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen, +die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in +diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze +sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen. +Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; <span class="pagenum" id="Page_358">[Pg 358]</span>und hier einer: das Erdenkind, +das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.</p> + +<p>Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine +Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte +und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind +war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder +grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht +bestand.</p> + +<p>In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das +bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische +Harmonie.</p> + +<p>Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die +Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber +mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien +dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen +war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb +er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige +Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“</p> + +<p>Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler +mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, — bis +zum Verzweifeln.</p> + +<p>Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie +die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich +fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.</p> + +<p>Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn +gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern +und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer +Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des +Sonnensystems unter sich.</p> + +<p>Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen +Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als +Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue +Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt +erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis — ein Stück Welt, in dem +ganze Planetenabstände und Umläufe nur <span class="pagenum" id="Page_359">[Pg 359]</span>Stationen, nur rhythmische +Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.</p> + +<p>In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und +sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand. +Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen +Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz +andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige +Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler +und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm +schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng +wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.</p> + +<p>Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!</p> + +<p>Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres +Gebiet für seine tiefe <em class="gesperrt">künstlerische</em> Sehnsucht fand. Der Traum +erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder +jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen +Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt +künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren +Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten +wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.</p> + +<p>In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster +Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen, +beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen. +Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich +„stimmend“, — das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter +zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, — bis zu dem goldenen +Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit <em class="gesperrt">unermeßlich</em> +ineinandergeschachtelter Harmonien hing.</p> + +<p>Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers +strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte +wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.</p> + +<p>Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und +die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende <span class="pagenum" id="Page_360">[Pg 360]</span>Forschung der +Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide +zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine +Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf +dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß +beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute +endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.</p> + +<p>In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen. +Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das +Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder +Fechner zurückzukehren, — zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne +Zwiespalt.</p> + +<p>In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine +bedeutende Rolle.</p> + +<p>Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran +geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das +ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen +großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten +umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn +blieb. Von allen blieb er auch <em class="gesperrt">nach</em> Kopernikus noch der Erde +treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.</p> + +<p>Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die +Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, — wie würden +die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf +der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab — das klassische +Altertum hatte schon an so etwas gedacht —, wenn diese Mondbewohner +Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, — wie erschienen ihnen +die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?</p> + +<p>Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig +Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß +die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes +als Sternwarte aus.</p> + +<p>Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so +Außergewöhnliches. <span class="pagenum" id="Page_361">[Pg 361]</span>Wir sind alle an volkstümliche Werke über +Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen, +wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom +Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.</p> + +<p>Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so +etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf +dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.</p> + +<p>Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er +es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es +lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen +Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben. +Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der +Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in +scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie +wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein +Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“</p> + +<p>Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller +Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete, +die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine +Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch +begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst +Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann +noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen, +die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen +wertlosen Scherz.</p> + +<p>Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit +hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die +Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene +Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch +gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen +und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er +einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im +Traum wird Freiheit <span class="pagenum" id="Page_362">[Pg 362]</span>des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in +Wirklichkeit wohl nicht besteht.“</p> + +<p>Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne, +als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er +liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und +hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen +lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet +seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er, +daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt. +Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer +Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart. +Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht +Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine +Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit +draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt, +daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen +haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener +Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer +wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß +der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt +ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen +über die Stränge.</p> + +<p>Keplers Geister — die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der +Astronomie — schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit +einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist +von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel +in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond +selber hinweg — also bei der Mondfinsternis, — so ist die ganze Bahn +frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich +etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die +Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und +Erde steht, also seinerseits — in der Sonnenfinsternis — einen vollen +Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_363">[Pg 363]</span></p> + +<p>Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer +Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den +Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem +Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit +der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer +aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders +die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor +wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen +zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler +sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde +überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere +Hülfe erfolgt.</p> + +<p>Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer +Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir +heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung +der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir +stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der +Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so +nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz +gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches +handhabt.</p> + +<p>Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist, +wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen +Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem +Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“, +— und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die +magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung +die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von +beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine +Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“</p> + +<p>Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister +alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne +zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute +das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem +„Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, <span class="pagenum" id="Page_364">[Pg 364]</span>um in ihrer +Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen. +„Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer +war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller; +aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach +der Mittagssonne um den längsten Tag.“</p> + +<p>Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus +der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine +verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich +zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute +sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele +beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht +festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim +Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden +hatte.</p> + +<p>Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns, +wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es, +als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher +Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister +tatsächlich in ihre Löcher kriechen.</p> + +<p>In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde +gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist, +mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig +abgewandte Seite.</p> + +<p>Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß, +wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite +zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen +keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch +<em class="gesperrt">muß</em> er sie gerade haben, <em class="gesperrt">damit</em> uns seine eine Seite treu +bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe +oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu +merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so +kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht +und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie +sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die +<span class="pagenum" id="Page_365">[Pg 365]</span>Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß +der Mond <em class="gesperrt">nicht</em> wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er +läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand +etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen +wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die +Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand +um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst +drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade +auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst <em class="gesperrt">davon</em> +ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, — die ewige innere +Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines +Erdbewohners Auge je überschaut worden ist.</p> + +<p>Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit.</p> + +<p>Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein +ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse +die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren +Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, — wer +aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer +fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“ +streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe +Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte. +Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese +Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten +Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein +noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt, +alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“.