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| author | pgww <pgww@lists.pglaf.org> | 2025-08-30 10:22:02 -0700 |
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Besondere + Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + Der deutsche Spielmann + + Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung + für Jugend und Volk + + Herausgegeben von Dr. Ernst Weber + + + Frühling + + Der deutsche Lenz + und was er blühn + und werden läßt + + + Bildschmuck von Hans von Volkmann + + Vierte, veränderte Auflage + + ✤ + + +München 1924+ + Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns + + + + + Druck von Kastner & Callwey, München + + + + +Inhalt + + + Seite + + Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3 + + Kalter Frühlingsabend (Liliencron) 4 + + Frühlingsahnung (Uhland) 4 + + Schneeglöckchen (Storm) 4 + + Im Omnibus (Gilm) 4 + + Der Veilchenstrauß (Trojan) 6 + + Am Mühlengraben (Storm) 8 + + Vom Kirschbaum (Avenarius) 8 + + Vorfrühling (Heyse) 11 + + Wirbelnde Flocken (Weber) 11 + + Frühlingsnähe (Greif) 11 + + Er ist’s (Mörike) 12 + + Das kranke Kind (Gilm) 12 + + Die Meise (Seidel) 13 + + Frühlingsbotschaft (Greif) 14 + + Der Wind (Zoozmann) 14 + + Märznacht (Uhland) 16 + + Eine Morgenwanderung (Flaischlen) 16 + + Knabenlust (Fischer) 23 + + Wag’s! (Fontane) 23 + + Glaube (Uhland) 24 + + Trost (Wallpach) 24 + + Schwalbenmärchen (Freiligrath) 25 + + Dornröschen (Brüder Grimm) 26 + + Frühlingsgruß (Eichendorff) 31 + + Fallende Blüten (Sergel) 32 + + Die seidenen Döckchen (Volksmund) 32 + + Frühlingsstimmen (Trojan) 32 + + Lerchen (Faktor) 33 + + Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben) 34 + + Die Amsel (Seidel) 35 + + Die schwarze Amsel (Volksmund) 35 + + Der Nimmersatt (Blüthgen) 35 + + Das Blumenbeet (Goethe) 36 + + Die Frösche (Goethe) 37 + + Winterbericht (Löwenstein) 37 + + Der Storch ist da (Greif) 38 + + Klapperstorch (Volksmund) 38 + + Kuckuck (Volksmund) 39 + + Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein) 39 + + Frühlingsregen (Wille) 40 + + Aprilwetter (Greif) 43 + + April (Löwenstein) 43 + + Das arme Vöglein (Fallersleben) 44 + + An den Mai (Mörike) 45 + + Mailied (Scheffel) 45 + + Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius) 46 + + Der Säemann (Conrad) 47 + + Säerspruch (Meyer) 50 + + Junge Kätzchen (Jacobowski) 50 + + Der Sperling (Volksmund) 50 + + Spatzenausflug (Güll) 53 + + Bei Goldhähnchens (Seidel) 54 + + Unser Fritz (Mörike) 55 + + Ritter Mai (Kernstock) 56 + + Die Kurfürsten (Storm) 57 + + Kling hinaus (Heine) 57 + + Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide) 57 + + Begegnung (Falke) 57 + + Uebersehen (Greif) 58 + + Frühlingsgespenster (Sturm) 59 + + Maienkäferlied (Volksmund) 60 + + Gedenk! (Eichendorff) 60 + + Lenzfahrt (Greif) 60 + + Der Mai (Geibel) 61 + + Frühling, Frühling überall! (Güll) 61 + + Ostern (Goethe) 62 + + Das Birkenbäumchen (Falke) 64 + + Wieder vorwärts (Keller) 64 + + Die heilige Woche (Volksmund) 65 + + Da Jesus in den Garten ging (Volksmund) 66 + + Golgatha (Liliencron) 67 + + Karfreitag (Klopstock) 71 + + Die Steine werden zeugen (Ludwig) 71 + + Auferstanden (Stieler) 72 + + Osterhäslein (Güll) 73 + + Eine Frühlingsnacht (Storm) 74 + + Das Mädchen aus der Fremde (Schiller) 75 + + Frühlings Begräbnis (Paul Heyse) 75 + + Künftiger Frühling (Uhland) 77 + + + + +[Illustration] + + + Ihn kennen heißt, ihn lieben, + Den Lenz, den deutschen Lenz! + Die letzten Flocken stieben; + Doch jeder ruft: „Ich kenn’s, + Es wird nicht lang mehr dauern + Und Veilchen stehn am Rain; + Ich traf ihn vor den Mauern -- + Glaub, morgen zieht er ein!“ + + Da mag kein Sänger fehlen: + Die sich davongemacht, + Mit ausgeruhten Kehlen + Heimkehrn sie über Nacht; + Doch wer sich deß getraute + Und blieb zum Schneeturnei, + Die winterrostige Laute, + Die stimmt er sich aufs neu. + + Und all das Blühn und Weben + Ringsum in Busch und Ried, + Des Frühlings schwellend Leben, + Gestaltet sich zum Lied. -- + Darf da ein Spielmann feiern, + Der sich den deutschen nennt, + Wenn er der besten Leiern + Lenzfrohe Weisen kennt? + + Den Frühling sollt ihr schauen, + Wie ihn der Dichter schaut + Beim Willkommgruß der Auen, + Beim letzten Vogellaut, + Auf daß zunichte werde, + Was je das Herz gequält, + Wenn ihm die deutsche Erde + Von ihrem Lenz erzählt. + + Der deutsche Spielmann + + +Kalter Frühlingsabend + + Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld. + Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen. + Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt, + Will langsam eine fahle Wolke steigen. + Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt, + Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen, + Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt, + Wann werden sich die lieben Primeln zeigen! + + Detlev v. Liliencron + + +Frühlingsahnung + + O sanfter süßer Hauch! + Schon weckest du wieder + Mir Frühlingslieder. + Bald blühen die Veilchen auch. + + Ludwig Uhland + + +Schneeglöckchen + + Und aus der Erde schauet nur + Alleine noch Schneeglöckchen; + So kalt, so kalt ist noch die Flur, + Es friert im weißen Röckchen. + + Theodor Storm + + +Im Omnibus + + Ein Omnibus knarrt in dem Schnee, + Voll Menschen jeder Art, + So wie der Zufall manchmal sie + Zusammenpreßt und schart. + + Es bläst der Wind so grimmig kalt, + Die Fenster schließen schlecht, + Ein jeder ist verdrießlich drob + Und keinem etwas recht. + + Dort in der Ecke hält ein Mann + Ein Dütchen vor sich hin, + So zärtlich und besorgt, als wär + Ein Edelstein darin. + + Zu seinem Nachbar einer sagt: + „Was doch in aller Welt + Der Mann dort in der Düte hat, + Die er so sorgsam hält?“ + + Der hört die Frage, lächelt fein + Und zieht aus dem Papier + Ein Veilchen, eben aufgeblüht, + Und zeigt’s dem Passagier. + + Und wie es nun von Hand zu Hand, + Ein Gruß des Frühlings, geht, + So ist’s, als hätt der Freude Hauch + Sie alle angeweht. + + Als ob in ein verödet Haus + Gekommen wär ein Kind, + Als ob von schuldbeladner Brust + Genommen wär die Sünd. + + Es tauen schnell die Herzen auf, + Und fröhlicher Gesang + Mischt mit des Windes Orgel sich + Den ganzen Weg entlang. + + Hätt jeder doch in böser Stund + Ein Veilchen gleich zur Hand, + Es gäb der Sünde weniger, + Der Liebe mehr im Land. + + Hermann v. Gilm + + + + +Der Veilchenstrauß + + +An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr +jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab +sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er +die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und +schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das +wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen +auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war +sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke, +die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen +wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das +Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte, +bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone -- um keine falschen +Erwartungen rege zu machen -- fragte der alte Herr: „Was sollen sie +kosten?“ -- „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort. + +Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes, +suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein +Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche +ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter +Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der +Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort +tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist. + +Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche, +sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu +betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und +einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus +einem ausgeribbelten Strumpfe. -- ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der +Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die +Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt +vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er +roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“ +Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit +gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas +Unruhiges in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der +ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und +schnell durch die Stadt -- die eine andere war -- dem Tore zuschreiten. +Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen +umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte +sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und +machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab +ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie +jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet -- oder +wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach +rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen +über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem +Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige +Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach +einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft +und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus +zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er +begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“ +Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am +Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das +Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen. +Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über +das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner +Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein +leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen; +dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen. +Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich +über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch +schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. -- -- + +Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er +bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen +und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt +entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn -- da er nun doch wußte, +woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst +stieg er die Treppe empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat +ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden +Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben +beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das +Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden +bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich +schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen. +„Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“ + + Johannes Trojan + + + + +Am Mühlengraben + + + Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, + All, all, die da blühten am Mühlengraben. + Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest + In ihren kleinen Fäusten haben. + + Theodor Storm + + + + +Vom Kirschbaum + + + Ist alles ganz kahl und still, + Nicht mal im Grase sich’s regen will, + Steht alles geduckt, + Klappert im Frost und muckt + Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf, + Doch im Garten + Sagt einer: ich kann warten. + Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum, + So dünn ist er worden: der Kirschenbaum. + Schläft er nicht? + Trau einer dem Wicht! + Heute Mittag um Uhre eins + Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins: + Darin -- ich habe + Das deutlich gesehn -- + Mit seinen Knospen + Fingerte der alte Knabe, + Ein wenig vorsichtig und geziert, + Wie man Badewasser probiert -- + Und über seine Runzeln + Ging ein Schmunzeln. + + Ferdinand Avenarius + +[Illustration] + + + + +Vorfrühling + + + Stürme brausten über Nacht + Und die kahlen Wipfel troffen. + Frühe war mein Herz erwacht, + Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. + + Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton + Dringt zu mir vom Wald hernieder. + Nisten in den Zweigen schon + Die geliebten Amseln wieder? + + Dort am Weg der weiße Streif -- + Zweifelnd frag ich mein Gemüte: + Ist’s ein später Winterreif + Oder erste Schlehenblüte? + + Paul Heyse + + + + +Wirbelnde Flocken + + + Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur? + Ist doch der Lenz im Land, + Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur, + Seit der Winter schwand! + + Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät + Weht ihr vom Himmel herab! + Der euch über die Aue sät, + Sät euch nur ins Grab. -- + + Heija! mein Herz ist voll von Lust, + Jeder Wonne reich -- + Fallen die Sorgen mir in die Brust, + Sterben sie gleich euch. + + Ernst Weber + + + + +Frühlingsnähe + + + Wieder seh ich jenen Schimmer, + Jenen Schimmer an den Bäumen, + Der mir sagt, es könne nimmer + Lange mehr der Frühling säumen. + + Ja, es ist ein holdes Zeichen, + Und, bevor wir ihn noch bitten, + Wird er uns mit seinen reichen + Wunderblüten überschütten. + + Martin Greif + + + + +[Illustration] + + + + +Er ist’s + + + Frühling läßt sein blaues Band + Wieder flattern durch die Lüfte; + Süße, wohlbekannte Düfte + Streifen ahnungsvoll das Land. + Veilchen träumen schon, + Wollen balde kommen. + -- Horch, von fern ein leiser Harfenton! + Frühling, ja, du bist’s! + Dich hab ich vernommen! + + Eduard Mörike + + + + +Das kranke Kind + + + Der Vater ist seit Jahren blind -- + Blind sein ist mehr als sterben! -- + Die Mutter hat ein krankes Kind + Und kann nicht viel erwerben. + + Die Stube war noch nie so warm, + Obgleich das Fenster offen, + Seitdem des Winters harter Arm + Die Erde hat getroffen. + + Die Sonne küßt das bleiche Kind + Zum erstenmal im Jahre; + Es spielt ein weicher, warmer Wind + Mit seinem feuchten Haare. + + Und wie sein Blick am Himmel hängt, + Als möcht’s dahin entfliehen, + Im Wangengrübchen langsam fängt + Ein Röslein an zu blühen. + + Und -- süßes Wunder! -- plötzlich, als + Sei alles Leid zu Ende, + Schlingt lächelnd um der Mutter Hals + Es seine beiden Hände. + + Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat, + Bricht aus in lautes Weinen -- + Das war des Frühlings erste Tat, + Und keine von den kleinen. + + Hermann v. Gilm + + + + +Die Meise + + + Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf! + Ein lustiges, kleines Ding, + Und immer geschwätzig und flink, + Und immer obenauf! + + Denn ob die ganze Welt vereist, + Sie findet den Tisch gedeckt: + Hier wird ein Körnchen geschleckt + Und dort ein Püppchen verspeist. + + „Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“ + So ruft sie im knospenden Wald, + Und wehn auch die Winde noch kalt: + Sie weiß es, glaubt es nur ja! + + Sie hat in das Herz der Knospe gesehn, + In die Wiege von Blume und Grün, + Sie weiß: Bald wird es nun blühn + Und die Welt in Veilchen stehn. + + Heinrich Seidel + + + + +Frühlingsbotschaft + + + Ich hab ein Vöglein gehöret + Herab von einem Baum, + Das hat mich nicht betöret. + Gar weise sang es im Traum, + Ich hab es nicht gestöret, + Wußt von mir selbst mehr kaum: + Tin din di! + + Das Vöglein hat helle gesungen: + „Die Veigelein sind da.“ + Ich bin zu Walde gedrungen. + Mein Aug sie selber sah. + Ahi, ihr Vogelzungen, + Wie süß mir da geschah: + Tin din di! + + Martin Greif + +[Illustration] + + + + +Der Wind + + + Wind, Wind, + Wo kommst du her? + + „Weit übers Meer + Fuhr ich geschwind! + Habe die Wellen + Gepeitscht und geschlagen, + Machte zerschellen + Die Schiffe + Am Riffe -- + Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“ + + Wind, Wind, + Wo kommst du her? + + „Übers Gebirge + Saust ich mit Macht, + Hab die Lawine ins Rollen gebracht. + Wald und Saaten + Hat sie geknickt, + Hirt und Herden + Zermalmt und zerdrückt. + Des Älplers Dorf + Liegt tief unterm Schnee, + Kein Dach, kein Türmchen + Ragt mehr zur Höh! -- + Dann hab ich sacht + In selbiger Nacht + Ein glimmendes Fünkchen + Zum Lodern gebracht, + Ein Flammenmeer + Durch die Gassen gefegt, + Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“ + + Wind, Wind, + Was tatest du dann? + + „Habe über den grünen Rasen + Einer lachenden Wiese geblasen; + Habe lind die Blüten gewiegt, + Die der gaukelnde Falter umfliegt; + Habe dem Bächlein sanft gesäuselt, + Habe den Birken die Kronen gekräuselt. + Hab um ein Kind, + Das drunter schlief, + Leis und lind + Die Flügel geschwungen + Und es gesungen + In Schlummer tief.“ + + Wind, Wind, + Was tatest du dann? + + „Hab die Wolken am Himmel gejagt, + Bis die Sonne golden getagt; + Hab der ganzen Welt gelacht + Und mit Brausen den Frühling gebracht!“ + + Wind, Wind, + Wohin nun geschwind? + + „Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken, + Neue Arbeit mir auszuwirken! + Ich kann brausen + Der Welt zum Grausen, + Und kann weich wie ein Atem wehn! + Aber nun frag nicht mehr, + Denn ich sag nicht mehr -- + Schweig und laß mich gehn!“ + + Wind, Wind, + Gottes und Dämons Kind, + Wenn deine Hand + Fluch und Segen umspannt: + Gnädig, nur mit sanftem Gebrause, + Geh vorüber meinem Hause! + + Richard Zoozmann + + + + +Märznacht + + + Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht + hin! + Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst! + + Ludwig Uhland + + + + +Eine Morgenwanderung + + +Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang +Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine +Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein großer Osterchoral donnerte +er über die Gräber und rief zur Auferstehung. + +Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem +Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr +zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum +Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm +stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter +die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie +Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen +zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond +schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch +sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem +Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der +Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht. + +Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die +fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit +phantastisch-gespenstischem Leben. + +Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte, +standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf +aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte +in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den +Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und +schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf, +drohend, wie wenn .... + +Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten +bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber +beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt +uns!“ .... + +Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird +nur endlich Frühling! + +Frühling! und wenn’s noch so tobt! + +Frühling! ja! .... + +Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in +die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen +und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen! + +Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen! + +Das war es ja auch! + +Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen +trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem +ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens! + +Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig +werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich +nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich +zurück in ihren trübseligen Alltag. + +Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren +jauchzenden Frühlingssturm -- und ließen uns, aufschauernd, sein +Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens! + +Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles +Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe +Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst, +und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll +Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde +Erfüllung unserer Sehnsucht. + +Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in +den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den +Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück. + +Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem +Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und +die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der +Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch +Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas +Heiliges! + +Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben +und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt, +wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen. + +Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen +und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine +freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als +ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne +verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines +am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und +kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen +lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen +und kletterten scheue Dunstflüge herum. + +Vor uns -- jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat +zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich +nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter +ihm ab. + +Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln +-- schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge +der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft, +wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all +dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So +närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze +Treiben der Welt erscheinen mag. + +Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen +Pantomime zusähe. + +Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie +in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen +gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab. + +Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht! + +Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als +unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es +darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen +stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und +liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her. + +Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen +und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder +andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren, +und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit. +Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke +darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die +Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die +großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten. + +Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie +brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde, +um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und +Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen. + +Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken +und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten +am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas +tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen +aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht. + +Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und +die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so +lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie +zu regieren. + +Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte. + +Ich lachte. + +„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es +wird nur endlich Frühling!“ + +Gott sei Dank! + +Es wird nur endlich Tag! + +Nach so langer, dumpfer Nacht! + +Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das +Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang +durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend! + +Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich +mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich +tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und +gestikulierender hin und her rannten. + +Da: Ein blendender Blitz zuckt empor. + +Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue +Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt. + +Tag! Tag! Tag! + +Und Frühling! Frühling! -- + +Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken +ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen. +Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster +Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und +Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten +daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und +an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu +zwingen. + +Wir lachten. + +Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und +Leitern und Ketten. + +Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was +es war; Nebel? -- sie zu verhängen und darunter zu ersticken. + +Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht. + +Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig, +unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was +wollten ihr diese Fliegen!? + +Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche +zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn +freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont +hinunterzuspritzen. + +Es zischte ein wenig, das war alles. + +Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm. + +Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn +Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren +Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte +Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe. + +Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die +Sonne empor, höher und höher. + +Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den +Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit +Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze +Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen. + +Da -- mit einem Male -- war es doch, als ob sie siegten. + +Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein +Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig +Minuten übersponnen hatten. + +Sie war gefangen. + +Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten +ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und +straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand. + +Die schwarzen Männlein hatten gewonnen. + +Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf +und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die +Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen, +zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf. + +Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an +Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken, +riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska +purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder +flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung +kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und +rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber. + +[Illustration] + +Wir lachten. Es war grausam -- aber wir lachten: wie diese +Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen +Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung +und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber +doch nicht; und ... + +Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu +retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen. + +Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne! + +Die anderen aber trug sie -- lächelnd -- höher und höher, bis in +der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch +überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem +Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. -- -- -- + +Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender +Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag +ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem +Frühling die Erfüllung. + +Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber +flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und +Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und +wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das +Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und +ein Lied des Sieges. -- -- -- + +Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne +aufgehe?! + + Cäsar Flaischlen + + + + +Knabenlust + + + Horch, Märzenwind und Lerchenschlag + Und keine Schule den Nachmittag! + Die Füße ohne Strumpf und Schuh, + Auf trocknem Weg den Wiesen zu! + Zum Nesterbauen und Veilchenblühn, + Zu Palmenweiden und Ostergrün! -- + Die spielenden Mägdlein dort am Rain, + Die möchten wohl unsre Gesellen sein. -- + Nun rasch die Felsen emporgesaust, + Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust! + + Johann Georg Fischer + + + + +Wag’s! + + + Nun ist er endlich kommen doch + In grünem Knospenschuh; + „Er kam, er kam ja immer noch!“ + Die Bäume nicken sich’s zu. + + Sie konnten ihn all erwarten kaum. + Nun treiben sie Schuß auf Schuß; + Im Garten der alte Apfelbaum: + Er sträubt sich, aber er muß. + + Wohl zögert auch das alte Herz + Und atmet noch nicht frei, + Es bangt und sorgt: „Es ist erst März, + Und März ist noch nicht Mai.“ + + O, schüttle ab den schweren Traum + Und die lange Winterruh, + Es wagt es der alte Apfelbaum, + Herze, wag’s auch +du+! + + Theodor Fontane + + + + +Glaube + + + Die linden Lüfte sind erwacht, + Sie säuseln und weben Tag und Nacht, + Sie schaffen an allen Enden. + O frischer Duft, o neuer Klang! + Nun, armes Herze, sei nicht bang! + Nun muß sich alles, alles wenden. + + Die Welt wird schöner mit jedem Tag, + Man weiß nicht, was noch werden mag, + Das Blühen will nicht enden. + Es blüht das fernste, tiefste Tal; + Nun, armes Herz, vergiß der Qual! + Nun muß sich alles, alles wenden. + + Ludwig Uhland + + + + +Trost + + + Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar, + Den Horizont trübt leichter Dunst, + Sein Sommerhaus bezieht der Star, + Und Primeln blühn im Wasserrunst. + + Die Bienen schwirren honigsatt + Ums aufgedeckte Veilchenbeet, + Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt, + Am Fenster, das weit offen steht. + + Das ist mein Trost nun: Tag für Tag + Seh ich dem stillen Werden zu. + Leis ebbt des raschen Herzens Schlag, + Und alle Sorge geht zur Ruh. + + Artur von Wallpach + + + + +Schwalbenmärchen + + + Auf dem stillen, schwülen Pfuhle + Tanzt die dünne Wasserspinn; + Unten auf kristallnem Stuhle + Thront die Unkenkönigin. + + Von den edelsten Metallen + Hält ein Reif ihr Haupt umzogen, + Und wie Silberglocken schallen + Unkenstimmen durch die Wogen. + + Denn der Lenz erschien; die Schollen + Sind zerflossen; Blüten zittern; + Dumpfe Frühlingsdonner rollen + Durch die Luft, schwarz von Gewittern. + + Wasserlilienkelche fließen + Auf des Teiches dunkelm Spiegel, + Und die ersten Schwalben schießen + Drüberhin mit schnellem Flügel. + + Aus den zarten Schnäbeln leise + Tönt Gezwitscher in die Wellen: + „Viele Grüße von der Reise + Haben wir dir zu bestellen. + + Lange waren wir in fremden, + Sandbedeckten, heißen Ländern, + Wo in weiten Kaftanhemden + Träge Turbanträger schlendern. + + Purpurfarbne Wunderpflanzen + Dienten uns zu Meilenweisern; + Gelbe Mauren sahn wir tanzen + Nackt vor ihren Leinwandhäusern. + + Lechzend auf dem warmen Sattel + Saß der Araber, der leichte, + Während Ziegenmilch und Dattel + Ihm aufs Pferd die Gattin reichte. + + Auf die Jagd der Antilopen + Kriegerisch mit Spieß und Pfeile + Zogen schlanke Äthiopen; + Klagend tönte Memnons Säule. + + Aus des Niles Flut getrunken + Haben wir, matt von der Reise; + Gruß dir, Königin der Unken, + Von dem königlichen Greise! + + Alles grüßt dich, Blumen, Blätter! + Doch zumeist der Grüße viele + Bringen wir von deinem Vetter, + Von dem Krokodil im Nile!