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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***
+
+
+
+======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
+genutzt werden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+
+=======================================================================
+
+ Onkel Tom's Hütte
+
+ oder die
+
+ Geschichte eines christlichen Sklaven.
+
+
+ Von
+
+ Harriet Beecher Stowe.
+
+
+ Aus dem Englischen übertragen
+
+ von
+
+ L. Du Bois.
+
+
+ Zweiter Band.
+
+
+ S. Zickel.
+
+ Nro. 19. Dey-Street.
+
+ NEW-YORK.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+ Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.
+
+ »Man hört eine klägliche Stimme und
+ bittres Weinen auf der Höhe; Rachel
+ weinet über ihre Kinder und will sich
+ nicht trösten lassen über ihre Kinder,
+ denn es ist aus mit ihnen.«
+
+
+Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder
+eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein
+sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben
+einander sitzen, -- auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren,
+Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben
+Gegenstände darbieten, -- es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit
+sich oft in denselben findet!
+
+Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite
+und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett
+und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er
+dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte
+an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer,
+Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten
+geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie
+menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen
+und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom
+den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er
+seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche
+Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine
+Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die
+er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb
+erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!
+
+Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches,
+die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten:
+»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige
+suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott;
+denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten
+Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben
+von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher
+Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und
+erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da,
+wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.
+
+Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und
+begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er
+war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem
+halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch
+zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise
+recitirte er langsam den folgenden Paragraph:
+
+ »~Meistbietender Verkauf.~ -- ~Neger!~ -- In Gemäßheit
+ gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor
+ der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden
+ Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben,
+ 21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der
+ Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford,
+ Squire.«
+
+ Samuel Morris,
+
+ Thomas Flink.
+
+»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in
+Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich
+will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter
+nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute
+Gesellschaft thut, -- verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden
+Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch
+stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«
+
+Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem
+eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl
+Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von
+diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in
+Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte
+Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs
+einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets
+auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen
+war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine
+Rechtschaffenheit: -- er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz
+sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und
+Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, -- den Einen in
+einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.
+
+Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine
+gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, -- rauchend, kauend,
+speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen
+Geschmacke der Einzelnen, -- und Alle auf den Anfang des Verkaufs
+wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in
+einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib,
+welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt
+und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig
+Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und
+war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer
+Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche
+von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer
+starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach
+südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an
+ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden,
+der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.
+
+»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern,
+»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne
+es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«
+
+»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre
+zitternden Hände aufhebend; -- »ich kann noch kochen, und scheuern, und
+arbeiten; -- ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; -- sage
+ihnen das, -- sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.
+
+In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den
+alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine
+Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken
+beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu
+zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung
+vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ
+ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn
+dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.
+
+»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit
+leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch
+stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, -- groß viel, Master.«
+
+»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr
+wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden
+gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe
+stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine
+Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.
+
+»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung
+gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu
+reguliren.
+
+»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die
+Jungen und den Buben.«
+
+»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,«
+entgegnete der Mann.
+
+»Ist 'ne harte Bedingung, -- ist nichts als ein altes Knochengerippe,
+-- das Salz nicht werth.«
+
+»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.
+
+»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus,
+und verrückt dazu.«
+
+»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr
+drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.
+
+»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, --
+sicher, hab' sie gesehen.«
+
+»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, --
+'s scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, -- glaube, sie
+wird billig mit hinein gehn.«
+
+»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's
+ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, -- ist gut zu 'nem
+Plantagenarbeiter; -- mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht,
+wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.
+
+»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.
+
+»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.
+
+Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der
+Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig
+thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die
+Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach
+ihrem Sohne.
+
+»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, -- dicht, -- sie werden uns
+zusammen ausbieten,« sagte sie.
+
+»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.
+
+»Sie müssen, Kind; -- kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht
+thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.
+
+Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun,
+daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die
+verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen,
+die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon
+hatte Haley erstanden.
+
+»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer
+berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«
+
+»Stellt uns zusammen aus, zusammen, -- bitte, Master!« sagte die alte
+Frau, den Knaben fest haltend.
+
+»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst
+zuletzt! -- Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er
+den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes
+Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte
+keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen,
+glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.
+
+Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes
+Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern,
+und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des
+Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von
+einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte,
+bis der Hammer fiel, -- Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem
+Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen
+Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter,
+zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.
+
+»Kauft mich auch, Master, -- um des lieben Jesus willen! -- kauft mich
+auch, -- oder ich komme um!«
+
+»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, -- das ist die Sache,« sagte
+Haley, -- »nein!« und drehte sich um.
+
+Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener
+Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid
+zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer
+begannen sich zu zerstreuen.
+
+Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen
+aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte
+Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.
+
+»Konnten sie mir nicht Einen lassen? -- Master hat immer gesagt, ich
+sollte Einen behalten, -- er hat's immer gesagt!« wiederholte sie
+fortwährend mit herzbrechenden Tönen.
+
+»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den
+Männern mit wehmüthiger Stimme.
+
+»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.
+
+»O Mutter, Mutter! -- nein -- nein -- sei ruhig!« rief der Knabe. »Die
+Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«
+
+»Frage nichts danach, -- frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind,
+mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«
+
+»Kommt hier, nehmt sie weg, -- kann's denn keiner?« sagte Haley
+trocken, -- »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«
+
+Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung
+von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und
+versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen
+Herrn geleiteten.
+
+»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte
+ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke
+schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie
+vor sich her dem Gefängnisse zu.
+
+Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften
+wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den
+Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch
+andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen
+Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten
+wurden.
+
+Das Boot, +La Belle Rivière+, ein so schönes und braves Fahrzeug,
+als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem
+glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und
+Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke
+Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles
+war lebendig, fröhlich und heiter, -- Alles, nur Haley's Leute nicht,
+welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz
+erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus
+nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen
+gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.
+
+»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe,
+Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört
+ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich
+will's gut mit Euch machen.«
+
+Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl,
+Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir
+müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie
+hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter,
+Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, --
+und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen
+fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.
+
+»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt«
+bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie
+legte, -- »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«
+
+»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.
+
+»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John.
+»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,«
+fügte er hinzu.
+
+Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die
+Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer
+gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und
+versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.
+
+Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten
+und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum,
+gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und
+behaglich.
+
+»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist
+ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten
+sitzen.«
+
+»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen
+Betrübniß und Unwillen.
+
+»Was ist das?« fragte eine andre Dame.
+
+»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.
+
+»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.
+
+»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!«
+bemerkte eine andre Dame.
+
+»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von
+feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen
+beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen,
+um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich
+glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre
+Freiheit hätten.«
+
+»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl
+befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung
+Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der
+Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die
+Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, -- in dem Zerreißen
+der Familien, zum Beispiele.«
+
+»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein
+Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr
+aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das
+nicht sehr oft vorkommt.«
+
+»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich
+habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen,
+um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame,
+Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«
+
+»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den
+unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter
+einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.
+
+»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das
+sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin
+unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie
+~Gefühle~ haben, grade eben so tiefe, -- und vielleicht noch
+tiefere, -- als wir.«
+
+Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah
+zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die
+Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch,
+daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«
+
+»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das
+afrikanische Geschlecht dienstbar sei, -- und in Erniedrigung gehalten
+werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer
+Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß.
+»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen
+Brüdern.«
+
+»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann,
+der dabei stand.
+
+»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen
+Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger
+Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu
+widersprechen.«
+
+»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der
+Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, -- nicht wahr, Squire?« fügte
+er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche,
+am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.
+
+»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der
+Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und
+unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl --
+diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.
+
+»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so
+viel nicht drüber sagen können, -- habe keine Gelehrsamkeit. Den
+Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen;
+und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten,
+versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«
+
+»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große
+Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu
+verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann,
+so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände
+sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« -- was ist
+der Name? -- und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein
+andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem
+Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und
+begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen,
+magern Gesichte spielte.
+
+Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes
+Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun,
+was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ~Ihr~
+ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl
+Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««
+
+»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu
+sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.
+
+Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe,
+mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze
+Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich
+auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.
+
+»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die
+Kajüte verließ.
+
+Der Mann nickte zur Antwort.
+
+Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das
+Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo
+die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals
+des unglücklichen Stückes Waare, welches als: -- »John, dreißig Jahre
+alt« -- bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen
+und Schluchzen um ihren Gatten.
+
+Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte,
+Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu
+wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten
+und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu
+werden, -- jeder Tag erzählt sie, -- und zwar dem Ohre Eines, der nicht
+taub ist, wenn er auch lange schweigt.
+
+Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes
+gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute
+jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner
+Seite stehen.
+
+»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie,
+wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese
+armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach
+Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die
+mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen
+armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie
+dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«
+
+Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.
+
+»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend,
+»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's
+scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts -- nicht wahr?«
+
+Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.
+
+»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott
+auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens,
+wie wir alle müssen, glaub' ich.«
+
+Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.
+
+»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei
+Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt
+an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor
+und begann seine Rechnungen zu summiren, -- ein Geschäft, welches
+schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein
+unruhiges Gewissen benutzt haben.
+
+Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor.
+Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber
+nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.
+
+Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky
+vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er
+sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem
+mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und
+schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley
+eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen
+Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz
+anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen
+Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie
+sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so
+das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff,
+die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß
+hinunter.
+
+Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und
+Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem
+Kinde zu spielen.
+
+Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte
+sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.
+
+Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und
+hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:
+
+»Ich glaub's nicht, -- ich will's nicht glauben! -- Ihr wollt mich nur
+zum Narren halten!«
+
+»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein
+Papier hervorziehend, -- »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da
+ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu
+bezahlt, -- kannst's glauben, -- also nun?«
+
+»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht
+wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.
+
+»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. --
+Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so
+gut und lest das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr
+sage, was es ist.«
+
+»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,«
+sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es
+ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«
+
+Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald
+eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander
+setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.
+
+»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in
+demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet;
+-- das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht
+glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.
+
+»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,«
+sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht
+hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«
+
+»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger
+werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit
+abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf
+den Strom hinab.
+
+»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat
+Vernunft.«
+
+Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter,
+milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist,
+-- jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder
+bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser
+funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen,
+voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr
+Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das
+Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen
+kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch
+Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte
+es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach
+der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann
+schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der
+Wartung des Kindes zu beschäftigen.
+
+Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark
+für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in
+fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.
+
+»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der
+Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«
+
+»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.
+
+Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod,
+wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche
+Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.
+
+»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und
+ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte,
+stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine
+Cigarre rauchte.
+
+Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an,
+während dessen er zu Haley sagte:
+
+»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«
+
+»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem
+Munde blasend.
+
+»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.
+
+Haley nickte und rauchte weiter.
+
+»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.
+
+»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne
+Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar
+gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu
+gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die
+richtigen Finger dazu, -- hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,«
+sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.
+
+»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der
+Mann.
+
+»Ich werde 's verkaufen -- erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine
+neue Cigarre anzündend.
+
+»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die
+Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.
+
+»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, --
+gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«
+
+»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,«
+bemerkte der Andere.
+
+»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht
+aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht
+mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat
+überall herum.«
+
+»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich,
+wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin
+verlor ihr Junges vorige Woche, -- 's ersoff in 'nem Waschfaß, während
+sie Zeug aufhing, -- und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen
+geben.«
+
+Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem
+keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren.
+Endlich fuhr der Mann fort:
+
+»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn
+Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«
+
+Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.
+
+»Das geht nicht, -- lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem
+zu rauchen.
+
+»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«
+
+»Je nun,« sagte Haley, -- »könnte 's Junge selbst aufziehen oder
+aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt
+seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren
+zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent
+weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«
+
+»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.
+
+»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem
+Kopfnicken.
+
+»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent
+mehr.«
+
+»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder
+mit großer Bestimmtheit ausspeiend; -- »ich will das theilen, um was
+wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; -- und das ist
+Alles, was ich thun kann.«
+
+»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.
+
+»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«
+
+»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.
+
+»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, -- wir kommen da
+gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, -- macht sich herrlich, --
+Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, -- paßt vortrefflich,
+-- mache Alles gern ruhig ab, -- hasse allen Lärm und alles Aufsehen.«
+Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in
+Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner
+Cigarre.
+
+Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville
+anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme
+gesessen, -- welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie
+den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in
+eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den
+verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig
+darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung,
+ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den
+Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die
+Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber
+hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer
+sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich
+zwischen sie und ihr Kind drängte.
+
+»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind
+aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und
+laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm
+mit dem Frauenzimmer geben.«
+
+Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge
+verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich
+stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf
+wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß
+daselbst, und -- das Kind war fort.
+
+»Wie -- was -- wo ist denn --?« begann sie in angstvollem Erschrecken.
+
+»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; -- kannst es jetzt
+gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du
+konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe
+Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es
+viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«
+
+Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern
+empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit
+gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile
+vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den
+das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen
+können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele
+hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge
+gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden,
+unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, -- zur Glorie der Union, daran
+zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er
+in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den
+stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel,
+und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen
+Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern
+Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger
+Bewegung entschieden entgegen.
+
+Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch
+das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt
+setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an
+ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts.
+All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich
+traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte
+weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war
+ganz ruhig.
+
+Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile,
+beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich
+bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall
+überhaupt zuließ.
+
+»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber
+so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht
+nachgeben. Du siehst, 's war ~nothwendig~, 's mußte geschehen!«
+
+»O laßt mich! Master, -- laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme,
+welche der eines Erstickenden ähnlich war.
+
+»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut
+mit Dir, -- will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz
+ausmachen; -- und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, -- so ein
+hübsches Frauenzimmer wie Du. --«
+
+»O Master! wenn Ihr ~nur~ nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,«
+sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes,
+daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner
+gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich
+um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.
+
+Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu
+Zeit stehen, um sie zu beobachten.
+
+»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist
+doch ruhig; -- mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben
+allmählig!«
+
+Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke
+genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen
+Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und
+Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte,
+umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur
+bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so
+würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und
+darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen
+Handel zu erkennen, -- einem Handel, der eine wesentliche Stütze für
+eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr.
+Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »~sie keine andern Uebel
+mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im
+socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien~.« Allein Tom,
+der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze
+Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit
+dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete
+ihm um des ~Unrechts~ willen, was seiner Ansicht nach jenem armen
+leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf
+den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen,
+welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der
+Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.
+
+Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte
+nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen
+Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den
+Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber
+das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr
+empfinden.
+
+Die Nacht kam heran, -- ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen,
+feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von
+jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich
+hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der
+Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf
+dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen
+gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt,
+und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes
+Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: -- »O! was soll
+ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« -- bis auch diese Laute
+endlich erstarben.
+
+Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an
+ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren
+Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen
+oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, -- der Platz, wo die Frau
+gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich!
+Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten
+sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn
+sie sich über nichts geschlossen hätten.
+
+Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim
+Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller
+Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom ~Manne der
+Schmerzen~, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem
+langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage
+auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott
+ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«
+
+Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen
+lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die
+Reihe, sich verwundert umzuschauen.
+
+»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.
+
+Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich
+nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren,
+sondern sagte nur, er wisse es nicht.
+
+»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn
+ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; --
+vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«
+
+Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie
+etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß
+keine Antwort.
+
+Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern,
+unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den
+Schornsteinen, -- aber vergeblich.
+
+»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem
+Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; --
+sag' mir nichts, -- bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier
+liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder
+zwischen ein und zwei Uhr, -- und um vier Uhr war sie fort, und Du hast
+die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt
+was drum wissen.«
+
+»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich
+wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser
+fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist
+Alles, was ich weiß davon.«
+
+Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher
+erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber
+Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn
+keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in
+seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden,
+-- und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen
+Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne
+ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich
+sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der
+ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen
+mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da
+das Weib in einen andern Staat entflohen war, der ~nie~ einen
+Flüchtigen wieder ausliefert, -- selbst nicht auf das Verlangen der
+glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen
+Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper,
+nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel
+
+ Die Quäker-Niederlassung.
+
+
+Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große,
+geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist,
+und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem
+reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden
+Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit
+glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner,
+niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus
+zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand
+darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und
+mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie
+eine freundliche Einladung aussah, -- und endlich ein wirklich bequemer
+alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses,
+mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in
+Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her
+wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet -- unsere alte
+Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als
+sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt
+stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und
+in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie
+alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden
+geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge
+aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich
+einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin
+eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie
+früher darin zu erkennen gewesen war.
+
+An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem
+Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie
+mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht
+war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um
+sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der
+strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin,
+welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe
+Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte.
+Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte
+an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern
+schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf
+der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede
+auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten
+ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte
+nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so
+guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen
+schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen
+worden, -- warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen
+zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so
+verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie
+grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte
+die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, -- entweder in Folge einer
+Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen;
+gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er
+fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an
+jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte
+Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei,
+und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt
+nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil
+seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte
+Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen
+hatten, -- weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, -- geistige
+und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, -- und das Alles von
+~einer~ guten, liebevollen Frau; -- Gott segne sie!
+
+»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?«
+sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.
+
+»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich
+wage nicht zu bleiben.«
+
+»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran
+denken, meine Tochter.«
+
+Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's
+Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort
+»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.
+
+Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine
+Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:
+
+»Ich werde -- jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe,
+ich werde Etwas finden.«
+
+»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte
+Rachel.
+
+»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« -- auf Harry deutend, -- »ich kann
+Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht
+träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie
+schaudernd hinzu.
+
+»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir
+nicht solche Gedanken machen. -- Der Herr hat es gewollt, daß nie ein
+Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein
+Kind wird nicht der erste sein.«
+
+Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem
+freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in
+das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um
+ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.
+
+»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre
+beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, -- »wie geht Dir's?«
+
+»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem
+Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf
+zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und
+Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte,
+muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare
+waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz
+zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich
+die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen
+hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun
+mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper
+und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz
+erfreut hat.
+
+»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner
+Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«
+
+»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, -- recht sehr,« sagte Ruth, ihr
+die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin
+gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes
+Kind, -- ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu,
+indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich
+furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.
+
+»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.
+
+»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam,
+und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu
+zeigen.«
+
+In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames,
+rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam
+herein.
+
+»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen,
+fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht,
+und wie er wächst!«
+
+»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf
+ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst
+verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann
+noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht,
+und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um
+es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese
+Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund
+(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen
+eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte,
+einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog,
+und emsig zu stricken begann.
+
+»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die
+Mutter in sanftem Tone.
+
+Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf
+den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft
+und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die
+Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels,
+sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer
+deponirt.
+
+Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze
+vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor
+ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen,
+daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.
+
+»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer
+Beschäftigung fortfuhr.
+
+»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort,
+und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen
+Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen;
+und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um
+sie aus dem Bette zu nehmen.«
+
+»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und
+auszubessern ist,« sagte Rachel.
+
+»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood
+krank ist. John war gestern Abend da, -- ich will Morgen hingehen.«
+
+»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort
+bleiben mußt,« bemerkte Rachel.
+
+»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«
+
+Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen
+Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt
+in das Zimmer.
+
+»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in
+seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«
+
+»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.
+
+»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den
+Ofen schob.
+
+»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit ~Freunden~
+zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er
+seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem
+Alkoven an der Küche befindlich war.
+
+»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.
+
+»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus
+dem Alkoven zurückkam.
+
+Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja«
+antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß
+öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden
+sein.
+
+»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu
+sich rufend.
+
+»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend,
+während sie in den Alkoven ging.
+
+»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend
+hier sein,« sagte Simeon.
+
+»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.
+
+»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in
+der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer,
+von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem
+zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen
+Zweifel darüber, wer er ist.«
+
+»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.
+
+»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, --
+komm hierher!«
+
+Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.
+
+»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei
+hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«
+
+Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach
+ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre
+kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze
+hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.
+
+»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen
+wir es ihr jetzt sagen?«
+
+»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie
+würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«
+
+ * * * * *
+
+»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,«
+sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.
+
+»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind
+liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es
+ihr, -- bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's
+Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die
+Hühner braten, während Du es ihr sagst.«
+
+Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem
+sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in
+sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir
+Neuigkeiten mitzutheilen.«
+
+Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst,
+auf, und blickte auf ihren Knaben.
+
+»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände
+ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, -- geh
+hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der
+Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den
+kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.
+
+»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,«
+wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll
+anblickte.
+
+Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel
+Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig
+gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause««
+entflohen.«
+
+Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß
+eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte
+sie sich nieder.
+
+»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er
+ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«
+
+»Heut Abend!« wiederholte Elisa, -- »heut Abend!« Die Worte verloren
+alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um
+sie war in Nebel gehüllt.
+
+ * * * * *
+
+Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die
+kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie
+öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit,
+wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und
+sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung
+der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab
+nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl
+von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort
+lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie
+in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die
+Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch
+mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des
+Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und
+Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry
+ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine
+Locken um ihre weißen Finger zu rollen.
+
+Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an
+ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und
+fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren,
+braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, --
+sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von
+Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten.
+Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, --
+sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen
+Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise,
+murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch
+der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem
+süßen Traume von Ruhe; -- und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie
+nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind
+aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.
+
+Sie träumte von einer schönen Gegend, -- einem Lande der Ruhe, wie
+es ihr schien, -- grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem
+Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr
+zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies,
+glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie
+näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen
+fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! -- Es war kein Traum. Das
+Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an
+ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und -- ihr Gatte
+kniete schluchzend an ihrem Bette.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause.
+»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und
+Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu
+machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer
+Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn
+in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung
+eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während
+deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und
+Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee
+mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und
+bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art
+sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer
+Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte,
+so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!«
+genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger
+haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler
+Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen
+würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor
+Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir
+halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.
+
+Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon
+der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen
+Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des
+Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so
+gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; -- es schien einem
+Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über
+dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel
+gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit
+ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen,
+herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn
+ihnen Alles wie ein Traum erschien.
+
+Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen
+blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene
+Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah
+Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich
+auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit
+und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit
+Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als
+wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.
+
+Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen
+Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er
+verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles
+dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser
+einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine
+Heimath, -- eine Heimath, -- ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch
+nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen
+in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während
+dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und
+wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg
+schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm
+sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten
+Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht
+in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.
+
+»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?«
+fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.
+
+»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.
+
+»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«
+
+»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?«
+fragte Simeon lächelnd.
+
+»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht
+eine Schande, solche Gesetze zu geben?«
+
+»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte
+der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um
+Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür
+eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«
+
+»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der
+eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen
+Reformatoren.
+
+»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat
+Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter
+wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür
+brächte.«
+
+Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und
+sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein
+Vater werden.«
+
+»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen
+Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.
+
+»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen.
+Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen
+wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«
+
+»Aber um ~meinethalben~,« sagte Georg, »ich könnte es nicht
+ertragen.«
+
+»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen,
+sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte
+Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig
+aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher
+weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, -- Dich und die Uebrigen
+Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen
+nicht zaudern.«
+
+»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte
+Georg.
+
+»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier
+ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht
+zu reisen.«
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+ Evangeline.
+
+
+Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie
+verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung
+schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie
+gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und
+Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine
+Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist.
+Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den
+Reichthum eines ähnlichen Landes zu? -- eines Landes, dessen Produkte
+Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt!
+Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen,
+sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein
+Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer
+ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch
+schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die
+Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden
+Herzen zu einem unbekannten Gotte, -- unbekannt, ungesehen, und
+ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle
+Leidenden zu erlösen.«
+
+Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der
+meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die
+hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses,
+glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff
+seinen Lauf verfolgt.
+
+Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen
+Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der
+Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben,
+bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf
+seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern
+bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke,
+in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen
+finden wir ihn endlich.
+
+Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte
+gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und
+harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen
+abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht,
+und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die
+unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen
+hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben,
+und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf
+Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu
+gehen, wohin er wollte.
+
+Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den
+Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine
+Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute
+erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu
+leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer
+Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.
+
+Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel
+zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte
+sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden
+wir ihn grade jetzt.
+
+Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes
+höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen
+zwischen levées von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem
+Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden
+Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb,
+in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens
+vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven
+bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer
+Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des
+Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete
+sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky,
+mit seinen alten, schattigen Buchen, -- nach dem Hause seines Herrn,
+mit den weiten, kühlen Hallen, -- und dicht dabei seine kleine Hütte,
+mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten
+Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren;
+er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er
+hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen
+seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, -- und dann war mit einem Male
+Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen
+der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und
+Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode
+seines Lebens für immer dahin sei.
+
+In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und
+sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben,
+-- die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn
+trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen
+Wortes oder Zeichens.
+
+Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner
+Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor
+sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort
+geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter
+angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging
+nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher
+Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte,
+ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren
+konnte, -- ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken
+massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist
+den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen
+Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders
+legend, und es halb aussprechend, lies't:
+
+ »Euer -- Herz -- erschrecke -- nicht. In -- meines -- Vaters -- Hause
+ -- sind -- viele -- Wohnungen. Ich -- gehe, -- Euch -- die -- Stätte
+ -- zu -- bereiten.«
+
+Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein
+Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, --
+vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero
+konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und
+keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn
+er diese Worte gesehen hätte, -- zehn gegen eins -- er würde ihnen
+nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die
+Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen
+beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er
+es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit
+eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.
+
+Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen
+von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene
+Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden,
+die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben
+würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von
+den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg
+vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch
+starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche
+seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese
+Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den
+verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten,
+seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die
+Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während
+sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere
+häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm
+seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie
+die Verheißung eines zukünftigen zu sein.
+
+Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von
+bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte,
+und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine
+Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in
+verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter
+ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.
+
+Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, -- denn es war eins
+jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so
+wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine
+Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht
+wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in
+ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer
+Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und
+allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen,
+dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge,
+als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel,
+der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte,
+Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres
+Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune
+Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle
+Ernst ihrer veilchenblauen Augen, -- Alles zeichnete sie von andern
+Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie
+auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine
+weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein
+lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern
+im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen
+Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte
+eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem,
+nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für
+sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren
+fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie
+sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen;
+und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was
+sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem
+ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten
+gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder
+beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und
+oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo
+ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.
+
+Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß
+und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte,
+beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien
+sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener
+Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen
+Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf
+ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen
+Testamente hervortreten.
+
+Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und
+Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten
+und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten,
+oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und
+schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters
+auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk,
+Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und
+dann wieder verschwand.
+
+Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige
+Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er
+kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und
+beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte
+niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske
+Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark
+schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und
+Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen
+magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder
+seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und
+Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu
+einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.
+
+Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie
+vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie
+ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer
+Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten
+Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen
+Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger
+Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.
+
+»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug
+vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.
+
+»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle
+Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«
+
+»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu
+nennen, weit von hier, in Kentucky.«
+
+»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich
+lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«
+
+»Ich weiß nicht, Miß Eva.«
+
+»Du weißt nicht?« sagte Eva.
+
+»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an
+wen.«
+
+»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich
+kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum
+bitten.«
+
+»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.
+
+Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz
+einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf
+ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen
+des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei
+beschäftigt.
+
+Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren
+vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei
+Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des
+Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das
+Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er
+that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden
+hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine
+kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.
+
+Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie
+hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war
+im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust,
+wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis
+sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie
+dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes
+und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm
+entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug
+sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich
+in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein
+lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am
+meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des
+Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.
+
+ * * * * *
+
+Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe
+von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig
+eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die
+Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt
+und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches
+Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu
+poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.
+
+Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen
+Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine
+Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich
+die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber
+sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein
+junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben
+ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen
+Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag.
+Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn
+dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe
+golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde;
+und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem
+Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und
+Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks;
+Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser
+Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und
+etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen
+Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit
+sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer,
+halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge
+die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt
+wurde.