</p> + +<p>Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken +eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei, +hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos +lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer +wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von +Astronomen, die an Eis auf dem <span class="pagenum" id="Page_366">[Pg 366]</span>Monde glauben. Sie finden keine andere +Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch +viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden, +also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem +Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben +könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich +nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre +flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der +Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach +Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche +Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum +Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder +etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur +bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den +absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze +Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als +die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig +hineingelagerte Erde besitzt.</p> + +<p>Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück.</p> + +<p>Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht +sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere.</p> + +<p>Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker +singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat +umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja +beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler +verrät uns, wie die Gesichter ausschauen.</p> + +<p>Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die +Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen +in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts +ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die +Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene +Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt +es, „weil Magellanika <span class="pagenum" id="Page_367">[Pg 367]</span>ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land, +noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide +Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“</p> + +<p>Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine +andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers +Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein +überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben. +Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor, +— es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im +äußeren Umriß festzustellen.</p> + +<p>Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika: +die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf +Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den +Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar.</p> + +<p>Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt: +Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als +dem andern; die Katze ist Skandinavien.</p> + +<p>Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In +Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland +dunkel zusammen.</p> + +<p>Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler +kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen +Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit +geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars, +dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben +sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer +wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre +bei uns aufs Korn genommen haben.</p> + +<p>Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem +Monde selbst?</p> + +<p>Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten +vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen +Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen, +Strahlensystemen, Rillen, — das Werk unendlichen <span class="pagenum" id="Page_368">[Pg 368]</span>Gelehrtenfleißes, an +das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser +Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten, +prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie +ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, — bis auf jene +Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die +luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war +das alles zu Keplers Zeit!</p> + +<p>Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte, +wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der +alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres +Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von +Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem +Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen, +Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle, +ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste +Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog +Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag, +worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre +später ist das erste Fernrohr hergestellt worden.</p> + +<p>Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden.</p> + +<p>Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig +Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht +wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden +Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch — ohne +vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers +Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine +Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte!</p> + +<p>Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie +schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein.</p> + +<p>In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer +ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in +denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene, +durchlöcherte Rinde, in der doch jede <span class="pagenum" id="Page_369">[Pg 369]</span>Zuckung erstarrt ist. Alles +starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit +den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das +„hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte +im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein +Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich.</p> + +<p>Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei +gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper. +Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage.</p> + +<p>Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank +sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche +Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da +hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das +überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider +noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als +mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe +Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt +im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der +Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er +hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der +Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der +Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte, +gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre +in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß +gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden.</p> + +<p>Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des +größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht +hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt +der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt. +Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit, +als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte +Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute +wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze +Planetensystem durchschweifen, unsere <span class="pagenum" id="Page_370">[Pg 370]</span>Sternschnuppen und vielleicht +die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders +weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne +Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten.</p> + +<p>Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike +Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns +so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, <em class="gesperrt">so</em> blank poliert +sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er +dahinwandelte, <em class="gesperrt">abspiegelte</em>. Die Flecken sollten einfach die +wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische +und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit +dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen +Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu +bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der +Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich +und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu +ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte.</p> + +<p>Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen +Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans.</p> + +<p>Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher +Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende +Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen +Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte +das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen +wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle +Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur +unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete +Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da +er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von +oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im +Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen +gelassen, — nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei +Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen +Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars <span class="pagenum" id="Page_371">[Pg 371]</span>bedeutsam geworden ist, +ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen +können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land +und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für +dichten Pflanzenwuchs.</p> + +<p>Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen, +und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht +Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz +Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im +Umfang hat, d. h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch +sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde +sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und +von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden +wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der +von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren +Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer +abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser +letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur +Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie +hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt, +— nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst, +wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die +zahllosen Kraterhöhlen ergreift.</p> + +<p>Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph +zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach +der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die +<em class="gesperrt">Erfindung des Fernrohrs</em>.</p> + +<p>Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, — meinem +Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das +Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit +dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes +etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom +durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze +bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es. +Denn zu der Stelle <span class="pagenum" id="Page_372">[Pg 372]</span>kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis +als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist +der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst +angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele +tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht +bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch +gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder +geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber +das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres, +Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt +es.</p> + +<p>Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in +seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte +Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum +Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer +schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge +wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein +Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im +Frühjahr 1610 herüber.</p> + +<p>Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem +geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein +sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung +auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es +zuerst zusammengesetzt hat, — die Legende erzählt, Kinder hätten beim +Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater +aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater +war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen +bedeutete es eine neue Welt.</p> + +<p>Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus: +er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander, +und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig +auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen +Zauberrohrs überzeugen.</p> + +<p>Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift, +<span class="pagenum" id="Page_373">[Pg 373]</span>dem „<span class="antiqua">Sidereus nuncius</span>“ (Sternenbote) Galileis, — und zwar +gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das +bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die +unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den +urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho +und Kepler bescheiden zurücktreten mußten.</p> + +<p>Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen +von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die +Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und +damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles +ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war +seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig +Einzelsterne dar. Wenig später — und Galilei hatte Flecken in der +Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z. B. +Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas +ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem +altvertrauten Planeten Saturn, — erst später ist klar geworden, +daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn +handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst +korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte +in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich +Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen — kurz: +es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon +erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind.</p> + +<p>Keine Entdeckung Galileis hat Kepler so bis in die tiefsten Gründe +seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein +Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in +ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem +Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat +blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich +und greifbar vor der Erfüllung steht und die <em class="gesperrt">geträumten</em> Dinge +<em class="gesperrt">sieht</em>.