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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.<br> +Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46 break-before x-ebookmaker-drop" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<p class="s3 center mtop3 mbot3 break-before">Kornelius Vanderwelts Gefährtin</p> + +<div class="chapter"> +<h1 class="p2 break-before">Kornelius Vanderwelts<br> +Gefährtin</h1> + +<p class="center p2 gesperrt">Roman</p> + +<p class="center p2 gesperrt">von</p> + +<p class="center p2 s3 gesperrt"><b>Rudolf Herzog</b></p> + +<p class="center p4">2.-50. Tausend</p><br> + +<figure class="figcenter padtop3 illowe7" id="illu-003"> + <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p4 center">1 · 9 · 2 · 8</p><br> + +<div class="chapter"> +<p class="center break-avoid">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br> + Stuttgart und Berlin</p><br> + +<p class="center">Alle Rechte insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten<br> +Für die Vereinigten Staaten von Amerika: Copyright, 1928, by<br> +J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin</p><br> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 mbot3 mtop3 center">An Emma Elisabeth</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> +<h2 class="nobreak" id="1">1</h2> +</div> + +<p>Das Mädchen stand mitten auf der Landstraße, als Kornelius Vanderwelts +Wagen in weiter Ferne wie eine winzige Staubwolke sichtbar wurde. +Die Hände hielten das im Winde flatternde Mäntelchen in den Taschen +am Körper fest. Der kleine Handkoffer ruhte wohlbehütet vor dem +Straßenschmutz auf den Stiefelspitzen.</p> + +<p>Das Mädchen stand mit einem gesammelten Ausdruck des Gesichtes und +sah dem Wölkchen entgegen. Die schmale Gestalt hielt sich, als wäre +es so und nicht anders selbstverständlich, aufrecht in den Schultern. +Aber die kräftig betonte Linie dieser Mädchenschultern und die +kleinen, festen Bogen der Brüste, die der hastige Flußwind in das +Gewand kerbte, zeigten wohl, daß die Schmalheit der Gestalt eher +einer Herbheit der Erdentage als einer Mißgunst des Schöpfungstages +zuzuschreiben sei.</p> + +<p>Die Augen, von dem hellen Grau durchtränkt, das dem dämmernden +Tageslicht gleicht, schlossen sich zu einem schmalen Spalt, sammelten +blitzschnell ihr Licht und ließen es frei. Der Ausdruck des Gesichtes +änderte sich keine Sekunde. Nicht verschlossen, unaufgeschlossen +erschienen die merkwürdig ruhigen Züge, von einem Mädchentum +zusammengehalten, das, sich selber unbewußt, nach Art scheuer Tiere +eine Schutzfarbe sucht.</p> + +<p>Es war, als ob nur die Augen atmeten, der Körper sprungbereit gehalten +würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>Das Flußbett der Ruhr zur Linken, herbstroten Buschwald zur Rechten, +kam Kornelius Vanderwelts Wagen näher und näher. Der Fahrer, wohl auf +Geheiß des Herrn, schlug ein langsameres Zeitmaß an, und Kornelius +Vanderwelt saß mit bloßem Kopfe am heruntergesenkten Fenster, ließ +den Wirbelwind in seinem Haar wühlen und trank mit den Augen die +weltabgewandte Flußlandschaft in sich hinein. Keine andere Erfrischung +war ihm lieber zwischen den lauten Stunden der Schifferbörse und der +nachmittäglichen Kontorzeit.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt lachte lautlos vor sich hin, als er diesem +Gedanken Raum gab. Sein Gesicht bräunte sich. Fast hätte er als +ehrlicher Mann die heißen Zecherstunden der Nächte vergessen.</p> + +<p>»He, Wilm! Was ist los?«</p> + +<p>Das Mädchen auf der Landstraße hatte den Arm gehoben. Das +freigewordene Mäntelchen flatterte wie schlagende Flügel hoch in der +Luft, und der Wind preßte das Kleid fest zwischen die überschlanken +Knie.</p> + +<p>»Bitte!« rief das Mädchen dem Fahrer zu, ohne sich um den Herrn zu +kümmern.</p> + +<p>»Was will sie denn, Wilm?«</p> + +<p>»Ob das hier richtig wär, nach Ruhrort!«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt beugte sich ein wenig vor. Seine breiten +Schultern füllten das Fenster. Er sagte nichts, aber seine Augen +schossen ein lustiges Licht auf das gestraffte Menschlein, das ihm der +Kuppler Wind in allen Linien preisgab.</p> + +<p>»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Stimme des Mädchens den +Fahrer noch einmal an.</p> + +<p>»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, »der Fahrer +ist stumm und auch taub, wenn er den Herrn fährt. Wie es sich gehört. +Sie müssen also schon mit mir fürlieb nehmen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<p>Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Herrn an. Es sah in den +hellgefärbten Mannesaugen den Spott und mit dem unbeirrbaren +Tastgefühl, das unerweckter Jugend gleich den Schlafwandlern zu eigen +ist, daß der Spott nur ein Übermut sei.</p> + +<p>»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Mädchenstimme zum dritten +Male, und keine Schwingung in ihr war anders als zuvor.</p> + +<p>»Gewiß, mein stolzes Fräulein. Seit den Tagen der alten Römer geht +hier der Weg.«</p> + +<p>»Wie weit noch —?« fragte sie zurück.</p> + +<p>»Wenn Sie die Fußwanderung vorziehen: zwei Stunden. Mit dem Wagen: +knapp eine halbe.«</p> + +<p>»Danke!« klang es durch den Wind. Und als sie sich bückte, um die +Handtasche von den Stiefelspitzen aufzunehmen, sprang der Wind wie +ein meckernder Kobold sie im Wirbel an, von links und von rechts, von +vorne und im Rücken, wie sie sich auch wenden mochte, um den Mantel zu +haschen, um das aufflatternde Kleid über die Knie niederzuschlagen. +Über der geraden, schmalrückigen Nase grub sich eine Furche steil in +die breitgelagerte Stirn. In den grauen Augen saßen, tief auf dem +Grunde, heiße Lichter.</p> + +<p>»Einsteigen!« gebot Kornelius Vanderwelt. Und als das Mädchen nicht +alsogleich im Kampf mit dem Winde nachzulassen vermochte, öffnete er +den Wagenschlag von innen und sprang hinaus.</p> + +<p>Sie reckte sich augenblicks hoch und ließ flattern, was wollte. Dicht +voreinander standen sie, und ihr Scheitel, von einer dunklen Wollmütze +bedeckt, reichte dem Vierzigjährigen bis ans Herz.</p> + +<p>»Sind Sie so klein?«</p> + +<p>»Nein. Sie sind so groß!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p>»Richtig. Es kommt immer auf den eigenen Standpunkt an.«</p> + +<p>Er nahm sie um die Mitte und hob sie ohne Widerrede in den Wagen. Die +leichte Tasche hielt sie mit beiden Händen an sich gezogen.</p> + +<p>»Mit halber Kraft auf Ruhrort. Los, Wilm.«</p> + +<p>Der Wagenschlag schnappte zu. Vorwärts ging's. Links schimmerte in +Schlangenlinien der weiße Wasserspiegel der Ruhr. Rechts lohte in +heißer Herbstfeier der Buschwald in Rot und Gold.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt streckte die Beine und äugte über die Schulter +hin auf seinen Fahrgast. Der saß schmal und steif in die Ecke gerückt +und hielt die Reisetasche auf den Knien.</p> + +<p>»So setzen Sie sie doch hin. Ich stehle keine Reisetaschen. Vielleicht +fresse ich von Zeit zu Zeit junge Mädchen.«</p> + +<p>Aus ihrer Kehle stieg ein einzelner Ton. Nie im Leben wurde sich +Kornelius Vanderwelt darüber klar, ob es ein Lachen oder ein Knurren +gewesen sei.</p> + +<p>»Zeigen Sie doch mal Ihren Mund. Nein. Nicht die Zähne. Das sind +wahrhaftig alle Zweiunddreißig. Was tun Sie denn mit einem so +herrlichen Gebiß?«</p> + +<p>»Beißen,« sagte sie halblaut und zog die Muskeln des Leibes zusammen. +Wie ein Tier, das sich zum Sprunge schickt.</p> + +<p>Diesmal aber wußte Kornelius Vanderwelt mit Bestimmtheit, daß es ein +drohendes Knurren war.</p> + +<p>»Ach so. Das war die Antwort auf den ›Menschenfresser‹.«</p> + +<p>Da lachte sie ein kinderhohes, erlöstes Lachen.</p> + +<p>»Ja,« fuhr er fort, als hätte er bisher den Erklärer gemacht, »und nun +wundern Sie sich wohl, daß dieses paradiesische Landschaftsbild der +Vorhof zur schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Hölle Ruhrort ist. Aber das muß wohl so sein. +Als ausgleichende Gerechtigkeit. Die in der Hölle braten, haben den +Himmel am nötigsten. Zeigen Sie doch mal Ihre Augen her.«</p> + +<p>Starr, die Haltung versteift, sah sie ihm mitten in die Augen.</p> + +<p>Er tat, als gewahre er die Abwehr nicht. Er forschte in Ruhe weiter.</p> + +<p>»Hm — grau. Ist das nun grauer Himmel oder — ist es der Vorhang zum +Himmel?«</p> + +<p>»Fragen Sie doch die eigenen Augen! Sie sind so grau wie die meinen!«</p> + +<p>»Kind, Kind, das hätten Sie sich nicht wünschen sollen. Auch nicht im +Zorn. Wenn ich danach meine grauen Augen frage — weiß Gott, Sie haben +recht, im Grunde sind sie grau wie die Ihrigen — wenn ich danach +meine grauen Augen frage, werden sie blitzblau vor lauter wilder +Freud'. Denn nur sie wissen, was hinter ihrem Vorhang steckt. Bitte — +nehmen Sie doch mal die Mütze ab.«</p> + +<p>»Weshalb —?«</p> + +<p>»Weshalb? Weil ich glaube, daß wir auch von der gleichen Haarfarbe +sind. Menschen, die durch die höhere Bildung jeden Blick verloren +haben, nennen es Tizianblond. Wir aber wissen, daß es das heiße Blond +unserer Vorfahren gewesen ist, denen Sonne und Seewasser abwechselnd +den Schädel peitschte. Die meinen waren Seeräuber. Fraglos! Und die +Ihren?«</p> + +<p>»Vielleicht nicht weit davon.« — —</p> + +<p>Sein Auge, voller Belustigung unter dem erkünstelten Ernst, prüfte +sie genauer. Wen hatte er sich da aufgeladen? Was lief denn zu Fuß +mit einer Reisetasche stundenweit über die Landstraße und ließ sich +zerzausen? Eine kleine Arbeiterin oder eine kleine Abenteurerin? +In Kornelius<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Vanderwelt kämpfte der scharfe Geschäftsmann, für +den er über das ganze Hafengebiet Ruhrort hinaus bis zu den Zechen +und Hochöfen im weiten Umkreis galt, mit dem noch schärferen, laut +bejubelten und heimlich getadelten Lebensbezwinger einen nur kurzen +Kampf und unterlag in der Freude am Augenblick.</p> + +<p>»Seltsam. Da reden sich die Menschen ein, nur die ungleichen Pole +zögen sich an. Die Hellen und die Dunklen. Die Starken und die +Schlappen. Die Glückseligen, die ihr Blut wie Götter verspüren, und +die Armseligen, denen die Angst den Magen verstört. Ewige Eselei. Als +ob der königliche Löwe — nein, werden wir nicht hochtrabend — als ob +der starke Wolf mit einer anderen Kumpanin jagen könnte als mit einer +Wölfin. Stimmt meine Rechnung? Wie alt bist du eigentlich, Kind?«</p> + +<p>»Das Kind,« wiederholte sie, und durch die Nüstern pfiff der Atem, +»das Kind ist zwanzig Jahre alt.«</p> + +<p>In ihrer Mädchenentrüstung schien sie ihm zum jungen Weibe zu wachsen. +Das gefiel ihm.</p> + +<p>»Hältst du auch das Fahrgeld bereit?«</p> + +<p>»Das — Fahrgeld?«</p> + +<p>»Aber — aber! Ein jeder Gast muß doch das Fahrgeld im voraus +entrichten. Auf der Eisenbahn und in der Postkutsche. Selbst im +Gasthof, wenn er ein gänzlich Unbekannter ist.«</p> + +<p>Ihr Gesicht, das in der Ruhe verharrt hatte, erblaßte vor innerer +Erregung. Noch schmaler schien es. Noch schmaler die gerade Nase, der +dunkle, fest zusammengepreßte Mund. Die Augen aber funkelten aus dem +Blaß in einem noch tieferen und heißeren Grau.</p> + +<p>»Was kostet mich die Fahrt?«</p> + +<p>Ihre Hände nestelten an der Reisetasche. Sie suchten das Schloß zu +öffnen. Und Kornelius Vanderwelt sah auf<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> diese Hände und sah, daß +sie feingegliedert und in jedem Glied ausdrucksvoll waren, wie ein +erlesen Kunstwerk, oder doch wie erlesenes Werkzeug, der Kunst die +feinsten Quellen zu erschließen. Er nahm die beiden Hände in seine +starken, gut gehaltenen Manneshände und schloß sie darin ein, daß +sie wie Edelmetall im Erzgestein lagerten. In der Landschaft draußen +war der silberhelle Fluß, war das Paradiesgärtlein verschwunden. +Auf schwarzgesprenkelter Halde wuchsen statt lodernder Purpurbäume +rauchende Schlote auf, einzeln erst, dann in Heeresmassen, fernhin von +den Festungstürmen speiender Hochöfen umgrenzt.</p> + +<p>»Was die Fahrt kostet?« fragte Kornelius Vanderwelt zurück. »Nein, +nicht in Mark und Pfennigen ausrechnen. Im Märchen geht es immer um +Sternentaler. Und die heilige Zahl ist drei. Zuck' nicht mit den +Fingerlein. Gib dein Mündchen. Einmal — zweimal — dreimal — — —«</p> + +<p>Und er küßte sie kräftig auf die linke Wange und küßte sie kräftig +auf die rechte Wange und küßte sie ganz zart nur, als wär es ein +Streicheln, über die Linie des Mundes.</p> + +<p>Ein Ruck — ihre Hände waren frei, schlugen nach ihm, zu Fäusten +geballt, in entfesseltem Zorn.</p> + +<p>»Einmal — zweimal — dreimal!«</p> + +<p>Er wischte die Fäuste wie Blumenblätter von der Stirn, kämmte die +Fingerlein durch und sagte nur: »Falsch. Beim dritten Mal hab' ich nur +gestreichelt, du aber hast auch zum drittenmal geschlagen. Nun hat das +Märchen einen falschen Ausklang, und wir müssen es wiederholen.«</p> + +<p>Da schossen ihr die Zornestränen aus den Augen ...</p> + +<p>Schmal und steif saß sie in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche +auf den Knien. Aber die Muskeln des Leibes zogen sich zusammen.</p> + +<p>»Bitte!« bat Kornelius Vanderwelt, und er bat wie ein großer, +ungestümer Junge, der sein Ungestüm bereut und<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> doch vor einem kleinen +Mädchen nicht die Segel streichen möchte. »Bitte! Keine Tränen weinen! +Tränen kann ich nicht sehen! Hörst du auch? Oder ich muß sie alle +fortküssen. Alle. Aus deinen Augen. Von deinen Wangen. Und wenn sie +dir zwischen die Brüstlein laufen, dann hilft es nichts: ich muß sie +— alle — alle —«</p> + +<p>Was war geschehen?</p> + +<p>Der Wagen kreuzte in der Vorstadt eine elektrische Straßenbahn. +Er fiel ein paar Sekunden in Schritt. Und schon hatte der Fuß des +Mädchens die Türklinke niedergedrückt, hatte das Knie des Mädchens +den Wagenschlag weit aufgestoßen. Ein geschmeidiges Tier konnte nicht +schneller in der Freiheit sein.</p> + +<p>Wo sie untergetaucht war im Gewühl, vermochte Kornelius Vanderwelt in +den wenigen Augenblicken, die ihm belassen wurden, nicht zu ergründen. +»Wagenschlag schließen! Wollen Sie Kleinholz machen?« donnerte ein +Schutzmann, erkannte Kornelius Vanderwelt, legte die Hand an den Helm +und grüßte mit seinem fröhlichsten Gesicht.</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt grüßte mit seinem fröhlichsten Gesichte +wieder, mit den hellen und übermütigen Augen, die ihm die Liebe alles +Hafenvolkes gewannen und den Neid aller eigenen Kreise, zog den +Wagenschlag ins Schloß und rief den Fahrer an.</p> + +<p>»Zum Kontor. Los, Wilm.«</p> + +<p>Er saß, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in der +aufgestützten Hand versenkt, grübelnd im Polster. Aber er grübelte +nicht über das verschwundene Mädchen. Hatte er auf seiner +Entspannungsfahrt überhaupt ein Mädchen zu Gesicht bekommen? Oder gar +ein paar Herzschläge lang im Arm gehalten? Unsinn. Die Wasser des +Rheins stiegen, und die Frachten würden fallen zu Berg und zu Tal, +gen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Mannheim und gen Rotterdam. Aber da war die selten so günstige +Arbeitslage auf dem Kohlenmarkt. Jeder Zeche, jedem Großhändler mußte +an der Ausnutzung gelegen sein, und die bedrohten Frachtlöhne würden +sich wieder hochreißen lassen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt saß im Lederpolster seines Wagens und seine +Gedanken fuhren sieghaft rheinauf und rheinab und weit über die +schiffbefahrene See — —</p> + +<p>Träumte er und wachte er zu gleicher Zeit? Konnte er seine Wachheit +in Traumländer hinüberspielen und aus seinen Traumbildern heraus +haarscharf den wachen Tag überblicken? Der Wagen bog in die Straßen +Duisburgs, glitt durch gepflegte Anlagen, wand sich durch das Gewirr +der langen Häuserzeilen, die angefüllt waren mit dem Verkehrstreiben +und der geschäftlichen Anspannung der arbeitschwangeren, +arbeitgebärenden Großstadt. Und Kornelius Vanderwelts Augenlider +öffneten sich, sobald sie sich öffnen mußten, und senkten sich, sobald +die Achtsamkeit nicht verlangt wurde. Jetzt neigte er in höflichem +Ernst den Oberkörper, und der Gruß galt einem vorüberbrausenden +Zechenherrn und schien zu sagen: Hier haben Sie den Mann für die +schnellste Verfrachtung Ihrer Förderungen. Jetzt hob er grüßend +die Hand, und der kurze Wink rief einem eifrig dahintrottenden +Geschäftsfreunde zu: Halbpart, mein Junge, oder du kommst über Bord. +Jetzt zeigte er nur in vertraulichem Lachen die Zähne, und der +Schiffer, der in Strickweste und weiten Manchesterhosen breitbeinig +eine Hafenbrücke überquerte, drehte bei, lüftete grinsend die Mütze +und machte die Gebärde des Schnapsverholens, eine Gebärde, die von +Kornelius Vanderwelt in einem schönen Gleichmaß wiederholt wurde, +gleichsam als füge er ein Prosit hinzu. Und wiederum schlossen sich +träumerisch die Augenlider<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> bis auf einen schmalen Schlitz, durch den +er den wachen Tag einließ.</p> + +<p>Enger und rauchiger wurden die Straßen, als der Wagen die letzte +der Hafenbrücken hinter sich gelassen hatte. Ein Gewirr von Gassen +und Wasserzeilen tat sich auf. Geschwärzte Giebel schwammen auf +kohlenschwarzen Wasserspiegeln. Und Schiffsrumpf an Schiffsrumpf. +Plump, riesenstark, mit unersättlich geöffneten Mäulern.</p> + +<p>Ruhrort — das schwarze Venedig.</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte aus Träumen und Wachen, als der +Wagen in eine Toreinfahrt bog und stand: Immer mehr Land muß noch +verschwinden, immer mehr Wasser sich breiten, Rheinwasser und +Ruhrwasser, in Hafenbecken und Kanälen, und die Kanäle sollen die +Kohlen aus den Zechenfeldern saugen, und die Ruhrhäfen sollen sie +aufschlucken und unermüdlich die Beute dem Herrn überantworten, dem +Rhein, und dem Herrn des Rheins — uns — uns, uns!</p> + +<p>Aufrecht, nur noch die Wachheit des Tages in den Augen, stieg +Kornelius Vanderwelt aus dem Wagen und schritt ins Kontorgebäude. +Die schreibenden und rechnenden Herren an den Pulten grüßten kurz +und fuhren ungestört in ihren Arbeiten fort. Wortlos war Kornelius +Vanderwelts Gegengruß. Ein lautes Wort, und ein überflüssiges zumal, +konnte eine Berechnung über den Haufen werfen.</p> + +<p>Aus einer holzvergitterten Nische erhob sich der bevollmächtigte +Geschäftsführer und folgte mit einem Bündel Papiere dem Geschäftsherrn +in das Sonderkontor. Kornelius Vanderwelt reichte ihm die Hand, +hing seinen Hut an den Haken und ließ sich in seinem Drehsessel +nieder. Stumm nahm er das Bündel Papiere entgegen, glättete es auf +dem Schreibtisch und begann es durchzusehen. Kaum daß die Blicke +abglitten, zog die Rechte Bleistift und Papierblock<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> heran, schrieb +kurze Merkworte nieder, Zahlen, Gleichungen. Die Blätter raschelten +und schichteten sich zur Seite.</p> + +<p>»Setzen Sie sich doch, Beckenried.«</p> + +<p>Der ergraute Mitarbeiter nahm geräuschlos an der gegenüberliegenden +Breite des Tisches Platz. Er sah stumm auf die hin und her gleitende +Schreibhand des Herrn. Nur wenn die Schreibhand innehielt oder die +Fingerknöchel auf den Tischrand trommelten, vergewisserte er sich +des Papieres, das eben vorlag, und mit einem kurzen Aufblick der +Gesichtszüge des Herrn.</p> + +<p>»Mehr Schiffsraum heran, mehr Schiffsraum. Bevor die Zechen in ihren +Kohlenhalden ersticken, verschreiben sie sich mit Haut und Haaren dem +Herrn Eisenbahnminister. Und den kann von uns aus der Teufel holen.«</p> + +<p>»Dann müßt' sich der Teufel selber holen.«</p> + +<p>»Was soll das? Ach so, Sie meinen: Der, dem man sich mit Haut und +Haaren verschreibt, müßt' unbedingt auch ein Teufel sein. Lieber +Beckenried, nur für Ihr mathematisches Hirn. In Wirklichkeit ist die +Sache gottlob oft anders. Weiter im Text. Mit Frachtaufträgen sind die +Herrschaften verdammt freigebig, wenn der Winter vor der Tür steht und +der kleinste Kanonenofen nach Kohlen schreit. Mit den Frachtpreisen +aber zähe wie Hinterleder. Ne, ne, ich schimpfe ja nicht! Wozu wären +<em class="gesperrt">wir</em> denn da?«</p> + +<p>Er ließ auf dem Papierblock eine Reihe Zahlen aufmarschieren und hielt +sie seinem Mitarbeiter hin.</p> + +<p>»Stimmt das mit den Ihren? Vergleichen Sie mal.«</p> + +<p>»Es stimmt. Wie immer.«</p> + +<p>»Wollen Sie mit diesem ›wie immer‹ <em class="gesperrt">mir</em> eine Schmeichelei sagen +oder Ihrer eigenen Person? Schön, die unbedingt notwendige Tonnenzahl +stände fest. Was ist in<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Summa an Kahnraum und Schleppdampfern heute +früh angeboten? Sind die Abmachungen, die ich von der Schifferbörse +herübergab, ausreichend? Tonnengehalt! Pferdekräfte! Los, lieber +Beckenried.«</p> + +<p>»Mit den nachbörslichen Aufträgen brauchen wir das Doppelte. Das ist +nicht im Handumdrehen zu beschaffen, denn es ist nicht nur die Firma +Kornelius Vanderwelt auf der Jagd nach Schiffsraum.«</p> + +<p>»Beckenried! Wie oft soll ich Ihnen diese Wahnvorstellungen noch +ausreden! <em class="gesperrt">Nur</em> die Firma Kornelius Vanderwelt braucht +Frachtkähne und Schlepper. <em class="gesperrt">Nur</em> die Firma Kornelius Vanderwelt +ist auf der Jagd nach Schiffsraum. <em class="gesperrt">Für uns nur Kornelius +Vanderwelt!</em> Alle übrigen können uns — nun, Beckenried, +befleißigen wir uns im Verkehr mit der Geschäftswelt der +ausgesuchtesten Höflichkeit — also sie können es auch unterlassen.«</p> + +<p>Beckenried verbeugte sich kühl.</p> + +<p>»Ich habe übrigens ›sie‹ klein geschrieben,« sagte Kornelius +Vanderwelt sachlich. »Und nun fahren Sie fort.«</p> + +<p>»Abgemacht,« erklärte der im Geschäft Ergraute, ohne eine Miene zu +verziehen, »der Schiffsraum ist nur für <em class="gesperrt">uns</em> da. Aber die +verschiedenen Arten von Schiffsraum? An der einen Sorte ist viel und +an der anderen ist wenig zu verdienen, besonders wenn es, wie gerade +jetzt, um scharfe Berechnungen geht.«</p> + +<p>»Mein verehrter Freund und Mitarbeiter ist mal wieder unzufrieden mit +mir?«</p> + +<p>»Wenn ich ein Feigling wäre, was ich aber <em class="gesperrt">nicht</em> bin, und hätte +Angst vor Ihnen,« sagte Beckenried, hauchte auf die Gläser seines +Kneifers und putzte sie spiegelblank, »so würde ich mir bei jeder +Maßnahme des Oberhauptes denken: der Herr ist klüger als du. Oder +sonst was.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>»Das ›oder sonst was‹ verbitte ich mir. Weiter.«</p> + +<p>»Halte ich mich aber in Wirklichkeit für Ihren Freund und Mitarbeiter, +so ergibt sich für mich daraus die unbedingte Geschäftspflicht, aus +allen Unternehmungen die höchsten Gewinne herauszuwirtschaften.«</p> + +<p>»Mir ganz aus dem Herzen gesprochen, lieber Beckenried.«</p> + +<p>»Ich will Ihnen aber gar nicht aus Ihrem Herzen heraussprechen, +sondern von Hirn zu Hirn.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hob langsam den Kopf. Es war ein schmaler, fester +Kopf mit weitausladenden Stirnknochen. Das dichte blonde Haar trug +einen schimmernden Glanz, wie der lichte Schnurrbart, den er behutsam +mit den Fingerspitzen strich. Und nun hob er langsam die Augenlider +und lächelte seinen Ratgeber mit dem hellsten Hell seiner grauen Augen +an.</p> + +<p>»Von Hirn zu Hirn, Beckenried. Das ist ein Wort. Aber was wäre das +Hirn ohne Herz? Eine Maschine unter Druck bis zum Bersten. Ein Reiter +ohne Buddel. Ein Mädchen ohne Liebe. Was nützte dem Reiter alle +Schenkelkraft und dem Mädchen alle Schönheit, wenn nicht zum Ausgleich +irgendwo eine derbe Erdenfreude winkte. Mein kaufmännisches Hirn +treibt mich zu den Schiffsparks der Großreeder. Dort wickeln sich die +Geschäfte schneller und einträglicher ab. Darum habe ich aber doch +mein Herz, das seine Freude will, für die Kleinschiffer entdeckt, für +die Herren ›Partikuliers‹, wie sie sich so bieder und eigentumsstolz +benennen, und wo für die Krippengäule gedroschen wird, bleiben wohl +auch ein paar Hände voll für das lustige Federvieh.«</p> + +<p>»Es ist nicht <em class="gesperrt">mein</em> Geschäft,« sagte der Vertraute, steckte den +Kneifer ein und legte die Papiere zusammen. »Ich habe hier nur Rat zu +erteilen.«</p> + +<p>»Gut,« entgegnete Kornelius Vanderwelt. »Sie haben<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ihn erteilt. Und +nun will ich Ihnen auch einen Rat erteilen. Sie waren einmal ein +fröhlicher Bursche. Bitte, keine erstaunten Augen. Sie haben mit +mir manche Flasche leergetrunken und sich manche Ruhrorter Nacht um +die Ohren geknallt, als Sie noch jünger waren und die Firma noch +unbedeutend. Hüten Sie sich vor dem Verknöchern. Es tritt ein, wenn +wir das Geld nur noch um des Geldes willen einscheffeln und nicht mehr +wegen seiner befreienden Eigenschaften. Ich bin weiß Gott ein scharfer +Rechner und rieche einer Mark an, ob ein Taler darin steckt, wenn die +anderen sie noch mißtrauisch in den Fingern herumdrehen. Aber letzten +Endes doch nur, um auch mehr Spaß im Leben davon zu haben als die +Pfennigfuchser, die ihren Spaß im Geldschrank aufhäufen, bis ihnen jäh +der Sargdeckel auf die Nase fällt. Lieber Freund, nur das Leben erhält +jung, und dazu gehört das Lebenlassen.«</p> + +<p>»Sie sind entweder eine Dichternatur oder ein <em class="gesperrt">ganz</em> Gerissener.«</p> + +<p>»Also bleiben Sie bei dem Ganzgerissenen, da Ihnen die Künste im +Kaufmannsleben ein Greuel sind.« Er erhob sich, legte dem kleineren +den Arm um die Schulter und wiegte ihn hin und her. »Also denken +Sie, daß ich für meine Liebe zu den Herren Partikuliers nicht nur +poetische, sondern auch sehr eigensüchtige Gründe habe. Daß es mir +nicht nur auf die Saufnächte mit den urwüchsigen Kerls ankommt, +sondern auch — auf ihre Gegenliebe — am nüchternen Tag — auf der +Schifferbörse — bei den Abstimmungen — und so weiter! — Verstanden? +— Verstanden? — Und nun stecken Sie sich mal diese Zigarre an und +lassen Sie mich arbeiten.«</p> + +<p>Der Arbeitsgefährte kniff die Augen ein. Das Hin- und Hergewiegtwerden +hatte ihn schwindlig gemacht.</p> + +<p>»Ich verstehe. Ich verstehe. Und ich verstehe immer:<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Volkstribun. +Soweit mir aus meiner unerfreulichen Schulzeit her noch bekannt +ist, haben Volkstribunen immer noch den Hals gebrochen. Aus +Verschwendungssucht, um volkstümlich zu bleiben. Oder aus +Herrschersucht, um die Patrizier kleinzukriegen. Den Hals aber hat's +immer gekostet.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt dehnte sich in den breiten Schultern. Und die +Augen des Tadlers freuten sich, ob sie wollten oder nicht, an dem +straffen, muskelharten Körper.</p> + +<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Ob Sie einmal aus +Altersschwäche, sozusagen stückweise in den Himmel kommen, oder durch +einen wilden Sprung — doch das gehört nicht ins Kontor. Liegt nichts +Wichtigeres mehr vor, so können wir unsere Besprechung beenden. Bei +den Einzelkähnen der Partikulierschiffer bleibt es.«</p> + +<p>»Die Rotterdamer Maatschappij fragte durch den Fernsprecher an, ob sie +dem nächstfälligen Schleppzug Rückfrachten geben könnte. Preise nach +den Ruhrorter Frachtkursen.«</p> + +<p>Ein Blitzstrahl schoß aus den grauhellen Augen. Und der Blitzstrahl +verzehrte jählings den Volkstribunen und ließ ebenso jählings den +Geschäftsherrn Kornelius Vanderwelt erscheinen.</p> + +<p>»Hält uns die Rotterdamer Maatschappij für Hinterwäldler? Solch +eine Dummpfiffigkeit. Ruhrorter Frachtkurse! <em class="gesperrt">Rotterdamer</em> +Frachtkurse, und wenn die Seeschiffe nicht zur Stunde den Rotterdamer +Hafen anlaufen, und die Übernahme der Rückfrachten sich nicht wie ein +Uhrwerk vollzieht, gesalzene Aufschläge!«</p> + +<p>»Die holländischen Gesellschaften sind großmächtige Leute, Herr +Vanderwelt. Vor dieser Gefahr kann man nicht die Augen verschließen. +Und bevor wir die Kähne leer nach Hause schleppen lassen, sollte man +den kleinen Gewinn ...«</p> + +<p>»Jawohl. Das sollte man. Wenn kein größerer herauszuschlagen wäre. +Und der <em class="gesperrt">ist</em> herauszuschlagen. Hier«, er<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> pochte auf ein paar +Zettel, »in diesen frischen Drahtnachrichten liegen die letzten +Wetter- und Wasseransagen vor. Schneefälle in der Schweiz und im +Schwarzwald. Pegelstand bei Kehl und bei Mainz leicht steigend. Nur +dieser verrückte Wind braucht sich noch zu legen, und Sie sollen mal +was von Regengüssen erleben. Ich sage Ihnen, innerhalb einer Woche +haben wir einen Meter Wasser mehr im Rhein, und das Frachtgeschäft +drängt bis zur Atemlosigkeit zu Berg und zu Tal und reißt den letzten +Kahn mit, der noch zu schwimmen vermag.«</p> + +<p>»Was soll ich nach Rotterdam sagen?«</p> + +<p>»Ich besorg's schon selbst. Meine Stimme ist zuweilen verständlicher.«</p> + +<p>Er nahm den Hörer vom Fernsprecher. »Kontor? Stellen Sie doch eine +dringende Verbindung mit der Rotterdamer Maatschappij her. Danke.« Er +legte den Hörer auf die Gabel. »So, Beckenried, und nun wollen wir +einmal in den Rotterdamer Großherrenschädeln das Wetter aufklaren. +Großmächtige Leute! Holländische Gefahr! Für die Rheinschiffahrt und +das Frachtengeschäft! Alles wahr. Alles unzweifelhaft richtig, wenn +ihr Ruhrorter euch vor jedem holländischen Gulden klein macht, statt, +wenn's darauf ankommt, drauf zu pfeifen.«</p> + +<p>»Geschäft ist Geschäft, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ach, Beckenried, ich habe Sie höher eingeschätzt. Sie haben doch so +manche Nacht mit mir gesoffen, als Sie noch nicht verledert waren, und +der Wein fördert die Stimme der Natur. Da hätten Sie aus der meinen +lernen können. Geschäft ist Geschäft nur für Schreiberseelen, denen es +Hekuba ist, von wem Sie befehligt werden, wenn nur am Monatsletzten +bei Heller und Pfennig die Löhnung auf dem Tische liegt. Ein jedes +Geschäft ist aber noch lange kein Geschäft für die Kapitänsseelen, die +unter fremder<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Flagge Schiffsjungendienste verrichten sollen, und wenn +sie noch soviel Geld verdienen und Sonntags sogar den Kapitänsrock +tragen dürfen. Geld ist gut. Aber Herrenrecht im Hause ist besser. +Hallo, der Fernsprecher.«</p> + +<p>Mit kühlen Augen nahm er den Hörer von der Gabel.</p> + +<p>»Kornelius Vanderwelt. Ja, selbst. Welche Zeche? Ah, guten Tag, Herr +Direktor.«</p> + +<p>Seine Hand tastete nach Bleistift und Papierblock, während sein Ohr +dem Sprecher folgte. Jetzt setzte die Hand einige Zahlen aufs Papier. +Der Blick überflog sie.</p> + +<p>»Vielen Dank. Ein schöner Auftrag. Fast zu schön, um ihn zu bezwingen. +Wie meinen, Herr Direktor? Ein Hexenmeister wie ich? Sie kennen doch +das Dichterwort: ›Wächst mir ein Schleppzug auf der flachen Hand?‹ Und +für zwanzigtausend Tonnen brauche ich gut und gern drei Schleppzüge, +wenn ich für je fünf große Kähne in der heutigen Bedrängnis drei +starke Schleppdampfer auftreibe. Nun, für Geld ist alles zu haben.«</p> + +<p>Er horchte aufs neue in den Hörer hinein. Seine Augen lachten +stillverschwiegen.</p> + +<p>»Natürlich gebe ich Ihrem Auftrag den Vorzug vor allen anderen. +Ich bin sogar bereit, ein großes Geschäft mit Rotterdam +Ihretwegen schwimmen zu lassen. Bitte, bitte, das ist eine +Selbstverständlichkeit. Deutsche an die Front! Aber wenn ich Ihnen +behilflich sein kann, daß Sie mit zwanzigtausend Tonnen vor Ihren +Mitbewerbern in Mannheim landen und die höheren Preise hereinholen +können, so müssen Sie mir auch ein paar Pfennige mehr für die +Schiffer bewilligen. Wie meinen? Jaja. Nennen Sie es nur ruhig +Bestechungsgelder. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.«</p> + +<p>Und als Kornelius Vanderwelt wieder in den Hörer horchte, waren seine +Augen falkenscharf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>»Abgemacht. Versicherung und Verladekosten zu Ihren Lasten. Es wird +ein Beutezug für Sie werden, für den ich gutsage, und ich freue mich +auf die Flasche Hallgartener Nußbrunnen Auslese, zu der Sie mich im +Namen Ihrer Aktiengesellschaft in der ›Erholung‹ einladen werden. +Frohes Wiedersehen!«</p> + +<p>Beckenried schrieb den Auftrag nieder, wie Kornelius Vanderwelt ihn +vorsprach. Er schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Kein Schiffsbefrachter Ruhrorts wird den Laderaum in so knapper Zeit, +wie hier gewünscht wird, zusammenbekommen. Verlassen Sie sich darauf.«</p> + +<p>»Ich werde mich lieber auf den Volkstribunen verlassen,« sagte +Kornelius Vanderwelt und blickte durch das Fenster über den Hafendamm +ins Weite.</p> + +<p>Noch einmal schrillte die Glocke des Fernsprechers. Schriller. +Anhaltender. Mit der Erregung, mit der sie eine Auslandsverbindung +anzeigt. Die Rotterdamer Maatschappij meldete sich.</p> + +<p>»Hier Kornelius Vanderwelt in Person. Jawohl, danke sehr, Ihre +Anfrage wurde mir übermittelt. Leider, leider ist es so gut wie +eine Unmöglichkeit, die Kähne auch nur vierundzwanzig Stunden über +die Ausladezeit im Rotterdamer Hafen liegen zu lassen. Wir bekommen +großes Wasser, und das Frachtengeschäft hier in Ruhrort hat sich +über Nacht zum Hochbetrieb entwickelt. Die Schifferbörse war noch +von der Plötzlichkeit überrumpelt, aber morgen schon werden wir den +erfreulichen Umschwung an den Frachtkursen verspüren. Wie hoch ich +die allgemeine Steigerung berechne?. Sie wird bis hundert Prozent +gehen. Und Sie werden es uns nicht verargen, daß wir allen Leerraum +von draußen schleunigst zurückpfeifen und an der hohen Welle teilhaben +lassen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sprach über den Fernsprecher<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> hinweg. Er richtete +seine Ausführungen unmittelbar an seinen Mitarbeiter Beckenried, der +sie mit einem verlegenen Lächeln entgegennahm.</p> + +<p>»Ob ich das Angebot der Maatschappij annehme? Oh, das meinen Sie +nicht ernsthaft. Ich verstehe nicht. Bei unserer alten und bewährten +Geschäftsverbindung? Ja, das ist auch <em class="gesperrt">mein</em> Stolz, daß sich +unsere alte Verbindung bei gutem und bei schlechtem Wetter bewährt +hat, und ich will es, wenn Sie sich umgehend entschließen, auf meine +Gefahr nehmen, Ihnen die Kähne mit nur fünfzig Prozent über heutigen +Ruhrorter Kurs zur Verfügung zu lassen. Wie? Was? Entschuldigung, +ich erhalte gerade eine Nachricht. Eine unserer großen Kohlenzechen +verlangt von mir dringendste Anschaffung von zwanzigtausend Tonnen +Schiffsraum. Das ist schon der Anfang. Alle Mann an Bord und jeder +Kahn heran!«</p> + +<p>Und Beckenried jedes Wort auf den Kopf zusagend, wiederholte Kornelius +Vanderwelt den Rotterdamer Zuruf.</p> + +<p>»Mit fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs. Gut, ich schließe +ab, um Ihnen meine Dienstfreundlichkeit zu zeigen. Selbstverständlich +der gleiche erhöhte Satz für Wartezeit und Ladezeit. Nein, nein, +daran ist nicht zu rütteln. Und nun hoffe ich, daß Sie mich und meine +Dienste zu allen Zeiten bevorzugen. Glückauf!«</p> + +<p>»Glückauf,« wiederholte er und machte seinem Geschäftsführer eine +tiefe Verbeugung.</p> + +<p>»O ja. O ja doch. Wenn man Kornelius Vanderwelt ist und sein eigener +Herr und Meister —«</p> + +<p>»Wenn die Beckenrieds nicht mal über das kleine Einmaleins Herr und +Meister werden können, können sie keine Vanderwelts werden, die nur im +großen Einmaleins tief Atem holen. Darum keine Feindschaft und jeder +an seinem Platz. Lassen Sie im Kontor die Berechnungen durchführen<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> +und die Güterversicherungen. Überprüfen Sie sie bis in die letzte +Pore. Ich unterschreibe blindlings. Mann, wenn ich Sie nicht hätte, +Ihr Kornelius Vanderwelt könnte Partikulierschiffer werden auf seinem +Kohlenkahn.«</p> + +<p>Ein Lächeln glitt um Beckenrieds gekniffenen Mund. Ein Lächeln stiller +Zustimmung und Selbstbewertung. Er nahm die Hand, die Kornelius +Vanderwelt ihm rasch entgegenstreckte, und empfahl sich.</p> + +<p>Bis zum Abend saß Kornelius Vanderwelt über seine Arbeit gebeugt. +Seine Schriftzüge bedeckten Seiten. Seine Zahlenreihen füllten Bogen +an. O nein, es war keine Rede von blindlings erteilten Unterschriften. +Es war nur die Rede gewesen von der Kunst der Menschenbehandlung. +Früh brach die Dunkelheit in das enge Hafenviertel. Gewohnheitsmäßig +suchte die Linke den Lichtschalter der Tischlampe, während die Rechte +unbeirrt weiterschrieb. Flog der Blick durch das Fenster, so sah er +die Lichter aufflammen in allen Geschäftsräumen der Häuser ringsum, +die Bordlichter an den Kähnen, die Fahrt- und Haltlaternen an den +Masten der Schlepper. Die Festbeleuchtung des schwarzen Venedigs.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelts Atem ging tiefer. Für Sekundenlänge sog er +das Bild in sich hinein, horchte er, als wäre es ein feingesetztes +Musikstück, auf die grellen Pfiffe, die aus der Dunkelheit ins +Licht stießen, auf das Gerassel ferner Ankerketten, das Anrollen +der Eisenbahnwagen, das Aufkreischen der Verladekipper, die mit +unaufhörlichem Hungergestöhn den Inhalt der Wagen schluckten und +ihn lustbrüllend in die Kähne spien. Und in seinen Augen lagerte +der Widerschein des Musikstückes, während er rechnete und schrieb, +während er den Hörer vom Fernsprecher hob und kurze Gespräche mit +diesem und mit jenem unsichtbaren Kapellmeister führte oder mit einem +der Musikanten selbst.<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Wieder und wieder öffnete sich die Tür zu +seinem Sonderkontor, wurden Stöße von Briefen, Bestätigungsschreiben, +Versicherungsscheinen zur Unterschrift auf seinen Arbeitstisch +geschoben, wartete der Bote, bis der Herr scharfäugig die Zahlen +verglichen, die Briefe durchflogen, unterschrieben oder zur Abänderung +zurückgegeben hatte. Ein Kleines noch, und im Hauptkontor scharrten +Schuhe eilig den Boden, klappten Türen, wurde es kirchenstill.</p> + +<p>Das gelbliche Gesicht Beckenrieds blickte durch den Türspalt, sah +fragend auf den arbeitversponnenen Herrn.</p> + +<p>»Sie haben wohl Durst, Beckenried? Den verdanken Sie mir.«</p> + +<p>»Ich verdanke Ihnen eine Leberanschoppung, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schloß den Schreibtisch. Er reckte die Glieder +wie ein Soldat nach der Schlacht. Und gähnte, bis die Kiefern knackten.</p> + +<p>»Ne, Geliebter, die verdanken Sie Ihrer Unmäßigkeit. Meinethalben +der — der — falschen Gewichtsverteilung. Da neigt sich der Kahn +zu Wasser. Zum kohlenschwarzen Wasser, Beckenried, statt zum +himmelsgoldenen Wein. Ich will ein Menschenfreund sein und Sie noch +einmal in die Lehre nehmen.«</p> + +<p>»Gott soll mich bewahren. Zerrütten Sie Ihre Gesundheit auf eigene +Rechnung. Meine Leber haben Sie doch in früheren Jahren genug +mißhandelt.«</p> + +<p>»Gute Nacht, undankbarer Schüler. Und was meine Gesundheit betrifft +—« er spannte die Brust und schlug lachend mit der Faust auf die +Wölbung. »Nun? Hört sich das wie Zerrüttung an?«</p> + +<p>»Ich müßte lügen, Herr Vanderwelt. Es hört sich an wie eine +Weinkanne.« Und er ließ den Geschäftsherrn an sich vorüberschreiten, +um hinter ihm die Kontortür zu schließen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>»Gehen Sie schlafen, Beckenried. Ihnen fehlt jede Begabung für die +Musik des Lebens.«</p> + +<p>»Gute Nacht, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schritt den Damm entlang, verharrte am Hafenmund +und schnupperte den teerdurchtränkten Herbstwind ein. Südwind, dachte +er, aber es ist schon ein Hauch von Feuchtigkeit darin, und morgen +werden wir Westwind haben. Westwind. Regen. Großes Wasser. Ruhrorter +Frühlingsluft — —!</p> + +<p>Die Häfen lagen ausgestorben. Der Feierabend hüllte sie in seine +warmen, weichen Schwingen. Nur die Hochöfen gluteten im weiten Rund +wie ruhlos fiebernde, schweratmende Vulkane.</p> + +<p>Von einem Holländer Kahn glitten die Klänge einer Harmonika ins +Dunkle. »Wilhelmus von Nassauen« spielte der Schiffer.</p> + +<p>Von einem Oberländer Kahn klang die heimatgefärbte Antwort.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Bald gras' i am Neckar, bald gras' i am Rhein,</div> + <div class="verse indent0">Bald hab' i ein Schätzel, bald bin i allein ...«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>schluchzte die Harmonika und ging in einen handfesten Gassenhauer +über. Irgendwo auf einem Kahn schlug ein Spitz an. Ein zweiter, ein +dritter, ein Dutzend antworteten. Eine Minute lang beherrschte das +hellgestimmte Gekläff das weite, nächtliche Hafengebiet und brach jäh +ab.</p> + +<p>Eine Weile noch horchte Kornelius Vanderwelt in das Schweigen hinein. +Dann sah er im Scheine der Hafenlaternen nach der Taschenuhr, bog +in die gartengeschmückte Rheinallee ein und schritt ausholend der +mächtigen Brücke zu, die den dahinflutenden Strom des Rheines +überspannt und Ufer an Ufer reißt, Menschen zu Menschen, Arbeit zu +Arbeit, Freude zu Freude, und stand vor seinem Hause.</p> + +<p>Durch einen Vorgarten ging er hindurch. Rosensträucher,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> noch einmal +aufjauchzend in heißer Blütenpracht, boten dem Herbstwind Trotz. +Eine hochaufragende Weide, Wacht und Schönheit in eins, warf aus +verkuppelter Krone undurchdringbares Zweigegewirr, silbrig wogende +Schleier über das weiße, schlichte Landhaus, lockend und bergend.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt spannte das Gehör, als er den getäfelten Hausflur +betrat. Er verzog den Mund, wie von Schmerzen befallen. Klavierspiel +drang an sein Ohr. Vorschriftsmäßig in der Taktgestaltung, aber hart +im Anschlag, unverstanden im Wesentlichsten, dem Geist. Und zu dem +Kinderspiel gebot eine trockene Frauenstimme unablässig: »Eins, und — +zwei, und — drei, und —!« und legte der silbern hüpfenden Sonate des +göttlichen Wolfgang Amadeus Mozart ein Zwangsleibchen an.</p> + +<p>In wenigen Sätzen war Kornelius Vanderwelt die Treppe hinauf, stand er +im Musikzimmer am Flügel. »Mörder!« schrie er, »Schwerverbrecher! Wen +soll ich zuerst erwürgen?«</p> + +<p>»Mich, Papa! Mich!« Die Stimme des zwölfjährigen Mädels überschlug +sich vor Entzücken. »Damit die Quälerei zu Ende geht!«</p> + +<p>»Vom Klavierbock herunter, Juliane! Ist der Flügel eine Fleischbank, +auf der Wolfgang Amadeus Mozart zu Wurstfleisch zerhackt wird?«</p> + +<p>»Sag's doch Fräulein Bilsenbach! Sag's ihr,« hetzte das Mädel +ausgelassen.</p> + +<p>»Ich muß doch sehr bitten, Herr Vanderwelt, vor dem Kinde mein Ansehen +zu wahren.«</p> + +<p>»O Fräulein Bilsenbach, nichts für ungut, aber das Ansehen Mozarts +geht vor. Außerdem! Wer so bezaubernd kocht, braucht auf das Ansehen +anderer Künstler wirklich nicht neidisch zu sein. Ja, da lächeln Eure +Gnaden. Wie gut Sie das kleidet — —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p> + +<p>Und er saß auf dem Klavierbock, legte mit leisem Streicheln die Hände +auf die Tasten und blickte über das Notenblatt. Ein Quellengeplauder +hob an unter seinen Fingerspitzen. Ein blitzendes Bächlein sprang +eigenwillig und doch von der Schönheit eingebettet durch die +Blumenwiesen. Mit einem Seufzer der Liebeslust sprang es dem +aufrauschenden Fluß in die Arme, der bewimpelte Schiffe trug und auf +den Schiffen vor Seligkeit singende Menschen. Und der Fluß ward zum +Strom durch tausend Quellen, die ihm ihr blitzendes Wasser brachten +und die Elfenlieder von den Blumenwiesen, und strömte durch goldene +Mittagssonne und purpurnes Abendgold und strömte aus in einem Meer von +Mondlicht und Sternenreigen.</p> + +<p>Das Antlitz des alternden Fräuleins hatte sich gerötet, und diese Röte +war angefacht von Beschämung und zwiefach dazu von aufquellender Lust.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, ich will doch lieber, wenn Sie es erlauben, Ihnen +zuhören, als den Kindern meinen nur alltägigen Unterricht erteilen. +Der Haushalt und die Überwachung der Kinder verlangen die ganze Kraft.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt träumte noch ein weniges den Mozartschen Weisen +nach. Jetzt wandte er den Drehstuhl und gewahrte das gerötete Fräulein.</p> + +<p>»Friedlich, friedlich, Fräulein Bilsenbach. Nicht gleich die Flinte +ins Korn werfen. Sie sind in der Musik eine so taktsichere Frau, wie +Sie es im Leben sind. Nur daß der Takt oft gerade die seltensten +Melodien in der Blüte verkümmern läßt. Denken Sie sich einmal die +Liebe im Takt. Das muß flüstern, stammeln, pausieren, drauflosgehen +wie der Deibel! Oh — Entschuldigung.«</p> + +<p>»Wenn Sie es wünschen, können wir zu Tisch gehen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>»Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein Bilsenbach?« Und ritterlich +neben ihr schreitend, fragte er sie nach den Mühen des Tages, nach den +Sorgen um die Kinder.</p> + +<p>Im Speisezimmer fanden sie die Kinder vor. Wie es der Vater liebte, +standen sie aufrecht hinter ihren Stühlen. Dann aber war des Haltens +nicht länger.</p> + +<p>»Papa! — Papa!«</p> + +<p>Zwei Jungen hielten ihn zu gleicher Zeit umschlungen, vierzehn- und +fünfzehnjährige schlanke Burschen. Und der Kopf des zwölfjährigen +Mädels kuschelte sich unter seinen Arm.</p> + +<p>»Guten Abend, Justus. Guten Abend, Thomas. Ob die Juliane schon ihren +Kuß weggekriegt hat, weiß ich wirklich nicht.«</p> + +<p>»Nein! Nein! Nein! Gib ihn mit Zinsen!«</p> + +<p>»Hüt' dich, Mädel, hüt' dich! Wer als erstes an die Zinsen denkt, +denkt als letztes an den Anlagebetrag.«</p> + +<p>»Hier hast du meinen Mund!«</p> + +<p>»Ist das nun ein liebender Mädchenmund oder ein rechnender?«</p> + +<p>»Ach, so küss' ihn doch nur, wenn ich ihn doch hinhalte ...«</p> + +<p>»Wenn du so freigebig bist, hast du meistens eine leere Geldtasche.«</p> + +<p>»Geraten! Geraten! Und da ich dich in so gute Laune gebracht habe, +gibst du mir ordentlich. Gelt, du Lieber?« —</p> + +<p>»Juliane,« rief der fünfzehnjährige Justus, »du beträgst dich wie ein +Gassenmädel.«</p> + +<p>»Sieh mal an, das große Brüderlein. Kennt schon Gassenmädel.«</p> + +<p>»Nicht doch,« wehrte sanft und überlegen Thomas, der Vierzehnjährige. +»Sie hat im Religionsunterricht von der Salome gehört und spielt sie +uns ein bißchen vor.«</p> + +<p>»Mund gehalten, ihr Drei!« Kornelius Vanderwelt<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> schluckte das Lachen +nieder, das fröhlich mittun wollte, richtete sich auf und zeigte +drohende Augen. »Ich bitte mir drei Muster tadellosester Erziehung +aus.«</p> + +<p>Die Kinder huschten hinter ihre Stühle. Sie standen in Reih und Glied, +die Hände auf den Lehnen, die Köpfe nach dem Vater gerichtet.</p> + +<p>»Fräulein Bilsenbach, ich bitte. Niedersetzen,« gebot er.</p> + +<p>Und die Kinder saßen auf den Stühlen, aufrecht und regungslos, bevor +der Hausherr den Stuhl des Fräuleins angerückt hatte und den eigenen +Sitz einnehmen konnte. Und ein dreifach Gelächter begrüßte den +Nachzügler.</p> + +<p>»Rangen, habt ihr nicht mehr Ehrfurcht vor eurem alten, +steifgewordenen Vater?«</p> + +<p>»Alt! Steifgeworden! Ach, das arme Väterchen! Schon ganz verhutzelt +sieht er aus.«</p> + +<p>»Wenn man einen Stuhl auf den Tisch stellt, kann er kaum noch +drüberspringen.«</p> + +<p>»Jeden Abend um acht muß er ins Heiabettchen.«</p> + +<p>»Ruhe! Ich bitte mir die vollkommenste Ruhe aus.«</p> + +<p>»Heute morgen,« lief das Plappermäulchen des Mädchens weiter, »heute +morgen in der Schule sagte noch Antonie Ausdemwerth zu mir, und alle +Mädchen hörten zu, ihre Mama habe gesagt —«</p> + +<p>»Juliane, was Antonie Ausdemwerth sagte und was ihre Mama gesagt hat, +ist sozusagen ausgesagt, wenn ich gesagt habe, es wird nichts mehr +gesagt.«</p> + +<p>»Sagte, sagte, sagte,« spotteten die Brüder der Schwester nach.</p> + +<p>Die zeigte ihnen blitzschnell die Zungenspitze und wischte sich, als +sie den empörten Blick des Fräuleins gewahrte, seelenruhig mit dem +Zünglein die Lippen. »Ach, einen Hunger hab' ich — —«</p> + +<p>Ein älteres Hausmädchen trug die Speisen auf, bot sie<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> dem Fräulein +zuerst, dann mit einem freundlichen, wie um Entschuldigung bittenden +Lächeln dem Hausherrn, auf dessen Anordnung die Reihenfolge geschah, +und den Kindern der Altersstufe nach. Kornelius Vanderwelt nickte +ihr mit gleicher Freundlichkeit einen ›Guten Abend‹ zu. Alle seine +Hausangestellten waren seit langen Jahren im Dienst, noch aus den +Zeiten der schönen Frau Vanderwelt, die nach der Geburt ihres Mädels +allzu rasch in das gesellschaftliche Treiben zurückverlangt hatte und +an zu stark gesteigertem Leben verschieden war.</p> + +<p>»Nun dürft ihr wieder reden,« erlaubte der Hausherr, der die +Kinderstimmen liebte und an den sprunghaften Einfällen der jungen +Gehirne seine Freude hatte. »Aber bitte nicht im Chor. Da weiß man +nie, wer die größte Dummheit vorgebracht hat. Also Justus, wie war's +in der Schule?«</p> + +<p>»Ausgezeichnet, Papa. Der Lateinlehrer konnte vor Katzenjammer nicht +unterrichten, und ich habe ihm den nassen Klassenschwamm aufs Pult +gelegt.«</p> + +<p>»Edler Samariter. Hat er sich stürmisch bedankt?«</p> + +<p>»Das nicht. Aber er hat mich ins Klassenbuch geschrieben.«</p> + +<p>»Justus,« tadelte der Vater kopfschüttelnd, »wann wirst du lebensklug +werden? Der Herr Lateinlehrer wird den Schwamm nehmen und sich damit +seine letzte Zuneigung zu dir aus dem Schädel wischen.«</p> + +<p>»Pah — ich stehe in der Klasse prima.«</p> + +<p>»Und wenn du primissima ständest wie der liebe Gott: die Rache ist +mein, spricht der Herr Lehrer, und seine Wege sind unerforschlich.«</p> + +<p>Die Kinder stießen sich unter dem Tische an. Ihre Augenbrauen waren +hoch hinaufgezogen.</p> + +<p>»Thomas, erzähl <em class="gesperrt">du</em> mir einmal von deinem heutigen Schulerleben. +Hoffentlich war es lobenswerter.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<p>»Wir haben den deutschen Klassenaufsatz zurückbekommen, Papa. Er +lautete: Der Charakter der Jungfrau von Orleans. Der meine erhielt +eine Eins. Aber mit einer Bemerkung in roter Tinte.«</p> + +<p>»Was wünschte die rote Tinte, Thomas?«</p> + +<p>»Der Verfasser möge sich in Zukunft in der Beurteilung von +Frauencharakteren mehr in acht nehmen.«</p> + +<p>»Von Frauencharakteren? Ich denke, es handelt sich um eine Jungfrau?«</p> + +<p>Die Kinder hielten den Atem an. Das Fräulein räusperte sich und +nestelte das Schnupftuch hervor.</p> + +<p>»Das ist nämlich ein Unterschied. Der Charakter einer Jungfrau ist wie +ein Saitenspiel, das auf den Harfner wartet. Es kann auf Dur und Moll +und klar oder verworren abgestimmt sein, erst in der Hand des Harfners +liegt es, den Ton zu bestimmen und zu gestalten, so er ein rechter +Künstler ist. Und der Charakter einer echten Frau wird, ganz gleich, +wie sie als Jungfrau gedacht und empfunden hat, immer die getreue +Widerspieglung des Mannes sein, in dessen Hände sie sich auf Glück +oder Verderb gegeben hat. Auf die Manneshände kommt es an.«</p> + +<p>»Das dürfte wohl für die Kinder zu abwegig sein,« sagte das Fräulein, +um der Verlegenheit Herr zu werden.</p> + +<p>»Vielleicht für heute, Fräulein Bilsenbach. Aber im Unterbewußtsein +schwingt es weiter und wird dann eines Tages zur Stelle sein, wenn es +in der Auswirkung gebraucht wird.«</p> + +<p>»Was ist das: Unterbewußtsein?« fragte die kleine Juliane in Spannung.</p> + +<p>Da lachte Kornelius Vanderwelt erlöst und erheitert auf.</p> + +<p>»Hör' einmal, Jungfer Naseweis: wenn du dich gleich in dein Bett +begibst, voll bewußt aller deiner Tugenden und Vorzüge, und irgend +etwas redet dir in deinen Schlaf<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> hinein: ›Juliane, du hast mal wieder +deine Schularbeiten nicht gemacht‹, so ist das das Unterbewußtsein. +War das deutlich, mein Mädchen?«</p> + +<p>»Ich hab' sie aber — fast alle.«</p> + +<p>»Das freut mich über die Maßen, Juliane. Und den kleinen Rest wirst du +nachher in meinem Arbeitszimmer erledigen. Ich möchte nun auch gern +von dir einmal etwas über die wichtigsten Schulereignisse hören.«</p> + +<p>Das Mädchen wetzte mit der Zunge flink die Lippen. In den Augen jagte +die Ungeduld.</p> + +<p>»Heute morgen sagte Antonie Ausdemwerth in der Schule zu mir, und alle +Mädchen hörten zu: ihre Mama habe gesagt —«</p> + +<p>»Sagte, sagte, habe gesagt,« spotteten die Brüder ihr nach.</p> + +<p>»Papa,« rief die Kleine zornig, »du hast <em class="gesperrt">mich</em> gefragt und nicht +den Justus und den Thomas!«</p> + +<p>»Ich habe <em class="gesperrt">dich</em> gefragt. Fahre ruhig fort.«</p> + +<p>»— ihre Mama habe gesagt: es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die +anderen wären Kohlentrimmer, und der Mann hieße Kornelius Vanderwelt. +So, ihr weisen Jungs, nun sagt, ob ihr was Besseres wißt.«</p> + +<p>Die Jungen gaben sich geschlagen. Sie prosteten dem Schwesterchen mit +den Wassergläsern zu.</p> + +<p>»Frau Ausdemwerth ist eine sehr liebenswürdige Dame,« meinte Kornelius +Vanderwelt und spürte ein leises Erröten vor den Kindern, »aber man +muß nicht auf Schmeicheleien hören, sondern die Tatsachen für sich +reden lassen. Und für dich, meine aufmerksame Juliane, sollen sie +jetzt einmal durch die Schulaufgaben reden. Ich wünsche allerseits +eine gesegnete Mahlzeit. Fräulein Bilsenbach, ich habe letzthin in +Amsterdam nicht besser gegessen. Und die Holländer sind stolz auf ihre +Küche.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p> + +<p>Noch einmal hingen sich die Jungen gute Nacht wünschend an Kornelius +Vanderwelts Hals. Dann suchte der Hausherr sein Arbeitszimmer auf, und +Fräulein Bilsenbach nahm das schweigsam gewordene Mädchen bei der Hand +und folgte ihm nach.</p> + +<p>»Nun, mein Mädelchen? Da du <em class="gesperrt">fast</em> alles schon gelernt hast, +wird's ja im Handumdrehen getan sein. Um was handelt es sich denn in +der Hauptsache?«</p> + +<p>»Um die französischen unregelmäßigen Zeitwörter.«</p> + +<p>»Potztausend. Das ist ja eine ganze Menge. Die paukt man doch nicht +mit einem Male in sich hinein?«</p> + +<p>»Sie lernen schon seit Wochen daran,« sagte das Fräulein, »aber +Juliane bringt ihnen nicht die nötige Beachtung entgegen.«</p> + +<p>»Französisch lerne ich einmal in Lausanne,« erklärte die Kleine +hochmütig. »Und Englisch auf der Insel Wight. Papa gibt mich ja doch +in die allerfeinsten Erziehungsanstalten. Da brauch' ich doch nicht +hier schon mit den dummen unregelmäßigen Zeitwörtern geplagt zu +werden.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt winkte dem aufbegehrenden Fräulein freundlich ab. +Er wandte sich an Juliane.</p> + +<p>»Mein liebes Kind, was dein Vater einmal tun wird oder nicht tun +wird, darauf kommt es hier nicht an, sondern was <em class="gesperrt">du</em> tun wirst. +Ein jeder Mensch hat sich nur auf sich selber zu verlassen. Denn die +väterlichen Geldbeutel können über Nacht ein Loch kriegen, und dann +heißt es, nach dem Schulsack greifen und Nachschau halten, ob der gut +gefüllt ist. Ist er's, so bist du für das Leben gesichert und bleibst +Dame in den schwierigsten Verhältnissen. Hast du aber <em class="gesperrt">nicht</em> +vorgesorgt, so sinkst du wie Blei auf den Grund, und wenn dein Vater +tausendmal Kornelius Vanderwelt war. Denn ein jeder Mensch steht nur +für sich. Nur!«</p> + +<p>Das vom Leben gerüttelte alte Fräulein nickte kurz vor<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sich hin. Es +ließ sich im Winkel des Arbeitszimmers nieder und zog das Kind an sich +heran. »Ihre Gegenwart dürfte schon genügen,« sagte der Blick, der den +Herrn des Hauses traf, und bald füllte ein leises Gemurmel das Gemach, +einförmig, zuweilen nur ärgerlich sich steigernd. »<em class="antiqua">Venir, tenir, +vouloir, s'en aller, s'asseoir, prendre, battre, mettre</em> ...«</p> + +<p>Rauchend saß Kornelius Vanderwelt im Ledersessel und überflog die +Abendzeitungen. Die Börse war leidlich, eher zurückhaltend. Da +hieß es achtgeben, denn man schien zu einem überraschenden Schlag +auszuholen. Von den städtischen Nachrichten fanden nur die neuen +Hafenplanungen seine regere Anteilnahme, und auch diese schienen +seinem Vorwärtsdrängen noch nicht aus dem größten Augenwinkel erfaßt. +Die Politik? Er hatte unter den erwählten Volksboten genügend brave +Seifensieder kennengelernt, von denen er wohl seine Seife, aber nicht +seine politische Weisheit bezogen haben würde. Ah ... Er lehnte sich +bequemer zurück. Hier stand über die Großen im Reiche der Kunst zu +lesen. Klavierabende. Beethovensche Symphonien. Uraufführungen neuer +Opern. Ein Wogen und Wallen war um ihn, ein Kämpfen und Erlösen, +Aufschreie der Menschennatur, Zurruhestreicheln, Jubel oder Untergang.</p> + +<p>Längst saß er vornübergebeugt, das starke Kinn vorgeschoben, die +Nüstern geweitet. Und mit einem Male knüllte er mit einem Griff die +Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb.</p> + +<p>Sofort erhob sich das Fräulein, nahm das aufstrahlende Kind bei der +Hand und näherte sich ihm.</p> + +<p>»Es geht jetzt leidlich, Herr Vanderwelt. Wir können uns zurückziehen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hatte sich höflich erhoben. »Gute Nacht,« sagte +er. »Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> mir die unregelmäßigen +Zeitwörter abgenommen haben. Man hat sich im eigenen Leben genug damit +abzuplagen. Gute Nacht, kleine Juliane. Auswendiglernen ist noch das +leichteste.«</p> + +<p>Er küßte sie auf die schlafmüden Augen und stand, bis die Tür ins +Schloß gefallen war.</p> + +<p>»Allein,« sagte er vor sich hin. »Mutterseelenallein. Man kann doch +nicht auch noch in der Nacht von Kohlenladungen reden ... Herrgott, +ständ' ich doch am Steuer eines Seeschiffes, all das tausendmal +durchgeackerte Philisterland hinter mir, neues Inselland vor mir, mit +nackten Menschen, unverkleideten Leidenschaften, unberührt, unberührt. +O du wilde, du zarte, du zärtliche Schöpferfreude ... Geh in ein +Wirtshaus, Kornelius Vanderwelt.«</p> + +<p>Vor einem Bilde verharrte er noch, vor einem strahlend fröhlichen +Frauenbild.</p> + +<p>»Ja, ja, Du warst wild, du warst zart, du warst zärtlich und warst +alles in eins bis zur Selbstvernichtung. Mit dir lohnte es noch.« — —</p> + +<p>Er ging und verließ trotz später Stunde das Haus.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="2">2</h2> +</div> + + +<p>Wie das Haus eines alten Wikings, der ruhebedürftig nach wilden +Küstenfahrten und doch in ruheloser Sehnsucht nach dem Wasser, das +zum Meere strebt und den Weg zeigt zu den fernsten, wogenumbrandeten +Ländern, seine Ausrast am unteren Stromlauf des Rheines nahm, nahe +den Schlupfwinkeln der Ruhr-, der Emscher- und Lippemündungen, erhebt +sich auf dem Damm zu Ruhrort das Versammlungshaus der Schiffer und der +Schiffahrtsfirmen, der ungezählten Hunderte, die in den Wasserarmen +der Rhein-Ruhr-Häfen laden und löschen, harren und handeln, aus +Schiffsraum und Maschinenkraft, Wetter, Wasser und Wind ihr tägliches +Brot holen, verschwitzte Groschen oder Gold, wie es aus der Präge +kommt. Fachwerkartig strebt das Haus in den mittelalterlichen Giebel, +und das Gerippe des dunklen Eichengebälks gibt ihm Sturmfestigkeit, +Ansehen in den Augen der Strombefahrer und die Gewähr der Dauer. +Von alters her gewöhnt an Luft und Ellbogenfreiheit, blieb das Volk +der Schiffer dem Damm, der Straße vor der Schifferbörse, treu, doch +wenn der Regen peitschte, der Nebel von der See her in Schwaden +über die Niederungen zog oder naßkalter Winterwind die Wolken gen +Holland trieb, stapften sie zufrieden in den Wappen-, Bilder- und +spruchgezierten Börsensaal, äugten in die Seitenkojen, die von den +großen Verfrachtern und Schiffsmaklern gemietet waren, und harrten und +handelten<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> gemächlich und bedächtig, als läge ihnen nichts an Zeit und +Geld, und noch viel weniger an dem drängenden Eifer der Geschäftsleute.</p> + +<p>Aus allen Häfen des Rheins und des Rhein-Seeverkehrs, aus allen +Plätzen der Kanalschiffahrt ins deutsche Binnenland, nach Holland, +Belgien und Frankreich hinein, sammelten sich die Schiffer, die bei +Ruhrort vor Anker lagen und neue, günstige Ladeabschlüsse erharrten, +um die elfte Morgenstunde auf dem Damm und erwarteten Begrüßung und +Angebot der Herren aus Ruhrort, aus Duisburg, Homberg und Hochfeld, +der Kohlenzechen, Eisenhütten und Stahlwerke, die nach leerem +Schiffsraum fahndeten. In breitem Schiffergang trotteten sie heran, in +Hosen aus braunem Baumwollsammet und derbgestrickten Westen, in blauen +Leinwandhosen und verfärbten Wetterjacken, in dunklen Tuchanzügen +mit goldenen Ankerknöpfen, den goldenen oder silbernen Ring im Ohr, +Mützen jeder Gattung in den Nacken geschoben. Die Tonpfeife qualmte in +Kräuseln, die zerbissene Zigarre hing im Mundwinkel, der Priemtabak +lagerte unsichtbar hinter den Zähnen verstaut.</p> + +<p>Viele aber, die keine Ladung zu löschen hatten und nicht an die Stunde +gebunden waren, erschienen schon frühzeitig wiegenden Ganges auf dem +Damm, blinkten in den engen Quergassen nach den Kneipenschildern und +löschten ihren frühzeitigen Durst. Und die Geschäfte, die zwischen +einigen Geneverschnäpsen zustande kamen, erschienen oft beiden +Vertragsteilen als die besseren und bequemeren.</p> + +<p>»Döres, noch eine Lage. Verdammt hartleibig heute, der Klaas. Tu ihm +ein Stücksken Zucker 'rein, damit et ihm glatter in den Magen geht. +Also, Klaas: ein Mann un ein Wort. Ist dein Kahn nun frei für mich +oder nicht?«</p> + +<p>Dichter und dichter füllte sich der Damm vor der Schifferbörse. Längst +kamen Gefährte nicht mehr durch die Massen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> hindurch und mußten +einen Bogen schlagen. Weithin vernehmbar gab eine Glocke das Zeichen +zum Beginn der Börsenstunde, und das Gewoge schien lebensgefährlich +anzuschwellen und war doch nur ein gemütliches Vordrängen und ein +ruhiges Hin und Her zwischen dem Börsensaal und der Straße.</p> + +<p>»Wat notieren die Kurse?«</p> + +<p>»Nach dem Nordpol oder dem Südpol, du Dämel?«</p> + +<p>»Nach Amsterdam!«</p> + +<p>»Junge, Junge, un wenn du selbs mit deinem Äppelkahn heil da 'runter +kommst, die Amsterdamer Meischen sind dich über.«</p> + +<p>»Alles wat rechtens is, Hein: der Pitter spricht aus Erfahrung.«</p> + +<p>»Als er wiederkam, hatt' er dich die Hosentaschen leer und den +Hosenboden voll.«</p> + +<p>Und in das Gelächter der Umstehenden brachen drängend die Stimmen der +Makler ein und brachten alles Gelächter zum Schweigen: »Zehntausend +Tonnen direkt Rotterdam. Zwanzigtausend Tonnen direkt Mannheim. +Fünfzehntausend Tonnen Zwischenlandungen zu Berg. Wer bietet an? He, +Petrus, frei mit wieviel? Gebhardt, was kann ich von Ihnen bekommen?«</p> + +<p>»Wir kriegen steigend Wasser,« sagte der Gebhardt bedächtig, rollte +den Priemtabak in die andere Backe und blickte den Makler abwartend an.</p> + +<p>»Vor Abend is Regen da,« stellte der Petrus fest, beleckte den +Zeigefinger und hob ihn prüfend in die Luft.</p> + +<p>Der Makler machte sein Angebot. Die Männer schwiegen vor sich hin. +Der Makler drängte: »Schlagt zu, Leute, bevor die großen Reedereien +unterbieten.« — »Wat fordern denn die großen Klause? Bangemachen gilt +nich.«</p> + +<p>Durch alle Reihen, durch alle Gruppen drängten sich<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> die Makler, +anfeuernd, belehrend, lustige Schlagworte tauschend und schon wieder +emsige Geschäftsvermittler. Schiffsbefrachter, die ohne Maklerhilfe +ihr Schäflein ins Trockene zu bringen suchten, spielten ihre eigene +Geige. Sie verkehrten in vertraulicher Rede, nahmen in Herzlichkeit +die Klagen entgegen, um sie mit einem derben Scherze zu zerstreuen +und die Lacher in den Bann ihres guten Einvernehmens zu ziehen. +Angestellte der Großreedereien, vielerorts die Geschäftsherren selbst, +verhandelten mit gesammelten Mienen in der Börsenhalle, in den Kojen. +Ihre geräumigen Schiffsparks waren der Straße entrückt, bildeten +das feste Gerippe des Umschlagegeschäfts, den Zeiger an der Uhr der +Frachtkursnotierungen. Hier und da feilschte ein Börsenbesucher, der +nur eine einzelne Ladung zu vergeben hatte, um eine Beteiligung und +kam nach langwierigen Bemühungen nur mit hohem Aufgeld davon.</p> + +<p>Die Schiffsvermieter reckten die Hälse, wandten die Dickschädel. +Einige unterbrachen die angesponnenen Verhandlungen und warteten +den Mann ab, dem die angestauten Haufen mit Bereitwilligkeit Platz +machten, um ihn alsbald in die Mitte zu nehmen.</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Guten Morgen? Gut Wetter, müßt ihr sagen, Leute. Steigend Wasser und +Regen in Sicht. Gut Herbstgeschäft allwege!«</p> + +<p>»Zum Deuwel, Herr Vanderwelt, wenn einer die Wahrheit sagt, sind Sie +et.«</p> + +<p>»Sie reden wenigstens nich stundenlang um den Brei herum, als wenn et +keine Fische mehr im Rhein zu fangen gäb.«</p> + +<p>»Keine Fische mehr im Rhein?« Kornelius Vanderwelt zeigte seine weißen +Zähne. »Jungens, sie beißen wie nie, und wenn ihr die Nase nur lang +genug ins Wasser haltet,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> beißt einer an. Ich bin hier, um Geschäfte +zu machen, und ihr seid hier, um Geschäfte zu machen. Darin sind wir +uns wohl einig.«</p> + +<p>»Verdammich, Herr Vanderwelt, dat is ein Wort von Mann zu Mann.«</p> + +<p>»Kommt nur drauf an, wer dat bessere Geschäft dabei macht. Der +Vanderwelt oder wir.«</p> + +<p>»Drickes, wenn Ihr mir nicht traut, schert ruhig mit Eurem Kahn aus +der Reihe.«</p> + +<p>»Nix für ungut, Herr Vanderwelt, aber wir kriegen letzthin dat Fell +so oft über die Ohren gezogen, dat et bloße Denken oft lauter zutage +tritt, als man gewollt hat.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern.</p> + +<p>»Drickes,« sagte er und sah ihm mit zusammengezogenen Augen in +den queren Blick, »ich müßte doch der größte Schafskopf auf der +Duisburg-Ruhrorter Hammelwiese sein, wenn ich meine Geschäfte nicht +Hand in Hand mit den Euren gehen ließ. Wer Geld verdienen will, muß +Geld springen lassen. Denn das springende Geld, Drickes, schafft +aufgeräumte Laune, schafft Schwung in die Arbeitsleistung und schafft +schnelle Bereitwilligkeit und Vorsprung vor den anderen, die ewig +Frachttreibereien fürchten. Heda, du Blindgänger, sind das aufgedeckte +Karten oder nicht? Ich will nicht nur Geschäfte machen, sondern ich +will so schnell wie möglich Geschäfte machen, und das kann ich nur, +wenn ich Euch ohne lang Hinundher beteilige. Ist das klar?«</p> + +<p>»Bieten Sie an, Herr Vanderwelt. Bieten Sie an,« rief es aus dem +Haufen. »Gestern notierten die Frachtkurse nach Mannheim eine Mark +zwanzig die Tonne. Un heut schlägt et Wetter um.«</p> + +<p>»Ohne viel Gefackel, Jürgens: zehn Prozent drauf!«</p> + +<p>»Ohne viel Gefackel, Herr Vanderwelt: fünfzehn Prozent!<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Ne. +Abgerundet auf eine Mark vierzig. Dat rechnet sich besser. Wollen Sie +meine vierhundert Tonnen dafür? Meine sechshundert? Meine achthundert?«</p> + +<p>Ein Dutzend und mehr riefen ihm zu. Aus anderen Gruppen winkte man ihm +mit den Händen, zeigte man ihm durch die Fingersprache die Tonnenzahl +an. Kornelius Vanderwelt zog sein Notizbuch und rechnete.</p> + +<p>»Herrschaften, da muß ich aber den Zechenonkels die Daumenschrauben +anziehen.«</p> + +<p>»Dat würden Sie ja auch ohne unsere Mithilfe besorgen.«</p> + +<p>Einige lachten, einige kraulten sich in gebändigter Erregung den +Schifferbart und harrten gespannt auf den Zuschlag.</p> + +<p>»Also auf meine Gefahr hin,« sagte Kornelius Vanderwelt kurz. »Aber +mit <em class="gesperrt">einer</em> Bedingung.«</p> + +<p>»Brauchen Sie uns nich erst zu sagen. Wir spucken in die Hände, dat et +schäumt.«</p> + +<p>»Der erste Schleppzug, der herausgeht, ist der von Kornelius +Vanderwelt, Pitter, und wenn et hollandsche Meischen regnet!«</p> + +<p>»Dann,« meinte Kornelius Vanderwelt mit seinem übermütigsten Gesicht, +»würd' ich mir an eurer Stelle die Sache noch mal überlegen. +›Meischen‹ fallen unter die ›höhere Gewalt‹. Gesegnete Mahlzeit, +Herrschaften. Heute nachmittag auf dem Kontor die Ladeweisungen +abholen.«</p> + +<p>Die angestaute Menge machte ihm Platz. »Mahlzeit, Herr Vanderwelt, +Mahlzeit.« Und Kornelius Vanderwelt schritt hindurch und in die +Börsenhalle. Hier suchte er die Kojen der Großreeder auf.</p> + +<p>»Wieviel bieten Sie an?« fragte er, sein Merkbuch in der Hand.</p> + +<p>»Ach ne. Lückenbüßerspielen is nich.«</p> + +<p>»Machen Sie doch keine Scherze. Selbst der Wüstenlöwe<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> überläßt den +armen Schakalen die Beutereste ohne zu blinzeln.«</p> + +<p>»Aber erst, wenn er sich selber den Ranzen zum Platzen vollgeschlagen +hat.«</p> + +<p>»Vor diesem Platzen möchte ich Sie ja gerade bewahren. Gegen +Ihre großen Schiffsparks kommt die ganze Gilde der Kleinschiffer +zusammengenommen nur mit einem Halbteil an. Also machen Sie eine +großmütige Geste und gönnen Sie den armen Kerls ihren Beuteanteil im +voraus. Der Löwenanteil bleibt Ihnen ja doch, und Sie erhalten sich +die gute Kameradschaft für schlecht Segelwetter.«</p> + +<p>»Vanderwelt, an Ihnen ist ein Sonntagsprediger verloren gegangen. Aber +einer, der Christus sagt und Kohlen meint. Was können wir für Sie tun, +ohne geradezu über den Löffel barbiert zu werden?«</p> + +<p>»Wieviel bieten Sie an? Und zu welchen Notierungen?«</p> + +<p>»Im Vertrauen, Vanderwelt: die heutigen Kurse werden um zehn Prozent +in die Höhe schnellen. Greifen Sie zu, wenn Sie sich decken müssen. +Eine gewisse Zeche soll schon einem gewissen Schiffsbefrachter +›<em class="antiqua">plein pouvoir</em>‹ gegeben haben, wenn er ihre Förderungen als die +ersten auf den Wasserweg bringt.«</p> + +<p>»Was Sie nicht sagen,« meinte Kornelius Vanderwelt gelassen. »Solche +Schlauberger gibt's? Da muß ich mich wohl beeilen, beizubleiben, +und Ihre zehn Prozent auf Treu und Glauben bewilligen. Zehntausend +Tonnen? Ach, auf einmal können's zwanzigtausend sein? Gut, ich +will sie übernehmen, wenn Sie mir mit dem Schlepperlohn gründlich +entgegenkommen. Lassen wir das einmal billigst zusammen berechnen.«</p> + +<p>Er hockte bei den Herren nieder, und während die Stimmen der Hunderte +in der Halle sie umbrandeten, lösten sie die Fragen wie in der Stille +des Kontors.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<p>»Der erste schöne Tag im Jahr,« sagte aufatmend der Reeder Hinrichsen. +»Heut haben wir das Mittagessen verdient.«</p> + +<p>»Bis zum Abend dürfte es vielleicht zu einer besseren Flasche in der +›Erholung‹ langen,« meinte der Reeder Auffermann und rieb sich das +spiegelglatte Kinn. »Ich wäre imstande, die dritte zu bezahlen.«</p> + +<p>»Glauben Sie, Auffermann, daß Hinrichsen die beiden ersten übernimmt?«</p> + +<p>Die entrüsteten Reeder wandten sich gemeinsam gegen den Sprecher. +»Wie? Was? Und Sie selber? Nur mittrinken möchten Sie? Vanderwelt, Ihr +Schamgefühl muß doch erheblich gelitten haben.«</p> + +<p>»Es schämt sich nur der ewig gleichen Langeweile, meine Herren. +Vielleicht nehmen Sie <em class="gesperrt">nach</em> der ›Erholung‹ noch ein Glas Bier +oder einen Brandewein von mir an? Es kommt von Herzen.«</p> + +<p>»Ah —! Ah —! Hinterher! Bei einem Wirte wundermild.«</p> + +<p>»Auf Wiedersehen, meine Herren, im Festgewand.«</p> + +<p>Er suchte die eigene Koje auf, schrieb die Auftragszettel aus und +schickte sie durch einen Boten an Beckenried zur Weiterbearbeitung. +Die vereidigten Kursmakler verließen gerade das Beratungszimmer. Der +ermittelte Frachtenkurs erschien an den Tafeln. Kornelius Vanderwelt +warf einen Blick auf die Tafeln und sah, daß er, Kleinschifferraum und +Großreederraum gegeneinander gerechnet, gut abgekommen war.</p> + +<p>An der Straßenecke fand er seinen Wagen.</p> + +<p>»Los, Wilm. Irgendwohin ins Freie. Heute müssen wir's kürzer machen.« +—</p> + +<p>Zwei Stunden später saß er schon in seinem Sonderkontor, der +Geschäftsführer ihm gegenüber. Verteilungsplan<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und Reihenfolge +der Kähne lag fertig vor. Die Anweisungen für die Schiffer wurden +ausgefertigt.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt klingelte die Zeche an, die ihm den dringlichen +Auftrag erteilt hatte.</p> + +<p>»Den Herrn Direktor, bitte. Ah, schon zur Stelle? Ja, ja, wer heute +Geld verdienen will, muß den anderen um ein paar Bootslängen voraus +sein, und ich war so frei, nach derselben Richtschnur zu handeln. +Ihre Kohlen können auf und davon. Die Kähne werden bis morgen Mittag +an Ihrem Kipper verholt. Haben Sie mit Eisenbahnwagen vorgesorgt? +Gottlob! Dann lassen Sie ab morgen Mittag anrollen, was die Achsen +leisten können. Kein Dank notwendig. Freut mich, daß ich Ihnen den +Dienst erweisen konnte. Glückauf.«</p> + +<p>»Na, Beckenried? Krieg' ich diesmal ein Patschhändchen? Freund, +nicht die alte Litanei. Ich hätte <em class="gesperrt">noch</em> mehr aus dem Geschäft +herausholen können, ich weiß. Wenn ich nur mit den Großkophtas und +zu zehn Prozent abgeschlossen hätte. Aber dann wär's eben nur ein +Geschäft gewesen und keine Freud'!«</p> + +<p>»Seltsame Freud', sein gutes Geld zwecklos wildfremden Menschen in die +Hand drücken.«</p> + +<p>»Wildfremd, Beckenried? Das wäre nur ein Schuldbekenntnis, daß wir sie +nicht zutraulich zu machen wußten. Und zwecklos, sagen Sie? Sehen Sie +sich gleich mal die verschmitzten Mienen an, wenn meine Schiffsmannen +hereingetrampt kommen. Kein Gesicht, in dem nicht zu lesen ständ: +›den Kornelius Vanderwelt haben wir aber diesmal hineinfallen lassen. +Wir sind nämlich <em class="gesperrt">auch</em> mit Rheinwasser getauft. Wir!‹ Ach, +Beckenried, fröhliche Mitmenschen schaffen — wenn das keine Freud' +ist!«</p> + +<p>»Draußen im Kontor versammeln sich die fröhlichen Mitmenschen schon,« +sagte Beckenried aufhorchend. »Wünschen Sie sie einzeln oder in der +Gesamtheit zu empfangen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>»Einzeln. In der Reihenfolge ihrer Kähne. Hier, nehmen Sie die Liste +mit.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt erhob kaum den Kopf von der drängenden +Schreibarbeit, als der erste eintrat. Der Mann scharrte mit den +Stiefelsohlen und bot dem Kaufherrn die Tageszeit.</p> + +<p>»Setzen Sie sich, Gebhardt, ich bin gleich so weit. So ...! Ihr habt +gut lachen, wenn Ihr auf dem Rhein schwimmt und habt Ruhrort im +Rücken. Ich kann mir die Finger krumm schreiben.«</p> + +<p>Der Schiffer streckte seine borkigen Hände vor.</p> + +<p>»Sehen Sie sich <em class="gesperrt">dat</em> mal an. Die sind vom Tauziehen und +Ruderpacken auch nich die feinsten geblieben. Ich mein' als immer, wie +ich auf die Welt gekommen wär', hätten die ganz anders ausgesehen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt ergriff die Hand und schüttelte sie.</p> + +<p>»Aber eingesalbt hab' <em class="gesperrt">ich</em> sie heute mittag.«</p> + +<p>»Wenn wir <em class="gesperrt">Sie</em> man bloß nich eingesalbt haben, Herr Vanderwelt,« +grinste der Schiffer. »Ich sag' Ihnen ja nix Neues mehr damit, dat +wir Partikulierschiffer über Tageskurs mit Kornelius Vanderwelt +abgeschlossen haben. Lassen Sie et sich nich gereuen. Der eine oder +andere möcht' sich auch mal einen zweiten Kahn bauen lassen können.«</p> + +<p>»Wohin damit, Mann? Die Liegeplätze sind voll, die Häfen dicht +besetzt, alle Kranen und Kipper überbeschäftigt.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, meine Kameraden meinen, gerade der Herr Vanderwelt +wäre der Mann dazu, hier Abhilfe zu schaffen. Durchzusetzen, dat et +Hafennetz gründlichst Erweiterung erfährt, dat mit der Herstellung +von neuen Kanälen begonnen wird, dat — dat — in einem Wort gesagt, +dat die Brotfrage für den Schiffersmann leichter wird un seine +Hoffnungsmöglichkeiten. Unsereins möcht' ebensowenig<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> versacken, wie +die Herren auf den Kontoren und möcht' seine Familie in die Höhe +bringen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt stand am Fenster und blickte nach dem Strome. +Schwerfällig segelten graue Wolkenungetüme darüber hin. In Fäden +begann es zu regnen.</p> + +<p>»Gebhardt, Sie irren sich. Ich bin nicht der mächtige Mann. Soll meine +Stimme stärkere Geltung bekommen, so muß sie noch recht gekräftigt +werden. Durch Euch, Gebhardt. Durch Euch und die ganze Kameradschaft. +Nicht durch Eure Lungenkraft. Durch Schreien hat noch keiner sein +Recht auf Arbeit bewiesen. Dadurch, Gebhardt, daß Ihr für mich +schafft, wie für keinen anderen! Daß die Machthaber im Ruhrorter +Geschäft merken, mit dem Vanderwelt arbeitet es sich am schnellsten, +und sich an mich heranmachen. Bis meine Stellung unangreifbar ist und +meine Vorschläge Durchschlagskraft gewinnen. Es liegt an Euch.«</p> + +<p>Der Schiffer sah ihm scharf in die Augen. Dann plinkte er ihm +vertraulich zu.</p> + +<p>»Hab' verstanden, Herr Vanderwelt, un bei den anderen werd' ich et +Verständnis schon wecken. Wat die Firma Kornelius Vanderwelt an +Schiffsbefrachtung un Abwicklung in die Hand nimmt, dat soll fluppen, +als wär der fliegende Holländer von der Partie. Kann ich meine Papiere +haben?«</p> + +<p>»Hier, Gebhardt. Ihr Kahn ladet zuerst. Wann kann er verholt sein?«</p> + +<p>»Heute abend noch liegt er ladefertig unterm Kipper.«</p> + +<p>»Vorwärts denn. Lassen Sie den nächsten eintreten.«</p> + +<p>Durch die Türfüllung schob sich vierschrötig der Schiffer Petrus. Sein +wettergebräuntes Gesicht schien mit einem helleren Rot aufgefrischt. +In den Augenwinkeln schwamm es feucht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>»Hallo, Petrus. So angestrengt gefrühstückt?«</p> + +<p>»Bei allen vierzehn Nothelfern, Herr Vanderwelt: nich einen Bissen +hab' ich heruntergekriegt.«</p> + +<p>»Glaub' ich unbesehen. Es gibt auch flüssige Leckerbissen. Na, wohl +bekomm's. Und Achtung jetzt auf die Papiere.«</p> + +<p>»Wat Sie meinen, is nich, Herr Vanderwelt,« beschwor der Schiffer und +schlug sich dreimal auf die Brust. »Un nu können Sie et glauben oder +nich: et is nix als die Rührung. Jawohl.«</p> + +<p>»Rührung, altes Rauhleder?«</p> + +<p>»Jawohl hab' ich gesagt. Weil et im Ruhrorter Hafen unter all den +verdammt feinen Kerls wenigstens einen so gemeinen Menschen gibt wie +den Kornelius Vanderwelt.