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Staackmann Verlag / Leipzig + 1922 + + + + + Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten + + +Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann, + Leipzig+ + + + Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. + + + + + Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen + Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern + Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen.... + + ... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen, + Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer, + Und der Geduldigste sogar -- zu flehen + Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr! + + + ~Dante~, Purgatorio. + + + + + Inhalt + + + Seite + + 1. Die Sofapuppe 9 + + 2. Das Rotkehlchen 33 + + 3. Die Sphinx 115 + + 4. Der Mieter 187 + + 5. Die Zobelkinder 255 + + + + + Die Sofapuppe + + +Die alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die +Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern +nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war +gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte. + +»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame. + +Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge +Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand, +trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière +um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme +zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des +geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren +blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem +Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre +sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der +wiedereintretenden Zofe entgegen. + +»Kommt mein Mann mich abholen?« + +»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung +fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in +sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten. Er bittet die +gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er +das Auto herschicken.« + +»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame +verstimmt. + +Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich +übelgelaunt in die Kissen gleiten. + +»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und +warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen +Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten +Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie +lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe +daheim.« + +»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte +Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...« + +»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in +ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause +und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die +wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft? +Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl +widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht, +eine einflußreiche Persönlichkeit, der ich den Hof machen soll, +damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht +unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes +Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so +unliebenswürdig wie möglich zu sein.« + +»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die +weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln. +»Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen +Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an +Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.« + +Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause: +»Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage +verneint wurde, fast unhörbar das Gemach. + +Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame +darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das +der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise +in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu +lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu +ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren +schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des +Brillantenkolliers wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen +Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen +ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung +überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke +zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr +Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt +anglotzte. + +In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für +ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen +Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der +feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen +als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte +es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt +dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht +umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet +war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie +menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen +gewußt hatte. + +Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono, +Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem +kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten. +Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster +aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und +Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die +kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu +kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger +Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein +einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln. +Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen +ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck +menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt. + +Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf +sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war, +als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf. + +»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich. + +Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den +Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre +Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke +hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen, +in denen etwas wie ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie +begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde +spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der +Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So +lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir +die Zeit!« + +Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der +Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor +Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen, +herzbewegenden Seufzer ausgestoßen. + +»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz +deutlich. + +Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr +hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte +... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb? +Erklär' es mir! Weshalb?« + +Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder +gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke. + +»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie. + +Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du +siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht +nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir +in meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend +und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht +viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und +haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft +angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun, +der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich +fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet, +läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen +Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des +Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich +vis-à-vis de rien+ +steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim +Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt +sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten +Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch +überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener +zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun, +da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich, +da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen +du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse +Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das +heutige Leben zwischen den Menschen und ihren Schicksalen aufreißt, +preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie +ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!« + +Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die +dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke +gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken. + +Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen +Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander. +Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten +Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern +helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die +Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie +abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den +Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der +Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl: + +»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht +haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden +Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.« + +In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und +suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem +Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die +gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte +Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und +Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann +Larisch, Rudolfgasse 36!« + +»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die +Limousine half. + +Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen +an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die +Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich +in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht +nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ... + +Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit +stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine +finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob +Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte +Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie +über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer +Klingel. Eine Frau, von der sie im herrschenden Zwielicht nur die +Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr. + +»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?« + +»Bitte einzutreten.« + +In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte +eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische +lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben, +Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige +Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits +zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat, +aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen +schon fertig da, aber noch ohne Körper. + +»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig +aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte. + +»Ach so, Sie sind selbst --? Sie machen die reizenden Puppen, nicht +wahr --?« + +In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie +hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet +außer Fassung. + +»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich --?« + +»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die andere ruhig. »Es +ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.« + +»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst +einen Schüttelkopf --? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein +herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?« + +Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine +Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun +damit, und für mich ist's bequemer so.« + +Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich +~dazu~ entschließen kann --! Unser Haar, das gehört doch so zu +uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!« + +»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich +übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?« + +»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so +in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es +verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um +dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet +bist.« + +»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.« + +»Dein Mann ist -- Offizier?« + +»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst, +wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die +Nacht hinein.« + +Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander +und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen +wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser +tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen, +ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes +Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber +sich einander entfremdet hatten. + +»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das +Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von +dir hören lassen?« + +»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu +tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte +sie hinzu: »Übrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche +Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in +gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft +zwischen jungen Mädchen.« + +Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte. + +»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir für Rivalinnen +galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole -- du entsinnst +dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen +Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das +steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das +wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich +die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit +wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in +der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend +war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in +so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe +zusammensteckten.« + +»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das +eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte. + +»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später +bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.« + +Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?« + +»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich +-- wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals +wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen +verstorbenen Mann kennen lernte.« + +»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend. + +»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten +dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater -- du +weißt ja wohl?« + +»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?« + +»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch +eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein, +wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.« + +»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend. +»Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel +...« + +»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut, +wir kommen durch ... Und -- allein? O nein, ich bin nicht allein.« +Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp +am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein +süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein --? Wie schade! +Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige +Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so +bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben +Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann. +Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen +war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich +und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte +aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich +im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige +Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein +wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die +innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht +so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand. +Verstehst du mich, Aimée?« + +Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie +eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht +hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange +und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt, +hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun +plötzlich und nagte daran. + +»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß +deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?« + +»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau +Larisch unbefangen. + +Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre, +gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry +um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht +ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen +zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée, +angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen +wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, +daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen +Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr +Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch +den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf +zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich +zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß +sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen +waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten. +Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte +Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des +Stuhles, sich festzuhalten ... + +Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was +ist dir?« + +»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül -- hier in der Nähe des Ofens. +Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein +Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch +gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?« + +Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens +ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging. +Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie +begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in +jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein +wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit +gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung +gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen +-- ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.« + +Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke +durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt, +nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz, +einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung, +in der sie hauste, doch das Gegenteil. Und diesen albernen Stolz +zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des +Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse +Genugtuung gewährt. Aber Geld --? Das konnte mit Recht verletzen. +Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen, +das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem +die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch +zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare +Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische +stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und +Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter +Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl +der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz +derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall +vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre +Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war +zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins +Zimmer. + +Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes, +das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich +ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und +warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes +getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden +Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine +aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an +Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ... + +Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen, +als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend, +faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie +hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer, +flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie +den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend +und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich. + +Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich +befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den +Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken +sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er +hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung +hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat +er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den +Lackschuhen bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und +etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den +Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die +Blöße erspäht. + +»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?« + +Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte. + +»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber +was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.« + +»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!« + +»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.« + +»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!« +sagte er brutal. + +Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich. + +»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ... +Wenn ich nur wollte ...!« + +Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber +darum nicht minder infame Drohung. + +»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.« + +»Ich lasse mich nicht zwingen.« + +»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!« + +»Dann geh' allein!« + +»Das will ich tun.« + +Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos +nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die +Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf, +ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen +davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor. + +»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,« +sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich +in ihr Zimmer zurück. + +In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin, +in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar +kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und +stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke. + +In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was +faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und +wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!« + +Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und +richtete die glänzenden schwarzen Perlen ihrer Augensterne auf sie, +mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame, +warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.« + +Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es +an die Tür. Es war die Zofe. + +»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort +und persönlich in Ihre Hände zu legen.« + +Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr +entgegen ... + + + + + Das Rotkehlchen + + +»Meine alten Tage die hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte +Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern. +Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon +etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune +hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine +Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!« + +Immerhin --! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt +hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb +die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein +ausschweifender Märchentraum? + +Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht +geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und +daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe -- »man«, jener +dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts +verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«, +das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die +gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die +hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens) +eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf +dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten sich die hohen +Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört, +Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre +Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und +Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan« +das Fell über die Ohren zu ziehen. + +Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja +an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht +fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines +Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte? +Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er +in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen +Gemeinschaft gewesen? + +Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein +Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude +und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten +sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst +noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins +geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen, +die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa +bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der Geschäftsladen +sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen, +manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei, +angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse +Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die +kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt, +die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und +nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel +köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« -- wie der +Volksmund ihn getauft hatte. + +Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr, +in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu +einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn +so ausgesucht und köstlich ~hatten~ sie bloß geschmeckt, all die +erwähnten ambrosischen Näschereien -- einst, vor Jahren, in besseren +Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie +schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und +der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe +zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in +jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein +und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und Tellermütze +hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze +funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der +er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen, +Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln, +Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen +Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar +(nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß +auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht +länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen +Weltfreude öffnete. + +Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei! + +Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide +konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine +ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während +der Tochter -- Anna hieß sie -- immer nur ein munteres Liedchen auf +den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie +trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie +sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr +ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige +und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen. + +Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das +Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr +Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie +dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte, +das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch! + +Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte +einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf +einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein +Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein +Henkeltöpfchen für die Küche -- die kleinste Selbstverständlichkeit +erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche. +Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas +abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten. +Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen +freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch -- ein merkbarer +Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen. +Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht +ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas +Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen? +Der Schnaberl mit seinem kleinen, behutsamen, etwas schwermütigen +Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine +jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren +ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch +gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte. + +Aber der häßliche Gedanke -- so rasch aufgeblitzt, war auch schon +im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein +argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm +treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war, +schnöde verschachern? + +Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was +hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus +ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz +besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man +zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als +Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig +aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem +Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht +war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer +Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron« +genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten +Eltern sein. Und nun --! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der +unwürdige Einfall? + +Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und +daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven +verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser +lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit +Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die +nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die +Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und +dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen +einen noch die eigenen Kinder aus, oder -- in Anbetracht des schuldigen +Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna +es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als +kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers +Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder +aus den Wolken hervorspitze. + +All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen +verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte +Herr Ziervogel mit scharfer Bürste Herz und Nieren von allen +Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank +glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner +Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich +abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung +hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des +Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das +Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand? +Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn, +so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser +wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich +einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und +das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher. + +Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und +machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt +er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen +Erde!« + +Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne +Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie +sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den +Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer Zeit ein kleiner Junge +krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß +Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen: +»Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...« + +Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins +Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends +erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug +ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin, +oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein +schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen +gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben +(und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl +zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig +dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit. +Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für +Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und +ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen. + +Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die +Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der +Vater ihr erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und +daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht, +daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde, +sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er +erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr +erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck, +welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten +Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und +sorgenvoller blicken. + + * * * * * + +Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die +Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der +Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der +einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und +sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso +armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem +städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten. + +Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen +gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und +dort, in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt, +angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen +hiervon -- waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger +Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu +Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den +vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich +vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden. + +Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam, +Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes +Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie +antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen- +und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt, +treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden +Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube, +mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und +gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder +die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt +von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in +die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend, +zitternd, der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in +der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen +und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten, +Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen, +Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich +wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen +oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen -- +und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig +unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels. + +Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch +an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die +Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften +und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht +gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler +eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht +zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie +sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches +dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll, +der an der Drehbank steht. + +Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene und allmählich +schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch +die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden +konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies. +Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein +sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt +ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht +minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu +spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch, +das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon +ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf +und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die +schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen +mußte. + +Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen, +gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen. +Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so +gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an, +mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen +Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir +aus!« + +Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte +verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem +Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher +Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen, +die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf +schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der +Magen darbte. + +»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes +ahnend. »Wie meinst du das?« + +Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine +Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen +soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu +verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht +hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst +du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit +davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden +hat man ohnedies schon dick satt -- nicht wahr? Nun, und so steigt man +halt aus. Siehst du, so mein' ich's.« + +Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort. +Die Worte des Freundes gingen Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie +veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den +Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen +Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann: +er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes +Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch +immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur +diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als +Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder -- um +lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter +war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß +das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte +herrühren können. + +Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er +sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt +und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde +irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft +wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der +Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie +gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse +gespannt hatte -- denn aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser +passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen +haben, lieber unterdrückt werden. + +Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben, +das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit +der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher +noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die +Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien +ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die +Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines +aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei. + +Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst +ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau +so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch +dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange +sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten, +spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem +Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie +an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel, +das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme +und Enteignung des feindlichen Kügleins führte. Und sogar in ihrem +Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen +ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit +Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz +des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen +die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden +oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen +aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten +Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher +entzückten. + +Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie, +Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte, +war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich +einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen, +weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen +erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der +Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren +und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden +sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller +Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht +leichtsinnig und wie kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern +hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in +Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster +Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste, +was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere +Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen +es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein +einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel- +und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten, +erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht +gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur +Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das +Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise +hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade +anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier, +oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man +einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen, +wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das +Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte. + +Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam erarbeitete Wohlstand +über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch +der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister +aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe -- denn einen +Regenschirm besaß er längst nicht mehr -- neben dem breiteren und +noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen +den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er +doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein +Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines +halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner +verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den +bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben +schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem +Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder +seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle, +beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht +mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn +unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es +nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen +dagegen, es zu verstehen ... + +Auf dem ~Hinweg~ ins Amtsgebäude nämlich. Und auf diesem ganzen +langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch +einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm +nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das +war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden +später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen, +den Heimweg anzutreten. + +So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu +beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen, +das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu +erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte +ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre +nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte +umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den +sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der +polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo +die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene +Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung +nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie +ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um +Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug gestempelt hatten; 7. die +vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen +vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei +Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung +mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten +gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche +Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt +zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt +worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe +abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war, +sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte. + +Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie +auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich, +sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen, +und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder +Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange. + +Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel +in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten +Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit +(leidender Form) wieder auf die Straße heraustraten. Ein lebendiger, +riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei +dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln +und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu +werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines +Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und +Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das +ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt +war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten +an den Wänden -- so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht +zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem +Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen +mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern! +Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen +und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte. +Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes +entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm +hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das +ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde, +dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten Haltestelle +sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen +Strom der gleitenden Erscheinungen ... + +Aber plötzlich -- Wunder über Wunder! -- was schwebte seinen +abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen +da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es -- eine Luftspiegelung hatte +es ihm vorgegaukelt -- ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen +braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft +leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres. +Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten! +Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch, +wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das +sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu +verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar? +Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler +nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen +hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste +Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu, +alles Überflüssige blieb verpönt! + +Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach +irgend einer kleinen Ausschweifung brachte ihm unversehens das Lied +ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen +helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und +-- hol's der Geier! -- einmal wollte er sich noch des Lebens freuen, +eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum +Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und +einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn +er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen -- +einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur +dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben, +ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal +bloß, ein einziges Mal noch im Leben! + +»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum +Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause --« + +Er zog die Uhr, wollte sie ziehen -- und griff ins Leere! +Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein +... er knöpfte den Überrock auf -- um Gottes, Christi, Himmels willen! + +»Bock --! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ... +Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr --!« + +Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle goldene Uhr! +Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch! +Die wertvolle goldene Kette auch! + +Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf +Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude, +meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm; +wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor. + +»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend +hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No +also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht +erwischen!« + +Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der +Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an. +Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab +und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen +Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet, +daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu +benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle +beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das +langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine. + +»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte +Bock verdrossen. + +Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich +schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und +hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war, +ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen +Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige +und -- im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers -- etwas gewalttätige +Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ... + +Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde +jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich +auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am +Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der +Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur +Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige +Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich +mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur +Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen +Überredung zurückwich. + +Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen +fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit +im Höllenpfuhl weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften +Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan, +an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten +wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich +die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen +damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die +vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel +und Bedenken so ziemlich überwunden. + +Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen +Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten +die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem +feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der +geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil +brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch +aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden +trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden +Behausung zu erkennen gab. + + * * * * * + +Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut' +besorgen kannst, auf morgen; während sein Freund im Gegenteil dem +Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich +für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister +nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst +einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann +nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade +übereilt zu werden brauche. + +Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art +Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten +wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um +Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat +tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke, +in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und +man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen +Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen +jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß +der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für +zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde +nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen +selbstverständlich. + +In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der +wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild +und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern +hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines +Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch +dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem +Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig +an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie. +Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich +schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen +hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige +Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar +auf dem Fußboden überraschenderweise -- denn wie lange schon war kein +Strahl Sonne zu sehen gewesen! -- urplötzlich eine grelle Lichttafel +ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu +halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise +ertönen -- das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie ~jubelnd~ +ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich +herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten. +Vergeblich! Es schwebte trotzdem jener gewisse Hauch von Schwermut +darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen +ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich +nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe. + +Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht +recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine +ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch +noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das +halbunterdrückte Lachen -- sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt +und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es +war, urkomisch vor --; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch +um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie +das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll. +Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur +Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus +dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins +Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den +Schnabel stopfte. + +Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich, +einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit +kläglicher Stimme: »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die +entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.« + +»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,« +sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und +widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben +hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen +anfing, die Hände auf dem Rücken. + +»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich +überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...« + +»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen. +»Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich +ebensogut dabei.« + +»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz +wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen +Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.« + +Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene +Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach +sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn +bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich +brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und daß der +Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er +selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den +hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er +nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte +sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer +miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um +die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater, +wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling +seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne +vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...« + +Erschrocken hielt sie inne. + +»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen +Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's +besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? -- +gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie +fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden +noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die +Sonne« -- er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß, +auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt ebenso +plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton +frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist +sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!« + +Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles +bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu +entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein +Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete? +Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber +nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten +Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen +Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der +Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand +zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis. + +Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das +Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden, +und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien +zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung +gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine +Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das +unwillkürliche Bedürfnis fühlt. + +»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?« + +»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne +Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich +dich.« + +»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der +Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen +Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte. +Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich +mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal +mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte +er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine +Schuld einfordern kommt!« + +Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch +niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der +Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch +einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem +Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und +schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende +Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters +entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht +antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme +unglaublich rasch über so etwas hinweg. + +Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das +Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts +Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man +Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es +auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu +nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber +die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht, +weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie +ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum +bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich +rechtzeitig zu empfehlen. + +»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er, +»daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch +länger mit all dem Elend gestraft bleiben?« + +»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel, +schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden. + +»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht +lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein +Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien +versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und +plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum -- glaubst du, das +störe seine Laune? Ich -- obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich +bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk', +wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft +--! Und er --? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so +wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht +ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran -- kannst du das für möglich +halten? -- Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!« + +Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen -- die +Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts +von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte +die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde +doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken. + +»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,« +sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen. + +»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm +entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so +wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten -- wie? Ein +Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ... +Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses +miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die +Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,« +wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!« + +»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der +andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte. + +»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die +beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht +einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare +Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals +her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder +waren.« + +»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines +Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.« + +»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel +trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal +Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus +rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz +widerrechtlich ...« + +»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der +Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher +ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen +Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...« + +»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen +Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt! +Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht. +Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann +konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war +es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...« + +»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen +verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die +vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,« +loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich +... mit dem ...« + +Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren +Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt +sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts +voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern +soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen, +daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse +umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und +da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die +Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt +nie ... Das heißt --« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles +nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit +er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht +mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.« + +»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu +vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her, +sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.« + +»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,« +bockte Bock dagegen. + +Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und +Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu +lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder +Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar +so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem +Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle +recht bedauerlich. + +Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich +das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum +Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm +durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in +einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne, +die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden. +Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei, +erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben. + +»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja +keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder +sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende +Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu +Großvätern machen könnten!« + +Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er +hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem +könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht +würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an. +Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte, +lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter +den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für +solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich, +indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand, +allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die +Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier +übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes +Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die +Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes +Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen. + +Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand +ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft, +die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein +nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er +meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich +nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst +noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater +Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß +sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft, +wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um +in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten +des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans +Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus +denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen +hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen +darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos +vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war +er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu +schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu +verschließen. + +Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als +zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen, +wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das +Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war +und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen +Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich +in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch +die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem +Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und +schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete, +schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben +zu verwechseln -- mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei +drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust +schwenkend. + +Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte, +handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges +Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab +sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig +alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich +nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges +Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen +Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit +so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber +genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu, +und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden, +wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.« + +Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor +die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene +Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest +die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag +gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im +ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht +ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis +genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn +gehört hätten, die der treue Kamerad -- ein Großindustrieller, der die +Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt -- nach erfolgreich abgelegter +Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde +die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und +künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen +mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen +und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht +auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des +Familienglückes. + +Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber +bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise +lag -- was noch niemals vorgekommen -- auf eines jeden Tisch ein +Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht +zum Essen, habe auswärts zu tun!« + +Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater +während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche +Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber +so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die +Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit +des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie +sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter +und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu +finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen +Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht +gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem +Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden. + +»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie +vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen +kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit +wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu +echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das +große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und +ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein +könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn- +und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen +Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich +leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß +der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns +den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll +mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe +nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften +kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei +gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen +unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll +man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch, +lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn +ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen +Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier, +eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch +noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles +andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären +wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar +soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen +Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen. +Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man +dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am +besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und +einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen +Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er +vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu' +pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg, +damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle +deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung +benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's +stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres +nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder, +bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich, +heimgekehrt sein.