+
+»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko,
+vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter
+Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte,
+wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich
+betrügen? Heraus damit!«
+
+»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den
+Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, -- grade nur,
+mein' Seel!«
+
+»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit
+spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn
+mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«
+
+»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm
+gefunden zu haben, -- und natürlich genug.«
+
+»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also,
+um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt
+Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein
+besonderes Gefallen an ihm hat?«
+
+»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an,
+-- die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die
+hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können.
+Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon
+viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen
+Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, -- ich
+kann's Ihnen zeigen, -- natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben
+Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen,
+-- hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«
+
+»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete
+der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut
+nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon,
+oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte,
+Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«
+
+»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber
+ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß
+er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine
+gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er
+her kommt.«
+
+»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine
+Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble
+Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«
+
+»Sie wollen Scherz machen!«
+
+»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist
+er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere
+sehen.«
+
+Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner
+Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei
+am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er
+vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige
+Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und
+begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge
+Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene
+muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.
+
+»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,«
+flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm
+um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß
+es. Ich möchte ihn gerne haben.«
+
+»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«
+
+»Ich will ihn glücklich machen.«
+
+»Ein origineller Grund, in der That.«
+
+Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby
+unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen
+Finger berührte, und nachlässig überblickte.
+
+»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich
+bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er
+hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte;
+»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen
+weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den
+Wahlen haben, -- solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und
+Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich
+weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe
+seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu
+machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion
+an?«
+
+»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber
+'s ist doch ~Verstand~ in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein
+Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, -- wie
+die Brüder, und dann die Singer und Schreier; -- die alle taugen
+nichts, in Weiß oder Schwarz; -- aber diese Art ist wirklich. Hab'
+sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, -- die wirklichen sanften,
+stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht
+verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen
+ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«
+
+»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein
+Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich
+~diese~ Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche
+da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, --
+nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür
+zu geben. Was meint Ihr?«
+
+»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke
+mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«
+
+»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und
+darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten
+nöthig hat, -- nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er
+sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer
+Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die
+Noten einhändigte.
+
+»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog
+Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er
+nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.
+
+»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier
+überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt
+und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für
+eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel
+für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott,
+ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! -- Aber
+komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das
+Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das
+Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:
+
+»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«
+
+Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche,
+hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte
+die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde
+antwortete: »Gott segne Sie, Master!«
+
+»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? -- Tom? Kannst Du mit
+Pferden umgehen, Tom?«
+
+»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele
+Pferde auf.«
+
+»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß
+Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in
+besonderen Fällen, Tom.«
+
+Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke
+nie, Master.«
+
+»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen.
+Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust.
+Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er
+sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du
+den Willen hast, ordentlich zu sein.«
+
+»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.
+
+»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut
+gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«
+
+»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare,
+während er sich lachend umwandte und fortging.
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel.
+
+ Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.
+
+
+Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen
+verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen
+etwas näher bekannt zu machen.
+
+Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana.
+Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die
+in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich
+der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während
+der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's
+Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der
+Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war.
+Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da
+Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution
+ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter
+mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um
+seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's
+zu stärken.
+
+In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche
+Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen
+Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines
+eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog
+diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters,
+und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im
+Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren
+ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale
+und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich
+bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens.
+Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete
+sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für
+alles Romantische. Seine Stunde schlug, -- die Stunde, die nur einmal
+schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, -- der Stern, der so oft
+vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht
+wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter
+zu verfolgen, -- er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen,
+schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit
+ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen,
+kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger
+Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück
+gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes
+versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder
+zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein
+werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte
+er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch
+eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz,
+eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf
+einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der
+erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die
+nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte
+einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der
+runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt
+ihn für glücklich.
+
+Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen
+glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain
+um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl
+bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er
+sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung
+und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm
+so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch
+so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer
+Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später
+war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete
+er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und
+überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung
+der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes
+ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne
+desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich
+ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe,
+bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre
+Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich
+den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt
+habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und
+Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen
+Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:
+
+»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, -- aber zu spät. Ich glaubte
+Alles, was mir gesagt wurde; -- ich war verzweifelt. Ich bin
+~verheirathet~, und Alles ist nun vorbei. Vergessen -- ist das
+Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«
+
+Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber
+das ~Wirkliche~ blieb ihm, -- das Wirkliche, gleich dem Schlamme
+der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen
+Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der
+Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, --
+entsetzlich wirklich.
+
+In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben,
+-- und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht
+gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht.
+Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig,
+der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen,
+Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter
+»~leben~« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig.
+Wäre seine Frau ein ~ganzes~ Weib gewesen, so hätte sie viel thun
+können, -- wie ein Weib es kann, -- um die zerrissenen Lebensfäden zu
+heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein
+Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren.
+Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt,
+einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine
+dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken
+Geiste Linderung zu verschaffen.
+
+Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde,
+und plötzlichen Kopfschmerz als Ursache seiner Verstörung vorschützte,
+empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die
+Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie
+nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich
+sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz
+behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei,
+da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu
+gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen,
+nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im
+Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet
+hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen
+vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche,
+junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich
+hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben
+könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig
+gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß,
+war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher
+Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern
+Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren;
+und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben
+könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr
+Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt,
+was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön,
+vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise
+alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu
+ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin
+ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß
+er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen,
+daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger
+Gläubiger im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen
+unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus
+selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto
+eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit
+den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während
+der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine
+Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es
+folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St.
+Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und
+Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen
+Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit
+in sich rege werden.
+
+St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und
+reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen,
+in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde.
+Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt,
+und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in
+ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in
+demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes
+war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend
+geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und
+Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das
+Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende,
+junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend
+an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in
+jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in
+der Natur ansah.
+
+Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände
+der Dienstboten fiel, so fühlte sich St. Clare in seiner Wirthschaft
+nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich
+zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere
+Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr
+Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte
+sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine
+Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen
+Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf
+dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.
+
+Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor
+unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere
+Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.
+
+Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht
+erinnern, in einem kühl gelegenen Dorfe ein großes Farmgebäude
+wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten
+Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille,
+Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem
+Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts
+geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein
+Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte
+Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb
+desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe
+Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und
+alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie
+die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es
+genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit
+seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's
+verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich
+ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten werden im
+Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der
+Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen
+beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre,
+oder überhaupt zu thun wäre, -- sie und ihre Töchter hatten in einem
+lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der
+Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu
+sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften
+waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier
+Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie
+dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse
+daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz
+erlangten.
+
+Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß
+Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren
+zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung
+im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde
+sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder«
+angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den
+ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der
+alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor
+und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las
+Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der
+klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute
+Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort
+sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den
+Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«
+
+Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's
+Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon
+spreche,« mit ihrem Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und
+das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in
+diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der
+Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte,
+hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen
+könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu
+bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß
+Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß
+die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen
+dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen
+hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war,
+wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn
+feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und
+Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley,
+welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und
+Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten,
+verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit
+der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in
+Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig
+Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich
+dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue
+seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden
+seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die
+öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß
+es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere
+behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären
+zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher
+Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile
+Amerikas gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen
+Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden
+möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von
+gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem
+mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, -- allein dieser
+Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis
+jetzt noch unentschieden.
+
+Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem
+glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut,
+und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen
+waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist,
+in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre
+scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck
+hatten.
+
+Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und
+obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen
+doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren
+Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und
+Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine
+Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem
+zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.
+
+Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, -- die Summe aller Uebel
+-- drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und
+sehr bedeutungsvolles Wort aus: -- »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer
+tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des
+Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand,
+welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt
+vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts
+thaten, oder sich nicht deutlich dessen bewußt waren, was sie thaten
+oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung
+ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung,
+die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes
+ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber
+zu sagen.
+
+Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren,
+kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den
+älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb
+gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle
+fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt
+grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es
+an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit
+waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen
+Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen
+politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag
+tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip
+ihrer ganzen Existenz -- Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die
+absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt
+hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer
+bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon
+zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den
+Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß
+gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die
+Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte
+so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie
+mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch
+nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden
+Gefühle der Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen
+düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.
+
+Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen?
+-- dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen
+jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit
+leichter, unverschämter Freiheit behandelte?
+
+Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein
+Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine
+Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für
+den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl
+besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte,
+einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und
+fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen,
+daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und
+daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und
+seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der
+fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee
+eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann
+liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun
+mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah,
+so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine
+Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für
+unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu
+lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr
+selbst entdecken.
+
+Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten
+Menge großer und kleiner Reisetaschen, Kisten und Körben, die sie mit
+großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.
+
+»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, -- wie
+Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue
+Bandschachtel mit Deiner besten Haube, -- das sind zwei; und hier die
+Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier;
+und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und
+der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm
+gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit
+meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; -- so, nun ist's recht.«
+
+»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, -- wozu denn das?« fragte
+Eva.
+
+»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht
+nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht
+eingepackt, Eva?«
+
+»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«
+
+»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere,
+Rollen, Messer, -- richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn
+nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich
+sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«
+
+»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir
+irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«
+
+»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«
+
+»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.
+
+»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.
+
+»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu
+voll, um zugemacht werden zu können.«
+
+»Er ~muß~ zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer
+Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den
+Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des
+Koffers sichtbar.
+
+»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden
+ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen
+lassen.«
+
+Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene
+Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia
+steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.
+
+»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß
+das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«
+
+»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine
+Orange.«
+
+»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die
+Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm
+sagtest?«
+
+»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch
+nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser
+Haus, jene Straße dort hinauf!«
+
+Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich
+mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der
++levée+ hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen
+Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie
+ihre Geburtsstadt erkannte.
+
+»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber,
+Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«
+
+Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: -- Kellner flogen
+hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen,
+Frauen riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in
+dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.
+
+Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer
+nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer
+Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten
+Augenblicke zu vertheidigen.
+
+»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« -- »Soll ich Ihr Gepäck
+tragen? -- Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« --
+regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger
+Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen,
+hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und
+antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich
+dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva
+ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte,
+wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht
+über Bord gefallen sein, -- aber irgend Etwas müsse geschehen sein!«
+und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in
+seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen
+Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:
+
+»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«
+
+»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß
+Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«
+
+»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf
+uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne
+hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm
+stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«
+
+»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,«
+bemerkte Miß Ophelia.
+
+»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.
+
+»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,«
+entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche
+aussuchte.
+
+»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so
+zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen
+annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für
+ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie
+aufladen, als wenn es Eier wären.«
+
+Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre
+Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen,
+und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.
+
+»Wo ist Tom?« fragte Eva.
+
+»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein
+Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen
+umwerfen ließ.«
+
+»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er
+wird sich nie betrinken.«
+
+Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches
+in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen
+Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans
+zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete
+ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch
+ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig
+und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes
+entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den
+Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in
+Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen
+seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann
+unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand
+mit einem dichten Kranze blühender Veilchen umgeben war. Das Wasser
+in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und
+Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen
+darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg
+mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom
+sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze
+Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen
+einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen
+in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten
+tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren
+glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger
+arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last
+ihres Blüthenüberflusses senkten, -- Alles vereinte hier Blüthenpracht
+und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren
+sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer,
+unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.
+
+Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude
+gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.
+
+»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte
+sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«
+
+»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es
+kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«
+
+Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller,
+stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches
+Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem
+Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die
+Phantasie Ansprechende, -- eine Neigung, die, wenn sie bei einem
+ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen, wilden Lauf verfolgt, dem
+kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.
+
+St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war,
+lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen
+schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu
+ihm sagte:
+
+»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«
+
+»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«
+
+Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des
+Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge
+von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe,
+durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um
+Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger
+Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person
++distinguée+, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der
+Hand wehend.
+
+Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten
+bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.
+
+»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone
+großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in
+der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«
+
+Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger
+Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger
+Entfernung stehen.
+
+In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich,
+als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand
+vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit
+goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich
+anmuthigen Verbeugungen begriffen.
+
+»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm die Hand entgegen
+streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer
+Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit
+großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.
+
+»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner
+gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das
+vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig
+herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«
+
+So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an
+der Seite der Veranda befand.
+
+Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und
+das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls
+einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit
+dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf
+dem sie lag.
+
+»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend,
+und sie wieder und immer wieder umarmend.
+
+»Laß gut sein, -- nimm Dich in Acht, Kind, -- mache mir keine
+Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.
+
+St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer,
+ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie
+schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von
+Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm
+von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein
+Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor
+Freude und Erwartung stand.
+
+»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um
+ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.
+
+Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache,
+sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe
+die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem
+sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern,
+die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später
+versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.
+
+»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt
+~Etwas~, das mir nicht möglich wäre.«
+
+»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.
+
+»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden
+beleidigen, -- aber küssen --«
+
+»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, --
+he?«
+
+»Nein, das wäre ich nicht im Stande! -- Wie kann sie es nur thun?« St.
+Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.
+
+»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, -- Mammy,
+Jimmy, Polly, Sucky, -- freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er,
+während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte.
+»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen
+schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich
+auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«
+
+Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche
+Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze
+unter sie vertheilte.
+
+»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St.
+Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda
+führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel
+folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige
+Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk
+aller Arten gefüllt hatte.
+
+Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel
+sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf
+den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand
+gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die
+dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.
+
+»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand
+schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen
+behandelst -- Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen
+Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, --
+»es scheint mir, dies ist meine Weste.«
+
+»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! -- natürlich,
+ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich
+dachte, ich dürfte sie nehmen; -- ist für einen armen Nigger, wie ich
+bin, noch gut genug.«
+
+Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit
+vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.
+
+»So, das ist also der Grund, -- wirklich?« sagte St. Clare nachlässig.
+»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn
+hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen
+läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist
+mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«
+
+»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin
+entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«
+
+»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.
+
+Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche
+und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und
+Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in
+ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.
+
+»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir
+endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere
+Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer
+Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du
+es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht
+wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«
+
+Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu
+erheben.
+
+»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.
+
+»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,«
+entgegnete St. Clare.
+
+»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als
+ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.
+
+»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich
+in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«
+
+Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.
+
+»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.
+
+»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl
+neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«
+
+»Ja, -- Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die
+Dame schmollend.
+
+»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«
+
+»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.
+
+»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte ~das~ abschicken
+oder nichts.«
+
+»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine
+Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«
+
+»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus
+seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein
+Geschenk von New-York mitgebracht.«
+
+Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide
+Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.
+
+Marie sah es mit unzufriedener Miene an.
+
+»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte
+sie nur.
+
+»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was
+hältst Du von der Aehnlichkeit?«
+
+»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird
+sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen
+zuschlagend.
+
+»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut
+fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit?
+Sei doch nicht thöricht!«
+
+»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du
+mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß
+ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit
+Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß
+ich halb todt bin.«
+
+»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus
+den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig
+gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür
+gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.
+
+»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.
+
+»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte
+Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham
+Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«
+
+»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten
+am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare,
+während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du
+bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von
+der Reise auszuruhen. -- Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle
+hierher kommen.«
+
+Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich
+geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich
+gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und
+rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe
+arrangirt hatte.
+
+»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie
+ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für
+jede Bequemlichkeit.«
+
+Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.
+
+
+
+
+ Sechszehntes Kapitel.
+
+ Tom's Mistreß und ihre Ansichten.
+
+
+»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an.
+Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England,
+die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit
+geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die
+Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«
+
+Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens
+Ankunft, gemacht.
+
+»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend.
+»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen
+wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«
+
+»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher
+Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.
+
+»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir
+es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so
+könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«
+
+Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und
+sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«
+
+»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn
+sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit
+mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere
+sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«
+
+»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,«
+sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste
+Kreatur der Welt; -- was würdest Du ohne sie anfangen?«
+
+»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte
+Marie; -- »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, -- schrecklich
+selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«
+
+»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz
+ernsthaft.
+
+»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, -- »ich denke, es ist schrecklich
+selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie
+weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, -- wenn grade
+meine Anfälle am schlimmsten sind, -- und doch ist sie so schwer zu
+erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den
+Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«
+
+»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?«
+fragte Eva.
+
+»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl
+beklagt?«
+
+»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du
+gehabt habest, -- so viele hinter einander.«
+
+»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer
+Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.
+
+»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St.
+Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört
+mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich
+haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn
+Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte,
+so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so
+aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das
+Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.
+
+Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen,
+beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht
+geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad
+ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören
+lasse.
+
+»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist
+sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum
+Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen
+und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog,
+mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein
+Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich;
+und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten,
+einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen
+würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals
+darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet;
+allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf
+bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe,
+ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen,
+weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb
+nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann
+zu nehmen; aber nein, -- sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art
+Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie
+ich.«
+
+»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.
+
+»Ja, zwei Kinder.«
+
+»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«
+
+»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen.
+Es waren schmutzige, kleine Dinger, -- die ich unmöglich hier
+um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit
+weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art
+Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen;
+und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist,
+und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne
+zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, -- sie
+sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«
+
+»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia
+blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den
+innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund,
+während er sprach.
+
+»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich
+wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren
+Kleiderschrank sehen, -- Seide und Mousselin hat sie darin hängen.
+Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu
+säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen.
+Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das
+ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben
+worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem
+Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes
+Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt.
+Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist
+großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und
+sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare
+so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig
+geworden bin.«
+
+»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.
+
+Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden,
+mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes.
+Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um
+ihren Hals.
+
+»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.
+
+»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, -- nur eine?
+Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde
+auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke --«
+
+»O Thorheit, Kind, -- Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares
+Kind!«
+
+»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist
+nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend
+Kopfschmerzen.«
+
+»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die
+Andern, -- macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger
+ein wenig weh thut; -- nein, so etwas darf man nie bestärken! --
+Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich
+zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit
+dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen
+Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände
+voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, -- Niemand weiß, was
+ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und
+ich thue es.«
+
+Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser
+Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in
+lautes Lachen ausbrach.
+
+»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine
+Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden
+Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es
+bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.
+
+Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein.
+Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein
+Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia
+und Marie blieben allein am Tische sitzen.
+
+»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch
+mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der
+Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger
+sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit
+Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen
+wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich
+einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets
+für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung
+gekommen ist, ich könne Alles tragen.«
+
+Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf
+erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte,
+trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im
+Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu
+machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch,
+über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele
+Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer
+und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig
+verwirrt geworden sein würde.
+
+»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben;
+so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein
+werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; -- nur Eva, --
+sie erfordert Aufmerksamkeit.«
+
+»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah
+nie ein besseres.«
+
+»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare
+Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte
+sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige
+Betrachtung wäre.
+
+Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte
+Klugheit genug, es für sich zu behalten.
+
+»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten,
+und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe
+auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, -- es hat mir durchaus
+keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur,
+die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist
+sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St.
+Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur
+unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«
+
+Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.
+
+»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als
+den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich
+von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus
+voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie
+selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? -- ich weiß
+es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer ~gütig~ gegen die
+Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie
+~ihre Stellung fühlen lassen~. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde
+noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines
+Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot,
+bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein
+Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde,
+wenn es sich selbst überlassen wäre.«
+
+»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für
+menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet
+sind.«
+
+»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was
+einigermaßen angeht, -- Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung
+bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es
+hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je
+vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder
+sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art
+und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen
+oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«
+
+Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen
+eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes
+Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem
+letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem,
+eben so Aetherischem ähnlich, fort:
+
+»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es
+ist nicht meine Gewohnheit, -- es sagt mir nicht zu, -- und ich habe
+auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare
+sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden
+und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen
+Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer
+sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist
+wenigstens meine Meinung.«
+
+Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer
+Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme
+Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas
+dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die
+finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb
+Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu
+stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte,
+als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen
+aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun
+haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner
+Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden,
+zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu
+sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein
+nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:
+
+»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten
+hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb
+auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St.
+Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen,
+daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles
+mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und
+besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so,
+als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn
+er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen,
+ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist
+St. Clare wirklich fürchterlich, -- und ich fürchte mich vor ihm,
+so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal
+zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden
+solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer
+solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen.
+Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde
+seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte;
+und ich -- es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich
+einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute
+sind nichts als große Kinder.«
+
+»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte
+Miß Ophelia kurz.
+
+»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne
+Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese
+Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare
+Klasse von Geschöpfen sind.«
+
+Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand
+zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen
+auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.
+
+»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem
+täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist
+ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet
+das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was
+sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien
+an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu
+veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es
+nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn
+man uns mit ihnen vergleichen könnte.«
+
+»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen
+hat?« sagte Miß Ophelia kurz.
+
+»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist
+ein entartetes Geschlecht.«
+
+»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte
+Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.
+
+»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, -- Niemand zweifelt daran;
+aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir
+überhaupt damit verglichen werden könnten, -- das ist unmöglich!
+St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von
+ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist
+auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die
+Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes
+Verhältniß -- ganz natürlich, -- und doch will St. Clare das nicht
+einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben
+könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in
+allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und
+aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu
+lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu
+viel -- selbst für ~mich~. Ich zeige selten meine Empfindungen; es
+ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das
+harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von
+dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen
+Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer
+dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«
+
+Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu
+müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer
+Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.
+
+»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; --
+einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben,
+thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner
+schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe
+meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung
+ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun
+wollte, was Andere thun!«
+
+»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.
+
+»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern
+Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn
+ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt
+so viel Energie als St. Clare verwalten.«
+
+»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß
+Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«
+
+»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, -- es ist viel
+leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt
+haben, es ist sonderbar, -- das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone
+spricht, -- dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst
+davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten
+nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines
+Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St.
+Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich
+hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß
+es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, -- das Volk ist so
+schlecht, so falsch, so faul.«
+
+»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was
+für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen
+haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! -- Siehst Du,
+Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem
+Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar
+nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir,
+Marie und ich, ihnen geben.«
+
+»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.
+
+»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche
+erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine
+Bemerkungen zu unterstützen.«
+
+»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,«
+sagte Marie.
+
+»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine
+Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«
+
+»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.
+
+»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen
+Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte,
+sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«
+
+»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses
+Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich
+geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte
+Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«
+
+»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen
+Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit
+Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten
+so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn
+hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu
+verschaffen.«
+
+»Wie meinst Du das?« fragte Marie.
+
+»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich
+~einige~ von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen,
+ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine
+Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war
+wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen
+Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten,
+und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu
+machen.«
+
+»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig
+zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!«
+sagte Marie.
+
+»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel
+seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser
+auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und
+leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht
+geben?«
+
+»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß
+Ophelia mit dreister Bestimmtheit.
+
+»Zu viel Umstände, -- Trägheit, Cousine, Trägheit, -- was mehr Seelen
+ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so
+hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es
+ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz
+alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche
+Betrachtung, wahrlich!«
+
+»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit
+auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht
+haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie
+vernünftige Wesen zu behandeln, -- wie unsterbliche Geschöpfe, über
+die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das
+ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer
+plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.
+
+»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt
+Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein
+munteres Stückchen zu spielen.
+
+St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war
+leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger
+Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem
+andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen
+will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß
+Ophelia:
+
+»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine
+Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um
+so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren
+Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du
+bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten
+Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«
+
+»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,«
+sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als
+wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden
+Nutzen für sie, -- sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das
+anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen,
+so -- ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen
+gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche
+können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der
+Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, -- und ich
+kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist;
+aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon
+vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird
+es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz
+vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie
+noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich
+kenne sie.«
+
+Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare
+pfiff ein Liedchen.
+
+»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt
+meine Kopfschmerzen.«
+
+»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst
+noch etwas von mir?«
+
+»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben
+könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«
+
+»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.
+
+»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«
+
+»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach
+Befehl reden, -- wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu
+stellen.«
+
+Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch
+die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die
+Gardine zur Seite und lachte mit.
+
+»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.
+
+Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit
+Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen
+Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf
+sein Knie setzte.
+
+»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«
+
+Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und
+schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie
+seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine
+Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung
+bitten.
+
+»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.
+
+»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.
+
+»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«
+
+»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund
+liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und
+unsterblich ist, schauderst Du, -- gestehe es nur, Cousine. Ich kenne
+einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die
+kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen;
+Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, -- sie
+beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft
+während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie
+viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt
+einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und
+dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt
+sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu
+thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches
+Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre
+nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure
+Meinung?«
+
+»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas
+Wahres darin liegt.«
+
+»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?«
+sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete,
+welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind
+die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero;
+seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und
+methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug
+und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und
+er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies
+ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und
+Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«
+
+»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe
+glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden
+hört.«
+
+»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk
+gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich
+fürchte, auch kein Ausüber derselben.«
+
+»Wie kannst Du denn so reden?«
+
+»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube
+Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen,
+was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen
+Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein
+Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«
+
+ * * * * *
+
+Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu
+sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, -- die
+instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, --
+hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer
+Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe;
+und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere
+Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, -- Befehle, welche, wie
+unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm
+waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte
+ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein
+Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung
+eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie
+durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe
+komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn
+ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr
+leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei,
+allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah
+deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem
+sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien
+Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte
+ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer
+seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.
+
+Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung,
+für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und
+er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die
+Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes,
+die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen,
+welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.
+
+Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen
+können, -- und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil
+in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen
+wird, -- so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht
+erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens
+nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des
+Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen
+und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes
+erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und
+mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen
+des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird
+ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen
+Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen
+höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen
+Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In
+allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines
+ächt ~christlichen Lebens~ geben, und vielleicht hat Gott, da er
+diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends«
+ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu
+machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken
+ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten
+sein.
+
+Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare
+beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet
+in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes
+Handgelenk befestigte? -- Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas
+Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller
+Rüstung, -- Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, -- im Begriffe, in
+eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es
+nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie
+nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen,
+und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie
+sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute,
+elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete
+den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes
+Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern
+ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen
+Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene
+persönliche Erscheinung.
+
+»Wo ist Eva?« sagte Marie.
+
+»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,«
+entgegnete Ophelia.
+
+Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es
+wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.
+
+»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«
+
+»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; -- brauchen sich darum
+nicht zu ängstigen.«
+
+»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind,
+indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, -- «Du sollst mein
+Riechfläschchen nehmen.«
+
+»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, --
+würde sich nicht passen, -- gar nicht!«
+
+»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es
+immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen.
+Nein, Du sollst es nehmen, -- mir zum Gefallen.«
+
+»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das
+Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer
+Mutter.
+
+»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«
+
+»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben,
+welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«
+
+»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, -- »Dein goldenes
+Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich
+schickt? -- Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es
+zurück!«
+
+Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich
+langsam um.
+
+»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr
+gefällt!« sagte St. Clare.
+
+»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?«
+entgegnete Marie.
+
+»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel
+besser fortkommen, als Du oder ich!«
+
+»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft
+berührend, »es thut Mutter weh.«
+
+»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte
+Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.
+
+»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«
+
+»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche
+ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist
+gar nicht anständig und achtungswerth.«
+
+»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um
+zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit
+breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde
+ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens
+Etwas, was Einen munter erhält.«
+
+»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.
+
+»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche,
+Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva,
+willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte
+St. Clare.
+
+»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«
+
+»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.
+
+»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft
+schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«
+
+»Weshalb gehst Du denn also hin?«
+
+»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir,
+daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht
+wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch
+überhaupt nicht so sehr langweilig!«
+
+»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist
+ein gutes Kind, bete für mich.«
+
+»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der
+Mutter in den Wagen sprang.
+
+St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während
+der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen
+Augen.
+
+»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu
+einem Evangelium für mich gesandt?«
+
+Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine
+Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War
+er anders, als andere Leute?
+
+»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut,
+freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht
+recht, sie ~grade~ so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder
+andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy
+krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen,
+-- nicht wahr?«
+
+»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva,
+»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser,
+als das ihrige ist.«
+
+Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von
+Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort
+aussprach.
+
+»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief
+sie.
+
+»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.
+
+Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder
+bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck,
+und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene
+Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.
