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+<title>Zu stark für dies Leben | Project Gutenberg</title>
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+ <!-- TITLE="Zu stark für dies Leben" -->
+ <!-- AUTHOR="Iwan Heilbut" -->
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+ <!-- PUBLISHER="Vorwärts, Berlin" -->
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76661 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
+<h1 class="title">
+Zu stark für dies Leben.
+</h1>
+
+<p class="aut">
+Von Iwan Heilbut.
+</p>
+
+</div>
+
+<h2 class="chapter1" id="chapter-0-1">
+Erstes Kapitel.
+</h2>
+
+<p class="first">
+„Ich mache Schluß, Herr Grahl.“
+</p>
+
+<p>
+„Guten Abend denn, Herr Uri.“
+</p>
+
+<p>
+Grahl zog die elektrische Birne, die von einem grüngläsernen
+Schirm umgeben, über seinem Graukopf hing, tiefer
+zu sich herab. Er beugte sich näher aufs Buch und zeichnete
+mit dem Lineal zwei sorgfältige Linien, eine dicke und dicht
+unter dieser die dünne. Seine Augen hinter den Brillengläsern
+verfolgten mit Sorgfalt die Feder, und die Lippen
+waren mit einem Ausdruck von Behutsamkeit gespitzt. Die
+Hände, von schweren Adern durchlaufen, zitterten leise. Als
+er mit den Linien fertig war, wischte er mit einem Ausdruck
+von Zufriedenheit über den grauen Schnurrbart.
+</p>
+
+<p>
+Uri, ein dreißigjähriger Mann, breitschultrig, mit einem
+dicken braunblonden Bart auf der Oberlippe, hatte inzwischen
+in der Garderobe die Hände mit Bimsstein gesäubert, das
+Jackett gewechselt. Er kam nun durch die lange Reihe
+zwischen den leeren Pulten an dem Platz vorbei, wo Grahl
+vor dem Buch stand, leise murmelnd addierte und schrieb.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wären wieder die letzten ...“ sagte Herr Uri mit
+einem Seufzer. Der Alte nickte und murmelte fort. „Kommen
+Sie mit mir,“ forderte Uri auf, „Sie versäumen sonst
+gewiß noch die Zeit. Und Sie wissen, von welcher Wichtigkeit
+die Versammlung ist, die heute abend zu den geplanten Entlassungen
+Stellung nimmt. Nicht <em>ein</em> Mann von unserer
+Fakturenabteilung darf fehlen.“
+</p>
+
+<p>
+„Kann ich denn?“ fragte Grahl und ein Lächeln, das
+beinahe schmerzlich zu nennen war, zog seinen schmalen Mund
+in die Breite. „Ich bin so entsetzlich im Rückstand mit meiner
+Arbeit. Sehen Sie, jenen Haufen Fakturen habe ich geprüft
+– und dieser Haufen bleibt mir zu prüfen übrig. Sie
+bemerken, daß dieser der größere von beiden ist. Ich soll
+bis zum dritten Oktober die Arbeit beendet haben, Sie wissen,
+bis dahin müssen die Rechnungen fertig zur Zahlung sein.
+Also vier Tage ... Aber wie soll ich – wie kann ich –
+wie werde ich fertig – wenn eben kein Wunder eintritt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Unmöglich, Herr Grahl,“ sagte Uri entschieden, „unmöglich,
+daß Sie, als Mitglied der Angestelltenvertretung
+fehlen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann aber ... ich kann aber nicht ... Sie sehen
+doch selber ... Mein Gott, ich will ja nicht leugnen, daß
+ich den Kollegen durch das Mandat, das ich habe, verpflichtet
+bin. Aber bin ich nicht noch fester an meine Verpflichtung
+zur <em>Arbeit</em> gebunden, die mir die Firma bezahlt? Sehen
+Sie, ich gehe demnächst in die Sechzig. Und während meiner
+ganzen Laufbahn an diesen Pulten, länger als sechsundzwanzig
+Jahre, hat noch niemand Grund gefunden, zu sagen: Dieser
+Grahl ist nicht so verläßlich als man es wünschte. – Soll
+mir das nun mit grauen Haaren zum ersten Male passieren?“
+Er machte eine Bewegung, um die Brille besser vor’s Auge
+zu rücken, und schrieb. Nach einer kleinen Weile, indessen
+Uri ihm stumm zugesehen hatte, sagte Grahl, als ob er alles,
+was er gesprochen, noch einmal bei sich wiederholt hätte,
+gleichsam abschließend: „Na ja. Das ist doch erklärlich –?“
+</p>
+
+<p>
+Darauf sagte Uri – und er versuchte deutlich, seinen
+Worten Wichtigkeit zu verleihen: „Erklärlich? Erklärlich
+wäre es mir, Herr Grahl, wenn Sie eine halbe Stunde vor
+Beginn der Versammlung zur Stelle wären. <em>Das</em> wäre
+erklärlich.“
+</p>
+
+<p>
+Grahl blickte ihn an.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht ich allein meine,“ fuhr Uri fort, „daß Sie, lieber
+Kollege Grahl, mehr noch als irgendein anderer, Vorteil
+finden, wenn heute Abend unsere Resolution stark und einig
+herauskommt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich?“ Grahl riß die Brille herunter und starrte den
+Sprecher erschrocken an. „Ich? Meinen Sie ... ich?“ Und
+mit einemmal flog das schmerzliche Lächeln um den Mund,
+es wollte sich unter dem grauen hängenden Schnurrbart
+verstecken – aber Uri wußte bereits, daß Grahl ihn verstanden
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte er, mit ein wenig schauspielerischem Affekt,
+„Sie und kein anderer.“ Und scheinbar, um seinen werdenden
+Sieg recht zu genießen, fügte er hinzu: „Kommen Sie <em>nun</em>
+mit?“
+</p>
+
+<p>
+Er hätte das nicht zu fragen brauchen, denn er sah, daß
+Grahl in nervöser Eile die Papiere zusammenschob, das Buch
+auf dem Boden gegen die Pultseite lehnte und schnell seine
+Utensilien im Innern verschloß. Er lief, vornübergebeugt,
+zur Garderobe, und als er in Hut und Ueberrock, aber mit
+ungewaschenen Händen und ein wenig schnaufend, zurückkam,
+rief er – es sollte Humor sein: „So ist der Mensch! Mich
+hätte nichts vermocht, mein Pult zu verlassen, als dieser
+Gedanke an meine eigene Existenz. Meinen Sie wirklich,“
+fügte er leiser hinzu, „meinen Sie wirklich, ich ... ich befände
+mich in Gefahr? Aber, mein Gott, das ist doch unmöglich
+zu denken! Bin ich nicht siebenundzwanzig Jahre im Dienst?
+– Wir müssen den anderen Ausgang nehmen, um diese Zeit
+hat der Hauswart das große Portal schon geschlossen. – Und
+dazu bin ich Obmann der Angestellten. Es ist doch unmöglich.
+Ich bin nicht zu kündigen, wissen Sie? Dafür sorgt unser
+Ausschuß, nicht wahr – ich bin doch im Ausschuß, ich bin
+doch immun!“
+</p>
+
+<p>
+„Um so wichtiger ist,“ sagte Uri, „daß Sie Ihr Amt nicht
+versäumen. – Da kommt eine Bahn!“
+</p>
+
+<p>
+Sie befanden sich auf der Straße, im Regen. Das
+mächtige weite Haus, das nichts weniger als das Kontor
+eines der größten Warenhäuser der Stadt vorstellte, lag wie
+ein Schiff, in dem nur wenige Lichter brennen, mit seiner
+Front in einer belebten Straße der Handelsstadt – aber die
+Beiden waren durch die andere Ausgangstür in eine abseitige
+Straße gekommen. Sie hätten nötig gehabt, die Trambahn
+zu nehmen, auch wenn der Herbsthimmel freundlicher und das
+Pflaster weniger sprühend gewesen wäre – denn von der
+Sankt-Petri-Kirche schlug es achtmal. Auf acht Uhr war der
+Beginn der Versammlung in einem Vorstadtlokal, in der
+„Krone“ bestimmt. Das Innere des Wagens war ziemlich
+leer, im Herzen der Stadt schläft das Leben um diese Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Grahl war vom Laufen noch außer Atem.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist eine Schande,“ fing Uri an, „acht hat es geschlagen.
+Statt unser Recht, unser Arbeitsstundengesetz zu schützen,
+brechen wir es aus freien Stücken.“
+</p>
+
+<p>
+„Was mich betrifft,“ antwortete Grahl, während hinter
+ihm an den Scheiben der Regen lief, „ich gestehe, daß ich
+mich trotz meiner Immunität nicht sicher fühle. Ich kann nicht
+umhin, die Unzufriedenheit meiner Vorgesetzten recht gut zu
+begreifen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben den schwierigsten Posten in unserer Abteilung,“
+warf Uri ein.
+</p>
+
+<p>
+Grahl schwieg und blickte mit seinen nachdenklichen Augen
+auf die Stiefelspitzen. „Heute morgen kam ich wieder um
+einige Minuten zu spät. In der letzten Zeit passiert mir das
+oft, und unten am Eingang vermerkt die Kontrolle sogar die
+Zahl der Minuten. Ich bin gewiß, daß unser Bureauchef,
+Herr Karst, schon längst unserem Chef über mich einen
+gewissen Bericht erstattet hat? – Meinen Sie auch?“
+</p>
+
+<p>
+„Es wäre leicht zu denken,“ antwortete Uri, „Karst sucht
+förmlich Vorkommnisse, an denen er seine Ergebenheit für
+Firma und Chef demonstrieren kann. – Aber bitte, erklären
+Sie mir, Herr Grahl – warum verhindern Sie nicht solche
+Unregelmäßigkeiten, da Sie doch wissen, wie Ihr Ruf unter
+ihnen leidet?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
+„Ja, ja,“ sagte Grahl. Er lächelte wieder. „Sehen Sie,
+da ist eine Sache, die nimmt mich so sehr in Anspruch, daß
+ich so ziemlich den ganzen Tag daran denke. Daher auch
+lahmt meine Arbeit ein wenig. Die Konzentration ist nicht
+so billig zu haben, wenn solch ein Gedanke, der sich nicht auflösen
+läßt, in einem steckt. Aber laß!“ unterbrach er sich plötzlich
+mit einer abwehrenden Bewegung der Hand. Dann
+blickte er wieder wortlos auf seine Stiefel. Uri, der nicht ohne
+weiteres auf die erwünschte Erklärung verzichten wollte, stellte
+noch eine bezügliche Frage. Grahl hörte ihn nicht, wie es
+schien. Gleich darauf rief der Schaffner die Haltestation, an
+der sie den Wagen verlassen mußten. Sie gingen mit eiligen
+Schritten zur „Krone“.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
+Zweites Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Als Grahl und Uri im Klubzimmer der „Krone“ anlangten,
+war der Raum von Biergeruch, Zigarettendunst und
+Durcheinandergewirr der Stimmen durchwirbelt; aus einer
+Ecke, wo übrigens einige Jünglinge untereinander tanzten,
+klang das Gehämmer auf einem Klavier. Sie haben noch
+nicht begonnen? dachte Grahl und biß ärgerlich auf den
+hängenden Schnurrbart, denn er hatte gehofft, die Formalitäten
+schon erledigt zu finden, um sofort an der Resolution
+teilnehmen zu können. Er begab sich sofort an den Sofaplatz
+vor der Mitte des Tisches und eröffnete seinerseits eilig, mit
+gewohnten Worten, den Abend, verlas die Bekanntmachungen
+in einem Zuge und brachte die Hauptfrage zur Besprechung,
+während der junge Mann am Klavier mit gelangweiltem
+Ausdruck seinen Bock eine nachlässige Drehung beschreiben
+ließ.
+</p>
+
+<p>
+„Bekannt ist worden, daß seitens der Personalabteilung
+der Firma ein Plan in Vorschlag gebracht worden ist, das
+Personal zu verringern. Da die Durchführung dieses Vorschlags
+nur auf Kosten des Arbeitsstundengesetzes erfolgen
+kann, ersucht der Ausschuß um eine Resolution des Personals,
+um im gegebenen Fall zum Handeln bereit zu sein.“
+</p>
+
+<p>
+Obgleich allen Anwesenden der Inhalt, wenn auch nicht
+der Wortlaut dieser von Grahl verlesenen Eingabe schon vorher
+bekannt gewesen war, da dieser Antrag das eigentliche
+Ereignis des Abends bildete, erhob sich dennoch ein Lärm,
+ähnlich dem vorigen – der kaum mit Mühe verebbt war.
+Ironische Rufe flogen durcheinander, jeder Bemerkung folgte
+mit doppelt verstärkter Stimme die nächste, so daß eine
+Steigerung des Durcheinanders am Ende schlechthin nicht zu
+denken war. Am lebhaftesten gebärdete sich aber der junge
+Mann, der sich vom Klavierbock erhoben hatte, mit überschwenglichen
+Gebärden die rechte Hand über dem Kopfe schüttelnd.
+„Ich weiß,“ schrie er mit so maßloser Anstrengung,
+daß die Adern an seinem hageren Halse, die der niedere
+Kragen ohnehin stark hervortreten ließ, bedeutend schwollen,
+„ich weiß, wer der erste ist, der hinausfliegt. Das bin ich!“
+Er rief es mit einer Art Siegesgewißheit. Sein Haar war
+blond wie Getreidestiele, seine Augen kindlich und offen. Er
+war achtzehn Jahre und hieß „der Geiger“, weil er abends
+mit Geigenspiel in Cafés sein Monatseinkommen erhöhte.
+Hier ist der Platz, eine Begebenheit zu erzählen, die dem
+„Geiger“ an einem Spätsommervormittag geschehen ist.
+</p>
+
+<p>
+Der „Geiger“, <a id="corr-3"></a>den sein Violinspiel in Kaffeehäusern nicht
+nur mit Geld, sondern in gleichem Maße mit jungen Damen
+bekannt gemacht hatte, war am Tage des betreffenden Tages
+von einem Brief in rosa Umschlag überrascht und sozusagen
+tödlich verwundet worden. Als er das Kontor betrat, lag in
+seinen sonst so lustigen Augen der ergreifendste Ausdruck von
+Gleichgültigkeit gegen die Dinge des Lebens. Er setzte sich
+auf seinen Bock, starrte mit einem schrägen Blick trübselig ins
+Leere, und zog endlich das rosa Kuvert aus der Brusttasche
+seines Jacketts, um es dicht vor die Nase zu bringen. Er
+atmete so wahrscheinlich das feine Parfüm des Papiers ein
+... er steckte sogar die Nase ins Innere des Umschlags, und
+es war als sog er sich voll von Schmerz. Denn es stieg ihm
+blank über die Augen. Auf diesen Augenblick hatte sein
+Schicksal gewartet. Der Chef, ein furchtbarer Mann auch für
+solche, die sich in keiner Beziehung schuldig fühlten – sein
+Blick traf alle Angestellten mit einer Schärfe, mit welcher
+ein Stein durch das Fenster ins Innere einer friedlichen
+Wohnung einschlägt – dieser Herr Winter, der mehrere Male
+am Tag durch die Pultreihen streifte, plötzlich auftauchend
+und unvermittelt die Stimme erhebend, ein jähes Geschrei in
+der Nacht – er befand sich nun hinter dem „Geiger“, der
+nichts davon ahnte, und beobachtete seinen Angestellten, der,
+seine Nase tief in den rosa Umschlag gesenkt, in der schmerzlichsten
+Haltung dasaß. Zu einer Rettungsaktion seitens seiner
+Kollegen war es zu spät – und übrigens platzten die anderen
+an ihren Pulten vor innerlicher Erwartung, wie es begänne,
+wie es geschähe ...
+</p>
+
+<p>
+„Wie alt sind Sie?“ krachte es förmlich los.
+</p>
+
+<p>
+Der „Geiger“ fuhr herum. Er sah aus, als wollte er
+sagen: Ja, wenn du auf Zehenspitzen heranschleichst, du
+Gauner, da kann ich dich wohl nicht hören. Dann richtete er
+sein vorwurfsvolles Gesicht auf sein Gegenüber. Warum habt
+ihr mich nicht gewarnt, ihr Filous ...! sollte das heißen.
+</p>
+
+<p>
+Da krachte es neben ihm noch einmal: „Ich frage, wie
+alt Sie sind.“
+</p>
+
+<p>
+Der „Geiger“ konnte sich immer noch nicht zur Antwort
+entschließen. Er empfand so natürlich! Na, na ...! hätte
+er leicht gesagt, halb erstaunt, halb verächtlich – es fehlte
+nicht viel. Als er aber bemerkte, daß das tiefrote Gesicht, in
+das er hineinsah, wahrhaftig bis in die Stirne erbleichte,
+beeilte er sich.