« + +Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig +nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne +hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich +die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich +sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung +scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur +Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der +Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte +sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie +hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten +Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne +seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine +halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken. +Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt +und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte, +wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er +sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande. +Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß +dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an +seine hehre Aufgabe hingibt. + + * * * * * + +Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie +rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem +Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht +Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen +zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung +stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner +goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde +wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend, +daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem +Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus +länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener +Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen +Gugelhupf zu backen. + +Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben +war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der +gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich +der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit +zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage +gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war, +Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze +Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den +Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie +sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu +schreiten. + +Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand, +den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken +Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in +Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn +besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie +es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den +Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in +den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht +gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller +Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem +Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald +und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie, +unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will +ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?« + +Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß +eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte, +so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie +vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er +sich. + +»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins +Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein +Gitter, immer ein Käfig ...« + +»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit +einem Blick in die Ferne. + +Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt, +seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte, +dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon, +daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte, +die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß +jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst +und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit +sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher +Verklärung leuchtete. + +»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh +werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der +höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf +den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!« +bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!« + +»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna +behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.« + +»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix. +»Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!« + +Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals +von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben. +Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in +seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden +haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach +Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte +in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft +ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein +Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es +blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder +Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache +sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete. + +So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des +armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr +Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen +würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig +in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah +ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet +werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie +mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden +Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf. + +Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich +der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem +anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in +der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ... + +In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der +Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher +Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten +grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch +bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung +sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel +wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern +entstieg dem gewaltig hinziehenden Strome, der hier wohl an die +vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll, +von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich +halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im +Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht +herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem +goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große +Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am +liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort +von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine +Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger +Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh +verwandelte Jo. + +»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto +schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl +ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu -- in einer +halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf +drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also +aufgepaßt! Eins ... zwei ...« + +»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst +dir die Sache einfacher vor, als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der +Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das +Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund, +am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue +Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die +Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei +bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl +so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht +zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin +hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch +allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei +Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll +gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht +ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was +anderes ausdenken.« + +»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob +du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen +Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst. +Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen? +Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein +Ende zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde +hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter +hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo +statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst +zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt, +noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie +einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte -- ich habe +nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen. +Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter +an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem +Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es +bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß +einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im +entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene +Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und +mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich +über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und +kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle +des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir +gefällt, und was du nicht lassen kannst!« + +Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde. +Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während das +Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren +eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß +sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des +Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte +Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht +nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens +vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt +dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst, +von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage +der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher +Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die +süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker +trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten +schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und +ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres +Jenseits auftun? + +Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel, +blankgescheuert von der langen Regenzeit, auf die frischbegrünten +Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom +rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag! +Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des +unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen +trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über +dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und +Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in +den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu +begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses +Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit +loszureißen, trotz alledem und alledem! + +Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis +dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem +Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In +einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte, +hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine +Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte +sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber +der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum +kräftig zu betonen liebten. So kam's, daß er auf negerfarbige +Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten +mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität) +unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in +weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt +ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen +Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen +wie jene vielbesungene Wacht am Rhein. + +Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und +nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden +durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein +wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch. + +»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im +Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die +Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich +ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die +Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke +hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich +bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der +Schwimmschule keinen schöneren verübte.« + +Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und +Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute +Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch +behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem +solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich +erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er +stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen, +wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst +ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so +wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe +sehnte. + +Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung +nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer +Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen +Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte +jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches +Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde, +und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel +ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich +ins Leben zurückködern ließe, kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß +am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er +zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes +durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es +auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert, +und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das +hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden +Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein +Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die +Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs +an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so +erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der +höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war. + +Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock, +und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder +Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem +Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's +in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe +ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch +mein süßes Zuckerkindchen, meinen teuren Liebling, meinen Augapfel, +mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben +versorgt.« + +Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die +Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der +Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen +mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft +inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch +die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig +und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der +süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich +war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf +unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen +der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche +Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch +empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen. + +Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas +Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur +Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem +stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte, +nichts weiter zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe, +allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine +Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich +und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem +zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele +die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und +der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem +Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften +aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits +aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich +sei. + +»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß, +der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt +nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der +Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es +mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann +um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute +versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und +auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz +gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.« + +Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade +ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in +den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die +Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in +solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von +Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst +von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein, +hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch +zuzuziehen. + +Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des +Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße +her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf, +böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter, +die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos +Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht +groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust +ballte. + +»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne +beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn +das Brot teurer wird!« + +Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht, hatte es aber mit +der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen +zogen tatendurstig an ihnen vorüber! + +»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die +Laterne!« + +Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen +aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die +bittere Leber. + +»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit +sein?« + +Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust +wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden +Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es, +die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß +sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem +besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler +untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich +in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine +grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne +träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während +außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte. + +Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere beharrlich weiter +grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und +frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich, +beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten. +Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich +aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen +soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche +durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders +war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen« +war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte, +es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in +diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und +erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen +entgegen. + +Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit, +daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für +verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand +Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie +ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und +gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein +Pfeil davonsausen. Statt dessen flatterte das armselige Vögelchen +ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es +nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen +Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem +Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich +haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon, +wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und +eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich +gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der +gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man +ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich, +er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit. + +»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir +ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt +findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück +und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln +hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.« + +Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man +entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem +Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks und versuchte +nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber +er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und +bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her, +immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen +konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der +blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts +und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch +eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen +Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde +gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete, +diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und, +plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um +sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen. +Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit +Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war +für Ziervogel das Werk eines Augenblicks. + +Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus +dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann, +der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie +wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen Anlagen strafbar +seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen +Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten +aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? -- Und Sie? +-- Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock -- eine saubere Firma! +Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib' +ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden +Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe +davonkommen!« + +Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder +im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit +bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem +wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg +stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen +geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen +hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht +übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite +war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an, +wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem +süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne +Ziervogelsche Familienangelegenheit und ärgerte sich im stillen +gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer +empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe, +und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel +seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den +Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig +diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht +haben. + +Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im +Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe +hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären +wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und +damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen, +fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als +Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten. +Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und +staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit +Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein +feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die +ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu +harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in +Feiertagskleidern und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden +Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich +als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen +Segen erbittend. + +Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und +bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich +vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte +(bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner +Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen, +was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig +den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt +lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche +parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung, +während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten +Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock +unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür +eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte. + +Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit +heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber, +lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen +nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen +aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen +Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich +verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters +jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich +sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe, +vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach. +Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun +auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine +Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die +dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser +als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen. +Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß +die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen +könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll +des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb, +liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in +Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird +bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen, +euer Alter freundlicher zu gestalten, als es in den letzten Jahren +gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft +nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden +Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch +denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen +unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und +unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer +neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit +und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.« + +Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren +auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab +man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm +noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees +ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm +den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend +den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber +hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden +ist?« + +»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie +warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir +uns, wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel +verdienen können?« + +Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb +bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und +kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist +tatsächlich nicht unterzukriegen!« + +Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein +getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf +einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus. + +Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die +doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet +begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung +solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf +Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die +alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht +begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im +Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß +ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee +geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden. + +»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als du,« wendete Anna, nun +ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht +die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was +ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig, +befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene +Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das +du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies +bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist +mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein, +weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind. +Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht +entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von +der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,« +schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte +und für immer verschollene Marmorkugerl!« + +»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre Hand küssend, griff in die +Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor +vor sie auf das Tischtuch. + +»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies +teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt +als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt +in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine +Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in +den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.« + +Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern +hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß +niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am +wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine +Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan. + +Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel +empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt +durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als +Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis +fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas +schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er plötzlich +ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht +zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder +gesichert in seinem Käfig zu sitzen. + +»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein +lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit +wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?« + +»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde +verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht +geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz +offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!« + +»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!« +bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben. +»Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu +gestehn« -- er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und +flüsterte ihm ins Ohr: »~Ich auch nicht!~« Und ebenfalls in +unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und +du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht reif für die Freiheit! +Ha, ha, ha ...!« + +»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die +Freiheit!« gröhlte Ziervogel. + +»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen +fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde +ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!« + +Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten +begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen +glüht ...« + +Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten, +war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der +Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im +Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß +das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben +würde. + +In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den +Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat, +als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke +Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und +stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es +fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen +von sich gab -- schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie +sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder +los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten. + +Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke, +stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der +Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie erinnerte +sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge +sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu +schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht +sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ... + +Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten +und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das +bedeutet: der Glückliche ...« + + + + + Die Sphinx + + +Es war noch in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal, +wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem +hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt, +mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine +Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr +heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt +mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte +und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir +gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen. +Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl +pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich +mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die +ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen, +und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren +Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu +einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen. + +Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte, +befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen, +aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die +ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als +zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von +guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch, +vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die +Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß, +daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz +unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit +ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem +sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine, +im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch +entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes +fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden +Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten +Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter +Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen +Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz +zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der +Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich +sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten +Frau hätte sein können. + +Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht +eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht, +je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter +gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals +sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um +nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet +sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich +ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine +Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille, +verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man +hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem +mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam +weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso, +als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr, +zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm +her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder +benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich +nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie +ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit +seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob. Äußerlich +zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender +Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich +vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt +hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum +Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien +sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern +wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an, +als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf +dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens, +stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut +miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen +Blick miteinander getauscht hätten. + +Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen +Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf +mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte +eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und +stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche +gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen, +meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu +plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja +immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus, +wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil +nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir +wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich +die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu +betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender +Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja +ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer +liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte. + +Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich +stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein +angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte, +erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der +Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die +völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche +Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte +er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar +wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt +war, und zum Widerspruch gereizt die Seite der Gegenpartei ergriff, +indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher +Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen +meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte, +als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und +unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall, +den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der +hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich +allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch +Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm, +in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu, +die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in +einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine +bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen +Tag bei ihm ausharren würde. + +Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem +ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung. +Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen, +so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das +unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte mir, daß ihre +vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der +alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens +zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm +während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir +auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von +einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite +eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr +hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang +andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin, +unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit, +ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen +von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden. +Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen +Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine +ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich +phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen: +gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam +auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige +Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich +fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine mitleidige Teilnahme eher +dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen +hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung +richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem +Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen +Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert. + +Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener +stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde +an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt +die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen +sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so +dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt. +Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um +so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem +wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben +die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen, +und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu +glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen +Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein +bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben nicht umhin +konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und +ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges +mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung +verlassen hatte. + +Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich, +zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten +Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt +begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem +Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die +Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien +die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als +hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914 +uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General +sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals +ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm +zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei +kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen +Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am +Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen +bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden. +Es genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst +gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten +ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in +den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos +gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich +drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht +anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still +und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines +Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte +sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus +dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife +zu schürzen sich bemühte. + +Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei +diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und +gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen, +die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst +Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen. +Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen +von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden +abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter, sich selbst +und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde +dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der +Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen +verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen +abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und +die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser +mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen +einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals +berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich +mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen, +daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben +wollte. + +Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die +Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten +Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab +es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn +sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen, +im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl +vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit, +von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer +unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher, +rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten +hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor, +auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener +Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit +eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste +Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand. +Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich +im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich +wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig +erduldeten Dienstbarkeit -- es war doch einer jener großen, suchenden, +von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele +aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die +überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn +ich mich nicht gänzlich täuschte. + +Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich +naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche +Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte +mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb +es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig +aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden +Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte +ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie +die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln, +er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich +weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff, +je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden. + +Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen +angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam, +in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre +grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte +es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer +Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat, +sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche +Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen +beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme +der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig, +einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und +seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung +zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz +besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund +aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen +roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen +Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch +gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des +glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns +gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo +wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten +und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr +voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer. + +Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach +der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt +hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der +unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein +Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben +haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf +dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum, +oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten +Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen +gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er +unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber +auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine +vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich +in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus +der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im +Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen, +hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten +Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch +wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den +Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend +fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend +ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft, +die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen +der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit +einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft +zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und +wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein +lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit. + +Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen +Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam +auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht +versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm +als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit +führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede +Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es +dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum +verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants +aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht +des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie +gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen +die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum +der Evangelien« -- dies war der Ausdruck, den er gebrauchte -- +hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur +der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche +er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt +antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir +lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre +Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde +wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs +von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt +gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen +Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer +schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener +Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit, +wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren +oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So +fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und +schöneren Zukunft. + +Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu +zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen, +der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die +vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer +Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt +gelten mochte. + +Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale +Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster, +die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als +mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die +die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung +dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne +Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen, +erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners +lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da, +kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte +ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen +wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein +Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen +teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah, +wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit +begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete, +ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten, +wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches +Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der +verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt +wurde. + +Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf +einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was +Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. +Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich +regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme +für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere +Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, +was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen +Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der +Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein +mochten -- wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die +entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen +und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß +auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes +Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn +sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen +und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit +bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung +gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der +muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen +ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze, +wo das Menschenmögliche endet -- tausendfach und eindringlicher als +je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit +denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen +im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen, +um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich, +in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger +einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen +Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden, +als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung, +Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten +miteinander gewetteifert -- so lange in all solch frommem Abbruchtun +und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis +diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages +durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten +Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra +geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und +Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt +antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt, +läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der +Weltlust verschlungen zu werden. + +Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der +Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald +kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in +das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu +begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu +meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor, +wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht +eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen +Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie +durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt, +bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen +überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem +er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine +Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser +Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von +heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten +Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin +und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in +der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte +und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung +wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem +leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten +berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal +hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles, +was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein +Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer +Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach, +das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen +Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen +mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es +setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum -- denn das +Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich +nicht in Begriffe fassen -- allmählich die Überzeugung in mir fest, daß +sie seine Geliebte sei. + +Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen +mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende +Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig +und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer +aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns +eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend +ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach +des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine +»Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug +in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht +nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so +daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen +Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften +und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar +frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer +konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen +Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich +selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf +seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich. + +Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der +Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam +verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf. +Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht +auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich. + +Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum, +daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die +erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich +übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick; +etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt +und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir, +so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen +einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind +oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge +enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer +erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns +gezwungen sehen, anzuklagen. + +Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen, +irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders +auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie +trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei +einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines +Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten +General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette, +die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines +Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem, +goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen +Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei +mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte. +Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei +dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick, +den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem +Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der +kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein +gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort +wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette +baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der +Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte. + +Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte +bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es +nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand +von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten. +Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den +hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte, +ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um +es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und +schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte +dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein +auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher +Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht +etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer +moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen +Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten +Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß -- +was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab +für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich +wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie +abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken. + +Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen, +verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu +erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten +Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte +er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig -- so was füttern +wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen +könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da +antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?« + +»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine +Forderungen gründest?« + +»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.« + +Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte +mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in +letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein. + +»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken. + +»Bedauernswert!« + +»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.« + +In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt. +»Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen +lassen.« + +Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte: +»Was bringst du mir?« + +»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie +vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das +heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt +ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es +brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.« + +Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie: + + +We quench our longing, that we may be still, + Content with merely living, + But would we learn our hearts full scope, + Our lives must climb from hope to hope + And realize our longing.+ + +»Das +would+ macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda +nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche +Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn +doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das +Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre +wahre Natur sich frei entfalten.« + +»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes +dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur +allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der +Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher +herausarbeiten.« + +»Hast du eine Übersetzung versucht?« + +»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen +ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an +mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so +sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in +den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen, +als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden +Sie selbst.« + +Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las: + + Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, + Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben, + Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte. + Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben + Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte, + Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen, + Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen. + +»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung +und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir +ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. -- Nun wollen wir aber +auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens +fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.« + +Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen +wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als +beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig +genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir +den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen +Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und +auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann +der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß +ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon +ungehalten sein.« + +Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein +menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die +Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er +heftig. + +»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer +Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen +wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort. + +»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze +Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch +-- was sinkt, soll man stoßen!« + +Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im +Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden +würde. + +Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber +inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art +kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst +fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt +er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr +leisten!« + +Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer +bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon +die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen +Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht +gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter, +die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen +schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ... + +Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort +nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und +sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen +geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt +antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse +unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit +dem Elend, gehört es -- wenigstens für hochstehende Menschen -- nicht +auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich +unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener +vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit, +der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir +als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man +bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie +etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als +Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht +eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle +von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und +den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher +die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre +Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci, +der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen -- ist +der etwa ein empfindsamer Schwächling?« + +»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda +trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.« + +Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte +auf alle Fälle meinen Eifer. + +Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren +Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind +unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie +fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen, +zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart +und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte +und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.« + +»So gibt es doch noch eine Pflicht?« + +»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten +Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns +bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.« + +»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in +Widerstreit gerät?« + +»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und +sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch +nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.« + +Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem +Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der +unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen +Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem +Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen +Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den +Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in +denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde, +immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue +Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des +himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen. + +Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an +das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu +durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin +unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch +unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als +sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes +Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch +weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel +nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich +wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt +vielleicht -- die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir +und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...« + +»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen! +Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur +einmal in Amerika an!« + +»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken. + +»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern +nichts davon wissen wollen.« + +»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit +einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber +war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst, +die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden +Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene +Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft +in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war +tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um +mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da +kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach +der Tag der Befreiung an.« + +Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich +über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend +zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ... +Nur freilich -- ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das +Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel +in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet +hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und +als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.« + +»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und +Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und +gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...« + +»Welches Rätsel?« + +»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch. +Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich +erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und +stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und +dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß +jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.« + +Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben +erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr +auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual +ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich +nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es +nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre +eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie, +»daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare +innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!