+
+ * * * * *
+
+»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den
+Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut
+in der Kirche?«
+
+»O, Doktor G -- hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.
+
+»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte
+ganz genau mit meinen Ansichten überein.«
+
+»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen
+sein,« sagte St. Clare.
+
+»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse
+und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut
+Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und
+Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß
+es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und
+ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um
+zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es
+so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht
+worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite
+sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich
+wollte nur, Du hättest ihn gehört.«
+
+»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der
+Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und
+dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie
+Du weißt.«
+
+»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte
+Miß Ophelia.
+
+»Wer -- ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so
+verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände
+durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese
+Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben
+sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere
+Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet
+das Ganze, -- und grade dasselbe, worauf alles das heilige Geschwätz
+hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall
+verständlich sein.«
+
+»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte
+Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«
+
+»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse
+Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns
+bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte,
+der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange
+sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der
+Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, -- wir
+würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«
+
+»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia,
+»hältst Du sie für recht oder unrecht?«
+
+»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben,
+Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte,
+so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich
+herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende
+ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher
+zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf
+die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins
+aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«
+
+»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende
+Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die
+Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt
+eben gethan hat.«
+
+»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer
+unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was
+Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden
+läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte
+Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu
+passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht
+und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne
+gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche,
+so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«
+
+»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte
+Miß Ophelia.
+
+»Die Bibel war das Buch ~meiner Mutter~,« sagte St. Clare; »nach
+ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid
+thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich
+könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein
+trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu
+beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde
+meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den
+Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein
+Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem
+Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern
+Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene
+Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der
+menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht
+aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer
+strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß
+die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur
+so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand
+auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für
+uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können,
+sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb
+daran festhalten wollen, -- so ist dies wenigstens kräftig, klar und
+deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit
+für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu
+schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr
+geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er
+gehalten zu werden verdient.«
+
+»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.
+
+»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den
+Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze
+Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, -- glaubst
+Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung
+der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde
+dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es
+dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre
+Richtung anweise!«
+
+»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee
+ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei
+besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, -- ja, ich
+fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß,
+daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«
+
+»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die
+grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer
+kam.
+
+»Worüber, Papa?«
+
+»Ich meine, -- wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei
+Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist,
+mit vielen Dienstboten?«
+
+»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.
+
+»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.
+
+»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, -- verstehst Du?«
+sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.
+
+»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es
+ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«
+
+»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie
+auf sein Knie stieg.
+
+»Nach den Begriffen dieser Welt -- beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare.
+»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit
+gewesen?«
+
+»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und
+Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«
+
+»Tom singen gehört, he?«
+
+»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den
+leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«
+
+»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«
+
+»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«
+
+»Singstunden, wie? -- o, Du nimmst zu!«
+
+»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er
+erklärt es mir dann, was es bedeutet.«
+
+»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des
+ganzen Carnevals.«
+
+»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, -- ich möchte
+drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für
+Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und
+stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte
+ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe
+seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er
+verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«
+
+»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen
+Kunststücken schon öfter gehört.«
+
+»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn
+er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom
+schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für
+Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser
+werden möchte.«
+
+»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.
+
+»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St.
+Clare. »Gut, wir wollen sehen, -- nicht wahr, Eva?«
+
+
+
+
+ Siebenzehntes Kapitel.
+
+ Die Vertheidigung des freien Mannes.
+
+
+Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung
+Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus
+den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich,
+ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von
+Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die
+Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde,
+rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen
+warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg
+und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines
+Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen
+begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen
+sichtbar.
+
+»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du
+bist ein gutes Kind, -- viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe
+geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien
+Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott
+der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, -- mein eifriges
+Streben, -- gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun
+will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl
+unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu
+sein.«
+
+»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen.
+Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und
+plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«
+
+»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn
+diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen
+Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ~ihm~ angehören!
+Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder
+ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und
+abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen
+als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas
+bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem
+fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und
+weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich
+mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so
+will ich zufrieden, -- dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld
+für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft,
+so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für
+mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«
+
+»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch
+nicht in Kanada.«
+
+»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft
+fühlte, -- sie macht mich stark.«
+
+In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört,
+die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an
+die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.
+
+Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als
+Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und
+trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er
+hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's,
+sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz
+darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles
+um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu
+dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des
+Quäkers paßten.
+
+»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich
+und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist
+nöthig, daß Du es hörest.«
+
+»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es
+gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen
+schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause,
+ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes,
+Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen
+Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit
+dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der
+Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein
+Bett fertig sein würde; und was geschah? -- ich schlief fest ein.«
+
+»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.
+
+»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn
+ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte
+ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die
+um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte,
+ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie
+eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden
+hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der
+Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm,
+daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen
+und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann,
+sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden,
+der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen
+abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans
+hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind,
+sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten
+auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen
+helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte
+vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein
+kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre,
+und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo
+sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen
+hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht
+nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns
+sein. Was ist also nun zu thun?«
+
+Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen
+Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre
+Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten
+zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben
+haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus.
+Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte
+ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit
+geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie
+jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft,
+und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar
+unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.
+
+»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.
+
+»Ich weiß, was ~ich~ thun werde,« entgegnete Georg, indem er in
+das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.
+
+»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das
+hinaus will.«
+
+»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht
+dahin kommen möge.«
+
+»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,«
+sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die
+Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten
+Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod
+und Verzweiflung, und ich auch.«
+
+»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer
+einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das
+Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege
+als Du.«
+
+»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.
+
+»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren,
+sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen
+wirst, so sag' es mir nur.«
+
+»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust
+wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine
+Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen
+deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, -- junges Blut ist heiß.«
+
+»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem
+Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will
+still und ruhig hinausgehen; aber« -- er hielt inne, während seine
+Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing,
+-- »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans
+verkauft wurde; -- ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, -- und ich
+soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es
+verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen,
+gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum
+letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können
+Sie mich deshalb tadeln?«
+
+»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann
+nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß
+halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«
+
+»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«
+
+»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon;
+»das Fleisch ist schwach.«
+
+»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,«
+sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle
+ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht
+einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit
+ihm abzumachen haben solltest.«
+
+»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so
+darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben
+uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was
+vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen
+des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben
+ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«
+
+»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht
+werden, -- nun, dann laß Jene sich vorsehen.«
+
+»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden
+bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark
+in Dir.«
+
+Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner
+gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein
+gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst
+einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize
+bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden;
+und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und
+nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig
+höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in
+seiner Erkenntniß« zu bemerken.
+
+»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel
+Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein
+Herz auf dem rechten Flecke ist.«
+
+»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer
+Flucht?«
+
+»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen,
+also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der
+Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor
+der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche
+schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn
+sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn
+wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen.
+Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem
+schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe,
+und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen
+sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt;
+oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr
+eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit
+der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben
+einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu
+erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund
+Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten
+deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür
+hinter sich schloß.
+
+»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für
+Dich thun, was geschehen kann, Georg.«
+
+»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich
+aussetzen.«
+
+»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete
+Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt
+uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,«
+fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für
+diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«
+
+Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu
+backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle +et cetera's+
+des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem
+kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch
+begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen,
+daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt
+sind.
+
+»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und
+Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben,
+wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte,
+Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen
+meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme
+Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie
+kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg,
+Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer
+Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und
+schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen
+Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete
+gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe
+erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch
+seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen
+hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst
+über meinen Leichnam gehen.«
+
+»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus
+diesem Lande glücklich führen wollte, -- das ist Alles, um was wir ihn
+bitten.«
+
+»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau
+sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er
+Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie
+behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; -- ja, alle Gewalt ist
+auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder
+von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem
+durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und
+arme, ehrliche, treue Christen, -- eben so gute, wie sie, und bessere
+vielleicht, -- liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und
+verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern
+und Thränen, -- und Gott ~läßt~ es geschehen.«
+
+»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen
+Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«
+
+Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen
+trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie
+folgt:
+
+ »Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt
+ hätte beinahe geglitten.
+
+ »Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den
+ Gottlosen so wohl ging.
+
+ »Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie
+ andre Menschen geplagt.
+
+ »Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel
+ muß wohlgethan heißen.
+
+ »Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie
+ nur gedenken.
+
+ »Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern
+ hoch her.
+
+ »Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen
+ wie Wasser,
+
+ »Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der
+ Höchste ihrer achten?«
+
+ »Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach
+ Lesung dieser Verse.
+
+ »Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich
+ sie selbst niedergeschrieben hätte.«
+
+ »Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:
+
+ »Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war
+ mir zu schwer,
+
+ »Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf
+ ihr Ende.
+
+ »Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.
+
+ »Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild
+ in der Stadt verschmähet.
+
+ »Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner
+ rechten Hand.
+
+ »Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu
+ Ehren an.
+
+ »Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
+
+ »Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch,
+ Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«
+
+Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen
+alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten,
+erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit
+dem Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.
+
+»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du
+allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen,
+welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich
+auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen
+möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«
+
+Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner
+gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische
+Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so
+häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung
+gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für
+die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte,
+an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie
+ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen,
+heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und
+Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.
+
+Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an
+den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die
+Thür gehört, und Ruth trat ein.
+
+»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe
+hier für den Knaben zu bringen, -- drei Paar warme wollene. Es wird
+sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?«
+fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und
+ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand
+einen kleinen Kuchen schob. »Ich habe hier ein kleines Packetchen für
+ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor
+zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«
+
+»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.
+
+»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.
+
+»Ich kann nicht, -- unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause
+gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick
+bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde
+allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die
+kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der
+Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war
+Ruth aus dem Zimmer verschwunden.
+
+Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür.
+Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze
+herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur
+Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau
+am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen.
+Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.
+
+»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des
+Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und
+das Kind zurecht machen.«
+
+»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so
+bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«
+
+Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem
+Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die
+Verfolger erwarte.
+
+»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester
+Stimme.
+
+»Ja wohl,« entgegnete Jim.
+
+»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie
+kommen sollten?«
+
+»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen
+Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir
+wieder abnehmen lassen?«
+
+Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen
+Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen
+gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend,
+unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr
+hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim
+ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und
+Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.
+
+»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.
+
+»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr
+rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.
+
+Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine
+Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange,
+dunkle Waldwege, -- über weite, einsame Ebenen, -- bergauf und bergab,
+-- eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag
+schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau
+vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen
+graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen
+zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft
+zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu
+verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.
+
+Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich deutliche Pferdehufe
+eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den
+Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.
+
+»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang
+seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu
+überschauen.
+
+Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung
+auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.
+
+»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum
+Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen
+im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten
+zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal
+hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen,
+hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe
+eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu
+können.
+
+»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla,
+hier Michael!«
+
+»Phineas! bist Du es?«
+
+»Ja, was für Nachrichten, -- kommen sie?«
+
+»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und
+fluchen und schäumen wie Wölfe.«
+
+Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall
+gallopirender Reiter zu.
+
+»Hinein mit Euch, -- schnell, Jungens, ~hinein~!« rief Phineas.
+»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter
+gebracht habe.«
+
+Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde
+an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte,
+sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber
+deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der verfolgenden
+Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus,
+und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp
+Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald
+darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan
+ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug
+das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war
+einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die
+alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen
+mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer
+näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand
+eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen
+Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter
+Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz
+und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den
+Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas
+kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und
+nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so
+stark angetrieben.
+
+»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem
+Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und
+fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen
+und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen
+hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«
+
+Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.
+
+»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr
+sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in
+Eurem Leben gelaufen seid!«
+
+Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller als wir es sagen
+können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und
+eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde
+gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in
+vollem Laufe davon fuhr.
+
+»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in
+gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines
+rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf
+führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«
+
+Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels
+mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine
+bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa
+bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die
+Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um
+ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe
+der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer
+nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von
+beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich
+eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen,
+senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang
+mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf
+eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.
+
+»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen
+seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich
+vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art
+Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten
+Befindlichen schützte.
+
+»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die
+steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer zu beobachten, welche
+lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen,
+wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen
+den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer
+Pistolen, -- seht Ihr, Jungens?«
+
+»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist,
+so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein
+bestehen.«
+
+»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,«
+entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen,
+zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und
+hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs
+nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf
+kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn
+sie's thäten?«
+
+Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden
+Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten
+Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl
+liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein
+geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger
+einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.
+
+»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.
+
+»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist
+der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen,
+und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«
+
+»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte
+Marks; -- »das wäre unangenehm!«
+
+»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, -- »Du bist immer für
+Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von
+Natur.«
+
+»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,«
+sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten
+manchmal wie der Teufel.«
+
+In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen
+und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:
+
+»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«
+
+»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen
+gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden,
+und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl,
+und wir wollen sie haben, -- versteht Ihr? -- He, bist Du nicht selbst
+Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«
+
+»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein
+Eigenthum; -- aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes
+freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein
+eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu
+vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt
+herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den
+Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der
+folgende, bis zum Letzten.«
+
+»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich
+seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch,
+was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das
+Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust
+Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch
+thun.«
+
+»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die Macht auf Eurer Seite
+habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um
+es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb
+einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem
+viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt
+hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt
+Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken
+derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure
+Gesetze werden Euch darin unterstützen, -- was für sie und Euch um
+so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure
+Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier
+frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns
+geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen
+vertheidigen!«
+
+Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens
+stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf
+einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere
+Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und
+als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des
+Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine
+Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten
+befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum
+Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit,
+was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der
+Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig
+seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf
+Georgs Rede folgte, auf ihn ab.
+
+»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für ihn todt wie lebendig
+in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel
+abwischte.
+
+Georg sprang zurück, -- Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war
+dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner
+Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.
+
+»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.
+
+»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen
+Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«
+
+»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind,
+und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt,
+schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei
+Schüsse auf Einen verschwenden, -- verstehst Du?«
+
+»Aber wenn Du nicht triffst?«
+
+»Ich ~werde~ treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.
+
+»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den
+Zähnen.
+
+Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen
+Augenblick unschlüssig.
+
+»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; --
+»ich hörte ein Gekreisch.«
+
+»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; --
+»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht
+thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.
+
+Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es,
+und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen
+mußte.
+
+Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und
+nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze
+übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden
+ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb
+vorgeschritten sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's
+aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.
+
+Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich
+verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem
+gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die
+drüben Stehenden zu.
+
+»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit
+einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht
+nöthig.«
+
+Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend
+und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und
+stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet
+haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider
+an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.
+
+»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den
+Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte,
+als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in
+eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.
+
+»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf,
+während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, -- versteht
+Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern,
+war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.
+
+»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; --
+»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so
+im Stiche!«
+
+»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer.
+»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder
+lebendig ist.«
+
+Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten nun über Wurzeln und
+Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.
+
+»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer
+verwundet?«
+
+»Weiß nicht. Hebt mich auf, -- könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole
+den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein
+Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können,
+wie's ihnen gefällt.«
+
+Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held
+aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden
+gebracht.
+
+»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause
+zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas,
+um das verfluchte Bluten zu stillen.«
+
+Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die
+schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei
+vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen
+Gewichte auf den Boden nieder.
+
+»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen
+übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.
+
+»Warum nicht?« fragte Phineas; -- »geschieht ihm recht.«
+
+»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.
+
+»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer
+methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich
+für die Seele des armen Menschen.«
+
+»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.
+
+Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender
+Unentschlossenheit und Berathung sprangen alle plötzlich in ihre
+Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren,
+begann Phineas sich zu regen.
+
+»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich
+trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen
+zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen
+müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist
+früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir
+sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht
+nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen
+können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle
+in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter
+auf der Landstraße zurückkommen.
+
+»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig.
+»Nun sind wir geborgen, -- so sicher, als wenn wir schon dort wären.«
+
+»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für
+den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«
+
+»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn
+aufnehmen und mit uns fortschaffen.«
+
+»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch
+das! Wohl, ich habe nichts dagegen! -- wir wollen ihn uns 'mal
+ansehen.«
+
+Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner
+Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß
+von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und
+begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.
+
+»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«
+
+»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach
+Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; -- ist fort, schon
+lange.«
+
+»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige
+Hund, -- mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte
+Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«
+
+»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte
+die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«
+
+»Sachte, sachte! -- knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als
+Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für
+Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«
+
+Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit
+seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen
+vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:
+
+»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«
+
+»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns
+hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte.
+»Hier, hier, -- laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, --
+haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht
+werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, -- so gut, wie es Deine eigne
+Mutter nur könnte.«
+
+Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen
+Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und
+schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in
+seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.
+
+Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute
+wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens
+ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren
+Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine
+vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids
+setzte sich auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in
+ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen
+Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.
+
+»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas
+auf dem vordersten Sitze saß.
+
+»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die
+Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut
+verloren, -- und Muth und Alles mit, -- aber er wird's überstehen und
+vielleicht lernt er 'was dabei.«
+
+»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir
+immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt
+hätte, selbst in einer gerechten Sache.«
+
+»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, -- gleichviel
+ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen,
+und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er
+niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so
+anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu
+haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten,
+denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«
+
+»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.
+
+»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, -- Dorcas
+nennen sie sie, -- das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist
+es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie
+irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen,
+daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«
+
+Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem
+reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem
+reichlichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker befand sich sehr
+bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je
+zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden
+worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den
+weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her
+gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen
+wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+ Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.
+
+
+Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein
+glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der
+Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der
+Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr
+und mehr entwickelte, an Stärke zu.
+
+St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher
+waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe
+größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und
+ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des
+Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen
+Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes
+anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum
+zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der
+ihm eigenthümlichen ruhigen Art und Weise Bemerkungen erlaubt. St.
+Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich;
+allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine
+Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr
+an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe
+übertragen wurden.
+
+»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich
+dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden
+solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom
+aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal
+gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft
+besorgt.«
+
+Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm
+Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das
+zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm
+jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die
+unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen
+Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in
+ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit
+zu beobachten.
+
+Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen
+Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es
+leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten,
+war er in eine totale Verwechslung des +meum tuum+ mit Rücksicht
+auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare
+dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand
+des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner
+Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse
+verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um
+eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu
+bei, ihn in seine Nachsicht und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen.
+Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich
+selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm
+abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.
+
+Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen
+Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß
+sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die
+Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes
+kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im
+Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen
+öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, -- waren Dinge,
+die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er
+die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« -- eine
+Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die
+er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen
+Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es
+soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art
+und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte,
+der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel,
+am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer
+heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen
+ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt,
+in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das
+Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe
+zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze
+Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen
+Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen
+übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn
+zu beten.
+
+»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden
+Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß,
+und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte.
+»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend
+dastand.
+
+»Master, ich fürchte -- nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.
+
+»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein
+Leichenwagen.«
+
+»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß
+Master gegen Jeden gut sein wolle --«
+
+»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's?
+was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die
+Vorrede dazu?«
+
+»Master ist immer gut gegen mich gewesen; -- habe mich über nichts zu
+beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«
+
+»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«
+
+»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte
+dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«
+
+Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die
+Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht
+feuerroth werden, aber lachte.
+
+»O, ist das Alles?« sagte er heiter.
+
+»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee
+fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles
+zu Grunde richten, -- Alles -- Leib und Seele. Das gute Buch sagt:
+»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber
+Master!«
+
+Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.
+
+»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen
+traten. »Steh' auf, Tom, -- ich bin's nicht werth, daß über mich
+geweint werde.«
+
+Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.
+
+»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten
+gehen,« sagte St. Clare, -- »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß
+nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die
+ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, -- also
+nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. --
+Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so
+außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der
+Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht
+wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer
+Beruhigung sich entfernte.
+
+»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst,
+während er die Thür zumachte.
+
+Und er hielt es, -- denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur
+eigenthümliche Versuchung.
+
+Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß
+Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen
+Haushaltes übernommen hatte.
+
+Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen
+Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den
+Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden.
+Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes
+Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise
+haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere
+Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen
+zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen, systematischen
+Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs.
+Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden
+deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare
+gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter
+dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war
+es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten
+eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende
+Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie
+dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.
+
+An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia
+bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer
+in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der
+Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie
+einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen
+Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.
+
+Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche
+und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung
+unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf
+solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche
+und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen
+und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt
+fand.
+
+Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen
+Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie
+als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten
+Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone
+mit tieferem Groll erdulden können.
+
+Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es wäre ungerecht gegen
+ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr
+geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut
+wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden,
+und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und
+daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade
+war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete
+sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich
+hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein
+Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu
+überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein
+könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit
+befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies
+zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein
+abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge
+Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es
+bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise
+hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so
+leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen
+Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten
+Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem
+war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art
+aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie
+Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet
+leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie
+jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit
+zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war,
+so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz
+unzweifelhaft lediglich die Schuld von fünfzig anderen Personen, die
+Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.
+
+Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich
+verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade
+umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, -- obgleich
+ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht
+hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als
+Tage im Jahre waren, -- so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten
+konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster
+Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst
+ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.
+
+Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu
+beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung
+bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte,
+saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife,
+der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art
+Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für
+ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder
+eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der
+Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils
+Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit
+zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder
+dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag
+an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle
+versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der
+jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem
+andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie
+sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter
+dem sie aufgewachsen war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten
+Ausdehnung aus.
+
+Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen
+Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah
+hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war,
+und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem
+Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und
+Widerstand hemmend entgegen zu treten.
+
+Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an
+dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen
+Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht
+hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen.
+Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden
+zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels
+vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke
+und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch
+eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen
+Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen
+sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine
+Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden
+waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen,
+Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere
+werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.
+
+Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern
+rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur
+mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges,
+während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen
+beobachtete.
+
+Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu
+öffnen.
+
+»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.
+
+»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.
+
+So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie
+enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes
+Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war,
+rohes Fleisch einzuwickeln.
+
+»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten
+Tischtücher Deiner Mistreß ein?«
+
+»O Herr, nein, Missis, -- es waren gerade keine andere Tücher da, und
+so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte,
+-- deshalb.«
+
+»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr,
+die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse,
+zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug
+mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete
+Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück
+Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln
+darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher,
+Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit
+Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.
+
+»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit
+einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.
+
+»Wo es ist, Missis; -- hier sind ein paar, in der zerbrochenen
+Theetasse, und da welche in dem Schranke.«
+
+»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie
+emporhaltend.
+
+»O ja, -- hab' sie da heut früh hin gethan, -- habe gern meine Sachen
+bei der Hand,« sagte Dinah. »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst
+es kriegen! -- Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung
+nach dem Verbrecher hinzu.
+
+»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade
+emporhaltend.
+
+»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; -- hab's dahin gethan, um 's bei
+der Hand zu haben.«
+
+»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«
+
+»O Missis, -- war in solcher Eile, -- gejagt, -- wollt's heut noch
+wegthun.«
+
+»Hier sind zwei damastene Servietten.«
+
+»Die Servietten -- die hab' ich da hingethan, -- sollten nächster
+Gelegenheit gewaschen werden.«
+
+»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke,
+welche gewaschen werden sollen?«
+
+»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich
+mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so
+umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«
+
+»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der
+dazu bestimmt ist?«
+
+»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da
+ist ja kein Platz nie --«
+
+»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«
+
+»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr
+Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit
+im Benehmen vergessen ließ; -- »was verstehen Damen von Arbeit, möchte
+ich wissen? -- Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die
+ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie
+so 'was gesagt.«
+
+»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück
+Flanell hervorziehend.
+
+»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe;
+-- konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich
+aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, -- hatte ganz vergessen, daß
+sie da in dem Flanell waren.«
+
+Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.
+
+»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! -- habe meine Sachen
+gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte
+Dinah in etwas entschiedenem Tone.
+
+»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.
+
+»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.
+
+»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn
+nicht?«
+
+»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte
+ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend.
+»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo
+ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; -- kann aber
+nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam!
+-- daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir
+eins über den Kopf!«
+
+»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles ~ein für allemal~ in
+Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in
+Ordnung erhältst.«
+
+»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, --
+habe nie Damen so 'was thun sehen; -- meine alte Missis und Miß
+Marie thaten's nie; -- und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut
+ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend,
+während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von
+herumstehenden Zuckerschalen in ein Behältniß leerte, Servietten,
+Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren
+eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung
+brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.
+
+»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann
+sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich
+in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung
+wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, -- brauche keine Damen hier herum,
+die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch
+sie wieder finden kann.«
+
+Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden,
+daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für
+Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann
+mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren,
+und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und
+dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte
+sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen
+vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die
+ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu
+beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im
+Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen
+als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so
+fortgehen lassen, und wolle das ~jüngere Volk~ lehren, bessere
+Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern
+der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß
+es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran
+Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische
+schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte
+geben können, in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte,
+pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze
+vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem
+sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der
+Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten
+wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen
+Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für
+ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen
+versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt
+werden solle, -- wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit«
+nachgelassen hatte.
+
+In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen
+Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen
+in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der
+Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der
+Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St.
+Clare.
+
+»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in
+diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.
+
+»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.
+
+»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe
+ich nie in meinem Leben gesehen.«
+
+»Wahrscheinlich nicht.«
+
+»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die
+Verwaltung zu führen hättest.«
+
+»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir
+Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die
+Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte
+verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen
+zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere,
+unwissende Leute um uns haben ~wollen~, so müssen wir die
+Folgen davon tragen. Ich kenne einige seltene Fälle von Personen,
+die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge,
+systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu
+diesen, -- und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben,
+die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel
+nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, -- und
+haben deshalb das Heft in ihren Händen.«
+
+»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, -- Alles in dieser zwecklosen
+Weise fortgehen zu lassen?«
+
+»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen
+außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem
+Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als
+er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von
+welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun
+hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück
+und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh,
+Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel,
+Dessert, und Alles, -- und schafft das Alles in dem Chaos ihrer
+finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht,
+scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir
+hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der
+Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen
+wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es
+würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du
+wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie
+ihren eignen Weg gehen.«
+
+»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles
+vorfand.«
+
+»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel
+unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen
+in ihrer Tasche steckt; -- daß da fünf und sechszig verschiedene
+Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, -- und
+daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und
+morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat
+ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und
+superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und
+Staatsmänner beurtheilt werden, -- ~nach dem Erfolge~.«
+
+»Aber die Verschwendung, -- die Ausgaben.«
+
+»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib
+nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige
+nicht, -- ist es nicht das Beste?«
+
+»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken,
+als daß diese Dienstboten nicht streng ~ehrlich~ sind. Glaubst Du
+dessen gewiß zu sein?«
+
+Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht
+aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.
+
+»O Cousine, das ist zu gut! -- ~ehrlich!~ -- als wenn das
+überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! -- natürlich, das sind sie nicht.
+Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen
+können?«
+
+»Warum unterrichtest Du sie nicht?«
+
+»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz
+danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze
+Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht
+aus ihnen herausbringen.«
+
+»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«
+
+»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und
+aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn
+nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und
+fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als
+Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner
+Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden.
+List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es
+wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür
+nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen
+Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und
+unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn
+nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils,
+sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie
+Tom -- ist ein moralisches Wunder.«
+
+»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.
+
+»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare.
+»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich
+allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das
+ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener
+Welt geschehen wird.«
+
+»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch
+schämen!«
+
+»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter
+Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße
+gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen
+Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, -- findest überall,
+daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen
+der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall
+so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen
+erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«
+
+»Es ist nicht so in Vermont.«
+
+»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns
+voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also,
+Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei
+Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«
+
+Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen
+plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt,
+wie sie immer thut.«
+
+Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und
+trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.
+
+»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.
+
+Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen
+brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den
+Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie
+stützte, und sagte:
+
+»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«
+
+»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.
+
+»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre
+Augen vom Boden aufzuschlagen.
+
+»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu
+lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es
+mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.
+
+Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.
+
+»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; -- sollte mich freuen, wenn
+ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich,
+um Dein Elend zu vergessen.«
+
+»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis
+wird dafür bezahlen.«
+
+Miß Ophelia nahm einige Dutzend.