“ + + Ferdinand Freiligrath + + + + +Dornröschen + + +Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: +„Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da +trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch +aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird +erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt +bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin +gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich +nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß +seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen +dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer +dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, +von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. +Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, +beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine +mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so +mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben +getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich +dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen +oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter +soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot +hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um +und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte +hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen +Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: +„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, +in welchen die Königstochter fällt.“ + +[Illustration] + +Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, +ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche +sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der +weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam, +freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben +mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt +ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen +ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah +Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen +alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer +kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und +als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen +Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. +„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst +du da?“ -- „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was +ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, +nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die +Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach +sich damit in den Finger. + +In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das +Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser +Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die +Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen +an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch +die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die +Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward +still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der +Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren +ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und +auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr. + +Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die +jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber +hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht +die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem +schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter +genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die +Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich; +denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die +Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen +und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam +wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann +von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in +welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon +seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die +Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß +schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die +Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines +traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich +nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte +mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte. + +Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war +gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn +sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die +taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, +und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im +Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und +schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter +den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen +an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte +er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das +sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen +Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König +und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß +einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und +öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. +Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und +er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt +hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz +freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und +die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen +an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde +sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen +unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an +den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte +und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der +Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte +das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem +Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an +ihr Ende. + + Brüder Grimm + + + + +Frühlingsgruß + + + Es steht ein Berg in Feuer, + In feurigem Morgenbrand, + Und auf des Berges Spitze + Ein Tannenbaum überm Land. + Und auf dem höchsten Wipfel + Steh ich und schau vom Baum, + O Welt, du schöne Welt, du, + Man sieht dich vor Blüten kaum! + + Josef von Eichendorff + + + + +Fallende Blüten + + + Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen, + Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen. + + Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden, + Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen + + Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete, + Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete. + + Albert Sergel + + + + +[Illustration] + + + + +Die seidenen Döckchen + + + Kling, kling, Glöckchen, + Im Haus steht ein Döckchen, + Im Garten steht ein Hühnernest, + Stehn drei seidne Döckchen drin, + Eins spinnt Seiden, + Eins flicht Weiden, + Eins schließt den Himmel auf, + Läßt ein bißchen Sonn heraus, + Läßt ein bißchen drinn, + Daraus die Liebfrau Maria spinn + Ein Röcklein für die Kindelein. + + Volksmund + + + + +Frühlingsstimmen + + + Seht, was da draußen vor sich geht! + Es regt sich, was schon lang geruht. + Die Sonn besieht sich’s jeden Tag + Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“ + + Man spricht davon im Sperlingsnest; + Da zwitschert es mit hellem Ton. + „Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot. + ’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“ + + Im Wald ist auch der Haselbusch + Schon wach und blinzelt schon ins Licht. + Und schneit’s ihm in die Augen mal, + Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht. + + Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor; + Hellgrün und rot drängt sich’s herauf. + Eins sieht sich nach dem andern um: + „Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“ + + Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon, + Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht; + Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt! + Man hält es aus -- es geht, es geht.“ + + Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft + Hoch überm Ackersmann und singt: + „Ich bin die erst; die erst bin ich, + Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“ + + So regt sich Leben überall + Und neue Lust und froher Klang. + Auf, stimmet mit den Herzen ein! + Freut euch und sagt dem Himmel Dank! + + Johannes Trojan + + + + +Lerchen + + + Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder, + Du hörst nur lauter Frühlingslieder, + Und immer lauter wird der Chor + Von Lerchen, die im Himmel wohnen; + Es hält den Atem an der Wind -- -- + Berauschend schlägt es an mein Ohr + Wie Jubelsang von Millionen, + Die glücklich, überglücklich sind. + + Emil Faktor + + + + +[Illustration] + + + + +Maiglöckchen und die Blümelein + + + Maiglöckchen läutet in dem Tal, + Das klingt so hell und fein: + So kommt zum Reigen allzumal, + Ihr lieben Blümelein! + + Die Blümchen blau und gelb und weiß, + Die kommen all herbei, + Vergißmeinnicht und Ehrenpreis, + Zeitlos und Akelei. + + Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu, + Und alle tanzen dann, + Der Mond sieht ihnen freundlich zu, + Hat seine Freude dran. + + Den Junker Reif verdroß das sehr, + Er kommt ins Tal hinein: + Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr, + Fort sind die Blümelein. + + Doch kaum der Reif das Tal verläßt, + Da rufet wiederum + Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest + Und läutet bim bam bum. + + Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus, + Maiglöckchen ruft auch mich: + Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus, + Zum Tanze geh auch ich! + + Hoffmann von Fallersleben + + + + +Die Amsel + + + Wie tönt an Frühlingstagen + So schwermutreich und hold + Der Amsel lautes Schlagen + Ins stille Abendgold. + + Es schimmert an den Zweigen + Ein zartverhülltes Grün, + Die jungen Säfte steigen, + Und es beginnt zu blühn. + + Doch nicht mit Jubeltönen + Begrüßt die Amsel nun + Die Tage, jene schönen, + Die in der Zukunft ruhn. + + Es klingt wie Leides Ahnung, + Sie singt im schwarzen Kleid + Schon jetzt die trübe Mahnung: + Wie kurz die schöne Zeit. + + Heinrich Seidel + + + + +Die schwarze Amsel + + + Wann ich schon schwarz bin, + Schuld ist nicht mein allein, + Schuld hat meine Mutter gehabt, + Weil sie mich nicht gewaschen hat, + Da ich noch klein, + Da ich noch wunderwinzig bin gesein. + + Volksmund + + + + +Der Nimmersatt + + + In unserm Flieder raschelt was, + Ein kleiner Spatz. + „Hier sitz ich ohne Futter, + Wo bleibt nur meine Mutter? + Ich hab ein schön gelb Schnäbelein; + Es tut mir keiner was hinein, + Mir armen Matz. + + Ade, du schöner Sonnenschein, + Du grüner Platz! + Hier muß ich nun verderben, + Sie läßt mich Hungers sterben; + Sie fliegt in aller Welt umher + Und findet mich gewiß nicht mehr, + Mich armen Matz.“ + + Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart: + „Hört eins den Fratz! + Ich stopfe, und ich stopfe; + Er schilt mit vollem Kropfe! + Ich wüßt nicht, wer es besser hat: + Du bist ein kleiner Nimmersatt, + Mein kleiner Matz!“ + + Viktor Blüthgen + + + + +[Illustration] + + + + +Das Blumenbeet + + + Das Beet, schon lockert + sich’s in die Höh, + Da wanken Glöckchen + So weiß wie Schnee; + Safran entfaltet + Gewaltge Glut, + Smaragden keimt es + Und keimt wie Blut. + Primeln stolzieren + So naseweis, + Schalkhafte Veilchen, + Versteckt mit Fleiß; + Was auch noch alles + Da regt und webt, + Genug, der Frühling, + Er wirkt und lebt! + + Wolfgang v. Goethe + + + + +Die Frösche + + + Ein großer Teich war zugefroren; + Die Fröschlein, in der Tiefe verloren, + Durften nicht ferner quaken noch springen, + Versprachen sich aber, im halben Traum, + Fänden sie nur da oben Raum, + Wie Nachtigallen wollten sie singen. + Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz, + Nun ruderten sie und landeten stolz + Und saßen am Ufer weit und breit + Und quakten wie vor alter Zeit. + + Wolfgang v. Goethe + + + + +Winterbericht + + + Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder + Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder! + Nun saget mir, was ist geschehn, + Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“ + „Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen + Da hat sich vieles zugetragen; + Mein Vater kaufte eine Kuh + Und meiner Schwester neue Schuh. + Ich hab an Größe zugenommen + Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen, + Weihnachten kriegte ich ein Schwert + Und ein sehr wildes Wiegenpferd. + Und in die Schule geht, mein Bester, + Jetzt auch die Suse, meine Schwester, + Und weil sie neulich nichts gewußt, + Hat sie nachbleiben schon gemußt.“ + „Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern, + „Man darf nicht aus der Schule plappern!“ + + Rudolf Löwenstein + + + + +[Illustration] + + + + +Der Storch ist da + + + Juchheirasa, + Der Storch ist da! + Er steht vergnügt im Neste + Und klappert auf das beste; + Er bückt sich vor der Störchin fein + Und dreht sich auf dem langen Bein. + + Juchheirasa. + Der Storch ist da! + Was er im Wickelkissen + Mitbringt, wer kann es wissen? + Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein? + Es wird doch nicht ein Pärchen sein? + + Martin Greif + + + + +Klapperstorch + + + Storch, Storch, Langbein, + Wann fliegst du ins Land herein, + Bringst dem Kind ein Brüderlein? + Wenn der Roggen reifet, + Wenn der Frosch pfeifet, + Wenn die goldnen Ringen + In der Kiste klingen, + Wenn die roten Appeln + In der Kiste rappeln. + + Volksmund + + + + +Kuckuck + + + Der Gutzgauch auf dem zaune saß, + guckguck, guckguck! + es regnet ser, und er ward naß, + guckguck, guckguck, guckguck! + Darnach do kam der sonnenschein, + guckguck, guckguck! + der Gutzgauch der ward hüpsch und fein, + guckguck, guckguck, guckguck! + Alsdann schwang er sein gfidere, + guckguck, guckguck! + er flog dort hin wol über se, + guckguck, guckguck! + + Volksmund + + + + +Der Zweig und der Vogel im April + + + Wach auf! wie schläfst du gar so still -- + Wach auf! wir haben schon April. + Wach auf! was schläfst du gar so fest? + Ich brauche Schatten für mein Nest, + Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut, + Damit mein Nest kein Würger schaut, + Der mich beraubt und mich bedroht + Und meinen Kleinen bringt den Tod. + Drum, lieber Zweig, erwach, erwach, + Bau mir solch dichtbelaubtes Dach! + Was tut der stille Zweig darauf? + Er schlägt die Blütenaugen auf + Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein, + Ich brauch zum Bauen Sonnenschein. + Wart nur zwei Wochen oder drei, + Dann kommt mein Meister an, der Mai! + Dann schmück ich dir dein kleines Haus + Mit festen grünen Wänden aus, + Von grünen Ziegeln hundertfach + Bau drüber ich ein dichtes Dach, + Daß dich kein böser Würger sieht. + Dann kannst du singen froh dein Lied, + Kannst pflegen deine kleine Brut + Mit deinem Weibchen, still und gut, + Den ganzen, lieben Sommer lang!“ + Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank! + So will ich baun mein Nest in Ruh; + Doch für das Dächlein sorge du! + Und kommt der Mai, dann ohne Rast + Tu, was du mir versprochen hast!“ + + Rudolf Löwenstein + + + + +Frühlingsregen + + + Die grauen Wolken flogen, + Umwölbend das Gefild, + Und nieder kam gezogen + Ein Regen warm und mild. + Nun träufelt der Erquickung Tau, + Es dampft die zartbegrünte Au -- + Die Erde hat gesogen + Und ihren Durst gestillt. + + Ein Duft von jungem Leben + Den kühlen Hain durchdringt; + Die Knospen wonnig beben, + Und sachtes Tröpfeln klingt. + Durch Erlenbüsche streift der Wind, + Mit feuchtem Haar -- ein heitres Kind; + Ein Säuseln läßt er schweben + Aus dem Gezweig und singt: + + „Sonne, erschließe + Das himmlische Blau, + Goldglanz gieße + Auf grüne Au! + Ihr gebadeten Blumen, + Laßt die feuchten + Äuglein leuchten! + Ich schüttle von schwanken Erlen + Zum Spiel euch glitzernde Perlen -- + Solch bunte Perlen woben + Die schwebende Brücke droben + Am blauen Himmelssee.“ + + Bruno Wille + +[Illustration] + + + + +Aprilwetter + + + Sprühregen, drein die Sonne scheint, + Jetzt da und jetzt auch schon vorüber, + So kurz, wie wach der Säugling weint, + Er wendet sich und schlummert wieder. + Sprühregen! Jetzt der Himmel blau, + Und jetzt von Wolken überzogen, + Nun lachend über allem Grau + Im Wunderschein der Regenbogen. + + Martin Greif + + + + +April + + + April! April + Weiß nicht, was er will, + Ist gar ein launischer Gesell, + Bald düster, bald hell, + Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein + Dir freundlich und hell ins Herz hinein + Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen, + Bald weint er und heult schier zum Erbarmen. + Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen, + Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen, + Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder + Und hagelt und wettert wild hernieder. + Dem Frühling heut zu dienen beginnt er, + Und morgen dient er wieder dem Winter. + Ist eben zweier Herren Knecht + Und macht’s drum keinem Herren recht, + Will sich für keinen von den beiden + Mit ehrlich festem Sinn entscheiden. + Was er verspricht, das hält er nicht, + Was er bringen soll, das bringt er nicht, + Was er singen soll, das singt er nicht, + Wenn er lachen kann, so lacht er nicht, + Was er machen kann, das macht er nicht, + Tut, was er schafft, nur mit Verdruß, + Und tut’s nur darum, weil er muß. + Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei, + Vor allem doch den Monat Mai! + + Rudolf Löwenstein + + + + +Das arme Vöglein + + + Ein Vogel ruft im Walde, + Ich weiß es wohl, wonach? + Er will ein Häuschen haben, + Ein grünes, laubig Dach. + + Er rufet alle Tage, + Und flattert hin und her, + Und in dem ganzen Walde + Hört keiner sein Begehr. + + Und endlich hört’s der Frühling, + Der Freund der ganzen Welt. + Der gibt dem armen Vöglein + Ein schattig Laubgezelt. + + Wer singt im hohen Baume + So froh vom grünen Ast? + Das tut das arme Vöglein + Aus seinem Laubpalast. + + Es singet Dank dem Frühling + Für das, was er beschied, + Und singt, so lang er weilet, + Ihm jeden Tag ein Lied. + + Hoffmann von Fallersleben + + +[Illustration] + + + + +An den Mai + + + Es ist doch im April fürwahr + Der Frühling weder halb noch gar! + Komm, Rosenbringer, süßer Mai, + Komm du herbei! + So weiß ich, was der Frühling sei. + + -- Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, + Narzissen, Primeln, Hyazinthen, + Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht, + Schon welken und verschwinden? + Und mit euch besonders, holde Veilchen, + Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei? + Lieber, lieber Mai, + Ach, so warte noch ein Weilchen! + + Eduard Mörike + + + + +Mailied + + + Es kommt ein wundersamer Knab + Jetzt durch die Welt gegangen, + Und wo er geht, bergauf, bergab, + Hebt sich ein Glast und Prangen. + In frischem Grün steht Feld und Tal, + Die Vögel singen allzumal, + Ein Blütenschnee und Regen + Fällt nieder allerwegen. + + Drum singen wir im Wald dies Lied + Mit Hei und Tralaleyen; + Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, + Als Gruß dem jungen Maien. + + Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ, + Ist immer guter Laune; + Drum schwirren durch den Tann herum + Die Maienkäfer braune, + Und aus dem Moos wächst schnell herfür + Der Frühlingsblumen schönste Zier; + Die weißen Glocken läuten + Den Maien ein mit Freuden. + + Drum singen wir im Wald das Lied + mit Hei und Tralaleyen; + Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, + Als Gruß dem jungen Maien. + + Viktor v. Scheffel + + + + +[Illustration] + + + + +Nochmals vom Kirschbaum + + + Nun sagt, was ist im Kirschenbaum? + In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum: + In seinen Adern regte sich’s leis: + In seinen Ästen bewegte sich’s leis: + Noch eine einzige laue Nacht -- + Und plötzlich steht er in Blütenpracht! + + Jetzt schwirren die Boten rings weitum -- + Gesumm, Gebrumm + Von feinsten Stimmen: + „Heran, ihr Immen, + Zum Feste: + Der Alte erwartet die Gäste!“ + Leg dich darunter, nach oben schau -- + Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! -- + + Und lausche: von fern und nah + Richtig, sind schon die Bienen da, + Ganz aus ist nun die Winternacht, + Der alte Herr ganz aufgewacht -- + Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“ + Wie sie von allen Tellerchen schlecken. + + Von einem zum andern, summ, summ, summ, + Zu Tausenden tummeln sie sich herum, + Nippen, naschen, trinken, brummen, + Die Blüten selber, meinst du, summen + Immer im gleichen Geschwirr in Ruh -- + Der Alte strahlt über und über dazu. + + Endlich zieht davon der Schwarm, + Aber nun werden die Tage warm, + Aber nun brechen die Blätter heraus, + Aber nun reifen die Früchte aus. + + An jedem Aste die Körbe schwer, + Richtet er’s jetzt für die Großen her: + Stützt ihm die Arme, daß er nicht + Unter dem eignen Segen bricht! + + Ferdinand Avenarius + + + + +Der Säemann + + + Immer seh ich dich so, mein Vater, + zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke: + als Säemann. + Und deine Söhne, groß und schlank wie du, + ganz dein verjüngtes Bild, + barhäuptig und barfuß + am Pflug. + + Ein breiter Acker, + aus der Mulde, die so windstill, + nach der Höhe, luftig bewegt. + + Lang am Wald hin + dunkle Eichen und helle Birken, + und wilde Heckenrosen am Rain + in runden Büschen, + an den Dornen Wollen-Flöckchen. + Die frisch gebrochenen Furchen braun + und dampfend im herben, würzigen Frühwind. + Hinter uns stolzierend + der schwarzglänzende Rabe, + emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm. + + Weiße Wolken + als träumende Schäfchen + hinziehend am hohen Himmel. + + Du in langen Schritten gradaus, + kräftig atmend, + das Auge hell und fest. + + Kuckucksruf aus dem Wald: + Du blickst uns an und lächelst schalkhaft. + Wir klopfen dreimal an die Tasche. + + Nun gürtest du um den Leib + den grauen, körnerschweren Samensack. + Der rechte Arm, + nackt bis zum Ellenbogen, + mit flatterndem Ärmel, + geht im Schwung mit dem Schritt. + Aus der Hand fliegen sausend im Bogen + die Körner, sorglich erlesen, + glatt und prall und glänzend in Keimkraft. + Stillbedächtig, + wie in verhaltener Lust, + empfängt sie die Erde und zieht sie ein + in den harrenden Schoß, + Hampfel um Hampfel. + + Immer seh ich dich so, mein Vater, + als Säemann. + Immer so im festen Schritt + über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin, + wie von heimlicher Musik + aus der Tiefe der Erde begleitet, + von segnenden Winden umsungen + aus des Himmels leuchtender Höhe. + Und deine Söhne alle, emsig wie du, + was auch sonst ihre Hantierung, + immer wieder am Pflug, + bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen, + weit leuchtend über die Felder hin. + + Und aus der Ferne + hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich: + „Wie seid ihr fleißig heute!“ + Dann erscheint sie, + die Hand schirmend über den lachenden Augen, + die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht: + „Längst ist vorüber der Mittag, + habt ihr nicht läuten gehört? + Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet, + Linsensuppe gibt’s und Spätzli --“ + + Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn: + „Gleich, Mutter, gleich. + Wir sind hungrig wie Wölfe.“ + + „Gott sei Dank,“ sagst du, Vater, + „wir haben das Unsrige getan. + Nun schenk uns der Himmel gut Wetter + zu Wachstum und Ernte.“ + + Immer seh ich uns so, ganz deutlich, + und hör jedes Wort + von dir und der seligen Mutter. + So lange ist’s her, so lange, so lange. + Und immer noch schwillt uns das Herz + in Hoffnung künftiger Ernten. + + Michael Georg Conrad + + + + +Säerspruch + + + Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung! + Die Erde bleibt noch lange jung! + Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht. + Die Ruh ist süß. Es hat es gut. + Hier eins, das durch die Scholle bricht. + Es hat es gut. Süß ist das Licht. + Und keines fällt aus dieser Welt + Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt. + + C. F. Meyer + + + + +Junge Kätzchen + + + Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu, + Die stehen zusammen längst schon auf du. + Trippelt zum Garten sie in der Früh, + Wartet Frau Miezekatz schon auf sie, + Putzt die vier Kleinen noch akkurat; + Jeder macht gern mit den Kindern Staat. + + Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt, + Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt. + Wenn solch ein großes Wunder geschehn, + Das muß die Mutter doch auch mal sehn! + Holt ein Näpfchen, so ein kleins; + Macht für die Kätzchen was Extrafeins. + Das ist ein Springen, hinauf und hinab, + Lecken sich alle Pfoten ab. + + Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt, + Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt, + Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell, + Gleitet hernieder aufs Katzenfell, + Bis zu den Kätzchen winzig und klein + Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein. + + Ludwig Jacobowski + + + + +Der Sperling + + + Der Sperling ist ein kleines Tier, + Hat ein kurzes Schwänzchen, + Sitzt vor Hänschens Kammertür, + Macht ein Reverenzchen. + + Volksmund + +[Illustration] + + + + +[Illustration] + + + + +Spatzenausflug + + + Die Spatzen schrein in ihrem Nest, + Als hätten sie ein großes Fest; + Philippzipzip! + Philippzipzip! + Und weiß nicht, wie viel Gäst. -- + + Nun ist vorbei Gesang und Schmaus, + Da fliegen sie aufs Dach heraus: + Philippzipzip! + Philippzipzip! + Und ruhn ein wenig aus. + + Der alte Spatz, der kluge Mann, + Hebt jetzo seine Rede an: + Philippzipzip! + Philippzipzip! + Hoch auf der Wetterfahn; + + „Ihr Kinder, eh nach Samen + Ihr ausfliegt auf das Feld, + Geb ich euch eure Namen, + Dann schlagt euch durch die Welt, + Ihr könnt nun prächtig singen + Und flattern und hüpfen und springen, + Und baun, wo’s euch gefällt. + + So merkt denn auf und horchet, + Wie jeder von euch heißt, + Und seid dann unbesorget, + Wenn ihr von dannen reist. + Helft nur einander treulich, + Und seid nicht so abscheulich, + Seid friedlich allermeist! + + Du bist der Winkelschlupfer, + Der Mück und Schnak ertappt, + Du bist der Gassenhupfer, + Der Korn und Haber schnappt, + Und du der Bröselesser, + Und du der Kirschenfresser, + Wohl schmeck euch, was ihr habt! + + Und wohnt ihr in den Hecken, + Und wohnt ihr unterm Dach: + Fern sei euch jeder Schrecken + Und jedes Ungemach! + Seid nur auch auf der Lauer, + Wenn über Zaun und Mauer + Euch schleicht das Kätzchen nach! + + Miau! Dort kommt sie schon, die Katz, + Die hat uns all auf einen Satz: + Zwickelwickbembem! + Zwickelwickbembem! + Sucht einen sichern Platz.“ + + Friedrich Güll + + + + +Bei Goldhähnchens + + + Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast! + Sie wohnen im grünen Fichtenpalast + In einem Nestchen klein + Sehr niedlich und sehr fein. + + Was hat es gegeben? Schmetterlingsei, + Mückensalat und Gnitzenbrei + Und Käferbraten famos -- + Zwei Millimeter groß. + + Dann sang uns Vater Goldhähnchen was, + So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas. + Dann wurden die Kinder besehn: + Sehr niedlich alle zehn! + + Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“ + Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr, + Und hat uns mächtig gefreut!“ + Es sind doch reizende Leut! + + Heinrich Seidel + + + + +Unser Fritz + + + Unser Fritz richt’t seinen Schlag, + Wollt ein Meislein fangen, + Doch weil ihm denselben Tag + Keines drein gegangen, + Wird dem Fritz zu lang die Zeit. + Denkt: ich hab umsonst gestreut, + Will ja keine kommen. + + Nach acht Tagen fällt ihm ein, + Im Garten zu spazieren: + Es ist schöner Sonnenschein, + Man kann nicht erfrieren, + Und am alten Apfelbaum + Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum: + Ob der Schlag gefallen? + + „Ja! Es sitzt ein Vogel drin! + Aber, weh! o wehe! + Das ist trauriger Gewinn: + Tot, so viel ich sehe! + -- Aber, was kann ich dafür? + Sicher hat das dumme Tier + Sich zu Tod gefressen!“ + + So tröst’t sich dein Mörder wohl, + Der dich hungern lassen, + Aber ich vor Leid und Groll + Weiß mich nicht zu fassen! + Hast alle Körnlein aufgepickt, + Hast dann vergebens umgeblickt, + Wo noch ein Bröslein wäre! + + Ihr andern Vöglein allesamt, + Wohl unterm blauen Himmel, + Ihr habt mit Wehgesang verdammt + Den Vogelstellerlümmel. + Ach, eines starb so balde, bald, + Eben da in Feld und Wald + Der Frühling wollte kommen. + + Eduard Mörike + + + + +[Illustration] + + + + +Ritter Mai + + + Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt, + Am Berg eine wilde Wiese; + Da liegt todwund auf den Grund gestreckt + Der Winter, der reisige Riese. + Den stach vom Rosse in scharfem Turnei + Der Ritter Mai, der Ritter Mai. + + Grieswärtel war dorten der Meister Specht, + Kampfrichter waren die Dohlen. + Den Ritterdank, ein Rankengeflecht, + Mit Primeln durchwirkt und Violen, + Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei + Der Ritter Mai, der Ritter Mai. + + Nun reitet im Harnisch von klarem Gold + Der herrliche Sieger zu Tale, + Drommeter blasen, der Ehrenhold + Verkündet mit hellem Schalle: + „Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu + Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“ + + O. Kernstock + + + + +Die Kurfürsten + + + Die Kinder schreien Vivat hoch! + In die blaue Luft hinein; + Den Frühling setzen sie auf den Thron, + Der soll ihr König sein. + + Theodor Storm + + + + +Kling hinaus + + + Leise zieht durch mein Gemüt + Liebliches Geläute. + Klinge, kleines Frühlingslied, + Kling hinaus ins Weite! + + Kling hinaus bis an das Haus, + Wo die Blumen sprießen! + Wenn du eine Rose schaust, + Sag, ich laß sie grüßen! + + Heinrich Heine + + + + +Was im Maien Wunder man gewahrt + + + Der Mai hat Gewalt! + Ob er Zauberlist ersonnen? + Wo er naht mit seinen Wonnen, + Da ist niemand alt. + + Walther von der Vogelweide + + + + +Begegnung + + + Ich ging im Feld. Die Drossel schlug. + Ein lindes, weiches Wehen trug + Von einem wilden Apfelbaum + Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum. + Da kam aus Osten, hügelab, + Trug keinen Hut und keinen Stab + Und führte keinen Ranzen mit, + Der Tag im leichten Wanderschritt. + + Auf seine helle Stirne fiel + Ein frei Gelock, des Windes Spiel. + Kein Kleid umgab der Glieder Pracht, + Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht. + Nur eine Sonnenblume hielt + Er in der Linken. Hochgestielt, + Der goldne Sternkelch scheitelnah + Ihm schwankend über die Schulter sah. + + So ging er strahlend gradeaus, + Und über ihm zog mit Gebraus + Ein Schwarm von weißen Schwänen mit. + Er wuchs, wie er das Feld durchschritt, + Und stand zuletzt am Horizont, + Ein Riese, flammend übersonnt. + Um ihn wie lichte Wölkchen sahn + Die Vögel aus, Schwan neben Schwan. + Und aus dem weißen Glitzermeer + Grüßte die gelbe Blume her. + + Gustav Falke + + + + +Übersehen + + + Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren + Und seinem Nachbar demonstrieren, + Was doch für eine Lumperei + Im Grund der deutsche Frühling sei. + Statt daß der März die Vöglein bringe, + Was Wunder, wenn bei solcher Tück + Im Mai noch Schnee herunterdringe, + Die Flora bleibe stets zurück. + Drum, wollten wir ihr Recht begreifen, + So müßten wir gen Süden schweifen. + So sprach das Männlein baß verdrossen + Und machte seine scharfen Glossen: + Da war er, blind für junges Prangen, + Einem Rosenbeet vorbeigegangen. + + Martin Greif + + + + +[Illustration] + + + + +Frühlingsgespenster + + + Ich saß noch spät in meinem Zimmer + Studierend bei der Lampe Schimmer, + Und ob mein Auge müd und matt, + Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt. + + Da klopft es plötzlich an mein Fenster, + Ich glaube zwar nicht an Gespenster, + Doch weil gar hoch mein Fenster war, + Schien mir das Klopfen wunderbar. + + Ich spähte in die nächt’gen Räume, + Der Mond schien freundlich durch die Bäume. + Tief unten schlug die Nachtigall, + Sonst tiefes Schweigen überall. + + Doch kaum saß ich zu lesen nieder, + So klopft es auch vernehmlich wieder; + Weit macht ich nun das Fenster auf + Und ließ den Klopfern freien Lauf. + + Und plötzlich schwärmten durch das Fenster + Zwei braune, surrende Gespenster; -- + Maikäfer waren’s, die’s verdroß, + Daß ich im Zimmer mich verschloß; + + Daß ich mich über Büchern härmte, + Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte + Die linde, weiche Maiennacht + Voll Blütenduft und Sternenpracht. + + Julius Sturm + + + + +Maienkäferlied + + + Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg! + Dein Häuschen brennt, + Dein Mütterchen flennt, + Dein Vater sitzt auf der Schwelle, + Flieg in Himmel aus der Hölle! + + Volksmund + + + + +Gedenk! + + + Es ist kein Vöglein so gemein, + Es spürt geheime Schauer, + Wenn draußen streift der Sonnenschein, + Vergoldend seinen Bauer. + Und du hast es vergessen fast + In deines Kerkers Spangen, + O Menschlein, daß du Flügel hast + Und daß du hier gefangen. + + Josef von Eichendorff + + + + +Lenzfahrt + + + Es wollten um das Lenzerwachen + Drei Freunde eine Lustfahrt machen, + Da wendete der eine ein: + „Es muß der Tag erst länger sein!