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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1924 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den
+ Anfang des Buches versetzt.
+
+ Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+ Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung
+ für Jugend und Volk
+
+ Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
+
+
+ Frühling
+
+ Der deutsche Lenz
+ und was er blühn
+ und werden läßt
+
+
+ Bildschmuck von Hans von Volkmann
+
+ Vierte, veränderte Auflage
+
+ ✤
+
+ +München 1924+
+ Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns
+
+
+
+
+ Druck von Kastner & Callwey, München
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
+
+ Kalter Frühlingsabend (Liliencron) 4
+
+ Frühlingsahnung (Uhland) 4
+
+ Schneeglöckchen (Storm) 4
+
+ Im Omnibus (Gilm) 4
+
+ Der Veilchenstrauß (Trojan) 6
+
+ Am Mühlengraben (Storm) 8
+
+ Vom Kirschbaum (Avenarius) 8
+
+ Vorfrühling (Heyse) 11
+
+ Wirbelnde Flocken (Weber) 11
+
+ Frühlingsnähe (Greif) 11
+
+ Er ist’s (Mörike) 12
+
+ Das kranke Kind (Gilm) 12
+
+ Die Meise (Seidel) 13
+
+ Frühlingsbotschaft (Greif) 14
+
+ Der Wind (Zoozmann) 14
+
+ Märznacht (Uhland) 16
+
+ Eine Morgenwanderung (Flaischlen) 16
+
+ Knabenlust (Fischer) 23
+
+ Wag’s! (Fontane) 23
+
+ Glaube (Uhland) 24
+
+ Trost (Wallpach) 24
+
+ Schwalbenmärchen (Freiligrath) 25
+
+ Dornröschen (Brüder Grimm) 26
+
+ Frühlingsgruß (Eichendorff) 31
+
+ Fallende Blüten (Sergel) 32
+
+ Die seidenen Döckchen (Volksmund) 32
+
+ Frühlingsstimmen (Trojan) 32
+
+ Lerchen (Faktor) 33
+
+ Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben) 34
+
+ Die Amsel (Seidel) 35
+
+ Die schwarze Amsel (Volksmund) 35
+
+ Der Nimmersatt (Blüthgen) 35
+
+ Das Blumenbeet (Goethe) 36
+
+ Die Frösche (Goethe) 37
+
+ Winterbericht (Löwenstein) 37
+
+ Der Storch ist da (Greif) 38
+
+ Klapperstorch (Volksmund) 38
+
+ Kuckuck (Volksmund) 39
+
+ Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein) 39
+
+ Frühlingsregen (Wille) 40
+
+ Aprilwetter (Greif) 43
+
+ April (Löwenstein) 43
+
+ Das arme Vöglein (Fallersleben) 44
+
+ An den Mai (Mörike) 45
+
+ Mailied (Scheffel) 45
+
+ Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius) 46
+
+ Der Säemann (Conrad) 47
+
+ Säerspruch (Meyer) 50
+
+ Junge Kätzchen (Jacobowski) 50
+
+ Der Sperling (Volksmund) 50
+
+ Spatzenausflug (Güll) 53
+
+ Bei Goldhähnchens (Seidel) 54
+
+ Unser Fritz (Mörike) 55
+
+ Ritter Mai (Kernstock) 56
+
+ Die Kurfürsten (Storm) 57
+
+ Kling hinaus (Heine) 57
+
+ Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide) 57
+
+ Begegnung (Falke) 57
+
+ Uebersehen (Greif) 58
+
+ Frühlingsgespenster (Sturm) 59
+
+ Maienkäferlied (Volksmund) 60
+
+ Gedenk! (Eichendorff) 60
+
+ Lenzfahrt (Greif) 60
+
+ Der Mai (Geibel) 61
+
+ Frühling, Frühling überall! (Güll) 61
+
+ Ostern (Goethe) 62
+
+ Das Birkenbäumchen (Falke) 64
+
+ Wieder vorwärts (Keller) 64
+
+ Die heilige Woche (Volksmund) 65
+
+ Da Jesus in den Garten ging (Volksmund) 66
+
+ Golgatha (Liliencron) 67
+
+ Karfreitag (Klopstock) 71
+
+ Die Steine werden zeugen (Ludwig) 71
+
+ Auferstanden (Stieler) 72
+
+ Osterhäslein (Güll) 73
+
+ Eine Frühlingsnacht (Storm) 74
+
+ Das Mädchen aus der Fremde (Schiller) 75
+
+ Frühlings Begräbnis (Paul Heyse) 75
+
+ Künftiger Frühling (Uhland) 77
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ Ihn kennen heißt, ihn lieben,
+ Den Lenz, den deutschen Lenz!
+ Die letzten Flocken stieben;
+ Doch jeder ruft: „Ich kenn’s,
+ Es wird nicht lang mehr dauern
+ Und Veilchen stehn am Rain;
+ Ich traf ihn vor den Mauern --
+ Glaub, morgen zieht er ein!“
+
+ Da mag kein Sänger fehlen:
+ Die sich davongemacht,
+ Mit ausgeruhten Kehlen
+ Heimkehrn sie über Nacht;
+ Doch wer sich deß getraute
+ Und blieb zum Schneeturnei,
+ Die winterrostige Laute,
+ Die stimmt er sich aufs neu.
+
+ Und all das Blühn und Weben
+ Ringsum in Busch und Ried,
+ Des Frühlings schwellend Leben,
+ Gestaltet sich zum Lied. --
+ Darf da ein Spielmann feiern,
+ Der sich den deutschen nennt,
+ Wenn er der besten Leiern
+ Lenzfrohe Weisen kennt?
+
+ Den Frühling sollt ihr schauen,
+ Wie ihn der Dichter schaut
+ Beim Willkommgruß der Auen,
+ Beim letzten Vogellaut,
+ Auf daß zunichte werde,
+ Was je das Herz gequält,
+ Wenn ihm die deutsche Erde
+ Von ihrem Lenz erzählt.
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+
+Kalter Frühlingsabend
+
+ Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld.
+ Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen.
+ Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt,
+ Will langsam eine fahle Wolke steigen.
+ Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt,
+ Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen,
+ Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt,
+ Wann werden sich die lieben Primeln zeigen!
+
+ Detlev v. Liliencron
+
+
+Frühlingsahnung
+
+ O sanfter süßer Hauch!
+ Schon weckest du wieder
+ Mir Frühlingslieder.
+ Bald blühen die Veilchen auch.
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+Schneeglöckchen
+
+ Und aus der Erde schauet nur
+ Alleine noch Schneeglöckchen;
+ So kalt, so kalt ist noch die Flur,
+ Es friert im weißen Röckchen.
+
+ Theodor Storm
+
+
+Im Omnibus
+
+ Ein Omnibus knarrt in dem Schnee,
+ Voll Menschen jeder Art,
+ So wie der Zufall manchmal sie
+ Zusammenpreßt und schart.
+
+ Es bläst der Wind so grimmig kalt,
+ Die Fenster schließen schlecht,
+ Ein jeder ist verdrießlich drob
+ Und keinem etwas recht.
+
+ Dort in der Ecke hält ein Mann
+ Ein Dütchen vor sich hin,
+ So zärtlich und besorgt, als wär
+ Ein Edelstein darin.
+
+ Zu seinem Nachbar einer sagt:
+ „Was doch in aller Welt
+ Der Mann dort in der Düte hat,
+ Die er so sorgsam hält?“
+
+ Der hört die Frage, lächelt fein
+ Und zieht aus dem Papier
+ Ein Veilchen, eben aufgeblüht,
+ Und zeigt’s dem Passagier.
+
+ Und wie es nun von Hand zu Hand,
+ Ein Gruß des Frühlings, geht,
+ So ist’s, als hätt der Freude Hauch
+ Sie alle angeweht.
+
+ Als ob in ein verödet Haus
+ Gekommen wär ein Kind,
+ Als ob von schuldbeladner Brust
+ Genommen wär die Sünd.
+
+ Es tauen schnell die Herzen auf,
+ Und fröhlicher Gesang
+ Mischt mit des Windes Orgel sich
+ Den ganzen Weg entlang.
+
+ Hätt jeder doch in böser Stund
+ Ein Veilchen gleich zur Hand,
+ Es gäb der Sünde weniger,
+ Der Liebe mehr im Land.
+
+ Hermann v. Gilm
+
+
+
+
+Der Veilchenstrauß
+
+
+An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr
+jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab
+sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er
+die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und
+schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das
+wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen
+auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war
+sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke,
+die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen
+wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das
+Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte,
+bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone -- um keine falschen
+Erwartungen rege zu machen -- fragte der alte Herr: „Was sollen sie
+kosten?“ -- „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.
+
+Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes,
+suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein
+Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche
+ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter
+Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der
+Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort
+tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.
+
+Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche,
+sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu
+betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und
+einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus
+einem ausgeribbelten Strumpfe. -- ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der
+Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die
+Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt
+vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er
+roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“
+Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit
+gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas
+Unruhiges in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der
+ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und
+schnell durch die Stadt -- die eine andere war -- dem Tore zuschreiten.
+Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen
+umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte
+sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und
+machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab
+ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie
+jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet -- oder
+wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach
+rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen
+über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem
+Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige
+Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach
+einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft
+und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus
+zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er
+begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“
+Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am
+Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das
+Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen.
+Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über
+das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner
+Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein
+leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen;
+dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen.
+Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich
+über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch
+schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. -- --
+
+Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er
+bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen
+und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt
+entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn -- da er nun doch wußte,
+woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst
+stieg er die Treppe empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat
+ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden
+Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben
+beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das
+Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden
+bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich
+schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen.
+„Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“
+
+ Johannes Trojan
+
+
+
+
+Am Mühlengraben
+
+
+ Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,
+ All, all, die da blühten am Mühlengraben.
+ Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest
+ In ihren kleinen Fäusten haben.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Vom Kirschbaum
+
+
+ Ist alles ganz kahl und still,
+ Nicht mal im Grase sich’s regen will,
+ Steht alles geduckt,
+ Klappert im Frost und muckt
+ Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,
+ Doch im Garten
+ Sagt einer: ich kann warten.
+ Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,
+ So dünn ist er worden: der Kirschenbaum.
+ Schläft er nicht?
+ Trau einer dem Wicht!
+ Heute Mittag um Uhre eins
+ Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins:
+ Darin -- ich habe
+ Das deutlich gesehn --
+ Mit seinen Knospen
+ Fingerte der alte Knabe,
+ Ein wenig vorsichtig und geziert,
+ Wie man Badewasser probiert --
+ Und über seine Runzeln
+ Ging ein Schmunzeln.
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Vorfrühling
+
+
+ Stürme brausten über Nacht
+ Und die kahlen Wipfel troffen.
+ Frühe war mein Herz erwacht,
+ Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
+
+ Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
+ Dringt zu mir vom Wald hernieder.
+ Nisten in den Zweigen schon
+ Die geliebten Amseln wieder?
+
+ Dort am Weg der weiße Streif --
+ Zweifelnd frag ich mein Gemüte:
+ Ist’s ein später Winterreif
+ Oder erste Schlehenblüte?
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Wirbelnde Flocken
+
+
+ Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur?
+ Ist doch der Lenz im Land,
+ Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur,
+ Seit der Winter schwand!
+
+ Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät
+ Weht ihr vom Himmel herab!
+ Der euch über die Aue sät,
+ Sät euch nur ins Grab. --
+
+ Heija! mein Herz ist voll von Lust,
+ Jeder Wonne reich --
+ Fallen die Sorgen mir in die Brust,
+ Sterben sie gleich euch.
+
+ Ernst Weber
+
+
+
+
+Frühlingsnähe
+
+
+ Wieder seh ich jenen Schimmer,
+ Jenen Schimmer an den Bäumen,
+ Der mir sagt, es könne nimmer
+ Lange mehr der Frühling säumen.
+
+ Ja, es ist ein holdes Zeichen,
+ Und, bevor wir ihn noch bitten,
+ Wird er uns mit seinen reichen
+ Wunderblüten überschütten.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Er ist’s
+
+
+ Frühling läßt sein blaues Band
+ Wieder flattern durch die Lüfte;
+ Süße, wohlbekannte Düfte
+ Streifen ahnungsvoll das Land.
+ Veilchen träumen schon,
+ Wollen balde kommen.
+ -- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
+ Frühling, ja, du bist’s!
+ Dich hab ich vernommen!
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+Das kranke Kind
+
+
+ Der Vater ist seit Jahren blind --
+ Blind sein ist mehr als sterben! --
+ Die Mutter hat ein krankes Kind
+ Und kann nicht viel erwerben.
+
+ Die Stube war noch nie so warm,
+ Obgleich das Fenster offen,
+ Seitdem des Winters harter Arm
+ Die Erde hat getroffen.
+
+ Die Sonne küßt das bleiche Kind
+ Zum erstenmal im Jahre;
+ Es spielt ein weicher, warmer Wind
+ Mit seinem feuchten Haare.
+
+ Und wie sein Blick am Himmel hängt,
+ Als möcht’s dahin entfliehen,
+ Im Wangengrübchen langsam fängt
+ Ein Röslein an zu blühen.
+
+ Und -- süßes Wunder! -- plötzlich, als
+ Sei alles Leid zu Ende,
+ Schlingt lächelnd um der Mutter Hals
+ Es seine beiden Hände.
+
+ Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat,
+ Bricht aus in lautes Weinen --
+ Das war des Frühlings erste Tat,
+ Und keine von den kleinen.
+
+ Hermann v. Gilm
+
+
+
+
+Die Meise
+
+
+ Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf!
+ Ein lustiges, kleines Ding,
+ Und immer geschwätzig und flink,
+ Und immer obenauf!
+
+ Denn ob die ganze Welt vereist,
+ Sie findet den Tisch gedeckt:
+ Hier wird ein Körnchen geschleckt
+ Und dort ein Püppchen verspeist.
+
+ „Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“
+ So ruft sie im knospenden Wald,
+ Und wehn auch die Winde noch kalt:
+ Sie weiß es, glaubt es nur ja!
+
+ Sie hat in das Herz der Knospe gesehn,
+ In die Wiege von Blume und Grün,
+ Sie weiß: Bald wird es nun blühn
+ Und die Welt in Veilchen stehn.
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Frühlingsbotschaft
+
+
+ Ich hab ein Vöglein gehöret
+ Herab von einem Baum,
+ Das hat mich nicht betöret.
+ Gar weise sang es im Traum,
+ Ich hab es nicht gestöret,
+ Wußt von mir selbst mehr kaum:
+ Tin din di!
+
+ Das Vöglein hat helle gesungen:
+ „Die Veigelein sind da.“
+ Ich bin zu Walde gedrungen.
+ Mein Aug sie selber sah.
+ Ahi, ihr Vogelzungen,
+ Wie süß mir da geschah:
+ Tin din di!
+
+ Martin Greif
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Wind
+
+
+ Wind, Wind,
+ Wo kommst du her?
+
+ „Weit übers Meer
+ Fuhr ich geschwind!
+ Habe die Wellen
+ Gepeitscht und geschlagen,
+ Machte zerschellen
+ Die Schiffe
+ Am Riffe --
+ Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“
+
+ Wind, Wind,
+ Wo kommst du her?
+
+ „Übers Gebirge
+ Saust ich mit Macht,
+ Hab die Lawine ins Rollen gebracht.
+ Wald und Saaten
+ Hat sie geknickt,
+ Hirt und Herden
+ Zermalmt und zerdrückt.
+ Des Älplers Dorf
+ Liegt tief unterm Schnee,
+ Kein Dach, kein Türmchen
+ Ragt mehr zur Höh! --
+ Dann hab ich sacht
+ In selbiger Nacht
+ Ein glimmendes Fünkchen
+ Zum Lodern gebracht,
+ Ein Flammenmeer
+ Durch die Gassen gefegt,
+ Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“
+
+ Wind, Wind,
+ Was tatest du dann?
+
+ „Habe über den grünen Rasen
+ Einer lachenden Wiese geblasen;
+ Habe lind die Blüten gewiegt,
+ Die der gaukelnde Falter umfliegt;
+ Habe dem Bächlein sanft gesäuselt,
+ Habe den Birken die Kronen gekräuselt.
+ Hab um ein Kind,
+ Das drunter schlief,
+ Leis und lind
+ Die Flügel geschwungen
+ Und es gesungen
+ In Schlummer tief.“
+
+ Wind, Wind,
+ Was tatest du dann?
+
+ „Hab die Wolken am Himmel gejagt,
+ Bis die Sonne golden getagt;
+ Hab der ganzen Welt gelacht
+ Und mit Brausen den Frühling gebracht!“
+
+ Wind, Wind,
+ Wohin nun geschwind?
+
+ „Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken,
+ Neue Arbeit mir auszuwirken!
+ Ich kann brausen
+ Der Welt zum Grausen,
+ Und kann weich wie ein Atem wehn!
+ Aber nun frag nicht mehr,
+ Denn ich sag nicht mehr --
+ Schweig und laß mich gehn!“
+
+ Wind, Wind,
+ Gottes und Dämons Kind,
+ Wenn deine Hand
+ Fluch und Segen umspannt:
+ Gnädig, nur mit sanftem Gebrause,
+ Geh vorüber meinem Hause!
+
+ Richard Zoozmann
+
+
+
+
+Märznacht
+
+
+ Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht
+ hin!
+ Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+
+
+Eine Morgenwanderung
+
+
+Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang
+Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine
+Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein großer Osterchoral donnerte
+er über die Gräber und rief zur Auferstehung.
+
+Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem
+Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr
+zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum
+Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm
+stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter
+die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie
+Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen
+zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond
+schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch
+sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem
+Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der
+Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.
+
+Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die
+fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit
+phantastisch-gespenstischem Leben.
+
+Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte,
+standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf
+aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte
+in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den
+Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und
+schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf,
+drohend, wie wenn ....
+
+Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten
+bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber
+beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt
+uns!“ ....
+
+Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird
+nur endlich Frühling!
+
+Frühling! und wenn’s noch so tobt!
+
+Frühling! ja! ....
+
+Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in
+die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen
+und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen!
+
+Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen!
+
+Das war es ja auch!
+
+Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen
+trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem
+ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!
+
+Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig
+werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich
+nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich
+zurück in ihren trübseligen Alltag.
+
+Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren
+jauchzenden Frühlingssturm -- und ließen uns, aufschauernd, sein
+Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens!
+
+Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles
+Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe
+Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst,
+und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll
+Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde
+Erfüllung unserer Sehnsucht.
+
+Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in
+den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den
+Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück.
+
+Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem
+Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und
+die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der
+Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch
+Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas
+Heiliges!
+
+Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben
+und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt,
+wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.
+
+Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen
+und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine
+freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als
+ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne
+verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines
+am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und
+kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen
+lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen
+und kletterten scheue Dunstflüge herum.
+
+Vor uns -- jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat
+zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich
+nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter
+ihm ab.
+
+Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln
+-- schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge
+der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft,
+wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all
+dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So
+närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze
+Treiben der Welt erscheinen mag.
+
+Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen
+Pantomime zusähe.
+
+Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie
+in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen
+gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.
+
+Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!
+
+Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als
+unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es
+darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen
+stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und
+liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.
+
+Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen
+und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder
+andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren,
+und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit.
+Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke
+darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die
+Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die
+großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.
+
+Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie
+brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde,
+um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und
+Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.
+
+Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken
+und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten
+am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas
+tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen
+aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.
+
+Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und
+die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so
+lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie
+zu regieren.
+
+Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.
+
+Ich lachte.
+
+„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es
+wird nur endlich Frühling!“
+
+Gott sei Dank!
+
+Es wird nur endlich Tag!
+
+Nach so langer, dumpfer Nacht!
+
+Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang
+durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!
+
+Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich
+mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich
+tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und
+gestikulierender hin und her rannten.
+
+Da: Ein blendender Blitz zuckt empor.
+
+Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue
+Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt.
+
+Tag! Tag! Tag!
+
+Und Frühling! Frühling! --
+
+Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken
+ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen.
+Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster
+Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und
+Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten
+daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und
+an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu
+zwingen.
+
+Wir lachten.
+
+Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und
+Leitern und Ketten.
+
+Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was
+es war; Nebel? -- sie zu verhängen und darunter zu ersticken.
+
+Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.
+
+Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig,
+unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was
+wollten ihr diese Fliegen!?
+
+Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche
+zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn
+freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont
+hinunterzuspritzen.
+
+Es zischte ein wenig, das war alles.
+
+Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.
+
+Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn
+Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren
+Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte
+Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.
+
+Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die
+Sonne empor, höher und höher.
+
+Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den
+Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit
+Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze
+Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.
+
+Da -- mit einem Male -- war es doch, als ob sie siegten.
+
+Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein
+Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig
+Minuten übersponnen hatten.
+
+Sie war gefangen.
+
+Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten
+ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und
+straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.
+
+Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.
+
+Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf
+und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die
+Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen,
+zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf.
+
+Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an
+Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken,
+riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska
+purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder
+flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung
+kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und
+rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.
+
+[Illustration]
+
+Wir lachten. Es war grausam -- aber wir lachten: wie diese
+Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen
+Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung
+und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber
+doch nicht; und ...
+
+Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu
+retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen.
+
+Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!
+
+Die anderen aber trug sie -- lächelnd -- höher und höher, bis in
+der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch
+überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem
+Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. -- -- --
+
+Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender
+Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag
+ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem
+Frühling die Erfüllung.
+
+Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber
+flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und
+Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und
+wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und
+ein Lied des Sieges. -- -- --
+
+Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne
+aufgehe?!
+
+ Cäsar Flaischlen
+
+
+
+
+Knabenlust
+
+
+ Horch, Märzenwind und Lerchenschlag
+ Und keine Schule den Nachmittag!
+ Die Füße ohne Strumpf und Schuh,
+ Auf trocknem Weg den Wiesen zu!
+ Zum Nesterbauen und Veilchenblühn,
+ Zu Palmenweiden und Ostergrün! --
+ Die spielenden Mägdlein dort am Rain,
+ Die möchten wohl unsre Gesellen sein. --
+ Nun rasch die Felsen emporgesaust,
+ Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust!
+
+ Johann Georg Fischer
+
+
+
+
+Wag’s!
+
+
+ Nun ist er endlich kommen doch
+ In grünem Knospenschuh;
+ „Er kam, er kam ja immer noch!“
+ Die Bäume nicken sich’s zu.
+
+ Sie konnten ihn all erwarten kaum.
+ Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
+ Im Garten der alte Apfelbaum:
+ Er sträubt sich, aber er muß.
+
+ Wohl zögert auch das alte Herz
+ Und atmet noch nicht frei,
+ Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,
+ Und März ist noch nicht Mai.“
+
+ O, schüttle ab den schweren Traum
+ Und die lange Winterruh,
+ Es wagt es der alte Apfelbaum,
+ Herze, wag’s auch +du+!
+
+ Theodor Fontane
+
+
+
+
+Glaube
+
+
+ Die linden Lüfte sind erwacht,
+ Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
+ Sie schaffen an allen Enden.
+ O frischer Duft, o neuer Klang!
+ Nun, armes Herze, sei nicht bang!