+
+»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem
+Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«
+
+»Marken, -- wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.
+
+»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«
+
+»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken,
+ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«
+
+»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du
+ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«
+
+»Und das ~will~ ich thun, -- ich kann nicht anders leben, --
+trinken und mein Elend vergessen.«
+
+»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld
+Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«
+
+»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, -- ja, ich will. O Herr, ich
+wollte, ich wäre todt -- ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam
+und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf
+den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem
+Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.
+
+»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf
+drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, -- kannst auch
+noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu
+Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst -- trinkst --
+trinkst -- bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, -- uff!«
+sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.
+
+»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war,
+um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre,
+so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«
+
+»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht
+jetzt schon hübsch aus, -- sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«
+
+»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein,
+in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte
+Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.
+
+Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume
+seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter
+diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.
+
+»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.
+
+Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr
+zugehörigen Sklavinnen.
+
+»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe
+für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd
+schön!«
+
+»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit
+der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf
+zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen
+Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«
+
+»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor
+Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide
+erscheinen werden,« sagte Adolph.
+
+»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die
+gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.
+
+»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«
+
+»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«
+
+»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie
+sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte.
+»Er macht mich immer so ärgerlich.«
+
+»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte
+Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt
+finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«
+
+»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen
+mit unmäßigem Gelächter.
+
+»Ihr da, macht fort! -- kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht
+haben in der Küche,« rief Dinah.
+
+»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,«
+sagte Rosa.
+
+»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; -- »springen
+'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts
+anderes als Niggers, so gut wie ich.«
+
+»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie
+glatt liegen soll,« sagte Jane.
+
+»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre
+langen, seidenen Locken niederfallen ließ.
+
+»Vor dem ~Herrn~ ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte
+Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, -- so ein
+Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, -- will
+Euch hier nicht mehr haben!«
+
+Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St.
+Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob
+er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke;
+und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:
+
+»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure
+Näherei und arbeitet!«
+
+Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in
+der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie
+vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte
+Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt
+nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in
+Ordnung zu bringen.
+
+»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.
+
+»Warum?« sagte das Weib; -- »brauche keine Hülfe.«
+
+»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.
+
+»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.
+
+»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, -- »ich
+wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn
+nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«
+
+»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst
+mir das nicht zu sagen; -- bin häßlich, -- bin schlecht, -- gehe grade
+zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«
+
+Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem
+finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.
+
+»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus
+Christus gehört?«
+
+»Jesus Christus, -- wer ist das?«
+
+»Es ist ~der Herr~,« entgegnete Tom.
+
+»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von
+Gericht und Hölle. -- Habe davon gehört.«
+
+»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme
+Sünder liebte und für uns starb?«
+
+»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; -- »kein Mensch hat mich geliebt,
+seit mein alter Mann todt ist.«
+
+»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.
+
+»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und
+aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug
+waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master
+nahm mich von ihm.«
+
+»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?«
+fragte Tom weiter.
+
+»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher
+kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil
+Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis
+schien anfangs große Stücke drauf zu halten; -- es schrie nie, es war
+gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und
+ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab
+zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte
+mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie
+sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute
+äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und
+schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es
+wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und
+wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil
+es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze
+machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in
+eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode.
+Das that's, -- und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus
+den Ohren zu bringen. So ist's, -- und ich will trinken! ich will --
+und wenn ich in die Hölle dafür muß!«
+
+»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie
+unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat
+Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel
+gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«
+
+»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib.
+»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da
+gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, -- fort von Master
+und Missis, -- so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem
+gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und
+mürrisch fort ging.
+
+Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf
+er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor
+Freude strahlenden Augen.
+
+»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa
+sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen
+neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was
+ist Dir denn, Tom? -- Du siehst ja so ernst aus.«
+
+»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich
+will die Pferde herausholen.«
+
+»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten
+Prue sprechen.«
+
+Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des
+Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich,
+oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und
+ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte
+beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.
+
+
+
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+ Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.
+
+ (Fortsetzung.)
+
+
+»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht
+fahren,« sagte Eva.
+
+»Warum nicht, Miß Eva?«
+
+»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, -- »so tief in's
+Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte
+sich um und ging in's Haus.
+
+Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke
+zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.
+
+»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«
+
+»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.
+
+»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«
+
+»Weiß nicht genau; -- sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau,
+mit einem Seitenblicke auf Ophelia.
+
+Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte,
+folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.
+
+»Was ist aus Prue geworden, -- was ist's?« fragte sie.
+
+Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte
+endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:
+
+»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder
+betrunken, -- und da haben sie sie in den Keller gebracht, -- und da
+den ganzen Tag gelassen, -- und ich hörte sagen, daß ~die Fliegen
+schon an ihr wären, -- sie ist todt~!«
+
+Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte,
+gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus
+deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen
+und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.
+
+»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche
+Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«
+
+»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme,
+»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so
+viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«
+
+»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie
+sind, -- diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«
+
+Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.
+
+Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf
+Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der
+Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört
+hatte.
+
+»Eine abscheuliche Geschichte, -- wirklich fürchterlich!« rief sie,
+als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die
+Zeitung las.
+
+»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen
+worden?« sagte er.
+
+»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode
+gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker
+Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.
+
+»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte
+St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.
+
+»Immer gedacht! -- willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte
+Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu
+untersuchen?«
+
+»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen
+Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute
+ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich
+nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die
+Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung
+vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«
+
+»Es ist wirklich empörend, -- es ist schrecklich, Augustin! Es muß
+Gottes Rache auf Dich herabrufen!«
+
+»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es
+nicht ändern; -- könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige,
+viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben
+vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede
+Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch
+anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können,
+ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu
+bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«
+
+»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um
+solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«
+
+»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse
+von Wesen, -- unerzogen, träg, verderbt, -- ohne Beschränkungen und
+Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie
+der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung
+kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen
+wissen; -- denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden
+Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen
+hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft
+anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden
+lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich
+sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von
+Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich
+thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«
+
+St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien
+empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend,
+fügte er hinzu:
+
+»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du
+hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein
+Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der
+ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und
+prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben.
+Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von
+Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte
+und seine Zeitung wieder aufnahm.
+
+Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann
+mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.
+
+»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen
+wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich
+von Dir, ein solches System zu vertheidigen; -- das ist ~meine~
+Meinung!«
+
+»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«
+
+»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu
+vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.
+
+»Ich -- vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?«
+sagte St. Clare.
+
+»Natürlich vertheidigst Du es, -- Ihr thut es alle hier im Süden.
+Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«
+
+»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt
+jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du
+nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«
+
+»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß
+Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.
+
+»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich
+bereue es unaufhörlich.«
+
+»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«
+
+»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was
+Du bereut hast?«
+
+»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.
+
+»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für
+mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«
+
+»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich
+gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«
+
+»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder
+vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz
+dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein
+geworden?«
+
+»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr
+Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner
+Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu
+wahr ist, -- Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich,
+daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde
+mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem
+fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist
+freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich
+über Deinen Tadel nicht wundere.«
+
+»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie
+setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte
+Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen!
+Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener
+Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, -- das ist Alles, -- um
+zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln
+gut; -- es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«
+
+»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia,
+ihre Hand auf seine Stirne legend.
+
+»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich -- ach ich kann nie
+ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das
+lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der
+Gefühle gelangen; -- und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich
+aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt
+deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als
+die südlichen, -- jetzt ist mir Alles klar.«
+
+»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«
+
+»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft
+reden; -- aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich
+den Versuch machen soll. -- Also,« fuhr er fort, während er den Korb
+an sich zog, -- »ich will jetzt anfangen: -- wenn es im Laufe der
+menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder
+drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert
+eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft
+--«
+
+»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn
+hier Miß Ophelia.
+
+»Warte einen Augenblick, -- ich komme dahin, -- Du wirst es gleich
+hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes
+Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner
+Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben.
+Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können,-- Geistliche, die
+den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, -- Politiker, die dadurch
+die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische
+Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit
+erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste
+zwingen, -- so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an
+eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel,
+und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in
+~seiner~ Weise thun kann.«
+
+Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare,
+und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:
+
+»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst,
+so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte
+Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, -- was ist es? Reiße allen
+Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und
+was ist es? -- Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und
+ich klug und stark bin, -- weil ich Macht und Verstand genug habe, es
+auszuführen, -- deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es
+behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt.
+Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es
+thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die
+Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy
+soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun,
+was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich
+so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das
+ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen,
+der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie
+niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich
+mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst
+ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb
+das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der,
+daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird,
+als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene
+Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt
+zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen.
+Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient
+sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«
+
+St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er
+gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft
+im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer
+griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine
+großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach
+eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie
+zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor
+Ueberraschung.
+
+»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen
+bleibend, -- »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen
+Gegenstand zu sprechen und zu denken, -- aber ich versichere Dich, es
+hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land
+versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem
+Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich
+während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete,
+wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf,
+durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von
+ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug
+zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; -- und wenn ich
+solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger
+Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das
+ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«
+
+»Augustin! -- Augustin!« sagte Miß Ophelia, -- »Du hast vollkommen
+genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im
+Norden nicht.«
+
+»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr
+Nordländer habt alle kaltes Blut: -- Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr
+könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«
+
+»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, --
+
+»Ganz richtig, ~die Frage~ ist, -- und eine verteufelte Frage
+ist es! -- wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl,
+ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir
+Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.«
+Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner
+Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht
+unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und
+war grade so ein Mann, wie Dein Vater, -- ein ächter, alter Römer, --
+aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater
+ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen
+und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in
+Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie
+eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am
+andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem
+Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war
+göttlich! -- Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine.
+Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen
+konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums
+an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel,
+ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube
+mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen
+gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen
+Testaments, -- ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes
+erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St.
+Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich
+sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und
+fuhr fort:
+
+»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß
+Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden
+von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen,
+rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige,
+bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische
+Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch
+und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines
+Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene,
+und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten.
+Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art
+abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben
+gewöhnlich thun, -- dann und wann, und im Allgemeinen; -- er war meines
+Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.
+
+»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen,
+die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch
+keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, -- und wenn ich
+deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster
+anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich
+zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren
+bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen
+Kleidung, -- sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu
+denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in
+reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für
+Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der
+katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr
+der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich
+meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte -- o,
+Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!
+
+»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie
+jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war
+ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß
+er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten
+Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem
+ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer
+Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat
+nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus
+durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese
+Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders;
+aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was
+in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde,
+ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die
+Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte
+Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger
+sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes
+als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß,
+wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche,
+unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd
+Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel
+um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß,
+ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt
+aller höheren Klassen.
+
+»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein
+unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war
+bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit
+darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur
+durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt
+wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren,
+etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont
+nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele
+Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir,
+schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, -- einen
+großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, -- mit Verlaub
+zu sagen -- der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität
+durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte
+ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige
+Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot
+auf unserer Besitzung.
+
+»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe
+wie jetzt für alles Menschliche, -- eine Art Leidenschaft, die
+Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich
+darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war
+natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden
+wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und
+zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf
+diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes
+wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging.
+Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht
+mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt
+sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber
+vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte
+er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die
+Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise,
+aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige
+Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in
+die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte
+sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch
+der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie
+hinderlich geworden wäre.
+
+»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten,
+-- indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre
+rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und
+Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er
+dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll?
+Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, --
+durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen
+sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte,
+so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten,
+selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen
+sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen.
+Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart
+erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen
+Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen.
+Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf
+das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann
+entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die
+Gelegenheit war.
+
+Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen
+Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange
+zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben,
+wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle
+derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt
+werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie
+die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen
+Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo
+Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen,
+ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein
+Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich
+hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe.
+Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs,
+nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung,
+und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft,
+mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer
+Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener
+Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele
+mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der
+Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich
+habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends
+auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die
+ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle
+jene Sterne lange untergegangen sind, -- wir leben so lange, wie
+Gott!««
+
+»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus
+darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen
+Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der
+blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte
+er ihn nicht ~von fern~ heilen! Er rief ihn zu sich, und legte
+~seine Hände auf ihn~! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter
+ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer
+weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein
+Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; -- aber ach! ich
+verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«
+
+St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten
+lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:
+
+»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist!
+Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in
+Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer
+Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer
+Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges
+Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die
+Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr
+alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in
+Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe
+gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen
+Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es
+ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire
+St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er,
+obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem
+demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr
+Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven
+herrschte.«
+
+Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte
+deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht
+dazu kommen.
+
+»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich
+behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine
+war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung
+entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete;
+und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber,
+anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot
+wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so
+würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in
+derselben Form gegossen worden sind.«
+
+»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.
+
+»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt
+Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun
+zu meiner Geschichte zurück:
+
+»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden
+Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft
+zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen
+als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und
+wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche
+Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die
+Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes
+Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde
+ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge.
+Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich
+kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl
+von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich
+kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden
+kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht,
+gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, -- die
+~Nothwendigkeit~ der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche
+Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, -- das Ganze
+wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran
+dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele
+gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!
+
+»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht,
+daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag
+selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche
+Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre,
+die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das
+besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag
+von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter
+dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben
+eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne
+dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu
+dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und
+ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er
+arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich
+unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es
+selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem
+ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«
+
+»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle
+hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht
+hieltet.«
+
+»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der
+ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung;
+-- nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen
+Grunde, dem ~Rechte des Stärkeren~, und sagt, und zwar sehr
+richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in
+anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit
+den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele
+derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er
+vertheidigt Beide, -- und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt,
+es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es
+müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten
+und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße
+und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die
+leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil
+er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«
+
+»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen
+werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht
+gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht
+gepeitscht.«
+
+»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so
+sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen
+widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, -- der Kapitalist
+kann seinen Arbeiter verhungern lassen und was die Sicherheit der
+Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist,
+seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«
+
+»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es
+andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«
+
+»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, -- ja, ich will sogar
+einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher
+Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie
+ein Pferd kaufen -- seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen,
+und danach den Preis bezahlen, -- Speculanten halten, Sklavenzüchter,
+Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, -- das
+ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der
+civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem
+Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen
+zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht
+auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«
+
+»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte
+Ophelia.
+
+»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug
+von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht
+widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran
+seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt
+nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred
+ein harter Herr ist, -- keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig
+gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte,
+eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im
+Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut
+beherbergt zu sehen.«
+
+»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz
+aufgabst?«
+
+»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred
+deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern,
+daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert
+hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein
+dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, -- den
+Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit,
+Brutalität und Laster, -- nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies
+mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst
+einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich zu viel natürliche
+Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die
+Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn
+sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten,
+so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst
+thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen
+lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle
+Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich
+auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in
+früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer
+Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde,
+und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem
+Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben,
+während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich
+kam hierher.«
+
+»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte
+Ophelia.
+
+»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten,
+um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; -- allein sie
+zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so
+häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses,
+für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder.
+Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«
+
+Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach
+einer Pause fuhr er fort:
+
+»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen
+hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück
+Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle
+Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, -- mein Geburtsland von
+diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen Männer haben
+einmal solche Fieberanfälle gehabt, -- aber dann --«
+
+»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest
+Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«
+
+»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte,
+und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns
+Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde
+Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren
+Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz,
+das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred
+macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn
+er steht wirklich über mir, -- er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist
+eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als
+ein verächtliches non sequitur ist.«
+
+»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung
+zufrieden stellen?«
+
+»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte?
+Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, -- wir sprachen von dem
+Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei
+besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade
+ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so
+schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr
+darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß
+eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein
+großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England
+können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die
+sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in
+unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden
+deren Geister schneller, als wir es können. Wenn Eva nicht mehr
+Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir
+könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben,
+daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem
+unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere
+Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten
+ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für
+dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst
+eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine
+Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit
+nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«
+
+»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte
+Ophelia.
+
+»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, -- daß eine Musterung der Massen
+jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein +dies irae+
+früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England
+und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen
+Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und
+alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als
+ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als
+sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da
+kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft
+erleiden mögen?««
+
+»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern
+bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und
+ihn mit tiefem Gefühle anblickte.
+
+»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und
+nieder, -- aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und
+nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die
+Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder, daß
+ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«
+
+Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube,
+Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«
+
+»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,«
+entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren
+sind.«
+
+»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen
+von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie
+nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so
+etwas nicht vorkommen.«
+
+»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte
+sie sich dem Trunk ergeben.«
+
+»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft
+unglücklich. -- Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere
+Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran,
+daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar
+durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte
+einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit
+zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und
+verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und
+gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte
+Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb
+im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters
+Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«
+
+»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare,
+»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht
+hatten.«
+
+»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas
+ausgeführt hättest!«
+
+»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, -- ein geborener Afrikaner,
+der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in
+sich trug, -- ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio.
+Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem
+Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände,
+weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug
+er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich
+grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem
+wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war
+aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine
+eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen
+bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn
+einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es
+wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden
+und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß
+die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd
+machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die
+Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald,
+und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und
+ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem
+undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und
+setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die
+Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei
+mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er
+verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte.
+Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir
+auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese
+herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen
+Gefangenen. Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte,
+ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand
+auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich
+meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so
+zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«
+
+»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.
+
+»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer,
+ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und
+pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger
+Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er
+gehen könne wohin er wolle.«
+
+»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.
+
+»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte
+sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener
+um mich, -- zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum
+Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war
+er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften
+musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte
+eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank,
+und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei
+mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und
+brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch
+wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen
+Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«
+
+Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er
+diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet
+waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse
+sprach.
+
+Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in
+Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.
+
+»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr
+zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog.
+»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, --
+es ist zu nervenschwach.«
+
+»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich
+sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich
+bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge ~sinken mir in's
+Herz~.«
+
+»Was meinst Du damit, Eva?«
+
+»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken.
+Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«
+
+»Nun, so denke immer zu, Kind, -- nur weine und quäle Deinen Papa
+nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne
+Pfirsich ich für Dich habe!«
+
+Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch
+immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.
+
+»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend,
+und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später
+erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr
+Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des
+Hofes jagten.
+
+ * * * * *
+
+Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen
+nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem
+kleinen Verschlage über dem Stalle begleiten wollen, so können sie
+etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches,
+kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell
+enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt
+sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen,
+die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht
+nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen
+Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten
+kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht
+erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und
+jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner
+Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn
+er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch
+wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und
+in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf
+seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.
+
+»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.
+
+»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an
+meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner
+Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit
+fertig werden.«
+
+»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich.
+Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich
+habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf
+dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und
+gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen
+Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft
+über ihre Produktionen freuten.
+
+»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva,
+während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen
+wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von
+ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß
+er Dich zurückgehen lasse.«
+
+»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie
+es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master
+Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum
+Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen
+Kleidern hervorzog.
+
+»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«
+
+»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich
+bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, --
+denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«
+
+»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür
+trat.
+
+Tom und Eva sprangen auf.
+
+»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die
+Tafel blickte.
+
+»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, -- »ist es
+nicht hübsch?«
+
+»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare,
+»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich
+schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause
+komme.«
+
+»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine
+Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, -- verstehst Du,
+Papa? sie hat ihm das versprochen.«
+
+St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine
+solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten
+machen, um deren Schrecken vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne
+wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen;
+aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die
+Pferde aus dem Stalle zu holen.
+
+Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und
+auf die Post befördert.
+
+Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle
+Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber
+einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, -- eine
+Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu
+geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.
+
+Der höhere Cirkel des Haushalts, -- wie Adolph, Jane und Rosa, -- waren
+der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten
+verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer
+Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St.
+Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem
+Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und
+in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich
+beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen
+bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender
+Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit
+zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf
+zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war
+wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht
+wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp46" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp46" id="illu_001">
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+</figure>
+
+
+<h1>Onkel Tom's Hütte</h1>
+
+<p class="center">oder die</p>
+
+<p class="s2 center">Geschichte eines christlichen Sklaven.</p>
+
+<p class="center">Von</p>
+
+<p class="s3 center mbot3"><b>Harriet Beecher Stowe.</b></p>
+
+<p class="center">Aus dem Englischen übertragen</p>
+
+<p class="s5 center">von</p>
+
+<p class="center mbot2"><b>L. Du Bois.</b></p>
+
+<p class="center">Zweiter Band.</p>
+
+<p class="center mtop3"><b>S. Zickel.</b></p>
+
+<p class="center">Nro. 19. Dey-Street.</p>
+
+<p class="center">NEW-YORK.</p>
+
+<hr class="full">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.</span></h2>
+</div>
+
+
+<div class="poetry-container_r s5">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Man hört eine klägliche Stimme und</div>
+ <div class="verse indent0">bittres Weinen auf der Höhe; Rachel</div>
+ <div class="verse indent0">weinet über ihre Kinder und will sich</div>
+ <div class="verse indent0">nicht trösten lassen über ihre Kinder,</div>
+ <div class="verse indent0">denn es ist aus mit ihnen.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+
+<p>Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder
+eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein
+sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben
+einander sitzen, — auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren,
+Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben
+Gegenstände darbieten, — es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit
+sich oft in denselben findet!</p>
+
+<p>Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite
+und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett
+und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er
+dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte
+an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer,
+Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten
+geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie
+menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span>
+und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom
+den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er
+seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche
+Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine
+Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die
+er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb
+erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!</p>
+
+<p>Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches,
+die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten:
+»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige
+suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott;
+denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten
+Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben
+von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher
+Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und
+erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da,
+wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.</p>
+
+<p>Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und
+begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er
+war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem
+halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch
+zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise
+recitirte er langsam den folgenden Paragraph:</p><br>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»<em class="gesperrt">Meistbietender Verkauf.</em> — <em class="gesperrt">Neger!</em> — In Gemäßheit
+gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor
+der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden
+Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> alt, Ben,
+21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der
+Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford,
+Squire.«</p>
+
+<p class="mright5">Samuel Morris,<br>
+Thomas Flink.</p><br>
+</div>
+
+<p>»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in
+Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich
+will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter
+nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute
+Gesellschaft thut, — verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden
+Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch
+stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«</p>
+
+<p>Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem
+eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl
+Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von
+diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in
+Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte
+Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs
+einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets
+auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen
+war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine
+Rechtschaffenheit: — er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz
+sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und
+Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, — den Einen in
+einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine
+gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, — rauchend, kauend,
+speiend, fluchend, und<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen
+Geschmacke der Einzelnen, — und Alle auf den Anfang des Verkaufs
+wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in
+einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib,
+welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt
+und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig
+Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und
+war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer
+Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche
+von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer
+starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach
+südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an
+ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden,
+der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.</p>
+
+<p>»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern,
+»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne
+es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«</p>
+
+<p>»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre
+zitternden Hände aufhebend; — »ich kann noch kochen, und scheuern, und
+arbeiten; — ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; — sage
+ihnen das, — sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den
+alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine
+Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken
+beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu
+zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung
+vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ
+ihn seine<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn
+dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.</p>
+
+<p>»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit
+leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch
+stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, — groß viel, Master.«</p>
+
+<p>»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr
+wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden
+gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe
+stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine
+Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.</p>
+
+<p>»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung
+gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu
+reguliren.</p>
+
+<p>»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die
+Jungen und den Buben.«</p>
+
+<p>»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,«
+entgegnete der Mann.</p>
+
+<p>»Ist 'ne harte Bedingung, — ist nichts als ein altes Knochengerippe,
+— das Salz nicht werth.«</p>
+
+<p>»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.</p>
+
+<p>»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus,
+und verrückt dazu.«</p>
+
+<p>»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr
+drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.</p>
+
+<p>»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, —
+sicher, hab' sie gesehen.«</p>
+
+<p>»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, —
+'s scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, — glaube, sie
+wird billig mit hinein gehn.«</p>
+
+<p>»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's
+ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> — ist gut zu 'nem
+Plantagenarbeiter; — mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht,
+wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.</p>
+
+<p>»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.</p>
+
+<p>»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der
+Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig
+thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die
+Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach
+ihrem Sohne.</p>
+
+<p>»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, — dicht, — sie werden uns
+zusammen ausbieten,« sagte sie.</p>
+
+<p>»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.</p>
+
+<p>»Sie müssen, Kind; — kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht
+thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.</p>
+
+<p>Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun,
+daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die
+verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen,
+die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon
+hatte Haley erstanden.</p>
+
+<p>»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer
+berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«</p>
+
+<p>»Stellt uns zusammen aus, zusammen, — bitte, Master!« sagte die alte
+Frau, den Knaben fest haltend.</p>
+
+<p>»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst
+zuletzt! — Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er
+den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes
+Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte
+keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> aus seinen großen,
+glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.</p>
+
+<p>Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes
+Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern,
+und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des
+Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von
+einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte,
+bis der Hammer fiel, — Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem
+Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen
+Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter,
+zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.</p>
+
+<p>»Kauft mich auch, Master, — um des lieben Jesus willen! — kauft mich
+auch, — oder ich komme um!«</p>
+
+<p>»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, — das ist die Sache,« sagte
+Haley, — »nein!« und drehte sich um.</p>
+
+<p>Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener
+Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid
+zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer
+begannen sich zu zerstreuen.</p>
+
+<p>Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen
+aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte
+Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.</p>
+
+<p>»Konnten sie mir nicht Einen lassen? — Master hat immer gesagt, ich
+sollte Einen behalten, — er hat's immer gesagt!« wiederholte sie
+fortwährend mit herzbrechenden Tönen.</p>
+
+<p>»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den
+Männern mit wehmüthiger Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.</p>
+
+<p>»O Mutter, Mutter! — nein — nein — sei ruhig!« rief der Knabe. »Die
+Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«</p>
+
+<p>»Frage nichts danach, — frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind,
+mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«</p>
+
+<p>»Kommt hier, nehmt sie weg, — kann's denn keiner?« sagte Haley
+trocken, — »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«</p>
+
+<p>Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung
+von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und
+versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen
+Herrn geleiteten.</p>
+
+<p>»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte
+ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke
+schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie
+vor sich her dem Gefängnisse zu.</p>
+
+<p>Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften
+wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den
+Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch
+andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen
+Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten
+wurden.</p>
+
+<p>Das Boot, <em class="antiqua">La Belle Rivière</em>, ein so schönes und braves Fahrzeug,
+als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem
+glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und
+Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke
+Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles
+war lebendig, fröhlich und heiter, — Alles, nur Haley's Leute nicht,
+welche<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz
+erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus
+nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen
+gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.</p>
+
+<p>»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe,
+Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört
+ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich
+will's gut mit Euch machen.«</p>
+
+<p>Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl,
+Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir
+müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie
+hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter,
+Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, —
+und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen
+fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.</p>
+
+<p>»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt«
+bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie
+legte, — »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«</p>
+
+<p>»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.</p>
+
+<p>»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John.
+»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,«
+fügte er hinzu.</p>
+
+<p>Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die
+Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer
+gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und
+versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.</p>
+
+<p>Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten
+und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum,
+gleich eben so vielen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und
+behaglich.</p>
+
+<p>»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist
+ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten
+sitzen.«</p>
+
+<p>»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen
+Betrübniß und Unwillen.</p>
+
+<p>»Was ist das?« fragte eine andre Dame.</p>
+
+<p>»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.</p>
+
+<p>»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.</p>
+
+<p>»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!«
+bemerkte eine andre Dame.</p>
+
+<p>»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von
+feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen
+beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen,
+um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich
+glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre
+Freiheit hätten.«</p>
+
+<p>»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl
+befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung
+Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der
+Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die
+Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, — in dem Zerreißen
+der Familien, zum Beispiele.«</p>
+
+<p>»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein
+Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr
+aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das
+nicht sehr oft vorkommt.«</p>
+
+<p>»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich
+habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen,
+um mit Schauder<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame,
+Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«</p>
+
+<p>»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den
+unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter
+einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.</p>
+
+<p>»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das
+sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin
+unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie
+<em class="gesperrt">Gefühle</em> haben, grade eben so tiefe, — und vielleicht noch
+tiefere, — als wir.«</p>
+
+<p>Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah
+zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die
+Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch,
+daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«</p>
+
+<p>»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das
+afrikanische Geschlecht dienstbar sei, — und in Erniedrigung gehalten
+werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer
+Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß.