+</p>
+
+<p>
+„Achtzehn Jahre, Herr Winter.“
+</p>
+
+<p>
+„Achtzehn Jahre ... hmhm ...“ wiegte Winter den
+spitzen Kahlkopf. Er war so klein; er blickte zu dem langaufgeschossenen
+„Geiger“ hinauf, der sich nun sogar respektvoll
+erhob.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie einen Vater?“ fragte Herr Winter, unheimlich
+tief, und so laut, daß man die Stimme noch an den letzten
+Pulten am Ausgang vernahm. Es war so still im Kontor
+– man hätte eine Bureaunadel fallen hören.
+</p>
+
+<p>
+„Einen Vater? – Jawohl,“ gab der „Geiger“ zur
+Antwort.
+</p>
+
+<p>
+„Und“, fragte der Chef, „er erzieht Sie nicht besser?“
+</p>
+
+<p>
+Darauf wußte der junge „Geiger“ keine Antwort mehr.
+Er sah seinem Chef zuerst in die seegrünen Augen, dann auf
+die Geiernase und endlich auf die Brillantnadel in der
+Krawatte.
+</p>
+
+<p>
+„Zeigen Sie mir diesen Brief,“ sagte Winter.
+</p>
+
+<p>
+„Mit nichten,“ sagte der „Geiger“ entschlossen. „Dieser
+Brief ist an mich.“
+</p>
+
+<p>
+„Zeigen Sie ihn,“ sagte Winter lauter.
+</p>
+
+<p>
+„Wie kann ich!“ rief der „Geiger“ entrüstet, „ich kann
+nicht die Dame, die mir dies schreibt, kompromittieren.“
+</p>
+
+<p>
+Damit wußte Herr Winter immerhin etwas und es sah
+aus, als wollte er gehen. Plötzlich schrie er: „Wieviel verdienen
+Sie aber im Monat?“
+</p>
+
+<p>
+Der „Geiger“ nannte sein lächerliches Anfangsgehalt.
+</p>
+
+<p>
+„Und für mein Geld ...!“ schrie Herr Winter und
+schnappte. „Sie bestehlen mich!“
+</p>
+
+<p>
+Und er ging mit langsamen schallenden Schritten davon.
+Der „Geiger“, dessen Gehirn an diesem Morgen mehr tragen
+mußte, als es imstande war, murmelte noch: „Meinetwegen!“
+und „Nun tue ich den ganzen Tag nichts mehr – es komme,
+was mag,“ ging hinaus zur Garderobe und schloß sich in seine
+gewohnte Kabine ein, um ein wenig zu rauchen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
+Daher war der „Geiger“ an diesem Abend so fest überzeugt
+davon, daß auf der Liste der zu entlassenden Angestellten
+sein Name zu oberst stünde.
+</p>
+
+<p>
+Von den Ausschußmitgliedern, die sich um den großen
+Tisch zusammengezogen hatten, war inzwischen eine Entschließung
+verfaßt worden. Sie wurde nun den Versammelten
+vorgelegt.
+</p>
+
+<p>
+„Der Ausschuß versagt seine notwendige Zustimmung zur
+Entlassung eines Angestellten in jedem Fall, wenn die Entlassung
+nicht anders als mit der Absicht einer Personalverringerung
+begründet erscheint. Eine derartige Absicht kann
+durch den Gang des Betriebes durchaus nicht gerechtfertigt
+werden. Die Befugnis des Ausschusses zum Einschreiten
+gegen Entlassungen wie die bezeichneten ergibt sich aus dem
+Paragraph drei im zweiten Abschnitt des Arbeitsgesetzes.“
+</p>
+
+<p>
+Als diese Resolution, trotz den Zwischenrufen des
+„Geigers“, der noch eine Klausel verlangte, im übrigen einstimmig
+angenommen war, drehte sich dieser auf seinem
+Klavierbock und behämmerte wieder die Tasten. Die Anfangsstimmung
+drang durch. Einige Herren vom Ausschuß verabschiedeten
+sich, die Ausschußmitglieder waren alle reiferen
+Alters. Mehrere Angestellte wollten nicht bleiben, da sie
+unmöglich am vorletzten <a id="corr-6"></a>Tage des Monats – es war der
+neunundzwanzigste September des Jahres neunzehnhundertundvierundzwanzig
+– ein Vergnügen sich vorstellen imstande
+waren. Es hatte kaum zu den beiden Gläsern hellen Bieres
+gereicht ...
+</p>
+
+<p>
+Der mit höflichem, dennoch sehr hastigem Gruß, das
+Zimmer als erster verließ, war Grahl.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
+Drittes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Als er nach Hause kam, fand er sein Essen in einer innerlich
+gepolsterten Kiste, die er an einem Sonntag mit seinem
+Sohne Hermann verfertigt hatte, warmgestellt. Hermann,
+der Arzt werden wollte, und über den Tag in Instituten,
+Vorlesungen oder in Bibliotheken war, las in der Zeitung,
+die er mit beiden Händen ausgebreitet vor dem Gesichte hielt.
+</p>
+
+<p>
+„Hermann,“ sagte Grahl gedämpft, indem er mechanisch
+den Suppenlöffel zum Munde hob, „sind sie schon schlafen
+gegangen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, beide,“ gab Hermann ebenso leise zurück.
+</p>
+
+<p>
+Diese „beiden, die bereits schlafen gegangen,“ waren
+Anna, die Frau Jakob Grahls, und Gertrud, seine achtzehnjährige
+Tochter. Hermann war nur fünfeinhalb Jahre älter
+als seine Schwester. Die Aehnlichkeit mit dem Vater war
+deutlich erkennbar. Er hatte dieselben vernünftigen Augen,
+in welchen nur dieser eine Ausdruck von sachlich beherrschter
+Innerlichkeit lag. Seine Lippen dagegen, die meistenteils
+wie die seines Vaters als ein schmales Bändchen gezogen
+waren, konnten sich manchmal, wenn er lebhaft mit einem
+Gedanken beschäftigt schien, trotzig nach außen werfen.
+</p>
+
+<p>
+„Weißt du vielleicht,“ fragte Grahl nach einer Weile,
+während der nur das leise Schlürfen der Lippen vom Löffel
+zu hören gewesen, „weißt du, Hermann, ob jemand im Laufe
+des Tages das Vorderzimmer besichtigt hat?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein,“ sagte Hermann, „es war niemand da.“ Sein
+Gesicht war auch beim Sprechen von der Zeitung verdeckt.
+</p>
+
+<p>
+„So,“ sagte Grahl. „Hmhm. Merkwürdig ... Als ob
+das Unglück mit diesem Mörk in das Zimmer gezogen wäre.
+Noch niemand war da, um es zu besichtigen.“
+</p>
+
+<p>
+Er hatte den Namen Mörk leise hervorgestoßen, als
+hinderten ihn Verlegenheit oder Wut, mit offener Stimme zu
+sprechen. Hermann hatte die Zeitung dichter zu sich herangezogen.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht,“ sagte er ruhig, „sind den suchenden Einlogierern
+unsere vier Treppen eine Bemühung, die sie nicht
+lieben.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber die jungen Studenten!“ entgegnete Grahl. „Ich
+hatte damit gerechnet. Wir sind nicht so weit von der
+Akademie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja,“ sagte Hermann.
+</p>
+
+<p>
+„Was steht in der Zeitung?“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts Interessantes.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber du liest sehr interessiert.“ Beide schwiegen. Plötzlich
+begann Grahl, noch leiser, aber ungleich lebhafter als
+zuvor: „Du mußt morgen zur Zeitung gehen, den Redakteur
+des lokalen Teiles besuchen und ihm eine Sache nahelegen.
+Du weißt wohl schon, hm, was ich meine?“ Das Lächeln, das
+ihn immer vor der Preisgabe eines Gesichtes, das er zu
+verbergen gewillt war, beschützte, zog seinen linken Mundwinkel
+aufwärts.
+</p>
+
+<p>
+„Den Namen nicht nennen?“ sagte Hermann sachlich, fast
+ohne Ausdruck.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist es, ja,“ sagte Grahl noch leiser. Er häufelte
+einen Rest von Suppenkraut auf dem Teller. „Höchstwahrscheinlich
+wird ein Bericht über die Verhandlung erscheinen.
+Bitte den Redakteur, er möge sich mit den Anfangsbuchstaben
+begnügen. Statt des vollen Namens deiner Mutter setze er
+„G.“, zum Schlimmsten „A. G.“. Aber auch nicht den vollen
+Namen von ... Mörk. Oder vielleicht nur: Die Angeklagte
+... der Kläger. Ich denke, der Zeitungsmann wird sich, auf
+deine besondere Bitte, ohne Weigern solch einer Art von
+Bezeichnung bedienen. Meinst du nicht auch?“
+</p>
+
+<p>
+„Kann sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Du willst es versuchen?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich. – Uebrigens – ich müßte zu sämtlichen
+Zeitungen gehen. Kann Gertrud nicht einen Weg übernehmen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte, daß Gertrud nicht nur deine Mutter auf
+diesem entsetzlichen Wege morgen begleitet, sondern auch über
+den ganzen Tag bei ihr bleibt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde es besorgen.“
+</p>
+
+<p>
+„Gehe zu den drei großen Blättern: Anzeiger, Nachrichten,
+Städtisches Blatt. – Was für einen Eindruck hast du
+von deiner Mutter am Abend gehabt? Glaubst du, sie wird
+überleben, wenn –“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe sie nur flüchtig gesehen,“ unterbrach ihn Hermann.
+„Sie ging schlafen, bald nachdem ich gekommen war.
+Und in der halben Stunde, daß sie im Sofa saß, konnte ich,
+wenn ich über den Löffel blickte, ihr Lächeln bemerken, dies
+unerklärliche Lächeln, das an dem Tage begann, als das
+Gericht uns die Anklageschrift auf den Rücken schickte.“
+</p>
+
+<p>
+„Und was hat sie mit dir geredet?“
+</p>
+
+<p>
+„Kein Wort.“
+</p>
+
+<p>
+„O dieser Mörk, dieser Mörk,“ stöhnte Grahl, „hätte er
+niemals das Zimmer bewohnt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist sonst noch etwas, Papa,“ fragte Hermann, der aufstand
+und alle Beilagen nach ihren Nummern zusammenlegte.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nichts, mein Junge ... außer den Zeitungsberichten,
+weißt du.“
+</p>
+
+<p>
+„Gute Nacht.“
+</p>
+
+<p>
+„Gute Nacht, mein Junge.“
+</p>
+
+<p>
+„Noch eins,“ sagte Hermann und wandte, schon an der
+Tür, den Kopf um ein kleines rückwärts. „Ich werde morgen
+sehr früh aus dem Hause müssen. Ich sage dir also schon
+heute für morgen Adieu.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
+Grahl hörte noch seine festen Schritte, wie er über den
+Flur in das Zimmer hinüberging, wo Gertrud lag und wahrscheinlich
+noch wachte. Dann ging er selber behutsam ins
+Nebenzimmer. Dort, in dem Bette neben dem seinen, bei
+einem Lämpchen, das neben der Uhr stand, mit festverschlossenem
+Munde lag Anna, von ergrauendem Haar das glühende
+Gesicht umrahmt, aber ohne Bewegung und unhörbar atmend.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
+Viertes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken saß Anna im
+Sofa. Grahl begann, wie in den letzten Tagen gewohnt, eine
+Unterhaltung von nebensächlichen Dingen, auf welche Anna
+mit kargen Worten, dazu mit ihrem beständigen Lächeln einging.
+Grahl fühlte die Zeiger weiterrücken, er vergewisserte
+sich, daß seine Zeit schon knapp überschritten war – aber er
+wollte seine Frau nicht verlassen, ohne ein bestimmtes Wort
+gefunden zu haben. Er suchte danach. Wie jeden Morgen
+empfand er es als Unmöglichkeit, Anna in ihrem einsamen
+Unglück für sich zu lassen. An diesem, dem entscheidenden
+Tage, erschien ihm das als Verrat, als <a id="corr-8"></a>der Bruch einer Pflicht.
+Er saß und blickte vor sich in die Tasse – bis Anna aufstand
+und schweigend die Stube verließ.
+</p>
+
+<p>
+Der Morgen war dunkel. Regen sprang auf den blanken
+Straßen, an den Sielen schäumten die Strudel. Bei der
+Haltestelle, die in der Nähe der Wohnung gelegen war, hielt
+Grahl im Laufen inne. Aber die Trambahnen waren bei
+solchem Wetter kurz vor Beginn der Geschäftszeit so überladen,
+daß sie die Stationen ohne zu halten durchfuhren. Und
+Grahl, unfähig auf einem Ort zu verharren, begann zu laufen
+– aus Furcht vor versäumter Zeit und aus dem Bedürfnis,
+das Denken in seinem Gehirn zu zerstreuen – in einem
+Tempo, wie es ein eiliger Schuljunge anschlägt. Er hätte bei
+tüchtigem Schritt weit länger als eine halbe Stunde für seinen
+Weg gebraucht – nun lief er mit langen Beinen über die
+Straße, der Schmutz des Pflasters spritzte an seinen Hosen
+hinauf, und die Füße, in undichten Stiefeln, wurden vom
+Wasser gebadet. Er kämpfte um jede Sekunde und erledigte
+seinen Lauf in siebenundzwanzig Minuten – aber es war
+mithin doch dreizehn Minuten nach neun geworden.
+</p>
+
+<p>
+Als Grahl in die Nähe des Kontorhauses kam, zog er den
+Hut sehr tief ins Gesicht und ging nahe an den Häusern. Er
+fürchtete nichts so sehr, als seinem Chef, der selber erst eine
+Viertelstunde nach neun zu kommen pflegte, hier zu begegnen.
+Er wußte bereits aus Erfahrung, daß Winters Automobil
+von der anderen Seite auffuhr – daher hielt er das Auge
+spähend vorwärts gerichtet, indem er mit kleinen Anläufen
+dem großen Portal näher kam. Aber noch etwa zehn Schritt
+vom Eingang entfernt, bemerkte er das blaue Automobil, wie
+es hielt ... und schon erschien die zum Aussteigen etwas
+gebückte Gestalt seines Chefs. Grahl, überrascht von diesem
+Ereignis, stand einen Augenblick still, wie an die Stelle gezwungen.
+Er wollte zurück. Aber die Vorstellung: wie
+Winter an seinem leeren Pulte vorbeischreitend, stutzen würde
+und fragen ... trieb ihn auf’s Geratewohl vorwärts. Wäre
+er blind gewesen – genauer hätte er nicht ins Verderben
+hineintappen können. Am Portal war er seinem Chef um
+einige Schritte voraus, er stieß die Türe auf, aber nur einen
+schmalen Spalt, durch welchen er selber allein hindurchschlüpfen
+konnte ... Daß Winter, der nun vor der zugefallenen Tür
+stand, schon allein wegen der Unhöflichkeit auf den vor ihm
+Gekommenen aufmerksam werden mußte, sagte Grahl sich
+nicht. Er kämpfte nur, wie ein Sterbender, um den Augenblick,
+und wollte nichts weiter denken. Er jagte mit eingezogenem
+Kopf, an der Kontrolle vorbei, die Treppen hinauf.
+Indessen fuhr Winter, vom Hauswart höflich bedient, in
+einem nur für Chefs und höhere Angestellte bestimmten Aufzug
+die Höhe dreier Etagen aufwärts. Als er durch die
+Pultreihen kam, langsamen Schritts, um alle Plätze eingehend
+zu mustern, war Grahl, noch im Straßenjackett, statt
+wie gewohnt in der schwarzen Lüsterjacke, mit einer Rechnung
+beschäftigt. Grahls Stirne war dunkelrot. Winter blieb neben
+ihm stehen ... so lange, bis Grahl seine Augen hob.
+</p>
+
+<p>
+„Und Sie schämen sich nicht?“ schrie Winter so laut, daß
+alle Köpfe im Nacken zuckten. Grahl starrte ihn an. Winter
+ging um den Bock herum, blickte unter das Pult, zog mit
+den Händen Mantel und Hut hervor, die Grahl dort in Eile
+verborgen hatte, schleuderte sie zur Erde und schrie noch einmal:
+„Sie schämen sich nicht?“
+</p>
+
+<p>
+Grahl, der bis in den Vorderkopf, wo seine dünnen
+Haare klebten, erbleicht war, machte eine Bewegung mit
+Daumen und Zeigefinger zum Brillenglas – aber diese
+Bewegung war so, als griff er sich an das Herz. Winter
+betrachtete ihn mit seegrünen, zynisch lachenden Augen. –
+</p>
+
+<p>
+Warum demütigt er mich dermaßen? dachte Grahl, wofern
+es Denken zu nennen war, was in ihm vorging. Endlich,
+endlich ging Winter weiter. Er ging langsam wie stets.