+ Nun muß sich alles, alles wenden.
+
+ Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
+ Man weiß nicht, was noch werden mag,
+ Das Blühen will nicht enden.
+ Es blüht das fernste, tiefste Tal;
+ Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
+ Nun muß sich alles, alles wenden.
+
+ Ludwig Uhland
+
+
+
+
+Trost
+
+
+ Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar,
+ Den Horizont trübt leichter Dunst,
+ Sein Sommerhaus bezieht der Star,
+ Und Primeln blühn im Wasserrunst.
+
+ Die Bienen schwirren honigsatt
+ Ums aufgedeckte Veilchenbeet,
+ Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt,
+ Am Fenster, das weit offen steht.
+
+ Das ist mein Trost nun: Tag für Tag
+ Seh ich dem stillen Werden zu.
+ Leis ebbt des raschen Herzens Schlag,
+ Und alle Sorge geht zur Ruh.
+
+ Artur von Wallpach
+
+
+
+
+Schwalbenmärchen
+
+
+ Auf dem stillen, schwülen Pfuhle
+ Tanzt die dünne Wasserspinn;
+ Unten auf kristallnem Stuhle
+ Thront die Unkenkönigin.
+
+ Von den edelsten Metallen
+ Hält ein Reif ihr Haupt umzogen,
+ Und wie Silberglocken schallen
+ Unkenstimmen durch die Wogen.
+
+ Denn der Lenz erschien; die Schollen
+ Sind zerflossen; Blüten zittern;
+ Dumpfe Frühlingsdonner rollen
+ Durch die Luft, schwarz von Gewittern.
+
+ Wasserlilienkelche fließen
+ Auf des Teiches dunkelm Spiegel,
+ Und die ersten Schwalben schießen
+ Drüberhin mit schnellem Flügel.
+
+ Aus den zarten Schnäbeln leise
+ Tönt Gezwitscher in die Wellen:
+ „Viele Grüße von der Reise
+ Haben wir dir zu bestellen.
+
+ Lange waren wir in fremden,
+ Sandbedeckten, heißen Ländern,
+ Wo in weiten Kaftanhemden
+ Träge Turbanträger schlendern.
+
+ Purpurfarbne Wunderpflanzen
+ Dienten uns zu Meilenweisern;
+ Gelbe Mauren sahn wir tanzen
+ Nackt vor ihren Leinwandhäusern.
+
+ Lechzend auf dem warmen Sattel
+ Saß der Araber, der leichte,
+ Während Ziegenmilch und Dattel
+ Ihm aufs Pferd die Gattin reichte.
+
+ Auf die Jagd der Antilopen
+ Kriegerisch mit Spieß und Pfeile
+ Zogen schlanke Äthiopen;
+ Klagend tönte Memnons Säule.
+
+ Aus des Niles Flut getrunken
+ Haben wir, matt von der Reise;
+ Gruß dir, Königin der Unken,
+ Von dem königlichen Greise!
+
+ Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!
+ Doch zumeist der Grüße viele
+ Bringen wir von deinem Vetter,
+ Von dem Krokodil im Nile!“
+
+ Ferdinand Freiligrath
+
+
+
+
+Dornröschen
+
+
+Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag:
+„Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da
+trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch
+aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird
+erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt
+bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin
+gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich
+nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß
+seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen
+dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer
+dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte,
+von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben.
+Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war,
+beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine
+mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so
+mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben
+getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich
+dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen
+oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter
+soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot
+hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um
+und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte
+hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen
+Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie:
+„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf,
+in welchen die Königstochter fällt.“
+
+[Illustration]
+
+Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte,
+ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche
+sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der
+weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam,
+freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben
+mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt
+ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
+ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah
+Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen
+alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer
+kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und
+als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen
+Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.
+„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst
+du da?“ -- „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was
+ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen,
+nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die
+Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach
+sich damit in den Finger.
+
+In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das
+Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser
+Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die
+Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen
+an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch
+die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die
+Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward
+still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der
+Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren
+ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und
+auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.
+
+Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die
+jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber
+hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht
+die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem
+schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter
+genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die
+Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich;
+denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die
+Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen
+und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam
+wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann
+von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in
+welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon
+seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die
+Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß
+schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
+Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines
+traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich
+nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte
+mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.
+
+Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war
+gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn
+sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die
+taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch,
+und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im
+Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und
+schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter
+den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen
+an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte
+er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das
+sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen
+Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König
+und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß
+einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und
+öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.
+Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und
+er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt
+hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz
+freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und
+die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen
+an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde
+sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen
+unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an
+den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte
+und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der
+Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte
+das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem
+Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an
+ihr Ende.
+
+ Brüder Grimm
+
+
+
+
+Frühlingsgruß
+
+
+ Es steht ein Berg in Feuer,
+ In feurigem Morgenbrand,
+ Und auf des Berges Spitze
+ Ein Tannenbaum überm Land.
+ Und auf dem höchsten Wipfel
+ Steh ich und schau vom Baum,
+ O Welt, du schöne Welt, du,
+ Man sieht dich vor Blüten kaum!
+
+ Josef von Eichendorff
+
+
+
+
+Fallende Blüten
+
+
+ Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen,
+ Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen.
+
+ Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden,
+ Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen
+
+ Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete,
+ Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete.
+
+ Albert Sergel
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die seidenen Döckchen
+
+
+ Kling, kling, Glöckchen,
+ Im Haus steht ein Döckchen,
+ Im Garten steht ein Hühnernest,
+ Stehn drei seidne Döckchen drin,
+ Eins spinnt Seiden,
+ Eins flicht Weiden,
+ Eins schließt den Himmel auf,
+ Läßt ein bißchen Sonn heraus,
+ Läßt ein bißchen drinn,
+ Daraus die Liebfrau Maria spinn
+ Ein Röcklein für die Kindelein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Frühlingsstimmen
+
+
+ Seht, was da draußen vor sich geht!
+ Es regt sich, was schon lang geruht.
+ Die Sonn besieht sich’s jeden Tag
+ Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“
+
+ Man spricht davon im Sperlingsnest;
+ Da zwitschert es mit hellem Ton.
+ „Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot.
+ ’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“
+
+ Im Wald ist auch der Haselbusch
+ Schon wach und blinzelt schon ins Licht.
+ Und schneit’s ihm in die Augen mal,
+ Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht.
+
+ Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor;
+ Hellgrün und rot drängt sich’s herauf.
+ Eins sieht sich nach dem andern um:
+ „Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“
+
+ Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon,
+ Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht;
+ Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt!
+ Man hält es aus -- es geht, es geht.“
+
+ Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft
+ Hoch überm Ackersmann und singt:
+ „Ich bin die erst; die erst bin ich,
+ Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“
+
+ So regt sich Leben überall
+ Und neue Lust und froher Klang.
+ Auf, stimmet mit den Herzen ein!
+ Freut euch und sagt dem Himmel Dank!
+
+ Johannes Trojan
+
+
+
+
+Lerchen
+
+
+ Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder,
+ Du hörst nur lauter Frühlingslieder,
+ Und immer lauter wird der Chor
+ Von Lerchen, die im Himmel wohnen;
+ Es hält den Atem an der Wind -- --
+ Berauschend schlägt es an mein Ohr
+ Wie Jubelsang von Millionen,
+ Die glücklich, überglücklich sind.
+
+ Emil Faktor
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Maiglöckchen und die Blümelein
+
+
+ Maiglöckchen läutet in dem Tal,
+ Das klingt so hell und fein:
+ So kommt zum Reigen allzumal,
+ Ihr lieben Blümelein!
+
+ Die Blümchen blau und gelb und weiß,
+ Die kommen all herbei,
+ Vergißmeinnicht und Ehrenpreis,
+ Zeitlos und Akelei.
+
+ Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu,
+ Und alle tanzen dann,
+ Der Mond sieht ihnen freundlich zu,
+ Hat seine Freude dran.
+
+ Den Junker Reif verdroß das sehr,
+ Er kommt ins Tal hinein:
+ Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr,
+ Fort sind die Blümelein.
+
+ Doch kaum der Reif das Tal verläßt,
+ Da rufet wiederum
+ Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest
+ Und läutet bim bam bum.
+
+ Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus,
+ Maiglöckchen ruft auch mich:
+ Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus,
+ Zum Tanze geh auch ich!
+
+ Hoffmann von Fallersleben
+
+
+
+
+Die Amsel
+
+
+ Wie tönt an Frühlingstagen
+ So schwermutreich und hold
+ Der Amsel lautes Schlagen
+ Ins stille Abendgold.
+
+ Es schimmert an den Zweigen
+ Ein zartverhülltes Grün,
+ Die jungen Säfte steigen,
+ Und es beginnt zu blühn.
+
+ Doch nicht mit Jubeltönen
+ Begrüßt die Amsel nun
+ Die Tage, jene schönen,
+ Die in der Zukunft ruhn.
+
+ Es klingt wie Leides Ahnung,
+ Sie singt im schwarzen Kleid
+ Schon jetzt die trübe Mahnung:
+ Wie kurz die schöne Zeit.
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Die schwarze Amsel
+
+
+ Wann ich schon schwarz bin,
+ Schuld ist nicht mein allein,
+ Schuld hat meine Mutter gehabt,
+ Weil sie mich nicht gewaschen hat,
+ Da ich noch klein,
+ Da ich noch wunderwinzig bin gesein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Der Nimmersatt
+
+
+ In unserm Flieder raschelt was,
+ Ein kleiner Spatz.
+ „Hier sitz ich ohne Futter,
+ Wo bleibt nur meine Mutter?
+ Ich hab ein schön gelb Schnäbelein;
+ Es tut mir keiner was hinein,
+ Mir armen Matz.
+
+ Ade, du schöner Sonnenschein,
+ Du grüner Platz!
+ Hier muß ich nun verderben,
+ Sie läßt mich Hungers sterben;
+ Sie fliegt in aller Welt umher
+ Und findet mich gewiß nicht mehr,
+ Mich armen Matz.“
+
+ Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart:
+ „Hört eins den Fratz!
+ Ich stopfe, und ich stopfe;
+ Er schilt mit vollem Kropfe!
+ Ich wüßt nicht, wer es besser hat:
+ Du bist ein kleiner Nimmersatt,
+ Mein kleiner Matz!“
+
+ Viktor Blüthgen
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Blumenbeet
+
+
+ Das Beet, schon lockert
+ sich’s in die Höh,
+ Da wanken Glöckchen
+ So weiß wie Schnee;
+ Safran entfaltet
+ Gewaltge Glut,
+ Smaragden keimt es
+ Und keimt wie Blut.
+ Primeln stolzieren
+ So naseweis,
+ Schalkhafte Veilchen,
+ Versteckt mit Fleiß;
+ Was auch noch alles
+ Da regt und webt,
+ Genug, der Frühling,
+ Er wirkt und lebt!
+
+ Wolfgang v. Goethe
+
+
+
+
+Die Frösche
+
+
+ Ein großer Teich war zugefroren;
+ Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
+ Durften nicht ferner quaken noch springen,
+ Versprachen sich aber, im halben Traum,
+ Fänden sie nur da oben Raum,
+ Wie Nachtigallen wollten sie singen.
+ Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
+ Nun ruderten sie und landeten stolz
+ Und saßen am Ufer weit und breit
+ Und quakten wie vor alter Zeit.
+
+ Wolfgang v. Goethe
+
+
+
+
+Winterbericht
+
+
+ Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder
+ Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder!
+ Nun saget mir, was ist geschehn,
+ Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“
+ „Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen
+ Da hat sich vieles zugetragen;
+ Mein Vater kaufte eine Kuh
+ Und meiner Schwester neue Schuh.
+ Ich hab an Größe zugenommen
+ Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen,
+ Weihnachten kriegte ich ein Schwert
+ Und ein sehr wildes Wiegenpferd.
+ Und in die Schule geht, mein Bester,
+ Jetzt auch die Suse, meine Schwester,
+ Und weil sie neulich nichts gewußt,
+ Hat sie nachbleiben schon gemußt.“
+ „Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern,
+ „Man darf nicht aus der Schule plappern!“
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Storch ist da
+
+
+ Juchheirasa,
+ Der Storch ist da!
+ Er steht vergnügt im Neste
+ Und klappert auf das beste;
+ Er bückt sich vor der Störchin fein
+ Und dreht sich auf dem langen Bein.
+
+ Juchheirasa.
+ Der Storch ist da!
+ Was er im Wickelkissen
+ Mitbringt, wer kann es wissen?
+ Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein?
+ Es wird doch nicht ein Pärchen sein?
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Klapperstorch
+
+
+ Storch, Storch, Langbein,
+ Wann fliegst du ins Land herein,
+ Bringst dem Kind ein Brüderlein?
+ Wenn der Roggen reifet,
+ Wenn der Frosch pfeifet,
+ Wenn die goldnen Ringen
+ In der Kiste klingen,
+ Wenn die roten Appeln
+ In der Kiste rappeln.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Kuckuck
+
+
+ Der Gutzgauch auf dem zaune saß,
+ guckguck, guckguck!
+ es regnet ser, und er ward naß,
+ guckguck, guckguck, guckguck!
+ Darnach do kam der sonnenschein,
+ guckguck, guckguck!
+ der Gutzgauch der ward hüpsch und fein,
+ guckguck, guckguck, guckguck!
+ Alsdann schwang er sein gfidere,
+ guckguck, guckguck!
+ er flog dort hin wol über se,
+ guckguck, guckguck!
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Der Zweig und der Vogel im April
+
+
+ Wach auf! wie schläfst du gar so still --
+ Wach auf! wir haben schon April.
+ Wach auf! was schläfst du gar so fest?
+ Ich brauche Schatten für mein Nest,
+ Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut,
+ Damit mein Nest kein Würger schaut,
+ Der mich beraubt und mich bedroht
+ Und meinen Kleinen bringt den Tod.
+ Drum, lieber Zweig, erwach, erwach,
+ Bau mir solch dichtbelaubtes Dach!
+ Was tut der stille Zweig darauf?
+ Er schlägt die Blütenaugen auf
+ Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein,
+ Ich brauch zum Bauen Sonnenschein.
+ Wart nur zwei Wochen oder drei,
+ Dann kommt mein Meister an, der Mai!
+ Dann schmück ich dir dein kleines Haus
+ Mit festen grünen Wänden aus,
+ Von grünen Ziegeln hundertfach
+ Bau drüber ich ein dichtes Dach,
+ Daß dich kein böser Würger sieht.
+ Dann kannst du singen froh dein Lied,
+ Kannst pflegen deine kleine Brut
+ Mit deinem Weibchen, still und gut,
+ Den ganzen, lieben Sommer lang!“
+ Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank!
+ So will ich baun mein Nest in Ruh;
+ Doch für das Dächlein sorge du!
+ Und kommt der Mai, dann ohne Rast
+ Tu, was du mir versprochen hast!“
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+Frühlingsregen
+
+
+ Die grauen Wolken flogen,
+ Umwölbend das Gefild,
+ Und nieder kam gezogen
+ Ein Regen warm und mild.
+ Nun träufelt der Erquickung Tau,
+ Es dampft die zartbegrünte Au --
+ Die Erde hat gesogen
+ Und ihren Durst gestillt.
+
+ Ein Duft von jungem Leben
+ Den kühlen Hain durchdringt;
+ Die Knospen wonnig beben,
+ Und sachtes Tröpfeln klingt.
+ Durch Erlenbüsche streift der Wind,
+ Mit feuchtem Haar -- ein heitres Kind;
+ Ein Säuseln läßt er schweben
+ Aus dem Gezweig und singt:
+
+ „Sonne, erschließe
+ Das himmlische Blau,
+ Goldglanz gieße
+ Auf grüne Au!
+ Ihr gebadeten Blumen,
+ Laßt die feuchten
+ Äuglein leuchten!
+ Ich schüttle von schwanken Erlen
+ Zum Spiel euch glitzernde Perlen --
+ Solch bunte Perlen woben
+ Die schwebende Brücke droben
+ Am blauen Himmelssee.“
+
+ Bruno Wille
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Aprilwetter
+
+
+ Sprühregen, drein die Sonne scheint,
+ Jetzt da und jetzt auch schon vorüber,
+ So kurz, wie wach der Säugling weint,
+ Er wendet sich und schlummert wieder.
+ Sprühregen! Jetzt der Himmel blau,
+ Und jetzt von Wolken überzogen,
+ Nun lachend über allem Grau
+ Im Wunderschein der Regenbogen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+April
+
+
+ April! April
+ Weiß nicht, was er will,
+ Ist gar ein launischer Gesell,
+ Bald düster, bald hell,
+ Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein
+ Dir freundlich und hell ins Herz hinein
+ Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen,
+ Bald weint er und heult schier zum Erbarmen.
+ Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen,
+ Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen,
+ Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder
+ Und hagelt und wettert wild hernieder.
+ Dem Frühling heut zu dienen beginnt er,
+ Und morgen dient er wieder dem Winter.
+ Ist eben zweier Herren Knecht
+ Und macht’s drum keinem Herren recht,
+ Will sich für keinen von den beiden
+ Mit ehrlich festem Sinn entscheiden.
+ Was er verspricht, das hält er nicht,
+ Was er bringen soll, das bringt er nicht,
+ Was er singen soll, das singt er nicht,
+ Wenn er lachen kann, so lacht er nicht,
+ Was er machen kann, das macht er nicht,
+ Tut, was er schafft, nur mit Verdruß,
+ Und tut’s nur darum, weil er muß.
+ Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei,
+ Vor allem doch den Monat Mai!
+
+ Rudolf Löwenstein
+
+
+
+
+Das arme Vöglein
+
+
+ Ein Vogel ruft im Walde,
+ Ich weiß es wohl, wonach?
+ Er will ein Häuschen haben,
+ Ein grünes, laubig Dach.
+
+ Er rufet alle Tage,
+ Und flattert hin und her,
+ Und in dem ganzen Walde
+ Hört keiner sein Begehr.
+
+ Und endlich hört’s der Frühling,
+ Der Freund der ganzen Welt.
+ Der gibt dem armen Vöglein
+ Ein schattig Laubgezelt.
+
+ Wer singt im hohen Baume
+ So froh vom grünen Ast?
+ Das tut das arme Vöglein
+ Aus seinem Laubpalast.
+
+ Es singet Dank dem Frühling
+ Für das, was er beschied,
+ Und singt, so lang er weilet,
+ Ihm jeden Tag ein Lied.
+
+ Hoffmann von Fallersleben
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+An den Mai
+
+
+ Es ist doch im April fürwahr
+ Der Frühling weder halb noch gar!
+ Komm, Rosenbringer, süßer Mai,
+ Komm du herbei!
+ So weiß ich, was der Frühling sei.
+
+ -- Wie aber? Soll die erste Gartenpracht,
+ Narzissen, Primeln, Hyazinthen,
+ Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht,
+ Schon welken und verschwinden?
+ Und mit euch besonders, holde Veilchen,
+ Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei?
+ Lieber, lieber Mai,
+ Ach, so warte noch ein Weilchen!
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+Mailied
+
+
+ Es kommt ein wundersamer Knab
+ Jetzt durch die Welt gegangen,
+ Und wo er geht, bergauf, bergab,
+ Hebt sich ein Glast und Prangen.
+ In frischem Grün steht Feld und Tal,
+ Die Vögel singen allzumal,
+ Ein Blütenschnee und Regen
+ Fällt nieder allerwegen.
+
+ Drum singen wir im Wald dies Lied
+ Mit Hei und Tralaleyen;
+ Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,
+ Als Gruß dem jungen Maien.
+
+ Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ,
+ Ist immer guter Laune;
+ Drum schwirren durch den Tann herum
+ Die Maienkäfer braune,
+ Und aus dem Moos wächst schnell herfür
+ Der Frühlingsblumen schönste Zier;
+ Die weißen Glocken läuten
+ Den Maien ein mit Freuden.
+
+ Drum singen wir im Wald das Lied
+ mit Hei und Tralaleyen;
+ Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,
+ Als Gruß dem jungen Maien.
+
+ Viktor v. Scheffel
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Nochmals vom Kirschbaum
+
+
+ Nun sagt, was ist im Kirschenbaum?
+ In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum:
+ In seinen Adern regte sich’s leis:
+ In seinen Ästen bewegte sich’s leis:
+ Noch eine einzige laue Nacht --
+ Und plötzlich steht er in Blütenpracht!
+
+ Jetzt schwirren die Boten rings weitum --
+ Gesumm, Gebrumm
+ Von feinsten Stimmen:
+ „Heran, ihr Immen,
+ Zum Feste:
+ Der Alte erwartet die Gäste!“
+ Leg dich darunter, nach oben schau --
+ Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! --
+
+ Und lausche: von fern und nah
+ Richtig, sind schon die Bienen da,
+ Ganz aus ist nun die Winternacht,
+ Der alte Herr ganz aufgewacht --
+ Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“
+ Wie sie von allen Tellerchen schlecken.
+
+ Von einem zum andern, summ, summ, summ,
+ Zu Tausenden tummeln sie sich herum,
+ Nippen, naschen, trinken, brummen,
+ Die Blüten selber, meinst du, summen
+ Immer im gleichen Geschwirr in Ruh --
+ Der Alte strahlt über und über dazu.
+
+ Endlich zieht davon der Schwarm,
+ Aber nun werden die Tage warm,
+ Aber nun brechen die Blätter heraus,
+ Aber nun reifen die Früchte aus.
+
+ An jedem Aste die Körbe schwer,
+ Richtet er’s jetzt für die Großen her:
+ Stützt ihm die Arme, daß er nicht
+ Unter dem eignen Segen bricht!
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+
+
+
+Der Säemann
+
+
+ Immer seh ich dich so, mein Vater,
+ zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke:
+ als Säemann.
+ Und deine Söhne, groß und schlank wie du,
+ ganz dein verjüngtes Bild,
+ barhäuptig und barfuß
+ am Pflug.
+
+ Ein breiter Acker,
+ aus der Mulde, die so windstill,
+ nach der Höhe, luftig bewegt.
+
+ Lang am Wald hin
+ dunkle Eichen und helle Birken,
+ und wilde Heckenrosen am Rain
+ in runden Büschen,
+ an den Dornen Wollen-Flöckchen.
+ Die frisch gebrochenen Furchen braun
+ und dampfend im herben, würzigen Frühwind.
+ Hinter uns stolzierend
+ der schwarzglänzende Rabe,
+ emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.
+
+ Weiße Wolken
+ als träumende Schäfchen
+ hinziehend am hohen Himmel.
+
+ Du in langen Schritten gradaus,
+ kräftig atmend,
+ das Auge hell und fest.
+
+ Kuckucksruf aus dem Wald:
+ Du blickst uns an und lächelst schalkhaft.
+ Wir klopfen dreimal an die Tasche.
+
+ Nun gürtest du um den Leib
+ den grauen, körnerschweren Samensack.
+ Der rechte Arm,
+ nackt bis zum Ellenbogen,
+ mit flatterndem Ärmel,
+ geht im Schwung mit dem Schritt.
+ Aus der Hand fliegen sausend im Bogen
+ die Körner, sorglich erlesen,
+ glatt und prall und glänzend in Keimkraft.
