summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/76766-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '76766-0.txt')
-rw-r--r--76766-0.txt3334
1 files changed, 3334 insertions, 0 deletions
diff --git a/76766-0.txt b/76766-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..94c084a
--- /dev/null
+++ b/76766-0.txt
@@ -0,0 +1,3334 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1924 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den
+ Anfang des Buches versetzt.
+
+ Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+ Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung
+ für Jugend und Volk
+
+ Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
+
+
+ Frühling
+
+ Der deutsche Lenz
+ und was er blühn
+ und werden läßt
+
+
+ Bildschmuck von Hans von Volkmann
+
+ Vierte, veränderte Auflage
+
+ ✤
+
+ +München 1924+
+ Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns
+
+
+
+
+ Druck von Kastner & Callwey, München
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
+
+ Kalter Frühlingsabend (Liliencron) 4
+
+ Frühlingsahnung (Uhland) 4
+
+ Schneeglöckchen (Storm) 4
+
+ Im Omnibus (Gilm) 4
+
+ Der Veilchenstrauß (Trojan) 6
+
+ Am Mühlengraben (Storm) 8
+
+ Vom Kirschbaum (Avenarius) 8
+
+ Vorfrühling (Heyse) 11
+
+ Wirbelnde Flocken (Weber) 11
+
+ Frühlingsnähe (Greif) 11
+
+ Er ist’s (Mörike) 12
+
+ Das kranke Kind (Gilm) 12
+
+ Die Meise (Seidel) 13
+
+ Frühlingsbotschaft (Greif) 14
+
+ Der Wind (Zoozmann) 14
+
+ Märznacht (Uhland) 16
+
+ Eine Morgenwanderung (Flaischlen) 16
+
+ Knabenlust (Fischer) 23
+
+ Wag’s! (Fontane) 23
+
+ Glaube (Uhland) 24
+
+ Trost (Wallpach) 24
+
+ Schwalbenmärchen (Freiligrath) 25
+
+ Dornröschen (Brüder Grimm) 26
+
+ Frühlingsgruß (Eichendorff) 31
+
+ Fallende Blüten (Sergel) 32
+
+ Die seidenen Döckchen (Volksmund) 32
+
+ Frühlingsstimmen (Trojan) 32
+
+ Lerchen (Faktor) 33
+
+ Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben) 34
+
+ Die Amsel (Seidel) 35
+
+ Die schwarze Amsel (Volksmund) 35
+
+ Der Nimmersatt (Blüthgen) 35
+
+ Das Blumenbeet (Goethe) 36
+
+ Die Frösche (Goethe) 37
+
+ Winterbericht (Löwenstein) 37
+
+ Der Storch ist da (Greif) 38
+
+ Klapperstorch (Volksmund) 38
+
+ Kuckuck (Volksmund) 39
+
+ Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein) 39
+
+ Frühlingsregen (Wille) 40
+
+ Aprilwetter (Greif) 43
+
+ April (Löwenstein) 43
+
+ Das arme Vöglein (Fallersleben) 44
+
+ An den Mai (Mörike) 45
+
+ Mailied (Scheffel) 45
+
+ Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius) 46
+
+ Der Säemann (Conrad) 47
+
+ Säerspruch (Meyer) 50
+
+ Junge Kätzchen (Jacobowski) 50
+
+ Der Sperling (Volksmund) 50
+
+ Spatzenausflug (Güll) 53
+
+ Bei Goldhähnchens (Seidel) 54
+
+ Unser Fritz (Mörike) 55
+
+ Ritter Mai (Kernstock) 56
+
+ Die Kurfürsten (Storm) 57
+
+ Kling hinaus (Heine) 57
+
+ Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide) 57
+
+ Begegnung (Falke) 57
+
+ Uebersehen (Greif) 58
+
+ Frühlingsgespenster (Sturm) 59
+
+ Maienkäferlied (Volksmund) 60
+
+ Gedenk! (Eichendorff) 60
+
+ Lenzfahrt (Greif) 60
+
+ Der Mai (Geibel) 61
+
+ Frühling, Frühling überall! (Güll) 61
+
+ Ostern (Goethe) 62
+
+ Das Birkenbäumchen (Falke) 64
+
+ Wieder vorwärts (Keller) 64
+
+ Die heilige Woche (Volksmund) 65
+
+ Da Jesus in den Garten ging (Volksmund) 66
+
+ Golgatha (Liliencron) 67
+
+ Karfreitag (Klopstock) 71
+
+ Die Steine werden zeugen (Ludwig) 71
+
+ Auferstanden (Stieler) 72
+
+ Osterhäslein (Güll) 73
+
+ Eine Frühlingsnacht (Storm) 74
+
+ Das Mädchen aus der Fremde (Schiller) 75
+
+ Frühlings Begräbnis (Paul Heyse) 75
+
+ Künftiger Frühling (Uhland) 77
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ Ihn kennen heißt, ihn lieben,
+ Den Lenz, den deutschen Lenz!
+ Die letzten Flocken stieben;
+ Doch jeder ruft: „Ich kenn’s,
+ Es wird nicht lang mehr dauern
+ Und Veilchen stehn am Rain;
+ Ich traf ihn vor den Mauern --
+ Glaub, morgen zieht er ein!“
+
+ Da mag kein Sänger fehlen:
+ Die sich davongemacht,
+ Mit ausgeruhten Kehlen
+ Heimkehrn sie über Nacht;
+ Doch wer sich deß getraute
+ Und blieb zum Schneeturnei,
+ Die winterrostige Laute,
+ Die stimmt er sich aufs neu.
+
+ Und all das Blühn und Weben
+ Ringsum in Busch und Ried,
+ Des Frühlings schwellend Leben,
+ Gestaltet sich zum Lied. --
+ Darf da ein Spielmann feiern,
+ Der sich den deutschen nennt,
+ Wenn er der besten Leiern
+ Lenzfrohe Weisen kennt?
+
+ Den Frühling sollt ihr schauen,
+ Wie ihn der Dichter schaut
+ Beim Willkommgruß der Auen,
+ Beim letzten Vogellaut,
+ Auf daß zunichte werde,
+ Was je das Herz gequält,
+ Wenn ihm die deutsche Erde
+ Von ihrem Lenz erzählt.
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+
+Kalter Frühlingsabend
+
+ Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld.
+ Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen.
+ Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt,
+ Will langsam eine fahle Wolke steigen.
+ Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt,
+ Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen,
+ Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt,
+ Wann werden sich die lieben Primeln zeigen!
+
+ Detlev v. Liliencron
+
+
+Frühlingsahnung
+
+ O sanfter süßer Hauch!
+ Schon weckest du wieder
+ Mir Frühlingslieder.
+ Bald blühen die Veilchen auch.
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+Schneeglöckchen
+
+ Und aus der Erde schauet nur
+ Alleine noch Schneeglöckchen;
+ So kalt, so kalt ist noch die Flur,
+ Es friert im weißen Röckchen.
+
+ Theodor Storm
+
+
+Im Omnibus
+
+ Ein Omnibus knarrt in dem Schnee,
+ Voll Menschen jeder Art,
+ So wie der Zufall manchmal sie
+ Zusammenpreßt und schart.
+
+ Es bläst der Wind so grimmig kalt,
+ Die Fenster schließen schlecht,
+ Ein jeder ist verdrießlich drob
+ Und keinem etwas recht.
+
+ Dort in der Ecke hält ein Mann
+ Ein Dütchen vor sich hin,
+ So zärtlich und besorgt, als wär
+ Ein Edelstein darin.
+
+ Zu seinem Nachbar einer sagt:
+ „Was doch in aller Welt
+ Der Mann dort in der Düte hat,
+ Die er so sorgsam hält?“
+
+ Der hört die Frage, lächelt fein
+ Und zieht aus dem Papier
+ Ein Veilchen, eben aufgeblüht,
+ Und zeigt’s dem Passagier.
+
+ Und wie es nun von Hand zu Hand,
+ Ein Gruß des Frühlings, geht,
+ So ist’s, als hätt der Freude Hauch
+ Sie alle angeweht.
+
+ Als ob in ein verödet Haus
+ Gekommen wär ein Kind,
+ Als ob von schuldbeladner Brust
+ Genommen wär die Sünd.
+
+ Es tauen schnell die Herzen auf,
+ Und fröhlicher Gesang
+ Mischt mit des Windes Orgel sich
+ Den ganzen Weg entlang.
+
+ Hätt jeder doch in böser Stund
+ Ein Veilchen gleich zur Hand,
+ Es gäb der Sünde weniger,
+ Der Liebe mehr im Land.
+
+ Hermann v. Gilm
+
+
+
+
+Der Veilchenstrauß
+
+
+An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr
+jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab
+sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er
+die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und
+schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das
+wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen
+auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war
+sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke,
+die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen
+wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das
+Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte,
+bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone -- um keine falschen
+Erwartungen rege zu machen -- fragte der alte Herr: „Was sollen sie
+kosten?“ -- „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.
+
+Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes,
+suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein
+Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche
+ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter
+Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der
+Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort
+tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.
+
+Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche,
+sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu
+betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und
+einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus
+einem ausgeribbelten Strumpfe. -- ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der
+Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die
+Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt
+vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er
+roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“
+Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit
+gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas
+Unruhiges in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der
+ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und
+schnell durch die Stadt -- die eine andere war -- dem Tore zuschreiten.
+Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen
+umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte
+sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und
+machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab
+ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie
+jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet -- oder
+wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach
+rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen
+über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem
+Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige
+Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach
+einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft
+und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus
+zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er
+begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“
+Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am
+Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das
+Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen.
+Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über
+das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner
+Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein
+leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen;
+dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen.
+Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich
+über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch
+schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. -- --
+
+Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er
+bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen
+und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt
+entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn -- da er nun doch wußte,
+woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst
+stieg er die Treppe empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat
+ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden
+Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben
+beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das
+Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden
+bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich
+schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen.
+„Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“
+
+ Johannes Trojan
+
+
+
+
+Am Mühlengraben
+
+
+ Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,
+ All, all, die da blühten am Mühlengraben.
+ Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest
+ In ihren kleinen Fäusten haben.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Vom Kirschbaum
+
+
+ Ist alles ganz kahl und still,
+ Nicht mal im Grase sich’s regen will,
+ Steht alles geduckt,
+ Klappert im Frost und muckt
+ Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,
+ Doch im Garten
+ Sagt einer: ich kann warten.
+ Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,
+ So dünn ist er worden: der Kirschenbaum.
+ Schläft er nicht?
+ Trau einer dem Wicht!
+ Heute Mittag um Uhre eins
+ Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins:
+ Darin -- ich habe
+ Das deutlich gesehn --
+ Mit seinen Knospen
+ Fingerte der alte Knabe,
+ Ein wenig vorsichtig und geziert,
+ Wie man Badewasser probiert --
+ Und über seine Runzeln
+ Ging ein Schmunzeln.
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+ Stürme brausten über Nacht
+ Und die kahlen Wipfel troffen.
+ Frühe war mein Herz erwacht,
+ Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
+
+ Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
+ Dringt zu mir vom Wald hernieder.
+ Nisten in den Zweigen schon
+ Die geliebten Amseln wieder?
+
+ Dort am Weg der weiße Streif --
+ Zweifelnd frag ich mein Gemüte:
+ Ist’s ein später Winterreif
+ Oder erste Schlehenblüte?
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Wirbelnde Flocken
+
+
+ Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur?
+ Ist doch der Lenz im Land,
+ Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur,
+ Seit der Winter schwand!
+
+ Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät
+ Weht ihr vom Himmel herab!
+ Der euch über die Aue sät,
+ Sät euch nur ins Grab. --
+
+ Heija! mein Herz ist voll von Lust,
+ Jeder Wonne reich --
+ Fallen die Sorgen mir in die Brust,
+ Sterben sie gleich euch.
+
+ Ernst Weber
+
+
+
+
+Frühlingsnähe
+
+
+ Wieder seh ich jenen Schimmer,
+ Jenen Schimmer an den Bäumen,
+ Der mir sagt, es könne nimmer
+ Lange mehr der Frühling säumen.
+
+ Ja, es ist ein holdes Zeichen,
+ Und, bevor wir ihn noch bitten,
+ Wird er uns mit seinen reichen
+ Wunderblüten überschütten.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Er ist’s
+
+
+ Frühling läßt sein blaues Band
+ Wieder flattern durch die Lüfte;
+ Süße, wohlbekannte Düfte
+ Streifen ahnungsvoll das Land.
+ Veilchen träumen schon,
+ Wollen balde kommen.
+ -- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
+ Frühling, ja, du bist’s!
+ Dich hab ich vernommen!
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+Das kranke Kind
+
+
+ Der Vater ist seit Jahren blind --
+ Blind sein ist mehr als sterben! --
+ Die Mutter hat ein krankes Kind
+ Und kann nicht viel erwerben.
+
+ Die Stube war noch nie so warm,
+ Obgleich das Fenster offen,
+ Seitdem des Winters harter Arm
+ Die Erde hat getroffen.
+
+ Die Sonne küßt das bleiche Kind
+ Zum erstenmal im Jahre;
+ Es spielt ein weicher, warmer Wind
+ Mit seinem feuchten Haare.
+
+ Und wie sein Blick am Himmel hängt,
+ Als möcht’s dahin entfliehen,
+ Im Wangengrübchen langsam fängt
+ Ein Röslein an zu blühen.
+
+ Und -- süßes Wunder! -- plötzlich, als
+ Sei alles Leid zu Ende,
+ Schlingt lächelnd um der Mutter Hals
+ Es seine beiden Hände.
+
+ Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat,
+ Bricht aus in lautes Weinen --
+ Das war des Frühlings erste Tat,
+ Und keine von den kleinen.
+
+ Hermann v. Gilm
+
+
+
+
+Die Meise
+
+
+ Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf!
+ Ein lustiges, kleines Ding,
+ Und immer geschwätzig und flink,
+ Und immer obenauf!
+
+ Denn ob die ganze Welt vereist,
+ Sie findet den Tisch gedeckt:
+ Hier wird ein Körnchen geschleckt
+ Und dort ein Püppchen verspeist.
+
+ „Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“
+ So ruft sie im knospenden Wald,
+ Und wehn auch die Winde noch kalt:
+ Sie weiß es, glaubt es nur ja!
+
+ Sie hat in das Herz der Knospe gesehn,
+ In die Wiege von Blume und Grün,
+ Sie weiß: Bald wird es nun blühn
+ Und die Welt in Veilchen stehn.
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Frühlingsbotschaft
+
+
+ Ich hab ein Vöglein gehöret
+ Herab von einem Baum,
+ Das hat mich nicht betöret.
+ Gar weise sang es im Traum,
+ Ich hab es nicht gestöret,
+ Wußt von mir selbst mehr kaum:
+ Tin din di!
+
+ Das Vöglein hat helle gesungen:
+ „Die Veigelein sind da.“
+ Ich bin zu Walde gedrungen.
+ Mein Aug sie selber sah.
+ Ahi, ihr Vogelzungen,
+ Wie süß mir da geschah:
+ Tin din di!
+
+ Martin Greif
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Wind
+
+
+ Wind, Wind,
+ Wo kommst du her?
+
+ „Weit übers Meer
+ Fuhr ich geschwind!
+ Habe die Wellen
+ Gepeitscht und geschlagen,
+ Machte zerschellen
+ Die Schiffe
+ Am Riffe --
+ Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“
+
+ Wind, Wind,
+ Wo kommst du her?
+
+ „Übers Gebirge
+ Saust ich mit Macht,
+ Hab die Lawine ins Rollen gebracht.
+ Wald und Saaten
+ Hat sie geknickt,
+ Hirt und Herden
+ Zermalmt und zerdrückt.
+ Des Älplers Dorf
+ Liegt tief unterm Schnee,
+ Kein Dach, kein Türmchen
+ Ragt mehr zur Höh! --
+ Dann hab ich sacht
+ In selbiger Nacht
+ Ein glimmendes Fünkchen
+ Zum Lodern gebracht,
+ Ein Flammenmeer
+ Durch die Gassen gefegt,
+ Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“
+
+ Wind, Wind,
+ Was tatest du dann?
+
+ „Habe über den grünen Rasen
+ Einer lachenden Wiese geblasen;
+ Habe lind die Blüten gewiegt,
+ Die der gaukelnde Falter umfliegt;
+ Habe dem Bächlein sanft gesäuselt,
+ Habe den Birken die Kronen gekräuselt.
+ Hab um ein Kind,
+ Das drunter schlief,
+ Leis und lind
+ Die Flügel geschwungen
+ Und es gesungen
+ In Schlummer tief.“
+
+ Wind, Wind,
+ Was tatest du dann?
+
+ „Hab die Wolken am Himmel gejagt,
+ Bis die Sonne golden getagt;
+ Hab der ganzen Welt gelacht
+ Und mit Brausen den Frühling gebracht!“
+
+ Wind, Wind,
+ Wohin nun geschwind?
+
+ „Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken,
+ Neue Arbeit mir auszuwirken!
+ Ich kann brausen
+ Der Welt zum Grausen,
+ Und kann weich wie ein Atem wehn!
+ Aber nun frag nicht mehr,
+ Denn ich sag nicht mehr --
+ Schweig und laß mich gehn!“
+
+ Wind, Wind,
+ Gottes und Dämons Kind,
+ Wenn deine Hand
+ Fluch und Segen umspannt:
+ Gnädig, nur mit sanftem Gebrause,
+ Geh vorüber meinem Hause!
+
+ Richard Zoozmann
+
+
+
+
+Märznacht
+
+
+ Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht
+ hin!
+ Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+
+
+Eine Morgenwanderung
+
+
+Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang
+Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine
+Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein großer Osterchoral donnerte
+er über die Gräber und rief zur Auferstehung.
+
+Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem
+Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr
+zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum
+Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm
+stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter
+die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie
+Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen
+zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond
+schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch
+sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem
+Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der
+Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.
+
+Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die
+fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit
+phantastisch-gespenstischem Leben.
+
+Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte,
+standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf
+aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte
+in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den
+Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und
+schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf,
+drohend, wie wenn ....
+
+Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten
+bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber
+beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt
+uns!“ ....
+
+Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird
+nur endlich Frühling!
+
+Frühling! und wenn’s noch so tobt!
+
+Frühling! ja! ....
+
+Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in
+die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen
+und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen!
+
+Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen!
+
+Das war es ja auch!
+
+Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen
+trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem
+ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!
+
+Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig
+werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich
+nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich
+zurück in ihren trübseligen Alltag.
+
+Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren
+jauchzenden Frühlingssturm -- und ließen uns, aufschauernd, sein
+Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens!
+
+Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles
+Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe
+Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst,
+und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll
+Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde
+Erfüllung unserer Sehnsucht.
+
+Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in
+den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den
+Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück.
+
+Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem
+Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und
+die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der
+Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch
+Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas
+Heiliges!
+
+Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben
+und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt,
+wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.
+
+Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen
+und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine
+freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als
+ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne
+verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines
+am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und
+kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen
+lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen
+und kletterten scheue Dunstflüge herum.
+
+Vor uns -- jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat
+zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich
+nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter
+ihm ab.
+
+Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln
+-- schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge
+der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft,
+wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all
+dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So
+närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze
+Treiben der Welt erscheinen mag.
+
+Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen
+Pantomime zusähe.
+
+Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie
+in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen
+gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.
+
+Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!
+
+Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als
+unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es
+darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen
+stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und
+liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.
+
+Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen
+und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder
+andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren,
+und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit.
+Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke
+darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die
+Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die
+großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.
+
+Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie
+brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde,
+um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und
+Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.
+
+Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken
+und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten
+am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas
+tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen
+aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.
+
+Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und
+die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so
+lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie
+zu regieren.
+
+Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.
+
+Ich lachte.
+
+„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es
+wird nur endlich Frühling!“
+
+Gott sei Dank!