«</p> + +<p>»Also für einen ganz hundsgemeinen Menschen halten Sie mich? Das ist +ja allerhand.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt. Keine Silben stechen. Wenn ich gemein sage, mein' +ich doch <em class="gesperrt">mit uns</em> gemein. Po—Populär. Aber Fremdwörter, da +sehen Sie et, Fremdwörter sind immer Glückssache.«</p> + +<p>»Mein lieber Petrus,« sagte Kornelius Vanderwelt zärtlich, »dafür +verlass' ich mich auch auf meine Freunde. Buchstabieren Sie Ihre +Anweisungen. Ich hab' mein Wort verpfändet, daß ihr vollgeladen +habt und schwimmt, bevor die anderen anfangen, und Ihr werdet es +einlösen. Der Gebhardt liegt mit seinem Kahn heut abend schon unterm +Kipper. Sie sind Nummer zwei und werden sich nicht für einen heurigen +Schiffsjungen verschleißen lassen.«</p> + +<p>Der Wetterbraune wuchs. Die Papiere klatschte er in seine Brieftasche.</p> + +<p>»Gotts Donner, Herr Vanderwelt, wenn sich der Gebhardt keine Flügel am +Hinterteil wachsen läßt, ramm' ich seinem Kahn ein Loch in die Rippen.«</p> + +<p>»Beim Matthes ›Zu den fünf Erdteilen‹ soll es noch<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Bindewasser die +Fülle geben. Auch um Mitternacht. Der nächste!«</p> + +<p>Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und +nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor +dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals +das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.</p> + +<p>»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen +wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«</p> + +<p>»Oho, Herr.«</p> + +<p>»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins +Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«</p> + +<p>»Ah — <em class="gesperrt">so</em> meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte +geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so +gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich +'ereinliebeln.«</p> + +<p>»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich +doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es +würden da verschiedene« — er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger — +»Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze +nicht mehr zu haben.«</p> + +<p>Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste +wich.</p> + +<p>»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden. +Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber +vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn +als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> + +<p>Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein +wenig kläglich.</p> + +<p>»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung +fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort +anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich +zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr +Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende +Fäuste brauchen — dat hier, dat wären die Muster!«</p> + +<p>»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg, +»die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«</p> + +<p>Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft, +bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und +schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.</p> + +<p>Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn +Beckenried zu mir.«</p> + +<p>Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog +krampfhaft das Gesicht und nieste.</p> + +<p>»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«</p> + +<p>»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die +üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder +ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«</p> + +<p>»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei +der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die +Verladung ist im Lot.<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Meine Freunde, die uns eben verlassen haben, +werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden +auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke +nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben. +Und nun — Feierabend.«</p> + +<p>Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.</p> + +<p>»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein +bißchen reichlich.«</p> + +<p>»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten +Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich +langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«</p> + +<p>»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend +Unterschriften.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen, +verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.</p> + +<p>»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es +ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die +törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn +man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich +wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«</p> + +<p>»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon +seit Jahren!«</p> + +<p>»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit +Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott +Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«</p> + +<p>Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm, +klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Draußen empfing ihn +der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel +näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.</p> + +<p>»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«</p> + +<p>»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In +ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen. +Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht, +und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der +Papa hätte es ihr so vorgespielt.«</p> + +<p>»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob +Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die +Kinder zu sprechen.«</p> + +<p>Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen +sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu +nehmen.</p> + +<p>»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern +auch die Sorge um die Kinder.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.</p> + +<p>»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner +besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt +es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung +wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein +von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen +sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen +sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder +drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern +aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil +bestanden, am frohesten und klarsten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht. +Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«</p> + +<p>»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten +Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den +Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu +übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«</p> + +<p>»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und +schüttelte ängstlich den Kopf.</p> + +<p>»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich +in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten +Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel +desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«</p> + +<p>Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.</p> + +<p>»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich +fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann +sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm +der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen +in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.</p> + +<p>»Vergeßt mir nur nicht, ihr <em class="antiqua">discipuli</em>, daß der Geist erst durch +das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes +Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit +noch anderorts ausschenken.«</p> + +<p>Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den +ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem +Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und +selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart. +Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und +viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der +aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und +Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.</p> + +<p>Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an, +tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von +dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.</p> + +<p>Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber +die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die +Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden +hinlenkten.</p> + +<p>»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber +Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter +Langeweile?«</p> + +<p>»Wenn ich wüßte, was <em class="gesperrt">Sie</em> wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte +ich mich an keinem Tische der Erde.«</p> + +<p>»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was +ich da wieder mehr wissen soll.«</p> + +<p>»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung +gelangen oder nicht?«</p> + +<p>»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der +Allmacht der Behörde.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.</p> + +<p>»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte +da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«</p> + +<p>»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«</p> + +<p>»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des +Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> von Ruhrort und +Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch +die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die +vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.</p> + +<p>»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei +die Tat!‹«</p> + +<p>»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda! +Unsereins auch!«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ +sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.</p> + +<p>»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der +Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«</p> + +<p>»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«</p> + +<p>Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen +hoch.</p> + +<p>»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die +›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu +predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit +unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem +Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb +hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker +in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen +Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich <em class="gesperrt">gefährliche</em> Weitsicht. +An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine +Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne, +ebensowenig.«</p> + +<p>Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den +Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Kanälen zu. Die Finger +zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne. +Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen +überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.</p> + +<p>»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu +verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«</p> + +<p>»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende +Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«</p> + +<p>»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«</p> + +<p>»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«</p> + +<p>»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot +durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen +drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und +die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«</p> + +<p>»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«</p> + +<p>»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen +starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im +dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise: +›Das schwarze Venedig!‹« — —</p> + +<p>Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den +Gedanken weiter.</p> + +<p>»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen +wohnen in seiner Brust.«</p> + +<p>Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue +Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten +sich um den Mann.</p> + +<p>»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p> + +<p>»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«</p> + +<p>»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers +Ohr zu hauen.«</p> + +<p>Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab +an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen +und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund +sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen +aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften, +der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den +hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es +gnädig. Wir glauben Ihnen alles — alles — alles —!«</p> + +<p>»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal +nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in +den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten +Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«</p> + +<p>»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen +Massen?«</p> + +<p>»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu +überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«</p> + +<p>»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt +so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko +und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn +eigentlich <em class="gesperrt">nicht</em>?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.</p> + +<p>»Wo ich <em class="gesperrt">nicht</em> war? Meinen Sie, <em class="gesperrt">bevor</em> ich endgültig in +Ruhrort vor Anker ging, <em class="gesperrt">oder</em> —«</p> + +<p>»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> + +<p>»Oder — alsdann? <em class="gesperrt">Alsdann</em> war ich noch nie unter so +hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber +den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in +zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir +nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«</p> + +<p>Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.</p> + +<p>»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von +süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen +und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die +fünfte und die sechste. <em class="gesperrt">Worüber</em> beschweren Sie sich? Sie hätten +schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in +Gegenwart unseres Gastes.«</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer +füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen +wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein +Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.</p> + +<p>Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen +rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust, +beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.</p> + +<p>»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon +löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich +krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«</p> + +<p>»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie +meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen? +Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn +wir auch nicht — wenn wir auch nicht — mit Suahelimädchen — na, +Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir <em class="gesperrt">nicht</em> mit den +Suahelimädchen ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> + +<p>»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den +Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«</p> + +<p>»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes +Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir +auf die Straße, wo's am schönsten ist.«</p> + +<p>Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den +Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die +Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme +aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.</p> + +<p>Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der +Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht. +Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen +Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.</p> + +<p>»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«</p> + +<p>»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«</p> + +<p>»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten +Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander +sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte —«</p> + +<p>Klatsch!</p> + +<p>Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock +und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der +Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.</p> + +<p>Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.</p> + +<p>Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um +die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten +breite Lichtwellen ins Gassendunkel<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> und mit den Lichtwellen behende +Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du +läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«</p> + +<p>Klatsch! Klatsch! Klatsch! — Hin und her.</p> + +<p>In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre +Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer +Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den +Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er +Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.</p> + +<p>»Hendrik, der saß bei <em class="gesperrt">dir</em>! Blaue Augen sind schön, Hendrik, +aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so! +Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine +ziehen?«</p> + +<p>Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte +im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein +getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen +warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn +wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten +gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der +sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene +Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden +Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden +sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche +Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte +eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier +anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des +Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von +Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> +und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen, +teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während +der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene +Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen +den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende +Kampfeslage schuf.</p> + +<p>»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«</p> + +<p>»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«</p> + +<p>Klatsch! Klatsch!</p> + +<p>»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz. +Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«</p> + +<p>»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«</p> + +<p>Klatsch! Klatsch!</p> + +<p>»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals —«</p> + +<p>»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump, +oder ein Ehrenmann wie du —?«</p> + +<p>Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden +Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an +den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die +Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.</p> + +<p>»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn <em class="gesperrt">ganz</em> blind, +ihr wütigen Maulwürfe?«</p> + +<p>Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle +grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich +zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und +Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein +derbes und herzliches Nachtverhältnis.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«</p> + +<p>»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten +Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«</p> + +<p>Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten +sich, die Köpfe streckten sich vor.</p> + +<p>»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch +nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine +Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das +Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«</p> + +<p>Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig +beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf +den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den +Piekfeinen noch mal her.«</p> + +<p>Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und +als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein +Echo.</p> + +<p>Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht. +Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.</p> + +<p>Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm +der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die +Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen +verschwinden ließ.</p> + +<p>Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden +lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und +biedere Mitbürger und grinsten sich an.</p> + +<p>»Ich glaub' wahrhaftig — et regent ...« stellte der eine fest.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<p>»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?« +fragte verwundert ein anderer.</p> + +<p>Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch +ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte +Zustimmung.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um +sein Schienbein besorgt gewesen war.</p> + +<p>»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam +befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«</p> + +<p>Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.</p> + +<p>»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf +seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt. +Schade drum.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des +Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft +›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß. +Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und +schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von +Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.</p> + +<p>»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren +vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«</p> + +<p>»Herr,« entgegnete der Schiffer, »wat der Pitter <em class="gesperrt">ein</em>mal gesagt +hat, dat hat er für <em class="gesperrt">alle</em> mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits +dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«</p> + +<p>»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf +en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat +mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika, +auf so 'n richtig<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele. +Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit, +Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«</p> + +<p>»Heda, Matthes, angetreten!«</p> + +<p>Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht +und Regen entgegen.</p> + +<p>»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen +Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«</p> + +<p>»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht +mit dem gespitzten Maul.«</p> + +<p>»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war +außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«</p> + +<p>Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der +freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner +Gäste hielt.</p> + +<p>»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹ +vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und +machen verblüffte Gesichter.«</p> + +<p>»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen +ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in +Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«</p> + +<p>Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die +verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton +ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte +den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen. +Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten +stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders +Auffermann, da es an<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen +in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses +schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.</p> + +<p>Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.</p> + +<p>»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«</p> + +<p>»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde, +zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«</p> + +<p>»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«</p> + +<p>»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise +und müde, »tritt denn so allgemach für die >Fünf Erdteile< die +Polizeistunde ein?«</p> + +<p>»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in +der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein +›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die +Karnevalsgesellschaft ›Haste nix — dann kriegste nix!‹ Wat wollen +Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land, +dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden +sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur +freuen.«</p> + +<p>Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.</p> + +<p>»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat +Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen +Ansprache zu erfreuen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den +Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen +Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und +Schwesternschaften dahin.</p> + +<p>»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste +Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den +Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese +Geschenke sollten<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende +tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu +traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke +entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu +richten.«</p> + +<p>»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes +seine süße Hausehre.«</p> + +<p>»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes +hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten —«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Der</em> Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte +sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.</p> + +<p>»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier, +Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland, +wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken +und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht +sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«</p> + +<p>Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann +überstimmte ihn lärmend.</p> + +<p>»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch. +Und Sie wollen ein — ein — vorgeschrittener Christ sein?«</p> + +<p>»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie +durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung +zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«</p> + +<p>Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab. +Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ... +sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«</p> + +<p>Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die +vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.</p> + +<p>»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los, +Harmonikamann!«</p> + +<p>Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der +Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um +alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.</p> + +<p>Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen +Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe +Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein, +setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer +Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den +Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß +das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.</p> + +<p>»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«</p> + +<p>Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in +einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig +rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten +ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den +Augen und bot Schnäpse an.</p> + +<p>Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe +und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und +frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch, +gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den +Sieg.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem +Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.</p> + +<p>Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln. +Die Harmonika schluchzte auf.</p> + +<p>»Teure Hei—i—mat, sei gegrüßt!«</p> + +<p>Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war +hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten +in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche +erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte +auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein +Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos +tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen +erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites +Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.</p> + +<p>Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren. +Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung +schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes +Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«</p> + +<p>Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos +hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den +aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.</p> + +<p>Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das +zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika +warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.</p> + +<p>Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem +Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Einsamer, durch +eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden +Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer +Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch +suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme +rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und +horchte angestrengter.</p> + +<p>War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles +verschlingenden Lärm?</p> + +<p>Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen +Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem +Schenkentisch ins Haus.</p> + +<p>Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben +und schloß für Sekunden die Augen.</p> + +<p>Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit +verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein +Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den +Weg verlegend.</p> + +<p>»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger +wohnen wollten.«</p> + +<p>»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich +denn nur? Ich will fort!«</p> + +<p>Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau +an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,« +sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen +mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«</p> + +<p>Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten +herum.</p> + +<p>»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat +ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«</p> + +<p>»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> die Schulter +ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort +darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie +zu Ihren Gästen.«</p> + +<p>Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen, +die Reisetasche fest an sich gezogen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und +öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit +ihr der peitschende Regen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen, +das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in +die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür +ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie +mit unter das wärmende Tuch.</p> + +<p>»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und +sie sah nach seinen Augen.</p> + +<p>So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das +Mädchen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="3">3</h2> +</div> + + +<p>Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie +am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und +der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu +werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen +hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des +Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.</p> + +<p>»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme +Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was +Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben, +werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in +Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«</p> + +<p>Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie +atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der +Anstrengung des Sprechens.</p> + +<p>»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es +ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr +ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen +von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre +Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen +Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach +Ruhrort?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten +zerfetzt davon.</p> + +<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme +ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie +werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«</p> + +<p>Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.</p> + +<p>»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie +sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist +für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie +eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem +Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«</p> + +<p>Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu +unterdrücken.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre +Augen, die ihm entgegenstarrten.</p> + +<p>»Nicht diesen Blick. Bitte — ohne jede Angst und Zurückweisung. Als +wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen +meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers? +Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ... +Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich +so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie +unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«</p> + +<p>»Nein,« sagte sie nur.</p> + +<p>»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir +fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens +bekannten Kornelius Vanderwelt — so ist mein Name, mein Fräulein — +nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder +mit einer unbekannten jungen Dame<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> durch die schwärzeste Nacht zu +lustwandeln. Sehen Sie das ein?«</p> + +<p>Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.</p> + +<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch, +aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals +mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen. +Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir +morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«</p> + +<p>Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.</p> + +<p>»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der +ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas — nein, nein, es zieht mich +nicht zurück — und ich bin auch nicht abergläubisch — es redet mir +zu — und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«</p> + +<p>Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.</p> + +<p>Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen +sprechen läßt?</p> + +<p>»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher +sind, wie meine Kinder.«</p> + +<p>Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch +den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen, +und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der +Hand behielt.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur +das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher +ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von +seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die +Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> eines +Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.</p> + +<p>Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte +sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.</p> + +<p>»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt +freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen +Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher +hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt +mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem +Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«</p> + +<p>»Nein — ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«</p> + +<p>»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den +ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen +und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich +Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig +Gesellschaft leisten?«</p> + +<p>»Wenn Sie es wünschen — will ich Ihnen noch — Gesellschaft leisten.«</p> + +<p>»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der +andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und +nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«</p> + +<p>Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der +Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des +Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin +die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich +federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis +die dampfenden Teegläser auf dem Tische<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> standen und eine verdeckte +Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den +Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er +gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond +des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der +die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen. +Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige +Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über +den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete +Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein +Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung +so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte +Sprache.</p> + +<p>Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber. +Die Schüssel hatte er abgedeckt.</p> + +<p>»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden +jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider +schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und +trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren +durchfröstelten Lebensmut wieder an.«</p> + +<p>Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?« +fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr +Glas gleiten.</p> + +<p>Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen, +durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur +langsam auf unter dem heißen Trank.</p> + +<p>»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und +sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen, +während sie aß.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> und +Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen +Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm +hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in +sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt, +der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem +Edelfräulein aufwartete.</p> + +<p>Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und +nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes +Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen, +und weshalb ist sie mir so vertraut?</p> + +<p>Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.</p> + +<p>»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das +Teeglas wird noch einmal gefüllt —«</p> + +<p>»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in +feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.</p> + +<p>»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte +des Bekanntseins.«</p> + +<p>»Ich heiße Angela Freydag.«</p> + +<p>»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«</p> + +<p>Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel +gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.</p> + +<p>»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding +da sogar ins Zimmer mitgenommen?«</p> + +<p>»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine +Papiere.«</p> + +<p>»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden +sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger +mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft +anbot.«</p> + +<p>Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> vorsichtig +auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem +Umschlag ihre Ausweispapiere.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.</p> + +<p>»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist —« Und er las.</p> + +<p>»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen +Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen +Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«</p> + +<p>Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.</p> + +<p>»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber +schon auswendig weiß. Also beide Eltern — beide dahin? Und keine +Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in +ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen +der seinen.</p> + +<p>»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel — läuft mutterseelenallein +über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen — jedem Zugriff +ausgesetzt — nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne +vorhanden — gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf +Erdteilen‹ — ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«</p> + +<p>»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.</p> + +<p>»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«</p> + +<p>»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher +erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich +mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« — und +ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an — »ich kann etwas +und will noch viel mehr können.«</p> + +<p>»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«</p> + +<p>»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen +die Klavierlehrerinnen wie das Gras<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> zwischen den Steinen. Da dachte +ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als +ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht. +Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des +Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«</p> + +<p>»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er +befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu: +»Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«</p> + +<p>Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch +nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein +Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das +ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.</p> + +<p>»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im +Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und +daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das +empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«</p> + +<p>»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste +bedankten sich auf eine eigene Weise.«</p> + +<p>»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr +Vanderwelt.«</p> + +<p>»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«</p> + +<p>»Ich schämte mich vor mir selber und — und — nun muß ich es doch +sagen — und für Sie.«</p> + +<p>»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so +guten Eindruck auf Sie gemacht?«</p> + +<p>Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase +steil eine Furche hob.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<p>»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach +jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist +wie ich? Das schüttelte mich.«</p> + +<p>»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde +weiß ich es, und Sie wissen es auch.«</p> + +<p>»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß +ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt erhob sich.</p> + +<p>»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins +Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen +nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich +hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und +lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«</p> + +<p>Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr +und lachte ihr in die Augen.</p> + +<p>»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine +Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen. +Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses +Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine +Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe +ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor +gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen +zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie +sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich +absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf +ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher +einschloß. Wort für Wort verstanden?«</p> + +<p>Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel +aussehen kann!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die +Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in +mädchenlustiger Heiterkeit.</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge +Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden +schon ein so helles Vergnügen machen kann.</p> + +<p>»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«</p> + +<p>»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit +einer hell anklingenden Stimme.</p> + +<p>»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«</p> + +<p>Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den +teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder +über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein +und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten, +goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich +ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in +der Zugluft.</p> + +<p>Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.</p> + +<p>»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,« +meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist +Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein +Freydag. Gute Nacht.«</p> + +<p>»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.</p> + +<p>Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe +hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas +und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich +scheu an ihn hing.</p> + +<p>Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.</p> + +<p>Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> dachte er, +reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein +Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.</p> + +<p>Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die +schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich +im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein +Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der +›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in +des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein +Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem +Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.</p> + +<p>»Bitte Zeche« — und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein +Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn +Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor. +Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu +schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich +noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und +sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich +habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«</p> + +<p>Er horchte auf die Antwort.</p> + +<p>»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr +empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für +Sie spielen. Also dann: Glückauf!«</p> + +<p>Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und +begab sich ins Frühstückzimmer.</p> + +<p>»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«</p> + +<p>»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die +Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden +steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle +eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die +Frachtlöhne.«</p> + +<p>Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und +begann zu frühstücken.</p> + +<p>»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den +Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges +anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus +Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude, +Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«</p> + +<p>Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.</p> + +<p>»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf +der Welt. Und die Welt altert so schnell.«</p> + +<p>»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger +bleiben.«</p> + +<p>Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.</p> + +<p>»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie +alles Wünschenswerte vorgefunden?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den +Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.</p> + +<p>»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter +Teufel — nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern +—. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück +vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen +Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher +den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß +seine<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der +Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht +hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir +melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen +Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer +untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme +heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten +Morgen, Fräulein Bilsenbach.«</p> + +<p>»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern +weiter unterrichtet ...«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer, +freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an +Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten +Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach. +Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und +kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief +die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der +Herr aber war, wie er immer war.</p> + +<p>Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt +die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt +überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines +Mitarbeiters.</p> + +<p>»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt +haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«</p> + +<p>»Ich zeichne nur in <em class="gesperrt">Ab</em>wesenheit des Herrn für die Firma.«</p> + +<p>»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten <em class="gesperrt">Sie</em> +denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<p>»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«</p> + +<p>»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius +Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.</p> + +<p>Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der +Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der +Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden +konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher +Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen +zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut. +Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt +antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem +der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.</p> + +<p>»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis +in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.</p> + +<p>»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte, +Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von +gestern.«</p> + +<p>Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.</p> + +<p>In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder +Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte. +Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje, +rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte +seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was +zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu +trennen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<p>Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt +dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im +Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab +sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es +war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht +des Tages stehen.</p> + +<p>Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und +Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang +entlang dem Eckzimmer zu.</p> + +<p>Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete +die Tür.</p> + +<p>»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«</p> + +<p>»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest +geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm +er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.</p> + +<p>»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt, +Fräulein Freydag.«</p> + +<p>Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die +Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie +weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer +zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt, +und nur das Mädchen schien eine andere.</p> + +<p>Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten +Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen +gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius +Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche +hervorgegangen<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das +Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht +zum Tage durchgerungen hatte.</p> + +<p>Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an. +Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein +blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar +lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.</p> + +<p>Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld +auf das neue Leben.</p> + +<p>»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier +dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen — +ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und +ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und +eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«</p> + +<p>»Prüfen Sie mich ...«</p> + +<p>»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«</p> + +<p>»Prüfen Sie mich.«</p> + +<p>»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere +Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen, +der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur +Begutachtung einstellen.«</p> + +<p>Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften +Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen +pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.</p> + +<p>Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und +ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und +ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen +machen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein +Bilsenbach für mich frei?«</p> + +<p>»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer, +Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre, +zu mir bitten.«</p> + +<p>Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das +Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.</p> + +<p>Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach +klopfte und trat ein.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er +erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich +schienen, weil sie verblüfft worden waren.</p> + +<p>»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag, +vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag +gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«</p> + +<p>Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf +die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins +Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und +erkannte den Hunger.</p> + +<p>»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie +und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger +hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über +die hartgewordene Hand.</p> + +<p>Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr +es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die +Augen.</p> + +<p>»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Freydag. Herr +Vanderwelt liebt nur die <em class="gesperrt">raschen</em> Entschlüsse.«</p> + +<p>Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in +Verwirrung brachte.</p> + +<p>»Menschen wie ich sind ja <em class="gesperrt">auch</em> auf die raschen Entschlüsse +angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«</p> + +<p>Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen +Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und +leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr +Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen +überlassen?«</p> + +<p>»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und +habe noch immer für mich selbst gesorgt.«</p> + +<p>»Ich meine, ich meine — weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher +müde waren?«</p> + +<p>»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider. +Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo +kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall —?</p> + +<p>Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel +über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda, +wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein. +»Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr +strenges Haupt!«</p> + +<p>»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.</p> + +<p>»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde +aufgerissen. »Der Papa — — —!«</p> + +<p>»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit +wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p> + +<p>»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß — daß — du — so ganz +ausnahmsweise — —«</p> + +<p>»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses +Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun +bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«</p> + +<p>Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen +knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen +ein Gewirr von Armen um ihn.</p> + +<p>»Dort steht wohl <em class="gesperrt">noch</em> eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt +und drehte die Knaben an den Schultern herum.</p> + +<p>»Justus Vanderwelt.« — »Thomas Vanderwelt.« — Die Stiefelabsätze +klappten.</p> + +<p>»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.</p> + +<p>»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer +Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des +Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«</p> + +<p>»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.</p> + +<p>Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte +sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen +Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe +Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe +auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und — und —« »Guten +Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht +gern wie die anderen.«</p> + +<p>»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm +mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende +Zöglinge?«</p> + +<p>»Wir haben Hunger, Papa!«</p> + +<p>»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn +das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein, +hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«</p> + +<p>»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«</p> + +<p>»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich +bitte um Ihren Arm.«</p> + +<p>»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die +Juliane.«</p> + +<p>Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast, +bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten +Bruder und Schwester um die Wette.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden. +»Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten +gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken, +um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«</p> + +<p>Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng +der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte, +zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum +Schluß den Kindern.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene +Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den +Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge +höchstens« — er hustete — »was die Landstraße bietet. Am Abend erst +gesell' ich mich zur Familie — solange sie nicht schlafsüchtig ist. +Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die +Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch +vorspielen ...?« fragte sie.</p> + +<p>»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«</p> + +<p>Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt +voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach. +Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar +geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges +Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters' +Meisterhand.</p> + +<p>Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging, +ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein +in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob +er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich +geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die +Fremde.</p> + +<p>Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still, +öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.</p> + +<p>Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das +spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.</p> + +<p>Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien +zu wachsen — und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen +hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen +<em class="gesperrt">Beethoven</em> schufen.</p> + +<p>Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und +um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die +unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den +eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und +dann versank<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah +nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie +Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein +stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals +und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend, +zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen, +das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von +sich selbst.</p> + +<p>Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches, +der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die +Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden +Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben +nach, das in die Auferstehung langte.</p> + +<p>Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.</p> + +<p>Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter +der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die +Schultern.</p> + +<p>Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam +nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von +dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.</p> + +<p>»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den +anderen zu und verließ Zimmer und Haus.</p> + +<p>Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst, +und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe +viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein +Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde +ich mich.«</p> + +<p>Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Platz, strich sich mit +einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte +nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater +getan hatte.</p> + +<p>Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme: +»Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders — es war die +Schönheit. Ja ...«</p> + +<p>Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die +Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der +Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge +in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein +feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der +Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte +und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl +Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.</p> + +<p>»Freut Sie die Musik, Thomas?«</p> + +<p>»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das +Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles +so plump und lächerlich.«</p> + +<p>»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird +Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger +aufgehen.«</p> + +<p>»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt +beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«</p> + +<p>Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.</p> + +<p>»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. <em class="gesperrt">Neben</em> dem Vater. Nur +irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik +anpacken? Nicht um uns einzulullen — um uns zu befreien.«</p> + +<p>»Ich bring's nicht heraus, Fräulein Freydag. Ich meine<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> nicht das +Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer +schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja +nicht, weil es lächerlich ist.«</p> + +<p>»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz +frei.</p> + +<p>Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja +wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude +werden Sie nicht an mir erleben.«</p> + +<p>»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um +Ihr Spiel zu verbessern.«</p> + +<p>Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war +die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände +die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.</p> + +<p>»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«</p> + +<p>»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«</p> + +<p>»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und +fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«</p> + +<p>Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er +sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für +sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die +Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die +Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam +brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.</p> + +<p>Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl +dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter +werdenden Fingern, griff<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> nur plötzlich nach seinen Handgelenken und +zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge +aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe +zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände +rührten die Tasten.</p> + +<p>»Das haben <em class="gesperrt">Sie</em> gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas +tief aufatmend.</p> + +<p>»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren +hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht +minder.</p> + +<p>»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«</p> + +<p>»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne +ordnungsmäßige Note!«</p> + +<p>»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der +Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht +neuer kleinlicher Fesselnkram.«</p> + +<p>»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«</p> + +<p>»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich +habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«</p> + +<p>Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer +Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.</p> + +<p>»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus +ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er +erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und +küßte seiner Lehrerin die Hand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie +wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine +Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte +sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des +Lebens nicht für ernsthaft.</p> + +<p>War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?</p> + +<p>Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht +eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.</p> + +<p>»Thomas sagt, <em class="gesperrt">ich</em> wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf +den Sitz und spielte auswendig darauflos.</p> + +<p>»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«</p> + +<p>»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die +Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man +Musik macht.«</p> + +<p>»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik <em class="gesperrt">machen</em> könnte. Du +kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier, +wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du +kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du +sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«</p> + +<p>Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen +genannt worden war.</p> + +<p>»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum +Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«</p> + +<p>Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt, +was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten, +wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir +fleißig sind — und wir <em class="gesperrt">sind</em> fleißig, Juliane — haben wir das, +was du<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht +nur äußerlich, Juliane.«</p> + +<p>Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn +Klavier oder üben wir Seele?«</p> + +<p>»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich +verspreche es dir, gründlich.«</p> + +<p>Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in +der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.</p> + +<p>Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und +Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte +die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ +die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum +um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur +rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und +daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes +zur Verfügung stünden.</p> + +<p>Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und +seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der +Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des +Vaters erklang.</p> + +<p>»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen +Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch +nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«</p> + +<p>»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«</p> + +<p>»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«</p> + +<p>Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und +mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags +Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht +das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre +Rachepläne nicht stören.«</p> + +<p>»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge +hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am +Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen +eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren, +suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu +bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der +ähnlichste dünkte.</p> + +<p>Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine +strömende Wärme.</p> + +<p>Das war es.</p> + +<p>Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum +Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.« +So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders, +als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig, +dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man +nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein +Ritterschlag ist.</p> + +<p>Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender. +Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das +Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das +alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das +Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel +empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus, +was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für +das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen +Namen wußte als: das Leben.</p> + +<p>Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + +<p>»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor +mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.</p> + +<p>»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar +nicht, was Angst bedeutet.«</p> + +<p>Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben +ihr war.</p> + +<p>»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich +gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«</p> + +<p>Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im +wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie +sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.</p> + +<p>Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen +schlossen sich nicht und hielten stand.</p> + +<p>»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen. +»Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie +schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt +nicht. Es tut wohl.«</p> + +<p>»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«</p> + +<p>Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich +gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen +und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.