+Einem Lehrling befahl er, den Personalchef Herrn Karst zu
+rufen, der am anderen Ende des Ganges in einem mit Glaswänden
+geschlossenen Raum die Abteilung ganz überblicken
+konnte. Wenige Augenblicke später schon sah man Karst, eine
+große, breitschulterige Erscheinung, den Gang zum Privatkontor
+durchschreiten. Sein Gesicht, in dem nach Muster der
+alten Militärs ein Schnurrbart stand, war voll und breit,
+von gesunder Farbe, wie das eines Landmanns. Der Ausdruck
+der Augen, wenngleich nicht Klugheit, so doch ein
+Geschick zur Diplomatie verratend, dazu der wiegend elastische
+Gang – dies alles in einem verriet die Brutalität eines
+Mannes, der sich vom Pult des Kontokorrentbuchhalters bis
+in den „Glaskasten“ hinaufgearbeitet, und nun nicht vergessen
+hatte, wie schwer der Aufstieg gewesen wäre, und wie
+leicht nun der Vorteil an Macht zu ziehen ... Jetzt betrat
+Karst mit einer Verbeugung und klingendem „Guten Morgen,
+Herr Winter,“ den Raum seines Prinzipals, um gleich darauf
+die Tür zu schließen.
+</p>
+
+<p>
+In der folgenden Stunde versuchte Grahl, sich zur Arbeit
+zu sammeln. Aber er raschelte nur unter Fakturen, blätterte in
+dem Journal hin und her. Seine Hände zitterten, hinter der
+Stirn führten zwei Stimmen Fiebergespräche. Als der
+Personalchef nach mehr als dreiviertel Stunden zurück durch
+den Gang gekommen war, um in seinem Glasraum die
+Morgenpost zu sichten, bemühte sich Grahl, den Augenblick zu
+bemerken, wenn Karst, mit dem Lesen des letzten Briefes zu
+Ende, für eine kurze Pause, die zwischen dieser und seiner
+nächsten Beschäftigung eintreten mußte, müßig am Schreibtisch
+saß. Als dieser Zeitpunkt gekommen war, ging Grahl
+in den „Glaskasten“, verbeugte sich, wünschte Guten Morgen,
+und bat mit leiser Stimme um Urlaub für einige Stunden,
+von halb zwölf gerechnet bis etwa um zwei. Karst, der nie
+den Ausdruck der Mienen veränderte, fragte nach einer
+Begründung. Grahl gab einen nicht aufzusparenden Weg,
+eine Altersversorgung betreffend, vor. Karst konnte ein leises
+Lächeln nicht unterdrücken als er nach einer Pause erwiderte,
+Grahl möge diese Besorgung seiner Interessen noch um einige
+Zeit verschieben, später sei ihm der Urlaub gerne gestattet.
+Bei dieser Antwort erbleichte Grahl. Zusammen mit dem
+verschwiegenen Lächeln drückten die Worte aus, was seinen
+Herzschlag stocken machte. Er betonte noch einmal die Dringlichkeit
+seines Weges – aber nun eigentlich nur noch zur
+Entschuldigung seiner Bitte. Er war ganz verwirrt. Dazu
+fragte Karst, in dessen Augen nun keine Spur mehr von
+Lächeln lag, nach dem Stande der Arbeit. Und Grahl konnte
+nicht anders, als die Wahrheit gestehen. Karst nickte – er
+hätte nicht grausamer antworten können – als ob ihm dies
+und nichts anderes erwartet käme. Doch, ergänzte Grahl,
+hoffte er durch vermehrte Stunden der Tagesarbeit mit der
+Prüfung seiner Fakturen noch bis zum rechten Termine fertig
+zu werden. Das hoffe er auch, sagte Karst, indem er nun
+auch den Ton zu dem vorigen Lächeln fand. Damit wandte
+er sich einer Liste zu, die inzwischen von einem Lehrling
+gebracht worden war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+Grahl befand sich wieder allein vor dem Pulte. Arbeiten
+war ihm unmöglich. Seine Gedanken waren bei Anna und
+Gertrud. Sie standen nun vor dem Richter, er aber, der
+zwar mit seiner Zeugenaussage auf keinem Fall dem Geschick
+eine Wendung zu geben vermochte, fehlte in dieser Stunde.
+In einer Stunde, wo Anna, die glühende Angst der Erwartung,
+und im furchtbarsten Fall der Entscheidung, ein
+Gewicht auf dem Herzen erdulden mußte, für das die bürgerliche
+Gesellschaft in ihrer kompakten Masse die Wage bestimmt
+hat. Grahl wütete gegen sich selber. Er durfte sich nicht den
+Weg von der Arbeitsstätte zu Anna um den Preis der preiszugebenden
+Wahrheit erzwingen – aber die erfundene Begründung
+für seinen erwünschten Urlaub war schwach, lächerlich
+schwach gewesen. Dennoch hatte er plötzlich den Einfall,
+mit dieser selben Begründung direkt bei dem Chef den Antrag
+zu wiederholen. Er ist ein Mensch, sagte er vor sich hin,
+indem er mit seinen Händen die grauen Strähnen strich, die
+seinen Vorderkopf leicht überdeckten. Er ging in die Garderobe,
+um die Hände zu waschen. Als er eintrat, verstummte
+sofort das Gespräch der dort versammelten jungen Leute. Es
+blieb still, bis er den Raum verließ. Sein Gemüt war bedrückt.
+Er stand an der Tür zum Privatkontor seines Chefs.
+Er klopfte, trat ein und wartete auf eine einladende Geste,
+ehe er begann. Aber Winter, nachdem er sich unterrichtet
+hatte wer an der Tür stand, senkte die Augen hinter dem
+mit gelben Hornreifen umrandeten Kneifer auf die Lektüre,
+die vor ihm lag.
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte Sie bitten ...“ begann Jakob Grahl.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wenden sich wohl an Ihren Bureauchef!“
+</p>
+
+<p>
+Und Grahl wendete sich mit gebogenen Knien und ging.
+</p>
+
+<p>
+Sein nächster Gedanke war, ohne Erlaubnis das Haus
+zu verlassen. Dieser Vorsatz war schon so stark befestigt, daß
+Grahl bis an die Garderobe kam. Aber dort, vor der Türe,
+den eckigen Schlüssel bereits in der Hand, schlug ihm die
+Ueberzeugung, daß dieser Entschluß die wohlbegründete
+Lösung des Arbeitsverhältnisses seitens der Firma zur Folge
+haben mußte, mit solcher Heftigkeit vor die Stirn, daß er
+aus seinem in sich selber versunkenen Denken wie durch den
+Anblick einer drohenden Tiefe erschreckt, zu der Wirklichkeit
+seiner Lage erwachte. Er sah sich schon jetzt dem Willen sämtlicher
+Vorgesetzten, der Gleichgültigkeit oder Spottlust und
+Klatschsucht seiner Kollegen preisgegeben. Er wußte nichts
+Besseres zu tun, als in Unterordnung die Pflicht zu erfüllen
+und in Demut zu hoffen, daß alle Anzeichen, die seine Entlassung
+vorauszuverkünden schienen – das Lächeln Herrn
+Karsts, das verstummte Gespräch der Kollegen, die Ereignisse
+dieses Morgens, die verachtende Haltung des Chefs – dennoch
+nichts mehr als Täuschungen wären, die den schreckhaften
+Vater, der seine Familie zu jeder Minute bewußt als den
+Antrieb im Innern spürte, zu leicht übermannten. Die
+Hoffnung und bange Erwartung vermochten sogar, ihm für
+einige Zeit vergessen zu machen, was Anna in dieser Stunde
+erleben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Man muß bedenken, daß der Gedanke, als Mann mit
+ergrautem Haar aus dem Dienste entlassen zu werden, schon
+am dreißigsten September, das will heißen: am Termin der
+Kündigung auf den ersten November desselben Jahres, die
+Perspektive auf Schrecknisse einer Zeit eröffnen konnte, wie
+der vor einigen Jahren beendete Krieg sie an einem gewissen
+Wendepunkt mit grausamen Händen gezeichnet; wie sie eben
+erst – aber dies trifft nicht einmal auf alle Familien zu –
+von den ungleich menschenfreundlichen Händen des Friedens
+verwischt worden war. Die Wirkung – die seelische wie die
+körperliche – der Kohlrübenjahre war damals und ist noch in
+unseren Tagen so mächtig, daß die Furcht vor der Situation
+des Stellungslosen in einer Zeit, da Massenentlassungen
+Mode wurden, keiner besonderen Begründung bedarf. Grahl
+– noch vor wenigen Stunden von einer ganz anderen Sorge
+gepeinigt – kannte jetzt nur noch <em>eine</em> Bitte an die schicksalsfügende
+Macht, an welche er glaubte, ohne sich dessen
+bewußt zu sein: Daß bis um die sechste Stunde der drohende
+Schlag der Entlassung ihn nicht treffen möge. Denn um
+jene Zeit verließen der Chef und die Mehrzahl der Angestellten
+das Haus. Hatte sich bis dahin die Gefahr nicht entladen, so
+war sie über ihm weitergezogen.
+</p>
+
+<p>
+Aber noch war diese sechste Stunde nicht da. Nach drei
+rief ihn die Telephonistin in eine Zelle. „Anna,“ sagte er, und
+mit lautschlagendem Herzen nahm er den Hörer. Es war die
+Bitte um Aufschub eines zahlungssäumigen Kunden, dessen
+Konto Grahl in den Büchern führte.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an erschrak er jedesmal, wenn die Klingel des
+Telephons zu schrillen begann. Der Termin des Prozesses
+war um zwölf Uhr gewesen, aller Berechnung nach war nun
+das Urteil schon lange gesprochen. Sie wußten es, Gertrud
+wußte es, Hermann wahrscheinlich auch ... Und Anna ...
+Er aber saß hier und rang seine Finger, von Kümmernissen
+zu beiden Seiten des Herzens benagt. Mußten sie nicht schon
+längst eine Nachricht durchs Telephon für ihn haben? Und
+wäre es nur aus Besorgnis um ihn, warum er, seinem Versprechen
+entgegen, nicht im Gerichtsgebäude erschienen war ...
+Daß dieser erwartete Anruf nicht kam, erfüllte ihn mit brennender
+Angst, die in plötzlichen Wogen bis in die Augen stieg.
+</p>
+
+<p>
+Die Zeiger waren bis fünf geschlichen, aus dem Privatkontor
+vernahm man die langhinsummenden Töne der Uhr.
+Grahl tat einen Atemzug der Erleichterung, aber indem seine
+Brust sich senken wollte, fiel auf das Buch, das mit offenen
+Seiten auf seinem Pult lag – ein Brief! Sein Kopf fuhr
+herum. Er sah den sechzehnjährigen Lehrling Menzel, der
+sich eben auf seinem Absatz drehte – übrigens nicht mit der
+Absicht, das mokante Lächeln auf seinem Gesicht zu verheimlichen.
+Grahl berührte den Brief noch nicht. Kein Brief mit
+der Post, keine Marke, kein Stempel. „Herrn Jakob Grahl,
+im Hause,“ stand auf dem Kuvert. Er faßte es an – er
+brauchte es nicht zu öffnen. Er schob es in seine Hosentasche.
+Sein Gesicht war aschgrau. Er fühlte den Halt seines Körpers
+verlorengehen, gleichsam ein notwendiges Gewicht aus dem
+Kopfe fallen. Es blieb eine Leere. Er stützte die hohe zerbrechliche
+Stirn zwischen Daumen und Zeigefinger der Linken,
+während die Rechte noch in der Tasche am Umschlag tastete.
+Ein zitternder Seufzer ging unbewußt aus seinem bebenden
+Munde hervor. In diesem Augenblick durchschritt Winter mit
+seinen schallenden Schritten die Reihe der Pulte, er trug
+den schwarzen Hut tief auf die Geiernase gerückt. Ein gelber
+Rock hing von seinem gekrümmten Rücken herunter, er trug
+ein paar brauner Lederhandschuhe mit einem schweren Handstock
+mit silberner Krücke in Händen. Vor dem Hause erwartete
+ihn sein Automobil.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Fünftes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Außer dem Kontenführer Grahl war noch dem „Geiger“
+gekündigt worden, der erst kürzlich über den Lehrlingsgrad
+hinaus, in die Stellung eines Kommis geklettert war.
+Während aber der Kündigung Grahls ein Bemerken, das auf
+Ueberzähligkeit hinwies, als Begründung zugefügt war, entbehrte
+das Schreiben, welches der „Geiger“ erhalten hatte,
+einer entsprechenden Angabe ganz und gar. Der „Geiger“
+empörte sich auch durchaus nicht dagegen. Er hatte in einem
+seiner Cafés, wo er abends spielte, ein Mädchen kennen gelernt,
+mit welchem er ohnehin schon einige Male über den
+Tag spazieren gegangen war, obgleich diese Tage weder als
+Fest- noch als Sonntage auf dem bürgerlichen Kalender
+standen. Das Geigenspiel konnte ihn über dem Abgrund
+vollkommenen Geldmangels halten. Dazu hatte der „Geiger“
+einen Vater, der ebenso jovial war wie er. Der Vater hatte
+die Mittel, sich jedes Vergnügen zu leisten. Aus Gewissenszwang
+wollte er, was er sich selber gönnte, seinem Sohn
+nicht versagen.
+</p>
+
+<p>
+Seide Freunde neckten den „Geiger“ mit einem unter
+den Angestellten beliebten Spruch. Einer rief:
+</p>
+
+<p class="center">
+„Du wirst Kommis –“
+</p>
+
+<p class="noindent">
+worauf der Chorus einfiel:
+</p>
+
+<p class="center">
+„Aber nich bi mi!“
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wenn sie in der Garderobe in der Nähe des Fensters
+standen und „durch die Nase rauchen“ probierten, neckten
+sie ihn. Er pfiff den Rauch weg und sagte: „Egal!“
+</p>
+
+<p>
+Die innere Verfassung des anderen Gekündigten war
+anders. Der anfängliche Sturz der Empfindungen hatte die
+Denkkraft gelähmt. Und als er am Abend niemanden in der
+gleichwohl erleuchteten Wohnstube fand, aber Anna mit ihrem
+selbstvernichtenden Lächeln im Bett – nun nicht mehr glühend
+von innerlicher Erregung und Präparation für die Stunde
+am Richtertisch, sondern weiß bis in die schweigenden Lippen
+– da sah der Alte nur noch die Kurve des Untergangs, er
+fühlte die Hand eines Schicksals, der zu entrinnen vergeblich
+wäre. Diese Familie war ihr verfallen. Ich weiß nicht
+warum, sagte Grahl, ich weiß nur: es ist so. Er konnte sich
+keine Rettung mehr denken. Er wünschte einen beschleunigten
+Schluß. Er hoffte wirklich im Schlaf dies Ende zu finden.
+Indem er, beinahe stumpf von Leiden, in sein Bett, neben
+der verbissenen schweigenden Anna, hineinstieg, wanderten
+seine Gedanken zu Hermann und Gertrud, die nur die Hälfte
+des Schicksals kannten – nur das Teil, das ihre <em>Mutter</em>
+betroffen hatte. Ich wünsche euch eine andere Seele, als ich
+sie besitze, sagte er wie zum Nachtgebet. Mehr Kraft, mehr
+Härte des Herzens, Kinder ...
+</p>
+
+<p>
+Er fand keinen Anfang für eine Frage, welche die Bestätigung
+dessen verlangte, was er schon wußte. Er fühlte,
+daß mit gebrochenem Schweigen der Schmerz, der dieser
+Frau wie ein eisiger Block die Tränen versperrte, sich lösen
+mußte. Von den Gedanken aufs neue bewegt, verbreitete
+sich innerlich eine Erleuchtung – als ob hier Schuld und
+Verfehlung keinerlei Rolle spielten. Und all das wäre das
+Schicksal, wie ein Jeder das Seine gesondert empfängt. Die
+Erkenntnis, daß seine vom Leben gefurchte Seele es war,
+die ihn die Niederlage des heutigen Tages und endlich den
+Untergang leiden ließ – dies Gefühl erfüllte ihn, ohne daß
+er nach einer Begründung fragte, gleichwie ein Glück. Er
+war stolz, sein Schicksal, je schwerer, je lieber, zu tragen. Da
+sagte er: „Anna!“ Der Glauben, der in ihm zu herrschen
+begann, machte ihn mächtig, die Wirklichkeit in dem heiteren
+Lichte der Unschuld zu sehen und er meinte diese Gabe des
+Sehens teilen zu können, mit wem er es wünschte.
+</p>
+
+<p>
+Anna aber sagte nicht mehr als <em>ein</em> Wort, in dem sich
+eine Lippe rührte, sonst nichts: „Gefängnis.“
+</p>
+
+<p>
+„Habe darum keinen Gram. Ueberwinde das mit dem
+Stolz deines Herzens, wie ich.“ Er blickte sie an.