+»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen
+Brüdern.«</p>
+
+<p>»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann,
+der dabei stand.</p>
+
+<p>»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen
+Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger
+Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu
+widersprechen.«</p>
+
+<p>»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der
+Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, — nicht wahr, Squire?« fügte
+er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche,
+am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p>
+
+<p>»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der
+Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und
+unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl —
+diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.</p>
+
+<p>»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so
+viel nicht drüber sagen können, — habe keine Gelehrsamkeit. Den
+Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen;
+und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten,
+versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«</p>
+
+<p>»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große
+Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu
+verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann,
+so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände
+sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« — was ist
+der Name? — und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein
+andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem
+Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und
+begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen,
+magern Gesichte spielte.</p>
+
+<p>Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes
+Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun,
+was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut <em class="gesperrt">Ihr</em>
+ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl
+Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««</p>
+
+<p>»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu
+sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.</p>
+
+<p>Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe,
+mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze
+Reisegesellschaft, wie gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> bei solchen Gelegenheiten, sich
+auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.</p>
+
+<p>»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die
+Kajüte verließ.</p>
+
+<p>Der Mann nickte zur Antwort.</p>
+
+<p>Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das
+Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo
+die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals
+des unglücklichen Stückes Waare, welches als: — »John, dreißig Jahre
+alt« — bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen
+und Schluchzen um ihren Gatten.</p>
+
+<p>Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte,
+Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu
+wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten
+und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu
+werden, — jeder Tag erzählt sie, — und zwar dem Ohre Eines, der nicht
+taub ist, wenn er auch lange schweigt.</p>
+
+<p>Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes
+gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute
+jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner
+Seite stehen.</p>
+
+<p>»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie,
+wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese
+armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach
+Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die
+mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen
+armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie
+dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.</p>
+
+<p>»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend,
+»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's
+scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts — nicht wahr?«</p>
+
+<p>Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.</p>
+
+<p>»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott
+auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens,
+wie wir alle müssen, glaub' ich.«</p>
+
+<p>Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.</p>
+
+<p>»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei
+Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt
+an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor
+und begann seine Rechnungen zu summiren, — ein Geschäft, welches
+schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein
+unruhiges Gewissen benutzt haben.</p>
+
+<p>Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor.
+Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber
+nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.</p>
+
+<p>Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky
+vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er
+sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem
+mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und
+schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley
+eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen
+Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz
+anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen
+Mantelsack nachtragend.<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie
+sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so
+das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff,
+die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß
+hinunter.</p>
+
+<p>Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und
+Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem
+Kinde zu spielen.</p>
+
+<p>Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte
+sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.</p>
+
+<p>Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und
+hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:</p>
+
+<p>»Ich glaub's nicht, — ich will's nicht glauben! — Ihr wollt mich nur
+zum Narren halten!«</p>
+
+<p>»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein
+Papier hervorziehend, — »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da
+ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu
+bezahlt, — kannst's glauben, — also nun?«</p>
+
+<p>»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht
+wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.</p>
+
+<p>»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. —
+Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so
+gut und lest das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr
+sage, was es ist.«</p>
+
+<p>»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,«
+sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es
+ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«</p>
+
+<p>Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald
+eine große Anzahl Zuschauer um<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> sie, denen Haley kurz auseinander
+setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.</p>
+
+<p>»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in
+demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet;
+— das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht
+glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.</p>
+
+<p>»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,«
+sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht
+hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«</p>
+
+<p>»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger
+werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit
+abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf
+den Strom hinab.</p>
+
+<p>»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat
+Vernunft.«</p>
+
+<p>Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter,
+milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist,
+— jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder
+bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser
+funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen,
+voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr
+Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das
+Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen
+kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch
+Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte
+es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach
+der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann
+schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der
+Wartung des Kindes zu beschäftigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<p>Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark
+für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in
+fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.</p>
+
+<p>»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der
+Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«</p>
+
+<p>»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.</p>
+
+<p>Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod,
+wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche
+Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.</p>
+
+<p>»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und
+ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte,
+stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine
+Cigarre rauchte.</p>
+
+<p>Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an,
+während dessen er zu Haley sagte:</p>
+
+<p>»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«</p>
+
+<p>»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem
+Munde blasend.</p>
+
+<p>»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.</p>
+
+<p>Haley nickte und rauchte weiter.</p>
+
+<p>»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.</p>
+
+<p>»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne
+Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar
+gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu
+gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> die
+richtigen Finger dazu, — hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,«
+sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.</p>
+
+<p>»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der
+Mann.</p>
+
+<p>»Ich werde 's verkaufen — erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine
+neue Cigarre anzündend.</p>
+
+<p>»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die
+Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.</p>
+
+<p>»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, —
+gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«</p>
+
+<p>»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,«
+bemerkte der Andere.</p>
+
+<p>»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht
+aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht
+mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat
+überall herum.«</p>
+
+<p>»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich,
+wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin
+verlor ihr Junges vorige Woche, — 's ersoff in 'nem Waschfaß, während
+sie Zeug aufhing, — und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen
+geben.«</p>
+
+<p>Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem
+keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren.
+Endlich fuhr der Mann fort:</p>
+
+<p>»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn
+Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«</p>
+
+<p>Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.</p>
+
+<p>»Das geht nicht, — lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem
+zu rauchen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«</p>
+
+<p>»Je nun,« sagte Haley, — »könnte 's Junge selbst aufziehen oder
+aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt
+seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren
+zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent
+weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«</p>
+
+<p>»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.</p>
+
+<p>»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem
+Kopfnicken.</p>
+
+<p>»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent
+mehr.«</p>
+
+<p>»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder
+mit großer Bestimmtheit ausspeiend; — »ich will das theilen, um was
+wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; — und das ist
+Alles, was ich thun kann.«</p>
+
+<p>»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.</p>
+
+<p>»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«</p>
+
+<p>»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.</p>
+
+<p>»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, — wir kommen da
+gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, — macht sich herrlich, —
+Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, — paßt vortrefflich,
+— mache Alles gern ruhig ab, — hasse allen Lärm und alles Aufsehen.«
+Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in
+Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner
+Cigarre.</p>
+
+<p>Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville
+anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme
+gesessen, — welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie
+den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in
+eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> zwischen den
+verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig
+darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung,
+ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den
+Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die
+Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber
+hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer
+sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich
+zwischen sie und ihr Kind drängte.</p>
+
+<p>»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind
+aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und
+laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm
+mit dem Frauenzimmer geben.«</p>
+
+<p>Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge
+verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich
+stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf
+wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß
+daselbst, und — das Kind war fort.</p>
+
+<p>»Wie — was — wo ist denn —?« begann sie in angstvollem Erschrecken.</p>
+
+<p>»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; — kannst es jetzt
+gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du
+konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe
+Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es
+viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«</p>
+
+<p>Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern
+empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit
+gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile
+vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den
+das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Geübten beunruhigen
+können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele
+hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge
+gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden,
+unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, — zur Glorie der Union, daran
+zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er
+in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den
+stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel,
+und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen
+Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern
+Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger
+Bewegung entschieden entgegen.</p>
+
+<p>Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch
+das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt
+setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an
+ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts.
+All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich
+traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte
+weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war
+ganz ruhig.</p>
+
+<p>Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile,
+beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich
+bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall
+überhaupt zuließ.</p>
+
+<p>»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber
+so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht
+nachgeben. Du siehst, 's war <em class="gesperrt">nothwendig</em>, 's mußte geschehen!«</p>
+
+<p>»O laßt mich! Master, — laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme,
+welche der eines Erstickenden ähnlich war.</p>
+
+<p>»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> »ich meine 's gut
+mit Dir, — will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz
+ausmachen; — und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, — so ein
+hübsches Frauenzimmer wie Du. —«</p>
+
+<p>»O Master! wenn Ihr <em class="gesperrt">nur</em> nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,«
+sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes,
+daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner
+gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich
+um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.</p>
+
+<p>Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu
+Zeit stehen, um sie zu beobachten.</p>
+
+<p>»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist
+doch ruhig; — mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben
+allmählig!«</p>
+
+<p>Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke
+genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen
+Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und
+Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte,
+umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur
+bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so
+würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und
+darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen
+Handel zu erkennen, — einem Handel, der eine wesentliche Stütze für
+eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr.
+Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »<em class="gesperrt">sie keine andern Uebel
+mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im
+socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien</em>.« Allein Tom,
+der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze
+Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit
+dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete
+ihm um des<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> <em class="gesperrt">Unrechts</em> willen, was seiner Ansicht nach jenem armen
+leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf
+den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen,
+welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der
+Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.</p>
+
+<p>Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte
+nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen
+Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den
+Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber
+das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr
+empfinden.</p>
+
+<p>Die Nacht kam heran, — ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen,
+feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von
+jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich
+hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der
+Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf
+dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen
+gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt,
+und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes
+Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: — »O! was soll
+ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« — bis auch diese Laute
+endlich erstarben.</p>
+
+<p>Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an
+ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren
+Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen
+oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, — der Platz, wo die Frau
+gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich!
+Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten
+sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn
+sie sich über nichts geschlossen hätten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim
+Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller
+Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom <em class="gesperrt">Manne der
+Schmerzen</em>, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem
+langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage
+auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott
+ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«</p>
+
+<p>Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen
+lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die
+Reihe, sich verwundert umzuschauen.</p>
+
+<p>»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.</p>
+
+<p>Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich
+nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren,
+sondern sagte nur, er wisse es nicht.</p>
+
+<p>»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn
+ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; —
+vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«</p>
+
+<p>Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie
+etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß
+keine Antwort.</p>
+
+<p>Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern,
+unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den
+Schornsteinen, — aber vergeblich.</p>
+
+<p>»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem
+Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; —
+sag' mir nichts, — bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier
+liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder
+zwischen ein und zwei Uhr, — und um vier Uhr war sie fort, und Du hast
+die ganze Zeit grade<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt
+was drum wissen.«</p>
+
+<p>»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich
+wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser
+fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist
+Alles, was ich weiß davon.«</p>
+
+<p>Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher
+erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber
+Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn
+keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in
+seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden,
+— und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen
+Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne
+ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich
+sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der
+ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen
+mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da
+das Weib in einen andern Staat entflohen war, der <em class="gesperrt">nie</em> einen
+Flüchtigen wieder ausliefert, — selbst nicht auf das Verlangen der
+glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen
+Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper,
+nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel<br>
+<span class="s5">Die Quäker-Niederlassung.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große,
+geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist,
+und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem
+reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden
+Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit
+glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner,
+niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus
+zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand
+darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und
+mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie
+eine freundliche Einladung aussah, — und endlich ein wirklich bequemer
+alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses,
+mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in
+Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her
+wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet — unsere alte
+Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als
+sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt
+stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und
+in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie
+alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden
+geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge
+aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich
+einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> sprach sich darin
+eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie
+früher darin zu erkennen gewesen war.</p>
+
+<p>An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem
+Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie
+mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht
+war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um
+sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der
+strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin,
+welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe
+Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte.
+Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte
+an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern
+schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf
+der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede
+auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten
+ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte
+nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so
+guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen
+schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen
+worden, — warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen
+zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so
+verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie
+grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte
+die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, — entweder in Folge einer
+Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen;
+gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er
+fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an
+jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte
+Simeon Halliday erklärte oft,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei,
+und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt
+nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil
+seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte
+Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen
+hatten, — weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, — geistige
+und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, — und das Alles von
+<em class="gesperrt">einer</em> guten, liebevollen Frau; — Gott segne sie!</p>
+
+<p>»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?«
+sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.</p>
+
+<p>»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich
+wage nicht zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran
+denken, meine Tochter.«</p>
+
+<p>Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's
+Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort
+»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.</p>
+
+<p>Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine
+Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:</p>
+
+<p>»Ich werde — jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe,
+ich werde Etwas finden.«</p>
+
+<p>»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte
+Rachel.</p>
+
+<p>»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« — auf Harry deutend, — »ich kann
+Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht
+träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie
+schaudernd hinzu.</p>
+
+<p>»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir
+nicht solche Gedanken machen. — Der Herr hat es gewollt, daß nie ein
+Flüchtling aus<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein
+Kind wird nicht der erste sein.«</p>
+
+<p>Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem
+freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in
+das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um
+ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.</p>
+
+<p>»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre
+beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, — »wie geht Dir's?«</p>
+
+<p>»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem
+Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf
+zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und
+Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte,
+muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare
+waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz
+zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich
+die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen
+hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun
+mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper
+und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz
+erfreut hat.</p>
+
+<p>»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner
+Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«</p>
+
+<p>»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, — recht sehr,« sagte Ruth, ihr
+die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin
+gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes
+Kind, — ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu,
+indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich
+furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.</p>
+
+<p>»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam,
+und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu
+zeigen.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames,
+rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam
+herein.</p>
+
+<p>»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen,
+fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht,
+und wie er wächst!«</p>
+
+<p>»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf
+ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst
+verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann
+noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht,
+und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um
+es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese
+Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund
+(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen
+eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte,
+einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog,
+und emsig zu stricken begann.</p>
+
+<p>»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die
+Mutter in sanftem Tone.</p>
+
+<p>Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf
+den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft
+und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die
+Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels,
+sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer
+deponirt.</p>
+
+<p>Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze
+vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor
+ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.</p>
+
+<p>»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer
+Beschäftigung fortfuhr.</p>
+
+<p>»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort,
+und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen
+Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen;
+und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um
+sie aus dem Bette zu nehmen.«</p>
+
+<p>»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und
+auszubessern ist,« sagte Rachel.</p>
+
+<p>»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood
+krank ist. John war gestern Abend da, — ich will Morgen hingehen.«</p>
+
+<p>»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort
+bleiben mußt,« bemerkte Rachel.</p>
+
+<p>»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«</p>
+
+<p>Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen
+Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt
+in das Zimmer.</p>
+
+<p>»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in
+seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«</p>
+
+<p>»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.</p>
+
+<p>»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den
+Ofen schob.</p>
+
+<p>»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit <em class="gesperrt">Freunden</em>
+zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er
+seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem
+Alkoven an der Küche befindlich war.</p>
+
+<p>»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+<p>»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus
+dem Alkoven zurückkam.</p>
+
+<p>Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja«
+antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß
+öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden
+sein.</p>
+
+<p>»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu
+sich rufend.</p>
+
+<p>»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend,
+während sie in den Alkoven ging.</p>
+
+<p>»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend
+hier sein,« sagte Simeon.</p>
+
+<p>»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.</p>
+
+<p>»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in
+der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer,
+von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem
+zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen
+Zweifel darüber, wer er ist.«</p>
+
+<p>»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.</p>
+
+<p>»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, —
+komm hierher!«</p>
+
+<p>Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.</p>
+
+<p>»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei
+hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«</p>
+
+<p>Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach
+ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre
+kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze
+hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.</p>
+
+<p>»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen
+wir es ihr jetzt sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
+
+<p>»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie
+würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,«
+sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.</p>
+
+<p>»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind
+liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es
+ihr, — bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's
+Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die
+Hühner braten, während Du es ihr sagst.«</p>
+
+<p>Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem
+sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in
+sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir
+Neuigkeiten mitzutheilen.«</p>
+
+<p>Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst,
+auf, und blickte auf ihren Knaben.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände
+ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, — geh
+hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der
+Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den
+kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.</p>
+
+<p>»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,«
+wiederholte sie immer von<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll
+anblickte.</p>
+
+<p>Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel
+Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig
+gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause«« entflohen.«</p>
+
+<p>Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß
+eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte
+sie sich nieder.</p>
+
+<p>»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er
+ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«</p>
+
+<p>»Heut Abend!« wiederholte Elisa, — »heut Abend!« Die Worte verloren
+alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um
+sie war in Nebel gehüllt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die
+kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie
+öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit,
+wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und
+sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung
+der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab
+nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl
+von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort
+lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie
+in stillem Traume, den Bewegungen<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> der sie Umgebenden. Sie sah die
+Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch
+mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des
+Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und
+Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry
+ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine
+Locken um ihre weißen Finger zu rollen.</p>
+
+<p>Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an
+ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und
+fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren,
+braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, —
+sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von
+Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten.
+Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, —
+sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen
+Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise,
+murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch
+der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem
+süßen Traume von Ruhe; — und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie
+nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind
+aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.</p>
+
+<p>Sie träumte von einer schönen Gegend, — einem Lande der Ruhe, wie
+es ihr schien, — grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem
+Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr
+zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies,
+glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie
+näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen
+fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! — Es war kein Traum.<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Das
+Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an
+ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und — ihr Gatte
+kniete schluchzend an ihrem Bette.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause.
+»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und
+Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu
+machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer
+Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn
+in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung
+eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während
+deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und
+Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee
+mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und
+bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art
+sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer
+Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte,
+so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!«
+genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger
+haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler
+Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen
+würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor
+Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir
+halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+
+<p>Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon
+der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen
+Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des
+Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so
+gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; — es schien einem
+Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über
+dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel
+gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit
+ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen,
+herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn
+ihnen Alles wie ein Traum erschien.</p>
+
+<p>Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen
+blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene
+Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah
+Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich
+auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit
+und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit
+Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als
+wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.</p>
+
+<p>Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen
+Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er
+verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles
+dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser
+einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine
+Heimath, — eine Heimath, — ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch
+nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen
+in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während
+dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und
+wilde Verzweiflung vor dem Lichte<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> des lebendigen Evangeliums hinweg
+schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm
+sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten
+Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht
+in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.</p>
+
+<p>»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?«
+fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.</p>
+
+<p>»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.</p>
+
+<p>»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«</p>
+
+<p>»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?«
+fragte Simeon lächelnd.</p>
+
+<p>»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht
+eine Schande, solche Gesetze zu geben?«</p>
+
+<p>»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte
+der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um
+Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür
+eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«</p>
+
+<p>»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der
+eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen
+Reformatoren.</p>
+
+<p>»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat
+Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter
+wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür
+brächte.«</p>
+
+<p>Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und
+sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein
+Vater werden.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> keinen
+Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.</p>
+
+<p>»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen.
+Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen
+wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«</p>
+
+<p>»Aber um <em class="gesperrt">meinethalben</em>,« sagte Georg, »ich könnte es nicht
+ertragen.«</p>
+
+<p>»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen,
+sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte
+Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig
+aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher
+weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, — Dich und die Uebrigen
+Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen
+nicht zaudern.«</p>
+
+<p>»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte Georg.</p>
+
+<p>»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier
+ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht
+zu reisen.«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Evangeline.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie
+verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung
+schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie
+gestörte Einsamkeit, und<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und
+Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine
+Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist.
+Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den
+Reichthum eines ähnlichen Landes zu? — eines Landes, dessen Produkte
+Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt!
+Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen,
+sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein
+Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer
+ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch
+schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die
+Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden
+Herzen zu einem unbekannten Gotte, — unbekannt, ungesehen, und
+ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle
+Leidenden zu erlösen.«</p>
+
+<p>Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der
+meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die
+hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses,
+glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff
+seinen Lauf verfolgt.</p>
+
+<p>Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen
+Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der
+Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben,
+bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf
+seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern
+bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke,
+in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen
+finden wir ihn endlich.</p>
+
+<p>Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte
+gute Meinung, und hauptsächlich durch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> sein eignes ruhiges und
+harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen
+abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht,
+und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die
+unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen
+hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben,
+und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf
+Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu
+gehen, wohin er wollte.</p>
+
+<p>Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den
+Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine
+Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute
+erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu
+leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer
+Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.</p>
+
+<p>Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel
+zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte
+sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden
+wir ihn grade jetzt.</p>
+
+<p>Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes
+höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen
+zwischen levées von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem
+Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden
+Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb,
+in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens
+vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven
+bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer
+Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des
+Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete
+sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky,
+mit<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> seinen alten, schattigen Buchen, — nach dem Hause seines Herrn,
+mit den weiten, kühlen Hallen, — und dicht dabei seine kleine Hütte,
+mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten
+Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren;
+er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er
+hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen
+seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, — und dann war mit einem Male
+Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen
+der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und
+Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode
+seines Lebens für immer dahin sei.</p>
+
+<p>In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und
+sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben,
+— die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn
+trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen
+Wortes oder Zeichens.</p>
+
+<p>Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner
+Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor
+sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort
+geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter
+angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging
+nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher
+Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte,
+ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren
+konnte, — ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken
+massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist
+den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen
+Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seinen Finger besonders
+legend, und es halb aussprechend, lies't:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»Euer — Herz — erschrecke — nicht. In — meines — Vaters — Hause
+— sind — viele — Wohnungen. Ich — gehe, — Euch — die — Stätte
+— zu — bereiten.«</p>
+</div>
+
+<p>Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein
+Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, —
+vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero
+konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und
+keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn
+er diese Worte gesehen hätte, — zehn gegen eins — er würde ihnen
+nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die
+Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen
+beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er
+es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit
+eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.</p>
+
+<p>Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen
+von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene
+Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden,
+die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben
+würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von
+den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg
+vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch
+starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche
+seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese
+Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den
+verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten,<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die
+Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während
+sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere
+häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm
+seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie
+die Verheißung eines zukünftigen zu sein.</p>
+
+<p>Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von
+bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte,
+und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine
+Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in
+verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter
+ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.</p>
+
+<p>Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, — denn es war eins
+jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so
+wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine
+Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht
+wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in
+ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer
+Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und
+allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen,
+dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge,
+als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel,
+der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte,
+Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres
+Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune
+Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle
+Ernst ihrer veilchenblauen Augen, — Alles zeichnete sie von andern
+Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie
+auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine
+weder ein ernstes, noch trauriges<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Kind. Im Gegentheile schien ein
+lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern
+im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen
+Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte
+eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem,
+nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für
+sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren
+fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie
+sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen;
+und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was
+sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem
+ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten
+gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder
+beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und
+oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo
+ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.</p>
+
+<p>Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß
+und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte,
+beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien
+sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener
+Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen
+Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf
+ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen
+Testamente hervortreten.</p>
+
+<p>Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und
+Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten
+und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten,
+oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und
+schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> entfernte. Oefters
+auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk,
+Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und
+dann wieder verschwand.</p>
+
+<p>Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige
+Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er
+kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und
+beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte
+niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske
+Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark
+schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und
+Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen
+magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder
+seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und
+Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu
+einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.</p>
+
+<p>Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie
+vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie
+ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer
+Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten
+Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen
+Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger
+Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.</p>
+
+<p>»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug
+vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.</p>
+
+<p>»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle
+Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«</p>
+
+<p>»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> immer Onkel Tom zu
+nennen, weit von hier, in Kentucky.«</p>
+
+<p>»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich
+lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, Miß Eva.«</p>
+
+<p>»Du weißt nicht?« sagte Eva.</p>
+
+<p>»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an
+wen.«</p>
+
+<p>»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich
+kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum
+bitten.«</p>
+
+<p>»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.</p>
+
+<p>Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz
+einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf
+ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen
+des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei
+beschäftigt.</p>
+
+<p>Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren
+vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei
+Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des
+Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das
+Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er
+that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden
+hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine
+kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.</p>
+
+<p>Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie
+hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war
+im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust,
+wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis
+sie nach wenigen Momenten<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie
+dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes
+und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm
+entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug
+sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich
+in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein
+lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am
+meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des
+Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe
+von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig
+eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die
+Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt
+und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches
+Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu
+poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.</p>
+
+<p>Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen
+Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine
+Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich
+die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber
+sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein
+junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben
+ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen
+Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> vor ihm lag.
+Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn
+dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe
+golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde;
+und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem
+Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und
+Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks;
+Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser
+Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und
+etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen
+Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit
+sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer,
+halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge
+die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt
+wurde.</p>
+
+<p>»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko,
+vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter
+Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte,
+wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich
+betrügen? Heraus damit!«</p>
+
+<p>»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den
+Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, — grade nur,
+mein' Seel!«</p>
+
+<p>»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit
+spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn
+mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«</p>
+
+<p>»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm
+gefunden zu haben, — und natürlich genug.«</p>
+
+<p>»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> in Anspruch. Also,
+um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt
+Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein
+besonderes Gefallen an ihm hat?«</p>
+
+<p>»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an,
+— die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die
+hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können.
+Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon
+viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen
+Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, — ich
+kann's Ihnen zeigen, — natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben
+Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen,
+— hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«</p>
+
+<p>»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete
+der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut
+nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon,
+oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte,
+Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«</p>
+
+<p>»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber
+ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß
+er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine
+gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er
+her kommt.«</p>
+
+<p>»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine
+Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble
+Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«</p>
+
+<p>»Sie wollen Scherz machen!«</p>
+
+<p>»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> ausgegeben? Ist
+er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere
+sehen.«</p>
+
+<p>Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner
+Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei
+am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er
+vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige
+Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und
+begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge
+Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene
+muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.</p>
+
+<p>»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,«
+flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm
+um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß
+es. Ich möchte ihn gerne haben.«</p>
+
+<p>»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«</p>
+
+<p>»Ich will ihn glücklich machen.«</p>
+
+<p>»Ein origineller Grund, in der That.«</p>
+
+<p>Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby
+unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen
+Finger berührte, und nachlässig überblickte.</p>
+
+<p>»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich
+bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er
+hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte;
+»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen
+weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den
+Wahlen haben, — solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und
+Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich
+weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe
+seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> um zu wissen, was mit zu
+machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion
+an?«</p>
+
+<p>»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber
+'s ist doch <em class="gesperrt">Verstand</em> in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein
+Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, — wie
+die Brüder, und dann die Singer und Schreier; — die alle taugen
+nichts, in Weiß oder Schwarz; — aber diese Art ist wirklich. Hab'
+sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, — die wirklichen sanften,
+stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht
+verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen
+ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«</p>
+
+<p>»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein
+Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich
+<em class="gesperrt">diese</em> Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche
+da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, —
+nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür
+zu geben. Was meint Ihr?«</p>
+
+<p>»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke
+mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«</p>
+
+<p>»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und
+darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten
+nöthig hat, — nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er
+sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer
+Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die
+Noten einhändigte.</p>
+
+<p>»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog
+Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er
+nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.</p>
+
+<p>»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> er das Papier
+überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt
+und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für
+eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel
+für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott,
+ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! — Aber
+komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das
+Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das
+Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:</p>
+
+<p>»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«</p>
+
+<p>Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche,
+hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte
+die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde
+antwortete: »Gott segne Sie, Master!«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? — Tom? Kannst Du mit
+Pferden umgehen, Tom?«</p>
+
+<p>»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele
+Pferde auf.«</p>
+
+<p>»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß
+Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in
+besonderen Fällen, Tom.«</p>
+
+<p>Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke
+nie, Master.«</p>
+
+<p>»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen.
+Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust.
+Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er
+sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du
+den Willen hast, ordentlich zu sein.«</p>
+
+<p>»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.</p>
+
+<p>»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> »Papa ist sehr gut
+gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«</p>
+
+<p>»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare,
+während er sich lachend umwandte und fortging.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen
+verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen
+etwas näher bekannt zu machen.</p>
+
+<p>Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana.
+Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die
+in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich
+der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während
+der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's
+Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der
+Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war.
+Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da
+Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution
+ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter
+mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Vermont gesendet worden, um
+seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's
+zu stärken.</p>
+
+<p>In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche
+Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen
+Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines
+eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog
+diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters,
+und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im
+Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren
+ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale
+und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich
+bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens.
+Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete
+sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für
+alles Romantische. Seine Stunde schlug, — die Stunde, die nur einmal
+schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, — der Stern, der so oft
+vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht
+wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter
+zu verfolgen, — er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen,
+schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit
+ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen,
+kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger
+Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück
+gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes
+versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder
+zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein
+werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte
+er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch
+eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> zu können. Zu stolz,
+eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf
+einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der
+erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die
+nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte
+einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der
+runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt
+ihn für glücklich.</p>
+
+<p>Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen
+glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain
+um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl
+bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er
+sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung
+und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm
+so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch
+so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer
+Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später
+war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete
+er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und
+überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung
+der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes
+ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne
+desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich
+ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe,
+bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre
+Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich
+den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt
+habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und
+Versicherungen ewiger<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen
+Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:</p>
+
+<p>»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, — aber zu spät. Ich glaubte
+Alles, was mir gesagt wurde; — ich war verzweifelt. Ich bin
+<em class="gesperrt">verheirathet</em>, und Alles ist nun vorbei. Vergessen — ist das
+Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«</p>
+
+<p>Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber
+das <em class="gesperrt">Wirkliche</em> blieb ihm, — das Wirkliche, gleich dem Schlamme
+der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen
+Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der
+Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, —
+entsetzlich wirklich.</p>
+
+<p>In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben,
+— und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht
+gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht.
+Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig,
+der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen,
+Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter
+»<em class="gesperrt">leben</em>« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig.
+Wäre seine Frau ein <em class="gesperrt">ganzes</em> Weib gewesen, so hätte sie viel thun
+können, — wie ein Weib es kann, — um die zerrissenen Lebensfäden zu
+heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein
+Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren.
+Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt,
+einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine
+dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken
+Geiste Linderung zu verschaffen.</p>
+
+<p>Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde,
+und plötzlichen Kopfschmerz als<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Ursache seiner Verstörung vorschützte,
+empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die
+Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie
+nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich
+sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz
+behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei,
+da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu
+gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen,
+nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im
+Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet
+hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen
+vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche,
+junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich
+hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben
+könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig
+gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß,
+war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher
+Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern
+Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren;
+und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben
+könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr
+Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt,
+was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön,
+vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise
+alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu
+ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin
+ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß
+er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen,
+daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger
+Gläubiger<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen
+unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus
+selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto
+eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit
+den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während
+der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine
+Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es
+folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St.
+Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und
+Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen
+Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit
+in sich rege werden.</p>
+
+<p>St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und
+reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen,
+in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde.
+Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt,
+und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in
+ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in
+demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes
+war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend
+geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und
+Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das
+Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende,
+junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend
+an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in
+jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in
+der Natur ansah.</p>
+
+<p>Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände
+der Dienstboten fiel, so fühlte<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> sich St. Clare in seiner Wirthschaft
+nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich
+zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere
+Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr
+Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte
+sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine
+Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen
+Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf
+dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.</p>
+
+<p>Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor
+unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere
+Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.</p>
+
+<p>Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht
+erinnern, in einem kühl gelegenen Dorfe ein großes Farmgebäude
+wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten
+Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille,
+Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem
+Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts
+geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein
+Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte
+Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb
+desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe
+Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und
+alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie
+die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es
+genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit
+seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's
+verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich
+ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> werden im
+Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der
+Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen
+beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre,
+oder überhaupt zu thun wäre, — sie und ihre Töchter hatten in einem
+lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der
+Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu
+sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften
+waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier
+Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie
+dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse
+daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz
+erlangten.</p>
+
+<p>Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß
+Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren
+zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung
+im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde
+sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder«
+angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den
+ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der
+alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor
+und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las
+Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der
+klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute
+Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort
+sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den
+Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«</p>
+
+<p>Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's
+Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon
+spreche,« mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und
+das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in
+diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der
+Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte,
+hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen
+könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu
+bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß
+Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß
+die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen
+dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen
+hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war,
+wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn
+feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und
+Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley,
+welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und
+Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten,
+verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit
+der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in
+Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig
+Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich
+dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue
+seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden
+seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die
+öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß
+es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere
+behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären
+zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher
+Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile
+Amerikas<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen
+Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden
+möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von
+gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem
+mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, — allein dieser
+Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis
+jetzt noch unentschieden.</p>
+
+<p>Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem
+glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut,
+und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen
+waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist,
+in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre
+scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck
+hatten.</p>
+
+<p>Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und
+obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen
+doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren
+Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und
+Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine
+Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem
+zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.</p>
+
+<p>Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, — die Summe aller Uebel
+— drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und
+sehr bedeutungsvolles Wort aus: — »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer
+tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des
+Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand,
+welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt
+vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts
+thaten, oder sich nicht deutlich dessen<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> bewußt waren, was sie thaten
+oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung
+ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung,
+die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes
+ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber
+zu sagen.</p>
+
+<p>Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren,
+kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den
+älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb
+gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle
+fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt
+grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es
+an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit
+waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen
+Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen
+politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag
+tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip
+ihrer ganzen Existenz — Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die
+absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt
+hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer
+bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon
+zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den
+Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß
+gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die
+Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte
+so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie
+mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch
+nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden
+Gefühle der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen
+düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.</p>
+
+<p>Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen?
+— dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen
+jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit
+leichter, unverschämter Freiheit behandelte?</p>
+
+<p>Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein
+Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine
+Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für
+den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl
+besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte,
+einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und
+fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen,
+daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und
+daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und
+seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der
+fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee
+eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann
+liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun
+mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah,
+so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine
+Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für
+unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu
+lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr
+selbst entdecken.</p>
+
+<p>Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten
+Menge großer und kleiner Reisetaschen,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Kisten und Körben, die sie mit
+großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.</p>
+
+<p>»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, — wie
+Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue
+Bandschachtel mit Deiner besten Haube, — das sind zwei; und hier die
+Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier;
+und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und
+der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm
+gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit
+meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; — so, nun ist's recht.«</p>
+
+<p>»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, — wozu denn das?« fragte
+Eva.</p>
+
+<p>»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht
+nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht
+eingepackt, Eva?«</p>
+
+<p>»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«</p>
+
+<p>»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere,
+Rollen, Messer, — richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn
+nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich
+sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«</p>
+
+<p>»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir
+irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«</p>
+
+<p>»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«</p>
+
+<p>»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.</p>
+
+<p>»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.</p>
+
+<p>»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu
+voll, um zugemacht werden zu können.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>»Er <em class="gesperrt">muß</em> zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer
+Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den
+Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des
+Koffers sichtbar.</p>
+
+<p>»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden
+ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen
+lassen.«</p>
+
+<p>Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene
+Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia
+steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.</p>
+
+<p>»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß
+das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«</p>
+
+<p>»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine
+Orange.«</p>
+
+<p>»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die
+Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm
+sagtest?«</p>
+
+<p>»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch
+nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser
+Haus, jene Straße dort hinauf!«</p>
+
+<p>Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich
+mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der
+<em class="antiqua">levée</em> hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen
+Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie
+ihre Geburtsstadt erkannte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber,
+Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«</p>
+
+<p>Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: — Kellner flogen
+hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen,
+Frauen<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in
+dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.</p>
+
+<p>Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer
+nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer
+Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten
+Augenblicke zu vertheidigen.</p>
+
+<p>»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« — »Soll ich Ihr Gepäck
+tragen? — Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« —
+regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger
+Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen,
+hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und
+antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich
+dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva
+ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte,
+wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht
+über Bord gefallen sein, — aber irgend Etwas müsse geschehen sein!«
+und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in
+seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen
+Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:</p>
+
+<p>»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«</p>
+
+<p>»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß
+Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«</p>
+
+<p>»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf
+uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne
+hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm
+stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«</p>
+
+<p>»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,«
+bemerkte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,«
+entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche
+aussuchte.</p>
+
+<p>»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so
+zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen
+annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für
+ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie
+aufladen, als wenn es Eier wären.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre
+Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen,
+und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.</p>
+
+<p>»Wo ist Tom?« fragte Eva.</p>
+
+<p>»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein
+Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen
+umwerfen ließ.«</p>
+
+<p>»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er
+wird sich nie betrinken.«</p>
+
+<p>Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches
+in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen
+Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans
+zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete
+ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch
+ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig
+und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes
+entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den
+Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in
+Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen
+seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann
+unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand
+mit einem dichten Kranze blühender<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Veilchen umgeben war. Das Wasser
+in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und
+Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen
+darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg
+mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom
+sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze
+Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen
+einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen
+in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten
+tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren
+glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger
+arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last
+ihres Blüthenüberflusses senkten, — Alles vereinte hier Blüthenpracht
+und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren
+sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer,
+unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.</p>
+
+<p>Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude
+gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.</p>
+
+<p>»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte
+sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«</p>
+
+<p>»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es
+kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«</p>
+
+<p>Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller,
+stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches
+Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem
+Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die
+Phantasie Ansprechende, — eine Neigung, die, wenn sie bei einem
+ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> wilden Lauf verfolgt, dem
+kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.</p>
+
+<p>St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war,
+lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen
+schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu
+ihm sagte:</p>
+
+<p>»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«</p>
+
+<p>»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«</p>
+
+<p>Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des
+Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge
+von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe,
+durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um
+Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger
+Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person
+<em class="antiqua">distinguée</em>, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der
+Hand wehend.</p>
+
+<p>Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten
+bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.</p>
+
+<p>»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone
+großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in
+der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«</p>
+
+<p>Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger
+Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger
+Entfernung stehen.</p>
+
+<p>In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich,
+als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand
+vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit
+goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich
+anmuthigen Verbeugungen begriffen.</p>
+
+<p>»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> die Hand entgegen
+streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer
+Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit
+großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.</p>
+
+<p>»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner
+gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das
+vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig
+herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«</p>
+
+<p>So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an
+der Seite der Veranda befand.</p>
+
+<p>Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und
+das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls
+einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit
+dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf
+dem sie lag.</p>
+
+<p>»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend,
+und sie wieder und immer wieder umarmend.</p>
+
+<p>»Laß gut sein, — nimm Dich in Acht, Kind, — mache mir keine
+Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.</p>
+
+<p>St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer,
+ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie
+schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von
+Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm
+von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein
+Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor
+Freude und Erwartung stand.</p>
+
+<p>»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um
+ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.</p>
+
+<p>Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> verursache,
+sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe
+die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem
+sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern,
+die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später
+versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.</p>
+
+<p>»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt
+<em class="gesperrt">Etwas</em>, das mir nicht möglich wäre.«</p>
+
+<p>»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden
+beleidigen, — aber küssen —«</p>
+
+<p>»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, —
+he?«</p>
+
+<p>»Nein, das wäre ich nicht im Stande! — Wie kann sie es nur thun?« St.
+Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.</p>
+
+<p>»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, — Mammy,
+Jimmy, Polly, Sucky, — freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er,
+während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte.
+»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen
+schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich
+auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«</p>
+
+<p>Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche
+Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze
+unter sie vertheilte.</p>
+
+<p>»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St.
+Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda
+führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel
+folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige
+Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk
+aller Arten gefüllt hatte.</p>
+
+<p>Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> zurückzugehen, fiel
+sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf
+den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand
+gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die
+dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.</p>
+
+<p>»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand
+schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen
+behandelst — Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen
+Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, —
+»es scheint mir, dies ist meine Weste.«</p>
+
+<p>»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! — natürlich,
+ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich
+dachte, ich dürfte sie nehmen; — ist für einen armen Nigger, wie ich
+bin, noch gut genug.«</p>
+
+<p>Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit
+vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.</p>
+
+<p>»So, das ist also der Grund, — wirklich?« sagte St. Clare nachlässig.
+»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn
+hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen
+läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist
+mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«</p>
+
+<p>»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin
+entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«</p>
+
+<p>»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.</p>
+
+<p>Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche
+und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und
+Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in
+ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<p>»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir
+endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere
+Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer
+Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du
+es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht
+wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«</p>
+
+<p>Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu erheben.</p>
+
+<p>»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.</p>
+
+<p>»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,«
+entgegnete St. Clare.</p>
+
+<p>»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als
+ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.</p>
+
+<p>»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich
+in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«</p>
+
+<p>Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.</p>
+
+<p>»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.</p>
+
+<p>»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl
+neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«</p>
+
+<p>»Ja, — Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die
+Dame schmollend.</p>
+
+<p>»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«</p>
+
+<p>»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.</p>
+
+<p>»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte <em class="gesperrt">das</em> abschicken
+oder nichts.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine
+Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«</p>
+
+<p>»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus
+seiner Tasche hervorziehend und es<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> öffnend. »Hier habe ich Dir ein
+Geschenk von New-York mitgebracht.«</p>
+
+<p>Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide
+Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.</p>
+
+<p>Marie sah es mit unzufriedener Miene an.</p>
+
+<p>»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte sie nur.</p>
+
+<p>»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was
+hältst Du von der Aehnlichkeit?«</p>
+
+<p>»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird
+sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen
+zuschlagend.</p>
+
+<p>»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut
+fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit?
+Sei doch nicht thöricht!«</p>
+
+<p>»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du
+mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß
+ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit
+Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß
+ich halb todt bin.«</p>
+
+<p>»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus
+den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig
+gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür
+gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.</p>
+
+<p>»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.</p>
+
+<p>»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte
+Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham
+Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«</p>
+
+<p>»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten
+am See reif werden, zu diesem Zwecke<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> holen lassen,« sagte St. Clare,
+während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du
+bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von
+der Reise auszuruhen. — Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle
+hierher kommen.«</p>
+
+<p>Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich
+geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich
+gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und
+rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe
+arrangirt hatte.</p>
+
+<p>»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie
+ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für
+jede Bequemlichkeit.«</p>
+
+<p>Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Sechszehntes_Kapitel">Sechszehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Tom's Mistreß und ihre Ansichten.</span></h2>
+</div>
+
+<p>»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an.
+Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England,
+die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit
+geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die
+Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens
+Ankunft, gemacht.</p>
+
+<p>»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend.
+»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen
+wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«</p>
+
+<p>»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher
+Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir
+es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so
+könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«</p>
+
+<p>Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und
+sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn
+sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit
+mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere
+sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«</p>
+
+<p>»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,«
+sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste
+Kreatur der Welt; — was würdest Du ohne sie anfangen?«</p>
+
+<p>»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte
+Marie; — »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, — schrecklich
+selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«</p>
+
+<p>»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz
+ernsthaft.</p>
+
+<p>»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, — »ich denke, es ist schrecklich
+selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie
+weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, — wenn grade
+meine Anfälle am schlimmsten sind, — und doch ist sie so schwer zu
+erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> nur von den
+Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«</p>
+
+<p>»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?«
+fragte Eva.</p>
+
+<p>»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl
+beklagt?«</p>
+
+<p>»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du
+gehabt habest, — so viele hinter einander.«</p>
+
+<p>»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer
+Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St.
+Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört
+mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich
+haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn
+Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte,
+so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so
+aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das
+Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.</p>
+
+<p>Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen,
+beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht
+geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad
+ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören
+lasse.</p>
+
+<p>»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist
+sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum
+Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen
+und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog,
+mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein
+Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich;
+und ich<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten,
+einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen
+würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals
+darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet;
+allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf
+bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe,
+ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen,
+weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb
+nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann
+zu nehmen; aber nein, — sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art
+Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie
+ich.«</p>
+
+<p>»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Ja, zwei Kinder.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«</p>
+
+<p>»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen.
+Es waren schmutzige, kleine Dinger, — die ich unmöglich hier
+um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit
+weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art
+Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen;
+und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist,
+und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne
+zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, — sie
+sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«</p>
+
+<p>»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia
+blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den
+innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund,
+während er sprach.</p>
+
+<p>»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich
+wollte, Eure nordischen Dienstboten<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> könnten nur einmal in ihren
+Kleiderschrank sehen, — Seide und Mousselin hat sie darin hängen.
+Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu
+säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen.
+Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das
+ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben
+worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem
+Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes
+Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt.
+Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist
+großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und
+sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare
+so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig
+geworden bin.«</p>
+
+<p>»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.</p>
+
+<p>Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden,
+mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes.
+Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um
+ihren Hals.</p>
+
+<p>»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.</p>
+
+<p>»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, — nur eine?
+Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde
+auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke —«</p>
+
+<p>»O Thorheit, Kind, — Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares
+Kind!«</p>
+
+<p>»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist
+nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend
+Kopfschmerzen.«</p>
+
+<p>»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> ist gerade wie die
+Andern, — macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger
+ein wenig weh thut; — nein, so etwas darf man nie bestärken! —
+Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich
+zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit
+dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen
+Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände
+voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, — Niemand weiß, was
+ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und
+ich thue es.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser
+Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in
+lautes Lachen ausbrach.</p>
+
+<p>»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine
+Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden
+Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es
+bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.</p>
+
+<p>Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein.
+Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein
+Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia
+und Marie blieben allein am Tische sitzen.</p>
+
+<p>»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch
+mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der
+Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger
+sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit
+Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen
+wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich
+einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets
+für mich behalten und getragen, bis<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> St. Clare endlich zu der Meinung
+gekommen ist, ich könne Alles tragen.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf
+erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte,
+trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im
+Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu
+machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch,
+über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele
+Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer
+und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig
+verwirrt geworden sein würde.</p>
+
+<p>»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben;
+so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein
+werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; — nur Eva, —
+sie erfordert Aufmerksamkeit.«</p>
+
+<p>»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah
+nie ein besseres.«</p>
+
+<p>»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare
+Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte
+sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige
+Betrachtung wäre.</p>
+
+<p>Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte
+Klugheit genug, es für sich zu behalten.</p>
+
+<p>»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten,
+und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe
+auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, — es hat mir durchaus
+keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur,
+die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist
+sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St.
+Clare, glaube<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur
+unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«</p>
+
+<p>Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.</p>
+
+<p>»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als
+den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich
+von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus
+voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie
+selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? — ich weiß
+es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer <em class="gesperrt">gütig</em> gegen die
+Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie
+<em class="gesperrt">ihre Stellung fühlen lassen</em>. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde
+noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines
+Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot,
+bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein
+Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde,
+wenn es sich selbst überlassen wäre.«</p>
+
+<p>»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für
+menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet sind.«</p>
+
+<p>»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was
+einigermaßen angeht, — Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung
+bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es
+hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je
+vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder
+sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art
+und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen
+oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen
+eines Faulbettes niederfallen, hielt ein<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> feingeschliffenes
+Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem
+letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem,
+eben so Aetherischem ähnlich, fort:</p>
+
+<p>»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es
+ist nicht meine Gewohnheit, — es sagt mir nicht zu, — und ich habe
+auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare
+sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden
+und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen
+Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer
+sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist
+wenigstens meine Meinung.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer
+Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme
+Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas
+dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die
+finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb
+Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu
+stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte,
+als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen
+aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun
+haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner
+Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden,
+zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu
+sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein
+nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:</p>
+
+<p>»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten
+hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb
+auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St.<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen,
+daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles
+mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und
+besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so,
+als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn
+er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen,
+ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist
+St. Clare wirklich fürchterlich, — und ich fürchte mich vor ihm,
+so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal
+zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden
+solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer
+solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen.
+Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde
+seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte;
+und ich — es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich
+einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute
+sind nichts als große Kinder.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte
+Miß Ophelia kurz.</p>
+
+<p>»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne
+Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese
+Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare
+Klasse von Geschöpfen sind.«</p>
+
+<p>Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand
+zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen
+auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.</p>
+
+<p>»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem
+täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist
+ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet
+das verwirrteste<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was
+sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien
+an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu
+veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es
+nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn
+man uns mit ihnen vergleichen könnte.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen
+hat?« sagte Miß Ophelia kurz.</p>
+
+<p>»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist
+ein entartetes Geschlecht.«</p>
+
+<p>»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte
+Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.</p>
+
+<p>»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, — Niemand zweifelt daran;
+aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir
+überhaupt damit verglichen werden könnten, — das ist unmöglich!
+St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von
+ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist
+auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die
+Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes
+Verhältniß — ganz natürlich, — und doch will St. Clare das nicht
+einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben
+könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in
+allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und
+aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu
+lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu
+viel — selbst für <em class="gesperrt">mich</em>. Ich zeige selten meine Empfindungen; es
+ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das
+harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von
+dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> aus seinen
+Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer
+dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«</p>
+
+<p>Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu
+müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer
+Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.</p>
+
+<p>»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; —
+einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben,
+thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner
+schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe
+meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung
+ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun
+wollte, was Andere thun!«</p>
+
+<p>»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern
+Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn
+ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt
+so viel Energie als St. Clare verwalten.«</p>
+
+<p>»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß
+Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«</p>
+
+<p>»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, — es ist viel
+leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt
+haben, es ist sonderbar, — das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone
+spricht, — dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst
+davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten
+nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines
+Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St.
+Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich
+hat. Aber Sie werden finden,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß
+es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, — das Volk ist so
+schlecht, so falsch, so faul.«</p>
+
+<p>»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was
+für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen
+haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! — Siehst Du,
+Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem
+Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar
+nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir,
+Marie und ich, ihnen geben.«</p>
+
+<p>»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.</p>
+
+<p>»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche
+erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine
+Bemerkungen zu unterstützen.«</p>
+
+<p>»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,«
+sagte Marie.</p>
+
+<p>»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine
+Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«</p>
+
+<p>»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.</p>
+
+<p>»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen
+Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte,
+sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«</p>
+
+<p>»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses
+Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich
+geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte
+Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«</p>
+
+<p>»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen
+Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit
+Dolph hatte, bestand<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten
+so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn
+hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu
+verschaffen.«</p>
+
+<p>»Wie meinst Du das?« fragte Marie.</p>
+
+<p>»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich
+<em class="gesperrt">einige</em> von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen,
+ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine
+Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war
+wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen
+Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten,
+und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu
+machen.«</p>
+
+<p>»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig
+zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!«
+sagte Marie.</p>
+
+<p>»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel
+seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser
+auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und
+leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht
+geben?«</p>
+
+<p>»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß
+Ophelia mit dreister Bestimmtheit.</p>
+
+<p>»Zu viel Umstände, — Trägheit, Cousine, Trägheit, — was mehr Seelen
+ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so
+hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es
+ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz
+alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche
+Betrachtung, wahrlich!«</p>
+
+<p>»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit
+auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht
+haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie
+vernünftige<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Wesen zu behandeln, — wie unsterbliche Geschöpfe, über
+die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das
+ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer
+plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.</p>
+
+<p>»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt
+Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein
+munteres Stückchen zu spielen.</p>
+
+<p>St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war
+leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger
+Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem
+andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen
+will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß
+Ophelia:</p>
+
+<p>»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine
+Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um
+so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren
+Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du
+bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten
+Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«</p>
+
+<p>»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,«
+sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als
+wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden
+Nutzen für sie, — sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das
+anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen,
+so — ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen
+gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche
+können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der
+Predigt verstehen, nicht mehr als eine<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Heerde Schweine, — und ich
+kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist;
+aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon
+vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird
+es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz
+vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie
+noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich
+kenne sie.«</p>
+
+<p>Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare
+pfiff ein Liedchen.</p>
+
+<p>»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt
+meine Kopfschmerzen.«</p>
+
+<p>»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst
+noch etwas von mir?«</p>
+
+<p>»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben
+könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«</p>
+
+<p>»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«</p>
+
+<p>»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach
+Befehl reden, — wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu
+stellen.«</p>
+
+<p>Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch
+die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die
+Gardine zur Seite und lachte mit.</p>
+
+<p>»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.</p>
+
+<p>Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit
+Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen
+Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf
+sein Knie setzte.</p>
+
+<p>»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und
+schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie
+seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine
+Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung
+bitten.</p>
+
+<p>»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«</p>
+
+<p>»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund
+liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und
+unsterblich ist, schauderst Du, — gestehe es nur, Cousine. Ich kenne
+einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die
+kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen;
+Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, — sie
+beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft
+während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie
+viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt
+einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und
+dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt
+sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu
+thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches
+Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre
+nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure
+Meinung?«</p>
+
+<p>»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas
+Wahres darin liegt.«</p>
+
+<p>»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?«
+sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete,
+welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero;
+seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und
+methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug
+und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und
+er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies
+ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und
+Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«</p>
+
+<p>»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe
+glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden hört.«</p>
+
+<p>»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk
+gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich
+fürchte, auch kein Ausüber derselben.«</p>
+
+<p>»Wie kannst Du denn so reden?«</p>
+
+<p>»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube
+Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen,
+was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen
+Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein
+Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu
+sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, — die
+instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, —
+hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer
+Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Fahrten sein dürfe;
+und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere
+Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, — Befehle, welche, wie
+unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm
+waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte
+ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein
+Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung
+eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie
+durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe
+komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn
+ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr
+leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei,
+allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah
+deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem
+sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien
+Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte
+ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer
+seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.</p>
+
+<p>Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung,
+für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und
+er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die
+Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes,
+die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen,
+welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.</p>
+
+<p>Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen
+können, — und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil
+in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen
+wird, — so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Pracht
+erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens
+nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des
+Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen
+und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes
+erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und
+mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen
+des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird
+ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen
+Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen
+höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen
+Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In
+allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines
+ächt <em class="gesperrt">christlichen Lebens</em> geben, und vielleicht hat Gott, da er
+diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends«
+ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu
+machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken
+ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten sein.</p>
+
+<p>Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare
+beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet
+in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes
+Handgelenk befestigte? — Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas
+Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller
+Rüstung, — Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, — im Begriffe, in
+eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es
+nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie
+nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen,
+und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie
+sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> auch sehr gute,
+elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete
+den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes
+Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern
+ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen
+Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene
+persönliche Erscheinung.</p>
+
+<p>»Wo ist Eva?« sagte Marie.</p>
+
+<p>»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,«
+entgegnete Ophelia.</p>
+
+<p>Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es
+wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.</p>
+
+<p>»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«</p>
+
+<p>»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; — brauchen sich darum
+nicht zu ängstigen.«</p>
+
+<p>»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind,
+indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, — «Du sollst mein
+Riechfläschchen nehmen.«</p>
+
+<p>»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, —
+würde sich nicht passen, — gar nicht!«</p>
+
+<p>»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es
+immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen.