+ Stillbedächtig,
+ wie in verhaltener Lust,
+ empfängt sie die Erde und zieht sie ein
+ in den harrenden Schoß,
+ Hampfel um Hampfel.
+
+ Immer seh ich dich so, mein Vater,
+ als Säemann.
+ Immer so im festen Schritt
+ über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin,
+ wie von heimlicher Musik
+ aus der Tiefe der Erde begleitet,
+ von segnenden Winden umsungen
+ aus des Himmels leuchtender Höhe.
+ Und deine Söhne alle, emsig wie du,
+ was auch sonst ihre Hantierung,
+ immer wieder am Pflug,
+ bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen,
+ weit leuchtend über die Felder hin.
+
+ Und aus der Ferne
+ hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich:
+ „Wie seid ihr fleißig heute!“
+ Dann erscheint sie,
+ die Hand schirmend über den lachenden Augen,
+ die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht:
+ „Längst ist vorüber der Mittag,
+ habt ihr nicht läuten gehört?
+ Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet,
+ Linsensuppe gibt’s und Spätzli --“
+
+ Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn:
+ „Gleich, Mutter, gleich.
+ Wir sind hungrig wie Wölfe.“
+
+ „Gott sei Dank,“ sagst du, Vater,
+ „wir haben das Unsrige getan.
+ Nun schenk uns der Himmel gut Wetter
+ zu Wachstum und Ernte.“
+
+ Immer seh ich uns so, ganz deutlich,
+ und hör jedes Wort
+ von dir und der seligen Mutter.
+ So lange ist’s her, so lange, so lange.
+ Und immer noch schwillt uns das Herz
+ in Hoffnung künftiger Ernten.
+
+ Michael Georg Conrad
+
+
+
+
+Säerspruch
+
+
+ Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
+ Die Erde bleibt noch lange jung!
+ Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
+ Die Ruh ist süß. Es hat es gut.
+ Hier eins, das durch die Scholle bricht.
+ Es hat es gut. Süß ist das Licht.
+ Und keines fällt aus dieser Welt
+ Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.
+
+ C. F. Meyer
+
+
+
+
+Junge Kätzchen
+
+
+ Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu,
+ Die stehen zusammen längst schon auf du.
+ Trippelt zum Garten sie in der Früh,
+ Wartet Frau Miezekatz schon auf sie,
+ Putzt die vier Kleinen noch akkurat;
+ Jeder macht gern mit den Kindern Staat.
+
+ Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt,
+ Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt.
+ Wenn solch ein großes Wunder geschehn,
+ Das muß die Mutter doch auch mal sehn!
+ Holt ein Näpfchen, so ein kleins;
+ Macht für die Kätzchen was Extrafeins.
+ Das ist ein Springen, hinauf und hinab,
+ Lecken sich alle Pfoten ab.
+
+ Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt,
+ Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt,
+ Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell,
+ Gleitet hernieder aufs Katzenfell,
+ Bis zu den Kätzchen winzig und klein
+ Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.
+
+ Ludwig Jacobowski
+
+
+
+
+Der Sperling
+
+
+ Der Sperling ist ein kleines Tier,
+ Hat ein kurzes Schwänzchen,
+ Sitzt vor Hänschens Kammertür,
+ Macht ein Reverenzchen.
+
+ Volksmund
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Spatzenausflug
+
+
+ Die Spatzen schrein in ihrem Nest,
+ Als hätten sie ein großes Fest;
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Und weiß nicht, wie viel Gäst. --
+
+ Nun ist vorbei Gesang und Schmaus,
+ Da fliegen sie aufs Dach heraus:
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Und ruhn ein wenig aus.
+
+ Der alte Spatz, der kluge Mann,
+ Hebt jetzo seine Rede an:
+ Philippzipzip!
+ Philippzipzip!
+ Hoch auf der Wetterfahn;
+
+ „Ihr Kinder, eh nach Samen
+ Ihr ausfliegt auf das Feld,
+ Geb ich euch eure Namen,
+ Dann schlagt euch durch die Welt,
+ Ihr könnt nun prächtig singen
+ Und flattern und hüpfen und springen,
+ Und baun, wo’s euch gefällt.
+
+ So merkt denn auf und horchet,
+ Wie jeder von euch heißt,
+ Und seid dann unbesorget,
+ Wenn ihr von dannen reist.
+ Helft nur einander treulich,
+ Und seid nicht so abscheulich,
+ Seid friedlich allermeist!
+
+ Du bist der Winkelschlupfer,
+ Der Mück und Schnak ertappt,
+ Du bist der Gassenhupfer,
+ Der Korn und Haber schnappt,
+ Und du der Bröselesser,
+ Und du der Kirschenfresser,
+ Wohl schmeck euch, was ihr habt!
+
+ Und wohnt ihr in den Hecken,
+ Und wohnt ihr unterm Dach:
+ Fern sei euch jeder Schrecken
+ Und jedes Ungemach!
+ Seid nur auch auf der Lauer,
+ Wenn über Zaun und Mauer
+ Euch schleicht das Kätzchen nach!
+
+ Miau! Dort kommt sie schon, die Katz,
+ Die hat uns all auf einen Satz:
+ Zwickelwickbembem!
+ Zwickelwickbembem!
+ Sucht einen sichern Platz.“
+
+ Friedrich Güll
+
+
+
+
+Bei Goldhähnchens
+
+
+ Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast!
+ Sie wohnen im grünen Fichtenpalast
+ In einem Nestchen klein
+ Sehr niedlich und sehr fein.
+
+ Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,
+ Mückensalat und Gnitzenbrei
+ Und Käferbraten famos --
+ Zwei Millimeter groß.
+
+ Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,
+ So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas.
+ Dann wurden die Kinder besehn:
+ Sehr niedlich alle zehn!
+
+ Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“
+ Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr,
+ Und hat uns mächtig gefreut!“
+ Es sind doch reizende Leut!
+
+ Heinrich Seidel
+
+
+
+
+Unser Fritz
+
+
+ Unser Fritz richt’t seinen Schlag,
+ Wollt ein Meislein fangen,
+ Doch weil ihm denselben Tag
+ Keines drein gegangen,
+ Wird dem Fritz zu lang die Zeit.
+ Denkt: ich hab umsonst gestreut,
+ Will ja keine kommen.
+
+ Nach acht Tagen fällt ihm ein,
+ Im Garten zu spazieren:
+ Es ist schöner Sonnenschein,
+ Man kann nicht erfrieren,
+ Und am alten Apfelbaum
+ Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum:
+ Ob der Schlag gefallen?
+
+ „Ja! Es sitzt ein Vogel drin!
+ Aber, weh! o wehe!
+ Das ist trauriger Gewinn:
+ Tot, so viel ich sehe!
+ -- Aber, was kann ich dafür?
+ Sicher hat das dumme Tier
+ Sich zu Tod gefressen!“
+
+ So tröst’t sich dein Mörder wohl,
+ Der dich hungern lassen,
+ Aber ich vor Leid und Groll
+ Weiß mich nicht zu fassen!
+ Hast alle Körnlein aufgepickt,
+ Hast dann vergebens umgeblickt,
+ Wo noch ein Bröslein wäre!
+
+ Ihr andern Vöglein allesamt,
+ Wohl unterm blauen Himmel,
+ Ihr habt mit Wehgesang verdammt
+ Den Vogelstellerlümmel.
+ Ach, eines starb so balde, bald,
+ Eben da in Feld und Wald
+ Der Frühling wollte kommen.
+
+ Eduard Mörike
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Ritter Mai
+
+
+ Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt,
+ Am Berg eine wilde Wiese;
+ Da liegt todwund auf den Grund gestreckt
+ Der Winter, der reisige Riese.
+ Den stach vom Rosse in scharfem Turnei
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
+
+ Grieswärtel war dorten der Meister Specht,
+ Kampfrichter waren die Dohlen.
+ Den Ritterdank, ein Rankengeflecht,
+ Mit Primeln durchwirkt und Violen,
+ Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
+
+ Nun reitet im Harnisch von klarem Gold
+ Der herrliche Sieger zu Tale,
+ Drommeter blasen, der Ehrenhold
+ Verkündet mit hellem Schalle:
+ „Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu
+ Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“
+
+ O. Kernstock
+
+
+
+
+Die Kurfürsten
+
+
+ Die Kinder schreien Vivat hoch!
+ In die blaue Luft hinein;
+ Den Frühling setzen sie auf den Thron,
+ Der soll ihr König sein.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Kling hinaus
+
+
+ Leise zieht durch mein Gemüt
+ Liebliches Geläute.
+ Klinge, kleines Frühlingslied,
+ Kling hinaus ins Weite!
+
+ Kling hinaus bis an das Haus,
+ Wo die Blumen sprießen!
+ Wenn du eine Rose schaust,
+ Sag, ich laß sie grüßen!
+
+ Heinrich Heine
+
+
+
+
+Was im Maien Wunder man gewahrt
+
+
+ Der Mai hat Gewalt!
+ Ob er Zauberlist ersonnen?
+ Wo er naht mit seinen Wonnen,
+ Da ist niemand alt.
+
+ Walther von der Vogelweide
+
+
+
+
+Begegnung
+
+
+ Ich ging im Feld. Die Drossel schlug.
+ Ein lindes, weiches Wehen trug
+ Von einem wilden Apfelbaum
+ Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum.
+ Da kam aus Osten, hügelab,
+ Trug keinen Hut und keinen Stab
+ Und führte keinen Ranzen mit,
+ Der Tag im leichten Wanderschritt.
+
+ Auf seine helle Stirne fiel
+ Ein frei Gelock, des Windes Spiel.
+ Kein Kleid umgab der Glieder Pracht,
+ Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht.
+ Nur eine Sonnenblume hielt
+ Er in der Linken. Hochgestielt,
+ Der goldne Sternkelch scheitelnah
+ Ihm schwankend über die Schulter sah.
+
+ So ging er strahlend gradeaus,
+ Und über ihm zog mit Gebraus
+ Ein Schwarm von weißen Schwänen mit.
+ Er wuchs, wie er das Feld durchschritt,
+ Und stand zuletzt am Horizont,
+ Ein Riese, flammend übersonnt.
+ Um ihn wie lichte Wölkchen sahn
+ Die Vögel aus, Schwan neben Schwan.
+ Und aus dem weißen Glitzermeer
+ Grüßte die gelbe Blume her.
+
+ Gustav Falke
+
+
+
+
+Übersehen
+
+
+ Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren
+ Und seinem Nachbar demonstrieren,
+ Was doch für eine Lumperei
+ Im Grund der deutsche Frühling sei.
+ Statt daß der März die Vöglein bringe,
+ Was Wunder, wenn bei solcher Tück
+ Im Mai noch Schnee herunterdringe,
+ Die Flora bleibe stets zurück.
+ Drum, wollten wir ihr Recht begreifen,
+ So müßten wir gen Süden schweifen.
+ So sprach das Männlein baß verdrossen
+ Und machte seine scharfen Glossen:
+ Da war er, blind für junges Prangen,
+ Einem Rosenbeet vorbeigegangen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Frühlingsgespenster
+
+
+ Ich saß noch spät in meinem Zimmer
+ Studierend bei der Lampe Schimmer,
+ Und ob mein Auge müd und matt,
+ Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.
+
+ Da klopft es plötzlich an mein Fenster,
+ Ich glaube zwar nicht an Gespenster,
+ Doch weil gar hoch mein Fenster war,
+ Schien mir das Klopfen wunderbar.
+
+ Ich spähte in die nächt’gen Räume,
+ Der Mond schien freundlich durch die Bäume.
+ Tief unten schlug die Nachtigall,
+ Sonst tiefes Schweigen überall.
+
+ Doch kaum saß ich zu lesen nieder,
+ So klopft es auch vernehmlich wieder;
+ Weit macht ich nun das Fenster auf
+ Und ließ den Klopfern freien Lauf.
+
+ Und plötzlich schwärmten durch das Fenster
+ Zwei braune, surrende Gespenster; --
+ Maikäfer waren’s, die’s verdroß,
+ Daß ich im Zimmer mich verschloß;
+
+ Daß ich mich über Büchern härmte,
+ Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte
+ Die linde, weiche Maiennacht
+ Voll Blütenduft und Sternenpracht.
+
+ Julius Sturm
+
+
+
+
+Maienkäferlied
+
+
+ Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg!
+ Dein Häuschen brennt,
+ Dein Mütterchen flennt,
+ Dein Vater sitzt auf der Schwelle,
+ Flieg in Himmel aus der Hölle!
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Gedenk!
+
+
+ Es ist kein Vöglein so gemein,
+ Es spürt geheime Schauer,
+ Wenn draußen streift der Sonnenschein,
+ Vergoldend seinen Bauer.
+ Und du hast es vergessen fast
+ In deines Kerkers Spangen,
+ O Menschlein, daß du Flügel hast
+ Und daß du hier gefangen.
+
+ Josef von Eichendorff
+
+
+
+
+Lenzfahrt
+
+
+ Es wollten um das Lenzerwachen
+ Drei Freunde eine Lustfahrt machen,
+ Da wendete der eine ein:
+ „Es muß der Tag erst länger sein!“
+ Und als sie wieder Ratschlag hatten,
+ Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“
+ Doch als sie zechten bald in Schweiß,
+ Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ --
+ So war, noch eh sie sich verglichen,
+ Der schöne Lenz auch schon verstrichen.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Der Mai
+
+
+ Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,
+ Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!
+ Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
+ So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
+
+ Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!
+ Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?
+ Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,
+ Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.
+
+ Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl
+ Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal;
+ Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;
+ Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
+
+ Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:
+ „Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!
+ Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du!
+ Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“
+
+ Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht
+ Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht;
+ Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,
+ Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.
+
+ O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
+ Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;
+ Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
+ Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!
+
+ Emanuel Geibel
+
+
+
+
+Frühling, Frühling überall
+
+
+ Vor meinem Fenster sang der Fink:
+ „Heraus ins Freie, frisch und flink!
+ Der Frühling ist ja kommen!“
+ Ich ging noch in der Mauern Kluft,
+ Da kam schon lind und lau die Luft
+ Entgegen mir geschwommen.
+
+ Und wie ich schreite durch das Tor,
+ Steigt jubelnd eine Lerch empor,
+ Als flög sie in den Himmel.
+ Lustwandelnd lenk ich querfeldein:
+ Blauveilchen duftet schon am Rain,
+ Am Bach die goldne Primel.
+
+ Wohin ich seh, die Bäume weiß
+ Und laubig schon der Büsche Reis
+ Und sammetgrün die Hulde.
+ Und wie ich wieder steh und horch:
+ Am Weiher klappert laut der Storch,
+ Der Kuckuck ruft im Walde.
+
+ So lug und lausch ich, bis von fern
+ Am Himmel blinkt der Abendstern
+ Und rings die Glocken gehen.
+ Nun tracht ich heim; o Nachtigall,
+ Da bringt mir deines Liedes Hall
+ Der Nachtluft sanftes Wehen!
+
+ Und so ich nochmals rückwärts schau,
+ Erglühen Wald und Strom und Au
+ Im goldnen Abendrote. --
+ O Finke, deß gedenk ich lang,
+ Wie mich herausgelockt dein Sang,
+ Du lieber Frühlingsbote!
+
+ Friedrich Güll
+
+
+
+
+Ostern
+
+
+ Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
+ Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
+ Im Tale grünet Hoffnungsglück!
+ Der alte Winter in seiner Schwäche
+ Zog sich in rauhe Berge zurück.
+ Von dorther sendet er, fliehend, nur
+ Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
+ In Streifen über die grünende Flur;
+ Aber die Sonne duldet kein Weißes;
+ Überall regt sich Bildung und Streben,
+ Alles will sie mit Farben beleben;
+ Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
+ Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
+ Kehre dich um, von diesen Höhen
+ Nach der Stadt zurückzusehen.
+ Aus dem hohlen, finstern Tor
+ Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
+ Jeder sonnt sich heute so gern;
+ Sie feiern die Auferstehung des Herrn.
+ Denn sie sind selber auferstanden.
+ Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
+ Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
+ Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
+ Aus der Straßen quetschender Enge,
+ Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht
+ Sind sie alle ans Licht gebracht.
+ Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
+ Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
+ Wie der Fluß, in Breit und Länge,
+ So manchen lustigen Nachen bewegt;
+ Und, bis zum Sinken überladen,
+ Entfernt sich dieser letzte Kahn.
+ Selbst von des Berges fernen Pfaden
+ Blinken uns farbige Kleider an.
+ Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
+ Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
+ Zufrieden jauchzet groß und klein:
+ Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
+
+ Wolfgang von Goethe
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Birkenbäumchen
+
+
+ Ich weiß den Tag, es war wie heute,
+ Ein erster Maitag, weich und mild,
+ Und die erwachten Augen freute
+ Das übersonnte Morgenbild.
+
+ Der frohe Blick lief hin und wieder,
+ Wie sammelt er die Schätze bloß?
+ So pflückt ein Kind im Auf und Nieder
+ Sich seine Blumen in den Schoß.
+
+ Da sah ich dicht am Wegessaume
+ Ein Birkenbäumchen einsam stehn,
+ Rührend im ersten Frühlingsflaume,
+ Konnt nicht daran vorübergehn.
+
+ In seinem Schatten stand ich lange,
+ Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
+ Und legte leise meine Wange
+ An seinen kühlen Silberbast.
+
+ Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
+ Im zarten Laub wie Schmeichelhand.
+ Ein Zittern lief herab, als fühlte
+ Das Bäumchen, daß es Liebe fand.
+
+ Und war vorher die Sehnsucht rege,
+ Hier war sie still, in sich erfüllt;
+ Es war, als hätte hier am Wege
+ Sich eine Seele mir enthüllt.
+
+ Gustav Falke
+
+
+
+
+Wieder vorwärts!
+
+
+ Berghinan vom kühlen Grund
+ Durch den Wald zum Felsenknauf
+ Haucht des Frühlings holder Mund,
+ Tausend Augen tun sich auf.
+
+ Sachte zittert Reis an Reis,
+ Langt hinaus, noch halb im Traum.
+ Langt und sucht umher im Kreis
+ Für drei grüne Blättlein Raum.
+
+ Doch mit lautem Wellensang
+ Weckt der Bach die Waldesruh;
+ Mitten drin am jähen Hang
+ Schläft ein Trumm von einer Fluh.
+
+ Das einst hoch am Silberquell
+ In des Berges Krone lag,
+ Nieder führt an diese Stell
+ Es ein solcher Frühlingstag,
+
+ Wo es hundert Jahre blieb
+ Hangen an der Eschenwurz;
+ Heute reißt der junge Trieb
+ Weiter es im Wassersturz.
+
+ Dröhnend springt’s von Stein zu Stein,
+ Trunken von der wilden Flut,
+ Bis es dort am Wiesenrain
+ Schwindelnd unter Blumen ruht.
+
+ Du versteinte Herrlichkeit,
+ O, wie tanzest du so schwer
+ Mit der tollen Frühlingszeit --
+ Hinter dir kein Rückweg mehr!
+
+ Gottfried Keller
+
+
+
+
+Die heilige Woche
+
+
+ Als Jesus von seiner Mutter ging
+ Und die große, heilige Woch anfing,
+ Da hatte Maria viel Herzeleid,
+ Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“
+ „Am Sonntag werd ich ein König sein,
+ Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Montag sein?“
+ „Am Montag bin ich ein Wandersmann,
+ Der nirgends ein Obdach finden kann.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“
+ „Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet,
+ Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“
+ „Am Mittwoch bin ich gar arm und gering,
+ Verkauft um dreißig Silberling.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“
+ „Am Donnerstag bin ich im Speisesaal
+ Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Freitag sein?“
+ „Ach Mutter, ach liebste Mutter mein,
+ Könnt dir der Freitag verborgen sein!“
+
+ „Ach Sohn, du liebster Jesu mein,
+ Was wirst du am heiligen Samstag sein?“
+ „Am Samstag bin ich ein Weizenkorn,
+ Das in der Erde wird neu geborn.
+
+ Und am Sonntag -- freu dich, o Mutter mein! --
+ Dann werd ich vom Tod erstanden sein:
+ Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand,
+ Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Da Jesus in den Garten ging
+
+
+ Da Jesus in den Garten ging
+ Und ihm sein bittres Leiden anfing,
+ Da trauert alles, was da was,
+ Es trauert alles Laub und Gras.
+
+ Maria, die hört ein Hämmerlein klingen:
+ O weh, o weh, meins lieben Kindes!
+ O weh, o weh, meins Herzen ein Kron,
+ Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.
+
+ Maria kam unter das Kreuz gegangen,
+ Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen
+ An einem Kreuz, was ihr nit lieb,
+ Maria war das Herz betrübt.
+
+ „Johannes, liebster Diener mein,
+ Laß dir mein Mutter befohlen sein!
+ Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan,
+ Daß sie nit seh mein Marter an!“
+
+ „Ach Herr, das will ich gerne tun,
+ Ich will sie führen also schön,
+ Ich will sie trösten also wohl,
+ Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“
+
+ Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast!
+ Mein Kind hat weder Ruh noch Rast.
+ Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras!
+ Laßt euch zu Herzen gehen das!
+
+ Die Feigenbäum, die bogen sich,
+ Die harten Felsen zerkloben sich,
+ Die Sonne verlor ihren güldnen Schein,
+ Die Vögel ließen ihr Singen sein.
+
+ Volksmund
+
+
+
+
+Golgatha
+
+
+ Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich,
+ So rein, so klardurchsichtig war die Luft.
+ Ich stand auf einem sanften Heidehügel
+ In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein.
+ Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht.
+ Die Himmelsschlüssel blühen überall,
+ Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn.
+ Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt,
+ Reumütig liegt die Sense neben ihm.
+ Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören,
+ Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand,
+ Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.
+
+ Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,
+ Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander.
+ An eine dieser Kiefern dann gelehnt,
+ Sah ich hinab in all die stille Landschaft
+ Und freute mich des wundervollen Friedens.
+ Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,
+ Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben.
+ Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch,
+ Glückselig in der Freude seines Daseins.
+ Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder.
+ Der Mittag kam, ich saß noch immer da.
+ Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer,
+ Ich werde müde, Träume tun sich auf:
+
+ Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien,
+ Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen,
+ Und seltsam ändert sich um mich die Gegend:
+ Im Westen, Osten steigen Mauern auf,
+ Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf,
+ Fern eine fremde, nie gesehne Stadt:
+ Jerusalem! Die Burg Antonia,
+ Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen,
+ Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron,
+ Gethsemane, der Ölberg, Golgatha!
+ Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten,
+ Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken,
+ Und Säulenhallen stehn: Jerusalem!
+ Der Schmerzensweg, die ~via dolorosa~.
+ Und zieht den Weg nicht eine große Schar?
+ Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha?
+ Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?
+
+ Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander,
+ Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader,
+ Doctores: Pöbel aller Stände folgt
+ Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht.
+ Von bernsteingelben Haaren eingerahmt
+ Ist sein Gesicht; und große braune Augen
+ Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge,
+ Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt.
+ Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl,
+ Und höhne, lache mit ...
+
+ Und der die bernsteingelben Haare hat,
+ Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen,
+ Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen.
+ Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab,
+ Und weiter zieht der Zug nach Golgatha.
+ Und alles, was uns nun entgegenkommt,
+ Hält an: ein General, ein Bärenführer,
+ Die Purpursänfte einer Edeldame,
+ Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt,
+ Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom,
+ Die alte Semmelfrau von Jericho,
+ Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten,
+ Der eben von der Felddienstübung heimkehrt.
+ Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt:
+ „Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“
+ Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt.
+ Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe,
+ Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.
+
+ Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern,
+ Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern,
+ Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze.
+ Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn,
+ Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste.
+ Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt
+ Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt,
+ Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel
+ Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...
+
+ Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,
+ Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken:
+ „Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache
+ Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß
+ Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken.
+ Und Barrabas erscheint, der Gassendichter,
+ Der wegen Straßenraubs verurteilt saß,
+ Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf:
+ „Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden,
+ Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund,
+ Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz;
+ Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“
+ Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,
+ Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.
+
+ Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne,
+ Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend,
+ Der dem Erlöser in die Augen blinkt.
+ Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler,
+ Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt,
+ Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt,
+ Schreit: „~Eli, Eli, lama asabthani!~“
+
+ Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub
+ Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her,
+ In rasender Karriere jagt er her.
+ Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach.
+ Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu,
+ Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s,
+ Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung
+ Auf unsern Hügel, an der Kante kommt
+ Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch:
+ Der Adjutant von Pontius Pilatus.
+ Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß,
+ Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar
+ Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul:
+ „Begnadigt!“
+
+ Stracks klettert einer das Gebälk hinan:
+ Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu
+ Ihm von den Augen -- er ist tot.
+
+ Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,
+ Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander.
+ An eine dieser Kiefern angelehnt,
+ Sah ich hinab in all die stille Landschaft
+ Und freute mich des wundervollen Friedens.
+ Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,
+ Glückselig in der Freude seines Daseins.
+
+ Detlev von Liliencron
+
+
+
+
+Karfreitag
+
+
+ Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel,
+ Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,
+ Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,
+ Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte:
+ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
+ Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis.
+ Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit
+ Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“
+ Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:
+ „Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“
+ Dann --: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! -- Es ist vollendet!“
+ Und er neigte sein Haupt und starb.
+
+ F. G. Klopstock
+
+
+
+
+Die Steine werden zeugen
+
+
+ Der Ostermorgen lächelt,
+ Ein Bräutgam, in die Welt,
+ Vom Frühlingsduft gefächelt,
+ Steigt er aus seinem Zelt.
+
+ Und rings herum das Schweigen!
+ Der Wald, er steht so still;
+ Kein Blümlein sich verneigen,
+ Kein Blättchen rauschen will.
+
+ Im fernen Kirchlein singet
+ Die fromme Christenschar;
+ Da von den Steinen klinget
+ Das Echo wunderbar.
+
+ Als wenn aus Bergestiefen
+ Das Singen kläng hervor,
+ Als wenn die Felsen riefen:
+ „Er lebt! er lebt!“ im Chor.
+
+ „Er lebt! er lebt!“ da lauschen
+ Die Blümlein, neigen sich,
+ Da bücket sich mit Rauschen
+ Der Wald so feierlich.
+
+ Und mächtger immer wieder:
+ „Er lebt! er lebt!“ vom Stein --
+ Mir läuft ein Schauer nieder
+ Im tiefsten Mark und Bein;
+
+ Und denk -- und muß mich beugen --
+ Was dort geschrieben ist:
+ Die Steine werden zeugen,
+ Wenn mich der Mensch vergißt.
+
+ Otto Ludwig
+
+
+
+
+Auferstanden
+
+
+ Durchs Fenster scheint der Maientag,
+ Ich schließe die Augenlider
+ Und horche -- das ist Lerchenschlag!
+ O, endlich wieder!
+
+ Ich lausche, wie des Windes Hauch
+ Dahinrauscht durch die Zweige,
+ Es keimen Blüten an jedem Strauch,
+ Auf jedem Steige.
+
+ Da rührt mich Wonne allzumal,
+ Ich schließe die Augenlider --
+ Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl;
+ Ich lebe wieder!
+
+ Es singt die Lerche noch immer fort,
+ Mein Herze möcht zerspringen,
+ Ich lasse verstummen Wort um Wort -- --
+ Und laß sie singen!
+
+ Karl Stieler
+
+
+
+
+Osterhäslein
+
+
+ Drunten an den Gartenmauern
+ Hab ich sehn das Häslein lauern.
+ Eins, zwei, drei:
+ Legt’s ein Ei,
+ Lang wird’s nimmer dauern.
+
+ Kinder, laßt uns niederducken!
+ Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? --
+ Ei, da hüpft’s --
+ Und dort schlüpft’s
+ Durch die Mauerluken.
+
+ Und nun sucht in allen Ecken,
+ Wo die schönen Eier stecken,
+ Rot und blau,
+ Grün und grau
+ Und mit Marmelflecken!
+
+ Friedrich Güll
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Eine Frühlingsnacht
+
+
+ Im Zimmer drinnen ist’s so schwül;
+ Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
+
+ Im Fieber hat er die Nacht verbracht;
+ Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
+
+ Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;
+ Er hält die Uhr in der weißen Hand.
+
+ Er zählt die Schläge, die sie pickt,
+ Er forschet, wie der Weiser rückt;
+
+ Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht,
+ Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,
+
+ Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,
+ Harrend, bis alles vorüber sei. --
+
+ Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;
+ Und draußen dämmert das Morgenrot.
+
+ An die Fenster klettert der Frühlingstag,
+ Mädchen und Vögel werden wach.
+
+ Die Erde lacht in Liebesschein,
+ Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,
+
+ Singende Burschen ziehn übers Feld
+ Hinein in die blühende, klingende Welt. --
+
+ Und immer stiller wird es drin;
+ Die Alte tritt zum Kranken hin.
+
+ Der hat die Hände gefaltet dicht;
+ Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
+
+ Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer,
+ Und drinnen wacht kein Auge mehr.
+
+ Theodor Storm
+
+
+
+
+Das Mädchen aus der Fremde
+
+
+ In einem Tal bei armen Hirten
+ Erschien mit jedem jungen Jahr,
+ Sobald die ersten Lerchen schwirrten,
+ Ein Mädchen, schön und wunderbar.
+
+ Sie war nicht in dem Tal geboren,
+ Man wußte nicht, woher sie kam;
+ Und schnell war ihre Spur verloren,
+ Sobald das Mädchen Abschied nahm.
+
+ Beseligend war ihre Nähe,
+ Und alle Herzen wurden weit;
+ Doch eine Würde, eine Höhe
+ Entfernte die Vertraulichkeit.
+
+ Sie brachte Blumen mit und Früchte,
+ Gereift auf einer andern Flur,
+ In einem andern Sonnenlichte,
+ In einer glücklichern Natur.
+
+ Und teilte jedem eine Gabe,
+ Dem Früchte, jenem Blumen aus;
+ Der Jüngling und der Greis am Stabe,
+ Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
+
+ Willkommen waren alle Gäste;
+ Doch nahte sich ein liebend Paar,
+ Dem reichte sie der Gaben beste,
+ Der Blumen allerschönste dar.
+
+ Friedrich v. Schiller
+
+
+
+
+Frühlings Begräbnis
+
+
+ Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang
+ Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?
+ Elfenscharen ziehn den Wald entlang,
+ Die mit Klaggesang
+ Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.
+
+ Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,
+ Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!
+ Allzuschwer mit sommerlicher Wut
+ Traf ihn Sonnenglut
+ Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.
+
+ Blumen in der Hand, die er geliebt,
+ Kleine, rote Fackeln leise schwingend,
+ Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,
+ Sonst im Flug geübt,
+ Heute schrittweis, Totenlieder singend.
+
+ Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,
+ Und es schluchzen alle Nachtigallen.
+ Wo er oftmals seine Feste gab,
+ Senkt man ihn hinab,
+ Und die bleichen Silberflöre wallen.
+
+ Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm
+ Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:
+ „Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!
+ Der stirbt wonnesam,
+ Der in blühnder Jugend darf erkalten.
+
+ Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:
+ Den ihr heut hier unter Blumen bettet,
+ Neu und ewig wird er auferstehn.
+ Nimmer kann vergehn,
+ Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“
+
+ Als so weihevoll der Alte sprach,
+ Lauter schluchzte da das Grabgesinde,
+ Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“
+ Ihrem Liebling nach
+ Warf sie in die Gruft die goldne Binde.
+
+ Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?
+ Finster hat Gewölk den Mond verschattet.
+ Ein Gewitter zieht den Wald entlang,
+ Und zerstoben bang
+ Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.
+
+ Paul Heyse
+
+
+
+
+Künftiger Frühling
+
+
+ Wohl blühet jedem Jahre
+ Sein Frühling mild und licht,
+ Auch jener große, klare,
+ Getrost! er fehlt dir nicht;
+ Er ist dir noch beschieden
+ Am Ziele deiner Bahn,
+ Du ahnest ihn hienieden
+ Und droben bricht er an.
+
+ Ludwig Uhland
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem
+Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
+deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
+und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
+von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
+einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
+eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
+Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
+Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
+jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer
+vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
+Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
+Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis Ende Mai 1924 vor:
+
+ Bd. 3 Wald (W. Weingärtner)
+ „ 4 Hochland (Franz Hoch)
+ „ 6 Helden (W. Weingärtner)
+ „ 7 Schalk (Julius Diez)
+ „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
+ „ 11 Sänger (Hans Röhm)
+ „ 12 Frühling (H. v. Volkmann)
+ „ 13 Sommer (Edmund Steppes)
+ „ 14 Herbst (Karl Biese)
+ „ 15 Winter (Karl Biese)
+ „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
+ „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
+ „ 18 Stadt und Land (J. V. Cissarz)
+ „ 19 Bach und Strom (E. Liebermann)
+ „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
+ „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
+ „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
+ „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
+ „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
+ „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
+
+Im August 1924 werden sich anschließen:
+
+ Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz)
+ „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
+ „ 20 Heide (Adalbert Holzer)
+ „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
+ „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
+
+Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers
+jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen
+noch aus:
+
+ Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
+ „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
+ „ 8 Legenden (G. A. Stroedel)
+ „ 23 Germanentum (H. Röhm)
+ „ 24 Mittelalter (H. Schroedter)
+ „ 25 Zeit d. Wandlungen (C. Roesch)
+ „ 26 Neuzeit (Angelo Jank)
+ „ 27 Gespenster (Julius Diez)
+ „ 28 Tod (Matthäus Schiestl)
+ „ 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau)
+ „ 31 Italien (Hans Volkert)
+ „ 32 Hellas (Karl Bauer)
+ „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
+ „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
+ „ 37 Glück u. Trost (H. Schwegerle)
+
+Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai
+1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche
+Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände
+„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***
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+ Frühling | Project Gutenberg
+ </title>
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+/* Poetry */
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+/* Transcriber's notes */
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1924 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber
+an den Anfang des Buches versetzt.</p>
+
+<p class="p0">Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
+in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden kursiv dargestellt.
+<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Bucheinband</span></figcaption>
+</figure>
+
+<p class="s2 center mtop3 break-before">Der deutsche Spielmann</p>
+
+<p class="center">Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung<br>
+für Jugend und Volk<br>
+Herausgegeben von Dr. Ernst Weber</p>
+
+<p class="s3 center">✤</p>
+
+<h1><b>Frühling</b></h1>
+
+<p class="s3 center">Der deutsche Lenz<br>
+und was er blühn<br>
+und werden läßt</p>
+
+<p class="center mtop2">Bildschmuck von Hans von Volkmann</p>
+
+<p class="center mtop2">Vierte, veränderte Auflage</p>
+
+<p class="s3 center padtop3">✤</p>
+
+<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">München 1924</em><br>
+Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Kastner &amp; Callwey,
+München</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="s2 nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Geleitspruch">3</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kalter Frühlingsabend (Liliencron)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kalter_Fruehlingsabend">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsahnung (Uhland)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsahnung">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schneeglöckchen (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Schneegloeckchen">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Im Omnibus (Gilm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Im_Omnibus">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Veilchenstrauß (Trojan)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Veilchenstrauss">6</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Mühlengraben (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Muehlengraben">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vom Kirschbaum (Avenarius)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vom_Kirschbaum">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vorfrühling (Heyse)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vorfruehling">11</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wirbelnde Flocken (Weber)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wirbelnde_Flocken">11</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsnähe (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsnaehe">11</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Er ist’s (Mörike)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Er_ists">12</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das kranke Kind (Gilm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_kranke_Kind">12</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Meise (Seidel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Meise">13</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsbotschaft (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsbotschaft">14</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Wind (Zoozmann)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Wind">14</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Märznacht (Uhland)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Maerznacht">16</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Eine Morgenwanderung (Flaischlen)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Eine_Morgenwanderung">16</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Knabenlust (Fischer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Knabenlust">23</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wag’s! (Fontane)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wags">23</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Glaube (Uhland)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Glaube">24</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Trost (Wallpach)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Trost">24</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schwalbenmärchen (Freiligrath)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Schwalbenmaerchen">25</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Dornröschen (Brüder Grimm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dornroeschen">26</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsgruß (Eichendorff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsgruss">31</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fallende Blüten (Sergel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fallende_Blueten">32</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die seidenen Döckchen (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_seidenen_Doeckchen">32</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsstimmen (Trojan)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsstimmen">32</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Lerchen (Faktor)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Lerchen">33</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_034">34</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Amsel (Seidel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Amsel">35</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die schwarze Amsel (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_schwarze_Amsel">35</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Nimmersatt (Blüthgen)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Nimmersatt">35</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Blumenbeet (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_036">36</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Frösche (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Froesche">37</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Winterbericht (Löwenstein)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Winterbericht">37</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Storch ist da (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_038">38</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Klapperstorch (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Klapperstorch">38</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kuckuck (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kuckuck">39</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Zweig_und_der_Vogel_im_April">39</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsregen (Wille)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsregen">40</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Aprilwetter (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Aprilwetter">43</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">April (Löwenstein)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#April">43</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das arme Vöglein (Fallersleben)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_arme_Voeglein">44</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">An den Mai (Mörike)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#An_den_Mai">45</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mailied (Scheffel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mailied">45</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_046">46</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Säemann (Conrad)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Saeemann">47</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Säerspruch (Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Saeerspruch">50</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Junge Kätzchen (Jacobowski)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Junge_Kaetzchen">50</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Sperling (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Sperling">50</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Spatzenausflug (Güll)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_053">53</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Bei Goldhähnchens (Seidel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Bei_Goldhaehnchens">54</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Unser Fritz (Mörike)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Unser_Fritz">55</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ritter Mai (Kernstock)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#illu_056">56</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Kurfürsten (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Kurfuersten">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kling hinaus (Heine)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kling_hinaus">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Was_im_Maien_Wunder_man_gewahrt">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Begegnung (Falke)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Begegnung">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Uebersehen (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#UEbersehen">58</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlingsgespenster (Sturm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlingsgespenster">59</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Maienkäferlied (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Maienkaeferlied">60</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gedenk! (Eichendorff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Gedenk">60</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Lenzfahrt (Greif)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Lenzfahrt">60</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Mai (Geibel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Mai">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühling, Frühling überall! (Güll)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehling_Fruehling_ueberall">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ostern (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ostern">62</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Birkenbäumchen (Falke)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Birkenbaeumchen">64</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wieder vorwärts (Keller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wieder_vorwaerts">64</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die heilige Woche (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_heilige_Woche">65</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Da Jesus in den Garten ging (Volksmund)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Da_Jesus_in_den_Garten_ging">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Golgatha (Liliencron)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Golgatha">67</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Karfreitag (Klopstock)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Karfreitag">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Steine werden zeugen (Ludwig)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Steine_werden_zeugen">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Auferstanden (Stieler)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Auferstanden">72</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Osterhäslein (Güll)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Osterhaeslein">73</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Eine Frühlingsnacht (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Eine_Fruehlingsnacht">74</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Mädchen aus der Fremde (Schiller)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Maedchen_aus_der_Fremde">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühlings Begräbnis (Paul Heyse)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fruehlings_Begraebnis">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Künftiger Frühling (Uhland)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kuenftiger_Fruehling">77</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h2 class="spielmann" id="Geleitspruch" title="Geleitspruch des deutschen
+Spielmanns">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</h2>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_003">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_003.jpg" alt="Ein Wanderer im Frühling
+ in einem lichten Waldstück">
+</figure>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container padtop1">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihn kennen heißt, ihn lieben,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Lenz, den deutschen Lenz!</div>
+ <div class="verse indent0">Die letzten Flocken stieben;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch jeder ruft: „Ich kenn’s,</div>
+ <div class="verse indent0">Es wird nicht lang mehr dauern</div>
+ <div class="verse indent0">Und Veilchen stehn am Rain;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich traf ihn vor den Mauern —</div>
+ <div class="verse indent0">Glaub, morgen zieht er ein!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da mag kein Sänger fehlen:</div>
+ <div class="verse indent0">Die sich davongemacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ausgeruhten Kehlen</div>
+ <div class="verse indent0">Heimkehrn sie über Nacht;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wer sich deß getraute</div>
+ <div class="verse indent0">Und blieb zum Schneeturnei,</div>
+ <div class="verse indent0">Die winterrostige Laute,</div>
+ <div class="verse indent0">Die stimmt er sich aufs neu.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und all das Blühn und Weben</div>
+ <div class="verse indent0">Ringsum in Busch und Ried,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Frühlings schwellend Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Gestaltet sich zum Lied. —</div>
+ <div class="verse indent0">Darf da ein Spielmann feiern,</div>
+ <div class="verse indent0">Der sich den deutschen nennt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn er der besten Leiern</div>
+ <div class="verse indent0">Lenzfrohe Weisen kennt?</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Den Frühling sollt ihr schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ihn der Dichter schaut</div>
+ <div class="verse indent0">Beim Willkommgruß der Auen,</div>
+ <div class="verse indent0">Beim letzten Vogellaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf daß zunichte werde,</div>
+ <div class="verse indent0">Was je das Herz gequält,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ihm die deutsche Erde</div>
+ <div class="verse indent0">Von ihrem Lenz erzählt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Der deutsche Spielmann</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Kalter_Fruehlingsabend">Kalter Frühlingsabend</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld.</div>
+ <div class="verse indent0">Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen.</div>
+ <div class="verse indent0">Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt,</div>
+ <div class="verse indent0">Will langsam eine fahle Wolke steigen.</div>
+ <div class="verse indent0">Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wann werden sich die lieben Primeln zeigen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Detlev v. Liliencron</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsahnung">Frühlingsahnung</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O sanfter süßer Hauch!</div>
+ <div class="verse indent0">Schon weckest du wieder</div>
+ <div class="verse indent0">Mir Frühlingslieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Bald blühen die Veilchen auch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Ludwig Uhland</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Schneegloeckchen">Schneeglöckchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und aus der Erde schauet nur</div>
+ <div class="verse indent0">Alleine noch Schneeglöckchen;</div>
+ <div class="verse indent0">So kalt, so kalt ist noch die Flur,</div>
+ <div class="verse indent0">Es friert im weißen Röckchen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Theodor Storm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Im_Omnibus">Im Omnibus</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Omnibus knarrt in dem Schnee,</div>
+ <div class="verse indent0">Voll Menschen jeder Art,</div>
+ <div class="verse indent0">So wie der Zufall manchmal sie</div>
+ <div class="verse indent0">Zusammenpreßt und schart.</div><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es bläst der Wind so grimmig kalt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fenster schließen schlecht,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein jeder ist verdrießlich drob</div>
+ <div class="verse indent0">Und keinem etwas recht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dort in der Ecke hält ein Mann</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Dütchen vor sich hin,</div>
+ <div class="verse indent0">So zärtlich und besorgt, als wär</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Edelstein darin.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zu seinem Nachbar einer sagt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Was doch in aller Welt</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mann dort in der Düte hat,</div>
+ <div class="verse indent0">Die er so sorgsam hält?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der hört die Frage, lächelt fein</div>
+ <div class="verse indent0">Und zieht aus dem Papier</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Veilchen, eben aufgeblüht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und zeigt’s dem Passagier.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wie es nun von Hand zu Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Gruß des Frühlings, geht,</div>
+ <div class="verse indent0">So ist’s, als hätt der Freude Hauch</div>
+ <div class="verse indent0">Sie alle angeweht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als ob in ein verödet Haus</div>
+ <div class="verse indent0">Gekommen wär ein Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob von schuldbeladner Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Genommen wär die Sünd.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es tauen schnell die Herzen auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Und fröhlicher Gesang</div>
+ <div class="verse indent0">Mischt mit des Windes Orgel sich</div>
+ <div class="verse indent0">Den ganzen Weg entlang.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hätt jeder doch in böser Stund</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Veilchen gleich zur Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Es gäb der Sünde weniger,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Liebe mehr im Land.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Hermann v. Gilm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Veilchenstrauss">Der Veilchenstrauß</h2>
+
+</div>
+
+<p>An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr
+jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab
+sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er
+die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und
+schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das
+wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen
+auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war
+sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke,
+die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen
+wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das
+Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte,
+bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone — um keine falschen
+Erwartungen rege zu machen — fragte der alte Herr: „Was sollen sie
+kosten?“ — „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.</p>
+
+<p>Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes,
+suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein
+Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche
+ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter
+Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der
+Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort
+tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.</p>
+
+<p>Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche,
+sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu
+betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und
+einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus
+einem ausgeribbelten Strumpfe. — ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der
+Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die
+Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt
+vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er
+roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“
+Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit
+gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas
+Unruhiges<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der
+ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und
+schnell durch die Stadt — die eine andere war — dem Tore zuschreiten.
+Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen
+umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte
+sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und
+machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab
+ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie
+jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet — oder
+wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach
+rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen
+über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem
+Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige
+Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach
+einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft
+und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus
+zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er
+begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“
+Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am
+Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das
+Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen.
+Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über
+das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner
+Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein
+leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen;
+dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen.
+Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich
+über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch
+schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. — —</p>
+
+<p>Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er
+bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen
+und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt
+entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn — da er nun doch wußte,
+woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst
+stieg er die Treppe<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat
+ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden
+Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben
+beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das
+Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden
+bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich
+schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen.