« + +Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung +über alles! + +»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß +ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken +etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend +sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von +Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so +empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig +werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht +mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies +dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind +das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für +einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob, +entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden +vielleicht ein und dasselbe?« + +Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft +atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch +die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine +Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte +ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte +die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von +der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen +Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz +erloschen ... + +Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches +Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die +Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da +unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der +Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze +grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier +starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu +raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht +wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der +Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke +-- und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln. +Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine +finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ... + +Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer +Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir +wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an +einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben +schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in +dem sie wohnte. + +Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen +Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon +hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses +Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt, +noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des +Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe +von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an +ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen. +Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr +zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt +durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen +und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle +Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon +und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach +und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich +wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster +weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für +Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben. +Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen +Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die +leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill +... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an. + +Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben +war. + +Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen -- aus +Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord +sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle +Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden +gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen +öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen +Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit +um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit +vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde +Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter +über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über +achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger +Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues +Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe +selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen +Ton gehalten -- nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe +bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber, +daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz +verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten +und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte +in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen +Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach +dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig +geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen +Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden +weilte. + +Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere +Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß +es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen +wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die +Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je +vorausgesehen hätten. + +Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite +uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon +auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...« + +Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst +wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit +entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von +der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie +möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf +diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus, +schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg +uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen +Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in +die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren. +Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte, +schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht +aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste +aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll +man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um +davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein +einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können. +Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich +durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt. + +Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine +Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt. + +»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt. + +»Wohin?« + +»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend. +»Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!« + +Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter +Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte +uns gegenseitig mit wohltuender Wärme. + +Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie +wiedersehen ... + +Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner +offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer +hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß +Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits +Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit +der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar +des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der +Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde. +Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck +zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den +neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte +der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte +schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die +Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die +Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns +Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«, +wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder +einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die +Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund +es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte +Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene +Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne +der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine +gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich +in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim +gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger +Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort +»Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und +ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde. + +Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der +Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den +zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner +in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen +volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete +und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate +bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen +Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen +schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische +Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler +Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von +Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch +einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen +hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen, +soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden +waren. + +Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder +vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe, +blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich +damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch +meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß +meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten, +wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt +wären. + +So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten +Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in +einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine +telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser +Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen +Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine +»Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals, +wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen +Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein. + +Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft, +die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen +kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich, +nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von +einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend +gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich +mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon +nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte +eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ. +Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal +wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich +irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig +sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum +auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name +Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas. +Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir +vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle +übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten, +samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine +Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt +durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht +wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und +sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte. + +Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine +überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an +den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt +zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in +einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das +Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen +und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen +Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich +durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte +an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten +Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen +hätte, Nachricht geben könne. + +Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die +richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der, +wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen +Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal +der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald +nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen +Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und +seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine +Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf +die er mich aufmerksam mache -- das mir wohlbekannte Telegramm war im +Ausschnitt angeschlossen -- sich auf das verschollene Paar beziehe. + +So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht +anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend +wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus +dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von +einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom +Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig +werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch +»Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor +denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß +wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar +von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen +lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf, +die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt +auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben +müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends +überschritten worden sei. + +Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen +Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere +Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte, +das er als Seelenforscher an der Sache nahm. + +Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den +politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der +Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit +sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers +und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch +rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr +ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele +unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen, +durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen +Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied +zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen +müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit +oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber, +wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in +seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit +erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm +den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als +durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals +von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser +zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern +ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens +nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder +ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte +gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit +gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für +vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach +verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens +einigermaßen zu revolutionieren. + +An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in +jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar +Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger +Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde +Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche +Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege +geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder +aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es +wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder +harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg, +an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von +diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte +um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit +selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders +über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste +der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort +noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen, +meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen, +etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine +Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen +identisch seien. + +Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen +Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen +revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und +seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und +Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere +Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder +Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so +erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser +Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen +war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden +Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie +mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit +findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet +hat. + +Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen +will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen, +und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen, +vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie +durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor, +daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt +zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem +Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort +sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb +gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten +hatten. + +Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte +auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre +nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die +persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte, +unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin +geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir +aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht +der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein +das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung +beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt. + +Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der +opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren +Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der +durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den +die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler +Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen, +hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich +dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet, +gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst +allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig +Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des +allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage +gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden. +Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift +in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger +gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene +Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat, +meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich +keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der +strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem +verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die +Bergwanderung bildete. + +In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof +erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden +und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein +prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes +von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein +ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei +Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte +Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die +rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß +wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später +beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen. + +Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg +zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit +des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte +aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen +zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu +bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden, +um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst, +indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend +unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die +Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo +eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich +sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend. + +Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich +aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren +Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte ich +noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien, +mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend, +die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine +Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt +die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu +sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir +wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte +unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte +der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem +mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete. + +Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich +sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich +aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im +Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend +ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich +darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe +zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre +Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne. + +Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu +ihr nieder, da mir ihre mehr gehauchten als gesprochenen Worte +unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn +nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ... + +Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war +eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte +der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von +Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken +Gemme. + +Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt +haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert -- nicht +wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren, +eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie +bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage +... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?« + +Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen +nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp +hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager +Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch +zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen, +knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die +Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren +Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien. +Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften +Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser +weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über +ihr Antlitz beugend. + +Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre +Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise +sprechen. Ich höre Sie.« + +»Ja -- was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er +kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist +eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie +ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur +um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß. +»Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles +sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie +bewahren ihm doch ein treues Angedenken?« + +In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt +in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge +blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte, ich +fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres +darüber wußte, ~was~ man unserem Freunde eigentlich zur Last +lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht +hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten +Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken +und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals +trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher +Erleichterung reichlicher flossen. + +Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen +festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie. + +»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen, +»was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ... +hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn +glauben ... Er schätzte Sie sehr.« + +Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht +fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich +empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere +Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft, +die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen der +Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde. + +Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie +mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte, +überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick, +daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar +nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste +meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen +zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!« + +Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor +mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen +sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen, +Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung -- +vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr +darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert +verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der +Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den +Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich +an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir, +als hätte er mir einen mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der +Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit +ein, mich zusammenzunehmen. + +»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie +dem Leben erhalten zu wissen.« + +»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir +leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in +der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren +Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ... +Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei +... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir +nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...« + +Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich +ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer +gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die +Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen +gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den +visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam +sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß +es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine Tochter +... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er +kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ... +das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!« + +Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft +hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden, +sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach, +loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld +wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein +Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor +einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr +Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen +konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr +Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer -- ich sah ein, +daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu +tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine +Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen +zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine +Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht +verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon +ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und +rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen +muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht +daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es +ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir +ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich +einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!« + +»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich +gehen ... Leben Sie wohl!« + +»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir? +Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!« + +Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich +still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein +liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen. +Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln, +das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar +und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist +das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz +allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich +wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!« + +Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie +glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung +der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr +ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr +sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie +noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen +Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich +behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht +und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen +Schritten ein Anruf mich zurückhielt. + +»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager +emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen +kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette +genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich +... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte +mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir +den Gefallen!« + +In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich +nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war +noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte ich die +Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie +beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten +Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine +Schlafende aus?« + +In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte +Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie +schlafe. -- -- -- + + * * * * * + +Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast +aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede +meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten, +undurchdringlichen grünschillernden Augen. + +Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz +meines Schreibtisches steht. + +Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem +kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann, +und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden +eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen +haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen, +um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider +keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie +bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am +Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse +Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart, +verschlossen, grausam und mitleidlos. + +Schon manchmal wandelte mich deswegen die Versuchung an, den +unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem +Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln +Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem +Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und +in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert +sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als +Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich +für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den +verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner +peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln +benutzt hatte. + +Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und +vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten Gefühle, die +-- wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken -- die Vorstellung +des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt +hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte +sie denn etwas dafür, daß die Initialen +K+ und +S+, die +in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein +geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl +Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal +sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach +ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben. + +Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen +schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden, +das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe +selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege +geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben. +Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener beiden +Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig +ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs +schmerzlichste beklage. + +Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all +ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem +Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen, +uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und +wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und +die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch +erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt +und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in +den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit der sich +einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau, +die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen +Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über +uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und +dasselbe?« + +Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere +Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ... + + + + + Der Mieter + + +Es wird behauptet, daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist +aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei +so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an. + +Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den +Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts +zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als +Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die +riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude +daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten +aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es +vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich +ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und +das taten sie alles nur ihm zuliebe. + +Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher +andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht +bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu +beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit, +wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine +geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht, +die Herrn Pleß oblag, aber bis zu einem gewissen Grade läßt sich +beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in +dem man sie verrichtet. + +Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen. +Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren +Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man +sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung +geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so +ungefähr die allgemeine Meinung. + +Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat -- +denn das war Pleß nach und nach geworden -- den Betreffenden ganz +erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber +Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!« + +Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte -- +wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber +nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles +so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man +nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder +Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und +das war schließlich doch auch etwas! + +Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein, +der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte +nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder +Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur +selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt -- du +lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den +Zahlen und der Familie zu erholen. + +Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. + +Der Herr Oberrechnungsrat -- diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm +er kurz vor Ausbruch des Krieges -- sammelte insgeheim Bücher. +Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden -- beileibe! Dazu +reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben: +Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne, +Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen -- wie wohlfeil +damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald +fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit +Büchern austapeziert. + +In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte, +das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er +verzichtete. + +In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um +die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als +diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte, +dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er +lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte. + +Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt +hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte. + +Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen +können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch +angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein +Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem +Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war. +Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen, +es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war +aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige +Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen +Boden fand. + +Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das +war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen +beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt +kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal +etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich +pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn +beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn +bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und +scheuchten sie weit fort. + +Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder +erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar +selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon +absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das +paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war +er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt +nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der +Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein, +ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun +als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein +geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe +mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens +Kinder mit der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus +dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder, +freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem +Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war. + +Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem +Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat +vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein, +das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das +Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren, +frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still +verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine +Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte +tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp +gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die +Bücher. + +Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn +Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und +wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln, +das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren. +Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort gab es +freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug -- aber es blieb +eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche +und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr. + +Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können -- erst +nachträglich sah er es ein -- wäre wenigstens diesem Zustand Dauer +beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens +Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende +nehmen. + +Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer +und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die +frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der +Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten +Lesetisch. + +Verschlossen und gequält saß er da und las und las -- aber selten und +immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse +rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die +Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als +daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie +verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in +Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten. + +So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem +Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so +laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei +auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja +nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den +fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man +den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das +Unheil auf der Lauer und das Entsetzen. + +Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte +erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn +Pleß ins Vaterherz. + +Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat +die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis +spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche +rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze +Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er +fast ununterbrochen im Amt. + +In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger +und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn +obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so hatte seine +Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen +einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen. + +Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes +gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch +Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?« + +Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren +auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit +denen er ihn anstierte. + +»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen +Sie sich nicht aufhalten ...« + +Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner +Arbeit zu. + +Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger +Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem +Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem +Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen +Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang +nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht +eintraf. + +Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter, +weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein +sauber mundiertes Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte +amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand. + +Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie +eine Raupe, die sich eingesponnen hat. + +Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den +erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm +einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre. +Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr -- was frommte es ihm, sein +eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu +sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick +auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens +ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen +pflegte. + +Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt +wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen +Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die +alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit +für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg +herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so +lästig zu werden, daß er schließlich doch nach Hut und Stock griff. +Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen, +hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen +Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere +Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war. + +Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst +genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht. + +Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient +hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück +sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun +auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht +viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer +nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm +nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich, +indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln +wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was +er früher wert gewesen. + +Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen +an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte, +aus denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt +wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar +das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute +ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere +Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen +wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie +vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer +jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel +machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder +Vernunft angenommen hätten. + +Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie +verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und +verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig +waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und +da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn +wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese +gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch +wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die +dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel +und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen +sie allmählich sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und +überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf, +las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not +und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher +betrogenen Volkes. + +Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um +die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene +Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet, +die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt. +Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf +wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in +seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen? + +O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß +es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie +innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt. + +Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur +mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das +nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering +gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es +lag ihm für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi, +die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine +bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und +redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde +es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit +zuzulegen. + +Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb +über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den +Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich +eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie +sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger +nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig +hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner +übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner +eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen +jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei +eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt -- um sie brauche er +sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte, +und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben +hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und +Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit dem zufrieden zu +geben, was unser Herrgott eben beschert hätte. + +So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war +ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel +vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt +das immer zum Nachdenken Anlaß. + +Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die +Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er +keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich +nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu +kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade +um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde +zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen +verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen +Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit +Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht +vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr +nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige +Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines +neuen Bandes -- wieviel Farbe hatte das alles in sein Leben gebracht! +Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht +gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur +wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing, +wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange +nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich. + +Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man +mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden, +wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch +lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las. + +Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über +seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er +noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt +wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und +der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres +gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas +ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen, +ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es +seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer +aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte -- ein jeder, der +Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können -- das mußte gerade er +als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner +Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb +er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft +zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im +Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache +an. + +Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde! +Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm? +So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick +an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu +Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine +unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese +merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich +auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren +-- aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens +Leben. + +Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm +melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie +sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus +höflich benahmen sie sich, verdächtig genug! + +»Ja, wieso denn? Die Wohnung --« + +»Bitte, hier die Legitimation.« + +Himmel! Die städtische Wohnungskommission! + +Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle +Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind, +während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die +Herren hindurchgeleitete. + +Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten. +Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen +Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im +Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem +Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte. + +»Jawohl, dies ist das Schlaf -- das Schlaf --« + +»Sie sind Witwer?« + +»Leider, leider!« + +»Alleinbewohner?« + +»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...« + +»Wer ist die Resi?« + +»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...« + +»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.« + +Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter. + +»Und hier?« + +»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...« + +»Ihrer Tochter --?« + +»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...« + +»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.« + +Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits +bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein. + +»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer. + +»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer. + +»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der +Kommission war, sich an Pleß. + +»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich +... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...! +anno ...« + +»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp +bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen +allgemeinen Überblick.« + +»Eins -- zwei -- drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der +Protokollführer schrieb auf. + +»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?« + +Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück. + +»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?« + +»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine +Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch +schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...« + +»Dies die Küche?« + +Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von +einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach +tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein +Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder +ins Schloß. + +»Und hier, die Tür nebenan?« + +»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines +... bescheidenes ...« + +»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen +ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem +beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger +Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden. + +»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie +wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...« + +»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war +mir ein ganz besonderes ...« + +Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen +würde. + +Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im +letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich +darf wohl hoffen --? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich +--?« + +»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der +im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft. + +Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe +hinunter und waren fort. + +Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor. + +»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in +einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie +mir nicht in den Suppentopf geguckt haben -- sonst alles! Nein, da hört +sich denn doch die Gemütlichkeit auf!« + +»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der +Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend. + +Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission, +offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen, +ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden +Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte +auch jeder der Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die +Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen. +Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens +darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-, +Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte +er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam +wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der +Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen. + +Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er +ängstigte sich. + +»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer --? Wer weiß, am +Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...« + +»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine +Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie +hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken +vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!« + +»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich -- +»verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich +ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere +Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich nicht! Sie hätten ja +fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich +natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen --!? No +also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?« + +Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte +er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit +drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick +daraus würde drehen können. + +Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt: +»Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!« + +Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß +in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu +seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis +gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne +und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen +(denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin +zubilligen müsse. + +Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer +Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung +fürchtete. + +Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind +wirklich aus dem Wasser!« + +Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie, +was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln +sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären, +die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die +Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab', +und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und +dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und +eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben, +bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn +man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt +einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie +rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein +Abstauben überhaupt auf. So -- das tät' ich ihnen ordentlich unter +die Nasen reiben! -- Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer +da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang +nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie -- +wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!« + +Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich +ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand +ständiger Erregung befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte +wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein +schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm +im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die +gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit, +das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht. + +Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich +beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten +Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach +Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich +nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern +packen.« + +Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig. + +»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich +drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! -- Ja, haben Sie +denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an. + +O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer +geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von +Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den vielen Büchern, +die er besäße, eine ganze Bibliothek ... + +»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte +ungehalten. + +Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen +hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der +Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders +drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich +einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken. + +Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem +Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen --? Dann würde ich Ihnen empfehlen, +suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen +Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich +auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät, +und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf +Kindern hineinbekommen!« + +Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden, +daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel. +Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete +es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung, +daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht +ausdrücklich auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich +aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den +eingepaßten Regalen standen -- was wäre aus denen geworden, wenn es +der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder +überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi +nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit +in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer +nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld --? + +Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer +freiwillig abgebe -- bleibe ich dann im übrigen ungestört?« + +»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte +nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden. + +Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber +in diesem Augenblicke -- beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er +sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein +Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag, +der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser +Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen +Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu +verschmelzen versprach. + +Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den +bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich +selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen +hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem +Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen +sozialen Öles gesalbt. + +Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal +zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen +Bekannten bei sich aufnahm -- dies kleine Opfer konnte er wirklich +bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf +und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn +zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden +Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten +Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in +reifliche Erwägung ziehen werde. + +Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der +Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend. + +Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege, +dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber +wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden +Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und +nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß +er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von +einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht +zweitausend Kronen und mehr -- welche Summe für einen Festbesoldeten +auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher +nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim +Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr +im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl, +Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein +Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das +befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert, +einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben? + +Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch +der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und +durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre. + +Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am +besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen +Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige +Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören würde, bloß ein Bekannter +zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme +herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens +jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst +so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich +ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm +gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen +zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch +einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte +werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der +Seite seines Bettes stand! + +Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen. +Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen +Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus +aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die +gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war, +hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für +eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche +Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt, +von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht +sozusagen für den Retter dieses Menschen halten zu dürfen, war doch +er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete +Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und +seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn +keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig +verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz -- mußte es auf +der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit +wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute +Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche +Frucht tragen würde? + +Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es +ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde +seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es +Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine +Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen +ließ. + +Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm +wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten +Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen +überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob, +stand wie gerufen der Gesuchte selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig +streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch +diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner +Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen. + +»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang +zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück +Weges.« + +»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!« + +»O -- bitte, bitte!« + +Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so +überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum +auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig +von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine +Wohnung von vier Zimmern hätte ... + +»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen. + +»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit +drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem +Zufall übersehen ...« + +»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann. + +»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß, etwas unsicher geworden, +und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der +Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben. + +Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich +seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und +staunte ihn groß an. + +»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude +heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen +ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht! +Gemacht! Das heißt -- was verlangen Sie dafür?« + +»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen -- +ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind +mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn +ziehen.« + +Abermals blieb Scheinemann stehen. + +»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer +Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt +wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein! +Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so +werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine! +Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.« + +Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich +einziehen?« + +»Wann es Ihnen paßt.« + +»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! -- Pardon!« rief er plötzlich in +Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten, +wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt: +Gemacht! Gemacht!« + +Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen +vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste. + +Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg +fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten --? Gab es +jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt +alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ... + +Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in +der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein +unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen +mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch +eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen +Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen +Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes zu +verhüllen pflegen -- was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den +Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit +bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen +völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell +gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ... + +Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten +Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem +passe. + +Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi: +»Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter. +Morgen früh zieht er ein.« + +Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche +Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in +der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte, +verkündete nichts Gutes. + +Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß +wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten +Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann, +bescheiden.« + +»Ein bißchen klein --!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum +Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.« + +»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.« + +»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem +breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.« + +Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit +des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer +zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über +der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das +Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz +leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie +gekommen, in ihrer Küche. + +Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran, +das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und +Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich +erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu +fahren. + +Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe +löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne +aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon +zu Gesicht bekommen?« + +»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi +empört. + +Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen +müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben. +Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre +Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt, +und das andere sein Bureau. + +»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und +ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.« + +Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und +sah sie mit aufgerissenen Augen an. + +»Tippmamsell --? Bureau --? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja +rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett +hineinschieben?« + +»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!« + +»So --? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!