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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***
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+======================================================================
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+ Anmerkungen zur Transkription.
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+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
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+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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+ Emil Ertl
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+ Der Berg der Läuterung
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+
+
+ Der
+ Berg der Läuterung
+
+ von
+
+ Emil Ertl
+
+
+ [Illustration]
+
+ L. Staackmann Verlag / Leipzig
+ 1922
+
+
+
+
+ Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
+
+ +Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann,
+ Leipzig+
+
+
+ Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
+
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+
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+ Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen
+ Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern
+ Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen....
+
+ ... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen,
+ Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer,
+ Und der Geduldigste sogar -- zu flehen
+ Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr!
+
+
+ ~Dante~, Purgatorio.
+
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+ Inhalt
+
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+ Seite
+
+ 1. Die Sofapuppe 9
+
+ 2. Das Rotkehlchen 33
+
+ 3. Die Sphinx 115
+
+ 4. Der Mieter 187
+
+ 5. Die Zobelkinder 255
+
+
+
+
+ Die Sofapuppe
+
+
+Die alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die
+Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern
+nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war
+gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte.
+
+»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame.
+
+Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge
+Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand,
+trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière
+um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme
+zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des
+geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren
+blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem
+Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre
+sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der
+wiedereintretenden Zofe entgegen.
+
+»Kommt mein Mann mich abholen?«
+
+»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung
+fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in
+sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten. Er bittet die
+gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er
+das Auto herschicken.«
+
+»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame
+verstimmt.
+
+Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich
+übelgelaunt in die Kissen gleiten.
+
+»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und
+warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen
+Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten
+Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie
+lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe
+daheim.«
+
+»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte
+Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...«
+
+»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in
+ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause
+und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die
+wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft?
+Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl
+widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht,
+eine einflußreiche Persönlichkeit, der ich den Hof machen soll,
+damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht
+unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes
+Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so
+unliebenswürdig wie möglich zu sein.«
+
+»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die
+weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln.
+»Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen
+Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an
+Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.«
+
+Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause:
+»Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage
+verneint wurde, fast unhörbar das Gemach.
+
+Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame
+darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das
+der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise
+in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu
+lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu
+ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren
+schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des
+Brillantenkolliers wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen
+Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen
+ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung
+überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke
+zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr
+Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt
+anglotzte.
+
+In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für
+ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen
+Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der
+feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen
+als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte
+es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt
+dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht
+umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet
+war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie
+menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen
+gewußt hatte.
+
+Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono,
+Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem
+kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten.
+Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster
+aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und
+Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die
+kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu
+kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger
+Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein
+einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln.
+Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen
+ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck
+menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt.
+
+Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf
+sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war,
+als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf.
+
+»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich.
+
+Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den
+Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre
+Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke
+hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen,
+in denen etwas wie ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie
+begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde
+spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der
+Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So
+lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir
+die Zeit!«
+
+Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der
+Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor
+Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen,
+herzbewegenden Seufzer ausgestoßen.
+
+»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz
+deutlich.
+
+Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr
+hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte
+... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb?
+Erklär' es mir! Weshalb?«
+
+Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder
+gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke.
+
+»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie.
+
+Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du
+siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht
+nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir
+in meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend
+und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht
+viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und
+haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft
+angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun,
+der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich
+fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet,
+läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen
+Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des
+Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich +vis-à-vis de rien+
+steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim
+Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt
+sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten
+Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch
+überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener
+zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun,
+da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich,
+da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen
+du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse
+Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das
+heutige Leben zwischen den Menschen und ihren Schicksalen aufreißt,
+preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie
+ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!«
+
+Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die
+dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke
+gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken.
+
+Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen
+Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander.
+Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten
+Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern
+helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die
+Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie
+abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den
+Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der
+Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl:
+
+»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht
+haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden
+Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.«
+
+In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und
+suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem
+Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die
+gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte
+Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und
+Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann
+Larisch, Rudolfgasse 36!«
+
+»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die
+Limousine half.
+
+Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen
+an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die
+Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich
+in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht
+nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ...
+
+Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit
+stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine
+finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob
+Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte
+Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie
+über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer
+Klingel. Eine Frau, von der sie im herrschenden Zwielicht nur die
+Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr.
+
+»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?«
+
+»Bitte einzutreten.«
+
+In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte
+eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische
+lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben,
+Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige
+Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits
+zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat,
+aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen
+schon fertig da, aber noch ohne Körper.
+
+»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig
+aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte.
+
+»Ach so, Sie sind selbst --? Sie machen die reizenden Puppen, nicht
+wahr --?«
+
+In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie
+hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet
+außer Fassung.
+
+»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich --?«
+
+»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die andere ruhig. »Es
+ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«
+
+»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst
+einen Schüttelkopf --? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein
+herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?«
+
+Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine
+Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun
+damit, und für mich ist's bequemer so.«
+
+Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich
+~dazu~ entschließen kann --! Unser Haar, das gehört doch so zu
+uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!«
+
+»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich
+übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?«
+
+»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so
+in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es
+verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um
+dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet
+bist.«
+
+»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.«
+
+»Dein Mann ist -- Offizier?«
+
+»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst,
+wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die
+Nacht hinein.«
+
+Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander
+und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen
+wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser
+tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen,
+ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes
+Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber
+sich einander entfremdet hatten.
+
+»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das
+Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von
+dir hören lassen?«
+
+»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu
+tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte
+sie hinzu: Ȇbrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche
+Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in
+gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft
+zwischen jungen Mädchen.«
+
+Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte.
+
+»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir für Rivalinnen
+galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole -- du entsinnst
+dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen
+Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das
+steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das
+wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich
+die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit
+wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in
+der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend
+war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in
+so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe
+zusammensteckten.«
+
+»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das
+eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte.
+
+»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später
+bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.«
+
+Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?«
+
+»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich
+-- wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals
+wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen
+verstorbenen Mann kennen lernte.«
+
+»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend.
+
+»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten
+dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater -- du
+weißt ja wohl?«
+
+»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?«
+
+»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch
+eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein,
+wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.«
+
+»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend.
+»Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel
+...«
+
+»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut,
+wir kommen durch ... Und -- allein? O nein, ich bin nicht allein.«
+Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp
+am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein
+süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein --? Wie schade!
+Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige
+Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so
+bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben
+Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann.
+Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen
+war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich
+und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte
+aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich
+im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige
+Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein
+wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die
+innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht
+so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand.
+Verstehst du mich, Aimée?«
+
+Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie
+eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht
+hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange
+und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt,
+hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun
+plötzlich und nagte daran.
+
+»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß
+deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?«
+
+»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau
+Larisch unbefangen.
+
+Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre,
+gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry
+um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht
+ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen
+zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée,
+angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen
+wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür,
+daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen
+Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr
+Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch
+den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf
+zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich
+zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß
+sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen
+waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten.
+Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte
+Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des
+Stuhles, sich festzuhalten ...
+
+Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was
+ist dir?«
+
+»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül -- hier in der Nähe des Ofens.
+Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein
+Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch
+gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?«
+
+Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens
+ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging.
+Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie
+begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in
+jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein
+wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit
+gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung
+gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen
+-- ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.«
+
+Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke
+durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt,
+nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz,
+einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung,
+in der sie hauste, doch das Gegenteil. Und diesen albernen Stolz
+zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des
+Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse
+Genugtuung gewährt. Aber Geld --? Das konnte mit Recht verletzen.
+Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen,
+das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem
+die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch
+zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare
+Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische
+stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und
+Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter
+Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl
+der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz
+derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall
+vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre
+Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war
+zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins
+Zimmer.
+
+Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes,
+das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich
+ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und
+warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes
+getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden
+Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine
+aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an
+Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...
+
+Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen,
+als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend,
+faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie
+hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer,
+flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie
+den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend
+und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.
+
+Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich
+befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den
+Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken
+sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er
+hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung
+hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat
+er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den
+Lackschuhen bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und
+etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den
+Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die
+Blöße erspäht.
+
+»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«
+
+Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.
+
+»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber
+was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«
+
+»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«
+
+»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«
+
+»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!«
+sagte er brutal.
+
+Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.
+
+»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ...
+Wenn ich nur wollte ...!«
+
+Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber
+darum nicht minder infame Drohung.
+
+»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«
+
+»Ich lasse mich nicht zwingen.«
+
+»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!«
+
+»Dann geh' allein!«
+
+»Das will ich tun.«
+
+Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos
+nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die
+Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf,
+ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen
+davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor.
+
+»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,«
+sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich
+in ihr Zimmer zurück.
+
+In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin,
+in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar
+kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und
+stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke.
+
+In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was
+faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und
+wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!«
+
+Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und
+richtete die glänzenden schwarzen Perlen ihrer Augensterne auf sie,
+mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame,
+warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.«
+
+Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es
+an die Tür. Es war die Zofe.
+
+»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort
+und persönlich in Ihre Hände zu legen.«
+
+Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr
+entgegen ...
+
+
+
+
+ Das Rotkehlchen
+
+
+»Meine alten Tage die hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte
+Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern.
+Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon
+etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune
+hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine
+Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«
+
+Immerhin --! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt
+hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb
+die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein
+ausschweifender Märchentraum?
+
+Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht
+geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und
+daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe -- »man«, jener
+dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts
+verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«,
+das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die
+gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die
+hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens)
+eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf
+dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten sich die hohen
+Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört,
+Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre
+Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und
+Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan«
+das Fell über die Ohren zu ziehen.
+
+Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja
+an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht
+fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines
+Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte?
+Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er
+in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen
+Gemeinschaft gewesen?
+
+Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein
+Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude
+und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten
+sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst
+noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins
+geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen,
+die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa
+bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der Geschäftsladen
+sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen,
+manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei,
+angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse
+Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die
+kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt,
+die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und
+nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel
+köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« -- wie der
+Volksmund ihn getauft hatte.
+
+Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr,
+in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu
+einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn
+so ausgesucht und köstlich ~hatten~ sie bloß geschmeckt, all die
+erwähnten ambrosischen Näschereien -- einst, vor Jahren, in besseren
+Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie
+schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und
+der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe
+zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in
+jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein
+und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und Tellermütze
+hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze
+funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der
+er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen,
+Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln,
+Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen
+Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar
+(nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß
+auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht
+länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen
+Weltfreude öffnete.
+
+Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!
+
+Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide
+konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine
+ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während
+der Tochter -- Anna hieß sie -- immer nur ein munteres Liedchen auf
+den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie
+trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie
+sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr
+ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige
+und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.
+
+Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das
+Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr
+Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie
+dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte,
+das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!
+
+Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte
+einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf
+einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein
+Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein
+Henkeltöpfchen für die Küche -- die kleinste Selbstverständlichkeit
+erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche.
+Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas
+abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten.
+Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen
+freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch -- ein merkbarer
+Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen.
+Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht
+ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas
+Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen?
+Der Schnaberl mit seinem kleinen, behutsamen, etwas schwermütigen
+Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine
+jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren
+ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch
+gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.
+
+Aber der häßliche Gedanke -- so rasch aufgeblitzt, war auch schon
+im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein
+argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm
+treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war,
+schnöde verschachern?
+
+Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was
+hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus
+ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz
+besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man
+zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als
+Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig
+aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem
+Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht
+war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer
+Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron«
+genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten
+Eltern sein. Und nun --! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der
+unwürdige Einfall?
+
+Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und
+daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven
+verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser
+lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit
+Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die
+nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die
+Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und
+dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen
+einen noch die eigenen Kinder aus, oder -- in Anbetracht des schuldigen
+Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna
+es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als
+kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers
+Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder
+aus den Wolken hervorspitze.
+
+All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen
+verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte
+Herr Ziervogel mit scharfer Bürste Herz und Nieren von allen
+Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank
+glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner
+Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich
+abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung
+hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des
+Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das
+Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand?
+Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn,
+so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser
+wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich
+einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und
+das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.
+
+Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und
+machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt
+er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen
+Erde!«
+
+Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne
+Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie
+sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den
+Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer Zeit ein kleiner Junge
+krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß
+Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen:
+»Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«
+
+Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins
+Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends
+erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug
+ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin,
+oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein
+schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen
+gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben
+(und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl
+zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig
+dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit.
+Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für
+Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und
+ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.
+
+Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die
+Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der
+Vater ihr erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und
+daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht,
+daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde,
+sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er
+erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr
+erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck,
+welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten
+Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und
+sorgenvoller blicken.
+
+ * * * * *
+
+Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die
+Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der
+Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der
+einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und
+sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso
+armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem
+städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.
+
+Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen
+gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und
+dort, in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt,
+angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen
+hiervon -- waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger
+Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu
+Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den
+vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich
+vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.
+
+Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam,
+Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes
+Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie
+antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen-
+und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt,
+treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden
+Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube,
+mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und
+gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder
+die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt
+von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in
+die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend,
+zitternd, der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in
+der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen
+und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten,
+Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen,
+Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich
+wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen
+oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen --
+und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig
+unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.
+
+Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch
+an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die
+Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften
+und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht
+gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler
+eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht
+zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie
+sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches
+dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll,
+der an der Drehbank steht.
+
+Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene und allmählich
+schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch
+die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden
+konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies.
+Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein
+sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt
+ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht
+minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu
+spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch,
+das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon
+ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf
+und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die
+schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen
+mußte.
+
+Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen,
+gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen.
+Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so
+gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an,
+mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen
+Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir
+aus!«
+
+Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte
+verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem
+Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher
+Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen,
+die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf
+schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der
+Magen darbte.
+
+»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes
+ahnend. »Wie meinst du das?«
+
+Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine
+Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen
+soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu
+verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht
+hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst
+du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit
+davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden
+hat man ohnedies schon dick satt -- nicht wahr? Nun, und so steigt man
+halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«
+
+Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort.
+Die Worte des Freundes gingen Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie
+veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den
+Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen
+Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann:
+er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes
+Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch
+immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur
+diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als
+Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder -- um
+lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter
+war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß
+das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte
+herrühren können.
+
+Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er
+sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt
+und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde
+irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft
+wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der
+Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie
+gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse
+gespannt hatte -- denn aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser
+passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen
+haben, lieber unterdrückt werden.
+
+Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben,
+das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit
+der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher
+noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die
+Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien
+ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die
+Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines
+aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei.
+
+Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst
+ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau
+so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch
+dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange
+sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten,
+spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem
+Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie
+an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel,
+das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme
+und Enteignung des feindlichen Kügleins führte. Und sogar in ihrem
+Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen
+ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit
+Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz
+des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen
+die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden
+oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen
+aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten
+Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher
+entzückten.
+
+Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie,
+Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte,
+war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich
+einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen,
+weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen
+erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der
+Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren
+und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden
+sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller
+Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht
+leichtsinnig und wie kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern
+hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in
+Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster
+Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste,
+was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere
+Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen
+es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein
+einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel-
+und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten,
+erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht
+gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur
+Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das
+Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise
+hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade
+anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier,
+oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man
+einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen,
+wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das
+Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte.
+
+Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam erarbeitete Wohlstand
+über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch
+der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister
+aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe -- denn einen
+Regenschirm besaß er längst nicht mehr -- neben dem breiteren und
+noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen
+den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er
+doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein
+Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines
+halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner
+verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den
+bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben
+schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem
+Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder
+seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle,
+beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht
+mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn
+unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es
+nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen
+dagegen, es zu verstehen ...
+
+Auf dem ~Hinweg~ ins Amtsgebäude nämlich. Und auf diesem ganzen
+langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch
+einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm
+nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das
+war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden
+später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen,
+den Heimweg anzutreten.
+
+So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu
+beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen,
+das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu
+erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte
+ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre
+nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte
+umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den
+sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der
+polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo
+die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene
+Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung
+nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie
+ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um
+Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug gestempelt hatten; 7. die
+vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen
+vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei
+Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung
+mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten
+gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche
+Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt
+zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt
+worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe
+abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war,
+sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.
+
+Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie
+auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich,
+sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen,
+und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder
+Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.
+
+Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel
+in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten
+Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit
+(leidender Form) wieder auf die Straße heraustraten. Ein lebendiger,
+riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei
+dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln
+und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu
+werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines
+Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und
+Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das
+ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt
+war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten
+an den Wänden -- so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht
+zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem
+Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen
+mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern!
+Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen
+und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte.
+Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes
+entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm
+hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das
+ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde,
+dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten Haltestelle
+sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen
+Strom der gleitenden Erscheinungen ...
+
+Aber plötzlich -- Wunder über Wunder! -- was schwebte seinen
+abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen
+da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es -- eine Luftspiegelung hatte
+es ihm vorgegaukelt -- ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen
+braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft
+leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres.
+Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten!
+Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch,
+wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das
+sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu
+verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar?
+Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler
+nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen
+hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste
+Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu,
+alles Überflüssige blieb verpönt!
+
+Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach
+irgend einer kleinen Ausschweifung brachte ihm unversehens das Lied
+ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen
+helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und
+-- hol's der Geier! -- einmal wollte er sich noch des Lebens freuen,
+eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum
+Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und
+einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn
+er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen --
+einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur
+dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben,
+ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal
+bloß, ein einziges Mal noch im Leben!
+
+»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum
+Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause --«
+
+Er zog die Uhr, wollte sie ziehen -- und griff ins Leere!
+Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein
+... er knöpfte den Überrock auf -- um Gottes, Christi, Himmels willen!
+
+»Bock --! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ...
+Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr --!«
+
+Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle goldene Uhr!
+Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch!
+Die wertvolle goldene Kette auch!
+
+Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf
+Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude,
+meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm;
+wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.
+
+»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend
+hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No
+also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht
+erwischen!«
+
+Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der
+Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an.
+Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab
+und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen
+Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet,
+daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu
+benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle
+beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das
+langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.
+
+»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte
+Bock verdrossen.
+
+Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich
+schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und
+hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war,
+ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen
+Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige
+und -- im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers -- etwas gewalttätige
+Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...
+
+Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde
+jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich
+auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am
+Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der
+Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur
+Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige
+Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich
+mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur
+Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen
+Überredung zurückwich.
+
+Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen
+fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit
+im Höllenpfuhl weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften
+Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan,
+an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten
+wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich
+die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen
+damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die
+vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel
+und Bedenken so ziemlich überwunden.
+
+Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen
+Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten
+die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem
+feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der
+geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil
+brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch
+aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden
+trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden
+Behausung zu erkennen gab.
+
+ * * * * *
+
+Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut'
+besorgen kannst, auf morgen; während sein Freund im Gegenteil dem
+Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich
+für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister
+nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst
+einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann
+nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade
+übereilt zu werden brauche.
+
+Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art
+Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten
+wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um
+Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat
+tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke,
+in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und
+man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen
+Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen
+jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß
+der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für
+zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde
+nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen
+selbstverständlich.
+
+In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der
+wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild
+und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern
+hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines
+Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch
+dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem
+Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig
+an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie.
+Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich
+schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen
+hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige
+Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar
+auf dem Fußboden überraschenderweise -- denn wie lange schon war kein
+Strahl Sonne zu sehen gewesen! -- urplötzlich eine grelle Lichttafel
+ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu
+halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise
+ertönen -- das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie ~jubelnd~
+ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich
+herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten.
+Vergeblich! Es schwebte trotzdem jener gewisse Hauch von Schwermut
+darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen
+ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich
+nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.
+
+Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht
+recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine
+ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch
+noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das
+halbunterdrückte Lachen -- sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt
+und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es
+war, urkomisch vor --; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch
+um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie
+das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll.
+Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur
+Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus
+dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins
+Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den
+Schnabel stopfte.
+
+Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich,
+einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit
+kläglicher Stimme: »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die
+entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«
+
+»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,«
+sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und
+widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben
+hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen
+anfing, die Hände auf dem Rücken.
+
+»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich
+überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«
+
+»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen.
+»Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich
+ebensogut dabei.«
+
+»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz
+wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen
+Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«
+
+Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene
+Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach
+sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn
+bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich
+brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und daß der
+Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er
+selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den
+hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er
+nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte
+sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer
+miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um
+die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater,
+wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling
+seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne
+vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«
+
+Erschrocken hielt sie inne.
+
+»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen
+Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's
+besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? --
+gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie
+fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden
+noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die
+Sonne« -- er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß,
+auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt ebenso
+plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton
+frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist
+sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«
+
+Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles
+bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu
+entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein
+Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete?
+Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber
+nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten
+Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen
+Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der
+Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand
+zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.
+
+Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das
+Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden,
+und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien
+zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung
+gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine
+Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das
+unwillkürliche Bedürfnis fühlt.
+
+»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«
+
+»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne
+Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich
+dich.«
+
+»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der
+Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen
+Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte.
+Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich
+mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal
+mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte
+er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine
+Schuld einfordern kommt!«
+
+Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch
+niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der
+Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch
+einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem
+Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und
+schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende
+Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters
+entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht
+antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme
+unglaublich rasch über so etwas hinweg.
+
+Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das
+Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts
+Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man
+Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es
+auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu
+nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber
+die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht,
+weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie
+ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum
+bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich
+rechtzeitig zu empfehlen.
+
+»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er,
+»daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch
+länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«
+
+»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel,
+schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.
+
+»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht
+lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein
+Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien
+versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und
+plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum -- glaubst du, das
+störe seine Laune? Ich -- obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich
+bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk',
+wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft
+--! Und er --? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so
+wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht
+ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran -- kannst du das für möglich
+halten? -- Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«
+
+Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen -- die
+Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts
+von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte
+die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde
+doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.
+
+»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,«
+sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.
+
+»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm
+entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so
+wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten -- wie? Ein
+Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ...
+Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses
+miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die
+Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,«
+wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«
+
+»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der
+andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.
+
+»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die
+beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht
+einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare
+Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals
+her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder
+waren.«
+
+»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines
+Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«
+
+»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel
+trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal
+Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus
+rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz
+widerrechtlich ...«
+
+»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der
+Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher
+ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen
+Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«
+
+»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen
+Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt!
+Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht.
+Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann
+konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war
+es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«
+
+»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen
+verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die
+vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,«
+loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich
+... mit dem ...«
+
+Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren
+Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt
+sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts
+voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern
+soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen,
+daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse
+umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und
+da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die
+Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt
+nie ... Das heißt --« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles
+nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit
+er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht
+mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«
+
+»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu
+vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her,
+sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«
+
+»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,«
+bockte Bock dagegen.
+
+Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und
+Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu
+lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder
+Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar
+so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem
+Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle
+recht bedauerlich.
+
+Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich
+das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum
+Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm
+durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in
+einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne,
+die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden.
+Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei,
+erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.
+
+»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja
+keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder
+sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende
+Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu
+Großvätern machen könnten!«
+
+Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er
+hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem
+könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht
+würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an.
+Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte,
+lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter
+den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für
+solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich,
+indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand,
+allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die
+Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier
+übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes
+Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die
+Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes
+Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.
+
+Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand
+ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft,
+die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein
+nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er
+meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich
+nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst
+noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater
+Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß
+sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft,
+wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um
+in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten
+des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans
+Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus
+denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen
+hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen
+darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos
+vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war
+er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu
+schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu
+verschließen.
+
+Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als
+zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen,
+wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das
+Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war
+und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen
+Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich
+in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch
+die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem
+Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und
+schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete,
+schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben
+zu verwechseln -- mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei
+drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust
+schwenkend.
+
+Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte,
+handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges
+Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab
+sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig
+alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich
+nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges
+Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen
+Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit
+so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber
+genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu,
+und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden,
+wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«
+
+Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor
+die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene
+Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest
+die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag
+gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im
+ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht
+ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis
+genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn
+gehört hätten, die der treue Kamerad -- ein Großindustrieller, der die
+Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt -- nach erfolgreich abgelegter
+Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde
+die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und
+künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen
+mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen
+und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht
+auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des
+Familienglückes.
+
+Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber
+bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise
+lag -- was noch niemals vorgekommen -- auf eines jeden Tisch ein
+Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht
+zum Essen, habe auswärts zu tun!«
+
+Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater
+während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche
+Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber
+so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die
+Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit
+des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie
+sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter
+und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu
+finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen
+Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht
+gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem
+Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.