+
+Es wird nur endlich Tag!
+
+Nach so langer, dumpfer Nacht!
+
+Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang
+durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!
+
+Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich
+mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich
+tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und
+gestikulierender hin und her rannten.
+
+Da: Ein blendender Blitz zuckt empor.
+
+Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue
+Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt.
+
+Tag! Tag! Tag!
+
+Und Frühling! Frühling! --
+
+Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken
+ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen.
+Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster
+Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und
+Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten
+daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und
+an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu
+zwingen.
+
+Wir lachten.
+
+Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und
+Leitern und Ketten.
+
+Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was
+es war; Nebel? -- sie zu verhängen und darunter zu ersticken.
+
+Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.
+
+Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig,
+unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was
+wollten ihr diese Fliegen!?
+
+Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche
+zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn
+freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont
+hinunterzuspritzen.
+
+Es zischte ein wenig, das war alles.
+
+Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.
+
+Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn
+Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren
+Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte
+Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.
+
+Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die
+Sonne empor, höher und höher.
+
+Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den
+Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit
+Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze
+Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.
+
+Da -- mit einem Male -- war es doch, als ob sie siegten.
+
+Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein
+Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig
+Minuten übersponnen hatten.
+
+Sie war gefangen.
+
+Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten
+ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und
+straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.
+
+Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.
+
+Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf
+und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die
+Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen,
+zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf.
+
+Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an
+Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken,
+riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska
+purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder
+flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung
+kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und
+rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.
+
+[Illustration]
+
+Wir lachten. Es war grausam -- aber wir lachten: wie diese
+Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen
+Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung
+und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber
+doch nicht; und ...
+
+Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu
+retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen.
+
+Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!
+
+Die anderen aber trug sie -- lächelnd -- höher und höher, bis in
+der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch
+überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem
+Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. -- -- --
+
+Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender
+Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag
+ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem
+Frühling die Erfüllung.
+
+Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber
+flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und
+Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und
+wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und
+ein Lied des Sieges. -- -- --
+
+Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne
+aufgehe?!
+
+ Cäsar Flaischlen
+
+
+
+
+Knabenlust
+
+
+ Horch, Märzenwind und Lerchenschlag
+ Und keine Schule den Nachmittag!
+ Die Füße ohne Strumpf und Schuh,
+ Auf trocknem Weg den Wiesen zu!
+ Zum Nesterbauen und Veilchenblühn,
+ Zu Palmenweiden und Ostergrün! --
+ Die spielenden Mägdlein dort am Rain,
+ Die möchten wohl unsre Gesellen sein. --
+ Nun rasch die Felsen emporgesaust,
+ Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust!
+
+ Johann Georg Fischer
+
+
+
+
+Wag’s!
+
+
+ Nun ist er endlich kommen doch
+ In grünem Knospenschuh;
+ „Er kam, er kam ja immer noch!“
+ Die Bäume nicken sich’s zu.
+
+ Sie konnten ihn all erwarten kaum.
+ Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
+ Im Garten der alte Apfelbaum:
+ Er sträubt sich, aber er muß.
+
+ Wohl zögert auch das alte Herz
+ Und atmet noch nicht frei,
+ Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,
+ Und März ist noch nicht Mai.“
+
+ O, schüttle ab den schweren Traum
+ Und die lange Winterruh,
+ Es wagt es der alte Apfelbaum,
+ Herze, wag’s auch +du+!
+
+ Theodor Fontane
+
+
+
+
+Glaube
+
+
+ Die linden Lüfte sind erwacht,
+ Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
+ Sie schaffen an allen Enden.
+ O frischer Duft, o neuer Klang!
+ Nun, armes Herze, sei nicht bang!
+ Nun muß sich alles, alles wenden.
+
+ Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
+ Man weiß nicht, was noch werden mag,
+ Das Blühen will nicht enden.
+ Es blüht das fernste, tiefste Tal;
+ Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
+ Nun muß sich alles, alles wenden.
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+
+
+Trost
+
+
+ Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar,
+ Den Horizont trübt leichter Dunst,
+ Sein Sommerhaus bezieht der Star,
+ Und Primeln blühn im Wasserrunst.
+
+ Die Bienen schwirren honigsatt
+ Ums aufgedeckte Veilchenbeet,
+ Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt,
+ Am Fenster, das weit offen steht.
+
+ Das ist mein Trost nun: Tag für Tag
+ Seh ich dem stillen Werden zu.
+ Leis ebbt des raschen Herzens Schlag,
+ Und alle Sorge geht zur Ruh.
+
+ Artur von Wallpach
+
+
+
+
+Schwalbenmärchen
+
+
+ Auf dem stillen, schwülen Pfuhle
+ Tanzt die dünne Wasserspinn;
+ Unten auf kristallnem Stuhle
+ Thront die Unkenkönigin.
+
+ Von den edelsten Metallen
+ Hält ein Reif ihr Haupt umzogen,
+ Und wie Silberglocken schallen
+ Unkenstimmen durch die Wogen.
+
+ Denn der Lenz erschien; die Schollen
+ Sind zerflossen; Blüten zittern;
+ Dumpfe Frühlingsdonner rollen
+ Durch die Luft, schwarz von Gewittern.
+
+ Wasserlilienkelche fließen
+ Auf des Teiches dunkelm Spiegel,
+ Und die ersten Schwalben schießen
+ Drüberhin mit schnellem Flügel.
+
+ Aus den zarten Schnäbeln leise
+ Tönt Gezwitscher in die Wellen:
+ „Viele Grüße von der Reise
+ Haben wir dir zu bestellen.
+
+ Lange waren wir in fremden,
+ Sandbedeckten, heißen Ländern,
+ Wo in weiten Kaftanhemden
+ Träge Turbanträger schlendern.
+
+ Purpurfarbne Wunderpflanzen
+ Dienten uns zu Meilenweisern;
+ Gelbe Mauren sahn wir tanzen
+ Nackt vor ihren Leinwandhäusern.
+
+ Lechzend auf dem warmen Sattel
+ Saß der Araber, der leichte,
+ Während Ziegenmilch und Dattel
+ Ihm aufs Pferd die Gattin reichte.
+
+ Auf die Jagd der Antilopen
+ Kriegerisch mit Spieß und Pfeile
+ Zogen schlanke Äthiopen;
+ Klagend tönte Memnons Säule.
+
+ Aus des Niles Flut getrunken
+ Haben wir, matt von der Reise;
+ Gruß dir, Königin der Unken,
+ Von dem königlichen Greise!
+
+ Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!
+ Doch zumeist der Grüße viele
+ Bringen wir von deinem Vetter,
+ Von dem Krokodil im Nile!“
+
+ Ferdinand Freiligrath
+
+
+
+
+Dornröschen
+
+
+Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag:
+„Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da
+trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch
+aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird
+erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt
+bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin
+gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich
+nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß
+seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen
+dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer
+dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte,
+von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben.
+Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war,
+beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine
+mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so
+mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben
+getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich
+dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen
+oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter
+soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot
+hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um
+und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte
+hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen
+Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie:
+„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf,
+in welchen die Königstochter fällt.“
+
+[Illustration]
+
+Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte,
+ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche
+sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der
+weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam,
+freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben
+mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt
+ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
+ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah
+Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen
+alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer
+kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und
+als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen
+Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.
+„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst
+du da?“ -- „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was
+ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen,
+nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die
+Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach
+sich damit in den Finger.
+
+In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das
+Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser
+Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die
+Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen
+an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch
+die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die
+Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward
+still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der
+Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren
+ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und
+auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.
+
+Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die
+jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber
+hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht
+die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem
+schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter
+genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die
+Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich;
+denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die
+Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen
+und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam
+wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann
+von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in
+welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon
+seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die
+Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß
+schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
+Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines
+traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich
+nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte
+mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.
+
+Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war
+gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn
+sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die
+taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch,
+und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im
+Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und
+schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter
+den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen
+an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte
+er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das
+sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen
+Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König
+und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß
+einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und
+öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.
+Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und
+er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt
+hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz
+freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und
+die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen
+an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde
+sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen
+unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an
+den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte
+und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der
+Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte
+das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem
+Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an
+ihr Ende.
+
+ Brüder Grimm
+
+
+
+
+Frühlingsgruß
+
+
+ Es steht ein Berg in Feuer,
+ In feurigem Morgenbrand,
+ Und auf des Berges Spitze
+ Ein Tannenbaum überm Land.
+ Und auf dem höchsten Wipfel
+ Steh ich und schau vom Baum,
+ O Welt, du schöne Welt, du,
+ Man sieht dich vor Blüten kaum!
+
+ Josef von Eichendorff
+
+
+
+
+Fallende Blüten
+
+
+ Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen,
+ Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen.
+
+ Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden,
+ Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen
+
+ Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete,
+ Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete.
+
+ Albert Sergel
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die seidenen Döckchen
+
+
+ Kling, kling, Glöckchen,
+ Im Haus steht ein Döckchen,
+ Im Garten steht ein Hühnernest,
+ Stehn drei seidne Döckchen drin,
+ Eins spinnt Seiden,
+ Eins flicht Weiden,
+ Eins schließt den Himmel auf,
+ Läßt ein bißchen Sonn heraus,
+ Läßt ein bißchen drinn,
+ Daraus die Liebfrau Maria spinn
+ Ein Röcklein für die Kindelein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Frühlingsstimmen
+
+
+ Seht, was da draußen vor sich geht!
+ Es regt sich, was schon lang geruht.
+ Die Sonn besieht sich’s jeden Tag
+ Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“
+
+ Man spricht davon im Sperlingsnest;
+ Da zwitschert es mit hellem Ton.
+ „Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot.
+ ’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“
+
+ Im Wald ist auch der Haselbusch
+ Schon wach und blinzelt schon ins Licht.
+ Und schneit’s ihm in die Augen mal,
+ Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht.
+
+ Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor;
+ Hellgrün und rot drängt sich’s herauf.
+ Eins sieht sich nach dem andern um:
+ „Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“
+
+ Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon,
+ Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht;
+ Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt!