“ + Und als sie wieder Ratschlag hatten, + Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“ + Doch als sie zechten bald in Schweiß, + Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ -- + So war, noch eh sie sich verglichen, + Der schöne Lenz auch schon verstrichen. + + Martin Greif + + + + +Der Mai + + + Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, + Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus! + Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, + So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. + + Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt! + Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht? + Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert, + Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert. + + Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl + Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal; + Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all; + Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall. + + Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein: + „Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein! + Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du! + Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“ + + Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht + Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht; + Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach, + Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach. + + O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust! + Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust; + Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: + Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt! + + Emanuel Geibel + + + + +Frühling, Frühling überall + + + Vor meinem Fenster sang der Fink: + „Heraus ins Freie, frisch und flink! + Der Frühling ist ja kommen!“ + Ich ging noch in der Mauern Kluft, + Da kam schon lind und lau die Luft + Entgegen mir geschwommen. + + Und wie ich schreite durch das Tor, + Steigt jubelnd eine Lerch empor, + Als flög sie in den Himmel. + Lustwandelnd lenk ich querfeldein: + Blauveilchen duftet schon am Rain, + Am Bach die goldne Primel. + + Wohin ich seh, die Bäume weiß + Und laubig schon der Büsche Reis + Und sammetgrün die Hulde. + Und wie ich wieder steh und horch: + Am Weiher klappert laut der Storch, + Der Kuckuck ruft im Walde. + + So lug und lausch ich, bis von fern + Am Himmel blinkt der Abendstern + Und rings die Glocken gehen. + Nun tracht ich heim; o Nachtigall, + Da bringt mir deines Liedes Hall + Der Nachtluft sanftes Wehen! + + Und so ich nochmals rückwärts schau, + Erglühen Wald und Strom und Au + Im goldnen Abendrote. -- + O Finke, deß gedenk ich lang, + Wie mich herausgelockt dein Sang, + Du lieber Frühlingsbote! + + Friedrich Güll + + + + +Ostern + + + Vom Eise befreit sind Strom und Bäche + Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; + Im Tale grünet Hoffnungsglück! + Der alte Winter in seiner Schwäche + Zog sich in rauhe Berge zurück. + Von dorther sendet er, fliehend, nur + Ohnmächtige Schauer körnigen Eises + In Streifen über die grünende Flur; + Aber die Sonne duldet kein Weißes; + Überall regt sich Bildung und Streben, + Alles will sie mit Farben beleben; + Doch an Blumen fehlt’s im Revier, + Sie nimmt geputzte Menschen dafür. + Kehre dich um, von diesen Höhen + Nach der Stadt zurückzusehen. + Aus dem hohlen, finstern Tor + Dringt ein buntes Gewimmel hervor. + Jeder sonnt sich heute so gern; + Sie feiern die Auferstehung des Herrn. + Denn sie sind selber auferstanden. + Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, + Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, + Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, + Aus der Straßen quetschender Enge, + Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht + Sind sie alle ans Licht gebracht. + Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge + Durch die Gärten und Felder zerschlägt, + Wie der Fluß, in Breit und Länge, + So manchen lustigen Nachen bewegt; + Und, bis zum Sinken überladen, + Entfernt sich dieser letzte Kahn. + Selbst von des Berges fernen Pfaden + Blinken uns farbige Kleider an. + Ich höre schon des Dorfs Getümmel; + Hier ist des Volkes wahrer Himmel, + Zufrieden jauchzet groß und klein: + Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. + + Wolfgang von Goethe + +[Illustration] + + + + +Das Birkenbäumchen + + + Ich weiß den Tag, es war wie heute, + Ein erster Maitag, weich und mild, + Und die erwachten Augen freute + Das übersonnte Morgenbild. + + Der frohe Blick lief hin und wieder, + Wie sammelt er die Schätze bloß? + So pflückt ein Kind im Auf und Nieder + Sich seine Blumen in den Schoß. + + Da sah ich dicht am Wegessaume + Ein Birkenbäumchen einsam stehn, + Rührend im ersten Frühlingsflaume, + Konnt nicht daran vorübergehn. + + In seinem Schatten stand ich lange, + Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt + Und legte leise meine Wange + An seinen kühlen Silberbast. + + Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte + Im zarten Laub wie Schmeichelhand. + Ein Zittern lief herab, als fühlte + Das Bäumchen, daß es Liebe fand. + + Und war vorher die Sehnsucht rege, + Hier war sie still, in sich erfüllt; + Es war, als hätte hier am Wege + Sich eine Seele mir enthüllt. + + Gustav Falke + + + + +Wieder vorwärts! + + + Berghinan vom kühlen Grund + Durch den Wald zum Felsenknauf + Haucht des Frühlings holder Mund, + Tausend Augen tun sich auf. + + Sachte zittert Reis an Reis, + Langt hinaus, noch halb im Traum. + Langt und sucht umher im Kreis + Für drei grüne Blättlein Raum. + + Doch mit lautem Wellensang + Weckt der Bach die Waldesruh; + Mitten drin am jähen Hang + Schläft ein Trumm von einer Fluh. + + Das einst hoch am Silberquell + In des Berges Krone lag, + Nieder führt an diese Stell + Es ein solcher Frühlingstag, + + Wo es hundert Jahre blieb + Hangen an der Eschenwurz; + Heute reißt der junge Trieb + Weiter es im Wassersturz. + + Dröhnend springt’s von Stein zu Stein, + Trunken von der wilden Flut, + Bis es dort am Wiesenrain + Schwindelnd unter Blumen ruht. + + Du versteinte Herrlichkeit, + O, wie tanzest du so schwer + Mit der tollen Frühlingszeit -- + Hinter dir kein Rückweg mehr! + + Gottfried Keller + + + + +Die heilige Woche + + + Als Jesus von seiner Mutter ging + Und die große, heilige Woch anfing, + Da hatte Maria viel Herzeleid, + Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit: + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“ + „Am Sonntag werd ich ein König sein, + Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Montag sein?“ + „Am Montag bin ich ein Wandersmann, + Der nirgends ein Obdach finden kann.“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“ + „Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet, + Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“ + „Am Mittwoch bin ich gar arm und gering, + Verkauft um dreißig Silberling.“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“ + „Am Donnerstag bin ich im Speisesaal + Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Freitag sein?“ + „Ach Mutter, ach liebste Mutter mein, + Könnt dir der Freitag verborgen sein!“ + + „Ach Sohn, du liebster Jesu mein, + Was wirst du am heiligen Samstag sein?“ + „Am Samstag bin ich ein Weizenkorn, + Das in der Erde wird neu geborn. + + Und am Sonntag -- freu dich, o Mutter mein! -- + Dann werd ich vom Tod erstanden sein: + Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand, + Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“ + + Volksmund + + + + +Da Jesus in den Garten ging + + + Da Jesus in den Garten ging + Und ihm sein bittres Leiden anfing, + Da trauert alles, was da was, + Es trauert alles Laub und Gras. + + Maria, die hört ein Hämmerlein klingen: + O weh, o weh, meins lieben Kindes! + O weh, o weh, meins Herzen ein Kron, + Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon. + + Maria kam unter das Kreuz gegangen, + Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen + An einem Kreuz, was ihr nit lieb, + Maria war das Herz betrübt. + + „Johannes, liebster Diener mein, + Laß dir mein Mutter befohlen sein! + Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan, + Daß sie nit seh mein Marter an!“ + + „Ach Herr, das will ich gerne tun, + Ich will sie führen also schön, + Ich will sie trösten also wohl, + Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“ + + Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast! + Mein Kind hat weder Ruh noch Rast. + Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras! + Laßt euch zu Herzen gehen das! + + Die Feigenbäum, die bogen sich, + Die harten Felsen zerkloben sich, + Die Sonne verlor ihren güldnen Schein, + Die Vögel ließen ihr Singen sein. + + Volksmund + + + + +Golgatha + + + Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich, + So rein, so klardurchsichtig war die Luft. + Ich stand auf einem sanften Heidehügel + In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein. + Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht. + Die Himmelsschlüssel blühen überall, + Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn. + Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt, + Reumütig liegt die Sense neben ihm. + Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören, + Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand, + Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag. + + Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern, + Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander. + An eine dieser Kiefern dann gelehnt, + Sah ich hinab in all die stille Landschaft + Und freute mich des wundervollen Friedens. + Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben, + Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben. + Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch, + Glückselig in der Freude seines Daseins. + Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder. + Der Mittag kam, ich saß noch immer da. + Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer, + Ich werde müde, Träume tun sich auf: + + Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien, + Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen, + Und seltsam ändert sich um mich die Gegend: + Im Westen, Osten steigen Mauern auf, + Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf, + Fern eine fremde, nie gesehne Stadt: + Jerusalem! Die Burg Antonia, + Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen, + Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron, + Gethsemane, der Ölberg, Golgatha! + Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten, + Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken, + Und Säulenhallen stehn: Jerusalem! + Der Schmerzensweg, die ~via dolorosa~. + Und zieht den Weg nicht eine große Schar? + Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha? + Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte? + + Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander, + Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader, + Doctores: Pöbel aller Stände folgt + Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht. + Von bernsteingelben Haaren eingerahmt + Ist sein Gesicht; und große braune Augen + Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge, + Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt. + Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl, + Und höhne, lache mit ... + + Und der die bernsteingelben Haare hat, + Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen, + Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen. + Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab, + Und weiter zieht der Zug nach Golgatha. + Und alles, was uns nun entgegenkommt, + Hält an: ein General, ein Bärenführer, + Die Purpursänfte einer Edeldame, + Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt, + Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom, + Die alte Semmelfrau von Jericho, + Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten, + Der eben von der Felddienstübung heimkehrt. + Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt: + „Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“ + Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt. + Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe, + Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit. + + Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern, + Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern, + Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze. + Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn, + Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste. + Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt + Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt, + Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel + Durch Hand und Fuß gehämmert wird ... + + Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare, + Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken: + „Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache + Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß + Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken. + Und Barrabas erscheint, der Gassendichter, + Der wegen Straßenraubs verurteilt saß, + Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf: + „Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden, + Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund, + Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz; + Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“ + Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare, + Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln. + + Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne, + Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend, + Der dem Erlöser in die Augen blinkt. + Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler, + Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt, + Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt, + Schreit: „~Eli, Eli, lama asabthani!~“ + + Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub + Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her, + In rasender Karriere jagt er her. + Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach. + Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu, + Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s, + Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung + Auf unsern Hügel, an der Kante kommt + Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch: + Der Adjutant von Pontius Pilatus. + Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß, + Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar + Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul: + „Begnadigt!“ + + Stracks klettert einer das Gebälk hinan: + Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu + Ihm von den Augen -- er ist tot. + + Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern, + Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander. + An eine dieser Kiefern angelehnt, + Sah ich hinab in all die stille Landschaft + Und freute mich des wundervollen Friedens. + Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben, + Glückselig in der Freude seines Daseins. + + Detlev von Liliencron + + + + +Karfreitag + + + Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel, + Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme, + Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten, + Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte: + „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ + Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis. + Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit + Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“ + Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte: + „Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“ + Dann --: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! -- Es ist vollendet!“ + Und er neigte sein Haupt und starb. + + F. G. Klopstock + + + + +Die Steine werden zeugen + + + Der Ostermorgen lächelt, + Ein Bräutgam, in die Welt, + Vom Frühlingsduft gefächelt, + Steigt er aus seinem Zelt. + + Und rings herum das Schweigen! + Der Wald, er steht so still; + Kein Blümlein sich verneigen, + Kein Blättchen rauschen will. + + Im fernen Kirchlein singet + Die fromme Christenschar; + Da von den Steinen klinget + Das Echo wunderbar. + + Als wenn aus Bergestiefen + Das Singen kläng hervor, + Als wenn die Felsen riefen: + „Er lebt! er lebt!“ im Chor. + + „Er lebt! er lebt!“ da lauschen + Die Blümlein, neigen sich, + Da bücket sich mit Rauschen + Der Wald so feierlich. + + Und mächtger immer wieder: + „Er lebt! er lebt!“ vom Stein -- + Mir läuft ein Schauer nieder + Im tiefsten Mark und Bein; + + Und denk -- und muß mich beugen -- + Was dort geschrieben ist: + Die Steine werden zeugen, + Wenn mich der Mensch vergißt. + + Otto Ludwig + + + + +Auferstanden + + + Durchs Fenster scheint der Maientag, + Ich schließe die Augenlider + Und horche -- das ist Lerchenschlag! + O, endlich wieder! + + Ich lausche, wie des Windes Hauch + Dahinrauscht durch die Zweige, + Es keimen Blüten an jedem Strauch, + Auf jedem Steige. + + Da rührt mich Wonne allzumal, + Ich schließe die Augenlider -- + Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl; + Ich lebe wieder! + + Es singt die Lerche noch immer fort, + Mein Herze möcht zerspringen, + Ich lasse verstummen Wort um Wort -- -- + Und laß sie singen! + + Karl Stieler + + + + +Osterhäslein + + + Drunten an den Gartenmauern + Hab ich sehn das Häslein lauern. + Eins, zwei, drei: + Legt’s ein Ei, + Lang wird’s nimmer dauern. + + Kinder, laßt uns niederducken! + Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? -- + Ei, da hüpft’s -- + Und dort schlüpft’s + Durch die Mauerluken. + + Und nun sucht in allen Ecken, + Wo die schönen Eier stecken, + Rot und blau, + Grün und grau + Und mit Marmelflecken! + + Friedrich Güll + +[Illustration] + + + + +Eine Frühlingsnacht + + + Im Zimmer drinnen ist’s so schwül; + Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl. + + Im Fieber hat er die Nacht verbracht; + Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht. + + Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; + Er hält die Uhr in der weißen Hand. + + Er zählt die Schläge, die sie pickt, + Er forschet, wie der Weiser rückt; + + Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht, + Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht, + + Die Wartfrau sitzt geduldig dabei, + Harrend, bis alles vorüber sei. -- + + Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod; + Und draußen dämmert das Morgenrot. + + An die Fenster klettert der Frühlingstag, + Mädchen und Vögel werden wach. + + Die Erde lacht in Liebesschein, + Pfingstglocken läuten das Brautfest ein, + + Singende Burschen ziehn übers Feld + Hinein in die blühende, klingende Welt. -- + + Und immer stiller wird es drin; + Die Alte tritt zum Kranken hin. + + Der hat die Hände gefaltet dicht; + Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht. + + Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer, + Und drinnen wacht kein Auge mehr. + + Theodor Storm + + + + +Das Mädchen aus der Fremde + + + In einem Tal bei armen Hirten + Erschien mit jedem jungen Jahr, + Sobald die ersten Lerchen schwirrten, + Ein Mädchen, schön und wunderbar. + + Sie war nicht in dem Tal geboren, + Man wußte nicht, woher sie kam; + Und schnell war ihre Spur verloren, + Sobald das Mädchen Abschied nahm. + + Beseligend war ihre Nähe, + Und alle Herzen wurden weit; + Doch eine Würde, eine Höhe + Entfernte die Vertraulichkeit. + + Sie brachte Blumen mit und Früchte, + Gereift auf einer andern Flur, + In einem andern Sonnenlichte, + In einer glücklichern Natur. + + Und teilte jedem eine Gabe, + Dem Früchte, jenem Blumen aus; + Der Jüngling und der Greis am Stabe, + Ein jeder ging beschenkt nach Haus. + + Willkommen waren alle Gäste; + Doch nahte sich ein liebend Paar, + Dem reichte sie der Gaben beste, + Der Blumen allerschönste dar. + + Friedrich v. Schiller + + + + +Frühlings Begräbnis + + + Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang + Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten? + Elfenscharen ziehn den Wald entlang, + Die mit Klaggesang + Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten. + + Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht, + Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre! + Allzuschwer mit sommerlicher Wut + Traf ihn Sonnenglut + Und ihm sank das Haupt, das morgenklare. + + Blumen in der Hand, die er geliebt, + Kleine, rote Fackeln leise schwingend, + Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt, + Sonst im Flug geübt, + Heute schrittweis, Totenlieder singend. + + Stumm in Wehmut schaut der Mond herab, + Und es schluchzen alle Nachtigallen. + Wo er oftmals seine Feste gab, + Senkt man ihn hinab, + Und die bleichen Silberflöre wallen. + + Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm + Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten: + „Stillt die Tränen, tröstet euern Gram! + Der stirbt wonnesam, + Der in blühnder Jugend darf erkalten. + + Glaubet mir, der lang die Welt gesehn: + Den ihr heut hier unter Blumen bettet, + Neu und ewig wird er auferstehn. + Nimmer kann vergehn, + Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“ + + Als so weihevoll der Alte sprach, + Lauter schluchzte da das Grabgesinde, + Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“ + Ihrem Liebling nach + Warf sie in die Gruft die goldne Binde. + + Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang? + Finster hat Gewölk den Mond verschattet. + Ein Gewitter zieht den Wald entlang, + Und zerstoben bang + Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet. + + Paul Heyse + + + + +Künftiger Frühling + + + Wohl blühet jedem Jahre + Sein Frühling mild und licht, + Auch jener große, klare, + Getrost! er fehlt dir nicht; + Er ist dir noch beschieden + Am Ziele deiner Bahn, + Du ahnest ihn hienieden + Und droben bricht er an. + + Ludwig Uhland + +[Illustration] + + + + +Der deutsche Spielmann + + +herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem +Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten +deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- +und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, +von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von +einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des +jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung +eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche +Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die +Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand +jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer +vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten +Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das +Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis Ende Mai 1924 vor: + + Bd. 3 Wald (W. Weingärtner) + „ 4 Hochland (Franz Hoch) + „ 6 Helden (W. Weingärtner) + „ 7 Schalk (Julius Diez) + „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) + „ 11 Sänger (Hans Röhm) + „ 12 Frühling (H. v. Volkmann) + „ 13 Sommer (Edmund Steppes) + „ 14 Herbst (Karl Biese) + „ 15 Winter (Karl Biese) + „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) + „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) + „ 18 Stadt und Land (J. V. Cissarz) + „ 19 Bach und Strom (E. Liebermann) + „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) + „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) + „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) + „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner) + „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) + „ 40 Fabelreich (Ernst Weber) + +Im August 1924 werden sich anschließen: + + Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz) + „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler) + „ 20 Heide (Adalbert Holzer) + „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.) + „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl) + +Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers +jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen +noch aus: + + Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) + „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz) + „ 8 Legenden (G. A. Stroedel) + „ 23 Germanentum (H. Röhm) + „ 24 Mittelalter (H. Schroedter) + „ 25 Zeit d. Wandlungen (C. Roesch) + „ 26 Neuzeit (Angelo Jank) + „ 27 Gespenster (Julius Diez) + „ 28 Tod (Matthäus Schiestl) + „ 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau) + „ 31 Italien (Hans Volkert) + „ 32 Hellas (Karl Bauer) + „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert) + „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) + „ 37 Glück u. Trost (H. Schwegerle) + +Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen +Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai +1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche +Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände +„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 *** diff --git a/76766-h/76766-h.htm b/76766-h/76766-h.htm new file mode 100644 index 0000000..2df318c --- /dev/null +++ b/76766-h/76766-h.htm @@ -0,0 +1,5308 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Frühling | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 90%; + margin: auto 5%;} + +h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +.s3 {font-size: 125%;} +.s5 {font-size: 90%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +h2.nobreak { + font-size: 110%; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber +an den Anfang des Buches versetzt.</p> + +<p class="p0">Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen +in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden kursiv dargestellt. +<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe38 x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100 mtop3" src="images/cover.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><span class="u">Original-Bucheinband</span></figcaption> +</figure> + +<p class="s2 center mtop3 break-before">Der deutsche Spielmann</p> + +<p class="center">Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung<br> +für Jugend und Volk<br> +Herausgegeben von Dr. Ernst Weber</p> + +<p class="s3 center">✤</p> + +<h1><b>Frühling</b></h1> + +<p class="s3 center">Der deutsche Lenz<br> +und was er blühn<br> +und werden läßt</p> + +<p class="center mtop2">Bildschmuck von Hans von Volkmann</p> + +<p class="center mtop2">Vierte, veränderte Auflage</p> + +<p class="s3 center padtop3">✤</p> + +<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">München 1924</em><br> +Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns</p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Kastner & Callwey, +München</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="s2 nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s5"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="right">Seite</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Geleitspruch">3</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kalter Frühlingsabend (Liliencron)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Kalter_Fruehlingsabend">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsahnung (Uhland)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsahnung">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Schneeglöckchen (Storm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Schneegloeckchen">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Im Omnibus (Gilm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Im_Omnibus">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Veilchenstrauß (Trojan)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Veilchenstrauss">6</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Am Mühlengraben (Storm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Muehlengraben">8</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vom Kirschbaum (Avenarius)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vom_Kirschbaum">8</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vorfrühling (Heyse)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vorfruehling">11</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Wirbelnde Flocken (Weber)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wirbelnde_Flocken">11</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsnähe (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsnaehe">11</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Er ist’s (Mörike)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Er_ists">12</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Das kranke Kind (Gilm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_kranke_Kind">12</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Meise (Seidel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Meise">13</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsbotschaft (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsbotschaft">14</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Wind (Zoozmann)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Wind">14</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Märznacht (Uhland)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Maerznacht">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Eine Morgenwanderung (Flaischlen)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Eine_Morgenwanderung">16</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Knabenlust (Fischer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Knabenlust">23</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Wag’s! (Fontane)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wags">23</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Glaube (Uhland)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Glaube">24</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Trost (Wallpach)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Trost">24</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Schwalbenmärchen (Freiligrath)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Schwalbenmaerchen">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Dornröschen (Brüder Grimm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Dornroeschen">26</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsgruß (Eichendorff)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsgruss">31</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Fallende Blüten (Sergel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fallende_Blueten">32</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die seidenen Döckchen (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_seidenen_Doeckchen">32</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsstimmen (Trojan)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsstimmen">32</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Lerchen (Faktor)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Lerchen">33</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_034">34</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Amsel (Seidel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Amsel">35</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die schwarze Amsel (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_schwarze_Amsel">35</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Nimmersatt (Blüthgen)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Nimmersatt">35</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Blumenbeet (Goethe)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_036">36</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Frösche (Goethe)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Froesche">37</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Winterbericht (Löwenstein)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Winterbericht">37</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Storch ist da (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_038">38</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Klapperstorch (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Klapperstorch">38</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kuckuck (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Kuckuck">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Zweig_und_der_Vogel_im_April">39</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsregen (Wille)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsregen">40</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Aprilwetter (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Aprilwetter">43</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">April (Löwenstein)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#April">43</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Das arme Vöglein (Fallersleben)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_arme_Voeglein">44</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">An den Mai (Mörike)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#An_den_Mai">45</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Mailied (Scheffel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mailied">45</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_046">46</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Säemann (Conrad)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Saeemann">47</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Säerspruch (Meyer)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Saeerspruch">50</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Junge Kätzchen (Jacobowski)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Junge_Kaetzchen">50</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Sperling (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Sperling">50</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Spatzenausflug (Güll)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_053">53</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Bei Goldhähnchens (Seidel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Bei_Goldhaehnchens">54</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Unser Fritz (Mörike)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Unser_Fritz">55</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Ritter Mai (Kernstock)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#illu_056">56</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Kurfürsten (Storm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Kurfuersten">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Kling hinaus (Heine)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Kling_hinaus">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Was_im_Maien_Wunder_man_gewahrt">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Begegnung (Falke)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Begegnung">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Uebersehen (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#UEbersehen">58</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlingsgespenster (Sturm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlingsgespenster">59</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Maienkäferlied (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Maienkaeferlied">60</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Gedenk! (Eichendorff)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Gedenk">60</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Lenzfahrt (Greif)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Lenzfahrt">60</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Der Mai (Geibel)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Mai">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühling, Frühling überall! (Güll)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehling_Fruehling_ueberall">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Ostern (Goethe)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ostern">62</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Birkenbäumchen (Falke)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Birkenbaeumchen">64</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Wieder vorwärts (Keller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Wieder_vorwaerts">64</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die heilige Woche (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_heilige_Woche">65</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Da Jesus in den Garten ging (Volksmund)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Da_Jesus_in_den_Garten_ging">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Golgatha (Liliencron)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Golgatha">67</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Karfreitag (Klopstock)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Karfreitag">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Die Steine werden zeugen (Ludwig)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Steine_werden_zeugen">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Auferstanden (Stieler)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Auferstanden">72</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Osterhäslein (Güll)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Osterhaeslein">73</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Eine Frühlingsnacht (Storm)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Eine_Fruehlingsnacht">74</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Das Mädchen aus der Fremde (Schiller)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Das_Maedchen_aus_der_Fremde">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühlings Begräbnis (Paul Heyse)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Fruehlings_Begraebnis">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Künftiger Frühling (Uhland)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Kuenftiger_Fruehling">77</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h2 class="spielmann" id="Geleitspruch" title="Geleitspruch des deutschen +Spielmanns">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</h2> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_003"> + <img class="w100 mtop3" src="images/illu_003.jpg" alt="Ein Wanderer im Frühling + in einem lichten Waldstück"> +</figure> + +</div> + +<div class="poetry-container padtop1"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihn kennen heißt, ihn lieben,</div> + <div class="verse indent0">Den Lenz, den deutschen Lenz!</div> + <div class="verse indent0">Die letzten Flocken stieben;</div> + <div class="verse indent0">Doch jeder ruft: „Ich kenn’s,</div> + <div class="verse indent0">Es wird nicht lang mehr dauern</div> + <div class="verse indent0">Und Veilchen stehn am Rain;</div> + <div class="verse indent0">Ich traf ihn vor den Mauern —</div> + <div class="verse indent0">Glaub, morgen zieht er ein!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da mag kein Sänger fehlen:</div> + <div class="verse indent0">Die sich davongemacht,</div> + <div class="verse indent0">Mit ausgeruhten Kehlen</div> + <div class="verse indent0">Heimkehrn sie über Nacht;</div> + <div class="verse indent0">Doch wer sich deß getraute</div> + <div class="verse indent0">Und blieb zum Schneeturnei,</div> + <div class="verse indent0">Die winterrostige Laute,</div> + <div class="verse indent0">Die stimmt er sich aufs neu.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und all das Blühn und Weben</div> + <div class="verse indent0">Ringsum in Busch und Ried,</div> + <div class="verse indent0">Des Frühlings schwellend Leben,</div> + <div class="verse indent0">Gestaltet sich zum Lied. —</div> + <div class="verse indent0">Darf da ein Spielmann feiern,</div> + <div class="verse indent0">Der sich den deutschen nennt,</div> + <div class="verse indent0">Wenn er der besten Leiern</div> + <div class="verse indent0">Lenzfrohe Weisen kennt?</div><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Den Frühling sollt ihr schauen,</div> + <div class="verse indent0">Wie ihn der Dichter schaut</div> + <div class="verse indent0">Beim Willkommgruß der Auen,</div> + <div class="verse indent0">Beim letzten Vogellaut,</div> + <div class="verse indent0">Auf daß zunichte werde,</div> + <div class="verse indent0">Was je das Herz gequält,</div> + <div class="verse indent0">Wenn ihm die deutsche Erde</div> + <div class="verse indent0">Von ihrem Lenz erzählt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Der deutsche Spielmann</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Kalter_Fruehlingsabend">Kalter Frühlingsabend</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld.</div> + <div class="verse indent0">Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen.</div> + <div class="verse indent0">Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt,</div> + <div class="verse indent0">Will langsam eine fahle Wolke steigen.</div> + <div class="verse indent0">Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt,</div> + <div class="verse indent0">Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen,</div> + <div class="verse indent0">Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt,</div> + <div class="verse indent0">Wann werden sich die lieben Primeln zeigen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Detlev v. Liliencron</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsahnung">Frühlingsahnung</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O sanfter süßer Hauch!</div> + <div class="verse indent0">Schon weckest du wieder</div> + <div class="verse indent0">Mir Frühlingslieder.</div> + <div class="verse indent0">Bald blühen die Veilchen auch.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Ludwig Uhland</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Schneegloeckchen">Schneeglöckchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und aus der Erde schauet nur</div> + <div class="verse indent0">Alleine noch Schneeglöckchen;</div> + <div class="verse indent0">So kalt, so kalt ist noch die Flur,</div> + <div class="verse indent0">Es friert im weißen Röckchen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Theodor Storm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Im_Omnibus">Im Omnibus</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Omnibus knarrt in dem Schnee,</div> + <div class="verse indent0">Voll Menschen jeder Art,</div> + <div class="verse indent0">So wie der Zufall manchmal sie</div> + <div class="verse indent0">Zusammenpreßt und schart.</div><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es bläst der Wind so grimmig kalt,</div> + <div class="verse indent0">Die Fenster schließen schlecht,</div> + <div class="verse indent0">Ein jeder ist verdrießlich drob</div> + <div class="verse indent0">Und keinem etwas recht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dort in der Ecke hält ein Mann</div> + <div class="verse indent0">Ein Dütchen vor sich hin,</div> + <div class="verse indent0">So zärtlich und besorgt, als wär</div> + <div class="verse indent0">Ein Edelstein darin.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zu seinem Nachbar einer sagt:</div> + <div class="verse indent0">„Was doch in aller Welt</div> + <div class="verse indent0">Der Mann dort in der Düte hat,</div> + <div class="verse indent0">Die er so sorgsam hält?“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der hört die Frage, lächelt fein</div> + <div class="verse indent0">Und zieht aus dem Papier</div> + <div class="verse indent0">Ein Veilchen, eben aufgeblüht,</div> + <div class="verse indent0">Und zeigt’s dem Passagier.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wie es nun von Hand zu Hand,</div> + <div class="verse indent0">Ein Gruß des Frühlings, geht,</div> + <div class="verse indent0">So ist’s, als hätt der Freude Hauch</div> + <div class="verse indent0">Sie alle angeweht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als ob in ein verödet Haus</div> + <div class="verse indent0">Gekommen wär ein Kind,</div> + <div class="verse indent0">Als ob von schuldbeladner Brust</div> + <div class="verse indent0">Genommen wär die Sünd.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es tauen schnell die Herzen auf,</div> + <div class="verse indent0">Und fröhlicher Gesang</div> + <div class="verse indent0">Mischt mit des Windes Orgel sich</div> + <div class="verse indent0">Den ganzen Weg entlang.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Hätt jeder doch in böser Stund</div> + <div class="verse indent0">Ein Veilchen gleich zur Hand,</div> + <div class="verse indent0">Es gäb der Sünde weniger,</div> + <div class="verse indent0">Der Liebe mehr im Land.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Hermann v. Gilm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Veilchenstrauss">Der Veilchenstrauß</h2> + +</div> + +<p>An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr +jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab +sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er +die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und +schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das +wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen +auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war +sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke, +die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen +wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das +Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte, +bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone — um keine falschen +Erwartungen rege zu machen — fragte der alte Herr: „Was sollen sie +kosten?“ — „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.</p> + +<p>Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes, +suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein +Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche +ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter +Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der +Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort +tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.</p> + +<p>Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche, +sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu +betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und +einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus +einem ausgeribbelten Strumpfe. — ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der +Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die +Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt +vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er +roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“ +Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit +gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas +Unruhiges<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der +ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und +schnell durch die Stadt — die eine andere war — dem Tore zuschreiten. +Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen +umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte +sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und +machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab +ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie +jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet — oder +wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach +rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen +über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem +Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige +Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach +einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft +und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus +zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er +begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“ +Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am +Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das +Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen. +Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über +das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner +Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein +leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen; +dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen. +Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich +über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch +schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. — —</p> + +<p>Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er +bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen +und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt +entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn — da er nun doch wußte, +woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst +stieg er die Treppe<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat +ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden +Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben +beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das +Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden +bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich +schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen. +„Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“</p> + +<p class="right mright2">Johannes Trojan</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Am_Muehlengraben">Am Mühlengraben</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Kinder haben die Veilchen gepflückt,</div> + <div class="verse indent0">All, all, die da blühten am Mühlengraben.</div> + <div class="verse indent0">Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest</div> + <div class="verse indent0">In ihren kleinen Fäusten haben.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Theodor Storm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Vom_Kirschbaum">Vom Kirschbaum</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ist alles ganz kahl und still,</div> + <div class="verse indent0">Nicht mal im Grase sich’s regen will,</div> + <div class="verse indent0">Steht alles geduckt,</div> + <div class="verse indent0">Klappert im Frost und muckt</div> + <div class="verse indent0">Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,</div> + <div class="verse indent0">Doch im Garten</div> + <div class="verse indent0">Sagt einer: ich kann warten.</div> + <div class="verse indent0">Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,</div> + <div class="verse indent0">So dünn ist er worden: der Kirschenbaum.</div> + <div class="verse indent0">Schläft er nicht?</div> + <div class="verse indent0">Trau einer dem Wicht!</div> + <div class="verse indent0">Heute Mittag um Uhre eins</div> + <div class="verse indent0">Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins:</div> + <div class="verse indent0">Darin — ich habe</div> + <div class="verse indent0">Das deutlich gesehn —</div> + <div class="verse indent0">Mit seinen Knospen</div> + <div class="verse indent0">Fingerte der alte Knabe,</div> + <div class="verse indent0">Ein wenig vorsichtig und geziert,</div> + <div class="verse indent0">Wie man Badewasser probiert —</div> + <div class="verse indent0">Und über seine Runzeln</div> + <div class="verse indent0">Ging ein Schmunzeln.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Ferdinand Avenarius</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe38 break-before" id="illu_009"> + <img class="w100 mtop2" src="images/illu_009.jpg" alt="Unwetter und Regenbogen über + einem Bauernhof"> + <figcaption class="caption"> + <div class="linkedimage"><a href="images/illu_009_gross.jpg" + id="illu_009_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorfruehling">Vorfrühling</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Stürme brausten über Nacht</div> + <div class="verse indent0">Und die kahlen Wipfel troffen.</div> + <div class="verse indent0">Frühe war mein Herz erwacht,</div> + <div class="verse indent0">Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton</div> + <div class="verse indent0">Dringt zu mir vom Wald hernieder.</div> + <div class="verse indent0">Nisten in den Zweigen schon</div> + <div class="verse indent0">Die geliebten Amseln wieder?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dort am Weg der weiße Streif —</div> + <div class="verse indent0">Zweifelnd frag ich mein Gemüte:</div> + <div class="verse indent0">Ist’s ein später Winterreif</div> + <div class="verse indent0">Oder erste Schlehenblüte?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Paul Heyse</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Wirbelnde_Flocken">Wirbelnde Flocken</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur?</div> + <div class="verse indent0">Ist doch der Lenz im Land,</div> + <div class="verse indent0">Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur,</div> + <div class="verse indent0">Seit der Winter schwand!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät</div> + <div class="verse indent0">Weht ihr vom Himmel herab!</div> + <div class="verse indent0">Der euch über die Aue sät,</div> + <div class="verse indent0">Sät euch nur ins Grab. —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Heija! mein Herz ist voll von Lust,</div> + <div class="verse indent0">Jeder Wonne reich —</div> + <div class="verse indent0">Fallen die Sorgen mir in die Brust,</div> + <div class="verse indent0">Sterben sie gleich euch.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Ernst Weber</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsnaehe">Frühlingsnähe</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wieder seh ich jenen Schimmer,</div> + <div class="verse indent0">Jenen Schimmer an den Bäumen,</div> + <div class="verse indent0">Der mir sagt, es könne nimmer</div> + <div class="verse indent0">Lange mehr der Frühling säumen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ja, es ist ein holdes Zeichen,</div> + <div class="verse indent0">Und, bevor wir ihn noch bitten,</div><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> + <div class="verse indent0">Wird er uns mit seinen reichen</div> + <div class="verse indent0">Wunderblüten überschütten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe32" id="illu_012"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_012.jpg" alt="Der Frühling, in Form von + Putten, überschüttet die Welt mit Blüten."> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Er_ists">Er ist’s</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Frühling läßt sein blaues Band</div> + <div class="verse indent0">Wieder flattern durch die Lüfte;</div> + <div class="verse indent0">Süße, wohlbekannte Düfte</div> + <div class="verse indent0">Streifen ahnungsvoll das Land.</div> + <div class="verse indent0">Veilchen träumen schon,</div> + <div class="verse indent0">Wollen balde kommen.</div> + <div class="verse indent0">— Horch, von fern ein leiser Harfenton!</div> + <div class="verse indent6">Frühling, ja, du bist’s!</div> + <div class="verse indent0">Dich hab ich vernommen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Eduard Mörike</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Das_kranke_Kind">Das kranke Kind</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Vater ist seit Jahren blind —</div> + <div class="verse indent0">Blind sein ist mehr als sterben! —</div> + <div class="verse indent0">Die Mutter hat ein krankes Kind</div> + <div class="verse indent0">Und kann nicht viel erwerben.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Stube war noch nie so warm,</div> + <div class="verse indent0">Obgleich das Fenster offen,</div> + <div class="verse indent0">Seitdem des Winters harter Arm</div> + <div class="verse indent0">Die Erde hat getroffen.</div><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Sonne küßt das bleiche Kind</div> + <div class="verse indent0">Zum erstenmal im Jahre;</div> + <div class="verse indent0">Es spielt ein weicher, warmer Wind</div> + <div class="verse indent0">Mit seinem feuchten Haare.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wie sein Blick am Himmel hängt,</div> + <div class="verse indent0">Als möcht’s dahin entfliehen,</div> + <div class="verse indent0">Im Wangengrübchen langsam fängt</div> + <div class="verse indent0">Ein Röslein an zu blühen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und — süßes Wunder! — plötzlich, als</div> + <div class="verse indent0">Sei alles Leid zu Ende,</div> + <div class="verse indent0">Schlingt lächelnd um der Mutter Hals</div> + <div class="verse indent0">Es seine beiden Hände.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat,</div> + <div class="verse indent0">Bricht aus in lautes Weinen —</div> + <div class="verse indent0">Das war des Frühlings erste Tat,</div> + <div class="verse indent0">Und keine von den kleinen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Hermann v. Gilm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Meise">Die Meise</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf!</div> + <div class="verse indent0">Ein lustiges, kleines Ding,</div> + <div class="verse indent0">Und immer geschwätzig und flink,</div> + <div class="verse indent0">Und immer obenauf!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Denn ob die ganze Welt vereist,</div> + <div class="verse indent0">Sie findet den Tisch gedeckt:</div> + <div class="verse indent0">Hier wird ein Körnchen geschleckt</div> + <div class="verse indent0">Und dort ein Püppchen verspeist.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“</div> + <div class="verse indent0">So ruft sie im knospenden Wald,</div> + <div class="verse indent0">Und wehn auch die Winde noch kalt:</div> + <div class="verse indent0">Sie weiß es, glaubt es nur ja!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sie hat in das Herz der Knospe gesehn,</div> + <div class="verse indent0">In die Wiege von Blume und Grün,</div> + <div class="verse indent0">Sie weiß: Bald wird es nun blühn</div> + <div class="verse indent0">Und die Welt in Veilchen stehn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Heinrich Seidel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsbotschaft">Frühlingsbotschaft</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich hab ein Vöglein gehöret</div> + <div class="verse indent0">Herab von einem Baum,</div> + <div class="verse indent0">Das hat mich nicht betöret.</div> + <div class="verse indent0">Gar weise sang es im Traum,</div> + <div class="verse indent0">Ich hab es nicht gestöret,</div> + <div class="verse indent0">Wußt von mir selbst mehr kaum:</div> + <div class="verse indent0">Tin din di!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das Vöglein hat helle gesungen:</div> + <div class="verse indent0">„Die Veigelein sind da.“</div> + <div class="verse indent0">Ich bin zu Walde gedrungen.</div> + <div class="verse indent0">Mein Aug sie selber sah.</div> + <div class="verse indent0">Ahi, ihr Vogelzungen,</div> + <div class="verse indent0">Wie süß mir da geschah:</div> + <div class="verse indent0">Tin din di!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe38" id="illu_014"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_014.jpg" alt="Der kleine Vogel singt + in den Zweigen"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Wind">Der Wind</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Wo kommst du her?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Weit übers Meer</div> + <div class="verse indent0">Fuhr ich geschwind!</div> + <div class="verse indent0">Habe die Wellen</div> + <div class="verse indent0">Gepeitscht und geschlagen,</div> + <div class="verse indent0">Machte zerschellen</div><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> + <div class="verse indent0">Die Schiffe</div> + <div class="verse indent0">Am Riffe —</div> + <div class="verse indent0">Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Wo kommst du her?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Übers Gebirge</div> + <div class="verse indent0">Saust ich mit Macht,</div> + <div class="verse indent0">Hab die Lawine ins Rollen gebracht.</div> + <div class="verse indent0">Wald und Saaten</div> + <div class="verse indent0">Hat sie geknickt,</div> + <div class="verse indent0">Hirt und Herden</div> + <div class="verse indent0">Zermalmt und zerdrückt.</div> + <div class="verse indent0">Des Älplers Dorf</div> + <div class="verse indent0">Liegt tief unterm Schnee,</div> + <div class="verse indent0">Kein Dach, kein Türmchen</div> + <div class="verse indent0">Ragt mehr zur Höh! —</div> + <div class="verse indent0">Dann hab ich sacht</div> + <div class="verse indent0">In selbiger Nacht</div> + <div class="verse indent0">Ein glimmendes Fünkchen</div> + <div class="verse indent0">Zum Lodern gebracht,</div> + <div class="verse indent0">Ein Flammenmeer</div> + <div class="verse indent0">Durch die Gassen gefegt,</div> + <div class="verse indent0">Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Was tatest du dann?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Habe über den grünen Rasen</div> + <div class="verse indent0">Einer lachenden Wiese geblasen;</div> + <div class="verse indent0">Habe lind die Blüten gewiegt,</div> + <div class="verse indent0">Die der gaukelnde Falter umfliegt;</div> + <div class="verse indent0">Habe dem Bächlein sanft gesäuselt,</div> + <div class="verse indent0">Habe den Birken die Kronen gekräuselt.</div> + <div class="verse indent0">Hab um ein Kind,</div> + <div class="verse indent0">Das drunter schlief,</div> + <div class="verse indent0">Leis und lind</div> + <div class="verse indent0">Die Flügel geschwungen</div> + <div class="verse indent0">Und es gesungen</div> + <div class="verse indent0">In Schlummer tief.“</div><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Was tatest du dann?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Hab die Wolken am Himmel gejagt,</div> + <div class="verse indent0">Bis die Sonne golden getagt;</div> + <div class="verse indent0">Hab der ganzen Welt gelacht</div> + <div class="verse indent0">Und mit Brausen den Frühling gebracht!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Wohin nun geschwind?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken,</div> + <div class="verse indent0">Neue Arbeit mir auszuwirken!</div> + <div class="verse indent0">Ich kann brausen</div> + <div class="verse indent0">Der Welt zum Grausen,</div> + <div class="verse indent0">Und kann weich wie ein Atem wehn!</div> + <div class="verse indent0">Aber nun frag nicht mehr,</div> + <div class="verse indent0">Denn ich sag nicht mehr —</div> + <div class="verse indent0">Schweig und laß mich gehn!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wind, Wind,</div> + <div class="verse indent0">Gottes und Dämons Kind,</div> + <div class="verse indent0">Wenn deine Hand</div> + <div class="verse indent0">Fluch und Segen umspannt:</div> + <div class="verse indent0">Gnädig, nur mit sanftem Gebrause,</div> + <div class="verse indent0">Geh vorüber meinem Hause!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Richard Zoozmann</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Maerznacht">Märznacht</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht hin!</div> + <div class="verse indent0">Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Ludwig Uhland</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Eine_Morgenwanderung">Eine Morgenwanderung</h2> + +</div> + +<p>Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang +Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine +Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> ein großer Osterchoral donnerte +er über die Gräber und rief zur Auferstehung.