« + +»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand +mit dem Suppentopf. + +Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich +verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme +auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak er +zusammen -- die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte. +Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in +entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür. +Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute +sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers. + +Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist +denn gekommen?« + +»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer +Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom +Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich +mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die +Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und +deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner +Treu', das hat sie g'sagt!« + +»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung +nahe. + +»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme +in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein, +so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine +Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich +meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in +der Hoffnung!« + +Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit, +sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am +wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten +sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er +ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich +eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine +Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die +Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen +sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen +Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das +Päckchen. + +Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen +und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen. + +Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt. + +Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch, +daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze +des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen +sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger +Mieter hereingesetzt würde, möglicherweise sogar der angedrohte +Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage +käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern +besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich +zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich +wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe +vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde. + +Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives +Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte +der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb +also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den +Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert, +im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett +und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und +eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter +schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der +ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich +in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich +zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es +etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe von +Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ... + +Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach +dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese -- +Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?« + +Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und +verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und +schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie, +die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der +Hand gefallen, vor lauter Scham. + +»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab' +ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er -- ist daneben im +Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig, +wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche +Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!« + +An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es +gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst. +Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung +kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken +in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese +Gedanken sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines +Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor. + +An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters +angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt: +»Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und +Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein +Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange +getreten. Denn im Bücherzimmer saß -- Herr Scheinemann! + +Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem +Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor +ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte +eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie +brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte. + +»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören +lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern. +»Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar +Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies +fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein +geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer! Und Bücher +haben Sie -- mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn +solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab', +sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich +aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber +natürlich aus einem ganz anderen Grunde.« + +Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort, +während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte +sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete +beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere, +der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht +Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich +und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie +denn wirklich schon Rechnungsrat --? Und sogar schon a. D.? Wie ist +denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre +gebraucht bis zu dieser Rangstufe.« + +»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als +Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine +solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige +nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die +Regierung nicht pariert, so gibt's ganz einfach Streik. Verstanden? +Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert. +Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich +mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als +wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als +Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden +nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar +Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von +einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien' +ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn, +den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent +dazu.« + +»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem +Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum +heißt sie Kondor?« fragte er. + +»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer +aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus +Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber +mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten -- kurz, mit allem, +womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig welches. -- Gibt +es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher +...« + +»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner +Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber +Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir +halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung +eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie +meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein, +wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt, +einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.« + +»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß, +seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht +eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral. + +»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel. +Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer. +Meine Braut -- wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor -- +bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich +sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer +würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten +umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten. +Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser. +Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in +Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr +zu dermachen.« + +Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte +rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß +regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt +ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein +Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser. + +»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem +Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.« + +»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu +ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein +konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich +das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst +heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert -- dreißig, vierzig +Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum, +Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum +Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens -- Ihren Rock und Hut sollten +Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat. +Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.« + +In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum +gewesen war -- Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der +angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner +Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins +Genick versetzt. + +»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann +aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen +da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin, +so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein +Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-, +dreitausend Kilo im ganzen -- spielt gar keine Rolle, was? Also +gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat -- ja richtig, +der Casanova!« + +Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und +entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit +Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür +aufgeschlossen -- den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte, +hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt +konnte man das Abladen von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens +verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den +Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke +gewälzt. + +Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und +lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer +kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und +teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr +an ... + +Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und +im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete +das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne, +der noch immer das Bücherzimmer erfüllte. + +Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr +allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr +die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis +spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast +keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat, +standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom +Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden. + +Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe. +Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen, +Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und +Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre +singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den +Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit +die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die +Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz +der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen. + +Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und +schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der +Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das +eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst +zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder +in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus +Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen +konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer +noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem +in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war, +irgendwo in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer, +als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten +der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel +anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte, +zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein. + +Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine +unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen +vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder +überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken +und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner +Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem, +was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und +suchten ein anderes Ziel. + +Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände, +um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind +es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles, +was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht +die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine +Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft +und Vereinigung ist uns erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht +zurückgeflossen ist ins All. + +In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr +Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für +Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht +mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt +geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben +doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand +die Möglichkeit, sie wiederzufinden ... + +Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten +endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten. + +Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der +mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war, +unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren- +und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten, +legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe +als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen +Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste +sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt +am Samstag würde abgeholt werden. + +Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und +berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte +Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend: +»Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!« + +Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des +Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in +Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt, +es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener +Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch +eine Gasausströmung verursacht hatten. + +So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens +Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen +können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug, +um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre. + +»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und +ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze +Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es +sich eingeschlichen!« + +Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint, Sie merken gar +nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?« + +Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische +Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer +erfüllte. + +»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt +sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.« + +»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat +vor sich hinsinnend. + +»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da +drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!« + +»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte +er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende +gemacht werden!« + +Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er +wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht +sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem +Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von +diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung +ehestens zu räumen. + +Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach +seiner Meinung keine andere mögliche Antwort darauf als die, sich zu +empfehlen. + +Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß +von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten +ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose +Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte +sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg +nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn +sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten +Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen, +anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber, +weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür, +als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste +und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt. + +Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine +Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte. +Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen +Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto +über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins +Bücherzimmer trat, saß wieder einmal -- und diesmal nicht ganz +unwillkommen -- der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im +Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren. + +»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob +sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu +ersuchen.« + +»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich +dienen?« + +»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten +Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht +ausreichen. Überdies sind wir -- vom Geschäft ganz abgesehen -- unser +zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger +alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht +verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort, +um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste +Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma +dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich +das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser +Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse +reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit +der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen. +Bei dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter +und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie +mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei +einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.« + +»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und +wo soll ich denn ... meine Bibliothek --?« stammelte er, außer sich vor +Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher +unterbringen?« + +»Die alten Schwarten -- wenn Sie sie nicht lieber verkaufen wollen, was +bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste +wäre -- packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem +Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur +Verfügung stellen.« + +Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß +Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte, +das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen +Meinung. + +»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte +des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie +sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast +hatte ich Sie aufgenommen -- leider, leider! Und nun treten Sie mir +als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die +Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich +bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu +bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt, +Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich +delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der +ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus! +Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir +nicht mehr unter die Augen!« + +Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner +geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr +Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung +gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre. +Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um +die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu +würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten +Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung +dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu +gestatten bitte, am Platze sein.« + +Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs +nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen. + +»So --!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer, +die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich +nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren +Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem +Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den +Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem +Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um +sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich +meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie +mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen, +so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr +Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben +Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von +Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.« + +Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte +ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung +wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht herauskommen und +ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz, +»ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume +Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es +schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu +früh dafür war, den Tisch zu decken. + +Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die +Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel +sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze +Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte +er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär' +er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes +ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche +zurückschleichen, als er sie anrief. + +»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig +gequälten Stimme, »seien Sie so gut -- ich fühle mich fast zu matt, um +aufzustehn -- reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der +dritten Reihe steht.« + +Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem +großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen. + +»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er ungeduldig. +»Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel, +Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.« + +Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm. + +»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge. + +»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und +begann in dem Bändchen zu blättern. + +Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in +das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort, +berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ... + +»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und +war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns +abzuschütteln, mißlungen sein mußte. + +Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete +aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus +nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte +jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte, +sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und +hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen. + +»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er, +flüchtig aufblickend. + +»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!« +stellte sie mit Überzeugung fest. + +»Ein bißchen abgespannt -- nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas +früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen +Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh +muß ich zu einem Leichenbegängnis.« + +»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?« + +»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden +zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn +Sie so freundlich sein wollten ...« + +Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an +die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab. +Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu +bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte +sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich +und wünschte gute Nacht und baldige Besserung. + +»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone +nach. + +»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's +anders wär'!« ... + +Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie +auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war +lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und +Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen +hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat +ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den +zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den +ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die +Ohren verstopfte. + +Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß -- denn +immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten +äußerte, mit der seligen gnädigen Frau -- ... + +»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie -- »ich bin +mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die +Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die +anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt. +Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen +prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum +Fenster hinausschmeißen -- da rührt sich keine Behörde, da schaun die +Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen +die Achsel: Ja, da kann man nix machen!« + +Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz +ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen +lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar +wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja +keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder +herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie +hineingekommen ist!« + +Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte +selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein +Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums +hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt, +drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch +lange bis nach Mitternacht weitertobte. + +Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die +Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf +stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!« + +Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf, ein entsetzlicher, +atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen -- Jesus Maria! Da saß eine +schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ... + +Weit riß sie die Fenster auf. + +»Zu Hilfe! Zu Hilfe!« + +In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters. + +»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?« + +»Der gnädige Herr --! der Herr Oberrechnungsrat --!« + +»Also was ist denn eigentlich los?« + +»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!« + +»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann +holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?« + +Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in +Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet +waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der +Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ... + +An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich +inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus, +aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben. +Scheu traten sie näher, stießen und schoben einander vorwärts, wagten +sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf +die Schnalle der Küchentür drückte -- da fuhren sie aufkreischend +zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die +Türspalte ... + +Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen +hinaus. Unten tönte eine Hupe. + +Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist +schon die amtliche Kommission,« sagte er. + +Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht. +Aber freilich -- sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des +Augenscheins. + +Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings +entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in +derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene +Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ... + +Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen +machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den +Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das +Gewünschte zu holen, und erstarrte -- Scheinemann und die Rothaarige +waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen. + +Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte +sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!« + +»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute +verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an! +In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine +Vierzimmerwohnung!« + +Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten +Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark +slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu +sohrgen!« + +In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen +Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt +hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat +er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem +widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche. + + + + + Die Zobelkinder + + Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters + + +Der Winter bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich +mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis +jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich +mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die +Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel +in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre +ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal +meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in +die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam, +was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten +Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf +Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete. + +Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein +Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er +in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse +jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig +über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen, +daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort +erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend +zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die +leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen +Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich +unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht +lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche +Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen +ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch +eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient +hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich +gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den +Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole, +so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet. +Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer +geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft, +was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben +würde. + +Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen +weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als +solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten +Köchin, die nicht nur sein Leibgericht, eine süße Mehlspeise, die +man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar +zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe +mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin +schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit +jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang, +daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte, +unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig +wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe +starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem +Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute +nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt. + +Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden +außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach +ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der +Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher +Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen +will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück +wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum +Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach +kaum achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod +abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste +kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen. +Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen +Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und +hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen, +und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund +Wittig. + +Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und +bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war +ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den +Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar, +die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier +Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz +klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und +jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im +zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als +kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die +Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen +Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen +Herkunft das Ansehen richtiger Geschwister verlieh; und wäre es nicht +versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen +etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick +leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert +fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen +Vorgang andächtig umringen. + +Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den +Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit +selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen +zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit, +fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die +Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen +sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die +Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott, +unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die +Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter +sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung +der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu +sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte +ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen, +alle zwölf bis vierzehn Monate mit einem gesunden Sprößling. Meister +Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten +Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer +Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen +Einfluß. »Tages Arbeit -- abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei +seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«. + +Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es +plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn +selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen, +was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder +fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu +bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich +zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch +bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der +Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er +freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes +willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf +seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und +die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen -- im Verhältnis +betrachtet, natürlich! -- immer wohlfeiler würden. Es gebe Kunden, die +das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn +doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren, +und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon +könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder +besitze. + +Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und +schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine +Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen +müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger +preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener +Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich +doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig +über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem +Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum +sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon +früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und +die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen +Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die +alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen +hat. + +Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es +sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der +Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und +Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter +sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben +durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer +einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten. + +Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch +genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht +viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten +überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer +dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt +hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders +ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten +und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach +ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der +noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten +Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch +nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur +gegen ihn, fröhlich, doch nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch +nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen +die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend, +die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich +zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben. + +All die genannten süperben Eigenschaften im stillen rekapitulierend, +um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er +wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg +zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser +geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre +Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst +eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier +vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit +schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins +nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein +jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen +drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den +Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die +Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht +übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren Jungfrau zu tun habe, +die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung +kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar +nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer +Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt +hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den +Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen. + +Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten +Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit +betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie +eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen +hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie +unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese +seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf +niedergebeugt hatte, sie zu küssen. + +»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen +und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle +der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen +Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde +des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt +hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand +wieder zurück und drückte ihr wirklich -- um in ihrem Geiste zu +sprechen -- den Stempel ihrer keuschen Lippen auf. + +Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung +von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte +er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse +es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der +Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die +umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger +Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die +dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als +die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach +den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und +darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht +verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten +Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu. + +Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles +»Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen +entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und +bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen, damit er seine +Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er +hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen +getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen +Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier +zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes +und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das +auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz +gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach +Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu +heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch +etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte. + +Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt, +daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten, +den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung +überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er +sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare +zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei. +In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert +einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch die +hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf +einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf +alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die +Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen +war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann +er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser +aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb +mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies +nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder +Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den +Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und +Seelenverschwisterung. + +So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach +der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit +erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur +an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen +Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der +Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei +der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig, +weitherzig, wie er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie +großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder +weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern +doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten. +Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die +Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch +einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr +nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich +die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken +Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn +und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt, +so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen +oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und +buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich +bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über +die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig +ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und +ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte. + +Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen +Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit und mangelnde Vorsicht +ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich +nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine +beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn +als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen +Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell +hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei, +und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin +wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging +er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin +behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen +Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber +setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an +die Luft und ließ sich scheiden. + +Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar +vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat +aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der +Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen. +Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins +entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen, +darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen +Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen, +aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig +gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in +den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren +Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut, +Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen +einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich +mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings. + +Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel, +und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses +siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin, +sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen +pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die +Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr +glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften, +konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am +richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte +dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche +zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren +kostbaren Sealmantel mit dem Anstand einer vollendeten Dame zu +tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber -- denn so +viele waren es mit der Zeit geworden -- verhielt sie sich ungefähr +wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum +entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen +Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun, +jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten +von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging +seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott +dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der +jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter +ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen +lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage +ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf +machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen +Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte. + +Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter, +geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie +eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten +Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr +Wuchs nicht vollständig normal, ja von einer reizenden üppigen +Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder +Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen +Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf +Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander, +daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien. +Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd +und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte, +kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte, +scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit +liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in +diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe +es nicht auf der Welt ... + +Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch +gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern. +Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin +war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es +deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu +behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung. +Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch ein Ende +nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher +wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner +Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem +Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde +Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich +mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der +Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir +erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann +würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich +für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit +schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher +Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue +gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages +wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke, +deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich +gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer +Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von +Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur +Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht +angerichtet, das Schicksal hatte vorerst nur warnend seinen Finger +erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen. + +Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen +wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte, +niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom +Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher, +gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten +Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern +im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks +ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher, +glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter +dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe +geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten +Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel, +die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der +Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo +ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte +aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum +stehen? + +Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie +ich's verstünde, und wüßte nichts davon, wie schwer es für einen +Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen. +Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten +Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur +um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel +ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit +forteskamotiere. + +»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist +kinderlos, du kannst lachen!« + +Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste, +bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten +versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr +ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten +im Kopfe hätten! + +Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich +mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch +ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen +doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch +neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den +Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders. + +»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's +wirklich nicht mehr leisten!« + +Ich verstand nicht recht, wie er es meine -- ich selbst freilich +geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er +bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben, +kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß +er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er +sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war +sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz +jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich +rasch und suchte die Tür zu gewinnen. + +»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder +--?« + +»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich +geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter +... + +Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn +wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort +hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt +gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die +ländliche Gattin es war. + +Auf der Karte standen neben der trauernden Witwe die sämtlichen +Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem +Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als +einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und +Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und +Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich +bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein +gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig +verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als +Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und +Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt. +Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu, +der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name +Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des +Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken. + +Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine +fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die +Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des +Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr +des Gleichen! + +Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft unter der früheren Firma +weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes +Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein +werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ... +Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend +auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit +notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile +Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort +wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit +bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt +koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs +Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir +ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei +ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten +Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln +müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der +fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die +Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung, +die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es +nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren +oder ganz erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen, +wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden, +ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen +Bundesstaates zu tilgen. +Relata refero.+ Mein Gewährsmann, der +sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge +Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr +mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie +eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken. + +Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich +später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen +durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings +recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte, +zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei +oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander +hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben, +das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen +Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft +einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu +einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der +freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und +wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater und seine Mutter +gewesen -- denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte +auszukennen -- so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und +waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel) +wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander +gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen +Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand +man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen +Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die +halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch +jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu +unterscheiden waren. + +Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den +Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch +die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen +im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen +Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen +Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag. +Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer +Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack +geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen die Allerkleinsten +mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht +zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber +ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten +darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte, +die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender +junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll +geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da +sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher +Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß +die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte, +um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang, +mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen, +und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen +konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden +drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen +verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in +mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen +Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes +denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ... + +Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen +neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener +Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger +auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals +aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden. +Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen +nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von +den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder +sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen +oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder +selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man +irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse +Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher +Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern +Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und +um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig +durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener +und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte. +Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender +Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit, +daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der +Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des +Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort +»Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines +Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der +quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine +Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten. + +Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier +geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so +habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider +abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den +öffentlichen Dienst bereits überschritten habe. + +Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne +tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich +mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die +Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem +Kürschner in die Lehre! + + [Illustration] + + + + + Im gleichen Verlage erschien + + von + + Emil Ertl: + + + Liebesmärchen + + Einbandzeichnung + + von + + Friedrich Felger + + + 5. Tausend + + +»Ein kleines, feines Buch, das der Dichter in seiner frühen Jugend +geschrieben hat. Märchen und Sagen, denen er neuen Inhalt gegeben hat; +alle seine Erzählungen läßt er überfließen von der großen Liebe zweier +Menschen zueinander. So entstand ~ein rechtes Märchenbuch~, das +jung und alt hineinführt in zauberstille, lauwarme Sonnwendnächte, in +denen der Mond seine zarten Lichtschleier über Wald und Wiese breitet.« + + (+Dr.+ Wendriner in Reclams »Universum«.) + + + Im gleichen Verlage erschienen von + + Emil Ertl: + + + Die Leute vom blauen Guguckshaus + + Roman · 19. Tausend + + Einbandzeichnung von Prof. ~Alfred v. Schrötter~ + + + Freiheit, die ich meine + + Roman aus dem Sturmjahr · 16. Tausend + + + Auf der Wegwacht + + Roman · 16. Tausend + + Vorstehende drei Romane sind unter dem Titel »=Ein Volk an der + Arbeit=« ~einheitlich gebunden~ zu einem Gesamtwerk vereinigt. + + + Das Lächeln Ginevras + + Roman · 7. Tausend + + + Der Antlaßstein + + Roman · 8. Tausend + + Einbandzeichnung von ~R. Teschner~ + + + Der Neuhäuselhof + + Roman · 11. Tausend + + Einbandzeichnung von ~F. Felger~ + + + Nachdenkliches Bilderbuch + + Ernste und heitere Geschichten + + Einbandzeichnung und Buchschmuck von ~Alfred Keller~ + + 5. Tausend + + + Nachdenkliches Bilderbuch + + Zweite Folge · 4. Tausend + + Einbandzeichnung von ~Alfred Keller~ + + Buchschmuck von Prof. ~Alfred v. Schrötter~ + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 *** diff --git a/76870-h/76870-h.htm b/76870-h/76870-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f1b77ca --- /dev/null +++ b/76870-h/76870-h.htm @@ -0,0 +1,6399 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Berg der Läuterung | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 {font-size: 210%} +h2,.s2 {font-size: 160%} +.s3 {font-size: 115%} +.s5 {font-size: 75%;} + +h1 { page-break-before: always; + font-weight: normal;} + +h2 { + padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} + +.mright10 {text-align: right; + margin-right: 10em;} + +.mtop2 {margin-top: 2em;} +.mtop3 {margin-top: 3em;} + +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} +.mbot6 {margin-bottom: 6em;} + +.padtop2 {padding-top: 2em;} + +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} +.padbot4 {padding-bottom: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +hr.full { width: 95%; + margin-left: 2.5%; + margin-right: 2.5% } + +hr.double { height: 0.2em; + border-top: 0.25em black solid; + border-bottom: 0.1em black solid; + border-left: none; + border-right: none } + +.x-ebookmaker hr.double { + height: 0.2em; + border-top: 0.12em black solid; + border-bottom: 0.05em black solid } + +div.chapter {page-break-before: always;} + +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +div.newpage { page-break-before: always } + +.break-before {page-break-before: always;} + + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + width: 23em;} + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, +table.autotable { padding: 0.25em; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; } + +.bbox {border: 2px solid; padding: 1em; page-break-before: avoid; page-break-after: avoid;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.gesperrt{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt{ font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +.h3em {height: 3em; width: auto;} + +.hide-first { + visibility: hidden; + margin-left: -0.75em;} + +div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.5em 0 0; + line-height: 1;} +.x-ebookmaker div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.9em 0 0; + line-height: 1;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + + height: auto;} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + + +/* Poetry */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: center; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Illustration classes */ + +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + +/* Illustration classes (e-Books)*/ +.illowe6 {width: 6em;} +.illowe15 {width: 15em;} +.illowe31 {width: 31em;} +.x-ebookmaker .illowe6 {width: 12%; margin: auto 44%;} +.x-ebookmaker .illowe15 {width: 30%; margin: auto 35%;} +.x-ebookmaker .illowe31 {width: 62%; margin: auto 19%;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht +wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter padbot2 illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 center">Emil Ertl</p> +<p class="s2 center">Der Berg der Läuterung</p> +</div> + +<figure class="figcenter padtop2 break-before illowe31" id="titlepage"> + <img class="w100" src="images/titlepage.jpg" alt=""> +</figure> + + +<h1>Der<br> +Berg der Läuterung</h1> + +<p class="s5 center mbot2">von</p> + +<p class="s2 center mbot2">Emil Ertl</p> + +<p class="center mtop2 mbot6">L. Staackmann Verlag / Leipzig<br> +1922</p> + +<p class="center mbot3">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten<br> +<span class="antiqua">Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann,<br> +Leipzig</span></p> + +<p class="s5 center mtop3 mbot6">Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.</p> + +<hr class="full double"> + +<div class="newpage"> +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen</div> + <div class="verse indent0">Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern</div> + <div class="verse indent0">Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen....</div> + </div> + <div class="verse indent0">... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen,</div> + <div class="verse indent0">Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer,</div> + <div class="verse indent0">Und der Geduldigste sogar — zu flehen</div> + <div class="verse indent0">Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr!</div> + </div> +</div> +</div> + +<p class="mright10 mbot2"><em class="gesperrt">Dante</em>, Purgatorio.</p> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> + +<tr> +<td class="tdl">1. Die Sofapuppe</td> +<td class="tdr"><a href="#Die_Sofapuppe">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">2. Das Rotkehlchen</td> +<td class="tdr"><a href="#Das_Rotkehlchen">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">3. Die Sphinx</td> +<td class="tdr"><a href="#Die_Sphinx">115</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">4. Der Mieter</td> +<td class="tdr"><a href="#Der_Mieter">187</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">5. Die Zobelkinder </td> +<td class="tdr"><a href="#Die_Zobelkinder">255</a></td> +</tr> +</table> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe15" id="illu-007"> + <img class="w100" src="images/illu-007.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Sofapuppe">Die Sofapuppe</h2> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-d" src="images/drop-d.jpg" alt="D"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»D</span>ie alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die +Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern +nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war +gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte.</p> + +<p>»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame.</p> + +<p>Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge +Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand, +trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière +um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme +zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des +geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren +blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem +Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre +sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der +wiedereintretenden Zofe entgegen.</p> + +<p>»Kommt mein Mann mich abholen?«</p> + +<p>»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung +fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in +sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten.<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Er bittet die +gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er +das Auto herschicken.«</p> + +<p>»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame +verstimmt.</p> + +<p>Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich +übelgelaunt in die Kissen gleiten.</p> + +<p>»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und +warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen +Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten +Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie +lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe +daheim.«</p> + +<p>»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte +Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...«</p> + +<p>»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in +ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause +und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die +wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft? +Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl +widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht, +eine einflußreiche Persönlichkeit,<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> der ich den Hof machen soll, +damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht +unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes +Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so +unliebenswürdig wie möglich zu sein.«</p> + +<p>»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die +weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln. +»Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen +Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an +Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.«</p> + +<p>Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause: +»Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage +verneint wurde, fast unhörbar das Gemach.</p> + +<p>Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame +darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das +der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise +in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu +lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu +ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren +schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des +Brillantenkolliers<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen +Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen +ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung +überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke +zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr +Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt +anglotzte.</p> + +<p>In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für +ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen +Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der +feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen +als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte +es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt +dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht +umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet +war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie +menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen +gewußt hatte.</p> + +<p>Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono, +Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem +kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten.<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster +aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und +Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die +kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu +kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger +Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein +einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln. +Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen +ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck +menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt.</p> + +<p>Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf +sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war, +als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf.</p> + +<p>»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich.</p> + +<p>Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den +Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre +Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke +hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen, +in denen etwas wie<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie +begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde +spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der +Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So +lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir +die Zeit!«</p> + +<p>Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der +Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor +Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen, +herzbewegenden Seufzer ausgestoßen.</p> + +<p>»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz +deutlich.</p> + +<p>Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr +hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte +... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb? +Erklär' es mir! Weshalb?«</p> + +<p>Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder +gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke.</p> + +<p>»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie.</p> + +<p>Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du +siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht +nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir +in<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend +und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht +viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und +haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft +angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun, +der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich +fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet, +läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen +Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des +Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich <span class="antiqua">vis-à-vis de rien</span> +steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim +Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt +sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten +Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch +überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener +zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun, +da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich, +da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen +du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse +Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das +heutige Leben zwischen den Menschen<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> und ihren Schicksalen aufreißt, +preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie +ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!«</p> + +<p>Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die +dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke +gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken.</p> + +<p>Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen +Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander. +Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten +Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern +helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die +Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie +abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den +Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der +Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl:</p> + +<p>»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht +haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden +Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und +suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem +Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die +gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte +Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und +Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann +Larisch, Rudolfgasse 36!«</p> + +<p>»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die +Limousine half.</p> + +<p>Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen +an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die +Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich +in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht +nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ...</p> + +<p>Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit +stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine +finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob +Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte +Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie +über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer +Klingel. Eine Frau, von der sie im<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> herrschenden Zwielicht nur die +Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr.</p> + +<p>»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?«</p> + +<p>»Bitte einzutreten.«</p> + +<p>In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte +eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische +lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben, +Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige +Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits +zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat, +aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen +schon fertig da, aber noch ohne Körper.</p> + +<p>»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig +aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte.</p> + +<p>»Ach so, Sie sind selbst —? Sie machen die reizenden Puppen, nicht +wahr —?«</p> + +<p>In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie +hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet +außer Fassung.</p> + +<p>»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich —?«</p> + +<p>»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> andere ruhig. »Es +ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«</p> + +<p>»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst +einen Schüttelkopf —? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein +herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?«</p> + +<p>Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine +Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun +damit, und für mich ist's bequemer so.«</p> + +<p>Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich +<em class="gesperrt">dazu</em> entschließen kann —! Unser Haar, das gehört doch so zu +uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!«</p> + +<p>»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich +übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?«</p> + +<p>»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so +in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es +verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um +dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet bist.«</p> + +<p>»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.«</p> + +<p>»Dein Mann ist — Offizier?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst, +wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die +Nacht hinein.«</p> + +<p>Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander +und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen +wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser +tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen, +ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes +Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber +sich einander entfremdet hatten.</p> + +<p>»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das +Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von +dir hören lassen?«</p> + +<p>»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu +tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte +sie hinzu: »Übrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche +Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in +gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft +zwischen jungen Mädchen.«</p> + +<p>Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte.</p> + +<p>»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> für Rivalinnen +galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole — du entsinnst +dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen +Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das +steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das +wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich +die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit +wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in +der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend +war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in +so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe +zusammensteckten.«</p> + +<p>»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das +eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte.</p> + +<p>»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später +bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.«</p> + +<p>Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?«</p> + +<p>»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich +— wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals +wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen +verstorbenen Mann kennen lernte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend.</p> + +<p>»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten +dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater — du +weißt ja wohl?«</p> + +<p>»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?«</p> + +<p>»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch +eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein, +wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.«</p> + +<p>»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend. +»Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel +...«</p> + +<p>»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut, +wir kommen durch ... Und — allein? O nein, ich bin nicht allein.« +Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp +am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein +süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein —? Wie schade! +Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige +Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben +Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann. +Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen +war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich +und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte +aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich +im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige +Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein +wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die +innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht +so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand. +Verstehst du mich, Aimée?«</p> + +<p>Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie +eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht +hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange +und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt, +hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun +plötzlich und nagte daran.</p> + +<p>»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß +deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<p>»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau +Larisch unbefangen.</p> + +<p>Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre, +gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry +um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht +ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen +zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée, +angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen +wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, +daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen +Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr +Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch +den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf +zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich +zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß +sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen +waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten. +Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte +Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des +Stuhles, sich festzuhalten ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<p>Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was +ist dir?«</p> + +<p>»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül — hier in der Nähe des Ofens. +Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein +Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch +gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?«</p> + +<p>Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens +ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging. +Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie +begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in +jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein +wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit +gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung +gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen +— ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.«</p> + +<p>Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke +durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt, +nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz, +einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung, +in der sie hauste, doch das<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> Gegenteil. Und diesen albernen Stolz +zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des +Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse +Genugtuung gewährt. Aber Geld —? Das konnte mit Recht verletzen. +Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen, +das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem +die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch +zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare +Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische +stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und +Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter +Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl +der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz +derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall +vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre +Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war +zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins +Zimmer.</p> + +<p>Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes, +das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich +ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> +warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes +getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden +Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine +aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an +Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...</p> + +<p>Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen, +als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend, +faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie +hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer, +flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie +den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend +und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.</p> + +<p>Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich +befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den +Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken +sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er +hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung +hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat +er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den +Lackschuhen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und +etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den +Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die +Blöße erspäht.</p> + +<p>»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«</p> + +<p>Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.</p> + +<p>»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber +was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«</p> + +<p>»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«</p> + +<p>»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«</p> + +<p>»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!« +sagte er brutal.</p> + +<p>Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.</p> + +<p>»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ... +Wenn ich nur wollte ...!«</p> + +<p>Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber +darum nicht minder infame Drohung.</p> + +<p>»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«</p> + +<p>»Ich lasse mich nicht zwingen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>»So kannst du unmöglich in Gesellschaft gehen!«</p> + +<p>»Dann geh' allein!«</p> + +<p>»Das will ich tun.«</p> + +<p>Schweigend stiegen sie Seite an Seite die Treppe hinunter. Wortlos +nebeneinander sitzend, fuhren sie durch die dunkle Nacht. Als die +Limousine vor der Villa hielt, stieg er aus, schloß die Haustür auf, +ließ sie eintreten und schloß wieder zu. Sie hörte, wie der Wagen +davonrollte. Wie im Traume wankte sie die Stufen empor.</p> + +<p>»Ich bin nicht ganz wohl und wünsche vorderhand allein zu bleiben,« +sagte sie zu der bestürzt dreinsehenden alten Kammerfrau und zog sich +in ihr Zimmer zurück.</p> + +<p>In der Ecke des Sofas saß starr und unbeweglich die kleine Japanerin, +in ihrem silberdurchwirkten Seidenkimono, das rabenschwarze Haar +kunstvoll aufgesteckt, die Saffianpantöffelchen an den Füßen, und +stierte nachdenklich und versunken in die gegenüberliegende Sofaecke.</p> + +<p>In einer Aufwallung von Entrüstung ging Aimée auf die Puppe los: »Was +faselst du ins Blaue hinein? Jene andere braucht meine Hilfe nicht, und +wenn eine von uns beiden unglücklich ist, so bin ich es!«</p> + +<p>Da wendete die Puppe plötzlich ganz unerwartet den Kopf herum und +richtete die glänzenden schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Perlen ihrer Augensterne auf sie, +mit einem Ausdruck unsäglicher Traurigkeit: »Das war es doch, Madame, +warum ich sagte, das Weinen sei mir näher als das Lachen.«</p> + +<p>Wie versteint starrte Aimée sie an. In demselben Augenblick pochte es +an die Tür. Es war die Zofe.</p> + +<p>»Gnädige Frau entschuldigen, dies Päckchen wurde eben abgegeben: sofort +und persönlich in Ihre Hände zu legen.«</p> + +<p>Gespannt riß Aimée die Umhüllung auf ... Diamanten funkelten ihr +entgegen ...</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="Das_Rotkehlchen">Das Rotkehlchen</h2> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-m" src="images/drop-m.jpg" alt="M"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»M</span>eine alten Tage die +hab' ich mir auch anders vorgestellt!« pflegte +Herr Ziervogel mit einem gutmütig-sauren Lächeln sich zu äußern. +Und dann holte er gewöhnlich einen kleinen Seufzer aus der schon +etwas kurzatmig gewordenen Brust hervor und fügte nicht ohne Laune +hinzu: »Denn das Leben, das unsereiner jetzt führt, das ist wie eine +Windbäckerei, in die man vergessen hat, die Schlagsahne einzufüllen!«</p> + +<p>Immerhin —! Wenn es wenigstens süß wie spanischer Wind geschmeckt +hätte. Aber weit entfernt davon! ... Und gar Schlagsahne! Blieb +die nicht seit Jahren für den bedauernswerten Mitteleuropäer ein +ausschweifender Märchentraum?</p> + +<p>Stets hatte Herr Ziervogel ein bißchen das Gefühl, daß ihm Unrecht +geschehe, daß er unverdientermaßen in die Klemme geraten sei, und +daß man ihn schnöderweise im Stiche gelassen habe — »man«, jener +dickhäutige »man«, der an allem Schuld trägt und sich für nichts +verantwortlich fühlt. Jenes schillernde Chamäleon von einem »man«, +das sich bald hinter das Schicksal versteckt, bald hinter die +gesellschaftlichen Einrichtungen, manchmal wohl auch bloß hinter die +hohen Behörden, die (nach Joachim Ziervogels Meinung wenigstens) +eigentlich dafür zu sorgen hätten, daß es halbwegs gerecht zugehe auf +dieser Erde. Ach, du lieber Gott, darum kümmerten<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> sich die hohen +Behörden nun allerdings schon lange nicht mehr. Sie hatten aufgehört, +Schutzmann zu spielen, und es vorgezogen, um nur halbwegs auf ihre +Kosten zu kommen, selbst unter die Beutelschneider, Buschklepper und +Manichäer zu gehen und dem zur Freiheit erwachten ehemaligen »Untertan« +das Fell über die Ohren zu ziehen.</p> + +<p>Manchmal fehlte nicht viel, daß Herr Ziervogel an der Menschheit, ja +an der göttlichen Weltordnung selbst irre geworden wäre. Sah es nicht +fast wie ein schlechter Witz aus, daß gerade er, Zuckerbäcker seines +Zeichens, noch am Rande des Lebens so viel Bitteres auskosten mußte? +Hatte er etwa nicht redlich gearbeitet und sich geplagt, solange er +in den Jahren stand? War er kein nützliches Glied der menschlichen +Gemeinschaft gewesen?</p> + +<p>Gerne tat er sich etwas darauf zugute, daß seine Konditorei schier ein +Menschenalter hindurch Kindern wie Erwachsenen ein Born der Freude +und Erquickung gewesen sei. Wie viele Mühselige und Beladene hatten +sich dort Magentrost und Herzstärkung geholt, als der Meister selbst +noch ausübend war und unverdrossen seines Amtes waltete, bis ins +geschäftig wackelnde Doppelkinn hinein von heiligem Eifer durchdrungen, +die Kundschaft mit bekannter Zuvorkommenheit zu bedienen. Nicht etwa +bloß aus der stillen Vorstadtgasse, in welcher der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Geschäftsladen +sich befand, nein, auch aus allen umliegenden Gassen und Straßen, +manchmal gar aus den angrenzenden Vorstädten strömten die Leute herbei, +angelockt durch den wohlverdienten Ruhm, dessen die Erzeugnisse +Ziervogelscher Kunstfertigkeit sich erfreuten. Denn nirgends waren die +kandierten Früchte so vollsaftig, die Tortengüsse so eisspiegelglatt, +die Faschingskrapfen so flaumig, um nicht zu sagen ätherisch, und +nirgends in der ganzen Stadt schmeckten die Mohn- und Nußbeugel +köstlicher als in der Andreasgasse beim »süßen Joachim« — wie der +Volksmund ihn getauft hatte.</p> + +<p>Aber nein, ach nein, sie »schmeckten« ja leider durchaus nicht mehr, +in dieser bösen Nachkriegszeit! Die Halbvergangenheit war längst zu +einer ganzen, das Präteritum zu einem Plusquamperfektum geworden: denn +so ausgesucht und köstlich <em class="gesperrt">hatten</em> sie bloß geschmeckt, all die +erwähnten ambrosischen Näschereien — einst, vor Jahren, in besseren +Zeiten, damals, als die Menschen noch keine Ahnung davon hatten, wie +schlecht es einem ergehen könne auf dieser besten aller Welten, und +der süße Joachim noch nicht so unvorsichtig gewesen war, sein Gewerbe +zurückzulegen, um sich als Rentner aufzutun. Damals, ja, damals, in +jener bereits geschichtlich gewordenen Epoche, als er noch seelenrein +und schneeweiß wie ein Unschuldslamm in Pikeejacke und<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Tellermütze +hinter dem Ladentisch stand, auf dem die geschliffenen Glasaufsätze +funkelten. Hinter jener kühlen, appetitlichen Marmorplatte, auf der +er mit zärtlichen Fingern all die leckeren Apfel- und Pflaumenkuchen, +Kaffee- und Indianerkrapfen, Cremeschnitten und Nußschifferln, +Schaumrollen und Vanillekipferln so frommsinnig zur öffentlichen +Besichtigung auszubreiten wußte wie die Schaubrote auf Jahves Altar +(nur weit mehr als bloß ihrer zwölfe waren es selbstverständlich), daß +auch die verhärtetste Brust der eindringlichen Sprache des Gemüts nicht +länger widerstehen konnte und sich beseligt hinschmelzend der süßen +Weltfreude öffnete.</p> + +<p>Vorbei! ... Vorbei! ... Für immer vorbei!</p> + +<p>Herr Ziervogel hatte eine Tochter und ein Rotkehlchen, und beide +konnten wunderschön singen. Das Rotkehlchen ließ mit Vorliebe eine +ganz feine, behutsame, etwas schwermütige Weise vernehmen, während +der Tochter — Anna hieß sie — immer nur ein munteres Liedchen auf +den Lippen schwebte. Es waren oft die verschiedensten Weisen, die sie +trällerte, vor sich hinsummte oder aus voller Brust heraussang, wie +sie ihr gerade einfielen und in den Sinn kamen. Aber es kamen ihr +ausschließlich nur fröhliche Weisen in den Sinn, und eine trübselige +und kopfhängerische wäre ihr niemals auch nur im Schlafe eingefallen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<p>Einmal, als es gerade wieder anfing Frühling zu werden, sagte das +Mädchen zu seinem Vater: »Weißt du, was ich mir wünsche?« Und als Herr +Ziervogel erschrocken und gespannt aufblickte, gestand sie: wenn sie +dem Schnaberl (so hieß das Rotkehlchen) die Freiheit schenken dürfte, +das wäre halt ihr aller-, aller-, allersehnlichster Wunsch!</p> + +<p>Ein erleichtertes Atemholen von seiten des also Angeredeten hätte +einem unberufenen Zuhörer die Vermutung nahegelegt, Ziervogel sei auf +einen weit kostspieligeren Wunsch gefaßt gewesen, wie etwa, um ein +Beispiel zu nennen: ein neues Zahnbürstchen, einen Schuhdoppler, ein +Henkeltöpfchen für die Küche — die kleinste Selbstverständlichkeit +erforderte heute schon einen abgrundtiefen Griff in die Hosentasche. +Wie trostlos wäre er gewesen, dem herzlieben Töchterchen etwas +abschlagen zu müssen! Dessen durfte er sich nun für überhoben halten. +Denn ein billiges Vergnügen war es doch wenigstens, das Rotkehlchen +freizulassen, das ließ sich nicht bestreiten. Und doch — ein merkbarer +Widerstand stemmte sich in seinem verborgensten Innern dagegen. +Denn: ließe ein rechtschaffener Singvogel sich unter Umständen nicht +ganz vorteilhaft verwerten? In bares Geld umsetzen? Gegen etwas +Nützlicheres, als er selbst zu sein sich rühmen durfte, auszutauschen? +Der Schnaberl mit seinem kleinen,<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> behutsamen, etwas schwermütigen +Liedchen konnte immerhin eine Semmel wert sein. Oder wenigstens eine +jener Regiezigarren von der landesüblichen Sorte der Stinkadores, deren +ein zur Ruhe gesetzter Gewerbsmann, für wie vermögend er sonst auch +gegolten, sich kaum noch am Sonntag hie und da eine vergönnen durfte.</p> + +<p>Aber der häßliche Gedanke — so rasch aufgeblitzt, war auch schon +im selben Augenblick wieder schamhaft erloschen. Pfui, Joachim! Ein +argloses Waldvögelein als Ware einschätzen? Handelsgeschäfte mit ihm +treiben wollen? Einen sangesfrohen Hausgenossen, wie Schnaberl es war, +schnöde verschachern?</p> + +<p>Meister Ziervogel errötete ein klein wenig und besann sich. Was +hatten doch die unhaltbaren wirtschaftlichen Zustände allmählich aus +ihm gemacht! Wie schofel war er geworden! Er, dem es sonst ein ganz +besonderes Vergnügen gewährte, das »Radl laufen zu lassen«, wie man +zu sagen pflegt. Er, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen, seit er als +Privatmann lebte, es gehört hatte, sich nobel, splendid, großartig +aufzuspielen! Kein Mensch hätte ihm in den Jahren unmittelbar vor dem +Kriege den ehemaligen Zuckerbäcker angemerkt, so kavaliermäßig leicht +war seine Hand im Geldausgeben gewesen: sogar der wie ein ausländischer +Diplomat aussehende Zahlmarkör im Kaffeehaus hatte ihn »Herr Baron«<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> +genannt und fast wie seinesgleichen behandelt; dazu mußte man von guten +Eltern sein. Und nun —! Den Schnaberl verschachern? Woher kam ihm der +unwürdige Einfall?</p> + +<p>Eine alte Erfahrung, daß die Not den Menschen nicht besser macht. Und +daß man sich leicht selbst untreu wird, wenn man einmal die Nerven +verloren hat. Aber ist es ein Wunder, wenn man sie verliert, bei dieser +lawinenartig anschwellenden Teuerung, die einen nicht etwa bloß mit +Knappheit, nein, mit dem baren Elend bedrohte? Die Jugend freilich, die +nimmt das alles auf die leichte Achsel, aber wer einmal anfängt, die +Last der Jahre zu spüren, dem sitzt die bittere Sorge im Nacken. Und +dabei täte man besser, sich nichts davon merken zu lassen, sonst lachen +einen noch die eigenen Kinder aus, oder — in Anbetracht des schuldigen +Respekts, wenn sie nämlich lieb und anhänglich sind, wie die gute Anna +es war, bemitleiden sie einen wenigstens insgeheim ein bißchen als +kümmerlichen Trübsalblaser und Angsthasen, der vor lauter Jammern übers +Tauwetter den Sonnenschein gänzlich übersehe, welcher so linde wieder +aus den Wolken hervorspitze.</p> + +<p>All dergleichen Besinnlichkeiten und selbstkritische Erwägungen +verfehlten nicht eine gewisse heilsame Wirkung. Sonach reinigte +Herr Ziervogel mit scharfer<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Bürste Herz und Nieren von allen +Flecken knickerischer Anwandlungen, daß sie wieder blitzblank +glänzten, wie das Kupfergeschirr einst geglänzt hatte in seiner +Konditorsküche, und verbarg die an ihn herangetretene, aber siegreich +abgewiesene Versuchung einer entgeltlichen Schnaberlverwertung +hinter freiheitsfreundlichen Worten, die sich mit Wärme für des +Vögleins Entkerkerung einsetzten. Warum sollte auch die gute Anna das +Rotkehlchen nicht auslassen, wenn ihr nun einmal das Herz danach stand? +Mochte es fliegen, wohin es wollte! War's kein zuwachsender Gewinn, +so war's doch ein verminderter Verlust. Denn einen so starken Esser +wie den Schnaberl gab's nicht bald, es fiel ihm gar nicht ein, sich +einzuschränken, wie es die Menschen doch ausnahmslos tun mußten; und +das Weichfutter wurde mit jedem Tag unerschwinglicher.</p> + +<p>Jubelnd fiel Anna dem glücklich herumgekriegten Vater um den Hals und +machte Miene, ihn zu erwürgen: »Am ersten schönen Frühlingstag fliegt +er! Dann gibt's ein glückliches Geschöpf mehr auf dieser wonnigen Erde!«</p> + +<p>Heute sah es freilich noch nicht danach aus, als ob der erste schöne +Frühlingstag schon knapp vor der Tür stünde. Darum nahm sie, wie +sie oft getan, den Schnaberlkäfig in den Arm und stieg damit in den +Dachstock des Hauses hinauf, wo seit langer<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Zeit ein kleiner Junge +krank lag, den sie kannte, das Söhnchen einer Lehrerswitwe. Er hieß +Felix, und seine Mutter pflegte nicht ohne Bitterkeit zu sagen: +»Jawohl, Felix, Felix heißt er; denn das bedeutet: der Glückliche ...«</p> + +<p>Andere kränkliche Kinder hatten zu ihrer Erholung und Kräftigung ins +Ausland reisen dürfen, wo großmütige Wohltäter sich ihres Elends +erbarmten; dieser Knabe aber war so schwer leidend, daß kein Kinderzug +ihn mitnehmen konnte. Seit Jahr und Tag siechte er hoffnungslos dahin, +oft stundenlang allein gelassen in der dürftigen Dachkammer, wo sein +schmales Bett stand, denn die Mutter mußte tagsüber ins Verdienen +gehen. Immer einmal, wenn sie Zeit dazu fand, machte Anna diesem Knaben +(und wohl auch sich selbst) die Freude, das Bauer mit dem Schnaberl +zu ihm heraufzubringen; das Rotkehlchen singen zu hören, so wehmütig +dessen süßes kleines Lied auch klang, war seine ganze Seligkeit. +Vorübergehend vergaß er dann, wie schlecht es ihm ging, und meinte für +Augenblicke, gesund und froh zu sein wie andere Kinder und frei und +ledig aller Gebresten im Walde dem Gesang der Vögel zu lauschen.</p> + +<p>Auch diesmal stellte Anna das Vogelbauer vor den Knaben auf die +Bettdecke und erzählte ihm, noch voll der frischen Freude, daß der +Vater ihr<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> erlaubt habe, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken, und +daß sie ihn am ersten warmen Tage auslassen würde. Sie bedachte nicht, +daß es dem armen Jungen vielleicht nicht ganz leicht fallen würde, +sich von dem Vögelchen zu trennen, sie bemerkte auch nicht, wie er +erschrak. Bleich war ja der arme Felix immer, er konnte nicht noch mehr +erbleichen, und der Ernst und die Sorgen, die sich mit einem Ausdruck, +welcher sonst nur Erwachsenen eigen ist, in seinem abgehärmten +Kindergesichtchen aussprachen, konnten unmöglich noch ernster und +sorgenvoller blicken.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Schleifmühlgasse im vierten Gemeindebezirk, in welcher die +Ziervogels, Vater und Tochter, wohnten, schwamm am nächsten Tage in der +Flut ausgiebiger Frühlingstränen, die der Himmel über den Jammer der +einst so gut gelaunten Wienerstadt vergoß, als der süße Joachim und +sein Freund Bock, der Tür an Tür mit ihm in demselben Hause eine ebenso +armselige Zweizimmerwohnung innehatte wie er, den langen Weg nach dem +städtischen Amtsgebäude antraten, wie sie fast jeden Morgen taten.</p> + +<p>Denn abgesehen von den häuslichen Besorgungen, die es täglich zu machen +gab, um diese oder jene Bedarfsware einzukaufen, die man dort und +dort,<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> in dieser oder jener Gasse, am entgegengesetzten Ende der Stadt, +angeblich um ein paar Kronen billiger bekommen sollte; ganz abgesehen +hiervon — waren auch auf dem Amte beinahe täglich eine Unzahl lästiger +Geschäfte zu erledigen, und sie vermehrten sich noch von Woche zu +Woche. Manchmal hatte es schier den Anschein, als gehörte es zu den +vornehmsten Aufgaben einer Republik, zu den ohnedies schon reichlich +vorhandenen Bürgerpflichten immer wieder neue hinzuzuerfinden.</p> + +<p>Fast regelmäßig unternahmen die beiden Freunde solche Wege gemeinsam, +Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue. Denn geteiltes +Leid ist halbes Leid, und daß es jedesmal ein Leidensweg war, den sie +antraten, das wußten sie im voraus. Ach ja, zum Henker, ein Dornen- +und Leidensweg war es, ein scheußlicher, eine aufreibende Pilgerfahrt, +treppauf, treppab, mit müden Beinen die nicht enden wollenden öden +Korridore entlang. Ein demütigender Bußgang von Amtsstube zu Amtsstube, +mit stundenlangem Warten und verzweifeltem Reihestehen, gepufft und +gestoßen im Gedränge und fortwährend in der Angst, die Börse oder +die Brieftasche könnte plötzlich verschwunden sein. Angeschnauzt +von ungeduldigen Beamten, hin- und hergenarrt von einer Kanzlei in +die andere, mit Rügen und Drohungen überhäuft, schwitzend, ächzend, +zitternd,<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> der Erschöpfung nahe und dabei unablässig die Hand in +der Tasche: Blechen, blechen, blechen! Stempelvorschreibungen +und fällige Gebühren, Zustellungsspesen und Vorladekosten, +Kommissionsverpflichtungen, Drucksortenersatz, Straftaxen, +Verzugszinsen, Voreinzahlungen und Nachzahlungen, gelegentlich +wohl auch Nachzahlungen auf die schon geleisteten Voreinzahlungen +oder Voreinzahlungen auf die noch zu leistenden Nachzahlungen — +und so weiter, und so fort, im abwechslungsreichen Trott des ewig +unersättlichen und immer wütig schnaubenden Amtsschimmels.</p> + +<p>Herr Anselm Bock war sichtlich mißmutig. Allmählich fing die Sache doch +an, ihm über die Hutschnur zu gehen. In seinen Adern rollte nicht die +Milch der frommen Denkart, die seinen Freund Joachim zu einem sanften +und umgänglichen Gesellschafter machte. Es kochte darin, wenn nicht +gerade »gärend Drachengift«, so doch die Galle, von der ein Drechsler +eine gewisse Dosis in sich haben muß, damit es an der Drehbank nicht +zimper zugehe. Denn wenn nicht die Späne fliegen, leidenschaftlich wie +sprühende Funken in einer Dorfschmiede, so kommt nichts Ordentliches +dabei heraus, und es ist dann auch kein Drechsler, wie er sein soll, +der an der Drehbank steht.</p> + +<p>Daß nun eine solche schon von Haus aus vorhandene<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und allmählich +schier zur Berufskrankheit gesteigerte Anlage zur Vehemenz durch +die obwaltenden Zeitumstände nicht zur Rückbildung gebracht werden +konnte, leuchtet ein. In Herrn Bocks Stiefeln nistete die Karies. +Durch einige Lückerln, die im Oberleder klafften und darum allgemein +sichtbar waren, drang das Wasser dieses triefenden Regentages ungehemmt +ein, und durch die Sohle aus Gründen, die unsichtbar blieben, nicht +minder. Die quatschende Nässe, die infolgedessen bei jedem Schritt zu +spüren war, und das damit in Verbindung stehende quatschende Geräusch, +das die Schritte rhythmisch begleitete, weichte den ohnedies schon +ziemlich zermürbten Rest von Herrn Bocks Widerstandskraft völlig auf +und bewirkte, daß eine stillwachsende Wut in ihm sich ansammelte, die +schließlich einen Höhenpunkt erreichen und einen Ausbruch erzwingen +mußte.</p> + +<p>Und richtig, es dauerte nicht lang, so blieb er plötzlich stehen, +gerade in der Wiedner Hauptstraße, mitten im Gewühl der Menschen. +Äußerlich ließ er sich nicht einmal besonders viel merken; eine um so +gefährlichere Entschlossenheit dagegen kündigte sich in dem Beben an, +mit dem er jetzt die folgenden, vorläufig nur zum Teil verständlichen +Worte hervorstieß: »Ich hab's satt! Was meinst, Ziervogel? Steigen wir +aus!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>Notgedrungen hatte auch der süße Joachim Halt gemacht und beäugte +verdutzt den rabiat gewordenen Gefährten, aus dessen flackerndem +Auge bei aller Beherrschung und scheinbaren Ruhe ein fürchterlicher +Abgrund drohte. Seine ausgemergelte Gestalt, die eingefallenen Wangen, +die pergamentgelbe, sichtlich verärgerte Gesichtsfarbe ließen darauf +schließen, daß die Leber über ihre Verhältnisse lebte, während der +Magen darbte.</p> + +<p>»Aussteigen, Anselm?« wiederholte Ziervogel unsicher und nichts Gutes +ahnend. »Wie meinst du das?«</p> + +<p>Es befand sich zufällig gerade da, wo sie stehengeblieben waren, eine +Haltestelle der Straßenbahn, und auf die Fahrgäste weisend, die einen +soeben anhaltenden Wagen verließen, um rasch im Gewühl der Leute zu +verschwinden, sagte Bock: »Wie ich es meine? Daß ein jeder das Recht +hat auszusteigen, mein' ich, der nicht mehr mitfahren will. Verstehst +du mich, Joachim? Man ist am Ziel, oder wenigstens nicht mehr weit +davon, das ewige Gedränge, das fortwährende Gepufft- und Gestoßenwerden +hat man ohnedies schon dick satt — nicht wahr? Nun, und so steigt man +halt aus. Siehst du, so mein' ich's.«</p> + +<p>Schweigend und in grüblerischer Laune setzten sie ihren Weg fort. +Die Worte des Freundes gingen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Herrn Ziervogel im Kopfe herum. Sie +veranlaßten ihn sogar ein paarmal, Zeige- und Mittelfinger in den +Halsausschnitt zu stecken, um nachzuprüfen, ob er etwa einen zu engen +Hemdkragen umgenommen hätte. Aber jedesmal erinnerte er sich dann: +er trug ja längst keine Stärkwäsche mehr, sonst hätte er sein halbes +Einkommen der Feinputzerei in den Rachen werfen müssen! Er trug doch +immer nur ein und denselben Kautschukkragen, besaß überhaupt nur +diesen einzigen! Und der war, aufrichtig gesagt, recht bequem. Als +Gelegenheitskauf aus zweiter Hand sogar reichlich weit. Oder — um +lieber gleich die ganze Wahrheit zu gestehen: um zwei Nummern weiter +war er, als es nötig gewesen wäre. Sonach schien's ausgeschlossen, daß +das Würgen, das er im Hals spürte, von einem zu engen Hemdkragen sollte +herrühren können.</p> + +<p>Und das Unheimliche an der Sache war für ihn nämlich dieses, daß er +sein und Bocks Geschick für unlösbar miteinander verflochten hielt +und meinte, was jener etwa zu beschließen für angezeigt fände, würde +irgendwie auch für ihn Geltung gewinnen. Denn ihre Freundschaft +wurzelte nicht so sehr in einer inneren Übereinstimmung der +Gemüter, als eben in jener Verknüpfung durch ein Schicksal, das sie +gewissermaßen wie ein Paar Pferde vor den Wagen ähnlicher Erlebnisse +gespannt hatte — denn<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> aus Höflichkeit soll das im Grunde noch besser +passende Gleichnis von zwei Ochsen, die das nämliche Joch zu tragen +haben, lieber unterdrückt werden.</p> + +<p>Beide waren sie, früh verwitwet, mit je einem Kinde zurückgeblieben, +das sie sorgsam betreut und liebevoll großgezogen hatten. Joachim mit +der bereits genannten Rotkehlchengönnerin Anna, Anselm mit einem bisher +noch unerwähnten blonden Ludwig, der gegenwärtig feuereifrigst auf die +Bankprüfung büffelte, nachdem ihn vor wenigen Monaten erst Sibirien +ausgespien hatte, wo als Frucht eines sechsjährigen Nachdenkens die +Erkenntnis in ihm gereift war, daß mit seinem bisherigen Beruf eines +aktiven Offiziers nichts mehr anzufangen sei.</p> + +<p>Aber des Gleichartigen gab es noch viel mehr. Beide hatten sie einst +ihre Geschäftsläden knapp nebeneinander gehabt, Tür an Tür, genau +so, wie sie jetzt wieder Tür an Tür nebeneinander wohnten. Auch +dort waren sie stets gute Nachbarn gewesen, ihre Kinder, solange +sie noch klein waren und die Kinderschuhe nicht ausgetreten hatten, +spielten miteinander in der stillen Andreasgasse, im Winter mit einem +Handschlitten im Schnee, im Sommer mit kleinen Steinkugeln, die sie +an der Hausmauer herab- und übers Pflaster rollen ließen, ein Spiel, +das man »Anmäuerln« nannte, und das unter Umständen zur Wegnahme +und Enteignung des feindlichen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Kügleins führte. Und sogar in ihrem +Beruf gab es eine gewisse Ähnlichkeit insofern, als beide dem Gaumen +ihrer Mitmenschen schmeichelten; allein: wenn Ziervogel ihn mit +Süßigkeiten kitzelte, so wirkte Bock durch das schwerere Geschütz +des Tabaks, obzwar nur mittelbar. Denn aus seiner Werkstatt gingen +die schönen, glatten, englischen Pfeifen hervor, die trotzig-geraden +oder anmutig-geschwungenen, die mit ihren braunpolierten Köpfen +aus gemasertem Rosenwurzelholz und mit ihren sauber gearbeiteten +Mundstücken aus silbergrauem oder marmorschwarzem Horn jeden Raucher +entzückten.</p> + +<p>Die belangreichste Übereinstimmung ihrer Schicksale aber, die sie, +Gott sei's geklagt, zu Leidensgefährten und Unglücksgenossen machte, +war die, daß sie beide die Unvorsichtigkeit begangen hatten, sich +einige Jahre vor Ausbruch des großen Krieges zur Ruhe zu setzen, +weil sie mit den paar hunderttausend Kronen, die ein jeder von ihnen +erwirtschaftet hatte, sich für wohlhabend hielten. Von den Zinsen der +Wertpapiere, die im Bankfach lagen, glaubten sie gemächlich zehren +und die Früchte ihrer Arbeit während eines möglichst langandauernden +sorglosen Alters mit Heiterkeit genießen zu können. Verhängnisvoller +Irrtum! Denn bei Anlage ihrer Ersparnisse waren sie leider nicht +leichtsinnig und wie<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> kühne Glücksritter ins Zeug gegangen, sondern +hatten peinlichste Vorsicht walten lassen und die Auswahl unter den in +Betracht kommenden Anlagewerten nur nach den Grundsätzen strengster +Gediegenheit getroffen. Die Folge davon war, daß sie das Unsicherste, +was es derzeit unter der Sonne gab, nämlich lauter mündelsichere +Papiere besaßen, Staatsschuldverschreibungen und dergleichen, von denen +es großenteils zweifelhaft blieb, ob sie jemals noch einen Zinsschein +einlösen würden. Sofern jedoch diese famosen Gewährleister der Mündel- +und Waisensicherheit ihre Abschnitte überhaupt noch flüssig machten, +erfolgte die Zahlung natürlich auf Grund der einst für hocherwünscht +gehaltenen festen Verzinslichkeit, die durch die Geldentwertung zur +Posse wurde, unter Umständen wohl auch zum Trauerspiel führte. Um das +Erträgnis, das ein auf diese Art angelegtes Vermögen von beispielsweise +hunderttausend Kronen im Jahr abwarf, konnte man sich jetzt gerade +anderthalb Kilo Schweinefett kaufen, oder zweieinhalb Dutzend Eier, +oder ein Viertelpaar Stiefel, oder einen halben Filzhut, oder, wenn man +einmal ein Festessen veranstalten wollte, zwei Drittel eines Feldhasen, +wobei man allerdings mit dem beim Trödler verwerteten Fell fast das +Viertel der zwei Drittel wieder hereinbrachte.</p> + +<p>Ein bares Nichts war also der durch Jahre mühsam<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> erarbeitete Wohlstand +über Nacht geworden. Und schier zu einem Nichts verschrumpft sah auch +der von Haus aus schmächtige und untermittelgroße Drechslermeister +aus, wie er nun mit gesenktem Haupt, triefend von Nässe — denn einen +Regenschirm besaß er längst nicht mehr — neben dem breiteren und +noch immer dicklichen Ziervogel die Straßen entlang trabte. Gegen +den strömenden Regen war dieser etwas besser geschützt, hielt er +doch (ein Vermächtnis üppigerer Tage) an einem hölzernen Stock ein +Drahtgestell über sich ausgespannt, auf dem noch die Reste eines +halbseidenen Überzuges flatterten. Und so beobachtete er aus seiner +verhältnismäßigen Geborgenheit hervor mißtrauisch und besorgt den +bockig verstummten Bock, der sich heute in den Kopf gesetzt zu haben +schien, dem Freunde Rätsel aufzugeben. Mit schwerem und bangem +Herzen verfolgte er jede seiner Bewegungen, spähte er nach jeder +seiner Mienen, um zu erraten, was in ihm vorgehe. Denn das dunkle, +beziehungsreich betonte und darum etwas unbehagliche Wort, wer nicht +mehr mitfahren wolle, dem stünde es frei, auszusteigen, beunruhigte ihn +unausgesetzt. Er verstand es nicht, nein, ganz und gar verstand er es +nicht, wollte es nicht verstehen, sträubte sich mit Händen und Füßen +dagegen, es zu verstehen ...</p> + +<p>Auf dem <em class="gesperrt">Hinweg</em> ins Amtsgebäude nämlich. Und<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> auf diesem ganzen +langen Hinweg vermied er es mit Geschick, den verstummten Anselm noch +einmal durch eine Frage zu reizen und zum Reden zu veranlassen, um ihm +nur ja keine Gelegenheit zu bieten, sich deutlicher auszusprechen. Das +war um acht oder neun Uhr am Morgen. Ganz anders vier oder fünf Stunden +später, als sie das Amtshaus wieder verließen und im Begriffe standen, +den Heimweg anzutreten.</p> + +<p>So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu +beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen, +das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu +erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte +ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre +nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte +umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den +sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der +polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo +die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene +Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung +nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie +ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um +Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> gestempelt hatten; 7. die +vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen +vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei +Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung +mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten +gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche +Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt +zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt +worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe +abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war, +sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.</p> + +<p>Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie +auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich, +sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen, +und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder +Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.</p> + +<p>Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel +in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten +Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit +(leidender Form) wieder auf die Straße<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> heraustraten. Ein lebendiger, +riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei +dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln +und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu +werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines +Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und +Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das +ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt +war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten +an den Wänden — so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht +zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem +Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen +mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern! +Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen +und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte. +Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes +entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm +hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das +ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde, +dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Haltestelle +sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen +Strom der gleitenden Erscheinungen ...</p> + +<p>Aber plötzlich — Wunder über Wunder! — was schwebte seinen +abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen +da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es — eine Luftspiegelung hatte +es ihm vorgegaukelt — ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen +braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft +leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres. +Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten! +Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch, +wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das +sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu +verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar? +Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler +nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen +hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste +Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu, +alles Überflüssige blieb verpönt!</p> + +<p>Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach +irgend einer kleinen Ausschweifung<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> brachte ihm unversehens das Lied +ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen +helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und +— hol's der Geier! — einmal wollte er sich noch des Lebens freuen, +eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum +Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und +einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn +er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen — +einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur +dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben, +ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal +bloß, ein einziges Mal noch im Leben!</p> + +<p>»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum +Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause —«</p> + +<p>Er zog die Uhr, wollte sie ziehen — und griff ins Leere! +Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein +... er knöpfte den Überrock auf — um Gottes, Christi, Himmels willen!</p> + +<p>»Bock —! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ... +Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr —!«</p> + +<p>Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> goldene Uhr! +Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch! +Die wertvolle goldene Kette auch!</p> + +<p>Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf +Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude, +meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm; +wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.</p> + +<p>»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend +hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No +also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht +erwischen!«</p> + +<p>Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der +Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an. +Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab +und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen +Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet, +daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu +benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle +beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das +langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.</p> + +<p>»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte +Bock verdrossen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> + +<p>Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich +schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und +hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war, +ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen +Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige +und — im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers — etwas gewalttätige +Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...</p> + +<p>Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde +jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich +auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am +Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der +Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur +Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige +Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich +mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur +Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen +Überredung zurückwich.</p> + +<p>Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen +fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit +im Höllenpfuhl<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften +Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan, +an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten +wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich +die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen +damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die +vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel +und Bedenken so ziemlich überwunden.</p> + +<p>Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen +Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten +die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem +feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der +geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil +brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch +aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden +trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden +Behausung zu erkennen gab.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut' +besorgen kannst, auf morgen;<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> während sein Freund im Gegenteil dem +Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich +für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister +nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst +einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann +nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade +übereilt zu werden brauche.</p> + +<p>Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art +Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten +wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um +Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat +tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke, +in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und +man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen +Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen +jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß +der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für +zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde +nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen +selbstverständlich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der +wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild +und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern +hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines +Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch +dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem +Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig +an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie. +Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich +schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen +hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige +Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar +auf dem Fußboden überraschenderweise — denn wie lange schon war kein +Strahl Sonne zu sehen gewesen! — urplötzlich eine grelle Lichttafel +ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu +halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise +ertönen — das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie <em class="gesperrt">jubelnd</em> +ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich +herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten. +Vergeblich! Es schwebte trotzdem<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> jener gewisse Hauch von Schwermut +darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen +ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich +nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.</p> + +<p>Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht +recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine +ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch +noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das +halbunterdrückte Lachen — sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt +und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es +war, urkomisch vor —; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch +um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie +das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll. +Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur +Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus +dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins +Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den +Schnabel stopfte.</p> + +<p>Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich, +einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit +kläglicher Stimme:<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die +entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«</p> + +<p>»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,« +sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und +widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben +hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen +anfing, die Hände auf dem Rücken.</p> + +<p>»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich +überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«</p> + +<p>»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen. +»Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich +ebensogut dabei.«</p> + +<p>»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz +wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen +Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«</p> + +<p>Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene +Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach +sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn +bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich +brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> daß der +Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er +selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den +hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er +nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte +sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer +miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um +die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater, +wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling +seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne +vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«</p> + +<p>Erschrocken hielt sie inne.</p> + +<p>»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen +Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's +besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? — +gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie +fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden +noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die +Sonne« — er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß, +auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> ebenso +plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton +frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist +sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«</p> + +<p>Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles +bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu +entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein +Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete? +Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber +nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten +Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen +Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der +Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand +zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.</p> + +<p>Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das +Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden, +und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien +zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung +gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine +Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das +unwillkürliche Bedürfnis fühlt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p> + +<p>»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«</p> + +<p>»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne +Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich +dich.«</p> + +<p>»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der +Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen +Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte. +Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich +mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal +mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte +er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine +Schuld einfordern kommt!«</p> + +<p>Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch +niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der +Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch +einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem +Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und +schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende +Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters +entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht +antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob,<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> die Jugend komme +unglaublich rasch über so etwas hinweg.</p> + +<p>Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das +Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts +Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man +Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es +auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu +nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber +die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht, +weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie +ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum +bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich +rechtzeitig zu empfehlen.</p> + +<p>»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er, +»daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch +länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«</p> + +<p>»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel, +schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.</p> + +<p>»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht +lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein +Ludwig<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien +versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und +plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum — glaubst du, das +störe seine Laune? Ich — obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich +bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk', +wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft +—! Und er —? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so +wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht +ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran — kannst du das für möglich +halten? — Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«</p> + +<p>Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen — die +Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts +von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte +die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde +doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.</p> + +<p>»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,« +sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.</p> + +<p>»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm +entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so +wird<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten — wie? Ein +Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ... +Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses +miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die +Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,« +wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«</p> + +<p>»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der +andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.</p> + +<p>»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die +beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht +einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare +Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals +her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder +waren.«</p> + +<p>»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines +Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«</p> + +<p>»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel +trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal +Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> +rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz +widerrechtlich ...«</p> + +<p>»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der +Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher +ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen +Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«</p> + +<p>»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen +Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt! +Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht. +Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann +konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war +es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«</p> + +<p>»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen +verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die +vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,« +loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich +... mit dem ...«</p> + +<p>Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren +Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt +sich ja gleich.<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts +voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern +soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen, +daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse +umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und +da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die +Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt +nie ... Das heißt —« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles +nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit +er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht +mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«</p> + +<p>»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu +vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her, +sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«</p> + +<p>»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,« +bockte Bock dagegen.</p> + +<p>Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und +Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu +lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder +Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar +so nachtragend sei<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem +Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle +recht bedauerlich.</p> + +<p>Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich +das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum +Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm +durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in +einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne, +die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden. +Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei, +erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.</p> + +<p>»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja +keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder +sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende +Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu +Großvätern machen könnten!«</p> + +<p>Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er +hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem +könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht +würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an. +Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte,<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> +lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter +den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für +solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich, +indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand, +allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die +Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier +übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes +Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die +Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes +Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.</p> + +<p>Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand +ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft, +die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein +nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er +meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich +nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst +noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater +Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß +sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft, +wenn die alten<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um +in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten +des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans +Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus +denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen +hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen +darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos +vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war +er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu +schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu +verschließen.</p> + +<p>Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als +zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen, +wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das +Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war +und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen +Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich +in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch +die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem +Hochquell gefüllt hatte. Der<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und +schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete, +schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben +zu verwechseln — mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei +drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust +schwenkend.</p> + +<p>Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte, +handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges +Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab +sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig +alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich +nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges +Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen +Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit +so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber +genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu, +und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden, +wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«</p> + +<p>Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor +die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene +Verlobung<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest +die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag +gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im +ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht +ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis +genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn +gehört hätten, die der treue Kamerad — ein Großindustrieller, der die +Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt — nach erfolgreich abgelegter +Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde +die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und +künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen +mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen +und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht +auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des +Familienglückes.</p> + +<p>Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber +bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise +lag — was noch niemals vorgekommen — auf eines jeden Tisch ein +Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht +zum Essen, habe auswärts zu tun!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<p>Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater +während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche +Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber +so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die +Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit +des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie +sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter +und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu +finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen +Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht +gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem +Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.</p> + +<p>»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie +vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen +kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit +wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu +echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das +große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und +ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein +könntest du auch<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn- +und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen +Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich +leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß +der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns +den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll +mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe +nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften +kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei +gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen +unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll +man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch, +lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn +ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen +Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier, +eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch +noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles +andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären +wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar +soll sich einmal ausgiebig gütlich tun,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> schon aus dem hinterlistigen +Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen. +Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man +dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am +besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und +einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen +Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er +vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu' +pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg, +damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle +deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung +benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's +stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres +nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder, +bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich, +heimgekehrt sein.