+ Man hält es aus -- es geht, es geht.“
+
+ Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft
+ Hoch überm Ackersmann und singt:
+ „Ich bin die erst; die erst bin ich,
+ Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“
+
+ So regt sich Leben überall
+ Und neue Lust und froher Klang.
+ Auf, stimmet mit den Herzen ein!
+ Freut euch und sagt dem Himmel Dank!
+
+ Johannes Trojan
+
+
+
+
+Lerchen
+
+
+ Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder,
+ Du hörst nur lauter Frühlingslieder,
+ Und immer lauter wird der Chor
+ Von Lerchen, die im Himmel wohnen;
+ Es hält den Atem an der Wind -- --
+ Berauschend schlägt es an mein Ohr
+ Wie Jubelsang von Millionen,
+ Die glücklich, überglücklich sind.
+
+ Emil Faktor
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Maiglöckchen und die Blümelein
+
+
+ Maiglöckchen läutet in dem Tal,
+ Das klingt so hell und fein:
+ So kommt zum Reigen allzumal,
+ Ihr lieben Blümelein!
+
+ Die Blümchen blau und gelb und weiß,
+ Die kommen all herbei,
+ Vergißmeinnicht und Ehrenpreis,
+ Zeitlos und Akelei.
+
+ Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu,
+ Und alle tanzen dann,
+ Der Mond sieht ihnen freundlich zu,
+ Hat seine Freude dran.
+
+ Den Junker Reif verdroß das sehr,
+ Er kommt ins Tal hinein:
+ Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr,
+ Fort sind die Blümelein.
+
+ Doch kaum der Reif das Tal verläßt,
+ Da rufet wiederum
+ Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest
+ Und läutet bim bam bum.
+
+ Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus,
+ Maiglöckchen ruft auch mich:
+ Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus,
+ Zum Tanze geh auch ich!
+
+ Hoffmann von Fallersleben
+
+
+
+
+Die Amsel
+
+
+ Wie tönt an Frühlingstagen
+ So schwermutreich und hold
+ Der Amsel lautes Schlagen
+ Ins stille Abendgold.
+
+ Es schimmert an den Zweigen
+ Ein zartverhülltes Grün,
+ Die jungen Säfte steigen,
+ Und es beginnt zu blühn.
+
+ Doch nicht mit Jubeltönen
+ Begrüßt die Amsel nun
+ Die Tage, jene schönen,
+ Die in der Zukunft ruhn.
+
+ Es klingt wie Leides Ahnung,
+ Sie singt im schwarzen Kleid
+ Schon jetzt die trübe Mahnung:
+ Wie kurz die schöne Zeit.
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Die schwarze Amsel
+
+
+ Wann ich schon schwarz bin,
+ Schuld ist nicht mein allein,
+ Schuld hat meine Mutter gehabt,
+ Weil sie mich nicht gewaschen hat,
+ Da ich noch klein,
+ Da ich noch wunderwinzig bin gesein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Der Nimmersatt
+
+
+ In unserm Flieder raschelt was,
+ Ein kleiner Spatz.
+ „Hier sitz ich ohne Futter,
+ Wo bleibt nur meine Mutter?
+ Ich hab ein schön gelb Schnäbelein;
+ Es tut mir keiner was hinein,
+ Mir armen Matz.
+
+ Ade, du schöner Sonnenschein,
+ Du grüner Platz!
+ Hier muß ich nun verderben,
+ Sie läßt mich Hungers sterben;
+ Sie fliegt in aller Welt umher
+ Und findet mich gewiß nicht mehr,
+ Mich armen Matz.“
+
+ Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart:
+ „Hört eins den Fratz!
+ Ich stopfe, und ich stopfe;
+ Er schilt mit vollem Kropfe!
+ Ich wüßt nicht, wer es besser hat:
+ Du bist ein kleiner Nimmersatt,
+ Mein kleiner Matz!“
+
+ Viktor Blüthgen
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Blumenbeet
+
+
+ Das Beet, schon lockert
+ sich’s in die Höh,
+ Da wanken Glöckchen
+ So weiß wie Schnee;
+ Safran entfaltet
+ Gewaltge Glut,
+ Smaragden keimt es
+ Und keimt wie Blut.
+ Primeln stolzieren
+ So naseweis,
+ Schalkhafte Veilchen,
+ Versteckt mit Fleiß;
+ Was auch noch alles
+ Da regt und webt,
+ Genug, der Frühling,
+ Er wirkt und lebt!
+
+ Wolfgang v. Goethe
+
+
+
+
+Die Frösche
+
+
+ Ein großer Teich war zugefroren;
+ Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
+ Durften nicht ferner quaken noch springen,
+ Versprachen sich aber, im halben Traum,
+ Fänden sie nur da oben Raum,
+ Wie Nachtigallen wollten sie singen.
+ Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
+ Nun ruderten sie und landeten stolz
+ Und saßen am Ufer weit und breit
+ Und quakten wie vor alter Zeit.
+
+ Wolfgang v. Goethe
+
+
+
+
+Winterbericht
+
+
+ Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder
+ Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder!
+ Nun saget mir, was ist geschehn,
+ Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“
+ „Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen
+ Da hat sich vieles zugetragen;
+ Mein Vater kaufte eine Kuh
+ Und meiner Schwester neue Schuh.
+ Ich hab an Größe zugenommen
+ Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen,
+ Weihnachten kriegte ich ein Schwert
+ Und ein sehr wildes Wiegenpferd.
+ Und in die Schule geht, mein Bester,
+ Jetzt auch die Suse, meine Schwester,
+ Und weil sie neulich nichts gewußt,
+ Hat sie nachbleiben schon gemußt.“
+ „Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern,
+ „Man darf nicht aus der Schule plappern!“
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Storch ist da
+
+
+ Juchheirasa,
+ Der Storch ist da!
+ Er steht vergnügt im Neste
+ Und klappert auf das beste;
+ Er bückt sich vor der Störchin fein
+ Und dreht sich auf dem langen Bein.
+
+ Juchheirasa.
+ Der Storch ist da!
+ Was er im Wickelkissen
+ Mitbringt, wer kann es wissen?
+ Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein?
+ Es wird doch nicht ein Pärchen sein?
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Klapperstorch
+
+
+ Storch, Storch, Langbein,
+ Wann fliegst du ins Land herein,
+ Bringst dem Kind ein Brüderlein?
+ Wenn der Roggen reifet,
+ Wenn der Frosch pfeifet,
+ Wenn die goldnen Ringen
+ In der Kiste klingen,
+ Wenn die roten Appeln
+ In der Kiste rappeln.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Kuckuck
+
+
+ Der Gutzgauch auf dem zaune saß,
+ guckguck, guckguck!
+ es regnet ser, und er ward naß,
+ guckguck, guckguck, guckguck!
+ Darnach do kam der sonnenschein,
+ guckguck, guckguck!
+ der Gutzgauch der ward hüpsch und fein,
+ guckguck, guckguck, guckguck!
+ Alsdann schwang er sein gfidere,
+ guckguck, guckguck!
+ er flog dort hin wol über se,
+ guckguck, guckguck!
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Der Zweig und der Vogel im April
+
+
+ Wach auf! wie schläfst du gar so still --
+ Wach auf! wir haben schon April.
+ Wach auf! was schläfst du gar so fest?
+ Ich brauche Schatten für mein Nest,
+ Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut,
+ Damit mein Nest kein Würger schaut,
+ Der mich beraubt und mich bedroht
+ Und meinen Kleinen bringt den Tod.
+ Drum, lieber Zweig, erwach, erwach,
+ Bau mir solch dichtbelaubtes Dach!
+ Was tut der stille Zweig darauf?
+ Er schlägt die Blütenaugen auf
+ Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein,
+ Ich brauch zum Bauen Sonnenschein.
+ Wart nur zwei Wochen oder drei,
+ Dann kommt mein Meister an, der Mai!
+ Dann schmück ich dir dein kleines Haus
+ Mit festen grünen Wänden aus,
+ Von grünen Ziegeln hundertfach
+ Bau drüber ich ein dichtes Dach,
+ Daß dich kein böser Würger sieht.
+ Dann kannst du singen froh dein Lied,
+ Kannst pflegen deine kleine Brut
+ Mit deinem Weibchen, still und gut,
+ Den ganzen, lieben Sommer lang!“
+ Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank!
+ So will ich baun mein Nest in Ruh;
+ Doch für das Dächlein sorge du!
+ Und kommt der Mai, dann ohne Rast
+ Tu, was du mir versprochen hast!“
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+Frühlingsregen
+
+
+ Die grauen Wolken flogen,
+ Umwölbend das Gefild,
+ Und nieder kam gezogen
+ Ein Regen warm und mild.
+ Nun träufelt der Erquickung Tau,
+ Es dampft die zartbegrünte Au --
+ Die Erde hat gesogen
+ Und ihren Durst gestillt.
+
+ Ein Duft von jungem Leben
+ Den kühlen Hain durchdringt;
+ Die Knospen wonnig beben,
+ Und sachtes Tröpfeln klingt.
+ Durch Erlenbüsche streift der Wind,
+ Mit feuchtem Haar -- ein heitres Kind;
+ Ein Säuseln läßt er schweben
+ Aus dem Gezweig und singt:
+
+ „Sonne, erschließe
+ Das himmlische Blau,
+ Goldglanz gieße
+ Auf grüne Au!
+ Ihr gebadeten Blumen,
+ Laßt die feuchten
+ Äuglein leuchten!
+ Ich schüttle von schwanken Erlen
+ Zum Spiel euch glitzernde Perlen --
+ Solch bunte Perlen woben
+ Die schwebende Brücke droben
+ Am blauen Himmelssee.“
+
+ Bruno Wille
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Aprilwetter
+
+
+ Sprühregen, drein die Sonne scheint,
+ Jetzt da und jetzt auch schon vorüber,
+ So kurz, wie wach der Säugling weint,
+ Er wendet sich und schlummert wieder.