</p> + +<p>Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem +Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr +zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum +Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm +stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter +die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie +Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen +zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond +schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch +sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem +Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der +Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.</p> + +<p>Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die +fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit +phantastisch-gespenstischem Leben.</p> + +<p>Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte, +standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf +aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte +in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den +Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und +schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf, +drohend, wie wenn ....</p> + +<p>Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten +bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber +beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt +uns!“ ....</p> + +<p>Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird +nur endlich Frühling!</p> + +<p>Frühling! und wenn’s noch so tobt!</p> + +<p>Frühling! ja! ....</p> + +<p>Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in +die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen +und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen!</p> + +<p>Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Das war es ja auch!</p> + +<p>Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen +trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem +ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!</p> + +<p>Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig +werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich +nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich +zurück in ihren trübseligen Alltag.</p> + +<p>Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren +jauchzenden Frühlingssturm — und ließen uns, aufschauernd, sein +Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens!</p> + +<p>Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles +Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe +Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst, +und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll +Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde +Erfüllung unserer Sehnsucht.</p> + +<p>Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in +den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den +Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück.</p> + +<p>Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem +Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und +die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der +Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch +Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas +Heiliges!</p> + +<p>Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben +und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt, +wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.</p> + +<p>Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen +und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine +freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als +ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne +verglommen.<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines +am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und +kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen +lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen +und kletterten scheue Dunstflüge herum.</p> + +<p>Vor uns — jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat +zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich +nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter +ihm ab.</p> + +<p>Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln +— schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge +der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft, +wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all +dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So +närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze +Treiben der Welt erscheinen mag.</p> + +<p>Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen +Pantomime zusähe.</p> + +<p>Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie +in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen +gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.</p> + +<p>Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!</p> + +<p>Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als +unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es +darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen +stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und +liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.</p> + +<p>Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen +und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder +andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren, +und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit. +Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke +darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die +Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die +großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p> + +<p>Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie +brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde, +um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und +Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.</p> + +<p>Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken +und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten +am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas +tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen +aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.</p> + +<p>Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und +die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so +lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie +zu regieren.</p> + +<p>Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.</p> + +<p>Ich lachte.</p> + +<p>„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es +wird nur endlich Frühling!“</p> + +<p>Gott sei Dank!</p> + +<p>Es wird nur endlich Tag!</p> + +<p>Nach so langer, dumpfer Nacht!</p> + +<p>Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das +Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang +durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!</p> + +<p>Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich +mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich +tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und +gestikulierender hin und her rannten.</p> + +<p>Da: Ein blendender Blitz zuckt empor.</p> + +<p>Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue +Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt.</p> + +<p>Tag! Tag! Tag!</p> + +<p>Und Frühling! Frühling! —</p> + +<p>Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken +ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen. +Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster +Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> lange Seile und +Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten +daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und +an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu +zwingen.</p> + +<p>Wir lachten.</p> + +<p>Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und +Leitern und Ketten.</p> + +<p>Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was +es war; Nebel? — sie zu verhängen und darunter zu ersticken.</p> + +<p>Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.</p> + +<p>Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig, +unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was +wollten ihr diese Fliegen!?</p> + +<p>Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche +zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn +freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont +hinunterzuspritzen.</p> + +<p>Es zischte ein wenig, das war alles.</p> + +<p>Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.</p> + +<p>Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn +Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren +Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte +Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.</p> + +<p>Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die +Sonne empor, höher und höher.</p> + +<p>Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den +Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit +Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze +Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.</p> + +<p>Da — mit einem Male — war es doch, als ob sie siegten.</p> + +<p>Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein +Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig +Minuten übersponnen hatten.</p> + +<p>Sie war gefangen.</p> + +<p>Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten +ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> sich straff und +straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.</p> + +<p>Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.</p> + +<p>Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf +und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die +Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen, +zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf.</p> + +<p>Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an +Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken, +riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska +purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder +flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung +kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und +rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.</p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_022"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_022.jpg" alt="Die Sonne strahlt hell über den + Bergen"> +</figure> + +<p class="mtop1">Wir lachten. Es war grausam — aber wir lachten: wie diese +Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen +Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung +und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber +doch nicht; und ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu +retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen.</p> + +<p>Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!</p> + +<p>Die anderen aber trug sie — lächelnd — höher und höher, bis in +der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch +überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem +Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. — — —</p> + +<p>Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender +Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag +ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem +Frühling die Erfüllung.</p> + +<p>Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber +flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und +Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und +wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das +Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und +ein Lied des Sieges. — — —</p> + +<p>Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne +aufgehe?!</p> + +<p class="right mright2">Cäsar Flaischlen</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Knabenlust">Knabenlust</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Horch, Märzenwind und Lerchenschlag</div> + <div class="verse indent0">Und keine Schule den Nachmittag!</div> + <div class="verse indent0">Die Füße ohne Strumpf und Schuh,</div> + <div class="verse indent0">Auf trocknem Weg den Wiesen zu!</div> + <div class="verse indent0">Zum Nesterbauen und Veilchenblühn,</div> + <div class="verse indent0">Zu Palmenweiden und Ostergrün! —</div> + <div class="verse indent0">Die spielenden Mägdlein dort am Rain,</div> + <div class="verse indent0">Die möchten wohl unsre Gesellen sein. —</div> + <div class="verse indent0">Nun rasch die Felsen emporgesaust,</div> + <div class="verse indent0">Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Johann Georg Fischer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Wags">Wag’s!</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun ist er endlich kommen doch</div> + <div class="verse indent0">In grünem Knospenschuh;</div><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> + <div class="verse indent0">„Er kam, er kam ja immer noch!“</div> + <div class="verse indent0">Die Bäume nicken sich’s zu.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sie konnten ihn all erwarten kaum.</div> + <div class="verse indent0">Nun treiben sie Schuß auf Schuß;</div> + <div class="verse indent0">Im Garten der alte Apfelbaum:</div> + <div class="verse indent0">Er sträubt sich, aber er muß.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wohl zögert auch das alte Herz</div> + <div class="verse indent0">Und atmet noch nicht frei,</div> + <div class="verse indent0">Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,</div> + <div class="verse indent0">Und März ist noch nicht Mai.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O, schüttle ab den schweren Traum</div> + <div class="verse indent0">Und die lange Winterruh,</div> + <div class="verse indent0">Es wagt es der alte Apfelbaum,</div> + <div class="verse indent0">Herze, wag’s auch <em class="gesperrt">du</em>!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Theodor Fontane</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Glaube">Glaube</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die linden Lüfte sind erwacht,</div> + <div class="verse indent0">Sie säuseln und weben Tag und Nacht,</div> + <div class="verse indent0">Sie schaffen an allen Enden.</div> + <div class="verse indent0">O frischer Duft, o neuer Klang!</div> + <div class="verse indent0">Nun, armes Herze, sei nicht bang!</div> + <div class="verse indent0">Nun muß sich alles, alles wenden.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Welt wird schöner mit jedem Tag,</div> + <div class="verse indent0">Man weiß nicht, was noch werden mag,</div> + <div class="verse indent0">Das Blühen will nicht enden.</div> + <div class="verse indent0">Es blüht das fernste, tiefste Tal;</div> + <div class="verse indent0">Nun, armes Herz, vergiß der Qual!</div> + <div class="verse indent0">Nun muß sich alles, alles wenden.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Ludwig Uhland</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Trost">Trost</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar,</div> + <div class="verse indent0">Den Horizont trübt leichter Dunst,</div> + <div class="verse indent0">Sein Sommerhaus bezieht der Star,</div> + <div class="verse indent0">Und Primeln blühn im Wasserrunst.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Bienen schwirren honigsatt</div> + <div class="verse indent0">Ums aufgedeckte Veilchenbeet,</div><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> + <div class="verse indent0">Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt,</div> + <div class="verse indent0">Am Fenster, das weit offen steht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das ist mein Trost nun: Tag für Tag</div> + <div class="verse indent0">Seh ich dem stillen Werden zu.</div> + <div class="verse indent0">Leis ebbt des raschen Herzens Schlag,</div> + <div class="verse indent0">Und alle Sorge geht zur Ruh.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Artur von Wallpach</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Schwalbenmaerchen">Schwalbenmärchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf dem stillen, schwülen Pfuhle</div> + <div class="verse indent0">Tanzt die dünne Wasserspinn;</div> + <div class="verse indent0">Unten auf kristallnem Stuhle</div> + <div class="verse indent0">Thront die Unkenkönigin.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von den edelsten Metallen</div> + <div class="verse indent0">Hält ein Reif ihr Haupt umzogen,</div> + <div class="verse indent0">Und wie Silberglocken schallen</div> + <div class="verse indent0">Unkenstimmen durch die Wogen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Denn der Lenz erschien; die Schollen</div> + <div class="verse indent0">Sind zerflossen; Blüten zittern;</div> + <div class="verse indent0">Dumpfe Frühlingsdonner rollen</div> + <div class="verse indent0">Durch die Luft, schwarz von Gewittern.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wasserlilienkelche fließen</div> + <div class="verse indent0">Auf des Teiches dunkelm Spiegel,</div> + <div class="verse indent0">Und die ersten Schwalben schießen</div> + <div class="verse indent0">Drüberhin mit schnellem Flügel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus den zarten Schnäbeln leise</div> + <div class="verse indent0">Tönt Gezwitscher in die Wellen:</div> + <div class="verse indent0">„Viele Grüße von der Reise</div> + <div class="verse indent0">Haben wir dir zu bestellen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lange waren wir in fremden,</div> + <div class="verse indent0">Sandbedeckten, heißen Ländern,</div> + <div class="verse indent0">Wo in weiten Kaftanhemden</div> + <div class="verse indent0">Träge Turbanträger schlendern.</div><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Purpurfarbne Wunderpflanzen</div> + <div class="verse indent0">Dienten uns zu Meilenweisern;</div> + <div class="verse indent0">Gelbe Mauren sahn wir tanzen</div> + <div class="verse indent0">Nackt vor ihren Leinwandhäusern.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lechzend auf dem warmen Sattel</div> + <div class="verse indent0">Saß der Araber, der leichte,</div> + <div class="verse indent0">Während Ziegenmilch und Dattel</div> + <div class="verse indent0">Ihm aufs Pferd die Gattin reichte.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf die Jagd der Antilopen</div> + <div class="verse indent0">Kriegerisch mit Spieß und Pfeile</div> + <div class="verse indent0">Zogen schlanke Äthiopen;</div> + <div class="verse indent0">Klagend tönte Memnons Säule.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus des Niles Flut getrunken</div> + <div class="verse indent0">Haben wir, matt von der Reise;</div> + <div class="verse indent0">Gruß dir, Königin der Unken,</div> + <div class="verse indent0">Von dem königlichen Greise!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!</div> + <div class="verse indent0">Doch zumeist der Grüße viele</div> + <div class="verse indent0">Bringen wir von deinem Vetter,</div> + <div class="verse indent0">Von dem Krokodil im Nile!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Ferdinand Freiligrath</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Dornroeschen">Dornröschen</h2> + +</div> + +<p>Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: +„Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da +trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch +aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird +erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt +bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin +gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich +nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß +seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen +dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer +dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, +von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. +Das Fest ward mit aller Pracht<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> gefeiert, und als es zu Ende war, +beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine +mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so +mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben +getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich +dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen +oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter +soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot +hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um +und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte +hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen +Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: +„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, +in welchen die Königstochter fällt.“</p> + +<figure class="figcenter illowe40" id="illu_027"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_027.jpg" alt="Der Frühling zieht musizierend + durch das Land"> + <figcaption class="caption"> + <div class="linkedimage"><a href="images/illu_027_gross.jpg" + id="illu_027_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<p class="mtop1">Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, +ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche +sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der +weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam, +freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben +mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt +ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen +ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah +Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen +alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer +kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und +als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen +Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. +„Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst +du da?“ — „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was +ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, +nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die +Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach +sich damit in den Finger.</p> + +<p>In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das +Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Schlaf. Und dieser +Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die +Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen +an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch +die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die +Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward +still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der +Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren +ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und +auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.</p> + +<p>Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die +jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber +hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht +die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem +schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter +genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die +Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich; +denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die +Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen +und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam +wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann +von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in +welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon +seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die +Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß +schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die +Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines +traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich +nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte +mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.</p> + +<p>Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war +gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn +sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die +taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, +und hinter ihm taten sie sich<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> wieder als eine Hecke zusammen. Im +Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und +schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter +den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen +an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte +er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das +sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen +Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König +und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß +einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und +öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. +Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und +er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt +hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz +freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und +die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen +an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde +sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen +unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an +den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte +und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der +Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte +das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem +Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an +ihr Ende.</p> + +<p class="right mright2">Brüder Grimm</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsgruss">Frühlingsgruß</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es steht ein Berg in Feuer,</div> + <div class="verse indent0">In feurigem Morgenbrand,</div> + <div class="verse indent0">Und auf des Berges Spitze</div> + <div class="verse indent0">Ein Tannenbaum überm Land.</div> + <div class="verse indent0">Und auf dem höchsten Wipfel</div> + <div class="verse indent0">Steh ich und schau vom Baum,</div> + <div class="verse indent0">O Welt, du schöne Welt, du,</div> + <div class="verse indent0">Man sieht dich vor Blüten kaum!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent8">Josef von Eichendorff</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Fallende_Blueten">Fallende Blüten</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen,</div> + <div class="verse indent0">Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden,</div> + <div class="verse indent0">Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete,</div> + <div class="verse indent0">Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Albert Sergel</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe36" id="illu_032"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_032.jpg" alt="Blühende Bäume"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_seidenen_Doeckchen">Die seidenen Döckchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kling, kling, Glöckchen,</div> + <div class="verse indent0">Im Haus steht ein Döckchen,</div> + <div class="verse indent0">Im Garten steht ein Hühnernest,</div> + <div class="verse indent0">Stehn drei seidne Döckchen drin,</div> + <div class="verse indent0">Eins spinnt Seiden,</div> + <div class="verse indent0">Eins flicht Weiden,</div> + <div class="verse indent0">Eins schließt den Himmel auf,</div> + <div class="verse indent0">Läßt ein bißchen Sonn heraus,</div> + <div class="verse indent0">Läßt ein bißchen drinn,</div> + <div class="verse indent0">Daraus die Liebfrau Maria spinn</div> + <div class="verse indent0">Ein Röcklein für die Kindelein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsstimmen">Frühlingsstimmen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Seht, was da draußen vor sich geht!</div> + <div class="verse indent0">Es regt sich, was schon lang geruht.</div> + <div class="verse indent0">Die Sonn besieht sich’s jeden Tag</div> + <div class="verse indent0">Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“</div><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Man spricht davon im Sperlingsnest;</div> + <div class="verse indent0">Da zwitschert es mit hellem Ton.</div> + <div class="verse indent0">„Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot.</div> + <div class="verse indent0">’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im Wald ist auch der Haselbusch</div> + <div class="verse indent0">Schon wach und blinzelt schon ins Licht.</div> + <div class="verse indent0">Und schneit’s ihm in die Augen mal,</div> + <div class="verse indent0">Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor;</div> + <div class="verse indent0">Hellgrün und rot drängt sich’s herauf.</div> + <div class="verse indent0">Eins sieht sich nach dem andern um:</div> + <div class="verse indent0">„Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon,</div> + <div class="verse indent0">Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht;</div> + <div class="verse indent0">Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt!</div> + <div class="verse indent0">Man hält es aus — es geht, es geht.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft</div> + <div class="verse indent0">Hoch überm Ackersmann und singt:</div> + <div class="verse indent0">„Ich bin die erst; die erst bin ich,</div> + <div class="verse indent0">Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So regt sich Leben überall</div> + <div class="verse indent0">Und neue Lust und froher Klang.</div> + <div class="verse indent0">Auf, stimmet mit den Herzen ein!</div> + <div class="verse indent0">Freut euch und sagt dem Himmel Dank!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Johannes Trojan</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Lerchen">Lerchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder,</div> + <div class="verse indent0">Du hörst nur lauter Frühlingslieder,</div> + <div class="verse indent0">Und immer lauter wird der Chor</div> + <div class="verse indent0">Von Lerchen, die im Himmel wohnen;</div> + <div class="verse indent0">Es hält den Atem an der Wind — —</div> + <div class="verse indent0">Berauschend schlägt es an mein Ohr</div> + <div class="verse indent0">Wie Jubelsang von Millionen,</div> + <div class="verse indent0">Die glücklich, überglücklich sind.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Emil Faktor</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe40" id="illu_034"> + <img class="w100 mtop1" src="images/illu_034.jpg" alt="Eine dicht bewachsene + Blumenwiese mit Maiglöckchen"> +</figure> + +</div> + +<h2 class="nopad" id="Maigloeckchen_und_die_Bluemelein">Maiglöckchen und die +Blümelein</h2> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Maiglöckchen läutet in dem Tal,</div> + <div class="verse indent0">Das klingt so hell und fein:</div> + <div class="verse indent0">So kommt zum Reigen allzumal,</div> + <div class="verse indent0">Ihr lieben Blümelein!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Blümchen blau und gelb und weiß,</div> + <div class="verse indent0">Die kommen all herbei,</div> + <div class="verse indent0">Vergißmeinnicht und Ehrenpreis,</div> + <div class="verse indent0">Zeitlos und Akelei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu,</div> + <div class="verse indent0">Und alle tanzen dann,</div> + <div class="verse indent0">Der Mond sieht ihnen freundlich zu,</div> + <div class="verse indent0">Hat seine Freude dran.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Den Junker Reif verdroß das sehr,</div> + <div class="verse indent0">Er kommt ins Tal hinein:</div> + <div class="verse indent0">Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr,</div> + <div class="verse indent0">Fort sind die Blümelein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch kaum der Reif das Tal verläßt,</div> + <div class="verse indent0">Da rufet wiederum</div> + <div class="verse indent0">Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest</div> + <div class="verse indent0">Und läutet bim bam bum.