«</p> + +<p>Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig +nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne +hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich +die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich +sein zu dürfen;<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung +scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur +Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der +Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte +sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie +hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten +Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne +seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine +halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken. +Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt +und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte, +wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er +sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande. +Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß +dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an +seine hehre Aufgabe hingibt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie +rascher damit zustande kam,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> als sie gedacht hätte. Da sie an diesem +Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht +Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen +zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung +stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner +goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde +wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend, +daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem +Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus +länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener +Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen +Gugelhupf zu backen.</p> + +<p>Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben +war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der +gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich +der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit +zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage +gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war, +Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze +Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den +Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> hatte sie +sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu +schreiten.</p> + +<p>Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand, +den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken +Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in +Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn +besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie +es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den +Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in +den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht +gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller +Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem +Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald +und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie, +unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will +ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«</p> + +<p>Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß +eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte, +so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie +vorbrachte. Wohin sie<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er +sich.</p> + +<p>»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins +Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein +Gitter, immer ein Käfig ...«</p> + +<p>»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit +einem Blick in die Ferne.</p> + +<p>Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt, +seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte, +dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon, +daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte, +die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß +jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst +und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit +sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher +Verklärung leuchtete.</p> + +<p>»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh +werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der +höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf +den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!«<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> +bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«</p> + +<p>»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna +behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«</p> + +<p>»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix. +»Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«</p> + +<p>Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals +von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben. +Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in +seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden +haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach +Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte +in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft +ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein +Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es +blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder +Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache +sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.</p> + +<p>So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des +armen kranken Knaben nachzugeben<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und ihm zu versprechen, daß sie ihr +Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen +würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig +in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah +ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet +werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie +mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden +Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.</p> + +<p>Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich +der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem +anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in +der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...</p> + +<p>In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der +Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher +Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten +grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch +bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung +sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel +wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern +entstieg dem gewaltig hinziehenden<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Strome, der hier wohl an die +vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll, +von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich +halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im +Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht +herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem +goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große +Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am +liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort +von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine +Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger +Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh +verwandelte Jo.</p> + +<p>»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto +schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl +ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu — in einer +halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf +drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also +aufgepaßt! Eins ... zwei ...«</p> + +<p>»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst +dir die Sache einfacher vor,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der +Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das +Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund, +am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue +Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die +Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei +bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl +so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht +zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin +hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch +allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei +Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll +gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht +ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was +anderes ausdenken.«</p> + +<p>»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob +du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen +Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst. +Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen? +Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein +Ende<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde +hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter +hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo +statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst +zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt, +noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie +einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte — ich habe +nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen. +Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter +an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem +Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es +bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß +einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im +entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene +Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und +mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich +über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und +kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle +des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir +gefällt, und was du nicht lassen kannst!«</p> + +<p>Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde. +Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> das +Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren +eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß +sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des +Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte +Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht +nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens +vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt +dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst, +von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage +der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher +Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die +süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker +trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten +schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und +ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres +Jenseits auftun?</p> + +<p>Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel, +blankgescheuert von der langen<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Regenzeit, auf die frischbegrünten +Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom +rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag! +Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des +unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen +trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über +dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und +Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in +den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu +begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses +Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit +loszureißen, trotz alledem und alledem!</p> + +<p>Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis +dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem +Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In +einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte, +hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine +Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte +sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber +der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum +kräftig zu betonen liebten.<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> So kam's, daß er auf negerfarbige +Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten +mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität) +unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in +weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt +ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen +Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen +wie jene vielbesungene Wacht am Rhein.</p> + +<p>Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und +nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden +durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein +wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch.</p> + +<p>»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im +Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die +Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich +ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die +Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke +hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich +bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der +Schwimmschule keinen schöneren verübte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und +Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute +Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch +behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem +solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich +erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er +stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen, +wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst +ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so +wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe sehnte.</p> + +<p>Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung +nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer +Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen +Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte +jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches +Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde, +und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel +ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich +ins Leben zurückködern ließe,<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß +am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er +zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes +durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es +auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert, +und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das +hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden +Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein +Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die +Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs +an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so +erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der +höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war.</p> + +<p>Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock, +und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder +Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem +Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's +in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe +ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch +mein süßes Zuckerkindchen,<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> meinen teuren Liebling, meinen Augapfel, +mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben +versorgt.«</p> + +<p>Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die +Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der +Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen +mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft +inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch +die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig +und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der +süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich +war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf +unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen +der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche +Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch +empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen.</p> + +<p>Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas +Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur +Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem +stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte, +nichts weiter<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe, +allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine +Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich +und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem +zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele +die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und +der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem +Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften +aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits +aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich sei.</p> + +<p>»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß, +der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt +nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der +Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es +mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann +um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute +versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und +auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz +gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade +ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in +den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die +Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in +solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von +Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst +von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein, +hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch +zuzuziehen.</p> + +<p>Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des +Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße +her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf, +böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter, +die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos +Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht +groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust +ballte.</p> + +<p>»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne +beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn +das Brot teurer wird!«</p> + +<p>Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht,<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> hatte es aber mit +der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen +zogen tatendurstig an ihnen vorüber!</p> + +<p>»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die +Laterne!«</p> + +<p>Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen +aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die +bittere Leber.</p> + +<p>»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit +sein?«</p> + +<p>Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust +wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden +Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es, +die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß +sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem +besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler +untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich +in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine +grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne +träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während +außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte.</p> + +<p>Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> beharrlich weiter +grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und +frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich, +beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten. +Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich +aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen +soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche +durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders +war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen« +war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte, +es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in +diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und +erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen +entgegen.</p> + +<p>Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit, +daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für +verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand +Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie +ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und +gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein +Pfeil davonsausen. Statt<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> dessen flatterte das armselige Vögelchen +ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es +nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen +Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem +Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich +haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon, +wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und +eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich +gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der +gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man +ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich, +er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit.</p> + +<p>»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir +ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt +findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück +und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln +hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.«</p> + +<p>Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man +entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem +Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> und versuchte +nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber +er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und +bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her, +immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen +konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der +blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts +und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch +eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen +Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde +gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete, +diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und, +plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um +sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen. +Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit +Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war +für Ziervogel das Werk eines Augenblicks.</p> + +<p>Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus +dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann, +der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie +wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Anlagen strafbar +seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen +Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten +aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? — Und Sie? +— Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock — eine saubere Firma! +Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib' +ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden +Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe +davonkommen!«</p> + +<p>Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder +im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit +bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem +wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg +stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen +geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen +hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht +übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite +war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an, +wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem +süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne +Ziervogelsche Familienangelegenheit und<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> ärgerte sich im stillen +gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer +empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe, +und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel +seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den +Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig +diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht +haben.</p> + +<p>Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im +Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe +hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären +wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und +damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen, +fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als +Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten. +Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und +staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit +Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein +feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die +ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu +harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in +Feiertagskleidern<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden +Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich +als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen +Segen erbittend.</p> + +<p>Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und +bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich +vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte +(bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner +Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen, +was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig +den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt +lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche +parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung, +während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten +Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock +unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür +eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte.</p> + +<p>Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit +heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber, +lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> +nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen +aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen +Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich +verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters +jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich +sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe, +vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach. +Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun +auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine +Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die +dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser +als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen. +Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß +die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen +könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll +des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb, +liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in +Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird +bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen, +euer Alter freundlicher<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> zu gestalten, als es in den letzten Jahren +gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft +nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden +Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch +denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen +unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und +unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer +neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit +und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.«</p> + +<p>Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren +auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab +man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm +noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees +ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm +den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend +den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber +hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden +ist?«</p> + +<p>»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie +warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir +uns,<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel +verdienen können?«</p> + +<p>Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb +bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und +kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist +tatsächlich nicht unterzukriegen!«</p> + +<p>Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein +getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf +einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus.</p> + +<p>Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die +doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet +begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung +solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf +Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die +alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht +begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im +Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß +ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee +geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden.</p> + +<p>»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> du,« wendete Anna, nun +ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht +die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was +ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig, +befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene +Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das +du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies +bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist +mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein, +weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind. +Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht +entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von +der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,« +schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte +und für immer verschollene Marmorkugerl!«</p> + +<p>»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> Hand küssend, griff in die +Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor +vor sie auf das Tischtuch.</p> + +<p>»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies +teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt +als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt +in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine +Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in +den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.«</p> + +<p>Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern +hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß +niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am +wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine +Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan.</p> + +<p>Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel +empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt +durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als +Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis +fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas +schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> plötzlich +ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht +zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder +gesichert in seinem Käfig zu sitzen.</p> + +<p>»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein +lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit +wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?«</p> + +<p>»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde +verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht +geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz +offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!«</p> + +<p>»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!« +bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben. +»Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu +gestehn« — er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und +flüsterte ihm ins Ohr: »<em class="gesperrt">Ich auch nicht!</em>« Und ebenfalls in +unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und +du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> reif für die Freiheit! +Ha, ha, ha ...!«</p> + +<p>»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die +Freiheit!« gröhlte Ziervogel.</p> + +<p>»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen +fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde +ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!«</p> + +<p>Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten +begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen +glüht ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten, +war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der +Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im +Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß +das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben +würde.</p> + +<p>In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den +Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat, +als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke +Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und +stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es +fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen +von sich gab — schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie +sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder +los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten.</p> + +<p>Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke, +stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der +Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> erinnerte +sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge +sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu +schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht +sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ...</p> + +<p>Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten +und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das +bedeutet: der Glückliche ...«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="Die_Sphinx">Die Sphinx</h2> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-e" src="images/drop-e.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»E</span>s war noch +in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal, +wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem +hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt, +mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine +Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr +heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt +mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte +und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir +gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen. +Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl +pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich +mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die +ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen, +und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren +Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu +einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.</p> + +<p>Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte, +befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen, +aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> +ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als +zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von +guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch, +vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die +Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß, +daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz +unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit +ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem +sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine, +im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch +entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes +fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden +Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten +Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter +Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen +Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz +zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der +Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich +sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten +Frau hätte sein können.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<p>Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht +eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht, +je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter +gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals +sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um +nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet +sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich +ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine +Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille, +verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man +hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem +mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam +weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso, +als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr, +zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm +her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder +benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich +nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie +ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit +seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Äußerlich +zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender +Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich +vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt +hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum +Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien +sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern +wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an, +als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf +dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens, +stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut +miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen +Blick miteinander getauscht hätten.</p> + +<p>Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen +Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf +mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte +eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und +stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche +gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen, +meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> +plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja +immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus, +wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil +nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir +wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich +die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu +betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender +Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja +ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer +liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.</p> + +<p>Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich +stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein +angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte, +erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der +Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die +völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche +Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte +er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar +wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt +war, und zum Widerspruch gereizt<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> die Seite der Gegenpartei ergriff, +indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher +Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen +meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte, +als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und +unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall, +den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der +hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich +allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch +Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm, +in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu, +die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in +einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine +bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen +Tag bei ihm ausharren würde.</p> + +<p>Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem +ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung. +Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen, +so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das +unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> mir, daß ihre +vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der +alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens +zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm +während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir +auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von +einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite +eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr +hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang +andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin, +unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit, +ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen +von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden. +Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen +Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine +ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich +phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen: +gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam +auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige +Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich +fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> mitleidige Teilnahme eher +dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen +hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung +richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem +Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen +Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.</p> + +<p>Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener +stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde +an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt +die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen +sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so +dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt. +Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um +so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem +wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben +die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen, +und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu +glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen +Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein +bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> nicht umhin +konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und +ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges +mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung +verlassen hatte.</p> + +<p>Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich, +zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten +Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt +begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem +Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die +Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien +die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als +hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914 +uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General +sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals +ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm +zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei +kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen +Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am +Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen +bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden. +Es<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst +gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten +ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in +den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos +gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich +drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht +anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still +und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines +Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte +sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus +dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife +zu schürzen sich bemühte.</p> + +<p>Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei +diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und +gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen, +die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst +Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen. +Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen +von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden +abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> sich selbst +und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde +dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der +Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen +verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen +abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und +die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser +mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen +einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals +berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich +mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen, +daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben +wollte.</p> + +<p>Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die +Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten +Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab +es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn +sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen, +im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl +vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit, +von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> zu einer +unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher, +rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten +hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor, +auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener +Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit +eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste +Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand. +Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich +im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich +wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig +erduldeten Dienstbarkeit — es war doch einer jener großen, suchenden, +von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele +aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die +überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn +ich mich nicht gänzlich täuschte.</p> + +<p>Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich +naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche +Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte +mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb +es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig +aufleuchtenden Erkenntnisse<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> durch das Fehlen einer ausreichenden +Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte +ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie +die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln, +er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich +weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff, +je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.</p> + +<p>Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen +angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam, +in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre +grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte +es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer +Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat, +sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche +Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen +beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme +der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig, +einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und +seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung +zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> jener Versammlung noch ganz +besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund +aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen +roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen +Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch +gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des +glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns +gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo +wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten +und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr +voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.</p> + +<p>Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach +der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt +hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der +unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein +Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben +haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf +dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum, +oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten +Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen +gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er +unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber +auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine +vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich +in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus +der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im +Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen, +hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten +Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch +wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den +Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend +fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend +ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft, +die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen +der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit +einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft +zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und +wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein +lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.</p> + +<p>Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen +Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> unterschied, kam +auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht +versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm +als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit +führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede +Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es +dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum +verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants +aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht +des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie +gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen +die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum +der Evangelien« — dies war der Ausdruck, den er gebrauchte — +hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur +der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche +er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt +antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir +lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre +Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde +wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> +von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt +gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen +Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer +schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener +Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit, +wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren +oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So +fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und +schöneren Zukunft.</p> + +<p>Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu +zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen, +der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die +vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer +Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt +gelten mochte.</p> + +<p>Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale +Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster, +die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als +mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die +die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung +dort hängen.<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne +Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen, +erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners +lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da, +kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte +ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen +wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein +Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen +teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah, +wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit +begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete, +ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten, +wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches +Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der +verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt wurde.</p> + +<p>Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf +einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was +Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. +Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich +regenden Gefühl<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme +für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere +Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, +was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen +Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der +Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein +mochten — wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die +entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen +und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß +auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes +Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn +sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen +und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit +bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung +gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der +muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen +ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze, +wo das Menschenmögliche endet — tausendfach und eindringlicher als +je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit +denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> den Einzelwillen +im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen, +um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich, +in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger +einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen +Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden, +als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung, +Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten +miteinander gewetteifert — so lange in all solch frommem Abbruchtun +und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis +diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages +durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten +Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra +geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und +Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt +antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt, +läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der +Weltlust verschlungen zu werden.</p> + +<p>Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der +Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald +kein Zweifel<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in +das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu +begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu +meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor, +wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht +eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen +Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie +durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt, +bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen +überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem +er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine +Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser +Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von +heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten +Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin +und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in +der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte +und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung +wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem +leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> Äußerlichkeiten +berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal +hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles, +was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein +Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer +Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach, +das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen +Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen +mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es +setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum — denn das +Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich +nicht in Begriffe fassen — allmählich die Überzeugung in mir fest, daß +sie seine Geliebte sei.</p> + +<p>Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen +mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende +Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig +und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer +aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns +eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend +ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach +des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> seine +»Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug +in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht +nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so +daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen +Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften +und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar +frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer +konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen +Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich +selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf +seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.</p> + +<p>Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der +Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam +verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf. +Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht +auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.</p> + +<p>Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum, +daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die +erfolgte Aberkennung<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich +übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick; +etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt +und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir, +so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen +einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind +oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge +enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer +erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns +gezwungen sehen, anzuklagen.</p> + +<p>Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen, +irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders +auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie +trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei +einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines +Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten +General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette, +die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines +Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem, +goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> +Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei +mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte. +Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei +dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick, +den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem +Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der +kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein +gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort +wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette +baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der +Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.</p> + +<p>Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte +bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es +nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand +von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten. +Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den +hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte, +ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um +es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> verehren. Und +schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte +dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein +auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher +Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht +etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer +moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen +Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten +Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß — +was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab +für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich +wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie +abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.</p> + +<p>Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen, +verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu +erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten +Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte +er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig — so was füttern +wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen +könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da +antwortete er mir<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«</p> + +<p>»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine +Forderungen gründest?«</p> + +<p>»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«</p> + +<p>Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte +mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in +letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.</p> + +<p>»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.</p> + +<p>»Bedauernswert!«</p> + +<p>»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«</p> + +<p>In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt. +»Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen +lassen.«</p> + +<p>Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte: +»Was bringst du mir?«</p> + +<p>»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie +vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das +heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt +ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es +brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> + +<p>Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;"><span class="antiqua">We quench our longing, that we may be still,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Content with merely living,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">But would we learn our hearts full scope,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Our lives must climb from hope to hope</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">And realize our longing.</span></span><br> +</p> + +<p>»Das <span class="antiqua">would</span> macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda +nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche +Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn +doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das +Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre +wahre Natur sich frei entfalten.«</p> + +<p>»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes +dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur +allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der +Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher +herausarbeiten.«</p> + +<p>»Hast du eine Übersetzung versucht?«</p> + +<p>»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen +ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an +mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so +sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in +den Fehler verfallen,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen, +als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden +Sie selbst.«</p> + +<p>Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte.</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.</span><br> +</p> + +<p>»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung +und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir +ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. — Nun wollen wir aber +auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens +fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«</p> + +<p>Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen +wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als +beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig +genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir +den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> +Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und +auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann +der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß +ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon +ungehalten sein.«</p> + +<p>Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein +menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die +Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er +heftig.</p> + +<p>»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer +Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen +wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.</p> + +<p>»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze +Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch +— was sinkt, soll man stoßen!«</p> + +<p>Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im +Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden +würde.</p> + +<p>Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber +inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art +kindischem<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst +fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt +er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr +leisten!«</p> + +<p>Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer +bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon +die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen +Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht +gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter, +die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen +schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...</p> + +<p>Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort +nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und +sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen +geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt +antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse +unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit +dem Elend, gehört es — wenigstens für hochstehende Menschen — nicht +auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich +unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> +vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit, +der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir +als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man +bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie +etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als +Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht +eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle +von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und +den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher +die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre +Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci, +der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen — ist +der etwa ein empfindsamer Schwächling?«</p> + +<p>»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda +trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«</p> + +<p>Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte +auf alle Fälle meinen Eifer.</p> + +<p>Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren +Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind +unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen.<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Lassen wir sie +fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen, +zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart +und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte +und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«</p> + +<p>»So gibt es doch noch eine Pflicht?«</p> + +<p>»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten +Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns +bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«</p> + +<p>»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in +Widerstreit gerät?«</p> + +<p>»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und +sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch +nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«</p> + +<p>Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem +Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der +unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen +Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem +Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen +Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den +Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in +denen<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde, +immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue +Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des +himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.</p> + +<p>Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an +das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu +durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin +unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch +unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als +sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes +Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch +weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel +nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich +wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt +vielleicht — die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir +und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«</p> + +<p>»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen! +Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur +einmal in Amerika an!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.</p> + +<p>»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern +nichts davon wissen wollen.