</p> + +<p>»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle +drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal, +wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten, +während es bei den anderen« — er strich sich über die Stirn — »bei +Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren. +Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Mut, auch noch +den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«</p> + +<p>»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«</p> + +<p>»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«</p> + +<p>»Ich halte Sie für einen — für einen hochstehenden Kulturmenschen, +der sich über mich lustig macht.«</p> + +<p>»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer +Natur vor die Augen.«</p> + +<p>In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.</p> + +<p>»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon +unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr +davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf +Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell +meinen Arm.«</p> + +<p>Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und +unbeholfen an seinem Arm.</p> + +<p>»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.</p> + +<p>Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.</p> + +<p>»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang +mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche +Gebräuche.«</p> + +<p>Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte +sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß +Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht +in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er +einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> verließ. +Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das +Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr +vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden +war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat +selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches +Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.</p> + +<p>Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein +Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.</p> + +<p>»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied. +Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine +Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last +und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute +Nacht, schlafen Sie recht wohl.«</p> + +<p>Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den +Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach +waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über +die Hand der älteren und folgte ihm.</p> + +<p>Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als +schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum +Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf, +blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie +leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch +zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«</p> + +<p>Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen +dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den +gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie +begannen.</p> + +<p>Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Brahmsschen Seele +hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der +Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren +zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie, +des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere +und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu +Geist.</p> + +<p>Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts +Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.</p> + +<p>»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der +Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will — +irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über +das ewige Suchen!«</p> + +<p>Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine +Wanduhr schlug.</p> + +<p>»Sie wollen schlafen gehen —?« fragte das Mädchen scheu.</p> + +<p>»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere +Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«</p> + +<p>Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht, +woher es seinen Mut nahm.</p> + +<p>»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind +zu gut dazu.«</p> + +<p>»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner +Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie +redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet +haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«</p> + +<p>Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der +Geduld eines Kindes.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.</p> + +<p>»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der +Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag +Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und +stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber +dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf +und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre +aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen +Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie +mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des +Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«</p> + +<p>»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte +sie hastig.</p> + +<p>»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und +Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und +den Menschen.«</p> + +<p>»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die +Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß +mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben +hat.«</p> + +<p>»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken +— nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«</p> + +<p>»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und +mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.</p> + +<p>»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir +zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des +Blutes in Jünglingsjahren auf die See,<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> und ich durchstürmte die +Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als +eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine +Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich +ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«</p> + +<p>»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische +waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf +meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen. +Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit +rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch +als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen +zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner +Kneipe wiederfanden.«</p> + +<p>»Frau Vanderwelt starb schon jung?« — —</p> + +<p>»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er. +»Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als +die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ. +Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und +das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich +selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es +wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur +dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«</p> + +<p>Er schwieg eine Weile vor sich hin.</p> + +<p>»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein +Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es +der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der +Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es +unaufgefordert und eilend.</p> + +<p>»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in +mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war +ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große +Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen +sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher +Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben +und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung +für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr +seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um +aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so +trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so +trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich +auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang +gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im +Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut +geworden.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und +Rücken, als beruhigte er ein Kind.</p> + +<p>»Menschenkindlein — Menschenkindlein — wer sich in der Irre und +Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«</p> + +<p>Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem +unbekannten Geschehen.</p> + +<p>Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete +sie auf den Mann.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch +alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag +hinweghilft und doch die Sinne<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> jung erhält. Ihre Musik, Mädchen. +Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von +Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«</p> + +<p>Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen +hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken — ein +Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und +die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen, +taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen +Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela +Freydags. — —</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die +Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür +in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band +hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«</p> + +<p>Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch +war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die +Überschrift: »Sonate«.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Du spielst ... Ich will nicht wissen, was es sei —</div> + <div class="verse indent0">Am Flügel lehn' ich. Nur der Finger Fliehen</div> + <div class="verse indent0">Und Wiederkehr seh' ich vorüberziehen</div> + <div class="verse indent0">Wie Falterspiel im reichen Blütenmai;</div> + <div class="verse indent0">Wie Mondesstrahlen, die im Dämmer geistern,</div> + <div class="verse indent0">Die, wundersam, wohin ihr Weg sie führt,</div> + <div class="verse indent0">Zum Klingen bringen, was noch unberührt —</div> + <div class="verse indent0">Und wie die Hände stolz den Flügel meistern,</div> + <div class="verse indent0">Blaß wie die Farbe seines Elfenbeins<br></div> + <div class="verse indent0">Hin<em class="gesperrt">stürmen</em> — jetzt wie <em class="gesperrt">Hauch</em> die Tasten fächeln —</div> + <div class="verse indent0">Sucht, einen Herzschlag lang, dein Auge meins —<br></div> + <div class="verse indent0">Da träumt in deinem Blick für mich ein Lächeln ...</div> +<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> + <div class="verse indent1"></div> + <div class="verse indent0">Wie fern die Welt! Still wird des Blutes Tosen.</div> + <div class="verse indent0">Ich lieg' in eines Parks vergeßner Ruh',</div> + <div class="verse indent0">Die wehenden Gräser decken tief mich zu,</div> + <div class="verse indent0">An meinen Schläfen spür' ich ein Liebkosen,</div> + <div class="verse indent0">Scheu, spielend, wie von schlanken Frauenhänden,</div> + <div class="verse indent0">Als würd' die Stirn gestreift von weißen Faltern —</div> + <div class="verse indent0">Um mich ein Duft, den seltne Lilien senden —</div> + <div class="verse indent0">In mir ein Glück: — nie — niemals — kann ich — altern ...</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + + + +<p>»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mannes.</p> + +<p>»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mädchens, das das Buch in den +Händen behielt. — — —</p> + +<p>An diesem Abend wurden Kornelius Vanderwelt und die junge Angela +Freydag Freunde.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="4">4</h2> +</div> + + +<p>Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst +hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem +neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um +Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der +Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung +willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von +den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des +Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene +Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen +köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius +Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an +dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein +übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der +Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße +Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer +Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein +klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die +Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte. +Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl +gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> +gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein +wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter +Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann +der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte, +sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.</p> + +<p>Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der +Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu +gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte +unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde +eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört, +allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und +Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger +bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht +missen mochten.</p> + +<p>»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt +immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß +vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf +zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur +das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße +ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren +Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und +immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen +umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde +soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der +nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die +Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen +lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten +Endes für die gesamte<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Menschheit, die die Arme nach der verbilligten +Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist +Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten +Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß +ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die +verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht +vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle +zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den +Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten. +Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich +wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«</p> + +<p>Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln. +Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und +arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit +den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit +zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er +seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und +nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.</p> + +<p>»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt, +hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder +loszulassen.«</p> + +<p>Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in +ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu +dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit, +des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis +in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig +vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen +Rechners schob er mit den Worten zur Seite:<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> »Sie sind eben nur ein +Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«</p> + +<p>Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum +erweiterten Leben.</p> + +<p>»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben +wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer, +müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden +verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß +sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht +zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«</p> + +<p>»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht +ernten, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte, +ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine +Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«</p> + +<p>Nein, Herr Beckenried hatte <em class="gesperrt">nichts</em> dagegen einzuwenden, und +er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im +Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den +Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein +paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark +gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.</p> + +<p>»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,« +erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche +Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor +hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das +<em class="gesperrt">Selig</em>werden. Die <em class="gesperrt">Art</em> hängt vom persönlichen Geschmacke +ab, und der klärt sich.«</p> + +<p>Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt +geworden, und die Erkenntnis seiner selbst<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> war ihm gekommen durch die +Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.</p> + +<p>Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er +mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er +fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die +Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter +Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer +Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten +Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche +Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines +Gedankenbildes.</p> + +<p>Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter +fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des +Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.</p> + +<p>»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich +den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand +bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon +einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen +über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist, +muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«</p> + +<p>Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«</p> + +<p>»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«</p> + +<p>»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja +auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«</p> + +<p>»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr +nebensächliche Rolle.«</p> + +<p>»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse, +wenn das Gefühl spricht.«</p> + +<p>»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen,<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Fräulein +Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee +wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an +die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel +tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen +Märchenmantel wickeln.«</p> + +<p>Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume +hängen blieben.</p> + +<p>»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir +alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen, +von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein +gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie +eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin +ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der +Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht. +Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«</p> + +<p>»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und +auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen +Weiterklingen, »erscheinen <em class="gesperrt">auch</em> oft in törichtem Gewande. +Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind +und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine +besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter +den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«</p> + +<p>»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«</p> + +<p>»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem +dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester +Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.</p> + +<p>Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. —</p> + +<p>Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause +Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder +gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen, +trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden. +Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer +Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie +eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln +ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte +Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.</p> + +<p>Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der +langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen. +Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten +Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer +abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die +Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem +Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings +beschwichtigen ließ.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.</p> + +<p>»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er +freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«</p> + +<p>Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit +Entrüstung zurück.</p> + +<p>»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Schönheit des +Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das +Asthma hätte.«</p> + +<p>Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.</p> + +<p>»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des +Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie +unter keinerlei Umständen, daß Sie <em class="gesperrt">mir</em> zuliebe in diesem Hause +sind.«</p> + +<p>Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.</p> + +<p>Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr +an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler +und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten +Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen +lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln, +damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft, +daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt +eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen +eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen +ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der +Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und +das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt +der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren +hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch +den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren +Weisen.</p> + +<p>Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden +Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge +der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen +der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und +lernten,<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren +Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen +Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme +nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens +aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen +wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und +Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und +die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen +aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.</p> + +<p>Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr +spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn. +Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine +Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.</p> + +<p>Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis +ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut: +»Angela! Angela bedeutet Engel.«</p> + +<p>Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.</p> + +<p>»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich +habe Hunger und Durst nach der Erde.«</p> + +<p>»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«</p> + +<p>»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja +das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«</p> + +<p>»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge, +ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin +jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«</p> + +<p>Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.</p> + +<p>»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es +werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<p>»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten +heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan +der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken +Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«</p> + +<p>Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.</p> + +<p>»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir +zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam +jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und +furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art +abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und +Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in +ihnen witterte.«</p> + +<p>»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren +lassen.«</p> + +<p>»Warum —?«</p> + +<p>»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« —</p> + +<p>Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des +Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief +ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer +Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und +Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte +die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.</p> + +<p>Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die +Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er +geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer +führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie +öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt +griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> von +»Stille Nacht — heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte +Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.</p> + +<p>Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete. +Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die +Harrenden.</p> + +<p>»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte +herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen +Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr +hingestreckt hatte, zog er sie hoch.</p> + +<p>»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den +Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde +Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.</p> + +<p>Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf +jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer +Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender +Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein +jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen +Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und +drehte sich blitzschnell im Kreis.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane +in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ +sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an +Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem +gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer +Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem +Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die +stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er +nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Händen +und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die +Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit +dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den +Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte +sich um und stand vor Angela Freydag.</p> + +<p>»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer +Zufriedenheit gewirkt hat?«</p> + +<p>Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.</p> + +<p>»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner +Zufriedenheit?«</p> + +<p>»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an +sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen +freundlichen Blick geschenkt.«</p> + +<p>»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen, +vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich +Weihnachten gefeiert habe — und es war nie schön — ich weiß mich gar +nicht mehr zu benehmen.«</p> + +<p>»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang +seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein +Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als +Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile +herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und +nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«</p> + +<p>»Öffnen und — weiterforschen?«</p> + +<p>Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser +aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer +seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen, +Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf +hin. Und dann wurde das<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt +hatte den größeren Koffer geöffnet.</p> + +<p>»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur +seinem Männergeschmack nachgehen.«</p> + +<p>Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte +Gesicht.</p> + +<p>»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«</p> + +<p>Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie +beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner +Leibwäsche.</p> + +<p>»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«</p> + +<p>»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude! +Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich +halt' stand, ich — ich —«</p> + +<p>Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen +bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten, +um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.</p> + +<p>»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die +Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz, +Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts — nichts von dem Bilde, +was ich mir gemacht hatte.«</p> + +<p>»Von <em class="gesperrt">was</em> hatten Sie sich ein Bild gemacht?«</p> + +<p>Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.</p> + +<p>»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«</p> + +<p>»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so +innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf +mich übergeht.«</p> + +<p>Da lachte sie ihn lautlos an.</p> + +<p>Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> dies +lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für +die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und +herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er +nur ganz leise.</p> + +<p>Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß +die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in +den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der +Zärtlichkeit der Besitzerin.</p> + +<p>»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur +Weihnachtsfreude.«</p> + +<p>»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin, +brauche ich nicht an mich zu halten.«</p> + +<p>Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von +den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und +Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder +erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein +neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von +einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach +seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«</p> + +<p>Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen +Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die +Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das +alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar +Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die +Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den +Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela +Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die +Hand und sah zu ihm auf.</p> + +<p>»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die +Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen +Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte +sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.</p> + +<p>Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel, +ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht, +was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es. +Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie +gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche +Handlung. Ein wenig herb — und ein ganz klein wenig zitternd.</p> + +<p>Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen +war und nicht anders.</p> + +<p>Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er +war der reicher Beschenkte. —</p> + +<p>Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte, +fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. — —</p> + +<p>Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags +Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung, +als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr +überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem +Ziele zu.</p> + +<p>Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr +beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der +Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu +geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt +hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach +einer Spanne, sie<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu +dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.</p> + +<p>Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts +Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens +und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der +Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen +Acker immer wieder zu durchpflügen.</p> + +<p>Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens +stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das +Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen +Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig +schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht +nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an +durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage +zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere +Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den +Tagestänzen.</p> + +<p>»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte +Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will +einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und +aufspielen.«</p> + +<p>»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei +keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die +eigene Erlösung zu finden.«</p> + +<p>»Ach nein, Fräulein Freydag,« spottete das Mädchen, »die schweren +Stunden sind für die Dummen, die alle Sachen schwer nehmen. Die Klugen +schlagen einen Bogen, wie wir's in der Schule machen.«</p> + +<p>»Es sind Flachköpfe, Juliane, und du bist Kornelius Vanderwelts +Tochter. Wenn du es vergessen solltest, so vergeß ich es nicht. Und +nun üben wir ernsthaft.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>Es waren weniger die Tanzweisen, die Angela Freydag auszurotten +trachtete, als der leichtfertige, kühl abwägende Sinn, der in Angela +Freydags Stirn die Furche kerbte. Eine Leichtfertigkeit aus Geblüt +wäre ihrem Grübeln noch verständlich erschienen. Hier aber sah sie +eine Leichtfertigkeit aufwachsen, die von der Berechnung auf Wirkung +und überrumpelnden Erfolg eingegeben war, und ihre Natur wehrte sie +wie eine Unreinlichkeit ab.</p> + +<p>Mit aller Beherrschung nahm sie den Kampf auf, und wenn sie nichts +anderes gewann als die Stunden der Ablenkung vom übrigen Tag, diese +wollte sie auf ihr Guthaben buchen.</p> + +<p>Anders, wenn auch nicht weniger schwierig, gestaltete sich die +Unterweisung des ältesten Sohnes Justus, der wenige Wochen vor +Ostern zum Primaner aufgerückt war. Sein schnelles Erfassen +der Schulwissenschaften verliehen ihm die Berufung, Höhenwege +einzuschlagen, aber er verwechselte die Anwartschaft auf Höhenwege mit +einem hochfahrenden Sinn, der in jedermann einen Untergebenen oder +doch ein seinen Lebensforderungen untergeordnetes Wesen und in Angela +Freydag niemals mehr als eine wenig beachtenswerte Klavierlehrerin sah.</p> + +<p>»O je, Justus, nicht die Meister vergewaltigen! Bitte diesen Satz noch +einmal.«</p> + +<p>»Ich bin schon über ihn hinweg und möchte mich nicht wiederholen.«</p> + +<p>»Man ist nur über eine Sache hinweg, wenn man sie restlos erledigt +hat. Sonst steht sie als Feind hinter einem auf.«</p> + +<p>»Ich pflege mich nicht um das zu bekümmern, was hinter mir herdroht. +Damit macht man meine Pferde nicht scheu.«</p> + +<p>»Erst muß man Pferde <em class="gesperrt">besitzen</em>! Sie reiten vorläufig noch auf +einem Mietgaul.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<p>»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Freydag, wollen wir uns über +Lebensanschauungen nicht unterhalten.«</p> + +<p>Sie sah ihm ruhig in die Augen, bis ihm das Blut in die flaumbärtigen +Wangen stieg.</p> + +<p>»Gewiß ist es mir recht. Und der so starkgeprägte Sinn für +Ritterlichkeit in Ihnen wird Ihnen selber sagen, worüber Sie sich mit +Ihrer Klavierlehrerin zu unterhalten haben. Und auf welche Weise, +Justus.«</p> + +<p>Der Jüngling schlug das Notenblatt um und jagte den beanstandeten Satz +in Windeseile herunter.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen,« sagte sie, ohne mit dem Auge zu zucken. »Sie sind +reich begabt und werden es bei fester Selbstzucht zu hohen Graden +bringen.«</p> + +<p>Am leichtesten fand sie sich mit Thomas, dem zweiten Sohne. Und +doch wurde gerade dieser je länger, je mehr ihr Sorgenschüler. Die +Überlegenheit, die er als jugendlicher Schöngeist jungen und auch +älteren Menschen gegenüber so gern auszuspielen pflegte, sonderlich +aber jungen Mädchen gegenüber, die er als »ergötzlich durch ihre +Minderwertigkeit« bezeichnete, behielt er im Verkehr mit Angela +Freydag nicht bei. Sobald ihre Hände aus den Tasten Leben schlugen, +wurde jeder Spottgedanke in ihm abwegig, wurde er der feine, +liebenswürdige Junge, der am stärksten an den Vater erinnerte. Und +doch war es nächst der Spottsucht gerade diese weiche Feinheit, die +Angela Freydags Gedanken zu schaffen machte.</p> + +<p>»Bitte, bitte, Fräulein Freydag, spielen Sie weiter.«</p> + +<p>»Jetzt ist Unterrichtsstunde, Thomas. Die Reihe ist an Ihnen.«</p> + +<p>»Nein, nein. Es wäre Barbarei, mitten in der wunderbarsten +Stimmungsmalerei abzubrechen. Ich verspreche Ihnen dafür, heute eine +Stunde länger zu üben.«</p> + +<p>»Thomas,« warnte sie ihn und spielte weiter, »es ist<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> nicht gut, sich +von jeder Stimmungsmalerei besiegen zu lassen. Das macht weich und +schlaff. Wie Kranke, die sich nach dem Fieber sehnen, weil es ihnen so +angenehm das Bewußtsein für das Wirkliche verschleiert.«</p> + +<p>»Fräulein Freydag, Sie sprechen bereits wie der Vater.«</p> + +<p>»Tu ich das?« fragte sie zurück und beugte sich über ihr Spiel. »Wenn +ich das schon als Fremde tue, ist es Ihre Schuldigkeit als Sohn, so +wie der Vater zu <em class="gesperrt">werden</em>.«</p> + +<p>»Ach, Fräulein Freydag, der Vater ist ja auch der Musik untertan. +Sehen Sie denn nicht, daß ich ihm nacheifere?«</p> + +<p>»Lieber Thomas, der Vater ist der Musik nicht untertan, sie ist für +ihn nur der Nährboden für neue Kräfte. Und für Sie wird die Musik die +Verleiterin zur Einlullung und Schwächung Ihrer Kräfte werden, wenn +Sie sich aus der Zuhörerrolle nicht aufraffen und selber in die Tasten +hineinhauen, daß sie den Befehlshaber spüren.«</p> + +<p>»Gibt es das? In der Musik?«</p> + +<p>»Das gibt es in der Musik wie in der Lebensmusik. Der Befehlshaber +ist kein rücksichtsloser Mensch, der durch sein Brüllen alle Welt +erschreckt. Der wirkliche Befehlshaber ist der Freund und Bruder und +— der Meister der Menschen. Und wenn seine Kraft es befiehlt und er +hineinhaut in die Tasten, so müssen sie aufjauchzen und jubeln vor +Begeisterung, hingerissen in den Tod wie hingerissen in das Leben.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt horchte noch immer auf ihr Spiel.</p> + +<p>»Fräulein Freydag — wenn man aber das Leben nur als ein belustigendes +Zwischenspiel ansieht, das es in Wirklichkeit ist? —«</p> + +<p>»Dann würde ich Ihnen raten: spielen Sie mit, Thomas, damit es +ernsthaft wird und den Einsatz lohnt.«</p> + +<p>Sie brach ab und machte ihm Platz.</p> + +<p>»Nur Zaungäste drücken sich, wenn Zahlung verlangt<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> wird. Sie, Thomas +Vanderwelt, werden sich nicht lumpen lassen.«</p> + +<p>Und der junge Mensch begann. Mit einer müden Weltüberwundenheit, die +seinem Spiel die Marke der Ungewöhnlichkeit aufdrücken sollte, mit +leichtspöttischen Betonungen der Gefühlswelt, bis ihm Angela Freydags +stählerner Zuruf wie eine Klinge in die selbstgefällige Auslage fuhr +und ihn zum Kampfe mit sich selber zwang. Ihre Hände packten seine +Handgelenke, spielten mit ihm einen Satz, einen Lauf nach ihrem +Willen, bis der Wille auf ihn übersprang und ihn das Ende selber +finden ließ in aufgerüttelter Selbstbesinnung.</p> + +<p>»Thomas, sich nicht selber aufgeben! Spott ist die Waffe der +Schlachtenbummler. Nur ganz große Vorbilder dürfen sich den Spott +erlauben, und sie tun es nur bei geistigen Müßiggängern, wenn die Güte +versagt. Finden Sie sich selber, Thomas.«</p> + +<p>Dann kam es wohl, daß ihr der junge Mensch beschämt die Hand küßte.</p> + +<p>Im fortschreitenden Frühling nahm Kornelius Vanderwelt sie des öfteren +mit auf seine Hafenfahrten. Zusammengerafft hielt sie sich neben ihm +im Boot, in gesteigertem Bemühen, jedes seiner Worte zu verstehen, +jedes Bild sofort mit seinen Augen zu erfassen. Dort kreischten die +Krane unter ihren Lasten, und es war Musik. Dort donnerten die Kipper +stäubende Wagenladungen in die Kähne, und es war wieder Musik. Dort +wanden sich die Schiffszüge aus den Hafenbecken, dort rauschten sie in +ununterbrochenen Reihen gen Holland zu Tal oder gen Mannheim zu Berg, +und alles, alles wurde zur Musik; und zur geheimnisvollsten und darum +feierlichsten Musik das Gewerbe der Menschen, der winzigen, schwarzen, +durch ihre Beseeltheit ruhelosen Blutkörper der Erde. Und hingerissen +starrte sie auf die<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Riesenleistungen dieser Zwergenmenschen, auf die +keuchenden Schlote der Stahlwerke, auf die Höllengluten ausspeiender +Hochöfen, die selbst dem Himmel ihre Farben aufzwangen.</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt sprach zu ihr, wenn seine heißen Augen über +die erregten Bilder glitten: »Es kann Musik sein, wenn es mehr wird +als Erregung. Aber in sich selber haben muß man die Musik, sonst +bleibt das alles Tagesmühen und Hinüberfristen von einem Tag in den +anderen.«</p> + +<p>»Nein, das lohnte nicht das Leben,« stieß sie heraus. »Irgendwo muß +ein Preis sein.«</p> + +<p>»Die meisten Mitmenschen glauben, ihr steigendes Bankguthaben sei +der Preis. Ich meine, es müsse das steigende Guthaben am Leben sein. +Hei, du Leben, du bist mir einen Ehrenbecher schuldig, weil mich mein +Schöpferwerk durstiger gemacht hat als die Zuschauer! Oder dies Leben +ist ein Schwindelunternehmen.«</p> + +<p>»Nein,« hastete sie hervor, »das ist es nicht! Ich habe den Mut, daran +zu glauben.«</p> + +<p>Er legte den Arm um ihre Schulter, und seine Blicke entspannten sich. +—</p> + +<p>Oft und öfter sprach er mit ihr über seine Planungen und +Unternehmungen, und wenn sie ihm auch nicht zu antworten wußte, so +wußte sie doch aufzuhorchen und mit jeder Welle ihres Daseins in ihn +hineinzugleiten, daß er es wie einen belebenden Strom empfand.</p> + +<p>»Engel,« sagte er, »ich spüre Sie als Anspannung und Entspannung in +eins. In Ihnen ist die echte Mischung der Frau.«</p> + +<p>Schon lange legte er den Arm um ihre Schulter, wenn sie bei Sonne +oder Wind im Boote standen und die Antriebmaschine die Bootsstirn +pfeilschnell durch das Wasser<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> drückte. Es war keine Verwunderung in +ihr hochgekommen, nicht beim erstenmal und nicht, als die Wiederholung +Gewöhnung wurde. Der Arm um ihre Schulter gehörte zu ihr, wie das +Atmen zu ihr gehörte und alles Werden und Wachsen.</p> + +<p>»Wissen Sie auch, Engel, daß Sie sich nicht nur geistig staunenswert +entwickeln, sondern auch körperlich? Das sind die festen Schultern +einer Frau geworden, und die Schmächtigkeit hat sich besonnen und +blüht auf wie ein kraftvoller Lilienstengel.«</p> + +<p>Sie sah an sich hinab, ohne Scheu vor seinen Worten und ohne +Beschämung, daß er ihre Körperlichkeit gewahrte. Nur eine Freude stieg +in ihr hoch, daß auch hierin ihre Armut sich gewandelt hatte, und sie +streckte sich heimlich und prüfend in seiner Armumschlingung, ob ihre +Schulter die seine bald erreiche.</p> + +<p>Sie fuhren auf dem Rhein, und eine Segeljacht holte vor ihnen auf, +legte die Segel um und gehorchte im Bogen dem Steuer. Zwei weiße +Mützen schwenkten im Winde, zwei wetterbraune Gesichter schrien ihnen +Begrüßungen zu. Rauschend schoß die Segeljacht im Kreise um ihr Boot +herum, gewann den Wind zurück und entfloh.</p> + +<p>»Justus! Thomas!« schrie Angela Freydag aus vollem Halse, riß ihre +Mütze von den Flechten und winkte hinter ihnen drein. »Hei, Herr +Vanderwelt, Ihre Jungens! In jeder Wendung Schiffer von Geblüt!«</p> + +<p>Aufmerksam hatte Kornelius Vanderwelt jede Bewegung der Segeljacht +verfolgt. In den scharf zusammengekniffenen Augen lauerte der Vater +und der Seemann.</p> + +<p>»Wir hätten sie rammen können, wenn unsere Maschine nicht beizeiten +abgestoppt hätte. Der Bootsmann hatte meine Jungen erkannt. +Ihre Waghalsigkeit verläßt sich viel zu sehr darauf, daß sie +Vanderweltjungen sind. Übrigens<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> verlange ich von meinen Söhnen die +Schifferprüfung auf dem Rhein, sobald sie die Schule verlassen haben.«</p> + +<p>»Die Schifferprüfung auf dem Rhein?« fragte sie verwundert. »Auch wenn +sie einen anderen Beruf wählen?«</p> + +<p>»Ein jeder Mensch muß ein Handwerk verstehen. Versagt einmal das +Brustschwimmen, so muß man sich mit dem Rückenschwimmen helfen können. +Mein Gott, wie oft habe ich auf dem Rücken schwimmen müssen.«</p> + +<p>In der Klammer seines Armes sah sie ihn von unten herauf an.</p> + +<p>»Lachen Sie nicht, Engel. Helden, die immer siegen, gibt es so wenig, +wie Väter, die in der Schule immer oben gesessen haben.«</p> + +<p>Da lachte sie, daß seine Schulter gerüttelt und geschüttelt wurde.</p> + +<p>»Das Lachen haben Sie mittlerweile auch gelernt, Engel.«</p> + +<p>»Ja, ja, ja!« schrie sie in den Wind. »Das Lachen und alles, alles, +was uns das Lachen schenkt!«</p> + +<p>Seine Hand glitt von ihren Schultern über ihren Arm. Hin und her. Her +und hin.</p> + +<p>»Ich freue mich, Engel.« —</p> + +<p>Jedesmal, wenn sie von gemeinsamer Fahrt heimgekehrt waren, empfand es +Kornelius Vanderwelt, daß Angela Freydags Spiel in die Tiefe wuchs, +um den Höhenweg zu nehmen. Dann war ein Ringen in ihr um die letzte +Befreiung, um den letzten sieghaften Ansprung ins Licht. Jeden Morgen +hindurch, wenn die Schüler das Haus verlassen hatten, saß sie am +Flügel, stundenlangen, nimmermüden Fingerübungen hingegeben, in einer +Selbstbeobachtung bis ins Schmerzhafte, in einer Selbstzucht, die das +geringste zum bedeutungsvollen erhob.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>»Sie übertreiben, Engel,« verwarnte sie Kornelius Vanderwelt, als er +an einem Mittag vor der Zeit heimgekehrt war und lauschend in der Tür +gestanden hatte. »Das halten die Nerven keines Menschen aus. Weshalb +also?«</p> + +<p>»Ich muß mein eigner Lehrer sein. Wenn der Schüler Pause machen will, +greift der Lehrer ein und läßt wiederholen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt ließ lange seinen Blick auf der zähen Kämpferin +am Flügel ruhen.</p> + +<p>»Ich weiß Sie ungern draußen allein, Engel. Es ist ganz gewiß ein gut +Teil Selbstsucht dabei. Ein Mann meiner Anschauungsart ist nun einmal +selbstsüchtiger, als die vielen, die sich nur von der Abwechslung +Wunder versprechen. Na, schon gut. Keine rührsame Tünche darüber +gestrichen. Sie werden von heute an jede Woche einmal nach Köln fahren +und Ihrem Professor vorspielen. Zur letzten Überfeilung. Denn eine +Künstlerin sind Sie heute schon.«</p> + +<p>Ihr Spiel brach ab. Ihr Gesicht wandte sich, schneeweiß geworden, ihm +zu. Ihre Augen leuchteten bis in die Tiefe.</p> + +<p>»So sehr erfreut Sie die Aussicht, aus dem Käfig heraus und nach Köln +zu kommen?«</p> + +<p>»Ihretwegen — Ihretwegen!« stieß sie heraus. »Dann ist es kein Käfig +mehr, in dem Sie mich sitzen sehen. Dann werde ich vor Ihren Augen +fliegen können, ach, überall hin, wo Sie mich sehen wollen, und +brauche nicht mehr hinterdreinzulaufen und Sie mit mir aufzuhalten, +wenn Sie große Schritte machen möchten.«</p> + +<p>»Ist das nun alles Unbewußtheit?« fragte er zögernd und strich über +ihr Haar.</p> + +<p>Sie aber verstand den Sinn der Frage nicht und blickte ihm, wie eine +Schülerin dem Lehrer, nach den Augen. Und seine Brust, durch die der +Zweifel gerieselt war, tat<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> plötzlich so tiefe Atemzüge, als müßte +bis in die Fugen reingefegt werden, was etwa sich einzunisten willens +gewesen wäre.</p> + +<p>»Geben Sie mir den Namen Ihres Professors. Ich werde den Herrn an den +Fernsprecher rufen lassen und mit ihm die Stunden verabreden. Sie +können dann, wenn alles nach Wunsch geht, schon morgen fahren.«</p> + +<p>Wohl verstand es das leidenschaftliche Wesen Kornelius Vanderwelts +wie überall, so auch hier, seinen Wünschen Geltung und Erfüllung +zu verschaffen. Und doch dehnte sich ihm der nächste Tag, an dem +Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln gefahren war, zu einer +schier unerträglichen Länge, und eine verschwommene Leere in ihm +hinderte so stark seine Arbeitslust, daß er zum ersten Male sein +befehlshaberisches Wünschen mit einer Verwünschung bedachte. Um die +Mittagstunde ging er nicht heim. Weit hinaus auf die Landstraße +zwischen der silbrigen Ruhr und den frühlingssaftigen Wäldern mußte +ihn der Wagen entführen, und als er zum Abend sein Geschäftshaus +verließ und es immer noch eine Stunde währte, bis die Eisenbahn +Angela Freydag von ihrem Ausflug zurückbringen konnte, fand er sich +alter und lange nicht geübter Gewohnheit gemäß durch das Gassengewirr +des Hafenviertels schlendern und das Wirtshausschild ›Zu den fünf +Erdteilen‹ buchstabieren.</p> + +<p>Er lachte dröhnend, als er unverzüglich den Matthes hervorstürzen sah +wie den Sperber auf die Beute.</p> + +<p>»Gute Brise, was, alter Seeräuber?«</p> + +<p>»Einen Augenblick nur. Bitte sich nur für einen kleinen Augenblick +hereinzubemühen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ne, mein braver Matthes, kapern ist nicht. Ich danke Gott, daß ich +das Gift aus Ihrer Bude wieder ausgeschwitzt habe.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>»Es handelt sich nicht um das Gift, Herr Vanderwelt, es handelt sich +um die Bude selbst.«</p> + +<p>»Rauscht der Pleitegeier?« fragte Kornelius Vanderwelt und folgte dem +Bittsteller ein paar Schritte in den Hausgang.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt,« begann der Matthes und verschleppte seinen hohen +Gastfreund in den stillsten Winkel, »daß die ›Fünf Erdteile‹ im +Begriff sind, sich bis auf die Ratten zu entvölkern, ist nicht meine +Schuld, denn Küche und Keller sind nach wie vor prima. Tut mir leid, +es geraderaus sagen zu müssen, daß es alleinig die Schuld des Herrn +Vanderwelt ist.«</p> + +<p>»Matthes, Sie haben wohl einen Rausch? Seit länger als einem halben +Jahr habe ich keinen Schritt in Ihren Feenpalast getan.«</p> + +<p>»Dat is et ja eben,« folgerte der Mann. »Dat is et, wat ich zur +Entschuldigung meiner Wirtschaft hören wollt'. Als hätten Sie dat Haus +durch Ihr plötzlich Wegbleiben in den Verruf getan, genau so is et. +Da haben sich die Leute gesagt, der Herr Vanderwelt bevorzugt jetzt +gewiß en noch viel doller Wirtshaus, un haben rund herum gesucht, un +der eine is hier und der andere da auf eine Sandbank geraten oder in +der Kreide hängen geblieben, un die Mehrzahl im ›König von Portugal‹, +der flottere Betriebsgelder hat. Daher, mein ich, wär et nich mehr als +recht un billig, Herr Vanderwelt —«</p> + +<p>»— daß ich als stiller Teilhaber an den ›Fünf Erdteilen‹ einträte? +Ne, verehrter Freund, das liegt mir nun doch nicht.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, lumpige fünfundzwanzigtausend Mark auf +Grundverschreibung. Ich lass' dafür dat Besitzerrecht an den Kasten +auf Ihren Namen schreiben.«</p> + +<p>»Sie haben doch irgendwo eine Tochter mit einem kleinen Mädchen +wohnen, Matthes. Denken Sie daran.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> + +<p>»Nix da. Sie is mir aus dem Haus gelaufen, weil et ihr in den ›Fünf +Erdteilen‹ nich anständig genug schien, viel anständiger aber, im +feinen Düsseldorf ein Kind ohne Vatersnamen zu kriegen. Reden wir von +unseren Geschäften, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Und plötzlich sah Kornelius Vanderwelt eine regendurchwühlte +Herbstnacht vor sich und sah ein anderes herumgehetztes Mädchen +dasselbe Haus verlassen, das ihr nicht anständig genug erschien, und +in ihm schrie eine Stimme auf: »Angela! Angela Freydag!« als müßte er +sie heute noch vor dem Hause hüten.</p> + +<p>Des Wirtes Augen hatten die jähe Veränderung in des Gastes Minen +sofort erspäht. Blitzschnell setzte er seinen Trumpf aufs Geratewohl. +»Herr Vanderwelt, ich habe auch nach dem letztenmal, wo ich die Ehre +hatte, et Maul gehalten, selbst vor meiner Frau, und hätt' mich aus +alter Seekameradschaft eher totschlagen lassen, als —«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt winkte gelassen ab. Aber er spürte dabei, daß er +den rascher werdenden Atem bändigen mußte.</p> + +<p>»Mit solchen Albernheiten erreichen Sie bei mir nichts, Matthes. Wenn +ich Ihnen aus Ihrer verdammten Patsche helfe, so geschieht es, weil +Sie die alte Seekameradschaft anrufen und die Schiffsjungen vom Rhein +sich über den trockengelegten Seebären nicht halbtot lachen sollen. +Nur deshalb will ich auf den Handel eingehen und meinen Namen auf +Ihr Haus eintragen lassen. Kommen Sie morgen mit Ihren Papieren ins +Kontor. Die Bude ist knapp die Hälfte wert, und der Teufel täte ein +gutes Werk, wenn er sie heute statt morgen holte.«</p> + +<p>Er zog hastig die Uhr.</p> + +<p>»Ich habe keine Zeit mehr. Na, nun legen Sie wohl auf Fortsetzung +unserer stillen Zwiesprache selber keinen Wert.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p> + +<p>»Herr Vanderwelt,« schwor der Matthes, »Herr Vanderwelt, dat kann nu +kommen wie et will, zart oder rauh oder aus det Deubels Kochgeschirr: +Der Mann hier gehört Ihnen.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schritt schnellsten Schrittes durch die Gassen, +querte den Hafendamm und erreichte sein Haus, wo er den Wagen hatte +halten lassen. »Los, Wilm. Zum Bahnhof Duisburg.« Der Wagenschlag +klappte zu. Der Wagen wand sich durch die Straßen, brauste über +die Brücken, gewann die Duisburger Innenstadt und erreichte den +Hauptbahnhof, als der Kölner Zug einlief und die Reisenden durch die +Sperre auf den Platz hinaustraten.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt saß im Wagen, ohne sich zu regen, und spähte +durch die Scheiben in den Abend. Da war sie. So aufgereckt und mit dem +Blick in die Weite ging nur Angela Freydag. Würde sie — würde sie +insgeheim hoffen, ihn hier vorzufinden? Jetzt schweifte ihr Blick für +Sekundenlänge ab. Über den Platz hin. Über die harrenden Wagen. Und +schon hatte er den Schlag geöffnet, und sie huschte zu ihm hinein und +saß an seiner Seite.</p> + +<p>»Los, Wilm. Nach Hause.«</p> + +<p>Sie drückte fröhlich seine Hand, und er entzog sie ihr.</p> + +<p>»Lassen Sie mal fühlen, Engel, ob Sie auch heil geblieben sind. Ein +Unfug, so ein Ding allein reisen zu lassen.«</p> + +<p>Und seine Hand glitt über ihr Haar und über ihre Wangen, glitt über +Schultern, Arme und Rücken und blieb unter ihrem Herzen liegen. Sie +schloß die Augen, öffnete sie und lachte ihn an.</p> + +<p>»Es war so schön — es war so schön ... Der Professor hat gestaunt, +und ich wollt', Sie wären dabei gewesen!«</p> + +<p>»So, das haben Sie gewollt? Und gewußt haben Sie auch, daß ich Sie vom +Bahnhof holte?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Sie lehnte mit der Zutraulichkeit eines Kindes in seinem Arm. So +hingegeben und so sicher.</p> + +<p>»Gewußt nicht. Aber — aber — jetzt werden Sie mich gleich auslachen +— aber — heimlich gewünscht.«</p> + +<p>»Weshalb denn nur, Engel? In zehn Minuten wären Sie auch ohne mich zu +Hause gewesen.«</p> + +<p>»Weil ich besser aus mir heraus sprechen kann, wenn ich mit Ihnen +allein bin. Weil die anderen glauben könnten, ich lobte mich selber, +wenn ich erzählen sollte. Und doch muß ich Ihnen — Ihnen alles, alles +hersagen, was der Professor gesagt, nein, was für Augen er gemacht +hat. So große Augen — so! Und daß ich zu einer überraschenden Höhe +herangereift wäre und bei Nichtnachlassen eine Künstlerlaufbahn vor +mir haben würde wie wenige nur. Ach, und Sie allein, Sie allein sind +schuld daran.«</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte: Soeben sollte ich die Schuld tragen +am Zusammenbruch des Matthes, und jetzt soll mein die Schuld sein an +der Auferstehung dieses Mädchengeistes.</p> + +<p>»Weiter, Engel, erzählen Sie weiter. Ich freue mich ja, als sollte ich +selber auf die Bühne.«</p> + +<p>Und sie erzählte und erzählte, wie aus einem Rausch heraus, ihr +Wiedersehen mit dem Professor, sein Staunen über ihr gereiftes +Aussehen, sein größeres Staunen über ihr gereiftes Spiel, und was sie +gespielt und wie sie es aufgefaßt hätte und wo und wie der Professor +eingegriffen und die Feile angelegt hätte. In immer neuen Abwandlungen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt horchte nur noch auf den tanzenden Herzschlag +dicht über seiner Hand. Er brauchte den Laut der begleitenden Worte +nicht. Diesen tanzenden und jagenden Herzschlag verstand er aus seinem +eigenen Blut heraus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p> + +<p>Woche um Woche fuhr Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln, +holte sie Kornelius Vanderwelt vom Duisburger Bahnhof, und er fühlte +ihr Herz immer leidenschaftlicher und stärker schlagen.</p> + +<p>In der Nacht wachte er auf, als weckte ihn dieser ungestüme Herzschlag +aus einem Traum. Und der Gedanke quälte ihn: Ist es das Erwachen der +Künstlerin oder das Erwachen des Weibes?</p> + +<p>Nein! Nur jetzt nicht mit selbstsüchtiger Hand in die Entwicklung +eingreifen. Keine Sünde gegen den heiligen Geist. Aber mehr als je +nahm er sie mit sich auf seinen Erholungsfahrten, und der Sommer +kochte über den Ruhrwiesen und die Wälder zitterten im Spiel der +grüngoldenen Lichter und der violetten Schatten. Dann stiegen sie aus +und gingen den Lichtern nach und hörten im Walde den Sommer so hoch +und leise singen wie eine junge Frau, die ihre Mutterstunde nahen +fühlt. Und sie nannten es das Lied des Sommers.</p> + +<p>Woche um Woche gingen sie durch den Wald und durch den Sommer, und +nie ging sie anders als in seinem Arm, und seine Hand streichelte +über sie hin, als formte sie den neuen Menschen, wie seine Worte den +neuen Menschen wachgestreichelt hatten. Wenn seine Hand auf ihrer +Hüfte ruhte, war ihm bei jedem ihrer Schritte, als ginge sie aus +seiner Hand hervor, als seine Schöpfung, als Teil seiner selbst, und +die Schöpferfreude wurde so übermächtig in ihm, daß sie ihm das Wort +verschlug und sie stundenlang wortlos wanderten und doch einer vom +anderen durchpulst und durchblutet.</p> + +<p>Wie kommt es, fragte sich Kornelius Vanderwelt in solchen Stunden, +daß man die eigenen Kinder nicht so zu formen vermag wie diese +Blutsfremde? Weil sie schon das Blut des Vaters in sich tragen und +diese nicht? Weil<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> sich dies Blut schon von dem Blute der Mutter +verwirren und von den Blutsbahnen des Vaters abzweigen läßt in +lockende Nebenpfade, und diese hier nichts von mir hat als den +Glauben? Kann Blut allein Kindschaft bedeuten, oder muß erst die +Wesenseinheit von hüben und drüben durchblutet sein?</p> + +<p>Und wieder streichelte er über sie hin, als müßte jede Form seiner, +nur seiner Hand entspringen und ins Leben hineinblühen wie beseligte +Sommermärchen.</p> + +<p>»Engel, sprechen Sie ein Wort. Ich möchte an Ihrer Stimme hören, ob +wir wachen oder träumen.«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich nur fester in die Form.</p> + +<p>So schritten sie durch den Sommer, und das Werk wurde wie der Meister, +und der Meister wurde sein Werk. —</p> + +<p>Kein Herbst wollte kommen, so glühte die Sonne dieses Jahres in den +September, in den Oktober hinein. Der Wasserstand des Rheines senkte +sich bis auf die Riffe und Bänke im Strombett, und die Schiffer +schauten so sehnsüchtig nach dem westlichen Himmel, als wollten sie +die Wolken mit den Augen heranziehen und zur Entladung bringen. Auf +den Menschen des Ruhrorter Hafengebietes lagerte ein Druck. Die +geschäftlichen Sorgen sprangen über Nacht in den Tag und zerrten an +den Nerven der eisenfesten Männer.</p> + +<p>Öfter als bisher mußte Kornelius Vanderwelt auf seine mittäglichen +Entspannungsfahrten Verzicht leisten, um die Stunden zu nützen, das +Rad im Schwung zu halten, um Frachtenkähne ausfindig zu machen, die +durch leichtere Bauart und geringeren Tiefgang die Flachwasser zu +überwinden vermochten, um in langwierigen Darlegungen die Verfrachter +zu bestimmen, dem drängenden Bedarf bei<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> dem geringen Angebot und der +erhöhten Verlustgefahr der Schiffer durch emporschnellende Frachtsätze +Abfluß zu schaffen. Die großen Kahneigner fluchten, denn die +Kleinschiffer, die ›Partikuliers‹, schöpften den Rahm von der Milch, +wurden breitspurig im Gefühl ihrer Unersetzlichkeit und bereiteten +durch ihre hochgeschraubten Forderungen selbst ihrem Freund und Gönner +Vanderwelt Stunden des heiligen Zornes.</p> + +<p>»Dat geht reihum, Herr Vanderwelt. Un wer den Breilöffel glücklich +in die Finger kriegt, muß sorgen, dat er sich den Bauch gründlich +vollschlägt.«</p> + +<p>Das war eine Beweisführung, die in Kornelius Vanderwelts +Anschauungsart ein lachendes Echo fand, und er half den Blinden und +Lahmen zum Hochzeitsmahl.</p> + +<p>Der heißeste Tag des Oktobers kam, und die Sonne brannte wie im +August. Die Schulen hatten Spätherbstferien angetreten, und die +Vanderweltskinder nutzten sie aus bei Freundesfamilien in Rotterdam. +Fräulein Bilsenbach war im herbstlichen Hausputz unsichtbar geworden +und Angela Freydag übrig geblieben, schlaff und schwerblütig durch die +Ungewöhnlichkeit der Witterung.</p> + +<p>»Heute hol' ich sie. Es mag biegen oder brechen,« sagte Kornelius +Vanderwelt. Und in der Mittagsstunde holte er sie. Auf die Landstraße +hinaus, auf der sie vor Jahr und Tag den Fahrer angerufen und +den Führer gefunden hatte. In den Wald, in dem die grüngoldenen +Märchenwunder purpurrote Gewänder übergestreift hatten.</p> + +<p>Sie gingen wie sonst, einer in den anderen versenkt. Doch Angela +Freydags Gang war heute schwerer und langsamer.</p> + +<p>»Was ist Ihnen, Engel?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<p>»Ich weiß es nicht.«</p> + +<p>»Zeigen Sie mal Ihre Augen her. Darin wetterleuchtet es ja. Sitzt die +Wölfin wieder drin und möchte anspringen? Weshalb?«</p> + +<p>»Weil Sie mich so hungrig machen.«</p> + +<p>»Ich — Sie? Auf was denn, Mädchen?«</p> + +<p>»Auf was —? Ach — auf was — —?«</p> + +<p>Brausend bogen sich die Wipfel. Ein Sturmstoß pfiff gellend hindurch, +daß sich die Wanderer gegen ihn stemmen und sich aneinander halten +mußten. Am Himmel trieb eine Wolke heran, lastete ungefüge über dem +Wald, erdrückte das Licht und verdunkelte Weg und Steg.</p> + +<p>Der wetterkundige Mann schreckte auf. Seine Augen waren auf Wind und +Wolke gerichtet.</p> + +<p>»Ein Unwetter, Engel! Das ist Sommers Ende! Aber herrlich wird er +Abschied nehmen. Geben Sie acht.«</p> + +<p>Grell fuhr ihnen ein Blitz in die Augen. Sein Widerschein tauchte +den tiefschwarzen Himmel in aufschreiende Lohe. Krachend fuhr +der Donnerschlag hinterdrein. Und die Wolke zerbarst wie ein +zerschmettertes Glas, und Wasserwogen rauschten nieder, überstürzten +sich, rissen das Geäst in Fetzen, zerpeitschten, was ihnen im Wege war.</p> + +<p>»Engel! Arme um meinen Hals! Festhalten! Ist das nicht schön?«</p> + +<p>»Schön! schön! schön!«</p> + +<p>»Engel! was ist mit Ihnen? Sie zerfließen mir unter den Händen!«</p> + +<p>»Wohl ist mir! Ach, so wohl!«</p> + +<p>Er sprach kein Wort mehr. Er fühlte ihre Haut unter seinen Händen, +ihre kühle, nackte, regenzerpeitschte Haut. Von Wolkenbruchgewalten +hinweggefegt wie Spinngeweb war das schleierdünne Oberkleid, und ein +wilder Jubel von<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Urvätern her sprang in sein Blut und lachte in +seinen Augen über die schlohweiße Seemannsbeute.</p> + +<p>Und jäh wie das Wetter gekommen war, vertobte es und schwieg.</p> + +<p>Angela Freydags wirre Augen starrten auf die Nacktheit der Schultern, +der Mädchenbrust. Sie suchten das Kleid und fanden nur Fetzen. Ihre +Hände lösten sich von seinem Halse, hoben sich nach dem Haupte, +griffen in die Flechten und rissen das regennasse Haar herunter, um es +über die Brüste zu schlagen.</p> + +<p>»Laß das! Laß das! Ich rühr' dich nicht an!«</p> + +<p>»Oh — — —!«</p> + +<p>Ganz hell und hoch kam der Ton. Wie ein aufseufzender Geigenstrich von +fernher.</p> + +<p>»Ich rühr dich nicht an ... Aber in mich hineintrinken will ich das, +in mich hineintrinken, daß es mir für Zeit und Ewigkeit gehört. — — +— Jetzt kannst du mir in dieser und jener Welt nicht mehr verloren +gehen.«</p> + +<p>Ganz aufrecht hielt sie sich, den Kopf im Nacken. Und schloß erst die +Augen, als sie das aufsteigende Blut in den Schläfen fühlte.</p> + +<p>»Ich danke dir,« sagte er. Und hastig zog er seinen Rock aus, warf ihn +über ihre Schultern und knöpfte ihn über ihrer Brust und unter ihrem +Halse zusammen.</p> + +<p>»Und wenn's nur ein Waldmensch wäre, der nach deiner weißen Schönheit +schielte. Mit einem Ziegelstein schlüge ich den Menschen tot, und wenn +ich bis Australien ihm nach müßte.«</p> + +<p>Da hob sie die Arme hoch, und wieder kam der ganz hohe und helle Ton +aus ihrer Kehle wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher, und +sie warf die Arme um seinen Nacken, riß seinen Kopf an sich und preßte +ihre Lippen auf seinen Mund, atemlos.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p> + +<p>»Du — du — du —! Ach, du — — —!«</p> + +<p>Und er wußte nichts zu erwidern, als das gleiche: »Du — du —! Ach, +deine Lippen — — —!«</p> + +<p>Ihre Wangen brannten, und ihr Leib schreckte vor Frost. Er umfing +sie fester und lief mit ihr, um sie zu erwärmen, vor dem Winde durch +den Wald, bis sie den Wagen erreichten. Und während der Wagen die +Landstraße dahinbrauste, lag ihr Kopf an seiner Brust, und das Auge +des einen suchte im Antlitz des anderen.</p> + +<p>»Dein Mund, dein Mund, Engel ... wie der rote Spalt eines +Granatapfels.«</p> + +<p>»Deine Augen, deine Augen, du ... so glühend sind sie und so zärtlich +sind sie, und ich muß sie lieben.«</p> + +<p>»Dein Leib, Engel, und deine Seele, Engel ... Marmorschale und +Myrrhenduft, und ich muß beides lieben.«</p> + +<p>Und der eine langte nach dem anderen, daß die Lippen sich küßten — +sich küßten — —</p> + +<p>So aufrecht wie immer war sie aus dem Wagen gestiegen, hatte sie ihr +Zimmer aufgesucht. Als Kornelius Vanderwelt am Abend nach Fräulein +Freydag fragte, hörte er, daß sie sich frühzeitig zu Bett begeben +habe. Er schritt die Treppen hinauf, pochte leise an ihre Zimmertür +und rief: »Gute Nacht!« — Und wie ein Echo kam ihm »Gute Nacht!« +zurück.</p> + +<p>Früher als sonst suchte er am Morgen sein Geschäftshaus auf. Er wollte +den Nachmittag für sich gewinnen. Und kehrte heim und fand Angela +Freydag nicht mehr in seinem Hause.</p> + +<p>»Haben Sie vergessen, Herr Vanderwelt, daß Fräulein Freydag abreisen +mußte? Fräulein Freydag sagte, Sie wüßten es schon.«</p> + +<p>Er nickte dem alten Fräulein zu, ging in sein Zimmer und nahm vom +Arbeitstisch ihren Abschiedsbrief.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<p>»Lieber, liebster Mann, ich gehe. Bliebe ich, so würde ich in wilder +Hingabe zerbrechen, denn so liebe ich Dich. Und Du würdest ärmer an +mir werden statt reicher. Ich aber will an Deiner Seite schreiten +können im gleichen Schritt und Tritt, ebenbürtig Dir als Genossin +Deiner Liebe und Deiner Kämpfe. Laß mich draußen durch meine Kunst +<em class="gesperrt">ich selbst</em> werden, und dann laß mich wiederkommen als Starke +zum Starken. <em class="gesperrt">Deine</em> Angela.«</p> + +<p>Eine Stunde darauf senkte Kornelius Vanderwelt den Brief in Angela +Freydags Reisetasche und verschloß beides.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="5">5</h2> +</div> + + +<p>Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Im Frühling woben +die Wälder grüne Schleier von Wipfel zu Wipfel und Blumenranken in die +Teppiche der Wiesen. Im Sommer tanzten die Sonnengluten auf feurigen +Schuhen über den Ährenfeldern. Im Herbst lief der Wind durch die +Stoppeln, kletterte von Baumgeäst zu Baumgeäst und fegte das welke +Laub. Und im Winter fiel Tage und Nächte der Schnee, klirrte der Frost +in Luft und Gewässer, wandelte sich Eis und Schnee in Schmutz und +Wüstenei, bis wieder die Reihe an den Frühling kam und das ewige Spiel +von neuem begann.</p> + +<p>Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Und wenn die +Menschen wähnten, den Lenzwind wie ein seliges Lächeln deuten zu +müssen und die Winterstürme der Tag- und Nachtgleiche wie ein +drohendes Fratzengesicht, Kornelius Vanderwelt hatte weder Deutung +für das eine noch für das andere und ließ die Sonne scheinen wie +sie wollte und mußte und die Stürme über die Wasser brausen wie sie +sollten und mochten. Der Wechsel der Jahreszeiten war für ihn zum +Einerlei geworden, ihre Zauberkünstlerüberraschungen nicht wert, den +Puls des Blutes um einen Schlag zu steigern, und selbst die großen +Lebensfragen der Arbeit schieden mit ihren Spannungen allmählich für +ihn aus, weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit wurde, daß<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> der +Rhein zu Zeiten hohes und zu anderen Zeiten niederes Wasser führte.</p> + +<p>Nicht, daß Kornelius Vanderwelt in Arbeitskraft und Arbeitsleistung +nachgelassen hätte. Er griff an, kämpfte im zähen Kampfe und siegte +wie bisher. Aber er tat es aus der Gewohnheit heraus, seiner +Kämpfernatur zum alten Rechte zu verhelfen, nicht, weil ihm die +Siegerfreude die Adern zum Springen bringen wollte. Die Freude war aus +Kornelius Vanderwelts Leben und Streben hinausgewichen.</p> + +<p>War sie an dem Tage gegangen, an dem Angela Freydag ging?</p> + +<p>Oft grübelte er dem Gedanken nach, oft mitten in der Arbeit, wenn es +sich um einen großen Schlag und um schnelle Entschlüsse handelte, +oft in der lastenden Feierabendstille, wenn er in seinem Musikzimmer +saß, den Kopf auf die Hände gestützt und die Arme auf den Deckel des +verstummten Flügels.</p> + +<p>War sie die einzige in seinem Leben gewesen oder eine Ziffer in einer +Zahl?</p> + +<p>Dann gebot er den Gesichten und lud die Frauen vor seinen +geschlossenen Blick, die er geliebt hatte für die Dauer heißer Stunden +oder die Dauer noch heißerer Jahre. Schemen flatterten vor ihm auf +und zerflatterten. Körperlichkeiten, die sich in nichts anderem zu +erfüllen gehabt hatten, als den heißen Stunden Fleisch und Blut +zu geben und mit ihnen zu vergehen. Die eigene, leidenschaftlich +bewegte und erregte Frau wuchs vor seinen Augen auf, die ihm die +Kinder geboren hatte und doch nur ihn beschenken wollte bei Tag und +bei Nacht. Aufstöhnend wühlten seine Gedanken in ihrer Schönheit und +griffen in nichts.</p> + +<p>Weshalb? Weshalb? War die Vergänglichkeit schneller oder die Liebe —?</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hob den Kopf. Er öffnete weit und starr die +geschlossenen Augen.</p> + +<p>Liebe ...?</p> + +<p>Hatte ihn ein Ton gerufen, ein ganz hoher und heller, irgendwoher —?</p> + +<p>Er erhob sich und ging dem Tone nach, bis seine Stirn gegen das +Fenster stieß. Er merkte es nicht. Seine Augen suchten in der Ferne, +sein Gehör verfeinerte sich, alle seine Sinne waren angespannt.</p> + +<p>Liebe ...? Ist Liebe ein Wühlen in der Schönheit und Leidenschaft, ein +Jauchzen im Besitz, ein Verschenken und Wiederverschenken von einem +zum anderen? Narrheit, Knabennarrheit! Was ist es denn? Was denn? Die +Liebe — ach, ich bin es selbst! Ich selbst bin die Liebe! Und was +<em class="gesperrt">Du</em> mir bringst, Geliebte, ist ein Teil von <em class="gesperrt">mir</em>, gehört +zu mir, wie das eine Auge zum anderen, die eine Hand zur anderen +gehört. Wie kann ich mir schenken lassen, was mein ist, wie kann ich +dir schenken wollen, was dein ist? Ich bin das eine Auge und du bist +das andere. Ich bin der eine Blutstropfen und du bist der andere, +und zusammen sind wir der eine und einzige Blutstrom unseres Lebens. +Verbluten muß, wer dem anderen nicht gibt, was ihm zum Atmen und +Leben gebührt. Denn du bist ein Teil meiner Kraft, wie ich ein Teil +der deinen bin. Zwillingsblütler sind wir am Zweigeschlechterbaum und +müßten verdorren, wenn wir nicht mehr aus derselben Wurzel trinken. +Angela! Angela Freydag! Du wie ich! Denn nur vereint sind wir ein Mann +oder ein Weib. Sind wir wir selbst — durch den Drang unserer Liebe, +die den einen gleich dem anderen befruchtet.</p> + +<p>Angela. Angela Freydag. Du warst nicht die einzige Frau in meinem +Leben und doch keine Ziffer in der Zahl. Du warst <em class="gesperrt">ich</em>, der Teil +von mir, den ich lieben muß wie<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> das göttlichste Geheimnis. Wie ich +dich sprechen höre, aus Fernen heraus: »Und du bist ich, seit Gott den +Menschen schuf und Mann und Frau aus einem Gebilde. Du, Geliebtester, +bist Angela Freydag, und ich, deine Geliebteste, bin Kornelius +Vanderwelt.«</p> + +<p>Angela! So schreit mein Blut nach meinem eigenen Blute, wenn es nach +<em class="gesperrt">dir</em> schreit. — —</p> + +<p>Nur noch ein Einerlei waren für Kornelius Vanderwelt die Jahre, die +auf und nieder tauchten. Geschäft, Schifferbörse, Erziehung der Kinder +wurde von ihm nach des Tages Gebot und Bedarf geregelt und gemeistert. +Die Söhne durchliefen die Schule, bestanden die Reifeprüfung +leichthin. Im Korpsleben Bonns fühlte sich der stolze Justus +Vanderwelt, der Student der Rechte, wohler als in den geschäftlich +abgesteckten Grenzen Ruhrorts. Auf der Handelshochschule zu Köln +wurden dem zu früh gereiften Thomas Vanderwelt genug der Einblicke ins +Leben, um seiner Zweifelsucht den Schein der Weltweisheit zu verleihen.</p> + +<p>Und nun war auch Juliane Vanderwelt, sechzehnjährig, in eine +Erziehungsanstalt der französischen Schweiz abgereist, mit der festen +Vorberechnung, dort Dame und nichts als Dame zu werden.</p> + +<p>Es war einsam geworden in dem lebhaften Vanderwelthaus, und alles +Laute hatte sich in Stille verkehrt.