</p> + +<p>Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in +lebendigstem Bild.</p> + +<p>Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, <span class="pagenum" id="Page_374">[Pg 374]</span>vor +Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“ +als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige +Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die +Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, — +Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die +Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis +neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu +einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen +wäre.</p> + +<p>Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte. +In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer +wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu +erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem +Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als +<em class="gesperrt">Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart</em>.</p> + +<p>Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder +aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen +eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon +und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu +mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem +Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.</p> + +<p>Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender +Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des +siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes +und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung.</p> + +<p>Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond +befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden, +bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d. h. tiefgelegene +Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem +Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig +sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz +für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige +Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der <span class="pagenum" id="Page_375">[Pg 375]</span>Sonne, vielleicht auch +gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in +der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an +diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen +Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit +dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles +hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse +zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens +eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in +einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen, +teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr +tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück, +gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand +des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt +es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern +daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines +schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang +durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist. +Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der +Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des +sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn +der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist +er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der +Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes +sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen, +die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile +des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese +Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig +von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher +und ertragen dadurch die Hitze.“</p> + +<p>Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt, +Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das +wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während +des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_376">[Pg 376]</span></p> + +<p>Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch +vollkommen spaßhafte Sache .....</p> + +<p>Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir +auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen +von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch +schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus +logischen Gedankengang.</p> + +<p>Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut +kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“ +entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich +entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte +Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im +gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine +Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der +Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der +Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet +werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer +des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine +natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen +Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne +Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in +einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem +Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen +Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des +Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel +heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich +durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch +diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch +im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens, +meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte +an.</p> + +<p>Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen +von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne +„natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur <span class="pagenum" id="Page_377">[Pg 377]</span>des Materials“ +hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der +man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe.</p> + +<p>Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch +widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht +vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond.</p> + +<p>„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen +auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen +und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material +bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen +abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben, +die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort +durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers +im Gleichgewicht gehalten. <em class="gesperrt">Aber</em> in den fleckigen Partien +des Mondes ist die Gestalt der <em class="gesperrt">genau runden</em> Höhlen und die +Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume +etwas Gemachtes und zwar <em class="gesperrt">gemacht von einem architektonischen +Verstande</em>. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form +eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es +scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf +dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um +jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit +jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der +Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und +die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen +der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte +und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“</p> + +<p>Daß die Mondbewohner — einmal ihre Existenz vorausgesetzt — gerade +solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz, +der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen +in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie +bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der +Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz <em class="gesperrt">anpassen</em>!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_378">[Pg 378]</span></p> + +<p>Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren +Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich +meine bei der Enträtselung des Planeten Mars.</p> + +<p>Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren +Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen +Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“. +Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“ +in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen, +für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas +getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden +Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage +raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und +mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder +nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht +haben. Keplers Schluß, — bloß auf den Mars übertragen!</p> + +<p>Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so +ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik, +<em class="gesperrt">sein</em> Fall tatsächlich <em class="gesperrt">falsch</em> war.</p> + +<p>Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller +Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher +Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“ +Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein +schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle +sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten +an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers +Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter +Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern.</p> + +<p>Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch <em class="gesperrt">heute</em> +deshalb noch nicht klar wissen, <em class="gesperrt">was</em> die ringförmigen Mondgebilde +nun <em class="gesperrt">wirklich</em> sind.</p> + +<p>Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den +Schulbüchern steht?</p> + +<p>Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse <span class="pagenum" id="Page_379">[Pg 379]</span>Mondlöcher +mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild +heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie. +Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die +seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos +„Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte +Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht?</p> + +<p>Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto +weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater +entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren +Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar +nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen +Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein?</p> + +<p>Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch +eigentlich alles an.</p> + +<p>Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun +die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“ +(wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des +Abstürzens von oben kommender Massen wären, — von Massen, vielleicht +einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet +war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach +einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand +kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem +man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht, +führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich +die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes +Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er +alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, — vorausgesetzt, daß nicht noch +immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die +letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren +Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers +von innen heraus noch <em class="gesperrt">mitgewirkt</em> und auch kleine echte „Krater“ +wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben +haben könnte ....</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_380">[Pg 380]</span></p> + +<p>Das mag als Bild genügen, — als Bild, wie wenig wir noch heute „über +den Berg“ sind.</p> + +<p>Den Mondberg!</p> + +<p>Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, — mit jenem Lächeln +aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar +Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes +Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des +Menschengeistes.</p> + +<p>Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp +und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist, +der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, — der „Traum im +Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller +Zerrissenheit des „Wirklichen“.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_381">[Pg 381]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Vom_Krebs_der_vom_Himmel_faellt"> + Vom Krebs, der „vom Himmel fällt“. + </h2> +</div> + +<p>Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres.</p> + +<p>Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine +weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr +niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden.</p> + +<p>Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus +allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen +Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus +der alten roten Laubdecke im Waldesgrund.</p> + +<p>Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener +Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand, +mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch +ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und +drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem +Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer +Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken +einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang +baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft +impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten +immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein.</p> + +<p>Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren.</p> + +<p>Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht. +In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur, +sollte es sich bergen.</p> + +<p>Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein +echter, dauernder Tümpel bestand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_382">[Pg 382]</span></p> + +<p>In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune +Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste +Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde +es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr +trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren +Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte +Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich.</p> + +<p>An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste +Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem +dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln +plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran. +Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber +ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier +noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht.</p> + +<p>Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle +Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der +Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt, +ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber +in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage, +der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und +ich sah.