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| author | pgww <pgww@lists.pglaf.org> | 2025-08-06 09:22:01 -0700 |
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Das Bild darf von jedermann unbeschränkt +genutzt werden. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ + +======================================================================= + + Onkel Tom's Hütte + + oder die + + Geschichte eines christlichen Sklaven. + + + Von + + Harriet Beecher Stowe. + + + Aus dem Englischen übertragen + + von + + L. Du Bois. + + + Zweiter Band. + + + S. Zickel. + + Nro. 19. Dey-Street. + + NEW-YORK. + + + + + Zwölftes Kapitel. + + Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel. + + »Man hört eine klägliche Stimme und + bittres Weinen auf der Höhe; Rachel + weinet über ihre Kinder und will sich + nicht trösten lassen über ihre Kinder, + denn es ist aus mit ihnen.« + + +Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder +eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein +sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben +einander sitzen, -- auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren, +Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben +Gegenstände darbieten, -- es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit +sich oft in denselben findet! + +Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite +und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett +und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er +dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte +an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer, +Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten +geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie +menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen +und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom +den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er +seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche +Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine +Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die +er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb +erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei! + +Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches, +die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten: +»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige +suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; +denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten +Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben +von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher +Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und +erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da, +wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war. + +Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und +begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er +war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem +halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch +zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise +recitirte er langsam den folgenden Paragraph: + + »~Meistbietender Verkauf.~ -- ~Neger!~ -- In Gemäßheit + gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor + der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden + Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben, + 21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der + Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford, + Squire.« + + Samuel Morris, + + Thomas Flink. + +»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in +Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich +will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter +nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute +Gesellschaft thut, -- verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden +Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch +stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.« + +Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem +eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl +Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von +diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in +Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte +Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs +einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets +auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen +war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine +Rechtschaffenheit: -- er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz +sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und +Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, -- den Einen in +einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse. + +Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine +gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, -- rauchend, kauend, +speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen +Geschmacke der Einzelnen, -- und Alle auf den Anfang des Verkaufs +wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in +einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib, +welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt +und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig +Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und +war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer +Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche +von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer +starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach +südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an +ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden, +der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben. + +»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern, +»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne +es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.« + +»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre +zitternden Hände aufhebend; -- »ich kann noch kochen, und scheuern, und +arbeiten; -- ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; -- sage +ihnen das, -- sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu. + +In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den +alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine +Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken +beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu +zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung +vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ +ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn +dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen. + +»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit +leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch +stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, -- groß viel, Master.« + +»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr +wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden +gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe +stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine +Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen. + +»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung +gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu +reguliren. + +»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die +Jungen und den Buben.« + +»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,« +entgegnete der Mann. + +»Ist 'ne harte Bedingung, -- ist nichts als ein altes Knochengerippe, +-- das Salz nicht werth.« + +»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann. + +»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus, +und verrückt dazu.« + +»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr +drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich. + +»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, -- +sicher, hab' sie gesehen.« + +»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, -- +'s scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, -- glaube, sie +wird billig mit hinein gehn.« + +»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's +ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, -- ist gut zu 'nem +Plantagenarbeiter; -- mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht, +wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley. + +»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann. + +»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig. + +Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der +Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig +thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die +Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach +ihrem Sohne. + +»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, -- dicht, -- sie werden uns +zusammen ausbieten,« sagte sie. + +»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe. + +»Sie müssen, Kind; -- kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht +thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich. + +Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun, +daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die +verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen, +die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon +hatte Haley erstanden. + +»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer +berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.« + +»Stellt uns zusammen aus, zusammen, -- bitte, Master!« sagte die alte +Frau, den Knaben fest haltend. + +»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst +zuletzt! -- Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er +den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes +Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte +keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen, +glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben. + +Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes +Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern, +und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des +Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von +einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte, +bis der Hammer fiel, -- Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem +Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen +Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter, +zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte. + +»Kauft mich auch, Master, -- um des lieben Jesus willen! -- kauft mich +auch, -- oder ich komme um!« + +»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, -- das ist die Sache,« sagte +Haley, -- »nein!« und drehte sich um. + +Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener +Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid +zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer +begannen sich zu zerstreuen. + +Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen +aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte +Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war. + +»Konnten sie mir nicht Einen lassen? -- Master hat immer gesagt, ich +sollte Einen behalten, -- er hat's immer gesagt!« wiederholte sie +fortwährend mit herzbrechenden Tönen. + +»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den +Männern mit wehmüthiger Stimme. + +»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen. + +»O Mutter, Mutter! -- nein -- nein -- sei ruhig!« rief der Knabe. »Die +Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.« + +»Frage nichts danach, -- frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind, +mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!« + +»Kommt hier, nehmt sie weg, -- kann's denn keiner?« sagte Haley +trocken, -- »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.« + +Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung +von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und +versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen +Herrn geleiteten. + +»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte +ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke +schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie +vor sich her dem Gefängnisse zu. + +Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften +wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den +Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch +andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen +Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten +wurden. + +Das Boot, +La Belle Rivière+, ein so schönes und braves Fahrzeug, +als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem +glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und +Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke +Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles +war lebendig, fröhlich und heiter, -- Alles, nur Haley's Leute nicht, +welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz +erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus +nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen +gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen. + +»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe, +Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört +ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich +will's gut mit Euch machen.« + +Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl, +Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir +müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie +hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter, +Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, -- +und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen +fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar. + +»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt« +bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie +legte, -- »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!« + +»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom. + +»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John. +»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,« +fügte er hinzu. + +Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die +Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer +gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und +versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten. + +Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten +und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum, +gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und +behaglich. + +»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist +ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten +sitzen.« + +»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen +Betrübniß und Unwillen. + +»Was ist das?« fragte eine andre Dame. + +»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter. + +»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe. + +»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!« +bemerkte eine andre Dame. + +»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von +feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen +beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, +um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich +glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre +Freiheit hätten.« + +»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl +befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung +Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der +Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die +Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, -- in dem Zerreißen +der Familien, zum Beispiele.« + +»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein +Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr +aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das +nicht sehr oft vorkommt.« + +»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich +habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen, +um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame, +Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?« + +»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den +unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter +einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte. + +»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das +sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin +unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie +~Gefühle~ haben, grade eben so tiefe, -- und vielleicht noch +tiefere, -- als wir.« + +Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah +zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die +Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch, +daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.« + +»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das +afrikanische Geschlecht dienstbar sei, -- und in Erniedrigung gehalten +werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer +Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß. +»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen +Brüdern.« + +»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann, +der dabei stand. + +»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen +Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger +Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu +widersprechen.« + +»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der +Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, -- nicht wahr, Squire?« fügte +er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche, +am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte. + +»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der +Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und +unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl -- +diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley. + +»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so +viel nicht drüber sagen können, -- habe keine Gelehrsamkeit. Den +Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen; +und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten, +versteht Ihr, mit der Reue anfangen.« + +»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große +Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu +verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann, +so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände +sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« -- was ist +der Name? -- und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein +andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem +Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und +begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen, +magern Gesichte spielte. + +Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes +Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun, +was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ~Ihr~ +ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl +Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.«« + +»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu +sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan. + +Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe, +mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze +Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich +auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde. + +»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die +Kajüte verließ. + +Der Mann nickte zur Antwort. + +Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das +Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo +die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals +des unglücklichen Stückes Waare, welches als: -- »John, dreißig Jahre +alt« -- bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen +und Schluchzen um ihren Gatten. + +Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte, +Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu +wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten +und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu +werden, -- jeder Tag erzählt sie, -- und zwar dem Ohre Eines, der nicht +taub ist, wenn er auch lange schweigt. + +Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes +gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute +jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner +Seite stehen. + +»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie, +wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese +armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach +Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die +mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen +armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie +dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.« + +Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon. + +»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend, +»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's +scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts -- nicht wahr?« + +Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören. + +»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott +auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens, +wie wir alle müssen, glaub' ich.« + +Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes. + +»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei +Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt +an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor +und begann seine Rechnungen zu summiren, -- ein Geschäft, welches +schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein +unruhiges Gewissen benutzt haben. + +Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor. +Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber +nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf. + +Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky +vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er +sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem +mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und +schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley +eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen +Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz +anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen +Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie +sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so +das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff, +die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß +hinunter. + +Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und +Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem +Kinde zu spielen. + +Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte +sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme. + +Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und +hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete: + +»Ich glaub's nicht, -- ich will's nicht glauben! -- Ihr wollt mich nur +zum Narren halten!« + +»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein +Papier hervorziehend, -- »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da +ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu +bezahlt, -- kannst's glauben, -- also nun?« + +»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht +wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit. + +»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. -- +Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so +gut und lest das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr +sage, was es ist.« + +»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,« +sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es +ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.« + +Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald +eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander +setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei. + +»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in +demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet; +-- das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht +glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau. + +»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,« +sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht +hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.« + +»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger +werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit +abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf +den Strom hinab. + +»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat +Vernunft.« + +Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter, +milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist, +-- jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder +bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser +funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen, +voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr +Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das +Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen +kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch +Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte +es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach +der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann +schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der +Wartung des Kindes zu beschäftigen. + +Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark +für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in +fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen. + +»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der +Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?« + +»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter. + +Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod, +wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche +Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte. + +»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und +ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte, +stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine +Cigarre rauchte. + +Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an, +während dessen er zu Haley sagte: + +»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.« + +»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem +Munde blasend. + +»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann. + +Haley nickte und rauchte weiter. + +»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter. + +»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne +Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar +gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu +gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die +richtigen Finger dazu, -- hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,« +sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte. + +»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der +Mann. + +»Ich werde 's verkaufen -- erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine +neue Cigarre anzündend. + +»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die +Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend. + +»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, -- +gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!« + +»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,« +bemerkte der Andere. + +»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht +aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht +mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat +überall herum.« + +»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich, +wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin +verlor ihr Junges vorige Woche, -- 's ersoff in 'nem Waschfaß, während +sie Zeug aufhing, -- und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen +geben.« + +Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem +keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren. +Endlich fuhr der Mann fort: + +»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn +Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.« + +Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich. + +»Das geht nicht, -- lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem +zu rauchen. + +»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?« + +»Je nun,« sagte Haley, -- »könnte 's Junge selbst aufziehen oder +aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt +seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren +zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent +weniger, als fünfzig Dollar jetzt.« + +»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann. + +»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem +Kopfnicken. + +»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent +mehr.« + +»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder +mit großer Bestimmtheit ausspeiend; -- »ich will das theilen, um was +wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; -- und das ist +Alles, was ich thun kann.« + +»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause. + +»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?« + +»Bei Louisville,« entgegnete der Mann. + +»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, -- wir kommen da +gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, -- macht sich herrlich, -- +Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, -- paßt vortrefflich, +-- mache Alles gern ruhig ab, -- hasse allen Lärm und alles Aufsehen.« +Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in +Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner +Cigarre. + +Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville +anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme +gesessen, -- welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie +den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in +eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den +verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig +darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung, +ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den +Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die +Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber +hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer +sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich +zwischen sie und ihr Kind drängte. + +»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind +aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und +laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm +mit dem Frauenzimmer geben.« + +Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge +verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich +stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf +wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß +daselbst, und -- das Kind war fort. + +»Wie -- was -- wo ist denn --?« begann sie in angstvollem Erschrecken. + +»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; -- kannst es jetzt +gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du +konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe +Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es +viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.« + +Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern +empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit +gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile +vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den +das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen +können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele +hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge +gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden, +unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, -- zur Glorie der Union, daran +zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er +in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den +stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel, +und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen +Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern +Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger +Bewegung entschieden entgegen. + +Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch +das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt +setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an +ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts. +All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich +traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte +weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war +ganz ruhig. + +Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile, +beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich +bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall +überhaupt zuließ. + +»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber +so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht +nachgeben. Du siehst, 's war ~nothwendig~, 's mußte geschehen!« + +»O laßt mich! Master, -- laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme, +welche der eines Erstickenden ähnlich war. + +»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut +mit Dir, -- will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz +ausmachen; -- und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, -- so ein +hübsches Frauenzimmer wie Du. --« + +»O Master! wenn Ihr ~nur~ nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,« +sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes, +daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner +gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich +um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel. + +Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu +Zeit stehen, um sie zu beobachten. + +»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist +doch ruhig; -- mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben +allmählig!« + +Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke +genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen +Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und +Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte, +umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur +bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so +würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und +darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen +Handel zu erkennen, -- einem Handel, der eine wesentliche Stütze für +eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr. +Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »~sie keine andern Uebel +mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im +socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien~.« Allein Tom, +der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze +Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit +dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete +ihm um des ~Unrechts~ willen, was seiner Ansicht nach jenem armen +leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf +den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen, +welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der +Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt. + +Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte +nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen +Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den +Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber +das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr +empfinden. + +Die Nacht kam heran, -- ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen, +feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von +jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich +hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der +Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf +dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen +gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt, +und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes +Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: -- »O! was soll +ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« -- bis auch diese Laute +endlich erstarben. + +Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an +ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren +Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen +oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, -- der Platz, wo die Frau +gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich! +Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten +sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn +sie sich über nichts geschlossen hätten. + +Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim +Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller +Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom ~Manne der +Schmerzen~, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem +langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage +auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott +ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.« + +Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen +lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die +Reihe, sich verwundert umzuschauen. + +»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom. + +Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich +nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren, +sondern sagte nur, er wisse es nicht. + +»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn +ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; -- +vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.« + +Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie +etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß +keine Antwort. + +Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern, +unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den +Schornsteinen, -- aber vergeblich. + +»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem +Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; -- +sag' mir nichts, -- bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier +liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder +zwischen ein und zwei Uhr, -- und um vier Uhr war sie fort, und Du hast +die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt +was drum wissen.« + +»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich +wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser +fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist +Alles, was ich weiß davon.« + +Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher +erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber +Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn +keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in +seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden, +-- und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen +Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne +ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich +sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der +ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen +mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da +das Weib in einen andern Staat entflohen war, der ~nie~ einen +Flüchtigen wieder ausliefert, -- selbst nicht auf das Verlangen der +glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen +Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper, +nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten. + + + + + Dreizehntes Kapitel + + Die Quäker-Niederlassung. + + +Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große, +geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist, +und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem +reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden +Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit +glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner, +niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus +zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand +darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und +mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie +eine freundliche Einladung aussah, -- und endlich ein wirklich bequemer +alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses, +mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in +Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her +wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet -- unsere alte +Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als +sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt +stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und +in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie +alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden +geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge +aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich +einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin +eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie +früher darin zu erkennen gewesen war. + +An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem +Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie +mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht +war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um +sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der +strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin, +welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe +Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte. +Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte +an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern +schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf +der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede +auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten +ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte +nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so +guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen +schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen +worden, -- warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen +zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so +verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie +grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte +die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, -- entweder in Folge einer +Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen; +gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er +fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an +jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte +Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei, +und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt +nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil +seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte +Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen +hatten, -- weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, -- geistige +und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, -- und das Alles von +~einer~ guten, liebevollen Frau; -- Gott segne sie! + +»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?« +sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte. + +»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich +wage nicht zu bleiben.« + +»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran +denken, meine Tochter.« + +Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's +Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort +»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien. + +Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine +Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit: + +»Ich werde -- jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe, +ich werde Etwas finden.« + +»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte +Rachel. + +»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« -- auf Harry deutend, -- »ich kann +Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht +träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie +schaudernd hinzu. + +»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir +nicht solche Gedanken machen. -- Der Herr hat es gewollt, daß nie ein +Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein +Kind wird nicht der erste sein.« + +Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem +freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in +das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um +ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag. + +»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre +beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, -- »wie geht Dir's?« + +»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem +Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf +zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und +Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte, +muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare +waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz +zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich +die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen +hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun +mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper +und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz +erfreut hat. + +»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner +Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.« + +»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, -- recht sehr,« sagte Ruth, ihr +die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin +gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes +Kind, -- ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu, +indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich +furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen. + +»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel. + +»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam, +und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu +zeigen.« + +In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames, +rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam +herein. + +»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen, +fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht, +und wie er wächst!« + +»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf +ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst +verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann +noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht, +und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um +es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese +Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund +(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen +eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte, +einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog, +und emsig zu stricken begann. + +»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die +Mutter in sanftem Tone. + +Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf +den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft +und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die +Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels, +sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer +deponirt. + +Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze +vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor +ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen, +daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand. + +»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer +Beschäftigung fortfuhr. + +»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort, +und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen +Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen; +und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um +sie aus dem Bette zu nehmen.« + +»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und +auszubessern ist,« sagte Rachel. + +»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood +krank ist. John war gestern Abend da, -- ich will Morgen hingehen.« + +»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort +bleiben mußt,« bemerkte Rachel. + +»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.« + +Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen +Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt +in das Zimmer. + +»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in +seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?« + +»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter. + +»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den +Ofen schob. + +»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit ~Freunden~ +zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er +seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem +Alkoven an der Küche befindlich war. + +»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend. + +»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus +dem Alkoven zurückkam. + +Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja« +antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß +öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden +sein. + +»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu +sich rufend. + +»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend, +während sie in den Alkoven ging. + +»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend +hier sein,« sagte Simeon. + +»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte. + +»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in +der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer, +von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem +zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen +Zweifel darüber, wer er ist.« + +»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter. + +»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, -- +komm hierher!« + +Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven. + +»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei +hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.« + +Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach +ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre +kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze +hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben. + +»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen +wir es ihr jetzt sagen?« + +»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie +würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.« + + * * * * * + +»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,« +sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend. + +»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind +liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es +ihr, -- bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's +Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die +Hühner braten, während Du es ihr sagst.« + +Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem +sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in +sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir +Neuigkeiten mitzutheilen.« + +Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst, +auf, und blickte auf ihren Knaben. + +»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände +ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, -- geh +hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der +Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den +kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen. + +»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,« +wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll +anblickte. + +Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel +Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig +gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause«« +entflohen.« + +Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß +eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte +sie sich nieder. + +»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er +ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.« + +»Heut Abend!« wiederholte Elisa, -- »heut Abend!« Die Worte verloren +alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um +sie war in Nebel gehüllt. + + * * * * * + +Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die +kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie +öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit, +wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und +sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung +der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab +nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl +von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort +lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie +in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die +Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch +mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des +Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und +Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry +ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine +Locken um ihre weißen Finger zu rollen. + +Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an +ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und +fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren, +braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, -- +sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von +Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten. +Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, -- +sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen +Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise, +murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch +der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem +süßen Traume von Ruhe; -- und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie +nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind +aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte. + +Sie träumte von einer schönen Gegend, -- einem Lande der Ruhe, wie +es ihr schien, -- grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem +Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr +zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies, +glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie +näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen +fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! -- Es war kein Traum. Das +Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an +ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und -- ihr Gatte +kniete schluchzend an ihrem Bette. + + * * * * * + +Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause. +»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und +Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu +machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer +Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn +in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung +eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während +deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und +Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee +mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und +bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art +sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer +Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte, +so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!« +genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger +haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler +Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen +würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor +Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir +halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit. + +Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon +der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen +Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des +Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so +gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; -- es schien einem +Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über +dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel +gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit +ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen, +herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn +ihnen Alles wie ein Traum erschien. + +Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen +blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene +Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah +Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich +auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit +und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit +Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als +wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen. + +Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen +Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er +verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles +dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser +einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine +Heimath, -- eine Heimath, -- ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch +nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen +in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während +dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und +wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg +schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm +sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten +Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht +in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden. + +»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?« +fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich. + +»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig. + +»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?« + +»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?« +fragte Simeon lächelnd. + +»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht +eine Schande, solche Gesetze zu geben?« + +»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte +der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um +Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür +eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.« + +»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der +eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen +Reformatoren. + +»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat +Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter +wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür +brächte.« + +Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und +sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein +Vater werden.« + +»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen +Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig. + +»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen. +Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen +wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.« + +»Aber um ~meinethalben~,« sagte Georg, »ich könnte es nicht +ertragen.« + +»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen, +sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte +Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig +aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher +weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, -- Dich und die Uebrigen +Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen +nicht zaudern.« + +»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte +Georg. + +»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier +ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht +zu reisen.« + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + Evangeline. + + +Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie +verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung +schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie +gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und +Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine +Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist. +Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den +Reichthum eines ähnlichen Landes zu? -- eines Landes, dessen Produkte +Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt! +Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen, +sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein +Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer +ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch +schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die +Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden +Herzen zu einem unbekannten Gotte, -- unbekannt, ungesehen, und +ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle +Leidenden zu erlösen.« + +Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der +meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die +hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses, +glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff +seinen Lauf verfolgt. + +Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen +Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der +Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben, +bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf +seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern +bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke, +in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen +finden wir ihn endlich. + +Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte +gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und +harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen +abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht, +und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die +unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen +hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben, +und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf +Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu +gehen, wohin er wollte. + +Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den +Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine +Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute +erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu +leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer +Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte. + +Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel +zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte +sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden +wir ihn grade jetzt. + +Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes +höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen +zwischen levées von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem +Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden +Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb, +in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens +vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven +bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer +Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des +Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete +sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky, +mit seinen alten, schattigen Buchen, -- nach dem Hause seines Herrn, +mit den weiten, kühlen Hallen, -- und dicht dabei seine kleine Hütte, +mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten +Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren; +er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er +hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen +seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, -- und dann war mit einem Male +Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen +der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und +Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode +seines Lebens für immer dahin sei. + +In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und +sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben, +-- die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn +trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen +Wortes oder Zeichens. + +Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner +Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor +sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort +geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter +angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging +nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher +Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte, +ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren +konnte, -- ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken +massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist +den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen +Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders +legend, und es halb aussprechend, lies't: + + »Euer -- Herz -- erschrecke -- nicht. In -- meines -- Vaters -- Hause + -- sind -- viele -- Wohnungen. Ich -- gehe, -- Euch -- die -- Stätte + -- zu -- bereiten.« + +Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein +Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, -- +vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero +konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und +keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn +er diese Worte gesehen hätte, -- zehn gegen eins -- er würde ihnen +nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die +Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen +beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er +es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit +eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam. + +Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen +von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene +Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden, +die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben +würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von +den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg +vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch +starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche +seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese +Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den +verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten, +seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die +Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während +sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere +häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm +seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie +die Verheißung eines zukünftigen zu sein. + +Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von +bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte, +und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine +Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in +verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter +ihrer besondern Aufsicht zu haben schien. + +Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, -- denn es war eins +jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so +wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine +Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht +wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in +ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer +Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und +allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen, +dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge, +als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel, +der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte, +Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres +Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune +Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle +Ernst ihrer veilchenblauen Augen, -- Alles zeichnete sie von andern +Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie +auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine +weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein +lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern +im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen +Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte +eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem, +nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für +sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren +fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie +sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen; +und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was +sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem +ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten +gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder +beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und +oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo +ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten. + +Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß +und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte, +beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien +sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener +Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen +Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf +ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen +Testamente hervortreten. + +Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und +Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten +und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten, +oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und +schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters +auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk, +Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und +dann wieder verschwand. + +Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige +Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er +kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und +beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte +niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske +Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark +schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und +Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen +magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder +seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und +Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu +einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen. + +Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie +vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie +ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer +Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten +Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen +Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger +Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her. + +»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug +vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen. + +»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle +Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?« + +»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu +nennen, weit von hier, in Kentucky.« + +»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich +lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?« + +»Ich weiß nicht, Miß Eva.« + +»Du weißt nicht?« sagte Eva. + +»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an +wen.« + +»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich +kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum +bitten.