</p> + +<p>Das alte Fräulein Bilsenbach ging wie ein Geist durch die Räume, +immer bemüht, jedes Geräusch, selbst das Geräusch ihres eigenen +Schrittes von dem ernstgewordenen Hausherrn fernzuhalten und nicht +den geringsten Grund zu einer Rüge aufkommen zu lassen. So lieb +diese Vorsorge Kornelius Vanderwelt im Anfang war, so stark rissen +die altjüngferlichen Übertreibungen auf die Dauer an seinen Nerven. +Wenn er, aufschauend, ihren schwarzen Schatten<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> durch das Zimmer +huschen sah, die Hand bittend erhoben, sie nicht zu bemerken, wenn +er im Nebenzimmer das Wispern und Flüstern vernahm, mit dem sie den +Hausangestellten ihre Anordnungen erteilte, so mußte er krampfhaft an +sich halten, um nicht mit einem Matrosenfluche hineinzuwettern, nur um +diese lawendelduftende Krankenhausluft zu säubern und aufzufrischen.</p> + +<p>»Himmel und Hölle, Fräulein Bilsenbach, ist ein Totes im Hause?«</p> + +<p>»Gott möge uns vor dem Unglück bewahren, Herr Vanderwelt. Wie kommen +Sie nur auf so Schreckliches?«</p> + +<p>»Oder halten Sie mich für einen Geisteskranken oder einen +Kindischgewordenen?«</p> + +<p>»Weshalb — weshalb denn nur, Herr Vanderwelt? —«</p> + +<p>»Weshalb? Weil Sie alles Leben um mich herum zum Schweigen bringen, +weil Sie jedem Ding um mich herum einen Trauerflor anhängen, weil — +ja, das soll doch der leibhaftige Teufel holen — weil Sie zittern und +beben, wenn ich Sie anspreche.«</p> + +<p>»Sie sprechen mich ja nicht an, Herr Vanderwelt, Sie schreien mich ja +an —«</p> + +<p>»Oh! Oh! das nennen Sie schreien? Ich wollt', Sie schrien ebenso, +damit diese gottverdammte Filzsohlengeräuschlosigkeit endlich mal +wieder einem herzhaften Krach Platz machte. Ach du liebes Elend, nun +schwimmen wir mal wieder in Tränen.«</p> + +<p>Das alte Fräulein schluchzte in ihr Taschentuch.</p> + +<p>»Ich — ich tu hier mein Bestes und ich will ja gar keinen Dank, wenn +— wenn Sie nur das Fluchen unterlassen wollten, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Das Fluchen?« Kornelius Vanderwelt lachte auf wie in seinen frohesten +Tagen. »Ach, Sie liebe Unschuld glauben, ich wollte den lieben Gott +damit ärgern? Wie ein kleiner<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Junge hinter dem Herrn Lehrer, der ihm +die Hosen vollgehauen hat, ›Fottenhäuer‹ herruft?«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt — ich bin eine Dame!«</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein Bilsenbach, aber auf +Hochdeutsch können selbst Sie das nicht sagen. Na, nun lachen +Sie schon. Doch, doch, ich hab's gesehen. Und um auf das Fluchen +zurückzukommen — ja wie soll ich das Ihrem zarten Hausfrauensinn +beschreiben? Das ist wie ein großes Reinemachen. All der Dreck des +Lebens, der sich in einem eingenistet hat und nicht durch Gebet und +gute Worte herauszubringen ist, der wird durch ein paar Kraftflüche +hinausgeschleudert wie der Lavadreck aus einem Vulkan, und das +geläuterte Feuer hat wieder die Oberhand und bereitet den schönsten +Gottesgedanken die Wohnung.«</p> + +<p>Dann ging das alte Fräulein leise mit dem Kopfe schüttelnd und lautlos +wie ein Geist aus dem Zimmer.</p> + +<p>In diesem Dunstkreise atme ich, dachte Kornelius Vanderwelt, und er +ging wie ein gefangenes Tier im Zwinger ruhelos im Raume auf und ab, +auf und ab.</p> + +<p>Es war keine Mißachtung der ängstlichen Sorgerin, die in ihm aufkam, +es war nur die Abwehr ihrer kleinen Welt, die ihn vorzeitig in +Schlafrock und Pantoffeln einlullen wollte, und aus der Abwehr ihrer +kleinen Welt wurde eine Abneigung gegen die lautlose Persönlichkeit, +die demütig zum Gesangbuch griff, statt einmal, einmal nur zornwütig +die Arme gen Himmel zu strecken und hineinzurufen: Auch ich bin ein +Gotteskind, ein Erbe, und kein hündischer Sklave!</p> + +<p>Und allmählich empfand er die Abneigung fast körperlich.</p> + +<p>Das machte ihm den Aufenthalt im Hause mehr und mehr zur Qual, und +wenn er die spärlichen Briefe der heranwachsenden Kinder gelesen +hatte, wenn die Antworten,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> streng nach der Eigenart des Einzelnen, +verfaßt und abgesandt waren, nahm er Hut und Mantel und durchwanderte +das immer mächtiger um sich greifende Hafengebiet, bis er in +später Nacht in die Gasse einbog, in der wie ein Eckpfeiler die +Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ heraussprang.</p> + +<p>Das erste Mal wartete er, bis sich der letzte Gast getrollt hatte und +der Matthes den Riegel vorschieben wollte.</p> + +<p>»Gut Freund,« murmelte er und ging an dem Erstaunten vorüber in die +Kneipstube.</p> + +<p>Der Wirt kam eilig hinter ihm hergelaufen, wischte mit der Mütze den +Tisch sauber, stemmte sich mit den Fäusten auf die Tischkante und +starrte ungläubig auf den Gast.</p> + +<p>»Der Herr Kornelius Vanderwelt? Wahr un wahrhaftig der Herr Kornelius +Vanderwelt?«</p> + +<p>»Soll ich Ihnen vielleicht meine Handschrift über das Maul schreiben, +Matthes? Dies Haus gehört bis zum letzten Sparren mir, und ich darf +wohl auch des Nachts eine Besichtigung vornehmen.«</p> + +<p>Der Matthes, immer noch von der Überraschung bewältigt, schielte ihn +in aufkommender Unruhe an.</p> + +<p>»Geht es um die Zinsen, Herr Vanderwelt? Sie kriegen sie. Sie kriegen +sie auf Ehr' un Gewissen.«</p> + +<p>»Ihr ›Ehr' und Gewissen‹ will ich nicht geschenkt haben. Grog will +ich, und morgen am Tage laß ich Sie durch den Gerichtsvollzieher +auspfänden, wenn es nicht unverschnittener Rum von Jamaika ist.«</p> + +<p>Der Matthes stand stramm wie ein berichterstattender Matrose.</p> + +<p>»Frisch geschmuggelt vom holländischen Kahn ›<em class="antiqua">Ora et labora</em>‹. +Gott soll mich verdammen, wenn Sie den unverfälschten Jamaika nich +beim ersten Schluck herausschmecken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<p>»Lieber Matthes, machen Sie doch nicht die langen Redensarten.«</p> + +<p>Da holte Matthes die kurzbauchige und langhalsige Flasche, wies den +unverletzten Siegellack vor und entkorkte sie mit einem schnalzenden +Knall. Fragend blickte er auf seinen Gast.</p> + +<p>»Ne, mein Junge, ans Schnapssaufen bin ich doch noch nicht gekommen. +Kochendes Wasser her. Meinetwegen zwei Gläser statt einem. Wäre ja +möglich, daß Sie mittrinken möchten. Schon gut.«</p> + +<p>Der kupferne Wasserkessel summelte und surrte auf dem Tisch und stieß +den Dampf aus dem gebogenen Hals. Die Groggläser warteten neben der +geschmuggelten Flasche aus Jamaika. Und der Matthes schob seine +Vierschrötigkeit geräuschlos zwischen den Stühlen und Tischen einher, +schloß die Türen, dichtete die Fensterläden und kehrte zu seinem Gast +zurück, um den Grog zu mischen.</p> + +<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Matthes. Ich bin der Gastgeber und +messe nicht nach Fingerhüten.«</p> + +<p>Es wurde ein steifer Grog, den Kornelius Vanderwelt mischte, und der +Matthes saß breitbeinig am Tische und tat Bescheid. Ein einsames Licht +leuchtete über dem Ecktisch, an dem die Männer hockten.</p> + +<p>»Wie geht es Ihrer Frau? Liegt sie schon in den Federn?«</p> + +<p>»Der Frau geht's gut. Einer Frau geht's beim Matthes immer gut, wenn +sie Order pariert.«</p> + +<p>»Begierig, Mann, was Sie darunter verstehen.«</p> + +<p>»Nix mehr un nix weniger, als wat ich gesagt hab'. Wenn ich der Herr +bin, hat sich die Frau danach zu richten.«</p> + +<p>»Verdammt bequem für den Mann. Meinen Sie nicht auch?«</p> + +<p>»Frauensleut haben immer Raupen im Kopp. Die müssen 'raus. Reinweg.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>Kornelius Vanderwelt tat einen langen, durstigen Zug. Und sprach +weiter, um das Gespräch im Gang zu halten.</p> + +<p>»Was sind denn das für Raupen, Matthes? Ihre Frau ist doch die +Unterwürfigkeit in Person.«</p> + +<p>»Unterwürfig? Eine Frauensperson un unterwürfig? Die möcht' ich sehen. +Alles Anstellerei, solange sie spürt, dat sie sich unterm Daumen +befindet. Aber lockern Sie den nur mal für ein paar Sekunden, un sie +sind hinten un vorne betrogen. Et hat noch kein Frauenzimmer mit Moral +im Leib gegeben, solang die Welt steht.«</p> + +<p>»Drehen Sie bei, Matthes. Ihre Frau ist die Tugend selbst.«</p> + +<p>»En alt Weib hat leicht tugendhaft sein. Dat heißt, ich hätt' ihr auch +in jüngeren Jahren nix anderes anraten mögen. So sind wir nu doch +nich. Aber ich brauch' nur mal, wat selten vorkommt, en Mittagsschlaf +zu halten, un schon schickt sie der verloren gegangenen Tochter un — +un deren Krott die Postpakete nach Düsseldorf.«</p> + +<p>»Wenn Sie doch wissen, Matthes, daß Ihre Tochter in Düsseldorf wohnt, +ist sie doch nicht verloren gegangen.«</p> + +<p>»Dat is gut, Herr Vanderwelt. Nich verloren gegangen? Wo sie doch dat +Kind ohne Vatersnamen hat?«</p> + +<p>»Matthes, soweit mir erinnerlich, war Ihr Mädel auch schon auf der +Welt, bevor Sie Hochzeit hielten.«</p> + +<p>»Aber sie wurde gehalten, die Hochzeit!« ereiferte sich der Mann. »Un +wenn sie nich pünktlicher gehalten wurde, so trifft mich daran keine +Schuld, denn ich konnt' doch in den südamerikanischen Gewässern nich +wissen, dat et mit der Annemarie in Ruhrort so eilig geworden war. +Anständiger Kerl, der man is.«</p> + +<p>»Matthes, Ihre Tochter hat auch geglaubt, daß der andere ein +anständiger Kerl wär'. Das ist gehauen wie gestochen, und wenn der +Liebhaber ein Lump war und das Mädel mit dem Kind im Unglück sitzen +ließ, so gibt Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> das weiß Gott nicht die Berechtigung, den +Tugendengel vorzuspielen.«</p> + +<p>»Dat is meine Sache, Herr Vanderwelt. Ich kehr' vor meiner eigenen +Tür.«</p> + +<p>»Prost, Matthes. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon öfters +kehren geholfen hab'. Lassen Sie mich doch, zum Kuckuck, meinen Satz +aussprechen. Es ist gewiß nicht schön, daß Ihr Mädel in die Patsche +geraten ist. Aber die Eltern vergessen so gern, wie es war, als sie +selber drin saßen und jeden für einen Engel Gottes hielten, der ihnen +nur den kleinen Finger hinstreckte. Matthes, wenn wir für alles zur +Verantwortung gezogen würden, was wir im Leben angestellt haben! +Vielleicht kriegt jeder mal die Rechnung. Vielleicht. Jedenfalls +können wir sie erst als ›bezahlt‹ beiseite legen, wenn ein Guthaben +als Deckung vorhanden war.«</p> + +<p>»Ein Guthaben ...« knurrte der Mann. »Is wohl zu hoch für meinen +Verstand.«</p> + +<p>»Sie verstehen mich ganz gut. Wenn alle Gerechten, die auf Stelzen +gehen, Farbe bekennen müßten, gäb' es auf der Welt kaum eine einzige +klare Farbe mehr. Also beizeiten heran an das Klärungsverfahren. Und +nicht die Nase gerümpft über die, die Unglück hatten, wo die anderen +Glück hatten, sondern aufgeholfen. Natürlich bleibt ein Unterschied +zwischen einem Unglück und einer Ferkelei.«</p> + +<p>Der Matthes erhob sich und guckte in den Wasserkessel.</p> + +<p>»Befehlen der Herr Vanderwelt noch eine neue Auflage?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt mischte den zweiten Grog. Er hob sein Glas +prüfend gegen das Licht.</p> + +<p>»Wir wollen einmal auf Ihre Enkelin anstoßen, Matthes. Wird jetzt +schon ein Schulmädel sein. Na, dies Wurm wenigstens kann doch nichts +und wieder nichts zu seiner Notlage. Also: auf Großvaterfreuden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> + +<p>Der Mann trank widerwillig. Das Glas klappte hart auf die Tischplatte +zurück.</p> + +<p>»Wenn et Ihnen genehm is, Herr Vanderwelt, sprechen wir jetzt mal +von anderen Sachen. Et gibt soviel schönere auf der Welt, sogar in +Ruhrort. Da wär' zum Beispiel der Hafen.«</p> + +<p>»Matthes, der Hafen wird eine Pracht. Und der neue Kanal wird bis zum +Nordseehafen Emden geführt. Der Warenumschlag ist ohnegleichen auf der +Welt und noch unbeschränkt in der Entwicklungsmöglichkeit.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, dat et jetzt mit Siebenmeilenstiefeln geht, daran +tragen <em class="gesperrt">Sie</em> die Schuld.«</p> + +<p>»Eine Schuld, die entlastet, Matthes. Jeder Mensch muß sein Guthaben +besitzen.«</p> + +<p>»Sie haben Ihr Guthaben! Sie haben et in Ruhrort un bei allen +Schiffern zwischen Mannheim un Rotterdam!«</p> + +<p>»Hunderttausend Fahrzeuge dies Jahr in den Duisburg-Ruhrorter Häfen +angelaufen, Matthes! Achtundzwanzig Millionen Tonnen Umschlag! Der +gewaltige Seehafen Hamburg hatte nur neunzehn Millionen!«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt! Himmelherrgottdonnerwetter, Herr Vanderwelt.« — —</p> + +<p>Die Nachtstunden beim Matthes hatten Kornelius Vanderwelt gut +getan. Das Kreisen seiner Gedanken war unterbrochen worden. Andere +Bilderreihen hatten sich eingefügt. Nach kurzer Zeit wiederholte er +den Ausflug. Und wieder nach kurzer Zeit kehrte er auch schon zu +Stunden ein, zu denen die Gäste noch das Wirtszimmer bevölkerten, +die Schiffer ihre Gläser auf die Tischplatte stießen und die +Harmonika schluchzte. Über eine Weile, und die Gastwirtschaft ›Zu den +fünf Erdteilen‹ begann, sich in Schifferkreisen wieder wachsender +Beliebtheit zu erfreuen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<p>Ein Seltsames nur bewegte Kornelius Vanderwelts Gedanken, die um +Angela Freydag kreisten. Als bedürfte er einer Entschuldigung, daß +er wieder in der Wirtsstube ›Zu den fünf Erdteilen‹ säße. Er wollte +auch hier bei Angela Freydag weilen, selbst hier sollte der Geist der +Verschollenen über ihm sein. Und er ging hin und ließ das Grundstück, +das das gesamte Anwesen des Matthes umschloß, auf Angela Freydags +Namen überschreiben.</p> + +<p>Und ein Seltsames nicht minder war die große Ruhe, die von Stund' an +über ihn gekommen war.</p> + +<p>Der alte Beckenried hatte mit Kopfschütteln die Rückkehr seines Herrn +zu den alten Gewohnheiten beobachtet. Aber der Herr war nicht mehr +gewillt, Anspielungen seines knöchernen Mitarbeiters entgegenzunehmen, +und schnitt sie ihm im Munde ab.</p> + +<p>»Lieber Freund, ich möchte in der Arbeit nicht mit Privatgesprächen +behelligt werden. Nach Feierabend soll es mich freuen.«</p> + +<p>Der lebergelbe Beckenried aber hütete sich, seine Haut nach Feierabend +zu Markte zu tragen, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß +das Gelb seiner Haut im außergeschäftlichen Umgang mit Kornelius +Vanderwelt nur verstärkt zunähme. Und da der Geschäftsherr in der Tat +schärfer arbeitete als je zuvor, so spielte er den Beobachter nur noch +wortlos und in der Heimlichkeit.</p> + +<p>Aber es war nicht nur Beckenried, dem die Rückverwandlung Kornelius +Vanderwelts bemerkbar wurde. Auch die Herren, die in der ›Erholung‹ +zusammenzukommen pflegten, wurden aufmerksam, wenn an manchen Abenden +und immer öfter der aufsprühende Geist Kornelius Vanderwelts in ihrer +Runde fehlte, und sie besprachen die Angelegenheit ernsthaft.</p> + +<p>»Ein Extratanz in den ›Fünf Erdteilen‹ kann ihm wohl<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> vergönnt werden. +Von einer gelegentlichen Mitwirkung sprechen wir uns selbst nicht +frei. Aber es muß ein Spaß bleiben und darf nicht zur Gewohnheit +ausarten. Stadt und Hafen verdanken der Vanderweltschen Tatkraft zu +viel, und es muß uns daran gelegen sein, dem Manne das Ansehen zu +erhalten.«</p> + +<p>Der Vorsitzende übernahm es, ihm freundschaftlich ins Gewissen zu +reden.</p> + +<p>Ein Weilchen hörte Kornelius Vanderwelt den gütigen +Auseinandersetzungen des greisen Großindustriellen zu. Dann richtete +er den Blick auf ihn, und der Blick aus den stolzen, hellen Augen ließ +den Warner mitten im Satze abbrechen und einen neuen Gesprächsstoff +suchen.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, ich bitte mich als Ihren Freund zu betrachten. Ich +bin nicht von kleinen Gesichtsmaßen. Wenn einer, so weiß ich, was +Sie für die Entwicklung des Platzes Ruhrort getan haben und rastlos +weiter tun. Aber eine solche hochgesteigerte Rastlosigkeit bedarf +eines Ausgleiches, wenn sie auf lange hinaus wirksam bleiben soll. +Sie sind ein Mann in der Reife der Jahre. Mehr als das: in der Reife +der Kraft. Frauenliebe, hochverehrter Freund, Frauenliebe allein +erhält uns Männern der Arbeit diese Kraft, deren wir viel, viel länger +bedürfen, als unsere Neider und Bewunderer ahnen. Denn mit uns steht +und fällt nicht nur ein ganzes Geschlecht, sondern ein Zeitalter. Das +des ungeheuerlichsten Aufschwunges, der auf dem Scheitelpunkt seiner +Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbrochen werden darf. Was die +Jungen können, haben sie noch zu beweisen. Ich schweife ab, weil ich +mit meinem Freundesrat nicht aufdringlich erscheinen möchte. Und doch, +lassen Sie es mich aussprechen, was ich für Sie fühle: Sie müssen sich +wieder verheiraten, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Die Blicke der beiden Männer waren nicht voneinander<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> gewichen, und +der alte Geschäftsherr freute sich der stolzen und hellen Augen seines +Gegenübers.</p> + +<p>»Verzeihen Sie mir meine Eindringlichkeit, Herr Vanderwelt, die keine +Zudringlichkeit sein sollte.«</p> + +<p>»Ich fühle aus jedem Worte Ihre Freundschaft, die mich hoch ehrt, Herr +Kommerzienrat. Aber gerade meine Reife verbietet mir, die Rolle des +schmachtenden Liebhabers zu spielen.«</p> + +<p>»Kornelius Vanderwelt würde nie einen schmachtenden Liebhaber abgeben.«</p> + +<p>»Ich freue mich herzlich, daß auch Sie diese Vorstellung von mir +haben.«</p> + +<p>»Es gibt in unserem Kreise auch andere Frauen, Herr Vanderwelt. +Frauen, die einen geruhigen Lebensabend verbürgen.«</p> + +<p>»Für diese Frauen — ich bitte mir meine Aufrichtigkeit zu verzeihen +— fühle ich mich wieder zu jung.«</p> + +<p>Wieder lagen die Blicke der beiden Männer ineinander, und der +Altgewordene freute sich gegen seinen Willen.</p> + +<p>»Sie setzen mich schachmatt, Herr Vanderwelt. Die Jungen sind Ihnen +zu jung und die Älteren zu alt. Ich glaube, Sie müssen einen neuen +Schöpfungstag einlegen und sich die Gefährtin, die zu Ihnen paßt, +eigenwillig schaffen.«</p> + +<p>»Fast glaube ich es auch,« entgegnete Kornelius Vanderwelt, und ein +eigentümliches Grübeln war in seinen Augen, als er dem freundlichen +Mahner mit herzlichem Dank die Hand schüttelte.</p> + +<p>An diesem Abend ging Kornelius Vanderwelt auf kürzestem Wege nach +Hause.</p> + +<p>Er betrat das Musikzimmer, ließ das Deckenlicht aufflammen und schritt +auf den Flügel zu. Aber er öffnete ihn nicht. Nur über den glänzenden +Deckel strich er ein paarmal mit den Händen hin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Einen feinen, singenden Ton gab das Holz von sich. Und Kornelius +Vanderwelt horchte auf.</p> + +<p>»Engel,« sagte er, »hast du alles vernommen, was der gute alte Mann +zu mir sprach? Das Alter hat die Gabe des zweiten Gesichts. Eine +Gefährtin wünscht er mir, damit ich stark bleibe im Schaffen und mich +am Leben nicht schmutzig mache. Und einen Schöpfungstag wünscht er +mir, damit ich mir die Gefährtin selber forme aus meinem eigenwilligen +Fleisch und Blut und der noch eigenwilligeren Seele. Das sah sein +zweites Gesicht. Was es aber nicht sah, Engel, und was es nicht +erkannte, war, daß ich diesen neuen Schöpfungstag schon mit allen +Fibern genossen hatte, daß ich dich mir schaffen und formen durfte als +mein bestes Teil, ›als wär's‹, wie's im alten Liede heißt, ›als wär's +ein Stück von mir.‹</p> + +<p>»Engel, es ist überflüssig, dir alles wiederzusagen, denn du hast +alles vernommen.«</p> + +<p>»Weil du und ich untrennbar sind, Engel, im Fleisch und im Geist.«</p> + +<p>Mit übersichtigen Augen saß er am verstummten Flügel und sah ihr Bild. +Ihre klaren grauen Mädchenaugen wurden zu Frauenaugen, und tief aus +ihrem Grunde sprang das geheime Funkeln auf, das wie ein Blitz ihr +Wesen erleuchtete, die Urnatur ihrer Liebe: Hingabe an den Gefährten, +Verteidigung ihres Besitzes.</p> + +<p>»Ich habe dir nicht nachgespürt,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Es +hätte uns nicht zu Gesicht gestanden. Seit sechs Jahren warte ich auf +dich, und ich weiß, an einem Tage kommst du und gibst mir ein Zeichen. +Das wird an dem Tage sein, an dem du die Größe erreicht zu haben +glaubst, die du für mich suchst. Für mich. Wie stolz mich das Warten +macht, Engel.«</p> + +<p>Und er horchte hinaus und hörte ihre Antwort. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> + +<p>Die Nacht ging über in den Morgen. — —</p> + +<p>Und es kam ein Morgen über die Welt, der für Millionen die Nacht +brachte. Die alte Erde sprengte die dünne Kruste der Gesittung und +spie Feuer und Verderben. Engel und Teufel rangen, die Hand am Halse +des anderen, und da Himmel und Hölle sich verwirrten, wucherten die +Erdentriebe geil durch die Lande.</p> + +<p>Der Weltkrieg war über das Geschlecht der Menschen gekommen.</p> + +<p>Die Lava kochte über. Mochte sie. Hinter ihr mußte das heilige Feuer +den Platz ergreifen.</p> + +<p>Schon war Justus Vanderwelt mit den blauen Bonner Husaren, denen +er als Leutnant angehörte, ins Feld gerückt. Schon hatte sich +Thomas Vanderwelt bei den grünen Krefelder Husaren als Freiwilliger +gemeldet und sofort seine Ausbildungszeit angetreten. Schon war +Juliane Vanderwelt, achtzehnjährig, aus der Erziehungsanstalt der +französischen Schweiz heimgeflattert und hatte einen Begleiter ins +Haus gebracht.</p> + +<p>»Papa, es ist der Klaus Beckenried. Erkennst du ihn denn nicht? Der +Sohn deines alten, grämlichen Freundes. Aber der Klaus ist nicht +grämlich. Sieh ihn dir an. Frisch aus dem Ausland, aus bedeutender +Bankstellung heraus. Wir trafen uns auf dem Genfer Bahnhof. Er hat +mich unter seinen starken Schutz genommen, Papa, sonst lebte ich +wohl nicht mehr. Es war so köstlich unter seinem Schutz in all den +Soldatenzügen. Er ist Artillerieoffizier, muß sich morgen in Köln bei +seinem Regiment stellen, und übermorgen soll unsere Kriegstrauung +stattfinden. Papa! Papa!«</p> + +<p>Da war es, daß Kornelius Vanderwelt zum erstenmal vor der +Oberflächlichkeit seiner Tochter erschrak.</p> + +<p>»Du schwärmst wohl ein wenig, Juliane. Eine Ehe ist<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> kein Tänzchen, +zu dem man einen Partner auffordert. Diese Zeit verlangt nach ernsten +Frauen und Müttern.«</p> + +<p>»Lieber Papa, es ist mir sehr ernst damit, eine Frau und Mutter zu +werden. So frage doch Klaus.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt wandte sich nach dem jungen Manne um. Lange +blickte er auf die straffe Gestalt, in die begeisterten Augen. Seine +Stimme wurde milder.</p> + +<p>»Was haben Sie mir zu sagen, Klaus Beckenried? Sie sehen nicht aus wie +ein Windspiel und beteiligen sich doch an den Luftsprüngen?«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt — es mag eine große Kühnheit bedeuten, so vor Ihnen +zu stehen. Aber ich glaube an mich. Und ich bitte Sie, auch an mich +zu glauben und an meinen Ernst. Wir haben von Genf bis hierher acht +Tage gebraucht, Juliane und ich, und ich mußte Juliane als meine Braut +ausgeben, um überhaupt Unterkunft für sie zu beschaffen. Für Juliane +und mich. Denn allein konnte sie als junge Dame in dem Gewoge der +Menschen, der Umsteigestellen und der überfüllten Herbergen unmöglich +gelassen werden. So kam es, daß Juliane mich kennen und — ich darf es +heute freudig sagen — lieben lernte und mich nicht mehr lassen will. +Ich bin der einzige Sohn Ihres getreuen Mitarbeiters, Herr Vanderwelt, +und habe mir schon eine Stellung geschaffen. Komme ich lebend aus dem +Feldzug heim, so ist an meiner Seite für Juliane gesorgt. Bleib ich +vor dem Feind, so ist Juliane einzige Erbin des Vermögens, das sich +mein Vater erwerben durfte. Ich habe schon seit meiner Knabenzeit +immer in tiefer Verehrung zu Ihnen aufgeschaut, Herr Vanderwelt. Ich +enttäusche Sie nicht.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelts Blicke wanderten von dem begeisterungsvollen +Jünglingsantlitz zu den gespannten Mienen der Tochter. Wie schön das +Mädchen geworden war. Blendend schön. Ja, blendend ... Denn der Zug +der Berechnung,<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> den schon das Kindergesicht aufgewiesen hatte, war +für das geschärfte Vaterauge geblieben.</p> + +<p>»Gut, Klaus Beckenried, Sie werden mich nicht enttäuschen. Aber wissen +Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht +enttäuschen wird? Warten Sie das Ende des Feldzuges ab. Ich rate es +Ihnen.«</p> + +<p>Heftig drängte sich das schöne Geschöpf in des Verlobten Arm.</p> + +<p>»Nein — nein — nein! Ich will nicht in Angst und Bangen warten, ob +er wiederkommt oder nicht. Ich will seine Frau sein und nicht eine +Übriggebliebene. Kein Mensch weiß, was kommen mag. Was ich habe, +besitze ich.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sah seine Tochter lange an.</p> + +<p>»Ich will nicht fragen, Juliane, was dich zu dieser Sprache treibt. +Liebe hat verschiedene Gesichter, und ihr habt euch mit dem Gesicht +eurer Liebe zu befreunden. Sei's drum, und mögt ihr die Hast nie +bereuen.« —</p> + +<p>Wenige Tage später wurde Juliane Vanderwelt mit Klaus Beckenried +kriegsgetraut. Eine Woche später, und Klaus Beckenried war mit seiner +Ersatzbatterie ins Feld gerückt und Juliane ins väterliche Haus +heimgekehrt. —</p> + +<p>Wenn Kornelius Vanderwelt des Glaubens gewesen war, seine Tochter in +seiner Obhut zu wissen, so sollte er schnell von seinem Irrtum bekehrt +werden. Mit dem Tage der Eheschließung hatte Juliane die Rechte ihres +selbständigen Frauentums ergriffen und gab sie nicht um eines Zolles +Breite preis. Ob sie zu Hause war oder nicht, was sie tat oder ließ, +es war ihre Sache. Ihre Sache, mit wem sie verkehrte und mit wem sie +ausflog. Rechenschaft darüber zu erteilen, lehnte sie mit einer Kühle +ab, als sei sie Alleingebieterin ihres Lebens geworden, und dieses +Leben sollte ein vergnügtes sein.</p> + +<p>»Es läuten so viel Trauerglocken,« belehrten sie ihre<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Freundinnen, +die sich in Bewunderung um sie scharten, »daß wir uns wirklich nicht +daran zu beteiligen brauchen.« Und unter den Freundinnen war es +vor allem Antonie Ausdemwerth, die sich begierig zu ihr hielt, die +leichtentzündete Antonie, deren fröhliche Mutter vor Jahren einmal den +Ausspruch getan hatte: Nur einen Mann gäbe es in Ruhrort, und er heiße +Kornelius Vanderwelt, und alle anderen seien nur Kohlentrimmer.</p> + +<p>»Weißt du es noch, Antonie?«</p> + +<p>»Ob ich es noch weiß! Noch heute läuft es mir ganz heiß und kalt den +Rücken hinunter, wenn ich deinen Vater sehe. Geht es dir bei deinem +Manne gerade so, Juliane?«</p> + +<p>»Ich glaube, es ist umgekehrt. Ich lasse ihn gern ein bißchen zappeln. +Die Vanderwelts führen immer die Regierung.«</p> + +<p>»Sind alle Vanderwelts so? Sag doch: ist der Justus heißblütiger oder +der Thomas?«</p> + +<p>»Der Justus schlägt sich im Felde herum. Aber der Thomas übt noch in +Krefeld bei den Husaren und ist erreichbar.«</p> + +<p>Die tiefschwarzen Augen der Antonie Ausdemwerth funkelten auf. Sie +hatte begriffen.</p> + +<p>»Wollen wir den Thomas überfallen, Juliane? Bitte! Bitte! Ich vergeß +es dir nicht!«</p> + +<p>»Das will ich hoffen, du verliebtes Mädel.« Und am Nachmittag waren +sie bei Thomas Vanderwelt in Krefeld.</p> + +<p>Wie sah er aus, der feine Genießer! Wohin war seine überlegene +Weltmüdigkeit? Ohne Rücksicht zusammengeknufft war sie unter den +derben Fäusten des Wachtmeisters und des Reitunteroffiziers, die +Genießerfeinheit im zerbeulten Kochgeschirr untergegangen, und die +verschossene Husarenmütze war trübselig und wütend zugleich in den +Nacken gezerrt.</p> + +<p>Mit einem Jubelschrei begrüßte der einst so zurückhaltende<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Thomas +Vanderwelt die beiden feinen Frauengestalten aus seiner früheren Welt.</p> + +<p>»Thomas, die Antonie ließ nicht nach. Sie hat eine Schwäche für die +grünen Husaren und wollte dich als Reitersmann bewundern.«</p> + +<p>Da riß er sich zusammen, schlug sporenklirrend die Hacken zusammen und +verbeugte sich vor der Jugendbekannten.</p> + +<p>Sie reichte ihm mit einer hingebenden Bewegung die Hand hin und bog +sich doch, als fürchtete sie sich, in den Schultern zurück. Aber +sie wußte, daß es ihrem schönen Wuchse vorteilhaft war. Und Thomas +Vanderwelt ergriff die Hand und sog mit geblähten Nüstern den Duft +ein, der von ihrer elfenbeinfarbenen Haut ausströmte, und seine +entwöhnten Augen tranken das Bild ihres biegsamen Leibes in sich +ein, und die Sinne erwachten aus der Abgestumpftheit und sahen nur +Schönheit, Schönheit.</p> + +<p>»Ich mußte doch Abschied von Ihnen nehmen, Thomas,« sagte verwirrt +Antonie Ausdemwerth. »Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.«</p> + +<p>Sie hätte noch eine größere Alltäglichkeit aussprechen können, +der einst so feinfühlige Thomas hätte es überhört. Er spürte nur +einen warmen Hauch, liebkosende Worte, leise, zarte Töne. Nicht das +Geschnaube der Gäule im Stall, das Gebrüll auf dem Reitplatz, die +Gräßlichkeiten der Rekrutenstube.</p> + +<p>»Nein, nein, Antonie. Noch keinen Abschied nehmen. Es kann noch Wochen +dauern, bis wir verladen werden.«</p> + +<p>»Verladen ...« wiederholte sie und schauerte in den Schultern.</p> + +<p>»Antonie ... Weshalb hab' ich Sie früher nur so selten gesehen? Ein +wie feiner Mensch sind Sie geworden ...«</p> + +<p>»Darf ich noch einmal wiederkommen, Thomas? Ich komme gern, wenn Sie +es mögen ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>Ein Trompetenruf fuhr aufscheuchend über den Kasernenhof.</p> + +<p>»Verdammt,« zischte der Husar, »Stalldienst. Ihr müßt wiederkommen, +wenn ich dienstfrei bin. Morgen. Übermorgen. Am liebsten jeden Tag.«</p> + +<p>»So gebt euch doch einen Kuß,« sagte Juliane kaltblütig und wandte den +Abschiednehmenden den Rücken.</p> + +<p>Einen Augenblick stutzte Thomas Vanderwelt. Dann riß er den heißen, +duftigen Mädchenleib in seine Arme, wie ein Raubtier sich auf seine +Beute wirft, und wühlte seinen Mund in ihre blutwarmen Lippen. — —</p> + +<p>Tag um Tag fuhr die junge Frau Juliane Beckenried mit ihrer Freundin +Antonie Ausdemwerth nach Krefeld, Thomas Vanderwelt zu treffen. Tag +um Tag wartete der abgehetzte Husar fiebernd auf die Grüße, auf die +Düfte, auf die Klänge aus der anderen Welt. Unter den Freundinnen +zu Ruhrort fielen die Ausflüge, fiel die Abwesenheit der jungen +Damen immer unliebsamer auf. Es galt für die Frauen und Mädchen, +ein dringenderes Gebot der Stunde zu erfüllen, als auf heimlichen +Liebeswegen zu wandeln. Gerade sie, die den Gatten, Bruder oder +Bräutigam draußen im blutigen Felde wußten, zogen sich ernsthafter +als je auf ihre Frauenpflicht zurück, und die erste Bewunderung für +die so köstlich erblühte Vanderwelttochter machte bald einer stillen +Beschämung Platz über die Selbstsüchtigkeiten Julianes und ihrer +mannstollen Freundin.</p> + +<p>Die Absonderung der Ernstschaffenden kümmerte die beiden Freundinnen +kaum. Sie waren eine lästige Verantwortung los und lebten nur sich zu +Gefallen. —</p> + +<p>Dann geschah es, daß Kornelius Vanderwelt vor seinem Sohne Thomas +stand.</p> + +<p>»Was soll das, mein Junge? Ich habe dich für zu klug<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> und zu eigen +geartet gehalten, als daß du den Unfug deiner Schwester nachahmtest.«</p> + +<p>»Es ist kein Unfug, Vater.«</p> + +<p>»Was ist es denn? Vielleicht um ein paar Schwingungen verschieden beim +einen und beim anderen. Ein bißchen mehr Brunst, ein bißchen mehr +Schwärmerei. Und die Partnerschaft bleibt dem Zufall überlassen.«</p> + +<p>»Es ist die Liebe, Vater,« sagte der Junge mit weißen Lippen.</p> + +<p>Sie waren zum Krefelder Stadtwald hinausgewandert und hatten nicht +acht auf Sonne, Wald und Wasser.</p> + +<p>»Die Liebe?« wiederholte Kornelius Vanderwelt und atmete schwer. +»Die Liebe, mein Junge, ist wie der Name Gottes. Du sollst ihn nicht +ungestraft im Munde führen. Junge Menschen mögen verliebt sein. Um den +Begriff ›Liebe‹ zu verstehen, dazu gehört die Reife der Erkenntnis. +Geh und hol' sie dir. Sie liegt wie die Rose im Dornbusch.«</p> + +<p>»Vater, ich bin seit wenigen Monaten mündig.«</p> + +<p>»Damit würde ich nicht protzen, Thomas, so lang ein Mädchenmund dich +noch um den Verstand bringen kann.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt bebte die Stimme, bebten die Hände vor Erregung.</p> + +<p>»Willst du uns, die wir dem Tode entgegengeschickt werden, nicht das +bißchen Seligkeit auf den Weg gönnen?«</p> + +<p>»Besteht die Seligkeit nur im Beilager, Thomas?«</p> + +<p>»Wie soll ich es wissen? Ich kenne das alles ja nicht. Auf Ehre, nein, +Vater. Aber im Besitz besteht sie, das habe ich gefühlt, und ich will +wissen, daß der Besitz mein und keines andern ist, bevor ich ins +Dunkle marschiere.«</p> + +<p>In dieser Stunde lernte Kornelius Vanderwelt zum unwiderruflichen +Male, daß Kinder nicht durch die Geburt die Kinder des Erzeugers sind, +sondern es erst zu werden<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> vermögen — vielleicht nie, vielleicht nach +Jahren der Erfahrungen erst — durch eine seelische Wiedergeburt.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt spürte seinen Sohn aus seinen Händen gleiten. Der +Vater hatte zu warten.</p> + +<p>»Du verlangst nach der Kriegstrauung mit Antonie Ausdemwerth. Ich +kann es nicht hindern. Glaube nicht, daß ich die Bedeutung der +Kriegstrauung unterschätze. Sie ist für Menschen, die aufeinander +gewartet haben, die kurz vor dem ersehnten Ziel voneinandergerissen +werden sollen, die Erfüllung ihres Lebens und ein Segensspruch, dem +selbst der Tod nicht gewachsen ist. Anderen verstattet sie nur eine +Menschlichkeit mehr: die Hemmungslosigkeit. Du hast zu wählen, Thomas.«</p> + +<p>»Ich wähle«, sagte Thomas Vanderwelt mit vor Erregung klirrenden +Zähnen, »die Menschlichkeit und die Göttlichkeit in eins. Ich will +nicht ohne das große Geheimnis gehen, das das Leben über die Erde +hebt.«</p> + +<p>»Ich liebe dich, Thomas, und wünsche dir, daß eure Liebe nie über die +Erde schleift.«</p> + +<p>Und Thomas Vanderwelt schritt mit Antonie Ausdemwerth zur +Kriegstrauung und zog mit den grünen Husaren ins blutige Feld, während +die jugendliche Frau zur Mutter ins warme Nest zurückschlüpfte. —</p> + +<p>Die altgewordene Hausdame im Vanderweltschen Hause kränkelte und +lief doch noch wie ein treues Arbeitspferd in den Sielen. Kornelius +Vanderwelt bemerkte es wohl, und er überwand sich und setzte sich +oft am Abend mit der Zeitung zu ihr. Denn Juliane huschte zu jeder +Stunde zur Schwägerin Antonie hinüber, und die jungen Schwägerinnen +führten endlose Gespräche, weil sie sich beide Mutter fühlten, wie die +Schönheit des Körpers zu wahren und zu steigern wäre.</p> + +<p>Im ersten Kriegsjahre fand Kornelius Vanderwelt eine<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Mitteilung in +der Zeitung über die durch den Krieg im Ausland zurückgehaltenen +Künstler. Eine Meldung aus Neuyork nannte unter anderen Namen den +Namen der Pianistin Angela Freydag.</p> + +<p>Er hielt die Zeitung auf den Knien und las nichts anderes mehr als die +beiden Worte. —</p> + +<p>Er ging zu Bett und nahm die Zeitung mit in sein Schlafzimmer. Und +mitten in der Nacht stand er auf, zündete das Licht an und holte sich +das Blatt aufs neue.</p> + +<p>»Angela Freydag ...«</p> + +<p>Und diesmal las er weiter und las das Ruhmeslob, das ihr gezollt +wurde als einer der stärksten und urtümlichsten Eigenarten auf +nachschaffendem Gebiet.</p> + +<p>Er warf sich zurück und blickte mit weit offenen Augen in das +funkelnde Licht. Und merkte es nicht, daß er vor sich hinlachte, mit +den stolzen, hellen Augen, die sie so geliebt hatte, mit dem frohen +und herrischen Klang seiner Stimme. »Angela. Engel. Stärkste und +urtümlichste Eigenart. Urtümlichste! Der Kerl hat dich begriffen.«</p> + +<p>Er hätte auch wohl den Schöpfer und Erwecker ihrer Eigenart, er hätte +wohl auch Kornelius Vanderwelt in seiner Urtümlichkeit begriffen, +wie ihn die Männer des Hafengebiets begriffen und ihm nacheiferten. +Doppelte Arbeit mußte geleistet werden, für die Tausende mit, die aus +den Schiffsparks, aus den Hafenanlagen, aus den Industriebetrieben +herausgezogen und in die Reihen der Kämpfenden eingereiht worden +waren. Und Kornelius Vanderwelts anfeuerndes Wort, zupackender Griff +war überall, wo die Erschlaffung drohte, und versagte die Peitsche des +Wortes und der Tat, so wußte seine wilde Laune zu siegen.</p> + +<p>»Heda, Jungens, wollen wir zwischendurch mal Fußball spielen? Die +faulsten Fötte nach vorne! Und hinein mit<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> dem Stiebel! Wer über Bord +geht, soll mit den gefallenen Brüdern in die Zeitung!«</p> + +<p>Und die Leute stießen sich wiehernd in die Rippen, dachten an die +Kameraden, die mit dem Tode Brüderschaft machten und spuckten in die +Hände. Die Frauen halfen mit, und das Rüstzeug für das Heer konnte +bald in unversiegbarem Flusse verladen werden. —</p> + +<p>Im Mai des folgenden Jahres fanden in den verschwägerten Häusern +die frohen Familienereignisse statt. In den ersten Tagen des Monats +schenkte die junge Frau Juliane, in den letzten Tagen des Monats die +junge Frau Antonie einem Sohne das Leben. Der Draht trug die Nachricht +hinaus ins Feld. Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt vermochten +einen gemeinsamen Urlaub zu verabreden, kehrten auf die Dauer knapper +Tage heim und hielten die Taufe ab.</p> + +<p>Todernsten Gesichtes, aber die Augen voll Glück erschien der Leutnant +Beckenried, mit einer verlegenen Lässigkeit in Wort und Gebärde der +Unteroffizier Vanderwelt. Das erste Wiedersehen mit ihren Frauen +blieb ohne Zeugen. Dann hatte die Welt das Wort. Mit der Miene leiser +Selbstverspottung ließ sich Thomas Vanderwelt von seiner Frau ins +Schlepptau nehmen. Seiner Jugend wollte die Rolle als Vater ein wenig +lächerlich erscheinen, und seine Hagerkeit im verblichenen Waffenrock +stach ihm allzusehr ab von der körperlich so wohlgepflegten und in +Kleidung und Gebaren das Aufsehen herausfordernden jungen Dame, die an +seiner Seite weniger die Frau des Mannes als die Zugehörige zu einer +der bekanntesten Familien der Stadt hervorzukehren wußte. Lieber als +er gekommen, kehrte er ins Feld zurück, während der Schwager Klaus +Beckenried, in Unruhe aus seiner männlichen Sammlung herausgerissen, +eine Verlängerung seines Urlaubs beantragte,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> um die Übersiedlung von +Frau und Kind in das väterliche Haus zu bewerkstelligen und die Fülle +der Rechnungen zu prüfen, die er auf dem Tische seiner Frau Juliane +vorgefunden hatte.</p> + +<p>»Wenn dein Sinn nach einem Dienstmädchen stand, hättest du deine Augen +nicht zu den Vanderwelts erheben sollen, mein lieber Klaus.«</p> + +<p>»Wir dienen alle, Juliane. Mach' mir die Dienstmädchen nicht +verächtlich, wenn du ihnen die Arbeit nur deswegen aufbürdest, um im +Nichtstun feiern zu können. Wer eine Ehe schließt, muß erwerben wollen +und nicht verschleudern.«</p> + +<p>»Lieber Klaus, du bist fast zehn Jahre älter als ich, hast dich zur +Genüge in der Welt herumgetrieben und des Schönen so viel erlebt, daß +du satt bist. Ich aber spüre jetzt erst den rechten Hunger. Und das +Verlangen, ihn an allem, was ich schön finde, zu stillen, lasse ich +mir von meinem Manne wirklich nicht nehmen.«</p> + +<p>»Ich bin weder satt, noch habe ich in meinem Arbeitsleben genug +an Schönem erlebt. Ich will es an dir und mit dir erleben. Die +Gemeinsamkeit ist die tiefste Erfüllung der Ehe.«</p> + +<p>»Leg' den ererbten Krämer ab, und du wirst die bezauberndste Frau +haben.«</p> + +<p>»Juliane,« fragte der ernste Mensch mit ruhelos forschenden Augen, +»weshalb hast du mich eigentlich zum Manne gewollt?«</p> + +<p>Sie hielt ihm neckend die Augen zu.</p> + +<p>»Weil du ein stattlicher Mann bist und wir beide das schönste Paar +abgeben.«</p> + +<p>»Deshalb — — —?«</p> + +<p>Und auch Klaus Beckenried kehrte zu seiner Truppe zurück, in die +Einsamkeit und in die Entbehrung.</p> + +<p>Aus einem heißen Hoffnungsjahr in das andere sprang<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> der Weltkrieg, +und nur wenige Male kehrten die jungen Väter auf Urlaub bei ihren +Frauen ein, um ihre Enttäuschungen spöttisch oder erregt in ein +neues Hoffnungsjahr des Krieges hineinzutragen. Es wurde kein frohes +Familienfest mehr in den verschwägerten Häusern begangen. —</p> + +<p>Im letzten Kriegsjahre ging es auch mit den Kräften des vorzeitig +gealterten und gänzlich ermatteten Fräulein Bilsenbach zu Ende. Die +Füße trugen sie nicht mehr aus ihrer Stube heraus. Ein kleines noch, +und die Füße konnten aus dem Bette nicht mehr den Boden gewinnen. Da +gab sie nach.</p> + +<p>Nie war Kornelius Vanderwelt im Geschäft, im Hafengetriebe, in den +Versammlungen notwendiger gewesen als in diesen Tagen. Aber er +brach seine Arbeiten ohne zu zögern ab, ließ den alten Beckenried +die laufenden Geschäfte betreiben, lud die Sorgen um das Gemeinwohl +auf andere kräftige Schultern und saß bei der Sterbenden. In ihrem +altjüngferlichen Stübchen saß er und an ihrem Altjungfernbette und +hielt ihre dürre Hand.</p> + +<p>»Liebe, alte Freundin ...« sagte er. »Liebe alte Freundin — mit +dem Krieg geht es zu Ende. Anders, als wir es vor vier Jahren in +der Aufwallung der Gemüter ahnen konnten. Wir wollen nicht darüber +sprechen. Wir wollen unsere Toten begraben und so nahe zusammenrücken, +daß sich die Reihen wieder schließen. Ich bin immer ein Mann des +Zukunftsglaubens gewesen und durfte es, weil ich in Ihnen die beste +Hüterin meines Hauses wußte.«</p> + +<p>Sie lehnte mit einer matten Kopfbewegung ab und sprach leise und +angestrengt aus den Kissen heraus.</p> + +<p>»Das liegt dahinten, Herr Vanderwelt. Es ist das alte Haus nicht +mehr. Die Kinder haben es verlassen, und der Hausherr braucht für die +Einsamkeit eine andere Hüterin.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<p>Er schüttelte lächelnd den Kopf und streichelte so lange ihre Hand, +bis sie ruhig in der seinen lag.</p> + +<p>»Nein, der Hausherr braucht keine andere Hüterin. Die Hüterin sind und +bleiben Sie. Nicht aufbegehren. Hätte ich Sie nicht gehabt, die den +Hausfrieden hütete, woher hätte ich die Ruhe und die Spannkraft zu +allen meinen Arbeiten da draußen nehmen sollen. Wenn man mir einmal +einen Denkstein setzt, Fräulein Bilsenbach, muß Ihr Name mit darauf. +›Hier ruht im Tode sanft Kornelius Vanderwelt, weil seinem Leben +Auguste Bilsenbach die nötige Ruhe schuf!‹«</p> + +<p>Sie zog, wie erschrocken, die Augenlider hoch, als er ihren Vornamen +nannte. Und dann griff ihre Hand in die seine.</p> + +<p>In den wenigen Tagen, die noch folgten, sprach er mit ihr von nichts +als den heiteren Tagen der Vergangenheit. Er erzählte von Justus, dem +ältesten, der im Kriege ein so draufgängerischer Offizier geworden +war, wie er sich schon als Knabe der Schulmeister erwehrt hatte. Er +erzählte von Thomas, dem frühbegabten, der so zierlich den Weltmüden +zu spielen wußte, bis jählings die Urnatur über den Weichling zu +siegen strebte. Er erzählte von Juliane und ihren Zickzacksprüngen, +den Schularbeiten und Klavierstunden aus dem Wege zu gehen und +doch die erste Geige zu spielen. Nicht immer leicht wurden ihm die +Erinnerungen, da die Gegenwart verschärftere Bilder vor seine Augen +stellte. Aber er erzählte, weil es der Erschöpften wohl tat, den +Geschichten aus fröhlicheren Tagen zu lauschen, und sie den Abgesang +ihrer Jugend im verklärten Schein darin wiederfand.</p> + +<p>Es war in der Nacht, und der Puls der Sterbenden flatterte noch einmal +auf.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt — ich bin ganz klar. Es war doch<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> schön — bei Ihnen +zu leben — bei Kornelius Vanderwelt. — Aber das schönste von allem +— ist doch — bei Ihnen zu sterben. — Ganz allein — bei Ihnen — —«</p> + +<p>Er drückte ihr die Augen zu, legte ihre Hände zusammen und in die +gefalteten Hände ihr geliebtes Gesangbuch. Und während er sie +betrachtete, wurde ihm zum Wissen, was er der eingeengten Welt +dieses gealterten und in ihrem Pflichtleben geräuschlos gewordenen +Menschenkindes bedeutet hatte, daß eine Liebe aus seinem Leben +fortgegangen war und daß er die Einsamkeit spürte wie eine würgende +Hand.</p> + +<p>Er beugte sich tief über die Tote hinab und streichelte ihr erkaltetes +Gesicht. — —</p> + +<p>Mit dem Ausgang des Krieges hatte das erschöpfte Fräulein Bilsenbach +ihren Ausgang gehalten. Millionen von Männern fluteten zurück aus +allen Heerlagern der Welt. Kornelius Vanderwelts Haus wurde nicht +voller davon. Justus, der älteste, war heimgekehrt, zornbebend +über die deutsche Schmach, und hatte nach Tagen schon in jagender +Unrast das Vaterhaus und die Vaterstadt wieder verlassen. Zu neuem +Soldatendienst irgendwo. Zu neuem Handeln, neuem Sicheinsetzen und +Sichausleben, statt der Unerträglichkeit dieser faulig stinkenden Ruhe.</p> + +<p>Und Thomas war heimgekehrt, hohnvoll bis in die Mundwinkel, und hatte +sich im Hause der kränkelnden Frau Ausdemwerth, in den duftenden +Zimmern ihrer lebenslustigen Tochter, seiner, ja seiner Frau, +niedergelassen wie ein angeketteter blinzelnder Sperber.</p> + +<p>Und auch Klaus Beckenried war heimgekehrt in sein väterliches +Haus, zu der Schönheit seiner Juliane und ihrer kühlrechnenden +Vergnügungssucht, und aus dem begeisterten Verehrer war ein stiller +und in sich gekehrter Ehegatte geworden. Keiner von ihnen allen dachte +anders<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> an Kornelius Vanderwelt, als wenn die leibliche oder geistige +Not ihn trieb.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt fror in der Einsamkeit seines Hauses, und die von +Tagedieben und Großmäulern überfüllten Kneipen ekelten ihn an. In den +›Fünf Erdteilen‹ saß er wohl an seinem Ecktisch und trank, aber er +tat es Nacht für Nacht ohne Gesellschaft, und die Zudringlichkeit der +platten Burschen wagte sich an die Kälte seiner Augen nicht heran.</p> + +<p>Oft saß er und las die Zeitungen, die er zur Ausfüllung der leeren +Stunden von daheim mitgebracht hatte, und es wurde Frühlingsbeginn, +und er las in der Zeitung <em class="gesperrt">ihren</em> Namen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Angela Freydag</em> ...</p> + +<p>Angela Freydag war in Deutschland gelandet und zeigte im Kölner +Gürzenichsaal ihr erstes Konzert an. Angela Freydag war in Rufnähe, +und sie rief ihn: Komm und sieh, ob mein Maß ausreicht.</p> + +<p>Und wieder merkte Kornelius Vanderwelt, daß er in kurzen Stößen vor +sich hin lachte. »Engel, du findest mich beim Matthes. Beim Matthes, +Engel, und doch so gut wie auf deinem Grund und Boden.«</p> + +<p>Und dann verließ er augenblicks die Wirtsstube und stand barhäuptig am +Hafen, und der nächtliche Frühlingswind ratterte und knatterte in den +Zeitungsblättern, die er in der Hand trug.</p> + +<p>Angela Freydag ... Angela Freydag ist heimgekehrt aus Amerika ... +Angela Freydag spielt morgen für Kornelius Vanderwelt im Gürzenichsaal +zu Köln. — —</p> + +<p>Diesmal mußte er es zweimal sagen: »Los, Wilm. Wir fahren nach +Köln.« Dann hatte der Fahrer begriffen, und er steuerte stumm in den +weichen, regenwolkenverhangenen Märzabend hinein, der den Geruch von +junggewordener<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> Erde trug. Über Düsseldorf ging die Fahrt, und bevor +zwei Stunden vorüber waren, hielt der Wagen vor einem Gasthof der +turmreichen Domstadt, und der Fahrer wandte sich fragend um.</p> + +<p>»Gut, Wilm. Hier oder anderswo. Wir bleiben über Nacht.«</p> + +<p>Er ließ seinen schmalen Reisekoffer auf sein Zimmer bringen, folgte +ihm nach und kleidete sich um. Kurz vor acht Uhr schritt er zu Fuß +dem Gürzenich zu und suchte in dem dichtgefüllten Saale seinen Platz. +Die Künstlerin, so besagten die Ankündigungszettel, spielte mit der +auserlesenen Schar des städtischen Orchesters.</p> + +<p>Schon harrten die Musiker auf der Empore, die zuvorderst den mächtigen +Konzertflügel trug. Ein paar prüfende Geigenstriche, ein paar +verklingende Flötentöne, und im Saale erlosch das Licht, und nur die +Empore lag wie eine Insel der Verheißung in strahlender Beleuchtung.</p> + +<p>Das Raunen und Rauschen im Saale machte feiertäglicher Stille Platz.</p> + +<p>Durch die Gasse der Musiker schritt der große Kapellmeister. Am +Arme führte er eine hochaufgerichtete, kraftvolle und biegsame +Frauengestalt, und wie sie an den Flügel trat und vom Begrüßungssturm +umwogt den Kopf neigte, sprang Kornelius Vanderwelt ein Schrei auf die +Lippen, den er nur mit verhaltenem Atem zu bändigen vermochte, und er +murmelte in sich hinein: »Die Angela. Die Angela. Guten Abend, Engel.«</p> + +<p>Sie saß am Flügel, den strenggeschnittenen Kopf lauschend vorgeneigt, +fast als ob sie schliefe. Von den nackten Armen waren die Ärmel +zurückgeworfen. Der seidene Kleiderrock ließ das Bein mit der schmalen +Fußfessel frei. Und plötzlich zuckte die Frau auf, und Kornelius +Vanderwelt gewahrte ihre Hände, die Hände, die er unter tausenden<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> +und im Dunkel der Nacht erkannt haben würde, weil sie für ihn Gottes +auserlesenstes Kunstwerk waren. Ein Anschlag auf den Flügeltasten, +ein hinströmender Laut, der die Seelen aufschreckte und sie aus dem +Erdendunst aufwärts riß in die Bezirke der Riesen und Gottmenschen.</p> + +<p>Von diesem Augenblicke an hörte Kornelius Vanderwelt nichts mehr. +Nicht ob Beethoven sprach oder Brahms, nicht ob Mozart oder Händel. +Daß es die alten, heißgeliebten Klänge aus dem Musikzimmer zu Ruhrort +waren, was ging es ihn an? Er hörte nicht mehr mit dem Gehör, er +hörte nur noch mit den Augen. Ihre Hände, die sich sprungbereit +bäumten und klingende Quellen aus den Felsquadern der Meisterwerke +schlugen. Ihre zärtlichen Finger, die den Odem Gottes über die Tasten +fächeln lassen konnten. Ihre schlankgerundeten Arme, die in Pausen +niederhingen, als sögen sie die Kraft aus geheimnisvollen Tiefen, und +sich jählings streckten und hoben und wie im jubelnden Mitklang die +Höhen meisterten. Und er hörte mit den Augen die Dehnung der schlanken +Fessel, wenn die Fußspitze das Pedal suchte und ließ, die Kraft der +weißen Schultern, die Schmiegsamkeit des Frauenleibes, den Drang der +Brüste, die ihr Herz umschlossen. Und auch dies Hören verlor er, denn +seine Augen waren sehend geworden.</p> + +<p>Denn seine Augen hatten Angela Freydags große graue Augen gesehen, +wolkenverhangenes Liebesland, jetzt von Sonne durchzittert, jetzt von +Funken erfüllt wie von jäh über den Himmel springender Blitze Triumph. +Die Pantherkatze, lachte es in Kornelius Vanderwelts Seele. Nein, fort +mit dem Bild. Es ist die Wölfin, die vor den Augen des Gefährten jagt. +Die Wölfin im Engel der Liebe. Hussa, Horrido!</p> + +<p>Aus — —!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p> + +<p>Sie saß mit schlaff herniederhängenden Armen, ein unerklärliches +Lächeln um den festgeschlossenen Mund. —</p> + +<p>Hatte die Menschen um ihn her der Irrsinn gepackt? Was tobte die Meute +wie beim Halali der Jagd? War er nicht allein im Saal, er, Kornelius +Vanderwelt, für den die Naturgewalten gejauchzt und gejubelt, gestürmt +und geschrien hatten, um die Lüfte zu klären und das Herz zur Ruhe +der Seligen zu bringen? Was wollten die Menschen um ihn her, die +aufgesprungen waren, während er saß und in den wiedererleuchteten +Saal hinein erwachte, daß sie im tobenden Beifall die Hände +zusammenschlugen? Ach, es galt der Künstlerin, die so meisterhaft +gespielt hatte und sich jetzt vor der Vielheit der Menschen erhob und +sich verbeugen mußte, wieder und wieder, als dankte sie der tobenden +Vielheit.</p> + +<p>Nein, Herrgott, nein! Es war nicht die Künstlerin, die er vor der +blendenden Rampe der Empore sah. Es war ja Angela! Angela war es, +die die Vielheit nicht gewahrte, weil sie für den einen gespielt +hatte. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht mehr zugeben. Sie mag +die billigen Zugaben nicht. Sie verbeugt sich und geht, kehrt wieder +unter den begeisterten Zurufen und verbeugt sich aufs neue. Wieder und +wieder. Das Spiel ist an die Menge übergegangen, die sich jubelfroh +ihrer Macht bewußt wird und Hervorruf über Hervorruf erzwingt. Um ein +Ende zu machen, wird der Saal abgedunkelt. Die beifallerregte Menge +bleibt bei ihrem Willen. Und plötzlich eilt ein Mann auf die Empore +zu, schwingt sich hinauf, bietet der todblassen Künstlerin den Arm, +führt sie durch die Gasse der Musiker in ihr Ankleidezimmer.</p> + +<p>»Da bist du, Engel, und da bin ich.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelts Arme bebten, als er sie um Angela Freydags +Nacken schlang.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>Und dann fühlten sie beide, wie das Beben durch ihre Körper rann, als +wären sie Äste und Gezweig desselben Baumes, und wie es hinüberrann +in die Ruhe der Vereinigung, während sie, Brust an Brust, sich +umschlungen hielten.</p> + +<p>»Komm,« sagte er, »jetzt bring' ich dich heim.«</p> + +<p>»Ja,« wiederholte sie, löste sich aus seinem Arm und hielt doch die +flachen Hände gegen seine Brust gepreßt, »jetzt bringst du mich heim.«</p> + +<p>»Angela!«</p> + +<p>»Kornelius!«</p> + +<p>»Engel, so hat mich seit Menschengedenken kein Mädchenmund mehr +genannt.«</p> + +<p>»Es ist auch kein Mädchenmund,« murmelte sie, »es ist der Mund einer +Frau,« und sie hob die Hände, zog seinen Kopf herab und drückte ihre +Wange gegen die seine.</p> + +<p>»Nun wollen wir gehen, Kornelius. Das Haus hat sich geleert. Auch der +Kapellmeister wird aus schöner Rücksichtnahme vorausgegangen sein.«</p> + +<p>»Vorausgegangen? Mußt du noch mit ihm zusammensein?«</p> + +<p>»Ich muß nur mit dir zusammensein, Kornelius. Alles andere ist nur +wesenloser Schein.«</p> + +<p>Sie schritten durch die leeren Hallen, und es huschte wie +Geisterschritte neben ihnen her.</p> + +<p>»Als ob Kehraus wäre, Kornelius, aus einem vergangenen Leben.«</p> + +<p>»Es regnet, Angela. Wo wohnst du hier?«</p> + +<p>Sie nannte ihren Gasthof. Und lachte an seiner Schulter.</p> + +<p>»Auch als du mich aus den ›Fünf Erdteilen‹ holtest, regnete es in +Strömen. Und es regnete im Walde.«</p> + +<p>»Im Walde war es ein Wolkenbruch, Angela. Nie — nie warst du +schöner.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Und einer spürte den festen Schulterdruck des anderen, als sie durch +den nächtlichen Regen schritten und sich dem Gasthof näherten.</p> + +<p>»Morgen, in aller Frühe, steht mein Wagen am Bahnhof, Engel. Dort +übernimmt er dein Gepäck, du steigst zu mir ein, und wir fahren heim. +Weltflüchtige, die das Leben suchen.«</p> + +<p>»Weshalb suchtest du, wo du mich bei dir wußtest — —?«</p> + +<p>»Weil ich, seit du gingst, in der Welt keine Farben mehr sehe. Frage +nicht. Jetzt ist ja alles gut.«</p> + +<p>Ihre Finger verstrickten sich mit den seinen zu einem schmerzhaften +Druck.</p> + +<p>Er stand und blickte ihr nach, wie sie in ruhigem Gange die Straße +überschritt und die Türe des Gasthofes sich hinter ihr schloß.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="6">6</h2> +</div> + + +<p>Durch die Morgendämmerung kämpften sich die ersten Strahlen der +Märzsonne, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Kölner Hauptbahnhof +vorfuhr. Es war noch schlummerstill in der großen Rheinstadt. Der +Dom reckte seine ernste Pracht gegen den Himmel, und als Kornelius +Vanderwelts scharfer Blick ihn streifte, gewahrte er, daß es tausend +feine und verborgene Schönheiten, Frohheiten und Lieblichkeiten waren, +die durch ihr edles Maß den Zusammenklang bewirkten und zum Ernste des +Himmelssuchers emporwuchsen.</p> + +<p>Wie schön und eindringlich dies Gotteshaus predigt, dachte der +morgenfrühe Beschauer. Alle Schönheit, Frohheit und Lieblichkeit des +Erdenlebens zu edlen Maßen gestalten, und aus der Fülle wird die +weihevolle Einheit.</p> + +<p>Seine Gedanken sprangen über auf Angela Freydag, und während sie an +ihrem Bilde formten, guckte das Bild zum Fenster des Wagenschlags +herein, und er wußte für die Länge eines Augenblicks nicht, ist es +das Traumbild oder ist es das Leben? Aber es war das Leben, das an +die Scheibe pochte und ihm zunickte, und er sprang aus dem Wagen und +ergriff es bei den Händen.</p> + +<p>»Angela ... Du schon zur Stelle?«</p> + +<p>»Kornelius! Guten Morgen! Ich wollte dich nicht warten lassen, und als +ich erwacht war, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.«</p> + +<p>Als wäre eine Erwartete nach nächtlicher Reise angelangt,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> half er +ihr in den Wagen, gebot er dem Fahrer, das Gepäck aufzunehmen und die +Koffer auf den Wagen zu schnallen. Und während er die Hantierung des +Mannes zu überwachen schien, klangen ihm ihre kurzen Sätze im Ohr: +»Ich wollte dich nicht warten lassen. Als ich erwachte, hatte ich +nichts anderes mehr zu tun.« Elf Jahre hatte er warten müssen, sechs +Jahre durch ihr Wachstum, ihren Werdegang, fünf Jahre fast durch den +Krieg, und plötzlich waren es ein paar winzige Minuten, die das Warten +nicht mehr ertrugen und nichts mehr mit sich anzufangen wußten. Es gab +nichts anderes mehr zu tun, als beieinander zu sein.</p> + +<p>»Nach Hause, Wilm.«</p> + +<p>Ein verschlafener Gepäckträger lugte aus der Bahnhofstür hinter ihnen +her und wunderte sich, daß ein Zug angekommen sein sollte. Er rieb +sich die Augen, und der Morgenspuk war verschwunden. Stehend schlief +er weiter.</p> + +<p>Über die gewaltige Rheinbrücke glitt der Wagen, vor der hüben und +drüben die vier Preußenkönige auf ihren Gäulen trabten, und er wand +sich schnell durch die morgenöden Straßen des alten Deutz und des +rheinischen Mülheims und gewann an Schloten und Fabriken vorbei rasch +die freie Bahn.</p> + +<p>»Sag' mir, Engel, weshalb du vor dich hinlachst?«</p> + +<p>»Weil wir immer das umgekehrte tun, wie andere Leute. Weil wir +uns in den hellerwerdenden Morgen hinein entführen, statt in den +dunklerwerdenden Abend. Deshalb, Kornelius.«</p> + +<p>»Tun wir das umgekehrte wie andere Leute — gut, Engel, dann wird es +das richtige sein.«</p> + +<p>»Kornelius,« sagte sie leiser und nahm seine Hand in die ihre, +»glaube nicht, daß ich dich nicht verstehe. Ich erkenne die alte +Ritterlichkeit wieder, und sie gibt uns Frauen mehr als glühende +Liebesbeteuerungen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>»Nun —?«</p> + +<p>»Den Ruf wolltest du mir wahren in der Musikstadt Köln und vor den +Augen der Neugierigen, und da die Klugheit Kornelius Vanderwelts so +groß ist wie seine Ritterlichkeit, wählte sie den harmlosen frühen +Morgen, weil —«</p> + +<p>»Nun? Weil?«</p> + +<p>»Weil in der Nacht das halbe lebenslustige Köln auf den Beinen ist und +in dieser Morgenstunde kaum ein verschlafener Gepäckträger.«</p> + +<p>»Hast du ihn auch bemerkt?«</p> + +<p>»Jetzt schläft er schon wieder wie das ganze heilige und unheilige +Köln. Guten Morgen Kornelius. Du hast meinen Gutenmorgengruß vorhin +überhört.«</p> + +<p>»Mein Gott,« sagte Kornelius Vanderwelt und zog sie an sich. »Guten +Morgen, Angela. Guten Morgen, Engel. Gib mir deinen Mund, damit ich +fühle, daß ich wach bin.«</p> + +<p>Eine Weile fiel kein Wort. Der Wagen brauste über die Landstraße gen +Benrath. Zur Rechten türmten sich die Hügelketten des Bergischen +Landes, und die Sonne blitzte und funkelte auf den Zinnen der hohen +fernen Städte.</p> + +<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »nun fühle ich die Wachheit noch +weniger. Jetzt, da ich deinen lebendigen Mund spüre, komme ich nicht +aus dem Traumzustand heraus. Ach, du hast recht, Engel, wir beide +leben eine umgekehrte Welt.«</p> + +<p>Sie antwortete <em class="gesperrt">nicht</em> mehr. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter +und ihre Augen blickten in die Sonne.</p> + +<p>In Düsseldorf trafen sie auf das erste Leben. Malerjünglinge zogen zum +Hofgarten aus, das Kommen des Frühlings zu belauschen. Arbeiter gingen +im Gleichschritt ihren Werkstätten zu, um die Frühschicht zu stellen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<p>Nahe dem verwunschenen Städtlein Kaiserswerth blinkte, pappelumsäumt, +eine weite, breite Wasserstraße auf. Der Niederrhein. Ein Schlepper +stampfte zu Berg. Seine Schlote qualmten, und der Rheinwind riß +die Rauchsäulen zu hundertmeterlangen Fahnen über die Reihe der +angefüllten, bis an den Wasserrand beladenen Schleppkähne hin.</p> + +<p>»Meine Kähne,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Meine Kähne.«</p> + +<p>Sie setzte sich aufrecht, wischte mit der Hand das Fensterglas klar +und schaute über den Strom, über die Schleppzüge, die sich rastlos +folgten, über seine Arbeitswelt. Kohle, Kohle, immer das gleiche Bild, +und die Kähne glichen sich. Aber der Mann an ihrer Seite glich nicht +den anderen und suchte die glühenden und blühenden Farben in das +Einerlei zu mischen. Und als ob er ihre Gedanken wie aus einem offenen +Buche läse, sagte er: »Du mußt mit deiner Hand ganz fest um die meine +herumfassen. Erst dann ist es Kornelius Vanderwelts Welt.«</p> + +<p>So fuhren sie in das erwachte Duisburg ein und über die Brücke des +Innenhafens, die Brücken der Ruhr und der Kanäle und Hafenbecken, +hinein nach Ruhrort. Die Krane kreischten, die Kipper donnerten, +die Kähne ächzten und die Dampfer stöhnten vor Ungestüm. Wildes +Eisengeklirr der Werkstätten in der Luft, rote Flammen der Hochöfen, +weiße Kesselschwaden und schwarzer Rauch der Schlote. Und die +junge, warme Frühlingssonne arbeitete sich nur mühsam durch die +kohlengeschwängerte Luft.</p> + +<p>In gewaltigen Bogen schwang sich die Rheinbrücke von einem Ufer zum +anderen, riß das Drüben zum Hüben und kettete Arbeit an Arbeit.</p> + +<p>»Zu Hause,« sagte Kornelius Vanderwelt, und der Wagen glitt durch die +Toreinfahrt und stand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> + +<p>Wie mit geschlossenen Augen, so schritt Angela Freydag an Kornelius +Vanderwelts Arm ins Haus, über die Diele, in des Hausherrn +Arbeitszimmer. Anders war ihr Eingang wie einst, als sie gejagt und +regennaß aus des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ bei der Nacht in dies Haus +eingetreten war. Aber es war derselbe Arm, der sie führte. Nein, es +war alles wie einst.</p> + +<p>Sie stand ganz still und öffnete die Augen ganz weit.</p> + +<p>Ihre Brust hob sich unter einem drängenden Atemzug, die Lippen mühten +sich voneinander los, und ganz hell und hoch rang sich ein einzelner +Ton hindurch. Wie ein Weinen und Lachen.</p> + +<p>Mit behutsamen Händen nahm Kornelius Vanderwelt ihr den Mantel von +den Schultern, den Reisehut vom flechtenumschlungenen Haupt. Ging +hinaus, gab den Mädchen Aufträge, das Fremdenzimmer zu richten, kehrte +zurück. Hinter sich schloß er die Tür und sah mit einem seltsamen +Wehmutsempfinden, das ihn bis zum Augenblicke nie zu überrumpeln +vermocht hatte, zu, wie Angela Freydag, die Heimgekehrte, Wiedersehen +feierte.</p> + +<p>Mit unhörbaren Schritten ging sie von einem der alten Möbelstücke zum +anderen, verharrte ein paar Herzschläge lang, ließ ihre Hände darüber +gleiten und ging unhörbar weiter, von den Möbeln zu den Bildern an +den Wänden, von einem zum anderen, verharrte, hob die Hände und +streichelte darüber hin.</p> + +<p>Jetzt wandte sie sich nach ihm um. Ein Lächeln kehrte aus weiter Ferne +auf ihre Lippen zurück.</p> + +<p>»Es hat sich nichts verändert, während ich fort war, Kornelius. +Nichts.«</p> + +<p>»Nur ich habe graue Haare bekommen, Angela.«</p> + +<p>»Ich glaub' es nicht.«</p> + +<p>»Und die Gicht vom Saufen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<p>»Nun brauchst du es nicht mehr zu tun.«</p> + +<p>Er stand vor ihr, und unter seinem Blick reckte sie sich langsam und +unwillkürlich in den Schultern.</p> + +<p>»Jetzt ist die Reihe an mir, Ausschau und Einschau zu halten, +Angela-Engel. In Köln tat ich es nur blindlings, auf der Fahrt halb +träumend. Das also — das ist die Wirklichkeit.«</p> + +<p>Er trat näher, und sie rührte sich nicht. Ihr Blick lag in dem seinen. +Nur ihre Brust atmete schneller.</p> + +<p>»Es sind dieselben Augen,« murmelte er, »dieselbe Tiefe und +Furchtlosigkeit, nur das Grau ist stählerner geworden, und Stahl +blitzt am stärksten, wenn er tötet.«</p> + +<p>»Nur was dir feind ist, Kornelius.«</p> + +<p>»Deine Stirn ist wie eine Kuppel der Klugheit geworden, die schöne +gerade Nase wie ein Ausrufungszeichen deines Willens, dein blutroter +Mund spricht von Liebe und Verachtung.«</p> + +<p>»Er verachtet die Schwächlinge, die es dir gleichtun möchten.«</p> + +<p>»Wie wunderbar stolz die Liebe spricht. Laß mich weiter sehen. Es ist +noch so vieles. Ich sehe deinen lieben, schlanken Leib, und starkes +Frauentum schwellt königlich, was einmal scheues Mädchentum war. Ich +sehe deine liebe, geliebte Brust, und ich bebe vor Freude. Und ich +sehe deine schlanken Füße und deine noch schlankeren Hände, die ich +über alles liebe, weil sie Leidenschaften entflammen und seligkühlende +Ruhe ausströmen lassen können. Aus den Saiten des Flügels und den +unsichtbaren der Seele. Ich sehe Angela Freydag, wie sie war und wie +sie ist, und nichts hat sich verändert, als daß die Gewißheit des +Weibes das Versprechen des Mädchens übertrifft.«</p> + +<p>»Und — meine Seele — —?«</p> + +<p>»Ich halte Angela Freydags Seele seit einem Dutzend<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Jahren in den +Händen und habe sie keinen Atemzug lang losgelassen. Es ist eine +Seele, die keine Veränderungen kennt. Ein Zweifel wäre ein Frevel. +Sieh selber nach.«</p> + +<p>Und er breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein.</p> + +<p>»Engel, mein Engel. Ich weiß es, du wirst immer wieder kommen.«</p> + +<p>»Ich habe dich nicht eine Sekunde lang verlassen,« stieß sie hervor, +hob ihr Gesicht und zog das seine hernieder.</p> + +<p>In die lange Stille schlug eine Uhr. Sie horchte in seinen Armen auf, +und er gewahrte es.</p> + +<p>»Sie schlägt nicht für dich und nicht für mich. Heute ist Feiertag.«</p> + +<p>»Sie schlug,« sagte sie nachsinnend, »als du mich zum erstenmal in +deinem Hause zur Ruhe brachtest. Hier an diesem Tische gabst du dem +ausgehungerten Mädel zu essen und zu trinken.«</p> + +<p>Er stutzte, ließ sie aus seinen Armen los und lachte sie an wie ein +ertappter Junge.</p> + +<p>»Angela! Engel! Und heute laß ich dich verhungern und verdürsten. Das +ist Mannesart. Um vier Uhr wirst du aufgestanden sein. Ohne Frühstück? +Ah, einen Apfel. Am Bahnhof in der Morgenkühle eine halbe Stunde auf +den herrlichsten der Liebhaber gewartet. Gut. Weniger gut, daß dich +der herrlichste der Liebhaber zwei Stunden in wilder Wagenfahrt durch +die Lande führt und dir am Ziele ein Schock Küsse anbietet statt eines +festlichen Mahles. Setz' dich nieder und denk nach Frauenart: ›es ist +nur die erste Enttäuschung‹. In zwei Minuten soll im Speisezimmer das +Frühstück aufmarschiert stehen.«</p> + +<p>»Kornelius — bitte hier, bei dir, wie damals — —«</p> + +<p>»Dein Wunsch ist mein Wunsch, Engel,« und er ging zur Tür.</p> + +<p>»Kornelius!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<p>Er wandte sich um, und sie winkte ihm mit den Augen, noch einmal zu +ihr zurückzukommen.</p> + +<p>»Ich möchte doch lieber noch einen Kuß von dir haben, Kornelius.«</p> + +<p>Und die feierliche Getragenheit der Liebesbekenntnisse ernster +Menschen ging unter im lebendigen Leben.</p> + +<p>Das Hausmädchen kam auf Kornelius Vanderwelts Anruf, grüßte freundlich +und deckte den Tisch im Arbeitszimmer.</p> + +<p>»Unsere liebe Verwandte, Fräulein Freydag, wird längere Zeit bei uns +bleiben, Martha. Sorgen Sie nach besten Kräften, daß sie sich wohl +fühlt.«</p> + +<p>Das Mädchen knixte vor dem Gast, der ihr die Hand entgegenstreckte, +und ging.</p> + +<p>»Kein Mensch auf der Erde ist mir so nahe verwandt wie du. Es war +keine Unwahrheit, Angela.«</p> + +<p>Sie saßen hungrig und durstig am Frühstückstisch und langten zu. Wie +gesunde Menschen, die dem Tage geben, was des Tages ist. Nur daß der +eine den anderen zu bedienen suchte und ein Wettstreit entstand, den +anderen nicht hungern zu lassen. Dann nannte Angela Freydag den Namen +Fräulein Bilsenbachs, die Namen der Kinder.</p> + +<p>»Später, später. Wenn es dir recht ist, kann das Mädchen abräumen.«</p> + +<p>»Ich fragte nur jetzt schon, weil ich glaubte, du müßtest zum Hafen +hinaus.«</p> + +<p>»Sagte ich dir nicht, du liebe Sorgerin, daß heute Festtag ist? Wir +werden noch genug vom Alltag mitbekommen. Aber ich will deine Sorge +beschwichtigen.«</p> + +<p>Er nahm den Hörer des Fernsprechers auf, nannte dem Amt die Nummer.</p> + +<p>»Schon zur Stelle, Beckenried? Ach, Sie alter Prahlhans, diesmal war +ich früher auf den Beinen, wenn darin<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> die geistige Überlegenheit +steckt. Was liegt vor? So, so. Aber ich habe heute Wichtigeres, und +an der Schifferbörse können sich heute einmal unsere jungen Leute +die Sporen verdienen. Ja, ja, ich meine die Herren Klaus und Thomas, +die viellieben Schwäger. Was? Wenn sie's nicht können, sollen sie's +lernen. Deshalb schicke ich sie ja hin. Und den Rest werden Sie mit +gewohnter Umsicht erledigen. Auf morgen, Beckenried.«</p> + +<p>»Klaus und Thomas? Die viellieben Schwäger?« fragte Angela Freydag.</p> + +<p>»Später, später.« Und Kornelius Vanderwelt öffnete die Tür zum +Musikzimmer. »Tritt in dein Reich, Angela.«</p> + +<p>Wie mit gefesselten Füßen trat sie ein. Und dann eilte sie auf den +Flügel zu, legte beide Hände auf den Deckel, preßte das Kinn auf den +Notenhalter und starrte geradeaus.</p> + +<p>Von der Wand grüßte in unvergänglicher Schöne Hans Deiters' +Meisterbild »Der Reigen«, aus edlen Frauenkörpern gewoben. Leise zog +Kornelius Vanderwelt hinter ihrem Alleinsein die Tür ins Schloß.</p> + +<p>Jetzt wandte sie über die Schulter den Kopf nach ihm. »Komm,« baten +ihre Augen.</p> + +<p>Er trat hinter sie und legte den Arm um sie. Die Hände auf den +Flügeldeckel gestemmt, drückte sie sich tief in den Arm hinein.</p> + +<p>»Hier habe ich dich mir erobert, Kornelius. Und konnte nichts gegen +jetzt.«</p> + +<p>»Wir sind beide gereift, Angela. Vielleicht auch in den Ansprüchen +aufeinander. Nenn' du mir dein Wachstum.«</p> + +<p>»In der Liebe zu dir! Darin liegt es, darin! In der Liebe zu dir! +Damit ist alles gesagt.«</p> + +<p>»Wenn ich mir,« sagte Kornelius Vanderwelt ernst, »nach Ansicht meiner +Mitbürger ein paar Verdienste erworben haben sollte, so habe ich heute +den Lohn erhalten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<p>Sie schüttelte heftig den Kopf. In ihre Stirn grub sich, wie in +Mädchentagen, die steile Furche.</p> + +<p>»Nein, nein. Was dir die Allgemeinheit schuldet, ist ihre Sache und +geht mich nichts an. Es ist dein Stolz, der dich bescheiden macht. +Und er macht mich mit dir stolz. Aber was <em class="gesperrt">ich</em> dir schulde, +Kornelius — ach, mir ist die Seele zum Überlaufen voll, und die +Frau sucht vergebens nach Worten, die es dir rückhaltlos aussprechen +könnten und sie doch nicht beschämen, und die Künstlerin kommt sich +neben der Frau ganz armselig vor, daß sie auch ein Wort sagen möchte +und das doch in dieser Stunde so nebensächlich ist, wie draußen das +Wetter.«</p> + +<p>»Wie stark und leidenschaftlich du geworden bist, Angela?«</p> + +<p>»Geworden? Bin ich es geworden? Ich bin das geworden, wozu du mich +geformt hast. Und nun bin ich nichts als der Dank.«</p> + +<p>»Meine alte, junge, ewig gleiche Angela. Das ist das Frauenwunder, das +wir anstaunen und doch nichts anderes ist, als die Wahrhaftigkeit der +Seltenen.«</p> + +<p>»Heb' mich nicht zu hoch, Kornelius. Meine Füße stehen so fest auf der +Erde, daß ich die Erde treten kann, wenn ich es will. Und ich will +es, wenn du es willst. Wenn sie uns von unseren Höhen herunterholen +wollen, Kornelius.«</p> + +<p>Er strich ihr leise und glättend über das strenggewordene Gesicht, und +sie erhaschte die Hand und drückte sie gegen ihren Mund.</p> + +<p>»Setz' dich nieder, Engel. Hier auf die alte Kirchenbank, auf der +wir so oft aneinandergerückt saßen, wenn wir vierhändig ein Werk der +Meister spielten. Heute brauchen die Tasten nicht zu tönen. Heute ist +so viel Gesang in uns selber, daß wir das Handwerkszeug ruhen lassen +können. Sitzt du gut? Lehn' dich nur fest mit der Schulter an. Heute<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> +brauchen wir keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren.«</p> + +<p>In die alte Kirchenbank geschmiegt, saßen sie Schulter an Schulter und +ließen die Minuten rinnen, als wäre der gemeinsame Quell ihrer Stunden +unversieglich. Weil ihr Blut ineinanderrann.</p> + +<p>»Wachst du noch, Kornelius?« fragte Angelas Stimme mit einem +schlummermüden Ton.</p> + +<p>»Ich höre dir ununterbrochen zu. Erzähle nur weiter, Engel.«</p> + +<p>»Ich habe ja gar nicht gesprochen, du. Du hast zu mir gesprochen, und +ich habe kein Wort überhört.«</p> + +<p>»Dann, Engel, ist jetzt die Reihe an dir. Und ich will schweigen wie +ein Stummer.«</p> + +<p>Eine Weile besann sie sich. Dann war sie wieder in der Welt.</p> + +<p>»Ich werde kein Wörtchen überschlagen, wenn du es für wert genug +hältst. Aber vorher sprich mir von deinen Kindern, von Fräulein +Bilsenbach, von deiner Umwelt hier, damit ich weiß, wo ich gehe und +stehe, wenn sie kommen werden.«</p> + +<p>»Fräulein Bilsenbach wird nicht mehr kommen, Angela. Sie ist immer +geräuschloser geworden in den langen, heftigen Jahren, und ich habe +sie bei der Hand gehalten, als sie im letzten Sommer starb.«</p> + +<p>Angela Freydag saß, ohne sich zu regen, Schulter an Schulter mit +dem berichterstattenden Manne. Hinter ihrer Stirn arbeiteten die +Gedanken und woben das Bild des einsam gealterten Fräuleins aus den +Erinnerungen.</p> + +<p>»Sie hatte einen Lohn zu beanspruchen für so viel Unausgesprochenes, +Kornelius. Du hast ihn ihr ohne Zögern ausbezahlt. Als du sie vor der +schwarzen Pforte bei der Hand nahmst und ihr die letzten Schritte so +leicht machtest, daß sie ein Leben aufwogen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> + +<p>»Woher weißt du das, Angela?« fragte er erstaunt. »Wie kannst du das +wissen?«</p> + +<p>»Ich weiß es, weil ich eine Frau bin und weil ich mich nicht fürchte, +es auszusprechen. Auch ich würde dich lieben, wenn ich alt geworden +wäre und hätte dich jahraus, jahrein vor Augen gehabt. Wie du mich in +deinem Alter noch lieben wirst, wenn du keinen Makel an mir gefunden +hast. So hat dich die einsame Seele des gealterten Fräuleins geliebt, +und es ist nicht lächerlich.«</p> + +<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »es ist nicht lächerlich. Liebe +ist mehr, als Jugend weiß.«</p> + +<p>»Nun sprich mir von der Jugend,« bat Angela Freydag freundlich, »von +deinen Kindern, Kornelius.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt legte die Hand um die Stirn. Unbewußt preßte er +sie zwischen den Fingern, daß sie schmerzte.</p> + +<p>»Von meinen Kindern, Angela ... Ganz recht, von meinen Kindern. Ja, +wo soll ich da beginnen und wo enden ... Es sind keine Kinder mehr, +Engel, und es gibt Zeiten, in denen ich mich wundere, daß sie einmal +meine Kinder gewesen sein sollen. Nicht, als ob ich meine Liebe von +ihnen abgezogen hätte. Liebe ist vielleicht ein falsches Wort und +müßte mit Naturtrieb übersetzt werden. Es ist der natürliche Trieb, +der das eigene Blut wittert und sich dagegen aufbäumt, es vor die +Hunde gehen zu lassen.«</p> + +<p>Ihre Hand tastete sich in die seine, zog sie von der Stirn, legte sie +auf ihr Knie und hielt sie fest.</p> + +<p>»Liebe ...« wiederholte er, und die Wallung seiner Pulse wurde ruhig +unter ihren kühlenden Händen. »Ich habe so viel Liebe in mir, daß +ich meine Kinder lebenslang reich damit machen könnte. Aber Liebe +will erwidert, gewünscht und gewartet sein. Wir sind nicht alle so +anspruchslos<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> wie ein Fräulein Bilsenbach. Nun wohl, Angela, meine +Kinder hatten recht frühzeitig schon das, was sie für Liebe hielten, +für sich selber nötig und ihren mehr oder weniger ergötzlichen +Zeitvertreib. Juliane und Thomas, dein besonderer Freund, wurden +hintereinander kriegsgetraut. Juliane mit achtzehn Lenzen. Thomas in +der stolzen Mündigkeit seiner einundzwanzig Jahre. Nach neun Monaten +pünktlich waren sie Mutter und Vater. Jeder von einem munteren Jungen. +Jetzt sind die Jungen fünf Jahre alt.«</p> + +<p>»Wie meinst du, Angela? Ja so, ich habe die Partner vergessen. +Julianes glücklicher Ehegatte ist Klaus Beckenried. Der Sohn meines +knochentrockenen Geschäftsführers. Geschäftstüchtig wie sein +Vater. Infolge des Altersunterschiedes natürlich noch mit einigen +Sehnsuchtsbildern behaftet, die der alte Beckenried längst zum alten +Eisen geworfen hat und die, wie ich fürchte, der junge in nicht allzu +langer Zeit auf denselben Kehrichthaufen werfen wird. Bleibt der +Thomas. Des Thomas glückliche Ehegattin ist Antonie Ausdemwerth, die +Schulfreundin der Juliane. Ich weiß Schönheit zu schätzen, und ich +sehe mit Männeraugen, daß das Frauenzimmer schön ist wie ein lockender +Apfel, fallreif. Aber sie ist immer fallreif, und es lungern viele +unterm Apfelbaum.«</p> + +<p>Er schwieg, und dann lachte er hart vor sich hin.</p> + +<p>»Meine zornmütige Angela wird denken, die Schwiegerkinder wären die +schwarzen und meine eigenen Kinder die weißen Schafe. Ach, Engel, es +ist nicht so, und wenn ich eine Mohrenwäsche vornähme. Möglich, daß +der junge Beckenried, übrigens ein Mann von einigen dreißig Jahren, zu +früh die leuchtende Hochzeitsweste ausgezogen und sich vom sparsamen +Blut der Beckenrieds erwiesen hat. Zu früh für eine Frau von der +Großdamenhaftigkeit einer<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Juliane. Sie braucht das Geld, wie andere +die Luft zum Atmen brauchen, und wenn man es ihrer eitlen Putzsucht +vorenthält, so verschafft sie es sich, ohne wählerisch zu sein. Und +ich weiß wirklich nicht, was ich mehr verabscheuen soll: die kühle +Berechnung, aus der sie es tut, oder das geile Sündenblut der Antonie.