+</p>
+
+<p>
+Sie hob die blasse Hand von der Decke und drehte den
+Docht der kleinen Lampe so tief, daß sie verlöschte. Er nahm
+ihre Hand, sie entzog sie ihm nicht. Aber sie weinte auch nicht
+und sie sprach kein Wort. Auch er wußte nichts mehr zu
+sagen. Die Helligkeit in ihm war plötzlich erloschen. Er ließ
+ihre Hand los und bohrte den Kopf in die Kissen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Gertruds Stimme weckte den Vater am folgenden
+Morgen. Er lag einige Minuten mit offenen Augen, ohne
+daß eine Erinnerung an die Dinge von gestern kam. Das
+Bett neben ihm war leer. Er hob sich erschreckt auf den
+Ellenbogen – in einer Sekunde standen die Tatsachen um ihn
+herum. Verwundert, wie das Gedächtnis an den verhängnisvollsten
+Tag seines Lebens, um soviel später in ihm
+erwachen konnte, als er selbst – und grübelnd, ob nicht die
+Fähigkeit, zu vergessen, was zu vergessen von Nutzen sei, ein
+zu erkämpfendes Können des Innern wäre ... so stand er
+auf, sah in den grauen, rieselnden Morgen, durch leckenden
+Regen, und kleidete sich langsam an. Eine Schwermut,
+körperlich, schien ihn zu lähmen.
+</p>
+
+<p>
+Mit seinem Sohne ging er ein Stück des Weges. Er
+hatte sich von dem Anblick der leidenden Frau mit Gewalt
+getrennt. Hermann unterrichtete ihn mit leiser, von sachlichem
+Ausdruck beherrschter Stimme, von den Ereignissen des vergangenen
+Tages. Frau Anna Grahl war zu einer Gefängnisstrafe
+von dreiundeinhalb Monaten verurteilt worden. Sie
+war nicht einmal dazu gekommen, die wohlvorbereitete Verteidigung,
+alle die in schlaflosen Nächten eingeschärften und
+oft wiederholten Wendungen, am Richtertisch vorzutragen.
+Der Vorsitzende hatte ihr inneres Bekenntnis, zu dem sie nicht
+aufgefordert war, mit einem herrischen Ausbruch der Ueberlegenheit,
+die sich offenbar mit besonderer Anerkennung
+respektiert sehen wollte, unterdrückt, und die Angeklagte in
+die einzige Haltung gedrängt, die ihr in ihren eigenen Augen
+nun noch gemäß war: in stolzen, schweigenden Trotz. So
+hat sie also den Kampf aufgegeben, und ließ es gehen, ohne
+hinzuhören – schloß Hermann mit einem flüchtigen Seitenblick.
+„Ich biege hier ab. Guten Morgen, Vater.“
+</p>
+
+<p>
+Grahl hatte die Kündigung sorglich verschwiegen. Sein
+Wunsch war, die bedrückten Herzen der Seinen durch die
+Form, die er selber hielt, zu erleichtern. Nichtsdestoweniger
+waren in ihm der leidensbereite Wille, die stolze Demut unter
+das Schicksal, die am vorigen Abend in eigenartiger Kraft
+aus der Schwäche erstanden waren – verstummt und vergessen.
+Aber das gleiche Gefühl für die Pflicht, das ihn am
+Kontorpult beherrschte, war in der Sorge um seine Familie
+wieder erwacht; es lenkte seine Entschlüsse in völliger Unbekümmertheit
+um die geschehenen Verstöße, mit welchen ein
+Vorgesetzter die Führung des Angestellten belasten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Er berief auf den selbigen Abend die Ausschußversammlung
+ein. Die Ausschußmitglieder bestanden aus sechs Vertretern
+des Personals, von denen Grahl der älteste war. Sie
+trafen am Abend in einer Restauration, die „Himmelspforte“
+genannt, zusammen. Grahl forderte auf, seiner Entlassung
+den Ausschußwillen entgegenzusetzen, da er, als Mitglied des
+Ausschusses, in einem Verhältnis zur Firma stände, das bei
+erloschenem Mandat erst zu lösen wäre, nicht früher.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Aber zu seinem Erstaunen waren die übrigen Ausschußmitglieder
+durchaus nicht einig in ihrer Meinung. Es ergab
+sich, daß drei unter ihnen in ihrem Gewissen Bedenken
+empfanden, das Interesse ihres Kollegen zu schützen, ohne den
+Standpunkt der Firma in Rücksicht zu ziehen. Diesen Standpunkt,
+hieß es, kenne man wohl, obgleich er – wohl aus einer
+gewissen Milde – in dem Entlassungsschreiben verschwiegen
+war. Der eigentliche Grund zur Entlassung Grahls – darin
+waren diese drei Herren sicher – wäre natürlich der Mangel
+an Arbeitskraft und Zuverlässigkeit, der in den letzten Wochen
+vermocht hatte, den guten Kredit seiner siebenundzwanzig
+Arbeitsjahre zu annullieren. Wie sollten sich also diese gewissenhaften
+Ausschußmitglieder für Grahl entscheiden?
+</p>
+
+<p>
+Widerrede wurde dagegen laut. Grahl selber erklärte,
+daß <em>die</em> Begründung, die das Kündigungsschreiben enthielt,
+maßgebend wäre – nicht eine verschwiegene. Wer nähme
+wohl an, die Firma wäre in ihrer Erklärung von zarter
+Rücksicht geleitet? Im übrigen hielt der Einwand, die
+mangelnden Qualitäten betreffend, nicht Stich. Wenn im
+Verlauf von mehr als einem Vierteljahrhundert ein Mann
+mit niemals <a id="corr-19"></a>lahmendem Willen die Kraft seines Denkens und
+Tuns in den Dienst einer Firma gestellt habe, so sei er nicht
+davonzujagen gleich einem ungebärdigen Hunde, wenn ihn
+in einem gefährlichen Augenblicke seines Familienlebens die
+Kraft für eine Spanne verlasse. Er setzte sich wieder und
+stützte den Kopf in die zitternde Hand.
+</p>
+
+<p>
+Man fragte ihn, ob er nicht dies persönliche Schicksal als
+Begründung seiner offenbaren Veränderung vortragen wollte.
+Er schüttelte mit dem Kopf, ohne die Hand von den Augen
+zu lösen.
+</p>
+
+<p>
+Den drei Vorsichtigen wurde noch andershin widersprochen.
+Wiewohl es auch möglich sei – führte ein Obmann
+aus –, daß die Entlassung des Kollegen Grahl aus den vorhin
+genannten Gründen erfolgt sei, so bestehe die Tatsache
+dennoch fort, daß Entlassungen zu Zwecken von Ersparnis
+einiger Angestelltensaläre ohnehin in Aussicht genommen
+waren. Mehrere Posten mit geringerer Arbeitsbelastung
+sollten, je zwei, vereinigt an einen der beiden Postenverwalter
+übertragen werden, um den zweiten zur
+Uebernahme anderer Tätigkeit freizumachen. Hätte das
+Schicksal also nicht Grahl getroffen, so wäre ihm gleichwohl
+ein anderer zum Opfer gefallen. Derjenige nämlich,
+der nach der Geschäftsleitung Ansicht am wenigsten Nutzen
+der Firma bringe. – Das sehe man ein, nicht wahr? Man
+müsse also <em>dagegen</em> sein, im Prinzip. Stände im Falle des
+„Geigers“ die unanfechtbare Begründung mit seiner Faulheit
+nicht fest zu erwarten, so wäre auch dieser Kündigung die
+notwendige Beistimmung des Ausschusses zu versagen. Es
+handle sich um Entscheidungen, die für Jeden einmal Bedeutung
+erlangen könnten. Ueber allem aber dies: Zu was
+bestände denn das Gesetz, das die Entlassung des Obmanns
+verbietet? Wer könnte bürgen, daß nicht eben sein Amt im
+Ausschuß es war, das ihn zum Fallen gereift hätte? Und
+wer von den Ausschußmitgliedern dächte hierbei nicht an sich
+selber? Er verlangte die Unterschriften.
+</p>
+
+<p>
+Die drei Widerstrebenden dachten wahrscheinlich sehr
+intensiv an sich selber. Sie hielten die Macht ihres Mandats
+für gering im Verhältnis zur Macht eines Leiters der
+Personalabteilung, gegen dessen Beschlüsse man wohl am
+besten nicht knurrt. Ein Mandat hat auch einmal ein Ende,
+dachten sie wohl ... Und sie konnten sich nicht für ihren
+Kollegen entscheiden. Sie meinten, etwaige Mängel der Führung
+seien durchaus nicht durch ein im übrigen unantastbares
+Amt als gedeckt zu betrachten. Darauf berief sich Grahl
+erneut auf die Begründung des Kündigungsschreibens, in
+welchem mit keinem Worte irgendeines Mangels gedacht war.
+Es gelang ihm nicht, sie auf seine Seite zu ziehen. Und obgleich
+dem gegebenen Rechte nach kein Ausschußmitglied seine
+Unterschrift unter das Einspruchsschreiben, das inzwischen
+gefertigt war, hätte verweigern können, so zeigte es sich dennoch,
+daß die drei Nichtgewillten bis zum Ende in ihrer
+Opposition verharrten. Ihre Furcht vor dem Eindruck, den
+ihre Unterschrift unter ein dem Willen der Geschäftsleitung
+entgegengesetztes Schriftstück hervorrufen mußte, war begreiflich
+groß. Nach langem Widerstande bemerkte Grahl, daß
+sein beharrliches Dringen aufs Recht ihm dennoch keinen Vorteil
+brachte, und er ergab sich darein, seinen Fall als den Fall
+eines einfachen Angestellten zu führen. Noch bei einem
+Stimmenverhältnis von drei zu drei war <em>für</em> den Angestellten
+entschieden. Das Schriftstück, in welchem der Ausschuß
+die Einwilligung zur Entlassung des Buchhalters Grahl
+versagte, trug die folgenden Unterschriften: Baaß, Ehrlich,
+Grahl.
+</p>
+
+<p>
+Grahl ging in bedrückter Stimmung nach Hause. Die
+Unzulänglichkeit dieser an sich so verläßlichen Institution hatte
+ihn überrascht und erschüttert. Er war für den Tag, für den
+Monat und für den nächstfolgenden auch, gerettet. Aber
+gewöhnt, bei der Bilanz seiner Lebenshaltung nicht nur die
+Gegenwart, sondern auch Vergangenheit und Zukunft in
+Betrachtung zu ziehen, bangte ihm vor den kommenden Zeiten,
+die ihn zwingen würden, die Hilfe der Ausschußmitglieder
+erneut anzurufen. Wenn sie ihm dann sein Recht versagten?
+Gewiß, er würde es von höherer Stelle erhalten. Das Recht
+schützt der Staat ...
+</p>
+
+<p>
+Als er nach Hause kam, fand er wieder die Stube erleuchtet
+und leer. Er ging schweigend durch alle Zimmer;
+Hermann und Gertrud fand er in ihrer gemeinsamen Stube
+lesend. Als er ihre hochgezogenen roten Stirnen wahrnahm,
+unterdrückte er seine Frage.
+</p>
+
+<p>
+Frau Anna Grahl war bereits ins Gefängnis gegangen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
+Sechstes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am zweiten Oktober wurde das Schriftstück, das der
+Ausschuß am vorhergehenden Abend beraten hatte, dem
+Personalchef Herrn Karst übergeben. Dies geschah gegen
+Mittag. Nachmittags ging Herr Karst in das Kontor des
+Chefs, und die Türe wurde nachdrücklich geschlossen. Aber bis
+zum Abend geschah durchaus nichts.
+</p>
+
+<p>
+Grahl blieb an diesem Tage bis fast in die Nacht am
+Pulte, um die Fakturenkontrolle, wie erforderlich, am nächsten
+Tage beenden zu können. Mitunter gelang es ihm, wohl eine
+Viertelstunde lang ruhig und aufmerksam die Salden der
+Konteninhaber zu prüfen, – dann plötzlich fuhr er sich mit
+der Hand über Stirn und Augen, blickte um sich, um zu
+bemerken, daß selbst Herr Uri schon fortgegangen war, und
+daß außer dem hellgrünen Licht, das auf sein Pult von der
+Lampe über ihm strahlte, das ganze Kontor im Dunkel lag.
+Dann konnte er zehn Minuten lang mit verdeckten Augen
+sitzen und denken. Er dachte an Anna. Die Notwendigkeit
+trieb ihn wieder zur Arbeit. Wenn er die Menge des noch
+zu bewältigenden Materials vor sich sah, fühlte er, wie sein
+Herz sich krampfte, ein Schwindel begann seinen Kopf zu
+verwirren. Mit einem stöhnenden Laut, gewaltsam, setzte
+er seine Rechnungen fort.
+</p>
+
+<p>
+Grahl hatte einen der lastendsten Posten, er führte die
+Konten der Firmen, deren Titel mit M, N oder R begannen.
+Auf diesen Platz, das „Konto MR“, war er, als ein zuverlässiger
+Buchführer, im Laufe der Jahre – noch unter dem
+Vater des jetzigen Chefs und unter wechselnden Personalvorgesetzten
+– gelangt. Aehnlich umfangreichen Arbeitsstoff
+hatte höchstens der Kontenführer des „Konto ST“ zu bewältigen.
+Für diese Erscheinung eine Erklärung zu finden,
+ist leicht, wenn man die Statistik der vorkommenden Namen
+in unserem Lande betrachtet; eine solche Statistik bietet zum
+Beispiel das Adreßbuch der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Am nächsten Tage mußte Grahl statt fertiger Arbeit die
+Erklärung abgeben, daß er in einigen Tagen bestimmt alle
+von ihm geführten Konten zum Abschluß gebracht haben
+würde. Nicht lange nachdem diese Mitteilung seinerseits geschehen
+war, befahl ihm der Personalchef Karst, sich unverzüglich
+in eine andere Abteilung, das Revisionsbureau, zu begeben.
+Der Dienst dieses Ressorts bestand darin, die Arbeit
+der Kontenführer zu prüfen, ihre Fehler zu finden und richtigzustellen.
+Zwar erforderte diese kontrollierende Tätigkeit
+Ausdauer und ein gewisses Talent, das mit dem Spürsinn zu
+tun hat – aber dennoch wurden die Posten dort meist mit
+jungen Angestellten und Kontoristinnen besetzt, deren Monatsgehälter
+einem der niedersten Sätze des Angestelltentarifs
+entsprachen. Kaum hatte Grahl seinen Dienst in dieser Abteilung
+begonnen, als der Lehrling Menzel den Raum betrat,
+um ein verschlossenes Kuvert auf seinen Platz zu legen. Grahl
+öffnete und fand nun in deutlichen Worten die Begründung
+zu seiner Entlassung ausgesprochen – dies war die Antwort
+auf die gestern erfolgte Eingabe des Ausschusses. Als Grahl
+jenes Wort, das, alles in einem, den Grund zur Entlassung
+aussprach, las – suchte er tastend nach einem Halt. Im
+übrigen wurde ihm dringend geraten, freiwillig aus diesem
+unerquicklichen Dienstverhältnis auszuscheiden, das, je weiter
+er es in die Länge zu dehnen versuche, desto mehr an Schaden
+ihm bringen würde. Das Wort, die Begründung, hieß:
+Unfähigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Wäre Grahl seiner ersten Regung gefolgt, hätte er sich
+um eine Unterredung mit Karst oder gar mit Winter bemüht.
+Aber gewarnt durch den letzten Bescheid, den er von Winter
+hatte entgegennehmen müssen, hielt er sich fest vor dem Pult,
+und es gelang ihm notdürftig, sich zu seiner neuen Arbeit zu
+sammeln. Als die Kontorzeit vorüber war, begab er sich eilig
+zur Post, um dort einen Brief, einen schmerzerfüllten Protest,
+aufzusetzen. Später strich er die innerlichst gefühlten Worte
+heraus und als er das Schreiben in sauberer Abschrift an
+einem der Schalter gegen Quittung aufgab, da war es ein
+sachlich gestraffter Widerspruch. „Man hätte mir eine Frist
+zur Verfügung stellen sollen,“ schrieb Grahl, „zum Beweisen,
+daß das Nachlassen meiner Arbeitskraft nur auf äußere Einflüsse
+ohne Dauer zurückzuführen war. Man hätte mit mir
+verhandeln sollen“ (das Wort „menschlich handeln“ hatte zuvor
+an dieser Stelle gestanden), „statt dessen hat man mich
+schweigend beobachtet und in Unkenntnis meiner Lage mir
+gekündigt.“
+</p>
+
+<p>
+Er merkte es wohl – an dem nächsten wie an allen
+folgenden Tagen: Von seinen Vorgesetzten als Arbeitskraft
+völlig verachtet, ward er von seinen Kollegen im Rücken
+verspottet. Diese seltsamen Kreaturen, die ihn so lange als
+arbeitsamen, rechtschaffenen Buchhalter kannten, schoben die
+Oberzähne über die Unterlippe, fast bis aufs Kinn, als wollten
+sie sagen: Du Verräter der Firma, der gegen die Autorität
+opponiert, – hebe dich fort, wir haben mit dir nichts zu tun.