« + +»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom. + +Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz +einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf +ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen +des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei +beschäftigt. + +Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren +vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei +Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des +Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das +Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er +that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden +hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine +kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war. + +Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie +hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war +im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust, +wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis +sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie +dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes +und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm +entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug +sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich +in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein +lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am +meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des +Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern. + + * * * * * + +Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe +von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig +eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die +Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt +und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches +Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu +poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten. + +Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen +Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine +Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich +die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber +sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein +junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben +ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen +Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag. +Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn +dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe +golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde; +und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem +Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und +Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks; +Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser +Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und +etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen +Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit +sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer, +halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge +die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt +wurde. + +»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko, +vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter +Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte, +wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich +betrügen? Heraus damit!« + +»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den +Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, -- grade nur, +mein' Seel!« + +»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit +spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn +mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?« + +»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm +gefunden zu haben, -- und natürlich genug.« + +»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also, +um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt +Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein +besonderes Gefallen an ihm hat?« + +»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an, +-- die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die +hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können. +Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon +viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen +Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, -- ich +kann's Ihnen zeigen, -- natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben +Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen, +-- hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.« + +»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete +der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut +nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon, +oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte, +Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.« + +»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber +ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß +er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine +gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er +her kommt.« + +»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine +Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble +Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.« + +»Sie wollen Scherz machen!« + +»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist +er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere +sehen.« + +Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner +Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei +am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er +vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige +Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und +begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge +Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene +muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute. + +»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,« +flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm +um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß +es. Ich möchte ihn gerne haben.« + +»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?« + +»Ich will ihn glücklich machen.« + +»Ein origineller Grund, in der That.« + +Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby +unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen +Finger berührte, und nachlässig überblickte. + +»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich +bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er +hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte; +»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen +weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den +Wahlen haben, -- solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und +Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich +weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe +seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu +machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion +an?« + +»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber +'s ist doch ~Verstand~ in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein +Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, -- wie +die Brüder, und dann die Singer und Schreier; -- die alle taugen +nichts, in Weiß oder Schwarz; -- aber diese Art ist wirklich. Hab' +sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, -- die wirklichen sanften, +stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht +verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen +ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.« + +»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein +Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich +~diese~ Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche +da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, -- +nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür +zu geben. Was meint Ihr?« + +»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke +mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.« + +»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und +darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten +nöthig hat, -- nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er +sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer +Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die +Noten einhändigte. + +»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog +Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er +nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab. + +»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier +überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt +und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für +eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel +für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott, +ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! -- Aber +komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das +Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das +Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte: + +»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!« + +Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche, +hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte +die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde +antwortete: »Gott segne Sie, Master!« + +»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? -- Tom? Kannst Du mit +Pferden umgehen, Tom?« + +»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele +Pferde auf.« + +»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß +Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in +besonderen Fällen, Tom.« + +Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke +nie, Master.« + +»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen. +Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust. +Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er +sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du +den Willen hast, ordentlich zu sein.« + +»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom. + +»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut +gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.« + +»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare, +während er sich lachend umwandte und fortging. + + + + + Fünfzehntes Kapitel. + + Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen. + + +Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen +verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen +etwas näher bekannt zu machen. + +Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. +Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die +in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich +der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während +der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's +Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der +Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war. +Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da +Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution +ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter +mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um +seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's +zu stärken. + +In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche +Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen +Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines +eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog +diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters, +und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im +Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren +ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale +und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich +bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens. +Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete +sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für +alles Romantische. Seine Stunde schlug, -- die Stunde, die nur einmal +schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, -- der Stern, der so oft +vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht +wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter +zu verfolgen, -- er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen, +schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit +ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen, +kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger +Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück +gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes +versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder +zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein +werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte +er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch +eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz, +eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf +einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der +erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die +nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte +einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der +runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt +ihn für glücklich. + +Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen +glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain +um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl +bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er +sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung +und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm +so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch +so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer +Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später +war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete +er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und +überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung +der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes +ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne +desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich +ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe, +bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre +Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich +den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt +habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und +Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen +Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf: + +»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, -- aber zu spät. Ich glaubte +Alles, was mir gesagt wurde; -- ich war verzweifelt. Ich bin +~verheirathet~, und Alles ist nun vorbei. Vergessen -- ist das +Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.« + +Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber +das ~Wirkliche~ blieb ihm, -- das Wirkliche, gleich dem Schlamme +der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen +Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der +Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, -- +entsetzlich wirklich. + +In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben, +-- und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht +gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht. +Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig, +der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen, +Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter +»~leben~« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig. +Wäre seine Frau ein ~ganzes~ Weib gewesen, so hätte sie viel thun +können, -- wie ein Weib es kann, -- um die zerrissenen Lebensfäden zu +heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein +Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren. +Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt, +einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine +dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken +Geiste Linderung zu verschaffen. + +Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde, +und plötzlichen Kopfschmerz als Ursache seiner Verstörung vorschützte, +empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die +Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie +nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich +sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz +behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei, +da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu +gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen, +nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im +Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet +hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen +vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche, +junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich +hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben +könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig +gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß, +war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher +Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern +Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren; +und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben +könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr +Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt, +was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön, +vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise +alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu +ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin +ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß +er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen, +daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger +Gläubiger im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen +unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus +selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto +eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit +den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während +der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine +Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es +folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St. +Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und +Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen +Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit +in sich rege werden. + +St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und +reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen, +in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde. +Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt, +und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in +ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in +demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes +war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend +geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und +Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das +Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende, +junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend +an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in +jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in +der Natur ansah. + +Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände +der Dienstboten fiel, so fühlte sich St. Clare in seiner Wirthschaft +nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich +zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere +Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr +Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte +sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine +Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen +Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf +dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen. + +Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor +unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere +Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen. + +Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht +erinnern, in einem kühl gelegenen Dorfe ein großes Farmgebäude +wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten +Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille, +Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem +Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts +geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein +Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte +Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb +desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe +Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und +alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie +die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es +genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit +seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's +verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich +ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten werden im +Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der +Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen +beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre, +oder überhaupt zu thun wäre, -- sie und ihre Töchter hatten in einem +lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der +Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu +sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften +waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier +Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie +dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse +daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz +erlangten. + +Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß +Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren +zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung +im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde +sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder« +angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den +ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der +alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor +und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las +Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der +klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute +Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort +sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den +Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.« + +Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's +Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon +spreche,« mit ihrem Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und +das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in +diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der +Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte, +hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen +könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu +bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß +Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß +die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen +dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen +hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war, +wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn +feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und +Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley, +welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und +Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten, +verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit +der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in +Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig +Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich +dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue +seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden +seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die +öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß +es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere +behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären +zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher +Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile +Amerikas gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen +Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden +möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von +gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem +mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, -- allein dieser +Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis +jetzt noch unentschieden. + +Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem +glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut, +und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen +waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist, +in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre +scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck +hatten. + +Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und +obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen +doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren +Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und +Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine +Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem +zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung. + +Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, -- die Summe aller Uebel +-- drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und +sehr bedeutungsvolles Wort aus: -- »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer +tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des +Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand, +welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt +vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts +thaten, oder sich nicht deutlich dessen bewußt waren, was sie thaten +oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung +ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung, +die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes +ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber +zu sagen. + +Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren, +kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den +älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb +gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle +fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt +grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es +an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit +waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen +Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen +politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag +tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip +ihrer ganzen Existenz -- Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die +absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt +hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer +bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon +zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den +Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß +gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die +Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte +so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie +mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch +nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden +Gefühle der Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen +düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf. + +Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen? +-- dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen +jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit +leichter, unverschämter Freiheit behandelte? + +Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein +Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine +Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für +den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl +besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte, +einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und +fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen, +daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und +daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und +seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der +fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee +eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann +liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun +mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah, +so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine +Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für +unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu +lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr +selbst entdecken. + +Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten +Menge großer und kleiner Reisetaschen, Kisten und Körben, die sie mit +großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht. + +»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, -- wie +Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue +Bandschachtel mit Deiner besten Haube, -- das sind zwei; und hier die +Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier; +und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und +der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm +gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit +meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; -- so, nun ist's recht.« + +»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, -- wozu denn das?« fragte +Eva. + +»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht +nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht +eingepackt, Eva?« + +»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.« + +»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere, +Rollen, Messer, -- richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn +nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich +sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.« + +»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir +irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.« + +»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?« + +»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva. + +»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante. + +»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu +voll, um zugemacht werden zu können.« + +»Er ~muß~ zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer +Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den +Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des +Koffers sichtbar. + +»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden +ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen +lassen.« + +Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene +Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia +steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche. + +»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß +das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.« + +»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine +Orange.« + +»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die +Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm +sagtest?« + +»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch +nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser +Haus, jene Straße dort hinauf!« + +Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich +mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der ++levée+ hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen +Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie +ihre Geburtsstadt erkannte. + +»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber, +Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?« + +Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: -- Kellner flogen +hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen, +Frauen riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in +dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu. + +Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer +nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer +Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten +Augenblicke zu vertheidigen. + +»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« -- »Soll ich Ihr Gepäck +tragen? -- Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« -- +regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger +Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen, +hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und +antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich +dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva +ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte, +wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht +über Bord gefallen sein, -- aber irgend Etwas müsse geschehen sein!« +und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in +seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen +Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte: + +»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?« + +»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß +Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.« + +»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf +uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne +hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm +stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!« + +»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,« +bemerkte Miß Ophelia. + +»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare. + +»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,« +entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche +aussuchte. + +»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so +zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen +annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für +ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie +aufladen, als wenn es Eier wären.« + +Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre +Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen, +und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden. + +»Wo ist Tom?« fragte Eva. + +»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein +Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen +umwerfen ließ.« + +»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er +wird sich nie betrinken.« + +Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches +in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen +Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans +zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete +ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch +ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig +und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes +entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den +Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in +Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen +seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann +unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand +mit einem dichten Kranze blühender Veilchen umgeben war. Das Wasser +in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und +Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen +darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg +mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom +sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze +Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen +einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen +in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten +tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren +glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger +arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last +ihres Blüthenüberflusses senkten, -- Alles vereinte hier Blüthenpracht +und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren +sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer, +unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß. + +Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude +gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen. + +»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte +sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?« + +»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es +kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.« + +Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller, +stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches +Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem +Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die +Phantasie Ansprechende, -- eine Neigung, die, wenn sie bei einem +ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen, wilden Lauf verfolgt, dem +kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint. + +St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war, +lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen +schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu +ihm sagte: + +»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.« + +»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!« + +Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des +Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge +von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe, +durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um +Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger +Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person ++distinguée+, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der +Hand wehend. + +Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten +bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen. + +»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone +großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in +der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?« + +Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger +Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger +Entfernung stehen. + +In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich, +als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand +vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit +goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich +anmuthigen Verbeugungen begriffen. + +»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm die Hand entgegen +streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer +Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit +großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte. + +»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner +gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das +vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig +herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.« + +So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an +der Seite der Veranda befand. + +Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und +das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls +einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit +dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf +dem sie lag. + +»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend, +und sie wieder und immer wieder umarmend. + +»Laß gut sein, -- nimm Dich in Acht, Kind, -- mache mir keine +Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte. + +St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer, +ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie +schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von +Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm +von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein +Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor +Freude und Erwartung stand. + +»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um +ihren Hals warf und sie wiederholt küßte. + +Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache, +sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe +die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem +sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern, +die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später +versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand. + +»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt +~Etwas~, das mir nicht möglich wäre.« + +»Bitte, was denn?« sagte St. Clare. + +»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden +beleidigen, -- aber küssen --« + +»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, -- +he?« + +»Nein, das wäre ich nicht im Stande! -- Wie kann sie es nur thun?« St. +Clare lachte, und ging der Vorhalle zu. + +»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, -- Mammy, +Jimmy, Polly, Sucky, -- freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er, +während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte. +»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen +schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich +auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.« + +Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche +Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze +unter sie vertheilte. + +»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St. +Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda +führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel +folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige +Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk +aller Arten gefüllt hatte. + +Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel +sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf +den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand +gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die +dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde. + +»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand +schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen +behandelst -- Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen +Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, -- +»es scheint mir, dies ist meine Weste.« + +»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! -- natürlich, +ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich +dachte, ich dürfte sie nehmen; -- ist für einen armen Nigger, wie ich +bin, noch gut genug.« + +Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit +vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar. + +»So, das ist also der Grund, -- wirklich?« sagte St. Clare nachlässig. +»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn +hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen +läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist +mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.« + +»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin +entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.« + +»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend. + +Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche +und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und +Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in +ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen. + +»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir +endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere +Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer +Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du +es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht +wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.« + +Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu +erheben. + +»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie. + +»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,« +entgegnete St. Clare. + +»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als +ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend. + +»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich +in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.« + +Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte. + +»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie. + +»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl +neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.« + +»Ja, -- Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die +Dame schmollend. + +»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.« + +»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame. + +»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte ~das~ abschicken +oder nichts.« + +»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine +Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.« + +»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus +seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein +Geschenk von New-York mitgebracht.« + +Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide +Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte. + +Marie sah es mit unzufriedener Miene an. + +»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte +sie nur. + +»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was +hältst Du von der Aehnlichkeit?« + +»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird +sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen +zuschlagend. + +»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut +fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit? +Sei doch nicht thöricht!« + +»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du +mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß +ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit +Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß +ich halb todt bin.« + +»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus +den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig +gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür +gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte. + +»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie. + +»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte +Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham +Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.« + +»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten +am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare, +während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du +bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von +der Reise auszuruhen. -- Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle +hierher kommen.« + +Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich +geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich +gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und +rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe +arrangirt hatte. + +»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie +ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für +jede Bequemlichkeit.« + +Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia. + + + + + Sechszehntes Kapitel. + + Tom's Mistreß und ihre Ansichten. + + +»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an. +Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England, +die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit +geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die +Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.« + +Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens +Ankunft, gemacht. + +»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend. +»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen +wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.« + +»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher +Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare. + +»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir +es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so +könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.« + +Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und +sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?« + +»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn +sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit +mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere +sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.« + +»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,« +sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste +Kreatur der Welt; -- was würdest Du ohne sie anfangen?« + +»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte +Marie; -- »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, -- schrecklich +selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.« + +»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz +ernsthaft. + +»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, -- »ich denke, es ist schrecklich +selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie +weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, -- wenn grade +meine Anfälle am schlimmsten sind, -- und doch ist sie so schwer zu +erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den +Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.« + +»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?« +fragte Eva. + +»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl +beklagt?« + +»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du +gehabt habest, -- so viele hinter einander.« + +»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer +Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare. + +»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St. +Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört +mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich +haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn +Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte, +so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so +aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das +Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu. + +Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen, +beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht +geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad +ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören +lasse. + +»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist +sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum +Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen +und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog, +mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein +Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich; +und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten, +einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen +würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals +darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet; +allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf +bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe, +ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen, +weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb +nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann +zu nehmen; aber nein, -- sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art +Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie +ich.« + +»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia. + +»Ja, zwei Kinder.« + +»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?« + +»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen. +Es waren schmutzige, kleine Dinger, -- die ich unmöglich hier +um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit +weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art +Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen; +und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist, +und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne +zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, -- sie +sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!« + +»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia +blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den +innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund, +während er sprach. + +»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich +wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren +Kleiderschrank sehen, -- Seide und Mousselin hat sie darin hängen. +Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu +säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen. +Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das +ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben +worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem +Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes +Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt. +Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist +großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und +sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare +so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig +geworden bin.« + +»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend. + +Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden, +mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes. +Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um +ihren Hals. + +»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie. + +»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, -- nur eine? +Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde +auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke --« + +»O Thorheit, Kind, -- Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares +Kind!« + +»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist +nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend +Kopfschmerzen.« + +»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die +Andern, -- macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger +ein wenig weh thut; -- nein, so etwas darf man nie bestärken! -- +Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich +zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit +dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen +Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände +voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, -- Niemand weiß, was +ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und +ich thue es.« + +Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser +Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in +lautes Lachen ausbrach. + +»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine +Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden +Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es +bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen. + +Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein. +Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein +Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia +und Marie blieben allein am Tische sitzen. + +»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch +mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der +Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger +sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit +Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen +wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich +einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets +für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung +gekommen ist, ich könne Alles tragen.« + +Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf +erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte, +trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im +Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu +machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch, +über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele +Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer +und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig +verwirrt geworden sein würde. + +»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben; +so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein +werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; -- nur Eva, -- +sie erfordert Aufmerksamkeit.« + +»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah +nie ein besseres.« + +»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare +Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte +sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige +Betrachtung wäre. + +Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte +Klugheit genug, es für sich zu behalten. + +»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten, +und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe +auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, -- es hat mir durchaus +keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur, +die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist +sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St. +Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur +unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.« + +Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da. + +»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als +den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich +von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus +voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie +selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? -- ich weiß +es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer ~gütig~ gegen die +Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie +~ihre Stellung fühlen lassen~. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde +noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines +Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot, +bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein +Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde, +wenn es sich selbst überlassen wäre.« + +»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für +menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet +sind.« + +»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was +einigermaßen angeht, -- Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung +bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es +hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je +vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder +sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art +und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen +oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!« + +Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen +eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes +Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem +letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem, +eben so Aetherischem ähnlich, fort: + +»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es +ist nicht meine Gewohnheit, -- es sagt mir nicht zu, -- und ich habe +auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare +sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden +und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen +Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer +sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist +wenigstens meine Meinung.« + +Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer +Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme +Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas +dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die +finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb +Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu +stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte, +als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen +aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun +haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner +Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden, +zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu +sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein +nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort: + +»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten +hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb +auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St. +Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen, +daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles +mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und +besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so, +als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn +er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen, +ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist +St. Clare wirklich fürchterlich, -- und ich fürchte mich vor ihm, +so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal +zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden +solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer +solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen. +Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde +seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte; +und ich -- es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich +einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute +sind nichts als große Kinder.« + +»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte +Miß Ophelia kurz. + +»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne +Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese +Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare +Klasse von Geschöpfen sind.« + +Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand +zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen +auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen. + +»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem +täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist +ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet +das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was +sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien +an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu +veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es +nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn +man uns mit ihnen vergleichen könnte.« + +»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen +hat?« sagte Miß Ophelia kurz. + +»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist +ein entartetes Geschlecht.« + +»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte +Miß Ophelia mit steigendem Unwillen. + +»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, -- Niemand zweifelt daran; +aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir +überhaupt damit verglichen werden könnten, -- das ist unmöglich! +St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von +ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist +auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die +Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes +Verhältniß -- ganz natürlich, -- und doch will St. Clare das nicht +einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben +könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in +allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und +aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu +lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu +viel -- selbst für ~mich~. Ich zeige selten meine Empfindungen; es +ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das +harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von +dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen +Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer +dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!« + +Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu +müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer +Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können. + +»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; -- +einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben, +thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner +schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe +meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung +ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun +wollte, was Andere thun!« + +»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia. + +»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern +Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn +ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt +so viel Energie als St. Clare verwalten.« + +»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß +Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.« + +»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, -- es ist viel +leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt +haben, es ist sonderbar, -- das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone +spricht, -- dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst +davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten +nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines +Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St. +Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich +hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß +es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, -- das Volk ist so +schlecht, so falsch, so faul.« + +»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was +für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen +haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! -- Siehst Du, +Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem +Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar +nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir, +Marie und ich, ihnen geben.« + +»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie. + +»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche +erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine +Bemerkungen zu unterstützen.« + +»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,« +sagte Marie. + +»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine +Liebe, daß Du mich berichtigt hast.« + +»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie. + +»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen +Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte, +sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.« + +»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses +Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich +geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte +Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!« + +»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen +Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit +Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten +so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn +hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu +verschaffen.« + +»Wie meinst Du das?« fragte Marie. + +»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich +~einige~ von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen, +ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine +Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war +wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen +Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten, +und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu +machen.« + +»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig +zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!« +sagte Marie. + +»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel +seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser +auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und +leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht +geben?« + +»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß +Ophelia mit dreister Bestimmtheit. + +»Zu viel Umstände, -- Trägheit, Cousine, Trägheit, -- was mehr Seelen +ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so +hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es +ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz +alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche +Betrachtung, wahrlich!« + +»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit +auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht +haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie +vernünftige Wesen zu behandeln, -- wie unsterbliche Geschöpfe, über +die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das +ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer +plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte. + +»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt +Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein +munteres Stückchen zu spielen. + +St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war +leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger +Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem +andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen +will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß +Ophelia: + +»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine +Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um +so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren +Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du +bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten +Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.« + +»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,« +sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als +wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden +Nutzen für sie, -- sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das +anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen, +so -- ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen +gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche +können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der +Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, -- und ich +kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist; +aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon +vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird +es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz +vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie +noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich +kenne sie.« + +Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare +pfiff ein Liedchen. + +»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt +meine Kopfschmerzen.« + +»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst +noch etwas von mir?« + +»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben +könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.« + +»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare. + +»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.« + +»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach +Befehl reden, -- wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu +stellen.« + +Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch +die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die +Gardine zur Seite und lachte mit. + +»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend. + +Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit +Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen +Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf +sein Knie setzte. + +»O, Tom, Du siehst so komisch aus!« + +Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und +schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie +seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine +Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung +bitten. + +»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia. + +»Warum nicht?« entgegnete St. Clare. + +»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!« + +»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund +liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und +unsterblich ist, schauderst Du, -- gestehe es nur, Cousine. Ich kenne +einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die +kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen; +Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, -- sie +beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft +während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie +viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt +einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und +dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt +sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu +thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches +Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre +nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure +Meinung?« + +»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas +Wahres darin liegt.« + +»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?« +sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete, +welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind +die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero; +seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und +methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug +und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und +er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies +ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und +Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.« + +»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe +glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden +hört.« + +»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk +gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich +fürchte, auch kein Ausüber derselben.