«</p> + +<p>»Damit wären wir beim Thomas, Engel, den du mir immer am ähnlichsten +fandest. Darin, daß er das heimliche Allerweltsdirnchen nicht auf die +Straße warf, nach der sie doch verlangt, darin ähnelt er mir wohl +am wenigsten. Und ebensowenig, daß er aus seiner Schlaffheit eine +Art Sportbelustigung macht, jeden Schritt vom Wege bei seiner Frau +vorhersieht, ihn mit der Gründlichkeit und Ausdauer eines Forschers +verfolgt, zergliedert und zerlegt und sich höchlichst ergötzt fühlt, +wie ein Sieger und Triumphator über die in der eigenen Falle Gefangene +frohlocken zu können.«</p> + +<p>»Du siehst, Angela, die Beichte war aufrichtig und vollkommen, und nun +ist mir der Mund trocken.«</p> + +<p>»Der Thomas«, sagte Angela Freydag, »weiß nicht ein und aus. Weil er +noch als Junge in die Ehe gegangen ist und sich vom Zeitgeist hat +vorpredigen lassen, die Freizügigkeit von Mann und Frau gehörte zum +guten Ton und wäre ein Erkennungsmerkmal der Freigewordenen. Laß ihn +aus dieser Zeit und ihrem billigen Geist hinauswachsen, und er wird +den Abscheu empfinden wie du und der Sohn des Vaters werden.«</p> + +<p>»Wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«</p> + +<p>»Weshalb verspottest du mich, Kornelius? Ich kenne doch die Quelle des +Vanderweltschen Blutes, ich kenne doch dich. Und da soll ich glauben, +das Wasser der Bäche tauge nichts? Wind und Wetter können es getrübt, +können es sogar verschlammt haben, aber das klärt sich, wenn die warme +Sonne<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> wieder scheint. Es war viel Wind und Wetter in Deutschland.«</p> + +<p>»Ich verspotte dich nicht. Ich muß nur immer wiederholen: wie schön +ist meine Angela in ihrer Milde.«</p> + +<p>Ihre Augen färbten sich dunkel. Über den tiefen Grund liefen +leuchtende Funken.</p> + +<p>»Ich hatte es als Spott empfunden. Du bist erfahrener als ich in allen +Dingen, und der Spott wird bei dir zum Lächeln und Belächeln. Ich bin +noch nicht so weit wie du, und es ist gewiß Frauenart, daß wir hassen, +was ihr mit einem Lächeln abtut. Kornelius, du sagtest mir einmal, mit +einem Ziegelstein schlügst du den Menschen tot, der nach mir schielte, +und wenn du ihm nach bis Australien müßtest. Und da hältst du mich für +kleiner, obwohl ich inzwischen um einen Fuß gewachsen sein soll? Ich +bin so milde, Kornelius, daß ich jeden, der dich oder deinen Namen +beleidigen möchte, mit diesen Händen zerreißen würde.«</p> + +<p>Er griff nach ihren Händen, die sie in Erregung schüttelte, und zog +sie an seine Lippen.</p> + +<p>»Glücklicher Kornelius Vanderwelt.«</p> + +<p>Sie sah ihn an. Und als sie sah, daß der Ernst aus ihm sprach, legte +sie den Kopf ruhig an seine Brust.</p> + +<p>»Wohnt Thomas nicht mehr im Hause? Und Juliane?«</p> + +<p>»Thomas haust in der Wohnung seiner Frau, die bei ihrer törichten +Mutter lebt. Und Juliane ist von ihrem zürnenden Mann in das Haus des +Vaters Beckenried verbracht worden, damit ihre Geldangelegenheiten +unter doppelter Aufsicht stehen. Mögen sie sich zurechtfinden. Wie man +sich bettet, so muß man liegen.«</p> + +<p>»Welchen Beruf haben die Männer? Können sie ihre Frauen mit ihrer +Arbeit ernähren?«</p> + +<p>»Ach, Engel, sie haben den Beruf, meine Geschäftsnachfolger zu werden. +Das ist vielleicht nicht der schlechteste Beruf.<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Sie arbeiten auf +meinem Kontor und gehen heute zum erstenmal auf die Schifferbörse, +um die Flagge des Hauses Vanderwelt zu zeigen. Ob aber ihre Arbeit +ausreicht, um ihre Frauen zu ernähren, das glaube ich nie und nimmer.«</p> + +<p>»Und wenn du ihr Gehalt steigertest, Kornelius?«</p> + +<p>»So würden ihre Frauen ihre Forderungen an die Männer um das Dreifache +steigern. Ausprobiert, Angela.«</p> + +<p>Sie ließ den Gesprächsstoff fallen. Sie fühlte, daß sein Stolz mehr +litt, als er zeigte. Nur eine Frage wagte sie noch.</p> + +<p>»Und Justus? Du sprachst mir noch nicht von deinem Ältesten, +Kornelius.«</p> + +<p>»Ja, Justus — —. Es wär' mir lieb, ich erführe selber mehr von ihm. +Du weißt es, er hatte einen hochfahrenden Sinn. Aber in guten Zeiten +wäre bei seinen raschen Aufnahmefähigkeiten wohl ein Großer aus ihm +geworden, wenn auch ein herrischer. Für die schlechten Zeiten aber war +seine Anschauungswelt nicht gewappnet, und der Ausgang des Krieges hat +ihn zu einem Zerrissenen gemacht, der bald hier, bald dort, wo in den +Ostländern um Rußland herum eine Flamme auflodert, dabei sein muß, um +zu versuchen, sich und die Welt wieder zusammenzuflicken.«</p> + +<p>»Er schreibt dir wenig?«</p> + +<p>»Zuweilen wie ein Held, zuweilen wie ein Verzweifelter. Das ist heute +die marktgängige Mischung unter den Entwurzelten, die so leicht das, +was dem Vaterland frommt, mit dem, was ihnen selber frommen würde, +verwechseln und darum keine Geduld und keinen Blick für den ›Wechsel +auf Sicht‹ haben.«</p> + +<p>»Hilfst du ihm, wenn er ruft?«</p> + +<p>»Fragt das meine Angela?«</p> + +<p>»Verzeih mir,« bettelte sie, »es war nur ein Vergreifen im Wort. Ich +wollte fragen, ob er dich zur Hilfe ruft.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>»Der Held nie. Der Verzweifelte immer. Dann fragt der Vater nicht +lange, ob es zu vaterländischen Zwecken oder zu eigenen geschieht, und +er hilft. Ich sagte dir schon, es ist der Naturtrieb, der das eigene +Blut wittert.«</p> + +<p>Sie strich ihm mit den Fingern durch das Haar. Hin und her, her und +hin.</p> + +<p>»Nicht böse sein, Kornelius, daß ich dir diesmal nicht glaube. Nein, +nicht böse sein. Dein Naturtrieb ist ja die Güte. Das hab' ich ja an +mir selbst verspürt, als ich hageres und mageres Menschlein durch den +Straßenschmutz zu dir kam. Alle starken Menschen sind gütige Menschen, +sonst gäb's ja keinen Weg zu ihrer Welt. Und dein Sohn Justus brauchte +nicht dein Sohn und könnte ein Niemandssohn sein, und du würdest ihm +helfen, wenn er dich beim rechten Namen rief.«</p> + +<p>»Ich habe ihn mehr geliebt, als ich es aussprechen kann,« sagte +Kornelius Vanderwelt leise. »Denn wie du in Thomas, so habe ich in +ihm mein Ebenbild erhofft. Und nun wird meine Eitelkeit mit einem +arbeitsunlustigen Landfahrer gestraft.«</p> + +<p>»Es ist noch nicht aller Tage Abend, Kornelius.« Und sie wiederholte +es: »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« bis das Streicheln ihrer +Finger alle Schwere aus seinem Haupte hinweggenommen hatte.</p> + +<p>»Darf ich mir eine Zigarre anzünden, Engel? Du siehst, ich streiche +die Jahre aus und behandle dich nicht als feierlichen Gast.«</p> + +<p>»Das erst macht mir den Festtag, daß du mich nicht feierlich nimmst.«</p> + +<p>»Wollen wir wieder in mein Arbeitszimmer? Komm, Engel. Feierlich, +sagst du? Feierlichkeit ist der Tod der Natürlichkeit und damit aller +Menschenfreude. Das hat mir als Kind den Sonntag so zuwider gemacht, +daß ich im<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> feierlichen Zuge mit zur Kirche schreiten, mit feierlichem +Gesichte bei Tische sitzen, in feierlicher Haltung am Spaziergang +der Erwachsenen teilnehmen mußte und was sonst noch alles. Als ob +der liebe Gott gestorben wäre und nicht auf seinem Sonntagsthron aus +Sonne, Mond und Sternen säße und Ausschau hielte, ob sich auch seine +Menschen aus Leibeskräften über ihre Erde freuten! Rauchst du?«</p> + +<p>Sie waren in sein Arbeitszimmer hinübergegangen, und er wies auf die +Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. »Nun?« fragte er.</p> + +<p>»Ich muß dir ja doch«, erwiderte sie mit rotem Kopf, »mein Laster +eingestehen. Als ich durch den Ausbruch des Weltkrieges in Amerika +zurückgehalten wurde, ganz besonders aber, als auch Amerika in den +Krieg eintrat und wir, die ihr Deutschtum nicht verraten wollten, als +Gefangene behandelt wurden, da hab' ich mir das Rauchen angewöhnt, um +über das endlose Warten und das noch endlosere Wandern der Gedanken +hinwegzukommen. Wenn ich rauchte, wurde es ruhiger in mir. Aber wenn +du es bei einer Frau nicht gern siehst, kann ich es unterdrücken.«</p> + +<p>»Wozu die Entschuldigungen, Engel? Wer weiß, ob du nicht mal wieder in +Gefangenschaft gerätst und das Rauchen brauchst.«</p> + +<p>Sie wählte eine Havannazigarette mit einem Tabakdeckblatt.</p> + +<p>»Erschrick nicht zu sehr, Kornelius. Die Papierzigaretten sind mir zu +verschwommen.«</p> + +<p>Er reichte ihr Feuer und lachte ihr in die Augen.</p> + +<p>»Ich hab's mir fast gedacht. ›Entweder — oder!‹ lautet die Losung bei +Angela Freydag. Wie schön du erröten kannst.«</p> + +<p>Sie ließ sich in einen der tiefen Ledersessel nieder und rauchte +in ruhigen Zügen. Und Kornelius Vanderwelt saß<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> ihr gegenüber und +sah durch den feinen Rauchschleier seiner Zigarre ihr Bild wie aus +Nebelfernen zu ihm hinüberlangen.</p> + +<p>»Nun bist du für deine Erzählung aus fernen Weiten in die rechte +Beleuchtung gerückt. Nun erzähle du, Angela.«</p> + +<p>»Muß ich vom Tage meines Abschieds an beginnen, Kornelius?«</p> + +<p>Er nickte. »Seitdem du von mir gingst, Engel.«</p> + +<p>»Ich hinterließ dir einen Brief, als ich ging. Darin schrieb dir das +Mädchen sein Weshalb.«</p> + +<p>»Der Brief des Mädchens ruht in des Mädchens alter Reisetasche, die +sie mir einmal als Weihnachtsangebinde auf mein Zimmer stellte.«</p> + +<p>Eine Weile blieb es still im Sessel Angela Freydags, und der Lauscher +hörte nur einen tiefen Atemzug.</p> + +<p>»Ich kehrte nach Köln zurück,« begann die Stimme aus der Nebelferne +der Erinnerungen heraus. »Ich nahm die Stunden mit verdoppelten, mit +verdreifachten Kräften auf. Ich war von dir gegangen, nein, vor mir +selber davongelaufen, weil ich so stolz auf dich und deine Hinneigung +zu mir war, daß ich nicht nur dein kleines Liebchen werden wollte. +Denn so wäre es geworden, Kornelius.«</p> + +<p>Diesmal war es die Lauscherin, die aus dem Sessel Kornelius +Vanderwelts nur einen tiefen Atemzug vernahm.</p> + +<p>»Der Professor nahm mich mit Freuden als seine Meisterschülerin. +Das Geld, das ich mir in deinem Hause erworben hatte, reichte bei +richtiger Verwendung für zwei Jahre aus. Anschaffungen zu machen, +hatte ich nicht nötig. Du hattest mich zu Weihnachten und zum +Geburtstag für den Alltag und die ersten Konzertreisen überreich +ausgestattet. So konnte ich mich ohne Hemmungen meiner Arbeit +hingeben.«</p> + +<p>»Es war nicht ganz so leicht, wie es heute scheint. Aber<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> du halfst +mir, Kornelius. Auch wenn der Lehrer liebenswürdiger werden wollte, +als der Unterricht verlangte. ›Nicht,‹ sagte ich, ›ich bin heimlich +getraut. Der Mann, der mich in seinen Händen hält, kann Hufeisen +zerbrechen.‹ Da beließ er es beim Unterricht.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sprach kein Wort. Ihm fielen die Verse ein vom +Reiter auf dem Bodensee. Mit keinem Gedanken hatte sein sicherer Sinn +an eine Gefahr gedacht.</p> + +<p>»Nach einem Jahre«, fuhr die Erzählerin fort, »durfte ich zum +erstenmal öffentlich spielen. In einem Kurkonzert der verträumten +Badestadt Honnef am Rhein. Es gelang über Erwarten. Der +kunstverständige Arzt des Städtchens schrieb in seiner Besprechung +von einem Licht auf einem hohen Berge. Dieses Licht wollte ich nun in +die Täler der Menschen tragen. So spielte ich im folgenden Winter zum +zweitenmal in Koblenz, und der verstärkte Erfolg führte mich bald nach +Mainz und nach Mannheim, nach Karlsruhe und nach Basel. Damit war ich +im Auslande.</p> + +<p>»Gewiß, es war die kleine Schweiz. Aber in Zürich schon spürte ich, +daß sich hier alle Völker ein Stelldichein geben, und in Lausanne und +Genf vernahm ich die Stimme Frankreichs, und ich folgte ihr nach Paris.</p> + +<p>»Nach Paris. Wie habe ich die Augen, wie habe ich die Ohren, wie habe +ich alle Sinne geöffnet, um alles in mich hineinzutrinken, was die +Stadt an Kunst mir bot. Alle die ungezählten Möglichkeiten, die sie +dem Lernbegierigen hinhält zum Wachsen und Werden, und die mit jedem +neuen Tage wechseln und neue Weiten bieten.</p> + +<p>»Und wieder standst du neben mir, Kornelius, und hieltst mich bei der +Hand. Und ich wußte Tag und Nacht, warum ich hier sei.</p> + +<p>»In Paris spielte ich zuerst in einem Konzert der Meisterschülerinnen, +dann zu mehreren Malen in der größeren<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> Öffentlichkeit, und wurde nach +London eingeladen zu einem großen Konzert in der ›Albert Hall‹. Von +hier aus ging die Fahrt geradeswegs nach Amerika.«</p> + +<p>»Als hättest du dir auch meine Weltfahrten zu eigen machen wollen, +Angela.«</p> + +<p>»Als du mich auf der Landstraße sahst und mich in deinen Wagen +packtest, Kornelius, sprachst du so übermütig von deinen +Seeräubervorfahren, daß ich dir ebenso übermütig antwortete: ›Die +Meinen vielleicht nicht weit davon.‹ Wer will wissen, was in der +Vorzeit war!«</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte an den sagenhaften +Zweigeschlechterbaum der Menschheit, der ihm schon einmal in seinen +Gedanken erschienen war, als er inbrünstig nach Angela rief.</p> + +<p>»Erzähle weiter. Ich lebe <em class="gesperrt">mit</em> dir, als lebte ich mein eigenes +Leben.«</p> + +<p>»Es ist so. Die Seelen harfen die Musik, nicht die Hände. Und so ist +meine Seele auf deinen Wegen gefahren.«</p> + +<p>»Erzähle von Amerika, Angela. Es ist der zweite Teil deiner +Lebensreife und meiner Wartezeit.«</p> + +<p>»So war ich mit dir in Amerika, Kornelius,« vernahm er ihre Stimme, +»und es war gut, daß wir beieinander waren. Erst schwoll mir die Brust +in der unbekannten und verstärkten Lebensluft. Die Menschen erschienen +mir aufrechter im Wuchs, großzügiger im Denken, freier im Verkehr +und jeder Handlung. Die Haltung der Männer der Frauenwelt gegenüber +erfüllte mich mit Bewunderung für die Männer, die Stellung der +Frauenwelt erschien mir so göttlich, daß ich mich meiner Erdhaftigkeit +fast schämte und mich bekümmert fragte, ob ich mit meinen besten +Sonntagsgedanken wohl je einer solchen himmlischen Höhe würdig werden +würde. Ach, mein Erwachen aus Traumland war eine starke Erschütterung. +Es lebte da drüben eben ein jeder<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> sein eigenes Leben, Männlein wie +Weiblein, und sie waren bei Licht betrachtet nicht größer als im alten +Europa und nur so frei, als einer dem anderen die Freiheit ließ. +Die so Aufrechten gingen unterm Joch der Arbeit wie bei uns, die so +Großzügigen kämpften vorher um jeden Dollar, die göttliche Verehrung +der Frau war ein Sport wie hundert andere, und manche der Engel Gottes +schleiften insgeheim die Flügel durch den Staub wie in aller Welt. Es +war nichts mit der ungekannten und verstärkten Lebensluft, wenn man +sie erst genügend eingeatmet hatte, und wenn man in Slawien die Frauen +prügelt und in Amerika mit Weihrauch umwedelt, so ist es nichts als +ein anderer Landesbrauch und beileibe keine seelische Vervollkommnung.</p> + +<p>»Ach, meine arme Seele. Wie hat sie frieren müssen, als sie erwacht +war. Wie hat sie nach den warmen Tiefen gesucht und die abgekühlten +Oberflächen gefunden. Wie hat sie nach einem zusammenklingenden +Zweiklang gelauscht, wo jeder mit sich und sich allein beschäftigt +war. Nein, die Menschheit unterscheidet sich nirgendwo. Nur ihre +Gepflogenheiten.«</p> + +<p>»Sprich weiter, Angela. Es hört sich dir gut zu.«</p> + +<p>»Es mag eine gute Gepflogenheit der Yankees sein, daß sie die +Konzertsäle bevölkern. Es gehört zum guten Landeston. Und so spielte +ich vor vollen Sälen in Neuyork und den großen Städten des Ostens, in +Boston, Philadelphia, Baltimore, und der Erfolg verstärkte sich immer +mehr, je weiter ich und die ruhmredigen Ankündigungen über Chikago +nach dem fernen Westen kamen, nach Los Angeles, San Franzisko und nach +Portland und Seattle im Norden. Und wieder ging es den Mississippi +entlang bis Saint Louis und in den grellen Süden hinein bis zu den +spanisch gefärbten Yankees von Neuorleans. Gott habe ich gedankt, +als ich wieder nach dem Osten kam und den Hafen Neuyorks begrüßte,<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> +denn außer den vielfarbigen Wunderbildern der Natur hatte meine Seele +nichts gewonnen als eine immer größere Leere.</p> + +<p>»Da stand ich im Hafen. Heimatselig. Und meine Seligkeit hieß +Kornelius Vanderwelt. Und da war der Weltkrieg, und da war das +Ausfahrtverbot.</p> + +<p>»Ach, du, das kann ich dir nicht schildern.</p> + +<p>»Hundert Wege bin ich gelaufen, hundert geheime Besprechungen habe +ich abgehalten und Überfahrtspreise in jeder Höhe geboten. Ich mußte +bleiben. Und dann begann die Zeitungspresse ihre Tätigkeit, und in den +Volksmengen fing es an zu quirlen wie in einem gelockerten Moorgrund, +und die Vermittler und Leiter der Konzerte wurden unverschämt, und +die von uns, die sich beugten, wurden gnädig bevorzugt. Nur bei einer +Absage der anderen wurde ich noch zugelassen, und ich spielte in den +Jahren nur noch so oft, daß ich meine Ersparnisse nicht anzugreifen +brauchte, und das war gut so, denn das verhetzte und sich selbst nicht +mehr kennende Amerika sprang in den Weltkrieg hinein.</p> + +<p>»Erlaß mir die Schilderung des letzten Jahres. Wir Deutsche wurden +als Gefangene behandelt, und ich gewöhnte mir das Rauchen an. +Tagelang hab' ich geraucht, um über die sehnsuchtswunden Gedanken +hinwegzukommen, die bei jeder Berührung wie Tiere im Käfig schrien, +und über die sehnsuchtswunden Gedanken hinweg zu dir.«</p> + +<p>Sie warf den Rest des Tabaks in einen Behälter, wischte sich mit ihrem +Tuch über Fingerspitzen und Lippen.</p> + +<p>»Ich bin zu Ende. Von der Heimfahrt weiß ich nichts mehr, als daß +die Wellen schäumten und die Wolken jagten. Das einzige Bild, an +dem ich Gefallen fand. Und daß mich in Hamburg ein Brief meines +greisgewordenen Musikprofessors erwartete, der mir ein Konzert in Köln +anbot. Ich drahtete zurück: ›Angenommen.‹ Plötzlich war mir,<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> als +müßte ich einmal, ein einziges Mal in der großen Öffentlichkeit vor +dir, für dich spielen. Als würdest du kommen. Als würdest du sehen, ob +das entwichene kleine Mädchen Wort gehalten und eine reife Künstlerin +geworden wäre. Und —«</p> + +<p>»Und —« wiederholte Kornelius Vanderwelt mit angehaltenem Atem.</p> + +<p>»Und ferner wollte ich,« sagte Angela Freydag, ohne zu stocken, »daß +du aus der Menge heraus auch die reifgewordene Frau sehen solltest und +dich fragen könntest: Hat mein Herz noch so schnell geschlagen wie im +Walde?«</p> + +<p>»So sicher wußtest du, daß ich kommen würde?«</p> + +<p>»So sicher wußte ich es.«</p> + +<p>»Und wenn ich nicht daheim gewesen wäre oder krank gelegen hätte?«</p> + +<p>»Ich glaube, auch das hätte ich gewußt, und ich wäre zu dir an dein +Bett gekommen. So aber war es schöner.«</p> + +<p>Sie atmete tief und wohlig, und ihre Augen lachten ihn an.</p> + +<p>»Wie der Seeräuber aus dem Blut deiner Vorfahren kamst du mit dem +Enterbeil auf mein Deck gestürmt, überranntest die Musikanten, +kapertest mich und verschwandest mit der Beute, ohne eine Kielspur zu +hinterlassen.«</p> + +<p>»Hat das denn nie ein anderer außer mir gewagt? Hatten denn die Männer +da draußen keine Augen im Kopf?«</p> + +<p>»Es hatten da draußen mehr Männer Augen im Kopf, als mir lieb war. +Aber ich hatte <em class="gesperrt">auch</em> Augen im Kopf.«</p> + +<p>»Und es fand keiner Gnade vor diesen klugen, grauen Augen?«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. Das Lachen war verflogen.</p> + +<p>»Nicht scherzen, Kornelius. Bitte nicht mit diesem einen Ding. Andere +Männer! Gut, ich will es dir erklären, wenn du so blind oder so +vergeßlich geworden bist. Selbst auf die<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Gefahr hin, daß du es gern +aus meinem Munde hören möchtest. Andere Männer! Ich kannte keinen, +ehe ich zu dir kam, oder doch nur solche, vor denen ich das Beben +hatte. Du erst hast das Weib in mir geweckt. So zart und sacht, daß es +nicht erschrecken konnte. Du hast das Störrige weich und das Eckige +rund geformt und der Seele ein Haus gebaut, daß sie zum erstenmal +wagte, die Flügel auszubreiten. Jeden Gang meiner Füße hast du richtig +gesetzt, jeden Gang meiner Gedanken höher geleitet. Und das Herz zum +Schlagen gebracht. Wenn deine Hand über mein Haar glitt, wenn deine +Hand über meinen Rücken streichelte, mußte ich die Augen schließen, so +rieselten alle deine Kräfte durch meinen Körper. Und als ich im Walde +sehend wurde und ich den ganzen Reichtum des neuen Lebens gewahrte: du +warst der Schöpfer.</p> + +<p>»Andere Männer, Kornelius. Damals in meinem Mädchenüberschwang magst +du mir wie der Ritter Sankt Georg vorgekommen sein. Nun darfst du +lachen. Das erwachte Weib in mir hat es auch getan. Du warst für die +Erwachte der Mann, der einzige, <em class="gesperrt">der</em> Mann.</p> + +<p>»So konnte mich keiner da draußen in der Welt überrumpeln, denn meine +Augen hatten von dir das Sehen gelernt. Ungeblendet schaute ich in +jeden hinein, durch jeden hindurch, wie durch ein leeres Glas. Weil +das Mädchen durch dich zum Weibe geworden war und sein Stolz auf deine +Schöpferliebe kein Hinuntersteigen zuließ. Auch nicht zum Scherze.</p> + +<p>»Nun hab' ich dir alles gesagt.«</p> + +<p>»Und bist zu mir zurückgekehrt, Angela-Engel, ohne Angst?«</p> + +<p>»Ich kann kein kleines Liebchen mehr werden, weil ich eine zu starke +Frau geworden bin, Kornelius.«</p> + +<p>»So sage mir noch eines, und ich weiß genug für Zeit und Ewigkeit: Wie +lange darf ich dich im Neste halten?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Angela Freydag legte die Hände im Schoße zusammen. Ihre Augen +wanderten die bildgeschmückten Wände entlang, streichelten im Raum +jedes Gerät, kehrten zurück und lagen voll auf dem Manne.</p> + +<p>»Du hast das rechte Wort gewählt, Kornelius. Das Nest. Dies ist +das meine und kein anderes. Die Künstlerin wird zum Winter wieder +ausfliegen müssen, die Angela kehrt immer wieder mit den Schwalben ins +Nest zurück.«</p> + +<p>»Es genügt mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und ich danke dir.«</p> + +<p>An die Tür des Arbeitszimmers pochte das Mädchen und fragte an, ob es +das Mittagessen auftragen dürfe.</p> + +<p>»Das ist gescheit, Martha. Wir haben Hunger wie die Wölfe.«</p> + +<p>Am Arm führte er Angela Freydag ins Eßzimmer hinüber und freute sich +auch hier an ihrer Wiedersehensfreude.</p> + +<p>»Dort stand Weihnachten der große Koffer und der kleine Koffer,« +flüsterte sie ihm zu. »Sie sind meine treusten Begleiter geworden.«</p> + +<p>»Und in meinem Schlafzimmer steht die alte Reisetasche, die du nicht +von den Knien tatst. Greif zu, Wölfin.«</p> + +<p>Da warf sie alle Frauenhoheit ab und aß mit dem Heißhunger des +Mädchens von einst.</p> + +<p>»Weil Festtag ist,« sagte er, entkorkte eine edle Flasche und schenkte +die Gläser voll. »Ich trinke dein Wohl in diesem und in jenem Leben, +Angela-Engel.«</p> + +<p>»In diesem und in jenem Leben trinke ich das deine, Kornelius.«</p> + +<p>Draußen fuhr der Wagen vor. Unbeweglich wartete der Fahrer auf seinem +Sitz.</p> + +<p>»Es ist wieder der Wilm von damals, Engel. Aber er kennt dich nicht, +und wenn ich ihn totschlüge.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p> + +<p>»Darf ich mit dir?« fragte sie hastig.</p> + +<p>»Wo wäre denn sonst der Festtag, Engel?«</p> + +<p>Und sie gingen hinaus und stiegen ein, und Kornelius Vanderwelt gebot +dem Fahrer die Richtung.</p> + +<p>Angela Freydag sah das Stadtbild kaum. Sie wartete auf die Landstraße. +Zusammengekauert saß sie in ihrer Ecke, und erst als Städte und Dörfer +hinter ihnen geblieben waren, wurde sie unruhig und rieb die blanken +Scheiben, als wäre es blindes Glas. Keinen Zug verlor er aus ihrem +erregten Gesicht.</p> + +<p>»Da ist sie — die Landstraße! Aussteigen möcht' ich und mit bloßen +Füßen darüber hin und her laufen. Da ist die Ruhr! So silbrig und +rein, als läge kein Ruhrort am Ende ihres Weges. Und da —«</p> + +<p>»Da liegt der Wald,« sagte Kornelius Vanderwelt, und seine Stimme +bebte vor Freude.</p> + +<p>»Ja, der Wald — —« sprach sie ihm nach. »Und der Wolkenbruch riß mir +die Kleider vom Leib und das Herz auf die Zunge.«</p> + +<p>Ohne sich anzurühren, fuhren sie weiter und fuhren bis Kettwig vor der +Brücke, wo sie wie geruhige Bürgersleute den Kaffee in der blinzelnden +Frühlingssonne eines Gärtchens tranken. Und fuhren am Spätnachmittag +heim und kamen in der Dämmerung an den Hafen.</p> + +<p>»Halt, Wilm. Wir steigen aus. Abendessen unnötig. Alles wie immer.«</p> + +<p>Der Fahrer grüßte stumm, wendete und fuhr den Wagen nach Hause.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schritt über den Laufsteg zu einem Boot, das in +den Tauen knirschte, und sie folgte ihm. Es war eine zierliche weiße +Motorjacht mit einem Kajütenaufbau, der sich gegen das Steuerrad hin +öffnete und mit Wandschrank, Tisch und Rundpolster ausgestattet war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>»Mein Eigentum,« sagte Kornelius Vanderwelt und wies ihr das Triebwerk +und die Führung.</p> + +<p>Der Vorfrühlingsabend hatte seine junge Wärme dem scheidenden Tage +hingegeben, und es wehte frisch über die Rheinwasser.</p> + +<p>»Tut nichts. Ich mach' einen Matrosen aus dir, der Wind und Wetter +gewachsen ist.« Und er nahm einen Ölmantel aus dem Schrank, half ihr +hinein und knöpfte ihn ihr bis zum Kinn hinauf zu. Ganz still stand +sie unter seinen Händen. Und die Schirmmütze ließ sie so verwegen auf +dem Kopfe sitzen, wie er sie ihr über die Flechten gezogen hatte. Er +trat einen Schritt zurück und begutachtete sie.</p> + +<p>»Wie ein echter und rechter Leichtmatrose schaust du aus. Wie ein ganz +gefährlicher Bursche.«</p> + +<p>Sie hob den Kopf und streckte steif die Arme an das Ölzeug.</p> + +<p>»Leichtmatrose Engel,« meldete sie. »Zum persönlichen Dienst +angemustert auf Boot ›Kornelius‹!«</p> + +<p>»Junge,« sagte er, »wenn dir vielleicht um einen Vorschuß auf die +Heuer zu tun ist —«</p> + +<p>»Ich möchte den Baas nicht vorzeitig in Unkosten stürzen.«</p> + +<p>»Schlauberger, du willst nur die Zinsen anlaufen lassen.«</p> + +<p>»Hat der Baas noch andere Wünsche? Ich kann auch Klavierspielen, +wenn's verlangt wird.«</p> + +<p>»Wart's ab, bis wir an Land kommen, du Tausendkünstler. Hier klaviert +der Wind auf den Wellen.«</p> + +<p>Er löste die Taue, warf die Maschine an und packte das Steuerrad. Das +Boot trieb vom Steg, stand zitternd unterm Steuerdruck und glitt wie +ein Pfeil von der Sehne. Im schimmernden Rheinwasser arbeitete es +gegen den Strom auf und verschwand in Wasser und Dunst.</p> + +<p>»Mach' dich nützlich, Junge! Drück' auf den Knopf links!«<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Und Angela +Freydag freute sich wie ein kleiner Schiffsjunge, als unter ihrem +Fingerdruck die elektrischen Fahrtenlichter über die Wasserbahn +blitzten. Mit gehöhlten Händen rief sie einem vorüberkeuchenden +Schleppdampfer ihr »Hoiho!« zu und war stolz, als der fremde +Steuermann mit Nachdruck entgegnete.</p> + +<p>»Ich hab' ihn zwar nicht verstanden, Kornelius, aber schön war's auf +alle Fälle!«</p> + +<p>»Es war eine der landesüblichen Höflichkeiten,« erwiderte Kornelius +Vanderwelt, und der Wind riß ihm die Worte vom Munde. »Die Bedeutung +ist Nebensache. Auf die Gesinnung kommt's an!«</p> + +<p>Unter dem breiten Mützenschirm lachten ihre Augen. Ihr Gesicht war vom +Wasserwind gerötet wie das einer Indianerin auf dem Amazonenstrom, +und das geschmeidige Ölzeug schmiegte sich prall um die Linien ihres +Leibes.</p> + +<p>»Hei, du mein lieber Schiffsjunge!«</p> + +<p>»Hei, du mein lieber Schiffersmann!«</p> + +<p>»Ich muß meinem Mund zu tun geben, sonst springt er zu dir hinüber!«</p> + +<p>»Steck' dir eine Pfeife an! Rauchen ist das beste Heilmittel! Rauchen +bringt über alles hinweg!«</p> + +<p>Er hielt das Steuerrad des brausenden Bootes mit der Linken +und nestelte mit der Rechten die gestopfte Schagpfeife aus der +Seitentasche. Aber wie kunstreich er sich auch mühte, einhändig blieb +er unbehilflich, und der Wind blies ihm wieder und wieder die Flamme +des Streichholzes aus.</p> + +<p>»Du pfuschest mir in den persönlichen Dienst, Baas. Gib die Pfeife +her. Ich werde sie dir anzünden.«</p> + +<p>Und Angela Freydag nahm ihm die Pfeife aus dem Munde, steckte die +geradgerichtete Spitze zwischen ihre Lippen, wandte sich gegen die +Kajüte und brachte den Tabak zum Glühen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>»Willst du mir wohl die Pfeife nicht ausrauchen, du Unband?«</p> + +<p>»Zwei Züge noch. Nein, drei. Ich muß meinem Munde auch zu tun geben.«</p> + +<p>Sie trat an ihn heran und steckte ihm die lustig brennende Pfeife +zwischen die Lippen. Und wieder ließ er mit der Rechten das +Steuerruder los und erhaschte ihre Hand und legte sie flach gegen +seine wetterbraune Wange.</p> + +<p>»Mein liebes, frohes, frohmachendes Mädchen du — —«</p> + +<p>»Wenn ich das bin, bin ich soviel wie eine Königin.«</p> + +<p>»Und ich dein geliebter Untertan.«</p> + +<p>»O du geliebter Untertan, wie weise du bist. Ein Untertan, der mein +Geliebter ist, ist mein Herr!«</p> + +<p>»Beides sein, Angela-Engel, beides sein! Herr des anderen und Untertan +seiner Liebe! Und das Königreich schließt um uns her alle Tore zu.«</p> + +<p>Er gab mit einem kräftigen Druck ihre Hand frei, beugte suchend sich +vor und packte das Steuerrad mit beiden Fäusten, um einen vor Anker +liegenden Schlepperzug zu umfahren. Kreuzend glitt das Boot über den +dunklen Wasserspiegel, und die Stunden rannen.</p> + +<p>»Es wird Nacht,« sagte der Steuermann, »und es ist Zeit, umzukehren. +Wende noch nicht den Kopf, Engel. Laß dich überraschen. Das schwarze +Ruhrort ist eine Zauberin und läßt den, der es liebt, das traumhafte +Venedig erblicken.«</p> + +<p>Das Boot legte sich schräg gegen das Wasser und beschrieb aufrauschend +einen Bogen. Angela Freydag öffnete den Mund. Sie wollte einen Schrei +ausstoßen und vermochte es nicht. Sie streckte die Arme aus und +starrte mit weitgeöffneten Augen. Ruhrort war versunken. Versunken +mit allem, was im Werktagslicht zu ihm gehörte. Versunken mit den +geschwärzten Giebeln und Schloten und den Kohlenhäfen und den +ächzenden, breitbäuchigen Booten.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Und ein Vineta war an seiner Statt +erstanden, aus den geheimnisvoll glitzernden Wassern des Rheins und +der Ruhr, der Hafenbecken und Kanäle aufgetaucht. Tausende von weißen, +Tausende von farbigen Lampen schlangen sich in leuchtenden Gewinden +durch die Luft, überströmten mit Märchenlicht die Mauern, daß sie +wie Paläste schimmerten, schufen aus Schloten ferne Glockentürme, +aus flachen Fabriken morgenländische Festungswerke, rankten sich um +die schlummernden Lastkähne und verzauberten sie in Prunkgondeln +des Dogen, die aufgellenden Harmonikaklänge in sehnsuchtsheißes +Gitarrengetön und die nächtigen Brückenbogen allüberall in +licht-erzitternde Seufzerbrücken der Seligkeit. Und in loderndem +Kranze ringsum, Feuerberge der Sage, spien die Hochöfen ihre Flammen +gegen den purpurgefärbten Himmel.</p> + +<p>»Fürstenempfang,« sagte der Mann am Steuer. »Ruhrort begrüßt eine +Fürstin der Kunst.«</p> + +<p>»Nein, die Geliebte Kornelius Vanderwelts ...«</p> + +<p>Das Boot glitt in den Lichtkreis hinein. Hinter ihm blieb eine +leuchtende Spur. Und es glitt an die Quadermauer des Hafendammes, +stoppte ab und legte am Laufsteg an. Ein Nacherbeben lief durch seine +Glieder.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hatte das Boot am Pflock vertaut und schlang den +Schifferknoten. Er bot der Gefährtin die Hand und half ihr an Land. +»Ach, Engel, du hast noch das Ölzeug an.« Und er öffnete Knopf für +Knopf bis unter das Kinn, und wieder stand sie ganz still unter seinen +Händen.</p> + +<p>Als sie durch das Nachtdunkel dem Hause zuschritten, spürten sie +beide, daß ihre Schultern sich suchten.</p> + +<p>Das Haus lag dunkel und still. Tiefe Ruhe umfing sie, als sie +eintraten und Kornelius Vanderwelt das Licht aufflammen ließ. Im +Ablegeraum reinigten sie ihre Hände vom Öl und Staub des Schiffes und +betraten das Arbeitszimmer.<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Im Licht der Lampen stand der Imbiß auf +dem Tisch und wartete der Heimkommenden.</p> + +<p>Angela Freydag war es, als hätte sich in dem Dutzend Jahre ihres +Fernseins nichts geändert. Nein — nichts, nichts.</p> + +<p>»Greif zu, Engel, du wirst Hunger haben.«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. »Iß du —«</p> + +<p>Er schenkte zwei Gläser voll Rheinwein. »Mehr kann ich auch nicht. Und +auch das nur, wenn du mir Bescheid tust.«</p> + +<p>Sie nahm das Glas aus seiner Hand und ließ es leise gegen das seine +klingen. Und während sie hinter dem schwingenden Klange herhorchten, +der wie ein Gewisper das Zimmer erfüllte, trank ein jeder sein Glas in +langen Zügen leer.</p> + +<p>Als sie die Gläser auf den Tisch zurückstellten, berührten sich ihre +Hände. Und so stark schlug die leise Berührung in ihr Blut, daß sie +aufschraken und sich wortlos ansahen, als sähen sie sich so zum ersten +Male. In einem Schrecken, der die Überfülle der Freude war.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt sprach zuerst. Er hörte die eigene Stimme wie aus +weiter Ferne.</p> + +<p>»Ich muß dir etwas sagen, Angela. Es ist gewiß überflüssig, daß +ich es dir sage, aber es tut dir vielleicht wohl. Als ich dich zum +ersten Male sah, als Glücksritterin auf der Landstraße, gefielst du +mir. Als ich dich zum zweiten Male sah, auf deiner Flucht aus den +›Fünf Erdteilen‹, horchte etwas in mir auf. Als ich dich zum dritten +Male sah, im Walde dich selbst, war eine atemlose Freude in mir. Der +Volksmund sagt: Vor Freud' drückt's mir das Herz ab. Nun sprich du.«</p> + +<p>»Ich, Kornelius?«</p> + +<p>»Ja du, Angela. Es muß jeder seine Beichte tun.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p> + +<p>»Leg' den Arm um mich, Kornelius, und zieh mich so fest an deine +Brust, daß ich nicht mehr weiß, wo mein Atem endet und wo dein Atem +beginnt, und du hast alle Beichte meines Lebens. In Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunft, Kornelius.«</p> + +<p>Auge in Auge standen sie, Knie an Knie. Und er umschlang sie so fest, +daß ihr Gesicht weiß wurde und aus dem weißen Gesicht ihr Mund ihm +scharlachrot entgegenleuchtete.</p> + +<p>»Dein Herz,« sagte er, und seine Hand lag auf ihrer linken Brust.</p> + +<p>»Du drückst mir das Herz ab, du —«</p> + +<p>»Wer ist ›Du‹ —?«</p> + +<p>»Meine Freude!«</p> + +<p>»Und meine Hand hält <em class="gesperrt">meine</em> Freude.« — —</p> + +<p>Es war eine große Feiertagsstille in den beiden Menschen, und die +Feiertagsstille ging durch das ganze Haus. Wunsch und Wille strömten +zusammen zu einer Lebenswelle. — — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="7">7</h2> +</div> + + +<p>Keiner von den vielen, mit denen Kornelius Vanderwelt in +geschäftlichem oder geselligem Verkehr stand, die mit ihm arbeiteten +oder mit ihm auf ihre Weise den Feierabend hielten, hatten ihn +seit Jahren so jung und tatendurstig gesehen wie in diesen +Frühlingsmonaten. Sein Auge hatte das alte Feuer zurückgewonnen, +sein Mund die frohe, schlagkräftige Rede, und wenn er um die +Mittagsstunde durch das Gewühl vor der Schifferbörse schritt, aufrecht +in den Schultern und biegsam wie ein Junger, lachte es ihn aus den +verwitterten Gesichtern in vertraulichem Stolze an, und ein Vorlauter +raunte wohl: Kornelius Vanderwelt ist in seine zweite Jugend gekommen.</p> + +<p>Der aber, dem das Raunen galt, wußte es besser. Er fühlte es täglich +und stündlich, daß keine zweite, keine Scheinjugend zu ihm gekommen +war und er nicht zu ihr, daß er wieder auf dem Wege seiner ersten und +einzigen Jugend schritt und ihn nicht mehr verlassen würde, bevor die +ewige Nacht es wollte.</p> + +<p>Nein, er dachte nicht an die ewige Nacht. Er dachte überhaupt nicht an +Tag oder Nacht. Er dachte nur an das starke Leben, das ihn umfing und +das sich aus dem edlen Ebenmaß der Tage und Nächte zusammensetzte wie +der Körper aus Haupt und Gliedern. Und daß es Angela Freydag war, die +das edle Ebenmaß bewirkte, durch nichts anderes als durch ihr Dasein.</p> + +<p>Daß sie da war. Daß sie im Morgen seines Tages stand<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> und im Mittag +und im Abend. Daß sie so sicher und verläßlich da war, wie Morgen, +Mittag und Abend wechselten. Über alle Liebe hinaus war es diese +starke Verläßlichkeit ihres Wesens, die ihm die federnden Kräfte +schenkte. Weil sie ihn des Rückwärtsschauens überhob.</p> + +<p>Wenn Kornelius Vanderwelt im Getriebe des Geschäftes der Gefährtin +gedachte — und er trug ihr Bild im Drang der Kontorarbeit bei sich +und im Getöse des Hafenverkehrs — so leuchtete sein Inneres wie von +geheimen Lichtern, und eine Wärme floß durch sein Blut, daß er mitten +in Arbeit und Verhandlung die Arme dehnte ...</p> + +<p>In den ersten Tagen ihrer Wiederkehr hatte sich Angela Freydag ihr +kleines Reich gerichtet. Kornelius Vanderwelt hatte es lächelnd in +Augenschein genommen.</p> + +<p>»Hübsch schaut dein Stübchen aus, Engel. Alles so blank und +säuberlich geordnet, wie die weißen und schwarzen Tasten auf deinem +Konzertflügel. Doch, doch, es ist der deine, der da drüben. Und wenn +du dein Reich nun doch schon mit dem Musikzimmer vergrößern mußt, um +zu dem deinen zu gelangen, so tue ruhig einen Schritt weiter in mein +Arbeitszimmer und nimm die andere Seite des Schreibtisches für dich.«</p> + +<p>»Gern, Kornelius, und du sollst nichts von mir merken.«</p> + +<p>»Das ist ja eben das Wunderschöne, Engel, daß ich es an der Leere des +Zimmers merken würde, wenn du nicht da wärst.«</p> + +<p>»Weißt du auch, daß du mich verwöhnst?«</p> + +<p>»Ich weiß nur, daß ich mich verwöhne und daß mir wohl ist, wie nie im +Leben.«</p> + +<p>»Wenn es an mir liegt,« erwiderte sie nur und sonst nichts, »sollst du +froh bleiben.«</p> + +<p>Und er blieb froh, und sie blieb es mit ihm über alle Maßen. Tief +im Brunnen ihrer Kindheit verschüttete Gaben<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> und Begabungen +tauchten auf, aus den Zeiten, da sie als halbflügges Mädchen für den +kleinen, elterlichen Haushalt einstehen mußte. Wenn der Vater eine +Opernvorstellung leitete und die Mutter, jählings den Nerven folgend, +Haus und Herd im Stiche ließ und dem Manne an der Theaterpforte +auflauerte. Oder aus den Tagen, da der Vater in einer Winkelkneipe +sein Eheelend niedertrank und die Mutter durch die Gassen irrte, um +ihn zu finden und wieder an sich zu ketten. Damals war sie Kind und +Köchin, Hausversorgerin und Helferin in eins gewesen, und während +ihres armseligen, körperlichen Dahinlebens auf der Musikhochschule +waren ihr die bitteren Errungenschaften zum Heil und Segen +ausgeschlagen.</p> + +<p>Auf starken Füßen stand sie heute im Leben. Und schon schmückte das +Grün des Lorbeers ihr Haar und wies ihr die weitgeöffneten Tore der +Welt. Und dennoch. Als wären es Schätze, die sie für den Geliebten, +den Toresprenger, aufbewahrt hätte, stieg sie in den Brunnen ihrer +Kindheit hinab und wählte und wog und förderte zutage. Weib war sie +geworden, und weil sie fühlte, daß sie es durch die Liebe zu dem einen +geworden war, gab es kein Ding für sie und kein Tun, das sie hätte +verkleinern können.</p> + +<p>Wenn er morgens das Frühstückszimmer betrat, harrte sie schon im +weißen Kleide am weißgedeckten Tisch, und alles wehte ihn wie weiße +Frische an und ließ ihn frische Atemzüge tun. Ihre Hände, die jedem +Gegenstand Ausdruck verleihen konnten, als wären es die singenden +Tasten des Flügels, maßen den Tee in die Kanne, ließen das aufkochende +Wasser über die Teeblätter sprudeln, füllten die Tassen und schnitten +die Brote. Wenn er zum Mittag heimkehrte, fand er sein Arbeitszimmer +blitzblank in der Ordnung, und keine Hand als die ihre war über +den Schreibtisch gewandert, keine Hand als die ihre hatte<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> gesorgt +und gesichtet, zurechtgerückt und doch alles in der alten Stellung +belassen. In schlichtem, kleidsamem Gewande, immer ein paar Blumen +an der Brust, saß sie mit ihm zu Tisch, und während er ihr sein +Erlebtes berichtete und sie kein Wörtlein davon verlor, schoben ihre +schmiegsamen Hände ihm in der Stille zu, was seine Augen suchten, das +Brot, den Wein, eine Frucht. Betrat er aber in der Feierabendstunde +sein Haus, ein wenig müde vom Tag und doch erwartungsvoll vor +dem, was er finden würde, so fand er sein Haus erleuchtet und den +Abendtisch geschmückt und inmitten von Licht und Farben das schöne +Geschöpf Gottes in der starken und gebändigten Freude, dem Manne eine +Freudenbringerin sein zu dürfen und sein bestes Teil. Nie erwartete +sie ihn zu dieser Stunde anders als in einem frohen und frohmachenden +Abendgewande, und der festliche Grundton ihres Beisammenseins war +angeschlagen, bevor sie sich zu Tische setzten, und hallte in +verstärkten Schwingungen fort, wenn sie, ihren Arm in dem seinen, das +Musikzimmer betraten zum ineinanderklingenden Zusammenspiel. Oder, +was er immer heißer liebte, zum Einzelspiel und zur Offenbarung ihrer +machtvoll gesteigerten Natur.</p> + +<p>Solcher Gestalt waren die Tage und Nächte, die das edle Ebenmaß +hielten und doch in Farbe und Gestaltung vom Heute zum Morgen +wechselten, wie die Rose dem Flieder folgt und der glühende +Herbststrauß den Rosen und Syringen.</p> + +<p>Solcher Gestalt und immer in sich verschieden.</p> + +<p>Denn der schnelle Wagen blieb nicht im Gewahrsam und führte sie auf +weiten Fahrten landein und landaus in still träumende Landschaften und +lautwogende Städte. Und die weiße Motorjacht zerrte nicht vergebens im +Getaue und wußte Einblicke und Ausblicke auf den ungezählten<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Meilen +der Wasserbahn, die mit den Pferdekräften der Maschine spielend zu +gewinnen waren. Oft rötete sich im Osten der Morgenhimmel, und die +schlanken Uferpappeln streckten ihre Spitzen in das Purpurgold, wenn +sie heimkamen und mit verschlungenen Armen das Haus betraten.</p> + +<p>Noch war kein Auge in die Verschmolzenheit ihres Lebens, in das +Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit eingedrungen.</p> + +<p>»Es wird Zeit,« sagte Angela an einem Morgen und strich ganz zart +über seine glücklichen Augen, »es wird Zeit, Kornelius, daß ich deine +Kinder sehe.«</p> + +<p>»Meine Kinder sind erwachsene Menschen, wie du bist und ich bin, und +gehen ihre eigenen Wege.«</p> + +<p>»Sie sollen nicht glauben, wir versteckten uns im Garten Eden, +Kornelius.«</p> + +<p>Seine Augen flammten herrisch auf, und sie bedeckte sie rasch mit +beiden Händen.</p> + +<p>»Ruhig, ruhig bleiben,« bat ihre Stimme.</p> + +<p>»Wenn ich deine lieben Hände spüre, bin ich es, Engel. Und nun will +ich ganz ruhig sprechen. Meine Kinder haben zeit ihres Lebens nur von +ihren Rechten Gebrauch gemacht und nie an ihre Pflichten gedacht. +Sie haben sich aufs Geratewohl ihr Leben gezimmert, wie es sie am +angenehmsten dünkte, und meine Wünsche in den Wind geschlagen. Kann +ein Mensch oder eine höhere Gewalt von mir verlangen, daß ich die +Gleichstellung, die sie so früh erzwungen haben, noch unterbiete und +mich freiwillig unter ihre Vormundschaft begebe? Nein und nie, Angela.«</p> + +<p>Er nahm ihre Hände von seinen Augen, legte sie eine Sekunde lang gegen +seinen Mund und schritt zum Schreibtisch, um die Aufschriften der +eingelaufenen Morgenpost anzusehen.</p> + +<p>Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er das Briefpaketlein<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> wieder auf +die Tischplatte gleiten ließ und sich nach ihr umwandte. Ihre Blicke +ruhten ineinander.</p> + +<p>»Konntest du mich wirklich mißverstehen, Kornelius? Nicht wahr, diese +Frage klingt schon ganz unmöglich? Es war nur dein rascher Zorn, der +den Unbilligkeiten anderer galt und mich dabei streifte. Nein, nein,« +wehrte sie in seiner schnellen Umarmung. »Es tut nicht weh. Wie könnte +mir die Liebe wehe tun? Und den Garten Eden habe ich ja gar nicht +ihrer Bevormundung unterstellen wollen. Eher brennte ich ihn mit +eigenen Händen nieder. Ja, du, ich wäre imstande dazu. Umgekehrt habe +ich es gemeint. Unser Garten Eden steht mir so hoch und unantastbar, +daß nicht einmal der Glaube an ein Versteckenspielen in anderen Köpfen +auftauchen darf, ohne eine Beleidigung zu sein. Unsere Stammeltern +sind nicht aus dem Paradiese vertrieben worden, weil sie vom Baum des +Lebens aßen, sondern weil sie feige waren und sich vor Gott versteckt +hielten, als er sie rief.«</p> + +<p>»Und du? Und du?« rief er, hielt ihren Kopf von sich und sah ihr groß +in die Augen.</p> + +<p>»Ich?« fragte sie zurück. »Ich oder du, es ist das gleiche. Wenn +dieser Baum unseres Lebens gefällt werden sollte, so würden wir +mitgefällt. Denn er ist nicht im Paradiese, sondern aus Dornen und +Disteln gewachsen und aus allem Unglauben unseres Lebens, so hoch, daß +wir lebensgläubig werden sollten.«</p> + +<p>»Wie stark und furchtlos dein Glaube ist, Angela-Engel.«</p> + +<p>»Wenn ich einem Menschen das Erdenglück bringen und tief empfinden +darf, wie es im Wechsel in mich zurückflutet, so weiß ich, daß ich +auf dem rechten Wege zum Himmel bin, soweit es Menschenkinder wissen +können.«</p> + +<p>»Mit deinen reinen Händen, Angela. An deinen reinen Händen liegt es.« +— —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> + +<p>Selten war Kornelius Vanderwelt so hochgemut über die Straßen +geschritten wie an diesem Morgen. Noch lag der Widerschein des +Erlebnisses auf seiner Stirn, als er das Geschäftshaus betrat und +durch die Pultreihen hindurch sein Sondergelaß aufsuchte.</p> + +<p>Durch den Fernsprecher rief er zum Hauptkontor hinüber.</p> + +<p>»Ich bitte Herrn Beckenried mit den Eingängen zu mir.«</p> + +<p>Die Verbindungstür öffnete sich und schloß sich. Schritte kamen näher +und hielten an. Kornelius Vanderwelt wandte den Kopf.</p> + +<p>»Ah, ihr seid es? Guten Morgen, Klaus. Guten Morgen, Thomas. Weshalb +kommt Vater Beckenried nicht?«</p> + +<p>»Mein Vater,« hob Klaus Beckenried an, »läßt sich entschuldigen. Er +liegt krank zu Bett.«</p> + +<p>»Oh — das bedaure ich. Wieder einmal ein Anfall seines alten +Leberleidens?«</p> + +<p>»Diesmal ist es die Galle.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt hob die Augen von den Briefschaften. Er sah dem +jungen Manne auf den zusammengekniffenen Mund.</p> + +<p>»Du betonst das Wörtchen ›diesmal‹ so eigentümlich, Klaus? Hat es +einen Grund?«</p> + +<p>»Ich wollte damit sagen, daß es einmal ein Leberleiden und einmal +ein Gallenleiden ist, was der Vater als Belohnung von dannen trägt. +Diesmal ist es die Galle.«</p> + +<p>»Entspricht es deinem besonderen Wunsche, Klaus, daß Thomas unserer +Unterhaltung beiwohnt? Ich pflege sonst den Kreis der Zuhörer selber +zu bestimmen.«</p> + +<p>Der junge Beckenried blickte in die Zimmerecke.</p> + +<p>»Es entspricht meinem besonderen Wunsch. Er kann nur daraus lernen, +wie ein Mitglied der Familie Vanderwelt sich <em class="gesperrt">nicht</em> zu benehmen +hat. Jawohl, das behaupte ich.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<p>»Darf ich fragen, um welches Mitglied der Familie Vanderwelt es sich +handelt.«</p> + +<p>»Um Juliane handelt es sich.«</p> + +<p>»Da bedauere ich recht herzlich. Juliane ist auf dein +leidenschaftliches Begehren vor sechs Jahren aus der Familie +Vanderwelt ausgeschieden, um ohne Aufschub zu einem Mitglied der +Familie Beckenried zu werden. In diesem Falle müßte sich also ein +Mitglied der Familie Beckenried schlecht benommen haben.«</p> + +<p>»Es handelt sich hier nicht um Spitzfindigkeiten,« brauste der +Erbitterte auf.</p> + +<p>»Nein, es handelt sich in meiner Gegenwart um Ruhe und guten Ton. Wenn +deine Angelegenheit wieder einmal keinen Aufschub verträgt, wie vor +sechs Jahren bei der Kriegstrauung, so nimm Platz und erzähle mir, +durch welche Umstände sich dein Vater ein Gallenleiden zugezogen hat.«</p> + +<p>Er wies höflich auf einen Stuhl, und der junge Beckenried setzte sich +widerwillig auf die Kante.</p> + +<p>»Darf ich mich jetzt beurlauben,« fragte Thomas Vanderwelt, und über +sein verblaßtes Gesicht lief der Spott.</p> + +<p>»Da dein Schwager Klaus dich bestimmt hat, mit einzutreten, so mag er +weiter bestimmen.«</p> + +<p>»Ich weiß ja nicht einmal mehr, was ich selber hier soll,« murmelte +der junge Beckenried und hob die Achseln, »nach der geschickten +Wendung, die du dem Gespräch gegeben hast.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt strich sich über die Stirn. Und es war ihm, als +ob er Angelas kühlende Hand fühlte.</p> + +<p>»Es freut mich, Klaus, daß du meine Geschicklichkeit, ein Gespräch +ohne Umschweife in die rechte Bahn zu lenken, anerkennst. Du tust es +ein bißchen grimmig. Aber verärgerte Leute haben das Recht des Grimmes +voraus.<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> Also deine Frau hat dir Grund zur Unzufriedenheit gegeben, +und du möchtest meine Erfahrenheit um Rat fragen. Ich bin ganz Ohr.«</p> + +<p>»Die schlechte Mädchenerziehung Julianes«, stieß der Erzürnte hervor, +»trägt in der Ehe von Jahr zu Jahr herrlichere Früchte. Ach, was sage +ich! Von Tag zu Tag! Von Tag zu Tag wird ihr Betragen unerträglicher. +Erst hat sie mir das Geld aus der Tasche genommen. Jetzt, da ich mich +vorsehe, nimmt sie es dem Vater. Und gestern —«</p> + +<p>»Halt einmal,« ersuchte Kornelius Vanderwelt und winkte mit der Hand +kurz ab. »Die schlechte Erziehung meiner Tochter steht hier nicht +zur Untersuchung, sondern das schlechte Benehmen deiner Ehefrau. +Bitte, <em class="gesperrt">ich</em> habe das Wort, du hast das unfertig erzogene Kind +gewollt, wie es ging und stand und aus der Schweizer Erziehungsanstalt +weggelaufen war. Acht Tage eines ziemlich ungebundenen Zusammenseins +schienen dir vollauf zu genügen, um ihr liebenswertes Gemüt so +schwärmerisch zu ergründen, daß es eine Kriegstrauung auf Knall und +Fall geben mußte. Ich habe dich ernst gefragt und dich ernst gewarnt, +und du hast dich verantwortungsfroh vor mich hingestellt und mir deine +und ihre Vorzüge aufgezählt. Noch höre ich dein Wort im Ohr: ›Herr +Vanderwelt, ich enttäusche Sie nicht‹ und meine Antwortfrage: ›Wissen +Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht +enttäuschen wird?‹ Aber mein Rat, das Ende des Feldzuges abzuwarten, +wurde rückhaltlos zur Seite geschoben. Nun <em class="gesperrt">suchst</em> du Rückhalt.«</p> + +<p>»Ich suche keinen Rückhalt! Ich ersuche dich um dein väterliches +Eingreifen!«</p> + +<p>»Lieber Klaus, das wäre! Eheangelegenheiten liegen immer nur zwischen +zweien. Die seligen Tage wie die weniger beseligenden. Wenn du +einer Frau noch nicht<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> gewachsen warst, so hättest du das Heiraten +unterlassen sollen. Aber keinen Dritten hineinziehen. Keinen Dritten, +wenn dir an Glück und Ehre gelegen ist.«</p> + +<p>»Predige es doch deinem Sohn Thomas! Seine Ehre kann es weit mehr noch +gebrauchen als die meine!«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt zog die Lippen von den Zähnen.</p> + +<p>»Ich beklage mich ja auch nicht. Ich belustige mich höchstens. Auch an +dir, teurer Schwager Klaus.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt lehnte sich mit kühler Stirn im Stuhle zurück.</p> + +<p>»Die persönlichen Unterhaltungen sind hiermit beendet. Was habt ihr +mir Geschäftliches vorzutragen?.«</p> + +<p>Der jüngere Beckenried erhob sich straff von seinem Stuhl, und auch +Thomas Vanderwelt ließ seine Lässigkeit fahren und stand in aufrechter +Haltung vor dem Geschäftsherrn. Das Geschäft regierte die Stunde.</p> + +<p>Der junge Beckenried trug die eingegangenen Aufträge vor. Nach jeder +einzelnen Nennung wartete er die Bemerkungen des Geschäftsherrn ab +und machte sich seine Aufzeichnungen. Thomas Vanderwelt berichtete +über das Angebot des Schiffsraumes, nannte die Eigentümer der Kähne +und ihre Forderungen. Dann waren sie entlassen, und Kornelius +Vanderwelt arbeitete für sich, prüfte die Verteilungspläne, Lade- und +Löschzeiten und die Möglichkeiten der Rückfrachten. Oft hob die Hand +den Fernsprecher ab, verhandelte er kurz mit den Werken, Zechen und +Reedereien, rief er die Auftraggeber am Oberrhein, in Holland, an den +Kanalplätzen an und schrieb und rechnete aufs neue. Jeder Gedanke war +scharf auf die Schiffsverfrachtungen gerichtet. Nicht einer sprang ab +und suchte einen Haken auf das persönliche Gebiet zu schlagen. Die +Willenskraft des Mannes hielt sie ans Stichwort gebannt.</p> + +<p>Um die elfte Morgenstunde überschritt er den Hafendamm<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> und stand eine +Weile eingekeilt zwischen den angesammelten Schiffern. Hände legten +sich auf seine Schultern, Zurufe wirrten in seinem Ohr.</p> + +<p>»Wir finden bei dem Geschäft keine Rechnung mehr, Herr Vanderwelt! +Wenn wir glücklich im Bestimmungshafen anlegen, is et Geld entwertet! +Wat tun wir mit den steigenden Frachtlöhnen, wenn der Geldwert noch +schneller fällt. Dat is Beutelschneiderei! Da soll der Deubel fahren, +aber nich wir!«</p> + +<p>»Vernunft behalten!« rief ihnen Kornelius Vanderwelt entgegen, »wenn +der Deubel fährt, könnt ihr die Asche kratzen. Es ist die verfluchte +Zeit, die Beutelschneiderei betreibt, nicht der Handel. Aber es muß +ein Ausweg geschaffen werden.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, Sie haben so oft unsere Sache in Ihre Hände +genommen, helfen Sie uns aus dem Dreck!«</p> + +<p>»Wenn ihr Zutrauen zu mir habt —«</p> + +<p>»Haben wir alle!«</p> + +<p>»Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Getretener Quark wird breit, nicht +stark. Und nun laßt mich hineingehen.«</p> + +<p>Ein paar Hochrufe erschallten. Und Kornelius Vanderwelt wußte nicht, +ob sie dem Weisen von Weimar galten oder seiner Mittlerperson.</p> + +<p>Er betrat die Halle der Schifferbörse und suchte den Vorstand auf.</p> + +<p>»Wollen wir keine Stockungen im Handels- und Schiffsverkehr, so +schlage ich die Gutschrift der Löhne in Gulden vor, meine Herren, bis +sich die deutsche Reichsmark wieder sehen lassen kann. Wir stehen +erst am Beginn der Wertsenkung und es wird im Vaterlande ein wüstes +Durcheinander werden. Erhalten wir uns die Kahnführer arbeitsfreudig, +mit einigen Opfern am Kursgewinn kann es geschehen, und die Schiffahrt +wird oben schwimmen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> es mit den meisten anderen Unternehmungen +in den dicken Nebel oder jäh in die Tiefe geht.«</p> + +<p>Der Vorstand beschloß, sofort die in den Ruhrhäfen verladenden +Firmen und die in den Ruhrhäfen verkehrenden Einzelschiffer, die +›Partikuliers‹, zu einer Börsenversammlung einzuberufen und dem +drohenden Unwetter vorzubeugen.</p> + +<p>Die Masse der Schiffer hatte sich noch nicht vom Platze bewegt, als +Kornelius Vanderwelt wieder aus der Halle trat. Die Leute schauten ihn +schweigend, aber mit gekniffenen Augen an.</p> + +<p>»Börsenversammlung! Mit abgekürzter Einladefrist!« rief er den +Nächststehenden zu. »Kerle, die in Wind und Wetter ihren Mann stehen, +werden es wohl auch bei dem bißchen Geblase an Land. Also ruhig und +würdig, Leute. Mit dem Koller fährt man auf und mit der Kaltblütigkeit +wirft man das Schiff ins Fahrwasser herum. Wollen mal sehen, was mit +dem holländischen Gulden zu machen ist, he? Die Einzelschiffer stimmen +gleichberechtigt mit den Firmen.«</p> + +<p>Die Nächststehenden hatten Satz für Satz weitergegeben. Es wurde +still, und die gekniffenen Augen weiteten sich friedlich. Ein Alter, +der den Bart als Schifferkrause von Ohr zu Ohr trug und baumelnde +Ringe in den Ohren, trat vor und streckte Kornelius Vanderwelt die +rissige Hand entgegen.</p> + +<p>»Schönen Dank auch, Herr Vanderwelt. Wir vergessen nix.«</p> + +<p>Allein wie er gekommen war, schritt Kornelius Vanderwelt seinem +Geschäftshause zu. Zu Erholungsfahrten war in diesen unruhigen Tagen +nicht die Zeit. Und der Sommer näherte sich schon dem Herbst, bevor +sie wieder hinaus konnten in die Nähe und Weite, die Gefährtin eng an +des Mannes Seite.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>Angela Freydag aber hatte längst ihre einstige Schülerin aufgesucht, +und Kornelius Vanderwelt hatte nichts mehr dawider gehabt.</p> + +<p>»Du giltst in der Stadt als eine Verwandte, die nach Fräulein +Bilsenbachs Tod mein Hauswesen leitet. Soweit man bei unserer +Abgeschlossenheit überhaupt Vermerk von dir zu nehmen geruht hat. Die +Kinder haben mich noch nicht ein einziges Mal befragt, so sehr sind +sie mit der Fülle ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt.«</p> + +<p>»Ich denke, die Stadt nimmt auch weiter keinen Vermerk von mir. Mein +Tag ist mit dir ausgefüllt.«</p> + +<p>»Es liegt im Wesen einer Hafenstadt, Engel, daß man sich die übliche +Neugier ein wenig abgewöhnt, richtiger, daß sie einem abgewöhnt wird. +Jeder Tag bringt hundert neue Schiffe und mit den Schiffen hundert +neue Gesichter. Keiner weiß: Sah ich dies Gesicht schon oder wann sah +ich es zuletzt? Sind es Gäste, Durchreisende, Geschäftsfreunde oder +Angestellte? Und so schwindet die Achtsamkeit schnell.«</p> + +<p>Zu einer Vormittagsstunde wurde Juliane Beckenried der Besuch eines +Fräulein Freydag gemeldet.</p> + +<p>»Wie sieht sie aus?« fragte sie leichthin und vertraulich das Mädchen. +»Wie eine Dame oder nur wie eine Geschäftsdame?«</p> + +<p>»Rechnungen hat sie nicht bei sich, gnädige Frau.«</p> + +<p>»Liebes Kind, antworten Sie nächstens genauer auf meine Frage. Ihre +Dummheit in Ehren. Ich lasse das Fräulein bitten.«</p> + +<p>Angela Freydag trat über die Schwelle, im schlichten, ruhigen +Straßenkleid. Sie sah nicht das weiße Rokokozimmer mit den farbigen +Bildflecken an den Wänden. Ihre Augen waren verwundert auf die +überschlanke Gestalt im kniefreien, buntseidenen Morgengewand +gerichtet, auf das jungenhaft verschnittene, mit wenigen Strichen +zurechtgekämmte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> Haar, auf die forschenden Augen mit den fein +nachgezogenen Schattenrändern.</p> + +<p>»Sind Sie es, Juliane?«</p> + +<p>Juliane Beckenried warf einen flüchtigen Blick auf die Besuchskarte +und trat einen Schritt näher.</p> + +<p>»Sie reden mich bei meinem Vornamen an? Haben wir uns denn einmal +gekannt, gnädiges Fräulein?«</p> + +<p>»Also ganz in Ihrem Gedächtnis erloschen? Freilich, es sind wohl ein +Dutzend Jahre, und Sie waren noch ein kleines Schulmädchen und sind +heute eine Frau, die wohl selber schon einen kleinen Schuljungen +ausschickt. Ich hieß aber damals, wie ich heute heiße, Angela Freydag, +und erteilte Ihnen ein Jahr lang Klavierunterricht.«</p> + +<p>»Ach, Sie sind das? Ich habe vielerlei Klavierlehrerinnen gehabt. +Aber Ihrer entsinne ich mich jetzt. Natürlich, Sie wohnten doch eine +Zeitlang in unserem Hause, wenn ich mich recht erinnere? Ja, doch! +Papa beschenkte Sie zu Weihnachten mit einem ganzen Aussteuerkoffer. +Und ich war furchtbar neidisch.«</p> + +<p>»Also das wissen Sie doch noch ...?«</p> + +<p>Juliane Beckenried legte den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich zu +einem Spalt.</p> + +<p>»Und nun wollen Sie nachfragen, mein Fräulein, ob ich meinem Sohn +Klavierunterricht erteilen lassen will? Er ist wirklich noch ein wenig +unbedeutend, und die Musik, die Sie lehrten, dürfte auch überholt +sein.«</p> + +<p>»Gestatten Sie, daß ich für die kurze Dauer meines Besuches Platz +nehme?« fragte Angela Freydag freundlich.</p> + +<p>»Oh — ganz nach Belieben. Ich erwarte nämlich meine Schneiderin. Das +ist heute eine wichtige Angelegenheit.«</p> + +<p>»Nicht wahr? Wichtig und verwunderlich bei den paar Handbreit +Stoffen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p> + +<p>Sie saß bequem in einem Halbsessel zurückgelehnt und plauderte.</p> + +<p>»Nein, Juliane, auf welche Gedanken Sie kommen. Ihr kleiner Junge +hat nichts von meiner Klavierkunst zu befürchten. Ich betreibe sie +sozusagen nur zu meiner und weniger anderer Freude. Beethoven, +wissen Sie, nicht Jazz. Aber das wollen wir ruhig als persönliche +Liebhabereien gelten lassen.«</p> + +<p>Juliane Beckenried hatte sich in aufquellender Neugier einen zweiten +Halbsessel herangezogen.</p> + +<p>»Oh — ich habe sehr um Entschuldigung zu bitten. Durch die +Kleidung wird es einem heute so schwer gemacht, eine Dame von einem +berufstätigen Fräulein zu unterscheiden. Denken Sie, ich wurde +kürzlich für ein niedliches Ladenmädchen gehalten und von einem +Ladenjüngling zum Tanz aufgefordert.«</p> + +<p>»Hoffentlich haben Sie ihn gebührend in seine Schranken gewiesen.«</p> + +<p>»Ach, wieso denn? Der Junge war so belustigend und übernimmt einmal +das Damenkleidergeschäft seines Vaters.«</p> + +<p>»Ja, wenn er das tut — dann ist es freilich eine andere Sache.«</p> + +<p>Juliane lachte. Sie wurde nicht recht warm mit der Besucherin, die +selbst beim Scherzen den ernsten Mund behielt.</p> + +<p>»Sie befinden sich auf der Durchreise in Ruhrort, Fräulein Freydag?«</p> + +<p>»Das wohl nicht. Sowenig wie vor zwölf Jahren. Ihr Herr Vater +behauptet, ein Recht aus einer Verwandtschaft herzuleiten, die uns +von früher verbindet, und hat mich nach Fräulein Bilsenbachs Tod noch +einmal in sein Haus gerufen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>»Papa sollte uns sein Haus übergeben und eine nette +Junggesellenwohnung beziehen. Dann wäre ihm und uns geholfen und er +brauchte keine Verwandte zu behelligen. Übrigens — Verwandte? Ich +kenne wirklich keine mehr.«</p> + +<p>Angela Freydag sah die Befragerin lächelnd an.</p> + +<p>»Die Verwandtschaft liegt wohl schon um ein paar Ecken und Winkel +herum. Aber Ihrem Herrn Vater genügt sie.«</p> + +<p>»Der Papa wird alt,« seufzte Juliane, »er täte gut, das Geschäft +langsam in die Hände meines Mannes übergehen zu lassen. Auch Thomas +würde sich freuen.«</p> + +<p>»Ich habe Thomas noch nicht wiedergesehen«, sagte Angela Freydag, +»und vermag mir daher ein Urteil über seine Anschauungen noch nicht +zu bilden. Aber ich will gern das Meine tun, in Ihrem Herrn Vater den +Glauben an die Jugend zu erhalten.«</p> + +<p>Juliane verstand nicht recht.</p> + +<p>»Meinen Sie damit, den Glauben an uns? Dann reden Sie ihm doch zu, +ihn etwas stärker zu beweisen und — und — in die Wirklichkeit +umzusetzen. Liebes Fräulein Freydag, wenn Sie meine Freundin werden +wollen — Sie sehen, ich falle mit der Tür gleich ins Haus — so +überreden Sie Papa, daß er mir in diesem schrecklich teuren Leben +ein wenig Luft schafft. Ich bin für jede Summe dankbar, die er mir +zuwendet. Am liebsten für ein festes Monatsgeld, damit ich weiß, wie +weit ich springen kann. Und wenn Ihr Sinn einmal aus der alltäglichen +Langweiligkeit hinaus in die Fröhlichkeit reizender junger Menschen +steht, so rufen Sie es mir durch den Fernsprecher zu und ich nehme Sie +mit und führe Sie ein. Es braucht ja nicht gerade Ruhrort zu sein.«</p> + +<p>»Bei meinem hohen Alter, Juliane? Wollen Sie mich etwa als Ihre +ehemalige Lehrerin vorstellen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p> + +<p>»Ach, das wird schon gemacht. Es tun noch Ältere mit, und Sie wirken +ganz jugendlich. Das ist doch heute kein Kunststück.«</p> + +<p>»Sehr schmeichelhaft, Juliane. Trotzdem fürchte ich, Sie werden wenig +Ehre mit mir einlegen.«</p> + +<p>»Hauptsache ist: bringen Sie recht viel Geld mit. Sie werden es dem +alten Herrn schon abschmeicheln können.«</p> + +<p>Angela Freydag erhob sich. Soviel Oberflächlichkeit des Wesens, +soviel einfältige Selbstsucht hatte sie nicht einmal nach Kornelius +Vanderwelts Erzählungen zu vermuten gewagt. Eine Bitterkeit stieg ihr +auf die Lippen, die, stieg sie noch um ein geringes, den ersten Keim +der Feindschaft in sich trug.</p> + +<p>»Ihr Herr Vater ist jünger als Sie und ich. Von dem reizenden Kreis +junger Menschen ganz zu schweigen, die nur durch das väterliche Geld +zu ihrem Reiz gelangen. Und er ist auch klüger und wertvoller als +dieser ganze Kreis, denn sonst hielte er nicht mit seinem Gelde und +seinen Gesinnungen zurück. Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und +ergeben Sie sich ihm.«</p> + +<p>Auch Juliane hatte sich heftig erhoben. Ein gereiztes Rot stieg ihr in +das hübsche Gesicht.</p> + +<p>»Darf ich vielleicht fragen — was mir denn eigentlich — die Ehre +Ihres Besuches verschafft?«</p> + +<p>»Dazu haben Sie gewiß das Recht,« sagte Angela Freydag und knöpfte +ruhig ihren Handschuh zu. »Ich vermochte nicht zu glauben, daß eine +Tochter so sehr von ihrem Vater verschieden sein könnte, und wollte +versuchen, der Tochter den Weg zur Rückkehr anzubahnen. Ich wiederhole +darum: Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«</p> + +<p>»Ja, meine hochverehrte Lehrerin, dann hätten wir uns wohl weiter +nichts mitzuteilen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<p>»Mögen Sie Ihre Abweisung nie bereuen.«</p> + +<p>»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie im warmen Nest sitzen und Papa +dazu bewegen könnten, sein Testament zu meinen Ungunsten abzuändern —«</p> + +<p>»Lassen Sie das!«</p> + +<p>Juliane tat einen Schritt zurück. Die blitzenden Augen standen dicht +vor ihr. Sie duckte den Kopf, wie aus einer feigen Furcht, die Fremde +möchte sie anspringen und niederreißen.</p> + +<p>Draußen ging die Flurtür. Ein schneller Schritt, und die Tür zum +Empfangszimmer wurde aufgestoßen.</p> + +<p>»Ah, Klaus! Zu so ungewöhnlicher Zeit?«</p> + +<p>»Wer ist die Dame?« fragte eine schroffe Stimme. »Willst du mich nicht +vorstellen?«</p> + +<p>»Meine ehemalige Klavierlehrerin, Fräulein Freydag. Mein Mann. Ein +andermal, Klaus. Du siehst, daß ich Besuch habe.«</p> + +<p>»Ich bin im Begriff zu gehen, Herr Beckenried.«</p> + +<p>»Ein andermal?« wiederholte Klaus Beckenried ohne die geringste +Rücksicht auf die fremde Dame. »Besuch? Soll ich das vielleicht +auch der Menschensorte sagen, bei der du das Geld schuldig bleibst +und die mich vor den Geschäftsangestellten lächerlich macht? Die +sogenannte Klavierlehrerin kann zuhören, denn was mit dir verkehrt, +kann's vertragen! Eine unerhörte Rechnung über Wagenfahrten wird +mir überreicht. Hab' ich denn eine Verrückte zur Frau? Ich habe die +Tochter Kornelius Vanderwelts geheiratet, und dieser Geizhals — +dieser Geizhals —«</p> + +<p>»Sie sind ein Lügner,« sagte Angela Freydag und ging hinaus. —</p> + +<p>Das also war die Frauenblüte Julianes. Das also war ihr Gatte Klaus +Beckenried. Und ein wildes und schmerzhaftes Mitleid mit dem Manne +überfiel sie, der soviel Unwürde<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> und Unritterlichkeit aus seinem +Hause auskehren mußte, um — ein Einsamer zu werden. Nein! schrie es +in ihr. Nie ein Einsamer! Nie, nie, solange ich lebe.</p> + +<p>Zu Hause warf sie sich an Kornelius Vanderwelts Brust und umschlang +ihn mit beiden Armen.</p> + +<p>»Was hast du, Engel?«</p> + +<p>»Was ich habe? Ich habe dich bisher noch lange nicht lieb genug gehabt +und dachte doch schon, weiter ginge keine Liebe.«</p> + +<p>Er strich ihr ein Strähnchen des hellen Haares aus der Stirn, wickelte +es um seinen Finger wie einen Ring, strich es wieder glatt.</p> + +<p>»Liebe erkennt keine Grenzen an. Das ist das einzige, was wir sicher +wissen. Und ich will dich nicht weiter befragen.«</p> + +<p>Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihm in die Augen. Seine Arme +hielten sie.</p> + +<p>»Frag' nur immer, Kornelius. Du wirst nie erleben, daß ich nicht +antworten möchte. Ich war bei deiner Tochter Juliane, und ich habe +auch ihren Gatten kennengelernt, und nun wollen wir nicht mehr darüber +sprechen.«</p> + +<p>Aber der Tag sollte nicht zur Neige gehen, ohne daß noch einmal der +Name Beckenried fiel. Gegen den Abend hin stellte sich der junge +Thomas Vanderwelt ein, mit einem Strauße auserwählt schöner Rosen, den +er Angela Freydag feierlich überreichte.</p> + +<p>»Meine verehrte Gönnerin aus Knabenzeiten,« hob er an, und es lief ein +lustiger Schein über sein verblaßtes Jungmännergesicht, »muß mir aus +dem trüben Schwagerhause Beckenried die Kunde Ihres Hierseins kommen? +Meine geliebte Frau Antonie brachte sie zu Tisch mit heim. Sie war +gleich nach Ihnen in das häusliche Ungewitter geraten und erhielt noch +ihr wohlverdientes Teil. Aus der<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Berufung auf meine Frau wollen Sie +freundlichst ersehen, daß ich verheiratet bin, etwas lautloser, aber +darum nicht weniger glücklich. Und aus dem Munde meines Vaters wurde +mir heute nachmittag die Bestätigung, daß Sie schon seit Monaten, +schon seit einem halben Jahre fast, bei uns weilen. Und ich darf Ihnen +erst heute diese Willkommrosen zu Füßen legen.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Thomas. Sie haben sehr schön gesprochen.«</p> + +<p>»Das klang wie das ›Wundervoll, wundervoll!‹, wenn ich im Klavierspiel +schrecklich danebengriff.«</p> + +<p>»Kommen Sie, Thomas. Setzen Sie sich zu mir. Wollen Sie rauchen? +Natürlich ist es gestattet.«</p> + +<p>»Sie sind eine Frau nach dem Herzen Gottes. Mein Gaumen verhungert +geradezu nach einer Zigarette.«</p> + +<p>Sie reichte ihm Zigarette und Feuer und rauchte selber nicht.</p> + +<p>»Hören Sie, Thomas. Wir wollen diesen Verkehrston gar nicht erst +zwischen uns aufkommen lassen. Wie ich weiß, spricht man so oder +ähnlich mit den Bardamen. Nicht wahr, Sie schätzen mich ein wenig +höher ein. Geben Sie mir Ihre Hand, Thomas. Darf ich Sie als +gestrengen Eheherrn überhaupt noch Thomas nennen?«</p> + +<p>Er beugte sich, wie er als Knabe nach einem Verweis getan hatte, über +ihre Hand und küßte sie.</p> + +<p>»Sie verstehen es noch immer, eine Verlegenheit in eine Freudigkeit +umzuwandeln, Fräulein Angela. Gelt, so darf ich Sie doch anreden? Von +der fernen Verwandtschaft, die mein Vater endlich anzudeuten beliebte, +gänzlich abzusehen.«</p> + +<p>Sie nickte ihm zu und schüttelte ihm die Hand.</p> + +<p>»Weshalb machen Sie sich im Hause Ihres Vaters so selten, Thomas? Die +Wiedersehensfreude hätten wir schon eher genießen können.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>»Ich mache mich doch nicht selten, Fräulein Angela? Ich war doch erst +zum Neujahrstage in meines Vaters Hause und habe als guter Sohn meinen +Spruch aufgesagt. Und jetzt schreiben wir kaum Herbstanfang.«</p> + +<p>»Thomas,« bat sie und hielt immer noch seine Hand, »wollen wir nicht +auch von Ihrem Herrn Vater miteinander in einem ehrerbietigen Tone +sprechen? Er hat Sie sehr liebgehabt, Thomas.«</p> + +<p>Seine hagere Hand zuckte in der ihren. Sie gab sie frei und wartete.</p> + +<p>»Donnerwetter, Fräulein Angela. Sie machen nicht viel Federlesen und +greifen gleich die ganze Front an.«</p> + +<p>»Sie mögen daraus ersehen, Thomas, daß ich Sie keineswegs +geringschätze. Was haben Sie gegen Ihren Vater?«</p> + +<p>Er starrte auf seine Stiefelspitzen und zog die Lippen von den Zähnen.</p> + +<p>»Liegt Ihnen wirklich daran, meine Beichte zu hören?« und der Hohn +klang mit.</p> + +<p>»Nein, daran liegt mir nichts. Ich fragte nur das eine, was mich am +tiefsten bewegt: was haben Sie gegen Ihren Vater?«</p> + +<p>»Die Scham, ihm die neue Tochter ins Haus gebracht zu haben.«</p> + +<p>Da wurde es totenstill zwischen ihnen. Wie erschlagene Leiber lagen +die Worte im Raum.</p> + +<p>Thomas Vanderwelt prüfte als erster seinen Atem. Er sog ihn tief ein +und stieß ihn heftig aus.</p> + +<p>»Was ich doch wissen wollte, Fräulein Freydag: was macht Ihre +göttliche Kunst? Ich hoffe, Sie erfreuen meinen Vater recht oft mit +ihr. Es ist die starke Welle, die ihn über die wildesten Meere trägt.«</p> + +<p>»Weil Sie für Ihren Herrn Vater bitten, will ich es gern und zu jeder +Stunde tun.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> + +<p>Die Gespanntheit seines Gesichtes ließ nach. Er lachte sie echt +jungenhaft an.</p> + +<p>»Ich bin durchaus nicht schwerhörig, Fräulein Angela, und ein Lob +pick' ich mir immer noch aus den Vermahnungen heraus wie früher die +schönen braunen Rosinen aus dem Kuchen. Aber nun möchte ich Sie auch +belobigen. Sie waren als junges Fräulein trotz Ihrer Hagerkeit ein +eigenartig rassiges Geschöpf. Ein Dutzend Lebensjahre dazu, und die +schönste Rassigkeit wird zu einer — na, sagen wir: herben —«</p> + +<p>»Hexenhaftigkeit,« half sie ihm aus.</p> + +<p>»Nun, das klingt ein wenig hart. Aber da es bei Ihnen nicht zutrifft, +mag es bestehen bleiben. Das Dutzend Lebensjahre dazu hat Ihre +Rassigkeit nur zur antiken Schönheit veredeln können.«</p> + +<p>Angela Freydag neigte tief den Oberkörper gegen ihn.</p> + +<p>»Meine weibliche Eitelkeit will das Wort ›antik‹ nicht gehört haben. +Es ist ein Fremdwort und läßt sich mit alten Jahren und mit alt im +Geiste des Altertums übersetzen. Für einen geistvollen Mann wie Sie +kommt natürlich nur die letzte Andeutung in Betracht, und ich nehme +die Huldigung mit Vergnügen entgegen.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt verneigte sich mit derselben Feierlichkeit. Aber +sein Gesicht behielt den Ernst auch weiter bei.</p> + +<p>»Wie wohl muß dem Vater Ihre Gegenwart tun,« sagte er, und seine +Stimme hatte den spottenden Beiklang verloren. »Nicht nur, weil seine +Augen ihn belehren. Es gibt Schönheiten übergenug, die nach der ersten +Neugier nicht mehr das Ansehen lohnen. Weil er Sie geistig empfinden +darf und immer neu und doch immer gleich. Das ist Schönheitsgenießen.«</p> + +<p>»Glauben Sie, Thomas, uns Frauen erginge es anders mit euch Männern?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>»O ja, das glaube ich. Und es ist sogar im Laufe der Zeit zur +Gewißheit in mir geworden.«</p> + +<p>»Sollte das nicht an der Zusammensetzung Ihrer Umwelt liegen, Thomas? +Mich selbst bitte ich aus Ihrer Gewißheit zu entlassen, und ich +überhebe mich mit dieser Bitte nicht. Es ist eine glückliche Beigabe +der Natur, wenn der Mann als eine schöne und männliche Erscheinung +wirken darf. Aber was uns immer wieder zu ihm hinzieht, und was uns +dauernd an ihn fesselt, was uns ihm im schönsten Sinne des Wortes +untertan macht, das ist die Leuchtkraft seines Wesens, die uns heute +diesen und morgen jenen dunklen Pfad erhellt, wechselnd durch den +Geist und unwandelbar durch die Gesinnung. Die uns bei der Hand nimmt +und so sicher über die Abgründe führt, wie über die Blumenwiesen. Die +keine Sünde kennt, weil sie alles in ihrem Scheine adelt, und die doch +in unsagbarer Dankbarkeit ihr Licht zum Erlöschen bringt, wenn das +unsere aufleuchtet und ihn umfluten will.«</p> + +<p>Sie richtete sich aus ihrer Gedankenwelt auf und strich sich über die +Stirn.</p> + +<p>»Verzeihen Sie die Getragenheit meiner Rede. Es gibt Dinge, für die +der Sprachgebrauch des Alltags keine Worte besitzt, und man muß schon +zu den gefühlsfeierlichen greifen. Aber mit Überschwang haben sie +nichts zu tun.«</p> + +<p>Noch eine Weile horchte Thomas Vanderwelt hinaus, als müsse er mehr +hören. Dann ließ er den blassen Kopf auf die Brust sinken.</p> + +<p>»Ich trage meinen Namen schon mit Recht. Ich bin der ungläubige +Thomas. Ich müßte das alles schon am eigenen Leib erleben und mit +Fingern greifen können. Was ich«, und seine Stimme wurde heftiger und +heiserer, »bisher am eigenen Leibe erleben und mit Fingern greifen +durfte, hatte so wenig mit Gefühlsfeierlichkeit und Überschwang<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> zu +tun, wie das Messer in der Hand des Wundarztes.«</p> + +<p>»So legen Sie doch das Messer nieder und greifen Sie zu den +ritterlichen Waffen.«</p> + +<p>Da lachte Thomas Vanderwelt, daß es ihn schüttelte. Und er schüttelte +mit dem Lachen ab, was an empfindsamen Regungen über ihn gekommen war.</p> + +<p>»Ritterlichere Waffen als das Messer? Ach, liebes Fräulein Angela, Sie +kennen das Gesetzbuch der Straße nicht. Da heißt es, sich mit jeder +Waffe bekämpfen, die Erfolg verspricht, und auf der Straße sind die +silberbeschlagenen Degen nicht zu Hause. Was wissen Sie, die Sie über +beleuchtete Berggipfel laufen, wie schmutzig die Straße ist!«</p> + +<p>Angela Freydag rührte sich nicht auf ihrem Sitz. Ihre Augen wichen +nicht von dem nervenzerrütteten Manne, und seine Ausbrüche warfen ihre +Seele nicht aus dem Gleichgewicht.</p> + +<p>»Lassen Sie uns an dieser Stelle abbrechen, Thomas. Wir treiben hinaus +und verlieren die Ufer aus den Augen. Erzählen Sie mir jetzt einmal +etwas recht Sonniges.«</p> + +<p>Er stutzte. Kam zu sich. Und schon gewann der Spott wieder die +Oberhand.</p> + +<p>»Ja, ja. Im Dunkeln fürchten sich die verwöhnten Kinder und verlangen +nach der Lampe.«</p> + +<p>»Gut, Thomas, da Sie zu den verwöhnten Kindern zählen, und nicht ich, +so will ich Ihnen die Lampe halten, sooft Sie danach Verlangen tragen. +Nach der Beleuchtung, nicht nach der Beschönigung. Und jetzt suchen +Sie einmal Ihre Sonnenstrahlen zusammen. So arm ist kein Mensch, daß +er nicht in die Sonne blicken könnte.«</p> + +<p>»Sie belieben in Rätseln zu sprechen, gütige Gönnerin.«</p> + +<p>»Wie geht es Ihrem kleinen Sohn? Nikolaus heißt er wohl?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p> + +<p>»Ja — er heißt Nikolaus. Das ist wahr. Und der Vater bedankt sich für +die freundliche Nachfrage.«</p> + +<p>»Sieht er Ihnen ähnlich? Besucht er schon die Schule?«</p> + +<p>»Da sei Gott vor, daß er mir ähnlich sähe! Die Natur hat ihren +üblichen Sprung gemacht und ihn dem Großvater angeähnelt. So +schadenfroh bin ich noch nie gewesen, als wie ich das entdeckte. Denn +vor einem Kornelius Vanderwelt hegen die Damen des Hauses Ausdemwerth +eine höllische Scheu.«</p> + +<p>»Besucht der kleine Nikolaus schon die Schule?« wiederholte sie, ohne +seine Schärfe zu beachten.</p> + +<p>»Gewiß besucht er schon die Schule. Er ist seit Ostern wohlbestellter +Abcschütze und zählt nicht zu den Dümmsten.