+Nein, Du sollst es nehmen, — mir zum Gefallen.«</p>
+
+<p>»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das
+Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer
+Mutter.</p>
+
+<p>»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«</p>
+
+<p>»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben,
+welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«</p>
+
+<p>»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, —<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> »Dein goldenes
+Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich
+schickt? — Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es
+zurück!«</p>
+
+<p>Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich
+langsam um.</p>
+
+<p>»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr
+gefällt!« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?«
+entgegnete Marie.</p>
+
+<p>»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel
+besser fortkommen, als Du oder ich!«</p>
+
+<p>»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft
+berührend, »es thut Mutter weh.«</p>
+
+<p>»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte
+Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.</p>
+
+<p>»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«</p>
+
+<p>»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche
+ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist
+gar nicht anständig und achtungswerth.«</p>
+
+<p>»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um
+zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit
+breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde
+ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens
+Etwas, was Einen munter erhält.«</p>
+
+<p>»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.</p>
+
+<p>»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche,
+Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva,
+willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte
+St. Clare.</p>
+
+<p>»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.</p>
+
+<p>»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft
+schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«</p>
+
+<p>»Weshalb gehst Du denn also hin?«</p>
+
+<p>»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir,
+daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht
+wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch
+überhaupt nicht so sehr langweilig!«</p>
+
+<p>»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist
+ein gutes Kind, bete für mich.«</p>
+
+<p>»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der
+Mutter in den Wagen sprang.</p>
+
+<p>St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während
+der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen
+Augen.</p>
+
+<p>»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu
+einem Evangelium für mich gesandt?«</p>
+
+<p>Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine
+Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War
+er anders, als andere Leute?</p>
+
+<p>»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut,
+freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht
+recht, sie <em class="gesperrt">grade</em> so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder
+andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy
+krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen,
+— nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva,
+»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser,
+als das ihrige ist.«</p>
+
+<p>Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Mangel von
+Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort
+aussprach.</p>
+
+<p>»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief sie.</p>
+
+<p>»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.</p>
+
+<p>Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder
+bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck,
+und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene
+Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den
+Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut
+in der Kirche?«</p>
+
+<p>»O, Doktor G — hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.</p>
+
+<p>»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte
+ganz genau mit meinen Ansichten überein.«</p>
+
+<p>»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen
+sein,« sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse
+und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut
+Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und
+Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß
+es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und
+ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um
+zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es
+so richtig<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht
+worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite
+sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich
+wollte nur, Du hättest ihn gehört.«</p>
+
+<p>»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der
+Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und
+dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie
+Du weißt.«</p>
+
+<p>»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte
+Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Wer — ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so
+verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände
+durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese
+Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben
+sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere
+Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet
+das Ganze, — und grade dasselbe, worauf alles das heilige Geschwätz
+hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall
+verständlich sein.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte
+Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«</p>
+
+<p>»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse
+Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns
+bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte,
+der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange
+sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der
+Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, — wir
+würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«</p>
+
+<p>»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,«<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sagte Miß Ophelia,
+»hältst Du sie für recht oder unrecht?«</p>
+
+<p>»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben,
+Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte,
+so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich
+herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende
+ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher
+zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf
+die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins
+aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«</p>
+
+<p>»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende
+Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die
+Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt
+eben gethan hat.«</p>
+
+<p>»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer
+unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was
+Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden
+läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte
+Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu
+passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht
+und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne
+gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche,
+so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«</p>
+
+<p>»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte
+Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Die Bibel war das Buch <em class="gesperrt">meiner Mutter</em>,« sagte St. Clare; »nach
+ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid
+thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich
+könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu
+beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde
+meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den
+Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein
+Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem
+Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern
+Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene
+Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der
+menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht
+aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer
+strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß
+die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur
+so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand
+auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für
+uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können,
+sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb
+daran festhalten wollen, — so ist dies wenigstens kräftig, klar und
+deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit
+für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu
+schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr
+geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er
+gehalten zu werden verdient.«</p>
+
+<p>»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.</p>
+
+<p>»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den
+Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze
+Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, — glaubst
+Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung
+der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde
+dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es
+dann entdeckt sein, daß die<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre
+Richtung anweise!«</p>
+
+<p>»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee
+ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei
+besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, — ja, ich
+fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß,
+daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«</p>
+
+<p>»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die
+grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer
+kam.</p>
+
+<p>»Worüber, Papa?«</p>
+
+<p>»Ich meine, — wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei
+Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist,
+mit vielen Dienstboten?«</p>
+
+<p>»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.</p>
+
+<p>»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.</p>
+
+<p>»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, — verstehst Du?«
+sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.</p>
+
+<p>»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es
+ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«</p>
+
+<p>»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie
+auf sein Knie stieg.</p>
+
+<p>»Nach den Begriffen dieser Welt — beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare.
+»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit
+gewesen?«</p>
+
+<p>»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und
+Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«</p>
+
+<p>»Tom singen gehört, he?«</p>
+
+<p>»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Jerusalem, und den
+leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«</p>
+
+<p>»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«</p>
+
+<p>»Singstunden, wie? — o, Du nimmst zu!«</p>
+
+<p>»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er
+erklärt es mir dann, was es bedeutet.«</p>
+
+<p>»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des
+ganzen Carnevals.«</p>
+
+<p>»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, — ich möchte
+drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für
+Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und
+stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte
+ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe
+seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er
+verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«</p>
+
+<p>»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen
+Kunststücken schon öfter gehört.«</p>
+
+<p>»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn
+er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom
+schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für
+Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser
+werden möchte.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St.
+Clare. »Gut, wir wollen sehen, — nicht wahr, Eva?«</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<h2>Siebenzehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Die Vertheidigung des freien Mannes.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung
+Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus
+den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich,
+ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von
+Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die
+Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde,
+rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen
+warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg
+und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines
+Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen
+begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen
+sichtbar.</p>
+
+<p>»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du
+bist ein gutes Kind, — viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe
+geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien
+Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott
+der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, — mein eifriges
+Streben, — gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun
+will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl
+unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu
+sein.«</p>
+
+<p>»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen.
+Ich verstehe das Kleidermachen,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> und kann feine Wäsche waschen und
+plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«</p>
+
+<p>»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn
+diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen
+Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind <em class="gesperrt">ihm</em> angehören!
+Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder
+ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und
+abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen
+als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas
+bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem
+fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und
+weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich
+mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so
+will ich zufrieden, — dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld
+für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft,
+so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für
+mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«</p>
+
+<p>»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch
+nicht in Kanada.«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft
+fühlte, — sie macht mich stark.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört,
+die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an
+die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.</p>
+
+<p>Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als
+Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und
+trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er
+hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's,
+sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz
+darauf ist, zu wissen, was<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> er wolle, und mit scharfem Blicke Alles
+um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu
+dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des
+Quäkers paßten.</p>
+
+<p>»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich
+und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist
+nöthig, daß Du es hörest.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es
+gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen
+schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause,
+ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes,
+Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen
+Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit
+dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der
+Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein
+Bett fertig sein würde; und was geschah? — ich schlief fest ein.«</p>
+
+<p>»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.</p>
+
+<p>»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn
+ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte
+ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die
+um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte,
+ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie
+eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden
+hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der
+Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm,
+daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen
+und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann,
+sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden,
+der ein<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen
+abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans
+hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind,
+sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten
+auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen
+helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte
+vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein
+kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre,
+und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo
+sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen
+hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht
+nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns
+sein. Was ist also nun zu thun?«</p>
+
+<p>Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen
+Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre
+Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten
+zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben
+haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus.
+Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte
+ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit
+geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie
+jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft,
+und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar
+unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.</p>
+
+<p>»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.</p>
+
+<p>»Ich weiß, was <em class="gesperrt">ich</em> thun werde,« entgegnete Georg, indem er in
+das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das
+hinaus will.«</p>
+
+<p>»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht
+dahin kommen möge.«</p>
+
+<p>»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,«
+sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die
+Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten
+Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod
+und Verzweiflung, und ich auch.«</p>
+
+<p>»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer
+einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das
+Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege
+als Du.«</p>
+
+<p>»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.</p>
+
+<p>»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren,
+sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen
+wirst, so sag' es mir nur.«</p>
+
+<p>»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust
+wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine
+Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen
+deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, — junges Blut ist heiß.«</p>
+
+<p>»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem
+Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will
+still und ruhig hinausgehen; aber« — er hielt inne, während seine
+Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing,
+— »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans
+verkauft wurde; — ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, — und ich
+soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> und es
+verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen,
+gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum
+letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können
+Sie mich deshalb tadeln?«</p>
+
+<p>»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann
+nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß
+halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«</p>
+
+<p>»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«</p>
+
+<p>»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon;
+»das Fleisch ist schwach.«</p>
+
+<p>»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,«
+sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle
+ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht
+einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit
+ihm abzumachen haben solltest.«</p>
+
+<p>»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so
+darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben
+uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was
+vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen
+des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben
+ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«</p>
+
+<p>»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht
+werden, — nun, dann laß Jene sich vorsehen.«</p>
+
+<p>»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden
+bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark
+in Dir.«</p>
+
+<p>Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner
+gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein
+gefährlicher Schütze für den<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst
+einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize
+bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden;
+und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und
+nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig
+höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in
+seiner Erkenntniß« zu bemerken.</p>
+
+<p>»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel
+Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein
+Herz auf dem rechten Flecke ist.«</p>
+
+<p>»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer
+Flucht?«</p>
+
+<p>»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen,
+also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der
+Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor
+der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche
+schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn
+sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn
+wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen.
+Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem
+schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe,
+und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen
+sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt;
+oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr
+eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit
+der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben
+einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu
+erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund
+Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Leuten
+deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür
+hinter sich schloß.</p>
+
+<p>»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für
+Dich thun, was geschehen kann, Georg.«</p>
+
+<p>»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich
+aussetzen.«</p>
+
+<p>»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete
+Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt
+uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,«
+fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für
+diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«</p>
+
+<p>Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu
+backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle <em class="antiqua">et cetera's</em>
+des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem
+kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch
+begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen,
+daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt
+sind.</p>
+
+<p>»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und
+Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben,
+wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte,
+Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen
+meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme
+Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie
+kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg,
+Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer
+Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und
+schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span>
+Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete
+gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe
+erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch
+seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen
+hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst
+über meinen Leichnam gehen.«</p>
+
+<p>»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus
+diesem Lande glücklich führen wollte, — das ist Alles, um was wir ihn
+bitten.«</p>
+
+<p>»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau
+sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er
+Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie
+behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; — ja, alle Gewalt ist
+auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder
+von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem
+durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und
+arme, ehrliche, treue Christen, — eben so gute, wie sie, und bessere
+vielleicht, — liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und
+verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern
+und Thränen, — und Gott <em class="gesperrt">läßt</em> es geschehen.«</p>
+
+<p>»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen
+Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«</p>
+
+<p>Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen
+trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie
+folgt:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt hätte
+beinahe geglitten.</p>
+
+<p>»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den
+Gottlosen so wohl ging.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<p>»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie
+andre Menschen geplagt.</p>
+
+<p>»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel muß
+wohlgethan heißen.</p>
+
+<p>»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie nur
+gedenken.</p>
+
+<p>»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern
+hoch her.</p>
+
+<p>»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen wie
+Wasser,</p>
+
+<p>»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der
+Höchste ihrer achten?«</p>
+</div>
+
+<p>»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach Lesung
+dieser Verse.</p>
+
+<p>»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich sie
+selbst niedergeschrieben hätte.«</p>
+
+<p>»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war mir zu
+schwer,</p>
+
+<p>»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf ihr Ende.</p>
+
+<p>»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.</p>
+
+<p>»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild in
+der Stadt verschmähet.</p>
+
+<p>»Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner
+rechten Hand.</p>
+
+<p>»Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu Ehren an.</p>
+
+<p>»Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.</p>
+
+<p>»Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott,
+allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«</p>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen
+alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten,
+erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit dem
+Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.</p>
+
+<p>»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du
+allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen,
+welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich
+auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen
+möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«</p>
+
+<p>Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner
+gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische
+Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so
+häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung
+gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für
+die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte,
+an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie
+ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen,
+heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und
+Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.</p>
+
+<p>Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an
+den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die
+Thür gehört, und Ruth trat ein.</p>
+
+<p>»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe
+hier für den Knaben zu bringen, — drei Paar warme wollene. Es wird
+sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?«
+fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und
+ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand
+einen kleinen Kuchen schob.<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> »Ich habe hier ein kleines Packetchen für
+ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor
+zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«</p>
+
+<p>»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.</p>
+
+<p>»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.</p>
+
+<p>»Ich kann nicht, — unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause
+gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick
+bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde
+allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die
+kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der
+Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war
+Ruth aus dem Zimmer verschwunden.</p>
+
+<p>Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür.
+Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze
+herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur
+Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau
+am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen.
+Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.</p>
+
+<p>»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des
+Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und
+das Kind zurecht machen.«</p>
+
+<p>»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so
+bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«</p>
+
+<p>Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem
+Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die
+Verfolger erwarte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p>
+
+<p>»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester
+Stimme.</p>
+
+<p>»Ja wohl,« entgegnete Jim.</p>
+
+<p>»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie
+kommen sollten?«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen
+Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir
+wieder abnehmen lassen?«</p>
+
+<p>Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen
+Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen
+gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend,
+unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr
+hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim
+ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und
+Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.</p>
+
+<p>»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.</p>
+
+<p>»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr
+rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.</p>
+
+<p>Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine
+Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange,
+dunkle Waldwege, — über weite, einsame Ebenen, — bergauf und bergab,
+— eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag
+schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau
+vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen
+graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen
+zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft
+zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu
+verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.</p>
+
+<p>Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> deutliche Pferdehufe
+eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den
+Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.</p>
+
+<p>»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang
+seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu
+überschauen.</p>
+
+<p>Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung
+auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.</p>
+
+<p>»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum
+Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen
+im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten
+zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal
+hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen,
+hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe
+eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu
+können.</p>
+
+<p>»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla,
+hier Michael!«</p>
+
+<p>»Phineas! bist Du es?«</p>
+
+<p>»Ja, was für Nachrichten, — kommen sie?«</p>
+
+<p>»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und
+fluchen und schäumen wie Wölfe.«</p>
+
+<p>Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall
+gallopirender Reiter zu.</p>
+
+<p>»Hinein mit Euch, — schnell, Jungens, <em class="gesperrt">hinein</em>!« rief Phineas.
+»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter
+gebracht habe.«</p>
+
+<p>Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde
+an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte,
+sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber
+deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> verfolgenden
+Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus,
+und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp
+Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald
+darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan
+ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug
+das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war
+einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die
+alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen
+mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer
+näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand
+eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen
+Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter
+Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz
+und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den
+Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas
+kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und
+nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so
+stark angetrieben.</p>
+
+<p>»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem
+Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und
+fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen
+und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen
+hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«</p>
+
+<p>Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.</p>
+
+<p>»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr
+sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in
+Eurem Leben gelaufen seid!«</p>
+
+<p>Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> als wir es sagen
+können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und
+eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde
+gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in
+vollem Laufe davon fuhr.</p>
+
+<p>»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in
+gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines
+rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf
+führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«</p>
+
+<p>Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels
+mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine
+bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa
+bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die
+Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um
+ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe
+der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer
+nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von
+beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich
+eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen,
+senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang
+mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf
+eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.</p>
+
+<p>»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen
+seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich
+vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art
+Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten
+Befindlichen schützte.</p>
+
+<p>»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die
+steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> zu beobachten, welche
+lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen,
+wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen
+den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer
+Pistolen, — seht Ihr, Jungens?«</p>
+
+<p>»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist,
+so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein
+bestehen.«</p>
+
+<p>»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,«
+entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen,
+zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und
+hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs
+nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf
+kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn
+sie's thäten?«</p>
+
+<p>Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden
+Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten
+Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl
+liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein
+geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger
+einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.</p>
+
+<p>»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.</p>
+
+<p>»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist
+der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen,
+und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«</p>
+
+<p>»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte
+Marks; — »das wäre unangenehm!«</p>
+
+<p>»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, —<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> »Du bist immer für
+Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von
+Natur.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,«
+sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten
+manchmal wie der Teufel.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen
+und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:</p>
+
+<p>»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«</p>
+
+<p>»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen
+gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden,
+und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl,
+und wir wollen sie haben, — versteht Ihr? — He, bist Du nicht selbst
+Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«</p>
+
+<p>»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein
+Eigenthum; — aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes
+freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein
+eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu
+vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt
+herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den
+Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der
+folgende, bis zum Letzten.«</p>
+
+<p>»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich
+seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch,
+was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das
+Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust
+Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch
+thun.«</p>
+
+<p>»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Macht auf Eurer Seite
+habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um
+es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb
+einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem
+viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt
+hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt
+Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken
+derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure
+Gesetze werden Euch darin unterstützen, — was für sie und Euch um
+so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure
+Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier
+frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns
+geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen
+vertheidigen!«</p>
+
+<p>Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens
+stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf
+einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere
+Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und
+als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des
+Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine
+Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten
+befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum
+Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit,
+was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der
+Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig
+seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf
+Georgs Rede folgte, auf ihn ab.</p>
+
+<p>»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> ihn todt wie lebendig
+in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel
+abwischte.</p>
+
+<p>Georg sprang zurück, — Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war
+dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner
+Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.</p>
+
+<p>»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.</p>
+
+<p>»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen
+Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«</p>
+
+<p>»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind,
+und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt,
+schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei
+Schüsse auf Einen verschwenden, — verstehst Du?«</p>
+
+<p>»Aber wenn Du nicht triffst?«</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">werde</em> treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.</p>
+
+<p>»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den
+Zähnen.</p>
+
+<p>Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen
+Augenblick unschlüssig.</p>
+
+<p>»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; —
+»ich hörte ein Gekreisch.«</p>
+
+<p>»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; —
+»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht
+thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.</p>
+
+<p>Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es,
+und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen
+mußte.</p>
+
+<p>Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und
+nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze
+übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden
+ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb
+vorgeschritten<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's
+aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.</p>
+
+<p>Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich
+verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem
+gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die
+drüben Stehenden zu.</p>
+
+<p>»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit
+einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht
+nöthig.«</p>
+
+<p>Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend
+und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und
+stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet
+haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider
+an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.</p>
+
+<p>»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den
+Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte,
+als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in
+eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.</p>
+
+<p>»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf,
+während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, — versteht
+Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern,
+war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.</p>
+
+<p>»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; —
+»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so
+im Stiche!«</p>
+
+<p>»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer.
+»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder
+lebendig ist.«</p>
+
+<p>Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> nun über Wurzeln und
+Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.</p>
+
+<p>»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer
+verwundet?«</p>
+
+<p>»Weiß nicht. Hebt mich auf, — könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole
+den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein
+Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können,
+wie's ihnen gefällt.«</p>
+
+<p>Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held
+aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden
+gebracht.</p>
+
+<p>»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause
+zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas,
+um das verfluchte Bluten zu stillen.«</p>
+
+<p>Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die
+schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei
+vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen
+Gewichte auf den Boden nieder.</p>
+
+<p>»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen
+übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.</p>
+
+<p>»Warum nicht?« fragte Phineas; — »geschieht ihm recht.«</p>
+
+<p>»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer
+methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich
+für die Seele des armen Menschen.«</p>
+
+<p>»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.</p>
+
+<p>Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender
+Unentschlossenheit und Berathung sprangen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> alle plötzlich in ihre
+Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren,
+begann Phineas sich zu regen.</p>
+
+<p>»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich
+trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen
+zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen
+müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist
+früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir
+sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht
+nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen
+können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle
+in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter
+auf der Landstraße zurückkommen.</p>
+
+<p>»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig.
+»Nun sind wir geborgen, — so sicher, als wenn wir schon dort wären.«</p>
+
+<p>»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für
+den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«</p>
+
+<p>»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn
+aufnehmen und mit uns fortschaffen.«</p>
+
+<p>»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch
+das! Wohl, ich habe nichts dagegen! — wir wollen ihn uns 'mal ansehen.«</p>
+
+<p>Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner
+Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß
+von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und
+begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.</p>
+
+<p>»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach
+Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; — ist fort, schon
+lange.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p>
+
+<p>»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige
+Hund, — mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte
+Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«</p>
+
+<p>»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte
+die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«</p>
+
+<p>»Sachte, sachte! — knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als
+Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für
+Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«</p>
+
+<p>Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit
+seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen
+vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:</p>
+
+<p>»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«</p>
+
+<p>»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns
+hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte.
+»Hier, hier, — laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, —
+haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht
+werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, — so gut, wie es Deine eigne
+Mutter nur könnte.«</p>
+
+<p>Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen
+Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und
+schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in
+seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.</p>
+
+<p>Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute
+wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens
+ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren
+Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine
+vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids
+setzte sich<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in
+ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen
+Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.</p>
+
+<p>»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas
+auf dem vordersten Sitze saß.</p>
+
+<p>»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die
+Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut
+verloren, — und Muth und Alles mit, — aber er wird's überstehen und
+vielleicht lernt er 'was dabei.«</p>
+
+<p>»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir
+immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt
+hätte, selbst in einer gerechten Sache.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, — gleichviel
+ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen,
+und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er
+niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so
+anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu
+haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten,
+denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«</p>
+
+<p>»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.</p>
+
+<p>»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, — Dorcas
+nennen sie sie, — das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist
+es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie
+irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen,
+daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«</p>
+
+<p>Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem
+reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem
+reichlichen Frühstück empfangen<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> wurden. Tom Locker befand sich sehr
+bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je
+zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden
+worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den
+weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her
+gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen
+wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.</span></h2>
+</div>
+
+<p>Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein
+glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der
+Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der
+Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr
+und mehr entwickelte, an Stärke zu.</p>
+
+<p>St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher
+waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe
+größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und
+ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des
+Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen
+Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes
+anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum
+zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der
+ihm eigenthümlichen ruhigen Art und<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Weise Bemerkungen erlaubt. St.
+Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich;
+allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine
+Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr
+an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe
+übertragen wurden.</p>
+
+<p>»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich
+dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden
+solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom
+aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal
+gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft besorgt.«</p>
+
+<p>Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm
+Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das
+zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm
+jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die
+unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen
+Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in
+ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit
+zu beobachten.</p>
+
+<p>Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen
+Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es
+leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten,
+war er in eine totale Verwechslung des <em class="antiqua">meum tuum</em> mit Rücksicht
+auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare
+dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand
+des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner
+Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse
+verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um
+eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu
+bei, ihn in seine Nachsicht<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen.
+Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich
+selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm
+abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.</p>
+
+<p>Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen
+Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß
+sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die
+Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes
+kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im
+Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen
+öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, — waren Dinge,
+die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er
+die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« — eine
+Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die
+er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen
+Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es
+soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art
+und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte,
+der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel,
+am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer
+heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen
+ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt,
+in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das
+Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe
+zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze
+Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen
+Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen
+übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn
+zu beten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden
+Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß,
+und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte.
+»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend
+dastand.</p>
+
+<p>»Master, ich fürchte — nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.</p>
+
+<p>»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein
+Leichenwagen.«</p>
+
+<p>»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß
+Master gegen Jeden gut sein wolle —«</p>
+
+<p>»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's?
+was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die
+Vorrede dazu?«</p>
+
+<p>»Master ist immer gut gegen mich gewesen; — habe mich über nichts zu
+beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«</p>
+
+<p>»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«</p>
+
+<p>»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte
+dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«</p>
+
+<p>Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die
+Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht
+feuerroth werden, aber lachte.</p>
+
+<p>»O, ist das Alles?« sagte er heiter.</p>
+
+<p>»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee
+fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles
+zu Grunde richten, — Alles — Leib und Seele. Das gute Buch sagt:
+»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber
+Master!«</p>
+
+<p>Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen
+traten. »Steh' auf, Tom, — ich bin's nicht werth, daß über mich
+geweint werde.«</p>
+
+<p>Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.</p>
+
+<p>»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten
+gehen,« sagte St. Clare, — »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß
+nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die
+ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, — also
+nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. —
+Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so
+außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der
+Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht
+wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer
+Beruhigung sich entfernte.</p>
+
+<p>»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst,
+während er die Thür zumachte.</p>
+
+<p>Und er hielt es, — denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur
+eigenthümliche Versuchung.</p>
+
+<p>Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß
+Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen
+Haushaltes übernommen hatte.</p>
+
+<p>Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen
+Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den
+Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden.
+Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes
+Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise
+haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere
+Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen
+zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> systematischen
+Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs.
+Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden
+deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare
+gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter
+dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war
+es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten
+eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende
+Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie
+dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.</p>
+
+<p>An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia
+bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer
+in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der
+Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie
+einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen
+Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.</p>
+
+<p>Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche
+und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung
+unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf
+solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche
+und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen
+und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt
+fand.</p>
+
+<p>Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen
+Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie
+als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten
+Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone
+mit tieferem Groll erdulden können.</p>
+
+<p>Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> wäre ungerecht gegen
+ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr
+geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut
+wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden,
+und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und
+daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade
+war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete
+sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich
+hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein
+Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu
+überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein
+könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit
+befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies
+zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein
+abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge
+Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es
+bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise
+hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so
+leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen
+Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten
+Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem
+war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art
+aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie
+Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet
+leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie
+jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit
+zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war,
+so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz
+unzweifelhaft lediglich<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> die Schuld von fünfzig anderen Personen, die
+Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.</p>
+
+<p>Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich
+verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade
+umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, — obgleich
+ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht
+hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als
+Tage im Jahre waren, — so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten
+konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster
+Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst
+ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.</p>
+
+<p>Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu
+beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung
+bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte,
+saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife,
+der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art
+Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für
+ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder
+eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der
+Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils
+Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit
+zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder
+dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag
+an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle
+versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der
+jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem
+andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie
+sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter
+dem sie aufgewachsen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten
+Ausdehnung aus.</p>
+
+<p>Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen
+Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah
+hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war,
+und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem
+Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und
+Widerstand hemmend entgegen zu treten.</p>
+
+<p>Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an
+dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen
+Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht
+hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen.
+Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden
+zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels
+vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke
+und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch
+eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen
+Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen
+sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine
+Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden
+waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen,
+Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere
+werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.</p>
+
+<p>Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern
+rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur
+mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges,
+während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen
+beobachtete.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<p>Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu
+öffnen.</p>
+
+<p>»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.</p>
+
+<p>So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie
+enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes
+Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war,
+rohes Fleisch einzuwickeln.</p>
+
+<p>»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten
+Tischtücher Deiner Mistreß ein?«</p>
+
+<p>»O Herr, nein, Missis, — es waren gerade keine andere Tücher da, und
+so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte,
+— deshalb.«</p>
+
+<p>»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr,
+die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse,
+zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug
+mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete
+Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück
+Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln
+darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher,
+Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit
+Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.</p>
+
+<p>»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit
+einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.</p>
+
+<p>»Wo es ist, Missis; — hier sind ein paar, in der zerbrochenen
+Theetasse, und da welche in dem Schranke.«</p>
+
+<p>»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie
+emporhaltend.</p>
+
+<p>»O ja, — hab' sie da heut früh hin gethan, — habe gern meine Sachen
+bei der Hand,« sagte Dinah.<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst
+es kriegen! — Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung
+nach dem Verbrecher hinzu.</p>
+
+<p>»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade emporhaltend.</p>
+
+<p>»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; — hab's dahin gethan, um 's bei
+der Hand zu haben.«</p>
+
+<p>»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«</p>
+
+<p>»O Missis, — war in solcher Eile, — gejagt, — wollt's heut noch
+wegthun.«</p>
+
+<p>»Hier sind zwei damastene Servietten.«</p>
+
+<p>»Die Servietten — die hab' ich da hingethan, — sollten nächster
+Gelegenheit gewaschen werden.«</p>
+
+<p>»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke,
+welche gewaschen werden sollen?«</p>
+
+<p>»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich
+mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so
+umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«</p>
+
+<p>»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der
+dazu bestimmt ist?«</p>
+
+<p>»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da
+ist ja kein Platz nie —«</p>
+
+<p>»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«</p>
+
+<p>»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr
+Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit
+im Benehmen vergessen ließ; — »was verstehen Damen von Arbeit, möchte
+ich wissen? — Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die
+ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie
+so 'was gesagt.«</p>
+
+<p>»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück
+Flanell hervorziehend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe;
+— konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich
+aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, — hatte ganz vergessen, daß
+sie da in dem Flanell waren.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.</p>
+
+<p>»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! — habe meine Sachen
+gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte
+Dinah in etwas entschiedenem Tone.</p>
+
+<p>»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.</p>
+
+<p>»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.</p>
+
+<p>»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn
+nicht?«</p>
+
+<p>»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte
+ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend.