« + +»Wie kannst Du denn so reden?« + +»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube +Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen, +was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen +Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein +Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.« + + * * * * * + +Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu +sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, -- die +instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, -- +hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer +Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe; +und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere +Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, -- Befehle, welche, wie +unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm +waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte +ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein +Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung +eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie +durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe +komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn +ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr +leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei, +allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah +deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem +sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien +Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte +ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer +seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren. + +Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung, +für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und +er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die +Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes, +die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen, +welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten. + +Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen +können, -- und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil +in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen +wird, -- so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht +erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens +nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des +Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen +und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes +erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und +mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen +des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird +ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen +Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen +höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen +Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In +allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines +ächt ~christlichen Lebens~ geben, und vielleicht hat Gott, da er +diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends« +ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu +machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken +ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten +sein. + +Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare +beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet +in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes +Handgelenk befestigte? -- Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas +Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller +Rüstung, -- Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, -- im Begriffe, in +eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es +nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie +nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen, +und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie +sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute, +elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete +den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes +Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern +ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen +Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene +persönliche Erscheinung. + +»Wo ist Eva?« sagte Marie. + +»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,« +entgegnete Ophelia. + +Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es +wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört. + +»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.« + +»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; -- brauchen sich darum +nicht zu ängstigen.« + +»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind, +indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, -- «Du sollst mein +Riechfläschchen nehmen.« + +»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, -- +würde sich nicht passen, -- gar nicht!« + +»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es +immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen. +Nein, Du sollst es nehmen, -- mir zum Gefallen.« + +»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das +Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer +Mutter. + +»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?« + +»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben, +welches sie mit in die Kirche nehmen soll.« + +»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, -- »Dein goldenes +Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich +schickt? -- Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es +zurück!« + +Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich +langsam um. + +»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr +gefällt!« sagte St. Clare. + +»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?« +entgegnete Marie. + +»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel +besser fortkommen, als Du oder ich!« + +»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft +berührend, »es thut Mutter weh.« + +»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte +Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte. + +»Bedaure, ich werde nicht hingehen.« + +»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche +ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist +gar nicht anständig und achtungswerth.« + +»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um +zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit +breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde +ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens +Etwas, was Einen munter erhält.« + +»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie. + +»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche, +Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva, +willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte +St. Clare. + +»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.« + +»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare. + +»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft +schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.« + +»Weshalb gehst Du denn also hin?« + +»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir, +daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht +wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch +überhaupt nicht so sehr langweilig!« + +»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist +ein gutes Kind, bete für mich.« + +»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der +Mutter in den Wagen sprang. + +St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während +der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen +Augen. + +»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu +einem Evangelium für mich gesandt?« + +Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine +Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War +er anders, als andere Leute? + +»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut, +freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht +recht, sie ~grade~ so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder +andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy +krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen, +-- nicht wahr?« + +»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva, +»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser, +als das ihrige ist.« + +Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von +Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort +aussprach. + +»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief +sie. + +»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck. + +Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder +bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck, +und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene +Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr. + + * * * * * + +»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den +Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut +in der Kirche?« + +»O, Doktor G -- hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie. + +»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte +ganz genau mit meinen Ansichten überein.« + +»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen +sein,« sagte St. Clare. + +»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse +und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut +Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und +Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß +es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und +ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um +zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es +so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht +worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite +sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich +wollte nur, Du hättest ihn gehört.« + +»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der +Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und +dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie +Du weißt.« + +»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte +Miß Ophelia. + +»Wer -- ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so +verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände +durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese +Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben +sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere +Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet +das Ganze, -- und grade dasselbe, worauf alles das heilige Geschwätz +hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall +verständlich sein.« + +»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte +Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.« + +»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse +Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns +bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte, +der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange +sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der +Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, -- wir +würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.« + +»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia, +»hältst Du sie für recht oder unrecht?« + +»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben, +Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte, +so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich +herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende +ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher +zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf +die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins +aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.« + +»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende +Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die +Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt +eben gethan hat.« + +»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer +unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was +Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden +läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte +Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu +passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht +und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne +gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche, +so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.« + +»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte +Miß Ophelia. + +»Die Bibel war das Buch ~meiner Mutter~,« sagte St. Clare; »nach +ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid +thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich +könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein +trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu +beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde +meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den +Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein +Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem +Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern +Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene +Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der +menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht +aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer +strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß +die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur +so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand +auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für +uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können, +sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb +daran festhalten wollen, -- so ist dies wenigstens kräftig, klar und +deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit +für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu +schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr +geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er +gehalten zu werden verdient.« + +»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie. + +»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den +Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze +Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, -- glaubst +Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung +der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde +dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es +dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre +Richtung anweise!« + +»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee +ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei +besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, -- ja, ich +fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß, +daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.« + +»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die +grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer +kam. + +»Worüber, Papa?« + +»Ich meine, -- wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei +Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist, +mit vielen Dienstboten?« + +»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva. + +»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd. + +»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, -- verstehst Du?« +sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend. + +»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es +ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.« + +»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie +auf sein Knie stieg. + +»Nach den Begriffen dieser Welt -- beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare. +»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit +gewesen?« + +»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und +Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.« + +»Tom singen gehört, he?« + +»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den +leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!« + +»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?« + +»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.« + +»Singstunden, wie? -- o, Du nimmst zu!« + +»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er +erklärt es mir dann, was es bedeutet.« + +»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des +ganzen Carnevals.« + +»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, -- ich möchte +drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für +Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und +stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte +ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe +seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er +verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.« + +»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen +Kunststücken schon öfter gehört.« + +»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn +er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom +schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für +Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser +werden möchte.« + +»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia. + +»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St. +Clare. »Gut, wir wollen sehen, -- nicht wahr, Eva?« + + + + + Siebenzehntes Kapitel. + + Die Vertheidigung des freien Mannes. + + +Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung +Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus +den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich, +ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von +Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die +Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde, +rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen +warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg +und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines +Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen +begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen +sichtbar. + +»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du +bist ein gutes Kind, -- viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe +geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien +Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott +der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, -- mein eifriges +Streben, -- gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun +will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl +unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu +sein.« + +»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen. +Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und +plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.« + +»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn +diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen +Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ~ihm~ angehören! +Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder +ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und +abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen +als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas +bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem +fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und +weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich +mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so +will ich zufrieden, -- dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld +für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft, +so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für +mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.« + +»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch +nicht in Kanada.« + +»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft +fühlte, -- sie macht mich stark.« + +In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört, +die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an +die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie. + +Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als +Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und +trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er +hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's, +sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz +darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles +um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu +dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des +Quäkers paßten. + +»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich +und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist +nöthig, daß Du es hörest.« + +»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es +gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen +schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause, +ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes, +Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen +Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit +dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der +Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein +Bett fertig sein würde; und was geschah? -- ich schlief fest ein.« + +»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig. + +»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn +ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte +ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die +um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte, +ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie +eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden +hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der +Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm, +daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen +und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann, +sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, +der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen +abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans +hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind, +sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten +auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen +helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte +vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein +kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre, +und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo +sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen +hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht +nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns +sein. Was ist also nun zu thun?« + +Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen +Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre +Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten +zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben +haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus. +Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte +ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit +geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie +jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft, +und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar +unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation. + +»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll. + +»Ich weiß, was ~ich~ thun werde,« entgegnete Georg, indem er in +das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann. + +»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das +hinaus will.« + +»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht +dahin kommen möge.« + +»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,« +sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die +Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten +Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod +und Verzweiflung, und ich auch.« + +»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer +einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das +Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege +als Du.« + +»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg. + +»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren, +sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen +wirst, so sag' es mir nur.« + +»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust +wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine +Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen +deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, -- junges Blut ist heiß.« + +»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem +Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will +still und ruhig hinausgehen; aber« -- er hielt inne, während seine +Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing, +-- »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans +verkauft wurde; -- ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, -- und ich +soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es +verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen, +gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum +letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können +Sie mich deshalb tadeln?« + +»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann +nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß +halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.« + +»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?« + +»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon; +»das Fleisch ist schwach.« + +»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,« +sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle +ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht +einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit +ihm abzumachen haben solltest.« + +»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so +darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben +uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was +vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen +des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben +ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.« + +»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht +werden, -- nun, dann laß Jene sich vorsehen.« + +»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden +bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark +in Dir.« + +Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner +gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein +gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst +einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize +bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden; +und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und +nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig +höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in +seiner Erkenntniß« zu bemerken. + +»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel +Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein +Herz auf dem rechten Flecke ist.« + +»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer +Flucht?« + +»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen, +also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der +Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor +der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche +schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn +sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn +wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen. +Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem +schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe, +und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen +sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt; +oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr +eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit +der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben +einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu +erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund +Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten +deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür +hinter sich schloß. + +»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für +Dich thun, was geschehen kann, Georg.« + +»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich +aussetzen.« + +»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete +Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt +uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,« +fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für +diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.« + +Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu +backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle +et cetera's+ +des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem +kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch +begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen, +daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt +sind. + +»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und +Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben, +wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte, +Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen +meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme +Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie +kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg, +Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer +Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und +schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen +Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete +gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe +erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch +seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen +hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst +über meinen Leichnam gehen.« + +»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus +diesem Lande glücklich führen wollte, -- das ist Alles, um was wir ihn +bitten.« + +»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau +sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er +Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie +behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; -- ja, alle Gewalt ist +auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder +von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem +durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und +arme, ehrliche, treue Christen, -- eben so gute, wie sie, und bessere +vielleicht, -- liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und +verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern +und Thränen, -- und Gott ~läßt~ es geschehen.« + +»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen +Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.« + +Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen +trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie +folgt: + + »Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt + hätte beinahe geglitten. + + »Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den + Gottlosen so wohl ging. + + »Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie + andre Menschen geplagt. + + »Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel + muß wohlgethan heißen. + + »Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie + nur gedenken. + + »Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern + hoch her. + + »Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen + wie Wasser, + + »Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der + Höchste ihrer achten?« + + »Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach + Lesung dieser Verse. + + »Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich + sie selbst niedergeschrieben hätte.« + + »Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las: + + »Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war + mir zu schwer, + + »Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf + ihr Ende. + + »Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden. + + »Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild + in der Stadt verschmähet. + + »Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner + rechten Hand. + + »Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu + Ehren an. + + »Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. + + »Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, + Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.« + +Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen +alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten, +erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit +dem Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen. + +»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du +allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen, +welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich +auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen +möge, Er wird jenseits Alles gut machen.« + +Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner +gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische +Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so +häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung +gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für +die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte, +an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie +ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen, +heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und +Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen. + +Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an +den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die +Thür gehört, und Ruth trat ein. + +»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe +hier für den Knaben zu bringen, -- drei Paar warme wollene. Es wird +sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?« +fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und +ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand +einen kleinen Kuchen schob. »Ich habe hier ein kleines Packetchen für +ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor +zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.« + +»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa. + +»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel. + +»Ich kann nicht, -- unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause +gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick +bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde +allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die +kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der +Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war +Ruth aus dem Zimmer verschwunden. + +Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür. +Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze +herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur +Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau +am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen. +Simeon und Rachel folgten hinter ihnen. + +»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des +Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und +das Kind zurecht machen.« + +»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so +bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.« + +Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem +Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die +Verfolger erwarte. + +»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester +Stimme. + +»Ja wohl,« entgegnete Jim. + +»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie +kommen sollten?« + +»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen +Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir +wieder abnehmen lassen?« + +Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen +Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen +gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend, +unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr +hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim +ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und +Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg. + +»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen. + +»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr +rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort. + +Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine +Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange, +dunkle Waldwege, -- über weite, einsame Ebenen, -- bergauf und bergab, +-- eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag +schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau +vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen +graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen +zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft +zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu +verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff. + +Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich deutliche Pferdehufe +eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den +Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte. + +»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang +seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu +überschauen. + +Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung +auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar. + +»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum +Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen +im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten +zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal +hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen, +hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe +eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu +können. + +»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla, +hier Michael!« + +»Phineas! bist Du es?« + +»Ja, was für Nachrichten, -- kommen sie?« + +»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und +fluchen und schäumen wie Wölfe.« + +Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall +gallopirender Reiter zu. + +»Hinein mit Euch, -- schnell, Jungens, ~hinein~!« rief Phineas. +»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter +gebracht habe.« + +Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde +an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte, +sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber +deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der verfolgenden +Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus, +und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp +Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald +darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan +ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug +das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war +einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die +alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen +mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer +näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand +eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen +Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter +Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz +und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den +Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas +kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und +nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so +stark angetrieben. + +»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem +Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und +fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen +und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen +hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.« + +Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus. + +»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr +sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in +Eurem Leben gelaufen seid!« + +Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller als wir es sagen +können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und +eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde +gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in +vollem Laufe davon fuhr. + +»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in +gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines +rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf +führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!« + +Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels +mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine +bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa +bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die +Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um +ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe +der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer +nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von +beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich +eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen, +senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang +mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf +eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder. + +»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen +seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich +vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art +Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten +Befindlichen schützte. + +»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die +steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer zu beobachten, welche +lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen, +wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen +den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer +Pistolen, -- seht Ihr, Jungens?« + +»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist, +so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein +bestehen.« + +»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,« +entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen, +zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und +hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs +nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf +kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn +sie's thäten?« + +Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden +Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten +Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl +liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein +geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger +einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten. + +»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen. + +»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist +der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen, +und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.« + +»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte +Marks; -- »das wäre unangenehm!« + +»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, -- »Du bist immer für +Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von +Natur.« + +»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,« +sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten +manchmal wie der Teufel.« + +In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen +und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach: + +»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?« + +»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen +gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden, +und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl, +und wir wollen sie haben, -- versteht Ihr? -- He, bist Du nicht selbst +Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?« + +»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein +Eigenthum; -- aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes +freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein +eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu +vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt +herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den +Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der +folgende, bis zum Letzten.« + +»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich +seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch, +was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das +Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust +Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch +thun.« + +»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die Macht auf Eurer Seite +habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um +es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb +einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem +viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt +hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt +Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken +derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure +Gesetze werden Euch darin unterstützen, -- was für sie und Euch um +so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure +Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier +frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns +geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen +vertheidigen!« + +Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens +stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf +einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere +Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und +als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des +Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine +Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten +befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum +Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit, +was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der +Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig +seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf +Georgs Rede folgte, auf ihn ab. + +»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für ihn todt wie lebendig +in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel +abwischte. + +Georg sprang zurück, -- Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war +dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner +Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren. + +»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell. + +»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen +Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.« + +»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind, +und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt, +schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei +Schüsse auf Einen verschwenden, -- verstehst Du?« + +»Aber wenn Du nicht triffst?« + +»Ich ~werde~ treffen,« entgegnete Georg kaltblütig. + +»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den +Zähnen. + +Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen +Augenblick unschlüssig. + +»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; -- +»ich hörte ein Gekreisch.« + +»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; -- +»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht +thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend. + +Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es, +und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen +mußte. + +Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und +nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze +übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden +ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb +vorgeschritten sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's +aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte. + +Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich +verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem +gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die +drüben Stehenden zu. + +»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit +einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht +nöthig.« + +Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend +und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und +stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet +haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider +an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben. + +»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den +Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte, +als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in +eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen. + +»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf, +während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, -- versteht +Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern, +war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon. + +»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; -- +»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so +im Stiche!« + +»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer. +»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder +lebendig ist.« + +Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten nun über Wurzeln und +Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag. + +»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer +verwundet?« + +»Weiß nicht. Hebt mich auf, -- könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole +den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein +Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können, +wie's ihnen gefällt.« + +Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held +aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden +gebracht. + +»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause +zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas, +um das verfluchte Bluten zu stillen.« + +Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die +schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei +vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen +Gewichte auf den Boden nieder. + +»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen +übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete. + +»Warum nicht?« fragte Phineas; -- »geschieht ihm recht.« + +»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa. + +»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer +methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich +für die Seele des armen Menschen.« + +»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas. + +Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender +Unentschlossenheit und Berathung sprangen alle plötzlich in ihre +Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren, +begann Phineas sich zu regen. + +»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich +trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen +zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen +müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist +früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir +sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht +nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen +können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle +in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter +auf der Landstraße zurückkommen. + +»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig. +»Nun sind wir geborgen, -- so sicher, als wenn wir schon dort wären.« + +»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für +den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.« + +»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn +aufnehmen und mit uns fortschaffen.« + +»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch +das! Wohl, ich habe nichts dagegen! -- wir wollen ihn uns 'mal +ansehen.« + +Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner +Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß +von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und +begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes. + +»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?« + +»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach +Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; -- ist fort, schon +lange.« + +»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige +Hund, -- mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte +Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!« + +»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte +die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!« + +»Sachte, sachte! -- knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als +Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für +Dich, wenn ich nicht das Blut stille.« + +Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit +seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen +vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach: + +»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.« + +»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns +hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte. +»Hier, hier, -- laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, -- +haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht +werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, -- so gut, wie es Deine eigne +Mutter nur könnte.« + +Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen +Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und +schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in +seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus. + +Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute +wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens +ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren +Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine +vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids +setzte sich auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in +ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen +Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter. + +»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas +auf dem vordersten Sitze saß. + +»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die +Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut +verloren, -- und Muth und Alles mit, -- aber er wird's überstehen und +vielleicht lernt er 'was dabei.« + +»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir +immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt +hätte, selbst in einer gerechten Sache.« + +»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, -- gleichviel +ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen, +und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er +niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so +anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu +haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten, +denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.« + +»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg. + +»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, -- Dorcas +nennen sie sie, -- das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist +es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie +irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen, +daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.« + +Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem +reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem +reichlichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker befand sich sehr +bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je +zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden +worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den +weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her +gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen +wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen. + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten. + + +Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein +glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der +Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der +Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr +und mehr entwickelte, an Stärke zu. + +St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher +waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe +größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und +ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des +Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen +Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes +anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum +zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der +ihm eigenthümlichen ruhigen Art und Weise Bemerkungen erlaubt. St. +Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich; +allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine +Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr +an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe +übertragen wurden. + +»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich +dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden +solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom +aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal +gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft +besorgt.« + +Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm +Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das +zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm +jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die +unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen +Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in +ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit +zu beobachten. + +Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen +Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es +leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten, +war er in eine totale Verwechslung des +meum tuum+ mit Rücksicht +auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare +dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand +des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner +Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse +verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um +eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu +bei, ihn in seine Nachsicht und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen. +Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich +selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm +abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden. + +Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen +Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß +sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die +Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes +kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im +Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen +öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, -- waren Dinge, +die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er +die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« -- eine +Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die +er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen +Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es +soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art +und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte, +der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel, +am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer +heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen +ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt, +in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das +Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe +zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze +Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen +Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen +übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn +zu beten. + +»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden +Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß, +und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte. +»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend +dastand. + +»Master, ich fürchte -- nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte. + +»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein +Leichenwagen.« + +»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß +Master gegen Jeden gut sein wolle --« + +»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's? +was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die +Vorrede dazu?« + +»Master ist immer gut gegen mich gewesen; -- habe mich über nichts zu +beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.« + +»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?« + +»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte +dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.« + +Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die +Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht +feuerroth werden, aber lachte. + +»O, ist das Alles?« sagte er heiter. + +»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee +fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles +zu Grunde richten, -- Alles -- Leib und Seele. Das gute Buch sagt: +»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber +Master!« + +Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen. + +»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen +traten. »Steh' auf, Tom, -- ich bin's nicht werth, daß über mich +geweint werde.« + +Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an. + +»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten +gehen,« sagte St. Clare, -- »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß +nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die +ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, -- also +nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. -- +Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so +außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der +Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht +wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer +Beruhigung sich entfernte. + +»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst, +während er die Thür zumachte. + +Und er hielt es, -- denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur +eigenthümliche Versuchung. + +Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß +Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen +Haushaltes übernommen hatte. + +Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen +Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den +Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden. +Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes +Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise +haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere +Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen +zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen, systematischen +Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs. +Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden +deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare +gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter +dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war +es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten +eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende +Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie +dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte. + +An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia +bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer +in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der +Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie +einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen +Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug. + +Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche +und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung +unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf +solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche +und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen +und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt +fand. + +Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen +Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie +als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten +Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone +mit tieferem Groll erdulden können. + +Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es wäre ungerecht gegen +ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr +geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut +wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden, +und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und +daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade +war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete +sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich +hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein +Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu +überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein +könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit +befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies +zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein +abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge +Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es +bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise +hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so +leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen +Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten +Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem +war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art +aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie +Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet +leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie +jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit +zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war, +so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz +unzweifelhaft lediglich die Schuld von fünfzig anderen Personen, die +Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte. + +Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich +verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade +umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, -- obgleich +ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht +hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als +Tage im Jahre waren, -- so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten +konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster +Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst +ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte. + +Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu +beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung +bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte, +saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife, +der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art +Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für +ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder +eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der +Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils +Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit +zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder +dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag +an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle +versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der +jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem +andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie +sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter +dem sie aufgewachsen war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten +Ausdehnung aus. + +Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen +Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah +hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war, +und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem +Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und +Widerstand hemmend entgegen zu treten. + +Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an +dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen +Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht +hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen. +Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden +zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels +vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke +und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch +eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen +Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen +sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine +Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden +waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen, +Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere +werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren. + +Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern +rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur +mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges, +während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen +beobachtete. + +Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu +öffnen. + +»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie. + +»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah. + +So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie +enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes +Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war, +rohes Fleisch einzuwickeln. + +»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten +Tischtücher Deiner Mistreß ein?« + +»O Herr, nein, Missis, -- es waren gerade keine andere Tücher da, und +so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte, +-- deshalb.« + +»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr, +die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse, +zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug +mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete +Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück +Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln +darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher, +Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit +Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten. + +»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit +einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth. + +»Wo es ist, Missis; -- hier sind ein paar, in der zerbrochenen +Theetasse, und da welche in dem Schranke.« + +»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie +emporhaltend. + +»O ja, -- hab' sie da heut früh hin gethan, -- habe gern meine Sachen +bei der Hand,« sagte Dinah. »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst +es kriegen! -- Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung +nach dem Verbrecher hinzu. + +»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade +emporhaltend. + +»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; -- hab's dahin gethan, um 's bei +der Hand zu haben.« + +»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?« + +»O Missis, -- war in solcher Eile, -- gejagt, -- wollt's heut noch +wegthun.« + +»Hier sind zwei damastene Servietten.« + +»Die Servietten -- die hab' ich da hingethan, -- sollten nächster +Gelegenheit gewaschen werden.« + +»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke, +welche gewaschen werden sollen?« + +»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich +mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so +umständlich, immer den Deckel aufzuheben.« + +»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der +dazu bestimmt ist?« + +»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da +ist ja kein Platz nie --« + +»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?« + +»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr +Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit +im Benehmen vergessen ließ; -- »was verstehen Damen von Arbeit, möchte +ich wissen? -- Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die +ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie +so 'was gesagt.