+
+»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie
+vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen
+kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit
+wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu
+echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das
+große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und
+ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein
+könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn-
+und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen
+Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich
+leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß
+der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns
+den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll
+mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe
+nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften
+kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei
+gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen
+unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll
+man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch,
+lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn
+ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen
+Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier,
+eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch
+noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles
+andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären
+wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar
+soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen
+Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen.
+Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man
+dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am
+besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und
+einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen
+Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er
+vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu'
+pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg,
+damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle
+deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung
+benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's
+stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres
+nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder,
+bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich,
+heimgekehrt sein.«
+
+Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig
+nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne
+hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich
+die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich
+sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung
+scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur
+Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der
+Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte
+sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie
+hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten
+Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne
+seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine
+halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken.
+Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt
+und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte,
+wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er
+sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande.
+Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß
+dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an
+seine hehre Aufgabe hingibt.
+
+ * * * * *
+
+Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie
+rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem
+Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht
+Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen
+zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung
+stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner
+goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde
+wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend,
+daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem
+Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus
+länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener
+Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen
+Gugelhupf zu backen.
+
+Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben
+war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der
+gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich
+der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit
+zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage
+gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war,
+Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze
+Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den
+Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie
+sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu
+schreiten.
+
+Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand,
+den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken
+Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in
+Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn
+besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie
+es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den
+Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in
+den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht
+gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller
+Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem
+Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald
+und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie,
+unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will
+ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«
+
+Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß
+eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte,
+so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie
+vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er
+sich.
+
+»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins
+Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein
+Gitter, immer ein Käfig ...«
+
+»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit
+einem Blick in die Ferne.
+
+Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt,
+seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte,
+dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon,
+daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte,
+die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß
+jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst
+und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit
+sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher
+Verklärung leuchtete.
+
+»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh
+werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der
+höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf
+den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!«
+bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«
+
+»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna
+behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«
+
+»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix.
+»Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«
+
+Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals
+von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben.
+Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in
+seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden
+haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach
+Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte
+in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft
+ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein
+Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es
+blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder
+Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache
+sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.
+
+So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des
+armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr
+Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen
+würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig
+in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah
+ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet
+werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie
+mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden
+Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.
+
+Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich
+der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem
+anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in
+der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...
+
+In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der
+Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher
+Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten
+grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch
+bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung
+sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel
+wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern
+entstieg dem gewaltig hinziehenden Strome, der hier wohl an die
+vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll,
+von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich
+halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im
+Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht
+herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem
+goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große
+Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am
+liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort
+von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine
+Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger
+Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh
+verwandelte Jo.
+
+»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto
+schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl
+ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu -- in einer
+halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf
+drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also
+aufgepaßt! Eins ... zwei ...«
+
+»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst
+dir die Sache einfacher vor, als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der
+Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das
+Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund,
+am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue
+Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die
+Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei
+bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl
+so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht
+zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin
+hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch
+allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei
+Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll
+gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht
+ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was
+anderes ausdenken.«
+
+»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob
+du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen
+Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst.
+Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen?
+Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein
+Ende zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde
+hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter
+hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo
+statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst
+zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt,
+noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie
+einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte -- ich habe
+nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen.
+Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter
+an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem
+Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es
+bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß
+einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im
+entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene
+Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und
+mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich
+über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und
+kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle
+des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir
+gefällt, und was du nicht lassen kannst!«
+
+Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde.
+Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während das
+Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren
+eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß
+sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des
+Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte
+Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht
+nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens
+vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt
+dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst,
+von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage
+der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher
+Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die
+süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker
+trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten
+schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und
+ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres
+Jenseits auftun?
+
+Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel,
+blankgescheuert von der langen Regenzeit, auf die frischbegrünten
+Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom
+rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag!
+Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des
+unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen
+trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über
+dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und
+Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in
+den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu
+begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses
+Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit
+loszureißen, trotz alledem und alledem!
+
+Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis
+dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem
+Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In
+einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte,
+hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine
+Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte
+sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber
+der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum
+kräftig zu betonen liebten. So kam's, daß er auf negerfarbige
+Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten
+mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität)
+unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in
+weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt
+ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen
+Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen
+wie jene vielbesungene Wacht am Rhein.
+
+Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und
+nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden
+durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein
+wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch.
+
+»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im
+Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die
+Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich
+ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die
+Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke
+hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich
+bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der
+Schwimmschule keinen schöneren verübte.«
+
+Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und
+Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute
+Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch
+behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem
+solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich
+erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er
+stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen,
+wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst
+ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so
+wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe
+sehnte.
+
+Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung
+nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer
+Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen
+Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte
+jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches
+Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde,
+und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel
+ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich
+ins Leben zurückködern ließe, kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß
+am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er
+zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes
+durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es
+auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert,
+und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das
+hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden
+Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein
+Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die
+Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs
+an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so
+erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der
+höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war.
+
+Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock,
+und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder
+Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem
+Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's
+in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe
+ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch
+mein süßes Zuckerkindchen, meinen teuren Liebling, meinen Augapfel,
+mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben
+versorgt.«
+
+Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die
+Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der
+Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen
+mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft
+inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch
+die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig
+und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der
+süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich
+war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf
+unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen
+der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche
+Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch
+empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen.
+
+Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas
+Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur
+Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem
+stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte,
+nichts weiter zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe,
+allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine
+Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich
+und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem
+zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele
+die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und
+der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem
+Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften
+aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits
+aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich
+sei.
+
+»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß,
+der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt
+nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der
+Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es
+mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann
+um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute
+versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und
+auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz
+gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«
+
+Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade
+ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in
+den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die
+Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in
+solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von
+Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst
+von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein,
+hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch
+zuzuziehen.
+
+Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des
+Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße
+her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf,
+böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter,
+die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos
+Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht
+groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust
+ballte.
+
+»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne
+beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn
+das Brot teurer wird!«
+
+Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht, hatte es aber mit
+der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen
+zogen tatendurstig an ihnen vorüber!
+
+»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die
+Laterne!«
+
+Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen
+aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die
+bittere Leber.
+
+»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit
+sein?«
+
+Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust
+wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden
+Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es,
+die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß
+sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem
+besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler
+untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich
+in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine
+grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne
+träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während
+außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte.
+
+Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere beharrlich weiter
+grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und
+frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich,
+beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten.
+Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich
+aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen
+soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche
+durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders
+war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen«
+war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte,
+es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in
+diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und
+erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen
+entgegen.
+
+Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit,
+daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für
+verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand
+Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie
+ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und
+gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein
+Pfeil davonsausen. Statt dessen flatterte das armselige Vögelchen
+ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es
+nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen
+Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem
+Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich
+haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon,
+wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und
+eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich
+gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der
+gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man
+ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich,
+er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit.
+
+»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir
+ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt
+findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück
+und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln
+hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.«
+
+Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man
+entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem
+Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks und versuchte
+nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber
+er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und
+bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her,
+immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen
+konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der
+blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts
+und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch
+eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen
+Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde
+gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete,
+diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und,
+plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um
+sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen.
+Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit
+Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war
+für Ziervogel das Werk eines Augenblicks.
+
+Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus
+dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann,
+der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie
+wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen Anlagen strafbar
+seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen
+Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten
+aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? -- Und Sie?
+-- Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock -- eine saubere Firma!
+Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib'
+ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden
+Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe
+davonkommen!«
+
+Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder
+im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit
+bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem
+wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg
+stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen
+geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen
+hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht
+übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite
+war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an,
+wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem
+süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne
+Ziervogelsche Familienangelegenheit und ärgerte sich im stillen
+gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer
+empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe,
+und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel
+seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den
+Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig
+diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht
+haben.
+
+Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im
+Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe
+hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären
+wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und
+damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen,
+fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als
+Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten.
+Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und
+staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit
+Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein
+feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die
+ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu
+harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in
+Feiertagskleidern und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden
+Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich
+als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen
+Segen erbittend.
+
+Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und
+bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich
+vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte
+(bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner
+Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen,
+was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig
+den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt
+lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche
+parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung,
+während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten
+Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock
+unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür
+eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte.
+
+Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit
+heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber,
+lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen
+nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen
+aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen
+Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich
+verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters
+jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich
+sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe,
+vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach.
+Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun
+auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine
+Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die
+dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser
+als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen.
+Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß
+die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen
+könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll
+des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb,
+liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in
+Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird
+bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen,
+euer Alter freundlicher zu gestalten, als es in den letzten Jahren
+gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft
+nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden
+Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch
+denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen
+unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und
+unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer
+neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit
+und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.«
+
+Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren
+auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab
+man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm
+noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees
+ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm
+den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend
+den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber
+hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden
+ist?«
+
+»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie
+warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir
+uns, wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel
+verdienen können?«
+
+Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb
+bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und
+kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist
+tatsächlich nicht unterzukriegen!«
+
+Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein
+getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf
+einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus.
+
+Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die
+doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet
+begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung
+solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf
+Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die
+alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht
+begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im
+Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß
+ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee
+geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden.
+
+»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als du,« wendete Anna, nun
+ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht
+die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was
+ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig,
+befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene
+Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das
+du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies
+bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist
+mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein,
+weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind.
+Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht
+entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von
+der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,«
+schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte
+und für immer verschollene Marmorkugerl!«
+
+»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre Hand küssend, griff in die
+Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor
+vor sie auf das Tischtuch.
+
+»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies
+teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt
+als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt
+in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine
+Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in
+den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.«
+
+Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern
+hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß
+niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am
+wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine
+Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan.
+
+Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel
+empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt
+durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als
+Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis
+fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas
+schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er plötzlich
+ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht
+zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder
+gesichert in seinem Käfig zu sitzen.
+
+»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein
+lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit
+wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?«
+
+»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde
+verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht
+geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz
+offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!«
+
+»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!«
+bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben.
+»Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu
+gestehn« -- er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und
+flüsterte ihm ins Ohr: »~Ich auch nicht!~« Und ebenfalls in
+unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und
+du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht reif für die Freiheit!
+Ha, ha, ha ...!«
+
+»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die
+Freiheit!« gröhlte Ziervogel.
+
+»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen
+fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde
+ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!«
+
+Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten
+begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen
+glüht ...«
+
+Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten,
+war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der
+Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im
+Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß
+das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben
+würde.
+
+In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den
+Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat,
+als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke
+Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und
+stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es
+fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen
+von sich gab -- schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie
+sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder
+los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten.
+
+Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke,
+stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der
+Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie erinnerte
+sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge
+sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu
+schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht
+sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ...
+
+Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten
+und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das
+bedeutet: der Glückliche ...«
+
+
+
+
+ Die Sphinx
+
+
+Es war noch in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal,
+wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem
+hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt,
+mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine
+Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr
+heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt
+mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte
+und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir
+gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen.
+Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl
+pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich
+mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die
+ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen,
+und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren
+Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu
+einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.
+
+Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte,
+befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen,
+aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die
+ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als
+zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von
+guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch,
+vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die
+Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß,
+daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz
+unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit
+ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem
+sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine,
+im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch
+entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes
+fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden
+Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten
+Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter
+Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen
+Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz
+zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der
+Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich
+sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten
+Frau hätte sein können.
+
+Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht
+eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht,
+je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter
+gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals
+sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um
+nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet
+sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich
+ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine
+Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille,
+verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man
+hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem
+mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam
+weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso,
+als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr,
+zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm
+her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder
+benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich
+nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie
+ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit
+seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob. Äußerlich
+zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender
+Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich
+vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt
+hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum
+Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien
+sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern
+wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an,
+als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf
+dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens,
+stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut
+miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen
+Blick miteinander getauscht hätten.
+
+Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen
+Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf
+mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte
+eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und
+stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche
+gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen,
+meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu
+plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja
+immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus,
+wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil
+nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir
+wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich
+die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu
+betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender
+Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja
+ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer
+liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.
+
+Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich
+stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein
+angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte,
+erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der
+Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die
+völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche
+Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte
+er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar
+wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt
+war, und zum Widerspruch gereizt die Seite der Gegenpartei ergriff,
+indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher
+Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen
+meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte,
+als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und
+unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall,
+den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der
+hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich
+allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch
+Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm,
+in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu,
+die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in
+einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine
+bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen
+Tag bei ihm ausharren würde.
+
+Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem
+ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung.
+Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen,
+so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das
+unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte mir, daß ihre
+vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der
+alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens
+zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm
+während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir
+auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von
+einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite
+eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr
+hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang
+andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin,
+unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit,
+ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen
+von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden.
+Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen
+Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine
+ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich
+phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen:
+gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam
+auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige
+Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich
+fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine mitleidige Teilnahme eher
+dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen
+hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung
+richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem
+Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen
+Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.
+
+Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener
+stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde
+an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt
+die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen
+sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so
+dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt.
+Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um
+so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem
+wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben
+die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen,
+und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu
+glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen
+Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein
+bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben nicht umhin
+konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und
+ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges
+mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung
+verlassen hatte.
+
+Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich,
+zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten
+Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt
+begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem
+Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die
+Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien
+die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als
+hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914
+uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General
+sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals
+ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm
+zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei
+kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen
+Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am
+Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen
+bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden.
+Es genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst
+gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten
+ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in
+den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos
+gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich
+drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht
+anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still
+und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines
+Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte
+sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus
+dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife
+zu schürzen sich bemühte.
+
+Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei
+diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und
+gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen,
+die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst
+Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen.
+Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen
+von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden
+abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter, sich selbst
+und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde
+dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der
+Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen
+verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen
+abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und
+die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser
+mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen
+einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals
+berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich
+mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen,
+daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben
+wollte.
+
+Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die
+Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten
+Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab
+es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn
+sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen,
+im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl
+vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit,
+von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer
+unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher,
+rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten
+hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor,
+auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener
+Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit
+eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste
+Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand.
+Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich
+im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich
+wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig
+erduldeten Dienstbarkeit -- es war doch einer jener großen, suchenden,
+von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele
+aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die
+überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn
+ich mich nicht gänzlich täuschte.
+
+Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich
+naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche
+Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte
+mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb
+es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig
+aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden
+Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte
+ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie
+die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln,
+er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich
+weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff,
+je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.
+
+Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen
+angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam,
+in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre
+grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte
+es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer
+Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat,
+sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche
+Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen
+beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme
+der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig,
+einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und
+seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung
+zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz
+besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund
+aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen
+roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen
+Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch
+gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des
+glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns
+gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo
+wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten
+und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr
+voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.
+
+Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach
+der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt
+hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der
+unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein
+Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben
+haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf
+dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum,
+oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten
+Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen
+gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er
+unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber
+auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine
+vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich
+in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus
+der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im
+Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen,
+hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten
+Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch
+wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den
+Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend
+fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend
+ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft,
+die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen
+der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit
+einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft
+zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und
+wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein
+lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.
+
+Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen
+Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam
+auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht
+versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm
+als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit
+führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede
+Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es
+dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum
+verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants
+aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht
+des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie
+gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen
+die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum
+der Evangelien« -- dies war der Ausdruck, den er gebrauchte --
+hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur
+der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche
+er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt
+antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir
+lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre
+Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde
+wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs
+von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt
+gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen
+Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer
+schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener
+Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit,
+wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren
+oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So
+fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und
+schöneren Zukunft.
+
+Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu
+zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen,
+der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die
+vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer
+Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt
+gelten mochte.
+
+Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale
+Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster,
+die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als
+mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die
+die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung
+dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne
+Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen,
+erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners
+lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da,
+kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte
+ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen
+wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein
+Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen
+teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah,
+wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit
+begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete,
+ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten,
+wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches
+Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der
+verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt
+wurde.
+
+Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf
+einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was
+Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen.
+Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich
+regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme
+für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere
+Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam,
+was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen
+Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der
+Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein
+mochten -- wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die
+entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen
+und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß
+auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes
+Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn
+sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen
+und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit
+bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung
+gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der
+muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen
+ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze,
+wo das Menschenmögliche endet -- tausendfach und eindringlicher als
+je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit
+denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen
+im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen,
+um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich,
+in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger
+einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen
+Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden,
+als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung,
+Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten
+miteinander gewetteifert -- so lange in all solch frommem Abbruchtun
+und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis
+diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages
+durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten
+Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra
+geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und
+Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt
+antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt,
+läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der
+Weltlust verschlungen zu werden.
+
+Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der
+Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald
+kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in
+das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu
+begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu
+meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor,
+wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht
+eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen
+Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie
+durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt,
+bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen
+überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem
+er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine
+Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser
+Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von
+heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten
+Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin
+und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in
+der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte
+und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung
+wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem
+leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten
+berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal
+hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles,
+was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein
+Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer
+Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach,
+das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen
+Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen
+mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es
+setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum -- denn das
+Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich
+nicht in Begriffe fassen -- allmählich die Überzeugung in mir fest, daß
+sie seine Geliebte sei.
+
+Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen
+mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende
+Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig
+und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer
+aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns
+eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend
+ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach
+des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine
+»Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug
+in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht
+nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so
+daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen
+Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften
+und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar
+frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer
+konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen
+Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich
+selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf
+seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.
+
+Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der
+Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam
+verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf.
+Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht
+auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.
+
+Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum,
+daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die
+erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich
+übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick;
+etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt
+und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir,
+so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen
+einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind
+oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge
+enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer
+erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns
+gezwungen sehen, anzuklagen.
+
+Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen,
+irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders
+auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie
+trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei
+einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines
+Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten
+General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette,
+die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines
+Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem,
+goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen
+Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei
+mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte.
+Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei
+dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick,
+den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem
+Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der
+kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein
+gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort
+wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette
+baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der
+Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.
+
+Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte
+bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es
+nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand
+von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten.
+Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den
+hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte,
+ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um
+es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und
+schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte
+dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein
+auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher
+Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht
+etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer
+moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen
+Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten
+Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß --
+was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab
+für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich
+wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie
+abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.
+
+Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen,
+verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu
+erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten
+Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte
+er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig -- so was füttern
+wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen
+könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da
+antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«
+
+»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine
+Forderungen gründest?«
+
+»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«
+
+Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte
+mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in
+letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.
+
+»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.
+
+»Bedauernswert!«
+
+»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«
+
+In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt.
+»Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen
+lassen.«
+
+Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte:
+»Was bringst du mir?«
+
+»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie
+vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das
+heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt
+ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es
+brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«
+
+Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:
+
+ +We quench our longing, that we may be still,
+ Content with merely living,
+ But would we learn our hearts full scope,
+ Our lives must climb from hope to hope
+ And realize our longing.+
+
+»Das +would+ macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda
+nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche
+Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn
+doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das
+Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre
+wahre Natur sich frei entfalten.«
+
+»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes
+dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur
+allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der
+Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher
+herausarbeiten.«
+
+»Hast du eine Übersetzung versucht?«
+
+»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen
+ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an
+mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so
+sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in
+den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen,
+als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden
+Sie selbst.«
+
+Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:
+
+ Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen,
+ Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben,
+ Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte.
+ Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben
+ Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte,
+ Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen,
+ Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.
+
+»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung
+und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir
+ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. -- Nun wollen wir aber
+auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens
+fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«
+
+Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen
+wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als
+beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig
+genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir
+den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen
+Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und
+auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann
+der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß
+ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon
+ungehalten sein.«
+
+Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein
+menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die
+Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er
+heftig.
+
+»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer
+Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen
+wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.
+
+»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze
+Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch
+-- was sinkt, soll man stoßen!«
+
+Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im
+Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden
+würde.
+
+Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber
+inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art
+kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst
+fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt
+er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr
+leisten!«
+
+Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer
+bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon
+die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen
+Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht
+gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter,
+die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen
+schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...
+
+Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort
+nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und
+sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen
+geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt
+antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse
+unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit
+dem Elend, gehört es -- wenigstens für hochstehende Menschen -- nicht
+auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich
+unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener
+vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit,
+der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir
+als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man
+bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie
+etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als
+Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht
+eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle
+von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und
+den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher
+die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre
+Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci,
+der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen -- ist
+der etwa ein empfindsamer Schwächling?«
+
+»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda
+trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«
+
+Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte
+auf alle Fälle meinen Eifer.
+
+Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren
+Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind
+unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie
+fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen,
+zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart
+und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte
+und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«
+
+»So gibt es doch noch eine Pflicht?«
+
+»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten
+Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns
+bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«
+
+»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in
+Widerstreit gerät?«
+
+»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und
+sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch
+nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«
+
+Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem
+Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der
+unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen
+Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem
+Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen
+Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den
+Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in
+denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde,
+immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue
+Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des
+himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.
+
+Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an
+das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu
+durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin
+unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch
+unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als
+sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes
+Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch
+weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel
+nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich
+wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt
+vielleicht -- die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir
+und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«
+
+»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen!
+Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur
+einmal in Amerika an!«
+
+»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.
+
+»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern
+nichts davon wissen wollen.«
+
+»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit
+einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber
+war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst,
+die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden
+Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene
+Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft
+in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war
+tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um
+mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da
+kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach
+der Tag der Befreiung an.«
+
+Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich
+über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend
+zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ...
+Nur freilich -- ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das
+Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel
+in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet
+hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und
+als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«
+
+»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und
+Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und
+gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«
+
+»Welches Rätsel?«
+
+»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch.
+Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich
+erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und
+stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und
+dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß
+jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«
+
+Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben
+erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr
+auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual
+ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich
+nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es
+nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre
+eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie,
+»daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare
+innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«
+
+Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung
+über alles!
+
+»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß
+ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken
+etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend
+sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von
+Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so
+empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig
+werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht
+mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies
+dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind
+das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für
+einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob,
+entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden
+vielleicht ein und dasselbe?«
+
+Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft
+atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch
+die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine
+Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte
+ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte
+die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von
+der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen
+Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz
+erloschen ...
+
+Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches
+Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die
+Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da
+unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der
+Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze
+grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier
+starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu
+raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht
+wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der
+Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke
+-- und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln.
+Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine
+finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...
+
+Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer
+Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir
+wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an
+einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben
+schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in
+dem sie wohnte.
+
+Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen
+Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon
+hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses
+Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt,
+noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des
+Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe
+von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an
+ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen.
+Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr
+zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt
+durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen
+und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle
+Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon
+und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach
+und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich
+wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster
+weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für
+Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben.
+Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen
+Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die
+leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill
+... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.
+
+Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben
+war.
+
+Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen -- aus
+Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord
+sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle
+Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden
+gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen
+öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen
+Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit
+um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit
+vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde
+Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter
+über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über
+achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger
+Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues
+Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe
+selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen
+Ton gehalten -- nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe
+bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber,
+daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz
+verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten
+und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte
+in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen
+Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach
+dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig
+geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen
+Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden
+weilte.
+
+Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere
+Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß
+es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen
+wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die
+Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je
+vorausgesehen hätten.
+
+Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite
+uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon
+auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«
+
+Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst
+wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit
+entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von
+der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie
+möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf
+diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus,
+schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg
+uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen
+Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in
+die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren.
+Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte,
+schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht
+aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste
+aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll
+man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um
+davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein
+einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können.
+Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich
+durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.
+
+Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine
+Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.
+
+»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.
+
+»Wohin?«
+
+»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend.
+»Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«
+
+Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter
+Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte
+uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.
+
+Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie
+wiedersehen ...
+
+Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner
+offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer
+hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß
+Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits
+Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit
+der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar
+des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der
+Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde.
+Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck
+zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den
+neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte
+der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte
+schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die
+Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die
+Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns
+Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«,
+wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder
+einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die
+Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund
+es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte
+Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene
+Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne
+der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine
+gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich
+in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim
+gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger
+Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort
+»Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und
+ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.
+
+Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der
+Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den
+zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner
+in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen
+volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete
+und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate
+bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen
+Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen
+schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische
+Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler
+Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von
+Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch
+einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen
+hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen,
+soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden
+waren.
+
+Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder
+vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe,
+blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich
+damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch
+meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß
+meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten,
+wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt
+wären.
+
+So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten
+Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in
+einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine
+telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser
+Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen
+Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine
+»Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals,
+wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen
+Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.