«</p> + +<p>»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit +einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber +war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst, +die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden +Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene +Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft +in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war +tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um +mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da +kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach +der Tag der Befreiung an.«</p> + +<p>Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich +über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend +zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ... +Nur freilich — ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das +Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel +in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet +hätte auf<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und +als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«</p> + +<p>»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und +Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und +gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«</p> + +<p>»Welches Rätsel?«</p> + +<p>»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch. +Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich +erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und +stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und +dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß +jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«</p> + +<p>Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben +erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr +auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual +ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich +nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es +nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre +eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie, +»daß<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare +innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«</p> + +<p>Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung +über alles!</p> + +<p>»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß +ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken +etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend +sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von +Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so +empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig +werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht +mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies +dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind +das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für +einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob, +entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden +vielleicht ein und dasselbe?«</p> + +<p>Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft +atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch +die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> in seine +Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte +ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte +die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von +der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen +Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz +erloschen ...</p> + +<p>Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches +Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die +Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da +unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der +Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze +grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier +starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu +raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht +wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der +Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke +— und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln. +Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine +finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<p>Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer +Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir +wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an +einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben +schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in +dem sie wohnte.</p> + +<p>Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen +Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon +hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses +Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt, +noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des +Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe +von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an +ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen. +Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr +zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt +durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen +und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle +Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon +und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> der Schritte nach +und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich +wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster +weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für +Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben. +Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen +Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die +leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill +... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.</p> + +<p>Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben +war.</p> + +<p>Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen — aus +Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord +sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle +Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden +gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen +öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen +Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit +um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit +vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde +Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Angaben, die die Blätter +über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über +achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger +Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues +Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe +selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen +Ton gehalten — nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe +bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber, +daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz +verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten +und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte +in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen +Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach +dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig +geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen +Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden +weilte.</p> + +<p>Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere +Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß +es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen +wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> und manchmal sind die +Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je +vorausgesehen hätten.</p> + +<p>Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite +uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon +auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«</p> + +<p>Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst +wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit +entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von +der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie +möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf +diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus, +schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg +uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen +Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in +die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren. +Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte, +schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht +aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste +aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll +man stoßen.« Wie gern hätte ich<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> der Baronin ins Auge geblickt, um +davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein +einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können. +Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich +durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.</p> + +<p>Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine +Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.</p> + +<p>»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend. +»Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«</p> + +<p>Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter +Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte +uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.</p> + +<p>Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie +wiedersehen ...</p> + +<p>Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner +offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer +hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß +Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits +Ende März eine Verschmelzung<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> der sozialdemokratischen Partei mit +der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar +des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der +Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde. +Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck +zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den +neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte +der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte +schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die +Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die +Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns +Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«, +wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder +einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die +Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund +es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte +Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene +Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne +der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine +gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Grunde vermutete ich +in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim +gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger +Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort +»Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und +ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.</p> + +<p>Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der +Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den +zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner +in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen +volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete +und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate +bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen +Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen +schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische +Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler +Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von +Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch +einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen +hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen, +soweit sie<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden +waren.</p> + +<p>Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder +vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe, +blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich +damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch +meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß +meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten, +wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt +wären.</p> + +<p>So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten +Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in +einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine +telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser +Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen +Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine +»Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals, +wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen +Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.</p> + +<p>Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft, +die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen +kostete. Ich<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich, +nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von +einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend +gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich +mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon +nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte +eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ. +Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal +wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich +irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig +sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum +auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name +Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas. +Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir +vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle +übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten, +samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine +Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt +durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht +wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> geladen und +sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.</p> + +<p>Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine +überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an +den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt +zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in +einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das +Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen +und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen +Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich +durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte +an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten +Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen +hätte, Nachricht geben könne.</p> + +<p>Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die +richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der, +wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen +Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal +der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald +nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> »gefährlichen +Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und +seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine +Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf +die er mich aufmerksam mache — das mir wohlbekannte Telegramm war im +Ausschnitt angeschlossen — sich auf das verschollene Paar beziehe.</p> + +<p>So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht +anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend +wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus +dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von +einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom +Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig +werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch +»Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor +denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß +wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar +von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen +lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf, +die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt +auch einen Punkt, wo Nachsicht<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> und milde Beurteilung ein Ende haben +müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends +überschritten worden sei.</p> + +<p>Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen +Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere +Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte, +das er als Seelenforscher an der Sache nahm.</p> + +<p>Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den +politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der +Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit +sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers +und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch +rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr +ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele +unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen, +durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen +Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied +zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen +müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit +oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber, +wenn sie in Karl Schuda vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> etwas wie einen Erlöser und in +seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit +erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm +den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als +durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals +von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser +zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern +ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens +nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder +ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte +gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit +gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für +vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach +verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens +einigermaßen zu revolutionieren.</p> + +<p>An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in +jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar +Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger +Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde +Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche +Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> in die Wege +geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder +aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es +wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder +harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg, +an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von +diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte +um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit +selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders +über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste +der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort +noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen, +meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen, +etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine +Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen +identisch seien.</p> + +<p>Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen +Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen +revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und +seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und +Unbekannten zählten. Da aber<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> selbst mein Gewährsmann, dem nähere +Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder +Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so +erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser +Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen +war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden +Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie +mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit +findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet +hat.</p> + +<p>Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen +will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen, +und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen, +vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie +durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor, +daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt +zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem +Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort +sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb +gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten +hatten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte +auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre +nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die +persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte, +unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin +geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir +aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht +der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein +das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung +beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.</p> + +<p>Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der +opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren +Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der +durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den +die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler +Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen, +hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich +dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet, +gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst +allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> von gegen zwanzig +Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des +allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage +gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden. +Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift +in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger +gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene +Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat, +meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich +keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der +strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem +verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die +Bergwanderung bildete.</p> + +<p>In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof +erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden +und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein +prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes +von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein +ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei +Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte +Bergstufe<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die +rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß +wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später +beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.</p> + +<p>Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg +zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit +des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte +aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen +zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu +bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden, +um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst, +indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend +unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die +Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo +eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich +sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.</p> + +<p>Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich +aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren +Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> ich +noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien, +mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend, +die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine +Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt +die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu +sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir +wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte +unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte +der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem +mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.</p> + +<p>Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich +sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich +aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im +Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend +ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich +darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe +zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre +Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.</p> + +<p>Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu +ihr nieder, da mir ihre<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> mehr gehauchten als gesprochenen Worte +unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn +nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...</p> + +<p>Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war +eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte +der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von +Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken Gemme.</p> + +<p>Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt +haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert — nicht +wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren, +eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie +bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage +... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«</p> + +<p>Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen +nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp +hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager +Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch +zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen, +knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> +Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren +Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien. +Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften +Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser +weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über +ihr Antlitz beugend.</p> + +<p>Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre +Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise +sprechen. Ich höre Sie.«</p> + +<p>»Ja — was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er +kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist +eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie +ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur +um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß. +»Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles +sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie +bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«</p> + +<p>In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt +in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge +blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> ich +fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres +darüber wußte, <em class="gesperrt">was</em> man unserem Freunde eigentlich zur Last +lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht +hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten +Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken +und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals +trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher +Erleichterung reichlicher flossen.</p> + +<p>Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen +festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.</p> + +<p>»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen, +»was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ... +hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn +glauben ... Er schätzte Sie sehr.«</p> + +<p>Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht +fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich +empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere +Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft, +die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> der +Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.</p> + +<p>Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie +mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte, +überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick, +daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar +nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste +meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen +zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«</p> + +<p>Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor +mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen +sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen, +Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung — +vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr +darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert +verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der +Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den +Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich +an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir, +als hätte er mir einen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der +Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit +ein, mich zusammenzunehmen.</p> + +<p>»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie +dem Leben erhalten zu wissen.«</p> + +<p>»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir +leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in +der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren +Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ... +Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei +... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir +nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«</p> + +<p>Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich +ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer +gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die +Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen +gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den +visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam +sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß +es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Tochter +... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er +kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ... +das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«</p> + +<p>Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft +hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden, +sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach, +loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld +wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein +Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor +einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr +Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen +konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr +Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer — ich sah ein, +daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu +tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine +Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen +zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine +Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht +verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon +ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> +rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen +muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht +daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es +ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir +ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich +einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«</p> + +<p>»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich +gehen ... Leben Sie wohl!«</p> + +<p>»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir? +Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«</p> + +<p>Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich +still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein +liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen. +Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln, +das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar +und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist +das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz +allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich +wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<p>Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie +glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung +der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr +ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr +sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie +noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen +Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich +behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht +und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen +Schritten ein Anruf mich zurückhielt.</p> + +<p>»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager +emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen +kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette +genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich +... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte +mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir +den Gefallen!«</p> + +<p>In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich +nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war +noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> ich die +Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie +beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten +Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine +Schlafende aus?«</p> + +<p>In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte +Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie +schlafe. — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast +aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede +meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten, +undurchdringlichen grünschillernden Augen.</p> + +<p>Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz +meines Schreibtisches steht.</p> + +<p>Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem +kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann, +und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> +eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen +haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen, +um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider +keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie +bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am +Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse +Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart, +verschlossen, grausam und mitleidlos.</p> + +<p>Schon manchmal wandelte mich deswegen die Versuchung an, den +unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem +Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln +Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem +Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und +in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert +sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als +Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich +für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den +verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner +peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln +benutzt hatte.</p> + +<p>Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und +vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Gefühle, die +— wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken — die Vorstellung +des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt +hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte +sie denn etwas dafür, daß die Initialen <span class="antiqua">K</span> und <span class="antiqua">S</span>, die +in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein +geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl +Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal +sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach +ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben.</p> + +<p>Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen +schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden, +das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe +selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege +geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben. +Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> beiden +Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig +ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs +schmerzlichste beklage.</p> + +<p>Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all +ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem +Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen, +uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und +wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und +die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch +erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt +und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in +den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> der sich +einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau, +die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen +Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über +uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und +dasselbe?«</p> + +<p>Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere +Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ...</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="Der_Mieter">Der Mieter</h2> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-e-2" src="images/drop-e-2.jpg" alt="E"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»E</span>s wird behauptet, + daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist +aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei +so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.</p> + +<p>Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den +Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts +zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als +Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die +riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude +daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten +aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es +vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich +ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und +das taten sie alles nur ihm zuliebe.</p> + +<p>Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher +andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht +bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu +beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit, +wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine +geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht, +die Herrn Pleß oblag, aber bis zu<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> einem gewissen Grade läßt sich +beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in +dem man sie verrichtet.</p> + +<p>Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen. +Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren +Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man +sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung +geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so +ungefähr die allgemeine Meinung.</p> + +<p>Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat — +denn das war Pleß nach und nach geworden — den Betreffenden ganz +erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber +Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«</p> + +<p>Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte — +wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber +nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles +so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man +nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder +Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und +das war schließlich doch auch etwas!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<p>Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein, +der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte +nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder +Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur +selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt — du +lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den +Zahlen und der Familie zu erholen.</p> + +<p>Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.</p> + +<p>Der Herr Oberrechnungsrat — diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm +er kurz vor Ausbruch des Krieges — sammelte insgeheim Bücher. +Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden — beileibe! Dazu +reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben: +Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne, +Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen — wie wohlfeil +damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald +fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit +Büchern austapeziert.</p> + +<p>In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte, +das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er +verzichtete.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> + +<p>In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um +die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als +diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte, +dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er +lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.</p> + +<p>Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt +hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.</p> + +<p>Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen +können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch +angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein +Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem +Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war. +Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen, +es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war +aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige +Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen +Boden fand.</p> + +<p>Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das +war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> +beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt +kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal +etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich +pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn +beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn +bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und +scheuchten sie weit fort.</p> + +<p>Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder +erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar +selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon +absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das +paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war +er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt +nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der +Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein, +ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun +als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein +geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe +mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens +Kinder mit<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus +dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder, +freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem +Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.</p> + +<p>Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem +Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat +vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein, +das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das +Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren, +frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still +verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine +Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte +tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp +gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die +Bücher.</p> + +<p>Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn +Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und +wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln, +das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren. +Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> gab es +freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug — aber es blieb +eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche +und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.</p> + +<p>Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können — erst +nachträglich sah er es ein — wäre wenigstens diesem Zustand Dauer +beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens +Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende +nehmen.</p> + +<p>Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer +und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die +frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der +Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten +Lesetisch.</p> + +<p>Verschlossen und gequält saß er da und las und las — aber selten und +immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse +rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die +Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als +daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie +verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in +Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span></p> + +<p>So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem +Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so +laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei +auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja +nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den +fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man +den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das +Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.</p> + +<p>Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte +erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn +Pleß ins Vaterherz.</p> + +<p>Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat +die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis +spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche +rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze +Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er +fast ununterbrochen im Amt.</p> + +<p>In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger +und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn +obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> hatte seine +Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen +einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.</p> + +<p>Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes +gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch +Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«</p> + +<p>Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren +auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit +denen er ihn anstierte.</p> + +<p>»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen +Sie sich nicht aufhalten ...«</p> + +<p>Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner +Arbeit zu.</p> + +<p>Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger +Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem +Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem +Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen +Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang +nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht +eintraf.</p> + +<p>Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter, +weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein +sauber mundiertes<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte +amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.</p> + +<p>Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie +eine Raupe, die sich eingesponnen hat.</p> + +<p>Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den +erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm +einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre. +Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr — was frommte es ihm, sein +eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu +sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick +auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens +ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen +pflegte.</p> + +<p>Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt +wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen +Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die +alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit +für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg +herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so +lästig zu werden, daß er schließlich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> doch nach Hut und Stock griff. +Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen, +hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen +Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere +Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.</p> + +<p>Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst +genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.</p> + +<p>Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient +hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück +sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun +auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht +viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer +nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm +nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich, +indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln +wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was +er früher wert gewesen.</p> + +<p>Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen +an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte, +aus<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt +wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar +das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute +ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere +Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen +wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie +vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer +jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel +machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder +Vernunft angenommen hätten.</p> + +<p>Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie +verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und +verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig +waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und +da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn +wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese +gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch +wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die +dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel +und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen +sie allmählich<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und +überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf, +las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not +und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher +betrogenen Volkes.</p> + +<p>Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um +die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene +Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet, +die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt. +Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf +wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in +seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?</p> + +<p>O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß +es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie +innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.</p> + +<p>Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur +mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das +nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering +gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es +lag ihm<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi, +die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine +bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und +redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde +es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit +zuzulegen.</p> + +<p>Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb +über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den +Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich +eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie +sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger +nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig +hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner +übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner +eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen +jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei +eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt — um sie brauche er +sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte, +und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben +hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und +Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> dem zufrieden zu +geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.</p> + +<p>So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war +ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel +vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt +das immer zum Nachdenken Anlaß.</p> + +<p>Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die +Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er +keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich +nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu +kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade +um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde +zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen +verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen +Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit +Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht +vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr +nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige +Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines +neuen Bandes — wieviel Farbe hatte<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> das alles in sein Leben gebracht! +Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht +gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur +wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing, +wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange +nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.</p> + +<p>Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man +mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden, +wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch +lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.</p> + +<p>Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über +seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er +noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt +wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und +der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres +gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas +ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen, +ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es +seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer +aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte — ein jeder, der<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> +Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können — das mußte gerade er +als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner +Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb +er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft +zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im +Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache +an.</p> + +<p>Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde! +Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm? +So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick +an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu +Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine +unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese +merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich +auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren +— aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens +Leben.</p> + +<p>Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm +melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie +sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus +höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>»Ja, wieso denn? Die Wohnung —«</p> + +<p>»Bitte, hier die Legitimation.«</p> + +<p>Himmel! Die städtische Wohnungskommission!</p> + +<p>Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle +Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind, +während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die +Herren hindurchgeleitete.</p> + +<p>Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten. +Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen +Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im +Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem +Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.</p> + +<p>»Jawohl, dies ist das Schlaf — das Schlaf —«</p> + +<p>»Sie sind Witwer?«</p> + +<p>»Leider, leider!«</p> + +<p>»Alleinbewohner?«</p> + +<p>»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«</p> + +<p>»Wer ist die Resi?«</p> + +<p>»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«</p> + +<p>»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«</p> + +<p>Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.</p> + +<p>»Und hier?«</p> + +<p>»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p> + +<p>»Ihrer Tochter —?«</p> + +<p>»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«</p> + +<p>»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«</p> + +<p>Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits +bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.</p> + +<p>»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.</p> + +<p>»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.</p> + +<p>»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der +Kommission war, sich an Pleß.</p> + +<p>»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich +... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...! +anno ...«</p> + +<p>»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp +bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen +allgemeinen Überblick.«</p> + +<p>»Eins — zwei — drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der +Protokollführer schrieb auf.</p> + +<p>»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«</p> + +<p>Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«</p> + +<p>»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine +Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch +schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«</p> + +<p>»Dies die Küche?«</p> + +<p>Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von +einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach +tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein +Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder +ins Schloß.</p> + +<p>»Und hier, die Tür nebenan?«</p> + +<p>»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines +... bescheidenes ...«</p> + +<p>»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen +ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem +beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger +Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie +wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«</p> + +<p>»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war +mir ein ganz besonderes ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p> + +<p>Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen würde.</p> + +<p>Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im +letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich +darf wohl hoffen —? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich +—?«</p> + +<p>»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der +im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.</p> + +<p>Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe +hinunter und waren fort.</p> + +<p>Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.</p> + +<p>»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in +einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie +mir nicht in den Suppentopf geguckt haben — sonst alles! Nein, da hört +sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«</p> + +<p>»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der +Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.</p> + +<p>Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission, +offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen, +ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden +Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte +auch jeder der<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die +Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen. +Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens +darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-, +Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte +er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam +wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der +Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.</p> + +<p>Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er +ängstigte sich.</p> + +<p>»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer —? Wer weiß, am +Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«</p> + +<p>»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine +Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie +hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken +vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«</p> + +<p>»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich — +»verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich +ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere +Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> nicht! Sie hätten ja +fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich +natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen —!? No +also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«</p> + +<p>Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte +er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit +drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick +daraus würde drehen können.</p> + +<p>Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt: +»Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«</p> + +<p>Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß +in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu +seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis +gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne +und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen +(denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin +zubilligen müsse.</p> + +<p>Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer +Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung +fürchtete.</p> + +<p>Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind +wirklich aus dem Wasser!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie, +was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln +sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären, +die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die +Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab', +und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und +dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und +eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben, +bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn +man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt +einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie +rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein +Abstauben überhaupt auf. So — das tät' ich ihnen ordentlich unter +die Nasen reiben! — Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer +da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang +nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie — +wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«</p> + +<p>Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich +ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand +ständiger Erregung<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte +wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein +schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm +im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die +gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit, +das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.</p> + +<p>Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich +beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten +Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach +Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich +nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern +packen.«</p> + +<p>Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.</p> + +<p>»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich +drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! — Ja, haben Sie +denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.</p> + +<p>O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer +geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von +Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> vielen Büchern, +die er besäße, eine ganze Bibliothek ...</p> + +<p>»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte +ungehalten.</p> + +<p>Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen +hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der +Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders +drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich +einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.</p> + +<p>Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem +Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen —? Dann würde ich Ihnen empfehlen, +suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen +Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich +auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät, +und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf +Kindern hineinbekommen!«</p> + +<p>Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden, +daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel. +Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete +es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung, +daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht +ausdrücklich<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich +aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den +eingepaßten Regalen standen — was wäre aus denen geworden, wenn es +der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder +überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi +nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit +in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer +nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld —?</p> + +<p>Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer +freiwillig abgebe — bleibe ich dann im übrigen ungestört?«</p> + +<p>»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte +nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.</p> + +<p>Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber +in diesem Augenblicke — beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er +sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein +Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag, +der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser +Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen +Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu +verschmelzen versprach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p> + +<p>Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den +bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich +selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen +hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem +Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen +sozialen Öles gesalbt.</p> + +<p>Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal +zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen +Bekannten bei sich aufnahm — dies kleine Opfer konnte er wirklich +bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf +und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn +zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden +Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten +Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in +reifliche Erwägung ziehen werde.</p> + +<p>Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der +Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.</p> + +<p>Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege, +dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber +wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> +Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und +nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß +er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von +einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht +zweitausend Kronen und mehr — welche Summe für einen Festbesoldeten +auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher +nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim +Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr +im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl, +Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein +Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das +befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert, +einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?</p> + +<p>Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch +der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und +durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.</p> + +<p>Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am +besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen +Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige +Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> würde, bloß ein Bekannter +zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme +herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens +jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst +so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich +ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm +gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen +zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch +einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte +werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der +Seite seines Bettes stand!</p> + +<p>Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen. +Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen +Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus +aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die +gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war, +hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für +eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche +Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt, +von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht +sozusagen für den Retter dieses<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Menschen halten zu dürfen, war doch +er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete +Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und +seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn +keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig +verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz — mußte es auf +der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit +wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute +Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche +Frucht tragen würde?</p> + +<p>Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es +ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde +seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es +Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine +Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen +ließ.</p> + +<p>Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm +wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten +Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen +überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob, +stand wie gerufen der Gesuchte<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig +streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch +diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner +Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.</p> + +<p>»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang +zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück +Weges.«</p> + +<p>»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«</p> + +<p>»O — bitte, bitte!«</p> + +<p>Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so +überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum +auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig +von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine +Wohnung von vier Zimmern hätte ...</p> + +<p>»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.</p> + +<p>»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit +drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem +Zufall übersehen ...«</p> + +<p>»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.</p> + +<p>»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> etwas unsicher geworden, +und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der +Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.</p> + +<p>Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich +seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und +staunte ihn groß an.</p> + +<p>»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude +heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen +ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht! +Gemacht! Das heißt — was verlangen Sie dafür?