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus,</div> + <div class="verse indent0">Maiglöckchen ruft auch mich:</div> + <div class="verse indent0">Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus,</div> + <div class="verse indent0">Zum Tanze geh auch ich!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Hoffmann von Fallersleben</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Amsel">Die Amsel</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wie tönt an Frühlingstagen</div> + <div class="verse indent0">So schwermutreich und hold</div> + <div class="verse indent0">Der Amsel lautes Schlagen</div> + <div class="verse indent0">Ins stille Abendgold.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es schimmert an den Zweigen</div> + <div class="verse indent0">Ein zartverhülltes Grün,</div> + <div class="verse indent0">Die jungen Säfte steigen,</div> + <div class="verse indent0">Und es beginnt zu blühn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch nicht mit Jubeltönen</div> + <div class="verse indent0">Begrüßt die Amsel nun</div> + <div class="verse indent0">Die Tage, jene schönen,</div> + <div class="verse indent0">Die in der Zukunft ruhn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es klingt wie Leides Ahnung,</div> + <div class="verse indent0">Sie singt im schwarzen Kleid</div> + <div class="verse indent0">Schon jetzt die trübe Mahnung:</div> + <div class="verse indent0">Wie kurz die schöne Zeit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Heinrich Seidel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_schwarze_Amsel">Die schwarze Amsel</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wann ich schon schwarz bin,</div> + <div class="verse indent0">Schuld ist nicht mein allein,</div> + <div class="verse indent0">Schuld hat meine Mutter gehabt,</div> + <div class="verse indent0">Weil sie mich nicht gewaschen hat,</div> + <div class="verse indent0">Da ich noch klein,</div> + <div class="verse indent0">Da ich noch wunderwinzig bin gesein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Nimmersatt">Der Nimmersatt</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In unserm Flieder raschelt was,</div> + <div class="verse indent0">Ein kleiner Spatz.</div> + <div class="verse indent0">„Hier sitz ich ohne Futter,</div> + <div class="verse indent0">Wo bleibt nur meine Mutter?</div> + <div class="verse indent0">Ich hab ein schön gelb Schnäbelein;</div> + <div class="verse indent0">Es tut mir keiner was hinein,</div> + <div class="verse indent0">Mir armen Matz.</div><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ade, du schöner Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent0">Du grüner Platz!</div> + <div class="verse indent0">Hier muß ich nun verderben,</div> + <div class="verse indent0">Sie läßt mich Hungers sterben;</div> + <div class="verse indent0">Sie fliegt in aller Welt umher</div> + <div class="verse indent0">Und findet mich gewiß nicht mehr,</div> + <div class="verse indent0">Mich armen Matz.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart:</div> + <div class="verse indent0">„Hört eins den Fratz!</div> + <div class="verse indent0">Ich stopfe, und ich stopfe;</div> + <div class="verse indent0">Er schilt mit vollem Kropfe!</div> + <div class="verse indent0">Ich wüßt nicht, wer es besser hat:</div> + <div class="verse indent0">Du bist ein kleiner Nimmersatt,</div> + <div class="verse indent0">Mein kleiner Matz!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Viktor Blüthgen</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<figure class="figcenter illowe40" id="illu_036"> + <img class="w100 mtop1" src="images/illu_036.jpg" alt="Ein dicht bewachsenes Blumenbeet"> +</figure> + +</div> + +<h2 class="nopad" id="Das_Blumenbeet">Das Blumenbeet</h2> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das Beet, schon lockert</div> + <div class="verse indent0">sich’s in die Höh,</div> + <div class="verse indent0">Da wanken Glöckchen</div> + <div class="verse indent0">So weiß wie Schnee;</div> + <div class="verse indent0">Safran entfaltet</div> + <div class="verse indent0">Gewaltge Glut,</div> + <div class="verse indent0">Smaragden keimt es</div> + <div class="verse indent0">Und keimt wie Blut.</div> + <div class="verse indent0">Primeln stolzieren</div> + <div class="verse indent0">So naseweis,</div><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> + <div class="verse indent0">Schalkhafte Veilchen,</div> + <div class="verse indent0">Versteckt mit Fleiß;</div> + <div class="verse indent0">Was auch noch alles</div> + <div class="verse indent0">Da regt und webt,</div> + <div class="verse indent0">Genug, der Frühling,</div> + <div class="verse indent0">Er wirkt und lebt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6">Wolfgang v. Goethe</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Froesche">Die Frösche</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein großer Teich war zugefroren;</div> + <div class="verse indent0">Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,</div> + <div class="verse indent0">Durften nicht ferner quaken noch springen,</div> + <div class="verse indent0">Versprachen sich aber, im halben Traum,</div> + <div class="verse indent0">Fänden sie nur da oben Raum,</div> + <div class="verse indent0">Wie Nachtigallen wollten sie singen.</div> + <div class="verse indent0">Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,</div> + <div class="verse indent0">Nun ruderten sie und landeten stolz</div> + <div class="verse indent0">Und saßen am Ufer weit und breit</div> + <div class="verse indent0">Und quakten wie vor alter Zeit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Wolfgang v. Goethe</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Winterbericht">Winterbericht</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder</div> + <div class="verse indent0">Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder!</div> + <div class="verse indent0">Nun saget mir, was ist geschehn,</div> + <div class="verse indent0">Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“</div> + <div class="verse indent0">„Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen</div> + <div class="verse indent0">Da hat sich vieles zugetragen;</div> + <div class="verse indent0">Mein Vater kaufte eine Kuh</div> + <div class="verse indent0">Und meiner Schwester neue Schuh.</div> + <div class="verse indent0">Ich hab an Größe zugenommen</div> + <div class="verse indent0">Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen,</div> + <div class="verse indent0">Weihnachten kriegte ich ein Schwert</div> + <div class="verse indent0">Und ein sehr wildes Wiegenpferd.</div> + <div class="verse indent0">Und in die Schule geht, mein Bester,</div> + <div class="verse indent0">Jetzt auch die Suse, meine Schwester,</div> + <div class="verse indent0">Und weil sie neulich nichts gewußt,</div> + <div class="verse indent0">Hat sie nachbleiben schon gemußt.“</div> + <div class="verse indent0">„Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern,</div> + <div class="verse indent0">„Man darf nicht aus der Schule plappern!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Rudolf Löwenstein</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_038"> + <img class="w100 mtop1" src="images/illu_038.jpg" alt="Der Klapperstorch bringt + Zwillinge"> +</figure> + +</div> + +<h2 class="nopad" id="Der_Storch_ist_da">Der Storch ist da</h2> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Juchheirasa,</div> + <div class="verse indent0">Der Storch ist da!</div> + <div class="verse indent0">Er steht vergnügt im Neste</div> + <div class="verse indent0">Und klappert auf das beste;</div> + <div class="verse indent0">Er bückt sich vor der Störchin fein</div> + <div class="verse indent0">Und dreht sich auf dem langen Bein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Juchheirasa.</div> + <div class="verse indent0">Der Storch ist da!</div> + <div class="verse indent0">Was er im Wickelkissen</div> + <div class="verse indent0">Mitbringt, wer kann es wissen?</div> + <div class="verse indent0">Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein?</div> + <div class="verse indent0">Es wird doch nicht ein Pärchen sein?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Klapperstorch">Klapperstorch</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Storch, Storch, Langbein,</div> + <div class="verse indent0">Wann fliegst du ins Land herein,</div> + <div class="verse indent0">Bringst dem Kind ein Brüderlein?</div> + <div class="verse indent0">Wenn der Roggen reifet,</div> + <div class="verse indent0">Wenn der Frosch pfeifet,</div> + <div class="verse indent0">Wenn die goldnen Ringen</div> + <div class="verse indent0">In der Kiste klingen,</div> + <div class="verse indent0">Wenn die roten Appeln</div> + <div class="verse indent0">In der Kiste rappeln.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Kuckuck">Kuckuck</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Gutzgauch auf dem zaune saß,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div> + <div class="verse indent0">es regnet ser, und er ward naß,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck, guckguck!</div> + <div class="verse indent0">Darnach do kam der sonnenschein,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div> + <div class="verse indent0">der Gutzgauch der ward hüpsch und fein,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck, guckguck!</div> + <div class="verse indent0">Alsdann schwang er sein gfidere,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div> + <div class="verse indent0">er flog dort hin wol über se,</div> + <div class="verse indent2">guckguck, guckguck!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Zweig_und_der_Vogel_im_April">Der Zweig und der Vogel +im April</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wach auf! wie schläfst du gar so still —</div> + <div class="verse indent0">Wach auf! wir haben schon April.</div> + <div class="verse indent0">Wach auf! was schläfst du gar so fest?</div> + <div class="verse indent0">Ich brauche Schatten für mein Nest,</div> + <div class="verse indent0">Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut,</div> + <div class="verse indent0">Damit mein Nest kein Würger schaut,</div> + <div class="verse indent0">Der mich beraubt und mich bedroht</div> + <div class="verse indent0">Und meinen Kleinen bringt den Tod.</div> + <div class="verse indent0">Drum, lieber Zweig, erwach, erwach,</div> + <div class="verse indent0">Bau mir solch dichtbelaubtes Dach!</div> + <div class="verse indent0">Was tut der stille Zweig darauf?</div> + <div class="verse indent0">Er schlägt die Blütenaugen auf</div> + <div class="verse indent0">Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein,</div> + <div class="verse indent0">Ich brauch zum Bauen Sonnenschein.</div> + <div class="verse indent0">Wart nur zwei Wochen oder drei,</div> + <div class="verse indent0">Dann kommt mein Meister an, der Mai!</div> + <div class="verse indent0">Dann schmück ich dir dein kleines Haus</div> + <div class="verse indent0">Mit festen grünen Wänden aus,</div> + <div class="verse indent0">Von grünen Ziegeln hundertfach</div> + <div class="verse indent0">Bau drüber ich ein dichtes Dach,</div> + <div class="verse indent0">Daß dich kein böser Würger sieht.</div> + <div class="verse indent0">Dann kannst du singen froh dein Lied,</div> + <div class="verse indent0">Kannst pflegen deine kleine Brut</div><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> + <div class="verse indent0">Mit deinem Weibchen, still und gut,</div> + <div class="verse indent0">Den ganzen, lieben Sommer lang!“</div> + <div class="verse indent0">Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank!</div> + <div class="verse indent0">So will ich baun mein Nest in Ruh;</div> + <div class="verse indent0">Doch für das Dächlein sorge du!</div> + <div class="verse indent0">Und kommt der Mai, dann ohne Rast</div> + <div class="verse indent0">Tu, was du mir versprochen hast!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Rudolf Löwenstein</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsregen">Frühlingsregen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Die grauen Wolken flogen,</div> + <div class="verse indent2">Umwölbend das Gefild,</div> + <div class="verse indent2">Und nieder kam gezogen</div> + <div class="verse indent2">Ein Regen warm und mild.</div> + <div class="verse indent0">Nun träufelt der Erquickung Tau,</div> + <div class="verse indent0">Es dampft die zartbegrünte Au —</div> + <div class="verse indent2">Die Erde hat gesogen</div> + <div class="verse indent2">Und ihren Durst gestillt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ein Duft von jungem Leben</div> + <div class="verse indent2">Den kühlen Hain durchdringt;</div> + <div class="verse indent2">Die Knospen wonnig beben,</div> + <div class="verse indent2">Und sachtes Tröpfeln klingt.</div> + <div class="verse indent0">Durch Erlenbüsche streift der Wind,</div> + <div class="verse indent0">Mit feuchtem Haar — ein heitres Kind;</div> + <div class="verse indent2">Ein Säuseln läßt er schweben</div> + <div class="verse indent2">Aus dem Gezweig und singt:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">„Sonne, erschließe</div> + <div class="verse indent2">Das himmlische Blau,</div> + <div class="verse indent2">Goldglanz gieße</div> + <div class="verse indent2">Auf grüne Au!</div> + <div class="verse indent2">Ihr gebadeten Blumen,</div> + <div class="verse indent2">Laßt die feuchten</div> + <div class="verse indent2">Äuglein leuchten!</div> + <div class="verse indent2">Ich schüttle von schwanken Erlen</div> + <div class="verse indent2">Zum Spiel euch glitzernde Perlen —</div> + <div class="verse indent2">Solch bunte Perlen woben</div> + <div class="verse indent2">Die schwebende Brücke droben</div> + <div class="verse indent2">Am blauen Himmelssee.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Bruno Wille</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe40 break-before" id="illu_041"> + <img class="w100 mtop1" src="images/illu_041.jpg" alt="Kinder pflücken Blumen in + einem lichten Birkenwald"> + <figcaption class="caption"> + <div class="linkedimage"><a href="images/illu_041_gross.jpg" + id="illu_041_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Aprilwetter">Aprilwetter</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sprühregen, drein die Sonne scheint,</div> + <div class="verse indent0">Jetzt da und jetzt auch schon vorüber,</div> + <div class="verse indent0">So kurz, wie wach der Säugling weint,</div> + <div class="verse indent0">Er wendet sich und schlummert wieder.</div> + <div class="verse indent0">Sprühregen! Jetzt der Himmel blau,</div> + <div class="verse indent0">Und jetzt von Wolken überzogen,</div> + <div class="verse indent0">Nun lachend über allem Grau</div> + <div class="verse indent0">Im Wunderschein der Regenbogen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="April">April</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">April! April</div> + <div class="verse indent2">Weiß nicht, was er will,</div> + <div class="verse indent0">Ist gar ein launischer Gesell,</div> + <div class="verse indent0">Bald düster, bald hell,</div> + <div class="verse indent0">Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein</div> + <div class="verse indent0">Dir freundlich und hell ins Herz hinein</div> + <div class="verse indent0">Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen,</div> + <div class="verse indent0">Bald weint er und heult schier zum Erbarmen.</div> + <div class="verse indent0">Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen,</div> + <div class="verse indent0">Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen,</div> + <div class="verse indent0">Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder</div> + <div class="verse indent0">Und hagelt und wettert wild hernieder.</div> + <div class="verse indent0">Dem Frühling heut zu dienen beginnt er,</div> + <div class="verse indent0">Und morgen dient er wieder dem Winter.</div> + <div class="verse indent0">Ist eben zweier Herren Knecht</div> + <div class="verse indent0">Und macht’s drum keinem Herren recht,</div> + <div class="verse indent0">Will sich für keinen von den beiden</div> + <div class="verse indent0">Mit ehrlich festem Sinn entscheiden.</div> + <div class="verse indent0">Was er verspricht, das hält er nicht,</div> + <div class="verse indent0">Was er bringen soll, das bringt er nicht,</div> + <div class="verse indent0">Was er singen soll, das singt er nicht,</div> + <div class="verse indent0">Wenn er lachen kann, so lacht er nicht,</div> + <div class="verse indent0">Was er machen kann, das macht er nicht,</div> + <div class="verse indent0">Tut, was er schafft, nur mit Verdruß,</div> + <div class="verse indent0">Und tut’s nur darum, weil er muß.</div> + <div class="verse indent2">Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei,</div> + <div class="verse indent2">Vor allem doch den Monat Mai!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Rudolf Löwenstein</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Das_arme_Voeglein">Das arme Vöglein</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Vogel ruft im Walde,</div> + <div class="verse indent0">Ich weiß es wohl, wonach?</div> + <div class="verse indent0">Er will ein Häuschen haben,</div> + <div class="verse indent0">Ein grünes, laubig Dach.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er rufet alle Tage,</div> + <div class="verse indent0">Und flattert hin und her,</div> + <div class="verse indent0">Und in dem ganzen Walde</div> + <div class="verse indent0">Hört keiner sein Begehr.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und endlich hört’s der Frühling,</div> + <div class="verse indent0">Der Freund der ganzen Welt.</div> + <div class="verse indent0">Der gibt dem armen Vöglein</div> + <div class="verse indent0">Ein schattig Laubgezelt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wer singt im hohen Baume</div> + <div class="verse indent0">So froh vom grünen Ast?</div> + <div class="verse indent0">Das tut das arme Vöglein</div> + <div class="verse indent0">Aus seinem Laubpalast.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es singet Dank dem Frühling</div> + <div class="verse indent0">Für das, was er beschied,</div> + <div class="verse indent0">Und singt, so lang er weilet,</div> + <div class="verse indent0">Ihm jeden Tag ein Lied.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6">Hoffmann von Fallersleben</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe38" id="illu_044"> + <img class="w100" src="images/illu_044.jpg" alt="Volgelpaar mit einem Nest in den + Zweigen"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="An_den_Mai">An den Mai</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es ist doch im April fürwahr</div> + <div class="verse indent0">Der Frühling weder halb noch gar!</div> + <div class="verse indent0">Komm, Rosenbringer, süßer Mai,</div> + <div class="verse indent0">Komm du herbei!</div> + <div class="verse indent0">So weiß ich, was der Frühling sei.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">— Wie aber? Soll die erste Gartenpracht,</div> + <div class="verse indent0">Narzissen, Primeln, Hyazinthen,</div> + <div class="verse indent0">Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht,</div> + <div class="verse indent0">Schon welken und verschwinden?</div> + <div class="verse indent0">Und mit euch besonders, holde Veilchen,</div> + <div class="verse indent0">Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei?</div> + <div class="verse indent0">Lieber, lieber Mai,</div> + <div class="verse indent0">Ach, so warte noch ein Weilchen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Eduard Mörike</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Mailied">Mailied</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es kommt ein wundersamer Knab</div> + <div class="verse indent0">Jetzt durch die Welt gegangen,</div> + <div class="verse indent0">Und wo er geht, bergauf, bergab,</div> + <div class="verse indent0">Hebt sich ein Glast und Prangen.</div> + <div class="verse indent0">In frischem Grün steht Feld und Tal,</div> + <div class="verse indent0">Die Vögel singen allzumal,</div> + <div class="verse indent0">Ein Blütenschnee und Regen</div> + <div class="verse indent0">Fällt nieder allerwegen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Drum singen wir im Wald dies Lied</div> + <div class="verse indent0">Mit Hei und Tralaleyen;</div> + <div class="verse indent0">Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,</div> + <div class="verse indent0">Als Gruß dem jungen Maien.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ,</div> + <div class="verse indent0">Ist immer guter Laune;</div> + <div class="verse indent0">Drum schwirren durch den Tann herum</div> + <div class="verse indent0">Die Maienkäfer braune,</div> + <div class="verse indent0">Und aus dem Moos wächst schnell herfür</div> + <div class="verse indent0">Der Frühlingsblumen schönste Zier;</div> + <div class="verse indent0">Die weißen Glocken läuten</div> + <div class="verse indent0">Den Maien ein mit Freuden.</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Drum singen wir im Wald das Lied</div> + <div class="verse indent0">mit Hei und Tralaleyen;</div> + <div class="verse indent0">Wir singen’s, weil es sprießt und blüht,</div> + <div class="verse indent0">Als Gruß dem jungen Maien.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Viktor v. Scheffel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_046"> + <img class="w100 mtop3" src="images/illu_046.jpg" alt="Ein junger Mann liegt im Gras + unter einem blühenden Kirschbaum"> +</figure> + +</div> + +<h2 class="nopad" id="Nochmals_vom_Kirschbaum">Nochmals vom Kirschbaum</h2> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun sagt, was ist im Kirschenbaum?</div> + <div class="verse indent0">In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum:</div> + <div class="verse indent0">In seinen Adern regte sich’s leis:</div> + <div class="verse indent0">In seinen Ästen bewegte sich’s leis:</div> + <div class="verse indent0">Noch eine einzige laue Nacht —</div> + <div class="verse indent0">Und plötzlich steht er in Blütenpracht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Jetzt schwirren die Boten rings weitum —</div> + <div class="verse indent0">Gesumm, Gebrumm</div><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> + <div class="verse indent0">Von feinsten Stimmen:</div> + <div class="verse indent0">„Heran, ihr Immen,</div> + <div class="verse indent0">Zum Feste:</div> + <div class="verse indent0">Der Alte erwartet die Gäste!“</div> + <div class="verse indent0">Leg dich darunter, nach oben schau —</div> + <div class="verse indent0">Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und lausche: von fern und nah</div> + <div class="verse indent0">Richtig, sind schon die Bienen da,</div> + <div class="verse indent0">Ganz aus ist nun die Winternacht,</div> + <div class="verse indent0">Der alte Herr ganz aufgewacht —</div> + <div class="verse indent0">Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“</div> + <div class="verse indent0">Wie sie von allen Tellerchen schlecken.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Von einem zum andern, summ, summ, summ,</div> + <div class="verse indent0">Zu Tausenden tummeln sie sich herum,</div> + <div class="verse indent0">Nippen, naschen, trinken, brummen,</div> + <div class="verse indent0">Die Blüten selber, meinst du, summen</div> + <div class="verse indent0">Immer im gleichen Geschwirr in Ruh —</div> + <div class="verse indent0">Der Alte strahlt über und über dazu.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Endlich zieht davon der Schwarm,</div> + <div class="verse indent0">Aber nun werden die Tage warm,</div> + <div class="verse indent0">Aber nun brechen die Blätter heraus,</div> + <div class="verse indent0">Aber nun reifen die Früchte aus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">An jedem Aste die Körbe schwer,</div> + <div class="verse indent0">Richtet er’s jetzt für die Großen her:</div> + <div class="verse indent0">Stützt ihm die Arme, daß er nicht</div> + <div class="verse indent0">Unter dem eignen Segen bricht!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Ferdinand Avenarius</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Saeemann">Der Säemann</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Immer seh ich dich so, mein Vater,</div> + <div class="verse indent0">zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke:</div> + <div class="verse indent0">als Säemann.</div> + <div class="verse indent0">Und deine Söhne, groß und schlank wie du,</div> + <div class="verse indent0">ganz dein verjüngtes Bild,</div> + <div class="verse indent0">barhäuptig und barfuß</div> + <div class="verse indent0">am Pflug.</div><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein breiter Acker,</div> + <div class="verse indent0">aus der Mulde, die so windstill,</div> + <div class="verse indent0">nach der Höhe, luftig bewegt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Lang am Wald hin</div> + <div class="verse indent0">dunkle Eichen und helle Birken,</div> + <div class="verse indent0">und wilde Heckenrosen am Rain</div> + <div class="verse indent0">in runden Büschen,</div> + <div class="verse indent0">an den Dornen Wollen-Flöckchen.</div> + <div class="verse indent0">Die frisch gebrochenen Furchen braun</div> + <div class="verse indent0">und dampfend im herben, würzigen Frühwind.</div> + <div class="verse indent0">Hinter uns stolzierend</div> + <div class="verse indent0">der schwarzglänzende Rabe,</div> + <div class="verse indent0">emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Weiße Wolken</div> + <div class="verse indent0">als träumende Schäfchen</div> + <div class="verse indent0">hinziehend am hohen Himmel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du in langen Schritten gradaus,</div> + <div class="verse indent0">kräftig atmend,</div> + <div class="verse indent0">das Auge hell und fest.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kuckucksruf aus dem Wald:</div> + <div class="verse indent0">Du blickst uns an und lächelst schalkhaft.</div> + <div class="verse indent0">Wir klopfen dreimal an die Tasche.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun gürtest du um den Leib</div> + <div class="verse indent0">den grauen, körnerschweren Samensack.</div> + <div class="verse indent0">Der rechte Arm,</div> + <div class="verse indent0">nackt bis zum Ellenbogen,</div> + <div class="verse indent0">mit flatterndem Ärmel,</div> + <div class="verse indent0">geht im Schwung mit dem Schritt.</div> + <div class="verse indent0">Aus der Hand fliegen sausend im Bogen</div> + <div class="verse indent0">die Körner, sorglich erlesen,</div> + <div class="verse indent0">glatt und prall und glänzend in Keimkraft.</div> + <div class="verse indent0">Stillbedächtig,</div> + <div class="verse indent0">wie in verhaltener Lust,</div> + <div class="verse indent0">empfängt sie die Erde und zieht sie ein</div> + <div class="verse indent0">in den harrenden Schoß,</div> + <div class="verse indent0">Hampfel um Hampfel.</div><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Immer seh ich dich so, mein Vater,</div> + <div class="verse indent0">als Säemann.</div> + <div class="verse indent0">Immer so im festen Schritt</div> + <div class="verse indent0">über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin,</div> + <div class="verse indent0">wie von heimlicher Musik</div> + <div class="verse indent0">aus der Tiefe der Erde begleitet,</div> + <div class="verse indent0">von segnenden Winden umsungen</div> + <div class="verse indent0">aus des Himmels leuchtender Höhe.</div> + <div class="verse indent0">Und deine Söhne alle, emsig wie du,</div> + <div class="verse indent0">was auch sonst ihre Hantierung,</div> + <div class="verse indent0">immer wieder am Pflug,</div> + <div class="verse indent0">bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen,</div> + <div class="verse indent0">weit leuchtend über die Felder hin.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und aus der Ferne</div> + <div class="verse indent0">hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich:</div> + <div class="verse indent0">„Wie seid ihr fleißig heute!“</div> + <div class="verse indent0">Dann erscheint sie,</div> + <div class="verse indent0">die Hand schirmend über den lachenden Augen,</div> + <div class="verse indent0">die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht:</div> + <div class="verse indent0">„Längst ist vorüber der Mittag,</div> + <div class="verse indent0">habt ihr nicht läuten gehört?</div> + <div class="verse indent0">Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet,</div> + <div class="verse indent0">Linsensuppe gibt’s und Spätzli —“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn:</div> + <div class="verse indent0">„Gleich, Mutter, gleich.</div> + <div class="verse indent0">Wir sind hungrig wie Wölfe.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Gott sei Dank,“ sagst du, Vater,</div> + <div class="verse indent0">„wir haben das Unsrige getan.</div> + <div class="verse indent0">Nun schenk uns der Himmel gut Wetter</div> + <div class="verse indent0">zu Wachstum und Ernte.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Immer seh ich uns so, ganz deutlich,</div> + <div class="verse indent0">und hör jedes Wort</div> + <div class="verse indent0">von dir und der seligen Mutter.</div> + <div class="verse indent0">So lange ist’s her, so lange, so lange.</div> + <div class="verse indent0">Und immer noch schwillt uns das Herz</div> + <div class="verse indent0">in Hoffnung künftiger Ernten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Michael Georg Conrad</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Saeerspruch">Säerspruch</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!</div> + <div class="verse indent0">Die Erde bleibt noch lange jung!</div> + <div class="verse indent0">Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.</div> + <div class="verse indent0">Die Ruh ist süß. Es hat es gut.</div> + <div class="verse indent0">Hier eins, das durch die Scholle bricht.</div> + <div class="verse indent0">Es hat es gut. Süß ist das Licht.</div> + <div class="verse indent0">Und keines fällt aus dieser Welt</div> + <div class="verse indent0">Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">C. F. Meyer</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Junge_Kaetzchen">Junge Kätzchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu,</div> + <div class="verse indent0">Die stehen zusammen längst schon auf du.</div> + <div class="verse indent0">Trippelt zum Garten sie in der Früh,</div> + <div class="verse indent0">Wartet Frau Miezekatz schon auf sie,</div> + <div class="verse indent0">Putzt die vier Kleinen noch akkurat;</div> + <div class="verse indent0">Jeder macht gern mit den Kindern Staat.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt,</div> + <div class="verse indent0">Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt.</div> + <div class="verse indent0">Wenn solch ein großes Wunder geschehn,</div> + <div class="verse indent0">Das muß die Mutter doch auch mal sehn!</div> + <div class="verse indent0">Holt ein Näpfchen, so ein kleins;</div> + <div class="verse indent0">Macht für die Kätzchen was Extrafeins.</div> + <div class="verse indent0">Das ist ein Springen, hinauf und hinab,</div> + <div class="verse indent0">Lecken sich alle Pfoten ab.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt,</div> + <div class="verse indent0">Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt,</div> + <div class="verse indent0">Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell,</div> + <div class="verse indent0">Gleitet hernieder aufs Katzenfell,</div> + <div class="verse indent0">Bis zu den Kätzchen winzig und klein</div> + <div class="verse indent0">Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Ludwig Jacobowski</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Sperling">Der Sperling</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Sperling ist ein kleines Tier,</div> + <div class="verse indent0">Hat ein kurzes Schwänzchen,</div> + <div class="verse indent0">Sitzt vor Hänschens Kammertür,</div> + <div class="verse indent0">Macht ein Reverenzchen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe40 break-before" id="illu_051"> + <img class="w100 mtop2" src="images/illu_051.jpg" alt="Der Sämann bestellt sein + Feld."