+Der Einzige, der ihn freundlich ansprach, war Uri. Sie waren
+während einiger Jahre Pultgenossen gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Der Leiter der Revisionsabteilung war Baaß, derselbe,
+der im Ausschuß für Grahl gegen seine Entlassung gehandelt
+hatte. Aber nun erschien dem biederen Manne die Stellung,
+in die er sich selber begeben hatte, nicht mehr ungefährlich –
+auch war ihm vielleicht von höherer Stelle die Initiative, die
+er jetzt ergriff, nahegelegt. Er besah sich öfters am Tage
+seinen Revisionsangestellten Grahl, indem er sich mit der
+roten, fleischigen Hand über den goldblonden Borstenschnurrbart
+strich. Und endlich erklärte er Grahl – er brauchte zu
+dieser Erklärung sechs Worte: er wisse mit ihm nichts anzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Ueber diese Erklärung war Grahl so verdutzt, daß er die
+Augenlider zusammenzog, als blinzelte er gegen Rauch. Er
+fragte seinen Ausschußkollegen nach dem Anlaß, den er zu
+solchen Worten gegeben: und er erfuhr, daß er, Jakob Grahl,
+der Arbeit, die man ihm gab, sich augenscheinlich durchaus
+nicht gewachsen zeigte.
+</p>
+
+<p>
+„Erledige ich nicht, was man mir zu erledigen gibt?“
+</p>
+
+<p>
+„Schon recht,“ sagte Baaß und rieb mit dem Zeigefinger
+über den Borst unter der Nase – „aber man kann Ihnen
+leider nur wenig geben. Sie arbeiten langsam, Herr Grahl.“
+</p>
+
+<p>
+Unfähigkeit! sagte Grahl für sich, obgleich er wußte, daß
+Baaß all dies sagte, um ihn aus irgendeinem Grunde, den
+er nicht kannte, zu verderben. Er biß die Zähne gegeneinander
+und machte jene Bewegung zur Brille, wie um sie besser
+vors Auge zu setzen – und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Was kümmert mich dies, sagte er sich später, mir bleibt
+mein Mandat, das mich schützt. Er war entschlossen, in diesem
+Kampfe nicht nachzugeben. Ich sehe keine Veranlassung,
+dachte er in kaltem Trotz, mich aus freien Stücken auf die
+Straße zu setzen. Ermordet mich und schafft mich hinaus ...
+lebendig bringt ihr mich nicht vor die Türe.
+</p>
+
+<p>
+Aber während dieser Zeit schweigenden Kampfes wurde
+er äußerlich und auch innerlich anders. Hatte er früher mit
+Hermann die Tagesereignisse gern und lebhaft besprochen –
+so saß er jetzt schweigend, bleich, mit aufgewälztem Stirnbein
+und verdeckten Augen seinen Kindern gegenüber beim Abendbrot.
+Sie dachten, es wäre das Unglück der Mutter, das seine
+Gestalt so mager erscheinen ließ. Und in Wirklichkeit – <em>war</em>
+es nicht dies? Ja, <em>auch</em> dies. – Mitunter meinte er nachdenklich
+bei sich selber, daß diese <em>beiden</em> Kümmernisse <em>auf
+einmal</em> nicht ohne heilsamen Vorteil wären, da dem einen
+Kummer, sobald er stärker zum Herzen vorstieß, der andere
+zur Ablösung kam.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage später aber, als Baaß seiner Unzufriedenheit
+Ausdruck gegeben hatte, wurde Grahl auch von dem neuen
+Posten im Revisionsbureau enthoben und in die Paketannahme
+versetzt. Er übernahm dort den Posten eines Herrn,
+der an diesem Tage aus unbekanntem Grunde nicht wieder
+zur Arbeit erschienen war. Grahls Tätigkeit war mit einigen
+Boten zusammen, die sehr verwundert waren, den Herrn
+Buchhalter Grahl, den sie noch vor kurzem mit tiefgezogener
+Mütze gegrüßt hatten, nun als ihresgleichen beim Quittieren,
+Sortieren und bei der Verteilung eingehender Pakete zu
+sehen. Er selber fand diese Verwunderung seiner neuen Kollegen
+natürlich, und er behandelte sie mit der gleichen Achtung,
+die er nicht nur für Menschen, sondern vielmehr für jedes
+lebende Wesen empfand.
+</p>
+
+<p>
+Wenn er abends über die dunklen Straßen den Heimweg
+ging, wagte er es, seine Mienen abzuspannen, und sein über
+den Tag aufrecht getragener Körper gab sich nun Erschlaffung
+hin. Seine Lider lagen schwer über dem trostlosen Blick; seine
+Mundwinkel, von dem struppigen Schnurrbart wirr überhangen,
+waren tief bis ins Kinn gefurcht. Es war in solchen
+Augenblicken ein Ausdruck des Grams schon vermischt mit den
+Mienen verächtlicher Gleichgültigkeit – Gleichgültigkeit gegen
+die flackernden Blicke, den hitzigen Atem der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Einmal traf er am Ausgang mit Uri zusammen. Sie
+gingen ein Stück des Weges miteinander. Uri erzählte, der
+erste Nachfolger Grahls auf dem „Konto MR“ sei schon am
+dritten Tage an ein anderes Pult zu anderer Arbeit versetzt
+worden. Der nächste aber, ein junger Mann, der sich viel auf
+seine Gewandtheit zugute tat – hatte während eines einzigen
+Tages des Amtes gewaltet, um am nächsten und allen folgenden
+Tagen überhaupt nicht mehr im Hause sichtbar zu werden.
+Er zog es vor, mit gutem Mut eine Stellung bei einer
+anderen Firma zu suchen. Das „Konto MR“ hatte seitdem
+den Namen erhalten: „Konto Ueber die Kraft“.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Grahl schwieg dazu. Uri seufzte einige Male. „Sie
+wissen doch, Grahl,“ begann er, „daß nun auch gegen den
+Ausschußwillen beim Arbeitsgericht Einspruch erhoben
+worden ist?“
+</p>
+
+<p>
+„Was ... sagen Sie da?“ sagte Grahl leichenblaß. Seine
+Stimme war rauh. Er zog die Augenlider zusammen. Plötzlich
+stolperte er seitwärts einige Schritte und hielt sich schwer
+atmend an einem Baum.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht erschrecken, Grahl,“ sagte Uri und nahm seinen
+Arm. „Meiner Meinung nach erwartet Sie Kampf ...
+Kampf und Sieg. Das Arbeitsgericht wird, in gerechter Betrachtung,
+sich für den Ausschußwillen entscheiden müssen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das Arbeitsgericht, soso ...“ sagte Grahl mit einem
+Ausdruck von Gleichgültigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Als er aber in seiner Stube hinter der Zeitung die
+leidenden Mienen vor den Kindern versteckte, erwachte der
+Anfangstrotz wieder auf, der dem Gefühl für die Seinen
+entsprang. Hermann las in dem kleinen Band einer volkstümlichen
+Bibliothek – es war eine Einführung in die
+Philosophie –, Gertrud, indem sie an einem Kleide nähte,
+beachtete jede Bewegung des Vaters, jeden Blick – um ihm
+das Teeglas aufs neue zu füllen oder die Teller vom Tische
+zu tragen oder das Gaslicht zu regulieren. Sie war es auch,
+die ihre Mutter in ihrer jetzigen Wohnung besuchte. Niemanden
+anders wollte die Frau zu Besuch haben. Mitunter
+sah Grahl seine Tochter mit einem kurzen dankbaren Ausdruck
+an, als hätte er all seine Zärtlichkeit, die er in der denkbar
+verschwiegensten Weise zu äußern imstande war, auf
+das Kind zu übertragen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
+Siebentes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am 21. Oktober, dem Termin der Arbeitsgerichtsverhandlung
+in Sachen der Firma Winter, Kommanditgesellschaft,
+gegen den Buchhalter Jakob Grahl, befanden sich vor
+dem Vorsitzenden: als der Vertreter der antragstellenden
+Firma der Personalchef Karst, als seine Zeugen Herr Baaß
+nebst einem andern Ausschußmitgliede – welches übrigens
+eines der drei widerspenstigen war –; ihm gegenüber: der
+Angestellte Grahl mit seinen Zeugen: Uri, langjährigem Pultgenossen
+von Grahl, und Rottmann, dem früheren Personalchef,
+der vor Jahresfrist als ein sechsundsiebzigjähriger
+Mann nach mehr als drei Jahrzehnten die Arbeit endgültig
+aus den Händen gelegt hatte. Er widersprach mit leiser fester
+Stimme der Meinung Herrn Karsts, der in dem Buchhalter
+Grahl das Prinzip der Unzuverlässigkeit <span class="antiqua">in corpore</span> erblickte.
+Rottmann vermochte mit gutem Gedächtnis aus Redewendungen
+Grahls, die er zitierte, und charakteristischer Handlungsweise,
+die er lebhaft zu schildern wußte, dem Vorsitzenden
+und seinen Beisitzern ein lebendiges Bild zu vermitteln.
+– Nach ihm wurde der Leiter der Revisionsabteilung, Herr
+Baaß, um seine Zeugenaussage befragt. Herr Baaß, indem
+er sich über den Schnurrbart rieb, begann im Tone der echtesten
+Ueberzeugung die Worte Herrn Karsts zu wiederholen.
+Aber er hatte kaum einige Sätze vorgebracht, als Grahl, der
+mit graublassem Gesicht und geschwollenen Schläfen am Tische
+stand, in unhemmbarer Erregung, mit hastig gestoßener heller
+Stimme zu widersprechen begann. Der Vorsitzende rief ihn
+zur Ruhe, er vermahnte ihn, bis die Aufforderung zur Rede
+an ihn erginge, stille zu schweigen. Aber Grahl, mit beschwörend
+vorgestreckten Armen, rief mit dringlichstem
+Ausdruck:
+</p>
+
+<p>
+„Ihn treibt im besten Falle die Furcht, mit einem günstigen
+Wort über meine Leistung die Gunst seiner Obern zu
+verlieren. Ihn hindert Feigheit, ehrlich zu sein – nicht Feigheit,
+nein, ich verzeihe ihm das, weil ich weiß, wie es tut, um
+das Brot der Zukunft zu bangen.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf schwieg er still. Und es war eine Stille im
+Saal. Der Vorsitzende und seine Nebenmänner, von dem
+echten Klang dieser Stimme erschüttert, vergaßen den kühlen
+Ausdruck, dessen sie sich sonsthin bedienten. Die übrigen, die
+vor dem Tische standen, verhielten den Atem. Nur Karst,
+zuerst überrascht und mit ängstlichen Mienen – gab sich nun
+den verächtlichsten Ausdruck, dessen er fähig war. – Das Gericht
+ging nun zur Beratung über.
+</p>
+
+<p>
+Dies Arbeitsgericht war vormals eine Funktion des
+Kaufmannsgerichts gewesen. Infolge vieler willkürlicher
+Entlassungen hatte es sich zur besonderen Instanz ausgebildet,
+und sein Zweck war die Schlichtung von Streitigkeiten
+zwischen Arbeitgebern und Angestellten. Die Entscheidung
+dieses Gerichts war der „Beschluß“, gegen den ein Einspruch
+nicht möglich war. – Grahl stand mit gesenkten Augen am
+Tisch. Seine stummen Lippen drückten den Ueberdruß eines
+Mannes aus, der am Ende des Kampfes, ob Sieg oder
+Niederlage, mit der Empfindung unbegrenzter Verachtung
+den Platz verlassen wird. Dennoch wurde er noch um eine
+Nuance bleicher, als der Vorsitzende den Beschluß zu verkünden
+begann.
+</p>
+
+<p>
+Der Beschluß hatte folgenden Wortlaut:
+</p>
+
+<p>
+„In der Sache der Firma Winter, Komm.-Ges., Antragstellerin,
+gegen den Buchhalter Jakob Grahl, Antragträger,
+die Erwirkung der Erlaubnis zur Entlassung des
+Antragträgers betreffend, erkennt das Arbeitsgericht durch
+Richter und Beisitzer für Recht: Die beantragte Zustimmung
+zur Kündigung Grahls wird versagt. – Die Begründung
+folgt schriftlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie,“ sagte Herr Uri, der gar nicht zur Zeugenaussage
+gekommen war, „sehen Sie, Grahl, nun haben Sie
+doch nicht umsonst ihr gutes Zeug angelegt.“
+</p>
+
+<p>
+Grahl bewegte die Lippen. Gertrud und Hermann,
+sagte er lautlos. Er lachte über Herrn Uris Spaß. Auf den
+Abend lud er ihn in die Wohnung ein. Herr Uri, der nicht
+verheiratet war, bewohnte ein kleines Zimmer und saß an
+den Abenden, die schon winterlich waren, in Cafés oder
+Restaurants. – Vorerst begaben sich die beiden zurück an die
+Arbeit, denn erst war Mittag vorbei. Grahl ging gebeugt,
+mit schüchtern gebogenen Knien neben der aufrechten breiten
+Gestalt seines Zeugen. Schon am Eingang zum Kontorhause,
+wo sie einige Bekannte trafen, rief Uri das Ergebnis
+mit schallender Stimme aus. Er drehte an seinem kräftigen
+Schnurrbart und lachte. Er ging an sein Pult, Grahl in die
+Paketannahme.
+</p>
+
+<p>
+Abends bewirtete Grahl, der nun erleichterten Herzens
+seinen Kindern alle Erlebnisse der letzten Woche mitteilen
+konnte, den Gast. Zwar mußte er sich diesen Posten in der
+Paketannahme gefallen lassen ... mußte, noch mehr, bei Ablauf
+seines Mandats der Entlassung gewärtig sein – an eine
+Mandatsverlängerung war schwer zu glauben ... „Aber,
+mein Gott, hieße es nicht eigentlich undankbar sein, an diesem
+Tage der sicheren Gegenwart zu vergessen?“ fragte Uri, „um
+einer nicht unbedenklichen Zukunft willen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja,“ sagte Grahl. Aber er faßte nervös an die
+Brille und sah seine Kinder an.
+</p>
+
+<p>
+„Und übrigens,“ meinte Uri, „stehen das Fräulein
+Tochter wie der Herr Sohn auf eigenen Füßen?“
+</p>
+
+<p>
+Nein, Hermann studierte und brauchte nun einmal die
+Unterstützung des Vaters.
+</p>
+
+<p>
+„Und Fräulein Gertrud?“ fragte Herr Uri. „Gehen Sie
+nicht nach dem Beispiel so vieler Frauen in berufliche Konkurrenz
+mit uns Männern?“
+</p>
+
+<p>
+Grahls Tochter wurde rot, als Herr Uri, dieser Mann
+mit seinem großen Schnurrbart und den offenen blauen
+Augen, sich direkt an sie wandte. Sie schüttelte nur den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+„Das gefällt mir,“ sagte Herr Uri lachend, „und auch,
+daß Sie, was Ihre Kopfzier betrifft, nicht im Wettbewerb
+mit den Männern stehen.“
+</p>
+
+<p>
+Hier mußten alle lachen. Herr Uri machte auf seine Art
+Komplimente. Gertrud hatte zwei goldblonde Zöpfe dicht und
+breit im Nacken gewunden. Sie bedeckten die Ohren – die
+sicherlich so dunkel erröteten wie Wangen und Stirn, als Herr
+Uri das Glas, mit einem leichten Rotwein gefüllt, ihr entgegenhielt,
+und mit seinem galantesten Lächeln sagte: „Zuerst
+auf Wohl und Genesung Ihrer Mutter im Krankenhause –
+und nun auf das Ihre!“
+</p>
+
+<p>
+Er lachte und trank.
+</p>
+
+<p>
+Grahl legte seine weiße Stirn zwischen Daumen und
+Zeigefinger; Gertrud bückte sich, um ein Fädchen vom Teppich
+zu geben; Hermann sprach einige Silben, stand auf und entfernte
+sich aus der Stube.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
+Achtes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am folgenden Tage wurde Grahl durch den Lehrling
+Menzel vor Herrn Karst gerufen. Herr Karst las in einem
+Briefe ruhig bis zu Ende, ohne den Gruß von Grahl erwidert
+zu haben, der nahe der Tür stehengeblieben war. Als er mit
+dem Lesen fertig war, machte der Personalchef dem Angestellten
+den Vorschlag, freiwillig zum Ende des Monats auszuscheiden.
+</p>
+
+<p>
+Grahl glaubte im Ernst, nicht richtig verstanden zu haben.