«</p> + +<p>»Das muß Sie doch in Ihrem Vaterstolze glücklich machen, Thomas. Und +da haben Sie ja Ihre Sonne.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt lächelte zerstreut vor sich hin.</p> + +<p>»Eigentümlich ist, daß auch der Sohn Julianes, daß auch der kleine +Martin Beckenried in allen Stücken seinem Großvater Vanderwelt +gleicht. Als wären uns oder unseren Frauen die Jungen wie eine +tägliche Vermahnung vor die Nase gesetzt worden. Die beiden +Jungen hocken in derselben Klasse und wetteifern um die Palme des +Menschenruhms. Was von den beiderseitigen Eltern beim besten Willen +nicht gesagt werden kann.«</p> + +<p>»Ich möchte die beiden Jungen wohl einmal bei mir haben, Thomas.«</p> + +<p>Er zog heimlich die Uhr und stellte die fortgeschrittene Zeit fest.</p> + +<p>»Die Herren Jungen werden es sich zur höchsten Ehre rechnen, von Ihnen +empfangen zu werden, wie es mir zur höchsten Betrübnis gereicht, mich +jetzt empfehlen zu müssen.«</p> + +<p>»Wollen Sie denn nicht die Rückkehr Ihres Vaters abwarten, Thomas, und +den Abend mit uns verbringen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p> + +<p>»Mein Vater und ich haben uns schon tagsüber im Geschäft herzlich +wenig zu sagen gehabt, und ich möchte den Abend auf der Straße +zubringen, da mir meine Frau abhanden gekommen zu sein scheint.«</p> + +<p>»Haben Sie denn eine Verabredung getroffen?«</p> + +<p>»Wir haben immer eine Verabredung getroffen, aber sie wird ebenso +häufig mißverstanden. Frau Antonie wünschte, sich mit mir bei Ihnen zu +treffen, da sie darauf brannte, die schöne Unbekannte kennenzulernen. +Sie muß wohl so lichterloh gebrannt haben, daß sie sich in der +Verwirrung verlaufen hat.«</p> + +<p>»Guten Abend, Thomas. Vergessen Sie nicht, mir den kleinen Nikolaus zu +schicken und den kleinen Martin.«</p> + +<p>»Guten Abend, mütterliche Freundin.«</p> + +<p>Er beugte sich über ihre Hand und ging mit seinem federnden Schritt, +wie er ihn schon als Knabe gehabt hatte, aus dem Zimmer und aus dem +Hause. Ein paar Sekunden noch horchte sie dem Schritte nach. Dann +wandte sie sich um.</p> + +<p>»Kornelius —!«</p> + +<p>Er war durch die Tür seines Arbeitszimmers eingetreten und reichte ihr +die Hand.</p> + +<p>»Guten Abend, Engel. Thomas war bei dir, als ich kam. Ich wollte die +erste Aussprache nicht stören und hielt mich zurück.«</p> + +<p>»Es war vielleicht richtiger so, und du hast, wie immer, das Rechte +getroffen.«</p> + +<p>»Meinst du, Engel? Müssen Vater und Sohn sich in Gefühlsdingen aus dem +Wege gehen?«</p> + +<p>»Bis sie die Scham voreinander überwunden haben, Kornelius. Ja, du +lieber, ernster Mann, schau' mich nur so verwundert an. Ich habe +wahrhaftig ›voreinander‹ gesagt. Der Sohn vor dem Vater, weil ihm +in seiner Ehe das peinliche Ehrgefühl zeitweilig abhanden gekommen +ist, und der<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Vater vor dem Sohne, weil sein Vaterstolz sich bitter +enttäuscht sieht.«</p> + +<p>»Genügt das nicht?«</p> + +<p>»Kornelius. Zuweilen ist mir, als wollten wir alles zu hastig in +Besitz nehmen. Und dann würden wir es als eine Selbstverständlichkeit +einschätzen und nicht als einen Gewinn oder sogar als ein Verdienst. +Komm, wandere nur dabei mit mir im Zimmer herum, liebster Mensch. +Draußen heult der Herbstwind, und hier drinnen geht es sich an deiner +Schulter wie auf einer Frühlingswanderung.«</p> + +<p>»Ich fühle, daß du mir wohl tun willst, Engel. Mehr ist nicht +vonnöten.«</p> + +<p>»Ich verlange nichts anderes als die Hälfte dessen, was dich drückt.«</p> + +<p>»Du hast dich durch den Augenschein überzeugt, Engel? Du hast einsehen +lernen, daß Kinder die Freude des Lebens und daß Kinder die schwerste +Belastung darstellen können? Nein, nein, ich will nicht klagen.«</p> + +<p>»Ich bin bei dir, Kornelius. Und gemeinsam wird es uns schon gelingen, +die Belastung zu vermindern. Weshalb schaust du mich denn so mitleidig +an?«</p> + +<p>»Weil meine Angela in meinem Hause schon an das Opferbringen denkt.«</p> + +<p>»Würdest du«, fragt sie zurück, »es als ein Opfer ansehen, wenn +du dich meinetwegen deines Besitzes, deines Geschäftes, deiner +Lebensführung entäußern müßtest?«</p> + +<p>Seine Hand fuhr zu und bog ihren Kopf zurück. Über ihren +weitgeöffneten Augen standen die seinen. Und in ausbrechender Wildheit +umhalste der eine den anderen, als müßte der eine vor den anderen +hinspringen, um ihn zu schützen und zu verteidigen. — —</p> + +<p>Antonie, die Gattin Thomas Vanderwelts, brauchte mehrere Tage, bis sie +sich zu dem schwiegerväterlichen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Hause zurechtgefunden hatte. Sie +kam zu einer Stunde, zu der sie Kornelius Vanderwelt unabkömmlich im +Geschäfte wußte.</p> + +<p>Angela Freydag saß am Flügel und übte mit starkem Fleiß, als die +Besucherin ins Zimmer geführt wurde.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie den Überfall, Fräulein Freydag, denn Sie sind es +doch? Ich bin Antonie Vanderwelt und habe mir als Schwiegertochter des +Hauses die Erlaubnis erteilt, ohne viel Förmlichkeiten einzutreten.«</p> + +<p>Angela Freydag bot ihr einen Platz an.</p> + +<p>»Herr Kornelius Vanderwelt wird sich ohne Zweifel herzlich über so +viel Familiensinn freuen.«</p> + +<p>Sie setzte sich und schüttelte sich in den Schultern.</p> + +<p>»Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, Fräulein Freydag? +Ja? Dann sprechen Sie den Namen meines Schwiegervaters bitte nur dann +aus, wenn es gar nicht anders zu umgehen ist. Zum Beispiel: ›Gerade +tritt Kornelius Vanderwelt ins Haus‹ oder so. Und fort bin ich.«</p> + +<p>»Weshalb lieben Sie ihn nicht?« fragte Angela Freydag.</p> + +<p>»Lieben —?« wiederholte Antonie Vanderwelt und starrte entsetzt auf +die Fragerin. »Kann man ihn denn lieben? Ich bilde mir ein, er reißt +einen in zwei Stücke, wenn man nach seinem Herzen greift, oder er +stellt Anforderungen, die zu anstrengend für mein heiteres Gemüt sind +und mich zu einem Ausgleich treiben würden.«</p> + +<p>»Zu einem Ausgleich? Wie soll ich das verstehen?«</p> + +<p>»Aber das ist doch nicht schwer. Man kann sehr stolz auf einen Mann +sein, weil er die Männer aller anderen überragt, aber immer stolz +sein, ermüdet, und das Herz legt sich ein ganz klein wenig auf die +Lauer, um sich sozusagen in den Freiviertelstunden mit einem anderen +vergnügten Herzen ordentlich auszutoben, bevor es wieder fein sittsam +in die Schulstunden geht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> + +<p>»Ja, wenn ich nur wüßte, Frau Vanderwelt, was Sie in diesem +Zusammenhange unter Austoben verstehen?«</p> + +<p>»Nein, was für eine glänzende Schauspielerin Sie sind? Und ich +harmloses Geschöpf falle auf alle die Fragen hinein und ziehe mich in +der ersten Viertelstunde bis auf das arme Seelchen vor Ihnen aus.«</p> + +<p>Angela Freydag saß auf ihrem Klavierstuhl, und während sie der +Besucherin das Antlitz zuwandte, spielten die Finger der Linken +lautlose Läufe über die Tasten hin.</p> + +<p>»Sie haben große Pflichten, Frau Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ach,« klagte sie, »nun beginnen Sie auch schon mit der Litanei. Der +Drang, sittliche Betrachtungen anzustellen, muß wohl an diesem Hause +liegen. Da hätte ich doch gleich ein Kloster wählen können, wenn es +mir unbedingt, um den Heiligenschein ginge.«</p> + +<p>»Sie haben große Pflichten, weil Sie ein so schöner Mensch sind, Frau +Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ach <em class="gesperrt">so</em> ist es gemeint. Das klingt gleich anders, wenn es mir +auch immer noch unverständlich klingt.«</p> + +<p>»Wer mit einem so schönen Körper bevorzugt ist, hat die Pflicht, ein +so großes und seltenes Kunstwerk in seinem Wert zu erhalten und zu +bewahren. Törichte Hände können den Farbenschmelz erblinden lassen +oder andere nicht wieder gutzumachende Beschädigungen anrichten. Das +meinte ich damit.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt zog das seidenbestrumpfte linke Bein über das Knie +des rechten. Eng in den hochlehnigen Kirchensessel geschmiegt, saß sie +und freute sich mit schimmernden Augen an den feingeschwungenen Linien +ihres Leibes, an dem sinnlichen Reiz ihrer elfenbeinfarbenen Haut.</p> + +<p>»Wenn man so schön ist und müßte immer brav sein,« sagte sie mit einem +lustigen Schmollen, »so wär's ja eine<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Strafe, schön zu sein. Und +wirklichen Kennern darf man doch ein Kunstwerk nicht vorenthalten.«</p> + +<p>»Ganz gewiß nicht. Sie dürfen es jederzeit bewundern, aber Sie dürfen +nicht die Hand ausstrecken, um es zu stehlen.«</p> + +<p>»Ach, Fräulein Freydag, lassen wir doch nicht drumherumlaufen wie um +ein heißes Eisen. Ich fass' es an. Ich habe vielleicht mehr Blut in +den Adern als Verstand hinter der Stirn. Das geb' ich zu. Aber sich +von einem Manne küssen lassen, den man im Augenblicke nett findet, das +braucht doch keine Todsünde zu sein.«</p> + +<p>Angela Freydag faltete die Hände um ihre Knie und bog den Kopf zum +Fenster. Die schimmernden Augen der schmiegsamen Frau waren ihr wie +eine Berührung.</p> + +<p>»Ich halte Sie für klug genug, sich die Frage selber zu beantworten, +Frau Vanderwelt. Mit dem ersten Kusse, den ein Mädchen dem Manne +gestattet, ergibt es sich ihm schon so weit, daß er sich zum zweiten +Kusse das <em class="gesperrt">Recht</em> nimmt, daß er sich beim dritten Herr ihres +Körpers bis auf das arme Seelchen fühlt, von dem Sie vorhin sprachen.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt schmiegte sich noch enger in den hochlehnigen +Kirchensessel hinein, als schmiegte sie sich in einen Arm.</p> + +<p>»Ist es nicht aller Frauengefühle allerköstlichstes, sich zu +verschenken?«</p> + +<p>»Ja. Das ist es. Dem einen und einzigen.«</p> + +<p>»Man kann einer Irrung unterworfen gewesen sein, man kann verlassen +worden sein oder selber die Pässe zugestellt haben — da wird eben der +zweite oder der dritte oder der vierte der eine und einzige.«</p> + +<p>»Auch das habe ich während meiner Laufbahn oft genug gesehen, Frau +Vanderwelt. Mädchen, die sich so verschenken, ganz einerlei, ob +aus Liebe, aus Mitleid oder aus<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Berechnung, werden später immer +und ausnahmslos innerlich einsame Frauen. Natürlich auch äußerlich +vereinsamte. Denn der Rückzug von einer vielverschenkenden Frau +erfolgt mit einer so unerbittlichen Pünktlichkeit und Grausamkeit, als +setzte plötzlich eine Massenflucht ein. Übrigens ist das wirklich kein +Gesprächsstoff, Frau Vanderwelt, für zwei klaräugige und aufrechte +Frauenspersonen, und wir wollen ihn schleunigst verabschieden.«</p> + +<p>»Und mich dazu,« rief Antonie Vanderwelt nach einem erschrockenen +Blick auf die Armbanduhr. »Ich wollte Ihnen nur einen Knicks machen +und, wie es früher bei unseren Soldaten hieß, Tuchfühlung nehmen, denn +ich hätte gar zu gerne eine resche und fesche Kameradin, die nicht ein +jedes lustige Geheimnis auf der Zungenspitze trägt.«</p> + +<p>Die Frauen standen sich, abschiednehmend, gegenüber. Antonie +Vanderwelt lüftete lächelnd das Visier.</p> + +<p>»Dazu haben Sie ja wohl,« entgegnete Angela Freydag mit Zurückhaltung, +»Ihre Freundin und Schwägerin Juliane.«</p> + +<p>»Juliane ist so berechnend, Fräulein Freydag. Das wirkt so +bloßstellend. Was nicht als Rausch kommt, kühlt ab.«</p> + +<p>Und Angela Freydag dachte, während sie sich wortlos zum Abschied +verneigte: Also selbst in der Welt <em class="gesperrt">dieser</em> Frauen gibt es +noch Unterscheidungen, wo doch alles gleich und gemeinsam ist, und +Bloßstellungen, wo keine Blöße mehr entblößt zu werden braucht. Und +es schüttelte sie vor diesen Abwandlungen der größeren und geringeren +Ehre, die denselben Schmutzstreifen hinter sich zogen. — —</p> + +<p>Ach, die köstlichen Stunden der Glücksreinheit, wenn die beiden +kleinen Schuljungen angestampft kamen.</p> + +<p>»Tante Engel, was ist das?« Und sie sagten ihr ein Rätsel vor, das sie +frisch aus der Hand des Lehrers erhalten hatten, oder ein Gedichtlein, +deren sie viele und<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> freiwillig über das Aufgabenmaß hinaus mit +Begeisterung auswendig lernten. Angela Freydag aber hockte auf dem +Teppich vor den kleinen glühheißen Männern und wußte bei jedem neuen +Male nicht: ist dies der Nikolaus, oder ist dies der Martin? So sehr +war der eine Kornelius Vanderwelt und der andere Kornelius Vanderwelt, +und es war ihr eine selige und doch andächtige Freude, aus den +knabenweichen Jungengesichtern das Antlitz Kornelius Vanderwelts Zug +um Zug herauslesen zu dürfen.</p> + +<p>Oft erzählte sie ihnen Geschichten aus all den Teilen der Erde, +die sie auf ihren Fahrten besucht hatte: von den Indianern der +Felsengebirge, den Goldsuchern Kaliforniens, den Wolkenbewohnern +Neuyorks, und wieder von dem großen und reichen Leben der europäischen +Hauptstädte, von London, Paris und Rom. Dann hockten die Buben auf dem +Teppich und erforschten das Antlitz der Märchentante. Oder aber sie +saß am Flügel und ließ ihre Kunst in launigen Übertragungen zu den +jungen Hirnen sprechen, und Meister Beethovens Wut um den verlorenen +Groschen brachte die erregten Gemüter zum hellen Jauchzen.</p> + +<p>Seit die kleinen Schuljungen zum ersten Male in das Haus gestampft +waren, der Martin Beckenried vom Nikolaus Vanderwelt an der Hand +geführt, und zu ihrem Staunen in der schönen Tante einen Menschen +gefunden hatten, der sich um sie und nur um sie bekümmerte, waren die +kleinen Herzen diesem Wundermenschen leidenschaftlich ergeben geworden.</p> + +<p>»Tante Engel, weshalb bist du nicht unsere Mama?«</p> + +<p>»Ihr habt ja eure Mamas daheim, und sie haben wohl nur nicht immer +Zeit für eure Plappermäulchen.«</p> + +<p>»Bist du denn eine Großmama, daß du immer Zeit für uns hast?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> + +<p>»Ja, ich bin eine Großmama,« sagte sie mit tiefer Stimme, »die im +Bette liegt, als Rotkäppchen kommt, und die eigentlich der wilde Wolf +ist. Seht mich an: Mit solchen Augen!«</p> + +<p>Aber die Jungen ließen sich von Angela Freydags funkelnden Augen nicht +bange machen. Sie sprangen ihr an den Hals, kuschelten sich an ihr +Herz, küßten sie, wohin die Lippen, der Liebkosungen ungewohnt, trafen.</p> + +<p>»Großmutter Wolf!« jauchzten ihre Stimmchen. »Großmutter Wolf!«</p> + +<p>Und wieder sah sie Kornelius Vanderwelt in den Jungen, Kornelius +Vanderwelt, der sie in seinen frohesten Stunden seine Wölfin nannte. —</p> + +<p>Im November fuhr Angela Freydag von dannen. Sie fuhr nach Spanien, und +eine Konzertreise führte sie durch das ganze Land. Sie fuhr mit dem +Schiff nach Holland und spielte in den großen Städten.</p> + +<p>Wenn Kornelius Vanderwelt in der Morgenfrühe erwachte, spürte er in +sich und um sich eine Leere, daß er nicht wußte, ob der neue Tag das +Aufstehen lohne. Wenn Angela Freydag am späten Abend irgendwo ihr +Lager aufsuchte, spürte sie ihre Heimwehgedanken nach des geliebten +Mannes Brust so stark, daß sie nicht wußte, ob die neue Nacht das +Einschlafen lohne.</p> + +<p>Keiner aber ließ es den anderen in seinen Briefen wissen, um ihn nicht +zu einem Opfer zu nötigen.</p> + +<p>Es wurde April, als Angela Freydag heimkehrte und am frühen Morgen das +Haus betrat. Gerade wollte Kornelius Vanderwelt sein Arbeitszimmer +verlassen und sich zum Geschäft begeben, als sie vor ihm stand.</p> + +<p>Er fuhr hoch und wurde vor Freude so bleich, daß sie sich blindlings +an seine Brust warf.</p> + +<p>»Du!« sagte sie immer wieder. »Du! Du!« und ihre<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> Hände tasteten nach +seinem Haar, nach seinen Schläfen, seinen Lippen. »Du! Du!«</p> + +<p>Er aber schloß ganz fest die Augen, als wollte er durch nichts aus +seinem Traume aufgescheucht werden, und trank und trank in sich +hinein, was er in seinen Armen hielt.</p> + +<p>»Du! Du! Engel! Engel — —«</p> + +<p>Sie hatte feuchte Augenränder, und er meinte, als er endlich die +Augen in die Wirklichkeit öffnete, die Wiedersehensfreude hätte sie +gefeuchtet. Sie aber stand erschrocken vor seiner Hagerkeit und der +blassen Farbe seines Gesichtes, die sich nicht verlieren wollte, als +sein Herzschlag sich beruhigt hatte.</p> + +<p>»Warst du denn krank, Kornelius?« Und die Angst bebte durch ihre +Stimme.</p> + +<p>»Gewiß war ich krank. Sechs lange Monate, du. Krank nach dir, Engel.«</p> + +<p>Da weinte sie fassungslos an seinem Herzen ...</p> + +<p>Und das Jahr lief hin, und als es sich wieder dem Herbstende näherte, +reiste Angela Freydag nicht wieder aus und sprach kein Wort darüber, +und Kornelius Vanderwelt gewahrte es mit dem tiefinneren Aufhorchen, +als ob die Geliebte sein Herz ganz zart in ihre Hände nähme, und +stellte keine Fragen, um das Wundersame nicht zu stören.</p> + +<p>In diesem Winter aber reiste er viel mit ihr im Vaterlande und saß mit +ihr in den Opernhäusern von Berlin und Wien und München und in den +großen Konzertsälen der deutschen Städte.</p> + +<p>Sie empfand es wohl, daß er ihr einen Dank sagen wollte, und ob er +auch seine Geschäfte vernachlässigen mußte, sie freute sich nur seiner +Ritterlichkeit, die ihr das alles und darüber hinaus zu Füßen legte.</p> + +<p>Und wieder kam ein Herbst, und Angela Freydag lächelte nur und +fuhr nicht allein auf fremden Meeren. Aber<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> Nebel und Nässe des +Niederrheins hatten ihr einen harten Husten geschaffen, und Kornelius +Vanderwelt brachte die geliebte Frau auf einen Ostasiendampfer im +Hafen von Rotterdam und schiffte sich mit ihr ein und fuhr mit ihr die +Küsten Frankreichs, Portugals und Spaniens entlang durch die Straße +von Gibraltar in das Mittelländische Meer, und der Atlas reckte sich +aus der afrikanischen Bergwelt auf, als sie das Rätsel löste, daß ihr +Ziel Ägypten sei.</p> + +<p>Die Freude lief ihr zu Herzen wie ein Strom.</p> + +<p>»Warum soviel für mich, Kornelius? Warum soviel für mich?«</p> + +<p>»Es ist eine Abschlagszahlung, Engel.«</p> + +<p>»Wenn ich am Leben hänge, so ist es nur für dich, Kornelius. Das ist +das schönste Wort: Für dich!«</p> + +<p>»Für dich!« wiederholte er. — —</p> + +<p>Sie gesundete rasch, aber sie kehrten erst im späten Frühjahr zurück. +Die Fülle der Mitteilungen, die ihn erwartete, brauchte er ihr nicht +lange zu verhehlen. Die Sperlinge pfiffen die Irrungen und Wirrungen +der Familien Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt von den Dächern.</p> + +<p>In diesem Sommer und in dem Winter, der folgte, streute Kornelius +Vanderwelt das Geld mit vollen Händen aus. Als wollte er Angela +Freydag aller und jeder Dinge teilhaftig werden lassen, die das Leben +zu bieten hätte.</p> + +<p>»Es ist bei Licht betrachtet lächerlich wenig, aber es ist für dich, +Engel, und ein Lump gibt mehr, als er hat. Vielleicht schafft es dir +Erinnerungen.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="8">8</h2> +</div> + + +<p>Hatte die Zeit eine schnellere Gangart angeschlagen, oder jagten nur +die Wolken schneller am niederrheinischen Himmel dahin? Kornelius +Vanderwelt erhob sich oft aus dringendster Arbeit heraus, stand +eine Weile grübelnd am Fenster und prüfte Wind und Wetter. Wenn er +sich langsam wieder niederließ, wußte er nicht, was ihn zum Grübeln +getrieben und worüber er nachgegrübelt hatte.</p> + +<p>Es ist nicht nur die Zeit, dachte er, die mir durch die Finger läuft, +bevor ich sie anhalten und nach allen Seiten wenden und auspressen +kann. Das mag mit den Jahren zusammenhängen, die im fortschreitenden +Lebensalter kürzer und gleitender werden, weil sie uns nicht mehr +auf Schritt und Tritt mit Überraschungen überschütten. Es sind die +Menschen und Dinge, die sich nach dem Völkerzusammenbrodeln eins am +anderen gemessen und geändert haben und sich in der neuen Gestalt dem +alten Maß entziehen.</p> + +<p>Und sooft es ihn ans Fenster trieb, und sooft er sich wieder zur +Arbeit niedersetzte, es blieb ein Gefühl auf ihm lasten, das sein Blut +schwerflüssig machte und seine Gedanken aus den goldenen Weiten in den +grauen Tag zog.</p> + +<p>Angela Freydag hatte es längst bemerkt. Ihre grauen Augen sannen +hinter ihm einher, wenn er auch daheim in die Ruhelosigkeit +hineinglitt und vom Arbeitstisch zum Fenster, vom Fenster zum Flügel +und vom Flügel wiederum<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> zum Fenster hinüberwanderte, ohne einen +sichtlichen Grund.</p> + +<p>»Nimm mich mit,« sagte sie und hängte ihren Arm in den seinen.</p> + +<p>»Du bist ja immer bei mir,« gab er zurück und versank doch wieder in +sein Schweigen.</p> + +<p>»Mir ist so, Kornelius, als ob du es jetzt zuweilen vergessen +wolltest.«</p> + +<p>»Daß du bei mir bist, Engel?« Er blieb bestürzt stehen, und dann +preßte er ungestüm ihren festen Arm. »Sag' es nie wieder, Engel. +Auch nicht im Scherze, Engel. Weil ich dich wie ein Geschenk bei mir +fühle und es von Jahr zu Jahr nur wachsen sehe, statt sich mindern, +möchte ich es lohnen und nicht geruhsam bis auf den letzten Groschen +aufzehren.«</p> + +<p>»Ist es das?« fragte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn. +»Erstens, Kornelius, ist es kein Geschenk, das du bei dir fühlst, +sondern ein Stück von dir. Das braucht nach so langen Jahren nicht +erst wiederholt zu werden. Und zweitens — ja, was bleibt denn zum +zweiten, Kornelius? Wenn du ein Stück von dir belohnen willst, so +verweichliche es nicht und laß es gerade am schwersten Tun teilnehmen, +damit es von seinem Daseinszweck überzeugt und viel stolzer noch und +selbstbewußter wird. Was belastet dich? Sind es geschäftliche oder +persönliche Dinge?«</p> + +<p>Er blickte in ihre Augen, die nichts von Lebensfurcht wußten, und +zum erstenmal war es ihm, als sähe er nicht Angela Freydag in ihnen, +sondern sich selbst, und jede Miene in ihrem Gesicht schien ihm ein +Abbild seiner selbst zu sein.</p> + +<p>»Engel,« sagte er und formte langsam an jedem Wort, »es gibt kein +größeres Wunder als die Liebe.«</p> + +<p>»Mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Es muß auch Wunder +verrichten können.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> + +<p>»Es verrichtet sie unaufhörlich, Engel. Und gerade jetzt hat es mir +alles Dunkle aus der Seele genommen.«</p> + +<p>»Wunder, die selbsttätig wirken? Ohne groß zu wissen, weshalb +und wozu? Das wäre doch für Menschen unserer Art eine zu bequeme +Auffassung des Seligwerdens. Zeig' mir zuerst das Dunkle vor, damit +ich meine Kräfte daran setzen kann, es hell zu machen.«</p> + +<p>»Du liebe, stolze Frau — — —«</p> + +<p>»Laß das Geschlecht beiseite, Kornelius, und auch die Schmuckworte. +Stolz werde ich erst am Ende aller Tage sein, wenn ich weiß, ich war +auch in der Dunkelheit Kornelius Vanderwelts bestes Teil. Und dann vor +allem, wenn er an das Weib in mir gar nicht dachte.«</p> + +<p>Da umschlang er sie mit beiden Armen und hörte nichts als den ruhigen, +gemeinsamen Herzschlag.</p> + +<p>»Ich kenne keine Geheimnisse vor dir. Die geschäftlichen Dinge laufen +vielleicht nicht so, wie sie sollten. Aber das liegt an den verwirrten +Zeiten und läßt sich mit einigem Verstand und dem dazugehörigen +festen Willen schon wieder klären. Nur will mir der Wille dazu oft +überflüssig erscheinen.«</p> + +<p>»Überflüssig? Der Wille? Das sagt ein Kornelius Vanderwelt?«</p> + +<p>»Der Wille, für eine Welt zu arbeiten, die nichts mehr mit der meinen +zu tun hat.«</p> + +<p>»Was ist das für eine Welt, Kornelius?«</p> + +<p>»Die Welt einer Juliane und einer Antonie. Auch die zersetzende +Spötterwelt eines Thomas, und nicht weniger die bloße Geschäftswelt +des geldanbetenden Klaus Beckenried. Von der Welt des Justus weiß ich +nur, daß sie eine abenteuerliche Triebwelt mit lockeren Tageszielen +bedeutet, aber sie gehört dazu, um das Bild zu runden, das mir des +Anfassens sowenig wert erscheint.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p> + +<p>»Bleibt die unsere, Kornelius. Und die ist noch nicht am Ende.«</p> + +<p>»Und was bleibt, wenn sie zu Ende ist? Was bleibt von unserem Glühen +und Blühen und In-den-Himmel-Langen?«</p> + +<p>Ihre Arme hielten ihn ganz fest und ruhig an ihrem Herzen.</p> + +<p>»Der Widerschein, Kornelius. Und wenn es nichts anderes ist als +der Widerschein. Glaub' es mir, von der Glut, die unser Leben erst +zum Blühen brachte und uns das reichste Glück der Menschenkinder +bescherte, wird eines Tages schon ein Schimmer in die Seelen der +nach uns Lebenden fallen und sie in ihrem Hasten stutzig machen und +ihnen den Sehnsuchtsgedanken nach einem Leben eingeben, das in seiner +unaussprechlichen Schönheit nur mit dem gesteigerten Gefühlsleben +zu erlangen ist. Dann, Kornelius, dann ist unsere Erfüllungszeit +gekommen.«</p> + +<p>»Wer bist du?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Bist du eine +Schicksalsfrau oder eine Schwärmerin?«</p> + +<p>»An deinem Herzen beides.«</p> + +<p>»Ich liege ja an deinem, Engel.«</p> + +<p>»Es ist dasselbe,« murmelte sie und hielt ihn noch fester. — — —</p> + +<p>Es war in einer Nacht, und Mitternacht war längst vorüber, als +Kornelius Vanderwelt durch das rasselnde Geläut des Fernsprechers aus +dem Schlafe gescheucht wurde. Er warf einen Morgenmantel über den +Nachtanzug und eilte die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer.</p> + +<p>Als er schweren Schrittes zurückkehrte, stand Angela Freydag vor der +Tür ihres Zimmers und sah ihm entgegen.</p> + +<p>»Justus,« sagte er.</p> + +<p>»Justus? Ist er in Not? Hat er nach dir gerufen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p> + +<p>»Ich hoffe, daß er nur in Not ist. Die Kölner Polizei hat mich +angerufen. Auf der Gasse verunglückt.«</p> + +<p>»Schnell auf dein Zimmer, Kornelius. Ich reiche dir alles zu und wecke +den Wilhelm.«</p> + +<p>Er schüttelte den Schwächezustand ab und ging ihr schweigend voran. +Und schweigend legte sie ihm zurecht, was er für die Fahrt brauchte. +Keiner sah die Menschlichkeit des andern.</p> + +<p>»Geh jetzt, Engel. Der Wilm soll geräuschlos vorfahren.«</p> + +<p>»Gib mir meinen Anteil. Laß mich mit dir fahren.«</p> + +<p>»Ich gebe dir sogar den größeren Anteil, indem ich dir das Warten +aufbürde. Das Warten und die Vorbereitungen. Triff sie so, daß kein +Mensch mit seinem Trost bei der Hand zu sein braucht, wenn es — wenn +es ein Unglück sein sollte.«</p> + +<p>Und plötzlich umfing er sie, als wollten seine Arme sie erdrücken.</p> + +<p>»Drück' nur fester, wenn es dir gut tut ...«</p> + +<p>»Der Justus, Engel!« brach es aus ihm heraus. Und er hatte sich wieder +in der Gewalt und küßte sie auf die weitoffenen Augen.</p> + +<p>»Geh jetzt, Engel. Laß den Wagen vor das Tor fahren.«</p> + +<p>In ihrem Morgenrock huschte sie die Treppen hinab und weckte im +Untergeschoß des Hauses den Fahrer und eilte in das Arbeitszimmer und +bereitete auf dem elektrischen Kocher den Tee.</p> + +<p>Jetzt hörte sie den gedämpften Schritt Kornelius Vanderwelts. Sie +öffnete die Tür und bat ihn mit den Augen einzutreten. Er nahm das +Teeglas aus ihren Händen und trank es leer.</p> + +<p>»Vergiß dich selber nicht, Engel. Du wirst deine Kräfte so nötig haben +wie ich. Und ich warte.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> + +<p>Da trank sie willig den Tee, strich mit den Händen über seine +Schultern hin, ob er warm genug gekleidet sei für die nächtliche +Fahrt, und ging mit ihm bis zur Haustür. Erst als das Rollen der Räder +in der Ferne verklungen war, schloß sie die Tür und ging auf ihr +Zimmer zurück.</p> + +<p>Lange lehnte sie die Stirn gegen das Fensterglas. Ihre Gedanken +begleiteten den Geliebten auf seinem einsamen Wege. So inbrünstig +heiß, daß er ihre Gegenwart empfinden und der Einsamkeit enthoben sein +mußte. »Lieber, du lieber Kornelius — — —«</p> + +<p>Sie suchte ihr Lager nicht mehr auf. Sie kleidete sich an und tat, +was er sie als erstes zu tun gebeten hatte: sie wartete. An seinem +Schreibtisch saß sie, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt, die +Augen auf das Fensterglas gerichtet, hinter dem mählich die Dämmerung +brodelte. Und während sie wartete und den geliebten Mann in harter +Seelennot wußte, überfielen die Erinnerungen sie bei jedem Schritt, +den sie an seiner Seite getan hatte, und jeder Schritt führte über +blühende Wiesen, durch rauschende Wälder, immer höher hinauf auf die +Bergeshöhen, die den nahen Himmel als Wirklichkeit erscheinen lassen +und die Welt da drunten als wesenlosen Traum. Und als sie nach den +Erinnerungen griff, die in den Ländern diesseits und jenseits der +Meere ohne ihn verstreut lagen, gewahrte sie, daß sie ins Leere griff, +und daß es kein Opfer für sie bedeutet hatte, von den Kunstreisen +abzulassen und dem Geliebten anzuhangen.</p> + +<p>Nur was mit Kornelius Vanderwelt zusammenhing, war ihr Leben, von der +Landstraße im Wirbelwind begonnen.</p> + +<p>Wer kann es begreifen, grübelte sie mit weiten Augen, als eine Frau? +Als eine Frau, die bettelarm war, über alle Maßen reich gemacht +wurde durch das Beste und Allerbeste eines Mannes, und der die Scham +geheimnisvoll in<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> den Glauben verwandelt wurde, selber reich gemacht +zu haben, selber, selber, ihn, ihn. Zum Allerreichsten ...</p> + +<p>Wer kann es begreifen als eine Frau?</p> + +<p>Sie saß an seinem Schreibtisch mit gekreuzten Füßen, die Hände um die +Knie geschlungen, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt. Draußen +tagte neblig und kühl der Wintermorgen. Die ersten Schritte klapperten +über das Pflaster und ein Junge ließ einen Stock über die Eisenstäbe +des Gartengitters rattern. Wagen rollten Lasten heran. Aus den Häfen +schrillten die Arbeitspfeifen herüber, brüllten ein paar Sirenen. +Menschen schritten aus und folgten einander. Und dann wurde es wie +alle Tage.</p> + +<p>Das Mädchen hatte im Nebenzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Angela +Freydag ging hinaus und teilte ihr mit, daß der Herr abgerufen sei, +und wieder tat sie auf sein Geheiß und nahm etwas zu sich, um sich bei +Kräften zu halten. Als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrte, schlug +die Dielenuhr neun.</p> + +<p>Es war die Stunde, zu der Kornelius Vanderwelt sein Geschäftskontor +aufzusuchen pflegte, und triebmäßig hob sie den Hörer vom Fernsprecher +und rief das Kontor an.</p> + +<p>»Sagen Sie, bitte, den Herren, daß Herr Kornelius Vanderwelt in der +Frühe schon eine Reise hätte antreten müssen und nicht vor morgen +mittag erwartet werden könnte.«</p> + +<p>Und wieder saß sie in den Wintermorgen hinein, mit gekreuzten Füßen, +die Hände um die Knie geschlungen, und horchte nach innen und außen.</p> + +<p>»Jawohl! Hier Angela Freydag selbst!«</p> + +<p>Urplötzlich hatte sie den Hörer des Fernsprechers am Ohr. Urplötzlich +stand sie mit blassen Lippen und bändigte den Atem.</p> + +<p>Die Stimme Kornelius Vanderwelts sprach zu ihr. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> Herz schlug ihr +so hart bis ins Ohr, daß sie die ersten Worte wie ein Brausen vernahm +und den Sinn erraten mußte. Da aber wurde sie mit Gewalt Herr ihrer +selbst.</p> + +<p>»Jawohl, Kornelius.«</p> + +<p>»Am Nachmittag«, sprach die Stimme, »wird die Leiche freigegeben. Bis +zum Abend überführe ich sie nach dort. Teile der Friedhofsverwaltung +mit, daß sie noch am Abend in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden +soll. Anderen braucht vor meiner Rückkehr keine Mitteilung gemacht zu +werden.«</p> + +<p>»Ja, Kornelius.«</p> + +<p>»Noch eine Bitte, Angela. Ruf das Geschäftskontor an und entschuldige +mein Fernbleiben mit einer Reise.«</p> + +<p>»Ich tat es schon, als es neun Uhr schlug, Kornelius.«</p> + +<p>»Ich danke dir für deine Vorsorge. Auf Wiedersehen, Angela.«</p> + +<p>»Bleib gesund ...«</p> + +<p>Noch immer horchte sie, als müßte noch der letzte Hauch von ihm zu ihr +herüberdrängen. Dann legte sie den Hörer hin, fühlte einen leichten +Schwindel um ihre Stirn gleiten und grub beide Hände in ihr Haar.</p> + +<p>Ein wildes Aufschluchzen löste den Krampf. »Kornelius!« Und noch +einmal ein Schrei, als richte er sich gegen Gott im Himmel: +»Kornelius!!«</p> + +<p>Nur um den Vater des Toten schluchzte ihr Schmerz auf, nur um den +geliebten Mann. —</p> + +<p>Ruhig, sprach sie zu sich selber, ruhig jetzt, du hast ja Pflichten zu +erfüllen. Und sie ging hin und tat alles, was er sie geheißen hatte. +Und tat einen Schritt darüber hinaus und suchte den Friedhofsgärtner +auf und ließ unter ihrer Obhut die noch leere Bahre von grünen +Palmenbäumen umgeben.</p> + +<p>Der Trostlosigkeit des Ortes war um ein klein wenig gesteuert.<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> +Kornelius Vanderwelt sollte mit seiner Bürde nicht in die Öde hinein. +Und sie ging die Gräberwege, und ihr Herz war voll Leid um den +Lebenden.</p> + +<p>Es dunkelte, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Friedhoftore +anfuhr und zur Seite bog. Der Wagen war leer. Wenige Minuten noch, +und ein größerer und schwarzer Wagen fuhr vor und hielt vor dem Tor, +das sich auftat und vier Träger hervortreten ließ. Der Fahrer war +abgesprungen und hatte den rückwärtigen Schlag geöffnet. Die Träger +traten zurück. Ein Lebender stieg aus dem schwarzen Raum und eine +Frauenhand ergriff die Hand des Mannes und hielt sie weiterhin in der +ihren, als müßte es so sein.</p> + +<p>Der Eichensarg wurde aus dem Wagen gehoben. Die vier Träger trugen +ihn schweren Schrittes an den Bronzeringen, und der Mann und die +Frau folgten ihm in der Dunkelheit nach, und ihre Hände blieben fest +verschlungen. So traten sie in die erleuchtete Kapelle und blickten +regungslos auf das Tun der vier Männer, bis der Sarg aufgebahrt war +und der grüne Hain ihn umzitterte.</p> + +<p>Durch die Dunkelheit gingen sie, die Hände fest verschlungen, den +Weg zurück, den sie gekommen waren. Und der große schwarze Wagen +war verschwunden, und der Wilm war vorgefahren und hielt die Mütze +feierlich in der Hand.</p> + +<p>»Nach Hause, Wilm.«</p> + +<p>Sie fuhren wortlos heim. Ganz dicht aneinander gedrängt, als müßten +sie sich ihres Besitzes vergewissert halten.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt schritt durch sein Arbeitszimmer zum Schreibtisch +und ließ sich ermüdet nieder. Seine Augen ruhten auf Angela Freydag, +und die Frau trat neben seinen Stuhl und legte die Hand über seine +müden Augen.</p> + +<p>»Sprich jetzt nicht. Alles das hat Zeit, Kornelius. Es ist gut, daß du +zurück bist.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p> + +<p>Er schloß die Augen unter ihrer kühlenden Hand. Er war geborgen.</p> + +<p>Die Glocke des Fernsprechers läutete an. Der Ermüdete fuhr auf. Der +Zorn zerrte über sein Gesicht.</p> + +<p>»Noch mehr? Noch mehr? Mit dir allein will ich sein. Schaff' mir Ruhe, +Engel.«</p> + +<p>Sie hatte schon das Hörrohr am Ohr. »Es ist der Thomas,« sagte sie +leise.</p> + +<p>»Schaff' mir Ruhe. Mit dir allein will ich sein und nicht mit den +Jammergesichtern.«</p> + +<p>»Jawohl,« erwiderte sie in den Fernsprecher hinein. »Sie sprechen mit +Angela Freydag. Ja, Thomas, wenn die Abendzeitung den Unglücksfall +schon berichtet ... Ihr Vater ist in diesem Augenblick von Köln +zurückgekehrt und im Begriffe, sich zurückzuziehen. Bitte, gönnen Sie +ihm heute die Ruhe. Ja, kommen Sie morgen in der Frühe. Ihr Vater läßt +Sie herzlich grüßen.«</p> + +<p>»Der Thomas legt sich dir schweigend ans Herz, Kornelius. Dafür liebe +ich ihn.«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Er suchte nach einem Anfang, und sie sah sein +quälerisches Bemühen.</p> + +<p>»Sprich jetzt nicht,« wiederholte sie mit ihrer tiefsten Zärtlichkeit. +»Heute muß ich doch deine Sorgerin sein. Du bist so oft mein Sorger +und darfst mir heute gehorchen.«</p> + +<p>Sie beugte sich zu ihm nieder, und er strich ihr schwerfällig mit den +Händen über Gesicht und Haar.</p> + +<p>»Todmüde bin ich, Engel, und werde doch nicht schlafen können. Aber +ich werde dir gehorsam sein.«</p> + +<p>Sie ging neben ihm her bis zur Tür seines Schlafzimmers.</p> + +<p>»Es klänge unsinnig, Kornelius, eine ›gute Nacht‹ zu wünschen. Wenn +du mit der Nacht nicht fertig wirst, rufe mich. Nur ruhen sollst du. +Ausruhen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p> + +<p>Er zog sie an sich und küßte sie aufs Haar.</p> + +<p>»Geh auch du zur Ruhe. Hab' Dank für deine Gegenwart. Ich fühlte sie +den ganzen Tag, wie ich dich jetzt fühle, und das allein hat mir über +den Berg geholfen.«</p> + +<p>Angela Freydag aber schritt noch einmal durch das Haus und traf +ihre Anordnungen. Sie ging zu den Mädchen und teilte ihnen den Tod +des ältesten Haussohnes mit, denn der Fahrer Wilhelm hatte finster +geschwiegen. Und zu später Stunde erst suchte sie ihr Bett auf.</p> + +<p>Lange hatte sie noch in die Nacht hineingewacht, mit den Gedanken, die +jetzt wohl der Mann auf seinem einsamen Lager denken mochte, und mußte +doch endlich wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn das Licht +brannte in ihrem Zimmer, als sie die Augen aufschlug und sich nicht +gleich zurechtzufinden wußte.</p> + +<p>An ihrem Bette saß Kornelius Vanderwelt. Er war angekleidet und sah +sie an.</p> + +<p>»Ist es schon Morgen, Kornelius? Habe ich die Zeit verschlafen?«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf und streichelte ihre Hände, die auf der Decke +lagen.</p> + +<p>»Es ist noch Nacht. Bleib ruhig liegen. Es wird nicht mehr als drei +Uhr sein.«</p> + +<p>»Weshalb bist du denn angekleidet? Hast du dich gar nicht zur Ruhe +gelegt? Du versprachst es doch.«</p> + +<p>»Wenn man in das Dunkle hineinsieht, Engel, sieht man die Dinge +schärfer als im Licht. Mit einer grausamen Schärfe, Engel. Weil man +die unerbittliche Kette der Folgerungen gestaltet und die Beweggründe +nicht gelten läßt. Darum bin ich wieder aufgestanden und habe mich +angekleidet und zu dir ans Bett gesetzt.«</p> + +<p>»Sitzest du bequem, Kornelius? Nimm doch das Kissen von mir in den +Rücken.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p> + +<p>»Nein, nein. Ich danke dir. Seit ich bei dir sitze und dich ansehe, +hat sich die Schärfe gemildert.«</p> + +<p>Da lag sie ganz still und atmete fast unhörbar. Ihr hellfarbiges Haar +glitzerte wie eine seidige Woge auf den Kissen und bettete den ernsten +Frauenkopf mädchenweich. Es schmiegte sich über ihre Brust, und er sah +die seide-gesponnenen Fäden leise erzittern. Ganz nahe jetzt, ganz +nahe. Sein Kopf hatte sich an ihrer Brust eine Ruhestatt gesucht.</p> + +<p>Und in ihren Herzschlag hinein begann er zu sprechen, sich von den +Bildern des Tages zu lösen.</p> + +<p>»Ich kam nach Köln, Engel. Ich wurde in den Raum geführt, in dem der +Verunglückte lag. Ich erkannte ihn sofort als meinen Sohn, als den +Justus. Er hatte noch im Tode den hochfahrenden Zug um den Mund. Denn +ein Toter lag vor mir, kein nur Verwundeter, Engel. Ein Mensch mit +rohen Messerstichen im Leib, aufgefunden in einer dunklen Gasse, in +der sich das Gesindel herumtreibt.</p> + +<p>»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön +gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich +anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich +mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.</p> + +<p>»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein. +Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel +Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es +unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen +wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem +Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer +gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf +der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er +lag mit gebrochenen Augen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> + +<p>Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust. +Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe +hinüberführen zu können.</p> + +<p>»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne! +Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen +wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als +auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten, +und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«</p> + +<p>Jetzt spürte er ihre Hand über seinen Rücken gleiten. So sacht und +doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann +sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.</p> + +<p>»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft +und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der +Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen +Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln +auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten. +Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein +mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen. +Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten +stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der +Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«</p> + +<p>Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht. +Sie sprach noch immer nicht.</p> + +<p>»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte +mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal +einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an +deinem Bette zu sitzen, Engel.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> + +<p>»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.</p> + +<p>»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«</p> + +<p>»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in +die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen, +ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir +schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich +nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner +Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein +anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner +Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu +werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was +ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«</p> + +<p>Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur +über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn +tiefer aufhorchen machte.</p> + +<p>»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann +es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf +die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie +sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten +Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt. +Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können +als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder +eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner +Erziehung wäre — ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der +Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine +Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen, +Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst +hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Schein. Wenige Kinder +haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist +die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als +den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich +wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«</p> + +<p>»Wie gut es sich dir zuhört, Engel —«</p> + +<p>»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und +doch zum Glück kam.«</p> + +<p>»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«</p> + +<p>»Nein, <em class="gesperrt">ich</em> beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen +Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon +selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es +ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh +dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit +dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß +Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«</p> + +<p>Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.</p> + +<p>»Bei dir — ach, bei dir ist gut ruhen ...«</p> + +<p>Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den +Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn +hin. Wie wohl das alles tat — wie wohl — —</p> + +<p>Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser +Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, — und war entschlummert. +Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.</p> + +<p>Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen +Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte +sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie +noch lange auf die stillen Atemzüge.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> + +<p>Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das +Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den +Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln +zu ihm hinüber.</p> + +<p>»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«</p> + +<p>»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«</p> + +<p>Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück. +Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine +Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke, +helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände, +die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte, +diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.</p> + +<p>Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle +Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über +Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. —</p> + +<p>Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches +Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela +Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter +beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde +das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.</p> + +<p>»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so +aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.</p> + +<p>»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas +aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<p>Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in +erlesenen schwarzen Gewändern.</p> + +<p>»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt, +als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch +nur <em class="gesperrt">eine</em> Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell +überstehe.«</p> + +<p>Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten +Gesichtern zu Angela Freydag zurück.</p> + +<p>»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht +zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an +meinen armen Bruder bat.«</p> + +<p>»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem +zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen? +Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch +alle Einzelheiten.«</p> + +<p>»Als Helfer starb er — aber die Tatsache seines unglücklichen Todes +muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag +und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.</p> + +<p>»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu +Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus +nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als +erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried +fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht +nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen +des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das +Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«</p> + +<p>»Überlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie +zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«</p> + +<p>Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief +nach Angela.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> + +<p>»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe +geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«</p> + +<p>Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im +Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war +verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die +Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren +Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus +Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden, +und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an +der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.</p> + +<p>Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die +Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier +Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in +die Gruft hinabgelassen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht +und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab' +deine Ruhe, Justus.</p> + +<p>Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den +Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich +zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen +auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter +den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr +als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt +Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.</p> + +<p>Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das +Lachen schüttelte oder das Leid.</p> + +<p>Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p> + +<p>»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.</p> + +<p>»Sahst du ihn?«</p> + +<p>»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«</p> + +<p>»Und was für einer!«</p> + +<p>»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es +heute gefreut.«</p> + +<p>»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«</p> + +<p>Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim. +Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre +Zimmer auf, um sich umzukleiden.</p> + +<p>An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den +Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den +gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und +mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das +Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es +für Kornelius Vanderwelts Seele.</p> + +<p>Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre +Liebe an seinem Herzen hielt.</p> + +<p>Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren. +Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete, +dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom +Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten +könnte ich um seines geliebten Namens willen.</p> + +<p>Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...</p> + +<p>Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der +Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben +den Leuten im Munde stecken,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> die Knäuel öffneten sich und ließen ihn +hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in +Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ +es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.</p> + +<p>Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die +Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich +ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius +Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die +Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.</p> + +<p>Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den +Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in +Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr +geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an +Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend, +er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner +Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts +gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche +geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die +Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb +genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte, +äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger +und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm +die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.</p> + +<p>In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten +hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen +Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist +die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten +Hände immer die<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im +Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon +Handschuhe übergezogen.«</p> + +<p>Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge +mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins +Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen +und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr +als je den Namen Angela Freydag.</p> + +<p>Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen. +Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem +zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden +Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte +sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer +inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl +aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts +anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.</p> + +<p>Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig, +das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten +Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein +Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin +seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine +Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.</p> + +<p>In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung, +Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte +gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete +sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der +Menschenverachtung erschien und blieb.</p> + +<p>Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein.<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Er wußte die +Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause +traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des +Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein +zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.</p> + +<p>»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie +sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen +überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch +unanständig. Weshalb also die Maskerade.«</p> + +<p>»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«</p> + +<p>Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte, +hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.</p> + +<p>»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und +nichts weniger.«</p> + +<p>»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der +Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«</p> + +<p>»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«</p> + +<p>»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie +jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger +.. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft +veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«</p> + +<p>»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu +meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«</p> + +<p>Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.</p> + +<p>»Das würde nun wiederum <em class="gesperrt">Ihrem</em> Namen keine Ehre machen, +Frau Engel. Denn ich komme ja just zu<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Ihnen, um von Zeit zu Zeit +festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch +übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es +mich, meinen ganzen Musterkasten — die alten Griechen nannten ihn, +glaube ich, die Büchse der Pandora — vor Ihnen auszupacken, wenn die +Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist +wie das Weib.«</p> + +<p>»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer +Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder — Oder!«</p> + +<p>»Ein Entweder — Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere +gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das +Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das +Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der +ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß +man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht. +Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein +ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber +darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe +man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend. +Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich +<em class="gesperrt">nicht</em> umgeschaut hat.«</p> + +<p>»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder +hin, ohne es zu ändern?«</p> + +<p>»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen +ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus +Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau +Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren +und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm +das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng +sittliche Weise.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p> + +<p>»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden +müssen, ohne Beschönigung.«</p> + +<p>»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den +neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede +vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der +sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe. +Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins, +von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen +Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des +Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren +ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches +und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit +und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu +halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein +Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze +Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen. +Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen +sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich +Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die +Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich +aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser +ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine +Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche +Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor +der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des +einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin, +die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen +Schild des anderen.<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit +der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen +wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen +müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und +rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel +kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der +unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich +verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er +wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben +wir den Geburtstag für uns gefeiert.«</p> + +<p>Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über +den gelungenen Streich.</p> + +<p>»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von +Geist?«</p> + +<p>»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«</p> + +<p>»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe +kennenlernen?«</p> + +<p>Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine +Röte über seine Wangen huschte.</p> + +<p>»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das +Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas: +die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu +unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind +bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so +lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu +erwachsen geworden, Thomas.«</p> + +<p>Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich +kleinlauter, als er gekommen war.</p> + +<p>»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Frau Engel. +Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine +schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«</p> + +<p>Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück. +Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm +ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging +hinaus. —</p> + +<p>Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas +ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen +und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde? +Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen +Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich — lehrreich war sie +auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte +nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten +Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte +ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit +war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im +übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei +gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und +heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden +waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und +es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine +Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer +selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder. +Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die +Allgemeinheit — die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr +zusammengeflicktes Maßband an.</p> + +<p>Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts +nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Mienen zogen sich zusammen. Sie +schüttelte die Hände in der Luft.</p> + +<p>»Du — du! Mein Kornelius!«</p> + +<p>Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum +Angriffssprung. —</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich +Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen +als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht +mehr darüber sprach.</p> + +<p>Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie +anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr +Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben +wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und +alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«</p> + +<p>Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen +zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und +mit ihr.</p> + +<p>Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die +Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an +Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber +immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte +vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der +Stille.</p> + +<p>Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die +Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze +Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im +Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er +zu Ende rauchte.</p> + +<p>»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Abend auf dem +Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch +ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil +wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn +sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu +Hause gemeinsam zu rauchen.</p> + +<p>»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast, +Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.</p> + +<p>Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.</p> + +<p>»Möchtest du, daß ich spiele?«</p> + +<p>»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist +jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du +damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das +kann nicht mehr überboten werden.«</p> + +<p>»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«</p> + +<p>»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei +Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr +anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«</p> + +<p>»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«</p> + +<p>Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger +und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.</p> + +<p>Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit +drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius +Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit +Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu +ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die +Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren +Beckenried meldete.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<p>»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du +die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.« +Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie +folgte ihm.</p> + +<p>Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe +offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren +vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den +Abend noch weiter zu verkürzen.</p> + +<p>»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und +sah den Besuchern entgegen.</p> + +<p>»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein +Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«</p> + +<p>»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,« +begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und +die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem — zu einem +—«</p> + +<p>»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«</p> + +<p>Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.</p> + +<p>»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton +bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«</p> + +<p>»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der +Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir +wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe +gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«</p> + +<p>»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn. +»Ja, das wollen wir von <em class="gesperrt">Ihnen</em> erfahren, inwieweit Sie zu +Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang +erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und +vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau +Schwiegertochter, diese — diese —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>»Klaus, bist <em class="gesperrt">du</em> mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«</p> + +<p>Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und +spreizten sich.</p> + +<p>»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was +sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch +erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei +ergreifst!«</p> + +<p>»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als +unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres +Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine +Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«</p> + +<p>»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine +Irrsinnige, wie?«</p> + +<p>»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt +hart.</p> + +<p>»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht. +»Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten +zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die +Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße. +Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es +geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«</p> + +<p>»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe +sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und +du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die +Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«</p> + +<p>»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine +Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p> + +<p>»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um +mehr! Um mehr!«</p> + +<p>»Nenne mir die Summe.«</p> + +<p>»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das +reicht!«</p> + +<p>Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still +wurde es im Zimmer.</p> + +<p>»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich. +»Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«</p> + +<p>»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg, +und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse +gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten +Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu +verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf +ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an +einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt +auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«</p> + +<p>»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst +gelebt. Dieser Vampir — —«</p> + +<p>»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das +Geld will ich retten.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?« +fragte er.</p> + +<p>»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere +heftig auf den Tisch.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine +feine Röte kreiste auf seinen Wangen.</p> + +<p>»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> spräche er mit +sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen +zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat —«</p> + +<p>»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds? +Natürlich ist das ein Pappenstiel!«</p> + +<p>»Ich habe nicht mit <em class="gesperrt">dir</em> gesprochen, sondern mit <em class="gesperrt">mir</em>, +Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen. +Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein +muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark +schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«</p> + +<p>»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«</p> + +<p>»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.</p> + +<p>»Sie —?«</p> + +<p>»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick, +in dem Sie, Herr Klaus Beckenried — Sie gestatten, daß ich das +irreführende Du unterlasse — in keiner Weise mehr als mein +Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«</p> + +<p>»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane +vollzogen habe —?«</p> + +<p>»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es +heißen.«</p> + +<p>»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz +außerhalb unserer Verhandlungen.«</p> + +<p>»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern +lassen wollen.«</p> + +<p>»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie, +was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine +nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn +her wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht +einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie +haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute. +Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt +sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er +soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt —!«</p> + +<p>»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in +jedem Punkte bei meinem Wort.«</p> + +<p>Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.</p> + +<p>»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr +verträgt?«</p> + +<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser +Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde +geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand +setze mit allem, was darinnen ist.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt +zurück. »Das ist — das ist Güte, statt Haß.«</p> + +<p>»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein +schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«</p> + +<p>»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte +der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht +mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den +klaren Blick bewahren.«</p> + +<p>»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug, +denn Sie haben sich nicht auf der Stelle<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> entscheiden können. Die +Antwort können Sie auf morgen verschieben.«</p> + +<p>»Sie sollen sie morgen wissen.«</p> + +<p>»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr +zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen +alle Urkunden vor. Guten Abend.«</p> + +<p>Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur +Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle +um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des +Nachschauenden.</p> + +<p>»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried, +der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer, +und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn +wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute +Nacht.«</p> + +<p>Die Türe schloß sich.</p> + +<p>Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht +noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein, +Engel. Ich bin ganz allein.«</p> + +<p>Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen +flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie +grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben +waren.</p> + +<p>Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.</p> + +<p>»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen +schnallt sich enger um den Leib.«</p> + +<p>Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen +funkelten ihn an.</p> + +<p>»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf +dem Boden zu haben. Auf ihrem platten<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Boden. Wegen eines Sackes Geld. +Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen +dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du +dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich +gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«</p> + +<p>»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die +andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt +von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«</p> + +<p>»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich, +daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen +aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird +sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die +deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.</p> + +<p>»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen +müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so +möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer +noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz. +Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben +aufzuwiegen.«</p> + +<p>Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine +grau gewordenen Schläfen. — —</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="9">9</h2> +</div> + + +<p>Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das +Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit +den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in +Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand +aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte +die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas +und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos +gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der +Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths +Räumen einzunisten.</p> + +<p>»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder +Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den +Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem +ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam +ist.</p> + +<p>»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich +entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht +zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«</p> + +<p>»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre +übriggeblieben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> + +<p>»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im +Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und +Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«</p> + +<p>»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so +gut wie mittellos gemacht.«</p> + +<p>»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«</p> + +<p>»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und +der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der +Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter +einmal sagte — o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht +meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es +hiermit von Herzen.«</p> + +<p>»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann +<em class="gesperrt">wir</em> an der Reihe sind.«</p> + +<p>»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen, +Antonie, vergiß das bitte nicht.«</p> + +<p>»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug +um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht +mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an +der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.</p> + +<p>»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach +Mamas Tode!