« + +»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück +Flanell hervorziehend. + +»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe; +-- konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich +aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, -- hatte ganz vergessen, daß +sie da in dem Flanell waren.« + +Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf. + +»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! -- habe meine Sachen +gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte +Dinah in etwas entschiedenem Tone. + +»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia. + +»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah. + +»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn +nicht?« + +»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte +ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend. +»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo +ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; -- kann aber +nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam! +-- daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir +eins über den Kopf!« + +»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles ~ein für allemal~ in +Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in +Ordnung erhältst.« + +»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, -- +habe nie Damen so 'was thun sehen; -- meine alte Missis und Miß +Marie thaten's nie; -- und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut +ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend, +während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von +herumstehenden Zuckerschalen in ein Behältniß leerte, Servietten, +Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren +eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung +brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten. + +»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann +sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich +in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung +wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, -- brauche keine Damen hier herum, +die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch +sie wieder finden kann.« + +Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden, +daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für +Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann +mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren, +und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und +dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte +sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen +vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die +ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu +beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im +Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen +als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so +fortgehen lassen, und wolle das ~jüngere Volk~ lehren, bessere +Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern +der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß +es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran +Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische +schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte +geben können, in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte, +pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze +vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem +sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der +Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten +wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen +Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für +ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen +versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt +werden solle, -- wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit« +nachgelassen hatte. + +In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen +Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen +in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der +Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der +Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St. +Clare. + +»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in +diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie. + +»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare. + +»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe +ich nie in meinem Leben gesehen.« + +»Wahrscheinlich nicht.« + +»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die +Verwaltung zu führen hättest.« + +»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir +Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die +Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte +verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen +zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere, +unwissende Leute um uns haben ~wollen~, so müssen wir die +Folgen davon tragen. Ich kenne einige seltene Fälle von Personen, +die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge, +systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu +diesen, -- und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben, +die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel +nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, -- und +haben deshalb das Heft in ihren Händen.« + +»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, -- Alles in dieser zwecklosen +Weise fortgehen zu lassen?« + +»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen +außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem +Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als +er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von +welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun +hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück +und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh, +Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel, +Dessert, und Alles, -- und schafft das Alles in dem Chaos ihrer +finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht, +scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir +hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der +Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen +wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es +würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du +wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie +ihren eignen Weg gehen.« + +»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles +vorfand.« + +»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel +unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen +in ihrer Tasche steckt; -- daß da fünf und sechszig verschiedene +Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, -- und +daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und +morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat +ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und +superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und +Staatsmänner beurtheilt werden, -- ~nach dem Erfolge~.« + +»Aber die Verschwendung, -- die Ausgaben.« + +»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib +nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige +nicht, -- ist es nicht das Beste?« + +»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken, +als daß diese Dienstboten nicht streng ~ehrlich~ sind. Glaubst Du +dessen gewiß zu sein?« + +Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht +aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte. + +»O Cousine, das ist zu gut! -- ~ehrlich!~ -- als wenn das +überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! -- natürlich, das sind sie nicht. +Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen +können?« + +»Warum unterrichtest Du sie nicht?« + +»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz +danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze +Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht +aus ihnen herausbringen.« + +»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?« + +»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und +aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn +nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und +fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als +Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner +Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden. +List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es +wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür +nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen +Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und +unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn +nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils, +sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie +Tom -- ist ein moralisches Wunder.« + +»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia. + +»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare. +»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich +allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das +ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener +Welt geschehen wird.« + +»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch +schämen!« + +»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter +Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße +gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen +Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, -- findest überall, +daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen +der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall +so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen +erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.« + +»Es ist nicht so in Vermont.« + +»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns +voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also, +Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei +Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.« + +Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen +plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt, +wie sie immer thut.« + +Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und +trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe. + +»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah. + +Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen +brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den +Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie +stützte, und sagte: + +»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!« + +»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia. + +»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre +Augen vom Boden aufzuschlagen. + +»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu +lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es +mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte. + +Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen. + +»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; -- sollte mich freuen, wenn +ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich, +um Dein Elend zu vergessen.« + +»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis +wird dafür bezahlen.« + +Miß Ophelia nahm einige Dutzend. + +»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem +Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.« + +»Marken, -- wozu sind die?« fragte Miß Ophelia. + +»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.« + +»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken, +ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.« + +»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du +ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.« + +»Und das ~will~ ich thun, -- ich kann nicht anders leben, -- +trinken und mein Elend vergessen.« + +»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld +Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.« + +»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, -- ja, ich will. O Herr, ich +wollte, ich wäre todt -- ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam +und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf +den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem +Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte. + +»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf +drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, -- kannst auch +noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu +Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst -- trinkst -- +trinkst -- bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, -- uff!« +sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche. + +»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war, +um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre, +so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.« + +»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht +jetzt schon hübsch aus, -- sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.« + +»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein, +in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte +Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf. + +Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume +seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter +diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte. + +»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph. + +Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr +zugehörigen Sklavinnen. + +»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe +für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd +schön!« + +»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit +der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf +zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen +Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.« + +»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor +Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide +erscheinen werden,« sagte Adolph. + +»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die +gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam. + +»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!« + +»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.« + +»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie +sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte. +»Er macht mich immer so ärgerlich.« + +»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte +Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt +finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.« + +»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen +mit unmäßigem Gelächter. + +»Ihr da, macht fort! -- kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht +haben in der Küche,« rief Dinah. + +»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,« +sagte Rosa. + +»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; -- »springen +'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts +anderes als Niggers, so gut wie ich.« + +»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie +glatt liegen soll,« sagte Jane. + +»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre +langen, seidenen Locken niederfallen ließ. + +»Vor dem ~Herrn~ ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte +Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, -- so ein +Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, -- will +Euch hier nicht mehr haben!« + +Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St. +Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob +er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke; +und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte: + +»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure +Näherei und arbeitet!« + +Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in +der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie +vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte +Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt +nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in +Ordnung zu bringen. + +»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig. + +»Warum?« sagte das Weib; -- »brauche keine Hülfe.« + +»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom. + +»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz. + +»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, -- »ich +wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn +nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?« + +»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst +mir das nicht zu sagen; -- bin häßlich, -- bin schlecht, -- gehe grade +zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!« + +Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem +finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden. + +»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus +Christus gehört?« + +»Jesus Christus, -- wer ist das?« + +»Es ist ~der Herr~,« entgegnete Tom. + +»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von +Gericht und Hölle. -- Habe davon gehört.« + +»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme +Sünder liebte und für uns starb?« + +»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; -- »kein Mensch hat mich geliebt, +seit mein alter Mann todt ist.« + +»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom. + +»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und +aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug +waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master +nahm mich von ihm.« + +»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?« +fragte Tom weiter. + +»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher +kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil +Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis +schien anfangs große Stücke drauf zu halten; -- es schrie nie, es war +gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und +ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab +zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte +mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie +sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute +äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und +schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es +wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und +wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil +es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze +machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in +eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode. +Das that's, -- und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus +den Ohren zu bringen. So ist's, -- und ich will trinken! ich will -- +und wenn ich in die Hölle dafür muß!« + +»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie +unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat +Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel +gehen kannst, und endlich Ruhe haben?« + +»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib. +»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da +gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, -- fort von Master +und Missis, -- so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem +gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und +mürrisch fort ging. + +Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf +er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor +Freude strahlenden Augen. + +»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa +sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen +neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was +ist Dir denn, Tom? -- Du siehst ja so ernst aus.« + +»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich +will die Pferde herausholen.« + +»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten +Prue sprechen.« + +Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des +Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich, +oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und +ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte +beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief. + + + + + Neunzehntes Kapitel. + + Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten. + + (Fortsetzung.) + + +»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht +fahren,« sagte Eva. + +»Warum nicht, Miß Eva?« + +»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, -- »so tief in's +Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte +sich um und ging in's Haus. + +Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke +zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war. + +»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?« + +»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau. + +»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?« + +»Weiß nicht genau; -- sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau, +mit einem Seitenblicke auf Ophelia. + +Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte, +folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür. + +»Was ist aus Prue geworden, -- was ist's?« fragte sie. + +Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte +endlich in leisem, geheimnißvollem Tone: + +»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder +betrunken, -- und da haben sie sie in den Keller gebracht, -- und da +den ganzen Tag gelassen, -- und ich hörte sagen, daß ~die Fliegen +schon an ihr wären, -- sie ist todt~!« + +Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte, +gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus +deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen +und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war. + +»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche +Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!« + +»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme, +»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so +viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.« + +»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie +sind, -- diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.« + +Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf. + +Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf +Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der +Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört +hatte. + +»Eine abscheuliche Geschichte, -- wirklich fürchterlich!« rief sie, +als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die +Zeitung las. + +»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen +worden?« sagte er. + +»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode +gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker +Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte. + +»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte +St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen. + +»Immer gedacht! -- willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte +Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu +untersuchen?« + +»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen +Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute +ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich +nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die +Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung +vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.« + +»Es ist wirklich empörend, -- es ist schrecklich, Augustin! Es muß +Gottes Rache auf Dich herabrufen!« + +»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es +nicht ändern; -- könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige, +viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben +vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede +Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch +anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können, +ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu +bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.« + +»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um +solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?« + +»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse +von Wesen, -- unerzogen, träg, verderbt, -- ohne Beschränkungen und +Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie +der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung +kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen +wissen; -- denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden +Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen +hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft +anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden +lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich +sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von +Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich +thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.« + +St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien +empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend, +fügte er hinzu: + +»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du +hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein +Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der +ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und +prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben. +Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von +Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte +und seine Zeitung wieder aufnahm. + +Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann +mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten. + +»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen +wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich +von Dir, ein solches System zu vertheidigen; -- das ist ~meine~ +Meinung!« + +»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?« + +»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu +vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme. + +»Ich -- vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?« +sagte St. Clare. + +»Natürlich vertheidigst Du es, -- Ihr thut es alle hier im Süden. +Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?« + +»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt +jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du +nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?« + +»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß +Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte. + +»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich +bereue es unaufhörlich.« + +»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?« + +»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was +Du bereut hast?« + +»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia. + +»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für +mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.« + +»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich +gebe mir Mühe, es zu unterlassen.« + +»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder +vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz +dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein +geworden?« + +»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr +Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner +Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu +wahr ist, -- Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich, +daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde +mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem +fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist +freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich +über Deinen Tadel nicht wundere.« + +»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie +setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte +Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen! +Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener +Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, -- das ist Alles, -- um +zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln +gut; -- es ist mir peinlich, nur dran zu denken.« + +»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia, +ihre Hand auf seine Stirne legend. + +»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich -- ach ich kann nie +ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das +lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der +Gefühle gelangen; -- und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich +aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt +deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als +die südlichen, -- jetzt ist mir Alles klar.« + +»O August, Du bist ein Wirbelkopf!« + +»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft +reden; -- aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich +den Versuch machen soll. -- Also,« fuhr er fort, während er den Korb +an sich zog, -- »ich will jetzt anfangen: -- wenn es im Laufe der +menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder +drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert +eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft +--« + +»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn +hier Miß Ophelia. + +»Warte einen Augenblick, -- ich komme dahin, -- Du wirst es gleich +hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes +Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner +Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben. +Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können,-- Geistliche, die +den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, -- Politiker, die dadurch +die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische +Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit +erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste +zwingen, -- so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an +eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel, +und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in +~seiner~ Weise thun kann.« + +Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare, +und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort: + +»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst, +so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte +Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, -- was ist es? Reiße allen +Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und +was ist es? -- Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und +ich klug und stark bin, -- weil ich Macht und Verstand genug habe, es +auszuführen, -- deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es +behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt. +Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es +thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die +Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy +soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun, +was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich +so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das +ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen, +der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie +niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich +mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst +ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb +das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der, +daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird, +als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene +Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt +zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen. +Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient +sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.« + +St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er +gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft +im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer +griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine +großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach +eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie +zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor +Ueberraschung. + +»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen +bleibend, -- »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen +Gegenstand zu sprechen und zu denken, -- aber ich versichere Dich, es +hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land +versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem +Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich +während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete, +wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf, +durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von +ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug +zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; -- und wenn ich +solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger +Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das +ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!« + +»Augustin! -- Augustin!« sagte Miß Ophelia, -- »Du hast vollkommen +genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im +Norden nicht.« + +»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr +Nordländer habt alle kaltes Blut: -- Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr +könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.« + +»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, -- + +»Ganz richtig, ~die Frage~ ist, -- und eine verteufelte Frage +ist es! -- wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl, +ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir +Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.« +Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner +Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht +unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und +war grade so ein Mann, wie Dein Vater, -- ein ächter, alter Römer, -- +aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater +ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen +und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in +Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie +eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am +andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem +Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war +göttlich! -- Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine. +Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen +konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums +an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel, +ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube +mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen +gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen +Testaments, -- ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes +erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St. +Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich +sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und +fuhr fort: + +»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß +Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden +von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen, +rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige, +bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische +Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch +und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines +Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene, +und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten. +Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art +abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben +gewöhnlich thun, -- dann und wann, und im Allgemeinen; -- er war meines +Vaters Liebling und ich der meiner Mutter. + +»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen, +die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch +keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, -- und wenn ich +deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster +anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich +zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren +bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen +Kleidung, -- sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu +denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in +reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für +Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der +katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr +der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich +meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte -- o, +Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte! + +»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie +jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war +ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß +er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten +Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem +ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer +Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat +nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus +durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese +Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders; +aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was +in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde, +ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die +Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte +Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger +sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes +als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß, +wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche, +unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd +Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel +um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß, +ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt +aller höheren Klassen. + +»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein +unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war +bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit +darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur +durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt +wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren, +etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont +nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele +Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir, +schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, -- einen +großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, -- mit Verlaub +zu sagen -- der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität +durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte +ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige +Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot +auf unserer Besitzung. + +»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe +wie jetzt für alles Menschliche, -- eine Art Leidenschaft, die +Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich +darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war +natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden +wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und +zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf +diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes +wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging. +Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht +mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt +sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber +vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte +er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die +Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise, +aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige +Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in +die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte +sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch +der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie +hinderlich geworden wäre. + +»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten, +-- indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre +rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und +Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er +dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll? +Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, -- +durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen +sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte, +so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten, +selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen +sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen. +Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart +erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen +Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen. +Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf +das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann +entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die +Gelegenheit war. + +Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen +Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange +zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben, +wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle +derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt +werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie +die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen +Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo +Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen, +ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein +Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich +hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe. +Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs, +nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung, +und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft, +mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer +Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener +Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele +mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der +Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich +habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends +auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die +ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle +jene Sterne lange untergegangen sind, -- wir leben so lange, wie +Gott!«« + +»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus +darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen +Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der +blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte +er ihn nicht ~von fern~ heilen! Er rief ihn zu sich, und legte +~seine Hände auf ihn~! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter +ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer +weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein +Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; -- aber ach! ich +verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!« + +St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten +lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort: + +»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist! +Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in +Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer +Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer +Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges +Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die +Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr +alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in +Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe +gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen +Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es +ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire +St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er, +obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem +demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr +Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven +herrschte.« + +Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte +deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht +dazu kommen. + +»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich +behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine +war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung +entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete; +und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber, +anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot +wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so +würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in +derselben Form gegossen worden sind.« + +»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia. + +»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt +Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun +zu meiner Geschichte zurück: + +»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden +Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft +zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen +als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und +wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche +Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die +Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes +Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde +ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge. +Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich +kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl +von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich +kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden +kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht, +gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, -- die +~Nothwendigkeit~ der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche +Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, -- das Ganze +wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran +dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele +gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich! + +»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht, +daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag +selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche +Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre, +die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das +besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag +von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter +dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben +eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne +dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu +dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und +ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er +arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich +unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es +selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem +ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!« + +»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle +hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht +hieltet.« + +»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der +ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung; +-- nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen +Grunde, dem ~Rechte des Stärkeren~, und sagt, und zwar sehr +richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in +anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit +den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele +derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er +vertheidigt Beide, -- und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt, +es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es +müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten +und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße +und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die +leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil +er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.« + +»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen +werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht +gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht +gepeitscht.« + +»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so +sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen +widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, -- der Kapitalist +kann seinen Arbeiter verhungern lassen und was die Sicherheit der +Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist, +seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.« + +»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es +andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.« + +»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, -- ja, ich will sogar +einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher +Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie +ein Pferd kaufen -- seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen, +und danach den Preis bezahlen, -- Speculanten halten, Sklavenzüchter, +Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, -- das +ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der +civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem +Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen +zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht +auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.« + +»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte +Ophelia. + +»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug +von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht +widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran +seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt +nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred +ein harter Herr ist, -- keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig +gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte, +eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im +Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut +beherbergt zu sehen.« + +»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz +aufgabst?« + +»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred +deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern, +daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert +hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein +dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, -- den +Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit, +Brutalität und Laster, -- nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies +mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst +einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich zu viel natürliche +Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die +Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn +sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten, +so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst +thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen +lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle +Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich +auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in +früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer +Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde, +und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem +Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben, +während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich +kam hierher.« + +»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte +Ophelia. + +»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten, +um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; -- allein sie +zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so +häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses, +für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder. +Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.« + +Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach +einer Pause fuhr er fort: + +»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen +hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück +Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle +Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, -- mein Geburtsland von +diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen Männer haben +einmal solche Fieberanfälle gehabt, -- aber dann --« + +»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest +Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.« + +»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte, +und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns +Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde +Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren +Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz, +das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred +macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn +er steht wirklich über mir, -- er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist +eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als +ein verächtliches non sequitur ist.« + +»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung +zufrieden stellen?« + +»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte? +Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, -- wir sprachen von dem +Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei +besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade +ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so +schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr +darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß +eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein +großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England +können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die +sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in +unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden +deren Geister schneller, als wir es können. Wenn Eva nicht mehr +Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir +könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben, +daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem +unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere +Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten +ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für +dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst +eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine +Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit +nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.« + +»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte +Ophelia. + +»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, -- daß eine Musterung der Massen +jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein +dies irae+ +früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England +und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen +Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und +alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als +ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als +sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da +kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft +erleiden mögen?«« + +»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern +bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und +ihn mit tiefem Gefühle anblickte. + +»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und +nieder, -- aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und +nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die +Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder, daß +ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.« + +Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube, +Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.« + +»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,« +entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren +sind.« + +»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen +von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie +nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so +etwas nicht vorkommen.« + +»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte +sie sich dem Trunk ergeben.« + +»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft +unglücklich. -- Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere +Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran, +daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar +durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte +einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit +zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und +verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und +gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte +Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb +im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters +Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.« + +»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare, +»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht +hatten.« + +»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas +ausgeführt hättest!« + +»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, -- ein geborener Afrikaner, +der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in +sich trug, -- ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio. +Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem +Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände, +weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug +er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich +grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem +wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war +aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine +eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen +bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn +einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es +wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden +und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß +die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd +machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die +Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald, +und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und +ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem +undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und +setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die +Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei +mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er +verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte. +Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir +auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese +herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen +Gefangenen. Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte, +ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand +auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich +meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so +zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.« + +»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie. + +»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer, +ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und +pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger +Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er +gehen könne wohin er wolle.« + +»Und ging er?« fragte Miß Ophelia. + +»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte +sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener +um mich, -- zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum +Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war +er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften +musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte +eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank, +und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei +mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und +brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch +wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen +Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.« + +Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er +diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet +waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse +sprach. + +Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in +Thränen aus, und schluchzte krampfhaft. + +»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr +zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog. +»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, -- +es ist zu nervenschwach.« + +»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich +sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich +bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge ~sinken mir in's +Herz~.« + +»Was meinst Du damit, Eva?« + +»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken. +Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.« + +»Nun, so denke immer zu, Kind, -- nur weine und quäle Deinen Papa +nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne +Pfirsich ich für Dich habe!« + +Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch +immer ein fieberhaftes Zucken schwebte. + +»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend, +und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später +erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr +Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des +Hofes jagten. + + * * * * * + +Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen +nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem +kleinen Verschlage über dem Stalle begleiten wollen, so können sie +etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches, +kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell +enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt +sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen, +die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht +nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen +Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten +kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht +erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und +jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner +Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn +er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch +wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und +in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf +seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter. + +»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie. + +»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an +meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner +Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit +fertig werden.« + +»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich. +Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich +habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf +dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und +gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen +Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft +über ihre Produktionen freuten. + +»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva, +während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen +wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von +ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß +er Dich zurückgehen lasse.« + +»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie +es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master +Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum +Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen +Kleidern hervorzog. + +»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!« + +»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich +bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, -- +denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!« + +»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür +trat. + +Tom und Eva sprangen auf. + +»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die +Tafel blickte. + +»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, -- »ist es +nicht hübsch?« + +»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare, +»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich +schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause +komme.« + +»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine +Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, -- verstehst Du, +Papa? sie hat ihm das versprochen.« + +St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine +solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten +machen, um deren Schrecken vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne +wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen; +aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die +Pferde aus dem Stalle zu holen. + +Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und +auf die Post befördert. + +Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle +Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber +einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, -- eine +Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu +geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen. + +Der höhere Cirkel des Haushalts, -- wie Adolph, Jane und Rosa, -- waren +der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten +verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer +Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St. +Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem +Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und +in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich +beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen +bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender +Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit +zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf +zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war +wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 *** diff --git a/76640-h/76640-h.htm b/76640-h/76640-h.htm new file mode 100644 index 0000000..6276232 --- /dev/null +++ b/76640-h/76640-h.htm @@ -0,0 +1,6492 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Onkel Tom's Hütte | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 {font-size: 210%} +h2,.s2 {font-size: 160%} +.s3 {font-size: 115%} +.s5 {font-size: 75%;} + +h1 { page-break-before: always; + font-weight: normal;} + +h2 { + padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.5em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} + +.mright5 {text-align: right; + margin-right: 5em;} + +.mtop3 {margin-top: 3em;} +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} + +.padtop2 {padding-top: 2em;} +.padbot2 {padding-bottom: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} + +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt{ letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto;} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Poetry */ +.poetry-container_r {text-align: right;} +.poetry {display: inline-block;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} +@media print { .poetry {display: block;} } + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +.illowp46 {width: 46%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter geschaffen. Ein Urheberrecht +wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowp46" id="illu_001"> + <img class="w100" src="images/illu_001.jpg" alt="titelblatt"> +</figure> + + +<h1>Onkel Tom's Hütte</h1> + +<p class="center">oder die</p> + +<p class="s2 center">Geschichte eines christlichen Sklaven.</p> + +<p class="center">Von</p> + +<p class="s3 center mbot3"><b>Harriet Beecher Stowe.</b></p> + +<p class="center">Aus dem Englischen übertragen</p> + +<p class="s5 center">von</p> + +<p class="center mbot2"><b>L. Du Bois.</b></p> + +<p class="center">Zweiter Band.</p> + +<p class="center mtop3"><b>S. Zickel.</b></p> + +<p class="center">Nro. 19. Dey-Street.</p> + +<p class="center">NEW-YORK.</p> + +<hr class="full"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.<br> +<span class="s5">Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.</span></h2> +</div> + + +<div class="poetry-container_r s5"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Man hört eine klägliche Stimme und</div> + <div class="verse indent0">bittres Weinen auf der Höhe; Rachel</div> + <div class="verse indent0">weinet über ihre Kinder und will sich</div> + <div class="verse indent0">nicht trösten lassen über ihre Kinder,</div> + <div class="verse indent0">denn es ist aus mit ihnen.«</div> + </div> +</div> +</div> + + + +<p>Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder +eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein +sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben +einander sitzen, — auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren, +Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben +Gegenstände darbieten, — es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit +sich oft in denselben findet!</p> + +<p>Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite +und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett +und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er +dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte +an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer, +Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten +geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie +menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> +und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom +den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er +seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche +Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine +Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die +er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb +erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!</p> + +<p>Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches, +die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten: +»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige +suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; +denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten +Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben +von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher +Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und +erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da, +wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.</p> + +<p>Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und +begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er +war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem +halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch +zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise +recitirte er langsam den folgenden Paragraph:</p><br> + +<div class="blockquot"> + +<p>»<em class="gesperrt">Meistbietender Verkauf.</em> — <em class="gesperrt">Neger!</em> — In Gemäßheit +gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor +der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden +Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> alt, Ben, +21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der +Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford, +Squire.«</p> + +<p class="mright5">Samuel Morris,<br> +Thomas Flink.</p><br> +</div> + +<p>»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in +Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich +will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter +nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute +Gesellschaft thut, — verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden +Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch +stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«</p> + +<p>Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem +eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl +Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von +diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in +Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte +Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs +einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets +auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen +war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine +Rechtschaffenheit: — er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz +sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und +Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, — den Einen in +einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.