+
+Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft,
+die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen
+kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich,
+nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von
+einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend
+gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich
+mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon
+nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte
+eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ.
+Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal
+wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich
+irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig
+sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum
+auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name
+Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas.
+Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir
+vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle
+übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten,
+samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine
+Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt
+durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht
+wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und
+sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.
+
+Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine
+überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an
+den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt
+zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in
+einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das
+Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen
+und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen
+Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich
+durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte
+an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten
+Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen
+hätte, Nachricht geben könne.
+
+Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die
+richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der,
+wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen
+Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal
+der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald
+nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen
+Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und
+seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine
+Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf
+die er mich aufmerksam mache -- das mir wohlbekannte Telegramm war im
+Ausschnitt angeschlossen -- sich auf das verschollene Paar beziehe.
+
+So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht
+anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend
+wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus
+dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von
+einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom
+Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig
+werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch
+»Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor
+denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß
+wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar
+von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen
+lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf,
+die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt
+auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben
+müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends
+überschritten worden sei.
+
+Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen
+Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere
+Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte,
+das er als Seelenforscher an der Sache nahm.
+
+Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den
+politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der
+Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit
+sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers
+und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch
+rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr
+ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele
+unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen,
+durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen
+Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied
+zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen
+müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit
+oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber,
+wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in
+seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit
+erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm
+den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als
+durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals
+von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser
+zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern
+ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens
+nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder
+ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte
+gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit
+gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für
+vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach
+verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens
+einigermaßen zu revolutionieren.
+
+An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in
+jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar
+Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger
+Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde
+Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche
+Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege
+geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder
+aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es
+wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder
+harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg,
+an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von
+diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte
+um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit
+selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders
+über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste
+der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort
+noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen,
+meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen,
+etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine
+Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen
+identisch seien.
+
+Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen
+Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen
+revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und
+seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und
+Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere
+Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder
+Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so
+erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser
+Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen
+war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden
+Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie
+mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit
+findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet
+hat.
+
+Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen
+will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen,
+und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen,
+vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie
+durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor,
+daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt
+zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem
+Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort
+sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb
+gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten
+hatten.
+
+Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte
+auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre
+nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die
+persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte,
+unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin
+geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir
+aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht
+der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein
+das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung
+beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.
+
+Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der
+opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren
+Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der
+durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den
+die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler
+Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen,
+hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich
+dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet,
+gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst
+allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig
+Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des
+allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage
+gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden.
+Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift
+in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger
+gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene
+Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat,
+meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich
+keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der
+strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem
+verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die
+Bergwanderung bildete.
+
+In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof
+erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden
+und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein
+prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes
+von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein
+ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei
+Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte
+Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die
+rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß
+wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später
+beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.
+
+Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg
+zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit
+des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte
+aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen
+zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu
+bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden,
+um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst,
+indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend
+unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die
+Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo
+eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich
+sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.
+
+Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich
+aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren
+Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte ich
+noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien,
+mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend,
+die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine
+Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt
+die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu
+sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir
+wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte
+unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte
+der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem
+mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.
+
+Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich
+sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich
+aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im
+Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend
+ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich
+darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe
+zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre
+Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.
+
+Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu
+ihr nieder, da mir ihre mehr gehauchten als gesprochenen Worte
+unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn
+nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...
+
+Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war
+eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte
+der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von
+Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken
+Gemme.
+
+Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt
+haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert -- nicht
+wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren,
+eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie
+bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage
+... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«
+
+Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen
+nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp
+hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager
+Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch
+zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen,
+knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die
+Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren
+Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien.
+Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften
+Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser
+weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über
+ihr Antlitz beugend.
+
+Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre
+Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise
+sprechen. Ich höre Sie.«
+
+»Ja -- was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er
+kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist
+eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie
+ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur
+um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß.
+»Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles
+sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie
+bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«
+
+In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt
+in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge
+blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte, ich
+fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres
+darüber wußte, ~was~ man unserem Freunde eigentlich zur Last
+lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht
+hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten
+Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken
+und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals
+trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher
+Erleichterung reichlicher flossen.
+
+Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen
+festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.
+
+»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen,
+»was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ...
+hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn
+glauben ... Er schätzte Sie sehr.«
+
+Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht
+fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich
+empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere
+Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft,
+die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen der
+Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.
+
+Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie
+mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte,
+überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick,
+daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar
+nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste
+meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen
+zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«
+
+Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor
+mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen
+sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen,
+Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung --
+vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr
+darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert
+verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der
+Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den
+Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich
+an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir,
+als hätte er mir einen mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der
+Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit
+ein, mich zusammenzunehmen.
+
+»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie
+dem Leben erhalten zu wissen.«
+
+»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir
+leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in
+der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren
+Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ...
+Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei
+... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir
+nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«
+
+Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich
+ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer
+gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die
+Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen
+gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den
+visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam
+sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß
+es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine Tochter
+... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er
+kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ...
+das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«
+
+Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft
+hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden,
+sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach,
+loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld
+wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein
+Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor
+einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr
+Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen
+konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr
+Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer -- ich sah ein,
+daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu
+tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine
+Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen
+zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine
+Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht
+verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon
+ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und
+rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen
+muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht
+daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es
+ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir
+ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich
+einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«
+
+»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich
+gehen ... Leben Sie wohl!«
+
+»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir?
+Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«
+
+Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich
+still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein
+liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen.
+Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln,
+das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar
+und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist
+das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz
+allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich
+wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«
+
+Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie
+glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung
+der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr
+ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr
+sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie
+noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen
+Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich
+behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht
+und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen
+Schritten ein Anruf mich zurückhielt.
+
+»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager
+emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen
+kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette
+genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich
+... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte
+mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir
+den Gefallen!«
+
+In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich
+nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war
+noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte ich die
+Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie
+beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten
+Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine
+Schlafende aus?«
+
+In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte
+Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie
+schlafe. -- -- --
+
+ * * * * *
+
+Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast
+aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede
+meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten,
+undurchdringlichen grünschillernden Augen.
+
+Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz
+meines Schreibtisches steht.
+
+Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem
+kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann,
+und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden
+eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen
+haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen,
+um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider
+keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie
+bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am
+Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse
+Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart,
+verschlossen, grausam und mitleidlos.
+
+Schon manchmal wandelte mich deswegen die Versuchung an, den
+unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem
+Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln
+Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem
+Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und
+in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert
+sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als
+Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich
+für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den
+verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner
+peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln
+benutzt hatte.
+
+Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und
+vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten Gefühle, die
+-- wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken -- die Vorstellung
+des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt
+hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte
+sie denn etwas dafür, daß die Initialen +K+ und +S+, die
+in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein
+geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl
+Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal
+sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach
+ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben.
+
+Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen
+schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden,
+das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe
+selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege
+geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben.
+Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener beiden
+Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig
+ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs
+schmerzlichste beklage.
+
+Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all
+ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem
+Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen,
+uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und
+wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und
+die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch
+erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt
+und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in
+den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit der sich
+einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau,
+die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen
+Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über
+uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und
+dasselbe?«
+
+Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere
+Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ...
+
+
+
+
+ Der Mieter
+
+
+Es wird behauptet, daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist
+aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei
+so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.
+
+Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den
+Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts
+zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als
+Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die
+riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude
+daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten
+aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es
+vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich
+ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und
+das taten sie alles nur ihm zuliebe.
+
+Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher
+andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht
+bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu
+beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit,
+wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine
+geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht,
+die Herrn Pleß oblag, aber bis zu einem gewissen Grade läßt sich
+beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in
+dem man sie verrichtet.
+
+Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen.
+Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren
+Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man
+sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung
+geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so
+ungefähr die allgemeine Meinung.
+
+Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat --
+denn das war Pleß nach und nach geworden -- den Betreffenden ganz
+erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber
+Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«
+
+Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte --
+wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber
+nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles
+so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man
+nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder
+Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und
+das war schließlich doch auch etwas!
+
+Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein,
+der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte
+nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder
+Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur
+selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt -- du
+lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den
+Zahlen und der Familie zu erholen.
+
+Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.
+
+Der Herr Oberrechnungsrat -- diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm
+er kurz vor Ausbruch des Krieges -- sammelte insgeheim Bücher.
+Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden -- beileibe! Dazu
+reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben:
+Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne,
+Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen -- wie wohlfeil
+damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald
+fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit
+Büchern austapeziert.
+
+In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte,
+das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er
+verzichtete.
+
+In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um
+die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als
+diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte,
+dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er
+lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.
+
+Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt
+hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.
+
+Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen
+können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch
+angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein
+Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem
+Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war.
+Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen,
+es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war
+aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige
+Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen
+Boden fand.
+
+Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das
+war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen
+beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt
+kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal
+etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich
+pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn
+beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn
+bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und
+scheuchten sie weit fort.
+
+Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder
+erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar
+selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon
+absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das
+paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war
+er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt
+nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der
+Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein,
+ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun
+als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein
+geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe
+mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens
+Kinder mit der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus
+dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder,
+freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem
+Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.
+
+Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem
+Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat
+vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein,
+das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das
+Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren,
+frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still
+verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine
+Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte
+tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp
+gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die
+Bücher.
+
+Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn
+Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und
+wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln,
+das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren.
+Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort gab es
+freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug -- aber es blieb
+eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche
+und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.
+
+Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können -- erst
+nachträglich sah er es ein -- wäre wenigstens diesem Zustand Dauer
+beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens
+Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende
+nehmen.
+
+Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer
+und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die
+frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der
+Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten
+Lesetisch.
+
+Verschlossen und gequält saß er da und las und las -- aber selten und
+immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse
+rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die
+Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als
+daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie
+verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in
+Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.
+
+So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem
+Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so
+laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei
+auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja
+nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den
+fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man
+den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das
+Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.
+
+Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte
+erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn
+Pleß ins Vaterherz.
+
+Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat
+die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis
+spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche
+rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze
+Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er
+fast ununterbrochen im Amt.
+
+In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger
+und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn
+obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so hatte seine
+Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen
+einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.
+
+Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes
+gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch
+Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«
+
+Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren
+auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit
+denen er ihn anstierte.
+
+»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen
+Sie sich nicht aufhalten ...«
+
+Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner
+Arbeit zu.
+
+Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger
+Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem
+Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem
+Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen
+Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang
+nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht
+eintraf.
+
+Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter,
+weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein
+sauber mundiertes Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte
+amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.
+
+Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie
+eine Raupe, die sich eingesponnen hat.
+
+Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den
+erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm
+einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre.
+Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr -- was frommte es ihm, sein
+eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu
+sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick
+auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens
+ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen
+pflegte.
+
+Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt
+wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen
+Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die
+alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit
+für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg
+herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so
+lästig zu werden, daß er schließlich doch nach Hut und Stock griff.
+Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen,
+hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen
+Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere
+Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.
+
+Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst
+genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.
+
+Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient
+hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück
+sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun
+auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht
+viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer
+nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm
+nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich,
+indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln
+wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was
+er früher wert gewesen.
+
+Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen
+an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte,
+aus denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt
+wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar
+das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute
+ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere
+Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen
+wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie
+vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer
+jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel
+machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder
+Vernunft angenommen hätten.
+
+Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie
+verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und
+verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig
+waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und
+da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn
+wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese
+gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch
+wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die
+dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel
+und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen
+sie allmählich sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und
+überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf,
+las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not
+und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher
+betrogenen Volkes.
+
+Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um
+die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene
+Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet,
+die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt.
+Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf
+wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in
+seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?
+
+O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß
+es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie
+innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.
+
+Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur
+mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das
+nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering
+gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es
+lag ihm für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi,
+die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine
+bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und
+redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde
+es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit
+zuzulegen.
+
+Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb
+über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den
+Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich
+eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie
+sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger
+nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig
+hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner
+übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner
+eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen
+jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei
+eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt -- um sie brauche er
+sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte,
+und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben
+hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und
+Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit dem zufrieden zu
+geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.
+
+So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war
+ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel
+vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt
+das immer zum Nachdenken Anlaß.
+
+Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die
+Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er
+keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich
+nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu
+kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade
+um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde
+zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen
+verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen
+Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit
+Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht
+vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr
+nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige
+Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines
+neuen Bandes -- wieviel Farbe hatte das alles in sein Leben gebracht!
+Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht
+gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur
+wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing,
+wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange
+nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.
+
+Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man
+mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden,
+wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch
+lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.
+
+Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über
+seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er
+noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt
+wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und
+der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres
+gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas
+ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen,
+ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es
+seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer
+aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte -- ein jeder, der
+Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können -- das mußte gerade er
+als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner
+Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb
+er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft
+zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im
+Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache
+an.
+
+Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde!
+Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm?
+So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick
+an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu
+Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine
+unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese
+merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich
+auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren
+-- aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens
+Leben.
+
+Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm
+melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie
+sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus
+höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!
+
+»Ja, wieso denn? Die Wohnung --«
+
+»Bitte, hier die Legitimation.«
+
+Himmel! Die städtische Wohnungskommission!
+
+Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle
+Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind,
+während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die
+Herren hindurchgeleitete.
+
+Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten.
+Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen
+Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im
+Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem
+Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.
+
+»Jawohl, dies ist das Schlaf -- das Schlaf --«
+
+»Sie sind Witwer?«
+
+»Leider, leider!«
+
+»Alleinbewohner?«
+
+»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«
+
+»Wer ist die Resi?«
+
+»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«
+
+»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«
+
+Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.
+
+»Und hier?«
+
+»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«
+
+»Ihrer Tochter --?«
+
+»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«
+
+»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«
+
+Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits
+bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.
+
+»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.
+
+»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.
+
+»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der
+Kommission war, sich an Pleß.
+
+»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich
+... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...!
+anno ...«
+
+»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp
+bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen
+allgemeinen Überblick.«
+
+»Eins -- zwei -- drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der
+Protokollführer schrieb auf.
+
+»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«
+
+Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.
+
+»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«
+
+»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine
+Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch
+schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«
+
+»Dies die Küche?«
+
+Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von
+einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach
+tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein
+Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder
+ins Schloß.
+
+»Und hier, die Tür nebenan?«
+
+»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines
+... bescheidenes ...«
+
+»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen
+ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem
+beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger
+Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.
+
+»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie
+wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«
+
+»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war
+mir ein ganz besonderes ...«
+
+Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen
+würde.
+
+Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im
+letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich
+darf wohl hoffen --? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich
+--?«
+
+»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der
+im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.
+
+Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe
+hinunter und waren fort.
+
+Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.
+
+»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in
+einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie
+mir nicht in den Suppentopf geguckt haben -- sonst alles! Nein, da hört
+sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«
+
+»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der
+Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.
+
+Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission,
+offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen,
+ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden
+Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte
+auch jeder der Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die
+Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen.
+Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens
+darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-,
+Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte
+er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam
+wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der
+Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.
+
+Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er
+ängstigte sich.
+
+»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer --? Wer weiß, am
+Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«
+
+»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine
+Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie
+hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken
+vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«
+
+»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich --
+»verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich
+ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere
+Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich nicht! Sie hätten ja
+fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich
+natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen --!? No
+also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«
+
+Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte
+er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit
+drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick
+daraus würde drehen können.
+
+Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt:
+»Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«
+
+Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß
+in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu
+seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis
+gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne
+und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen
+(denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin
+zubilligen müsse.
+
+Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer
+Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung
+fürchtete.
+
+Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind
+wirklich aus dem Wasser!«
+
+Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie,
+was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln
+sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären,
+die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die
+Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab',
+und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und
+dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und
+eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben,
+bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn
+man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt
+einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie
+rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein
+Abstauben überhaupt auf. So -- das tät' ich ihnen ordentlich unter
+die Nasen reiben! -- Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer
+da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang
+nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie --
+wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«
+
+Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich
+ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand
+ständiger Erregung befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte
+wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein
+schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm
+im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die
+gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit,
+das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.
+
+Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich
+beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten
+Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach
+Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich
+nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern
+packen.«
+
+Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.
+
+»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich
+drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! -- Ja, haben Sie
+denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.
+
+O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer
+geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von
+Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den vielen Büchern,
+die er besäße, eine ganze Bibliothek ...
+
+»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte
+ungehalten.
+
+Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen
+hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der
+Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders
+drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich
+einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.
+
+Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem
+Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen --? Dann würde ich Ihnen empfehlen,
+suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen
+Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich
+auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät,
+und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf
+Kindern hineinbekommen!«
+
+Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden,
+daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel.
+Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete
+es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung,
+daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht
+ausdrücklich auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich
+aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den
+eingepaßten Regalen standen -- was wäre aus denen geworden, wenn es
+der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder
+überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi
+nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit
+in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer
+nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld --?
+
+Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer
+freiwillig abgebe -- bleibe ich dann im übrigen ungestört?«
+
+»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte
+nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.
+
+Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber
+in diesem Augenblicke -- beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er
+sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein
+Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag,
+der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser
+Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen
+Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu
+verschmelzen versprach.
+
+Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den
+bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich
+selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen
+hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem
+Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen
+sozialen Öles gesalbt.
+
+Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal
+zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen
+Bekannten bei sich aufnahm -- dies kleine Opfer konnte er wirklich
+bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf
+und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn
+zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden
+Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten
+Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in
+reifliche Erwägung ziehen werde.
+
+Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der
+Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.
+
+Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege,
+dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber
+wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden
+Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und
+nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß
+er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von
+einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht
+zweitausend Kronen und mehr -- welche Summe für einen Festbesoldeten
+auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher
+nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim
+Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr
+im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl,
+Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein
+Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das
+befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert,
+einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?
+
+Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch
+der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und
+durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.
+
+Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am
+besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen
+Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige
+Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören würde, bloß ein Bekannter
+zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme
+herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens
+jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst
+so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich
+ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm
+gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen
+zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch
+einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte
+werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der
+Seite seines Bettes stand!
+
+Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen.
+Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen
+Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus
+aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die
+gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war,
+hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für
+eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche
+Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt,
+von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht
+sozusagen für den Retter dieses Menschen halten zu dürfen, war doch
+er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete
+Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und
+seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn
+keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig
+verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz -- mußte es auf
+der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit
+wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute
+Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche
+Frucht tragen würde?
+
+Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es
+ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde
+seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es
+Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine
+Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen
+ließ.
+
+Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm
+wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten
+Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen
+überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob,
+stand wie gerufen der Gesuchte selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig
+streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch
+diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner
+Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.
+
+»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang
+zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück
+Weges.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«
+
+»O -- bitte, bitte!«
+
+Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so
+überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum
+auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig
+von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine
+Wohnung von vier Zimmern hätte ...
+
+»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.
+
+»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit
+drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem
+Zufall übersehen ...«
+
+»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.
+
+»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß, etwas unsicher geworden,
+und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der
+Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.
+
+Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich
+seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und
+staunte ihn groß an.
+
+»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude
+heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen
+ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht!
+Gemacht! Das heißt -- was verlangen Sie dafür?«
+
+»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen --
+ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind
+mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn
+ziehen.«
+
+Abermals blieb Scheinemann stehen.
+
+»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer
+Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt
+wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein!
+Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so
+werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine!
+Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«
+
+Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich
+einziehen?«
+
+»Wann es Ihnen paßt.«
+
+»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! -- Pardon!« rief er plötzlich in
+Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten,
+wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt:
+Gemacht! Gemacht!«
+
+Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen
+vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.
+
+Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg
+fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten --? Gab es
+jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt
+alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...
+
+Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in
+der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein
+unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen
+mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch
+eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen
+Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen
+Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes zu
+verhüllen pflegen -- was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den
+Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit
+bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen
+völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell
+gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...
+
+Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten
+Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem
+passe.
+
+Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi:
+»Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter.
+Morgen früh zieht er ein.«
+
+Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche
+Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in
+der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte,
+verkündete nichts Gutes.
+
+Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß
+wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten
+Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann,
+bescheiden.«
+
+»Ein bißchen klein --!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum
+Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«
+
+»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«
+
+»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem
+breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«
+
+Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit
+des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer
+zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über
+der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das
+Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz
+leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie
+gekommen, in ihrer Küche.
+
+Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran,
+das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und
+Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich
+erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu
+fahren.
+
+Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe
+löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne
+aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon
+zu Gesicht bekommen?«
+
+»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi
+empört.
+
+Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen
+müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben.
+Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre
+Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt,
+und das andere sein Bureau.
+
+»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und
+ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«
+
+Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und
+sah sie mit aufgerissenen Augen an.
+
+»Tippmamsell --? Bureau --? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja
+rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett
+hineinschieben?«
+
+»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«
+
+»So --? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«
+
+»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand
+mit dem Suppentopf.
+
+Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich
+verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme
+auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak er
+zusammen -- die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte.
+Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in
+entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür.
+Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute
+sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.
+
+Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist
+denn gekommen?«
+
+»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer
+Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom
+Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich
+mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die
+Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und
+deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner
+Treu', das hat sie g'sagt!«
+
+»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung
+nahe.
+
+»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme
+in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein,
+so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine
+Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich
+meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in
+der Hoffnung!«
+
+Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit,
+sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am
+wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten
+sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er
+ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich
+eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine
+Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die
+Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen
+sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen
+Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das
+Päckchen.
+
+Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen
+und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.
+
+Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.
+
+Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch,
+daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze
+des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen
+sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger
+Mieter hereingesetzt würde, möglicherweise sogar der angedrohte
+Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage
+käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern
+besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich
+zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich
+wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe
+vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.
+
+Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives
+Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte
+der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb
+also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den
+Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert,
+im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett
+und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und
+eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter
+schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der
+ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich
+in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich
+zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es
+etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe von
+Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...
+
+Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach
+dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese --
+Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«
+
+Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und
+verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und
+schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie,
+die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der
+Hand gefallen, vor lauter Scham.
+
+»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab'
+ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er -- ist daneben im
+Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig,
+wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche
+Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«
+
+An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es
+gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst.
+Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung
+kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken
+in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese
+Gedanken sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines
+Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.
+
+An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters
+angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt:
+»Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und
+Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein
+Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange
+getreten. Denn im Bücherzimmer saß -- Herr Scheinemann!
+
+Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem
+Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor
+ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte
+eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie
+brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.
+
+»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören
+lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern.
+»Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar
+Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies
+fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein
+geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer! Und Bücher
+haben Sie -- mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn
+solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab',
+sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich
+aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber
+natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«
+
+Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort,
+während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte
+sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete
+beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere,
+der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht
+Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich
+und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie
+denn wirklich schon Rechnungsrat --? Und sogar schon a. D.? Wie ist
+denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre
+gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«
+
+»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als
+Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine
+solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige
+nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die
+Regierung nicht pariert, so gibt's ganz einfach Streik. Verstanden?
+Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert.
+Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich
+mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als
+wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als
+Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden
+nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar
+Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von
+einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien'
+ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn,
+den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent
+dazu.«
+
+»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem
+Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum
+heißt sie Kondor?« fragte er.
+
+»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer
+aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus
+Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber
+mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten -- kurz, mit allem,
+womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig welches. -- Gibt
+es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher
+...«
+
+»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner
+Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber
+Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir
+halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung
+eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie
+meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein,
+wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt,
+einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«
+
+»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß,
+seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht
+eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.
+
+»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel.
+Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer.
+Meine Braut -- wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor --
+bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich
+sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer
+würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten
+umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten.
+Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser.
+Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in
+Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr
+zu dermachen.«
+
+Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte
+rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß
+regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt
+ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein
+Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.
+
+»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem
+Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«
+
+»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu
+ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein
+konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich
+das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst
+heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert -- dreißig, vierzig
+Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum,
+Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum
+Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens -- Ihren Rock und Hut sollten
+Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat.
+Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«
+
+In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum
+gewesen war -- Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der
+angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner
+Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins
+Genick versetzt.
+
+»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann
+aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen
+da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin,
+so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein
+Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-,
+dreitausend Kilo im ganzen -- spielt gar keine Rolle, was? Also
+gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat -- ja richtig,
+der Casanova!«
+
+Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und
+entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit
+Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür
+aufgeschlossen -- den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte,
+hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt
+konnte man das Abladen von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens
+verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den
+Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke
+gewälzt.
+
+Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und
+lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer
+kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und
+teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr
+an ...