+„Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“</p>
+
+<p class="right mright2">Johannes Trojan</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Am_Muehlengraben">Am Mühlengraben</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,</div>
+ <div class="verse indent0">All, all, die da blühten am Mühlengraben.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest</div>
+ <div class="verse indent0">In ihren kleinen Fäusten haben.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Theodor Storm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Vom_Kirschbaum">Vom Kirschbaum</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist alles ganz kahl und still,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht mal im Grase sich’s regen will,</div>
+ <div class="verse indent0">Steht alles geduckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Klappert im Frost und muckt</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch im Garten</div>
+ <div class="verse indent0">Sagt einer: ich kann warten.</div>
+ <div class="verse indent0">Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,</div>
+ <div class="verse indent0">So dünn ist er worden: der Kirschenbaum.</div>
+ <div class="verse indent0">Schläft er nicht?</div>
+ <div class="verse indent0">Trau einer dem Wicht!</div>
+ <div class="verse indent0">Heute Mittag um Uhre eins</div>
+ <div class="verse indent0">Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins:</div>
+ <div class="verse indent0">Darin — ich habe</div>
+ <div class="verse indent0">Das deutlich gesehn —</div>
+ <div class="verse indent0">Mit seinen Knospen</div>
+ <div class="verse indent0">Fingerte der alte Knabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein wenig vorsichtig und geziert,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie man Badewasser probiert —</div>
+ <div class="verse indent0">Und über seine Runzeln</div>
+ <div class="verse indent0">Ging ein Schmunzeln.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Ferdinand Avenarius</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38 break-before" id="illu_009">
+ <img class="w100 mtop2" src="images/illu_009.jpg" alt="Unwetter und Regenbogen über
+ einem Bauernhof">
+ <figcaption class="caption">
+ <div class="linkedimage"><a href="images/illu_009_gross.jpg"
+ id="illu_009_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorfruehling">Vorfrühling</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Stürme brausten über Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Und die kahlen Wipfel troffen.</div>
+ <div class="verse indent0">Frühe war mein Herz erwacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton</div>
+ <div class="verse indent0">Dringt zu mir vom Wald hernieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Nisten in den Zweigen schon</div>
+ <div class="verse indent0">Die geliebten Amseln wieder?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dort am Weg der weiße Streif —</div>
+ <div class="verse indent0">Zweifelnd frag ich mein Gemüte:</div>
+ <div class="verse indent0">Ist’s ein später Winterreif</div>
+ <div class="verse indent0">Oder erste Schlehenblüte?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Paul Heyse</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Wirbelnde_Flocken">Wirbelnde Flocken</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur?</div>
+ <div class="verse indent0">Ist doch der Lenz im Land,</div>
+ <div class="verse indent0">Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur,</div>
+ <div class="verse indent0">Seit der Winter schwand!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät</div>
+ <div class="verse indent0">Weht ihr vom Himmel herab!</div>
+ <div class="verse indent0">Der euch über die Aue sät,</div>
+ <div class="verse indent0">Sät euch nur ins Grab. —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Heija! mein Herz ist voll von Lust,</div>
+ <div class="verse indent0">Jeder Wonne reich —</div>
+ <div class="verse indent0">Fallen die Sorgen mir in die Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Sterben sie gleich euch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Ernst Weber</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsnaehe">Frühlingsnähe</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wieder seh ich jenen Schimmer,</div>
+ <div class="verse indent0">Jenen Schimmer an den Bäumen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der mir sagt, es könne nimmer</div>
+ <div class="verse indent0">Lange mehr der Frühling säumen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ja, es ist ein holdes Zeichen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und, bevor wir ihn noch bitten,</div><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>
+ <div class="verse indent0">Wird er uns mit seinen reichen</div>
+ <div class="verse indent0">Wunderblüten überschütten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illu_012">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_012.jpg" alt="Der Frühling, in Form von
+ Putten, überschüttet die Welt mit Blüten.">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Er_ists">Er ist’s</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Frühling läßt sein blaues Band</div>
+ <div class="verse indent0">Wieder flattern durch die Lüfte;</div>
+ <div class="verse indent0">Süße, wohlbekannte Düfte</div>
+ <div class="verse indent0">Streifen ahnungsvoll das Land.</div>
+ <div class="verse indent0">Veilchen träumen schon,</div>
+ <div class="verse indent0">Wollen balde kommen.</div>
+ <div class="verse indent0">— Horch, von fern ein leiser Harfenton!</div>
+ <div class="verse indent6">Frühling, ja, du bist’s!</div>
+ <div class="verse indent0">Dich hab ich vernommen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Eduard Mörike</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_kranke_Kind">Das kranke Kind</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Vater ist seit Jahren blind —</div>
+ <div class="verse indent0">Blind sein ist mehr als sterben! —</div>
+ <div class="verse indent0">Die Mutter hat ein krankes Kind</div>
+ <div class="verse indent0">Und kann nicht viel erwerben.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Stube war noch nie so warm,</div>
+ <div class="verse indent0">Obgleich das Fenster offen,</div>
+ <div class="verse indent0">Seitdem des Winters harter Arm</div>
+ <div class="verse indent0">Die Erde hat getroffen.</div><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Sonne küßt das bleiche Kind</div>
+ <div class="verse indent0">Zum erstenmal im Jahre;</div>
+ <div class="verse indent0">Es spielt ein weicher, warmer Wind</div>
+ <div class="verse indent0">Mit seinem feuchten Haare.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wie sein Blick am Himmel hängt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als möcht’s dahin entfliehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wangengrübchen langsam fängt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Röslein an zu blühen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und — süßes Wunder! — plötzlich, als</div>
+ <div class="verse indent0">Sei alles Leid zu Ende,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlingt lächelnd um der Mutter Hals</div>
+ <div class="verse indent0">Es seine beiden Hände.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat,</div>
+ <div class="verse indent0">Bricht aus in lautes Weinen —</div>
+ <div class="verse indent0">Das war des Frühlings erste Tat,</div>
+ <div class="verse indent0">Und keine von den kleinen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Hermann v. Gilm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Meise">Die Meise</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf!</div>
+ <div class="verse indent0">Ein lustiges, kleines Ding,</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer geschwätzig und flink,</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer obenauf!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Denn ob die ganze Welt vereist,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie findet den Tisch gedeckt:</div>
+ <div class="verse indent0">Hier wird ein Körnchen geschleckt</div>
+ <div class="verse indent0">Und dort ein Püppchen verspeist.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“</div>
+ <div class="verse indent0">So ruft sie im knospenden Wald,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wehn auch die Winde noch kalt:</div>
+ <div class="verse indent0">Sie weiß es, glaubt es nur ja!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie hat in das Herz der Knospe gesehn,</div>
+ <div class="verse indent0">In die Wiege von Blume und Grün,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie weiß: Bald wird es nun blühn</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Welt in Veilchen stehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Heinrich Seidel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsbotschaft">Frühlingsbotschaft</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich hab ein Vöglein gehöret</div>
+ <div class="verse indent0">Herab von einem Baum,</div>
+ <div class="verse indent0">Das hat mich nicht betöret.</div>
+ <div class="verse indent0">Gar weise sang es im Traum,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich hab es nicht gestöret,</div>
+ <div class="verse indent0">Wußt von mir selbst mehr kaum:</div>
+ <div class="verse indent0">Tin din di!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Vöglein hat helle gesungen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Die Veigelein sind da.“</div>
+ <div class="verse indent0">Ich bin zu Walde gedrungen.</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Aug sie selber sah.</div>
+ <div class="verse indent0">Ahi, ihr Vogelzungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie süß mir da geschah:</div>
+ <div class="verse indent0">Tin din di!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38" id="illu_014">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_014.jpg" alt="Der kleine Vogel singt
+ in den Zweigen">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Wind">Der Wind</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo kommst du her?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Weit übers Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Fuhr ich geschwind!</div>
+ <div class="verse indent0">Habe die Wellen</div>
+ <div class="verse indent0">Gepeitscht und geschlagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Machte zerschellen</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+ <div class="verse indent0">Die Schiffe</div>
+ <div class="verse indent0">Am Riffe —</div>
+ <div class="verse indent0">Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo kommst du her?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Übers Gebirge</div>
+ <div class="verse indent0">Saust ich mit Macht,</div>
+ <div class="verse indent0">Hab die Lawine ins Rollen gebracht.</div>
+ <div class="verse indent0">Wald und Saaten</div>
+ <div class="verse indent0">Hat sie geknickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hirt und Herden</div>
+ <div class="verse indent0">Zermalmt und zerdrückt.</div>
+ <div class="verse indent0">Des Älplers Dorf</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt tief unterm Schnee,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Dach, kein Türmchen</div>
+ <div class="verse indent0">Ragt mehr zur Höh! —</div>
+ <div class="verse indent0">Dann hab ich sacht</div>
+ <div class="verse indent0">In selbiger Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Ein glimmendes Fünkchen</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Lodern gebracht,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Flammenmeer</div>
+ <div class="verse indent0">Durch die Gassen gefegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Was tatest du dann?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Habe über den grünen Rasen</div>
+ <div class="verse indent0">Einer lachenden Wiese geblasen;</div>
+ <div class="verse indent0">Habe lind die Blüten gewiegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die der gaukelnde Falter umfliegt;</div>
+ <div class="verse indent0">Habe dem Bächlein sanft gesäuselt,</div>
+ <div class="verse indent0">Habe den Birken die Kronen gekräuselt.</div>
+ <div class="verse indent0">Hab um ein Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Das drunter schlief,</div>
+ <div class="verse indent0">Leis und lind</div>
+ <div class="verse indent0">Die Flügel geschwungen</div>
+ <div class="verse indent0">Und es gesungen</div>
+ <div class="verse indent0">In Schlummer tief.“</div><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Was tatest du dann?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Hab die Wolken am Himmel gejagt,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis die Sonne golden getagt;</div>
+ <div class="verse indent0">Hab der ganzen Welt gelacht</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit Brausen den Frühling gebracht!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Wohin nun geschwind?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken,</div>
+ <div class="verse indent0">Neue Arbeit mir auszuwirken!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich kann brausen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Welt zum Grausen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und kann weich wie ein Atem wehn!</div>
+ <div class="verse indent0">Aber nun frag nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ich sag nicht mehr —</div>
+ <div class="verse indent0">Schweig und laß mich gehn!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Gottes und Dämons Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn deine Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Fluch und Segen umspannt:</div>
+ <div class="verse indent0">Gnädig, nur mit sanftem Gebrause,</div>
+ <div class="verse indent0">Geh vorüber meinem Hause!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Richard Zoozmann</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Maerznacht">Märznacht</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht hin!</div>
+ <div class="verse indent0">Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Ludwig Uhland</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Eine_Morgenwanderung">Eine Morgenwanderung</h2>
+
+</div>
+
+<p>Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang
+Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine
+Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> ein großer Osterchoral donnerte
+er über die Gräber und rief zur Auferstehung.</p>
+
+<p>Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem
+Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr
+zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum
+Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm
+stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter
+die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie
+Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen
+zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond
+schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch
+sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem
+Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der
+Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.</p>
+
+<p>Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die
+fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit
+phantastisch-gespenstischem Leben.</p>
+
+<p>Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte,
+standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf
+aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte
+in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den
+Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und
+schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf,
+drohend, wie wenn ....</p>
+
+<p>Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten
+bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber
+beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt
+uns!“ ....</p>
+
+<p>Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird
+nur endlich Frühling!</p>
+
+<p>Frühling! und wenn’s noch so tobt!</p>
+
+<p>Frühling! ja! ....</p>
+
+<p>Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in
+die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen
+und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen!</p>
+
+<p>Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p>
+
+<p>Das war es ja auch!</p>
+
+<p>Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen
+trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem
+ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!</p>
+
+<p>Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig
+werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich
+nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich
+zurück in ihren trübseligen Alltag.</p>
+
+<p>Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren
+jauchzenden Frühlingssturm — und ließen uns, aufschauernd, sein
+Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens!</p>
+
+<p>Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles
+Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe
+Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst,
+und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll
+Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde
+Erfüllung unserer Sehnsucht.</p>
+
+<p>Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in
+den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den
+Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück.</p>
+
+<p>Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem
+Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und
+die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der
+Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch
+Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas
+Heiliges!</p>
+
+<p>Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben
+und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt,
+wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.</p>
+
+<p>Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen
+und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine
+freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als
+ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne
+verglommen.<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines
+am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und
+kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen
+lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen
+und kletterten scheue Dunstflüge herum.</p>
+
+<p>Vor uns — jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat
+zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich
+nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter
+ihm ab.</p>
+
+<p>Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln
+— schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge
+der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft,
+wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all
+dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So
+närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze
+Treiben der Welt erscheinen mag.</p>
+
+<p>Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen
+Pantomime zusähe.</p>
+
+<p>Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie
+in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen
+gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.</p>
+
+<p>Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!</p>
+
+<p>Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als
+unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es
+darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen
+stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und
+liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.</p>
+
+<p>Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen
+und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder
+andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren,
+und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit.
+Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke
+darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die
+Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die
+großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p>Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie
+brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde,
+um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und
+Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.</p>
+
+<p>Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken
+und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten
+am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas
+tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen
+aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.</p>
+
+<p>Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und
+die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so
+lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie
+zu regieren.</p>
+
+<p>Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.</p>
+
+<p>Ich lachte.</p>
+
+<p>„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es
+wird nur endlich Frühling!“</p>
+
+<p>Gott sei Dank!</p>
+
+<p>Es wird nur endlich Tag!</p>
+
+<p>Nach so langer, dumpfer Nacht!</p>
+
+<p>Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang
+durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!</p>
+
+<p>Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich
+mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich
+tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und
+gestikulierender hin und her rannten.</p>
+
+<p>Da: Ein blendender Blitz zuckt empor.</p>
+
+<p>Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue
+Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt.</p>
+
+<p>Tag! Tag! Tag!</p>
+
+<p>Und Frühling! Frühling! —</p>
+
+<p>Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken
+ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen.
+Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster
+Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> lange Seile und
+Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten
+daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und
+an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu
+zwingen.</p>
+
+<p>Wir lachten.</p>
+
+<p>Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und
+Leitern und Ketten.</p>
+
+<p>Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was
+es war; Nebel? — sie zu verhängen und darunter zu ersticken.</p>
+
+<p>Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.</p>
+
+<p>Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig,
+unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was
+wollten ihr diese Fliegen!?</p>
+
+<p>Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche
+zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn
+freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont
+hinunterzuspritzen.</p>
+
+<p>Es zischte ein wenig, das war alles.</p>
+
+<p>Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.</p>
+
+<p>Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn
+Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren
+Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte
+Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.</p>
+
+<p>Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die
+Sonne empor, höher und höher.</p>
+
+<p>Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den
+Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit
+Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze
+Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.</p>
+
+<p>Da — mit einem Male — war es doch, als ob sie siegten.</p>
+
+<p>Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein
+Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig
+Minuten übersponnen hatten.</p>
+
+<p>Sie war gefangen.</p>
+
+<p>Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten
+ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> sich straff und
+straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.</p>
+
+<p>Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.</p>
+
+<p>Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf
+und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die
+Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen,
+zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf.</p>
+
+<p>Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an
+Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken,
+riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska
+purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder
+flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung
+kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und
+rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_022">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_022.jpg" alt="Die Sonne strahlt hell über den
+ Bergen">
+</figure>
+
+<p class="mtop1">Wir lachten. Es war grausam — aber wir lachten: wie diese
+Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen
+Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung
+und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber
+doch nicht; und ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu
+retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen.</p>
+
+<p>Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!</p>
+
+<p>Die anderen aber trug sie — lächelnd — höher und höher, bis in
+der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch
+überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem
+Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. — — —</p>
+
+<p>Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender
+Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag
+ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem
+Frühling die Erfüllung.</p>
+
+<p>Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber
+flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und
+Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und
+wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das
+Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und
+ein Lied des Sieges. — — —</p>
+
+<p>Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne
+aufgehe?!</p>
+
+<p class="right mright2">Cäsar Flaischlen</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Knabenlust">Knabenlust</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Horch, Märzenwind und Lerchenschlag</div>
+ <div class="verse indent0">Und keine Schule den Nachmittag!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Füße ohne Strumpf und Schuh,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf trocknem Weg den Wiesen zu!</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Nesterbauen und Veilchenblühn,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu Palmenweiden und Ostergrün! —</div>
+ <div class="verse indent0">Die spielenden Mägdlein dort am Rain,</div>
+ <div class="verse indent0">Die möchten wohl unsre Gesellen sein. —</div>
+ <div class="verse indent0">Nun rasch die Felsen emporgesaust,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Johann Georg Fischer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Wags">Wag’s!</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun ist er endlich kommen doch</div>
+ <div class="verse indent0">In grünem Knospenschuh;</div><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+ <div class="verse indent0">„Er kam, er kam ja immer noch!“</div>
+ <div class="verse indent0">Die Bäume nicken sich’s zu.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie konnten ihn all erwarten kaum.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun treiben sie Schuß auf Schuß;</div>
+ <div class="verse indent0">Im Garten der alte Apfelbaum:</div>
+ <div class="verse indent0">Er sträubt sich, aber er muß.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wohl zögert auch das alte Herz</div>
+ <div class="verse indent0">Und atmet noch nicht frei,</div>
+ <div class="verse indent0">Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,</div>
+ <div class="verse indent0">Und März ist noch nicht Mai.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O, schüttle ab den schweren Traum</div>
+ <div class="verse indent0">Und die lange Winterruh,</div>
+ <div class="verse indent0">Es wagt es der alte Apfelbaum,</div>
+ <div class="verse indent0">Herze, wag’s auch <em class="gesperrt">du</em>!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Theodor Fontane</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Glaube">Glaube</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die linden Lüfte sind erwacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie säuseln und weben Tag und Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schaffen an allen Enden.</div>
+ <div class="verse indent0">O frischer Duft, o neuer Klang!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun, armes Herze, sei nicht bang!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun muß sich alles, alles wenden.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Welt wird schöner mit jedem Tag,</div>
+ <div class="verse indent0">Man weiß nicht, was noch werden mag,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Blühen will nicht enden.</div>
+ <div class="verse indent0">Es blüht das fernste, tiefste Tal;</div>
+ <div class="verse indent0">Nun, armes Herz, vergiß der Qual!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun muß sich alles, alles wenden.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Ludwig Uhland</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Trost">Trost</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Horizont trübt leichter Dunst,</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Sommerhaus bezieht der Star,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Primeln blühn im Wasserrunst.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Bienen schwirren honigsatt</div>
+ <div class="verse indent0">Ums aufgedeckte Veilchenbeet,</div><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+ <div class="verse indent0">Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Fenster, das weit offen steht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das ist mein Trost nun: Tag für Tag</div>
+ <div class="verse indent0">Seh ich dem stillen Werden zu.</div>
+ <div class="verse indent0">Leis ebbt des raschen Herzens Schlag,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alle Sorge geht zur Ruh.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Artur von Wallpach</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Schwalbenmaerchen">Schwalbenmärchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf dem stillen, schwülen Pfuhle</div>
+ <div class="verse indent0">Tanzt die dünne Wasserspinn;</div>
+ <div class="verse indent0">Unten auf kristallnem Stuhle</div>
+ <div class="verse indent0">Thront die Unkenkönigin.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von den edelsten Metallen</div>
+ <div class="verse indent0">Hält ein Reif ihr Haupt umzogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie Silberglocken schallen</div>
+ <div class="verse indent0">Unkenstimmen durch die Wogen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Denn der Lenz erschien; die Schollen</div>
+ <div class="verse indent0">Sind zerflossen; Blüten zittern;</div>
+ <div class="verse indent0">Dumpfe Frühlingsdonner rollen</div>
+ <div class="verse indent0">Durch die Luft, schwarz von Gewittern.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wasserlilienkelche fließen</div>
+ <div class="verse indent0">Auf des Teiches dunkelm Spiegel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die ersten Schwalben schießen</div>
+ <div class="verse indent0">Drüberhin mit schnellem Flügel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus den zarten Schnäbeln leise</div>
+ <div class="verse indent0">Tönt Gezwitscher in die Wellen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Viele Grüße von der Reise</div>
+ <div class="verse indent0">Haben wir dir zu bestellen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lange waren wir in fremden,</div>
+ <div class="verse indent0">Sandbedeckten, heißen Ländern,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo in weiten Kaftanhemden</div>
+ <div class="verse indent0">Träge Turbanträger schlendern.</div><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Purpurfarbne Wunderpflanzen</div>
+ <div class="verse indent0">Dienten uns zu Meilenweisern;</div>
+ <div class="verse indent0">Gelbe Mauren sahn wir tanzen</div>
+ <div class="verse indent0">Nackt vor ihren Leinwandhäusern.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lechzend auf dem warmen Sattel</div>
+ <div class="verse indent0">Saß der Araber, der leichte,</div>
+ <div class="verse indent0">Während Ziegenmilch und Dattel</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm aufs Pferd die Gattin reichte.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf die Jagd der Antilopen</div>
+ <div class="verse indent0">Kriegerisch mit Spieß und Pfeile</div>
+ <div class="verse indent0">Zogen schlanke Äthiopen;</div>
+ <div class="verse indent0">Klagend tönte Memnons Säule.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus des Niles Flut getrunken</div>
+ <div class="verse indent0">Haben wir, matt von der Reise;</div>
+ <div class="verse indent0">Gruß dir, Königin der Unken,</div>
+ <div class="verse indent0">Von dem königlichen Greise!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!</div>
+ <div class="verse indent0">Doch zumeist der Grüße viele</div>
+ <div class="verse indent0">Bringen wir von deinem Vetter,</div>
+ <div class="verse indent0">Von dem Krokodil im Nile!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Ferdinand Freiligrath</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Dornroeschen">Dornröschen</h2>
+
+</div>
+
+<p>Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag:
+„Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da
+trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch
+aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird
+erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt
+bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin
+gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich
+nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß
+seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen
+dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer
+dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte,
+von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben.
+Das Fest ward mit aller Pracht<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> gefeiert, und als es zu Ende war,
+beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine
+mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so
+mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben
+getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich
+dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen
+oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter
+soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot
+hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um
+und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte
+hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen
+Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie:
+„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf,
+in welchen die Königstochter fällt.“</p>
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_027">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_027.jpg" alt="Der Frühling zieht musizierend
+ durch das Land">
+ <figcaption class="caption">
+ <div class="linkedimage"><a href="images/illu_027_gross.jpg"
+ id="illu_027_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<p class="mtop1">Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte,
+ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche
+sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der
+weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam,
+freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben
+mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt
+ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
+ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah
+Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen
+alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer
+kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und
+als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen
+Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.
+„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst
+du da?“ — „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was
+ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen,
+nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die
+Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach
+sich damit in den Finger.</p>
+
+<p>In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das
+Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Schlaf. Und dieser
+Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die
+Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen
+an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch
+die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die
+Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward
+still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der
+Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren
+ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und
+auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.</p>
+
+<p>Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die
+jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber
+hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht
+die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem
+schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter
+genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die
+Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich;
+denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die
+Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen
+und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam
+wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann
+von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in
+welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon
+seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die
+Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß
+schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
+Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines
+traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich
+nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte
+mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.</p>
+
+<p>Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war
+gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn
+sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die
+taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch,
+und hinter ihm taten sie sich<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> wieder als eine Hecke zusammen. Im
+Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und
+schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter
+den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen
+an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte
+er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das
+sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen
+Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König
+und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß
+einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und
+öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.
+Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und
+er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt
+hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz
+freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und
+die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen
+an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde
+sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen
+unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an
+den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte
+und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der
+Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte
+das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem
+Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an
+ihr Ende.</p>
+
+<p class="right mright2">Brüder Grimm</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsgruss">Frühlingsgruß</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es steht ein Berg in Feuer,</div>
+ <div class="verse indent0">In feurigem Morgenbrand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und auf des Berges Spitze</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Tannenbaum überm Land.</div>
+ <div class="verse indent0">Und auf dem höchsten Wipfel</div>
+ <div class="verse indent0">Steh ich und schau vom Baum,</div>
+ <div class="verse indent0">O Welt, du schöne Welt, du,</div>
+ <div class="verse indent0">Man sieht dich vor Blüten kaum!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Josef von Eichendorff</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Fallende_Blueten">Fallende Blüten</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden,</div>
+ <div class="verse indent0">Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Albert Sergel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe36" id="illu_032">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_032.jpg" alt="Blühende Bäume">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_seidenen_Doeckchen">Die seidenen Döckchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kling, kling, Glöckchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Haus steht ein Döckchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Garten steht ein Hühnernest,</div>
+ <div class="verse indent0">Stehn drei seidne Döckchen drin,</div>
+ <div class="verse indent0">Eins spinnt Seiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Eins flicht Weiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Eins schließt den Himmel auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Läßt ein bißchen Sonn heraus,</div>
+ <div class="verse indent0">Läßt ein bißchen drinn,</div>
+ <div class="verse indent0">Daraus die Liebfrau Maria spinn</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Röcklein für die Kindelein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsstimmen">Frühlingsstimmen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Seht, was da draußen vor sich geht!</div>
+ <div class="verse indent0">Es regt sich, was schon lang geruht.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonn besieht sich’s jeden Tag</div>
+ <div class="verse indent0">Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“</div><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Man spricht davon im Sperlingsnest;</div>
+ <div class="verse indent0">Da zwitschert es mit hellem Ton.</div>
+ <div class="verse indent0">„Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot.</div>
+ <div class="verse indent0">’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im Wald ist auch der Haselbusch</div>
+ <div class="verse indent0">Schon wach und blinzelt schon ins Licht.</div>
+ <div class="verse indent0">Und schneit’s ihm in die Augen mal,</div>
+ <div class="verse indent0">Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor;</div>
+ <div class="verse indent0">Hellgrün und rot drängt sich’s herauf.</div>
+ <div class="verse indent0">Eins sieht sich nach dem andern um:</div>
+ <div class="verse indent0">„Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt!</div>
+ <div class="verse indent0">Man hält es aus — es geht, es geht.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch überm Ackersmann und singt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich bin die erst; die erst bin ich,</div>
+ <div class="verse indent0">Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So regt sich Leben überall</div>
+ <div class="verse indent0">Und neue Lust und froher Klang.</div>
+ <div class="verse indent0">Auf, stimmet mit den Herzen ein!</div>
+ <div class="verse indent0">Freut euch und sagt dem Himmel Dank!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Johannes Trojan</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Lerchen">Lerchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Du hörst nur lauter Frühlingslieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer lauter wird der Chor</div>
+ <div class="verse indent0">Von Lerchen, die im Himmel wohnen;</div>
+ <div class="verse indent0">Es hält den Atem an der Wind — —</div>
+ <div class="verse indent0">Berauschend schlägt es an mein Ohr</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Jubelsang von Millionen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die glücklich, überglücklich sind.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Emil Faktor</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_034">
+ <img class="w100 mtop1" src="images/illu_034.jpg" alt="Eine dicht bewachsene
+ Blumenwiese mit Maiglöckchen">
+</figure>
+
+</div>
+
+<h2 class="nopad" id="Maigloeckchen_und_die_Bluemelein">Maiglöckchen und die
+Blümelein</h2>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Maiglöckchen läutet in dem Tal,</div>
+ <div class="verse indent0">Das klingt so hell und fein:</div>
+ <div class="verse indent0">So kommt zum Reigen allzumal,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr lieben Blümelein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Blümchen blau und gelb und weiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Die kommen all herbei,</div>
+ <div class="verse indent0">Vergißmeinnicht und Ehrenpreis,</div>
+ <div class="verse indent0">Zeitlos und Akelei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alle tanzen dann,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mond sieht ihnen freundlich zu,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat seine Freude dran.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Den Junker Reif verdroß das sehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Er kommt ins Tal hinein:</div>
+ <div class="verse indent0">Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Fort sind die Blümelein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch kaum der Reif das Tal verläßt,</div>
+ <div class="verse indent0">Da rufet wiederum</div>
+ <div class="verse indent0">Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest</div>
+ <div class="verse indent0">Und läutet bim bam bum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">Maiglöckchen ruft auch mich:</div>
+ <div class="verse indent0">Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Tanze geh auch ich!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Hoffmann von Fallersleben</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Amsel">Die Amsel</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie tönt an Frühlingstagen</div>
+ <div class="verse indent0">So schwermutreich und hold</div>
+ <div class="verse indent0">Der Amsel lautes Schlagen</div>
+ <div class="verse indent0">Ins stille Abendgold.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es schimmert an den Zweigen</div>
+ <div class="verse indent0">Ein zartverhülltes Grün,</div>
+ <div class="verse indent0">Die jungen Säfte steigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und es beginnt zu blühn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch nicht mit Jubeltönen</div>
+ <div class="verse indent0">Begrüßt die Amsel nun</div>
+ <div class="verse indent0">Die Tage, jene schönen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die in der Zukunft ruhn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es klingt wie Leides Ahnung,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie singt im schwarzen Kleid</div>
+ <div class="verse indent0">Schon jetzt die trübe Mahnung:</div>
+ <div class="verse indent0">Wie kurz die schöne Zeit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Heinrich Seidel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_schwarze_Amsel">Die schwarze Amsel</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wann ich schon schwarz bin,</div>
+ <div class="verse indent0">Schuld ist nicht mein allein,</div>
+ <div class="verse indent0">Schuld hat meine Mutter gehabt,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil sie mich nicht gewaschen hat,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ich noch klein,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ich noch wunderwinzig bin gesein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Nimmersatt">Der Nimmersatt</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In unserm Flieder raschelt was,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein kleiner Spatz.</div>
+ <div class="verse indent0">„Hier sitz ich ohne Futter,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo bleibt nur meine Mutter?</div>
+ <div class="verse indent0">Ich hab ein schön gelb Schnäbelein;</div>
+ <div class="verse indent0">Es tut mir keiner was hinein,</div>
+ <div class="verse indent0">Mir armen Matz.</div><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ade, du schöner Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Du grüner Platz!</div>
+ <div class="verse indent0">Hier muß ich nun verderben,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie läßt mich Hungers sterben;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie fliegt in aller Welt umher</div>
+ <div class="verse indent0">Und findet mich gewiß nicht mehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Mich armen Matz.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart:</div>
+ <div class="verse indent0">„Hört eins den Fratz!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich stopfe, und ich stopfe;</div>
+ <div class="verse indent0">Er schilt mit vollem Kropfe!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich wüßt nicht, wer es besser hat:</div>
+ <div class="verse indent0">Du bist ein kleiner Nimmersatt,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein kleiner Matz!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Viktor Blüthgen</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_036">
+ <img class="w100 mtop1" src="images/illu_036.jpg" alt="Ein dicht bewachsenes Blumenbeet">
+</figure>
+
+</div>
+
+<h2 class="nopad" id="Das_Blumenbeet">Das Blumenbeet</h2>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Beet, schon lockert</div>
+ <div class="verse indent0">sich’s in die Höh,</div>
+ <div class="verse indent0">Da wanken Glöckchen</div>
+ <div class="verse indent0">So weiß wie Schnee;</div>
+ <div class="verse indent0">Safran entfaltet</div>
+ <div class="verse indent0">Gewaltge Glut,</div>
+ <div class="verse indent0">Smaragden keimt es</div>
+ <div class="verse indent0">Und keimt wie Blut.</div>
+ <div class="verse indent0">Primeln stolzieren</div>
+ <div class="verse indent0">So naseweis,</div><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+ <div class="verse indent0">Schalkhafte Veilchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Versteckt mit Fleiß;</div>
+ <div class="verse indent0">Was auch noch alles</div>
+ <div class="verse indent0">Da regt und webt,</div>
+ <div class="verse indent0">Genug, der Frühling,</div>
+ <div class="verse indent0">Er wirkt und lebt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6">Wolfgang v. Goethe</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Froesche">Die Frösche</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein großer Teich war zugefroren;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Durften nicht ferner quaken noch springen,</div>
+ <div class="verse indent0">Versprachen sich aber, im halben Traum,</div>
+ <div class="verse indent0">Fänden sie nur da oben Raum,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Nachtigallen wollten sie singen.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,</div>
+ <div class="verse indent0">Nun ruderten sie und landeten stolz</div>
+ <div class="verse indent0">Und saßen am Ufer weit und breit</div>
+ <div class="verse indent0">Und quakten wie vor alter Zeit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Wolfgang v. Goethe</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Winterbericht">Winterbericht</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder</div>
+ <div class="verse indent0">Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun saget mir, was ist geschehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen</div>
+ <div class="verse indent0">Da hat sich vieles zugetragen;</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Vater kaufte eine Kuh</div>
+ <div class="verse indent0">Und meiner Schwester neue Schuh.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich hab an Größe zugenommen</div>
+ <div class="verse indent0">Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Weihnachten kriegte ich ein Schwert</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein sehr wildes Wiegenpferd.</div>
+ <div class="verse indent0">Und in die Schule geht, mein Bester,</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt auch die Suse, meine Schwester,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weil sie neulich nichts gewußt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat sie nachbleiben schon gemußt.“</div>
+ <div class="verse indent0">„Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern,</div>
+ <div class="verse indent0">„Man darf nicht aus der Schule plappern!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Rudolf Löwenstein</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_038">
+ <img class="w100 mtop1" src="images/illu_038.jpg" alt="Der Klapperstorch bringt
+ Zwillinge">
+</figure>
+
+</div>
+
+<h2 class="nopad" id="Der_Storch_ist_da">Der Storch ist da</h2>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Juchheirasa,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Storch ist da!</div>
+ <div class="verse indent0">Er steht vergnügt im Neste</div>
+ <div class="verse indent0">Und klappert auf das beste;</div>
+ <div class="verse indent0">Er bückt sich vor der Störchin fein</div>
+ <div class="verse indent0">Und dreht sich auf dem langen Bein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Juchheirasa.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Storch ist da!</div>
+ <div class="verse indent0">Was er im Wickelkissen</div>
+ <div class="verse indent0">Mitbringt, wer kann es wissen?</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein?</div>
+ <div class="verse indent0">Es wird doch nicht ein Pärchen sein?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Klapperstorch">Klapperstorch</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Storch, Storch, Langbein,</div>
+ <div class="verse indent0">Wann fliegst du ins Land herein,</div>
+ <div class="verse indent0">Bringst dem Kind ein Brüderlein?</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn der Roggen reifet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn der Frosch pfeifet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn die goldnen Ringen</div>
+ <div class="verse indent0">In der Kiste klingen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn die roten Appeln</div>
+ <div class="verse indent0">In der Kiste rappeln.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kuckuck">Kuckuck</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Gutzgauch auf dem zaune saß,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div>
+ <div class="verse indent0">es regnet ser, und er ward naß,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck, guckguck!</div>
+ <div class="verse indent0">Darnach do kam der sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div>
+ <div class="verse indent0">der Gutzgauch der ward hüpsch und fein,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck, guckguck!</div>
+ <div class="verse indent0">Alsdann schwang er sein gfidere,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div>
+ <div class="verse indent0">er flog dort hin wol über se,</div>
+ <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Zweig_und_der_Vogel_im_April">Der Zweig und der Vogel
+im April</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wach auf! wie schläfst du gar so still —</div>
+ <div class="verse indent0">Wach auf! wir haben schon April.</div>
+ <div class="verse indent0">Wach auf! was schläfst du gar so fest?</div>
+ <div class="verse indent0">Ich brauche Schatten für mein Nest,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Damit mein Nest kein Würger schaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Der mich beraubt und mich bedroht</div>
+ <div class="verse indent0">Und meinen Kleinen bringt den Tod.</div>
+ <div class="verse indent0">Drum, lieber Zweig, erwach, erwach,</div>
+ <div class="verse indent0">Bau mir solch dichtbelaubtes Dach!</div>
+ <div class="verse indent0">Was tut der stille Zweig darauf?</div>
+ <div class="verse indent0">Er schlägt die Blütenaugen auf</div>
+ <div class="verse indent0">Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich brauch zum Bauen Sonnenschein.</div>
+ <div class="verse indent0">Wart nur zwei Wochen oder drei,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann kommt mein Meister an, der Mai!</div>
+ <div class="verse indent0">Dann schmück ich dir dein kleines Haus</div>
+ <div class="verse indent0">Mit festen grünen Wänden aus,</div>
+ <div class="verse indent0">Von grünen Ziegeln hundertfach</div>
+ <div class="verse indent0">Bau drüber ich ein dichtes Dach,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß dich kein böser Würger sieht.</div>
+ <div class="verse indent0">Dann kannst du singen froh dein Lied,</div>
+ <div class="verse indent0">Kannst pflegen deine kleine Brut</div><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>
+ <div class="verse indent0">Mit deinem Weibchen, still und gut,</div>
+ <div class="verse indent0">Den ganzen, lieben Sommer lang!“</div>
+ <div class="verse indent0">Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank!</div>
+ <div class="verse indent0">So will ich baun mein Nest in Ruh;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch für das Dächlein sorge du!</div>
+ <div class="verse indent0">Und kommt der Mai, dann ohne Rast</div>
+ <div class="verse indent0">Tu, was du mir versprochen hast!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Rudolf Löwenstein</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsregen">Frühlingsregen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die grauen Wolken flogen,</div>
+ <div class="verse indent2">Umwölbend das Gefild,</div>
+ <div class="verse indent2">Und nieder kam gezogen</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Regen warm und mild.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun träufelt der Erquickung Tau,</div>
+ <div class="verse indent0">Es dampft die zartbegrünte Au —</div>
+ <div class="verse indent2">Die Erde hat gesogen</div>
+ <div class="verse indent2">Und ihren Durst gestillt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein Duft von jungem Leben</div>
+ <div class="verse indent2">Den kühlen Hain durchdringt;</div>
+ <div class="verse indent2">Die Knospen wonnig beben,</div>
+ <div class="verse indent2">Und sachtes Tröpfeln klingt.</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Erlenbüsche streift der Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit feuchtem Haar — ein heitres Kind;</div>
+ <div class="verse indent2">Ein Säuseln läßt er schweben</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem Gezweig und singt:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">„Sonne, erschließe</div>
+ <div class="verse indent2">Das himmlische Blau,</div>
+ <div class="verse indent2">Goldglanz gieße</div>
+ <div class="verse indent2">Auf grüne Au!</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr gebadeten Blumen,</div>
+ <div class="verse indent2">Laßt die feuchten</div>
+ <div class="verse indent2">Äuglein leuchten!</div>
+ <div class="verse indent2">Ich schüttle von schwanken Erlen</div>
+ <div class="verse indent2">Zum Spiel euch glitzernde Perlen —</div>
+ <div class="verse indent2">Solch bunte Perlen woben</div>
+ <div class="verse indent2">Die schwebende Brücke droben</div>
+ <div class="verse indent2">Am blauen Himmelssee.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Bruno Wille</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe40 break-before" id="illu_041">
+ <img class="w100 mtop1" src="images/illu_041.jpg" alt="Kinder pflücken Blumen in
+ einem lichten Birkenwald">
+ <figcaption class="caption">
+ <div class="linkedimage"><a href="images/illu_041_gross.jpg"
+ id="illu_041_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Aprilwetter">Aprilwetter</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sprühregen, drein die Sonne scheint,</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt da und jetzt auch schon vorüber,</div>
+ <div class="verse indent0">So kurz, wie wach der Säugling weint,</div>
+ <div class="verse indent0">Er wendet sich und schlummert wieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Sprühregen! Jetzt der Himmel blau,</div>
+ <div class="verse indent0">Und jetzt von Wolken überzogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nun lachend über allem Grau</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wunderschein der Regenbogen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="April">April</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">April! April</div>
+ <div class="verse indent2">Weiß nicht, was er will,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist gar ein launischer Gesell,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald düster, bald hell,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein</div>
+ <div class="verse indent0">Dir freundlich und hell ins Herz hinein</div>
+ <div class="verse indent0">Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald weint er und heult schier zum Erbarmen.</div>
+ <div class="verse indent0">Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder</div>
+ <div class="verse indent0">Und hagelt und wettert wild hernieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Frühling heut zu dienen beginnt er,</div>
+ <div class="verse indent0">Und morgen dient er wieder dem Winter.</div>
+ <div class="verse indent0">Ist eben zweier Herren Knecht</div>
+ <div class="verse indent0">Und macht’s drum keinem Herren recht,</div>
+ <div class="verse indent0">Will sich für keinen von den beiden</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ehrlich festem Sinn entscheiden.</div>
+ <div class="verse indent0">Was er verspricht, das hält er nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Was er bringen soll, das bringt er nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Was er singen soll, das singt er nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn er lachen kann, so lacht er nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Was er machen kann, das macht er nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Tut, was er schafft, nur mit Verdruß,</div>
+ <div class="verse indent0">Und tut’s nur darum, weil er muß.</div>
+ <div class="verse indent2">Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei,</div>
+ <div class="verse indent2">Vor allem doch den Monat Mai!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Rudolf Löwenstein</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_arme_Voeglein">Das arme Vöglein</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Vogel ruft im Walde,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich weiß es wohl, wonach?</div>
+ <div class="verse indent0">Er will ein Häuschen haben,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein grünes, laubig Dach.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er rufet alle Tage,</div>
+ <div class="verse indent0">Und flattert hin und her,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in dem ganzen Walde</div>
+ <div class="verse indent0">Hört keiner sein Begehr.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und endlich hört’s der Frühling,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Freund der ganzen Welt.</div>
+ <div class="verse indent0">Der gibt dem armen Vöglein</div>
+ <div class="verse indent0">Ein schattig Laubgezelt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer singt im hohen Baume</div>
+ <div class="verse indent0">So froh vom grünen Ast?</div>
+ <div class="verse indent0">Das tut das arme Vöglein</div>
+ <div class="verse indent0">Aus seinem Laubpalast.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es singet Dank dem Frühling</div>
+ <div class="verse indent0">Für das, was er beschied,</div>
+ <div class="verse indent0">Und singt, so lang er weilet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm jeden Tag ein Lied.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6">Hoffmann von Fallersleben</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe38" id="illu_044">
+ <img class="w100" src="images/illu_044.jpg" alt="Volgelpaar mit einem Nest in den
+ Zweigen">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="An_den_Mai">An den Mai</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es ist doch im April fürwahr</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frühling weder halb noch gar!</div>
+ <div class="verse indent0">Komm, Rosenbringer, süßer Mai,</div>
+ <div class="verse indent0">Komm du herbei!</div>
+ <div class="verse indent0">So weiß ich, was der Frühling sei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">— Wie aber? Soll die erste Gartenpracht,</div>
+ <div class="verse indent0">Narzissen, Primeln, Hyazinthen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Schon welken und verschwinden?</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit euch besonders, holde Veilchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei?</div>
+ <div class="verse indent0">Lieber, lieber Mai,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, so warte noch ein Weilchen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Eduard Mörike</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Mailied">Mailied</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es kommt ein wundersamer Knab</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt durch die Welt gegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wo er geht, bergauf, bergab,</div>
+ <div class="verse indent0">Hebt sich ein Glast und Prangen.</div>
+ <div class="verse indent0">In frischem Grün steht Feld und Tal,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Vögel singen allzumal,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Blütenschnee und Regen</div>
+ <div class="verse indent0">Fällt nieder allerwegen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drum singen wir im Wald dies Lied</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Hei und Tralaleyen;</div>
+ <div class="verse indent0">Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Gruß dem jungen Maien.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist immer guter Laune;</div>
+ <div class="verse indent0">Drum schwirren durch den Tann herum</div>
+ <div class="verse indent0">Die Maienkäfer braune,</div>
+ <div class="verse indent0">Und aus dem Moos wächst schnell herfür</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frühlingsblumen schönste Zier;</div>
+ <div class="verse indent0">Die weißen Glocken läuten</div>
+ <div class="verse indent0">Den Maien ein mit Freuden.</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drum singen wir im Wald das Lied</div>
+ <div class="verse indent0">mit Hei und Tralaleyen;</div>
+ <div class="verse indent0">Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Gruß dem jungen Maien.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Viktor v. Scheffel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_046">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_046.jpg" alt="Ein junger Mann liegt im Gras
+ unter einem blühenden Kirschbaum">
+</figure>
+
+</div>
+
+<h2 class="nopad" id="Nochmals_vom_Kirschbaum">Nochmals vom Kirschbaum</h2>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun sagt, was ist im Kirschenbaum?</div>
+ <div class="verse indent0">In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum:</div>
+ <div class="verse indent0">In seinen Adern regte sich’s leis:</div>
+ <div class="verse indent0">In seinen Ästen bewegte sich’s leis:</div>
+ <div class="verse indent0">Noch eine einzige laue Nacht —</div>
+ <div class="verse indent0">Und plötzlich steht er in Blütenpracht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jetzt schwirren die Boten rings weitum —</div>
+ <div class="verse indent0">Gesumm, Gebrumm</div><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>
+ <div class="verse indent0">Von feinsten Stimmen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Heran, ihr Immen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Feste:</div>
+ <div class="verse indent0">Der Alte erwartet die Gäste!“</div>
+ <div class="verse indent0">Leg dich darunter, nach oben schau —</div>
+ <div class="verse indent0">Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und lausche: von fern und nah</div>
+ <div class="verse indent0">Richtig, sind schon die Bienen da,</div>
+ <div class="verse indent0">Ganz aus ist nun die Winternacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Der alte Herr ganz aufgewacht —</div>
+ <div class="verse indent0">Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“</div>
+ <div class="verse indent0">Wie sie von allen Tellerchen schlecken.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von einem zum andern, summ, summ, summ,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu Tausenden tummeln sie sich herum,</div>
+ <div class="verse indent0">Nippen, naschen, trinken, brummen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Blüten selber, meinst du, summen</div>
+ <div class="verse indent0">Immer im gleichen Geschwirr in Ruh —</div>
+ <div class="verse indent0">Der Alte strahlt über und über dazu.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Endlich zieht davon der Schwarm,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber nun werden die Tage warm,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber nun brechen die Blätter heraus,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber nun reifen die Früchte aus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">An jedem Aste die Körbe schwer,</div>
+ <div class="verse indent0">Richtet er’s jetzt für die Großen her:</div>
+ <div class="verse indent0">Stützt ihm die Arme, daß er nicht</div>
+ <div class="verse indent0">Unter dem eignen Segen bricht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Ferdinand Avenarius</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Saeemann">Der Säemann</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Immer seh ich dich so, mein Vater,</div>
+ <div class="verse indent0">zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke:</div>
+ <div class="verse indent0">als Säemann.</div>
+ <div class="verse indent0">Und deine Söhne, groß und schlank wie du,</div>
+ <div class="verse indent0">ganz dein verjüngtes Bild,</div>
+ <div class="verse indent0">barhäuptig und barfuß</div>
+ <div class="verse indent0">am Pflug.</div><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein breiter Acker,</div>
+ <div class="verse indent0">aus der Mulde, die so windstill,</div>
+ <div class="verse indent0">nach der Höhe, luftig bewegt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lang am Wald hin</div>
+ <div class="verse indent0">dunkle Eichen und helle Birken,</div>
+ <div class="verse indent0">und wilde Heckenrosen am Rain</div>
+ <div class="verse indent0">in runden Büschen,</div>
+ <div class="verse indent0">an den Dornen Wollen-Flöckchen.</div>
+ <div class="verse indent0">Die frisch gebrochenen Furchen braun</div>
+ <div class="verse indent0">und dampfend im herben, würzigen Frühwind.</div>
+ <div class="verse indent0">Hinter uns stolzierend</div>
+ <div class="verse indent0">der schwarzglänzende Rabe,</div>
+ <div class="verse indent0">emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weiße Wolken</div>
+ <div class="verse indent0">als träumende Schäfchen</div>
+ <div class="verse indent0">hinziehend am hohen Himmel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du in langen Schritten gradaus,</div>