</p> + +<p>Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser, +bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen +lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob +sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde +wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch +aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß +bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte +von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen +der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es +fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam +sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto +deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf +dem Rücken, <span class="pagenum" id="Page_383">[Pg 383]</span>die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf, +hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist +wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader +schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven +Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am +Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch +ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner +Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist +ein Krebs, — im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt.</p> + +<p>Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt +er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der <span class="antiqua">Branchipus</span>.</p> + +<p>Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen +Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der +Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für +eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische +Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für +den Branchipus.</p> + +<p>Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort, +überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum +erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich +starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines +Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht. +Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht +naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der +Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich +scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes +wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin, +ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt +vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das +zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will.</p> + +<p>Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier: +den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs +sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. <span class="pagenum" id="Page_384">[Pg 384]</span>Von oben sieht +er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von +einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale +brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen +heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine +sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich +gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst +wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar +zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln +unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar +richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her, +meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder +„Schieler“.</p> + +<p>Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein +Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem +abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee.</p> + +<p>Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie +dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und +in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen +Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel +nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes +Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe +war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas +durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel +aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt +wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien.</p> + +<p>Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten +Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer +nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei +fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen +wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers +im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu +durchstöbert.</p> + +<p>Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt +in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit <span class="pagenum" id="Page_385">[Pg 385]</span>ist jetzt am +stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz +zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines +der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender +Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden.</p> + +<p>Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten, +Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter +der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich +sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine +Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der +Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der +ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein +Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert, +— und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt. +Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir +aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich +einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt.</p> + +<p>Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren, +sagenumwobenen <span class="antiqua">Apus</span>, des „Ohnfußes“, wie das lateinische +Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter +Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt.</p> + +<p>Nun, da die zappelnde Schildkröte abwechselnd sich auf Rücken und +Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen +zu lassen, — des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in +der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander +vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs +enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel +von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden +Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die +des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt +in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine +Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen +Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den +<span class="pagenum" id="Page_386">[Pg 386]</span>Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen +gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den +Löchern gucken. Ein absurdes Bild — und doch steckt der Apus genau +so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben +durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem +Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber +in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie +beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder, +sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also +„Kiemenfüße“.</p> + +<p>Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber, +der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten +braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote +Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem +<span class="antiqua">Apus productus</span>) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas +an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen +konnte.</p> + +<p>Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar +Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten +über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die +Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu +verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen +und ihnen die Beine abbissen.</p> + +<p>Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte +die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von +allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie +zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“. +Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei +Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der +unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je +auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt +zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen +eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes +dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch +<span class="pagenum" id="Page_387">[Pg 387]</span>ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten +Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange +des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche +Komplizierung der Gliedmaßen.</p> + +<p>Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot +er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten +einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte +die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die +verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister, +der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das +wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter +Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im +Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder +spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war +ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr +Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia.</p> + +<p>Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler +mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur +Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade +damals <em class="gesperrt">einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen</em>.</p> + +<p>Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich +lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus +beschäftigt hat.</p> + +<p>Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig +sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und +findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern. +Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf +beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der +Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel, +Wasserwanzen ein, — wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem +Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen +bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung.</p> + +<p>Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, <span class="pagenum" id="Page_388">[Pg 388]</span>Radspuren +und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend — und hier +auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten, +wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die +Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat.</p> + +<p>Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu +bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und +mehr, — jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und +füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer, +als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich +wieder und alles ist voller Tiere.</p> + +<p>Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem +Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen?</p> + +<p>Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den +Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit +Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die +Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben +die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung — und in diesen Lachen, +mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in +wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann +sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher.</p> + +<p>Ja, was fällt nicht alles vom Himmel!</p> + +<p>Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als +die meisten Menschen denken.</p> + +<p>Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine +und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe +nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im +neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus +dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad +überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig +bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen +nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost +zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend +zu halten, aber in der <span class="pagenum" id="Page_389">[Pg 389]</span>Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom +Himmel“ aus einer Regenwolke — das fordert ja noch nicht einmal +wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich +in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend +die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan +Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter +Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen +sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß +das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja +gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine +Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint +er schon als ein Produkt des Regens.</p> + +<p>Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt +worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche +Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das +einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses +wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache +nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in +tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit +eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.</p> + +<p>Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern +nach noch keine zweihundert Jahre.</p> + +<p>In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab +Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in +Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen +ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem +Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens +Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“, +schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn +es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn, +für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die +es für Füsse ansehen, ein <span class="antiqua">polypus</span> heißen muß, bei mir aber +<span class="antiqua">apus</span>.“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_390">[Pg 390]</span></p> + +<p>Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich +die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb +aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert +hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im +System sein könne?</p> + +<p>Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung +wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind +aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter +Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann +Christian Schäffer.</p> + +<p>Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn +herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille +Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der +Streitfrage glücklich auseinander gewickelt.</p> + +<p>Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu +Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der +Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus +irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der +wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer +Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde +denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer +nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso +mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen.</p> + +<p>Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus +diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten +eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung +einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die +Eier dabei?</p> + +<p>Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt +mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren +Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen +rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie +aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, — und wenn man dann +einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein +Embryo gestaltet <span class="pagenum" id="Page_391">[Pg 391]</span>sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben +Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben +Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine +fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen — der echte Apus.</p> + +<p>Damit ist ein Streitpunkt sofort klar.</p> + +<p>Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen +Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem +Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier +durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und +plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren.</p> + +<p>Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich +die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen +kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare +Trocken-Festigkeit haben.</p> + +<p>Ein weiterer Schluß wird möglich.</p> + +<p>In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der +Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die +Wanderschaft kommen. Es ist — neuere Staubfälle haben es erst wieder +bewiesen — schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich +eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise +oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre +Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind +sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen +jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel +Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen +sein! Staub — und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen, +warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt: +warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte +Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist?</p> + +<p>Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte +Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des +Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen +waren. Es gelang ihm mit allem <span class="pagenum" id="Page_392">[Pg 392]</span>Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu +entdecken. Was bedeutete wieder das?</p> + +<p>Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was +nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und +Wissenschaft einfach nicht sein <em class="gesperrt">durfte</em>.</p> + +<p>Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen +Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder +waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete, +was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß +einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von +denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße +auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von +sich gegeben haben.“</p> + +<p>Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche.</p> + +<p>Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und +Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch +gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder +beobachtet noch richtig war.</p> + +<p>Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und +Weib in einem Leib.</p> + +<p>Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in +der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte, +eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte.</p> + +<p>Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten +Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen. +Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine +bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für +seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun — mit diesem Tümpel-Leben war +wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff +hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand!</p> + +<p>Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus +lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen +hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher, +daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen +Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie <span class="pagenum" id="Page_393">[Pg 393]</span>oft mochte nur eines +kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus +Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die +Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden.</p> + +<p>Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von +all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals +nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt +von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer. +Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide +Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene +glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die +Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort +überhaupt keine gefunden hatte.</p> + +<p>Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach +ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage +an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm +und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger +Krebs vom Himmel fiel.</p> + +<p>Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche +gar auch noch Ereignis.</p> + +<p>Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus +und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen +Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also +echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein +und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen +haben.</p> + +<p>Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857 +führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei +Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare +Männchen des Apus sich tummelten.</p> + +<p>Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein +„Naturgesetz“. Wer würde siegen?</p> + +<p>Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras +gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die +mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb <span class="pagenum" id="Page_394">[Pg394]</span>ihres +Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie +vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier +nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt +in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen +ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung +zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen +Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so +hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja +sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“ +doch immer noch eine kleine Sache!</p> + +<p>So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen +Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber +vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der +Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen +an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute +so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein +Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen, +mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an +kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut +hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten +Jahrhunderts gewesen.</p> + +<p>In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den +sechziger Jahren auch der Apus.</p> + +<p>Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener +„Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit +Schrauben“ auf den Leib zu rücken.</p> + +<p>Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf +ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der +Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber +einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen +Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so +wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In +diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_395">[Pg 395]</span></p> + +<p>Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken, +in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung; +das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde +die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen +bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den +Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen +durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des +Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung.</p> + +<p>Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs +Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war, +während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer.</p> + +<p>Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische +Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz +auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine +weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann.</p> + +<p>Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist, +die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen +Ehekodex sich selber gesetzt hat.</p> + +<p>Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier +aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das +sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und +Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein, +— abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung +stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und +das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem +gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem +Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für +ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht +im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren +Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze +Märchen wieder von vorne beginnen lassen.</p> + +<p>Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung <span class="pagenum" id="Page_396">[Pg 396]</span>gemacht, daß +auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die +Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des +„Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der +Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt, +hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person +die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier +zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder +wieder Königinnen) hervorgehen, — oder aber durch Jungfernzeugung +unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn — eine Drohne — entwächst. Im +verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion +eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das +schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde.</p> + +<p>Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des +Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner +Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten +Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann +noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt +und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete +Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so +wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch +wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen +minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im +Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans, +Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig +entschieden — und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das +Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem +fertigen Tier.</p> + +<p>So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt +und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen +Tierarche gefunden.</p> + +<p>Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind +noch heute da.</p> + +<p>Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die +kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser <span class="pagenum" id="Page_397">[Pg 397]</span>enthält, dem schönsten +Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen +könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip +durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine +absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer +etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt +entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern, +die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines +Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei +dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben +sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine +Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß +überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten +kleinen Teich zeigt, — bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen, +<em class="gesperrt">ohne</em> sich zu entwickeln.</p> + +<p>Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins +Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das +Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich +zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen +Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen +Neuerungen aus.</p> + +<p>Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das +aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es +Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt +machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, — Handlungen, bei +denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein +geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.</p> + +<p>Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher +Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen +schon abreißen sollte.</p> + +<p>Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.</p> + +<p>Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat +an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug +rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft +lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich <span class="pagenum" id="Page_398">[Pg 398]</span>der tollen +Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung +vorüberzieht.</p> + +<p>Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter +klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen +Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings +gefunden worden sind.</p> + +<p>Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine +Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich +heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage +vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke +plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem +Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber +in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.</p> + +<p>Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie +ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.</p> + +<p>Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu +riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt +wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den +Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers +schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze +aus acht orangeroten Pfauenfedern.</p> + +<p>Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem +leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch +noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in +gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn +mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur +nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen +Futterplätzen zuführt.