«</p> + +<p>»Ich freute mich nur so herzlich, weil <em class="gesperrt">ich</em> noch nicht +gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie +muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih, +Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus +bedeuten, als ich von der<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal +das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der +Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«</p> + +<p>»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein +Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«</p> + +<p>»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus +seinem Stuhle heraus.</p> + +<p>»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug +gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir +ungestört und unter uns sind.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.</p> + +<p>»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon +geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen +Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«</p> + +<p>Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das +Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so +erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr +miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er +nicht Thomas gewesen.</p> + +<p>»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine +Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über +Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«</p> + +<p>Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit +Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten +machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so +schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur +Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p> + +<p>Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius +Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt +angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von +dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.</p> + +<p>Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie +nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre +Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften +beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar +silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten +Köpfen.</p> + +<p>»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie +erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«</p> + +<p>»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«</p> + +<p>»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«</p> + +<p>»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen +und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so +sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«</p> + +<p>»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.</p> + +<p>»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre +Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte +besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist, +daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein, +daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am +Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p> + +<p>»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie +müssen mit hinein?«</p> + +<p>»›<em class="antiqua">Propter invidiam!</em>‹ sagten schon die römischen Eroberer +von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des +Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem +Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein +Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende +Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein +Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren, +so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht +ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. <em class="antiqua">Propter invidiam</em>, +ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel +zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu +einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine +gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just +nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt +von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. <em class="antiqua">Propter invidiam.</em> +Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr +Deutsche werden wollt!«</p> + +<p>»Und — Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar +durcheinander.</p> + +<p>»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen +und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den +Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie +den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen, +um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht +vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> beide auf zwei einsamen +Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie +Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei +Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«</p> + +<p>Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am +großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt +hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als +die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem +verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten +an ihr warmes Herz.</p> + +<p>»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner +hat sie verdient wie er.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden +Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau +wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds +vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner +ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen +Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als +er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag +des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.</p> + +<p>Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die +heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese +Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.</p> + +<p>»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.</p> + +<p>»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr +tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid +ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube +zu sinken?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p> + +<p>»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«</p> + +<p>»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater +in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder +stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«</p> + +<p>Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten +antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm, +und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.</p> + +<p>»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«</p> + +<p>»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, +Mathematik mangelhaft.«</p> + +<p>»Und du, Nikolaus.«</p> + +<p>»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut, +Mathematik mangelhaft.«</p> + +<p>»Schreibt ihr voneinander ab?«</p> + +<p>»Nur in der Mathematik, Großvater.«</p> + +<p>»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die +Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine +Mathematik?«</p> + +<p>»Er kann <em class="gesperrt">schon</em>, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß +wir nicht geradesoviel können.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.</p> + +<p>»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das +wieder für unbegreiflich halten.«</p> + +<p>So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden +gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts +Augenpaar das leuchtendste.</p> + +<p>»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer +ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«</p> + +<p>»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben,<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> weil sie die +Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«</p> + +<p>»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht' +es meinen.«</p> + +<p>Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.</p> + +<p>»Habt ihr einen Ferienwunsch?« fragte er mit weicher Stimme. »Sagt ihn +auf.«</p> + +<p>»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater. +Dürfen wir einmal hin?«</p> + +<p>»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das +Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf +kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«</p> + +<p>»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen +Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm +zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«</p> + +<p>»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre +Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er +blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.</p> + +<p>In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher +wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man +älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn- +und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag +verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem +geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch +vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«</p> + +<p>»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein +Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind <em class="gesperrt">nicht</em> da, und du +gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> wann dein Wildlingsblut sich +vor irgend etwas gefürchtet hätte.«</p> + +<p>»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der +ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal +diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat +es doch. Da mußte er mitturnen.«</p> + +<p>»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil: +die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«</p> + +<p>»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den +französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«</p> + +<p>»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder +der kleine Kornelius noch der große.«</p> + +<p>»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen +müssen, Engel.«</p> + +<p>Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre +warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.</p> + +<p>»Solange du <em class="gesperrt">mich</em> nicht verkaufen mußt, Kornelius — und tust +du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf +und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt +hieltest.«</p> + +<p>»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele +Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist +ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den +Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male +die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich +wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu +stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem +Rhein, Engel.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p> + +<p>»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es +keine Siebensachen mehr?«</p> + +<p>»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns +erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk +Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit, +um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller +Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem +aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«</p> + +<p>»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«</p> + +<p>»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben +Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich +bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige +Gebiet außer Betracht lasse.«</p> + +<p>Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.</p> + +<p>»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete +ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich +zu holen — jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht +von mir genommen. Überhaupt — wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden +wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten. +In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In +der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in +der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur +auffordert, den Schnee zu schippen.«</p> + +<p>Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind +belohnt.</p> + +<p>»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen +Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut +sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Weltweisheit <em class="gesperrt">baden</em>, +unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er +heißt: Verkauf.«</p> + +<p>»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken +Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern? +Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns +jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich +merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich +das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir +wollen jung bleiben und nicht altern. <em class="gesperrt">Das</em> ist der Wille.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile +saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt: +»Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem +Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«</p> + +<p>»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen +wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du +verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen +Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«</p> + +<p>»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht +verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren +von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt +vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal +ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber +auf Fahrt.«</p> + +<p>»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«</p> + +<p>»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das +Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um +Kohlenkähne handelt. Im<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten +und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum +fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold +gelten läßt.«</p> + +<p>»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«</p> + +<p>»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der +Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«</p> + +<p>»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte +ihren Kopf in seine Achsel.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und +während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und +erfüllte, dachte er: nicht <em class="gesperrt">zu</em> schön, über <em class="gesperrt">alles</em> schön +ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren +möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten +kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten +hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft, +werde ich reicher.</p> + +<p>»Kornelius —?«</p> + +<p>»Engel?«</p> + +<p>»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und +zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und +auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und —«</p> + +<p>Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.</p> + +<p>»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß +ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«</p> + +<p>Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht +weitersprechen konnte.</p> + +<p>»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja +noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen,<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> und ich werde deine +Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände +an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu +gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen, +daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein, +Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«</p> + +<p>»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«</p> + +<p>»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren +der Welt kann das sagen ...«</p> + +<p>»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit +einer Trennung ist es vorbei.«</p> + +<p>An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften. +Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten +mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.</p> + +<p>Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an +seinen Schreibtisch.</p> + +<p>»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf +Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch +glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber +ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels +Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und +als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab +und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir +aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«</p> + +<p>»Muß das sein, Kornelius?«</p> + +<p>»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch +in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein +begrifflicher. Für uns beide, meine<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> ich. Von dort aus holte ich dich +unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete +Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines +Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein +Vielfaches wert.«</p> + +<p>»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch +mit steifen Fingern noch.«</p> + +<p>»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte, +geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt +und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache +fallen lassen.«</p> + +<p>Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte +die Hände um die Hüften.</p> + +<p>»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre +zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen +Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und +bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die +Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?« +Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl, +Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du +von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹ +spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört +es auf.«</p> + +<p>»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius +Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und +Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist +unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel +mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er +aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen +vereint zu bleiben. Und wenn auch<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer +augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert +darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein +hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der +Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und +dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«</p> + +<p>»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«</p> + +<p>Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten +Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war — und war nicht anders. +Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.</p> + +<p>Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes +übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen +hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der +Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.</p> + +<p>»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab' +ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt +einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und +dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie +noch einen Wunsch, Wilm?«</p> + +<p>»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn +der Wind beidreht.«</p> + +<p>»Und bis dahin —?«</p> + +<p>»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt, +wenn's erschwinglich ist.«</p> + +<p>»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht +einen jeden auf dem Rheine gondeln.«</p> + +<p>»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war +Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls +eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> + +<p>»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort +übernehmen. Glückauf!«</p> + +<p>»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«</p> + +<p>Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der +Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt +war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch +ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur +Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber +er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn +unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen. +Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen +sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von +Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage +würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.</p> + +<p>»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«</p> + +<p>»Ich koche.«</p> + +<p>»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in +der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere +Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich +wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«</p> + +<p>Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder +Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine +Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem +eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu +ungewohnter Stunde in sein Haus.</p> + +<p>Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Schürzenkleid, +das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch +turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem +Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.</p> + +<p>»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt. +In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas +Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«</p> + +<p>»Die Leiter könnte brechen ...«</p> + +<p>»Spring!«</p> + +<p>Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.</p> + +<p>»Was ist heute für ein Tag, Engel?«</p> + +<p>»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und +weil die Sonne scheint.«</p> + +<p>»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt. +Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind +sein. Und das wollen wir feiern.«</p> + +<p>»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«</p> + +<p>»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«</p> + +<p>»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern, +wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«</p> + +<p>»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein +wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns +mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig +sein?«</p> + +<p>»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig, +wenn's mit <em class="gesperrt">dir</em> geht!«</p> + +<p>»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika, +und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe +Kleiderröcke und dein Ölzeug<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine +Maienreise zum Oberrhein!«</p> + +<p>Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.</p> + +<p>»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht +schaden?«</p> + +<p>»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem +Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns +her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts, +nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob +ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können, +wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre +Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter +waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien! +Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«</p> + +<p>Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und +rannte die Treppen hinauf.</p> + +<p>»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine +Handkoffer mit!«</p> + +<p>Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.</p> + +<p>Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und +forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um +den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte +ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und +zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.</p> + +<p>»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen +glühten wie Mädchenwangen.</p> + +<p>»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große +Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> unsere ist und wir von +unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir +sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«</p> + +<p>Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er +trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr +gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg, +wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude, +als Hauswirt auftreten zu dürfen.</p> + +<p>Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die +Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der +Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen +in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll +der Duft von frischer Suppe.</p> + +<p>Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der +Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief +beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der +Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn +folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.</p> + +<p>»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst +die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß +und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin +hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte +Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf +festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt. +Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«</p> + +<p>»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr +prinzessinnenhaft ist.«</p> + +<p>»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen +anzünden, Engel.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> + +<p>»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«</p> + +<p>»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst +über Bord!«</p> + +<p>Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über +das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten, +und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete +neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm +entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen +die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...</p> + +<p>»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er, +als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch +gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß +uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals +zu fallen, das gibt zu denken.«</p> + +<p>»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den +blauen Rauch gegen den Himmel.</p> + +<p>Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf +der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.</p> + +<p>Kaiserswerth mit der Burg Pippins — Düsseldorf mit dem Turm der +heißblütigen Jakobe von Baden — Zons mit Mauern und Warten und +mittelalterlichen Toren — es zog vorbei, wie Wandelbilder sich +entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes, +feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein +Mastenwald im Hafen.</p> + +<p>Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.</p> + +<p>»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte,<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> ich werde +dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt, +ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«</p> + +<p>Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.</p> + +<p>Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine +Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang, +dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in +den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die +Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie +Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt +Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn +er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort +glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen +und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann +ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister. +In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den +Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden +pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den +Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen +aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine +Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem +wunderbaren Menschenbilde.</p> + +<p>Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich +ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen +vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er +glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da +kannte er<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung: +es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen +verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie +ihre Schönheit nur für einen trug.</p> + +<p>In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem +Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die +nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.</p> + +<p>Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie +in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager +und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit, +bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren +sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur +Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann +packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und +lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand +hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer +jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das +Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in +seinen Arm.</p> + +<p>Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es +zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und +lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll +vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in +das Bannland der Sieben Berge.</p> + +<p>Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der +Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren +sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken +Rheinseite das<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels +des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und +über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein +erstarrten Eifelmassen.</p> + +<p>»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor +der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten +Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden +Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten +der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn +zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als +wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum +gotischen Kirchendach.</p> + +<p>Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten +Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit +einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.</p> + +<p>»Was ist dir, Kornelius?«</p> + +<p>»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein +Unsinn.«</p> + +<p>»Was ist ein Unsinn?«</p> + +<p>»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf, +während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens +hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles +das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht +steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit +hinein.«</p> + +<p>»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre +Brust.</p> + +<p>Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.</p> + +<p>»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> hinein, +die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer +Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in +Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«</p> + +<p>»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.</p> + +<p>Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den +Hals. — —</p> + +<p>Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war +voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr +Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese +Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die +sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines +Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine +Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.</p> + +<p>Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur +Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und +rührte sich nicht an ihrem Herzen.</p> + +<p>»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar +aus der Stirn.</p> + +<p>»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte +ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die +ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie +ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen +unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines +Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was +ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«</p> + +<p>»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in +dir aufgegangen.«</p> + +<p>»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich +einen Hunger.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p> + +<p>»Und ich! Und ich!«</p> + +<p>Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend +schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und +bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.</p> + +<p>In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und +je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher +öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der +Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der +Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die +Flüchtlingsbezirke der Romantik.</p> + +<p>Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus +Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen +nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von +den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende +Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die +türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem +Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch +das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom +Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg +Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den +der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen +Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der +Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des +letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken +geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.</p> + +<p>Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an +der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine +unsagbar tiefe<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und +das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.</p> + +<p>So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen +schweigend an Land. — — —</p> + +<p>Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als +Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die +beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes +starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die +Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte +er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte +fest seine Hand.</p> + +<p>Ruhrort — — —</p> + +<p>Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie +sie so oft gegangen waren. — —</p> + +<p>In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten +nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im +Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und +Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt +den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein +Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf +Kornelius Vanderwelt übergegangen.</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine +Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines +Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust +seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich +selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm +folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum +letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p> + +<p>In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius +Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und +sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart +hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.</p> + +<p>Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte +aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu +schlingen.</p> + +<p>Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast +getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.</p> + +<p>Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine +Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen +gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.</p> + +<p>Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt. +Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.</p> + +<p>Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht +blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach +leise hinaus.</p> + +<p>Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt +die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts. +Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen, +tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen +Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.</p> + +<p>»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat +nich.«</p> + +<p>»Gehen Sie.«</p> + +<p>Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz +hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden +Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> + +<p>»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes. +»Allein werden Sie nich fertig, Madam.«</p> + +<p>»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in +sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte +genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind — wir tragen +ihn im Sessel hinauf.«</p> + +<p>Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden +Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der +Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften +und bettete ihn.</p> + +<p>Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah +et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer +rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil +et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer +für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit +Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn +die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius +Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«</p> + +<p>»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«</p> + +<p>Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die +Augen, als sie sich über ihn beugte.</p> + +<p>»Hab' ich dir — einen argen Schrecken — eingeflößt, Engel?«</p> + +<p>»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«</p> + +<p>»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«</p> + +<p>»Schlaf, Kornelius.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> + +<p>Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte +schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus +auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür +öffnete.</p> + +<p>Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen +Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer +neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.</p> + +<p>»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.</p> + +<p>Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort +geweckt.</p> + +<p>»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche +Gedichte möchte man hersagen — und sie fallen einem nicht ein. Ach +was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen. +Dem einen — Namen ...!«</p> + +<p>Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber. +Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie +ganz allein.</p> + +<p>»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der +Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich +die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer +Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben. +Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist +alles überstanden.«</p> + +<p>Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war +zurückgeblieben.</p> + +<p>»Laß den Doktor — nicht mehr — zu mir herein, Engel. — Du bist mein +Arzt — meine Ruhe — mein — alles.« —</p> + +<p>Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach +ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> Arm und wartete, bis +er vor Erschöpfung entschlummert war.</p> + +<p>Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in +der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.</p> + +<p>»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«</p> + +<p>»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«</p> + +<p>»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und +danke dir.«</p> + +<p>Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte +sich über nichts. Er lachte sie nur an.</p> + +<p>»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig +möchte ich so müde sein, Engel.«</p> + +<p>Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.</p> + +<p>»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die +Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die +Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«</p> + +<p>Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und +unablässig sprach er.</p> + +<p>»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer +hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst +in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«</p> + +<p>»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns +über alles geliebt, während wir uns heute nur noch — ›liebhaben‹? +Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«</p> + +<p>»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich +meine Herzbrust taufte?«</p> + +<p>»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut +vergessen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p> + +<p>Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes +gehört und wehrte ab.</p> + +<p>»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.</p> + +<p>»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«</p> + +<p>»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die +Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe +zurückgewinnen.«</p> + +<p>»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius +Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den +Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«</p> + +<p>»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius. +Und wir bleiben allein.«</p> + +<p>»Dann ist alles gut.«</p> + +<p>Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den +Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die +halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick +fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu +lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das +Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.</p> + +<p>Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.</p> + +<p>»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um +die kurze Spanne? Ist das alles?«</p> + +<p>Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.</p> + +<p>»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den +Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«</p> + +<p>Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.</p> + +<p>»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein +Beisammensein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> + +<p>Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.</p> + +<p>»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht +hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den +einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag, +oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem +anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere — der andere lebt +ja nicht mehr! Engel!«</p> + +<p>Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als +hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.</p> + +<p>»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius. +Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«</p> + +<p>»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir +sprechen.«</p> + +<p>»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen, +fremden Frauen.«</p> + +<p>»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst +ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in +die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht +mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd +geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will +nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend +sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut. +Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie +waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine +Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«</p> + +<p>Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen +und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius — mich auch?«</p> + +<p>Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p> + +<p>»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im +Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' +ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«</p> + +<p>»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu +sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine +Selbstverständlichkeit!«</p> + +<p>»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln +zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien: +›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner +Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten +sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein +Mal — ein — ein Mal — — <em class="gesperrt">Engel</em>!«</p> + +<p>Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den +letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.</p> + +<p>Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in +ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.</p> + +<p>»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«</p> + +<p>Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz +gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.</p> + +<p>Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick +nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu +entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte +der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.</p> + +<p>»Geliebter — Geliebter — — Geliebter — — —!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="10">10</h2> +</div> + + +<p>Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe +aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt +vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins +Haus gekommen.</p> + +<p>»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«</p> + +<p>Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll +Schrecken.</p> + +<p>»Ihr Vater, Thomas — Ihr Vater — ist heimgegangen — —«</p> + +<p>Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er +selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem +ihren.</p> + +<p>»Was heißt das — heimgegangen —?«</p> + +<p>»In das Land seiner Vergangenheit — in das Land seiner Vorfahren, +seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«</p> + +<p>Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße +und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und +du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.</p> + +<p>»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius +Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p> + +<p>Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das +alle Tore verschlossen findet.</p> + +<p>»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine +Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«</p> + +<p>»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie +ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster +Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die +ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich +sein Erbe!«</p> + +<p>»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du +ein Erbe sein wirst!«</p> + +<p>»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in +gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein +geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her, +wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es +mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes, +von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen +geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden +durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«</p> + +<p>»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag +und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu +bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang +sein.«</p> + +<p>»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus, +und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie +ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«</p> + +<p>»Nein, das ist der Anfang.«</p> + +<p>»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> der Anfang +liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der +Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«</p> + +<p>»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht +leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten +mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das +deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das +Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«</p> + +<p>»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr +dennoch.</p> + +<p>Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über +des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er +Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten +fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen +brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger +fließenden Strom allen Geschehens.</p> + +<p>Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den +stiller Schluchzenden auf.</p> + +<p>»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß +nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«</p> + +<p>Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.</p> + +<p>Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der +Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder +erhob, blickten seine Augen ernst.</p> + +<p>»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die +Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein +Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p> + +<p>Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein — mein +Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.</p> + +<p>Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich +ließ es wegen eines Zunders verkommen.</p> + +<p>Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd, +wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete +ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl, +während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier +ausfüllte.</p> + +<p>Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette +des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt. +Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.</p> + +<p>»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist +Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung +sehen.«</p> + +<p>»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht +helfen, Engel?«</p> + +<p>»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«</p> + +<p>Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn +nach einem Wort.</p> + +<p>»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten +hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am +Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ +den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.</p> + +<p>Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten +gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt +wandte sie langsam den Kopf.<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre +Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und +wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.</p> + +<p>»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes +wußte sie.</p> + +<p>Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die +Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.</p> + +<p>»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« — — —</p> + +<p>Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre +Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es +war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr +Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.</p> + +<p>Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das +stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes +Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen, +als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben +füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius +Vanderwelt gekannt hatte.</p> + +<p>»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil +das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert +werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius, +nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird +ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«</p> + +<p>Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens. +Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit +sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.</p> + +<p>Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> sie des Toten +Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie +ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte +sie. Nun ist er das meine — und mehr.</p> + +<p>Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine +Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund. +Denn er wußte, daß es die Liebe war. —</p> + +<p>Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand +sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete +ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein +gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur +vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der +breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des +Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn +der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein +Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten +zurückschlief in das Leben des Tages.</p> + +<p>Sie rührte ihn an, und er erwachte.</p> + +<p>»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon +erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden, +erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«</p> + +<p>»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas. +Und du hast nun ein einzelner zu werden.«</p> + +<p>»Ich — habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«</p> + +<p>»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr +aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius +Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p> + +<p>Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie +die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig +schwingenden Stimme sprach sie weiter.</p> + +<p>»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden +Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn +der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille +sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen +den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille +in die Friedhofkapelle überführen.«</p> + +<p>»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille +erfolgen?«</p> + +<p>»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als +nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat, +wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten +müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines +Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere +Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als +Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische +Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich +fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes +Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches +Trauergeleit verspürte.«</p> + +<p>»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich +über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah +sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.</p> + +<p>Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer +es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> und wählte die letzte +Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die +Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten +vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des +Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.</p> + +<p>»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren +Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie +auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Was</em> soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.</p> + +<p>»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich +ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war +doch nun mal mein Freund.«</p> + +<p>»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer +Erregtheit voran.</p> + +<p>Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten +den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an +einem Wort, stießen es endlich heraus.</p> + +<p>»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius — —«</p> + +<p>Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr +zwischen den Zähnen durch.</p> + +<p>Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten +den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem +Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand +sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.</p> + +<p>Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge +des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein +Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das +Erinnerungsbild aller<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem. +Der Dank wird dich freuen, Kornelius.</p> + +<p>»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst +zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«</p> + +<p>Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden +zu haben.</p> + +<p>»Sprachen Sie zu mir, Madam?«</p> + +<p>»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf +seine Antwort.</p> + +<p>Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten +ein wenig.</p> + +<p>»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich +glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht +gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«</p> + +<p>Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann +sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag +breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf +eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den +Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den +Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz +und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des +Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.</p> + +<p>Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und +lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine +Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.</p> + +<p>Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit +einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm +ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten, +trug einen<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm. +Kein Ohr vernahm sie.</p> + +<p>So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben +um die Mittagszeit das Zimmer betrat.</p> + +<p>Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut. +Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe, +doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher, +während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken +gedämpft wurde.</p> + +<p>Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie +inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die +äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte +die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und +streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.</p> + +<p>»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten +sich trostsuchend an sie.</p> + +<p>»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still +und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das +Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin +und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat +je gelebt.«</p> + +<p>Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit +einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der +Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und +die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen +langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten +Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste +wehmütige Freude.</p> + +<p>Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Sie warf den +Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei. +Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der +Schrei erstarrte.</p> + +<p>»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um +uns alle verdient.«</p> + +<p>»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für +seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«</p> + +<p>»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil +herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der +scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen +nimmt der Tote seinen Abschied.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten +nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht +auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten +befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas +Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.</p> + +<p>Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.</p> + +<p>»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist, +besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«</p> + +<p>Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen +aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den +Bruder zu.</p> + +<p>»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es +dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der +Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«</p> + +<p>Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose +Zuhörerin war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p> + +<p>»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum. +Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu +haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur +Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen +sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«</p> + +<p>»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane +scharf.</p> + +<p>»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen +übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn +auch mit geschlossenen Augen.«</p> + +<p>»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die +Listen aller —«</p> + +<p>»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder. +»Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits +aufgestellt und abgegeben, Juliane.«</p> + +<p>Die Schwester fuhr zornig auf.</p> + +<p>»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen +Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man +sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und +nur danach zu handeln.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.</p> + +<p>»Wir <em class="gesperrt">sind</em> kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte +dich danach ein.«</p> + +<p>Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen. +»Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie +dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«</p> + +<p>»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie +vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p> + +<p>»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in — Nun ja. Vorläufig, haben +Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«</p> + +<p>Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine +zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.</p> + +<p>»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die +Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche +Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«</p> + +<p>»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«</p> + +<p>»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein +Freydag.«</p> + +<p>Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr +die Hand.</p> + +<p>»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein. +Vielen Dank.« —</p> + +<p>Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und +fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela +Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor +harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her +schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen +waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit +einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius +Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.</p> + +<p>Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und +Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden +Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng +aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.</p> + +<p>»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> heftig. +»Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen +Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja +wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den +Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in +dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.</p> + +<p>Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas +Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt +geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der +schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.</p> + +<p>War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der +Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde +Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen +Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn +Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die +Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts +anfeuernden Zuruf.</p> + +<p>Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag +hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten +hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen +vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.</p> + +<p>Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier <em class="gesperrt">un</em>gerufen gekommen +waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen +vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder +Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach +zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein +Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> ziehst du es ein, und was man +dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet, +und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«</p> + +<p>Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz, +daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.</p> + +<p>Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen +folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten +es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen, +und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte +verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus +den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.</p> + +<p>Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die +gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks- +und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde, +und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der +›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf +Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers, +Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der +Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius +Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar +nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen +hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst +berichten zu können. Das nur war es.</p> + +<p>Und nun war es still.</p> + +<p>Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die +Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften +entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden +Massen und verlor sich. Mit stolz<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> geröteten, vom hindernden Schleier +längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern +voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf +Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.</p> + +<p>Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt +irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln, +das über ihr Antlitz zog.</p> + +<p>Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie +zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und +fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.</p> + +<p>Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die +Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich +alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.</p> + +<p>Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den +Kopf, als habe ihn jemand angerufen.</p> + +<p>»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer, +»die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und +er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade +auf.</p> + +<p>Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die +gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten, +als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben +und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts +Rechnungsablage, die er in Händen hielt.</p> + +<p>Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf +weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen +die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten +und in Abenteuern verschleudert<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> hatte. Da standen die Beträge, +die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das +trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle +anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre +Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die +Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den +beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein +kaum nennenswerter Barbetrag.</p> + +<p>Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den +anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter +wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch +verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel, +Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag +ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.</p> + +<p>Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas +Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.</p> + +<p>»Wir haben — den Vater — sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.</p> + +<p>»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«</p> + +<p>»Schweig stille, Juliane.«</p> + +<p>»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit +Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn +anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und +Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur +Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse +Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja +alles nur ein Wahnsinn.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p> + +<p>»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«</p> + +<p>»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma +bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«</p> + +<p>»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde, +spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche +Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an +die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu +rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier, +Juliane.«</p> + +<p>»Was heißt das?«</p> + +<p>»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater +nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute +und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen +Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu +machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag +des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß +er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen +sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert +habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt +nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«</p> + +<p>»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«</p> + +<p>»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.</p> + +<p>»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an +anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger +Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«</p> + +<p>»Und was — was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> + +<p>»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein +bißchen Arbeit nicht vorziehst.«</p> + +<p>»Und wer — wer wird unsere Wohnung bezahlen?«</p> + +<p>»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste +räumen müssen.«</p> + +<p>Antonie Vanderwelt wimmerte auf.</p> + +<p>»Man wirft uns auf die Straße — man wirft uns auf die Straße. In +welche Hände bin ich geraten!«</p> + +<p>Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder +von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle +schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie +alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des +Vatersnamens würdig zu werden.</p> + +<p>»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer +werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe +auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie +ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht, +wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt, +empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu +sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen. +Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben. +Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel +zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es +gelingen.«</p> + +<p>»Der Ausweg — der Ausweg —« hastete Juliane.</p> + +<p>»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten +können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen +Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf +der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf +Personen<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter +Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die +Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«</p> + +<p>»Sie —? Uns —? Woher wollen Sie sie nehmen?«</p> + +<p>»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen. +Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich +Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine +Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose +genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht +mehr zu stellen.«</p> + +<p>»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«</p> + +<p>»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.</p> + +<p>Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.</p> + +<p>»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott, +ich lasse Sie verhungern.«</p> + +<p>Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen +erstarb in einem Wimmern.