+ Sprühregen! Jetzt der Himmel blau,
+ Und jetzt von Wolken überzogen,
+ Nun lachend über allem Grau
+ Im Wunderschein der Regenbogen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+April
+
+
+ April! April
+ Weiß nicht, was er will,
+ Ist gar ein launischer Gesell,
+ Bald düster, bald hell,
+ Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein
+ Dir freundlich und hell ins Herz hinein
+ Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen,
+ Bald weint er und heult schier zum Erbarmen.
+ Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen,
+ Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen,
+ Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder
+ Und hagelt und wettert wild hernieder.
+ Dem Frühling heut zu dienen beginnt er,
+ Und morgen dient er wieder dem Winter.
+ Ist eben zweier Herren Knecht
+ Und macht’s drum keinem Herren recht,
+ Will sich für keinen von den beiden
+ Mit ehrlich festem Sinn entscheiden.
+ Was er verspricht, das hält er nicht,
+ Was er bringen soll, das bringt er nicht,
+ Was er singen soll, das singt er nicht,
+ Wenn er lachen kann, so lacht er nicht,
+ Was er machen kann, das macht er nicht,
+ Tut, was er schafft, nur mit Verdruß,
+ Und tut’s nur darum, weil er muß.
+ Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei,
+ Vor allem doch den Monat Mai!
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+Das arme Vöglein
+
+
+ Ein Vogel ruft im Walde,
+ Ich weiß es wohl, wonach?
+ Er will ein Häuschen haben,
+ Ein grünes, laubig Dach.
+
+ Er rufet alle Tage,
+ Und flattert hin und her,
+ Und in dem ganzen Walde
+ Hört keiner sein Begehr.
+
+ Und endlich hört’s der Frühling,
+ Der Freund der ganzen Welt.
+ Der gibt dem armen Vöglein
+ Ein schattig Laubgezelt.
+
+ Wer singt im hohen Baume
+ So froh vom grünen Ast?
+ Das tut das arme Vöglein
+ Aus seinem Laubpalast.
+
+ Es singet Dank dem Frühling
+ Für das, was er beschied,
+ Und singt, so lang er weilet,
+ Ihm jeden Tag ein Lied.
+
+ Hoffmann von Fallersleben
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+An den Mai
+
+
+ Es ist doch im April fürwahr
+ Der Frühling weder halb noch gar!
+ Komm, Rosenbringer, süßer Mai,
+ Komm du herbei!
+ So weiß ich, was der Frühling sei.
+
+ -- Wie aber? Soll die erste Gartenpracht,
+ Narzissen, Primeln, Hyazinthen,
+ Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht,
+ Schon welken und verschwinden?
+ Und mit euch besonders, holde Veilchen,
+ Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei?
+ Lieber, lieber Mai,
+ Ach, so warte noch ein Weilchen!
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+Mailied
+
+
+ Es kommt ein wundersamer Knab
+ Jetzt durch die Welt gegangen,
+ Und wo er geht, bergauf, bergab,
+ Hebt sich ein Glast und Prangen.
+ In frischem Grün steht Feld und Tal,
+ Die Vögel singen allzumal,
+ Ein Blütenschnee und Regen
+ Fällt nieder allerwegen.
+
+ Drum singen wir im Wald dies Lied
+ Mit Hei und Tralaleyen;
+ Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,
+ Als Gruß dem jungen Maien.
+
+ Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ,
+ Ist immer guter Laune;
+ Drum schwirren durch den Tann herum
+ Die Maienkäfer braune,
+ Und aus dem Moos wächst schnell herfür
+ Der Frühlingsblumen schönste Zier;
+ Die weißen Glocken läuten
+ Den Maien ein mit Freuden.
+
+ Drum singen wir im Wald das Lied
+ mit Hei und Tralaleyen;
+ Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,
+ Als Gruß dem jungen Maien.
+
+ Viktor v. Scheffel
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Nochmals vom Kirschbaum
+
+
+ Nun sagt, was ist im Kirschenbaum?
+ In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum:
+ In seinen Adern regte sich’s leis:
+ In seinen Ästen bewegte sich’s leis:
+ Noch eine einzige laue Nacht --
+ Und plötzlich steht er in Blütenpracht!
+
+ Jetzt schwirren die Boten rings weitum --
+ Gesumm, Gebrumm
+ Von feinsten Stimmen:
+ „Heran, ihr Immen,
+ Zum Feste:
+ Der Alte erwartet die Gäste!“
+ Leg dich darunter, nach oben schau --
+ Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! --
+
+ Und lausche: von fern und nah
+ Richtig, sind schon die Bienen da,
+ Ganz aus ist nun die Winternacht,
+ Der alte Herr ganz aufgewacht --
+ Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“
+ Wie sie von allen Tellerchen schlecken.
+
+ Von einem zum andern, summ, summ, summ,
+ Zu Tausenden tummeln sie sich herum,
+ Nippen, naschen, trinken, brummen,
+ Die Blüten selber, meinst du, summen
+ Immer im gleichen Geschwirr in Ruh --
+ Der Alte strahlt über und über dazu.
+
+ Endlich zieht davon der Schwarm,
+ Aber nun werden die Tage warm,
+ Aber nun brechen die Blätter heraus,
+ Aber nun reifen die Früchte aus.
+
+ An jedem Aste die Körbe schwer,
+ Richtet er’s jetzt für die Großen her:
+ Stützt ihm die Arme, daß er nicht
+ Unter dem eignen Segen bricht!
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+
+
+
+Der Säemann
+
+
+ Immer seh ich dich so, mein Vater,
+ zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke:
+ als Säemann.
+ Und deine Söhne, groß und schlank wie du,
+ ganz dein verjüngtes Bild,
+ barhäuptig und barfuß
+ am Pflug.
+
+ Ein breiter Acker,
+ aus der Mulde, die so windstill,
+ nach der Höhe, luftig bewegt.
+
+ Lang am Wald hin
+ dunkle Eichen und helle Birken,
+ und wilde Heckenrosen am Rain
+ in runden Büschen,
+ an den Dornen Wollen-Flöckchen.
+ Die frisch gebrochenen Furchen braun
+ und dampfend im herben, würzigen Frühwind.
+ Hinter uns stolzierend
+ der schwarzglänzende Rabe,
+ emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.
+
+ Weiße Wolken
+ als träumende Schäfchen
+ hinziehend am hohen Himmel.
+
+ Du in langen Schritten gradaus,
+ kräftig atmend,
+ das Auge hell und fest.
+
+ Kuckucksruf aus dem Wald:
+ Du blickst uns an und lächelst schalkhaft.
+ Wir klopfen dreimal an die Tasche.
+
+ Nun gürtest du um den Leib
+ den grauen, körnerschweren Samensack.
+ Der rechte Arm,
+ nackt bis zum Ellenbogen,
+ mit flatterndem Ärmel,
+ geht im Schwung mit dem Schritt.
+ Aus der Hand fliegen sausend im Bogen
+ die Körner, sorglich erlesen,
+ glatt und prall und glänzend in Keimkraft.
+ Stillbedächtig,
+ wie in verhaltener Lust,
+ empfängt sie die Erde und zieht sie ein
+ in den harrenden Schoß,
+ Hampfel um Hampfel.
+
+ Immer seh ich dich so, mein Vater,
+ als Säemann.
+ Immer so im festen Schritt
+ über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin,
+ wie von heimlicher Musik
+ aus der Tiefe der Erde begleitet,
+ von segnenden Winden umsungen
+ aus des Himmels leuchtender Höhe.
+ Und deine Söhne alle, emsig wie du,
+ was auch sonst ihre Hantierung,
+ immer wieder am Pflug,
+ bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen,
+ weit leuchtend über die Felder hin.
+
+ Und aus der Ferne
+ hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich:
+ „Wie seid ihr fleißig heute!“
+ Dann erscheint sie,
+ die Hand schirmend über den lachenden Augen,
+ die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht:
+ „Längst ist vorüber der Mittag,
+ habt ihr nicht läuten gehört?
+ Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet,
+ Linsensuppe gibt’s und Spätzli --“
+
+ Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn:
+ „Gleich, Mutter, gleich.
+ Wir sind hungrig wie Wölfe.“
+
+ „Gott sei Dank,“ sagst du, Vater,
+ „wir haben das Unsrige getan.
+ Nun schenk uns der Himmel gut Wetter
+ zu Wachstum und Ernte.“
+
+ Immer seh ich uns so, ganz deutlich,
+ und hör jedes Wort
+ von dir und der seligen Mutter.
+ So lange ist’s her, so lange, so lange.
+ Und immer noch schwillt uns das Herz
+ in Hoffnung künftiger Ernten.
+
+ Michael Georg Conrad
+
+
+
+
+Säerspruch
+
+
+ Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
+ Die Erde bleibt noch lange jung!
+ Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
+ Die Ruh ist süß. Es hat es gut.
+ Hier eins, das durch die Scholle bricht.
+ Es hat es gut. Süß ist das Licht.
+ Und keines fällt aus dieser Welt
+ Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.
+
+ C. F. Meyer
+
+
+
+
+Junge Kätzchen
+
+
+ Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu,
+ Die stehen zusammen längst schon auf du.
+ Trippelt zum Garten sie in der Früh,
+ Wartet Frau Miezekatz schon auf sie,
+ Putzt die vier Kleinen noch akkurat;
+ Jeder macht gern mit den Kindern Staat.
+
+ Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt,
+ Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt.
+ Wenn solch ein großes Wunder geschehn,
+ Das muß die Mutter doch auch mal sehn!
+ Holt ein Näpfchen, so ein kleins;
+ Macht für die Kätzchen was Extrafeins.
+ Das ist ein Springen, hinauf und hinab,
+ Lecken sich alle Pfoten ab.
+
+ Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt,
+ Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt,
+ Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell,
+ Gleitet hernieder aufs Katzenfell,
+ Bis zu den Kätzchen winzig und klein
+ Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.
+
+ Ludwig Jacobowski
+
+
+
+
+Der Sperling
+
+
+ Der Sperling ist ein kleines Tier,
+ Hat ein kurzes Schwänzchen,
+ Sitzt vor Hänschens Kammertür,
+ Macht ein Reverenzchen.