</p> + +<p>Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine +gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, — rauchend, kauend, +speiend, fluchend, und<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen +Geschmacke der Einzelnen, — und Alle auf den Anfang des Verkaufs +wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in +einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib, +welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt +und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig +Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und +war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer +Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche +von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer +starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach +südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an +ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden, +der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.</p> + +<p>»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern, +»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne +es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«</p> + +<p>»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre +zitternden Hände aufhebend; — »ich kann noch kochen, und scheuern, und +arbeiten; — ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; — sage +ihnen das, — sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.</p> + +<p>In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den +alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine +Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken +beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu +zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung +vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ +ihn seine<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn +dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.</p> + +<p>»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit +leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch +stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, — groß viel, Master.«</p> + +<p>»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr +wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden +gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe +stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine +Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.</p> + +<p>»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung +gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu +reguliren.</p> + +<p>»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die +Jungen und den Buben.«</p> + +<p>»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,« +entgegnete der Mann.</p> + +<p>»Ist 'ne harte Bedingung, — ist nichts als ein altes Knochengerippe, +— das Salz nicht werth.«</p> + +<p>»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.</p> + +<p>»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus, +und verrückt dazu.«</p> + +<p>»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr +drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.</p> + +<p>»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, — +sicher, hab' sie gesehen.«</p> + +<p>»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, — +'s scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, — glaube, sie +wird billig mit hinein gehn.«</p> + +<p>»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's +ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> — ist gut zu 'nem +Plantagenarbeiter; — mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht, +wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.</p> + +<p>»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.</p> + +<p>»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.</p> + +<p>Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der +Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig +thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die +Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach +ihrem Sohne.</p> + +<p>»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, — dicht, — sie werden uns +zusammen ausbieten,« sagte sie.</p> + +<p>»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.</p> + +<p>»Sie müssen, Kind; — kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht +thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.</p> + +<p>Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun, +daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die +verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen, +die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon +hatte Haley erstanden.</p> + +<p>»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer +berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«</p> + +<p>»Stellt uns zusammen aus, zusammen, — bitte, Master!« sagte die alte +Frau, den Knaben fest haltend.</p> + +<p>»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst +zuletzt! — Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er +den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes +Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte +keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> aus seinen großen, +glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.</p> + +<p>Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes +Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern, +und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des +Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von +einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte, +bis der Hammer fiel, — Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem +Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen +Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter, +zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.</p> + +<p>»Kauft mich auch, Master, — um des lieben Jesus willen! — kauft mich +auch, — oder ich komme um!«</p> + +<p>»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, — das ist die Sache,« sagte +Haley, — »nein!« und drehte sich um.</p> + +<p>Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener +Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid +zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer +begannen sich zu zerstreuen.</p> + +<p>Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen +aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte +Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.</p> + +<p>»Konnten sie mir nicht Einen lassen? — Master hat immer gesagt, ich +sollte Einen behalten, — er hat's immer gesagt!« wiederholte sie +fortwährend mit herzbrechenden Tönen.</p> + +<p>»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den +Männern mit wehmüthiger Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.</p> + +<p>»O Mutter, Mutter! — nein — nein — sei ruhig!« rief der Knabe. »Die +Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«</p> + +<p>»Frage nichts danach, — frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind, +mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«</p> + +<p>»Kommt hier, nehmt sie weg, — kann's denn keiner?« sagte Haley +trocken, — »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«</p> + +<p>Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung +von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und +versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen +Herrn geleiteten.</p> + +<p>»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte +ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke +schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie +vor sich her dem Gefängnisse zu.</p> + +<p>Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften +wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den +Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch +andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen +Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten +wurden.</p> + +<p>Das Boot, <em class="antiqua">La Belle Rivière</em>, ein so schönes und braves Fahrzeug, +als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem +glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und +Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke +Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles +war lebendig, fröhlich und heiter, — Alles, nur Haley's Leute nicht, +welche<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz +erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus +nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen +gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.</p> + +<p>»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe, +Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört +ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich +will's gut mit Euch machen.«</p> + +<p>Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl, +Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir +müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie +hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter, +Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, — +und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen +fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.</p> + +<p>»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt« +bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie +legte, — »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«</p> + +<p>»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.</p> + +<p>»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John. +»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,« +fügte er hinzu.</p> + +<p>Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die +Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer +gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und +versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.</p> + +<p>Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten +und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum, +gleich eben so vielen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und +behaglich.</p> + +<p>»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist +ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten +sitzen.«</p> + +<p>»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen +Betrübniß und Unwillen.</p> + +<p>»Was ist das?« fragte eine andre Dame.</p> + +<p>»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.</p> + +<p>»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.</p> + +<p>»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!« +bemerkte eine andre Dame.</p> + +<p>»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von +feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen +beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, +um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich +glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre +Freiheit hätten.«</p> + +<p>»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl +befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung +Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der +Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die +Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, — in dem Zerreißen +der Familien, zum Beispiele.«</p> + +<p>»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein +Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr +aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das +nicht sehr oft vorkommt.«</p> + +<p>»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich +habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen, +um mit Schauder<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame, +Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«</p> + +<p>»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den +unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter +einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.</p> + +<p>»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das +sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin +unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie +<em class="gesperrt">Gefühle</em> haben, grade eben so tiefe, — und vielleicht noch +tiefere, — als wir.«</p> + +<p>Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah +zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die +Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch, +daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«</p> + +<p>»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das +afrikanische Geschlecht dienstbar sei, — und in Erniedrigung gehalten +werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer +Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß. +»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen +Brüdern.«</p> + +<p>»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann, +der dabei stand.</p> + +<p>»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen +Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger +Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu +widersprechen.«</p> + +<p>»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der +Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, — nicht wahr, Squire?« fügte +er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche, +am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der +Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und +unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl — +diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.</p> + +<p>»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so +viel nicht drüber sagen können, — habe keine Gelehrsamkeit. Den +Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen; +und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten, +versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«</p> + +<p>»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große +Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu +verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann, +so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände +sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« — was ist +der Name? — und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein +andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem +Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und +begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen, +magern Gesichte spielte.</p> + +<p>Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes +Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun, +was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut <em class="gesperrt">Ihr</em> +ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl +Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««</p> + +<p>»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu +sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.</p> + +<p>Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe, +mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze +Reisegesellschaft, wie gewöhnlich<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> bei solchen Gelegenheiten, sich +auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.</p> + +<p>»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die +Kajüte verließ.</p> + +<p>Der Mann nickte zur Antwort.</p> + +<p>Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das +Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo +die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals +des unglücklichen Stückes Waare, welches als: — »John, dreißig Jahre +alt« — bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen +und Schluchzen um ihren Gatten.</p> + +<p>Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte, +Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu +wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten +und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu +werden, — jeder Tag erzählt sie, — und zwar dem Ohre Eines, der nicht +taub ist, wenn er auch lange schweigt.</p> + +<p>Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes +gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute +jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner +Seite stehen.</p> + +<p>»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie, +wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese +armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach +Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die +mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen +armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie +dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.</p> + +<p>»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend, +»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's +scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts — nicht wahr?«</p> + +<p>Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.</p> + +<p>»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott +auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens, +wie wir alle müssen, glaub' ich.«</p> + +<p>Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.</p> + +<p>»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei +Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt +an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor +und begann seine Rechnungen zu summiren, — ein Geschäft, welches +schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein +unruhiges Gewissen benutzt haben.</p> + +<p>Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor. +Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber +nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.</p> + +<p>Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky +vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er +sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem +mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und +schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley +eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen +Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz +anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen +Mantelsack nachtragend.<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie +sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so +das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff, +die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß +hinunter.</p> + +<p>Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und +Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem +Kinde zu spielen.</p> + +<p>Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte +sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.</p> + +<p>Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und +hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:</p> + +<p>»Ich glaub's nicht, — ich will's nicht glauben! — Ihr wollt mich nur +zum Narren halten!«</p> + +<p>»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein +Papier hervorziehend, — »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da +ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu +bezahlt, — kannst's glauben, — also nun?«</p> + +<p>»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht +wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.</p> + +<p>»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. — +Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so +gut und lest das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr +sage, was es ist.«</p> + +<p>»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,« +sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es +ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«</p> + +<p>Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald +eine große Anzahl Zuschauer um<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> sie, denen Haley kurz auseinander +setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.</p> + +<p>»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in +demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet; +— das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht +glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.</p> + +<p>»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,« +sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht +hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«</p> + +<p>»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger +werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit +abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf +den Strom hinab.</p> + +<p>»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat +Vernunft.«</p> + +<p>Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter, +milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist, +— jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder +bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser +funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen, +voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr +Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das +Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen +kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch +Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte +es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach +der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann +schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der +Wartung des Kindes zu beschäftigen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<p>Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark +für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in +fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.</p> + +<p>»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der +Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«</p> + +<p>»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.</p> + +<p>Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod, +wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche +Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.</p> + +<p>»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und +ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte, +stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine +Cigarre rauchte.</p> + +<p>Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an, +während dessen er zu Haley sagte:</p> + +<p>»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«</p> + +<p>»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem +Munde blasend.</p> + +<p>»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.</p> + +<p>Haley nickte und rauchte weiter.</p> + +<p>»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.</p> + +<p>»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne +Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar +gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu +gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> die +richtigen Finger dazu, — hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,« +sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.</p> + +<p>»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der +Mann.</p> + +<p>»Ich werde 's verkaufen — erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine +neue Cigarre anzündend.</p> + +<p>»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die +Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.</p> + +<p>»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, — +gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«</p> + +<p>»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,« +bemerkte der Andere.</p> + +<p>»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht +aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht +mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat +überall herum.«</p> + +<p>»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich, +wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin +verlor ihr Junges vorige Woche, — 's ersoff in 'nem Waschfaß, während +sie Zeug aufhing, — und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen +geben.«</p> + +<p>Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem +keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren. +Endlich fuhr der Mann fort:</p> + +<p>»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn +Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«</p> + +<p>Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.</p> + +<p>»Das geht nicht, — lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem +zu rauchen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«</p> + +<p>»Je nun,« sagte Haley, — »könnte 's Junge selbst aufziehen oder +aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt +seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren +zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent +weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«</p> + +<p>»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.</p> + +<p>»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem +Kopfnicken.</p> + +<p>»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent +mehr.«</p> + +<p>»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder +mit großer Bestimmtheit ausspeiend; — »ich will das theilen, um was +wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; — und das ist +Alles, was ich thun kann.«</p> + +<p>»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.</p> + +<p>»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«</p> + +<p>»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.</p> + +<p>»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, — wir kommen da +gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, — macht sich herrlich, — +Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, — paßt vortrefflich, +— mache Alles gern ruhig ab, — hasse allen Lärm und alles Aufsehen.« +Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in +Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner +Cigarre.</p> + +<p>Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville +anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme +gesessen, — welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie +den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in +eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> zwischen den +verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig +darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung, +ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den +Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die +Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber +hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer +sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich +zwischen sie und ihr Kind drängte.</p> + +<p>»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind +aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und +laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm +mit dem Frauenzimmer geben.«</p> + +<p>Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge +verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich +stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf +wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß +daselbst, und — das Kind war fort.</p> + +<p>»Wie — was — wo ist denn —?« begann sie in angstvollem Erschrecken.</p> + +<p>»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; — kannst es jetzt +gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du +konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe +Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es +viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«</p> + +<p>Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern +empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit +gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile +vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den +das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Geübten beunruhigen +können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele +hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge +gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden, +unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, — zur Glorie der Union, daran +zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er +in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den +stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel, +und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen +Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern +Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger +Bewegung entschieden entgegen.</p> + +<p>Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch +das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt +setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an +ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts. +All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich +traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte +weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war +ganz ruhig.</p> + +<p>Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile, +beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich +bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall +überhaupt zuließ.</p> + +<p>»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber +so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht +nachgeben. Du siehst, 's war <em class="gesperrt">nothwendig</em>, 's mußte geschehen!«</p> + +<p>»O laßt mich! Master, — laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme, +welche der eines Erstickenden ähnlich war.</p> + +<p>»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort,<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> »ich meine 's gut +mit Dir, — will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz +ausmachen; — und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, — so ein +hübsches Frauenzimmer wie Du. —«</p> + +<p>»O Master! wenn Ihr <em class="gesperrt">nur</em> nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,« +sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes, +daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner +gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich +um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.</p> + +<p>Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu +Zeit stehen, um sie zu beobachten.</p> + +<p>»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist +doch ruhig; — mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben +allmählig!«</p> + +<p>Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke +genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen +Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und +Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte, +umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur +bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so +würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und +darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen +Handel zu erkennen, — einem Handel, der eine wesentliche Stütze für +eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr. +Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »<em class="gesperrt">sie keine andern Uebel +mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im +socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien</em>.« Allein Tom, +der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze +Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit +dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete +ihm um des<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> <em class="gesperrt">Unrechts</em> willen, was seiner Ansicht nach jenem armen +leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf +den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen, +welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der +Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.</p> + +<p>Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte +nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen +Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den +Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber +das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr +empfinden.</p> + +<p>Die Nacht kam heran, — ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen, +feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von +jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich +hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der +Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf +dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen +gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt, +und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes +Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: — »O! was soll +ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« — bis auch diese Laute +endlich erstarben.</p> + +<p>Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an +ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren +Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen +oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, — der Platz, wo die Frau +gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich! +Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten +sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn +sie sich über nichts geschlossen hätten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim +Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller +Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom <em class="gesperrt">Manne der +Schmerzen</em>, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem +langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage +auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott +ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«</p> + +<p>Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen +lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die +Reihe, sich verwundert umzuschauen.</p> + +<p>»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.</p> + +<p>Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich +nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren, +sondern sagte nur, er wisse es nicht.</p> + +<p>»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn +ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; — +vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«</p> + +<p>Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie +etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß +keine Antwort.</p> + +<p>Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern, +unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den +Schornsteinen, — aber vergeblich.</p> + +<p>»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem +Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; — +sag' mir nichts, — bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier +liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder +zwischen ein und zwei Uhr, — und um vier Uhr war sie fort, und Du hast +die ganze Zeit grade<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt +was drum wissen.«</p> + +<p>»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich +wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser +fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist +Alles, was ich weiß davon.«</p> + +<p>Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher +erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber +Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn +keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in +seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden, +— und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen +Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne +ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich +sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der +ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen +mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da +das Weib in einen andern Staat entflohen war, der <em class="gesperrt">nie</em> einen +Flüchtigen wieder ausliefert, — selbst nicht auf das Verlangen der +glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen +Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper, +nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel<br> +<span class="s5">Die Quäker-Niederlassung.</span></h2> +</div> + +<p>Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große, +geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist, +und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem +reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden +Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit +glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner, +niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus +zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand +darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und +mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie +eine freundliche Einladung aussah, — und endlich ein wirklich bequemer +alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses, +mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in +Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her +wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet — unsere alte +Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als +sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt +stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und +in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie +alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden +geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge +aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich +einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> sprach sich darin +eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie +früher darin zu erkennen gewesen war.</p> + +<p>An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem +Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie +mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht +war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um +sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der +strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin, +welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe +Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte. +Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte +an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern +schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf +der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede +auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten +ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte +nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so +guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen +schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen +worden, — warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen +zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so +verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie +grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte +die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, — entweder in Folge einer +Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen; +gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er +fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an +jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte +Simeon Halliday erklärte oft,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei, +und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt +nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil +seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte +Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen +hatten, — weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, — geistige +und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, — und das Alles von +<em class="gesperrt">einer</em> guten, liebevollen Frau; — Gott segne sie!</p> + +<p>»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?« +sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.</p> + +<p>»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich +wage nicht zu bleiben.«</p> + +<p>»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran +denken, meine Tochter.«</p> + +<p>Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's +Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort +»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.</p> + +<p>Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine +Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:</p> + +<p>»Ich werde — jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe, +ich werde Etwas finden.«</p> + +<p>»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte +Rachel.</p> + +<p>»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« — auf Harry deutend, — »ich kann +Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht +träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie +schaudernd hinzu.</p> + +<p>»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir +nicht solche Gedanken machen. — Der Herr hat es gewollt, daß nie ein +Flüchtling aus<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein +Kind wird nicht der erste sein.«</p> + +<p>Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem +freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in +das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um +ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.</p> + +<p>»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre +beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, — »wie geht Dir's?«</p> + +<p>»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem +Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf +zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und +Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte, +muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare +waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz +zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich +die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen +hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun +mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper +und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz +erfreut hat.</p> + +<p>»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner +Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«</p> + +<p>»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, — recht sehr,« sagte Ruth, ihr +die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin +gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes +Kind, — ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu, +indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich +furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.</p> + +<p>»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam, +und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu +zeigen.«</p> + +<p>In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames, +rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam +herein.</p> + +<p>»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen, +fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht, +und wie er wächst!«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf +ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst +verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann +noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht, +und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um +es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese +Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund +(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen +eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte, +einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog, +und emsig zu stricken begann.</p> + +<p>»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die +Mutter in sanftem Tone.</p> + +<p>Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf +den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft +und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die +Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels, +sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer +deponirt.</p> + +<p>Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze +vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor +ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> +daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.</p> + +<p>»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer +Beschäftigung fortfuhr.</p> + +<p>»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort, +und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen +Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen; +und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um +sie aus dem Bette zu nehmen.«</p> + +<p>»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und +auszubessern ist,« sagte Rachel.</p> + +<p>»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood +krank ist. John war gestern Abend da, — ich will Morgen hingehen.«</p> + +<p>»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort +bleiben mußt,« bemerkte Rachel.</p> + +<p>»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«</p> + +<p>Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen +Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt +in das Zimmer.</p> + +<p>»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in +seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«</p> + +<p>»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.</p> + +<p>»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den +Ofen schob.</p> + +<p>»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit <em class="gesperrt">Freunden</em> +zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er +seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem +Alkoven an der Küche befindlich war.</p> + +<p>»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<p>»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus +dem Alkoven zurückkam.</p> + +<p>Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja« +antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß +öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden +sein.</p> + +<p>»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu +sich rufend.</p> + +<p>»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend, +während sie in den Alkoven ging.</p> + +<p>»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend +hier sein,« sagte Simeon.</p> + +<p>»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.</p> + +<p>»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in +der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer, +von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem +zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen +Zweifel darüber, wer er ist.«</p> + +<p>»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.</p> + +<p>»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, — +komm hierher!«</p> + +<p>Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.</p> + +<p>»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei +hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«</p> + +<p>Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach +ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre +kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze +hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.</p> + +<p>»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen +wir es ihr jetzt sagen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> + +<p>»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie +würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,« +sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.</p> + +<p>»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind +liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es +ihr, — bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's +Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die +Hühner braten, während Du es ihr sagst.«</p> + +<p>Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem +sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in +sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir +Neuigkeiten mitzutheilen.«</p> + +<p>Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst, +auf, und blickte auf ihren Knaben.</p> + +<p>»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände +ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, — geh +hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der +Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den +kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.</p> + +<p>»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,« +wiederholte sie immer von<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll +anblickte.</p> + +<p>Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel +Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig +gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause«« entflohen.«</p> + +<p>Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß +eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte +sie sich nieder.</p> + +<p>»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er +ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«</p> + +<p>»Heut Abend!« wiederholte Elisa, — »heut Abend!« Die Worte verloren +alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um +sie war in Nebel gehüllt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die +kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie +öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit, +wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und +sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung +der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab +nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl +von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort +lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie +in stillem Traume, den Bewegungen<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> der sie Umgebenden. Sie sah die +Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch +mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des +Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und +Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry +ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine +Locken um ihre weißen Finger zu rollen.</p> + +<p>Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an +ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und +fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren, +braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, — +sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von +Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten. +Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, — +sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen +Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise, +murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch +der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem +süßen Traume von Ruhe; — und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie +nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind +aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.</p> + +<p>Sie träumte von einer schönen Gegend, — einem Lande der Ruhe, wie +es ihr schien, — grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem +Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr +zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies, +glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie +näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen +fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! — Es war kein Traum.<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Das +Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an +ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und — ihr Gatte +kniete schluchzend an ihrem Bette.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause. +»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und +Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu +machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer +Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn +in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung +eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während +deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und +Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee +mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und +bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art +sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer +Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte, +so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!« +genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger +haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler +Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen +würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor +Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir +halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> + +<p>Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon +der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen +Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des +Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so +gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; — es schien einem +Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über +dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel +gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit +ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen, +herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn +ihnen Alles wie ein Traum erschien.</p> + +<p>Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen +blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene +Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah +Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich +auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit +und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit +Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als +wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.</p> + +<p>Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen +Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er +verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles +dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser +einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine +Heimath, — eine Heimath, — ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch +nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen +in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während +dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und +wilde Verzweiflung vor dem Lichte<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> des lebendigen Evangeliums hinweg +schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm +sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten +Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht +in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.</p> + +<p>»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?« +fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.</p> + +<p>»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.</p> + +<p>»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«</p> + +<p>»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?« +fragte Simeon lächelnd.</p> + +<p>»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht +eine Schande, solche Gesetze zu geben?«</p> + +<p>»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte +der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um +Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür +eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«</p> + +<p>»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der +eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen +Reformatoren.</p> + +<p>»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat +Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter +wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür +brächte.«</p> + +<p>Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und +sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein +Vater werden.«</p> + +<p>»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> keinen +Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.</p> + +<p>»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen. +Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen +wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«</p> + +<p>»Aber um <em class="gesperrt">meinethalben</em>,« sagte Georg, »ich könnte es nicht +ertragen.«</p> + +<p>»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen, +sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte +Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig +aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher +weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, — Dich und die Uebrigen +Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen +nicht zaudern.«</p> + +<p>»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte Georg.</p> + +<p>»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier +ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht +zu reisen.«</p> + + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Evangeline.</span></h2> +</div> + +<p>Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie +verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung +schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie +gestörte Einsamkeit, und<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und +Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine +Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist. +Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den +Reichthum eines ähnlichen Landes zu? — eines Landes, dessen Produkte +Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt! +Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen, +sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein +Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer +ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch +schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die +Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden +Herzen zu einem unbekannten Gotte, — unbekannt, ungesehen, und +ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle +Leidenden zu erlösen.«</p> + +<p>Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der +meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die +hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses, +glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff +seinen Lauf verfolgt.</p> + +<p>Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen +Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der +Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben, +bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf +seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern +bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke, +in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen +finden wir ihn endlich.</p> + +<p>Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte +gute Meinung, und hauptsächlich durch<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> sein eignes ruhiges und +harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen +abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht, +und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die +unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen +hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben, +und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf +Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu +gehen, wohin er wollte.</p> + +<p>Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den +Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine +Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute +erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu +leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer +Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.</p> + +<p>Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel +zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte +sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden +wir ihn grade jetzt.</p> + +<p>Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes +höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen +zwischen levées von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem +Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden +Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb, +in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens +vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven +bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer +Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des +Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete +sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky, +mit<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> seinen alten, schattigen Buchen, — nach dem Hause seines Herrn, +mit den weiten, kühlen Hallen, — und dicht dabei seine kleine Hütte, +mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten +Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren; +er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er +hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen +seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, — und dann war mit einem Male +Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen +der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und +Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode +seines Lebens für immer dahin sei.</p> + +<p>In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und +sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben, +— die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn +trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen +Wortes oder Zeichens.</p> + +<p>Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner +Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor +sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort +geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter +angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging +nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher +Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte, +ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren +konnte, — ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken +massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist +den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen +Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> seinen Finger besonders +legend, und es halb aussprechend, lies't:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»Euer — Herz — erschrecke — nicht. In — meines — Vaters — Hause +— sind — viele — Wohnungen. Ich — gehe, — Euch — die — Stätte +— zu — bereiten.«</p> +</div> + +<p>Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein +Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, — +vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero +konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und +keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn +er diese Worte gesehen hätte, — zehn gegen eins — er würde ihnen +nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die +Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen +beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er +es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit +eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.</p> + +<p>Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen +von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene +Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden, +die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben +würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von +den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg +vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch +starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche +seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese +Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den +verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten,<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die +Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während +sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere +häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm +seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie +die Verheißung eines zukünftigen zu sein.</p> + +<p>Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von +bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte, +und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine +Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in +verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter +ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.</p> + +<p>Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, — denn es war eins +jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so +wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine +Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht +wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in +ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer +Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und +allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen, +dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge, +als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel, +der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte, +Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres +Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune +Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle +Ernst ihrer veilchenblauen Augen, — Alles zeichnete sie von andern +Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie +auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine +weder ein ernstes, noch trauriges<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Kind. Im Gegentheile schien ein +lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern +im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen +Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte +eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem, +nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für +sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren +fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie +sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen; +und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was +sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem +ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten +gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder +beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und +oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo +ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.</p> + +<p>Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß +und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte, +beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien +sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener +Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen +Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf +ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen +Testamente hervortreten.</p> + +<p>Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und +Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten +und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten, +oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und +schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> entfernte. Oefters +auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk, +Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und +dann wieder verschwand.</p> + +<p>Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige +Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er +kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und +beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte +niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske +Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark +schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und +Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen +magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder +seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und +Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu +einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.</p> + +<p>Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie +vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie +ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer +Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten +Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen +Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger +Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.</p> + +<p>»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug +vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.</p> + +<p>»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle +Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«</p> + +<p>»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> immer Onkel Tom zu +nennen, weit von hier, in Kentucky.«</p> + +<p>»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich +lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, Miß Eva.«</p> + +<p>»Du weißt nicht?« sagte Eva.</p> + +<p>»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an +wen.«</p> + +<p>»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich +kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum +bitten.«</p> + +<p>»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.</p> + +<p>Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz +einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf +ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen +des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei +beschäftigt.</p> + +<p>Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren +vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei +Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des +Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das +Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er +that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden +hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine +kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.</p> + +<p>Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie +hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war +im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust, +wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis +sie nach wenigen Momenten<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie +dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes +und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm +entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug +sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich +in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein +lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am +meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des +Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe +von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig +eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die +Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt +und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches +Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu +poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.</p> + +<p>Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen +Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine +Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich +die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber +sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein +junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben +ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen +Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> vor ihm lag. +Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn +dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe +golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde; +und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem +Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und +Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks; +Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser +Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und +etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen +Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit +sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer, +halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge +die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt +wurde.