+Herr Karst wiederholte den Vorschlag und Grahl konnte
+darauf nur fragen: Ob nicht gestern ein Beschluß der Instanz
+in dieser Sache entschieden hätte? Herr Karst überhörte diese
+Bemerkung. Es schien, als interessierten ihn nur seine eigenen
+Worte – und außer diesen höchstens die Bestätigung, die
+nach seinem Wunsch zu erfolgen hatte. Er wiederholte wörtlich
+das vorige Verlangen. Grahl preßte die flache Hand an
+die Stirn. – Sie nehmen mich hier beleidigend einfach, schien
+er zu denken. – „Wie soll ich auf das mir zugesprochene Recht
+verzichten?“ sagte er laut. – „Sie wollen also nicht?“ fragte
+Karst. – „Nein.“ – „Gehen Sie an Ihre Arbeit.“ – Grahl
+ging in die Paketannahme zurück.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen wurde er wieder in das Glashaus
+des Herrn Karsts gerufen. „Haben Sie sich meine Frage inzwischen
+bedacht?“ fragte Karst. – „Ich hatte keine Veranlassung,
+dies zu tun.“ – „Was sollen wir also mit Ihnen
+beginnen?“ – Grahl schwieg. Dann sagte er fest: „Ich bin
+tauglich zur Arbeit, so gut wie ein anderer.“ – Mit einem
+Mal begann der Personalchef zu lächeln. Er stand auf und
+ging in vertraulicher Art bis dicht vor Grahl. Dann sagte er
+leise: „Ich will Ihnen einmal im geheimen eine Andeutung
+machen. Sie haben sich an der höchsten Stelle vorübergehend
+in Ungunst gebracht.“ – Grahl sagte kein Wort. Er blickte
+sein Gegenüber wartend an. – „Bedenken Sie,“ fuhr der
+Personalchef geheimnisvoll leise fort, „daß Ihr Mandat als
+Vertreter des Personals Sie in eine feindliche Stellung zur
+Leitung gedrängt hat.“ – „Was soll das heißen?“ fragte
+Grahl, indem er die Lider zusammenzog. – „Ihr Mandat ist
+zum Schaden für Sie, wie es scheint.“ – Er bemerkte, daß
+Grahl zu zittern und schwer zu atmen begann. Plötzlich verzog
+der Alte den Mund zu spöttischem Lächeln. „Das Gesetz,
+das den Angestelltenvertreter gegen die Leitung immun
+macht,“ sagte er langsam, „ist also nicht überflüssig, wie’s
+scheint. Vor dem Arbeitsgericht war von anderen Mängeln
+die Rede.“ – Karst biß die Lippen verärgert zusammen. –
+„Für Ihre Andeutung danke ich, ja,“ vollendete Grahl mit
+vollkommen höflichem Tonfall.
+</p>
+
+<p>
+Karst sah seinen Plan gescheitert. Grahl durchschaute,
+daß man ihn von dem Amt eines Ausschußmitgliedes ablocken
+wollte, um ihn der Immunität zu berauben. Sein Gesicht
+verriet sein Verständnis davon. – „Gehen Sie an Ihre
+Arbeit,“ sagte der Personalchef verdrießlich.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Erregung und einer gewissen Wut, welche ihn
+überkam – ihm schienen die Mittel, mit welchen man ihn
+übertölpeln wollte, gar zu beleidigend – stellte sich eine Ruhe
+ein, aus dem Gefühl von Geborgenheit unter dem Spruch,
+mit dem das Gericht ihn vor dem furchtbaren Winter des
+Stellungslosen bewahrte. Morgens, wenn er die Wohnung
+verließ, schlug ihm der Windstoß, ein Bote des nahen November,
+kalt ins Gesicht. Grahl empfand seine Sicherheit
+mit triumphierender Freude, und er bestärkte sich, allen Versuchen,
+die ihn zu törichten Schritten verführen sollten, mit
+wortkarger Ablehnung oder offensichtlicher Ironie zu begegnen.
+Sie hatten ihm seinen alten Posten genommen –
+das mochten sie tun. Die Stellung, das Brot ihm zu nehmen,
+sollte so leicht nicht fallen. Dazwischen stand ein Gesetz.
+</p>
+
+<p>
+Er war inzwischen auch in den Besitz der Urteilsbegründung
+gelangt.
+</p>
+
+<p>
+„Da die Klägerin“ – hieß es in der Begründung –
+„bei ihrem ausgedehnten Betriebe vielerlei Verwendungsmöglichkeit
+für den Beklagten besitzt, so ist in keiner Weise
+begreiflich, warum dem Beklagten, dessen Tauglichkeit auf
+dem lange geführten Posten bestritten wird, nicht eine andere
+Tätigkeit übertragen werden sollte. Beklagter scheint zurzeit,
+unter dem Einfluß besonderer Verhältnisse, nicht voll dem gewohnten
+Amte genügen zu können.
+</p>
+
+<p>
+„Das Gericht“ – hieß es weiter – „hält es für seine
+Pflicht, den häufigen Wechsel im Ausschuß zu unterdrücken.
+Denn nur ein Ausschuß, der die Verhältnisse der Firma und
+der Angestellten im einzelnen kennt, ist seiner Aufgabe gewachsen.
+Nur dort, wo ein wirklich wohlbegründetes Interesse
+des Arbeitgebers ersichtlich ist, wird er daher seine Zustimmung
+zur Kündigung geben. An einem solchen wohl begründeten
+Interesse fehlt es in diesem Falle durchaus.“
+</p>
+
+<p>
+Da konnte Grahl also ruhig sein. –
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage wurde er abermals vor den Personalchef
+gerufen. – „Sie wünschen gewiß ein Zeugnis zu erhalten?“
+fragte ihn Karst – Unwillkürlich erbleichte Grahl.
+Er führte Daumen und Zeigefinger zur Brille. – „Nicht
+wahr?“ sagte der Personalchef lächelnd. Dies gutmütige
+Lächeln in dem vollen brutalen Gesicht warnte den Alten. –
+„Warum sollte ich wünschen, ein Zeugnis zu erhalten?“ stieß
+er gereizt hervor. – „Halten Sie es nicht für besser,“ sagte
+Karst, mit ernster Miene im Sessel lehnend, „daß Sie zum
+ersten November den Dienst hier quittieren<a id="corr-27"></a>?“ – „Ich denke
+gar nicht daran,“ rief Grahl. – „Ueber kurz oder lang werden
+Sie <em>doch</em> Ihren Posten verlassen müssen,“ sagte Karst
+mit überzeugter Stimme und gegeneinanderklopfenden
+Fingerspitzen; „es kann Ihnen vielleicht gelingen, einen Monat
+länger bei uns herumzuliegen. – Uebrigens, schämen Sie
+sich denn nicht, diesen Posten da in der Paketannahme so ganz
+selbstverständlich innezuhalten?“ – „Ich habe mir diesen
+Posten niemals gewünscht,“ rief Grahl entrüstet. – „Und Sie
+hoffen,“ fuhr sein Gegner fort, ohne dem Ausruf Beachtung
+zu schenken, „Sie hoffen nach Ihrem trotzigen Widerstand
+noch ein brauchbares Zeugnis zu erhalten?“ – „Ich will kein
+Zeugnis,“ rief Grahl, „ich habe Arbeit, ich habe Stellung –
+ich brauche kein Zeugnis.“ – „Sie werden bald anderer Meinung
+sein.“ – Grahl lachte. – „Ich rate Ihnen, sich klug
+zu verhalten. Geben Sie diese Stellung auf, wie man von
+Ihnen verlangt – so werden Sie mittels des Zeugnisses, das
+wir Ihnen ausstellen wollen, bald eine neue, besser geeignete
+Stellung gefunden haben. Verharren Sie aber in Ihrem
+ungeschickten Verhalten, so bleibt Ihnen, wenn Sie sich
+von den Tatsachen überflügelt finden, die Hilfe von unserer
+Seite versagt.“ – „Mein gutes Schicksal erspart mir,“ schrie
+Grahl, „sowohl das Los, eine Stellung suchen zu müssen –
+eine Stellung in dieser Zeit! – als auch das Unglück, Ihr
+Zeugnis erwarten zu müssen. Ich will nichts mehr hören!“
+schrie Grahl. – „Gehen Sie an Ihre Arbeit,“ sagte der Personalchef,
+ohne ihn anzublicken.
+</p>
+
+<p>
+„Hetzt mich, hetzt mich,“ murmelte Grahl, als er den
+langen Flur im Kellergeschoß hinabging – dort war die
+Paketannahme –; „solange ihr mich wie einen Hasen zu
+treiben versucht, merke ich doch, wie gern ihr mich fangen
+möchtet.“ –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+Im Innern gereizt, aber äußerlich still, seinen Kummer
+sowie die Ursachen heimlich verschweigend, saß Grahl in seiner
+Stube, wo Gertrud, ihm gegenüber, mit langsamen regelmäßigen
+Zügen Brief um Brief und dazu die Adressen schrieb.
+Neben ihr lag die Abendzeitung, in welcher sie mehrere Inserate
+unter der „Zimmer“-Rubrik mit Kreuzen bezeichnet
+hatte. – Hermann war wohl zu einem Vortrag gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schellte es an der Wohnungstür. Beide erschraken.
+Gertrud ging; Grahl preßte die Hand auf die
+Brust ... Es war Herr Uri. Er konnte nicht umhin, gleich
+beim Eintritt einige sehr lustige, freundliche Sachen zu Gertrud
+zu sagen. Er komplimentierte die Farbe des Kleides
+und fand noch mehr zu bewundern. Gertrud legte eilig die
+fertigen Briefe zusammen, sie begab sich in die Küche, um für
+den Gast ein Abendbrot zu bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Als Herr Uri sich mit Grahl allein in der Stube befand,
+wurde der Ausdruck seines Gesichts nachdenklich ernst. Und
+dann – mit wenigen Worten unterrichtete er Grahl von
+dem neuesten Schlag, zu welchem man gegen ihn ausholte.
+Baaß und jenes Ausschußmitglied, das vor dem Arbeitsgericht
+mit Baaß zusammen als Zeuge der Firma erschienen war –
+diese beiden hatten in einer Versammlung, die eben beendigt
+war und sowohl alle Ausschußmitglieder, mit Ausnahme von
+Grahl, als auch eine Anzahl von Angestellten vereinigt hatte,
+den folgenden Antrag gestellt: Nach den beleidigenden Ausfällen
+Grahls vor dem Arbeitsgericht gegen eines der Ausschußmitglieder,
+Herrn Baaß, sei eine nutzbringende Gemeinschaft
+zwischen Grahl einerseits und den übrigen Mitgliedern
+andererseits zu bezweifeln. Unter Verzicht auf eine Entschuldigung
+seitens Grahls werde dieser aufgefordert, von seinem
+Posten als Ausschußmitglied zurückzutreten.
+</p>
+
+<p>
+Grahl sprang auf, fiel in den Stuhl zurück, stemmte eine
+Faust auf das Herz und stöhnte. „Ich werde nicht!“ rief er
+aus, „ich habe keine Veranlassung, von meinem Posten zurückzutreten.
+Wer kann mich zwingen? Mich deckt nicht mein
+Recht allein – mich schützt das Gesetz auf zweifache Weise.“
+</p>
+
+<p>
+„Lieber Grahl,“ sagte Herr Uri, „ich habe Ihnen mit
+dieser Nachricht nichts Gutes gebracht. Aber nun wird jene
+Aufforderung, welche Sie höchstwahrscheinlich schon morgen
+treffen wird, nicht mehr vermögen, Sie zu einem unbesonnenen
+Entschluß zu verleiten.“
+</p>
+
+<p>
+„Mich verleiten?“ rief Grahl. „Zu einem Entschluß?
+Ich habe keine Veranlassung ... Was? Halten mich meine
+Kollegen für schwachsinnig – wie?“
+</p>
+
+<p>
+Gertrud, ein Tablett vorsichtig in Händen tragend, kam
+an die Tür. Herr Uri sprang auf, um ihr behilflich zu sein.
+Und während der Stunde, für die Uri noch blieb, konnte
+er solch ein gutmütiges frohes Geplauder mit der Tochter
+seines Kollegen treiben, als wäre an diesem Abend von gar
+nichts Ernstem die Rede gewesen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
+Neuntes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am nächsten Morgen fand Grahl, wie erwartet, den
+Brief. Er hatte bereits ein kurzgehaltenes Antwortschreiben
+verfaßt, in dem er erklärte, es gäbe für ihn keine Veranlassung,
+von dem Amt, zu welchem die Stimmen der Wähler
+ihn berufen hatten, zurückzutreten. – Er ersuchte einen Boten,
+dies Schreiben zu überbringen, und blieb in einem Gefühl
+von Befriedigung und Verzweiflung zurück. Um sein laut
+klopfendes Herz zu beschwichtigen, wiederholte er sich mit gemurmelten
+Worten, daß das Gesetz seine Stellung auf zweifache
+Weise schützte. Aber die innerliche Empfindung von
+dennoch nagender Angst entsprang der Gewißheit von einem
+dunkel sich näher gegen ihn wälzenden Ende. Er hörte die
+triumphierenden Hörner der Jäger, das Kläffen der Hunde.
+Seine Stirne nickte kaum merkbar, nickte unaufhörlich nach
+dem unaufhörlichen Takt seines klopfenden Herzens.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittage wurde ihm ein Schreiben gebracht, des
+Inhalts, daß sämtliche Ausschußmitglieder von ihrem Amte
+zurückgetreten wären, um einen vom Personal neu zu
+wählenden Ausschuß zu ermöglichen und somit das unerwünschte
+Nebeneinander mit Grahl zu lösen. – Grahl, ohne
+merkbar mit einer Miene zu zucken, steckte den Brief in die
+Tasche. Nun wußte er auch, daß es eben diese Maßnahme
+war, die er gefürchtet hatte, als die Empfindung von Angst
+in ihm zu klopfen begann. Für eine halbe Stunde und länger
+war sein Denken gelähmt. Dann schrieb er mit fiebernder
+Hand einen Brief: Er protestierte; er verlangte Gehör.
+</p>
+
+<p>
+Die Erregung in ihm, die nach entscheidender Aussprache
+drängte, trieb ihn, mit eigenen Händen den Brief in die Revisionsabteilung
+Herrn Baaß zu bringen. O, er kannte sie
+wohl, seine Kollegen vom Ausschuß. Sie standen nun alle
+unter dem Einfluß von Karst, dem sie gut zu gefallen suchten;
+der selber nun wohl eine Gunstbezeugung für die Vollstrecker
+seines Willens daran wenden mußte, nachdem dieser sein Wille,
+in unmittelbarem Angriff auf Grahl, sein Ziel nicht hatte
+erreichen können ...
+</p>
+
+<p>
+Als er in dem langen Flur, dicht bei der Kantine, an der
+Tafel vorbeigehen wollte, wo für die Angestellten wichtige
+Mitteilungen zu finden waren, blickte ihn die Ueberschrift
+eines Aufrufs an: „Neuwahl zum Ausschuß am 29. Oktober“.
+– Grahl blieb stehen. Sein Herz stand still. Es war schon
+zu spät. Nun hieß ein Versuch, die Gegner von ihrem Unrecht
+zu überzeugen, sich vor ihnen zur Erde beugen ... umsonst
+sich zur Erde beugen. – Er wendete sich mit schurrenden
+Sohlen und kehrte den Weg über den langen Flur, sich nah
+an den getünchten Wänden haltend, zurück.
+</p>
+
+<p>
+Das Oktoberwetter umpfiff ihn, als er den Weg nach
+Hause ging. War er vogelfrei? Mit seinem Mandat ging
+seine Immunität verloren. Ein Versuch zu erneuter Kandidatur
+wäre sinnlos. Aber dann blieb noch ein anderes Recht.
+Er konnte noch als einfacher Angestellter den bald neugebildeten
+Ausschuß zum Einspruch gegen die Kündigung aufrufen,
+die ihn voraussichtlich am letzten Tage des Monats traf. Aber
+die Hoffnung, die ihn auf diesem Wege begleiten konnte, war
+lächerlich winzig. Denn sicherlich würde die Mehrzahl der
+alten Ausschußmitglieder den neu zu wählenden Ausschuß
+bilden. Die Auflösung samt der folgenden Wahl – dies war
+ein taktischer Zug, wahrscheinlich betrieben von Karst, den
+Buchhalter Jakob Grahl aus dem Amt zu entfernen. War
+er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird <a id="corr-29"></a>ihn ein Brief von
+seinem erloschenen Mandat in Kenntnis setzen, am 31. ein
+anderer von seiner Entlassung am 1. Dezember. Dann kann
+er noch einmal zum neuen Ausschuß gehen, der sich im besten
+Fall aus anderen Untertanen zusammensetzt als der alte –
+das kann er, als der gekündigte Buchhalter Grahl ... aber
+er wird es nicht tun.
+</p>
+
+<p>
+Er hüpfte von einem Fuß auf den andern. Obgleich ihm
+der Wind ins Gesicht pfiff, glühte die Stirn. Nur die Finger,
+in seinen Manteltaschen, und die hüpfenden Füße waren
+eiskalt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aber es kam noch anders, als er erwartet hatte. Am
+Morgen des Neunundzwanzigsten war an Stelle des Aufrufs
+zur Wahl eine Mitteilung an die Tafel geheftet: Aus Mangel
+an Kandidaten konnte die Wahl nicht vonstatten gehen. –
+Es gab also keinen Ausschuß mehr. – Niemand wünschte
+durch die Eigenschaft als Führer des Personals in einen
+etwaigen Konflikt mit der Leitung der Firma zu geraten.
+Man hatte ja wohl bemerkt, wie wenig Sicherheit eine
+Immunität bedeutet, wenn sie Herrn Karst nicht gefällt ...