+
+ Volksmund
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Spatzenausflug
+
+
+ Die Spatzen schrein in ihrem Nest,
+ Als hätten sie ein großes Fest;
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Und weiß nicht, wie viel Gäst. --
+
+ Nun ist vorbei Gesang und Schmaus,
+ Da fliegen sie aufs Dach heraus:
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Und ruhn ein wenig aus.
+
+ Der alte Spatz, der kluge Mann,
+ Hebt jetzo seine Rede an:
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Hoch auf der Wetterfahn;
+
+ „Ihr Kinder, eh nach Samen
+ Ihr ausfliegt auf das Feld,
+ Geb ich euch eure Namen,
+ Dann schlagt euch durch die Welt,
+ Ihr könnt nun prächtig singen
+ Und flattern und hüpfen und springen,
+ Und baun, wo’s euch gefällt.
+
+ So merkt denn auf und horchet,
+ Wie jeder von euch heißt,
+ Und seid dann unbesorget,
+ Wenn ihr von dannen reist.
+ Helft nur einander treulich,
+ Und seid nicht so abscheulich,
+ Seid friedlich allermeist!
+
+ Du bist der Winkelschlupfer,
+ Der Mück und Schnak ertappt,
+ Du bist der Gassenhupfer,
+ Der Korn und Haber schnappt,
+ Und du der Bröselesser,
+ Und du der Kirschenfresser,
+ Wohl schmeck euch, was ihr habt!
+
+ Und wohnt ihr in den Hecken,
+ Und wohnt ihr unterm Dach:
+ Fern sei euch jeder Schrecken
+ Und jedes Ungemach!
+ Seid nur auch auf der Lauer,
+ Wenn über Zaun und Mauer
+ Euch schleicht das Kätzchen nach!
+
+ Miau! Dort kommt sie schon, die Katz,
+ Die hat uns all auf einen Satz:
+ Zwickelwickbembem!
+ Zwickelwickbembem!
+ Sucht einen sichern Platz.“
+
+ Friedrich Güll
+
+
+
+
+Bei Goldhähnchens
+
+
+ Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast!
+ Sie wohnen im grünen Fichtenpalast
+ In einem Nestchen klein
+ Sehr niedlich und sehr fein.
+
+ Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,
+ Mückensalat und Gnitzenbrei
+ Und Käferbraten famos --
+ Zwei Millimeter groß.
+
+ Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,
+ So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas.
+ Dann wurden die Kinder besehn:
+ Sehr niedlich alle zehn!
+
+ Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“
+ Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr,
+ Und hat uns mächtig gefreut!“
+ Es sind doch reizende Leut!
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Unser Fritz
+
+
+ Unser Fritz richt’t seinen Schlag,
+ Wollt ein Meislein fangen,
+ Doch weil ihm denselben Tag
+ Keines drein gegangen,
+ Wird dem Fritz zu lang die Zeit.
+ Denkt: ich hab umsonst gestreut,
+ Will ja keine kommen.
+
+ Nach acht Tagen fällt ihm ein,
+ Im Garten zu spazieren:
+ Es ist schöner Sonnenschein,
+ Man kann nicht erfrieren,
+ Und am alten Apfelbaum
+ Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum:
+ Ob der Schlag gefallen?
+
+ „Ja! Es sitzt ein Vogel drin!
+ Aber, weh! o wehe!
+ Das ist trauriger Gewinn:
+ Tot, so viel ich sehe!
+ -- Aber, was kann ich dafür?
+ Sicher hat das dumme Tier
+ Sich zu Tod gefressen!“
+
+ So tröst’t sich dein Mörder wohl,
+ Der dich hungern lassen,
+ Aber ich vor Leid und Groll
+ Weiß mich nicht zu fassen!
+ Hast alle Körnlein aufgepickt,
+ Hast dann vergebens umgeblickt,
+ Wo noch ein Bröslein wäre!
+
+ Ihr andern Vöglein allesamt,
+ Wohl unterm blauen Himmel,
+ Ihr habt mit Wehgesang verdammt
+ Den Vogelstellerlümmel.
+ Ach, eines starb so balde, bald,
+ Eben da in Feld und Wald
+ Der Frühling wollte kommen.
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Ritter Mai
+
+
+ Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt,
+ Am Berg eine wilde Wiese;
+ Da liegt todwund auf den Grund gestreckt
+ Der Winter, der reisige Riese.
+ Den stach vom Rosse in scharfem Turnei
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
+
+ Grieswärtel war dorten der Meister Specht,
+ Kampfrichter waren die Dohlen.
+ Den Ritterdank, ein Rankengeflecht,
+ Mit Primeln durchwirkt und Violen,
+ Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
+
+ Nun reitet im Harnisch von klarem Gold
+ Der herrliche Sieger zu Tale,
+ Drommeter blasen, der Ehrenhold
+ Verkündet mit hellem Schalle:
+ „Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“
+
+ O. Kernstock
+
+
+
+
+Die Kurfürsten
+
+
+ Die Kinder schreien Vivat hoch!
+ In die blaue Luft hinein;
+ Den Frühling setzen sie auf den Thron,
+ Der soll ihr König sein.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Kling hinaus
+
+
+ Leise zieht durch mein Gemüt
+ Liebliches Geläute.
+ Klinge, kleines Frühlingslied,
+ Kling hinaus ins Weite!
+
+ Kling hinaus bis an das Haus,
+ Wo die Blumen sprießen!
+ Wenn du eine Rose schaust,
+ Sag, ich laß sie grüßen!
+
+ Heinrich Heine
+
+
+
+
+Was im Maien Wunder man gewahrt
+
+
+ Der Mai hat Gewalt!
+ Ob er Zauberlist ersonnen?
+ Wo er naht mit seinen Wonnen,
+ Da ist niemand alt.
+
+ Walther von der Vogelweide
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+ Ich ging im Feld. Die Drossel schlug.
+ Ein lindes, weiches Wehen trug
+ Von einem wilden Apfelbaum
+ Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum.
+ Da kam aus Osten, hügelab,
+ Trug keinen Hut und keinen Stab
+ Und führte keinen Ranzen mit,
+ Der Tag im leichten Wanderschritt.
+
+ Auf seine helle Stirne fiel
+ Ein frei Gelock, des Windes Spiel.
+ Kein Kleid umgab der Glieder Pracht,
+ Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht.
+ Nur eine Sonnenblume hielt
+ Er in der Linken. Hochgestielt,
+ Der goldne Sternkelch scheitelnah
+ Ihm schwankend über die Schulter sah.
+
+ So ging er strahlend gradeaus,
+ Und über ihm zog mit Gebraus
+ Ein Schwarm von weißen Schwänen mit.
+ Er wuchs, wie er das Feld durchschritt,
+ Und stand zuletzt am Horizont,
+ Ein Riese, flammend übersonnt.
+ Um ihn wie lichte Wölkchen sahn
+ Die Vögel aus, Schwan neben Schwan.
+ Und aus dem weißen Glitzermeer
+ Grüßte die gelbe Blume her.
+
+ Gustav Falke
+
+
+
+
+Übersehen
+
+
+ Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren
+ Und seinem Nachbar demonstrieren,
+ Was doch für eine Lumperei
+ Im Grund der deutsche Frühling sei.
+ Statt daß der März die Vöglein bringe,
+ Was Wunder, wenn bei solcher Tück
+ Im Mai noch Schnee herunterdringe,
+ Die Flora bleibe stets zurück.
+ Drum, wollten wir ihr Recht begreifen,
+ So müßten wir gen Süden schweifen.
+ So sprach das Männlein baß verdrossen
+ Und machte seine scharfen Glossen:
+ Da war er, blind für junges Prangen,
+ Einem Rosenbeet vorbeigegangen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Frühlingsgespenster
+
+
+ Ich saß noch spät in meinem Zimmer
+ Studierend bei der Lampe Schimmer,
+ Und ob mein Auge müd und matt,
+ Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.
+
+ Da klopft es plötzlich an mein Fenster,
+ Ich glaube zwar nicht an Gespenster,
+ Doch weil gar hoch mein Fenster war,
+ Schien mir das Klopfen wunderbar.
+
+ Ich spähte in die nächt’gen Räume,
+ Der Mond schien freundlich durch die Bäume.
+ Tief unten schlug die Nachtigall,
+ Sonst tiefes Schweigen überall.
+
+ Doch kaum saß ich zu lesen nieder,
+ So klopft es auch vernehmlich wieder;
+ Weit macht ich nun das Fenster auf
+ Und ließ den Klopfern freien Lauf.
+
+ Und plötzlich schwärmten durch das Fenster
+ Zwei braune, surrende Gespenster; --
+ Maikäfer waren’s, die’s verdroß,
+ Daß ich im Zimmer mich verschloß;
+
+ Daß ich mich über Büchern härmte,
+ Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte
+ Die linde, weiche Maiennacht
+ Voll Blütenduft und Sternenpracht.
+
+ Julius Sturm
+
+
+
+
+Maienkäferlied
+
+
+ Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg!
+ Dein Häuschen brennt,
+ Dein Mütterchen flennt,
+ Dein Vater sitzt auf der Schwelle,
+ Flieg in Himmel aus der Hölle!
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Gedenk!
+
+
+ Es ist kein Vöglein so gemein,
+ Es spürt geheime Schauer,
+ Wenn draußen streift der Sonnenschein,
+ Vergoldend seinen Bauer.
+ Und du hast es vergessen fast
+ In deines Kerkers Spangen,
+ O Menschlein, daß du Flügel hast
+ Und daß du hier gefangen.
+
+ Josef von Eichendorff
+
+
+
+
+Lenzfahrt
+
+
+ Es wollten um das Lenzerwachen
+ Drei Freunde eine Lustfahrt machen,
+ Da wendete der eine ein:
+ „Es muß der Tag erst länger sein!“
+ Und als sie wieder Ratschlag hatten,
+ Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“
+ Doch als sie zechten bald in Schweiß,
+ Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ --
+ So war, noch eh sie sich verglichen,
+ Der schöne Lenz auch schon verstrichen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Der Mai
+
+
+ Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
+ Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!
+ Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
+ So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
+
+ Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!
+ Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?
+ Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
+ Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.
+
+ Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
+ Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal;
+ Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
+ Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
+
+ Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
+ „Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
+ Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du!
+ Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“
+
+ Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht
+ Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht;
+ Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
+ Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.
+
+ O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
+ Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;
+ Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
+ Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!
+
+ Emanuel Geibel
+
+
+
+
+Frühling, Frühling überall
+
+
+ Vor meinem Fenster sang der Fink:
+ „Heraus ins Freie, frisch und flink!
+ Der Frühling ist ja kommen!“
+ Ich ging noch in der Mauern Kluft,
+ Da kam schon lind und lau die Luft
+ Entgegen mir geschwommen.
+
+ Und wie ich schreite durch das Tor,
+ Steigt jubelnd eine Lerch empor,
+ Als flög sie in den Himmel.
+ Lustwandelnd lenk ich querfeldein:
+ Blauveilchen duftet schon am Rain,
+ Am Bach die goldne Primel.
+
+ Wohin ich seh, die Bäume weiß
+ Und laubig schon der Büsche Reis
+ Und sammetgrün die Hulde.
+ Und wie ich wieder steh und horch:
+ Am Weiher klappert laut der Storch,
+ Der Kuckuck ruft im Walde.
+
+ So lug und lausch ich, bis von fern
+ Am Himmel blinkt der Abendstern
+ Und rings die Glocken gehen.
+ Nun tracht ich heim; o Nachtigall,
+ Da bringt mir deines Liedes Hall
+ Der Nachtluft sanftes Wehen!
+
+ Und so ich nochmals rückwärts schau,
+ Erglühen Wald und Strom und Au
+ Im goldnen Abendrote. --
+ O Finke, deß gedenk ich lang,
+ Wie mich herausgelockt dein Sang,
+ Du lieber Frühlingsbote!
+
+ Friedrich Güll
+
+
+
+
+Ostern
+
+
+ Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
+ Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
+ Im Tale grünet Hoffnungsglück!
+ Der alte Winter in seiner Schwäche
+ Zog sich in rauhe Berge zurück.
+ Von dorther sendet er, fliehend, nur
+ Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
+ In Streifen über die grünende Flur;
+ Aber die Sonne duldet kein Weißes;
+ Überall regt sich Bildung und Streben,
+ Alles will sie mit Farben beleben;
+ Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
+ Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
+ Kehre dich um, von diesen Höhen
+ Nach der Stadt zurückzusehen.
+ Aus dem hohlen, finstern Tor
+ Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
+ Jeder sonnt sich heute so gern;
+ Sie feiern die Auferstehung des Herrn.
+ Denn sie sind selber auferstanden.
+ Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
+ Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
+ Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
+ Aus der Straßen quetschender Enge,
+ Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht
+ Sind sie alle ans Licht gebracht.
+ Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
+ Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
+ Wie der Fluß, in Breit und Länge,
+ So manchen lustigen Nachen bewegt;
+ Und, bis zum Sinken überladen,
+ Entfernt sich dieser letzte Kahn.
+ Selbst von des Berges fernen Pfaden
+ Blinken uns farbige Kleider an.
+ Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
+ Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
+ Zufrieden jauchzet groß und klein:
+ Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Birkenbäumchen
+
+
+ Ich weiß den Tag, es war wie heute,
+ Ein erster Maitag, weich und mild,
+ Und die erwachten Augen freute
+ Das übersonnte Morgenbild.
+
+ Der frohe Blick lief hin und wieder,
+ Wie sammelt er die Schätze bloß?
+ So pflückt ein Kind im Auf und Nieder
+ Sich seine Blumen in den Schoß.
+
+ Da sah ich dicht am Wegessaume
+ Ein Birkenbäumchen einsam stehn,
+ Rührend im ersten Frühlingsflaume,
+ Konnt nicht daran vorübergehn.
+
+ In seinem Schatten stand ich lange,
+ Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
+ Und legte leise meine Wange
+ An seinen kühlen Silberbast.
+
+ Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
+ Im zarten Laub wie Schmeichelhand.
+ Ein Zittern lief herab, als fühlte
+ Das Bäumchen, daß es Liebe fand.
+
+ Und war vorher die Sehnsucht rege,
+ Hier war sie still, in sich erfüllt;
+ Es war, als hätte hier am Wege
+ Sich eine Seele mir enthüllt.
+
+ Gustav Falke
+
+
+
+
+Wieder vorwärts!
+
+
+ Berghinan vom kühlen Grund
+ Durch den Wald zum Felsenknauf
+ Haucht des Frühlings holder Mund,
+ Tausend Augen tun sich auf.
+
+ Sachte zittert Reis an Reis,
+ Langt hinaus, noch halb im Traum.
+ Langt und sucht umher im Kreis
+ Für drei grüne Blättlein Raum.
+
+ Doch mit lautem Wellensang
+ Weckt der Bach die Waldesruh;
+ Mitten drin am jähen Hang
+ Schläft ein Trumm von einer Fluh.
+
+ Das einst hoch am Silberquell
+ In des Berges Krone lag,
+ Nieder führt an diese Stell
+ Es ein solcher Frühlingstag,
+
+ Wo es hundert Jahre blieb
+ Hangen an der Eschenwurz;
+ Heute reißt der junge Trieb
+ Weiter es im Wassersturz.
+
+ Dröhnend springt’s von Stein zu Stein,
+ Trunken von der wilden Flut,
+ Bis es dort am Wiesenrain
+ Schwindelnd unter Blumen ruht.
+
+ Du versteinte Herrlichkeit,
+ O, wie tanzest du so schwer
+ Mit der tollen Frühlingszeit --
+ Hinter dir kein Rückweg mehr!
+
+ Gottfried Keller
+
+
+
+
+Die heilige Woche
+
+
+ Als Jesus von seiner Mutter ging
+ Und die große, heilige Woch anfing,
+ Da hatte Maria viel Herzeleid,
+ Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“
+ „Am Sonntag werd ich ein König sein,
+ Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Montag sein?“
+ „Am Montag bin ich ein Wandersmann,
+ Der nirgends ein Obdach finden kann.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“
+ „Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet,
+ Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“
+ „Am Mittwoch bin ich gar arm und gering,
+ Verkauft um dreißig Silberling.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“
+ „Am Donnerstag bin ich im Speisesaal
+ Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Freitag sein?“
+ „Ach Mutter, ach liebste Mutter mein,
+ Könnt dir der Freitag verborgen sein!“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Samstag sein?“
+ „Am Samstag bin ich ein Weizenkorn,
+ Das in der Erde wird neu geborn.
+
+ Und am Sonntag -- freu dich, o Mutter mein! --
+ Dann werd ich vom Tod erstanden sein:
+ Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand,
+ Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Da Jesus in den Garten ging
+
+
+ Da Jesus in den Garten ging
+ Und ihm sein bittres Leiden anfing,
+ Da trauert alles, was da was,
+ Es trauert alles Laub und Gras.
+
+ Maria, die hört ein Hämmerlein klingen:
+ O weh, o weh, meins lieben Kindes!
+ O weh, o weh, meins Herzen ein Kron,
+ Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.
+
+ Maria kam unter das Kreuz gegangen,
+ Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen
+ An einem Kreuz, was ihr nit lieb,
+ Maria war das Herz betrübt.
+
+ „Johannes, liebster Diener mein,
+ Laß dir mein Mutter befohlen sein!
+ Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan,
+ Daß sie nit seh mein Marter an!“
+
+ „Ach Herr, das will ich gerne tun,
+ Ich will sie führen also schön,
+ Ich will sie trösten also wohl,
+ Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“
+
+ Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast!
+ Mein Kind hat weder Ruh noch Rast.
+ Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras!
+ Laßt euch zu Herzen gehen das!
+
+ Die Feigenbäum, die bogen sich,
+ Die harten Felsen zerkloben sich,
+ Die Sonne verlor ihren güldnen Schein,
+ Die Vögel ließen ihr Singen sein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Golgatha
+
+
+ Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich,
+ So rein, so klardurchsichtig war die Luft.
+ Ich stand auf einem sanften Heidehügel
+ In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein.
+ Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht.
+ Die Himmelsschlüssel blühen überall,
+ Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn.
+ Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt,
+ Reumütig liegt die Sense neben ihm.
+ Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören,
+ Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand,
+ Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.
+
+ Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,
+ Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander.
+ An eine dieser Kiefern dann gelehnt,
+ Sah ich hinab in all die stille Landschaft
+ Und freute mich des wundervollen Friedens.
+ Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,
+ Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben.
+ Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch,
+ Glückselig in der Freude seines Daseins.
+ Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder.
+ Der Mittag kam, ich saß noch immer da.
+ Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer,
+ Ich werde müde, Träume tun sich auf:
+
+ Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien,
+ Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen,
+ Und seltsam ändert sich um mich die Gegend:
+ Im Westen, Osten steigen Mauern auf,
+ Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf,
+ Fern eine fremde, nie gesehne Stadt:
+ Jerusalem! Die Burg Antonia,
+ Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen,
+ Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron,
+ Gethsemane, der Ölberg, Golgatha!
+ Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten,
+ Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken,
+ Und Säulenhallen stehn: Jerusalem!
+ Der Schmerzensweg, die ~via dolorosa~.
+ Und zieht den Weg nicht eine große Schar?
+ Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha?
+ Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?
+
+ Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander,
+ Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader,
+ Doctores: Pöbel aller Stände folgt
+ Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht.
+ Von bernsteingelben Haaren eingerahmt
+ Ist sein Gesicht; und große braune Augen
+ Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge,
+ Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt.
+ Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl,
+ Und höhne, lache mit ...
+
+ Und der die bernsteingelben Haare hat,
+ Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen,
+ Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen.
+ Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab,
+ Und weiter zieht der Zug nach Golgatha.
+ Und alles, was uns nun entgegenkommt,
+ Hält an: ein General, ein Bärenführer,
+ Die Purpursänfte einer Edeldame,
+ Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt,
+ Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom,
+ Die alte Semmelfrau von Jericho,
+ Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten,
+ Der eben von der Felddienstübung heimkehrt.
+ Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt:
+ „Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“
+ Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt.
+ Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe,
+ Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.
+
+ Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern,
+ Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern,
+ Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze.
+ Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn,
+ Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste.
+ Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt
+ Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt,
+ Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel
+ Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...
+
+ Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,
+ Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken:
+ „Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache
+ Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß
+ Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken.
+ Und Barrabas erscheint, der Gassendichter,
+ Der wegen Straßenraubs verurteilt saß,
+ Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf:
+ „Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden,
+ Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund,
+ Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz;
+ Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“
+ Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,
+ Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.
+
+ Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne,
+ Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend,
+ Der dem Erlöser in die Augen blinkt.
+ Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler,
+ Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt,
+ Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt,
+ Schreit: „~Eli, Eli, lama asabthani!~“
+
+ Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub
+ Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her,
+ In rasender Karriere jagt er her.
+ Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach.
+ Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu,
+ Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s,
+ Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung
+ Auf unsern Hügel, an der Kante kommt
+ Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch:
+ Der Adjutant von Pontius Pilatus.
+ Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß,
+ Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar
+ Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul:
+ „Begnadigt!“
+
+ Stracks klettert einer das Gebälk hinan:
+ Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu
+ Ihm von den Augen -- er ist tot.
+
+ Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,
+ Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander.
+ An eine dieser Kiefern angelehnt,
+ Sah ich hinab in all die stille Landschaft
+ Und freute mich des wundervollen Friedens.
+ Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,
+ Glückselig in der Freude seines Daseins.
+
+ Detlev von Liliencron
+
+
+
+
+Karfreitag
+
+
+ Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel,
+ Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,
+ Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,
+ Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte:
+ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
+ Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis.
+ Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit
+ Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“
+ Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:
+ „Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“
+ Dann --: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! -- Es ist vollendet!“
+ Und er neigte sein Haupt und starb.
+
+ F. G. Klopstock
+
+
+
+
+Die Steine werden zeugen
+
+
+ Der Ostermorgen lächelt,
+ Ein Bräutgam, in die Welt,
+ Vom Frühlingsduft gefächelt,
+ Steigt er aus seinem Zelt.
+
+ Und rings herum das Schweigen!
+ Der Wald, er steht so still;
+ Kein Blümlein sich verneigen,
+ Kein Blättchen rauschen will.
+
+ Im fernen Kirchlein singet
+ Die fromme Christenschar;
+ Da von den Steinen klinget
+ Das Echo wunderbar.
+
+ Als wenn aus Bergestiefen
+ Das Singen kläng hervor,
+ Als wenn die Felsen riefen:
+ „Er lebt! er lebt!“ im Chor.
+
+ „Er lebt! er lebt!“ da lauschen
+ Die Blümlein, neigen sich,
+ Da bücket sich mit Rauschen
+ Der Wald so feierlich.
+
+ Und mächtger immer wieder:
+ „Er lebt! er lebt!“ vom Stein --
+ Mir läuft ein Schauer nieder
+ Im tiefsten Mark und Bein;
+
+ Und denk -- und muß mich beugen --
+ Was dort geschrieben ist:
+ Die Steine werden zeugen,
+ Wenn mich der Mensch vergißt.
+
+ Otto Ludwig
+
+
+
+
+Auferstanden
+
+
+ Durchs Fenster scheint der Maientag,
+ Ich schließe die Augenlider
+ Und horche -- das ist Lerchenschlag!
+ O, endlich wieder!
+
+ Ich lausche, wie des Windes Hauch
+ Dahinrauscht durch die Zweige,
+ Es keimen Blüten an jedem Strauch,
+ Auf jedem Steige.
+
+ Da rührt mich Wonne allzumal,
+ Ich schließe die Augenlider --
+ Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl;
+ Ich lebe wieder!
+
+ Es singt die Lerche noch immer fort,
+ Mein Herze möcht zerspringen,
+ Ich lasse verstummen Wort um Wort -- --
+ Und laß sie singen!
+
+ Karl Stieler
+
+
+
+
+Osterhäslein
+
+
+ Drunten an den Gartenmauern
+ Hab ich sehn das Häslein lauern.
+ Eins, zwei, drei:
+ Legt’s ein Ei,
+ Lang wird’s nimmer dauern.
+
+ Kinder, laßt uns niederducken!
+ Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? --
+ Ei, da hüpft’s --
+ Und dort schlüpft’s
+ Durch die Mauerluken.
+
+ Und nun sucht in allen Ecken,
+ Wo die schönen Eier stecken,
+ Rot und blau,
+ Grün und grau
+ Und mit Marmelflecken!
+
+ Friedrich Güll
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Eine Frühlingsnacht
+
+
+ Im Zimmer drinnen ist’s so schwül;
+ Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
+
+ Im Fieber hat er die Nacht verbracht;
+ Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
+
+ Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;
+ Er hält die Uhr in der weißen Hand.
+
+ Er zählt die Schläge, die sie pickt,
+ Er forschet, wie der Weiser rückt;
+
+ Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht,
+ Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,
+
+ Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,
+ Harrend, bis alles vorüber sei. --
+
+ Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;
+ Und draußen dämmert das Morgenrot.
+
+ An die Fenster klettert der Frühlingstag,
+ Mädchen und Vögel werden wach.
+
+ Die Erde lacht in Liebesschein,
+ Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,
+
+ Singende Burschen ziehn übers Feld
+ Hinein in die blühende, klingende Welt. --
+
+ Und immer stiller wird es drin;
+ Die Alte tritt zum Kranken hin.
+
+ Der hat die Hände gefaltet dicht;
+ Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
+
+ Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer,
+ Und drinnen wacht kein Auge mehr.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Das Mädchen aus der Fremde
+
+
+ In einem Tal bei armen Hirten
+ Erschien mit jedem jungen Jahr,
+ Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
+ Ein Mädchen, schön und wunderbar.
+
+ Sie war nicht in dem Tal geboren,
+ Man wußte nicht, woher sie kam;
+ Und schnell war ihre Spur verloren,
+ Sobald das Mädchen Abschied nahm.
+
+ Beseligend war ihre Nähe,
+ Und alle Herzen wurden weit;
+ Doch eine Würde, eine Höhe
+ Entfernte die Vertraulichkeit.
+
+ Sie brachte Blumen mit und Früchte,
+ Gereift auf einer andern Flur,
+ In einem andern Sonnenlichte,
+ In einer glücklichern Natur.
+
+ Und teilte jedem eine Gabe,
+ Dem Früchte, jenem Blumen aus;
+ Der Jüngling und der Greis am Stabe,
+ Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
+
+ Willkommen waren alle Gäste;
+ Doch nahte sich ein liebend Paar,
+ Dem reichte sie der Gaben beste,
+ Der Blumen allerschönste dar.
+
+ Friedrich v. Schiller
+
+
+
+
+Frühlings Begräbnis
+
+
+ Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang
+ Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?
+ Elfenscharen ziehn den Wald entlang,
+ Die mit Klaggesang
+ Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.
+
+ Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,
+ Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!
+ Allzuschwer mit sommerlicher Wut
+ Traf ihn Sonnenglut
+ Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.
+
+ Blumen in der Hand, die er geliebt,
+ Kleine, rote Fackeln leise schwingend,
+ Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,
+ Sonst im Flug geübt,
+ Heute schrittweis, Totenlieder singend.
+
+ Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,
+ Und es schluchzen alle Nachtigallen.
+ Wo er oftmals seine Feste gab,
+ Senkt man ihn hinab,
+ Und die bleichen Silberflöre wallen.
+
+ Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm
+ Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:
+ „Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!
+ Der stirbt wonnesam,
+ Der in blühnder Jugend darf erkalten.
+
+ Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:
+ Den ihr heut hier unter Blumen bettet,
+ Neu und ewig wird er auferstehn.
+ Nimmer kann vergehn,
+ Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“
+
+ Als so weihevoll der Alte sprach,
+ Lauter schluchzte da das Grabgesinde,
+ Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“
+ Ihrem Liebling nach
+ Warf sie in die Gruft die goldne Binde.
+
+ Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?
+ Finster hat Gewölk den Mond verschattet.
+ Ein Gewitter zieht den Wald entlang,
+ Und zerstoben bang
+ Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Künftiger Frühling
+
+
+ Wohl blühet jedem Jahre
+ Sein Frühling mild und licht,
+ Auch jener große, klare,
+ Getrost! er fehlt dir nicht;
+ Er ist dir noch beschieden
+ Am Ziele deiner Bahn,
+ Du ahnest ihn hienieden
+ Und droben bricht er an.
+
+ Ludwig Uhland
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem
+Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
+deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
+und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
+von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
+einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
+eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
+Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
+Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
+jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer
+vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
+Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
+Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis Ende Mai 1924 vor:
+
+ Bd. 3 Wald (W. Weingärtner)
+ „ 4 Hochland (Franz Hoch)
+ „ 6 Helden (W. Weingärtner)
+ „ 7 Schalk (Julius Diez)
+ „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
+ „ 11 Sänger (Hans Röhm)
+ „ 12 Frühling (H. v. Volkmann)
+ „ 13 Sommer (Edmund Steppes)
+ „ 14 Herbst (Karl Biese)
+ „ 15 Winter (Karl Biese)
+ „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
+ „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
+ „ 18 Stadt und Land (J. V. Cissarz)
+ „ 19 Bach und Strom (E. Liebermann)
+ „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
+ „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
+ „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
+ „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
+ „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
+ „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
+
+Im August 1924 werden sich anschließen:
+
+ Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz)
+ „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
+ „ 20 Heide (Adalbert Holzer)
+ „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
+ „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
+
+Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers
+jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen
+noch aus:
+
+ Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
+ „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
+ „ 8 Legenden (G. A. Stroedel)
+ „ 23 Germanentum (H. Röhm)
+ „ 24 Mittelalter (H. Schroedter)
+ „ 25 Zeit d. Wandlungen (C. Roesch)
+ „ 26 Neuzeit (Angelo Jank)
+ „ 27 Gespenster (Julius Diez)
+ „ 28 Tod (Matthäus Schiestl)
+ „ 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau)
+ „ 31 Italien (Hans Volkert)
+ „ 32 Hellas (Karl Bauer)
+ „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
+ „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
+ „ 37 Glück u. Trost (H. Schwegerle)
+
+Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai
+1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche
+Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände
+„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***