</p> + +<p>»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko, +vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter +Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte, +wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich +betrügen? Heraus damit!«</p> + +<p>»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den +Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, — grade nur, +mein' Seel!«</p> + +<p>»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit +spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn +mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«</p> + +<p>»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm +gefunden zu haben, — und natürlich genug.«</p> + +<p>»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> in Anspruch. Also, +um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt +Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein +besonderes Gefallen an ihm hat?«</p> + +<p>»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an, +— die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die +hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können. +Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon +viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen +Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, — ich +kann's Ihnen zeigen, — natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben +Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen, +— hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«</p> + +<p>»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete +der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut +nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon, +oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte, +Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«</p> + +<p>»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber +ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß +er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine +gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er +her kommt.«</p> + +<p>»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine +Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble +Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«</p> + +<p>»Sie wollen Scherz machen!«</p> + +<p>»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> ausgegeben? Ist +er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere +sehen.«</p> + +<p>Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner +Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei +am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er +vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige +Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und +begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge +Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene +muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.</p> + +<p>»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,« +flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm +um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß +es. Ich möchte ihn gerne haben.«</p> + +<p>»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«</p> + +<p>»Ich will ihn glücklich machen.«</p> + +<p>»Ein origineller Grund, in der That.«</p> + +<p>Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby +unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen +Finger berührte, und nachlässig überblickte.</p> + +<p>»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich +bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er +hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte; +»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen +weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den +Wahlen haben, — solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und +Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich +weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe +seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> um zu wissen, was mit zu +machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion +an?«</p> + +<p>»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber +'s ist doch <em class="gesperrt">Verstand</em> in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein +Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, — wie +die Brüder, und dann die Singer und Schreier; — die alle taugen +nichts, in Weiß oder Schwarz; — aber diese Art ist wirklich. Hab' +sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, — die wirklichen sanften, +stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht +verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen +ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«</p> + +<p>»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein +Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich +<em class="gesperrt">diese</em> Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche +da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, — +nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür +zu geben. Was meint Ihr?«</p> + +<p>»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke +mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«</p> + +<p>»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und +darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten +nöthig hat, — nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er +sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer +Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die +Noten einhändigte.</p> + +<p>»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog +Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er +nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.</p> + +<p>»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> er das Papier +überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt +und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für +eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel +für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott, +ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! — Aber +komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das +Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das +Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:</p> + +<p>»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«</p> + +<p>Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche, +hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte +die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde +antwortete: »Gott segne Sie, Master!«</p> + +<p>»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? — Tom? Kannst Du mit +Pferden umgehen, Tom?«</p> + +<p>»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele +Pferde auf.«</p> + +<p>»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß +Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in +besonderen Fällen, Tom.«</p> + +<p>Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke +nie, Master.«</p> + +<p>»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen. +Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust. +Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er +sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du +den Willen hast, ordentlich zu sein.«</p> + +<p>»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.</p> + +<p>»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> »Papa ist sehr gut +gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«</p> + +<p>»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare, +während er sich lachend umwandte und fortging.</p> + + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehntes_Kapitel">Fünfzehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.</span></h2> +</div> + +<p>Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen +verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen +etwas näher bekannt zu machen.</p> + +<p>Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. +Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die +in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich +der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während +der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's +Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der +Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war. +Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da +Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution +ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter +mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Vermont gesendet worden, um +seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's +zu stärken.</p> + +<p>In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche +Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen +Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines +eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog +diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters, +und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im +Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren +ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale +und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich +bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens. +Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete +sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für +alles Romantische. Seine Stunde schlug, — die Stunde, die nur einmal +schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, — der Stern, der so oft +vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht +wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter +zu verfolgen, — er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen, +schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit +ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen, +kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger +Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück +gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes +versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder +zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein +werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte +er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch +eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> zu können. Zu stolz, +eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf +einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der +erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die +nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte +einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der +runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt +ihn für glücklich.</p> + +<p>Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen +glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain +um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl +bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er +sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung +und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm +so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch +so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer +Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später +war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete +er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und +überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung +der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes +ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne +desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich +ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe, +bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre +Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich +den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt +habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und +Versicherungen ewiger<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen +Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:</p> + +<p>»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, — aber zu spät. Ich glaubte +Alles, was mir gesagt wurde; — ich war verzweifelt. Ich bin +<em class="gesperrt">verheirathet</em>, und Alles ist nun vorbei. Vergessen — ist das +Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«</p> + +<p>Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber +das <em class="gesperrt">Wirkliche</em> blieb ihm, — das Wirkliche, gleich dem Schlamme +der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen +Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der +Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, — +entsetzlich wirklich.</p> + +<p>In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben, +— und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht +gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht. +Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig, +der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen, +Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter +»<em class="gesperrt">leben</em>« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig. +Wäre seine Frau ein <em class="gesperrt">ganzes</em> Weib gewesen, so hätte sie viel thun +können, — wie ein Weib es kann, — um die zerrissenen Lebensfäden zu +heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein +Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren. +Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt, +einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine +dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken +Geiste Linderung zu verschaffen.</p> + +<p>Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde, +und plötzlichen Kopfschmerz als<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Ursache seiner Verstörung vorschützte, +empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die +Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie +nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich +sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz +behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei, +da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu +gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen, +nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im +Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet +hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen +vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche, +junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich +hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben +könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig +gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß, +war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher +Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern +Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren; +und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben +könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr +Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt, +was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön, +vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise +alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu +ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin +ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß +er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen, +daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger +Gläubiger<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen +unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus +selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto +eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit +den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während +der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine +Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es +folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St. +Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und +Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen +Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit +in sich rege werden.</p> + +<p>St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und +reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen, +in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde. +Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt, +und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in +ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in +demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes +war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend +geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und +Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das +Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende, +junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend +an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in +jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in +der Natur ansah.</p> + +<p>Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände +der Dienstboten fiel, so fühlte<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> sich St. Clare in seiner Wirthschaft +nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich +zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere +Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr +Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte +sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine +Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen +Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf +dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.</p> + +<p>Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor +unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere +Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.</p> + +<p>Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht +erinnern, in einem kühl gelegenen Dorfe ein großes Farmgebäude +wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten +Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille, +Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem +Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts +geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein +Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte +Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb +desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe +Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und +alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie +die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es +genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit +seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's +verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich +ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> werden im +Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der +Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen +beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre, +oder überhaupt zu thun wäre, — sie und ihre Töchter hatten in einem +lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der +Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu +sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften +waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier +Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie +dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse +daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz +erlangten.</p> + +<p>Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß +Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren +zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung +im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde +sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder« +angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den +ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der +alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor +und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las +Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der +klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute +Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort +sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den +Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«</p> + +<p>Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's +Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon +spreche,« mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und +das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in +diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der +Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte, +hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen +könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu +bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß +Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß +die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen +dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen +hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war, +wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn +feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und +Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley, +welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und +Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten, +verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit +der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in +Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig +Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich +dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue +seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden +seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die +öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß +es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere +behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären +zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher +Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile +Amerikas<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen +Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden +möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von +gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem +mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, — allein dieser +Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis +jetzt noch unentschieden.</p> + +<p>Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem +glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut, +und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen +waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist, +in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre +scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck +hatten.</p> + +<p>Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und +obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen +doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren +Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und +Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine +Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem +zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.</p> + +<p>Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, — die Summe aller Uebel +— drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und +sehr bedeutungsvolles Wort aus: — »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer +tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des +Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand, +welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt +vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts +thaten, oder sich nicht deutlich dessen<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> bewußt waren, was sie thaten +oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung +ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung, +die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes +ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber +zu sagen.</p> + +<p>Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren, +kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den +älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb +gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle +fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt +grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es +an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit +waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen +Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen +politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag +tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip +ihrer ganzen Existenz — Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die +absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt +hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer +bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon +zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den +Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß +gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die +Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte +so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie +mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch +nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden +Gefühle der<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen +düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.</p> + +<p>Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen? +— dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen +jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit +leichter, unverschämter Freiheit behandelte?</p> + +<p>Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein +Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine +Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für +den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl +besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte, +einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und +fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen, +daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und +daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und +seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der +fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee +eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann +liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun +mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah, +so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine +Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für +unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu +lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr +selbst entdecken.</p> + +<p>Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten +Menge großer und kleiner Reisetaschen,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Kisten und Körben, die sie mit +großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.</p> + +<p>»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, — wie +Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue +Bandschachtel mit Deiner besten Haube, — das sind zwei; und hier die +Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier; +und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und +der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm +gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit +meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; — so, nun ist's recht.«</p> + +<p>»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, — wozu denn das?« fragte +Eva.</p> + +<p>»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht +nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht +eingepackt, Eva?«</p> + +<p>»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«</p> + +<p>»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere, +Rollen, Messer, — richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn +nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich +sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«</p> + +<p>»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir +irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«</p> + +<p>»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«</p> + +<p>»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.</p> + +<p>»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.</p> + +<p>»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu +voll, um zugemacht werden zu können.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>»Er <em class="gesperrt">muß</em> zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer +Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den +Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des +Koffers sichtbar.</p> + +<p>»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden +ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen +lassen.«</p> + +<p>Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene +Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia +steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.</p> + +<p>»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß +das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«</p> + +<p>»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine +Orange.«</p> + +<p>»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die +Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm +sagtest?«</p> + +<p>»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch +nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser +Haus, jene Straße dort hinauf!«</p> + +<p>Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich +mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der +<em class="antiqua">levée</em> hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen +Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie +ihre Geburtsstadt erkannte.</p> + +<p>»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber, +Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«</p> + +<p>Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: — Kellner flogen +hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen, +Frauen<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in +dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.</p> + +<p>Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer +nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer +Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten +Augenblicke zu vertheidigen.</p> + +<p>»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« — »Soll ich Ihr Gepäck +tragen? — Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« — +regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger +Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen, +hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und +antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich +dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva +ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte, +wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht +über Bord gefallen sein, — aber irgend Etwas müsse geschehen sein!« +und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in +seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen +Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:</p> + +<p>»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«</p> + +<p>»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß +Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«</p> + +<p>»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf +uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne +hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm +stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«</p> + +<p>»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,« +bemerkte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,« +entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche +aussuchte.</p> + +<p>»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so +zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen +annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für +ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie +aufladen, als wenn es Eier wären.«</p> + +<p>Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre +Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen, +und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.</p> + +<p>»Wo ist Tom?« fragte Eva.</p> + +<p>»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein +Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen +umwerfen ließ.«</p> + +<p>»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er +wird sich nie betrinken.«</p> + +<p>Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches +in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen +Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans +zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete +ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch +ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig +und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes +entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den +Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in +Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen +seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann +unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand +mit einem dichten Kranze blühender<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> Veilchen umgeben war. Das Wasser +in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und +Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen +darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg +mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom +sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze +Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen +einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen +in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten +tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren +glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger +arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last +ihres Blüthenüberflusses senkten, — Alles vereinte hier Blüthenpracht +und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren +sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer, +unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.</p> + +<p>Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude +gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.</p> + +<p>»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte +sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«</p> + +<p>»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es +kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«</p> + +<p>Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller, +stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches +Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem +Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die +Phantasie Ansprechende, — eine Neigung, die, wenn sie bei einem +ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen,<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> wilden Lauf verfolgt, dem +kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.</p> + +<p>St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war, +lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen +schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu +ihm sagte:</p> + +<p>»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«</p> + +<p>»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«</p> + +<p>Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des +Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge +von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe, +durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um +Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger +Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person +<em class="antiqua">distinguée</em>, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der +Hand wehend.</p> + +<p>Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten +bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.</p> + +<p>»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone +großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in +der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«</p> + +<p>Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger +Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger +Entfernung stehen.</p> + +<p>In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich, +als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand +vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit +goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich +anmuthigen Verbeugungen begriffen.</p> + +<p>»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> die Hand entgegen +streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer +Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit +großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.</p> + +<p>»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner +gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das +vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig +herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«</p> + +<p>So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an +der Seite der Veranda befand.</p> + +<p>Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und +das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls +einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit +dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf +dem sie lag.</p> + +<p>»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend, +und sie wieder und immer wieder umarmend.</p> + +<p>»Laß gut sein, — nimm Dich in Acht, Kind, — mache mir keine +Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.</p> + +<p>St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer, +ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie +schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von +Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm +von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein +Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor +Freude und Erwartung stand.</p> + +<p>»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um +ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.</p> + +<p>Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> verursache, +sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe +die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem +sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern, +die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später +versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.</p> + +<p>»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt +<em class="gesperrt">Etwas</em>, das mir nicht möglich wäre.«</p> + +<p>»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden +beleidigen, — aber küssen —«</p> + +<p>»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, — +he?«</p> + +<p>»Nein, das wäre ich nicht im Stande! — Wie kann sie es nur thun?« St. +Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.</p> + +<p>»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, — Mammy, +Jimmy, Polly, Sucky, — freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er, +während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte. +»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen +schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich +auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«</p> + +<p>Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche +Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze +unter sie vertheilte.</p> + +<p>»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St. +Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda +führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel +folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige +Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk +aller Arten gefüllt hatte.</p> + +<p>Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> zurückzugehen, fiel +sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf +den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand +gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die +dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.</p> + +<p>»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand +schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen +behandelst — Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen +Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, — +»es scheint mir, dies ist meine Weste.«</p> + +<p>»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! — natürlich, +ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich +dachte, ich dürfte sie nehmen; — ist für einen armen Nigger, wie ich +bin, noch gut genug.«</p> + +<p>Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit +vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.</p> + +<p>»So, das ist also der Grund, — wirklich?« sagte St. Clare nachlässig. +»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn +hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen +läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist +mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«</p> + +<p>»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin +entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«</p> + +<p>»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.</p> + +<p>Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche +und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und +Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in +ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<p>»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir +endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere +Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer +Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du +es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht +wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«</p> + +<p>Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu erheben.</p> + +<p>»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.</p> + +<p>»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,« +entgegnete St. Clare.</p> + +<p>»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als +ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.</p> + +<p>»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich +in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«</p> + +<p>Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.</p> + +<p>»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.</p> + +<p>»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl +neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«</p> + +<p>»Ja, — Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die +Dame schmollend.</p> + +<p>»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«</p> + +<p>»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.</p> + +<p>»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte <em class="gesperrt">das</em> abschicken +oder nichts.«</p> + +<p>»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine +Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«</p> + +<p>»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus +seiner Tasche hervorziehend und es<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> öffnend. »Hier habe ich Dir ein +Geschenk von New-York mitgebracht.«</p> + +<p>Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide +Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.</p> + +<p>Marie sah es mit unzufriedener Miene an.</p> + +<p>»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte sie nur.</p> + +<p>»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was +hältst Du von der Aehnlichkeit?«</p> + +<p>»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird +sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen +zuschlagend.</p> + +<p>»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut +fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit? +Sei doch nicht thöricht!«</p> + +<p>»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du +mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß +ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit +Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß +ich halb todt bin.«</p> + +<p>»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus +den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig +gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür +gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.</p> + +<p>»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.</p> + +<p>»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte +Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham +Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«</p> + +<p>»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten +am See reif werden, zu diesem Zwecke<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> holen lassen,« sagte St. Clare, +während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du +bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von +der Reise auszuruhen. — Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle +hierher kommen.«</p> + +<p>Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich +geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich +gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und +rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe +arrangirt hatte.</p> + +<p>»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie +ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für +jede Bequemlichkeit.«</p> + +<p>Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.</p> + + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Sechszehntes_Kapitel">Sechszehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Tom's Mistreß und ihre Ansichten.</span></h2> +</div> + +<p>»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an. +Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England, +die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit +geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die +Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens +Ankunft, gemacht.</p> + +<p>»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend. +»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen +wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«</p> + +<p>»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher +Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir +es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so +könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«</p> + +<p>Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und +sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«</p> + +<p>»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn +sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit +mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere +sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«</p> + +<p>»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,« +sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste +Kreatur der Welt; — was würdest Du ohne sie anfangen?«</p> + +<p>»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte +Marie; — »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, — schrecklich +selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«</p> + +<p>»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz +ernsthaft.</p> + +<p>»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, — »ich denke, es ist schrecklich +selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie +weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, — wenn grade +meine Anfälle am schlimmsten sind, — und doch ist sie so schwer zu +erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> nur von den +Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«</p> + +<p>»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?« +fragte Eva.</p> + +<p>»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl +beklagt?«</p> + +<p>»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du +gehabt habest, — so viele hinter einander.«</p> + +<p>»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer +Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St. +Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört +mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich +haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn +Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte, +so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so +aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das +Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.</p> + +<p>Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen, +beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht +geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad +ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören +lasse.</p> + +<p>»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist +sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum +Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen +und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog, +mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein +Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich; +und ich<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten, +einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen +würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals +darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet; +allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf +bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe, +ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen, +weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb +nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann +zu nehmen; aber nein, — sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art +Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie +ich.«</p> + +<p>»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Ja, zwei Kinder.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«</p> + +<p>»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen. +Es waren schmutzige, kleine Dinger, — die ich unmöglich hier +um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit +weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art +Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen; +und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist, +und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne +zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, — sie +sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«</p> + +<p>»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia +blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den +innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund, +während er sprach.</p> + +<p>»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich +wollte, Eure nordischen Dienstboten<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> könnten nur einmal in ihren +Kleiderschrank sehen, — Seide und Mousselin hat sie darin hängen. +Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu +säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen. +Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das +ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben +worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem +Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes +Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt. +Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist +großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und +sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare +so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig +geworden bin.«</p> + +<p>»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.</p> + +<p>Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden, +mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes. +Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um +ihren Hals.</p> + +<p>»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.</p> + +<p>»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, — nur eine? +Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde +auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke —«</p> + +<p>»O Thorheit, Kind, — Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares +Kind!«</p> + +<p>»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist +nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend +Kopfschmerzen.«</p> + +<p>»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> ist gerade wie die +Andern, — macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger +ein wenig weh thut; — nein, so etwas darf man nie bestärken! — +Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich +zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit +dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen +Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände +voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, — Niemand weiß, was +ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und +ich thue es.«</p> + +<p>Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser +Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in +lautes Lachen ausbrach.</p> + +<p>»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine +Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden +Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es +bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.</p> + +<p>Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein. +Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein +Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia +und Marie blieben allein am Tische sitzen.</p> + +<p>»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch +mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der +Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger +sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit +Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen +wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich +einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets +für mich behalten und getragen, bis<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> St. Clare endlich zu der Meinung +gekommen ist, ich könne Alles tragen.«</p> + +<p>Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf +erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte, +trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im +Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu +machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch, +über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele +Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer +und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig +verwirrt geworden sein würde.</p> + +<p>»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben; +so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein +werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; — nur Eva, — +sie erfordert Aufmerksamkeit.«</p> + +<p>»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah +nie ein besseres.«</p> + +<p>»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare +Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte +sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige +Betrachtung wäre.</p> + +<p>Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte +Klugheit genug, es für sich zu behalten.</p> + +<p>»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten, +und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe +auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, — es hat mir durchaus +keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur, +die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist +sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St. +Clare, glaube<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur +unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«</p> + +<p>Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.</p> + +<p>»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als +den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich +von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus +voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie +selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? — ich weiß +es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer <em class="gesperrt">gütig</em> gegen die +Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie +<em class="gesperrt">ihre Stellung fühlen lassen</em>. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde +noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines +Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot, +bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein +Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde, +wenn es sich selbst überlassen wäre.«</p> + +<p>»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für +menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet sind.«</p> + +<p>»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was +einigermaßen angeht, — Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung +bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es +hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je +vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder +sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art +und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen +oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«</p> + +<p>Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen +eines Faulbettes niederfallen, hielt ein<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> feingeschliffenes +Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem +letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem, +eben so Aetherischem ähnlich, fort:</p> + +<p>»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es +ist nicht meine Gewohnheit, — es sagt mir nicht zu, — und ich habe +auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare +sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden +und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen +Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer +sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist +wenigstens meine Meinung.«</p> + +<p>Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer +Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme +Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas +dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die +finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb +Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu +stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte, +als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen +aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun +haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner +Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden, +zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu +sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein +nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:</p> + +<p>»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten +hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb +auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St.<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> +Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen, +daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles +mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und +besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so, +als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn +er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen, +ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist +St. Clare wirklich fürchterlich, — und ich fürchte mich vor ihm, +so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal +zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden +solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer +solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen. +Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde +seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte; +und ich — es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich +einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute +sind nichts als große Kinder.«</p> + +<p>»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte +Miß Ophelia kurz.</p> + +<p>»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne +Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese +Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare +Klasse von Geschöpfen sind.«</p> + +<p>Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand +zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen +auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.</p> + +<p>»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem +täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist +ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet +das verwirrteste<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was +sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien +an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu +veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es +nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn +man uns mit ihnen vergleichen könnte.«</p> + +<p>»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen +hat?« sagte Miß Ophelia kurz.</p> + +<p>»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist +ein entartetes Geschlecht.«</p> + +<p>»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte +Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.</p> + +<p>»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, — Niemand zweifelt daran; +aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir +überhaupt damit verglichen werden könnten, — das ist unmöglich! +St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von +ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist +auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die +Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes +Verhältniß — ganz natürlich, — und doch will St. Clare das nicht +einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben +könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in +allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und +aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu +lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu +viel — selbst für <em class="gesperrt">mich</em>. Ich zeige selten meine Empfindungen; es +ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das +harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von +dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> aus seinen +Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer +dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«</p> + +<p>Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu +müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer +Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.</p> + +<p>»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; — +einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben, +thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner +schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe +meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung +ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun +wollte, was Andere thun!«</p> + +<p>»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern +Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn +ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt +so viel Energie als St. Clare verwalten.«</p> + +<p>»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß +Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«</p> + +<p>»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, — es ist viel +leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt +haben, es ist sonderbar, — das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone +spricht, — dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst +davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten +nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines +Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St. +Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich +hat. Aber Sie werden finden,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß +es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, — das Volk ist so +schlecht, so falsch, so faul.«</p> + +<p>»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was +für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen +haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! — Siehst Du, +Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem +Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar +nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir, +Marie und ich, ihnen geben.«</p> + +<p>»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.</p> + +<p>»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche +erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine +Bemerkungen zu unterstützen.«</p> + +<p>»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,« +sagte Marie.</p> + +<p>»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine +Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«</p> + +<p>»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.</p> + +<p>»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen +Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte, +sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«</p> + +<p>»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses +Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich +geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte +Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«</p> + +<p>»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen +Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit +Dolph hatte, bestand<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten +so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn +hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu +verschaffen.«</p> + +<p>»Wie meinst Du das?« fragte Marie.</p> + +<p>»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich +<em class="gesperrt">einige</em> von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen, +ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine +Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war +wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen +Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten, +und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu +machen.«</p> + +<p>»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig +zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!« +sagte Marie.</p> + +<p>»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel +seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser +auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und +leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht +geben?«</p> + +<p>»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß +Ophelia mit dreister Bestimmtheit.</p> + +<p>»Zu viel Umstände, — Trägheit, Cousine, Trägheit, — was mehr Seelen +ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so +hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es +ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz +alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche +Betrachtung, wahrlich!«</p> + +<p>»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit +auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht +haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie +vernünftige<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Wesen zu behandeln, — wie unsterbliche Geschöpfe, über +die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das +ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer +plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.</p> + +<p>»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt +Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein +munteres Stückchen zu spielen.</p> + +<p>St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war +leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger +Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem +andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen +will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß +Ophelia:</p> + +<p>»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine +Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um +so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren +Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du +bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten +Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«</p> + +<p>»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,« +sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als +wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden +Nutzen für sie, — sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das +anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen, +so — ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen +gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche +können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der +Predigt verstehen, nicht mehr als eine<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Heerde Schweine, — und ich +kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist; +aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon +vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird +es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz +vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie +noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich +kenne sie.«</p> + +<p>Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare +pfiff ein Liedchen.</p> + +<p>»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt +meine Kopfschmerzen.«</p> + +<p>»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst +noch etwas von mir?«</p> + +<p>»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben +könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«</p> + +<p>»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«</p> + +<p>»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach +Befehl reden, — wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu +stellen.«</p> + +<p>Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch +die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die +Gardine zur Seite und lachte mit.</p> + +<p>»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.</p> + +<p>Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit +Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen +Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf +sein Knie setzte.</p> + +<p>»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und +schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie +seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine +Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung +bitten.</p> + +<p>»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«</p> + +<p>»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund +liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und +unsterblich ist, schauderst Du, — gestehe es nur, Cousine. Ich kenne +einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die +kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen; +Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, — sie +beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft +während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie +viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt +einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und +dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt +sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu +thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches +Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre +nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure +Meinung?«</p> + +<p>»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas +Wahres darin liegt.«</p> + +<p>»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?« +sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete, +welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> +die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero; +seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und +methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug +und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und +er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies +ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und +Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«</p> + +<p>»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe +glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden hört.