+»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo
+ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; — kann aber
+nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam!
+— daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir
+eins über den Kopf!«</p>
+
+<p>»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles <em class="gesperrt">ein für allemal</em> in
+Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in
+Ordnung erhältst.«</p>
+
+<p>»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, —
+habe nie Damen so 'was thun sehen; — meine alte Missis und Miß
+Marie thaten's nie; — und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut
+ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend,
+während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von
+herumstehenden Zuckerschalen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> in ein Behältniß leerte, Servietten,
+Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren
+eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung
+brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.</p>
+
+<p>»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann
+sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich
+in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung
+wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, — brauche keine Damen hier herum,
+die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch
+sie wieder finden kann.«</p>
+
+<p>Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden,
+daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für
+Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann
+mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren,
+und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und
+dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte
+sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen
+vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die
+ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu
+beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im
+Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen
+als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so
+fortgehen lassen, und wolle das <em class="gesperrt">jüngere Volk</em> lehren, bessere
+Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern
+der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß
+es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran
+Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische
+schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte
+geben können,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte,
+pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze
+vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem
+sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der
+Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten
+wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen
+Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für
+ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen
+versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt
+werden solle, — wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit«
+nachgelassen hatte.</p>
+
+<p>In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen
+Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen
+in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der
+Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der
+Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St.
+Clare.</p>
+
+<p>»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in
+diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.</p>
+
+<p>»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.</p>
+
+<p>»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe
+ich nie in meinem Leben gesehen.«</p>
+
+<p>»Wahrscheinlich nicht.«</p>
+
+<p>»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die
+Verwaltung zu führen hättest.«</p>
+
+<p>»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir
+Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die
+Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte
+verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen
+zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere,
+unwissende Leute um uns haben <em class="gesperrt">wollen</em>, so müssen wir die
+Folgen davon tragen. Ich kenne einige<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> seltene Fälle von Personen,
+die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge,
+systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu
+diesen, — und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben,
+die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel
+nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, — und
+haben deshalb das Heft in ihren Händen.«</p>
+
+<p>»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, — Alles in dieser zwecklosen
+Weise fortgehen zu lassen?«</p>
+
+<p>»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen
+außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem
+Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als
+er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von
+welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun
+hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück
+und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh,
+Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel,
+Dessert, und Alles, — und schafft das Alles in dem Chaos ihrer
+finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht,
+scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir
+hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der
+Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen
+wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es
+würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du
+wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie
+ihren eignen Weg gehen.«</p>
+
+<p>»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles
+vorfand.«</p>
+
+<p>»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel
+unter dem Bette liegt, und das<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Reibeisen mit dem Tabak zusammen
+in ihrer Tasche steckt; — daß da fünf und sechszig verschiedene
+Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, — und
+daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und
+morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat
+ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und
+superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und
+Staatsmänner beurtheilt werden, — <em class="gesperrt">nach dem Erfolge</em>.«</p>
+
+<p>»Aber die Verschwendung, — die Ausgaben.«</p>
+
+<p>»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib
+nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige
+nicht, — ist es nicht das Beste?«</p>
+
+<p>»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken,
+als daß diese Dienstboten nicht streng <em class="gesperrt">ehrlich</em> sind. Glaubst Du
+dessen gewiß zu sein?«</p>
+
+<p>Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht
+aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.</p>
+
+<p>»O Cousine, das ist zu gut! — <em class="gesperrt">ehrlich!</em> — als wenn das
+überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! — natürlich, das sind sie nicht.
+Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen
+können?«</p>
+
+<p>»Warum unterrichtest Du sie nicht?«</p>
+
+<p>»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz
+danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze
+Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht
+aus ihnen herausbringen.«</p>
+
+<p>»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«</p>
+
+<p>»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und
+aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn
+nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und
+fühlt das<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als
+Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner
+Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden.
+List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es
+wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür
+nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen
+Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und
+unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn
+nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils,
+sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie
+Tom — ist ein moralisches Wunder.«</p>
+
+<p>»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.</p>
+
+<p>»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare.
+»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich
+allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das
+ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener
+Welt geschehen wird.«</p>
+
+<p>»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch
+schämen!«</p>
+
+<p>»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter
+Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße
+gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen
+Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, — findest überall,
+daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen
+der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall
+so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen
+erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht so in Vermont.«</p>
+
+<p>»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Staaten seid ihr uns
+voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also,
+Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei
+Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«</p>
+
+<p>Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen
+plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt,
+wie sie immer thut.«</p>
+
+<p>Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und
+trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.</p>
+
+<p>»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.</p>
+
+<p>Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen
+brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den
+Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie
+stützte, und sagte:</p>
+
+<p>»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«</p>
+
+<p>»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.</p>
+
+<p>»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre
+Augen vom Boden aufzuschlagen.</p>
+
+<p>»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu
+lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es
+mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.</p>
+
+<p>Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.</p>
+
+<p>»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; — sollte mich freuen, wenn
+ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich,
+um Dein Elend zu vergessen.«</p>
+
+<p>»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis
+wird dafür bezahlen.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia nahm einige Dutzend.</p>
+
+<p>»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> da, oben auf dem
+Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«</p>
+
+<p>»Marken, — wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«</p>
+
+<p>»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken,
+ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«</p>
+
+<p>»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du
+ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«</p>
+
+<p>»Und das <em class="gesperrt">will</em> ich thun, — ich kann nicht anders leben, —
+trinken und mein Elend vergessen.«</p>
+
+<p>»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld
+Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«</p>
+
+<p>»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, — ja, ich will. O Herr, ich
+wollte, ich wäre todt — ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam
+und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf
+den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem
+Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.</p>
+
+<p>»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf
+drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, — kannst auch
+noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu
+Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst — trinkst —
+trinkst — bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, — uff!«
+sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.</p>
+
+<p>»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war,
+um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre,
+so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«</p>
+
+<p>»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> »Ihr Rücken sieht
+jetzt schon hübsch aus, — sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«</p>
+
+<p>»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein,
+in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte
+Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.</p>
+
+<p>Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume
+seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter
+diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.</p>
+
+<p>»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.</p>
+
+<p>Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr
+zugehörigen Sklavinnen.</p>
+
+<p>»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe
+für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd
+schön!«</p>
+
+<p>»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit
+der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf
+zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen
+Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«</p>
+
+<p>»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor
+Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide
+erscheinen werden,« sagte Adolph.</p>
+
+<p>»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die
+gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.</p>
+
+<p>»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«</p>
+
+<p>»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«</p>
+
+<p>»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie
+sich auf einem ihrer kleinen Füße<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> wiegte und ihn boshaft anblickte.
+»Er macht mich immer so ärgerlich.«</p>
+
+<p>»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte
+Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt
+finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«</p>
+
+<p>»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen
+mit unmäßigem Gelächter.</p>
+
+<p>»Ihr da, macht fort! — kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht
+haben in der Küche,« rief Dinah.</p>
+
+<p>»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,«
+sagte Rosa.</p>
+
+<p>»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; — »springen
+'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts
+anderes als Niggers, so gut wie ich.«</p>
+
+<p>»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie
+glatt liegen soll,« sagte Jane.</p>
+
+<p>»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre
+langen, seidenen Locken niederfallen ließ.</p>
+
+<p>»Vor dem <em class="gesperrt">Herrn</em> ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte
+Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, — so ein
+Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, — will
+Euch hier nicht mehr haben!«</p>
+
+<p>Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St.
+Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob
+er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke;
+und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:</p>
+
+<p>»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure
+Näherei und arbeitet!«</p>
+
+<p>Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> der Zwiebacksfrau in
+der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie
+vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte
+Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt
+nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in
+Ordnung zu bringen.</p>
+
+<p>»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.</p>
+
+<p>»Warum?« sagte das Weib; — »brauche keine Hülfe.«</p>
+
+<p>»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.</p>
+
+<p>»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.</p>
+
+<p>»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, — »ich
+wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn
+nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«</p>
+
+<p>»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst
+mir das nicht zu sagen; — bin häßlich, — bin schlecht, — gehe grade
+zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«</p>
+
+<p>Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem
+finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.</p>
+
+<p>»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus
+Christus gehört?«</p>
+
+<p>»Jesus Christus, — wer ist das?«</p>
+
+<p>»Es ist <em class="gesperrt">der Herr</em>,« entgegnete Tom.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von
+Gericht und Hölle. — Habe davon gehört.«</p>
+
+<p>»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme
+Sünder liebte und für uns starb?«</p>
+
+<p>»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; — »kein Mensch hat mich geliebt,
+seit mein alter Mann todt ist.«</p>
+
+<p>»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und
+aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug
+waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master
+nahm mich von ihm.«</p>
+
+<p>»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?«
+fragte Tom weiter.</p>
+
+<p>»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher
+kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil
+Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis
+schien anfangs große Stücke drauf zu halten; — es schrie nie, es war
+gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und
+ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab
+zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte
+mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie
+sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute
+äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und
+schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es
+wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und
+wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil
+es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze
+machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in
+eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode.
+Das that's, — und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus
+den Ohren zu bringen. So ist's, — und ich will trinken! ich will —
+und wenn ich in die Hölle dafür muß!«</p>
+
+<p>»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie
+unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat
+Dir Niemand<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel
+gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«</p>
+
+<p>»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib.
+»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da
+gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, — fort von Master
+und Missis, — so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem
+gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und
+mürrisch fort ging.</p>
+
+<p>Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf
+er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor
+Freude strahlenden Augen.</p>
+
+<p>»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa
+sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen
+neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was
+ist Dir denn, Tom? — Du siehst ja so ernst aus.«</p>
+
+<p>»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich
+will die Pferde herausholen.«</p>
+
+<p>»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten
+Prue sprechen.«</p>
+
+<p>Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des
+Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich,
+oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und
+ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte
+beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br>
+<span class="s5">Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.</span></h2>
+
+<p class="s3 center">(Fortsetzung.)</p>
+</div>
+
+<p>»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht
+fahren,« sagte Eva.</p>
+
+<p>»Warum nicht, Miß Eva?«</p>
+
+<p>»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, — »so tief in's
+Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte
+sich um und ging in's Haus.</p>
+
+<p>Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke
+zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.</p>
+
+<p>»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«</p>
+
+<p>»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.</p>
+
+<p>»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«</p>
+
+<p>»Weiß nicht genau; — sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau,
+mit einem Seitenblicke auf Ophelia.</p>
+
+<p>Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte,
+folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.</p>
+
+<p>»Was ist aus Prue geworden, — was ist's?« fragte sie.</p>
+
+<p>Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte
+endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:</p>
+
+<p>»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder
+betrunken, — und da haben sie sie in den Keller gebracht, — und da
+den ganzen Tag<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> gelassen, — und ich hörte sagen, daß <em class="gesperrt">die Fliegen
+schon an ihr wären, — sie ist todt</em>!«</p>
+
+<p>Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte,
+gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus
+deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen
+und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.</p>
+
+<p>»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche
+Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«</p>
+
+<p>»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme,
+»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so
+viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«</p>
+
+<p>»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie
+sind, — diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«</p>
+
+<p>Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf
+Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der
+Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört
+hatte.</p>
+
+<p>»Eine abscheuliche Geschichte, — wirklich fürchterlich!« rief sie,
+als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die
+Zeitung las.</p>
+
+<p>»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen
+worden?« sagte er.</p>
+
+<p>»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode
+gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker
+Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.</p>
+
+<p>»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte
+St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<p>»Immer gedacht! — willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte
+Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu
+untersuchen?«</p>
+
+<p>»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen
+Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute
+ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich
+nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die
+Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung
+vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«</p>
+
+<p>»Es ist wirklich empörend, — es ist schrecklich, Augustin! Es muß
+Gottes Rache auf Dich herabrufen!«</p>
+
+<p>»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es
+nicht ändern; — könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige,
+viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben
+vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede
+Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch
+anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können,
+ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu
+bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«</p>
+
+<p>»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um
+solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse
+von Wesen, — unerzogen, träg, verderbt, — ohne Beschränkungen und
+Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie
+der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung
+kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen
+wissen; — denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden
+Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen
+hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Gesellschaft
+anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden
+lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich
+sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von
+Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich
+thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«</p>
+
+<p>St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien
+empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend,
+fügte er hinzu:</p>
+
+<p>»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du
+hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein
+Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der
+ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und
+prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben.
+Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von
+Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte
+und seine Zeitung wieder aufnahm.</p>
+
+<p>Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann
+mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.</p>
+
+<p>»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen
+wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich
+von Dir, ein solches System zu vertheidigen; — das ist <em class="gesperrt">meine</em>
+Meinung!«</p>
+
+<p>»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«</p>
+
+<p>»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu
+vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.</p>
+
+<p>»Ich — vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?«
+sagte St. Clare.</p>
+
+<p>»Natürlich vertheidigst Du es, — Ihr thut es alle<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> hier im Süden.
+Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«</p>
+
+<p>»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt
+jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du
+nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«</p>
+
+<p>»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß
+Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.</p>
+
+<p>»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich
+bereue es unaufhörlich.«</p>
+
+<p>»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«</p>
+
+<p>»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was
+Du bereut hast?«</p>
+
+<p>»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für
+mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«</p>
+
+<p>»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich
+gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«</p>
+
+<p>»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder
+vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz
+dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein
+geworden?«</p>
+
+<p>»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr
+Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner
+Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu
+wahr ist, — Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich,
+daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde
+mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem
+fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich
+über Deinen Tadel nicht wundere.«</p>
+
+<p>»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie
+setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte
+Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen!
+Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener
+Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, — das ist Alles, — um
+zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln
+gut; — es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«</p>
+
+<p>»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia,
+ihre Hand auf seine Stirne legend.</p>
+
+<p>»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich — ach ich kann nie
+ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das
+lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der
+Gefühle gelangen; — und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich
+aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt
+deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als
+die südlichen, — jetzt ist mir Alles klar.«</p>
+
+<p>»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«</p>
+
+<p>»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft
+reden; — aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich
+den Versuch machen soll. — Also,« fuhr er fort, während er den Korb
+an sich zog, — »ich will jetzt anfangen: — wenn es im Laufe der
+menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder
+drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert
+eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft
+—«</p>
+
+<p>»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn
+hier Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Warte einen Augenblick, — ich komme dahin, — Du wirst es gleich
+hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes
+Gesicht plötzlich einen ernsten<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Ausdruck annahm, »es kann meiner
+Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben.
+Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können,— Geistliche, die
+den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, — Politiker, die dadurch
+die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische
+Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit
+erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste
+zwingen, — so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an
+eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel,
+und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in
+<em class="gesperrt">seiner</em> Weise thun kann.«</p>
+
+<p>Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare,
+und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:</p>
+
+<p>»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst,
+so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte
+Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, — was ist es? Reiße allen
+Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und
+was ist es? — Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und
+ich klug und stark bin, — weil ich Macht und Verstand genug habe, es
+auszuführen, — deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es
+behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt.
+Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es
+thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die
+Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy
+soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun,
+was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich
+so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das
+ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sehen,
+der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie
+niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich
+mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst
+ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb
+das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der,
+daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird,
+als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene
+Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt
+zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen.
+Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient
+sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«</p>
+
+<p>St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er
+gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft
+im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer
+griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine
+großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach
+eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie
+zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor
+Ueberraschung.</p>
+
+<p>»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen
+bleibend, — »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen
+Gegenstand zu sprechen und zu denken, — aber ich versichere Dich, es
+hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land
+versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem
+Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich
+während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete,
+wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf,
+durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Despot von
+ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug
+zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; — und wenn ich
+solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger
+Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das
+ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«</p>
+
+<p>»Augustin! — Augustin!« sagte Miß Ophelia, — »Du hast vollkommen
+genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im
+Norden nicht.«</p>
+
+<p>»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr
+Nordländer habt alle kaltes Blut: — Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr
+könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«</p>
+
+<p>»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, —</p>
+
+<p>»Ganz richtig, <em class="gesperrt">die Frage</em> ist, — und eine verteufelte Frage
+ist es! — wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl,
+ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir
+Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.«
+Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner
+Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht
+unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und
+war grade so ein Mann, wie Dein Vater, — ein ächter, alter Römer, —
+aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater
+ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen
+und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in
+Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie
+eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am
+andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem
+Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war
+göttlich! — Sieh mich nicht so an, Cousine! Du<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> weißt, was ich meine.
+Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen
+konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums
+an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel,
+ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube
+mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen
+gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen
+Testaments, — ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes
+erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St.
+Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich
+sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und
+fuhr fort:</p>
+
+<p>»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß
+Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden
+von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen,
+rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige,
+bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische
+Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch
+und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines
+Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene,
+und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten.
+Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art
+abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben
+gewöhnlich thun, — dann und wann, und im Allgemeinen; — er war meines
+Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.</p>
+
+<p>»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen,
+die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch
+keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, — und wenn ich
+deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> mich finster
+anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich
+zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren
+bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen
+Kleidung, — sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu
+denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in
+reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für
+Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der
+katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr
+der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich
+meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte — o,
+Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!</p>
+
+<p>»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie
+jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war
+ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß
+er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten
+Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem
+ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer
+Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat
+nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus
+durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese
+Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders;
+aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was
+in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde,
+ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die
+Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte
+Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger
+sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes
+als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> an. Ich glaube gewiß,
+wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche,
+unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd
+Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel
+um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß,
+ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt
+aller höheren Klassen.</p>
+
+<p>»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein
+unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war
+bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit
+darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur
+durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt
+wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren,
+etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont
+nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele
+Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir,
+schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, — einen
+großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, — mit Verlaub
+zu sagen — der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität
+durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte
+ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige
+Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot
+auf unserer Besitzung.</p>
+
+<p>»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe
+wie jetzt für alles Menschliche, — eine Art Leidenschaft, die
+Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich
+darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war
+natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden
+wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und
+zu deren Abhülfe wir eine Art<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Comité bildeten. Wir verhinderten auf
+diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes
+wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging.
+Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht
+mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt
+sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber
+vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte
+er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die
+Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise,
+aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige
+Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in
+die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte
+sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch
+der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie
+hinderlich geworden wäre.</p>
+
+<p>»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten,
+— indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre
+rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und
+Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er
+dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll?
+Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, —
+durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen
+sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte,
+so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten,
+selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen
+sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen.
+Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart
+erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen
+Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen.
+Und nachdem<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf
+das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann
+entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die
+Gelegenheit war.</p>
+
+<p>Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen
+Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange
+zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben,
+wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle
+derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt
+werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie
+die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen
+Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo
+Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen,
+ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein
+Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich
+hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe.
+Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs,
+nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung,
+und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft,
+mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer
+Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener
+Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele
+mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der
+Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich
+habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends
+auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die
+ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle
+jene Sterne lange untergegangen sind, — wir leben so lange, wie Gott!««</p>
+
+<p>»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> eins, welches Jesus
+darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen
+Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der
+blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte
+er ihn nicht <em class="gesperrt">von fern</em> heilen! Er rief ihn zu sich, und legte
+<em class="gesperrt">seine Hände auf ihn</em>! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter
+ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer
+weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein
+Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; — aber ach! ich
+verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«</p>
+
+<p>St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten
+lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:</p>
+
+<p>»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist!
+Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in
+Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer
+Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer
+Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges
+Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die
+Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr
+alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in
+Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe
+gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen
+Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es
+ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire
+St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er,
+obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem
+demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr
+Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven
+herrschte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte
+deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht
+dazu kommen.</p>
+
+<p>»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich
+behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine
+war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung
+entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete;
+und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber,
+anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot
+wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so
+würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in
+derselben Form gegossen worden sind.«</p>
+
+<p>»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt
+Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun
+zu meiner Geschichte zurück:</p>
+
+<p>»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden
+Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft
+zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen
+als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und
+wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche
+Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die
+Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes
+Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde
+ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge.
+Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich
+kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl
+von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich
+kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span>
+kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht,
+gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, — die
+<em class="gesperrt">Nothwendigkeit</em> der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche
+Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, — das Ganze
+wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran
+dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele
+gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!</p>
+
+<p>»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht,
+daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag
+selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche
+Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre,
+die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das
+besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag
+von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter
+dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben
+eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne
+dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu
+dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und
+ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er
+arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich
+unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es
+selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem
+ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«</p>
+
+<p>»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle
+hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht hieltet.«</p>
+
+<p>»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der
+ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung;
+— nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+Grunde, dem <em class="gesperrt">Rechte des Stärkeren</em>, und sagt, und zwar sehr
+richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in
+anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit
+den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele
+derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er
+vertheidigt Beide, — und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt,
+es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es
+müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten
+und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße
+und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die
+leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil
+er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«</p>
+
+<p>»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen
+werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht
+gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht
+gepeitscht.«</p>
+
+<p>»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so
+sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen
+widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, — der Kapitalist
+kann seinen Arbeiter verhungern lassen und was die Sicherheit der
+Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist,
+seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«</p>
+
+<p>»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es
+andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«</p>
+
+<p>»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, — ja, ich will sogar
+einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher
+Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie
+ein Pferd kaufen — seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen,<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+und danach den Preis bezahlen, — Speculanten halten, Sklavenzüchter,
+Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, — das
+ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der
+civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem
+Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen
+zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht
+auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«</p>
+
+<p>»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte
+Ophelia.</p>
+
+<p>»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug
+von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht
+widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran
+seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt
+nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred
+ein harter Herr ist, — keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig
+gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte,
+eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im
+Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut
+beherbergt zu sehen.«</p>
+
+<p>»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz
+aufgabst?«</p>
+
+<p>»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred
+deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern,
+daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert
+hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein
+dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, — den
+Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit,
+Brutalität und Laster, — nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies
+mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst
+einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> zu viel natürliche
+Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die
+Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn
+sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten,
+so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst
+thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen
+lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle
+Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich
+auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in
+früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer
+Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde,
+und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem
+Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben,
+während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich
+kam hierher.«</p>
+
+<p>»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte
+Ophelia.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten,
+um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; — allein sie
+zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so
+häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses,
+für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder.
+Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«</p>
+
+<p>Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach
+einer Pause fuhr er fort:</p>
+
+<p>»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen
+hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück
+Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle
+Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, — mein Geburtsland von
+diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Männer haben
+einmal solche Fieberanfälle gehabt, — aber dann —«</p>
+
+<p>»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest
+Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«</p>
+
+<p>»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte,
+und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns
+Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde
+Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren
+Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz,
+das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred
+macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn
+er steht wirklich über mir, — er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist
+eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als
+ein verächtliches non sequitur ist.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung
+zufrieden stellen?«</p>
+
+<p>»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte?
+Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, — wir sprachen von dem
+Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei
+besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade
+ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so
+schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr
+darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß
+eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein
+großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England
+können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die
+sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in
+unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden
+deren Geister schneller, als wir es können.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> Wenn Eva nicht mehr
+Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir
+könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben,
+daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem
+unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere
+Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten
+ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für
+dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst
+eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine
+Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit
+nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«</p>
+
+<p>»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte
+Ophelia.</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, — daß eine Musterung der Massen
+jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein <em class="antiqua">dies irae</em>
+früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England
+und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen
+Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und
+alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als
+ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als
+sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da
+kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft
+erleiden mögen?««</p>
+
+<p>»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern
+bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und
+ihn mit tiefem Gefühle anblickte.</p>
+
+<p>»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und
+nieder, — aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und
+nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die
+Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder,<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> daß
+ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«</p>
+
+<p>Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube,
+Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«</p>
+
+<p>»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,«
+entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren
+sind.«</p>
+
+<p>»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen
+von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie
+nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so
+etwas nicht vorkommen.«</p>
+
+<p>»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte
+sie sich dem Trunk ergeben.«</p>
+
+<p>»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft
+unglücklich. — Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere
+Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran,
+daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar
+durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte
+einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit
+zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und
+verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und
+gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte
+Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb
+im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters
+Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«</p>
+
+<p>»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare,
+»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht
+hatten.«</p>
+
+<p>»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas
+ausgeführt hättest!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, — ein geborener Afrikaner,
+der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in
+sich trug, — ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio.
+Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem
+Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände,
+weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug
+er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich
+grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem
+wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war
+aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine
+eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen
+bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn
+einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es
+wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden
+und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß
+die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd
+machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die
+Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald,
+und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und
+ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem
+undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und
+setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die
+Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei
+mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er
+verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte.
+Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir
+auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese
+herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen
+Gefangenen.<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte,
+ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand
+auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich
+meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so
+zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«</p>
+
+<p>»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.</p>
+
+<p>»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer,
+ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und
+pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger
+Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er
+gehen könne wohin er wolle.«</p>
+
+<p>»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.</p>
+
+<p>»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte
+sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener
+um mich, — zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum
+Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war
+er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften
+musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte
+eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank,
+und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei
+mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und
+brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch
+wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen
+Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«</p>
+
+<p>Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er
+diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet
+waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse
+sprach.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in
+Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.</p>
+
+<p>»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr
+zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog.
+»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, —
+es ist zu nervenschwach.«</p>
+
+<p>»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich
+sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich
+bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge <em class="gesperrt">sinken mir in's Herz</em>.«</p>
+
+<p>»Was meinst Du damit, Eva?«</p>
+
+<p>»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken.
+Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«</p>
+
+<p>»Nun, so denke immer zu, Kind, — nur weine und quäle Deinen Papa
+nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne
+Pfirsich ich für Dich habe!«</p>
+
+<p>Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch
+immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.</p>
+
+<p>»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend,
+und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später
+erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr
+Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des
+Hofes jagten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen
+nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem
+kleinen Verschlage<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> über dem Stalle begleiten wollen, so können sie
+etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches,
+kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell
+enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt
+sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen,
+die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht
+nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen
+Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten
+kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht
+erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und
+jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner
+Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn
+er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch
+wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und
+in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf
+seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.</p>
+
+<p>»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.</p>
+
+<p>»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an
+meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner
+Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit
+fertig werden.«</p>
+
+<p>»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich.
+Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich
+habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf
+dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und
+gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen
+Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft
+über ihre Produktionen freuten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva,
+während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen
+wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von
+ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß
+er Dich zurückgehen lasse.«</p>
+
+<p>»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie
+es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master
+Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum
+Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen
+Kleidern hervorzog.</p>
+
+<p>»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«</p>
+
+<p>»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich
+bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, —
+denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«</p>
+
+<p>»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür
+trat.</p>
+
+<p>Tom und Eva sprangen auf.</p>
+
+<p>»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die
+Tafel blickte.</p>
+
+<p>»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, — »ist es
+nicht hübsch?«</p>
+
+<p>»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare,
+»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich
+schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause
+komme.«</p>
+
+<p>»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine
+Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, — verstehst Du,
+Papa? sie hat ihm das versprochen.«</p>
+
+<p>St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine
+solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten
+machen, um deren Schrecken<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne
+wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen;
+aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die
+Pferde aus dem Stalle zu holen.</p>
+
+<p>Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und
+auf die Post befördert.</p>
+
+<p>Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle
+Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber
+einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, — eine
+Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu
+geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.</p>
+
+<p>Der höhere Cirkel des Haushalts, — wie Adolph, Jane und Rosa, — waren
+der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten
+verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer
+Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St.
+Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem
+Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und
+in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich
+beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen
+bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender
+Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit
+zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf
+zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war
+wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.</p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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index 0000000..f76404d
--- /dev/null
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Binary files differ
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index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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index 0000000..e1c6218
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+++ b/README.md
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for eBook #76640
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