> + <figcaption class="caption"> + <div class="linkedimage"><a href="images/illu_051_gross.jpg" + id="illu_051_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_053"> + <img class="w100 mtop3" src="images/illu_053.jpg" alt="Spatzen zwitschern auf dem + Dach"> +</figure> + +</div> + +<h2 class="nopad" id="Spatzenausflug">Spatzenausflug</h2> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Spatzen schrein in ihrem Nest,</div> + <div class="verse indent0">Als hätten sie ein großes Fest;</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent0">Und weiß nicht, wie viel Gäst. —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun ist vorbei Gesang und Schmaus,</div> + <div class="verse indent0">Da fliegen sie aufs Dach heraus:</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent0">Und ruhn ein wenig aus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der alte Spatz, der kluge Mann,</div> + <div class="verse indent0">Hebt jetzo seine Rede an:</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent6">Philippzipzip!</div> + <div class="verse indent0">Hoch auf der Wetterfahn;</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ihr Kinder, eh nach Samen</div> + <div class="verse indent0">Ihr ausfliegt auf das Feld,</div> + <div class="verse indent0">Geb ich euch eure Namen,</div> + <div class="verse indent0">Dann schlagt euch durch die Welt,</div> + <div class="verse indent0">Ihr könnt nun prächtig singen</div> + <div class="verse indent0">Und flattern und hüpfen und springen,</div> + <div class="verse indent0">Und baun, wo’s euch gefällt.</div><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So merkt denn auf und horchet,</div> + <div class="verse indent0">Wie jeder von euch heißt,</div> + <div class="verse indent0">Und seid dann unbesorget,</div> + <div class="verse indent0">Wenn ihr von dannen reist.</div> + <div class="verse indent0">Helft nur einander treulich,</div> + <div class="verse indent0">Und seid nicht so abscheulich,</div> + <div class="verse indent0">Seid friedlich allermeist!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du bist der Winkelschlupfer,</div> + <div class="verse indent0">Der Mück und Schnak ertappt,</div> + <div class="verse indent0">Du bist der Gassenhupfer,</div> + <div class="verse indent0">Der Korn und Haber schnappt,</div> + <div class="verse indent0">Und du der Bröselesser,</div> + <div class="verse indent0">Und du der Kirschenfresser,</div> + <div class="verse indent0">Wohl schmeck euch, was ihr habt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wohnt ihr in den Hecken,</div> + <div class="verse indent0">Und wohnt ihr unterm Dach:</div> + <div class="verse indent0">Fern sei euch jeder Schrecken</div> + <div class="verse indent0">Und jedes Ungemach!</div> + <div class="verse indent0">Seid nur auch auf der Lauer,</div> + <div class="verse indent0">Wenn über Zaun und Mauer</div> + <div class="verse indent0">Euch schleicht das Kätzchen nach!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Miau! Dort kommt sie schon, die Katz,</div> + <div class="verse indent0">Die hat uns all auf einen Satz:</div> + <div class="verse indent6">Zwickelwickbembem!</div> + <div class="verse indent6">Zwickelwickbembem!</div> + <div class="verse indent0">Sucht einen sichern Platz.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Bei_Goldhaehnchens">Bei Goldhähnchens</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast!</div> + <div class="verse indent0">Sie wohnen im grünen Fichtenpalast</div> + <div class="verse indent0">In einem Nestchen klein</div> + <div class="verse indent0">Sehr niedlich und sehr fein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Was hat es gegeben? Schmetterlingsei,</div> + <div class="verse indent0">Mückensalat und Gnitzenbrei</div> + <div class="verse indent0">Und Käferbraten famos —</div> + <div class="verse indent0">Zwei Millimeter groß.</div><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dann sang uns Vater Goldhähnchen was,</div> + <div class="verse indent0">So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas.</div> + <div class="verse indent0">Dann wurden die Kinder besehn:</div> + <div class="verse indent0">Sehr niedlich alle zehn!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“</div> + <div class="verse indent0">Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr,</div> + <div class="verse indent0">Und hat uns mächtig gefreut!“</div> + <div class="verse indent0">Es sind doch reizende Leut!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Heinrich Seidel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Unser_Fritz">Unser Fritz</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Unser Fritz richt’t seinen Schlag,</div> + <div class="verse indent0">Wollt ein Meislein fangen,</div> + <div class="verse indent0">Doch weil ihm denselben Tag</div> + <div class="verse indent0">Keines drein gegangen,</div> + <div class="verse indent0">Wird dem Fritz zu lang die Zeit.</div> + <div class="verse indent0">Denkt: ich hab umsonst gestreut,</div> + <div class="verse indent0">Will ja keine kommen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nach acht Tagen fällt ihm ein,</div> + <div class="verse indent0">Im Garten zu spazieren:</div> + <div class="verse indent0">Es ist schöner Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent0">Man kann nicht erfrieren,</div> + <div class="verse indent0">Und am alten Apfelbaum</div> + <div class="verse indent0">Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum:</div> + <div class="verse indent0">Ob der Schlag gefallen?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ja! Es sitzt ein Vogel drin!</div> + <div class="verse indent0">Aber, weh! o wehe!</div> + <div class="verse indent0">Das ist trauriger Gewinn:</div> + <div class="verse indent0">Tot, so viel ich sehe!</div> + <div class="verse indent0">— Aber, was kann ich dafür?</div> + <div class="verse indent0">Sicher hat das dumme Tier</div> + <div class="verse indent0">Sich zu Tod gefressen!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So tröst’t sich dein Mörder wohl,</div> + <div class="verse indent0">Der dich hungern lassen,</div> + <div class="verse indent0">Aber ich vor Leid und Groll</div> + <div class="verse indent0">Weiß mich nicht zu fassen!</div><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> + <div class="verse indent0">Hast alle Körnlein aufgepickt,</div> + <div class="verse indent0">Hast dann vergebens umgeblickt,</div> + <div class="verse indent0">Wo noch ein Bröslein wäre!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ihr andern Vöglein allesamt,</div> + <div class="verse indent0">Wohl unterm blauen Himmel,</div> + <div class="verse indent0">Ihr habt mit Wehgesang verdammt</div> + <div class="verse indent0">Den Vogelstellerlümmel.</div> + <div class="verse indent0">Ach, eines starb so balde, bald,</div> + <div class="verse indent0">Eben da in Feld und Wald</div> + <div class="verse indent0">Der Frühling wollte kommen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Eduard Mörike</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_056"> + <img class="w100 mtop3" src="images/illu_056.jpg" alt="Zwei Ritter im Lanzenduell, einer davon ist der Frühling"> +</figure> + +<h2 class="nopad" id="Ritter_Mai">Ritter Mai</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt,</div> + <div class="verse indent0">Am Berg eine wilde Wiese;</div> + <div class="verse indent0">Da liegt todwund auf den Grund gestreckt</div> + <div class="verse indent0">Der Winter, der reisige Riese.</div> + <div class="verse indent0">Den stach vom Rosse in scharfem Turnei</div> + <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Grieswärtel war dorten der Meister Specht,</div> + <div class="verse indent0">Kampfrichter waren die Dohlen.</div> + <div class="verse indent0">Den Ritterdank, ein Rankengeflecht,</div> + <div class="verse indent0">Mit Primeln durchwirkt und Violen,</div><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> + <div class="verse indent0">Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei</div> + <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun reitet im Harnisch von klarem Gold</div> + <div class="verse indent0">Der herrliche Sieger zu Tale,</div> + <div class="verse indent0">Drommeter blasen, der Ehrenhold</div> + <div class="verse indent0">Verkündet mit hellem Schalle:</div> + <div class="verse indent0">„Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu</div> + <div class="verse indent0">Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">O. Kernstock</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Kurfuersten">Die Kurfürsten</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Kinder schreien Vivat hoch!</div> + <div class="verse indent0">In die blaue Luft hinein;</div> + <div class="verse indent0">Den Frühling setzen sie auf den Thron,</div> + <div class="verse indent0">Der soll ihr König sein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Theodor Storm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Kling_hinaus">Kling hinaus</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Leise zieht durch mein Gemüt</div> + <div class="verse indent0">Liebliches Geläute.</div> + <div class="verse indent0">Klinge, kleines Frühlingslied,</div> + <div class="verse indent0">Kling hinaus ins Weite!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kling hinaus bis an das Haus,</div> + <div class="verse indent0">Wo die Blumen sprießen!</div> + <div class="verse indent0">Wenn du eine Rose schaust,</div> + <div class="verse indent0">Sag, ich laß sie grüßen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Heinrich Heine</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Was_im_Maien_Wunder_man_gewahrt">Was im Maien Wunder man +gewahrt</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Mai hat Gewalt!</div> + <div class="verse indent0">Ob er Zauberlist ersonnen?</div> + <div class="verse indent0">Wo er naht mit seinen Wonnen,</div> + <div class="verse indent0">Da ist niemand alt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4">Walther von der Vogelweide</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Begegnung">Begegnung</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich ging im Feld. Die Drossel schlug.</div> + <div class="verse indent0">Ein lindes, weiches Wehen trug</div> + <div class="verse indent0">Von einem wilden Apfelbaum</div> + <div class="verse indent0">Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum.</div><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> + <div class="verse indent0">Da kam aus Osten, hügelab,</div> + <div class="verse indent0">Trug keinen Hut und keinen Stab</div> + <div class="verse indent0">Und führte keinen Ranzen mit,</div> + <div class="verse indent0">Der Tag im leichten Wanderschritt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf seine helle Stirne fiel</div> + <div class="verse indent0">Ein frei Gelock, des Windes Spiel.</div> + <div class="verse indent0">Kein Kleid umgab der Glieder Pracht,</div> + <div class="verse indent0">Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht.</div> + <div class="verse indent0">Nur eine Sonnenblume hielt</div> + <div class="verse indent0">Er in der Linken. Hochgestielt,</div> + <div class="verse indent0">Der goldne Sternkelch scheitelnah</div> + <div class="verse indent0">Ihm schwankend über die Schulter sah.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So ging er strahlend gradeaus,</div> + <div class="verse indent0">Und über ihm zog mit Gebraus</div> + <div class="verse indent0">Ein Schwarm von weißen Schwänen mit.</div> + <div class="verse indent0">Er wuchs, wie er das Feld durchschritt,</div> + <div class="verse indent0">Und stand zuletzt am Horizont,</div> + <div class="verse indent0">Ein Riese, flammend übersonnt.</div> + <div class="verse indent0">Um ihn wie lichte Wölkchen sahn</div> + <div class="verse indent0">Die Vögel aus, Schwan neben Schwan.</div> + <div class="verse indent0">Und aus dem weißen Glitzermeer</div> + <div class="verse indent0">Grüßte die gelbe Blume her.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Gustav Falke</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="UEbersehen">Übersehen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren</div> + <div class="verse indent0">Und seinem Nachbar demonstrieren,</div> + <div class="verse indent0">Was doch für eine Lumperei</div> + <div class="verse indent0">Im Grund der deutsche Frühling sei.</div> + <div class="verse indent0">Statt daß der März die Vöglein bringe,</div> + <div class="verse indent0">Was Wunder, wenn bei solcher Tück</div> + <div class="verse indent0">Im Mai noch Schnee herunterdringe,</div> + <div class="verse indent0">Die Flora bleibe stets zurück.</div> + <div class="verse indent0">Drum, wollten wir ihr Recht begreifen,</div> + <div class="verse indent0">So müßten wir gen Süden schweifen.</div> + <div class="verse indent0">So sprach das Männlein baß verdrossen</div> + <div class="verse indent0">Und machte seine scharfen Glossen:</div> + <div class="verse indent0">Da war er, blind für junges Prangen,</div> + <div class="verse indent0">Einem Rosenbeet vorbeigegangen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe40" id="illu_059"> + <img class="w100" src="images/illu_059.jpg" alt="Ein Gelehrter diskutiert + im Garten mit seinem Nachbarn über den Frühling"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlingsgespenster">Frühlingsgespenster</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich saß noch spät in meinem Zimmer</div> + <div class="verse indent0">Studierend bei der Lampe Schimmer,</div> + <div class="verse indent0">Und ob mein Auge müd und matt,</div> + <div class="verse indent0">Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da klopft es plötzlich an mein Fenster,</div> + <div class="verse indent0">Ich glaube zwar nicht an Gespenster,</div> + <div class="verse indent0">Doch weil gar hoch mein Fenster war,</div> + <div class="verse indent0">Schien mir das Klopfen wunderbar.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich spähte in die nächt’gen Räume,</div> + <div class="verse indent0">Der Mond schien freundlich durch die Bäume.</div> + <div class="verse indent0">Tief unten schlug die Nachtigall,</div> + <div class="verse indent0">Sonst tiefes Schweigen überall.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch kaum saß ich zu lesen nieder,</div> + <div class="verse indent0">So klopft es auch vernehmlich wieder;</div><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> + <div class="verse indent0">Weit macht ich nun das Fenster auf</div> + <div class="verse indent0">Und ließ den Klopfern freien Lauf.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und plötzlich schwärmten durch das Fenster</div> + <div class="verse indent0">Zwei braune, surrende Gespenster; —</div> + <div class="verse indent0">Maikäfer waren’s, die’s verdroß,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich im Zimmer mich verschloß;</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Daß ich mich über Büchern härmte,</div> + <div class="verse indent0">Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte</div> + <div class="verse indent0">Die linde, weiche Maiennacht</div> + <div class="verse indent0">Voll Blütenduft und Sternenpracht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Julius Sturm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Maienkaeferlied">Maienkäferlied</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg!</div> + <div class="verse indent0">Dein Häuschen brennt,</div> + <div class="verse indent0">Dein Mütterchen flennt,</div> + <div class="verse indent0">Dein Vater sitzt auf der Schwelle,</div> + <div class="verse indent0">Flieg in Himmel aus der Hölle!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Gedenk">Gedenk!</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es ist kein Vöglein so gemein,</div> + <div class="verse indent0">Es spürt geheime Schauer,</div> + <div class="verse indent0">Wenn draußen streift der Sonnenschein,</div> + <div class="verse indent0">Vergoldend seinen Bauer.</div> + <div class="verse indent0">Und du hast es vergessen fast</div> + <div class="verse indent0">In deines Kerkers Spangen,</div> + <div class="verse indent0">O Menschlein, daß du Flügel hast</div> + <div class="verse indent0">Und daß du hier gefangen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Josef von Eichendorff</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Lenzfahrt">Lenzfahrt</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es wollten um das Lenzerwachen</div> + <div class="verse indent0">Drei Freunde eine Lustfahrt machen,</div> + <div class="verse indent0">Da wendete der eine ein:</div> + <div class="verse indent0">„Es muß der Tag erst länger sein!“</div> + <div class="verse indent0">Und als sie wieder Ratschlag hatten,</div> + <div class="verse indent0">Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“</div> + <div class="verse indent0">Doch als sie zechten bald in Schweiß,</div> + <div class="verse indent0">Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ —</div><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> + <div class="verse indent0">So war, noch eh sie sich verglichen,</div> + <div class="verse indent0">Der schöne Lenz auch schon verstrichen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Martin Greif</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Der_Mai">Der Mai</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,</div> + <div class="verse indent0">Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!</div> + <div class="verse indent0">Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,</div> + <div class="verse indent0">So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!</div> + <div class="verse indent0">Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht?</div> + <div class="verse indent0">Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert,</div> + <div class="verse indent0">Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl</div> + <div class="verse indent0">Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal;</div> + <div class="verse indent0">Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all;</div> + <div class="verse indent0">Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein:</div> + <div class="verse indent0">„Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein!</div> + <div class="verse indent0">Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du!</div> + <div class="verse indent0">Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht</div> + <div class="verse indent0">Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht;</div> + <div class="verse indent0">Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach,</div> + <div class="verse indent0">Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!</div> + <div class="verse indent0">Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust;</div> + <div class="verse indent0">Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:</div> + <div class="verse indent0">Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Emanuel Geibel</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehling_Fruehling_ueberall">Frühling, Frühling +überall</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vor meinem Fenster sang der Fink:</div> + <div class="verse indent0">„Heraus ins Freie, frisch und flink!</div> + <div class="verse indent2">Der Frühling ist ja kommen!“</div> + <div class="verse indent0">Ich ging noch in der Mauern Kluft,</div> + <div class="verse indent0">Da kam schon lind und lau die Luft</div> + <div class="verse indent2">Entgegen mir geschwommen.</div><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und wie ich schreite durch das Tor,</div> + <div class="verse indent0">Steigt jubelnd eine Lerch empor,</div> + <div class="verse indent2">Als flög sie in den Himmel.</div> + <div class="verse indent0">Lustwandelnd lenk ich querfeldein:</div> + <div class="verse indent0">Blauveilchen duftet schon am Rain,</div> + <div class="verse indent2">Am Bach die goldne Primel.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wohin ich seh, die Bäume weiß</div> + <div class="verse indent0">Und laubig schon der Büsche Reis</div> + <div class="verse indent2">Und sammetgrün die Hulde.</div> + <div class="verse indent0">Und wie ich wieder steh und horch:</div> + <div class="verse indent0">Am Weiher klappert laut der Storch,</div> + <div class="verse indent2">Der Kuckuck ruft im Walde.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">So lug und lausch ich, bis von fern</div> + <div class="verse indent0">Am Himmel blinkt der Abendstern</div> + <div class="verse indent2">Und rings die Glocken gehen.</div> + <div class="verse indent0">Nun tracht ich heim; o Nachtigall,</div> + <div class="verse indent0">Da bringt mir deines Liedes Hall</div> + <div class="verse indent2">Der Nachtluft sanftes Wehen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und so ich nochmals rückwärts schau,</div> + <div class="verse indent0">Erglühen Wald und Strom und Au</div> + <div class="verse indent2">Im goldnen Abendrote. —</div> + <div class="verse indent0">O Finke, deß gedenk ich lang,</div> + <div class="verse indent0">Wie mich herausgelockt dein Sang,</div> + <div class="verse indent2">Du lieber Frühlingsbote!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Ostern">Ostern</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</div> + <div class="verse indent0">Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</div> + <div class="verse indent0">Im Tale grünet Hoffnungsglück!</div> + <div class="verse indent0">Der alte Winter in seiner Schwäche</div> + <div class="verse indent0">Zog sich in rauhe Berge zurück.</div> + <div class="verse indent0">Von dorther sendet er, fliehend, nur</div> + <div class="verse indent0">Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</div> + <div class="verse indent0">In Streifen über die grünende Flur;</div> + <div class="verse indent0">Aber die Sonne duldet kein Weißes;</div> + <div class="verse indent0">Überall regt sich Bildung und Streben,</div> + <div class="verse indent0">Alles will sie mit Farben beleben;</div><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> + <div class="verse indent0">Doch an Blumen fehlt’s im Revier,</div> + <div class="verse indent0">Sie nimmt geputzte Menschen dafür.</div> + <div class="verse indent0">Kehre dich um, von diesen Höhen</div> + <div class="verse indent0">Nach der Stadt zurückzusehen.</div> + <div class="verse indent0">Aus dem hohlen, finstern Tor</div> + <div class="verse indent0">Dringt ein buntes Gewimmel hervor.</div> + <div class="verse indent0">Jeder sonnt sich heute so gern;</div> + <div class="verse indent0">Sie feiern die Auferstehung des Herrn.</div> + <div class="verse indent0">Denn sie sind selber auferstanden.</div> + <div class="verse indent0">Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,</div> + <div class="verse indent0">Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,</div> + <div class="verse indent0">Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,</div> + <div class="verse indent0">Aus der Straßen quetschender Enge,</div> + <div class="verse indent0">Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht</div> + <div class="verse indent0">Sind sie alle ans Licht gebracht.</div> + <div class="verse indent0">Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge</div> + <div class="verse indent0">Durch die Gärten und Felder zerschlägt,</div> + <div class="verse indent0">Wie der Fluß, in Breit und Länge,</div> + <div class="verse indent0">So manchen lustigen Nachen bewegt;</div> + <div class="verse indent0">Und, bis zum Sinken überladen,</div> + <div class="verse indent0">Entfernt sich dieser letzte Kahn.</div> + <div class="verse indent0">Selbst von des Berges fernen Pfaden</div> + <div class="verse indent0">Blinken uns farbige Kleider an.</div> + <div class="verse indent0">Ich höre schon des Dorfs Getümmel;</div> + <div class="verse indent0">Hier ist des Volkes wahrer Himmel,</div><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> + <div class="verse indent0">Zufrieden jauchzet groß und klein:</div> + <div class="verse indent0">Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Wolfgang von Goethe</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_063"> + <img class="w100 mtop1" src="images/illu_063.jpg" alt="Menschen beim Osterspaziergang"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Das_Birkenbaeumchen">Das Birkenbäumchen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich weiß den Tag, es war wie heute,</div> + <div class="verse indent0">Ein erster Maitag, weich und mild,</div> + <div class="verse indent0">Und die erwachten Augen freute</div> + <div class="verse indent0">Das übersonnte Morgenbild.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der frohe Blick lief hin und wieder,</div> + <div class="verse indent0">Wie sammelt er die Schätze bloß?</div> + <div class="verse indent0">So pflückt ein Kind im Auf und Nieder</div> + <div class="verse indent0">Sich seine Blumen in den Schoß.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da sah ich dicht am Wegessaume</div> + <div class="verse indent0">Ein Birkenbäumchen einsam stehn,</div> + <div class="verse indent0">Rührend im ersten Frühlingsflaume,</div> + <div class="verse indent0">Konnt nicht daran vorübergehn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In seinem Schatten stand ich lange,</div> + <div class="verse indent0">Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt</div> + <div class="verse indent0">Und legte leise meine Wange</div> + <div class="verse indent0">An seinen kühlen Silberbast.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte</div> + <div class="verse indent0">Im zarten Laub wie Schmeichelhand.</div> + <div class="verse indent0">Ein Zittern lief herab, als fühlte</div> + <div class="verse indent0">Das Bäumchen, daß es Liebe fand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und war vorher die Sehnsucht rege,</div> + <div class="verse indent0">Hier war sie still, in sich erfüllt;</div> + <div class="verse indent0">Es war, als hätte hier am Wege</div> + <div class="verse indent0">Sich eine Seele mir enthüllt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Gustav Falke</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Wieder_vorwaerts">Wieder vorwärts!</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Berghinan vom kühlen Grund</div> + <div class="verse indent0">Durch den Wald zum Felsenknauf</div> + <div class="verse indent0">Haucht des Frühlings holder Mund,</div> + <div class="verse indent0">Tausend Augen tun sich auf.</div><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sachte zittert Reis an Reis,</div> + <div class="verse indent0">Langt hinaus, noch halb im Traum.</div> + <div class="verse indent0">Langt und sucht umher im Kreis</div> + <div class="verse indent0">Für drei grüne Blättlein Raum.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Doch mit lautem Wellensang</div> + <div class="verse indent0">Weckt der Bach die Waldesruh;</div> + <div class="verse indent0">Mitten drin am jähen Hang</div> + <div class="verse indent0">Schläft ein Trumm von einer Fluh.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das einst hoch am Silberquell</div> + <div class="verse indent0">In des Berges Krone lag,</div> + <div class="verse indent0">Nieder führt an diese Stell</div> + <div class="verse indent0">Es ein solcher Frühlingstag,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wo es hundert Jahre blieb</div> + <div class="verse indent0">Hangen an der Eschenwurz;</div> + <div class="verse indent0">Heute reißt der junge Trieb</div> + <div class="verse indent0">Weiter es im Wassersturz.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dröhnend springt’s von Stein zu Stein,</div> + <div class="verse indent0">Trunken von der wilden Flut,</div> + <div class="verse indent0">Bis es dort am Wiesenrain</div> + <div class="verse indent0">Schwindelnd unter Blumen ruht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du versteinte Herrlichkeit,</div> + <div class="verse indent0">O, wie tanzest du so schwer</div> + <div class="verse indent0">Mit der tollen Frühlingszeit —</div> + <div class="verse indent0">Hinter dir kein Rückweg mehr!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Gottfried Keller</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_heilige_Woche">Die heilige Woche</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als Jesus von seiner Mutter ging</div> + <div class="verse indent0">Und die große, heilige Woch anfing,</div> + <div class="verse indent0">Da hatte Maria viel Herzeleid,</div> + <div class="verse indent0">Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Sonntag werd ich ein König sein,</div> + <div class="verse indent0">Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“</div><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Montag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Montag bin ich ein Wandersmann,</div> + <div class="verse indent0">Der nirgends ein Obdach finden kann.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet,</div> + <div class="verse indent0">Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Mittwoch bin ich gar arm und gering,</div> + <div class="verse indent0">Verkauft um dreißig Silberling.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Donnerstag bin ich im Speisesaal</div> + <div class="verse indent0">Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Freitag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Ach Mutter, ach liebste Mutter mein,</div> + <div class="verse indent0">Könnt dir der Freitag verborgen sein!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Sohn, du liebster Jesu mein,</div> + <div class="verse indent0">Was wirst du am heiligen Samstag sein?“</div> + <div class="verse indent0">„Am Samstag bin ich ein Weizenkorn,</div> + <div class="verse indent0">Das in der Erde wird neu geborn.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und am Sonntag — freu dich, o Mutter mein! —</div> + <div class="verse indent0">Dann werd ich vom Tod erstanden sein:</div> + <div class="verse indent0">Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand,</div> + <div class="verse indent0">Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent18">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Da_Jesus_in_den_Garten_ging">Da Jesus in den Garten ging</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da Jesus in den Garten ging</div> + <div class="verse indent0">Und ihm sein bittres Leiden anfing,</div> + <div class="verse indent0">Da trauert alles, was da was,</div> + <div class="verse indent0">Es trauert alles Laub und Gras.</div><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Maria, die hört ein Hämmerlein klingen:</div> + <div class="verse indent0">O weh, o weh, meins lieben Kindes!</div> + <div class="verse indent0">O weh, o weh, meins Herzen ein Kron,</div> + <div class="verse indent0">Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Maria kam unter das Kreuz gegangen,</div> + <div class="verse indent0">Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen</div> + <div class="verse indent0">An einem Kreuz, was ihr nit lieb,</div> + <div class="verse indent0">Maria war das Herz betrübt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Johannes, liebster Diener mein,</div> + <div class="verse indent0">Laß dir mein Mutter befohlen sein!</div> + <div class="verse indent0">Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie nit seh mein Marter an!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Ach Herr, das will ich gerne tun,</div> + <div class="verse indent0">Ich will sie führen also schön,</div> + <div class="verse indent0">Ich will sie trösten also wohl,</div> + <div class="verse indent0">Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast!</div> + <div class="verse indent0">Mein Kind hat weder Ruh noch Rast.</div> + <div class="verse indent0">Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras!</div> + <div class="verse indent0">Laßt euch zu Herzen gehen das!