+
+Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und
+im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete
+das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne,
+der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.
+
+Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr
+allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr
+die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis
+spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast
+keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat,
+standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom
+Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.
+
+Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe.
+Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen,
+Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und
+Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre
+singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den
+Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit
+die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die
+Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz
+der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.
+
+Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und
+schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der
+Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das
+eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst
+zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder
+in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus
+Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen
+konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer
+noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem
+in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war,
+irgendwo in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer,
+als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten
+der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel
+anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte,
+zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.
+
+Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine
+unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen
+vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder
+überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken
+und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner
+Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem,
+was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und
+suchten ein anderes Ziel.
+
+Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände,
+um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind
+es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles,
+was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht
+die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine
+Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft
+und Vereinigung ist uns erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht
+zurückgeflossen ist ins All.
+
+In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr
+Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für
+Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht
+mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt
+geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben
+doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand
+die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...
+
+Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten
+endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.
+
+Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der
+mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war,
+unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren-
+und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten,
+legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe
+als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen
+Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste
+sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt
+am Samstag würde abgeholt werden.
+
+Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und
+berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte
+Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend:
+»Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«
+
+Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des
+Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in
+Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt,
+es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener
+Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch
+eine Gasausströmung verursacht hatten.
+
+So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens
+Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen
+können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug,
+um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.
+
+»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und
+ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze
+Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es
+sich eingeschlichen!«
+
+Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint, Sie merken gar
+nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«
+
+Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische
+Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer
+erfüllte.
+
+»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt
+sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«
+
+»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat
+vor sich hinsinnend.
+
+»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da
+drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«
+
+»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte
+er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende
+gemacht werden!«
+
+Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er
+wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht
+sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem
+Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von
+diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung
+ehestens zu räumen.
+
+Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach
+seiner Meinung keine andere mögliche Antwort darauf als die, sich zu
+empfehlen.
+
+Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß
+von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten
+ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose
+Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte
+sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg
+nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn
+sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten
+Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen,
+anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
+weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür,
+als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste
+und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.
+
+Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine
+Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte.
+Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen
+Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto
+über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins
+Bücherzimmer trat, saß wieder einmal -- und diesmal nicht ganz
+unwillkommen -- der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im
+Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren.
+
+»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob
+sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu
+ersuchen.«
+
+»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich
+dienen?«
+
+»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten
+Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht
+ausreichen. Überdies sind wir -- vom Geschäft ganz abgesehen -- unser
+zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger
+alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht
+verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort,
+um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste
+Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma
+dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich
+das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser
+Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse
+reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit
+der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen.
+Bei dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter
+und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie
+mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei
+einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.«
+
+»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und
+wo soll ich denn ... meine Bibliothek --?« stammelte er, außer sich vor
+Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher
+unterbringen?«
+
+»Die alten Schwarten -- wenn Sie sie nicht lieber verkaufen wollen, was
+bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste
+wäre -- packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem
+Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur
+Verfügung stellen.«
+
+Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß
+Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte,
+das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen
+Meinung.
+
+»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte
+des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie
+sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast
+hatte ich Sie aufgenommen -- leider, leider! Und nun treten Sie mir
+als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die
+Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich
+bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu
+bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt,
+Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich
+delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der
+ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus!
+Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir
+nicht mehr unter die Augen!«
+
+Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner
+geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr
+Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung
+gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre.
+Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um
+die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu
+würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten
+Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung
+dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu
+gestatten bitte, am Platze sein.«
+
+Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs
+nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen.
+
+»So --!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer,
+die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich
+nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren
+Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem
+Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den
+Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem
+Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um
+sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich
+meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie
+mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen,
+so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr
+Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben
+Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von
+Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.«
+
+Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte
+ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung
+wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht herauskommen und
+ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz,
+»ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume
+Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es
+schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu
+früh dafür war, den Tisch zu decken.
+
+Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die
+Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel
+sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze
+Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte
+er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär'
+er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes
+ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche
+zurückschleichen, als er sie anrief.
+
+»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig
+gequälten Stimme, »seien Sie so gut -- ich fühle mich fast zu matt, um
+aufzustehn -- reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der
+dritten Reihe steht.«
+
+Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem
+großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen.
+
+»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er ungeduldig.
+»Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel,
+Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.«
+
+Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm.
+
+»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge.
+
+»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und
+begann in dem Bändchen zu blättern.
+
+Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in
+das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort,
+berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ...
+
+»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und
+war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns
+abzuschütteln, mißlungen sein mußte.
+
+Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete
+aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus
+nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte
+jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte,
+sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und
+hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen.
+
+»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er,
+flüchtig aufblickend.
+
+»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!«
+stellte sie mit Überzeugung fest.
+
+»Ein bißchen abgespannt -- nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas
+früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen
+Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh
+muß ich zu einem Leichenbegängnis.«
+
+»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?«
+
+»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden
+zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn
+Sie so freundlich sein wollten ...«
+
+Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an
+die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab.
+Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu
+bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte
+sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich
+und wünschte gute Nacht und baldige Besserung.
+
+»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone
+nach.
+
+»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's
+anders wär'!« ...
+
+Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie
+auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war
+lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und
+Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen
+hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat
+ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den
+zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den
+ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die
+Ohren verstopfte.
+
+Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß -- denn
+immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten
+äußerte, mit der seligen gnädigen Frau -- ...
+
+»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie -- »ich bin
+mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die
+Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die
+anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt.
+Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen
+prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum
+Fenster hinausschmeißen -- da rührt sich keine Behörde, da schaun die
+Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen
+die Achsel: Ja, da kann man nix machen!«
+
+Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz
+ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen
+lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar
+wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja
+keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder
+herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie
+hineingekommen ist!«
+
+Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte
+selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein
+Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums
+hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt,
+drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch
+lange bis nach Mitternacht weitertobte.
+
+Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die
+Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf
+stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!«
+
+Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf, ein entsetzlicher,
+atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen -- Jesus Maria! Da saß eine
+schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ...
+
+Weit riß sie die Fenster auf.
+
+»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
+
+In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters.
+
+»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?«
+
+»Der gnädige Herr --! der Herr Oberrechnungsrat --!«
+
+»Also was ist denn eigentlich los?«
+
+»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!«
+
+»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann
+holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?«
+
+Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in
+Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet
+waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der
+Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ...
+
+An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich
+inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus,
+aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben.
+Scheu traten sie näher, stießen und schoben einander vorwärts, wagten
+sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf
+die Schnalle der Küchentür drückte -- da fuhren sie aufkreischend
+zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die
+Türspalte ...
+
+Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen
+hinaus. Unten tönte eine Hupe.
+
+Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist
+schon die amtliche Kommission,« sagte er.
+
+Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht.
+Aber freilich -- sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des
+Augenscheins.
+
+Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings
+entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in
+derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene
+Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ...
+
+Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen
+machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den
+Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das
+Gewünschte zu holen, und erstarrte -- Scheinemann und die Rothaarige
+waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen.
+
+Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte
+sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!«
+
+»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute
+verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an!
+In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine
+Vierzimmerwohnung!«
+
+Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten
+Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark
+slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu
+sohrgen!«
+
+In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen
+Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt
+hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat
+er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem
+widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche.
+
+
+
+
+ Die Zobelkinder
+
+ Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters
+
+
+Der Winter bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich
+mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis
+jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich
+mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die
+Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel
+in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre
+ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal
+meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in
+die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam,
+was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten
+Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf
+Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.
+
+Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein
+Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er
+in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse
+jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig
+über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen,
+daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort
+erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend
+zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die
+leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen
+Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich
+unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht
+lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche
+Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen
+ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch
+eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient
+hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich
+gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den
+Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole,
+so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet.
+Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer
+geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft,
+was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben
+würde.
+
+Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen
+weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als
+solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten
+Köchin, die nicht nur sein Leibgericht, eine süße Mehlspeise, die
+man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar
+zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe
+mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin
+schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit
+jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang,
+daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte,
+unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig
+wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe
+starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem
+Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute
+nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.
+
+Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden
+außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach
+ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der
+Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher
+Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen
+will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück
+wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum
+Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach
+kaum achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod
+abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste
+kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen.
+Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen
+Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und
+hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen,
+und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund
+Wittig.
+
+Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und
+bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war
+ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den
+Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar,
+die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier
+Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz
+klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und
+jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im
+zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als
+kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die
+Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen
+Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen
+Herkunft das Ansehen richtiger Geschwister verlieh; und wäre es nicht
+versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen
+etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick
+leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert
+fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen
+Vorgang andächtig umringen.
+
+Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den
+Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit
+selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen
+zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit,
+fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die
+Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen
+sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die
+Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott,
+unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die
+Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter
+sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung
+der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu
+sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte
+ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen,
+alle zwölf bis vierzehn Monate mit einem gesunden Sprößling. Meister
+Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten
+Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer
+Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen
+Einfluß. »Tages Arbeit -- abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei
+seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.
+
+Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es
+plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn
+selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen,
+was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder
+fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu
+bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich
+zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch
+bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der
+Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er
+freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes
+willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf
+seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und
+die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen -- im Verhältnis
+betrachtet, natürlich! -- immer wohlfeiler würden. Es gebe Kunden, die
+das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn
+doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren,
+und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon
+könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder
+besitze.
+
+Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und
+schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine
+Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen
+müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger
+preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener
+Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich
+doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig
+über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem
+Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum
+sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon
+früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und
+die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen
+Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die
+alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen
+hat.
+
+Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es
+sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der
+Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und
+Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter
+sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben
+durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer
+einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.
+
+Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch
+genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht
+viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten
+überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer
+dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt
+hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders
+ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten
+und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach
+ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der
+noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten
+Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch
+nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur
+gegen ihn, fröhlich, doch nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch
+nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen
+die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend,
+die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich
+zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben.
+
+All die genannten süperben Eigenschaften im stillen rekapitulierend,
+um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er
+wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg
+zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser
+geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre
+Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst
+eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier
+vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit
+schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins
+nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein
+jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen
+drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den
+Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die
+Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht
+übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren Jungfrau zu tun habe,
+die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung
+kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar
+nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer
+Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt
+hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den
+Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen.
+
+Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten
+Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit
+betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie
+eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen
+hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie
+unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese
+seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf
+niedergebeugt hatte, sie zu küssen.
+
+»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen
+und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle
+der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen
+Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde
+des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt
+hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand
+wieder zurück und drückte ihr wirklich -- um in ihrem Geiste zu
+sprechen -- den Stempel ihrer keuschen Lippen auf.
+
+Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung
+von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte
+er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse
+es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der
+Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die
+umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger
+Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die
+dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als
+die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach
+den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und
+darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht
+verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten
+Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu.
+
+Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles
+»Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen
+entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und
+bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen, damit er seine
+Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er
+hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen
+getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen
+Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier
+zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes
+und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das
+auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz
+gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach
+Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu
+heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch
+etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte.
+
+Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt,
+daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten,
+den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung
+überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er
+sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare
+zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei.
+In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert
+einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch die
+hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf
+einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf
+alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die
+Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen
+war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann
+er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser
+aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb
+mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies
+nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder
+Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den
+Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und
+Seelenverschwisterung.
+
+So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach
+der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit
+erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur
+an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen
+Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der
+Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei
+der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig,
+weitherzig, wie er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie
+großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder
+weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern
+doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten.
+Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die
+Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch
+einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr
+nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich
+die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken
+Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn
+und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt,
+so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen
+oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und
+buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich
+bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über
+die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig
+ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und
+ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte.
+
+Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen
+Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit und mangelnde Vorsicht
+ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich
+nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine
+beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn
+als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen
+Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell
+hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei,
+und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin
+wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging
+er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin
+behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen
+Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber
+setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an
+die Luft und ließ sich scheiden.
+
+Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar
+vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat
+aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der
+Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen.
+Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins
+entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen,
+darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen
+Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen,
+aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig
+gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in
+den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren
+Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut,
+Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen
+einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich
+mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings.
+
+Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel,
+und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses
+siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin,
+sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen
+pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die
+Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr
+glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften,
+konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am
+richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte
+dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche
+zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren
+kostbaren Sealmantel mit dem Anstand einer vollendeten Dame zu
+tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber -- denn so
+viele waren es mit der Zeit geworden -- verhielt sie sich ungefähr
+wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum
+entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen
+Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun,
+jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten
+von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging
+seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott
+dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der
+jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter
+ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen
+lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage
+ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf
+machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen
+Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte.
+
+Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter,
+geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie
+eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten
+Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr
+Wuchs nicht vollständig normal, ja von einer reizenden üppigen
+Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder
+Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen
+Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf
+Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander,
+daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien.
+Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd
+und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte,
+kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte,
+scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit
+liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in
+diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe
+es nicht auf der Welt ...
+
+Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch
+gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern.
+Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin
+war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es
+deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu
+behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung.
+Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch ein Ende
+nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher
+wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner
+Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem
+Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde
+Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich
+mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der
+Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir
+erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann
+würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich
+für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit
+schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher
+Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue
+gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages
+wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke,
+deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich
+gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer
+Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von
+Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur
+Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht
+angerichtet, das Schicksal hatte vorerst nur warnend seinen Finger
+erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen.
+
+Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen
+wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte,
+niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom
+Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher,
+gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten
+Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern
+im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks
+ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher,
+glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter
+dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe
+geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten
+Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel,
+die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der
+Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo
+ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte
+aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum
+stehen?
+
+Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie
+ich's verstünde, und wüßte nichts davon, wie schwer es für einen
+Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen.
+Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten
+Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur
+um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel
+ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit
+forteskamotiere.
+
+»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist
+kinderlos, du kannst lachen!«
+
+Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste,
+bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten
+versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr
+ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten
+im Kopfe hätten!
+
+Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich
+mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch
+ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen
+doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch
+neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den
+Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders.
+
+»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's
+wirklich nicht mehr leisten!«
+
+Ich verstand nicht recht, wie er es meine -- ich selbst freilich
+geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er
+bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben,
+kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß
+er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er
+sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war
+sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz
+jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich
+rasch und suchte die Tür zu gewinnen.
+
+»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder
+--?«
+
+»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich
+geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter
+...
+
+Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn
+wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort
+hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt
+gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die
+ländliche Gattin es war.
+
+Auf der Karte standen neben der trauernden Witwe die sämtlichen
+Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem
+Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als
+einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und
+Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und
+Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich
+bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein
+gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig
+verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als
+Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und
+Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt.
+Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu,
+der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name
+Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des
+Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken.
+
+Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine
+fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die
+Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des
+Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr
+des Gleichen!
+
+Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft unter der früheren Firma
+weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes
+Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein
+werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ...
+Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend
+auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit
+notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile
+Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort
+wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit
+bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt
+koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs
+Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir
+ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei
+ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten
+Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln
+müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der
+fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die
+Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung,
+die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es
+nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren
+oder ganz erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen,
+wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden,
+ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen
+Bundesstaates zu tilgen. +Relata refero.+ Mein Gewährsmann, der
+sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge
+Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr
+mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie
+eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken.
+
+Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich
+später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen
+durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings
+recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte,
+zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei
+oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander
+hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben,
+das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen
+Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft
+einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu
+einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der
+freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und
+wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater und seine Mutter
+gewesen -- denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte
+auszukennen -- so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und
+waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel)
+wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander
+gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen
+Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand
+man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen
+Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die
+halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch
+jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu
+unterscheiden waren.
+
+Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den
+Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch
+die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen
+im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen
+Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen
+Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag.
+Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer
+Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack
+geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen die Allerkleinsten
+mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht
+zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber
+ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten
+darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte,
+die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender
+junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll
+geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da
+sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher
+Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß
+die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte,
+um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang,
+mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen,
+und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen
+konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden
+drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen
+verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in
+mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen
+Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes
+denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ...
+
+Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen
+neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener
+Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger
+auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals
+aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden.
+Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen
+nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von
+den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder
+sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen
+oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder
+selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man
+irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse
+Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher
+Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern
+Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und
+um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig
+durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener
+und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte.
+Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender
+Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit,
+daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der
+Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des
+Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort
+»Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines
+Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der
+quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine
+Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten.
+
+Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier
+geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so
+habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider
+abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den
+öffentlichen Dienst bereits überschritten habe.
+
+Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne
+tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich
+mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die
+Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem
+Kürschner in die Lehre!
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Im gleichen Verlage erschien
+
+ von
+
+ Emil Ertl:
+
+
+ Liebesmärchen
+
+ Einbandzeichnung
+
+ von
+
+ Friedrich Felger
+
+
+ 5. Tausend
+
+
+»Ein kleines, feines Buch, das der Dichter in seiner frühen Jugend
+geschrieben hat. Märchen und Sagen, denen er neuen Inhalt gegeben hat;
+alle seine Erzählungen läßt er überfließen von der großen Liebe zweier
+Menschen zueinander. So entstand ~ein rechtes Märchenbuch~, das
+jung und alt hineinführt in zauberstille, lauwarme Sonnwendnächte, in
+denen der Mond seine zarten Lichtschleier über Wald und Wiese breitet.«
+
+ (+Dr.+ Wendriner in Reclams »Universum«.)
+
+
+ Im gleichen Verlage erschienen von
+
+ Emil Ertl:
+
+
+ Die Leute vom blauen Guguckshaus
+
+ Roman · 19. Tausend
+
+ Einbandzeichnung von Prof. ~Alfred v. Schrötter~
+
+
+ Freiheit, die ich meine
+
+ Roman aus dem Sturmjahr · 16. Tausend
+
+
+ Auf der Wegwacht
+
+ Roman · 16. Tausend
+
+ Vorstehende drei Romane sind unter dem Titel »=Ein Volk an der
+ Arbeit=« ~einheitlich gebunden~ zu einem Gesamtwerk vereinigt.
+
+
+ Das Lächeln Ginevras
+
+ Roman · 7. Tausend
+
+
+ Der Antlaßstein
+
+ Roman · 8. Tausend
+
+ Einbandzeichnung von ~R. Teschner~
+
+
+ Der Neuhäuselhof
+
+ Roman · 11. Tausend
+
+ Einbandzeichnung von ~F. Felger~
+
+
+ Nachdenkliches Bilderbuch
+
+ Ernste und heitere Geschichten
+
+ Einbandzeichnung und Buchschmuck von ~Alfred Keller~
+
+ 5. Tausend
+
+
+ Nachdenkliches Bilderbuch
+
+ Zweite Folge · 4. Tausend
+
+ Einbandzeichnung von ~Alfred Keller~
+
+ Buchschmuck von Prof. ~Alfred v. Schrötter~
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***
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+ Berg der Läuterung | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s3 center">Emil Ertl</p>
+<p class="s2 center">Der Berg der Läuterung</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padtop2 break-before illowe31" id="titlepage">
+ <img class="w100" src="images/titlepage.jpg" alt="">
+</figure>
+
+
+<h1>Der<br>
+Berg der Läuterung</h1>
+
+<p class="s5 center mbot2">von</p>
+
+<p class="s2 center mbot2">Emil Ertl</p>
+
+<p class="center mtop2 mbot6">L. Staackmann Verlag / Leipzig<br>
+1922</p>
+
+<p class="center mbot3">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten<br>
+<span class="antiqua">Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann,<br>
+Leipzig</span></p>
+
+<p class="s5 center mtop3 mbot6">Druck von Grimme &amp; Trömel in Leipzig.</p>
+
+<hr class="full double">
+
+<div class="newpage">
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen</div>
+ <div class="verse indent0">Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern</div>
+ <div class="verse indent0">Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen....</div>
+ </div>
+ <div class="verse indent0">... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer,</div>
+ <div class="verse indent0">Und der Geduldigste sogar — zu flehen</div>
+ <div class="verse indent0">Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="mright10 mbot2"><em class="gesperrt">Dante</em>, Purgatorio.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td class="tdl">1. Die Sofapuppe</td>
+<td class="tdr"><a href="#Die_Sofapuppe">11</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">2. Das Rotkehlchen</td>
+<td class="tdr"><a href="#Das_Rotkehlchen">35</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">3. Die Sphinx</td>
+<td class="tdr"><a href="#Die_Sphinx">115</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">4. Der Mieter</td>
+<td class="tdr"><a href="#Der_Mieter">187</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">5. Die Zobelkinder </td>
+<td class="tdr"><a href="#Die_Zobelkinder">255</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe15" id="illu-007">
+ <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Sofapuppe">Die Sofapuppe</h2>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-d" src="images/drop-d.jpg" alt="D">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»D</span>ie alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die
+Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern
+nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war
+gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte.</p>
+
+<p>»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame.</p>
+
+<p>Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge
+Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand,
+trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière
+um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme
+zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des
+geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren
+blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem
+Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre
+sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der
+wiedereintretenden Zofe entgegen.</p>
+
+<p>»Kommt mein Mann mich abholen?«</p>
+
+<p>»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung
+fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in
+sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten.<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Er bittet die
+gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er
+das Auto herschicken.«</p>
+
+<p>»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame
+verstimmt.</p>
+
+<p>Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich
+übelgelaunt in die Kissen gleiten.</p>
+
+<p>»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und
+warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen
+Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten
+Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie
+lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe
+daheim.«</p>
+
+<p>»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte
+Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...«</p>
+
+<p>»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in
+ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause
+und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die
+wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft?
+Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl
+widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht,
+eine einflußreiche Persönlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> der ich den Hof machen soll,
+damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht
+unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes
+Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so
+unliebenswürdig wie möglich zu sein.«</p>
+
+<p>»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die
+weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln.
+»Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen
+Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an
+Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.«</p>
+
+<p>Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause:
+»Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage
+verneint wurde, fast unhörbar das Gemach.</p>
+
+<p>Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame
+darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das
+der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise
+in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu
+lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu
+ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren
+schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des
+Brillantenkolliers<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen
+Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen
+ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung
+überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke
+zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr
+Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt
+anglotzte.</p>
+
+<p>In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für
+ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen
+Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der
+feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen
+als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte
+es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt
+dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht
+umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet
+war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie
+menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen
+gewußt hatte.</p>
+
+<p>Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono,
+Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem
+kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten.<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster
+aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und
+Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die
+kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu
+kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger
+Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein
+einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln.
+Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen
+ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck
+menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt.</p>
+
+<p>Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf
+sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war,
+als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf.</p>
+
+<p>»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich.</p>
+
+<p>Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den
+Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre
+Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke
+hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen,
+in denen etwas wie<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie
+begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde
+spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der
+Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So
+lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir
+die Zeit!«</p>
+
+<p>Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der
+Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor
+Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen,
+herzbewegenden Seufzer ausgestoßen.</p>
+
+<p>»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz
+deutlich.</p>
+
+<p>Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr
+hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte
+... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb?
+Erklär' es mir! Weshalb?«</p>
+
+<p>Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder
+gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke.</p>
+
+<p>»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie.</p>
+
+<p>Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du
+siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht
+nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir
+in<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend
+und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht
+viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und
+haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft
+angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun,
+der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich
+fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet,
+läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen
+Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des
+Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich <span class="antiqua">vis-à-vis de rien</span>
+steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim
+Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt
+sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten
+Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch
+überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener
+zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun,
+da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich,
+da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen
+du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse
+Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das
+heutige Leben zwischen den Menschen<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> und ihren Schicksalen aufreißt,
+preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie
+ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!«</p>
+
+<p>Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die
+dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke
+gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken.</p>
+
+<p>Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen
+Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander.
+Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten
+Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern
+helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die
+Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie
+abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den
+Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der
+Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl:</p>
+
+<p>»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht
+haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden
+Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und
+suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem
+Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die
+gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte
+Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und
+Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann
+Larisch, Rudolfgasse 36!«</p>
+
+<p>»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die
+Limousine half.</p>
+
+<p>Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen
+an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die
+Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich
+in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht
+nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ...</p>
+
+<p>Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit
+stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine
+finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob
+Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte
+Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie
+über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer
+Klingel. Eine Frau, von der sie im<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> herrschenden Zwielicht nur die
+Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr.</p>
+
+<p>»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?«</p>
+
+<p>»Bitte einzutreten.«</p>
+
+<p>In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte
+eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische
+lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben,
+Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige
+Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits
+zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat,
+aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen
+schon fertig da, aber noch ohne Körper.</p>
+
+<p>»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig
+aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte.</p>
+
+<p>»Ach so, Sie sind selbst —? Sie machen die reizenden Puppen, nicht
+wahr —?«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie
+hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet
+außer Fassung.</p>
+
+<p>»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich —?«</p>
+
+<p>»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> andere ruhig. »Es
+ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«</p>
+
+<p>»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst
+einen Schüttelkopf —? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein
+herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?«</p>
+
+<p>Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine
+Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun
+damit, und für mich ist's bequemer so.«</p>
+
+<p>Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich
+<em class="gesperrt">dazu</em> entschließen kann —! Unser Haar, das gehört doch so zu
+uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!«</p>
+
+<p>»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich
+übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so
+in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es
+verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um
+dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet bist.«</p>
+
+<p>»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.«</p>
+
+<p>»Dein Mann ist — Offizier?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst,
+wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die
+Nacht hinein.«</p>
+
+<p>Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander
+und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen
+wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser
+tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen,
+ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes
+Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber
+sich einander entfremdet hatten.</p>
+
+<p>»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das
+Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von
+dir hören lassen?«</p>
+
+<p>»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu
+tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte
+sie hinzu: Ȇbrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche
+Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in
+gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft
+zwischen jungen Mädchen.«</p>
+
+<p>Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte.</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> für Rivalinnen
+galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole — du entsinnst
+dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen
+Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das
+steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das
+wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich
+die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit
+wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in
+der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend
+war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in
+so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe
+zusammensteckten.«</p>
+
+<p>»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das
+eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte.</p>
+
+<p>»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später
+bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.«</p>
+
+<p>Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?«</p>
+
+<p>»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich
+— wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals
+wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen
+verstorbenen Mann kennen lernte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend.</p>
+
+<p>»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten
+dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater — du
+weißt ja wohl?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?«</p>
+
+<p>»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch
+eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein,
+wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.«</p>
+
+<p>»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend.
+»Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel
+...«</p>
+
+<p>»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut,
+wir kommen durch ... Und — allein? O nein, ich bin nicht allein.«
+Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp
+am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein
+süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein —? Wie schade!
+Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige
+Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben
+Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann.
+Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen
+war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich
+und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte
+aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich
+im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige
+Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein
+wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die
+innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht
+so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand.
+Verstehst du mich, Aimée?«</p>
+
+<p>Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie
+eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht
+hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange
+und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt,
+hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun
+plötzlich und nagte daran.</p>
+
+<p>»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß
+deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<p>»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau
+Larisch unbefangen.</p>
+
+<p>Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre,
+gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry
+um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht
+ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen
+zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée,
+angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen
+wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür,
+daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen
+Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr
+Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch
+den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf
+zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich
+zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß
+sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen
+waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten.
+Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte
+Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des
+Stuhles, sich festzuhalten ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<p>Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was
+ist dir?«</p>
+
+<p>»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül — hier in der Nähe des Ofens.
+Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein
+Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch
+gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?«</p>
+
+<p>Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens
+ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging.
+Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie
+begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in
+jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein
+wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit
+gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung
+gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen
+— ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.«</p>
+
+<p>Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke
+durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt,
+nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz,
+einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung,
+in der sie hauste, doch das<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Gegenteil. Und diesen albernen Stolz
+zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des
+Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse
+Genugtuung gewährt. Aber Geld —? Das konnte mit Recht verletzen.
+Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen,
+das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem
+die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch
+zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare
+Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische
+stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und
+Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter
+Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl
+der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz
+derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall
+vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre
+Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war
+zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins
+Zimmer.</p>
+
+<p>Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes,
+das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich
+ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>
+warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes
+getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden
+Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine
+aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an
+Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...</p>
+
+<p>Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen,
+als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend,
+faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie
+hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer,
+flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie
+den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend
+und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.</p>
+
+<p>Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich
+befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den
+Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken
+sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er
+hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung
+hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat
+er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den
+Lackschuhen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und
+etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den
+Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die
+Blöße erspäht.</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«</p>
+
+<p>Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.</p>
+
+<p>»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber
+was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«</p>
+
+<p>»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«</p>
+
+<p>»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«</p>
+
+<p>»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!«
+sagte er brutal.</p>
+
+<p>Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.</p>
+
+<p>»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ...
+Wenn ich nur wollte ...!«</p>
+
+<p>Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber
+darum nicht minder infame Drohung.</p>
+
+<p>»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«</p>
+
+<p>»Ich lasse mich nicht zwingen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!«</p>
+
+<p>»Dann geh' allein!«</p>
+
+<p>»Das will ich tun.«</p>
+
+<p>Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos
+nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die
+Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf,
+ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen
+davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,«
+sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich
+in ihr Zimmer zurück.</p>
+
+<p>In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin,
+in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar
+kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und
+stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke.</p>
+
+<p>In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was
+faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und
+wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!«</p>
+
+<p>Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und
+richtete die glänzenden schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Perlen ihrer Augensterne auf sie,
+mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame,
+warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.«</p>
+
+<p>Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es
+an die Tür. Es war die Zofe.</p>
+
+<p>»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort
+und persönlich in Ihre Hände zu legen.«</p>
+
+<p>Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr
+entgegen ...</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+<h2 class="nobreak" id="Das_Rotkehlchen">Das Rotkehlchen</h2>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-m" src="images/drop-m.jpg" alt="M">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»M</span>eine alten Tage die
+hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte
+Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern.
+Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon
+etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune
+hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine
+Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«</p>
+
+<p>Immerhin —! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt
+hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb
+die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein
+ausschweifender Märchentraum?</p>
+
+<p>Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht
+geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und
+daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe — »man«, jener
+dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts
+verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«,
+das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die
+gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die
+hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens)
+eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf
+dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> sich die hohen
+Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört,
+Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre
+Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und
+Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan«
+das Fell über die Ohren zu ziehen.</p>
+
+<p>Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja
+an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht
+fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines
+Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte?
+Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er
+in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen
+Gemeinschaft gewesen?</p>
+
+<p>Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein
+Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude
+und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten
+sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst
+noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins
+geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen,
+die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa
+bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Geschäftsladen
+sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen,
+manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei,
+angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse
+Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die
+kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt,
+die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und
+nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel
+köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« — wie der
+Volksmund ihn getauft hatte.</p>
+
+<p>Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr,
+in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu
+einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn
+so ausgesucht und köstlich <em class="gesperrt">hatten</em> sie bloß geschmeckt, all die
+erwähnten ambrosischen Näschereien — einst, vor Jahren, in besseren
+Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie
+schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und
+der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe
+zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in
+jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein
+und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Tellermütze
+hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze
+funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der
+er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen,
+Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln,
+Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen
+Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar
+(nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß
+auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht
+länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen
+Weltfreude öffnete.</p>
+
+<p>Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!</p>
+
+<p>Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide
+konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine
+ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während
+der Tochter — Anna hieß sie — immer nur ein munteres Liedchen auf
+den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie
+trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie
+sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr
+ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige
+und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das
+Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr
+Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie
+dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte,
+das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!</p>
+
+<p>Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte
+einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf
+einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein
+Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein
+Henkeltöpfchen für die Küche — die kleinste Selbstverständlichkeit
+erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche.
+Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas
+abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten.
+Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen
+freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch — ein merkbarer
+Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen.
+Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht
+ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas
+Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen?
+Der Schnaberl mit seinem kleinen,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> behutsamen, etwas schwermütigen
+Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine
+jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren
+ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch
+gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.</p>
+
+<p>Aber der häßliche Gedanke — so rasch aufgeblitzt, war auch schon
+im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein
+argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm
+treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war,
+schnöde verschachern?</p>
+
+<p>Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was
+hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus
+ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz
+besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man
+zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als
+Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig
+aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem
+Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht
+war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer
+Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron«<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>
+genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten
+Eltern sein. Und nun —! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der
+unwürdige Einfall?</p>
+
+<p>Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und
+daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven
+verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser
+lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit
+Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die
+nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die
+Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und
+dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen
+einen noch die eigenen Kinder aus, oder — in Anbetracht des schuldigen
+Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna
+es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als
+kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers
+Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder
+aus den Wolken hervorspitze.</p>
+
+<p>All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen
+verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte
+Herr Ziervogel mit scharfer<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Bürste Herz und Nieren von allen
+Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank
+glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner
+Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich
+abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung
+hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des
+Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das
+Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand?
+Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn,
+so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser
+wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich
+einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und
+das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.</p>
+
+<p>Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und
+machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt
+er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen Erde!«</p>
+
+<p>Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne
+Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie
+sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den
+Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Zeit ein kleiner Junge
+krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß
+Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen:
+»Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«</p>
+
+<p>Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins
+Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends
+erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug
+ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin,
+oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein
+schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen
+gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben
+(und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl
+zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig
+dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit.
+Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für
+Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und
+ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.</p>
+
+<p>Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die
+Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der
+Vater ihr<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und
+daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht,
+daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde,
+sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er
+erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr
+erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck,
+welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten
+Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und
+sorgenvoller blicken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die
+Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der
+Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der
+einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und
+sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso
+armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem
+städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.</p>
+
+<p>Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen
+gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und
+dort,<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt,
+angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen
+hiervon — waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger
+Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu
+Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den
+vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich
+vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.</p>
+
+<p>Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam,
+Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes
+Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie
+antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen-
+und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt,
+treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden
+Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube,
+mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und
+gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder
+die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt
+von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in
+die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend,
+zitternd,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in
+der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen
+und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten,
+Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen,
+Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich
+wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen
+oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen —
+und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig
+unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.</p>
+
+<p>Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch
+an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die
+Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften
+und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht
+gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler
+eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht
+zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie
+sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches
+dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll,
+der an der Drehbank steht.</p>
+
+<p>Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und allmählich
+schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch
+die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden
+konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies.
+Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein
+sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt
+ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht
+minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu
+spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch,
+das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon
+ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf
+und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die
+schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen
+mußte.</p>
+
+<p>Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen,
+gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen.
+Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so
+gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an,
+mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen
+Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir
+aus!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte
+verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem
+Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher
+Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen,
+die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf
+schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der
+Magen darbte.</p>
+
+<p>»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes
+ahnend. »Wie meinst du das?«</p>
+
+<p>Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine
+Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen
+soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu
+verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht
+hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst
+du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit
+davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden
+hat man ohnedies schon dick satt — nicht wahr? Nun, und so steigt man
+halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«</p>
+
+<p>Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort.
+Die Worte des Freundes gingen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie
+veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den
+Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen
+Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann:
+er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes
+Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch
+immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur
+diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als
+Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder — um
+lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter
+war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß
+das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte
+herrühren können.</p>
+
+<p>Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er
+sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt
+und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde
+irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft
+wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der
+Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie
+gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse
+gespannt hatte — denn<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser
+passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen
+haben, lieber unterdrückt werden.</p>
+
+<p>Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben,
+das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit
+der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher
+noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die
+Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien
+ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die
+Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines
+aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei.</p>
+
+<p>Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst
+ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau
+so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch
+dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange
+sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten,
+spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem
+Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie
+an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel,
+das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme
+und Enteignung des feindlichen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Kügleins führte. Und sogar in ihrem
+Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen
+ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit
+Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz
+des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen
+die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden
+oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen
+aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten
+Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher
+entzückten.</p>
+
+<p>Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie,
+Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte,
+war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich
+einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen,
+weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen
+erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der
+Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren
+und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden
+sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller
+Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht
+leichtsinnig und wie<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern
+hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in
+Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster
+Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste,
+was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere
+Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen
+es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein
+einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel-
+und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten,
+erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht
+gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur
+Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das
+Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise
+hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade
+anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier,
+oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man
+einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen,
+wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das
+Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte.</p>
+
+<p>Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> erarbeitete Wohlstand
+über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch
+der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister
+aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe — denn einen
+Regenschirm besaß er längst nicht mehr — neben dem breiteren und
+noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen
+den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er
+doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein
+Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines
+halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner
+verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den
+bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben
+schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem
+Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder
+seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle,
+beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht
+mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn
+unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es
+nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen
+dagegen, es zu verstehen ...</p>
+
+<p>Auf dem <em class="gesperrt">Hinweg</em> ins Amtsgebäude nämlich. Und<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> auf diesem ganzen
+langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch
+einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm
+nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das
+war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden
+später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen,
+den Heimweg anzutreten.</p>
+
+<p>So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu
+beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen,
+das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu
+erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte
+ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre
+nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte
+umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den
+sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der
+polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo
+die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene
+Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung
+nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie
+ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um
+Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> gestempelt hatten; 7. die
+vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen
+vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei
+Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung
+mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten
+gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche
+Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt
+zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt
+worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe
+abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war,
+sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.</p>
+
+<p>Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie
+auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich,
+sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen,
+und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder
+Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.</p>
+
+<p>Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel
+in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten
+Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit
+(leidender Form) wieder auf die Straße<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> heraustraten. Ein lebendiger,
+riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei
+dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln
+und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu
+werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines
+Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und
+Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das
+ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt
+war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten
+an den Wänden — so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht
+zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem
+Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen
+mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern!
+Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen
+und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte.
+Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes
+entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm
+hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das
+ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde,
+dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Haltestelle
+sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen
+Strom der gleitenden Erscheinungen ...</p>
+
+<p>Aber plötzlich — Wunder über Wunder! — was schwebte seinen
+abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen
+da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es — eine Luftspiegelung hatte
+es ihm vorgegaukelt — ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen
+braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft
+leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres.
+Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten!
+Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch,
+wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das
+sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu
+verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar?
+Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler
+nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen
+hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste
+Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu,
+alles Überflüssige blieb verpönt!</p>
+
+<p>Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach
+irgend einer kleinen Ausschweifung<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> brachte ihm unversehens das Lied
+ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen
+helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und
+— hol's der Geier! — einmal wollte er sich noch des Lebens freuen,
+eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum
+Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und
+einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn
+er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen —
+einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur
+dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben,
+ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal
+bloß, ein einziges Mal noch im Leben!</p>
+
+<p>»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum
+Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause —«</p>
+
+<p>Er zog die Uhr, wollte sie ziehen — und griff ins Leere!
+Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein
+... er knöpfte den Überrock auf — um Gottes, Christi, Himmels willen!</p>
+
+<p>»Bock —! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ...
+Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr —!«</p>
+
+<p>Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> goldene Uhr!
+Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch!
+Die wertvolle goldene Kette auch!</p>
+
+<p>Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf
+Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude,
+meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm;
+wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.</p>
+
+<p>»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend
+hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No
+also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht
+erwischen!«</p>
+
+<p>Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der
+Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an.
+Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab
+und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen
+Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet,
+daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu
+benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle
+beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das
+langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.</p>
+
+<p>»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte
+Bock verdrossen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p>Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich
+schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und
+hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war,
+ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen
+Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige
+und — im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers — etwas gewalttätige
+Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...</p>
+
+<p>Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde
+jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich
+auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am
+Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der
+Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur
+Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige
+Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich
+mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur
+Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen
+Überredung zurückwich.</p>
+
+<p>Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen
+fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit
+im Höllenpfuhl<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften
+Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan,
+an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten
+wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich
+die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen
+damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die
+vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel
+und Bedenken so ziemlich überwunden.</p>
+
+<p>Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen
+Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten
+die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem
+feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der
+geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil
+brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch
+aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden
+trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden
+Behausung zu erkennen gab.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut'
+besorgen kannst, auf morgen;<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> während sein Freund im Gegenteil dem
+Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich
+für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister
+nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst
+einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann
+nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade
+übereilt zu werden brauche.</p>
+
+<p>Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art
+Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten
+wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um
+Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat
+tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke,
+in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und
+man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen
+Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen
+jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß
+der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für
+zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde
+nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen
+selbstverständlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der
+wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild
+und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern
+hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines
+Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch
+dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem
+Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig
+an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie.
+Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich
+schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen
+hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige
+Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar
+auf dem Fußboden überraschenderweise — denn wie lange schon war kein
+Strahl Sonne zu sehen gewesen! — urplötzlich eine grelle Lichttafel
+ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu
+halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise
+ertönen — das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie <em class="gesperrt">jubelnd</em>
+ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich
+herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten.
+Vergeblich! Es schwebte trotzdem<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> jener gewisse Hauch von Schwermut
+darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen
+ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich
+nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.</p>
+
+<p>Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht
+recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine
+ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch
+noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das
+halbunterdrückte Lachen — sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt
+und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es
+war, urkomisch vor —; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch
+um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie
+das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll.
+Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur
+Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus
+dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins
+Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den
+Schnabel stopfte.</p>
+
+<p>Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich,
+einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit
+kläglicher Stimme:<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die
+entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«</p>
+
+<p>»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,«
+sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und
+widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben
+hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen
+anfing, die Hände auf dem Rücken.</p>
+
+<p>»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich
+überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«</p>
+
+<p>»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen.
+»Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich
+ebensogut dabei.«</p>
+
+<p>»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz
+wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen
+Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«</p>
+
+<p>Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene
+Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach
+sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn
+bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich
+brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> daß der
+Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er
+selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den
+hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er
+nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte
+sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer
+miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um
+die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater,
+wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling
+seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne
+vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«</p>
+
+<p>Erschrocken hielt sie inne.</p>
+
+<p>»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen
+Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's
+besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? —
+gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie
+fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden
+noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die
+Sonne« — er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß,
+auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> ebenso
+plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton
+frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist
+sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«</p>
+
+<p>Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles
+bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu
+entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein
+Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete?
+Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber
+nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten
+Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen
+Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der
+Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand
+zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.</p>
+
+<p>Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das
+Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden,
+und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien
+zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung
+gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine
+Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das
+unwillkürliche Bedürfnis fühlt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«</p>
+
+<p>»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne
+Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich
+dich.«</p>
+
+<p>»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der
+Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen
+Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte.
+Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich
+mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal
+mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte
+er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine
+Schuld einfordern kommt!«</p>
+
+<p>Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch
+niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der
+Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch
+einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem
+Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und
+schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende
+Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters
+entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht
+antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob,<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> die Jugend komme
+unglaublich rasch über so etwas hinweg.</p>
+
+<p>Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das
+Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts
+Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man
+Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es
+auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu
+nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber
+die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht,
+weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie
+ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum
+bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich
+rechtzeitig zu empfehlen.</p>
+
+<p>»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er,
+»daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch
+länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«</p>
+
+<p>»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel,
+schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.</p>
+
+<p>»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht
+lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein
+Ludwig<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien
+versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und
+plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum — glaubst du, das
+störe seine Laune? Ich — obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich
+bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk',
+wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft
+—! Und er —? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so
+wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht
+ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran — kannst du das für möglich
+halten? — Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«</p>
+
+<p>Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen — die
+Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts
+von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte
+die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde
+doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.</p>
+
+<p>»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,«
+sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm
+entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so
+wird<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten — wie? Ein
+Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ...
+Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses
+miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die
+Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,«
+wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«</p>
+
+<p>»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der
+andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.</p>
+
+<p>»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die
+beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht
+einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare
+Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals
+her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder
+waren.«</p>
+
+<p>»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines
+Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«</p>
+
+<p>»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel
+trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal
+Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz
+widerrechtlich ...«</p>
+
+<p>»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der
+Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher
+ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen
+Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen
+Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt!
+Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht.
+Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann
+konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war
+es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«</p>
+
+<p>»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen
+verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die
+vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,«
+loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich
+... mit dem ...«</p>
+
+<p>Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren
+Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt
+sich ja gleich.<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts
+voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern
+soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen,
+daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse
+umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und
+da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die
+Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt
+nie ... Das heißt —« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles
+nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit
+er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht
+mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«</p>
+
+<p>»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu
+vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her,
+sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«</p>
+
+<p>»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,«
+bockte Bock dagegen.</p>
+
+<p>Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und
+Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu
+lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder
+Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar
+so nachtragend sei<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem
+Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle
+recht bedauerlich.</p>
+
+<p>Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich
+das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum
+Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm
+durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in
+einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne,
+die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden.
+Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei,
+erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.</p>
+
+<p>»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja
+keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder
+sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende
+Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu
+Großvätern machen könnten!«</p>
+
+<p>Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er
+hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem
+könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht
+würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an.
+Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte,<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter
+den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für
+solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich,
+indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand,
+allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die
+Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier
+übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes
+Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die
+Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes
+Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.</p>
+
+<p>Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand
+ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft,
+die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein
+nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er
+meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich
+nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst
+noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater
+Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß
+sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft,
+wenn die alten<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um
+in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten
+des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans
+Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus
+denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen
+hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen
+darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos
+vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war
+er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu
+schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu
+verschließen.</p>
+
+<p>Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als
+zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen,
+wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das
+Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war
+und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen
+Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich
+in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch
+die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem
+Hochquell gefüllt hatte. Der<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und
+schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete,
+schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben
+zu verwechseln — mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei
+drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust
+schwenkend.</p>
+
+<p>Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte,
+handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges
+Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab
+sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig
+alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich
+nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges
+Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen
+Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit
+so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber
+genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu,
+und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden,
+wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«</p>
+
+<p>Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor
+die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene
+Verlobung<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest
+die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag
+gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im
+ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht
+ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis
+genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn
+gehört hätten, die der treue Kamerad — ein Großindustrieller, der die
+Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt — nach erfolgreich abgelegter
+Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde
+die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und
+künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen
+mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen
+und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht
+auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des
+Familienglückes.</p>
+
+<p>Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber
+bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise
+lag — was noch niemals vorgekommen — auf eines jeden Tisch ein
+Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht
+zum Essen, habe auswärts zu tun!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater
+während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche
+Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber
+so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die
+Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit
+des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie
+sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter
+und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu
+finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen
+Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht
+gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem
+Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.</p>
+
+<p>»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie
+vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen
+kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit
+wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu
+echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das
+große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und
+ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein
+könntest du auch<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn-
+und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen
+Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich
+leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß
+der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns
+den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll
+mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe
+nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften
+kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei
+gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen
+unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll
+man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch,
+lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn
+ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen
+Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier,
+eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch
+noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles
+andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären
+wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar
+soll sich einmal ausgiebig gütlich tun,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> schon aus dem hinterlistigen
+Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen.
+Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man
+dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am
+besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und
+einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen
+Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er
+vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu'
+pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg,
+damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle
+deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung
+benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's
+stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres
+nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder,
+bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich,
+heimgekehrt sein.«</p>
+
+<p>Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig
+nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne
+hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich
+die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich
+sein zu dürfen;<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung
+scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur
+Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der
+Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte
+sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie
+hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten
+Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne
+seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine
+halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken.
+Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt
+und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte,
+wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er
+sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande.
+Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß
+dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an
+seine hehre Aufgabe hingibt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie
+rascher damit zustande kam,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> als sie gedacht hätte. Da sie an diesem
+Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht
+Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen
+zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung
+stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner
+goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde
+wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend,
+daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem
+Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus
+länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener
+Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen
+Gugelhupf zu backen.</p>
+
+<p>Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben
+war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der
+gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich
+der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit
+zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage
+gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war,
+Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze
+Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den
+Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> hatte sie
+sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu
+schreiten.</p>
+
+<p>Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand,
+den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken
+Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in
+Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn
+besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie
+es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den
+Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in
+den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht
+gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller
+Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem
+Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald
+und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie,
+unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will
+ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«</p>
+
+<p>Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß
+eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte,
+so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie
+vorbrachte. Wohin sie<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er
+sich.</p>
+
+<p>»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins
+Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein
+Gitter, immer ein Käfig ...«</p>
+
+<p>»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit
+einem Blick in die Ferne.</p>
+
+<p>Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt,
+seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte,
+dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon,
+daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte,
+die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß
+jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst
+und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit
+sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher
+Verklärung leuchtete.</p>
+
+<p>»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh
+werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der
+höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf
+den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!«<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«</p>
+
+<p>»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna
+behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«</p>
+
+<p>»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix.
+»Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«</p>
+
+<p>Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals
+von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben.
+Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in
+seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden
+haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach
+Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte
+in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft
+ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein
+Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es
+blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder
+Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache
+sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.</p>
+
+<p>So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des
+armen kranken Knaben nachzugeben<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und ihm zu versprechen, daß sie ihr
+Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen
+würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig
+in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah
+ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet
+werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie
+mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden
+Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.</p>
+
+<p>Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich
+der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem
+anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in
+der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...</p>
+
+<p>In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der
+Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher
+Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten
+grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch
+bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung
+sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel
+wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern
+entstieg dem gewaltig hinziehenden<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Strome, der hier wohl an die
+vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll,
+von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich
+halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im
+Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht
+herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem
+goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große
+Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am
+liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort
+von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine
+Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger
+Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh
+verwandelte Jo.</p>
+
+<p>»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto
+schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl
+ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu — in einer
+halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf
+drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also
+aufgepaßt! Eins ... zwei ...«</p>
+
+<p>»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst
+dir die Sache einfacher vor,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der
+Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das
+Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund,
+am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue
+Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die
+Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei
+bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl
+so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht
+zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin
+hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch
+allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei
+Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll
+gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht
+ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was
+anderes ausdenken.«</p>
+
+<p>»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob
+du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen
+Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst.
+Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen?
+Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein
+Ende<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde
+hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter
+hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo
+statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst
+zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt,
+noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie
+einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte — ich habe
+nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen.
+Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter
+an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem
+Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es
+bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß
+einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im
+entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene
+Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und
+mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich
+über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und
+kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle
+des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir
+gefällt, und was du nicht lassen kannst!«</p>
+
+<p>Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde.
+Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> das
+Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren
+eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß
+sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des
+Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte
+Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht
+nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens
+vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt
+dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst,
+von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage
+der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher
+Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die
+süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker
+trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten
+schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und
+ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres
+Jenseits auftun?</p>
+
+<p>Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel,
+blankgescheuert von der langen<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Regenzeit, auf die frischbegrünten
+Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom
+rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag!
+Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des
+unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen
+trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über
+dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und
+Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in
+den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu
+begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses
+Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit
+loszureißen, trotz alledem und alledem!</p>
+
+<p>Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis
+dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem
+Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In
+einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte,
+hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine
+Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte
+sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber
+der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum
+kräftig zu betonen liebten.<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> So kam's, daß er auf negerfarbige
+Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten
+mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität)
+unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in
+weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt
+ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen
+Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen
+wie jene vielbesungene Wacht am Rhein.</p>
+
+<p>Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und
+nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden
+durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein
+wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch.</p>
+
+<p>»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im
+Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die
+Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich
+ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die
+Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke
+hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich
+bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der
+Schwimmschule keinen schöneren verübte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und
+Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute
+Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch
+behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem
+solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich
+erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er
+stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen,
+wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst
+ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so
+wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe sehnte.</p>
+
+<p>Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung
+nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer
+Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen
+Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte
+jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches
+Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde,
+und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel
+ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich
+ins Leben zurückködern ließe,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß
+am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er
+zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes
+durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es
+auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert,
+und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das
+hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden
+Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein
+Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die
+Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs
+an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so
+erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der
+höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war.</p>
+
+<p>Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock,
+und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder
+Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem
+Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's
+in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe
+ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch
+mein süßes Zuckerkindchen,<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> meinen teuren Liebling, meinen Augapfel,
+mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben
+versorgt.«</p>
+
+<p>Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die
+Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der
+Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen
+mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft
+inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch
+die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig
+und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der
+süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich
+war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf
+unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen
+der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche
+Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch
+empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen.</p>
+
+<p>Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas
+Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur
+Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem
+stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte,
+nichts weiter<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe,
+allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine
+Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich
+und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem
+zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele
+die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und
+der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem
+Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften
+aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits
+aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich sei.</p>
+
+<p>»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß,
+der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt
+nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der
+Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es
+mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann
+um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute
+versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und
+auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz
+gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade
+ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in
+den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die
+Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in
+solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von
+Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst
+von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein,
+hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch
+zuzuziehen.</p>
+
+<p>Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des
+Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße
+her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf,
+böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter,
+die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos
+Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht
+groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust
+ballte.</p>
+
+<p>»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne
+beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn
+das Brot teurer wird!«</p>
+
+<p>Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht,<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> hatte es aber mit
+der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen
+zogen tatendurstig an ihnen vorüber!</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die
+Laterne!«</p>
+
+<p>Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen
+aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die
+bittere Leber.</p>
+
+<p>»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit
+sein?«</p>
+
+<p>Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust
+wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden
+Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es,
+die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß
+sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem
+besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler
+untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich
+in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine
+grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne
+träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während
+außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte.</p>
+
+<p>Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> beharrlich weiter
+grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und
+frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich,
+beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten.
+Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich
+aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen
+soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche
+durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders
+war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen«
+war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte,
+es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in
+diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und
+erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen
+entgegen.</p>
+
+<p>Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit,
+daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für
+verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand
+Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie
+ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und
+gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein
+Pfeil davonsausen. Statt<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> dessen flatterte das armselige Vögelchen
+ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es
+nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen
+Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem
+Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich
+haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon,
+wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und
+eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich
+gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der
+gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man
+ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich,
+er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit.</p>
+
+<p>»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir
+ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt
+findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück
+und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln
+hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.«</p>
+
+<p>Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man
+entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem
+Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> und versuchte
+nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber
+er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und
+bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her,
+immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen
+konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der
+blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts
+und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch
+eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen
+Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde
+gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete,
+diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und,
+plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um
+sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen.
+Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit
+Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war
+für Ziervogel das Werk eines Augenblicks.</p>
+
+<p>Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus
+dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann,
+der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie
+wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Anlagen strafbar
+seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen
+Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten
+aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? — Und Sie?
+— Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock — eine saubere Firma!
+Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib'
+ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden
+Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe
+davonkommen!«</p>
+
+<p>Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder
+im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit
+bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem
+wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg
+stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen
+geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen
+hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht
+übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite
+war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an,
+wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem
+süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne
+Ziervogelsche Familienangelegenheit und<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> ärgerte sich im stillen
+gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer
+empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe,
+und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel
+seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den
+Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig
+diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht
+haben.</p>
+
+<p>Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im
+Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe
+hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären
+wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und
+damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen,
+fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als
+Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten.
+Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und
+staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit
+Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein
+feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die
+ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu
+harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in
+Feiertagskleidern<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden
+Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich
+als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen
+Segen erbittend.</p>
+
+<p>Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und
+bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich
+vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte
+(bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner
+Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen,
+was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig
+den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt
+lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche
+parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung,
+während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten
+Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock
+unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür
+eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte.</p>
+
+<p>Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit
+heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber,
+lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen
+aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen
+Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich
+verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters
+jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich
+sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe,
+vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach.
+Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun
+auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine
+Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die
+dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser
+als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen.
+Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß
+die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen
+könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll
+des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb,
+liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in
+Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird
+bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen,
+euer Alter freundlicher<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> zu gestalten, als es in den letzten Jahren
+gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft
+nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden
+Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch
+denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen
+unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und
+unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer
+neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit
+und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.«</p>
+
+<p>Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren
+auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab
+man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm
+noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees
+ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm
+den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend
+den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber
+hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden
+ist?«</p>
+
+<p>»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie
+warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir
+uns,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel
+verdienen können?«</p>
+
+<p>Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb
+bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und
+kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist
+tatsächlich nicht unterzukriegen!«</p>
+
+<p>Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein
+getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf
+einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus.</p>
+
+<p>Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die
+doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet
+begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung
+solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf
+Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die
+alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht
+begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im
+Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß
+ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee
+geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden.</p>
+
+<p>»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> du,« wendete Anna, nun
+ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht
+die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was
+ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig,
+befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene
+Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das
+du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies
+bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist
+mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein,
+weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind.
+Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht
+entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von
+der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,«
+schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte
+und für immer verschollene Marmorkugerl!«</p>
+
+<p>»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> Hand küssend, griff in die
+Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor
+vor sie auf das Tischtuch.</p>
+
+<p>»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies
+teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt
+als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt
+in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine
+Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in
+den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.«</p>
+
+<p>Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern
+hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß
+niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am
+wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine
+Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan.</p>
+
+<p>Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel
+empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt
+durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als
+Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis
+fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas
+schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> plötzlich
+ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht
+zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder
+gesichert in seinem Käfig zu sitzen.</p>
+
+<p>»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein
+lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit
+wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?«</p>
+
+<p>»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde
+verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht
+geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz
+offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!«</p>
+
+<p>»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!«
+bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben.
+»Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu
+gestehn« — er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und
+flüsterte ihm ins Ohr: »<em class="gesperrt">Ich auch nicht!</em>« Und ebenfalls in
+unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und
+du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> reif für die Freiheit!
+Ha, ha, ha ...!«</p>
+
+<p>»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die
+Freiheit!« gröhlte Ziervogel.</p>
+
+<p>»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen
+fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde
+ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!«</p>
+
+<p>Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten
+begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen
+glüht ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten,
+war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der
+Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im
+Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß
+das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben
+würde.</p>
+
+<p>In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den
+Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat,
+als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke
+Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und
+stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es
+fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen
+von sich gab — schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie
+sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder
+los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten.</p>
+
+<p>Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke,
+stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der
+Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> erinnerte
+sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge
+sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu
+schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht
+sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ...</p>
+
+<p>Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten
+und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das
+bedeutet: der Glückliche ...«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+<h2 class="nobreak" id="Die_Sphinx">Die Sphinx</h2>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-e" src="images/drop-e.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»E</span>s war noch
+in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal,
+wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem
+hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt,
+mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine
+Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr
+heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt
+mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte
+und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir
+gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen.
+Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl
+pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich
+mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die
+ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen,
+und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren
+Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu
+einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.</p>
+
+<p>Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte,
+befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen,
+aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span>
+ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als
+zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von
+guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch,
+vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die
+Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß,
+daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz
+unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit
+ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem
+sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine,
+im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch
+entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes
+fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden
+Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten
+Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter
+Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen
+Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz
+zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der
+Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich
+sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten
+Frau hätte sein können.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht
+eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht,
+je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter
+gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals
+sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um
+nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet
+sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich
+ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine
+Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille,
+verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man
+hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem
+mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam
+weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso,
+als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr,
+zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm
+her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder
+benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich
+nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie
+ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit
+seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Äußerlich
+zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender
+Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich
+vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt
+hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum
+Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien
+sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern
+wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an,
+als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf
+dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens,
+stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut
+miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen
+Blick miteinander getauscht hätten.</p>
+
+<p>Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen
+Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf
+mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte
+eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und
+stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche
+gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen,
+meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span>
+plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja
+immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus,
+wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil
+nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir
+wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich
+die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu
+betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender
+Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja
+ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer
+liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.</p>
+
+<p>Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich
+stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein
+angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte,
+erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der
+Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die
+völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche
+Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte
+er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar
+wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt
+war, und zum Widerspruch gereizt<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> die Seite der Gegenpartei ergriff,
+indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher
+Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen
+meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte,
+als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und
+unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall,
+den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der
+hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich
+allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch
+Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm,
+in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu,
+die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in
+einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine
+bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen
+Tag bei ihm ausharren würde.</p>
+
+<p>Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem
+ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung.
+Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen,
+so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das
+unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> mir, daß ihre
+vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der
+alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens
+zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm
+während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir
+auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von
+einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite
+eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr
+hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang
+andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin,
+unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit,
+ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen
+von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden.
+Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen
+Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine
+ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich
+phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen:
+gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam
+auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige
+Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich
+fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> mitleidige Teilnahme eher
+dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen
+hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung
+richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem
+Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen
+Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.</p>
+
+<p>Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener
+stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde
+an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt
+die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen
+sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so
+dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt.
+Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um
+so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem
+wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben
+die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen,
+und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu
+glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen
+Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein
+bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> nicht umhin
+konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und
+ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges
+mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung
+verlassen hatte.</p>
+
+<p>Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich,
+zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten
+Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt
+begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem
+Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die
+Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien
+die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als
+hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914
+uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General
+sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals
+ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm
+zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei
+kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen
+Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am
+Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen
+bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden.
+Es<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst
+gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten
+ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in
+den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos
+gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich
+drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht
+anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still
+und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines
+Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte
+sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus
+dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife
+zu schürzen sich bemühte.</p>
+
+<p>Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei
+diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und
+gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen,
+die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst
+Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen.
+Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen
+von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden
+abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> sich selbst
+und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde
+dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der
+Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen
+verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen
+abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und
+die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser
+mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen
+einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals
+berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich
+mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen,
+daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben
+wollte.</p>
+
+<p>Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die
+Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten
+Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab
+es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn
+sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen,
+im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl
+vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit,
+von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> zu einer
+unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher,
+rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten
+hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor,
+auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener
+Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit
+eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste
+Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand.
+Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich
+im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich
+wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig
+erduldeten Dienstbarkeit — es war doch einer jener großen, suchenden,
+von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele
+aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die
+überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn
+ich mich nicht gänzlich täuschte.</p>
+
+<p>Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich
+naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche
+Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte
+mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb
+es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig
+aufleuchtenden Erkenntnisse<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> durch das Fehlen einer ausreichenden
+Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte
+ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie
+die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln,
+er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich
+weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff,
+je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.</p>
+
+<p>Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen
+angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam,
+in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre
+grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte
+es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer
+Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat,
+sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche
+Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen
+beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme
+der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig,
+einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und
+seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung
+zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> jener Versammlung noch ganz
+besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund
+aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen
+roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen
+Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch
+gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des
+glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns
+gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo
+wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten
+und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr
+voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.</p>
+
+<p>Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach
+der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt
+hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der
+unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein
+Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben
+haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf
+dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum,
+oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten
+Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen
+gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er
+unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber
+auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine
+vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich
+in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus
+der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im
+Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen,
+hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten
+Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch
+wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den
+Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend
+fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend
+ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft,
+die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen
+der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit
+einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft
+zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und
+wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein
+lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.</p>
+
+<p>Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen
+Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> unterschied, kam
+auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht
+versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm
+als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit
+führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede
+Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es
+dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum
+verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants
+aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht
+des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie
+gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen
+die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum
+der Evangelien« — dies war der Ausdruck, den er gebrauchte —
+hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur
+der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche
+er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt
+antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir
+lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre
+Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde
+wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt
+gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen
+Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer
+schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener
+Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit,
+wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren
+oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So
+fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und
+schöneren Zukunft.</p>
+
+<p>Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu
+zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen,
+der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die
+vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer
+Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt
+gelten mochte.</p>
+
+<p>Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale
+Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster,
+die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als
+mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die
+die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung
+dort hängen.<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne
+Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen,
+erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners
+lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da,
+kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte
+ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen
+wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein
+Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen
+teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah,
+wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit
+begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete,
+ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten,
+wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches
+Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der
+verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt wurde.</p>
+
+<p>Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf
+einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was
+Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen.
+Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich
+regenden Gefühl<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme
+für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere
+Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam,
+was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen
+Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der
+Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein
+mochten — wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die
+entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen
+und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß
+auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes
+Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn
+sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen
+und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit
+bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung
+gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der
+muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen
+ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze,
+wo das Menschenmögliche endet — tausendfach und eindringlicher als
+je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit
+denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> den Einzelwillen
+im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen,
+um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich,
+in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger
+einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen
+Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden,
+als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung,
+Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten
+miteinander gewetteifert — so lange in all solch frommem Abbruchtun
+und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis
+diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages
+durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten
+Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra
+geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und
+Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt
+antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt,
+läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der
+Weltlust verschlungen zu werden.</p>
+
+<p>Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der
+Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald
+kein Zweifel<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in
+das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu
+begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu
+meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor,
+wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht
+eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen
+Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie
+durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt,
+bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen
+überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem
+er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine
+Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser
+Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von
+heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten
+Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin
+und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in
+der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte
+und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung
+wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem
+leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> Äußerlichkeiten
+berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal
+hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles,
+was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein
+Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer
+Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach,
+das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen
+Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen
+mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es
+setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum — denn das
+Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich
+nicht in Begriffe fassen — allmählich die Überzeugung in mir fest, daß
+sie seine Geliebte sei.</p>
+
+<p>Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen
+mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende
+Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig
+und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer
+aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns
+eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend
+ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach
+des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> seine
+»Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug
+in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht
+nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so
+daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen
+Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften
+und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar
+frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer
+konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen
+Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich
+selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf
+seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.</p>
+
+<p>Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der
+Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam
+verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf.
+Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht
+auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.</p>
+
+<p>Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum,
+daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die
+erfolgte Aberkennung<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich
+übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick;
+etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt
+und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir,
+so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen
+einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind
+oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge
+enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer
+erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns
+gezwungen sehen, anzuklagen.</p>
+
+<p>Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen,
+irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders
+auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie
+trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei
+einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines
+Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten
+General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette,
+die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines
+Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem,
+goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei
+mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte.
+Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei
+dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick,
+den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem
+Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der
+kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein
+gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort
+wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette
+baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der
+Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.</p>
+
+<p>Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte
+bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es
+nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand
+von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten.
+Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den
+hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte,
+ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um
+es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> verehren. Und
+schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte
+dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein
+auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher
+Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht
+etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer
+moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen
+Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten
+Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß —
+was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab
+für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich
+wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie
+abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.</p>
+
+<p>Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen,
+verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu
+erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten
+Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte
+er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig — so was füttern
+wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen
+könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da
+antwortete er mir<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine
+Forderungen gründest?«</p>
+
+<p>»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«</p>
+
+<p>Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte
+mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in
+letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.</p>
+
+<p>»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.</p>
+
+<p>»Bedauernswert!«</p>
+
+<p>»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt.
+»Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen
+lassen.«</p>
+
+<p>Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte:
+»Was bringst du mir?«</p>
+
+<p>»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie
+vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das
+heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt
+ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es
+brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;"><span class="antiqua">We quench our longing, that we may be still,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Content with merely living,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">But would we learn our hearts full scope,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Our lives must climb from hope to hope</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">And realize our longing.</span></span><br>
+</p>
+
+<p>»Das <span class="antiqua">would</span> macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda
+nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche
+Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn
+doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das
+Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre
+wahre Natur sich frei entfalten.«</p>
+
+<p>»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes
+dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur
+allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der
+Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher
+herausarbeiten.«</p>
+
+<p>»Hast du eine Übersetzung versucht?«</p>
+
+<p>»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen
+ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an
+mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so
+sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in
+den Fehler verfallen,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen,
+als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden
+Sie selbst.«</p>
+
+<p>Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte.</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.</span><br>
+</p>
+
+<p>»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung
+und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir
+ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. — Nun wollen wir aber
+auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens
+fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«</p>
+
+<p>Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen
+wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als
+beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig
+genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir
+den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span>
+Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und
+auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann
+der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß
+ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon
+ungehalten sein.«</p>
+
+<p>Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein
+menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die
+Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er
+heftig.</p>
+
+<p>»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer
+Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen
+wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.</p>
+
+<p>»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze
+Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch
+— was sinkt, soll man stoßen!«</p>
+
+<p>Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im
+Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden
+würde.</p>
+
+<p>Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber
+inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art
+kindischem<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst
+fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt
+er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr
+leisten!«</p>
+
+<p>Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer
+bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon
+die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen
+Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht
+gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter,
+die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen
+schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...</p>
+
+<p>Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort
+nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und
+sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen
+geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt
+antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse
+unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit
+dem Elend, gehört es — wenigstens für hochstehende Menschen — nicht
+auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich
+unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span>
+vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit,
+der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir
+als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man
+bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie
+etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als
+Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht
+eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle
+von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und
+den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher
+die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre
+Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci,
+der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen — ist
+der etwa ein empfindsamer Schwächling?«</p>
+
+<p>»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda
+trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«</p>
+
+<p>Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte
+auf alle Fälle meinen Eifer.</p>
+
+<p>Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren
+Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind
+unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Lassen wir sie
+fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen,
+zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart
+und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte
+und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«</p>
+
+<p>»So gibt es doch noch eine Pflicht?«</p>
+
+<p>»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten
+Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns
+bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«</p>
+
+<p>»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in
+Widerstreit gerät?«</p>
+
+<p>»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und
+sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch
+nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«</p>
+
+<p>Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem
+Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der
+unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen
+Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem
+Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen
+Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den
+Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in
+denen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde,
+immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue
+Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des
+himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.</p>
+
+<p>Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an
+das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu
+durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin
+unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch
+unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als
+sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes
+Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch
+weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel
+nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich
+wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt
+vielleicht — die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir
+und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«</p>
+
+<p>»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen!
+Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur
+einmal in Amerika an!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.</p>
+
+<p>»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern
+nichts davon wissen wollen.«</p>
+
+<p>»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit
+einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber
+war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst,
+die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden
+Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene
+Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft
+in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war
+tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um
+mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da
+kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach
+der Tag der Befreiung an.«</p>
+
+<p>Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich
+über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend
+zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ...
+Nur freilich — ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das
+Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel
+in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet
+hätte auf<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und
+als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«</p>
+
+<p>»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und
+Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und
+gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«</p>
+
+<p>»Welches Rätsel?«</p>
+
+<p>»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch.
+Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich
+erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und
+stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und
+dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß
+jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«</p>
+
+<p>Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben
+erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr
+auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual
+ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich
+nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es
+nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre
+eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie,
+»daß<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare
+innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«</p>
+
+<p>Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung
+über alles!</p>
+
+<p>»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß
+ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken
+etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend
+sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von
+Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so
+empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig
+werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht
+mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies
+dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind
+das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für
+einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob,
+entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden
+vielleicht ein und dasselbe?«</p>
+
+<p>Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft
+atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch
+die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> in seine
+Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte
+ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte
+die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von
+der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen
+Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz
+erloschen ...</p>
+
+<p>Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches
+Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die
+Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da
+unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der
+Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze
+grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier
+starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu
+raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht
+wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der
+Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke
+— und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln.
+Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine
+finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<p>Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer
+Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir
+wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an
+einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben
+schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in
+dem sie wohnte.</p>
+
+<p>Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen
+Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon
+hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses
+Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt,
+noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des
+Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe
+von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an
+ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen.
+Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr
+zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt
+durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen
+und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle
+Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon
+und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> der Schritte nach
+und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich
+wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster
+weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für
+Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben.
+Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen
+Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die
+leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill
+... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.</p>
+
+<p>Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben
+war.</p>
+
+<p>Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen — aus
+Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord
+sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle
+Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden
+gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen
+öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen
+Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit
+um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit
+vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde
+Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Angaben, die die Blätter
+über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über
+achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger
+Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues
+Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe
+selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen
+Ton gehalten — nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe
+bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber,
+daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz
+verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten
+und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte
+in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen
+Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach
+dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig
+geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen
+Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden
+weilte.</p>
+
+<p>Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere
+Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß
+es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen
+wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> und manchmal sind die
+Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je
+vorausgesehen hätten.</p>
+
+<p>Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite
+uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon
+auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«</p>
+
+<p>Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst
+wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit
+entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von
+der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie
+möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf
+diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus,
+schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg
+uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen
+Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in
+die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren.
+Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte,
+schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht
+aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste
+aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll
+man stoßen.« Wie gern hätte ich<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> der Baronin ins Auge geblickt, um
+davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein
+einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können.
+Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich
+durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.</p>
+
+<p>Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine
+Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.</p>
+
+<p>»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend.
+»Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«</p>
+
+<p>Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter
+Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte
+uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.</p>
+
+<p>Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie
+wiedersehen ...</p>
+
+<p>Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner
+offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer
+hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß
+Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits
+Ende März eine Verschmelzung<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> der sozialdemokratischen Partei mit
+der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar
+des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der
+Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde.
+Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck
+zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den
+neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte
+der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte
+schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die
+Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die
+Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns
+Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«,
+wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder
+einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die
+Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund
+es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte
+Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene
+Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne
+der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine
+gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Grunde vermutete ich
+in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim
+gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger
+Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort
+»Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und
+ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.</p>
+
+<p>Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der
+Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den
+zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner
+in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen
+volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete
+und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate
+bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen
+Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen
+schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische
+Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler
+Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von
+Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch
+einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen
+hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen,
+soweit sie<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden
+waren.</p>
+
+<p>Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder
+vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe,
+blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich
+damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch
+meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß
+meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten,
+wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt
+wären.</p>
+
+<p>So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten
+Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in
+einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine
+telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser
+Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen
+Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine
+»Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals,
+wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen
+Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.</p>
+
+<p>Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft,
+die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen
+kostete. Ich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich,
+nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von
+einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend
+gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich
+mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon
+nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte
+eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ.
+Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal
+wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich
+irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig
+sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum
+auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name
+Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas.
+Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir
+vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle
+übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten,
+samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine
+Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt
+durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht
+wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> geladen und
+sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.</p>
+
+<p>Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine
+überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an
+den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt
+zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in
+einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das
+Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen
+und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen
+Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich
+durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte
+an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten
+Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen
+hätte, Nachricht geben könne.</p>
+
+<p>Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die
+richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der,
+wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen
+Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal
+der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald
+nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> »gefährlichen
+Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und
+seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine
+Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf
+die er mich aufmerksam mache — das mir wohlbekannte Telegramm war im
+Ausschnitt angeschlossen — sich auf das verschollene Paar beziehe.</p>
+
+<p>So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht
+anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend
+wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus
+dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von
+einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom
+Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig
+werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch
+»Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor
+denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß
+wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar
+von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen
+lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf,
+die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt
+auch einen Punkt, wo Nachsicht<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> und milde Beurteilung ein Ende haben
+müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends
+überschritten worden sei.</p>
+
+<p>Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen
+Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere
+Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte,
+das er als Seelenforscher an der Sache nahm.</p>
+
+<p>Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den
+politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der
+Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit
+sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers
+und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch
+rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr
+ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele
+unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen,
+durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen
+Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied
+zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen
+müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit
+oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber,
+wenn sie in Karl Schuda vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> etwas wie einen Erlöser und in
+seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit
+erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm
+den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als
+durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals
+von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser
+zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern
+ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens
+nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder
+ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte
+gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit
+gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für
+vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach
+verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens
+einigermaßen zu revolutionieren.</p>
+
+<p>An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in
+jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar
+Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger
+Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde
+Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche
+Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> in die Wege
+geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder
+aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es
+wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder
+harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg,
+an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von
+diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte
+um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit
+selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders
+über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste
+der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort
+noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen,
+meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen,
+etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine
+Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen
+identisch seien.</p>
+
+<p>Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen
+Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen
+revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und
+seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und
+Unbekannten zählten. Da aber<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> selbst mein Gewährsmann, dem nähere
+Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder
+Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so
+erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser
+Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen
+war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden
+Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie
+mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit
+findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet
+hat.</p>
+
+<p>Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen
+will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen,
+und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen,
+vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie
+durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor,
+daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt
+zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem
+Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort
+sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb
+gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten
+hatten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte
+auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre
+nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die
+persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte,
+unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin
+geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir
+aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht
+der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein
+das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung
+beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.</p>
+
+<p>Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der
+opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren
+Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der
+durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den
+die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler
+Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen,
+hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich
+dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet,
+gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst
+allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> von gegen zwanzig
+Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des
+allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage
+gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden.
+Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift
+in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger
+gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene
+Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat,
+meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich
+keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der
+strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem
+verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die
+Bergwanderung bildete.</p>
+
+<p>In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof
+erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden
+und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein
+prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes
+von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein
+ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei
+Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte
+Bergstufe<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die
+rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß
+wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später
+beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.</p>
+
+<p>Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg
+zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit
+des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte
+aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen
+zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu
+bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden,
+um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst,
+indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend
+unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die
+Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo
+eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich
+sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.</p>
+
+<p>Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich
+aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren
+Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> ich
+noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien,
+mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend,
+die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine
+Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt
+die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu
+sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir
+wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte
+unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte
+der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem
+mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.</p>
+
+<p>Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich
+sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich
+aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im
+Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend
+ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich
+darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe
+zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre
+Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.</p>
+
+<p>Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu
+ihr nieder, da mir ihre<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> mehr gehauchten als gesprochenen Worte
+unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn
+nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...</p>
+
+<p>Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war
+eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte
+der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von
+Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken Gemme.</p>
+
+<p>Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt
+haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert — nicht
+wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren,
+eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie
+bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage
+... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«</p>
+
+<p>Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen
+nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp
+hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager
+Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch
+zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen,
+knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span>
+Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren
+Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien.
+Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften
+Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser
+weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über
+ihr Antlitz beugend.</p>
+
+<p>Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre
+Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise
+sprechen. Ich höre Sie.«</p>
+
+<p>»Ja — was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er
+kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist
+eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie
+ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur
+um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß.
+»Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles
+sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie
+bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«</p>
+
+<p>In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt
+in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge
+blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> ich
+fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres
+darüber wußte, <em class="gesperrt">was</em> man unserem Freunde eigentlich zur Last
+lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht
+hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten
+Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken
+und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals
+trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher
+Erleichterung reichlicher flossen.</p>
+
+<p>Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen
+festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.</p>
+
+<p>»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen,
+»was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ...
+hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn
+glauben ... Er schätzte Sie sehr.«</p>
+
+<p>Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht
+fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich
+empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere
+Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft,
+die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> der
+Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.</p>
+
+<p>Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie
+mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte,
+überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick,
+daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar
+nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste
+meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen
+zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«</p>
+
+<p>Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor
+mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen
+sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen,
+Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung —
+vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr
+darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert
+verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der
+Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den
+Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich
+an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir,
+als hätte er mir einen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der
+Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit
+ein, mich zusammenzunehmen.</p>
+
+<p>»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie
+dem Leben erhalten zu wissen.«</p>
+
+<p>»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir
+leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in
+der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren
+Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ...
+Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei
+... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir
+nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«</p>
+
+<p>Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich
+ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer
+gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die
+Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen
+gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den
+visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam
+sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß
+es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Tochter
+... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er
+kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ...
+das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«</p>
+
+<p>Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft
+hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden,
+sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach,
+loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld
+wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein
+Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor
+einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr
+Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen
+konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr
+Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer — ich sah ein,
+daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu
+tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine
+Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen
+zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine
+Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht
+verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon
+ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen
+muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht
+daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es
+ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir
+ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich
+einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«</p>
+
+<p>»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich
+gehen ... Leben Sie wohl!«</p>
+
+<p>»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir?
+Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«</p>
+
+<p>Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich
+still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein
+liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen.
+Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln,
+das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar
+und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist
+das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz
+allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich
+wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<p>Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie
+glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung
+der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr
+ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr
+sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie
+noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen
+Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich
+behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht
+und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen
+Schritten ein Anruf mich zurückhielt.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager
+emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen
+kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette
+genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich
+... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte
+mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir
+den Gefallen!«</p>
+
+<p>In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich
+nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war
+noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> ich die
+Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie
+beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten
+Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine
+Schlafende aus?«</p>
+
+<p>In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte
+Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie
+schlafe. — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast
+aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede
+meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten,
+undurchdringlichen grünschillernden Augen.</p>
+
+<p>Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz
+meines Schreibtisches steht.</p>
+
+<p>Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem
+kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann,
+und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span>
+eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen
+haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen,
+um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider
+keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie
+bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am
+Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse
+Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart,
+verschlossen, grausam und mitleidlos.</p>
+
+<p>Schon manchmal wandelte mich deswegen die Versuchung an, den
+unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem
+Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln
+Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem
+Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und
+in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert
+sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als
+Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich
+für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den
+verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner
+peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln
+benutzt hatte.</p>
+
+<p>Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und
+vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Gefühle, die
+— wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken — die Vorstellung
+des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt
+hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte
+sie denn etwas dafür, daß die Initialen <span class="antiqua">K</span> und <span class="antiqua">S</span>, die
+in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein
+geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl
+Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal
+sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach
+ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben.</p>
+
+<p>Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen
+schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden,
+das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe
+selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege
+geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben.
+Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> beiden
+Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig
+ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs
+schmerzlichste beklage.</p>
+
+<p>Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all
+ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem
+Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen,
+uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und
+wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und
+die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch
+erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt
+und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in
+den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> der sich
+einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau,
+die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen
+Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über
+uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und
+dasselbe?«</p>
+
+<p>Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere
+Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ...</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+<h2 class="nobreak" id="Der_Mieter">Der Mieter</h2>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-e-2" src="images/drop-e-2.jpg" alt="E">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»E</span>s wird behauptet,
+ daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist
+aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei
+so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.</p>
+
+<p>Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den
+Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts
+zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als
+Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die
+riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude
+daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten
+aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es
+vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich
+ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und
+das taten sie alles nur ihm zuliebe.</p>
+
+<p>Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher
+andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht
+bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu
+beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit,
+wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine
+geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht,
+die Herrn Pleß oblag, aber bis zu<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> einem gewissen Grade läßt sich
+beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in
+dem man sie verrichtet.</p>
+
+<p>Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen.
+Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren
+Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man
+sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung
+geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so
+ungefähr die allgemeine Meinung.</p>
+
+<p>Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat —
+denn das war Pleß nach und nach geworden — den Betreffenden ganz
+erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber
+Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«</p>
+
+<p>Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte —
+wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber
+nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles
+so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man
+nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder
+Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und
+das war schließlich doch auch etwas!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein,
+der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte
+nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder
+Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur
+selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt — du
+lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den
+Zahlen und der Familie zu erholen.</p>
+
+<p>Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.</p>
+
+<p>Der Herr Oberrechnungsrat — diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm
+er kurz vor Ausbruch des Krieges — sammelte insgeheim Bücher.
+Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden — beileibe! Dazu
+reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben:
+Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne,
+Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen — wie wohlfeil
+damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald
+fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit
+Büchern austapeziert.</p>
+
+<p>In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte,
+das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er
+verzichtete.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um
+die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als
+diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte,
+dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er
+lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.</p>
+
+<p>Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt
+hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.</p>
+
+<p>Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen
+können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch
+angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein
+Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem
+Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war.
+Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen,
+es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war
+aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige
+Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen
+Boden fand.</p>
+
+<p>Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das
+war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span>
+beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt
+kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal
+etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich
+pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn
+beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn
+bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und
+scheuchten sie weit fort.</p>
+
+<p>Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder
+erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar
+selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon
+absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das
+paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war
+er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt
+nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der
+Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein,
+ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun
+als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein
+geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe
+mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens
+Kinder mit<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus
+dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder,
+freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem
+Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.</p>
+
+<p>Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem
+Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat
+vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein,
+das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das
+Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren,
+frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still
+verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine
+Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte
+tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp
+gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die
+Bücher.</p>
+
+<p>Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn
+Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und
+wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln,
+das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren.
+Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> gab es
+freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug — aber es blieb
+eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche
+und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.</p>
+
+<p>Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können — erst
+nachträglich sah er es ein — wäre wenigstens diesem Zustand Dauer
+beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens
+Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende
+nehmen.</p>
+
+<p>Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer
+und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die
+frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der
+Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten
+Lesetisch.</p>
+
+<p>Verschlossen und gequält saß er da und las und las — aber selten und
+immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse
+rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die
+Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als
+daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie
+verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in
+Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p>
+
+<p>So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem
+Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so
+laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei
+auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja
+nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den
+fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man
+den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das
+Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.</p>
+
+<p>Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte
+erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn
+Pleß ins Vaterherz.</p>
+
+<p>Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat
+die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis
+spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche
+rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze
+Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er
+fast ununterbrochen im Amt.</p>
+
+<p>In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger
+und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn
+obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> hatte seine
+Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen
+einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.</p>
+
+<p>Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes
+gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch
+Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«</p>
+
+<p>Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren
+auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit
+denen er ihn anstierte.</p>
+
+<p>»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen
+Sie sich nicht aufhalten ...«</p>
+
+<p>Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner
+Arbeit zu.</p>
+
+<p>Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger
+Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem
+Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem
+Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen
+Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang
+nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht
+eintraf.</p>
+
+<p>Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter,
+weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein
+sauber mundiertes<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte
+amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.</p>
+
+<p>Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie
+eine Raupe, die sich eingesponnen hat.</p>
+
+<p>Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den
+erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm
+einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre.
+Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr — was frommte es ihm, sein
+eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu
+sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick
+auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens
+ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen
+pflegte.</p>
+
+<p>Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt
+wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen
+Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die
+alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit
+für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg
+herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so
+lästig zu werden, daß er schließlich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> doch nach Hut und Stock griff.
+Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen,
+hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen
+Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere
+Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.</p>
+
+<p>Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst
+genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.</p>
+
+<p>Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient
+hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück
+sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun
+auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht
+viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer
+nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm
+nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich,
+indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln
+wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was
+er früher wert gewesen.</p>
+
+<p>Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen
+an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte,
+aus<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt
+wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar
+das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute
+ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere
+Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen
+wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie
+vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer
+jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel
+machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder
+Vernunft angenommen hätten.</p>
+
+<p>Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie
+verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und
+verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig
+waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und
+da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn
+wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese
+gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch
+wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die
+dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel
+und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen
+sie allmählich<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und
+überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf,
+las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not
+und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher
+betrogenen Volkes.</p>
+
+<p>Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um
+die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene
+Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet,
+die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt.
+Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf
+wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in
+seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?</p>
+
+<p>O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß
+es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie
+innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.</p>
+
+<p>Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur
+mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das
+nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering
+gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es
+lag ihm<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi,
+die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine
+bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und
+redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde
+es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit
+zuzulegen.</p>
+
+<p>Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb
+über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den
+Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich
+eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie
+sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger
+nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig
+hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner
+übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner
+eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen
+jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei
+eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt — um sie brauche er
+sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte,
+und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben
+hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und
+Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> dem zufrieden zu
+geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.</p>
+
+<p>So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war
+ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel
+vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt
+das immer zum Nachdenken Anlaß.</p>
+
+<p>Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die
+Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er
+keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich
+nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu
+kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade
+um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde
+zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen
+verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen
+Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit
+Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht
+vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr
+nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige
+Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines
+neuen Bandes — wieviel Farbe hatte<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> das alles in sein Leben gebracht!
+Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht
+gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur
+wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing,
+wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange
+nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.</p>
+
+<p>Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man
+mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden,
+wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch
+lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.</p>
+
+<p>Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über
+seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er
+noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt
+wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und
+der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres
+gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas
+ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen,
+ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es
+seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer
+aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte — ein jeder, der<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können — das mußte gerade er
+als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner
+Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb
+er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft
+zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im
+Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache
+an.</p>
+
+<p>Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde!
+Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm?
+So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick
+an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu
+Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine
+unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese
+merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich
+auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren
+— aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens
+Leben.</p>
+
+<p>Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm
+melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie
+sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus
+höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>»Ja, wieso denn? Die Wohnung —«</p>
+
+<p>»Bitte, hier die Legitimation.«</p>
+
+<p>Himmel! Die städtische Wohnungskommission!</p>
+
+<p>Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle
+Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind,
+während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die
+Herren hindurchgeleitete.</p>
+
+<p>Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten.
+Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen
+Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im
+Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem
+Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.</p>
+
+<p>»Jawohl, dies ist das Schlaf — das Schlaf —«</p>
+
+<p>»Sie sind Witwer?«</p>
+
+<p>»Leider, leider!«</p>
+
+<p>»Alleinbewohner?«</p>
+
+<p>»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«</p>
+
+<p>»Wer ist die Resi?«</p>
+
+<p>»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«</p>
+
+<p>»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«</p>
+
+<p>Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.</p>
+
+<p>»Und hier?«</p>
+
+<p>»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p>
+
+<p>»Ihrer Tochter —?«</p>
+
+<p>»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«</p>
+
+<p>»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«</p>
+
+<p>Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits
+bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.</p>
+
+<p>»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.</p>
+
+<p>»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.</p>
+
+<p>»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der
+Kommission war, sich an Pleß.</p>
+
+<p>»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich
+... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...!
+anno ...«</p>
+
+<p>»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp
+bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen
+allgemeinen Überblick.«</p>
+
+<p>»Eins — zwei — drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der
+Protokollführer schrieb auf.</p>
+
+<p>»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«</p>
+
+<p>Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine
+Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch
+schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«</p>
+
+<p>»Dies die Küche?«</p>
+
+<p>Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von
+einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach
+tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein
+Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder
+ins Schloß.</p>
+
+<p>»Und hier, die Tür nebenan?«</p>
+
+<p>»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines
+... bescheidenes ...«</p>
+
+<p>»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen
+ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem
+beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger
+Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie
+wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«</p>
+
+<p>»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war
+mir ein ganz besonderes ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p>
+
+<p>Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen würde.</p>
+
+<p>Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im
+letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich
+darf wohl hoffen —? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich
+—?«</p>
+
+<p>»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der
+im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.</p>
+
+<p>Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe
+hinunter und waren fort.</p>
+
+<p>Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.</p>
+
+<p>»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in
+einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie
+mir nicht in den Suppentopf geguckt haben — sonst alles! Nein, da hört
+sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«</p>
+
+<p>»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der
+Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.</p>
+
+<p>Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission,
+offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen,
+ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden
+Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte
+auch jeder der<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die
+Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen.
+Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens
+darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-,
+Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte
+er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam
+wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der
+Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.</p>
+
+<p>Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er
+ängstigte sich.</p>
+
+<p>»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer —? Wer weiß, am
+Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«</p>
+
+<p>»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine
+Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie
+hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken
+vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«</p>
+
+<p>»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich —
+»verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich
+ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere
+Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> nicht! Sie hätten ja
+fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich
+natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen —!? No
+also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«</p>
+
+<p>Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte
+er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit
+drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick
+daraus würde drehen können.</p>
+
+<p>Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt:
+»Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«</p>
+
+<p>Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß
+in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu
+seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis
+gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne
+und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen
+(denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin
+zubilligen müsse.</p>
+
+<p>Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer
+Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung
+fürchtete.</p>
+
+<p>Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind
+wirklich aus dem Wasser!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie,
+was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln
+sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären,
+die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die
+Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab',
+und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und
+dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und
+eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben,
+bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn
+man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt
+einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie
+rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein
+Abstauben überhaupt auf. So — das tät' ich ihnen ordentlich unter
+die Nasen reiben! — Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer
+da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang
+nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie —
+wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«</p>
+
+<p>Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich
+ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand
+ständiger Erregung<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte
+wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein
+schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm
+im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die
+gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit,
+das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.</p>
+
+<p>Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich
+beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten
+Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach
+Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich
+nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern
+packen.«</p>
+
+<p>Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich
+drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! — Ja, haben Sie
+denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.</p>
+
+<p>O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer
+geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von
+Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> vielen Büchern,
+die er besäße, eine ganze Bibliothek ...</p>
+
+<p>»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte
+ungehalten.</p>
+
+<p>Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen
+hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der
+Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders
+drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich
+einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.</p>
+
+<p>Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem
+Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen —? Dann würde ich Ihnen empfehlen,
+suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen
+Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich
+auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät,
+und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf
+Kindern hineinbekommen!«</p>
+
+<p>Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden,
+daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel.
+Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete
+es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung,
+daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht
+ausdrücklich<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich
+aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den
+eingepaßten Regalen standen — was wäre aus denen geworden, wenn es
+der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder
+überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi
+nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit
+in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer
+nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld —?</p>
+
+<p>Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer
+freiwillig abgebe — bleibe ich dann im übrigen ungestört?«</p>
+
+<p>»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte
+nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.</p>
+
+<p>Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber
+in diesem Augenblicke — beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er
+sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein
+Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag,
+der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser
+Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen
+Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu
+verschmelzen versprach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p>
+
+<p>Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den
+bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich
+selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen
+hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem
+Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen
+sozialen Öles gesalbt.</p>
+
+<p>Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal
+zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen
+Bekannten bei sich aufnahm — dies kleine Opfer konnte er wirklich
+bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf
+und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn
+zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden
+Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten
+Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in
+reifliche Erwägung ziehen werde.</p>
+
+<p>Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der
+Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.</p>
+
+<p>Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege,
+dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber
+wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>
+Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und
+nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß
+er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von
+einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht
+zweitausend Kronen und mehr — welche Summe für einen Festbesoldeten
+auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher
+nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim
+Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr
+im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl,
+Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein
+Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das
+befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert,
+einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?</p>
+
+<p>Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch
+der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und
+durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.</p>
+
+<p>Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am
+besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen
+Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige
+Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> würde, bloß ein Bekannter
+zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme
+herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens
+jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst
+so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich
+ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm
+gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen
+zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch
+einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte
+werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der
+Seite seines Bettes stand!</p>
+
+<p>Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen.
+Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen
+Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus
+aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die
+gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war,
+hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für
+eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche
+Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt,
+von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht
+sozusagen für den Retter dieses<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Menschen halten zu dürfen, war doch
+er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete
+Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und
+seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn
+keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig
+verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz — mußte es auf
+der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit
+wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute
+Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche
+Frucht tragen würde?</p>
+
+<p>Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es
+ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde
+seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es
+Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine
+Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen
+ließ.</p>
+
+<p>Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm
+wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten
+Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen
+überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob,
+stand wie gerufen der Gesuchte<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig
+streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch
+diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner
+Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.</p>
+
+<p>»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang
+zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück
+Weges.«</p>
+
+<p>»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«</p>
+
+<p>»O — bitte, bitte!«</p>
+
+<p>Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so
+überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum
+auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig
+von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine
+Wohnung von vier Zimmern hätte ...</p>
+
+<p>»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.</p>
+
+<p>»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit
+drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem
+Zufall übersehen ...«</p>
+
+<p>»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.</p>
+
+<p>»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> etwas unsicher geworden,
+und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der
+Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.</p>
+
+<p>Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich
+seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und
+staunte ihn groß an.</p>
+
+<p>»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude
+heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen
+ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht!
+Gemacht! Das heißt — was verlangen Sie dafür?«</p>
+
+<p>»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen —
+ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind
+mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn
+ziehen.«</p>
+
+<p>Abermals blieb Scheinemann stehen.</p>
+
+<p>»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer
+Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt
+wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein!
+Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so
+werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine!
+Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p>
+
+<p>Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich
+einziehen?«</p>
+
+<p>»Wann es Ihnen paßt.«</p>
+
+<p>»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! — Pardon!« rief er plötzlich in
+Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten,
+wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt:
+Gemacht! Gemacht!«</p>
+
+<p>Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen
+vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.</p>
+
+<p>Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg
+fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten —? Gab es
+jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt
+alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...</p>
+
+<p>Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in
+der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein
+unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen
+mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch
+eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen
+Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen
+Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> zu
+verhüllen pflegen — was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den
+Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit
+bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen
+völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell
+gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...</p>
+
+<p>Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten
+Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem
+passe.</p>
+
+<p>Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi:
+»Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter.
+Morgen früh zieht er ein.«</p>
+
+<p>Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche
+Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in
+der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte,
+verkündete nichts Gutes.</p>
+
+<p>Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß
+wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten
+Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann,
+bescheiden.«</p>
+
+<p>»Ein bißchen klein —!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum
+Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<p>»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«</p>
+
+<p>»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem
+breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«</p>
+
+<p>Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit
+des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer
+zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über
+der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das
+Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz
+leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie
+gekommen, in ihrer Küche.</p>
+
+<p>Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran,
+das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und
+Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich
+erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu
+fahren.</p>
+
+<p>Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe
+löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne
+aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon
+zu Gesicht bekommen?«</p>
+
+<p>»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi
+empört.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p>
+
+<p>Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen
+müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben.
+Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre
+Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt,
+und das andere sein Bureau.</p>
+
+<p>»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und
+ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«</p>
+
+<p>Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und
+sah sie mit aufgerissenen Augen an.</p>
+
+<p>»Tippmamsell —? Bureau —? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja
+rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett
+hineinschieben?«</p>
+
+<p>»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«</p>
+
+<p>»So —? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«</p>
+
+<p>»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand
+mit dem Suppentopf.</p>
+
+<p>Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich
+verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme
+auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> er
+zusammen — die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte.
+Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in
+entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür.
+Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute
+sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.</p>
+
+<p>Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist
+denn gekommen?«</p>
+
+<p>»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer
+Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom
+Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich
+mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die
+Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und
+deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner
+Treu', das hat sie g'sagt!«</p>
+
+<p>»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung
+nahe.</p>
+
+<p>»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme
+in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein,
+so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine
+Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span>
+meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in
+der Hoffnung!«</p>
+
+<p>Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit,
+sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am
+wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten
+sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er
+ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich
+eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine
+Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die
+Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen
+sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen
+Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das
+Päckchen.</p>
+
+<p>Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen
+und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.</p>
+
+<p>Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.</p>
+
+<p>Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch,
+daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze
+des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen
+sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger
+Mieter hereingesetzt<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> würde, möglicherweise sogar der angedrohte
+Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage
+käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern
+besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich
+zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich
+wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe
+vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.</p>
+
+<p>Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives
+Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte
+der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb
+also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den
+Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert,
+im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett
+und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und
+eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter
+schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der
+ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich
+in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich
+zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es
+etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> von
+Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...</p>
+
+<p>Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach
+dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese —
+Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«</p>
+
+<p>Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und
+verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und
+schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie,
+die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der
+Hand gefallen, vor lauter Scham.</p>
+
+<p>»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab'
+ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er — ist daneben im
+Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig,
+wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche
+Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«</p>
+
+<p>An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es
+gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst.
+Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung
+kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken
+in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese
+Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines
+Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.</p>
+
+<p>An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters
+angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt:
+»Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und
+Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein
+Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange
+getreten. Denn im Bücherzimmer saß — Herr Scheinemann!</p>
+
+<p>Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem
+Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor
+ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte
+eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie
+brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören
+lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern.
+»Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar
+Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies
+fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein
+geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer!<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Und Bücher
+haben Sie — mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn
+solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab',
+sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich
+aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber
+natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«</p>
+
+<p>Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort,
+während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte
+sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete
+beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere,
+der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht
+Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich
+und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie
+denn wirklich schon Rechnungsrat —? Und sogar schon a. D.? Wie ist
+denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre
+gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«</p>
+
+<p>»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als
+Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine
+solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige
+nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die
+Regierung nicht pariert, so<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> gibt's ganz einfach Streik. Verstanden?
+Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert.
+Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich
+mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als
+wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als
+Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden
+nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar
+Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von
+einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien'
+ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn,
+den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent
+dazu.«</p>
+
+<p>»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem
+Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum
+heißt sie Kondor?« fragte er.</p>
+
+<p>»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer
+aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus
+Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber
+mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten — kurz, mit allem,
+womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> welches. — Gibt
+es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher
+...«</p>
+
+<p>»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner
+Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber
+Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir
+halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung
+eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie
+meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein,
+wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt,
+einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«</p>
+
+<p>»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß,
+seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht
+eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.</p>
+
+<p>»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel.
+Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer.
+Meine Braut — wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor —
+bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich
+sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer
+würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten
+umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten.<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser.
+Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in
+Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr
+zu dermachen.«</p>
+
+<p>Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte
+rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß
+regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt
+ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein
+Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.</p>
+
+<p>»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem
+Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«</p>
+
+<p>»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu
+ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein
+konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich
+das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst
+heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert — dreißig, vierzig
+Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum,
+Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum
+Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens — Ihren Rock<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> und Hut sollten
+Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat.
+Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum
+gewesen war — Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der
+angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner
+Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins
+Genick versetzt.</p>
+
+<p>»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann
+aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen
+da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin,
+so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein
+Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-,
+dreitausend Kilo im ganzen — spielt gar keine Rolle, was? Also
+gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat — ja richtig,
+der Casanova!«</p>
+
+<p>Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und
+entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit
+Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür
+aufgeschlossen — den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte,
+hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt
+konnte man das Abladen<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens
+verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den
+Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke
+gewälzt.</p>
+
+<p>Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und
+lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer
+kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und
+teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr
+an ...</p>
+
+<p>Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und
+im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete
+das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne,
+der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.</p>
+
+<p>Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr
+allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr
+die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis
+spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast
+keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat,
+standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom
+Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe.
+Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen,
+Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und
+Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre
+singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den
+Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit
+die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die
+Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz
+der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.</p>
+
+<p>Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und
+schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der
+Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das
+eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst
+zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder
+in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus
+Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen
+konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer
+noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem
+in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war,
+irgendwo<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer,
+als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten
+der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel
+anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte,
+zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.</p>
+
+<p>Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine
+unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen
+vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder
+überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken
+und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner
+Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem,
+was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und
+suchten ein anderes Ziel.</p>
+
+<p>Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände,
+um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind
+es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles,
+was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht
+die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine
+Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft
+und Vereinigung ist uns<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht
+zurückgeflossen ist ins All.</p>
+
+<p>In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr
+Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für
+Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht
+mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt
+geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben
+doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand
+die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...</p>
+
+<p>Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten
+endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.</p>
+
+<p>Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der
+mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war,
+unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren-
+und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten,
+legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe
+als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen
+Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste
+sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt
+am Samstag würde abgeholt werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p>
+
+<p>Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und
+berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte
+Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend:
+»Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«</p>
+
+<p>Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des
+Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in
+Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt,
+es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener
+Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch
+eine Gasausströmung verursacht hatten.</p>
+
+<p>So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens
+Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen
+können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug,
+um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.</p>
+
+<p>»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und
+ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze
+Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es
+sich eingeschlichen!«</p>
+
+<p>Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint,<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Sie merken gar
+nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«</p>
+
+<p>Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische
+Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer
+erfüllte.</p>
+
+<p>»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt
+sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«</p>
+
+<p>»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat
+vor sich hinsinnend.</p>
+
+<p>»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da
+drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«</p>
+
+<p>»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte
+er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende
+gemacht werden!«</p>
+
+<p>Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er
+wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht
+sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem
+Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von
+diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung
+ehestens zu räumen.</p>
+
+<p>Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach
+seiner Meinung keine andere<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> mögliche Antwort darauf als die, sich zu
+empfehlen.</p>
+
+<p>Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß
+von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten
+ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose
+Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte
+sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg
+nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn
+sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten
+Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen,
+anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
+weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür,
+als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste
+und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.</p>
+
+<p>Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine
+Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte.
+Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen
+Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto
+über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins
+Bücherzimmer trat, saß wieder einmal — und diesmal<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> nicht ganz
+unwillkommen — der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im
+Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren.</p>
+
+<p>»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob
+sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu
+ersuchen.«</p>
+
+<p>»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich
+dienen?«</p>
+
+<p>»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten
+Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht
+ausreichen. Überdies sind wir — vom Geschäft ganz abgesehen — unser
+zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger
+alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht
+verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort,
+um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste
+Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma
+dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich
+das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser
+Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse
+reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit
+der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen.
+Bei<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter
+und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie
+mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei
+einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.«</p>
+
+<p>»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und
+wo soll ich denn ... meine Bibliothek —?« stammelte er, außer sich vor
+Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher unterbringen?«</p>
+
+<p>»Die alten Schwarten — wenn Sie sie nicht lieber verkaufen wollen, was
+bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste
+wäre — packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem
+Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur
+Verfügung stellen.«</p>
+
+<p>Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß
+Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte,
+das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen
+Meinung.</p>
+
+<p>»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte
+des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie
+sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast
+hatte ich Sie aufgenommen — leider, leider!<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> Und nun treten Sie mir
+als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die
+Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich
+bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu
+bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt,
+Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich
+delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der
+ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus!
+Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir
+nicht mehr unter die Augen!«</p>
+
+<p>Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner
+geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr
+Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung
+gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre.
+Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um
+die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu
+würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten
+Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung
+dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu
+gestatten bitte, am Platze sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+
+<p>Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs
+nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen.</p>
+
+<p>»So —!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer,
+die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich
+nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren
+Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem
+Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den
+Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem
+Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um
+sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich
+meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie
+mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen,
+so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr
+Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben
+Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von
+Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.«</p>
+
+<p>Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte
+ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung
+wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> herauskommen und
+ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz,
+»ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume
+Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es
+schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu
+früh dafür war, den Tisch zu decken.</p>
+
+<p>Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die
+Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel
+sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze
+Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte
+er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär'
+er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes
+ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche
+zurückschleichen, als er sie anrief.</p>
+
+<p>»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig
+gequälten Stimme, »seien Sie so gut — ich fühle mich fast zu matt, um
+aufzustehn — reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der
+dritten Reihe steht.«</p>
+
+<p>Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem
+großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen.</p>
+
+<p>»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> ungeduldig.
+»Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel,
+Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.«</p>
+
+<p>Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm.</p>
+
+<p>»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge.</p>
+
+<p>»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und
+begann in dem Bändchen zu blättern.</p>
+
+<p>Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in
+das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort,
+berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ...</p>
+
+<p>»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und
+war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns
+abzuschütteln, mißlungen sein mußte.</p>
+
+<p>Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete
+aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus
+nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte
+jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte,
+sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und
+hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er,
+flüchtig aufblickend.</p>
+
+<p>»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!«
+stellte sie mit Überzeugung fest.</p>
+
+<p>»Ein bißchen abgespannt — nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas
+früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen
+Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh
+muß ich zu einem Leichenbegängnis.«</p>
+
+<p>»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?«</p>
+
+<p>»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden
+zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn
+Sie so freundlich sein wollten ...«</p>
+
+<p>Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an
+die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab.
+Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu
+bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte
+sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich
+und wünschte gute Nacht und baldige Besserung.</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone
+nach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
+
+<p>»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's
+anders wär'!« ...</p>
+
+<p>Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie
+auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war
+lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und
+Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen
+hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat
+ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den
+zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den
+ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die
+Ohren verstopfte.</p>
+
+<p>Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß — denn
+immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten
+äußerte, mit der seligen gnädigen Frau — ...</p>
+
+<p>»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie — »ich bin
+mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die
+Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die
+anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt.
+Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen
+prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum
+Fenster hinausschmeißen — da rührt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> sich keine Behörde, da schaun die
+Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen
+die Achsel: Ja, da kann man nix machen!«</p>
+
+<p>Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz
+ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen
+lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar
+wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja
+keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder
+herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie
+hineingekommen ist!«</p>
+
+<p>Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte
+selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein
+Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums
+hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt,
+drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch
+lange bis nach Mitternacht weitertobte.</p>
+
+<p>Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die
+Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf
+stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!«</p>
+
+<p>Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> ein entsetzlicher,
+atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen — Jesus Maria! Da saß eine
+schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ...</p>
+
+<p>Weit riß sie die Fenster auf.</p>
+
+<p>»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«</p>
+
+<p>In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters.</p>
+
+<p>»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?«</p>
+
+<p>»Der gnädige Herr —! der Herr Oberrechnungsrat —!«</p>
+
+<p>»Also was ist denn eigentlich los?«</p>
+
+<p>»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!«</p>
+
+<p>»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann
+holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?«</p>
+
+<p>Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in
+Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet
+waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der
+Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ...</p>
+
+<p>An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich
+inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus,
+aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben.
+Scheu traten sie näher, stießen und schoben<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> einander vorwärts, wagten
+sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf
+die Schnalle der Küchentür drückte — da fuhren sie aufkreischend
+zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die
+Türspalte ...</p>
+
+<p>Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen
+hinaus. Unten tönte eine Hupe.</p>
+
+<p>Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist
+schon die amtliche Kommission,« sagte er.</p>
+
+<p>Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht.
+Aber freilich — sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des
+Augenscheins.</p>
+
+<p>Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings
+entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in
+derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene
+Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ...</p>
+
+<p>Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen
+machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den
+Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das
+Gewünschte zu holen, und erstarrte — Scheinemann und die Rothaarige
+waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
+
+<p>Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte
+sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!«</p>
+
+<p>»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute
+verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an!
+In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine
+Vierzimmerwohnung!«</p>
+
+<p>Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten
+Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark
+slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu
+sohrgen!«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen
+Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt
+hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat
+er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem
+widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p>
+<h2 class="nobreak" id="Die_Zobelkinder">Die Zobelkinder<br>
+<span class="s5">Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h3em" id="drop-d_01" src="images/drop-d_01.jpg" alt="D">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">»D</span>er Winter
+bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich
+mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis
+jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich
+mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die
+Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel
+in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre
+ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal
+meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in
+die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam,
+was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten
+Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf
+Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.</p>
+
+<p>Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein
+Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er
+in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse
+jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig
+über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen,
+daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort
+erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span>
+zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die
+leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen
+Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich
+unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht
+lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche
+Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen
+ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch
+eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient
+hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich
+gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den
+Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole,
+so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet.
+Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer
+geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft,
+was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben würde.</p>
+
+<p>Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen
+weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als
+solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten
+Köchin, die nicht nur sein Leibgericht,<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> eine süße Mehlspeise, die
+man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar
+zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe
+mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin
+schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit
+jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang,
+daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte,
+unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig
+wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe
+starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem
+Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute
+nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.</p>
+
+<p>Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden
+außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach
+ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der
+Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher
+Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen
+will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück
+wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum
+Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach
+kaum<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod
+abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste
+kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen.
+Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen
+Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und
+hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen,
+und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund Wittig.</p>
+
+<p>Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und
+bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war
+ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den
+Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar,
+die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier
+Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz
+klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und
+jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im
+zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als
+kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die
+Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen
+Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen
+Herkunft das Ansehen richtiger<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Geschwister verlieh; und wäre es nicht
+versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen
+etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick
+leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert
+fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen
+Vorgang andächtig umringen.</p>
+
+<p>Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den
+Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit
+selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen
+zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit,
+fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die
+Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen
+sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die
+Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott,
+unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die
+Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter
+sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung
+der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu
+sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte
+ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen,
+alle zwölf bis vierzehn Monate mit<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> einem gesunden Sprößling. Meister
+Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten
+Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer
+Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen
+Einfluß. »Tages Arbeit — abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei
+seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.</p>
+
+<p>Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es
+plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn
+selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen,
+was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder
+fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu
+bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich
+zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch
+bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der
+Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er
+freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes
+willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf
+seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und
+die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen — im Verhältnis
+betrachtet, natürlich! — immer wohlfeiler würden.<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Es gebe Kunden, die
+das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn
+doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren,
+und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon
+könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder
+besitze.</p>
+
+<p>Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und
+schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine
+Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen
+müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger
+preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener
+Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich
+doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig
+über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem
+Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum
+sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon
+früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und
+die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen
+Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die
+alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen
+hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
+
+<p>Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es
+sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der
+Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und
+Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter
+sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben
+durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer
+einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.</p>
+
+<p>Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch
+genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht
+viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten
+überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer
+dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt
+hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders
+ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten
+und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach
+ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der
+noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten
+Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch
+nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur
+gegen ihn, fröhlich, doch<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch
+nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen
+die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend,
+die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich
+zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben.</p>
+
+<p>All die genannten süperben Eigenschaften im stillen rekapitulierend,
+um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er
+wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg
+zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser
+geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre
+Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst
+eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier
+vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit
+schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins
+nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein
+jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen
+drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den
+Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die
+Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht
+übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Jungfrau zu tun habe,
+die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung
+kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar
+nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer
+Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt
+hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den
+Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen.</p>
+
+<p>Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten
+Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit
+betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie
+eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen
+hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie
+unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese
+seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf
+niedergebeugt hatte, sie zu küssen.</p>
+
+<p>»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen
+und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle
+der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen
+Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde
+des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span>
+hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand
+wieder zurück und drückte ihr wirklich — um in ihrem Geiste zu
+sprechen — den Stempel ihrer keuschen Lippen auf.</p>
+
+<p>Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung
+von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte
+er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse
+es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der
+Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die
+umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger
+Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die
+dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als
+die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach
+den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und
+darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht
+verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten
+Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu.</p>
+
+<p>Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles
+»Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen
+entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und
+bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> damit er seine
+Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er
+hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen
+getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen
+Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier
+zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes
+und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das
+auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz
+gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach
+Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu
+heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch
+etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt,
+daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten,
+den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung
+überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er
+sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare
+zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei.
+In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert
+einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> die
+hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf
+einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf
+alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die
+Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen
+war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann
+er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser
+aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb
+mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies
+nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder
+Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den
+Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und
+Seelenverschwisterung.</p>
+
+<p>So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach
+der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit
+erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur
+an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen
+Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der
+Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei
+der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig,
+weitherzig, wie<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie
+großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder
+weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern
+doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten.
+Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die
+Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch
+einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr
+nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich
+die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken
+Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn
+und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt,
+so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen
+oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und
+buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich
+bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über
+die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig
+ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und
+ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte.</p>
+
+<p>Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen
+Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> und mangelnde Vorsicht
+ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich
+nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine
+beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn
+als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen
+Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell
+hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei,
+und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin
+wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging
+er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin
+behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen
+Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber
+setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an
+die Luft und ließ sich scheiden.</p>
+
+<p>Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar
+vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat
+aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der
+Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen.
+Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins
+entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen,
+darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span>
+Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen,
+aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig
+gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in
+den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren
+Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut,
+Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen
+einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich
+mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings.</p>
+
+<p>Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel,
+und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses
+siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin,
+sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen
+pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die
+Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr
+glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften,
+konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am
+richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte
+dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche
+zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren
+kostbaren Sealmantel mit dem Anstand<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> einer vollendeten Dame zu
+tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber — denn so
+viele waren es mit der Zeit geworden — verhielt sie sich ungefähr
+wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum
+entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen
+Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun,
+jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten
+von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging
+seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott
+dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der
+jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter
+ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen
+lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage
+ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf
+machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen
+Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte.</p>
+
+<p>Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter,
+geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie
+eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten
+Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr
+Wuchs nicht vollständig<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> normal, ja von einer reizenden üppigen
+Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder
+Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen
+Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf
+Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander,
+daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien.
+Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd
+und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte,
+kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte,
+scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit
+liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in
+diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe
+es nicht auf der Welt ...</p>
+
+<p>Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch
+gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern.
+Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin
+war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es
+deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu
+behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung.
+Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> ein Ende
+nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher
+wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner
+Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem
+Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde
+Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich
+mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der
+Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir
+erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann
+würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich
+für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit
+schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher
+Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue
+gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages
+wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke,
+deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich
+gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer
+Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von
+Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur
+Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht
+angerichtet, das Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> hatte vorerst nur warnend seinen Finger
+erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen.</p>
+
+<p>Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen
+wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte,
+niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom
+Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher,
+gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten
+Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern
+im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks
+ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher,
+glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter
+dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe
+geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten
+Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel,
+die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der
+Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo
+ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte
+aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum stehen?</p>
+
+<p>Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie
+ich's verstünde, und wüßte nichts<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> davon, wie schwer es für einen
+Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen.
+Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten
+Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur
+um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel
+ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit
+forteskamotiere.</p>
+
+<p>»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist
+kinderlos, du kannst lachen!«</p>
+
+<p>Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste,
+bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten
+versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr
+ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten
+im Kopfe hätten!</p>
+
+<p>Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich
+mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch
+ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen
+doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch
+neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den
+Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's
+wirklich nicht mehr leisten!«</p>
+
+<p>Ich verstand nicht recht, wie er es meine — ich selbst freilich
+geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er
+bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben,
+kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß
+er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er
+sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war
+sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz
+jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich
+rasch und suchte die Tür zu gewinnen.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder
+—?«</p>
+
+<p>»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich
+geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter
+...</p>
+
+<p>Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn
+wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort
+hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt
+gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die
+ländliche Gattin es war.</p>
+
+<p>Auf der Karte standen neben der trauernden<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Witwe die sämtlichen
+Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem
+Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als
+einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und
+Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und
+Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich
+bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein
+gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig
+verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als
+Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und
+Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt.
+Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu,
+der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name
+Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des
+Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken.</p>
+
+<p>Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine
+fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die
+Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des
+Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr
+des Gleichen!</p>
+
+<p>Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> unter der früheren Firma
+weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes
+Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein
+werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ...
+Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend
+auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit
+notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile
+Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort
+wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit
+bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt
+koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs
+Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir
+ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei
+ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten
+Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln
+müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der
+fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die
+Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung,
+die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es
+nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren
+oder ganz<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen,
+wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden,
+ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen
+Bundesstaates zu tilgen. <span class="antiqua">Relata refero.</span> Mein Gewährsmann, der
+sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge
+Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr
+mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie
+eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken.</p>
+
+<p>Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich
+später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen
+durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings
+recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte,
+zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei
+oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander
+hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben,
+das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen
+Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft
+einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu
+einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der
+freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und
+wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> und seine Mutter
+gewesen — denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte
+auszukennen — so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und
+waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel)
+wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander
+gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen
+Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand
+man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen
+Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die
+halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch
+jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu
+unterscheiden waren.</p>
+
+<p>Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den
+Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch
+die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen
+im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen
+Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen
+Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag.
+Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer
+Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack
+geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> die Allerkleinsten
+mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht
+zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber
+ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten
+darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte,
+die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender
+junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll
+geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da
+sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher
+Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß
+die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte,
+um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang,
+mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen,
+und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen
+konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden
+drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen
+verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in
+mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen
+Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes
+denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<p>Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen
+neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener
+Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger
+auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals
+aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden.
+Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen
+nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von
+den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder
+sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen
+oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder
+selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man
+irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse
+Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher
+Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern
+Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und
+um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig
+durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener
+und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte.
+Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span>
+Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit,
+daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der
+Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des
+Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort
+»Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines
+Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der
+quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine
+Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten.</p>
+
+<p>Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier
+geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so
+habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider
+abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den
+öffentlichen Dienst bereits überschritten habe.</p>
+
+<p>Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne
+tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich
+mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die
+Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem
+Kürschner in die Lehre!</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowe6" id="illu-285">
+ <img class="w100" src="images/illu-285.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<div class="bbox">
+<p class="center">Im gleichen Verlage erschien</p>
+<p class="s5 center">von</p>
+<p class="s2 center">Emil Ertl:</p>
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt"><b>Liebesmärchen</b></em></p>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Einbandzeichnung</em></p>
+<p class="s5 center">von</p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Friedrich Felger</em></p>
+
+<p class="s5 center">5. Tausend</p>
+
+<p>»Ein kleines, feines Buch, das der Dichter in seiner frühen Jugend
+geschrieben hat. Märchen und Sagen, denen er neuen Inhalt gegeben hat;
+alle seine Erzählungen läßt er überfließen von der großen Liebe zweier
+Menschen zueinander. So entstand <em class="gesperrt">ein rechtes Märchenbuch</em>, das
+jung und alt hineinführt in zauberstille, lauwarme Sonnwendnächte, in
+denen der Mond seine zarten Lichtschleier über Wald und Wiese breitet.«</p>
+
+<p class="right">(<span class="antiqua">Dr.</span>Wendriner in Reclams »Universum«.)</p>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="bbox">
+<p class="center"><em class="gesperrt">Im gleichen Verlage erschienen von</em></p>
+
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Emil Ertl:</em></p>
+<p class="s3 center"><b>Die Leute vom blauen Guguckshaus</b></p>
+<p class="center">Roman · 19. Tausend</p>
+<p class="center">Einbandzeichnung von Prof. <em class="gesperrt">Alfred v. Schrötter</em></p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Freiheit, die ich meine</b></p>
+<p class="center">Roman aus dem Sturmjahr · 16. Tausend</p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Auf der Wegwacht</b></p>
+<p class="center">Roman · 16. Tausend</p>
+<p class="center">Vorstehende drei Romane sind unter dem Titel »<b>Ein Volk an der
+Arbeit</b>«<br>
+<em class="gesperrt">einheitlich gebunden</em> zu einem Gesamtwerk vereinigt.</p>
+<p class="center">* *</p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Das Lächeln Ginevras</b></p>
+<p class="center">Roman · 7. Tausend</p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Der Antlaßstein</b></p>
+<p class="center">Roman · 8. Tausend</p>
+<p class="center">Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">R. Teschner</em></p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Der Neuhäuselhof</b></p>
+<p class="center">Roman · 11. Tausend<br>
+Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">F. Felger</em></p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Nachdenkliches Bilderbuch</b></p>
+<p class="center">Ernste und heitere Geschichten<br>
+Einbandzeichnung und Buchschmuck von <em class="gesperrt">Alfred Keller</em><br>
+5. Tausend</p>
+
+<p class="s3 center mtop2"><b>Nachdenkliches Bilderbuch</b></p>
+<p class="center">Zweite Folge · 4. Tausend</p>
+
+<p class="center">Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">Alfred Keller</em><br>
+Buchschmuck von Prof. <em class="gesperrt">Alfred v. Schrötter</em></p>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***</div>
+</body>
+</html>
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