«</p> + +<p>»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen — +ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind +mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn +ziehen.«</p> + +<p>Abermals blieb Scheinemann stehen.</p> + +<p>»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer +Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt +wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein! +Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so +werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine! +Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p> + +<p>Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich +einziehen?«</p> + +<p>»Wann es Ihnen paßt.«</p> + +<p>»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! — Pardon!« rief er plötzlich in +Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten, +wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt: +Gemacht! Gemacht!«</p> + +<p>Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen +vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.</p> + +<p>Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg +fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten —? Gab es +jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt +alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...</p> + +<p>Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in +der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein +unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen +mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch +eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen +Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen +Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> zu +verhüllen pflegen — was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den +Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit +bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen +völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell +gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...</p> + +<p>Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten +Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem +passe.</p> + +<p>Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi: +»Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter. +Morgen früh zieht er ein.«</p> + +<p>Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche +Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in +der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte, +verkündete nichts Gutes.</p> + +<p>Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß +wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten +Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann, +bescheiden.«</p> + +<p>»Ein bißchen klein —!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum +Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<p>»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«</p> + +<p>»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem +breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«</p> + +<p>Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit +des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer +zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über +der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das +Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz +leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie +gekommen, in ihrer Küche.</p> + +<p>Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran, +das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und +Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich +erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu +fahren.</p> + +<p>Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe +löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne +aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon +zu Gesicht bekommen?«</p> + +<p>»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi +empört.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p> + +<p>Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen +müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben. +Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre +Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt, +und das andere sein Bureau.</p> + +<p>»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und +ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«</p> + +<p>Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und +sah sie mit aufgerissenen Augen an.</p> + +<p>»Tippmamsell —? Bureau —? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja +rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett +hineinschieben?«</p> + +<p>»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«</p> + +<p>»So —? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«</p> + +<p>»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand +mit dem Suppentopf.</p> + +<p>Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich +verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme +auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> er +zusammen — die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte. +Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in +entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür. +Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute +sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.</p> + +<p>Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist +denn gekommen?«</p> + +<p>»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer +Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom +Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich +mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die +Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und +deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner +Treu', das hat sie g'sagt!«</p> + +<p>»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung +nahe.</p> + +<p>»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme +in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein, +so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine +Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> +meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in +der Hoffnung!«</p> + +<p>Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit, +sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am +wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten +sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er +ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich +eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine +Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die +Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen +sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen +Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das +Päckchen.</p> + +<p>Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen +und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.</p> + +<p>Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.</p> + +<p>Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch, +daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze +des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen +sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger +Mieter hereingesetzt<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> würde, möglicherweise sogar der angedrohte +Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage +käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern +besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich +zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich +wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe +vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.</p> + +<p>Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives +Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte +der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb +also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den +Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert, +im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett +und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und +eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter +schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der +ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich +in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich +zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es +etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> von +Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...</p> + +<p>Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach +dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese — +Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«</p> + +<p>Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und +verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und +schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie, +die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der +Hand gefallen, vor lauter Scham.</p> + +<p>»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab' +ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er — ist daneben im +Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig, +wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche +Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«</p> + +<p>An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es +gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst. +Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung +kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken +in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese +Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines +Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.</p> + +<p>An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters +angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt: +»Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und +Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein +Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange +getreten. Denn im Bücherzimmer saß — Herr Scheinemann!</p> + +<p>Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem +Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor +ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte +eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie +brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören +lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern. +»Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar +Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies +fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein +geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer!<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> Und Bücher +haben Sie — mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn +solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab', +sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich +aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber +natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«</p> + +<p>Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort, +während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte +sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete +beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere, +der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht +Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich +und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie +denn wirklich schon Rechnungsrat —? Und sogar schon a. D.? Wie ist +denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre +gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«</p> + +<p>»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als +Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine +solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige +nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die +Regierung nicht pariert, so<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> gibt's ganz einfach Streik. Verstanden? +Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert. +Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich +mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als +wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als +Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden +nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar +Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von +einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien' +ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn, +den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent +dazu.«</p> + +<p>»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem +Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum +heißt sie Kondor?« fragte er.</p> + +<p>»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer +aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus +Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber +mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten — kurz, mit allem, +womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> welches. — Gibt +es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher +...«</p> + +<p>»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner +Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber +Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir +halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung +eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie +meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein, +wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt, +einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«</p> + +<p>»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß, +seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht +eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.</p> + +<p>»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel. +Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer. +Meine Braut — wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor — +bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich +sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer +würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten +umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten.<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser. +Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in +Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr +zu dermachen.«</p> + +<p>Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte +rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß +regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt +ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein +Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.</p> + +<p>»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem +Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«</p> + +<p>»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu +ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein +konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich +das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst +heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert — dreißig, vierzig +Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum, +Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum +Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens — Ihren Rock<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> und Hut sollten +Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat. +Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«</p> + +<p>In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum +gewesen war — Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der +angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner +Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins +Genick versetzt.</p> + +<p>»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann +aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen +da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin, +so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein +Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-, +dreitausend Kilo im ganzen — spielt gar keine Rolle, was? Also +gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat — ja richtig, +der Casanova!«</p> + +<p>Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und +entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit +Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür +aufgeschlossen — den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte, +hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt +konnte man das Abladen<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens +verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den +Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke +gewälzt.</p> + +<p>Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und +lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer +kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und +teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr +an ...</p> + +<p>Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und +im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete +das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne, +der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.</p> + +<p>Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr +allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr +die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis +spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast +keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat, +standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom +Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe. +Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen, +Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und +Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre +singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den +Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit +die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die +Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz +der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.</p> + +<p>Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und +schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der +Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das +eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst +zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder +in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus +Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen +konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer +noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem +in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war, +irgendwo<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer, +als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten +der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel +anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte, +zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.</p> + +<p>Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine +unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen +vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder +überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken +und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner +Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem, +was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und +suchten ein anderes Ziel.</p> + +<p>Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände, +um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind +es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles, +was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht +die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine +Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft +und Vereinigung ist uns<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht +zurückgeflossen ist ins All.</p> + +<p>In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr +Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für +Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht +mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt +geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben +doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand +die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...</p> + +<p>Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten +endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.</p> + +<p>Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der +mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war, +unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren- +und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten, +legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe +als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen +Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste +sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt +am Samstag würde abgeholt werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span></p> + +<p>Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und +berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte +Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend: +»Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«</p> + +<p>Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des +Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in +Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt, +es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener +Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch +eine Gasausströmung verursacht hatten.</p> + +<p>So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens +Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen +können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug, +um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.</p> + +<p>»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und +ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze +Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es +sich eingeschlichen!«</p> + +<p>Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint,<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Sie merken gar +nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«</p> + +<p>Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische +Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer +erfüllte.</p> + +<p>»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt +sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«</p> + +<p>»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat +vor sich hinsinnend.</p> + +<p>»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da +drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«</p> + +<p>»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte +er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende +gemacht werden!«</p> + +<p>Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er +wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht +sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem +Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von +diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung +ehestens zu räumen.</p> + +<p>Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach +seiner Meinung keine andere<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> mögliche Antwort darauf als die, sich zu +empfehlen.</p> + +<p>Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß +von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten +ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose +Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte +sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg +nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn +sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten +Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen, +anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber, +weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür, +als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste +und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.</p> + +<p>Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine +Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte. +Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen +Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto +über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins +Bücherzimmer trat, saß wieder einmal — und diesmal<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> nicht ganz +unwillkommen — der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im +Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren.</p> + +<p>»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob +sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu +ersuchen.«</p> + +<p>»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich +dienen?«</p> + +<p>»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten +Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht +ausreichen. Überdies sind wir — vom Geschäft ganz abgesehen — unser +zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger +alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht +verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort, +um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste +Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma +dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich +das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser +Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse +reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit +der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen. +Bei<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter +und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie +mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei +einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.«</p> + +<p>»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und +wo soll ich denn ... meine Bibliothek —?« stammelte er, außer sich vor +Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher unterbringen?«</p> + +<p>»Die alten Schwarten — wenn Sie sie nicht lieber verkaufen wollen, was +bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste +wäre — packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem +Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur +Verfügung stellen.«</p> + +<p>Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß +Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte, +das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen +Meinung.</p> + +<p>»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte +des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie +sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast +hatte ich Sie aufgenommen — leider, leider!<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> Und nun treten Sie mir +als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die +Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich +bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu +bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt, +Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich +delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der +ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus! +Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir +nicht mehr unter die Augen!«</p> + +<p>Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner +geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr +Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung +gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre. +Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um +die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu +würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten +Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung +dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu +gestatten bitte, am Platze sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> + +<p>Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs +nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen.</p> + +<p>»So —!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer, +die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich +nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren +Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem +Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den +Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem +Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um +sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich +meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie +mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen, +so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr +Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben +Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von +Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.«</p> + +<p>Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte +ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung +wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> herauskommen und +ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz, +»ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume +Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es +schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu +früh dafür war, den Tisch zu decken.</p> + +<p>Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die +Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel +sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze +Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte +er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär' +er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes +ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche +zurückschleichen, als er sie anrief.</p> + +<p>»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig +gequälten Stimme, »seien Sie so gut — ich fühle mich fast zu matt, um +aufzustehn — reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der +dritten Reihe steht.«</p> + +<p>Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem +großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen.</p> + +<p>»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> ungeduldig. +»Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel, +Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.«</p> + +<p>Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm.</p> + +<p>»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge.</p> + +<p>»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und +begann in dem Bändchen zu blättern.</p> + +<p>Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in +das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort, +berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ...</p> + +<p>»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und +war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns +abzuschütteln, mißlungen sein mußte.</p> + +<p>Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete +aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus +nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte +jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte, +sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und +hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<p>»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er, +flüchtig aufblickend.</p> + +<p>»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!« +stellte sie mit Überzeugung fest.</p> + +<p>»Ein bißchen abgespannt — nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas +früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen +Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh +muß ich zu einem Leichenbegängnis.«</p> + +<p>»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?«</p> + +<p>»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden +zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn +Sie so freundlich sein wollten ...«</p> + +<p>Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an +die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab. +Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu +bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte +sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich +und wünschte gute Nacht und baldige Besserung.</p> + +<p>»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone +nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> + +<p>»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's +anders wär'!« ...</p> + +<p>Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie +auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war +lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und +Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen +hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat +ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den +zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den +ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die +Ohren verstopfte.</p> + +<p>Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß — denn +immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten +äußerte, mit der seligen gnädigen Frau — ...</p> + +<p>»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie — »ich bin +mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die +Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die +anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt. +Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen +prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum +Fenster hinausschmeißen — da rührt<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> sich keine Behörde, da schaun die +Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen +die Achsel: Ja, da kann man nix machen!«</p> + +<p>Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz +ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen +lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar +wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja +keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder +herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie +hineingekommen ist!«</p> + +<p>Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte +selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein +Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums +hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt, +drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch +lange bis nach Mitternacht weitertobte.</p> + +<p>Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die +Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf +stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!«</p> + +<p>Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> ein entsetzlicher, +atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen — Jesus Maria! Da saß eine +schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ...</p> + +<p>Weit riß sie die Fenster auf.</p> + +<p>»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«</p> + +<p>In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters.</p> + +<p>»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?«</p> + +<p>»Der gnädige Herr —! der Herr Oberrechnungsrat —!«</p> + +<p>»Also was ist denn eigentlich los?«</p> + +<p>»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!«</p> + +<p>»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann +holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?«</p> + +<p>Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in +Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet +waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der +Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ...</p> + +<p>An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich +inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus, +aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben. +Scheu traten sie näher, stießen und schoben<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> einander vorwärts, wagten +sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf +die Schnalle der Küchentür drückte — da fuhren sie aufkreischend +zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die +Türspalte ...</p> + +<p>Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen +hinaus. Unten tönte eine Hupe.</p> + +<p>Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist +schon die amtliche Kommission,« sagte er.</p> + +<p>Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht. +Aber freilich — sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des +Augenscheins.</p> + +<p>Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings +entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in +derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene +Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ...</p> + +<p>Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen +machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den +Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das +Gewünschte zu holen, und erstarrte — Scheinemann und die Rothaarige +waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<p>Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte +sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!«</p> + +<p>»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute +verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an! +In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine +Vierzimmerwohnung!«</p> + +<p>Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten +Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark +slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu +sohrgen!«</p> + +<p>In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen +Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt +hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat +er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem +widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="Die_Zobelkinder">Die Zobelkinder<br> +<span class="s5">Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters</span></h2> +</div> + + + +<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p> + +<div class="dc"> + <img class="h3em" id="drop-d_01" src="images/drop-d_01.jpg" alt="D"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">»D</span>er Winter +bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich +mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis +jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich +mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die +Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel +in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre +ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal +meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in +die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam, +was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten +Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf +Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.</p> + +<p>Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein +Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er +in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse +jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig +über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen, +daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort +erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> +zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die +leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen +Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich +unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht +lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche +Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen +ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch +eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient +hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich +gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den +Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole, +so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet. +Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer +geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft, +was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben würde.</p> + +<p>Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen +weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als +solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten +Köchin, die nicht nur sein Leibgericht,<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> eine süße Mehlspeise, die +man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar +zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe +mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin +schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit +jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang, +daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte, +unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig +wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe +starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem +Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute +nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.</p> + +<p>Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden +außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach +ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der +Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher +Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen +will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück +wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum +Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach +kaum<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod +abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste +kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen. +Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen +Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und +hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen, +und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund Wittig.</p> + +<p>Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und +bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war +ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den +Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar, +die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier +Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz +klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und +jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im +zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als +kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die +Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen +Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen +Herkunft das Ansehen richtiger<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Geschwister verlieh; und wäre es nicht +versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen +etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick +leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert +fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen +Vorgang andächtig umringen.</p> + +<p>Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den +Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit +selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen +zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit, +fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die +Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen +sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die +Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott, +unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die +Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter +sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung +der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu +sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte +ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen, +alle zwölf bis vierzehn Monate mit<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> einem gesunden Sprößling. Meister +Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten +Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer +Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen +Einfluß. »Tages Arbeit — abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei +seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.</p> + +<p>Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es +plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn +selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen, +was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder +fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu +bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich +zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch +bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der +Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er +freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes +willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf +seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und +die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen — im Verhältnis +betrachtet, natürlich! — immer wohlfeiler würden.<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Es gebe Kunden, die +das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn +doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren, +und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon +könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder +besitze.</p> + +<p>Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und +schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine +Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen +müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger +preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener +Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich +doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig +über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem +Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum +sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon +früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und +die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen +Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die +alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen +hat.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> + +<p>Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es +sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der +Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und +Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter +sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben +durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer +einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.</p> + +<p>Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch +genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht +viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten +überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer +dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt +hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders +ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten +und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach +ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der +noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten +Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch +nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur +gegen ihn, fröhlich, doch<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch +nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen +die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend, +die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich +zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben.</p> + +<p>All die genannten süperben Eigenschaften im stillen rekapitulierend, +um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er +wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg +zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser +geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre +Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst +eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier +vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit +schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins +nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein +jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen +drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den +Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die +Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht +übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Jungfrau zu tun habe, +die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung +kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar +nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer +Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt +hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den +Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen.</p> + +<p>Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten +Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit +betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie +eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen +hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie +unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese +seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf +niedergebeugt hatte, sie zu küssen.</p> + +<p>»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen +und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle +der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen +Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde +des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> +hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand +wieder zurück und drückte ihr wirklich — um in ihrem Geiste zu +sprechen — den Stempel ihrer keuschen Lippen auf.</p> + +<p>Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung +von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte +er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse +es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der +Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die +umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger +Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die +dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als +die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach +den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und +darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht +verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten +Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu.</p> + +<p>Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles +»Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen +entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und +bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> damit er seine +Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er +hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen +getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen +Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier +zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes +und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das +auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz +gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach +Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu +heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch +etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte.</p> + +<p>Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt, +daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten, +den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung +überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er +sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare +zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei. +In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert +einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> die +hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf +einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf +alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die +Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen +war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann +er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser +aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb +mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies +nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder +Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den +Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und +Seelenverschwisterung.</p> + +<p>So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach +der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit +erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur +an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen +Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der +Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei +der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig, +weitherzig, wie<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie +großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder +weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern +doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten. +Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die +Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch +einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr +nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich +die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken +Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn +und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt, +so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen +oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und +buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich +bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über +die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig +ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und +ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte.</p> + +<p>Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen +Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> und mangelnde Vorsicht +ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich +nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine +beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn +als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen +Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell +hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei, +und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin +wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging +er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin +behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen +Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber +setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an +die Luft und ließ sich scheiden.</p> + +<p>Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar +vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat +aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der +Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen. +Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins +entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen, +darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> +Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen, +aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig +gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in +den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren +Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut, +Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen +einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich +mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings.</p> + +<p>Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel, +und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses +siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin, +sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen +pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die +Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr +glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften, +konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am +richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte +dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche +zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren +kostbaren Sealmantel mit dem Anstand<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> einer vollendeten Dame zu +tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber — denn so +viele waren es mit der Zeit geworden — verhielt sie sich ungefähr +wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum +entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen +Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun, +jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten +von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging +seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott +dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der +jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter +ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen +lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage +ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf +machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen +Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte.</p> + +<p>Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter, +geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie +eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten +Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr +Wuchs nicht vollständig<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> normal, ja von einer reizenden üppigen +Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder +Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen +Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf +Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander, +daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien. +Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd +und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte, +kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte, +scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit +liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in +diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe +es nicht auf der Welt ...</p> + +<p>Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch +gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern. +Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin +war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es +deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu +behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung. +Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> ein Ende +nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher +wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner +Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem +Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde +Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich +mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der +Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir +erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann +würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich +für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit +schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher +Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue +gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages +wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke, +deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich +gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer +Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von +Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur +Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht +angerichtet, das Schicksal<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> hatte vorerst nur warnend seinen Finger +erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen.</p> + +<p>Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen +wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte, +niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom +Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher, +gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten +Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern +im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks +ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher, +glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter +dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe +geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten +Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel, +die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der +Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo +ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte +aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum stehen?</p> + +<p>Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie +ich's verstünde, und wüßte nichts<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> davon, wie schwer es für einen +Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen. +Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten +Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur +um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel +ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit +forteskamotiere.</p> + +<p>»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist +kinderlos, du kannst lachen!«</p> + +<p>Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste, +bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten +versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr +ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten +im Kopfe hätten!</p> + +<p>Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich +mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch +ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen +doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch +neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den +Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's +wirklich nicht mehr leisten!«</p> + +<p>Ich verstand nicht recht, wie er es meine — ich selbst freilich +geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er +bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben, +kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß +er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er +sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war +sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz +jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich +rasch und suchte die Tür zu gewinnen.</p> + +<p>»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder +—?«</p> + +<p>»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich +geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter +...</p> + +<p>Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn +wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort +hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt +gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die +ländliche Gattin es war.</p> + +<p>Auf der Karte standen neben der trauernden<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Witwe die sämtlichen +Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem +Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als +einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und +Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und +Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich +bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein +gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig +verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als +Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und +Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt. +Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu, +der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name +Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des +Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken.</p> + +<p>Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine +fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die +Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des +Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr +des Gleichen!</p> + +<p>Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> unter der früheren Firma +weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes +Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein +werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ... +Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend +auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit +notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile +Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort +wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit +bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt +koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs +Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir +ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei +ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten +Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln +müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der +fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die +Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung, +die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es +nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren +oder ganz<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen, +wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden, +ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen +Bundesstaates zu tilgen. <span class="antiqua">Relata refero.</span> Mein Gewährsmann, der +sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge +Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr +mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie +eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken.</p> + +<p>Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich +später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen +durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings +recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte, +zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei +oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander +hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben, +das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen +Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft +einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu +einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der +freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und +wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> und seine Mutter +gewesen — denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte +auszukennen — so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und +waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel) +wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander +gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen +Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand +man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen +Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die +halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch +jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu +unterscheiden waren.</p> + +<p>Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den +Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch +die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen +im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen +Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen +Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag. +Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer +Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack +geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> die Allerkleinsten +mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht +zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber +ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten +darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte, +die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender +junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll +geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da +sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher +Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß +die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte, +um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang, +mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen, +und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen +konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden +drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen +verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in +mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen +Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes +denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<p>Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen +neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener +Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger +auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals +aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden. +Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen +nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von +den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder +sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen +oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder +selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man +irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse +Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher +Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern +Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und +um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig +durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener +und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte. +Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> +Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit, +daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der +Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des +Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort +»Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines +Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der +quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine +Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten.</p> + +<p>Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier +geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so +habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider +abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den +öffentlichen Dienst bereits überschritten habe.</p> + +<p>Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne +tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich +mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die +Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem +Kürschner in die Lehre!</p> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot4 illowe6" id="illu-285"> + <img class="w100" src="images/illu-285.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<div class="bbox"> +<p class="center">Im gleichen Verlage erschien</p> +<p class="s5 center">von</p> +<p class="s2 center">Emil Ertl:</p> +<p class="s2 center"><em class="gesperrt"><b>Liebesmärchen</b></em></p> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Einbandzeichnung</em></p> +<p class="s5 center">von</p> +<p class="center"><em class="gesperrt">Friedrich Felger</em></p> + +<p class="s5 center">5. Tausend</p> + +<p>»Ein kleines, feines Buch, das der Dichter in seiner frühen Jugend +geschrieben hat. Märchen und Sagen, denen er neuen Inhalt gegeben hat; +alle seine Erzählungen läßt er überfließen von der großen Liebe zweier +Menschen zueinander. So entstand <em class="gesperrt">ein rechtes Märchenbuch</em>, das +jung und alt hineinführt in zauberstille, lauwarme Sonnwendnächte, in +denen der Mond seine zarten Lichtschleier über Wald und Wiese breitet.«</p> + +<p class="right">(<span class="antiqua">Dr.</span>Wendriner in Reclams »Universum«.)</p> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="bbox"> +<p class="center"><em class="gesperrt">Im gleichen Verlage erschienen von</em></p> + +<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Emil Ertl:</em></p> +<p class="s3 center"><b>Die Leute vom blauen Guguckshaus</b></p> +<p class="center">Roman · 19. Tausend</p> +<p class="center">Einbandzeichnung von Prof. <em class="gesperrt">Alfred v. Schrötter</em></p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Freiheit, die ich meine</b></p> +<p class="center">Roman aus dem Sturmjahr · 16. Tausend</p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Auf der Wegwacht</b></p> +<p class="center">Roman · 16. Tausend</p> +<p class="center">Vorstehende drei Romane sind unter dem Titel »<b>Ein Volk an der +Arbeit</b>«<br> +<em class="gesperrt">einheitlich gebunden</em> zu einem Gesamtwerk vereinigt.</p> +<p class="center">* *</p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Das Lächeln Ginevras</b></p> +<p class="center">Roman · 7. Tausend</p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Der Antlaßstein</b></p> +<p class="center">Roman · 8. Tausend</p> +<p class="center">Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">R. Teschner</em></p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Der Neuhäuselhof</b></p> +<p class="center">Roman · 11. Tausend<br> +Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">F. Felger</em></p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Nachdenkliches Bilderbuch</b></p> +<p class="center">Ernste und heitere Geschichten<br> +Einbandzeichnung und Buchschmuck von <em class="gesperrt">Alfred Keller</em><br> +5. Tausend</p> + +<p class="s3 center mtop2"><b>Nachdenkliches Bilderbuch</b></p> +<p class="center">Zweite Folge · 4. Tausend</p> + +<p class="center">Einbandzeichnung von <em class="gesperrt">Alfred Keller</em><br> +Buchschmuck von Prof. <em class="gesperrt">Alfred v. Schrötter</em></p> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76870 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76870-h/images/cover.jpg b/76870-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9eaf0c6 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/cover.jpg diff --git a/76870-h/images/drop-d.jpg b/76870-h/images/drop-d.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9a409b6 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/drop-d.jpg diff --git a/76870-h/images/drop-d_01.jpg b/76870-h/images/drop-d_01.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9a409b6 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/drop-d_01.jpg diff --git a/76870-h/images/drop-e-2.jpg b/76870-h/images/drop-e-2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d3aaf96 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/drop-e-2.jpg diff --git a/76870-h/images/drop-e.jpg b/76870-h/images/drop-e.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7e880e0 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/drop-e.jpg diff --git a/76870-h/images/drop-m.jpg b/76870-h/images/drop-m.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..557477b --- /dev/null +++ b/76870-h/images/drop-m.jpg diff --git a/76870-h/images/illu-007.jpg b/76870-h/images/illu-007.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0e5f847 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/illu-007.jpg diff --git a/76870-h/images/illu-285.jpg b/76870-h/images/illu-285.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9457c0d --- /dev/null +++ b/76870-h/images/illu-285.jpg diff --git a/76870-h/images/titlepage.jpg b/76870-h/images/titlepage.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4ca6106 --- /dev/null +++ b/76870-h/images/titlepage.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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