+</p>
+
+<p>
+Mit der Kündigung, welche Grahl erwartungsgemäß am
+Vormittag des 31. Oktober (zum 1. Dezember) erhielt, wurde
+ihm sein Gehalt für den vergangenen Monat verabfolgt. An
+der Summe fehlte beinahe ein Drittel zu seinem Monatssalär.
+Er wandte sich an den Kassierer, der ihm erklärte, daß für
+den vergangenen Monat der Gehaltstarif für Boten und
+Packer, nach welchem der Vorgänger auf seinem Posten gelohnt
+worden war, auch für <em>ihn</em> Geltung hätte. – Ohne zu
+merken, daß er gegen Böcke rannte, und Menschen, die ihm
+im Wege standen, beiseite stieß, lief Grahl durchs Kontor und
+trat in den „Glaskasten“ ein, wo Herr Karst, einen Brief
+diktierend, am Schreibtisch saß. Ehe Grahl den ersten Satz
+mit hastiger, oft versagender Kehle zu Ende gesprochen hatte,
+hielt ihm Karst einen geschlossenen Umschlag entgegen. Er
+trug eine Aufschrift: „Zeugnis für Jakob Grahl“. – Grahl
+hörte Herrn Karst noch die Worte sagen: „Sie können nach
+Hause gehen. Die Firma verzichtet auf Ihre Tätigkeit, obgleich
+das Dienstverhältnis bis zum 1. Dezember geht. Sie
+brauchen nicht wiederzukommen. <em>Trotzdem</em> wird Ihnen
+am Letzten des kommenden Monats das Gehalt für einen
+Boten bezahlt. Adieu.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Herr Karst fuhr fort, einen Brief zu diktieren. Grahl
+wollte entgegnen ... aber es schien ihm dann, als wäre es
+sinnlos, etwas zu sagen. – „Vollkommen sinnlos,“ sagte er
+mit vernehmlicher Stimme und stand im Regen vorm Haus.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="date">
+„....., den 31. Oktober 1924.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Herrn Jakob Grahl.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Am 29. Oktober 1924 ist das Mandat des alten Angestelltenausschusses
+erloschen. Ein neuer Ausschuß ist nicht gewählt
+worden. Es besteht also seit diesem Tage kein Ausschuß
+mehr.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Erlöschen des Mandats des alten Angestelltenausschusses
+ist auch Ihre Zugehörigkeit zum Angestelltenausschuß
+erloschen.
+</p>
+
+<p>
+Die Voraussetzungen, weswegen uns von seiten des Arbeitsgerichts
+eine Kündigung versagt worden ist, sind somit
+in Fortfall gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Wir kündigen Ihnen daher hiermit Ihre Stellung zum
+1. Dezember 1924.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Hochachtungsvoll<br>
+Winter, Komm.-Ges. (Personalleitung)<br>
+Karst.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="date">
+„....., den 31. Oktober 1924.
+</p>
+
+<p class="hdr">
+Zeugnis.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Herr Jakob Grahl war vom 1. Mai 1898 bis 31. Oktober
+1924 bei uns beschäftigt.
+</p>
+
+<p>
+Er fand während dieser Zeit in verschiedenen Abteilungen
+Verwendung und erledigte die leichteren Arbeiten zu
+unserer Zufriedenheit.
+</p>
+
+<p>
+Das Vertragsverhältnis wurde von uns zum 1. Dezember
+1924 gelöst, weil Herr Grahl sich den Anforderungen
+unserer Buchhaltung nicht gewachsen zeigte und wir eine Beschäftigungsmöglichkeit
+für ihn in anderen Abteilungen nicht
+fanden.
+</p>
+
+<p>
+Seine Führung war, abgesehen von den letzten drei Monaten,
+gut.
+</p>
+
+<p class="sign">
+ppa. Winter, Komm-Ges.<br>
+Karst.“
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
+Zehntes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Zu seiner Verwunderung fand er zu Hause weder Gertrud
+noch Hermann, obgleich der Eingang zur Wohnung unverschlossen
+gewesen war. Es war ihm recht, mit sich selber
+allein zu sein. Er legte sich, bleierne Schwere in Kopf und
+Füßen, aufs Sofa. Er wünschte zu schlafen, um vor den Gedanken,
+die hinter der Stirne eilig wie Mäuse durcheinanderflohen,
+Ruhe zu haben. Er fand sich nicht fähig, den in seiner
+Sache notwendigen Entschluß zu fassen. In Wirklichkeit –
+sagte er sich, wenn er die letzte Kraft seines Denkens für einen
+Augenblick zu sammeln vermochte – in Wirklichkeit muß die
+Verteidigung gegen das Unrecht, das mir getan worden ist,
+einfach sein; obgleich diese Pflicht, mich zu wehren, wie eine
+unabwälzbare Last auf mir kniend, mich lähmt ...
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich wurde die Wohnungstür in nervöser Hast mit
+dem Schlüssel geöffnet. Die Stubentür wurde aufgerissen;
+Hermann, bleich und mit klebrigem Haar, rief verzweifelt:
+„Vater, komm mit.“ Grahl sprang auf. In diesem Augenblick
+fühlte er nichts mehr von seinen Leiden, er stolperte durch
+den Flur, und ohne den Hut aufzusetzen, folgte er seinem
+Sohn die Treppen hinunter, indem er beständig sagte: „Was
+ist denn geschehen? Ist deiner Mutter etwas geschehen?“ und
+Hermann mit seiner abgehetzten heiseren Kehle hervorstieß:
+„Komm mit, ich erzähle dir unterwegs.“ An der Haltestation
+der Straßenbahn blickte Hermann den Lauf der Schienen hinunter.
+„Wir müssen laufen, es kommt keine Bahn,“ flüsterte
+er, und ohne zu zögern, warf er den Körper herum und hastete
+weiter. – „Hermann, ich folge nicht mehr – keinen Schritt“
+– keuchte der Vater, „wenn ich nicht nun erfahre ... Ist
+deiner Mutter ... oder ist Gertrud ... Hermann ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gertrud,“ stieß Hermann im Laufen heraus, „ist heute
+früh zum Gefängnis gegangen. Sie kam dann zurück und
+holte mich – wie ich dich. Als ich von ihr erfuhr, was geschehen
+war, angeblich geschehen, lief ich zu dir ins Bureau.
+Dort sagte man mir, du wärest nach Hause gegangen. So ist
+es gewesen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn geschehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist vielleicht gar nicht geschehen, gar nicht so furchtbar,
+Vater ... aber du mußt denken, bei dir ... du mußt
+dir das Furchtbarste denken. Dann bist du sicher ... vor
+jeder Nachricht, die uns erwartet. Stelle dir vor ... das
+Schlimmste – es braucht darum nicht zu <em>sein</em>.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich stelle mir nun das Schlimmste vor – Hermann –
+ist es so?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es selber nicht, Vater. Ich weiß es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+So rannten sie bis zum Bahnhof, wo sie den Vorortzug,
+mit dem sie zur Wette gelaufen waren, davonfahren sehen
+mußten. Sie hatten eine Viertelstunde zu warten, sie gingen,
+jeder für sich, umher. Sie blickten aneinander vorbei und
+schwiegen.
+</p>
+
+<p>
+Im Abteil führten sie eine Unterhaltung, die darin bestand,
+daß Grahl seinen Sohn – und Hermann den Vater
+ermahnte, des Schlimmsten gewärtig zu bleiben ... des
+Schlimmsten, das denn nichts anderes als ein natürlicher
+Punkt des Lebens sei.
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke meine Gedanken zu Ende, Vater, und bleibe
+ruhig. Bleibe auch du ruhig, Vater.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann was vertragen, Hermann. Man muß auch
+mal zeigen, daß man sich meistern kann. – Uebrigens ist es
+noch gar nicht gesagt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich ist es nur eine Sicherheit gegen den äußersten
+Fall, wenn wir uns ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz ruhig bleiben, mein Junge, ganz ruhig ...“
+</p>
+
+<p>
+Als sie aber in einer Räumlichkeit mit nackten Wänden
+an der Bahre standen, auf welcher die Strafgefangene Anna
+Grahl mit ein wenig geöffneten Augen lag, waren die Vorbereitungen
+gänzlich vergessen. Hermann, mit dem Ausdruck
+eines skeptischen Philosophen, stand an der langen Seite der
+Bahre, die Brauen herunter-, den Mundwinkel aufwärts
+gezogen, als nähme er mit schlichter Nachdenklichkeit das Geschehnis
+zur Kenntnis. Er nickte sogar in einer Weise, als
+fände er hier eine naturwissenschaftliche Annahme bestätigt.
+Dann ging er hinaus. – Grahl hatte zuerst überrascht geblickt.
+Dann betrachtete er mit einer Miene von Grauen,
+Schrecken und schmerzlicher Verdrossenheit die durch einen
+Spalt glänzend blickenden Augen in jenem bekannten unbekannten
+Gesicht, auf welchem trotz der Verzerrtheit des
+Mundes die hohe Fremdheit vollkommener Ruhe und unendlicher
+stiller Entferntheit schwieg. Dann wich sein Blick zur
+Seite, wo, neben der Bahre, ein Halstuch lag, zusammengerollt
+wie ein Strick. Er sah wieder die offenen Lippen, die
+tiefe Färbung des Angesichts – seine Augen gingen langsam
+über die fremde geöffnete Kleidung und langsam wieder
+hinauf bis zur Stirn ... Mißtrauen und ängstliche Ahnung,
+wie sie sich eines Knaben in unbekannter geheimnisvoller
+Umgebung bemächtigten, runzelten seine Haut überm Brillensattel.
+„Anna,“ sagte er leise ... „lebst du nicht mehr?“
+</p>
+
+<p>
+Es schien ihm, als zuckte die Unterlippe. – Kein Laut.
+</p>
+
+<p>
+Da stampfte Grahl mit dem Fuß.
+</p>
+
+<p>
+Es war aus. Und der Schmerz, der Kampf, die Arbeit
+ums Leben – was sie beide gemeinsam gehabt und getragen
+...
+</p>
+
+<p>
+Das war alles umsonst? War nur dies?
+</p>
+
+<p>
+Schon wieder besiegt? Schon wieder besiegt? Ja, ungerecht
+wie die Menschen – so war auch der Tod.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Elftes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am Abend saßen die Kinder Grahls, jedes für sich beschäftigt,
+am Tisch, während ihr Vater mit blauen Schläfen
+regungslos auf dem Sofa lag. Es klingelte an der Wohnungstür
+und Herr Uri kam. Beim Anblick der gramdurchfurchten
+Gesichter legte Herr Uri für einen Augenblick den
+Kopf auf die Seite, als sagte er bei sich selbst: Welch ein Unglück,
+ja, ja ... diese Kündigung. – Aber ehe er über die
+Ereignisse im Kontor hätte beginnen können, sagte der Alte
+mit einer bedeutungsvollen Bewegung: „Sie kommen zur
+rechten Zeit, mein Lieber. Ich möchte mit Ihnen ein wenig
+spazieren gehen. Ich brauche Luft um die Stirn.“
+</p>
+
+<p>
+Er erhob sich vom Sofa. Aber indem er merklich erbleichte,
+fiel er zurück. „Es ist nichts,“ sagte er nach einer
+Pause mit schwachem Lächeln, „draußen wird das vorübergehen.“
+Er strich seinen Kindern mit einer ruhigen Bewegung
+über die Scheitel. Gertrud neigte den Kopf noch tiefer
+und brachte endlich ihr Nähzeug lautlos bis an die Augen.
+</p>
+
+<p>
+An der Treppe zögerte Grahl. „Geben Sie mir Ihren
+Arm, mein Lieber ... ich weiß nicht ... die Treppe ...“
+Herr Uri führte ihn langsam hinunter. Die frische sternklare
+Straße machte ihn tiefer atmen, er seufzte. Es war, als ob
+von Augenblick zu Augenblick Regungen eines hohen
+Schmerzes zitternd vom Kopfe zum Herzen liefen, sein Gemüt
+mit jenem Frieden erfüllend, den die Demut unter das
+Schicksal erzeugt. – Herr Uri berichtete unterdessen, gleichsam
+zum Troste, von einigen Mißvergnügten im Personal, die
+ihrer Empörung über den Abschied des Alten Ausdruck zu
+geben begannen. Es hatte sich nun herausgestellt, daß der
+Nachfolger Grahls in der Paketannahme – eben derselbe Angestellte
+war, der früher den Posten gehalten hatte. Es war
+ein Bote, welchem die Firma den Urlaub für das vorgehende
+Jahr noch schuldete. – In seiner Abwesenheit hatte man
+Grahl auf den Posten gestellt, mit seinem Wiedererscheinen
+hatte man ihn entlassen.
+</p>
+
+<p>
+„Glauben Sie denn,“ fragte Grahl, „daß diese Stimmen,
+die sich nun einzeln für mich erheben, nachdem sie so lange
+geschwiegen haben – glauben Sie, daß diese Stimmen etwas
+vermögen, nachdem die letzte Vertretung des Personals unter
+der Macht des Geldherrn und unter der Vorsichtigkeit der
+Angestellten vergangen ist?“
+</p>
+
+<p>
+Herr Uri schwieg. Dann sagte er leiser: „Das ist wahr
+– unser Recht ist dahin.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen nicht davon reden, Uri,“ sagte der Alte;
+„wenn es so und nicht anders auf Erden ist, kann man wohl
+schlecht was dagegen sagen. Geben Sie mir bitte Ihren
+Arm. – – Heute vormittag, Uri, hat meine Frau mittels
+eines Tuches, das sie sich etwas fest um den Hals wickelte,
+ihre aristokratische Gleichgültigkeit gegen dies Leben öffentlich
+kundgetan. Ich bin ganz verwirrt, muß ich sagen. Sie
+ist davon gegangen – sie hielt es für gut – mich ließ sie
+beinahe beschämt zurück. Uri, einige sterben, weil sie sich vor
+den Menschen fürchten; andere, weil sie sich eingestehen, daß
+sie nicht ins rechte Milieu geraten sind, als sie in die
+Menschenwelt eingelassen wurden. Ich weiß nicht recht ...
+ich habe einen Respekt. Wenn ein Mensch nicht mehr weiter
+kann und daher umkehrt – dann heißt man das: Schwäche.
+Meine Frau war stark, da ist gar kein Zweifel. Sie hat sich
+bestimmt nicht zurückgezogen aus Furcht. Sie konnte den
+Kopf so hoch wie sie wollte tragen. Das hätte sie auch in
+dieser Sache vermocht. Sie hatte da eine Sache, Uri, müssen
+Sie wissen ... Gut, Anna war also stark. Aber ich? Ich
+habe um Anna, wenn ich sie lächeln sah – ich verstand ihr
+Lächeln so gut, so ganz, daß ich mich heute nicht hätte wundern
+sollen – ich habe um sie so gezittert und so an der Seele geblutet,
+daß ich nichts mehr vom Leben wußte und sah, außer
+ihr. Die äußere Welt, in der ich gebunden war, verlor ihre
+Wirklichkeit, ich kannte in ihr meinen Platz nicht mehr, es gab
+für mich keine Sorgen, noch Pflichten – ich lebte mit ihrem
+Leben, mit ihrem Leiden hab ich gelitten, ich war über Tag
+und Nacht in der Seele der Frau, die so lächeln konnte, daß
+ich mich für die Menschheit schämte, die dies Lächeln herausgefordert
+hatte. Sie müssen wissen, man hat sie verklagt und
+vor die Richter gebracht. Um einen Dreck und nichts ... Aber
+weiter von mir. Sie sehen, das war meine Schwäche. Meine
+wesentliche Verwandlung, deren Zeuge Sie waren, Uri, in
+deren Verlauf meine Hände lahmten, und alle mich für
+stumpf und ermattet hielten – diese Verwandlung führte mich
+ins heftigste innerste Leben. Aber ich hätte da Einhalt gebieten
+müssen, nicht wahr ... Auf den Gedanken komme ich
+erst jetzt. Es sollten einige ausgemustert werden – und weil
+ich der Schwächste schien, griffen sie mich. Ich hätte auch, als
+sie im Ausschuß begannen, mich an den Rand zu drängen,
+mit ganz anderen Mitteln mich wehren müssen. Man kann
+sich ja wohl auch anders wehren, nicht wahr? Ich hätte Baaß
+nicht beleidigen sollen, oder, nachdem ich es einmal getan,
+hätte ich unternehmen sollen, ihn zu versöhnen. Ihn hätte
+ich auf den Abend an meinen Tisch zu einer Flasche Wein
+bitten sollen – statt dessen habe ich <em>Sie</em> eingeladen. Ich
+hätte ein Machtmittel bei mir behalten sollen, einen Austauschwert
+– statt dessen ließ ich mir alles nehmen und behielt
+nur mein Recht. Ich war bis zum Schluß der irrigen Meinung,
+die höchste Macht sei – das Recht. Uebrigens – und
+Sie können hieran meine ganze Schwäche erkennen – dieser
+Meinung bin ich noch jetzt. Ich habe keine Kraft, sie von mir
+zu tun, keine Gelegenheit – nämlich keinen Wunsch. Wenn
+ich wünschte, im Unrecht zu sein, wünschte ich nicht mehr, meine
+Sache zu gewinnen. Und wie ich nun einmal bin, rief ich
+nicht einmal Beistand zu Hilfe – ich sah alles so einfach an,
+ich war ja im Recht. Wenn die Natur mich für einen kurzen
+Abschnitt verwandelt, so daß meine Kraft, wie in Krankheit,
+lahmt, so bin ich doch eben im Recht ... und die Menschen
+müssen dies Recht respektieren, ohne Erklärung von meiner
+Seite, ohne Preisgabe eines Gefühls, dessen Art es ist, stumm
+im Leben zu bleiben. Gott sorgt für alle, heißt es zu unrecht,
+wie ich bemerke; aber ein reicher Mann, das Haupt einer
+Kommanditgesellschaft, kann für tausend sorgen, wenn er nur
+will. Unter den Tausenden einer mußte hinaus – denn dieses
+einen Monatssalär wollte ein Sparsamer sparen – dieser
+eine war ich – ich war schwach – <em>denn</em> ich war schwach –
+dies „denn“ ist sehr wichtig – verstehen Sie mich – es empört
+mich – ja ... ja, ich bin schwach ...“
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sich aus dem Arm Uris gerissen. Etwa zehn
+Schritte noch ging er fort. Dann wurde sein Gang ein Torkeln
+vornüber. Er torkelte auf die Seite, wo eine Laterne
+stand. Mit der Absicht, sich anzuklammern, hob er den rechten
+Arm. Aber plötzlich fiel der Arm herab. Grahl sank in die
+Knie, schlug zur Seite, machte noch eine kurze Bewegung und
+lag regungslos auf dem Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist Ihnen ... Grahl ...“ sagte Uri, indem er die
+zerbrochene Brille hinter den Ohren des Liegenden löste. Dann
+wendete er ihn mühsam in das Licht der Laterne, blickte ihm
+in die Augen und schwieg.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
+Zwölftes Kapitel.