+ <div class="verse indent0">kräftig atmend,</div>
+ <div class="verse indent0">das Auge hell und fest.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kuckucksruf aus dem Wald:</div>
+ <div class="verse indent0">Du blickst uns an und lächelst schalkhaft.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir klopfen dreimal an die Tasche.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun gürtest du um den Leib</div>
+ <div class="verse indent0">den grauen, körnerschweren Samensack.</div>
+ <div class="verse indent0">Der rechte Arm,</div>
+ <div class="verse indent0">nackt bis zum Ellenbogen,</div>
+ <div class="verse indent0">mit flatterndem Ärmel,</div>
+ <div class="verse indent0">geht im Schwung mit dem Schritt.</div>
+ <div class="verse indent0">Aus der Hand fliegen sausend im Bogen</div>
+ <div class="verse indent0">die Körner, sorglich erlesen,</div>
+ <div class="verse indent0">glatt und prall und glänzend in Keimkraft.</div>
+ <div class="verse indent0">Stillbedächtig,</div>
+ <div class="verse indent0">wie in verhaltener Lust,</div>
+ <div class="verse indent0">empfängt sie die Erde und zieht sie ein</div>
+ <div class="verse indent0">in den harrenden Schoß,</div>
+ <div class="verse indent0">Hampfel um Hampfel.</div><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Immer seh ich dich so, mein Vater,</div>
+ <div class="verse indent0">als Säemann.</div>
+ <div class="verse indent0">Immer so im festen Schritt</div>
+ <div class="verse indent0">über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin,</div>
+ <div class="verse indent0">wie von heimlicher Musik</div>
+ <div class="verse indent0">aus der Tiefe der Erde begleitet,</div>
+ <div class="verse indent0">von segnenden Winden umsungen</div>
+ <div class="verse indent0">aus des Himmels leuchtender Höhe.</div>
+ <div class="verse indent0">Und deine Söhne alle, emsig wie du,</div>
+ <div class="verse indent0">was auch sonst ihre Hantierung,</div>
+ <div class="verse indent0">immer wieder am Pflug,</div>
+ <div class="verse indent0">bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen,</div>
+ <div class="verse indent0">weit leuchtend über die Felder hin.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und aus der Ferne</div>
+ <div class="verse indent0">hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich:</div>
+ <div class="verse indent0">„Wie seid ihr fleißig heute!“</div>
+ <div class="verse indent0">Dann erscheint sie,</div>
+ <div class="verse indent0">die Hand schirmend über den lachenden Augen,</div>
+ <div class="verse indent0">die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht:</div>
+ <div class="verse indent0">„Längst ist vorüber der Mittag,</div>
+ <div class="verse indent0">habt ihr nicht läuten gehört?</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet,</div>
+ <div class="verse indent0">Linsensuppe gibt’s und Spätzli —“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn:</div>
+ <div class="verse indent0">„Gleich, Mutter, gleich.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir sind hungrig wie Wölfe.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Gott sei Dank,“ sagst du, Vater,</div>
+ <div class="verse indent0">„wir haben das Unsrige getan.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun schenk uns der Himmel gut Wetter</div>
+ <div class="verse indent0">zu Wachstum und Ernte.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Immer seh ich uns so, ganz deutlich,</div>
+ <div class="verse indent0">und hör jedes Wort</div>
+ <div class="verse indent0">von dir und der seligen Mutter.</div>
+ <div class="verse indent0">So lange ist’s her, so lange, so lange.</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer noch schwillt uns das Herz</div>
+ <div class="verse indent0">in Hoffnung künftiger Ernten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Michael Georg Conrad</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Saeerspruch">Säerspruch</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Erde bleibt noch lange jung!</div>
+ <div class="verse indent0">Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Ruh ist süß. Es hat es gut.</div>
+ <div class="verse indent0">Hier eins, das durch die Scholle bricht.</div>
+ <div class="verse indent0">Es hat es gut. Süß ist das Licht.</div>
+ <div class="verse indent0">Und keines fällt aus dieser Welt</div>
+ <div class="verse indent0">Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">C. F. Meyer</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Junge_Kaetzchen">Junge Kätzchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu,</div>
+ <div class="verse indent0">Die stehen zusammen längst schon auf du.</div>
+ <div class="verse indent0">Trippelt zum Garten sie in der Früh,</div>
+ <div class="verse indent0">Wartet Frau Miezekatz schon auf sie,</div>
+ <div class="verse indent0">Putzt die vier Kleinen noch akkurat;</div>
+ <div class="verse indent0">Jeder macht gern mit den Kindern Staat.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt.</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn solch ein großes Wunder geschehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Das muß die Mutter doch auch mal sehn!</div>
+ <div class="verse indent0">Holt ein Näpfchen, so ein kleins;</div>
+ <div class="verse indent0">Macht für die Kätzchen was Extrafeins.</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist ein Springen, hinauf und hinab,</div>
+ <div class="verse indent0">Lecken sich alle Pfoten ab.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt,</div>
+ <div class="verse indent0">Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt,</div>
+ <div class="verse indent0">Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleitet hernieder aufs Katzenfell,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis zu den Kätzchen winzig und klein</div>
+ <div class="verse indent0">Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Ludwig Jacobowski</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Sperling">Der Sperling</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Sperling ist ein kleines Tier,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat ein kurzes Schwänzchen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sitzt vor Hänschens Kammertür,</div>
+ <div class="verse indent0">Macht ein Reverenzchen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe40 break-before" id="illu_051">
+ <img class="w100 mtop2" src="images/illu_051.jpg" alt="Der Sämann bestellt sein
+ Feld.">
+ <figcaption class="caption">
+ <div class="linkedimage"><a href="images/illu_051_gross.jpg"
+ id="illu_051_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_053">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_053.jpg" alt="Spatzen zwitschern auf dem
+ Dach">
+</figure>
+
+</div>
+
+<h2 class="nopad" id="Spatzenausflug">Spatzenausflug</h2>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Spatzen schrein in ihrem Nest,</div>
+ <div class="verse indent0">Als hätten sie ein großes Fest;</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent0">Und weiß nicht, wie viel Gäst. —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun ist vorbei Gesang und Schmaus,</div>
+ <div class="verse indent0">Da fliegen sie aufs Dach heraus:</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent0">Und ruhn ein wenig aus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der alte Spatz, der kluge Mann,</div>
+ <div class="verse indent0">Hebt jetzo seine Rede an:</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch auf der Wetterfahn;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ihr Kinder, eh nach Samen</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr ausfliegt auf das Feld,</div>
+ <div class="verse indent0">Geb ich euch eure Namen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann schlagt euch durch die Welt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr könnt nun prächtig singen</div>
+ <div class="verse indent0">Und flattern und hüpfen und springen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und baun, wo’s euch gefällt.</div><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So merkt denn auf und horchet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie jeder von euch heißt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und seid dann unbesorget,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ihr von dannen reist.</div>
+ <div class="verse indent0">Helft nur einander treulich,</div>
+ <div class="verse indent0">Und seid nicht so abscheulich,</div>
+ <div class="verse indent0">Seid friedlich allermeist!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du bist der Winkelschlupfer,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mück und Schnak ertappt,</div>
+ <div class="verse indent0">Du bist der Gassenhupfer,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Korn und Haber schnappt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und du der Bröselesser,</div>
+ <div class="verse indent0">Und du der Kirschenfresser,</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl schmeck euch, was ihr habt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wohnt ihr in den Hecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wohnt ihr unterm Dach:</div>
+ <div class="verse indent0">Fern sei euch jeder Schrecken</div>
+ <div class="verse indent0">Und jedes Ungemach!</div>
+ <div class="verse indent0">Seid nur auch auf der Lauer,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn über Zaun und Mauer</div>
+ <div class="verse indent0">Euch schleicht das Kätzchen nach!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Miau! Dort kommt sie schon, die Katz,</div>
+ <div class="verse indent0">Die hat uns all auf einen Satz:</div>
+ <div class="verse indent6">Zwickelwickbembem!</div>
+ <div class="verse indent6">Zwickelwickbembem!</div>
+ <div class="verse indent0">Sucht einen sichern Platz.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Bei_Goldhaehnchens">Bei Goldhähnchens</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie wohnen im grünen Fichtenpalast</div>
+ <div class="verse indent0">In einem Nestchen klein</div>
+ <div class="verse indent0">Sehr niedlich und sehr fein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,</div>
+ <div class="verse indent0">Mückensalat und Gnitzenbrei</div>
+ <div class="verse indent0">Und Käferbraten famos —</div>
+ <div class="verse indent0">Zwei Millimeter groß.</div><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,</div>
+ <div class="verse indent0">So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas.</div>
+ <div class="verse indent0">Dann wurden die Kinder besehn:</div>
+ <div class="verse indent0">Sehr niedlich alle zehn!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hat uns mächtig gefreut!“</div>
+ <div class="verse indent0">Es sind doch reizende Leut!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Heinrich Seidel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Unser_Fritz">Unser Fritz</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Unser Fritz richt’t seinen Schlag,</div>
+ <div class="verse indent0">Wollt ein Meislein fangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch weil ihm denselben Tag</div>
+ <div class="verse indent0">Keines drein gegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird dem Fritz zu lang die Zeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Denkt: ich hab umsonst gestreut,</div>
+ <div class="verse indent0">Will ja keine kommen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nach acht Tagen fällt ihm ein,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Garten zu spazieren:</div>
+ <div class="verse indent0">Es ist schöner Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Man kann nicht erfrieren,</div>
+ <div class="verse indent0">Und am alten Apfelbaum</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum:</div>
+ <div class="verse indent0">Ob der Schlag gefallen?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ja! Es sitzt ein Vogel drin!</div>
+ <div class="verse indent0">Aber, weh! o wehe!</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist trauriger Gewinn:</div>
+ <div class="verse indent0">Tot, so viel ich sehe!</div>
+ <div class="verse indent0">— Aber, was kann ich dafür?</div>
+ <div class="verse indent0">Sicher hat das dumme Tier</div>
+ <div class="verse indent0">Sich zu Tod gefressen!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So tröst’t sich dein Mörder wohl,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dich hungern lassen,</div>
+ <div class="verse indent0">Aber ich vor Leid und Groll</div>
+ <div class="verse indent0">Weiß mich nicht zu fassen!</div><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>
+ <div class="verse indent0">Hast alle Körnlein aufgepickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hast dann vergebens umgeblickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo noch ein Bröslein wäre!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr andern Vöglein allesamt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl unterm blauen Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr habt mit Wehgesang verdammt</div>
+ <div class="verse indent0">Den Vogelstellerlümmel.</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, eines starb so balde, bald,</div>
+ <div class="verse indent0">Eben da in Feld und Wald</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frühling wollte kommen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Eduard Mörike</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_056">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_056.jpg" alt="Zwei Ritter im Lanzenduell, einer davon ist der Frühling">
+</figure>
+
+<h2 class="nopad" id="Ritter_Mai">Ritter Mai</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Berg eine wilde Wiese;</div>
+ <div class="verse indent0">Da liegt todwund auf den Grund gestreckt</div>
+ <div class="verse indent0">Der Winter, der reisige Riese.</div>
+ <div class="verse indent0">Den stach vom Rosse in scharfem Turnei</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Grieswärtel war dorten der Meister Specht,</div>
+ <div class="verse indent0">Kampfrichter waren die Dohlen.</div>
+ <div class="verse indent0">Den Ritterdank, ein Rankengeflecht,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Primeln durchwirkt und Violen,</div><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>
+ <div class="verse indent0">Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun reitet im Harnisch von klarem Gold</div>
+ <div class="verse indent0">Der herrliche Sieger zu Tale,</div>
+ <div class="verse indent0">Drommeter blasen, der Ehrenhold</div>
+ <div class="verse indent0">Verkündet mit hellem Schalle:</div>
+ <div class="verse indent0">„Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">O. Kernstock</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Kurfuersten">Die Kurfürsten</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Kinder schreien Vivat hoch!</div>
+ <div class="verse indent0">In die blaue Luft hinein;</div>
+ <div class="verse indent0">Den Frühling setzen sie auf den Thron,</div>
+ <div class="verse indent0">Der soll ihr König sein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Theodor Storm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Kling_hinaus">Kling hinaus</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Leise zieht durch mein Gemüt</div>
+ <div class="verse indent0">Liebliches Geläute.</div>
+ <div class="verse indent0">Klinge, kleines Frühlingslied,</div>
+ <div class="verse indent0">Kling hinaus ins Weite!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kling hinaus bis an das Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo die Blumen sprießen!</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn du eine Rose schaust,</div>
+ <div class="verse indent0">Sag, ich laß sie grüßen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Heinrich Heine</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Was_im_Maien_Wunder_man_gewahrt">Was im Maien Wunder man
+gewahrt</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Mai hat Gewalt!</div>
+ <div class="verse indent0">Ob er Zauberlist ersonnen?</div>
+ <div class="verse indent0">Wo er naht mit seinen Wonnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ist niemand alt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4">Walther von der Vogelweide</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Begegnung">Begegnung</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich ging im Feld. Die Drossel schlug.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein lindes, weiches Wehen trug</div>
+ <div class="verse indent0">Von einem wilden Apfelbaum</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum.</div><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+ <div class="verse indent0">Da kam aus Osten, hügelab,</div>
+ <div class="verse indent0">Trug keinen Hut und keinen Stab</div>
+ <div class="verse indent0">Und führte keinen Ranzen mit,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Tag im leichten Wanderschritt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf seine helle Stirne fiel</div>
+ <div class="verse indent0">Ein frei Gelock, des Windes Spiel.</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Kleid umgab der Glieder Pracht,</div>
+ <div class="verse indent0">Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht.</div>
+ <div class="verse indent0">Nur eine Sonnenblume hielt</div>
+ <div class="verse indent0">Er in der Linken. Hochgestielt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der goldne Sternkelch scheitelnah</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm schwankend über die Schulter sah.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So ging er strahlend gradeaus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und über ihm zog mit Gebraus</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schwarm von weißen Schwänen mit.</div>
+ <div class="verse indent0">Er wuchs, wie er das Feld durchschritt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und stand zuletzt am Horizont,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Riese, flammend übersonnt.</div>
+ <div class="verse indent0">Um ihn wie lichte Wölkchen sahn</div>
+ <div class="verse indent0">Die Vögel aus, Schwan neben Schwan.</div>
+ <div class="verse indent0">Und aus dem weißen Glitzermeer</div>
+ <div class="verse indent0">Grüßte die gelbe Blume her.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Gustav Falke</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="UEbersehen">Übersehen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren</div>
+ <div class="verse indent0">Und seinem Nachbar demonstrieren,</div>
+ <div class="verse indent0">Was doch für eine Lumperei</div>
+ <div class="verse indent0">Im Grund der deutsche Frühling sei.</div>
+ <div class="verse indent0">Statt daß der März die Vöglein bringe,</div>
+ <div class="verse indent0">Was Wunder, wenn bei solcher Tück</div>
+ <div class="verse indent0">Im Mai noch Schnee herunterdringe,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Flora bleibe stets zurück.</div>
+ <div class="verse indent0">Drum, wollten wir ihr Recht begreifen,</div>
+ <div class="verse indent0">So müßten wir gen Süden schweifen.</div>
+ <div class="verse indent0">So sprach das Männlein baß verdrossen</div>
+ <div class="verse indent0">Und machte seine scharfen Glossen:</div>
+ <div class="verse indent0">Da war er, blind für junges Prangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Einem Rosenbeet vorbeigegangen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_059">
+ <img class="w100" src="images/illu_059.jpg" alt="Ein Gelehrter diskutiert
+ im Garten mit seinem Nachbarn über den Frühling">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsgespenster">Frühlingsgespenster</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich saß noch spät in meinem Zimmer</div>
+ <div class="verse indent0">Studierend bei der Lampe Schimmer,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ob mein Auge müd und matt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da klopft es plötzlich an mein Fenster,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich glaube zwar nicht an Gespenster,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch weil gar hoch mein Fenster war,</div>
+ <div class="verse indent0">Schien mir das Klopfen wunderbar.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich spähte in die nächt’gen Räume,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mond schien freundlich durch die Bäume.</div>
+ <div class="verse indent0">Tief unten schlug die Nachtigall,</div>
+ <div class="verse indent0">Sonst tiefes Schweigen überall.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch kaum saß ich zu lesen nieder,</div>
+ <div class="verse indent0">So klopft es auch vernehmlich wieder;</div><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+ <div class="verse indent0">Weit macht ich nun das Fenster auf</div>
+ <div class="verse indent0">Und ließ den Klopfern freien Lauf.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und plötzlich schwärmten durch das Fenster</div>
+ <div class="verse indent0">Zwei braune, surrende Gespenster; —</div>
+ <div class="verse indent0">Maikäfer waren’s, die’s verdroß,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich im Zimmer mich verschloß;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß ich mich über Büchern härmte,</div>
+ <div class="verse indent0">Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte</div>
+ <div class="verse indent0">Die linde, weiche Maiennacht</div>
+ <div class="verse indent0">Voll Blütenduft und Sternenpracht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Julius Sturm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Maienkaeferlied">Maienkäferlied</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg!</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Häuschen brennt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Mütterchen flennt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Vater sitzt auf der Schwelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Flieg in Himmel aus der Hölle!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Gedenk">Gedenk!</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es ist kein Vöglein so gemein,</div>
+ <div class="verse indent0">Es spürt geheime Schauer,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn draußen streift der Sonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Vergoldend seinen Bauer.</div>
+ <div class="verse indent0">Und du hast es vergessen fast</div>
+ <div class="verse indent0">In deines Kerkers Spangen,</div>
+ <div class="verse indent0">O Menschlein, daß du Flügel hast</div>
+ <div class="verse indent0">Und daß du hier gefangen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Josef von Eichendorff</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Lenzfahrt">Lenzfahrt</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es wollten um das Lenzerwachen</div>
+ <div class="verse indent0">Drei Freunde eine Lustfahrt machen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da wendete der eine ein:</div>
+ <div class="verse indent0">„Es muß der Tag erst länger sein!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und als sie wieder Ratschlag hatten,</div>
+ <div class="verse indent0">Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“</div>
+ <div class="verse indent0">Doch als sie zechten bald in Schweiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ —</div><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+ <div class="verse indent0">So war, noch eh sie sich verglichen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der schöne Lenz auch schon verstrichen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Martin Greif</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Der_Mai">Der Mai</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,</div>
+ <div class="verse indent0">Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,</div>
+ <div class="verse indent0">So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!</div>
+ <div class="verse indent0">Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?</div>
+ <div class="verse indent0">Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,</div>
+ <div class="verse indent0">Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:</div>
+ <div class="verse indent0">„Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!</div>
+ <div class="verse indent0">Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du!</div>
+ <div class="verse indent0">Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht;</div>
+ <div class="verse indent0">Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,</div>
+ <div class="verse indent0">Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!</div>
+ <div class="verse indent0">Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;</div>
+ <div class="verse indent0">Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:</div>
+ <div class="verse indent0">Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Emanuel Geibel</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehling_Fruehling_ueberall">Frühling, Frühling
+überall</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vor meinem Fenster sang der Fink:</div>
+ <div class="verse indent0">„Heraus ins Freie, frisch und flink!</div>
+ <div class="verse indent2">Der Frühling ist ja kommen!“</div>
+ <div class="verse indent0">Ich ging noch in der Mauern Kluft,</div>
+ <div class="verse indent0">Da kam schon lind und lau die Luft</div>
+ <div class="verse indent2">Entgegen mir geschwommen.</div><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wie ich schreite durch das Tor,</div>
+ <div class="verse indent0">Steigt jubelnd eine Lerch empor,</div>
+ <div class="verse indent2">Als flög sie in den Himmel.</div>
+ <div class="verse indent0">Lustwandelnd lenk ich querfeldein:</div>
+ <div class="verse indent0">Blauveilchen duftet schon am Rain,</div>
+ <div class="verse indent2">Am Bach die goldne Primel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wohin ich seh, die Bäume weiß</div>
+ <div class="verse indent0">Und laubig schon der Büsche Reis</div>
+ <div class="verse indent2">Und sammetgrün die Hulde.</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie ich wieder steh und horch:</div>
+ <div class="verse indent0">Am Weiher klappert laut der Storch,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Kuckuck ruft im Walde.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So lug und lausch ich, bis von fern</div>
+ <div class="verse indent0">Am Himmel blinkt der Abendstern</div>
+ <div class="verse indent2">Und rings die Glocken gehen.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun tracht ich heim; o Nachtigall,</div>
+ <div class="verse indent0">Da bringt mir deines Liedes Hall</div>
+ <div class="verse indent2">Der Nachtluft sanftes Wehen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und so ich nochmals rückwärts schau,</div>
+ <div class="verse indent0">Erglühen Wald und Strom und Au</div>
+ <div class="verse indent2">Im goldnen Abendrote. —</div>
+ <div class="verse indent0">O Finke, deß gedenk ich lang,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie mich herausgelockt dein Sang,</div>
+ <div class="verse indent2">Du lieber Frühlingsbote!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Ostern">Ostern</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</div>
+ <div class="verse indent0">Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</div>
+ <div class="verse indent0">Im Tale grünet Hoffnungsglück!</div>
+ <div class="verse indent0">Der alte Winter in seiner Schwäche</div>
+ <div class="verse indent0">Zog sich in rauhe Berge zurück.</div>
+ <div class="verse indent0">Von dorther sendet er, fliehend, nur</div>
+ <div class="verse indent0">Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</div>
+ <div class="verse indent0">In Streifen über die grünende Flur;</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die Sonne duldet kein Weißes;</div>
+ <div class="verse indent0">Überall regt sich Bildung und Streben,</div>
+ <div class="verse indent0">Alles will sie mit Farben beleben;</div><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+ <div class="verse indent0">Doch an Blumen fehlt’s im Revier,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie nimmt geputzte Menschen dafür.</div>
+ <div class="verse indent0">Kehre dich um, von diesen Höhen</div>
+ <div class="verse indent0">Nach der Stadt zurückzusehen.</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem hohlen, finstern Tor</div>
+ <div class="verse indent0">Dringt ein buntes Gewimmel hervor.</div>
+ <div class="verse indent0">Jeder sonnt sich heute so gern;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie feiern die Auferstehung des Herrn.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn sie sind selber auferstanden.</div>
+ <div class="verse indent0">Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus der Straßen quetschender Enge,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Sind sie alle ans Licht gebracht.</div>
+ <div class="verse indent0">Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge</div>
+ <div class="verse indent0">Durch die Gärten und Felder zerschlägt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie der Fluß, in Breit und Länge,</div>
+ <div class="verse indent0">So manchen lustigen Nachen bewegt;</div>
+ <div class="verse indent0">Und, bis zum Sinken überladen,</div>
+ <div class="verse indent0">Entfernt sich dieser letzte Kahn.</div>
+ <div class="verse indent0">Selbst von des Berges fernen Pfaden</div>
+ <div class="verse indent0">Blinken uns farbige Kleider an.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich höre schon des Dorfs Getümmel;</div>
+ <div class="verse indent0">Hier ist des Volkes wahrer Himmel,</div><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+ <div class="verse indent0">Zufrieden jauchzet groß und klein:</div>
+ <div class="verse indent0">Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Wolfgang von Goethe</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_063">
+ <img class="w100 mtop1" src="images/illu_063.jpg" alt="Menschen beim Osterspaziergang">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Birkenbaeumchen">Das Birkenbäumchen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich weiß den Tag, es war wie heute,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein erster Maitag, weich und mild,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die erwachten Augen freute</div>
+ <div class="verse indent0">Das übersonnte Morgenbild.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der frohe Blick lief hin und wieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie sammelt er die Schätze bloß?</div>
+ <div class="verse indent0">So pflückt ein Kind im Auf und Nieder</div>
+ <div class="verse indent0">Sich seine Blumen in den Schoß.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da sah ich dicht am Wegessaume</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Birkenbäumchen einsam stehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Rührend im ersten Frühlingsflaume,</div>
+ <div class="verse indent0">Konnt nicht daran vorübergehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In seinem Schatten stand ich lange,</div>
+ <div class="verse indent0">Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt</div>
+ <div class="verse indent0">Und legte leise meine Wange</div>
+ <div class="verse indent0">An seinen kühlen Silberbast.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte</div>
+ <div class="verse indent0">Im zarten Laub wie Schmeichelhand.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Zittern lief herab, als fühlte</div>
+ <div class="verse indent0">Das Bäumchen, daß es Liebe fand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und war vorher die Sehnsucht rege,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier war sie still, in sich erfüllt;</div>
+ <div class="verse indent0">Es war, als hätte hier am Wege</div>
+ <div class="verse indent0">Sich eine Seele mir enthüllt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Gustav Falke</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Wieder_vorwaerts">Wieder vorwärts!</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Berghinan vom kühlen Grund</div>
+ <div class="verse indent0">Durch den Wald zum Felsenknauf</div>
+ <div class="verse indent0">Haucht des Frühlings holder Mund,</div>
+ <div class="verse indent0">Tausend Augen tun sich auf.</div><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sachte zittert Reis an Reis,</div>