</p> + +<p>Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als +Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie +eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die +„Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier +geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal +das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus +unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen +völlig dem Wasser entzogen, <span class="pagenum" id="Page_399">[Pg 399]</span>wenn auch noch an feuchte Orte gebannt: +das Kellertier oder der Kelleresel.</p> + +<p>Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt +in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer +lebendigen großen blauen Meduse.</p> + +<p>Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum +genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist +auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines +hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.</p> + +<p>Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen +Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der +Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar +seine Augen als überflüssig zuwachsen.</p> + +<p>Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.</p> + +<p>Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe +besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es, +die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000 +Kilogramm Speck ansetzen kann — jede Schätzung erlahmt vor der Zahl, +die dazu nötig ist.</p> + +<p>Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche +Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein +schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd +durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.</p> + +<p>Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt, +mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach +oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen +Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die +eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst +beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen +parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.</p> + +<p>Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand +halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der <span class="pagenum" id="Page_400">[Pg 400]</span>sonnenfernen +Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen +durch diesen eigenen Laternenschein spähend.</p> + +<p>Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen +Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf, +— und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge +zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß +kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen +„Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen +Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas ......</p> + +<p>Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei +Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn +kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres +Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem +größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng +zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.</p> + +<p>Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber +überhaupt beschreiben zu können.</p> + +<p>Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn +so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem +ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles +und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem +Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie +er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden +die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes +Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten +Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste +Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für +die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so +besorgter, wohin damit.</p> + +<p>Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.</p> + +<p>Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs +feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen +Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute <span class="pagenum" id="Page_401">[Pg 401]</span>noch jedem +auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.</p> + +<p>Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann +unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er +denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch +dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren +Anschluß zu verrechnen.</p> + +<p>Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch +wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn +so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte, +auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.</p> + +<p>Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.</p> + +<p>Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist +bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei +Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, — ja +der Gletscherapus (<span class="antiqua">Apus glacialis</span>) geht am Kap Krusenstern in +Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in +Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf +Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der +Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen, +wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.</p> + +<p>Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur +die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei +verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein +uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete +Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken +die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der +Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.</p> + +<p>Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von +Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.</p> + +<p>Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner +Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen +<span class="pagenum" id="Page_402">[Pg 402]</span>Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache +Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon +unendlich differenziert sich erweist.</p> + +<p>Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen +bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen +finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer, +Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als +„Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus +packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der +Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen +zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn +man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht +wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese +Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der +Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.</p> + +<p>Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.</p> + +<p>Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den +Beinen.</p> + +<p>Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht +und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die +Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen +so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im +Prinzip macht es der Molukkenkrebs.</p> + +<p>Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit +ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von +denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er +Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern +Kupfer.</p> + +<p>So will er in kein System.</p> + +<p>Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes +Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.</p> + +<p>Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen +unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, — in der das Bild der +Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des <span class="pagenum" id="Page_403">[Pg 403]</span>Krebses, verschwimmt +zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das +war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen +erklingt.</p> + +<p>Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo +der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie +eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs +herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen +liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse, +— auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die +Wunder des Apus studiert hat.</p> + +<p>Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die +Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel, +halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch +wieder seltsameres Wesen.</p> + +<p>Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und +Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie +bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der +ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.</p> + +<p>Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen +krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei +bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf +dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, — und diese Larve zeigt den +gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen +Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das +die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von +Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein +Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals +gräbt.</p> + +<p>Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt +hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses +eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute +allerdings völlig die Erde verlassen haben.</p> + +<p>Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel, +ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz <span class="pagenum" id="Page_404">[Pg 404]</span>anders große Becken +herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen +Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein +Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit +zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze +ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als +je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem +Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war +wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse +er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits +ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane +eroberte, — das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis +vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und — vor eine +verschlossene Tür laufen.</p> + +<p>Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer +Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er +gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, — es schienen ihm unklare +Bruchstücke von Fischen zu sein.</p> + +<p>Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten +ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf +Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein. +<span class="antiqua">Concha Triloba</span> nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus +ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler, +Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl +man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.</p> + +<p>Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden, +vollends wenn sich herausstellt, daß es ein — Krebs ist.</p> + +<p>Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige +Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart +gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren +Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!</p> + +<p>Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam +1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit <span class="pagenum" id="Page_405">[Pg 405]</span>sei am Ende eine +Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so +geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.</p> + +<p>Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein +Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den +Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei +es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht, +gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten +nachgewiesen worden.</p> + +<p>Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend +ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben +die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in +dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß +die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib +erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich +in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es +in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte +Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht. +Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier +die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es +nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich +ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim +Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb, +und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und +Atmungsorgan jeder zugleich.</p> + +<p>Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt +in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften +Apus von heute.</p> + +<p>Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste, +stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten. +Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: — alle hatten sie nur +ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite +nichts.</p> + +<p>Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte +nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß <span class="pagenum" id="Page_406">[Pg 406]</span>das Wunder lösen. +Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend +igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander +zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit +verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck +angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500 +gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt +die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur +Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter +Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine +seitwärts noch offenklar herausstehen.</p> + +<p>Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die +Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der +Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang +alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung +herabgeschneit dasteht.</p> + +<p>Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon +andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der +Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich +wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen +wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem +Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des +Lebens auf Erden.</p> + +<p>Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie +mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.</p> + +<p>Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle, +aus der sich alles gebildet haben soll.</p> + +<p>Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber +diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen +Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist +es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der +sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit +aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden, +Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_407">[Pg 407]</span></p> + +<p>Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der +Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium — und die Chronik +schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.