«</p> + +<p>»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk +gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich +fürchte, auch kein Ausüber derselben.«</p> + +<p>»Wie kannst Du denn so reden?«</p> + +<p>»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube +Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen, +was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen +Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein +Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu +sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, — die +instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, — +hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer +Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Fahrten sein dürfe; +und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere +Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, — Befehle, welche, wie +unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm +waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte +ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein +Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung +eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie +durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe +komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn +ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr +leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei, +allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah +deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem +sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien +Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte +ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer +seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.</p> + +<p>Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung, +für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und +er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die +Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes, +die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen, +welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.</p> + +<p>Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen +können, — und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil +in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen +wird, — so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Pracht +erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens +nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des +Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen +und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes +erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und +mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen +des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird +ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen +Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen +höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen +Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In +allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines +ächt <em class="gesperrt">christlichen Lebens</em> geben, und vielleicht hat Gott, da er +diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends« +ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu +machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken +ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten sein.</p> + +<p>Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare +beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet +in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes +Handgelenk befestigte? — Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas +Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller +Rüstung, — Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, — im Begriffe, in +eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es +nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie +nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen, +und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie +sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> auch sehr gute, +elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete +den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes +Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern +ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen +Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene +persönliche Erscheinung.</p> + +<p>»Wo ist Eva?« sagte Marie.</p> + +<p>»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,« +entgegnete Ophelia.</p> + +<p>Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es +wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.</p> + +<p>»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«</p> + +<p>»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; — brauchen sich darum +nicht zu ängstigen.«</p> + +<p>»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind, +indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, — «Du sollst mein +Riechfläschchen nehmen.«</p> + +<p>»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, — +würde sich nicht passen, — gar nicht!«</p> + +<p>»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es +immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen. +Nein, Du sollst es nehmen, — mir zum Gefallen.«</p> + +<p>»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das +Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer +Mutter.</p> + +<p>»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«</p> + +<p>»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben, +welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«</p> + +<p>»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, —<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> »Dein goldenes +Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich +schickt? — Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es +zurück!«</p> + +<p>Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich +langsam um.</p> + +<p>»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr +gefällt!« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?« +entgegnete Marie.</p> + +<p>»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel +besser fortkommen, als Du oder ich!«</p> + +<p>»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft +berührend, »es thut Mutter weh.«</p> + +<p>»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte +Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.</p> + +<p>»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«</p> + +<p>»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche +ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist +gar nicht anständig und achtungswerth.«</p> + +<p>»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um +zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit +breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde +ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens +Etwas, was Einen munter erhält.«</p> + +<p>»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.</p> + +<p>»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche, +Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva, +willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte +St. Clare.</p> + +<p>»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.</p> + +<p>»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft +schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«</p> + +<p>»Weshalb gehst Du denn also hin?«</p> + +<p>»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir, +daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht +wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch +überhaupt nicht so sehr langweilig!«</p> + +<p>»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist +ein gutes Kind, bete für mich.«</p> + +<p>»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der +Mutter in den Wagen sprang.</p> + +<p>St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während +der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen +Augen.</p> + +<p>»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu +einem Evangelium für mich gesandt?«</p> + +<p>Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine +Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War +er anders, als andere Leute?</p> + +<p>»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut, +freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht +recht, sie <em class="gesperrt">grade</em> so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder +andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy +krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen, +— nicht wahr?«</p> + +<p>»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva, +»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser, +als das ihrige ist.«</p> + +<p>Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Mangel von +Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort +aussprach.</p> + +<p>»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief sie.</p> + +<p>»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.</p> + +<p>Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder +bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck, +und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene +Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den +Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut +in der Kirche?«</p> + +<p>»O, Doktor G — hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.</p> + +<p>»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte +ganz genau mit meinen Ansichten überein.«</p> + +<p>»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen +sein,« sagte St. Clare.</p> + +<p>»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse +und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut +Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und +Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß +es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und +ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um +zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es +so richtig<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht +worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite +sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich +wollte nur, Du hättest ihn gehört.«</p> + +<p>»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der +Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und +dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie +Du weißt.«</p> + +<p>»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte +Miß Ophelia.</p> + +<p>»Wer — ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so +verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände +durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese +Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben +sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere +Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet +das Ganze, — und grade dasselbe, worauf alles das heilige Geschwätz +hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall +verständlich sein.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte +Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«</p> + +<p>»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse +Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns +bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte, +der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange +sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der +Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, — wir +würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«</p> + +<p>»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,«<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sagte Miß Ophelia, +»hältst Du sie für recht oder unrecht?«</p> + +<p>»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben, +Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte, +so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich +herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende +ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher +zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf +die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins +aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«</p> + +<p>»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende +Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die +Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt +eben gethan hat.«</p> + +<p>»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer +unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was +Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden +läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte +Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu +passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht +und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne +gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche, +so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«</p> + +<p>»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte +Miß Ophelia.</p> + +<p>»Die Bibel war das Buch <em class="gesperrt">meiner Mutter</em>,« sagte St. Clare; »nach +ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid +thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich +könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> +trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu +beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde +meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den +Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein +Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem +Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern +Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene +Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der +menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht +aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer +strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß +die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur +so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand +auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für +uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können, +sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb +daran festhalten wollen, — so ist dies wenigstens kräftig, klar und +deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit +für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu +schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr +geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er +gehalten zu werden verdient.«</p> + +<p>»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.</p> + +<p>»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den +Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze +Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, — glaubst +Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung +der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde +dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es +dann entdeckt sein, daß die<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre +Richtung anweise!«</p> + +<p>»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee +ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei +besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, — ja, ich +fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß, +daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«</p> + +<p>»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die +grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer +kam.</p> + +<p>»Worüber, Papa?«</p> + +<p>»Ich meine, — wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei +Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist, +mit vielen Dienstboten?«</p> + +<p>»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.</p> + +<p>»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.</p> + +<p>»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, — verstehst Du?« +sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.</p> + +<p>»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es +ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«</p> + +<p>»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie +auf sein Knie stieg.</p> + +<p>»Nach den Begriffen dieser Welt — beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare. +»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit +gewesen?«</p> + +<p>»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und +Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«</p> + +<p>»Tom singen gehört, he?«</p> + +<p>»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Jerusalem, und den +leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«</p> + +<p>»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«</p> + +<p>»Singstunden, wie? — o, Du nimmst zu!«</p> + +<p>»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er +erklärt es mir dann, was es bedeutet.«</p> + +<p>»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des +ganzen Carnevals.«</p> + +<p>»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, — ich möchte +drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für +Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und +stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte +ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe +seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er +verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«</p> + +<p>»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen +Kunststücken schon öfter gehört.«</p> + +<p>»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn +er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom +schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für +Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser +werden möchte.«</p> + +<p>»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St. +Clare. »Gut, wir wollen sehen, — nicht wahr, Eva?«</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<h2>Siebenzehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Die Vertheidigung des freien Mannes.</span></h2> +</div> + +<p>Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung +Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus +den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich, +ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von +Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die +Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde, +rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen +warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg +und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines +Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen +begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen +sichtbar.</p> + +<p>»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du +bist ein gutes Kind, — viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe +geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien +Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott +der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, — mein eifriges +Streben, — gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun +will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl +unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu +sein.«</p> + +<p>»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen. +Ich verstehe das Kleidermachen,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> und kann feine Wäsche waschen und +plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«</p> + +<p>»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn +diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen +Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind <em class="gesperrt">ihm</em> angehören! +Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder +ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und +abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen +als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas +bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem +fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und +weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich +mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so +will ich zufrieden, — dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld +für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft, +so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für +mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«</p> + +<p>»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch +nicht in Kanada.«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft +fühlte, — sie macht mich stark.«</p> + +<p>In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört, +die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an +die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.</p> + +<p>Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als +Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und +trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er +hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's, +sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz +darauf ist, zu wissen, was<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> er wolle, und mit scharfem Blicke Alles +um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu +dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des +Quäkers paßten.</p> + +<p>»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich +und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist +nöthig, daß Du es hörest.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es +gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen +schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause, +ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes, +Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen +Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit +dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der +Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein +Bett fertig sein würde; und was geschah? — ich schlief fest ein.«</p> + +<p>»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.</p> + +<p>»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn +ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte +ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die +um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte, +ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie +eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden +hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der +Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm, +daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen +und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann, +sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, +der ein<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen +abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans +hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind, +sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten +auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen +helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte +vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein +kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre, +und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo +sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen +hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht +nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns +sein. Was ist also nun zu thun?«</p> + +<p>Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen +Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre +Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten +zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben +haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus. +Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte +ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit +geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie +jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft, +und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar +unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.</p> + +<p>»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.</p> + +<p>»Ich weiß, was <em class="gesperrt">ich</em> thun werde,« entgegnete Georg, indem er in +das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das +hinaus will.«</p> + +<p>»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht +dahin kommen möge.«</p> + +<p>»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,« +sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die +Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten +Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod +und Verzweiflung, und ich auch.«</p> + +<p>»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer +einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das +Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege +als Du.«</p> + +<p>»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.</p> + +<p>»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren, +sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen +wirst, so sag' es mir nur.«</p> + +<p>»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust +wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine +Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen +deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, — junges Blut ist heiß.«</p> + +<p>»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem +Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will +still und ruhig hinausgehen; aber« — er hielt inne, während seine +Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing, +— »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans +verkauft wurde; — ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, — und ich +soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> und es +verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen, +gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum +letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können +Sie mich deshalb tadeln?«</p> + +<p>»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann +nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß +halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«</p> + +<p>»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«</p> + +<p>»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon; +»das Fleisch ist schwach.«</p> + +<p>»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,« +sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle +ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht +einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit +ihm abzumachen haben solltest.«</p> + +<p>»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so +darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben +uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was +vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen +des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben +ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«</p> + +<p>»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht +werden, — nun, dann laß Jene sich vorsehen.«</p> + +<p>»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden +bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark +in Dir.«</p> + +<p>Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner +gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein +gefährlicher Schütze für den<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst +einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize +bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden; +und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und +nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig +höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in +seiner Erkenntniß« zu bemerken.</p> + +<p>»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel +Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein +Herz auf dem rechten Flecke ist.«</p> + +<p>»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer +Flucht?«</p> + +<p>»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen, +also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der +Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor +der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche +schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn +sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn +wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen. +Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem +schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe, +und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen +sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt; +oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr +eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit +der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben +einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu +erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund +Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Leuten +deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür +hinter sich schloß.</p> + +<p>»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für +Dich thun, was geschehen kann, Georg.«</p> + +<p>»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich +aussetzen.«</p> + +<p>»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete +Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt +uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,« +fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für +diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«</p> + +<p>Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu +backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle <em class="antiqua">et cetera's</em> +des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem +kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch +begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen, +daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt +sind.</p> + +<p>»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und +Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben, +wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte, +Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen +meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme +Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie +kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg, +Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer +Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und +schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> +Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete +gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe +erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch +seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen +hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst +über meinen Leichnam gehen.«</p> + +<p>»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus +diesem Lande glücklich führen wollte, — das ist Alles, um was wir ihn +bitten.«</p> + +<p>»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau +sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er +Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie +behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; — ja, alle Gewalt ist +auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder +von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem +durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und +arme, ehrliche, treue Christen, — eben so gute, wie sie, und bessere +vielleicht, — liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und +verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern +und Thränen, — und Gott <em class="gesperrt">läßt</em> es geschehen.«</p> + +<p>»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen +Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«</p> + +<p>Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen +trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie +folgt:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt hätte +beinahe geglitten.</p> + +<p>»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den +Gottlosen so wohl ging.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<p>»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie +andre Menschen geplagt.</p> + +<p>»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel muß +wohlgethan heißen.</p> + +<p>»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie nur +gedenken.</p> + +<p>»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern +hoch her.</p> + +<p>»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen wie +Wasser,</p> + +<p>»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der +Höchste ihrer achten?«</p> +</div> + +<p>»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach Lesung +dieser Verse.</p> + +<p>»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich sie +selbst niedergeschrieben hätte.«</p> + +<p>»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war mir zu +schwer,</p> + +<p>»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf ihr Ende.</p> + +<p>»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.</p> + +<p>»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild in +der Stadt verschmähet.</p> + +<p>»Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner +rechten Hand.</p> + +<p>»Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu Ehren an.</p> + +<p>»Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.</p> + +<p>»Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, +allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«</p> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen +alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten, +erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit dem +Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.</p> + +<p>»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du +allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen, +welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich +auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen +möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«</p> + +<p>Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner +gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische +Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so +häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung +gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für +die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte, +an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie +ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen, +heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und +Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.</p> + +<p>Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an +den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die +Thür gehört, und Ruth trat ein.</p> + +<p>»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe +hier für den Knaben zu bringen, — drei Paar warme wollene. Es wird +sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?« +fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und +ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand +einen kleinen Kuchen schob.<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> »Ich habe hier ein kleines Packetchen für +ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor +zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«</p> + +<p>»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.</p> + +<p>»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.</p> + +<p>»Ich kann nicht, — unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause +gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick +bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde +allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die +kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der +Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war +Ruth aus dem Zimmer verschwunden.</p> + +<p>Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür. +Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze +herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur +Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau +am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen. +Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.</p> + +<p>»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des +Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und +das Kind zurecht machen.«</p> + +<p>»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so +bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«</p> + +<p>Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem +Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die +Verfolger erwarte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span></p> + +<p>»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester +Stimme.</p> + +<p>»Ja wohl,« entgegnete Jim.</p> + +<p>»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie +kommen sollten?«</p> + +<p>»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen +Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir +wieder abnehmen lassen?«</p> + +<p>Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen +Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen +gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend, +unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr +hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim +ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und +Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.</p> + +<p>»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.</p> + +<p>»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr +rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.</p> + +<p>Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine +Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange, +dunkle Waldwege, — über weite, einsame Ebenen, — bergauf und bergab, +— eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag +schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau +vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen +graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen +zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft +zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu +verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.</p> + +<p>Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> deutliche Pferdehufe +eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den +Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.</p> + +<p>»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang +seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu +überschauen.</p> + +<p>Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung +auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.</p> + +<p>»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum +Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen +im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten +zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal +hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen, +hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe +eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu +können.</p> + +<p>»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla, +hier Michael!«</p> + +<p>»Phineas! bist Du es?«</p> + +<p>»Ja, was für Nachrichten, — kommen sie?«</p> + +<p>»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und +fluchen und schäumen wie Wölfe.«</p> + +<p>Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall +gallopirender Reiter zu.</p> + +<p>»Hinein mit Euch, — schnell, Jungens, <em class="gesperrt">hinein</em>!« rief Phineas. +»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter +gebracht habe.«</p> + +<p>Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde +an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte, +sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber +deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> verfolgenden +Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus, +und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp +Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald +darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan +ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug +das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war +einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die +alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen +mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer +näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand +eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen +Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter +Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz +und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den +Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas +kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und +nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so +stark angetrieben.</p> + +<p>»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem +Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und +fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen +und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen +hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«</p> + +<p>Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.</p> + +<p>»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr +sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in +Eurem Leben gelaufen seid!«</p> + +<p>Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> als wir es sagen +können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und +eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde +gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in +vollem Laufe davon fuhr.</p> + +<p>»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in +gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines +rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf +führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«</p> + +<p>Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels +mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine +bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa +bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die +Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um +ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe +der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer +nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von +beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich +eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen, +senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang +mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf +eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.</p> + +<p>»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen +seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich +vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art +Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten +Befindlichen schützte.</p> + +<p>»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die +steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> zu beobachten, welche +lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen, +wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen +den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer +Pistolen, — seht Ihr, Jungens?«</p> + +<p>»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist, +so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein +bestehen.«</p> + +<p>»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,« +entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen, +zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und +hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs +nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf +kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn +sie's thäten?«</p> + +<p>Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden +Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten +Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl +liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein +geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger +einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.</p> + +<p>»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.</p> + +<p>»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist +der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen, +und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«</p> + +<p>»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte +Marks; — »das wäre unangenehm!«</p> + +<p>»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, —<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> »Du bist immer für +Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von +Natur.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,« +sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten +manchmal wie der Teufel.«</p> + +<p>In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen +und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:</p> + +<p>»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«</p> + +<p>»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen +gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden, +und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl, +und wir wollen sie haben, — versteht Ihr? — He, bist Du nicht selbst +Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«</p> + +<p>»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein +Eigenthum; — aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes +freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein +eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu +vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt +herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den +Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der +folgende, bis zum Letzten.«</p> + +<p>»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich +seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch, +was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das +Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust +Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch +thun.«</p> + +<p>»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Macht auf Eurer Seite +habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um +es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb +einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem +viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt +hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt +Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken +derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure +Gesetze werden Euch darin unterstützen, — was für sie und Euch um +so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure +Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier +frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns +geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen +vertheidigen!«</p> + +<p>Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens +stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf +einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere +Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und +als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des +Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine +Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten +befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum +Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit, +was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der +Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig +seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf +Georgs Rede folgte, auf ihn ab.</p> + +<p>»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> ihn todt wie lebendig +in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel +abwischte.</p> + +<p>Georg sprang zurück, — Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war +dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner +Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.</p> + +<p>»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.</p> + +<p>»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen +Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«</p> + +<p>»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind, +und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt, +schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei +Schüsse auf Einen verschwenden, — verstehst Du?«</p> + +<p>»Aber wenn Du nicht triffst?«</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">werde</em> treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.</p> + +<p>»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den +Zähnen.</p> + +<p>Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen +Augenblick unschlüssig.</p> + +<p>»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; — +»ich hörte ein Gekreisch.«</p> + +<p>»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; — +»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht +thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.</p> + +<p>Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es, +und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen +mußte.</p> + +<p>Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und +nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze +übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden +ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb +vorgeschritten<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's +aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.</p> + +<p>Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich +verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem +gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die +drüben Stehenden zu.</p> + +<p>»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit +einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht +nöthig.«</p> + +<p>Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend +und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und +stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet +haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider +an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.</p> + +<p>»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den +Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte, +als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in +eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.</p> + +<p>»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf, +während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, — versteht +Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern, +war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.</p> + +<p>»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; — +»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so +im Stiche!«</p> + +<p>»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer. +»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder +lebendig ist.«</p> + +<p>Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> nun über Wurzeln und +Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.</p> + +<p>»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer +verwundet?«</p> + +<p>»Weiß nicht. Hebt mich auf, — könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole +den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein +Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können, +wie's ihnen gefällt.«</p> + +<p>Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held +aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden +gebracht.</p> + +<p>»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause +zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas, +um das verfluchte Bluten zu stillen.«</p> + +<p>Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die +schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei +vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen +Gewichte auf den Boden nieder.</p> + +<p>»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen +übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.</p> + +<p>»Warum nicht?« fragte Phineas; — »geschieht ihm recht.«</p> + +<p>»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.</p> + +<p>»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer +methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich +für die Seele des armen Menschen.«</p> + +<p>»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.</p> + +<p>Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender +Unentschlossenheit und Berathung sprangen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> alle plötzlich in ihre +Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren, +begann Phineas sich zu regen.</p> + +<p>»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich +trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen +zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen +müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist +früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir +sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht +nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen +können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle +in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter +auf der Landstraße zurückkommen.</p> + +<p>»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig. +»Nun sind wir geborgen, — so sicher, als wenn wir schon dort wären.«</p> + +<p>»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für +den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«</p> + +<p>»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn +aufnehmen und mit uns fortschaffen.«</p> + +<p>»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch +das! Wohl, ich habe nichts dagegen! — wir wollen ihn uns 'mal ansehen.«</p> + +<p>Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner +Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß +von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und +begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.</p> + +<p>»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«</p> + +<p>»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach +Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; — ist fort, schon +lange.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> + +<p>»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige +Hund, — mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte +Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«</p> + +<p>»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte +die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«</p> + +<p>»Sachte, sachte! — knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als +Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für +Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«</p> + +<p>Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit +seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen +vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:</p> + +<p>»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«</p> + +<p>»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns +hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte. +»Hier, hier, — laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, — +haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht +werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, — so gut, wie es Deine eigne +Mutter nur könnte.«</p> + +<p>Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen +Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und +schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in +seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.</p> + +<p>Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute +wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens +ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren +Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine +vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids +setzte sich<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in +ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen +Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.</p> + +<p>»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas +auf dem vordersten Sitze saß.</p> + +<p>»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die +Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut +verloren, — und Muth und Alles mit, — aber er wird's überstehen und +vielleicht lernt er 'was dabei.«</p> + +<p>»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir +immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt +hätte, selbst in einer gerechten Sache.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, — gleichviel +ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen, +und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er +niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so +anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu +haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten, +denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«</p> + +<p>»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.</p> + +<p>»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, — Dorcas +nennen sie sie, — das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist +es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie +irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen, +daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«</p> + +<p>Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem +reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem +reichlichen Frühstück empfangen<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> wurden. Tom Locker befand sich sehr +bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je +zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden +worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den +weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her +gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen +wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.</p> + + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Achtzehntes_Kapitel">Achtzehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.</span></h2> +</div> + +<p>Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein +glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der +Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der +Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr +und mehr entwickelte, an Stärke zu.</p> + +<p>St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher +waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe +größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und +ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des +Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen +Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes +anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum +zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der +ihm eigenthümlichen ruhigen Art und<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Weise Bemerkungen erlaubt. St. +Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich; +allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine +Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr +an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe +übertragen wurden.</p> + +<p>»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich +dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden +solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom +aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal +gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft besorgt.«</p> + +<p>Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm +Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das +zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm +jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die +unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen +Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in +ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit +zu beobachten.</p> + +<p>Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen +Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es +leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten, +war er in eine totale Verwechslung des <em class="antiqua">meum tuum</em> mit Rücksicht +auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare +dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand +des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner +Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse +verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um +eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu +bei, ihn in seine Nachsicht<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen. +Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich +selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm +abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.</p> + +<p>Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen +Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß +sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die +Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes +kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im +Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen +öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, — waren Dinge, +die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er +die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« — eine +Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die +er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen +Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es +soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art +und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte, +der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel, +am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer +heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen +ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt, +in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das +Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe +zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze +Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen +Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen +übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn +zu beten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden +Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß, +und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte. +»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend +dastand.</p> + +<p>»Master, ich fürchte — nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.</p> + +<p>»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein +Leichenwagen.«</p> + +<p>»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß +Master gegen Jeden gut sein wolle —«</p> + +<p>»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's? +was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die +Vorrede dazu?«</p> + +<p>»Master ist immer gut gegen mich gewesen; — habe mich über nichts zu +beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«</p> + +<p>»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«</p> + +<p>»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte +dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«</p> + +<p>Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die +Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht +feuerroth werden, aber lachte.</p> + +<p>»O, ist das Alles?« sagte er heiter.</p> + +<p>»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee +fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles +zu Grunde richten, — Alles — Leib und Seele. Das gute Buch sagt: +»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber +Master!«</p> + +<p>Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen +traten. »Steh' auf, Tom, — ich bin's nicht werth, daß über mich +geweint werde.«</p> + +<p>Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.</p> + +<p>»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten +gehen,« sagte St. Clare, — »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß +nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die +ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, — also +nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. — +Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so +außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der +Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht +wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer +Beruhigung sich entfernte.</p> + +<p>»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst, +während er die Thür zumachte.</p> + +<p>Und er hielt es, — denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur +eigenthümliche Versuchung.</p> + +<p>Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß +Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen +Haushaltes übernommen hatte.</p> + +<p>Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen +Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den +Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden. +Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes +Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise +haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere +Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen +zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen,<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> systematischen +Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs. +Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden +deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare +gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter +dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war +es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten +eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende +Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie +dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.</p> + +<p>An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia +bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer +in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der +Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie +einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen +Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.</p> + +<p>Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche +und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung +unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf +solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche +und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen +und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt +fand.</p> + +<p>Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen +Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie +als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten +Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone +mit tieferem Groll erdulden können.</p> + +<p>Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> wäre ungerecht gegen +ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr +geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut +wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden, +und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und +daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade +war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete +sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich +hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein +Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu +überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein +könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit +befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies +zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein +abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge +Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es +bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise +hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so +leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen +Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten +Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem +war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art +aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie +Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet +leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie +jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit +zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war, +so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz +unzweifelhaft lediglich<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> die Schuld von fünfzig anderen Personen, die +Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.</p> + +<p>Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich +verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade +umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, — obgleich +ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht +hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als +Tage im Jahre waren, — so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten +konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster +Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst +ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.</p> + +<p>Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu +beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung +bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte, +saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife, +der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art +Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für +ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder +eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der +Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils +Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit +zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder +dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag +an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle +versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der +jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem +andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie +sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter +dem sie aufgewachsen<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten +Ausdehnung aus.</p> + +<p>Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen +Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah +hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war, +und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem +Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und +Widerstand hemmend entgegen zu treten.</p> + +<p>Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an +dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen +Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht +hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen. +Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden +zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels +vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke +und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch +eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen +Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen +sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine +Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden +waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen, +Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere +werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.</p> + +<p>Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern +rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur +mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges, +während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen +beobachtete.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<p>Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu +öffnen.