+ <div class="verse indent0">Langt hinaus, noch halb im Traum.</div>
+ <div class="verse indent0">Langt und sucht umher im Kreis</div>
+ <div class="verse indent0">Für drei grüne Blättlein Raum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch mit lautem Wellensang</div>
+ <div class="verse indent0">Weckt der Bach die Waldesruh;</div>
+ <div class="verse indent0">Mitten drin am jähen Hang</div>
+ <div class="verse indent0">Schläft ein Trumm von einer Fluh.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das einst hoch am Silberquell</div>
+ <div class="verse indent0">In des Berges Krone lag,</div>
+ <div class="verse indent0">Nieder führt an diese Stell</div>
+ <div class="verse indent0">Es ein solcher Frühlingstag,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo es hundert Jahre blieb</div>
+ <div class="verse indent0">Hangen an der Eschenwurz;</div>
+ <div class="verse indent0">Heute reißt der junge Trieb</div>
+ <div class="verse indent0">Weiter es im Wassersturz.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dröhnend springt’s von Stein zu Stein,</div>
+ <div class="verse indent0">Trunken von der wilden Flut,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis es dort am Wiesenrain</div>
+ <div class="verse indent0">Schwindelnd unter Blumen ruht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du versteinte Herrlichkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">O, wie tanzest du so schwer</div>
+ <div class="verse indent0">Mit der tollen Frühlingszeit —</div>
+ <div class="verse indent0">Hinter dir kein Rückweg mehr!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Gottfried Keller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_heilige_Woche">Die heilige Woche</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als Jesus von seiner Mutter ging</div>
+ <div class="verse indent0">Und die große, heilige Woch anfing,</div>
+ <div class="verse indent0">Da hatte Maria viel Herzeleid,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Sonntag werd ich ein König sein,</div>
+ <div class="verse indent0">Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“</div><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Montag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Montag bin ich ein Wandersmann,</div>
+ <div class="verse indent0">Der nirgends ein Obdach finden kann.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet,</div>
+ <div class="verse indent0">Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Mittwoch bin ich gar arm und gering,</div>
+ <div class="verse indent0">Verkauft um dreißig Silberling.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Donnerstag bin ich im Speisesaal</div>
+ <div class="verse indent0">Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Freitag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Ach Mutter, ach liebste Mutter mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Könnt dir der Freitag verborgen sein!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Samstag sein?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Am Samstag bin ich ein Weizenkorn,</div>
+ <div class="verse indent0">Das in der Erde wird neu geborn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und am Sonntag — freu dich, o Mutter mein! —</div>
+ <div class="verse indent0">Dann werd ich vom Tod erstanden sein:</div>
+ <div class="verse indent0">Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Da_Jesus_in_den_Garten_ging">Da Jesus in den Garten ging</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da Jesus in den Garten ging</div>
+ <div class="verse indent0">Und ihm sein bittres Leiden anfing,</div>
+ <div class="verse indent0">Da trauert alles, was da was,</div>
+ <div class="verse indent0">Es trauert alles Laub und Gras.</div><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Maria, die hört ein Hämmerlein klingen:</div>
+ <div class="verse indent0">O weh, o weh, meins lieben Kindes!</div>
+ <div class="verse indent0">O weh, o weh, meins Herzen ein Kron,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Maria kam unter das Kreuz gegangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen</div>
+ <div class="verse indent0">An einem Kreuz, was ihr nit lieb,</div>
+ <div class="verse indent0">Maria war das Herz betrübt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Johannes, liebster Diener mein,</div>
+ <div class="verse indent0">Laß dir mein Mutter befohlen sein!</div>
+ <div class="verse indent0">Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie nit seh mein Marter an!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ach Herr, das will ich gerne tun,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will sie führen also schön,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will sie trösten also wohl,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast!</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Kind hat weder Ruh noch Rast.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras!</div>
+ <div class="verse indent0">Laßt euch zu Herzen gehen das!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Feigenbäum, die bogen sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Die harten Felsen zerkloben sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonne verlor ihren güldnen Schein,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Vögel ließen ihr Singen sein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Volksmund</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Golgatha">Golgatha</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich,</div>
+ <div class="verse indent0">So rein, so klardurchsichtig war die Luft.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich stand auf einem sanften Heidehügel</div>
+ <div class="verse indent0">In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein.</div>
+ <div class="verse indent0">Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Himmelsschlüssel blühen überall,</div>
+ <div class="verse indent0">Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn.</div><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+ <div class="verse indent0">Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Reumütig liegt die Sense neben ihm.</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander.</div>
+ <div class="verse indent0">An eine dieser Kiefern dann gelehnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Sah ich hinab in all die stille Landschaft</div>
+ <div class="verse indent0">Und freute mich des wundervollen Friedens.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben.</div>
+ <div class="verse indent0">Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch,</div>
+ <div class="verse indent0">Glückselig in der Freude seines Daseins.</div>
+ <div class="verse indent0">Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Mittag kam, ich saß noch immer da.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich werde müde, Träume tun sich auf:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und seltsam ändert sich um mich die Gegend:</div>
+ <div class="verse indent0">Im Westen, Osten steigen Mauern auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf,</div>
+ <div class="verse indent0">Fern eine fremde, nie gesehne Stadt:</div>
+ <div class="verse indent0">Jerusalem! Die Burg Antonia,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron,</div>
+ <div class="verse indent0">Gethsemane, der Ölberg, Golgatha!</div>
+ <div class="verse indent0">Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten,</div>
+ <div class="verse indent0">Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Säulenhallen stehn: Jerusalem!</div>
+ <div class="verse indent0">Der Schmerzensweg, die <span class="antiqua">via dolorosa</span>.</div>
+ <div class="verse indent0">Und zieht den Weg nicht eine große Schar?</div>
+ <div class="verse indent0">Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha?</div>
+ <div class="verse indent0">Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander,</div>
+ <div class="verse indent0">Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader,</div><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>
+ <div class="verse indent0">Doctores: Pöbel aller Stände folgt</div>
+ <div class="verse indent0">Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht.</div>
+ <div class="verse indent0">Von bernsteingelben Haaren eingerahmt</div>
+ <div class="verse indent0">Ist sein Gesicht; und große braune Augen</div>
+ <div class="verse indent0">Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge,</div>
+ <div class="verse indent0">Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt.</div>
+ <div class="verse indent0">Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl,</div>
+ <div class="verse indent0">Und höhne, lache mit ...</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und der die bernsteingelben Haare hat,</div>
+ <div class="verse indent0">Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weiter zieht der Zug nach Golgatha.</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles, was uns nun entgegenkommt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hält an: ein General, ein Bärenführer,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Purpursänfte einer Edeldame,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom,</div>
+ <div class="verse indent0">Die alte Semmelfrau von Jericho,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten,</div>
+ <div class="verse indent0">Der eben von der Felddienstübung heimkehrt.</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt:</div>
+ <div class="verse indent0">„Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt.</div>
+ <div class="verse indent0">Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe,</div>
+ <div class="verse indent0">Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern,</div>
+ <div class="verse indent0">Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste.</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt</div>
+ <div class="verse indent0">Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken:</div><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+ <div class="verse indent0">„Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache</div>
+ <div class="verse indent0">Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß</div>
+ <div class="verse indent0">Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken.</div>
+ <div class="verse indent0">Und Barrabas erscheint, der Gassendichter,</div>
+ <div class="verse indent0">Der wegen Straßenraubs verurteilt saß,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund,</div>
+ <div class="verse indent0">Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz;</div>
+ <div class="verse indent0">Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend,</div>
+ <div class="verse indent0">Der dem Erlöser in die Augen blinkt.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Schreit: „<span class="antiqua">Eli, Eli, lama asabthani!</span>“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub</div>
+ <div class="verse indent0">Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her,</div>
+ <div class="verse indent0">In rasender Karriere jagt er her.</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach.</div>
+ <div class="verse indent0">Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu,</div>
+ <div class="verse indent0">Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s,</div>
+ <div class="verse indent0">Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung</div>
+ <div class="verse indent0">Auf unsern Hügel, an der Kante kommt</div>
+ <div class="verse indent0">Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch:</div>
+ <div class="verse indent0">Der Adjutant von Pontius Pilatus.</div>
+ <div class="verse indent0">Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar</div>
+ <div class="verse indent0">Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul:</div>
+ <div class="verse indent0">„Begnadigt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Stracks klettert einer das Gebälk hinan:</div>
+ <div class="verse indent0">Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm von den Augen — er ist tot.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander.</div><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
+ <div class="verse indent0">An eine dieser Kiefern angelehnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Sah ich hinab in all die stille Landschaft</div>
+ <div class="verse indent0">Und freute mich des wundervollen Friedens.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,</div>
+ <div class="verse indent0">Glückselig in der Freude seines Daseins.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Detlev von Liliencron</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Karfreitag">Karfreitag</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte:</div>
+ <div class="verse indent0">„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis.</div>
+ <div class="verse indent0">Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit</div>
+ <div class="verse indent0">Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“</div>
+ <div class="verse indent0">Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:</div>
+ <div class="verse indent0">„Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“</div>
+ <div class="verse indent0">Dann —: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! — Es ist vollendet!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und er neigte sein Haupt und starb.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">F. G. Klopstock</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Steine_werden_zeugen">Die Steine werden zeugen</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Ostermorgen lächelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Bräutgam, in die Welt,</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Frühlingsduft gefächelt,</div>
+ <div class="verse indent0">Steigt er aus seinem Zelt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und rings herum das Schweigen!</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wald, er steht so still;</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Blümlein sich verneigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Blättchen rauschen will.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im fernen Kirchlein singet</div>
+ <div class="verse indent0">Die fromme Christenschar;</div>
+ <div class="verse indent0">Da von den Steinen klinget</div>
+ <div class="verse indent0">Das Echo wunderbar.</div><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als wenn aus Bergestiefen</div>
+ <div class="verse indent0">Das Singen kläng hervor,</div>
+ <div class="verse indent0">Als wenn die Felsen riefen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ im Chor.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ da lauschen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Blümlein, neigen sich,</div>
+ <div class="verse indent0">Da bücket sich mit Rauschen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wald so feierlich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und mächtger immer wieder:</div>
+ <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ vom Stein —</div>
+ <div class="verse indent0">Mir läuft ein Schauer nieder</div>
+ <div class="verse indent0">Im tiefsten Mark und Bein;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und denk — und muß mich beugen —</div>
+ <div class="verse indent0">Was dort geschrieben ist:</div>
+ <div class="verse indent0">Die Steine werden zeugen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn mich der Mensch vergißt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Otto Ludwig</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Auferstanden">Auferstanden</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Durchs Fenster scheint der Maientag,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich schließe die Augenlider</div>
+ <div class="verse indent0">Und horche — das ist Lerchenschlag!</div>
+ <div class="verse indent2">O, endlich wieder!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich lausche, wie des Windes Hauch</div>
+ <div class="verse indent0">Dahinrauscht durch die Zweige,</div>
+ <div class="verse indent0">Es keimen Blüten an jedem Strauch,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf jedem Steige.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da rührt mich Wonne allzumal,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich schließe die Augenlider —</div>
+ <div class="verse indent0">Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl;</div>
+ <div class="verse indent2">Ich lebe wieder!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es singt die Lerche noch immer fort,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Herze möcht zerspringen,</div><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>
+ <div class="verse indent0">Ich lasse verstummen Wort um Wort — —</div>
+ <div class="verse indent2">Und laß sie singen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Karl Stieler</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Osterhaeslein">Osterhäslein</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drunten an den Gartenmauern</div>
+ <div class="verse indent0">Hab ich sehn das Häslein lauern.</div>
+ <div class="verse indent4">Eins, zwei, drei:</div>
+ <div class="verse indent4">Legt’s ein Ei,</div>
+ <div class="verse indent0">Lang wird’s nimmer dauern.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kinder, laßt uns niederducken!</div>
+ <div class="verse indent0">Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? —</div>
+ <div class="verse indent4">Ei, da hüpft’s —</div>
+ <div class="verse indent4">Und dort schlüpft’s</div>
+ <div class="verse indent0">Durch die Mauerluken.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und nun sucht in allen Ecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo die schönen Eier stecken,</div>
+ <div class="verse indent4">Rot und blau,</div>
+ <div class="verse indent4">Grün und grau</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit Marmelflecken!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_073">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_073.jpg" alt="Der Osterhase wird von
+ zwei Kindern heimlich beobachtet.">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Eine_Fruehlingsnacht">Eine Frühlingsnacht</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im Zimmer drinnen ist’s so schwül;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im Fieber hat er die Nacht verbracht;</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;</div>
+ <div class="verse indent0">Er hält die Uhr in der weißen Hand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er zählt die Schläge, die sie pickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Er forschet, wie der Weiser rückt;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,</div>
+ <div class="verse indent0">Harrend, bis alles vorüber sei. —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;</div>
+ <div class="verse indent0">Und draußen dämmert das Morgenrot.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">An die Fenster klettert der Frühlingstag,</div>
+ <div class="verse indent0">Mädchen und Vögel werden wach.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Erde lacht in Liebesschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Singende Burschen ziehn übers Feld</div>
+ <div class="verse indent0">Hinein in die blühende, klingende Welt. —</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und immer stiller wird es drin;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Alte tritt zum Kranken hin.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der hat die Hände gefaltet dicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer,</div>
+ <div class="verse indent0">Und drinnen wacht kein Auge mehr.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Theodor Storm</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Das_Maedchen_aus_der_Fremde">Das Mädchen aus der
+Fremde</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In einem Tal bei armen Hirten</div>
+ <div class="verse indent0">Erschien mit jedem jungen Jahr,</div>
+ <div class="verse indent0">Sobald die ersten Lerchen schwirrten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Mädchen, schön und wunderbar.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie war nicht in dem Tal geboren,</div>
+ <div class="verse indent0">Man wußte nicht, woher sie kam;</div>
+ <div class="verse indent0">Und schnell war ihre Spur verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Sobald das Mädchen Abschied nahm.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Beseligend war ihre Nähe,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alle Herzen wurden weit;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch eine Würde, eine Höhe</div>
+ <div class="verse indent0">Entfernte die Vertraulichkeit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie brachte Blumen mit und Früchte,</div>
+ <div class="verse indent0">Gereift auf einer andern Flur,</div>
+ <div class="verse indent0">In einem andern Sonnenlichte,</div>
+ <div class="verse indent0">In einer glücklichern Natur.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und teilte jedem eine Gabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Früchte, jenem Blumen aus;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Jüngling und der Greis am Stabe,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein jeder ging beschenkt nach Haus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Willkommen waren alle Gäste;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nahte sich ein liebend Paar,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem reichte sie der Gaben beste,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Blumen allerschönste dar.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Friedrich v. Schiller</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Fruehlings_Begraebnis">Frühlings Begräbnis</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang</div>
+ <div class="verse indent0">Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?</div>
+ <div class="verse indent0">Elfenscharen ziehn den Wald entlang,</div>
+ <div class="verse indent0">Die mit Klaggesang</div>
+ <div class="verse indent0">Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.</div><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,</div>
+ <div class="verse indent0">Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!</div>
+ <div class="verse indent0">Allzuschwer mit sommerlicher Wut</div>
+ <div class="verse indent0">Traf ihn Sonnenglut</div>
+ <div class="verse indent0">Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Blumen in der Hand, die er geliebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Kleine, rote Fackeln leise schwingend,</div>
+ <div class="verse indent0">Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,</div>
+ <div class="verse indent0">Sonst im Flug geübt,</div>
+ <div class="verse indent0">Heute schrittweis, Totenlieder singend.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und es schluchzen alle Nachtigallen.</div>
+ <div class="verse indent0">Wo er oftmals seine Feste gab,</div>
+ <div class="verse indent0">Senkt man ihn hinab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die bleichen Silberflöre wallen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm</div>
+ <div class="verse indent0">Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:</div>
+ <div class="verse indent0">„Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!</div>
+ <div class="verse indent0">Der stirbt wonnesam,</div>
+ <div class="verse indent0">Der in blühnder Jugend darf erkalten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:</div>
+ <div class="verse indent0">Den ihr heut hier unter Blumen bettet,</div>
+ <div class="verse indent0">Neu und ewig wird er auferstehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Nimmer kann vergehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Als so weihevoll der Alte sprach,</div>
+ <div class="verse indent0">Lauter schluchzte da das Grabgesinde,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“</div>
+ <div class="verse indent0">Ihrem Liebling nach</div>
+ <div class="verse indent0">Warf sie in die Gruft die goldne Binde.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?</div>
+ <div class="verse indent0">Finster hat Gewölk den Mond verschattet.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Gewitter zieht den Wald entlang,</div><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>
+ <div class="verse indent0">Und zerstoben bang</div>
+ <div class="verse indent0">Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Paul Heyse</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Kuenftiger_Fruehling">Künftiger Frühling</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wohl blühet jedem Jahre</div>
+ <div class="verse indent0">Sein Frühling mild und licht,</div>
+ <div class="verse indent0">Auch jener große, klare,</div>
+ <div class="verse indent0">Getrost! er fehlt dir nicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Er ist dir noch beschieden</div>
+ <div class="verse indent0">Am Ziele deiner Bahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Du ahnest ihn hienieden</div>
+ <div class="verse indent0">Und droben bricht er an.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Ludwig Uhland</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe42" id="illu_077">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_077.jpg" alt="Wandregal mit Blumen, Vogel und
+ Schmetterlingen">
+</figure>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="eng">
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann</em></p>
+
+</div>
+
+<p class="p0">herausgegeben von <em class="gesperrt">Ernst Weber</em>, eine großangelegte Auswahl
+aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus
+dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung
+auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40
+Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet
+und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter
+des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die
+Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für
+öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts
+und für die Familienbücherei. <em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann hofft, zum
+eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.</em> Er
+huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus
+dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine
+Geltung für das Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis
+Ende Mai 1924 vor:</p>
+
+<table class="spielmann">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Bd.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wald (W. Weingärtner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hochland (Franz Hoch)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Helden (W. Weingärtner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schalk (Julius Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Arbeiter (Gg. O. Erler)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sänger (Hans Röhm)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühling (H. v. Volkmann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">13</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sommer (Edmund Steppes)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">14</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Herbst (Karl Biese)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">15</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Winter (Karl Biese)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">16</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">17</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Himmel und Hölle (Jul. Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">18</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Stadt und Land (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">19</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Bach und Strom (E. Liebermann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">21</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Arme und Reiche (J. Widnmann)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">22</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Abenteurer (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">29</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Blumen und Bäume (R. Sieck)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">35</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tierwelt (Ludwig Werner)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">39</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Riesen und Zwerge (R. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">40</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fabelreich (Ernst Weber)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="p0">Im August 1924 werden sich anschließen:</p>
+
+<table class="spielmann">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Bd.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meer (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Soldaten (Gg. O. Erler)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">20</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Heide (Adalbert Holzer)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">34</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vaterland (W. Roegge jun.)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">38</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tag und Nacht (Otto Bauriedl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="p0">Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers
+jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen
+noch aus:</p>
+
+<table class="spielmann">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Bd.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kindheit (E. Kreidolf)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wanderer (J. V. Cissarz)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Legenden (G. A. Stroedel)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">23</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Germanentum (H. Röhm)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">24</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mittelalter (H. Schroedter)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">25</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zeit d. Wandlungen (C. Roesch)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">26</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Neuzeit (Angelo Jank)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">27</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gespenster (Julius Diez)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">28</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tod (Matthäus Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">30</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nordland (Rudolf Koch-Hanau)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">31</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Italien (Hans Volkert)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">32</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hellas (Karl Bauer)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">33</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fremde Zonen (H. Volkert)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">36</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Menschenherzen (Rud. Schiestl)</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">37</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Glück u. Trost (H. Schwegerle)</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="p0">Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai
+1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche
+Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände
+„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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--- /dev/null
+++ b/76766-h/images/cover.jpg
Binary files differ
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--- /dev/null
+++ b/76766-h/images/illu_003.jpg
Binary files differ
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--- /dev/null
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Binary files differ
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--- /dev/null
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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@@ -0,0 +1,11 @@
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