</p> + +<p>Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine +noch ältere Erdenschale, — aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von +— Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava +eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die +Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die +Trilobiten. Vom Himmel — aus dem All — woher?</p> + +<p>Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen +geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen +Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.</p> + +<p>Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein +„Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs +unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und +er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen +prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in +die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen +Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit +soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum +andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der +da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem +annoch weißen ersten Blatt?</p> + +<p>Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve +bringen könnte, er sucht die Sterne.</p> + +<p>Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen +Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese +Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des +leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch +bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom +Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?</p> + +<p>Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene +<span class="pagenum" id="Page_408">[Pg 408]</span>Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle +aufführe.</p> + +<p>Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus +der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze +Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten +einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium +gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen, +weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren +Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so +vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind, +daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses, +sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte +Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten +Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also +das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit +ursprünglich schon tief im Text stand, — so wie es bisweilen mit alten +Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen +gelesen worden sind.</p> + +<p>Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der +Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet, +die als solche dick vor Augen liegen.</p> + +<p>Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur +Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und +sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit +basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist +weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf +einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber +fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.</p> + +<p>Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein +soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten +noch vielerlei zu fragen.</p> + +<p>Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein +hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette <span class="pagenum" id="Page_409">[Pg 409]</span>hinter sich +haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze +der Entwickelung.</p> + +<p>Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen +Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm, +der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung +auf Erden geworden ist, — von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst +eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch +festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische. +Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten +Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der +Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber +eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der +Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?</p> + +<p>Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.</p> + +<p>Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus, +eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer +Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die +Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil, +das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst +entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.</p> + +<p>In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts +Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst +entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine +Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der +Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu +sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der +Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende +Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß +der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser +Lächerlichkeit gestorben.</p> + +<p>Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde, +vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. <span class="pagenum" id="Page_410">[Pg 410]</span>Man nahm den +Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen +große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern +parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten. +War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch +eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich +hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben +auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.</p> + +<p>Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die +Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und +andere kühn.</p> + +<p>Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man +nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten +Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte. +Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.</p> + +<p>Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten, +Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat +auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit +Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der +große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode +gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten, +der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte +Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der +sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.</p> + +<p>Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener +urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten +äußeren Gestalten annähmen.</p> + +<p>Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch +steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen +Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die +Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen +Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.</p> + +<p>Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden <span class="pagenum" id="Page_411">[Pg 411]</span>andere +kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus +herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für +Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat +sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der +Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth +gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden +krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen. +„Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei +ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen +Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich +heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige +gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk +in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste +sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt +wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in +der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge — +ein Scheitelauge — saß.</p> + +<p>Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum +weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich +vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden +zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum +doch noch nicht.</p> + +<p>Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft. +Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der +schärfsten Art — und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie +ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.</p> + +<p>Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen +Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen +Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, — aber nicht, daß ein +Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.</p> + +<p>Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche +Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut +erklärt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_412">[Pg 412]</span></p> + +<p>Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen +Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem +großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich +einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das +sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig +als freier Schwimmer paradierte.</p> + +<p>Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von +Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge +aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.</p> + +<p>Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat, +da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht +mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in +stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne +Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte, +ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich +geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in +ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?</p> + +<p>Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im +Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit +ihnen ihre Wasser belebte.</p> + +<p>Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie +über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn +wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne +Pflanzen sich entfalten können.</p> + +<p>Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines +offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben +wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer +Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber +gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese +Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und +Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der +ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter +den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig +Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so +einst ein Hauptheer dieser <span class="pagenum" id="Page_413">[Pg 413]</span>asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten +Abgrund sein Wesen getrieben haben?</p> + +<p>Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten +erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht. +Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen +begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer +soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am +wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch +gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären, +keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in +seiner Regenpfütze uns bietet.</p> + +<p>Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt +er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen +Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder +Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.</p> + +<p>Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.</p> + +<p>Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen +Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts +anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses +Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.</p> + +<p>Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner +jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt +er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er +eine ganze Weile sogar die freie Luft.</p> + +<p>Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft, +wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer +winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als +igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit +seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten +Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben +herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel +die Fensterchen des Kapitäns.</p> + +<p>Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-, +<span class="pagenum" id="Page_414">[Pg 414]</span>das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine +Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten, +daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese +Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm +äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst +Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.</p> + +<p>Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich +verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite, +die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine +Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über +dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem +Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging. +Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich, +wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre +Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort +dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern +geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander +gestanden haben.</p> + +<p>Ist es so wohl doch nichts mit Trilobit und Fisch, so bleibt um +so fester die uralte Verknüpfung jener verschiedenen seltsamen +Krebsgeschlechter, die wir besprochen haben.</p> + +<p>Eng zu einander fügen sich der Trilobit, der riesige Seraphim-Krebs und +der Molukkenkrebs. Die beiden ersten sind schon an der Schwelle der +Ichthyosaurus-Zeit vollständig ausgestorben, der dritte allein lebt im +hellen Tag von heute noch ein gespenstisches Urwelt-Dasein.</p> + +<p>Von allen echten Krebsen aber der verwandteste wieder zu diesen +Patriarchen der großen Erdenkrebserei ist unser Apus. Wie er unter +seinem Deckschilde, mit den Augen nach oben, daherwackelt, ist es, +als führe er uns noch einmal im kleinen und im äußersten Nachklang +zurück in jene Schlammwellen der Vorzeit, in jenen unendlichen Mudd +und Schlick, aus dem unsere Berge geworden sind und in dem die Erde +ihr Tagebuch, ihr altes Tierbuch, ihr urweltliches Kräuterbuch durch +Naturselbstdruck auf erhärtenden Schlamm uns überliefert hat.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_415">[Pg 415]</span></p> + +<p>So hellte mein kleiner Apus-Tümpel bei Finkenkrug sich mir auf zu einem +Querschnitt durch Jahrmillionen.