</p> + +<p>»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.</p> + +<p>»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.</p> + +<p>So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie +enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes +Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war, +rohes Fleisch einzuwickeln.</p> + +<p>»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten +Tischtücher Deiner Mistreß ein?«</p> + +<p>»O Herr, nein, Missis, — es waren gerade keine andere Tücher da, und +so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte, +— deshalb.«</p> + +<p>»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr, +die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse, +zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug +mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete +Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück +Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln +darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher, +Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit +Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.</p> + +<p>»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit +einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.</p> + +<p>»Wo es ist, Missis; — hier sind ein paar, in der zerbrochenen +Theetasse, und da welche in dem Schranke.«</p> + +<p>»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie +emporhaltend.</p> + +<p>»O ja, — hab' sie da heut früh hin gethan, — habe gern meine Sachen +bei der Hand,« sagte Dinah.<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst +es kriegen! — Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung +nach dem Verbrecher hinzu.</p> + +<p>»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade emporhaltend.</p> + +<p>»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; — hab's dahin gethan, um 's bei +der Hand zu haben.«</p> + +<p>»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«</p> + +<p>»O Missis, — war in solcher Eile, — gejagt, — wollt's heut noch +wegthun.«</p> + +<p>»Hier sind zwei damastene Servietten.«</p> + +<p>»Die Servietten — die hab' ich da hingethan, — sollten nächster +Gelegenheit gewaschen werden.«</p> + +<p>»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke, +welche gewaschen werden sollen?«</p> + +<p>»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich +mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so +umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«</p> + +<p>»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der +dazu bestimmt ist?«</p> + +<p>»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da +ist ja kein Platz nie —«</p> + +<p>»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«</p> + +<p>»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr +Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit +im Benehmen vergessen ließ; — »was verstehen Damen von Arbeit, möchte +ich wissen? — Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die +ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie +so 'was gesagt.«</p> + +<p>»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück +Flanell hervorziehend.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<p>»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe; +— konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich +aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, — hatte ganz vergessen, daß +sie da in dem Flanell waren.«</p> + +<p>Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.</p> + +<p>»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! — habe meine Sachen +gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte +Dinah in etwas entschiedenem Tone.</p> + +<p>»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.</p> + +<p>»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.</p> + +<p>»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn +nicht?«</p> + +<p>»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte +ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend. +»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo +ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; — kann aber +nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam! +— daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir +eins über den Kopf!«</p> + +<p>»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles <em class="gesperrt">ein für allemal</em> in +Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in +Ordnung erhältst.«</p> + +<p>»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, — +habe nie Damen so 'was thun sehen; — meine alte Missis und Miß +Marie thaten's nie; — und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut +ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend, +während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von +herumstehenden Zuckerschalen<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> in ein Behältniß leerte, Servietten, +Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren +eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung +brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.</p> + +<p>»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann +sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich +in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung +wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, — brauche keine Damen hier herum, +die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch +sie wieder finden kann.«</p> + +<p>Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden, +daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für +Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann +mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren, +und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und +dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte +sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen +vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die +ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu +beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im +Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen +als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so +fortgehen lassen, und wolle das <em class="gesperrt">jüngere Volk</em> lehren, bessere +Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern +der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß +es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran +Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische +schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte +geben können,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte, +pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze +vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem +sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der +Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten +wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen +Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für +ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen +versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt +werden solle, — wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit« +nachgelassen hatte.</p> + +<p>In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen +Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen +in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der +Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der +Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St. +Clare.</p> + +<p>»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in +diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.</p> + +<p>»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.</p> + +<p>»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe +ich nie in meinem Leben gesehen.«</p> + +<p>»Wahrscheinlich nicht.«</p> + +<p>»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die +Verwaltung zu führen hättest.«</p> + +<p>»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir +Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die +Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte +verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen +zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere, +unwissende Leute um uns haben <em class="gesperrt">wollen</em>, so müssen wir die +Folgen davon tragen. Ich kenne einige<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> seltene Fälle von Personen, +die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge, +systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu +diesen, — und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben, +die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel +nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, — und +haben deshalb das Heft in ihren Händen.«</p> + +<p>»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, — Alles in dieser zwecklosen +Weise fortgehen zu lassen?«</p> + +<p>»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen +außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem +Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als +er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von +welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun +hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück +und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh, +Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel, +Dessert, und Alles, — und schafft das Alles in dem Chaos ihrer +finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht, +scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir +hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der +Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen +wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es +würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du +wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie +ihren eignen Weg gehen.«</p> + +<p>»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles +vorfand.«</p> + +<p>»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel +unter dem Bette liegt, und das<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Reibeisen mit dem Tabak zusammen +in ihrer Tasche steckt; — daß da fünf und sechszig verschiedene +Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, — und +daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und +morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat +ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und +superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und +Staatsmänner beurtheilt werden, — <em class="gesperrt">nach dem Erfolge</em>.«</p> + +<p>»Aber die Verschwendung, — die Ausgaben.«</p> + +<p>»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib +nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige +nicht, — ist es nicht das Beste?«</p> + +<p>»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken, +als daß diese Dienstboten nicht streng <em class="gesperrt">ehrlich</em> sind. Glaubst Du +dessen gewiß zu sein?«</p> + +<p>Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht +aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.</p> + +<p>»O Cousine, das ist zu gut! — <em class="gesperrt">ehrlich!</em> — als wenn das +überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! — natürlich, das sind sie nicht. +Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen +können?«</p> + +<p>»Warum unterrichtest Du sie nicht?«</p> + +<p>»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz +danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze +Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht +aus ihnen herausbringen.«</p> + +<p>»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«</p> + +<p>»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und +aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn +nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und +fühlt das<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als +Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner +Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden. +List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es +wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür +nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen +Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und +unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn +nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils, +sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie +Tom — ist ein moralisches Wunder.«</p> + +<p>»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.</p> + +<p>»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare. +»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich +allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das +ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener +Welt geschehen wird.«</p> + +<p>»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch +schämen!«</p> + +<p>»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter +Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße +gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen +Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, — findest überall, +daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen +der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall +so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen +erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«</p> + +<p>»Es ist nicht so in Vermont.«</p> + +<p>»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Staaten seid ihr uns +voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also, +Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei +Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«</p> + +<p>Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen +plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt, +wie sie immer thut.«</p> + +<p>Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und +trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.</p> + +<p>»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.</p> + +<p>Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen +brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den +Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie +stützte, und sagte:</p> + +<p>»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«</p> + +<p>»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.</p> + +<p>»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre +Augen vom Boden aufzuschlagen.</p> + +<p>»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu +lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es +mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.</p> + +<p>Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.</p> + +<p>»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; — sollte mich freuen, wenn +ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich, +um Dein Elend zu vergessen.«</p> + +<p>»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis +wird dafür bezahlen.«</p> + +<p>Miß Ophelia nahm einige Dutzend.</p> + +<p>»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> da, oben auf dem +Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«</p> + +<p>»Marken, — wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«</p> + +<p>»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken, +ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«</p> + +<p>»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du +ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«</p> + +<p>»Und das <em class="gesperrt">will</em> ich thun, — ich kann nicht anders leben, — +trinken und mein Elend vergessen.«</p> + +<p>»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld +Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«</p> + +<p>»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, — ja, ich will. O Herr, ich +wollte, ich wäre todt — ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam +und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf +den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem +Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.</p> + +<p>»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf +drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, — kannst auch +noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu +Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst — trinkst — +trinkst — bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, — uff!« +sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.</p> + +<p>»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war, +um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre, +so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«</p> + +<p>»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah.<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> »Ihr Rücken sieht +jetzt schon hübsch aus, — sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«</p> + +<p>»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein, +in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte +Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.</p> + +<p>Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume +seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter +diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.</p> + +<p>»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.</p> + +<p>Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr +zugehörigen Sklavinnen.</p> + +<p>»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe +für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd +schön!«</p> + +<p>»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit +der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf +zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen +Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«</p> + +<p>»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor +Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide +erscheinen werden,« sagte Adolph.</p> + +<p>»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die +gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.</p> + +<p>»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«</p> + +<p>»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«</p> + +<p>»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie +sich auf einem ihrer kleinen Füße<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> wiegte und ihn boshaft anblickte. +»Er macht mich immer so ärgerlich.«</p> + +<p>»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte +Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt +finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«</p> + +<p>»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen +mit unmäßigem Gelächter.</p> + +<p>»Ihr da, macht fort! — kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht +haben in der Küche,« rief Dinah.</p> + +<p>»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,« +sagte Rosa.</p> + +<p>»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; — »springen +'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts +anderes als Niggers, so gut wie ich.«</p> + +<p>»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie +glatt liegen soll,« sagte Jane.</p> + +<p>»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre +langen, seidenen Locken niederfallen ließ.</p> + +<p>»Vor dem <em class="gesperrt">Herrn</em> ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte +Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, — so ein +Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, — will +Euch hier nicht mehr haben!«</p> + +<p>Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St. +Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob +er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke; +und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:</p> + +<p>»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure +Näherei und arbeitet!«</p> + +<p>Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> der Zwiebacksfrau in +der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie +vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte +Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt +nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in +Ordnung zu bringen.</p> + +<p>»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.</p> + +<p>»Warum?« sagte das Weib; — »brauche keine Hülfe.«</p> + +<p>»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.</p> + +<p>»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.</p> + +<p>»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, — »ich +wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn +nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«</p> + +<p>»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst +mir das nicht zu sagen; — bin häßlich, — bin schlecht, — gehe grade +zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«</p> + +<p>Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem +finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.</p> + +<p>»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus +Christus gehört?«</p> + +<p>»Jesus Christus, — wer ist das?«</p> + +<p>»Es ist <em class="gesperrt">der Herr</em>,« entgegnete Tom.</p> + +<p>»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von +Gericht und Hölle. — Habe davon gehört.«</p> + +<p>»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme +Sünder liebte und für uns starb?«</p> + +<p>»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; — »kein Mensch hat mich geliebt, +seit mein alter Mann todt ist.«</p> + +<p>»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<p>»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und +aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug +waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master +nahm mich von ihm.«</p> + +<p>»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?« +fragte Tom weiter.</p> + +<p>»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher +kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil +Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis +schien anfangs große Stücke drauf zu halten; — es schrie nie, es war +gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und +ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab +zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte +mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie +sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute +äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und +schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es +wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und +wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil +es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze +machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in +eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode. +Das that's, — und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus +den Ohren zu bringen. So ist's, — und ich will trinken! ich will — +und wenn ich in die Hölle dafür muß!«</p> + +<p>»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie +unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat +Dir Niemand<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel +gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«</p> + +<p>»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib. +»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da +gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, — fort von Master +und Missis, — so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem +gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und +mürrisch fort ging.</p> + +<p>Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf +er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor +Freude strahlenden Augen.</p> + +<p>»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa +sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen +neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was +ist Dir denn, Tom? — Du siehst ja so ernst aus.«</p> + +<p>»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich +will die Pferde herausholen.«</p> + +<p>»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten +Prue sprechen.«</p> + +<p>Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des +Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich, +oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und +ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte +beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Neunzehntes_Kapitel">Neunzehntes Kapitel.<br> +<span class="s5">Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.</span></h2> + +<p class="s3 center">(Fortsetzung.)</p> +</div> + +<p>»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht +fahren,« sagte Eva.</p> + +<p>»Warum nicht, Miß Eva?«</p> + +<p>»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, — »so tief in's +Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte +sich um und ging in's Haus.</p> + +<p>Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke +zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.</p> + +<p>»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«</p> + +<p>»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.</p> + +<p>»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«</p> + +<p>»Weiß nicht genau; — sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau, +mit einem Seitenblicke auf Ophelia.</p> + +<p>Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte, +folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.</p> + +<p>»Was ist aus Prue geworden, — was ist's?« fragte sie.</p> + +<p>Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte +endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:</p> + +<p>»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder +betrunken, — und da haben sie sie in den Keller gebracht, — und da +den ganzen Tag<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> gelassen, — und ich hörte sagen, daß <em class="gesperrt">die Fliegen +schon an ihr wären, — sie ist todt</em>!«</p> + +<p>Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte, +gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus +deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen +und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.</p> + +<p>»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche +Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«</p> + +<p>»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme, +»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so +viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«</p> + +<p>»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie +sind, — diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«</p> + +<p>Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.</p> + +<p>Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf +Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der +Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört +hatte.</p> + +<p>»Eine abscheuliche Geschichte, — wirklich fürchterlich!« rief sie, +als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die +Zeitung las.</p> + +<p>»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen +worden?« sagte er.</p> + +<p>»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode +gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker +Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.</p> + +<p>»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte +St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<p>»Immer gedacht! — willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte +Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu +untersuchen?«</p> + +<p>»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen +Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute +ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich +nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die +Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung +vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«</p> + +<p>»Es ist wirklich empörend, — es ist schrecklich, Augustin! Es muß +Gottes Rache auf Dich herabrufen!«</p> + +<p>»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es +nicht ändern; — könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige, +viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben +vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede +Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch +anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können, +ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu +bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«</p> + +<p>»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um +solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«</p> + +<p>»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse +von Wesen, — unerzogen, träg, verderbt, — ohne Beschränkungen und +Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie +der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung +kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen +wissen; — denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden +Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen +hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Gesellschaft +anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden +lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich +sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von +Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich +thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«</p> + +<p>St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien +empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend, +fügte er hinzu:</p> + +<p>»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du +hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein +Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der +ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und +prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben. +Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von +Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte +und seine Zeitung wieder aufnahm.</p> + +<p>Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann +mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.</p> + +<p>»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen +wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich +von Dir, ein solches System zu vertheidigen; — das ist <em class="gesperrt">meine</em> +Meinung!«</p> + +<p>»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«</p> + +<p>»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu +vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.</p> + +<p>»Ich — vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?« +sagte St. Clare.</p> + +<p>»Natürlich vertheidigst Du es, — Ihr thut es alle<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> hier im Süden. +Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«</p> + +<p>»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt +jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du +nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«</p> + +<p>»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß +Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.</p> + +<p>»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich +bereue es unaufhörlich.«</p> + +<p>»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«</p> + +<p>»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was +Du bereut hast?«</p> + +<p>»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für +mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«</p> + +<p>»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich +gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«</p> + +<p>»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder +vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz +dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein +geworden?«</p> + +<p>»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr +Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner +Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu +wahr ist, — Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich, +daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde +mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem +fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich +über Deinen Tadel nicht wundere.«</p> + +<p>»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie +setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte +Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen! +Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener +Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, — das ist Alles, — um +zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln +gut; — es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«</p> + +<p>»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia, +ihre Hand auf seine Stirne legend.</p> + +<p>»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich — ach ich kann nie +ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das +lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der +Gefühle gelangen; — und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich +aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt +deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als +die südlichen, — jetzt ist mir Alles klar.«</p> + +<p>»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«</p> + +<p>»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft +reden; — aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich +den Versuch machen soll. — Also,« fuhr er fort, während er den Korb +an sich zog, — »ich will jetzt anfangen: — wenn es im Laufe der +menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder +drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert +eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft +—«</p> + +<p>»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn +hier Miß Ophelia.</p> + +<p>»Warte einen Augenblick, — ich komme dahin, — Du wirst es gleich +hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes +Gesicht plötzlich einen ernsten<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Ausdruck annahm, »es kann meiner +Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben. +Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können,— Geistliche, die +den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, — Politiker, die dadurch +die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische +Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit +erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste +zwingen, — so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an +eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel, +und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in +<em class="gesperrt">seiner</em> Weise thun kann.«</p> + +<p>Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare, +und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:</p> + +<p>»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst, +so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte +Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, — was ist es? Reiße allen +Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und +was ist es? — Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und +ich klug und stark bin, — weil ich Macht und Verstand genug habe, es +auszuführen, — deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es +behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt. +Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es +thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die +Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy +soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun, +was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich +so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das +ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sehen, +der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie +niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich +mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst +ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb +das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der, +daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird, +als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene +Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt +zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen. +Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient +sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«</p> + +<p>St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er +gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft +im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer +griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine +großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach +eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie +zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor +Ueberraschung.</p> + +<p>»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen +bleibend, — »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen +Gegenstand zu sprechen und zu denken, — aber ich versichere Dich, es +hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land +versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem +Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich +während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete, +wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf, +durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Despot von +ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug +zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; — und wenn ich +solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger +Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das +ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«</p> + +<p>»Augustin! — Augustin!« sagte Miß Ophelia, — »Du hast vollkommen +genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im +Norden nicht.«</p> + +<p>»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr +Nordländer habt alle kaltes Blut: — Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr +könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«</p> + +<p>»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, —</p> + +<p>»Ganz richtig, <em class="gesperrt">die Frage</em> ist, — und eine verteufelte Frage +ist es! — wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl, +ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir +Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.« +Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner +Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht +unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und +war grade so ein Mann, wie Dein Vater, — ein ächter, alter Römer, — +aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater +ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen +und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in +Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie +eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am +andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem +Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war +göttlich! — Sieh mich nicht so an, Cousine! Du<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> weißt, was ich meine. +Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen +konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums +an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel, +ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube +mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen +gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen +Testaments, — ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes +erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St. +Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich +sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und +fuhr fort:</p> + +<p>»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß +Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden +von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen, +rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige, +bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische +Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch +und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines +Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene, +und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten. +Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art +abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben +gewöhnlich thun, — dann und wann, und im Allgemeinen; — er war meines +Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.</p> + +<p>»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen, +die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch +keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, — und wenn ich +deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> mich finster +anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich +zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren +bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen +Kleidung, — sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu +denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in +reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für +Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der +katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr +der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich +meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte — o, +Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!</p> + +<p>»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie +jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war +ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß +er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten +Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem +ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer +Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat +nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus +durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese +Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders; +aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was +in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde, +ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die +Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte +Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger +sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes +als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> an. Ich glaube gewiß, +wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche, +unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd +Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel +um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß, +ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt +aller höheren Klassen.</p> + +<p>»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein +unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war +bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit +darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur +durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt +wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren, +etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont +nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele +Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir, +schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, — einen +großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, — mit Verlaub +zu sagen — der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität +durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte +ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige +Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot +auf unserer Besitzung.</p> + +<p>»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe +wie jetzt für alles Menschliche, — eine Art Leidenschaft, die +Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich +darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war +natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden +wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und +zu deren Abhülfe wir eine Art<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Comité bildeten. Wir verhinderten auf +diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes +wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging. +Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht +mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt +sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber +vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte +er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die +Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise, +aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige +Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in +die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte +sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch +der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie +hinderlich geworden wäre.</p> + +<p>»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten, +— indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre +rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und +Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er +dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll? +Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, — +durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen +sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte, +so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten, +selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen +sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen. +Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart +erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen +Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen. +Und nachdem<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf +das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann +entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die +Gelegenheit war.</p> + +<p>Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen +Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange +zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben, +wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle +derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt +werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie +die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen +Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo +Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen, +ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein +Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich +hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe. +Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs, +nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung, +und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft, +mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer +Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener +Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele +mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der +Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich +habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends +auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die +ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle +jene Sterne lange untergegangen sind, — wir leben so lange, wie Gott!««</p> + +<p>»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> eins, welches Jesus +darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen +Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der +blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte +er ihn nicht <em class="gesperrt">von fern</em> heilen! Er rief ihn zu sich, und legte +<em class="gesperrt">seine Hände auf ihn</em>! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter +ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer +weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein +Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; — aber ach! ich +verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«</p> + +<p>St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten +lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:</p> + +<p>»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist! +Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in +Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer +Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer +Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges +Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die +Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr +alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in +Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe +gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen +Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es +ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire +St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er, +obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem +demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr +Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven +herrschte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> + +<p>Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte +deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht +dazu kommen.</p> + +<p>»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich +behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine +war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung +entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete; +und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber, +anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot +wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so +würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in +derselben Form gegossen worden sind.«</p> + +<p>»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt +Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun +zu meiner Geschichte zurück:</p> + +<p>»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden +Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft +zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen +als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und +wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche +Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die +Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes +Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde +ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge. +Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich +kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl +von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich +kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> +kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht, +gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, — die +<em class="gesperrt">Nothwendigkeit</em> der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche +Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, — das Ganze +wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran +dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele +gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!</p> + +<p>»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht, +daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag +selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche +Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre, +die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das +besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag +von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter +dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben +eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne +dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu +dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und +ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er +arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich +unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es +selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem +ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«</p> + +<p>»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle +hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht hieltet.«</p> + +<p>»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der +ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung; +— nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> +Grunde, dem <em class="gesperrt">Rechte des Stärkeren</em>, und sagt, und zwar sehr +richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in +anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit +den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele +derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er +vertheidigt Beide, — und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt, +es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es +müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten +und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße +und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die +leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil +er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«</p> + +<p>»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen +werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht +gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht +gepeitscht.«</p> + +<p>»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so +sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen +widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, — der Kapitalist +kann seinen Arbeiter verhungern lassen und was die Sicherheit der +Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist, +seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«</p> + +<p>»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es +andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«</p> + +<p>»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, — ja, ich will sogar +einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher +Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie +ein Pferd kaufen — seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen,<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> +und danach den Preis bezahlen, — Speculanten halten, Sklavenzüchter, +Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, — das +ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der +civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem +Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen +zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht +auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«</p> + +<p>»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte +Ophelia.</p> + +<p>»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug +von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht +widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran +seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt +nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred +ein harter Herr ist, — keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig +gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte, +eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im +Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut +beherbergt zu sehen.«</p> + +<p>»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz +aufgabst?«</p> + +<p>»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred +deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern, +daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert +hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein +dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, — den +Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit, +Brutalität und Laster, — nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies +mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst +einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> zu viel natürliche +Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die +Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn +sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten, +so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst +thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen +lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle +Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich +auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in +früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer +Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde, +und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem +Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben, +während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich +kam hierher.«</p> + +<p>»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte +Ophelia.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten, +um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; — allein sie +zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so +häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses, +für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder. +Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«</p> + +<p>Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach +einer Pause fuhr er fort:</p> + +<p>»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen +hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück +Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle +Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, — mein Geburtsland von +diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Männer haben +einmal solche Fieberanfälle gehabt, — aber dann —«</p> + +<p>»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest +Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«</p> + +<p>»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte, +und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns +Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde +Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren +Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz, +das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred +macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn +er steht wirklich über mir, — er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist +eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als +ein verächtliches non sequitur ist.«</p> + +<p>»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung +zufrieden stellen?«</p> + +<p>»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte? +Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, — wir sprachen von dem +Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei +besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade +ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so +schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr +darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß +eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein +großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England +können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die +sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in +unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden +deren Geister schneller, als wir es können.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> Wenn Eva nicht mehr +Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir +könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben, +daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem +unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere +Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten +ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für +dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst +eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine +Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit +nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«</p> + +<p>»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte +Ophelia.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, — daß eine Musterung der Massen +jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein <em class="antiqua">dies irae</em> +früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England +und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen +Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und +alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als +ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als +sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da +kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft +erleiden mögen?««</p> + +<p>»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern +bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und +ihn mit tiefem Gefühle anblickte.</p> + +<p>»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und +nieder, — aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und +nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die +Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder,<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> daß +ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«</p> + +<p>Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube, +Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«</p> + +<p>»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,« +entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren +sind.«</p> + +<p>»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen +von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie +nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so +etwas nicht vorkommen.«</p> + +<p>»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte +sie sich dem Trunk ergeben.«</p> + +<p>»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft +unglücklich. — Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere +Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran, +daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar +durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte +einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit +zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und +verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und +gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte +Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb +im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters +Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«</p> + +<p>»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare, +»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht +hatten.«</p> + +<p>»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas +ausgeführt hättest!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p> + +<p>»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, — ein geborener Afrikaner, +der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in +sich trug, — ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio. +Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem +Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände, +weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug +er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich +grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem +wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war +aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine +eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen +bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn +einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es +wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden +und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß +die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd +machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die +Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald, +und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und +ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem +undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und +setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die +Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei +mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er +verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte. +Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir +auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese +herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen +Gefangenen.<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte, +ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand +auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich +meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so +zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«</p> + +<p>»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.</p> + +<p>»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer, +ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und +pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger +Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er +gehen könne wohin er wolle.«</p> + +<p>»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.</p> + +<p>»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte +sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener +um mich, — zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum +Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war +er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften +musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte +eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank, +und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei +mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und +brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch +wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen +Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«</p> + +<p>Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er +diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet +waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse +sprach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in +Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.</p> + +<p>»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr +zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog. +»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, — +es ist zu nervenschwach.«</p> + +<p>»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich +sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich +bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge <em class="gesperrt">sinken mir in's Herz</em>.«</p> + +<p>»Was meinst Du damit, Eva?«</p> + +<p>»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken. +Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«</p> + +<p>»Nun, so denke immer zu, Kind, — nur weine und quäle Deinen Papa +nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne +Pfirsich ich für Dich habe!«</p> + +<p>Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch +immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.</p> + +<p>»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend, +und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später +erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr +Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des +Hofes jagten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen +nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem +kleinen Verschlage<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> über dem Stalle begleiten wollen, so können sie +etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches, +kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell +enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt +sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen, +die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht +nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen +Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten +kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht +erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und +jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner +Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn +er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch +wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und +in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf +seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.</p> + +<p>»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.</p> + +<p>»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an +meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner +Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit +fertig werden.«</p> + +<p>»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich. +Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich +habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf +dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und +gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen +Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft +über ihre Produktionen freuten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva, +während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen +wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von +ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß +er Dich zurückgehen lasse.«</p> + +<p>»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie +es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master +Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum +Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen +Kleidern hervorzog.</p> + +<p>»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«</p> + +<p>»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich +bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, — +denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«</p> + +<p>»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür +trat.</p> + +<p>Tom und Eva sprangen auf.</p> + +<p>»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die +Tafel blickte.</p> + +<p>»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, — »ist es +nicht hübsch?«</p> + +<p>»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare, +»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich +schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause +komme.«</p> + +<p>»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine +Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, — verstehst Du, +Papa? sie hat ihm das versprochen.«</p> + +<p>St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine +solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten +machen, um deren Schrecken<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne +wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen; +aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die +Pferde aus dem Stalle zu holen.</p> + +<p>Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und +auf die Post befördert.</p> + +<p>Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle +Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber +einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, — eine +Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu +geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.</p> + +<p>Der höhere Cirkel des Haushalts, — wie Adolph, Jane und Rosa, — waren +der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten +verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer +Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St. +Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem +Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und +in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich +beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen +bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender +Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit +zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf +zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war +wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.</p> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76640 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/76640-h/images/cover.jpg b/76640-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4408327 --- /dev/null +++ b/76640-h/images/cover.jpg diff --git a/76640-h/images/illu_001.jpg b/76640-h/images/illu_001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f76404d --- /dev/null +++ b/76640-h/images/illu_001.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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