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Feigenbäum, die bogen sich,</div> + <div class="verse indent0">Die harten Felsen zerkloben sich,</div> + <div class="verse indent0">Die Sonne verlor ihren güldnen Schein,</div> + <div class="verse indent0">Die Vögel ließen ihr Singen sein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Volksmund</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Golgatha">Golgatha</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich,</div> + <div class="verse indent0">So rein, so klardurchsichtig war die Luft.</div> + <div class="verse indent0">Ich stand auf einem sanften Heidehügel</div> + <div class="verse indent0">In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein.</div> + <div class="verse indent0">Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht.</div> + <div class="verse indent0">Die Himmelsschlüssel blühen überall,</div> + <div class="verse indent0">Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn.</div><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> + <div class="verse indent0">Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt,</div> + <div class="verse indent0">Reumütig liegt die Sense neben ihm.</div> + <div class="verse indent0">Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören,</div> + <div class="verse indent0">Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand,</div> + <div class="verse indent0">Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,</div> + <div class="verse indent0">Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander.</div> + <div class="verse indent0">An eine dieser Kiefern dann gelehnt,</div> + <div class="verse indent0">Sah ich hinab in all die stille Landschaft</div> + <div class="verse indent0">Und freute mich des wundervollen Friedens.</div> + <div class="verse indent0">Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,</div> + <div class="verse indent0">Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben.</div> + <div class="verse indent0">Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch,</div> + <div class="verse indent0">Glückselig in der Freude seines Daseins.</div> + <div class="verse indent0">Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder.</div> + <div class="verse indent0">Der Mittag kam, ich saß noch immer da.</div> + <div class="verse indent0">Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer,</div> + <div class="verse indent0">Ich werde müde, Träume tun sich auf:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien,</div> + <div class="verse indent0">Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen,</div> + <div class="verse indent0">Und seltsam ändert sich um mich die Gegend:</div> + <div class="verse indent0">Im Westen, Osten steigen Mauern auf,</div> + <div class="verse indent0">Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf,</div> + <div class="verse indent0">Fern eine fremde, nie gesehne Stadt:</div> + <div class="verse indent0">Jerusalem! Die Burg Antonia,</div> + <div class="verse indent0">Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen,</div> + <div class="verse indent0">Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron,</div> + <div class="verse indent0">Gethsemane, der Ölberg, Golgatha!</div> + <div class="verse indent0">Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten,</div> + <div class="verse indent0">Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken,</div> + <div class="verse indent0">Und Säulenhallen stehn: Jerusalem!</div> + <div class="verse indent0">Der Schmerzensweg, die <span class="antiqua">via dolorosa</span>.</div> + <div class="verse indent0">Und zieht den Weg nicht eine große Schar?</div> + <div class="verse indent0">Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha?</div> + <div class="verse indent0">Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander,</div> + <div class="verse indent0">Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader,</div><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> + <div class="verse indent0">Doctores: Pöbel aller Stände folgt</div> + <div class="verse indent0">Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht.</div> + <div class="verse indent0">Von bernsteingelben Haaren eingerahmt</div> + <div class="verse indent0">Ist sein Gesicht; und große braune Augen</div> + <div class="verse indent0">Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge,</div> + <div class="verse indent0">Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt.</div> + <div class="verse indent0">Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl,</div> + <div class="verse indent0">Und höhne, lache mit ...</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und der die bernsteingelben Haare hat,</div> + <div class="verse indent0">Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen,</div> + <div class="verse indent0">Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen.</div> + <div class="verse indent0">Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab,</div> + <div class="verse indent0">Und weiter zieht der Zug nach Golgatha.</div> + <div class="verse indent0">Und alles, was uns nun entgegenkommt,</div> + <div class="verse indent0">Hält an: ein General, ein Bärenführer,</div> + <div class="verse indent0">Die Purpursänfte einer Edeldame,</div> + <div class="verse indent0">Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt,</div> + <div class="verse indent0">Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom,</div> + <div class="verse indent0">Die alte Semmelfrau von Jericho,</div> + <div class="verse indent0">Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten,</div> + <div class="verse indent0">Der eben von der Felddienstübung heimkehrt.</div> + <div class="verse indent0">Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt:</div> + <div class="verse indent0">„Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“</div> + <div class="verse indent0">Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt.</div> + <div class="verse indent0">Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe,</div> + <div class="verse indent0">Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern,</div> + <div class="verse indent0">Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern,</div> + <div class="verse indent0">Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze.</div> + <div class="verse indent0">Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn,</div> + <div class="verse indent0">Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste.</div> + <div class="verse indent0">Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt</div> + <div class="verse indent0">Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt,</div> + <div class="verse indent0">Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel</div> + <div class="verse indent0">Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken:</div><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> + <div class="verse indent0">„Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache</div> + <div class="verse indent0">Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß</div> + <div class="verse indent0">Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken.</div> + <div class="verse indent0">Und Barrabas erscheint, der Gassendichter,</div> + <div class="verse indent0">Der wegen Straßenraubs verurteilt saß,</div> + <div class="verse indent0">Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf:</div> + <div class="verse indent0">„Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden,</div> + <div class="verse indent0">Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund,</div> + <div class="verse indent0">Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz;</div> + <div class="verse indent0">Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“</div> + <div class="verse indent0">Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare,</div> + <div class="verse indent0">Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne,</div> + <div class="verse indent0">Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend,</div> + <div class="verse indent0">Der dem Erlöser in die Augen blinkt.</div> + <div class="verse indent0">Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler,</div> + <div class="verse indent0">Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt,</div> + <div class="verse indent0">Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt,</div> + <div class="verse indent0">Schreit: „<span class="antiqua">Eli, Eli, lama asabthani!</span>“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub</div> + <div class="verse indent0">Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her,</div> + <div class="verse indent0">In rasender Karriere jagt er her.</div> + <div class="verse indent0">Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach.</div> + <div class="verse indent0">Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu,</div> + <div class="verse indent0">Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s,</div> + <div class="verse indent0">Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung</div> + <div class="verse indent0">Auf unsern Hügel, an der Kante kommt</div> + <div class="verse indent0">Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch:</div> + <div class="verse indent0">Der Adjutant von Pontius Pilatus.</div> + <div class="verse indent0">Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß,</div> + <div class="verse indent0">Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar</div> + <div class="verse indent0">Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul:</div> + <div class="verse indent0">„Begnadigt!“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Stracks klettert einer das Gebälk hinan:</div> + <div class="verse indent0">Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu</div> + <div class="verse indent0">Ihm von den Augen — er ist tot.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern,</div> + <div class="verse indent0">Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander.</div><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> + <div class="verse indent0">An eine dieser Kiefern angelehnt,</div> + <div class="verse indent0">Sah ich hinab in all die stille Landschaft</div> + <div class="verse indent0">Und freute mich des wundervollen Friedens.</div> + <div class="verse indent0">Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben,</div> + <div class="verse indent0">Glückselig in der Freude seines Daseins.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Detlev von Liliencron</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Karfreitag">Karfreitag</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel,</div> + <div class="verse indent0">Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,</div> + <div class="verse indent0">Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,</div> + <div class="verse indent0">Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte:</div> + <div class="verse indent0">„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“</div> + <div class="verse indent0">Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis.</div> + <div class="verse indent0">Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit</div> + <div class="verse indent0">Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“</div> + <div class="verse indent0">Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:</div> + <div class="verse indent0">„Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“</div> + <div class="verse indent0">Dann —: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! — Es ist vollendet!“</div> + <div class="verse indent0">Und er neigte sein Haupt und starb.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">F. G. Klopstock</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Steine_werden_zeugen">Die Steine werden zeugen</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der Ostermorgen lächelt,</div> + <div class="verse indent0">Ein Bräutgam, in die Welt,</div> + <div class="verse indent0">Vom Frühlingsduft gefächelt,</div> + <div class="verse indent0">Steigt er aus seinem Zelt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und rings herum das Schweigen!</div> + <div class="verse indent0">Der Wald, er steht so still;</div> + <div class="verse indent0">Kein Blümlein sich verneigen,</div> + <div class="verse indent0">Kein Blättchen rauschen will.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im fernen Kirchlein singet</div> + <div class="verse indent0">Die fromme Christenschar;</div> + <div class="verse indent0">Da von den Steinen klinget</div> + <div class="verse indent0">Das Echo wunderbar.</div><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als wenn aus Bergestiefen</div> + <div class="verse indent0">Das Singen kläng hervor,</div> + <div class="verse indent0">Als wenn die Felsen riefen:</div> + <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ im Chor.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ da lauschen</div> + <div class="verse indent0">Die Blümlein, neigen sich,</div> + <div class="verse indent0">Da bücket sich mit Rauschen</div> + <div class="verse indent0">Der Wald so feierlich.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und mächtger immer wieder:</div> + <div class="verse indent0">„Er lebt! er lebt!“ vom Stein —</div> + <div class="verse indent0">Mir läuft ein Schauer nieder</div> + <div class="verse indent0">Im tiefsten Mark und Bein;</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und denk — und muß mich beugen —</div> + <div class="verse indent0">Was dort geschrieben ist:</div> + <div class="verse indent0">Die Steine werden zeugen,</div> + <div class="verse indent0">Wenn mich der Mensch vergißt.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Otto Ludwig</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Auferstanden">Auferstanden</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Durchs Fenster scheint der Maientag,</div> + <div class="verse indent0">Ich schließe die Augenlider</div> + <div class="verse indent0">Und horche — das ist Lerchenschlag!</div> + <div class="verse indent2">O, endlich wieder!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Ich lausche, wie des Windes Hauch</div> + <div class="verse indent0">Dahinrauscht durch die Zweige,</div> + <div class="verse indent0">Es keimen Blüten an jedem Strauch,</div> + <div class="verse indent2">Auf jedem Steige.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Da rührt mich Wonne allzumal,</div> + <div class="verse indent0">Ich schließe die Augenlider —</div> + <div class="verse indent0">Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl;</div> + <div class="verse indent2">Ich lebe wieder!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es singt die Lerche noch immer fort,</div> + <div class="verse indent0">Mein Herze möcht zerspringen,</div><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> + <div class="verse indent0">Ich lasse verstummen Wort um Wort — —</div> + <div class="verse indent2">Und laß sie singen!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Karl Stieler</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Osterhaeslein">Osterhäslein</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Drunten an den Gartenmauern</div> + <div class="verse indent0">Hab ich sehn das Häslein lauern.</div> + <div class="verse indent4">Eins, zwei, drei:</div> + <div class="verse indent4">Legt’s ein Ei,</div> + <div class="verse indent0">Lang wird’s nimmer dauern.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Kinder, laßt uns niederducken!</div> + <div class="verse indent0">Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? —</div> + <div class="verse indent4">Ei, da hüpft’s —</div> + <div class="verse indent4">Und dort schlüpft’s</div> + <div class="verse indent0">Durch die Mauerluken.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und nun sucht in allen Ecken,</div> + <div class="verse indent0">Wo die schönen Eier stecken,</div> + <div class="verse indent4">Rot und blau,</div> + <div class="verse indent4">Grün und grau</div> + <div class="verse indent0">Und mit Marmelflecken!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent12">Friedrich Güll</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="illu_073"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_073.jpg" alt="Der Osterhase wird von + zwei Kindern heimlich beobachtet."> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Eine_Fruehlingsnacht">Eine Frühlingsnacht</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im Zimmer drinnen ist’s so schwül;</div> + <div class="verse indent0">Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Im Fieber hat er die Nacht verbracht;</div> + <div class="verse indent0">Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand;</div> + <div class="verse indent0">Er hält die Uhr in der weißen Hand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Er zählt die Schläge, die sie pickt,</div> + <div class="verse indent0">Er forschet, wie der Weiser rückt;</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht,</div> + <div class="verse indent0">Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Wartfrau sitzt geduldig dabei,</div> + <div class="verse indent0">Harrend, bis alles vorüber sei. —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;</div> + <div class="verse indent0">Und draußen dämmert das Morgenrot.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">An die Fenster klettert der Frühlingstag,</div> + <div class="verse indent0">Mädchen und Vögel werden wach.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Die Erde lacht in Liebesschein,</div> + <div class="verse indent0">Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Singende Burschen ziehn übers Feld</div> + <div class="verse indent0">Hinein in die blühende, klingende Welt. —</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und immer stiller wird es drin;</div> + <div class="verse indent0">Die Alte tritt zum Kranken hin.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Der hat die Hände gefaltet dicht;</div> + <div class="verse indent0">Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer,</div> + <div class="verse indent0">Und drinnen wacht kein Auge mehr.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent14">Theodor Storm</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Das_Maedchen_aus_der_Fremde">Das Mädchen aus der +Fremde</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">In einem Tal bei armen Hirten</div> + <div class="verse indent0">Erschien mit jedem jungen Jahr,</div> + <div class="verse indent0">Sobald die ersten Lerchen schwirrten,</div> + <div class="verse indent0">Ein Mädchen, schön und wunderbar.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sie war nicht in dem Tal geboren,</div> + <div class="verse indent0">Man wußte nicht, woher sie kam;</div> + <div class="verse indent0">Und schnell war ihre Spur verloren,</div> + <div class="verse indent0">Sobald das Mädchen Abschied nahm.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Beseligend war ihre Nähe,</div> + <div class="verse indent0">Und alle Herzen wurden weit;</div> + <div class="verse indent0">Doch eine Würde, eine Höhe</div> + <div class="verse indent0">Entfernte die Vertraulichkeit.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Sie brachte Blumen mit und Früchte,</div> + <div class="verse indent0">Gereift auf einer andern Flur,</div> + <div class="verse indent0">In einem andern Sonnenlichte,</div> + <div class="verse indent0">In einer glücklichern Natur.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und teilte jedem eine Gabe,</div> + <div class="verse indent0">Dem Früchte, jenem Blumen aus;</div> + <div class="verse indent0">Der Jüngling und der Greis am Stabe,</div> + <div class="verse indent0">Ein jeder ging beschenkt nach Haus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Willkommen waren alle Gäste;</div> + <div class="verse indent0">Doch nahte sich ein liebend Paar,</div> + <div class="verse indent0">Dem reichte sie der Gaben beste,</div> + <div class="verse indent0">Der Blumen allerschönste dar.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent10">Friedrich v. Schiller</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Fruehlings_Begraebnis">Frühlings Begräbnis</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang</div> + <div class="verse indent0">Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?</div> + <div class="verse indent0">Elfenscharen ziehn den Wald entlang,</div> + <div class="verse indent0">Die mit Klaggesang</div> + <div class="verse indent0">Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.</div><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,</div> + <div class="verse indent0">Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!</div> + <div class="verse indent0">Allzuschwer mit sommerlicher Wut</div> + <div class="verse indent0">Traf ihn Sonnenglut</div> + <div class="verse indent0">Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Blumen in der Hand, die er geliebt,</div> + <div class="verse indent0">Kleine, rote Fackeln leise schwingend,</div> + <div class="verse indent0">Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,</div> + <div class="verse indent0">Sonst im Flug geübt,</div> + <div class="verse indent0">Heute schrittweis, Totenlieder singend.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,</div> + <div class="verse indent0">Und es schluchzen alle Nachtigallen.</div> + <div class="verse indent0">Wo er oftmals seine Feste gab,</div> + <div class="verse indent0">Senkt man ihn hinab,</div> + <div class="verse indent0">Und die bleichen Silberflöre wallen.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm</div> + <div class="verse indent0">Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:</div> + <div class="verse indent0">„Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!</div> + <div class="verse indent0">Der stirbt wonnesam,</div> + <div class="verse indent0">Der in blühnder Jugend darf erkalten.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:</div> + <div class="verse indent0">Den ihr heut hier unter Blumen bettet,</div> + <div class="verse indent0">Neu und ewig wird er auferstehn.</div> + <div class="verse indent0">Nimmer kann vergehn,</div> + <div class="verse indent0">Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Als so weihevoll der Alte sprach,</div> + <div class="verse indent0">Lauter schluchzte da das Grabgesinde,</div> + <div class="verse indent0">Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“</div> + <div class="verse indent0">Ihrem Liebling nach</div> + <div class="verse indent0">Warf sie in die Gruft die goldne Binde.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?</div> + <div class="verse indent0">Finster hat Gewölk den Mond verschattet.</div> + <div class="verse indent0">Ein Gewitter zieht den Wald entlang,</div><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> + <div class="verse indent0">Und zerstoben bang</div> + <div class="verse indent0">Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent16">Paul Heyse</div> + </div> +</div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Kuenftiger_Fruehling">Künftiger Frühling</h2> + +</div> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Wohl blühet jedem Jahre</div> + <div class="verse indent0">Sein Frühling mild und licht,</div> + <div class="verse indent0">Auch jener große, klare,</div> + <div class="verse indent0">Getrost! er fehlt dir nicht;</div> + <div class="verse indent0">Er ist dir noch beschieden</div> + <div class="verse indent0">Am Ziele deiner Bahn,</div> + <div class="verse indent0">Du ahnest ihn hienieden</div> + <div class="verse indent0">Und droben bricht er an.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent8">Ludwig Uhland</div> + </div> +</div> +</div> + +<figure class="figcenter illowe42" id="illu_077"> + <img class="w100 padtop1" src="images/illu_077.jpg" alt="Wandregal mit Blumen, Vogel und + Schmetterlingen"> +</figure> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div class="eng"> + +<div class="chapter"> + +<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann</em></p> + +</div> + +<p class="p0">herausgegeben von <em class="gesperrt">Ernst Weber</em>, eine großangelegte Auswahl +aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus +dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung +auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 +Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet +und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter +des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die +Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für +öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts +und für die Familienbücherei. <em class="gesperrt">Der deutsche Spielmann hofft, zum +eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.</em> Er +huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus +dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine +Geltung für das Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis +Ende Mai 1924 vor:</p> + +<table class="spielmann"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">Bd.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">3</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wald (W. Weingärtner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">4</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hochland (Franz Hoch)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">6</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Helden (W. Weingärtner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">7</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Schalk (Julius Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">9</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Arbeiter (Gg. O. Erler)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">11</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Sänger (Hans Röhm)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">12</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Frühling (H. v. Volkmann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">13</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Sommer (Edmund Steppes)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">14</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Herbst (Karl Biese)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">15</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Winter (Karl Biese)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">16</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">17</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Himmel und Hölle (Jul. Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">18</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Stadt und Land (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">19</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Bach und Strom (E. Liebermann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">21</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Arme und Reiche (J. Widnmann)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">22</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Abenteurer (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">29</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Blumen und Bäume (R. Sieck)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">35</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tierwelt (Ludwig Werner)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">39</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Riesen und Zwerge (R. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">40</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fabelreich (Ernst Weber)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="p0">Im August 1924 werden sich anschließen:</p> + +<table class="spielmann"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">Bd.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">5</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Meer (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">10</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Soldaten (Gg. O. Erler)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">20</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Heide (Adalbert Holzer)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">34</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vaterland (W. Roegge jun.)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">38</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tag und Nacht (Otto Bauriedl)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="p0">Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers +jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen +noch aus:</p> + +<table class="spielmann"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">Bd.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">1</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kindheit (E. Kreidolf)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">2</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Wanderer (J. V. Cissarz)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">8</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Legenden (G. A. Stroedel)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">23</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Germanentum (H. Röhm)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">24</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mittelalter (H. Schroedter)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">25</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zeit d. Wandlungen (C. Roesch)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">26</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Neuzeit (Angelo Jank)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">27</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Gespenster (Julius Diez)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">28</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Tod (Matthäus Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">30</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Nordland (Rudolf Koch-Hanau)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">31</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Italien (Hans Volkert)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">32</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Hellas (Karl Bauer)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">33</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Fremde Zonen (H. Volkert)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">36</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Menschenherzen (Rud. Schiestl)</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">37</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Glück u. Trost (H. Schwegerle)</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="p0">Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen +Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai +1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche +Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände +„Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.</p> + +</div> + +<hr class="full x-ebookmaker-drop"> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76766 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76766-h/images/cover.jpg b/76766-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dfebe31 --- /dev/null +++ b/76766-h/images/cover.jpg diff --git a/76766-h/images/illu_003.jpg b/76766-h/images/illu_003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..710f191 --- /dev/null +++ b/76766-h/images/illu_003.jpg diff --git a/76766-h/images/illu_009.jpg b/76766-h/images/illu_009.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..23fc6d4 --- /dev/null +++ b/76766-h/images/illu_009.jpg diff --git a/76766-h/images/illu_009_gross.jpg b/76766-h/images/illu_009_gross.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..161c537 --- /dev/null +++ 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100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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