</p> + +<p>Ich hatte auf einmal das Gefühl: du bist dabei gewesen. Was ist unsere +Forschung anders als ein ungeheurer Triumph über das Ungetüm Zeit, das +begraben wollte! Geschlecht um Geschlecht wischte sie aus und warf +es in den Stein. Nun ist gerade dieser Stein für uns die Stimme der +Unsterblichkeit.</p> + +<p>Die Welt, niemals in ihren ausströmenden Wirkungen ganz erloschen, da +Sein nie wieder zu Nichts wird, findet sich selber wieder, und in dem +Augenblick rinnen die Aeonen der Zeit nichtig dahin wie eine Nachtwache.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_416">[Pg 416]</span></p> + + <h2 class="nobreak" id="Osterglaube"> + Osterglaube. + </h2> +</div> + +<p>Ueber dem Müggelsee liegt eine erste Duftstimmung des Frühlings, doch +noch ohne starke Farben.</p> + +<p>Der Himmel wie von leichtem Rauch verdunkelt, in dem die Sonne als +gelbweiße Insel mit verwaschenem Umriß schwimmt. Der See gibt das +wieder mit einem zartesten Perlmuttergrau, durch das ein Reflexband aus +tanzenden Silberpunkten schaukelt. Drüben das Waldufer blaßblau darauf +und über ihm die Müggelberge wie ein blaugrünes Wölkchen, ganz weich, +in den Himmelsrauch verfließend. Gegen die Kirche von Rahnsdorf eine +Mauer von ausgebleichtem, gelbem Schilf.</p> + +<p>Ab und zu geht durch die tiefe Feierstille ein singender Ton und ein +eigentümlich rhythmisches Rauschen: ein großer Keil von einigen fünfzig +Wildgänsen kehrt zu seiner gewohnten Fünfuhrstunde von den Aeckern heim +auf sein Wasserrevier.</p> + +<p>In diesem Winter hat der See hier am Ufer unheimlich gewütet.</p> + +<p>Mehrfach hat er seinen losen, tauenden Eisteller in wilder Sturmnacht +heraufgepreßt, daß der Sand samt seinem Grasrain zu hohen Wällen +aufgetürmt worden ist. Einer alten Erle, die als äußerster Vorposten, +mir seit Jahren vertraut, fast im Wasser stand, hat ein solcher +Eisstoß die Hälfte ihrer polypenhaften schwarzen Wurzelstelzen glatt +wegrasiert. Zerrissene Schilfmassen liegen allerorten wie Garbenbündel +gehäuft.</p> + +<p>Aber gerade aus diesem wüsten Damm der Zerstörung kommen jetzt die +ersten wirklich leuchtenden Farben des echten Frühlings.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_417">[Pg 417]</span></p> + +<p>Aus der umgestürzten Grasscholle heben sich unzählige brennend +karminrote Punkte: die noch zusammengefalteten Köpfchen der +Maßliebchen. Dazwischen hier und da ein schon breit offener, +tiefgoldener Stern: die Blüte des Huflattichs, die auf ihrem +Schuppenstil dem Blätterkranz weit vorauseilt.</p> + +<p>Es ist, als habe der um und um gewühlte Boden ihre Lenzfahrt zum Lichte +nur beschleunigt.</p> + +<p>Wie diese kleinen Sonnenaugen so aus dem wirren Strandgut der +Sturmnacht lächeln, steckt ein unverwüstlicher Auferstehungs-Zauber +darin: das ganze Feiertags-Wunder der Natur, ihre trotzige Osterstimme, +die unser Grübeln auslacht. „Neu!“</p> + +<p>Diese gelbe Huflattich-Blüte erlebt zum erstenmal die Sonne. Als Wunder +erlebt sie sie.</p> + +<p>Du hast gut reden, daß diese Pflanze so und so entstehen mußte, aus +einer Keimzelle, und daß die Sonne da drüben hinter dem Wolkenflor, in +ihrer einsamen Schwebe im eisig kalten Raum, zwanzig Millionen Meilen +fern von hier, ebenfalls so und so entstanden ist, aus einem Urnebel in +äonenfernen Tagen.</p> + +<p>„Neu!“</p> + +<p>Wir sind heute so alt geworden in unsern Gedanken, so weltenalt.</p> + +<p>Wie ich den silbergrauen See hier anschaue, ist es, als flimmerten +durch seinen Sonnenstreifen dort ungezählte geisterhafte Bilderreihen. +Das alles war er einst! Die Luft weht auf einmal eisig kalt. Da wälzen +sich an Stelle dieser märkischen Seen die gelben Schmelzwasser von der +tauenden Wand des ungeheuren skandinavisch-norddeutschen Gletschers +der Eiszeit von Ost nach West vorbei. Gerade über Berlin ging ein +solches Urstrombett. Mit den Gletscherwassern der nordwärts weichenden +berghohen Eiswand mischten sich noch die vor dem Eis gestauten Wasser +der Oder und Weichsel und flossen mit ihnen der Elbe zu. Aus diesen +Tagen stammt der unendliche Sand, in dem dieses Land begraben lag, als +es in der menschlichen Geschichte auftauchte, dieser Sand, der Berg und +Tal nivelliert hat durch einheitliches Ausfüllen ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_418">[Pg 418]</span></p> + +<p>An diesem Nordufer des Müggelsees hier ist neulich gebohrt worden. +Eine dünne Braunkohlenschicht kam zu Tage. Wieder ein Bild, ein noch +älteres: die immergrünen Wälder der warmen Tertiärzeit, wo die riesigen +Sumpfcypressen des heutigen Nordamerika hier in der Mark wuchsen.</p> + +<p>Ueber diese Urwälder ragte die Muschelkalkmasse von Rüdersdorf, +vom Sande noch nicht verschüttet, vom Eiszeit-Binneneis noch nicht +verwüstet, vielleicht noch als blauer Höhenzug, wie heute die +lieblichen Muschelkalkberge Thüringens.</p> + +<p>Als der Schlamm selbst sich aber absetzte, der diesen Kalkstein +bildete, war hier Meer, tiefes Meer, Ozean mit Tintenfischen und +Haifischen und Korallen.</p> + +<p>Wenn die Wildgänse heute hier ans Ufer kommen oder die Krähen aus dem +Walde anfliegen und im Schwemm-Moder herumstochern, so prägen sich ihre +Füße zierlich im weichen Schlammstreifen der Wassergrenze ab. In der +Epoche der Erdgeschichte, in der auch der Muschelkalk sich bildete, ist +ein froschähnliches, aber viel größeres Scheusal bei Hildburghausen +über solchen nassen Schlammgrund gelaufen, und seine eingeprägten +Patschen, im Stein nachmals verewigt, zu dem der Schlamm geworden, +stehen heute noch im Berliner Museum.</p> + +<p>Es war eine austrocknende Salzlake, wo dieses Monstrum sein Wesen +trieb, die Abdrücke von Salzkristallen beweisen es noch. So liegen +auch bei uns in der Mark die riesigen Salzlager noch tief unter Sand +und Braunkohle, Reste ausgedampfter Meeresbuchten. Sie sind noch eine +Erdepoche älter als der Muschelkalk. Eine Landschaft gehört dazu, wie +wenn wir uns heute an das Kaspische Meer versetzten.</p> + +<p>An diesem Meer von damals aber wuchsen turmhohe Schachtelhalme statt +Kiefern, und der Bärlapp, der jetzt wie ein Moos da drüben hinter den +Müggelbergen auf dem Sumpfboden kriecht, bildete Bäume wie die Eiche.</p> + +<p>Auf diesem ungeheuren Wandelpanorama von Bildern stehen wir. Es gibt +nichts Neues, kein Wunder, nur eine ununterbrochene Folge.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_419">[Pg 419]</span></p> + +<p>Daß diese Lattichblüte hier keimt, lag schon in der uranfänglichen +Stellung der Weltatome begründet.</p> + +<p>Dieser Gedanke hat eine so riesige Gewalt über uns heute. Immer wieder +sinkt er wie ein Block auf uns, schwer und schwerer.</p> + +<p>Alles ist gekommen, und alles wird wieder gehen, immer nach dem +gleichen Gesetz.</p> + +<p>Und den Ostersucher gähnt ein Wort an, in dem die Welt mit all ihrem +Neuen versinkt wie in einem furchtbaren grauen Trichter — das Wort: +„selbstverständlich“.</p> + +<p>Wo dieses Wort die Gedanken nivelliert wie der diluviale Sand das +Gesteinsprofil der Mark, da gibt es kein Osterwunder mehr in Natur +und Menschheit. Der Frühling ist nicht ein Zauber, der uns alle immer +wieder mit jung macht, sondern eine ziemlich langweilige Bestätigung: +mal wieder einer. Es werden sich Millionen aneinanderreihen, dann liegt +der Kiefernwald hier auch wieder als eine irgendwie benannte zolldicke, +schwarze Schicht in der Tiefe, und es ist wieder eine Epoche der +Erdgeschichte um. Der große Trott des Selbstverständlichen aber geht +weiter.</p> + +<p>Und doch ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren in uns so heiß, heute +wie nur je.</p> + +<p>Nicht tot zu kriegen ist sie.</p> + +<p>Weil sie unterdrückt wird, bricht sie an den tollsten Stellen aus. Wie +der Schildbürger, der das Licht in der Mausefalle fangen will, zieht +der Spiritist auf die Jagd nach dem Wunderbaren um jeden Preis. Ein +Flüchtling vor dem zermalmenden „Selbstverständlich“, kommt er aus +der Natur hier draußen und setzt sich hinter verhängten Fenstern an +den Tisch, bildet eine Kette aus nervös zitternden Händen, die alle +das Wunder greifen möchten. Es klopft, ein altes Stuhlbein knackt — +das ist das „Wunderbare“. Hier draußen am freien See, wo die violette +Erlenknospe bricht und das Silberband der Sonne flimmert, hat er es +nicht finden können.</p> + +<p>Ich aber möchte rufen wie der schlichte Wanderer, der von ungefähr +in das vermauerte Rathaus zu Schilda kam: „Kinder, schlagt doch die +Fenster ein!“</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_420">[Pg 420]</span></p> + +<p>Was wollt ihr denn mit dem „Selbstverständlich“?</p> + +<p>Dieses Selbstverständliche ist ja jetzt endlich das große Wunder +unserer Zeit, das Wunder aller Wunder.</p> + +<p>Nicht, daß mystische Blumen im dunklen Kabinett aus den Lüften regnen, +ist das wahre Wunder für den echten Ostersucher von heute, sondern +daß überhaupt auch nur die schlichteste Blume nach schlichtestem +Naturzusammenhang aus dem Erdboden wächst!</p> + +<p>Nur eine Rettung gibt es, daß unsere Sehnsucht den großen Osterpfad +wieder findet durch unser sternenweit gedehntes modernes Wissen.</p> + +<p>Es ist nämlich die: sich wieder resolut darauf zu besinnen, wie +wunderbar das Natürliche selber ist.</p> + +<p>Als Natürliches!</p> + +<p>Ich will ihm nichts fortnehmen im strengsten Naturforschersinne. Ich +will es nirgendwo durchbrechen. Aber gerade diese absolute, in sich +geschlossene, durch und durch einheitliche Natur ist mir dann auch +wieder das höchste Wunder.</p> + +<p>Was für ein unsagbar Geheimnisvolles ist diese „Gesetzmäßigkeit“ allen +Geschehens.</p> + +<p>Warum ist die Welt nicht wirklich ein Haufen regellos stäubender Atome? +Warum ist sie diese Blume und dieser See und dieser Frühlingshauch?</p> + +<p>Im Grunde schon: welch Wunder ist es, daß überhaupt etwas ist!</p> + +<p>Und dann, da dieses erste Wunder uns immer wieder wie ein +Auferstehungsmorgen geschenkt ist — das zweite, nicht minder große: +daß es Verschiedenes gibt.</p> + +<p>Immer, wohin wir sinnen und forschen mögen, bewegt uns dieses dunkle +Ahnen, daß alles in einem ewig Einen schwimmt, eine tiefste kosmische +Einheit bildet. Und doch ist dieses Eine auseinandergespannt zu dem +unendlichen Majaschleier des Vielfältigen. Nicht bloß Sonne, sondern +auch See, der sie spiegelt. Und am See dieses liebliche Blumenauge, +eine Individualität wie ich. Und ich selbst, in dessen ostersuchendem +Auge noch wieder das alles schwimmt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_421">[Pg 421]</span></p> + +<p>Wieder in diesem Verschiedenen, diesen verschiedenen Möglichkeiten +aber das vielleicht allerhöchste Wunder, das freilich oft am wenigsten +beachtet wird: — daß nämlich in der Konkurrenz dieser Möglichkeiten +das Bessere, das Zweckmäßigere, das Harmonische fort und fort sich +erhält, während das Disharmonische beständig fällt und fällt.</p> + +<p>Millionen Würfel fliegen mit Unzweckmäßigem gegen zehn gute — diese +zehn aber siegen, weil sie gut sind. Auf ihnen triumphieren die +Entwickelung, der Fortschritt.</p> + +<p>Es ist so ungeheuer leicht, gerade dieses Weltgesetz als +„selbstverständlich“ abzutun. Aber das ist ja gerade das Wunderbare, +daß es uns so fest umfängt als ein Ur-Weltgegebenes, daß wir es wie +Luft und Sonne als das Allerselbstverständlichste hinnehmen.</p> + +<p>Und doch hat sich an diesem Gesetz, diesem urgesetzten Grundwunder die +Welt zu einem Kosmos emporgegipfelt, anstatt ins bodenlose Chaos zu +fallen. Dieses Sieb des Gesetzes, daß das Harmonische, das Zweckmäßige +einen Erhaltungsvorsprung hat vor dem Disharmonischen — es hat +gesiebt und gesiebt, immer wieder eine Auslese des noch Besseren, noch +Zweckmäßigeren aus der rinnenden Atomwolke des Seins herausgesiebt. An +der Leiter dieses Gesetzes ist die Liebe aufgestiegen, vom schlichten +Anfang des Wurms bis zum strahlenden Kelch der Menschenliebe. An ihr +ist die Kunst heraufgekommen. Aus diesem Gesetz ist der schlichte +Imperativ des Guten immer wieder auferstanden an tausend und tausend +Ostermorgen der Weltgeschichte. Wie Wunder sind diese Dinge aufgesproßt.</p> + +<p>Der nüchterne Verstand meinte sie für die Nüchternheit seines +„Selbstverständlich“ eingefangen, wenn er ihr gesetzmäßiges Werden +erwies. Aber gerade in höchster Wahrheit war dieses Werden nur +möglich durch die Tatsache des einen großen Weltenwunders: eben der +Gesetzmäßigkeit. Und selbst diese Gesetzmäßigkeit hätte sie nicht vom +Baum pflücken können, wenn nicht die Wurzel dieses Baumes in dem andern +großen Ur-Wunder lag.</p> + +<p>Das Wunder des Natürlichen!</p> + +<p>Mir war, als hauchte es jetzt wirklich in leisen Osterglocken über den +einsamen See.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_422">[Pg 422]</span></p> + +<p>Die Sonne hatte sich mehr befreit. In dem breiter strömenden +Silberbande zuckte etwas wie das Lachen eines schönen Mädchens, das +schelmisch die blanken Zähne zeigt.</p> + +<p>Geh heim mit deinem „Selbstverständlich“.</p> + +<p>Gerade das Tiefste, der Weltboden, auf dem du mit all deinem Grübeln +stehst, ist in jedem Augenblick immer nur wieder ein Geschenk, das dir +verliehen wird, ohne daß du einen Grund weißt.</p> + +<p>Es ist, — mit der ganzen jubelnden Oster-Kraft, die den Fels von der +dunklen Höhle wirft.</p> + +<p class="center mtop3">Ende.</p> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="eng break-before"> + +<p class="mbot1">„<b class="s4">Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung</b>“ +vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft, +die aus Anlaß des <em class="gesperrt">Jahrhundertwechsels</em> die letzten hundert +Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Kulturgebieten +historisch-kritisch behandelt haben. Bisher sind folgende Einzelwerke +im Verlage von <b class="s4">Georg Bondi</b> in Berlin erschienen:</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Theobald Ziegler</b>, ord. Professor a. d. Univ. +Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Cornelius Gurlitt</b>, ord. Professor a. d. Kgl. techn. +Hochschule zu Dresden: Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Richard M. Meyer</b>, Professor a. d. Univ. Berlin: Die +deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Georg Kaufmann</b>, ord. Professor a. d. Univ. Breslau: +Politische Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Siegmund Günther</b>, ord. Professor a. d. techn. +Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im +19. Jahrhundert.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Franz Carl Müller</b> in München: Geschichte der +organischen Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Werner Sombart</b>, Professor a. d. Univ. Breslau: Die +deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert.</p> + +<p class="mtop1 mbot1">Die folgenden Bände der Sammlung sind <b class="s4">in Vorbereitung</b>:</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Heinrich Welti</b> in Berlin: Das musikalische Drama und +die Musik des 19. Jahrhunderts in Deutschland.</p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> <b class="s4">Paul Schlenther</b>, Direktor des K. K. Hofburgtheaters +zu Wien: Das deutsche Theater im 19. Jahrhundert.</p> + +<p><b class="s4">Colmar Freiherr v. d. Goltz</b>, General d. Infanterie: Deutsche +Kriegsgeschichte des 19. Jahrhunderts.</p> + +<p class="mtop2">Ein jeder Band umfaßt etwa 800 Seiten groß Oktav, bildet ein +abgeschlossenes Ganzes und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis +von M. 10.— (broschiert) und M. 12.50 (Halbfranz gebunden) zu haben.</p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before"><span class="bt">  Stereotypplattendruck von +<em class="gesperrt">F. E. Haag</em>, Melle i. Hann.  </span></p> + +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76878 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76878-h/images/cover.jpg b/76878-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c92714 --- /dev/null +++ b/76878-h/images/cover.jpg diff --git a/76878-h/images/signet.jpg b/76878-h/images/signet.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c5bbc75 --- /dev/null +++ b/76878-h/images/signet.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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