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Einige Tage nach dem Begräbnis ihrer Eltern saß Gertrud
+abends allein am Tisch, die Augen auf beide Arme gelegt.
+Ueber ihr zischte leise das Gaslicht. Vor ihr stand die
+Lade einer Kommode, deren Inhalt zum Teil auf dem Tisch
+ausgebreitet war. Mit ihren Armen lag Gertrud auf einigen
+Blättern beschriebenen Briefpapiers. Neben ihr krümmte sich
+ein besonderes Blatt, welches wahrscheinlich zerknüllt in dem
+Schubfach gelegen hatte, denn es bog sich mit vielen Falten
+und knackte, als wollte es sich nicht in die neue Lage gewöhnen.
+Dies Fach, das Gertrud an diesem Abend zu sichten
+unternommen hatte, war Frau Annas Privatfach gewesen,
+in welches noch keines der Kinder Einblick genommen hatte.
+Gertrud, um sie ihrem Bruder zu ersparen, hatte entschlossen
+die gefürchtete Arbeit begonnen. Aber nun stockte sie schon,
+von der Gegenwart dieser lebendigen Schrift übermannt,
+unter aufsteigenden Erinnerungen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich klopfte es an die Tür und Herr Uri war da.
+Gertrud sprang auf. Herr Uri mußte von Hermann, der eben
+die Wohnung verlassen hatte, eingelassen worden sein. Auf
+seinen Gruß erhielt er ein schmerzliches Lächeln zur Antwort,
+er hörte den hellen Ton unterdrückten Schluchzens – und befand
+sich, ehe er noch zu Worte gekommen war, allein in der
+Stube.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+Mit dem dringenden Wunsche, diesem Mädchen, dem
+von ihren Eltern geblieben war, was sich auf einem Tische
+ausbreiten ließ, Trost, Hilfe und – wenn es die Konstellation
+ergäbe – mehr noch zu bringen, ließ sich Herr Uri auf dem
+Sofa nieder. Es gingen Minuten vorbei. Die Wanduhr
+schlug. Endlich bemerkte er das Blatt, das offensichtlich einmal
+zerknüllt gewesen war, und las.
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="addr">
+„Sehr geehrter Herr Mörk!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Sie haben mich beim Gericht verklagt. Sie denken wahrscheinlich
+bei sich: Diese Frau ist eine Verbrecherin, es ist gut,
+sie vor die Richter zu bringen. Wenn ich Ihnen aber dagegen
+sage, daß ich in meinem Leben bis heute – da mir von
+meinen blonden Haaren das letzte ergraut ist – noch niemals
+versuchte, irgend jemandem mit Bedacht zu schaden, und
+daß mein Unrecht, wenn es nun einmal zu existieren scheint,
+ein Spiel des Unglücks mit meinem ehrlichen Namen ist –
+so ziehen Sie vielleicht die Anklage, die Sie gegen mich führen,
+zurück? Was mir auch vom Gericht aus geschehen möge, ich
+werde nicht vor Schande und auch nicht vom Hohn meiner
+Nachbarn sterben. Aber der Gedanke, ein falsches Urteil entgegennehmen
+zu müssen, das ist für mich ein Todesgedanke.
+Ich weiß, daß vieles gegen mich zeugt, und ich sage Ihnen:
+Ich bin <em>doch</em> nicht schuldig. Und ich werde es <em>nicht</em> ertragen.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+An Stelle der Unterschrift standen folgende Worte:
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="noindent">
+„Nie im Leben schick ich dies ab.“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Herr Uri nahm die Blätter von Gertruds Platz.
+</p>
+
+<div class="letter">
+<p class="hdr">
+„Abschrift.
+</p>
+
+<p class="addr">
+Herr Mörk!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wäre ich Ihre Mutter, und ich würde von meines dreißigjährigen
+Sohnes Bosheit erfahren, von seiner schamlosen Art
+– ich würde vergessen, daß dies giftige Wesen mein Sohn ist.
+Wir kennen alle den Grund zu diesem Prozeß, mit dem Sie
+uns einige Monate drohten, ehe Sie ihn zur Ausführung
+brachten. Da die Drohungen mein Kind nicht zu Ihrer Verfügung
+willfährig machten, so wollen Sie doch Ihre Rache
+haben! Die haben Sie jetzt. Aber Sie haben auch einen
+Schlag ins Gesicht erhalten, von der Hand meiner Tochter!
+Ich glaube, Sie denken länger daran, als ich an die armselige
+Rache von Ihnen. Ich gehe singend ins Gefängnis
+hinein, mir ist das eine kleine Erholung.
+</p>
+
+<p>
+Ich speie Sie an!
+</p>
+
+<p class="sign">
+Anna Grahl.“
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="letter">
+<p class="hdr">
+„(Für den Gerichtstag.)
+</p>
+
+<p class="addr">
+Herr Richter!
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Jetzt will <em>ich</em> einmal diese Sache berichten. Es handelt
+sich um einen Stuhl. Dieser Stuhl, der kostbarste in meinem
+Hause, war ein Sessel mit rotem Seidenplüschbezug. Weil
+er war der schönste Sessel, den ich hatte, stand er im Vorderzimmer,
+wo alle guten Möbel stehen. Dies Vorderzimmer
+bewohnte Herr Mörk. Er hat meinen Sessel so schlecht behandelt,
+als wäre der Stuhl eine Waschtischplatte. Flecke im
+Stoff und Schrammen am Holz fand ich immer neu. Endlich
+verlangte ich, daß Herr Mörk meinen Stuhl reparieren lasse.
+Herr Mörk sagte: ja. Und ich denke mir, Herr Mörk hat gewußt,
+warum er nicht gern von dem Sessel sprach. (Bei dieser
+Stelle sehe ich Mörk an, mit einem vielbedeutenden Blick, so
+daß die Richter sich denken können, bei welchen Gelegenheiten
+mein Sessel zu Schaden kam.) Der Tapezierer
+holte den Sessel und behielt ihn einige Wochen. Nun hatte
+ich aber inzwischen die Wohnungsmiete zu bezahlen. Ich
+brauchte Geld. Herr Mörk ist der einzige Mieter in meiner
+Wohnung gewesen. Mein Sohn ist Student, meine Tochter
+lernt Schneiderei, nur der Vater verdient für uns alle. Ich
+verlangte Herrn Mörk nun die Summe ab, die mir der Tapezierer
+als Kosten für seine Arbeit zum Voraus genannt
+hat. Das waren fünfzehn Mark. Denn der Stuhl war verschandelt.
+Herr Mörk hat gefragt, wo der Stuhl denn nun wäre.
+Der Stuhl war damals beim Tapezierer. Ich gab ihm zur
+Antwort: Den Sessel bekäme er niemals wieder. Weil nun
+Herr Mörk nicht gern von dem Sessel spricht (hier seh ich
+Mörk wieder an), bezahlte er mir die fünfzehn Mark und
+war still. Aber einige Wochen später, als der Stuhl schon
+wieder im Hause war und bei uns in der Stube stand, wollte
+Herr Mörk die Quittung des Tapezierers sehen. Ich hatte
+nun eine Rechnung, die lautete über acht Mark und fünfzig.
+Diese Summe hab ich bezahlt, als der Tapezierer den Sessel
+zurück in die Wohnung brachte. Ich hatte damals bei mir
+gedacht: Eigentlich sollte das teurer werden. – Aber weiter
+nichts. Wie Herr Mörk nun die Rechnung zu sehen verlangte,
+merkte ich, daß ich ins Unrecht kam. Darum ging
+ich zum Tapezierer, er sollte mir eine Rechnung geben von
+fünfzehn Mark, und ich wollte ihm sechs Mark und fünfzig
+dazu bezahlen. Der Tapezierer fragte, weshalb ich es teurer
+haben wollte, und ich erzählte ihm das. Da wollte der
+Tapezierer nicht. Ich sagte ihm aber, er <em>müsse</em> – weil er
+mir doch zum Voraus <em>fünfzehn</em> Mark, aber nicht acht
+Mark und fünfzig gesagt hat. Er antwortete mir, es hätte
+weniger Arbeit gemacht als er dachte. Und es bliebe dabei.
+Da habe ich ihm erklärt, was er täte, und habe ihm auch
+gesagt, wie Herr Mörk es nicht gut mit uns meinte. Der
+Tapezierer wollte trotzdem nicht. Da bin ich nach Hause
+gegangen und habe mir ein Stück Rechenpapier genommen
+und habe die Rechnung des Tapezierers darauf geschrieben
+und am Ende die Zahl, die der Tapezierer im Anfang genannt
+hat. Herr Mörk ist zum Tapezierer gegangen, der erzählte
+ihm dann den Sachverhalt. Nun hat mich Herr Mörk vor
+Gericht gebracht, obgleich er wohl wußte, wie einfach die
+sechs Mark und fünfzig auf gütlichem Wege von mir zu
+haben waren. Herr Mörk war aber nicht auf sein Geld, sondern
+auf seine Rache bedacht –“
+</p>
+
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Diese Rede hat meine unglückliche Mutter fest im
+Gedächtnis gehabt,“ sagte Gertrud, die vor Herrn Uri stand,
+„und schon im ersten Satz unterbrach sie der Richter so schroff,
+daß sie für die folgende Verhandlung fast gänzlich verstummte.
+Lesen Sie diesen Zeitungsbericht. Sagen Sie mir, weshalb
+sind die Richter und Zeitungsleute so grausam? Ist es nicht
+<em>so</em> genug?“
+</p>
+
+<p>
+„Warum denn nicht?“ hieß die Ueberschrift des Artikels.
+– Warum denn nicht, sagte Frau Anna Grahl, die sich gestern
+vor dem Richter zu verantworten hatte, warum soll ich nicht
+sechs Mark und fünfzig verdienen? Und sie ahmte mit emsigem
+Fleiß die Handschrift es Tapezierers nach, um die vollendete
+Abschrift dem Untermieter Herrn Mörk, der seinerseits die
+Reparatur für einen zuschanden gerittenen Sessel zu zahlen
+hatte, mit dem kleinen Aufschlag von achtzig Prozent zu
+präsentieren. Herr Mörk aber sagte nun umgekehrt: Warum
+denn ja? und besuchte einmal den Tapezierer Herrn Bethge –
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Schreiberhund gehört vor Gericht,“ brummte Herr
+Uri, dem der Zorn das Blut in die Stirne getrieben hatte.
+„Er lebt von dem Schicksal der vor den Richter Geladenen
+und ist ihnen dankbar, indem er seinen erbärmlichen Witz
+daran wendet, sie zu verhöhnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, es war genug, um zwei Menschen davonzujagen!“
+</p>
+
+<p>
+Herr Uri erhob sich und stand gerade vor Gertrud.
+„Nein,“ sagte er ruhig, „sie sind Beide an einem Tage gegangen,
+mit einem schlechten Geschmack vom Leben, aber
+durchaus nicht gejagt. Ihre Mutter war konsequent genug,
+dies ihr Erlebnis ins allgemeine zu übertragen. Sie sah den
+Menschen den Zähnen der Hunde ausgesetzt, – er braucht sich
+nur eine Blöße zu geben. Sie wünschte nicht solchen dauernden
+Zustand, für den ihr nicht Mut, aber Knechtseligkeit,
+Unterwürfigkeit, Listigkeit fehlte – und vor allem die
+Schwäche, ein sinnloses Leben zu Ende zu führen. Ein vor
+Gewalt ungesichertes Dasein war sinnlos für sie, ihr fehlte die
+Müdigkeit, unfrei zu leben. Sie war noch nicht zahm. So
+war auch Grahl. Er lebte verständig, gerecht – und an dem
+Tage, als er bemerkte, man müsse das Beste im Leben freiwillig
+vernichten, um unter den Menschen im Kampf zu bestehen,
+da ging sein Dasein von selber zu Ende. Es ist nicht
+Stärke – wie die Leute so gerne behaupten, um sich selbst zu
+bemänteln –, sondern Schwäche, wenn sie ein Leben, das sie
+für sinnlos halten, doch weiter führen. Alle bemühen sich,
+zahm zu sein. Sehen Sie Ihren Bruder Hermann. Er ist
+wie Ihr Vater. Aber er fürchtet sich, er will nicht so sein, er
+kennt seinen Untergang mit seinem starken, trotzigen Herzen
+als Steuer. Darum zieht er sich lieber vor sich selber zurück,
+er ist sich gefährlich. – Er taucht in die Tiefe, um mit den
+anderen zu leben, zu handeln und ihre Sprache zu sprechen.
+Man nennt die Sieger im Kampf unter Menschen die Starken
+– aber die wahren Starken sind zu stark für dies Leben.“
+</p>
+
+<p>
+Es entstand eine Pause.
+</p>
+
+<p>
+„Noch eins,“ sagte Uri, und zog seinen braunblonden
+Schnurrbart. „Noch eins“ – und er wurde fast rot – „ist
+das Zimmer von diesem Mörk noch leer?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja,“ sagte Gertrud.
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte da wohnen,“ sagte Herr Uri.
+</p>
+
+<p>
+„Sie –?“ fragte Gertrud und stockte.
+</p>
+
+<p>
+„Morgen,“ fragte Herr Uri, „ziehe ich ein?“
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p class="skip_in_txt">
+Das Cover wurde von den Bearbeitern der <em>public domain</em>
+zur Verfügung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Die einzige Veröffentlichung von „Zu stark für dies Leben“ wurde vom 21. Juni
+bis zum 10. Juli 1927 im „Vorwärts“, Berlin, in 14 Folgen gedruckt:
+</p>
+
+ <div class="table">
+<table class="ref">
+<tbody>
+ <tr>
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+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+ </div>
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... Der „Geiger“, <span class="underline">dem</span> sein Violinspiel in Kaffeehäusern nicht ...<br>
+... Der „Geiger“, <a href="#corr-3"><span class="underline">den</span></a> sein Violinspiel in Kaffeehäusern nicht ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... unmöglich am vorletzten <span class="underline">Tages</span> des Monats – es war der ...<br>
+... unmöglich am vorletzten <a href="#corr-6"><span class="underline">Tage</span></a> des Monats – es war der ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Tage, erschien ihm das als Verrat, als <span class="underline">den</span> Bruch einer Pflicht. ...<br>
+... Tage, erschien ihm das als Verrat, als <a href="#corr-8"><span class="underline">der</span></a> Bruch einer Pflicht. ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... mit niemals <span class="underline">lahmenden</span> Willen die Kraft seines Denkens und ...<br>
+... mit niemals <a href="#corr-19"><span class="underline">lahmendem</span></a> Willen die Kraft seines Denkens und ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... ersten November den Dienst hier quittieren<span class="underline">!</span>“ – „Ich denke ...<br>
+... ersten November den Dienst hier quittieren<a href="#corr-27"><span class="underline">?</span></a>“ – „Ich denke ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird <span class="underline">ihm</span> ein Brief von ...<br>
+... er nicht vogelfrei? Am 29. Oktober wird <a href="#corr-29"><span class="underline">ihn</span></a> ein Brief von ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76661 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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