</p> + +<p>»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich +sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen +Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst — Ihre Schulden +bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen +setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie +sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne +ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum +Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte +er seine Hand in die dargebotene.<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel. +Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«</p> + +<p>Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt +Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht +fand die Unterredung statt.</p> + +<p>»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde +erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb +Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen +seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen. +Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die +Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die +Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt +haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich +zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem +Hauswesen nützlich machen.«</p> + +<p>Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er +sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit +Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst +leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all +amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre +Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für +dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n +Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«</p> + +<p>»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände +stattgefunden hat.«</p> + +<p>»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen +aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und +wandte sich noch einmal nach<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en +Staatsweib, dat sind Sie.«</p> + +<p>In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung, +in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den +Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem +Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und +anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen +Gericht.</p> + +<p>Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner +Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte +vierzig Jahre. —</p> + +<p>Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich +gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen, +und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames +Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau +Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche +des Wirtshauses war auch die ihrige.</p> + +<p>Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und +wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut +geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln, +und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das +romantische Zwischenspiel.</p> + +<p>Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie +in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater, +die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die +Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von +sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte. +Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch +hatte sie den Flügel hingegeben<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> und das Bild und die Bücher bis auf +wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und +schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart +geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und +die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute +sich ihrer Stärke.</p> + +<p>Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des +Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der +alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der +Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer +schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen +Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz +legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser +Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte +machte.</p> + +<p>Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause, +das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an +Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen +wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in +Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß, +hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem +Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und +der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf +Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.</p> + +<p>Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit +seiner Fülle nicht zu <em class="gesperrt">ihm</em> gekommen war, so kam das Mädchen mit +seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und +die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p> + +<p>»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte, +Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig +Unterricht.«</p> + +<p>»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«</p> + +<p>»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«</p> + +<p>»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine +Schwärmerin.«</p> + +<p>Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich +die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein +geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius +Vanderwelts Hand darübergeglitten.</p> + +<p>»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß, +daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und +kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«</p> + +<p>»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau +Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«</p> + +<p>»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke, +darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und +sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.</p> + +<p>Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte +Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und +Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die +Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt +hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu +zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden +Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die +Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> + +<p>Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der +noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten +sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden +Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen, +trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche +Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl +auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt. +Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm +schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom +Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.</p> + +<p>Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung +in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen +umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder +ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann +blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und +erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um +ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben +Wege zu folgen.</p> + +<p>»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend, +als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.</p> + +<p>»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes +Fräulein gut genug wäre —«</p> + +<p>»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht +stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen +Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend +erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«</p> + +<p>»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,«<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> sagte er und +lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir +sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«</p> + +<p>Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.</p> + +<p>»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen, +weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie +nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit +nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als +einen Schritt zurück täte.«</p> + +<p>Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr +gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem +Zimmer verschwand.</p> + +<p>»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,« +eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder +er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine +Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen. +Spottvogel, der.«</p> + +<p>»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie +genug geschimpft.«</p> + +<p>»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht +beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß +ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders +feines Ehrgefühl besitzen.«</p> + +<p>»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und +wir wollen uns inzwischen tummeln.«</p> + +<p>Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte +das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die +ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke +sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer +belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder +wusch<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit +Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der +Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der +Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in +die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.</p> + +<p>Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären +nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die +Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde +als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum +weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute +verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder +sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«</p> + +<p>Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen, +wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus +schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit +tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein +Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die +gute Hälfte daran.«</p> + +<p>»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.</p> + +<p>Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht +vergebens.</p> + +<p>Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen +Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.</p> + +<p>Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit? +Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses +Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> + +<p>»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in +den Ofen.«</p> + +<p>Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen — und ein beschämtes Innehalten und +Verstummen.</p> + +<p>»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr +auf eine goldene Rose gerechnet?«</p> + +<p>»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das +Gedicht geht auf den Großvater.«</p> + +<p>Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme +und an ihre Brust.</p> + +<p>»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob +wir leben oder gestorben sind.«</p> + +<p>Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber +die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die +Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von +Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. —</p> + +<p>Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte: +es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn +aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun +in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke +Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner +verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich +nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet +in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.</p> + +<p>»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich +Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«</p> + +<p>Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede +weiter und über ihre Kräfte.</p> + +<p>Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> Bierseidel +über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig +gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo +begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der +Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den +Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.</p> + +<p>Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie +auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.</p> + +<p>»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der +Ruhe.«</p> + +<p>Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid, +räusperten sich und tranken.</p> + +<p>»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.</p> + +<p>»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die +starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.</p> + +<p>Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes +vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der +Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der +Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies +sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen +wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am +Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier +möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«</p> + +<p>»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?« +erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.</p> + +<p>»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin +will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie +sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war +schön und weist<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie +meine Sorge sein.«</p> + +<p>Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin, +daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der +Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.</p> + +<p>Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches, +die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der +glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten +Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß +sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer +hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.</p> + +<p>Man war bei Mutter Engel. — —</p> + +<p>»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen +Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«</p> + +<p>»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind +in meinem Stübchen und allein.«</p> + +<p>»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen, +daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht +meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die +Mäuler der Leute kommen.«</p> + +<p>»Wer sind die anderen?«</p> + +<p>»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und — und — die Prachtburschen, der +Martin und der Nikolaus.«</p> + +<p>»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«</p> + +<p>»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die — ja, wie soll +ich es Ihnen sagen? — die so unvorsichtig sind.«</p> + +<p>»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube +sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt +nicht oben und hält die Augen<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> auf? Weil ich denen da oben eine Frist +zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich +da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«</p> + +<p>»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht +für die da oben alles zusammen.«</p> + +<p>»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die +heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf +ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein +Wunder voraussehen läßt.«</p> + +<p>»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich +selbst erzürnt hervor.</p> + +<p>»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und +in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen +haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede +klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit +weniger schönen Wahrnehmungen.«</p> + +<p>Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der +Entschlossenheit.</p> + +<p>»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen. +Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus +dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich +gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine +angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl +nicht.«</p> + +<p>Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber +die Gelenke ihrer Finger knackten.</p> + +<p>»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen +Sie doch.«</p> + +<p>»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen +Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das +Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde +haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p> + +<p>»Mit — Thomas Vanderwelt? — Und was hat mein Herz damit zu tun?«</p> + +<p>»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf +Hilfe ankommt.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade +bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen +möchte.«</p> + +<p>»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«</p> + +<p>»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht +finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel +weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es +ahnen.«</p> + +<p>»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und +nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«</p> + +<p>Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten +ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.</p> + +<p>»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch +nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das +Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle +reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so +niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«</p> + +<p>Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.</p> + +<p>Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das +Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es +war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.</p> + +<p>»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein +Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß +es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle +aufzusuchen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p> + +<p>»Wenn ein <em class="gesperrt">Löwe</em> in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis +sein, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal +einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen +und weinte.«</p> + +<p>»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser +hätten das Weinen gekriegt.«</p> + +<p>»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er +gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«</p> + +<p>»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt. +Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«</p> + +<p>»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.</p> + +<p>»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos. +»Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder +nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen +beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr +Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der +Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht +und für die Knaben nicht.«</p> + +<p>Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.</p> + +<p>»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir +werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«</p> + +<p>»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein +schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht +wiederholen.«</p> + +<p>Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> + +<p>»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir +glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben +dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute +und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man +gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die +geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch, +sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen +hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben +Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen. +Ihnen in den Sack.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die +Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe +stehen?«</p> + +<p>Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend +auf. Sie aber freute sich der Drohung.</p> + +<p>»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit +zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und +wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr +hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und +voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich +besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen +von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade +bis an den Mund gehen.«</p> + +<p>»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«</p> + +<p>»Gern?«</p> + +<p>»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen +Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins +Gesicht?«</p> + +<p>»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> sein.« Und er +beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.</p> + +<p>Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von +sich ab und trat einen Schritt zurück.</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin +ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen +sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber +mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte, +den Mann.«</p> + +<p>Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.</p> + +<p>Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene +Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr +der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr +Blick kam aus weiten Fernen zurück.</p> + +<p>»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«</p> + +<p>»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«</p> + +<p>»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«</p> + +<p>»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich +geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt +hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen +möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter +herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über +seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im +Zimmer zuwider sein muß.«</p> + +<p>»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.</p> + +<p>Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz +der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> glühende Tonpfeife zwischen +den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den +schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.</p> + +<p>Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den +Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln +blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen. +Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam +an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf +seinen Handrücken.</p> + +<p>Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und +verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und +die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und +schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses +Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. —</p> + +<p>Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen +die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch +der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die +Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«</p> + +<p>Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür. +Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.</p> + +<p>Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein +Lied.</p> + +<p>Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.</p> + +<p>Sie sangen von der Sehnsucht.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="11">11</h2> +</div> + + +<p>Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere +Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das +arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel +und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders +gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine +ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich +gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und +einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben +lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten +Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und +dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.</p> + +<p>Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich +schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten +umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe +ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb +herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.</p> + +<p>Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die +niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen +begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie +die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben +nachzuholen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und +Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und +übernahm die Pflege des Mannes.</p> + +<p>»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch +noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und +vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich +mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte, +über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den +Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher +Gesellschaft zu sehen.«</p> + +<p>»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird +schon wissen, was er will.«</p> + +<p>»Darf ich es auch wissen, Engel?«</p> + +<p>Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und +ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.</p> + +<p>»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen +Augenblick eher aufzugeben.«</p> + +<p>»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht +mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«</p> + +<p>Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.</p> + +<p>»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine +Gedanken seit einiger Zeit?«</p> + +<p>Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm +wichtiger als die Frage.</p> + +<p>»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist +alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter +Papagei im Käfig.«</p> + +<p>»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es +noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span></p> + +<p>»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert +ist, aufgerüttelt zu werden —«</p> + +<p>»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und +die Kugel aus dem Lauf treibt.«</p> + +<p>»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber +nachgedacht.«</p> + +<p>»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich +nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle +Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit +nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte +gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich +dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas, +würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil +er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es +würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu +verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er +das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das +dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht +den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt, +ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano. +Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung. +Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein +funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«</p> + +<p>»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer +stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen +Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«</p> + +<p>Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte +an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> war es der Schmalkopf des +Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.</p> + +<p>»Thomas — ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als +so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung +von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich +nieder.«</p> + +<p>»Was legst du nieder?«</p> + +<p>»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«</p> + +<p>»Liegt dir so viel daran?«</p> + +<p>Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter +und suchte finster in seinen Augen.</p> + +<p>»Nicht sehr viel mehr — wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«</p> + +<p>»Und was würdest du tun — wenn der letzte Punkt erreicht ist?«</p> + +<p>»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.</p> + +<p>Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer +schneller werdenden des Mannes.</p> + +<p>»Engel — wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie +wir es sind — denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«</p> + +<p>»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«</p> + +<p>»Ich bin so müde — so elend müde — —«</p> + +<p>»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und +reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«</p> + +<p>»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände +geblieben.«</p> + +<p>»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu +machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst +du, ich ränge mit dir und<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> rüttelte und schüttelte dich, wenn ich +nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«</p> + +<p>»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«</p> + +<p>Sie zögerte keine Sekunde.</p> + +<p>»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du +hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«</p> + +<p>Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.</p> + +<p>»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben +beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst — und die Freude an der +Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und +Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese +Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift +gestrichen.«</p> + +<p>Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre +Nasenflügel weiteten sich.</p> + +<p>»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns +beiden. Aber er ist es doch, wenn es — wenn es um eine Lebensrettung +geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn +du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht +wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal — aus! +Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«</p> + +<p>Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die +Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür +ins Schloß gefallen.</p> + +<p>Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf +seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne +strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum +wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen +müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn +nieder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p> + +<p>»Engel — hilf mir! Die Jungen — die Jungen sind es wert.«</p> + +<p>»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was +helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den +Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es +vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«</p> + +<p>»Engel — Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie +du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand +gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht' +ich.«</p> + +<p>Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der +Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.</p> + +<p>»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas, +und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer +sein, um eines Tages — eines Tages — wieder schön gefunden zu +werden.«</p> + +<p>Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.</p> + +<p>»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede +Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«</p> + +<p>»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor +den Kopf schleudern?«</p> + +<p>Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die +Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden +waren.</p> + +<p>»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort +heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! — +Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«</p> + +<p>Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in +seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p> + +<p>»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und +sie ließ sie ihm.</p> + +<p>Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte +sie, bis der Herr ihn segnen mußte. — —</p> + +<p>Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine +Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu +dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können. +Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter +denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne +schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte +wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte, +ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln +entgegengetreten war.</p> + +<p>An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der +Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er +verstellte ihr den Weg.</p> + +<p>»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie +mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«</p> + +<p>»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen +fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will +gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«</p> + +<p>»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander +reden?«</p> + +<p>»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer +achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein +Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«</p> + +<p>Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an +den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr +Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> sie Jacke und Hut +abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.</p> + +<p>Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen +guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.</p> + +<p>»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein +Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie +waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In +meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte +Rolle gespielt.«</p> + +<p>»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«</p> + +<p>»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das +letztere immer noch nicht von mir behaupten.«</p> + +<p>»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will. +Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme +mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem +Geschäftsleben komme, meinen Sie.«</p> + +<p>»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer +Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den +billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht +gedient ist.«</p> + +<p>»Ich freue mich ganz — ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr +Vanderwelt.«</p> + +<p>»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas +Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«</p> + +<p>»Darf ich sprechen?« fragte sie.</p> + +<p>»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> alles über +Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge +beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen +ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen +zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt +es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«</p> + +<p>»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei +Knaben.«</p> + +<p>»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt +nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie +die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr +Vanderwelt.«</p> + +<p>Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die +Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.</p> + +<p>»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der +Besucher.</p> + +<p>Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem +Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie +Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse +zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer +Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.</p> + +<p>Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller +und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß +seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das +Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.</p> + +<p>»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.</p> + +<p>Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal, +von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich +meine Ruhrort als den Hafen.<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> Und wenn man nicht die Möglichkeit hat, +Kähne zu befrachten, so kann man — so kann man sie steuern. Wenn man +Kähne hat.«</p> + +<p>»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«</p> + +<p>»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch +in Ehren. Aber mir ist immer — ist immer, als kämen von diesen Kähnen +Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal +an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und +das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes +Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein, +durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in +persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß +man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem +›Partikülier‹ wird der Verlader.«</p> + +<p>»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das +ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«</p> + +<p>»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und +behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne, +sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt +schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie +an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja +auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem +das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die +Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«</p> + +<p>In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der +Überlegenheit, sondern die währende Freude<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> an der Stunde, von der ihr +Mädchenmund gesprochen hatte.</p> + +<p>»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch. +»Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch +nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«</p> + +<p>»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹ +die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das +planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner +noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung +geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner +Glücksfall.«</p> + +<p>»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den +Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«</p> + +<p>Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die +Hand entgegen, und er nahm sie.</p> + +<p>»Das ist es, Herr Vanderwelt. <em class="gesperrt">Dem</em> Wort sind <em class="gesperrt">Sie</em> auf die +Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh +bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende +Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat +meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist +Verlaß!‹«</p> + +<p>»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«</p> + +<p>Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr +erwachen.</p> + +<p>»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen. +Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter. +Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer +heimlichen Verschwörung haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span></p> + +<p>»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«</p> + +<p>»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus +dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der +hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen +Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört +schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb, +aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht +umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«</p> + +<p>»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«</p> + +<p>»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber +das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner +Liebe — zu —«</p> + +<p>»Zu —?«</p> + +<p>»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel +kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte. +Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«</p> + +<p>Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst +eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«</p> + +<p>Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff +nach dem Hut.</p> + +<p>»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich +an Ballast führe, geht über Bord.«</p> + +<p>»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen +ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen, +um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«</p> + +<p>»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine +Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre +Kündigungsfrist abgelaufen ist,<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> muß an meiner Seite Platz für Ihre +Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«</p> + +<p>»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte +ihm herzhaft die Hand. —</p> + +<p>Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit +gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene +Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.</p> + +<p>»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«</p> + +<p>»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist +Frauensache.«</p> + +<p>Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die +sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und +Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast +geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe +ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.</p> + +<p>Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer, +so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als +Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit +geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit +mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.</p> + +<p>Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der +Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am +Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes +hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht +ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen +konnte.</p> + +<p>»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p> + +<p>Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung +der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der +Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor +fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt +geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.</p> + +<p>Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert +haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für +ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.</p> + +<p>In Angela Freydags Augen waren sie beide mutterlos. Selten oder nie +hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben +angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag +die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch +die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei, +sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu +gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war +ihre liebste Sorge.</p> + +<p>»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit +Jubelgeheul bewillkommnet wurde.</p> + +<p>»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch. +Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel? +Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«</p> + +<p>»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure +Hausaufgaben.«</p> + +<p>»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die +ganze Begeisterung.«</p> + +<p>»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die +haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> und nicht lebensfähig. +Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«</p> + +<p>»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.</p> + +<p>»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und +schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch +ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der +Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die +Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber. +Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei +Seiten voll und wird wohl genügen. Und das — das ist Griechisch, und +ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr +Sonntagsreiter?«</p> + +<p>»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche +braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum. +Tante Engel, du hättest nur <em class="gesperrt">unsere</em> Reihenfolge bestehen lassen +sollen.«</p> + +<p>»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr +den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung. +Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das +Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die +große goldene Feierabendsonne.«</p> + +<p>»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.</p> + +<p>»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht +sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag. +Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er +hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben, +die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p> + +<p>»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«</p> + +<p>»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los. +Ein jeder für sich.«</p> + +<p>Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte +Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie +verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich +auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die +gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.</p> + +<p>»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr +treibt?«</p> + +<p>»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich +feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber +was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz +selbstverständlich daher.«</p> + +<p>»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz +und gar Kunst sind?«</p> + +<p>»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das +größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften +Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von +ihnen.«</p> + +<p>Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem +Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde +ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre +Jugendlocken über.</p> + +<p>»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf +dem Konzertflügel.«</p> + +<p>»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den +Großvater denkt?«</p> + +<p>»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff. +Seit wir denken können, haben wir euch<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> immer zusammen gesehen, und +der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du +der Großvater seiest oder der große Mann da.«</p> + +<p>»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten, +aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«</p> + +<p>»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«</p> + +<p>Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich +die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in +die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.</p> + +<p>»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten +auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe +mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«</p> + +<p>Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den +Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor. +»Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft. +Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.</p> + +<p>Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein +wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte. +»Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung, +die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt, +bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte, +auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?</p> + +<p>Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide +in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.</p> + +<p>»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der +eine am Fensterbrett, der andere auf<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> der Bettkante. Eins — zwei — +drei — und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem +Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen +eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe +hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt +blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir +fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«</p> + +<p>Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk, +den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut +bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem +Stern zum anderen.</p> + +<p>»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten +das Staunen genießen.</p> + +<p>Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen. +Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit +triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt +überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors. +Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen +Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die +Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer +erschienen und noch kein Anfrager möglich war.</p> + +<p>Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf +ihren Preis.</p> + +<p>Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die +geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela +Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«</p> + +<p>»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der +heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> bedeutet Nikolaus, +denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch +den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«</p> + +<p>»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche +und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«</p> + +<p>»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.</p> + +<p>»Bin ich euer erster Besteller?«</p> + +<p>»Ja! — Willst du bestellen?«</p> + +<p>»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein +Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich +euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so +erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«</p> + +<p>»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie +benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien, +wiegten sich an ihrer Brust.</p> + +<p>»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.</p> + +<p>»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«</p> + +<p>»Tante Engel — also — du bist doch unsere Vertraute — die Gedichte +von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift +geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich +wiegen. — —</p> + +<p>Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer +unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die +Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen +und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.</p> + +<p>»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die +Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in +eueren Gedichten glauben machen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> ihr selber das graue Elend +habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein +Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«</p> + +<p>»Berlin — Berlin — hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten +unter Tränen.</p> + +<p>»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit +unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch +spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in +Weltschmerz gefallen?«</p> + +<p>Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.</p> + +<p>»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht +wieder vorkommen.«</p> + +<p>»Und weshalb <em class="gesperrt">ist</em> es vorgekommen? Darf ich das als euere +vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«</p> + +<p>Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte +den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der +gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als +sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte, +sprangen sie ihr an den Hals.</p> + +<p>»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es +Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und +wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das +ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für +die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende +Bestellgeld abliefern müssen.«</p> + +<p>»An wen?«</p> + +<p>»An die Mutter. An Tante Juliane.«</p> + +<p>»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin +eingenommen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span></p> + +<p>»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes +Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«</p> + +<p>»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch +beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden +überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war. +Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier +zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler +muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um +seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht, +und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«</p> + +<p>Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und +schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke +zusammen.</p> + +<p>»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem +Kindesaltar auszulöschen.«</p> + +<p>Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen. +Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend. +Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf +böser Tat ertappt.</p> + +<p>»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir +oder meiner Schwägerin?«</p> + +<p>»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen +genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen +—« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer +— »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer +besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der +starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese +Anteilnahme äußerte<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen +wieder abzunehmen.«</p> + +<p>»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«</p> + +<p>»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde +wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie, +das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«</p> + +<p>»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche +Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich +brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch +nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir +lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie +gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen +der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen, +wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind, +große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine +Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen +müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin +auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu +verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen. +Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«</p> + +<p>»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem +heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu? +Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie +die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder +künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine +nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen +Zweck, mit Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt +jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane. +Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts +bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«</p> + +<p>»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«</p> + +<p>»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr +vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«</p> + +<p>Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen +Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das +Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und +alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine +Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen +gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen +hatten und darüber verkamen.</p> + +<p>Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke +sonderten das Kranke von dem Gesunden.</p> + +<p>Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die +Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela +Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein +schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen +Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag +hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die +Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.</p> + +<p>»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen +Schmerzen wegzukommen.«</p> + +<p>»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken, +hättst du jetzt die Schmerzen nich<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> auszuhalten. Damals mußt' +<em class="gesperrt">ich</em> sie aushalten. Dat is die Strafe.«</p> + +<p>»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die +Naht!«</p> + +<p>»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat +<em class="gesperrt">ich</em> dir nix tu.«</p> + +<p>»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr +neben sich geduldet.«</p> + +<p>»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz +hältst du et Maul un schläfst.«</p> + +<p>Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit +den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das +Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb +schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und +Trank.</p> + +<p>»Die Magdalene soll kommen.«</p> + +<p>»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun, +als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«</p> + +<p>»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem +Bett wissen un nich dich Hexe du!«</p> + +<p>»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen +wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu +suchen.«</p> + +<p>»Zwanzig Mark — hörst du? — zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich +jetzt <em class="gesperrt">an</em> dich.«</p> + +<p>»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten +kann.«</p> + +<p>Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und +lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die +selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge +um den Gatten.</p> + +<p>»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p> + +<p>Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die +neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke +verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.</p> + +<p>»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor +die Tür sich schloß.</p> + +<p>»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen +aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm +Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht, +wenn et nach dir gegangen wär, o du — Engel des Herrn!«</p> + +<p>Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten +zu schlucken.</p> + +<p>Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch +den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem +Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte +ihm die Stirn.</p> + +<p>Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht +gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich +seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte +ein Lied zu singen begonnen.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Das menschliche Leben</div> + <div class="verse indent0">Eilt schnelle dahin.</div> + <div class="verse indent0">Wie die Räder am Wagen,</div> + <div class="verse indent0">Wie die Räder am Wagen.</div> + <div class="verse indent0">Wer weiß, ob ich morgen</div> + <div class="verse indent0">Am Leben noch bin.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch +kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen +Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p> + +<p>Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose +entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie +auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt +und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen +keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und +starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den +bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.</p> + +<p>Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte +lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine +rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als +ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit +dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und +Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.</p> + +<p>»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau +nicht anders zu.</p> + +<p>Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen +geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von +Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen +geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über +die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.</p> + +<p>»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene. +Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie +zu Thomas Vanderwelt geführt?«</p> + +<p>»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«</p> + +<p>»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer +Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> zweier Menschen als +den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«</p> + +<p>»Bitte, sprechen Sie weiter.«</p> + +<p>»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus +einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«</p> + +<p>»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß +es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich +es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter +darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen +habe.«</p> + +<p>»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«</p> + +<p>»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte +noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen +vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in +Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.</p> + +<p>»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß +uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«</p> + +<p>»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin, +und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl, +dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn +Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein +paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den +andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn +wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span> +sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das +Ruder hält und Verlaß ist.«</p> + +<p>»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«</p> + +<p>»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir +haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die +eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«</p> + +<p>»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.</p> + +<p>»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen +Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt +stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die +vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen +Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die +Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im +Gewühl des Hauptkontors —«</p> + +<p>»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen +wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit +deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«</p> + +<p>Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig +wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.</p> + +<p>»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich +ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was +glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für +einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz, +der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen +Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich, +und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien +schöne Traumbilder, weil das<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar +nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll +bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus +erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch +die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht +Treppen erklimmen muß.«</p> + +<p>»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist +doch nicht unser Haus, sondern das deine.«</p> + +<p>Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre +Gelassenheit wieder.</p> + +<p>»Das Haus ist mein, und das Geschäft mit der Baugesellschaft werde ich +mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine +Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich +werde für <em class="gesperrt">euch</em> meine Bedingungen stellen.«</p> + +<p>In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war +an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete +es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.</p> + +<p>»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.</p> + +<p>Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie +wandte den Kopf.</p> + +<p>»Was hast du, Engel?«</p> + +<p>»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«</p> + +<p>»Laß mich nachsehen, Engel.«</p> + +<p>»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem +Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«</p> + +<p>Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine +Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.</p> + +<p>»Wohin wollen Sie?«</p> + +<p>Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> vernommen hätte. +Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.</p> + +<p>»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle +fassen?«</p> + +<p>»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«</p> + +<p>»Wie heißt Ihre Bekannte?«</p> + +<p>»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht +ins Haus gekommen.«</p> + +<p>»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als +die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden +und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«</p> + +<p>»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde +ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier +auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«</p> + +<p>»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag. +»Wer hat Ihnen gewinkt?«</p> + +<p>»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu +erfahren?«</p> + +<p>»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind +Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«</p> + +<p>»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen +hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes +Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen +Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen +sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit +der Polizei in Berührung bringen?«</p> + +<p>»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span></p> + +<p>Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür +schlug ins Schloß.</p> + +<p>»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela +Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses +Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«</p> + +<p>»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß +wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern +der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren +ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie +war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er +Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in +Ungewißheit zu ihm hinüber.</p> + +<p>Er nickte ihr zu.</p> + +<p>»Jawohl, Antonie.«</p> + +<p>Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und +sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« — —</p> + +<p>In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter +ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="12">12</h2> +</div> + + +<p>Die Karwoche war angebrochen. Schon waren die Morgennebel von +der Sonne durchleuchtet, und über den Wasserbahnen hoben sich +die flimmernden Streifen wie Vorhänge zu einer anderen Welt. Die +ergrünenden Fluren und die erwachenden Geschöpfe staunten in +die Wandlungen hinein und schickten Sehnsucht und Erwartung als +Kundschafter ins gelobte Land voraus.</p> + +<p>Wer hatte es gelobt —? Angela Freydag lächelte am Fensterausblick +über ihre eigene Frage und beantwortete sie selbst.</p> + +<p>»Die wenigen, die es erreichten. Aber es sind <em class="gesperrt">immer</em> die +wenigen, die in der Wildnis die Wege roden, und immer die wenigen, die +den Weg zum Menschenglück zeigen. Ob er kurz ist oder lang. Es geht um +die Erfüllung.«</p> + +<p>Und während sie in der Stille des Morgens beobachtete, wie die junge, +warme Sonne die Nebel aufsog und der entlasteten Winterlandschaft das +aufatmende Frühlingsgesicht verlieh, blieb ihr das Lächeln, und sie +sprach mit sich weiter.</p> + +<p>»Wenn die wenigen nicht wären, die ihr Leben zu schmücken wüßten, was +sollten die vielen tun? Sie würden nur die Karwoche sehen, nur den +grauen Weg, und nicht das Ziel, den Auferstehungstag. So aber haben +sie die lebendige Hoffnung vor Augen: es kann auch uns glücken wie den +Vorläufern.«</p> + +<p>Über die Gasse hörte sie Schritte klappern. Sie lehnte<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> sich an +das Fensterkreuz und gewahrte Martin und Nikolaus mit den weißen +Zeugnisbogen in der Hand auf das Haus zustürmen. Sie rührte sich +nicht. Aber ihr Blick nahm das Bild der hoffnungsseligen Jugend auf +wie einen Gruß, der ihr zur Pflegschaft und Weitergabe anvertraut +wurde.</p> + +<p>Die Knabenstiefel polterten auf den Stiegen. Sie machten halt vor +Angela Freydags Kammertür.</p> + +<p>»Kommt nur herein, ihr Ungeduldigen,« rief ihre Stimme, und die Knaben +brachen herein, mit erhitzten Wangen und erwartungsvoll leuchtenden +Augen, und streckten ihr stumm die Zeugnisbogen entgegen.</p> + +<p>»Versetzt?« fragte Angela Freydag über die raschelnden Papiere hinweg.</p> + +<p>»Versetzt?« wiederholten sie, und der Übermut der Sieger schwang in +ihren Stimmen mit. »War daran ein Zweifel, Tante Engel? Obertertia. +Selbstverständlich. Aber lies nur mal! So lies doch nur!«</p> + +<p>Sie tat ihnen die Freude an, bei jeder neuen Note wie in Verwunderung +aufzublicken, und dann las sie das Ganze noch einmal in Ruhe und +verglich beide Bogen miteinander.</p> + +<p>»Hast du nichts bemerkt, Tante Engel? Hast du wirklich nichts +bemerkt?« drängten die Ungeduldigen.</p> + +<p>»Ich habe bemerkt,« sagte Angela Freydag, und ihre Augen lagen in +heimlicher Freude auf den angespannten Zügen des einen und des +anderen, »daß man die Bogen vertauschen kann, und sie bleiben bis auf +die Namen dieselben, und ich habe bemerkt, daß man auch den Martin +und den Nikolaus vertauschen kann, als wäre es nur dieselbe Person in +zwei gleichen Teilen, und sie ergäben zusammen immer nur eine einzige +Person.«</p> + +<p>»Welche Person —?« fragten sie und wußten nicht, wo sie hinauswollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p> + +<p>»Eueren Großvater, ihr Jungen — Kornelius Vanderwelt meine ich.«</p> + +<p>»Kornelius Vanderwelt« ... wiederholten sie und sahen sich an. Und +aus gleichem Antrieb heraus nahmen sie sich in die Arme, rangen +miteinander, hoben sich hoch in die Luft.</p> + +<p>Mit halbgeschlossenen Augen sah Angela Freydag dem Kräftespiel der +Jungen zu. Dann wandte sie den Kopf zur Tür.</p> + +<p>»Es klopft. Tritt nur ein, Thomas. Es ist Vanderweltsche Jugend, die +hier ihr Wesen vollführt. Der Fink hat wieder Samen.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt kam schon vom Hafen her. »Ferien?« fragte er. »Laßt +sehen, was sie bringen.«</p> + +<p>Die Jungen hatten mit einem Ruck innegehalten. Sie suchten ihre +Zeugnisse zusammen und überreichten sie ihm. Wieder begann das +erwartungsvolle Spiel ihrer Knabenaugen.</p> + +<p>Thomas Vanderwelt war mit den Zeugnissen ans Fenster gegangen. Und +Angela Freydag trat hinter ihn, als wolle ihre Hand auf besonders +bedeutungsvolle Punkte hinweisen.</p> + +<p>»Bemächtige dich der jungen Seelen,« flüsterte sie ihm zu. »Nimm die +Leitung in Mannes Hand. Zeig' ihnen deine Freude. Und schaff' ihnen +neue. Kinder ergeben sich dem Freudenbringer.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt sah auf. Ihre Augen hafteten ineinander.</p> + +<p>»Du setztest viel Hoffnungen in mich, Engel.«</p> + +<p>»Alle. Sonst ließ' ich dir die beiden nicht.«</p> + +<p>Thomas Vanderwelt zog die Oberlippe von den Zähnen. Eine Woge des +Stolzes ging durch ihn hindurch. Und Angela Freydag sah nichts, als +daß er seinem Vater zu ähneln begann.</p> + +<p>»Jungens,« sagte Thomas Vanderwelt über die Schulter<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> hinweg und +klopfte auf die Zeugnisbogen, »glaubt ihr, daß diese Kritzeleien hier +mit einer Schleppschiffahrt nach Rotterdam bezahlt wären? Es geht ein +Haniel-Schleppdampfer um die Mittagszeit, der Kapitän ist mein Freund, +und wenn ihr euch sputet —«</p> + +<p>Er kam nicht mehr dazu, auszusprechen, was, wenn sie sich sputen +würden, Wirklichkeit werden könnte. Er spürte vier Knabenarme um +seinen Hals, die ihn zu erdrosseln suchten, und ungekannte warme +Lippen auf seinen Augen und auf seinen Wangen. Ein paar Herzschläge +lang gab er sich dem Ungestüm der ungewohnten Zärtlichkeiten hin. Dann +setzte er sich kräftig zur Wehr.</p> + +<p>»Wollt ihr mir den Atem lassen, ihr Räuber und Wegelagerer?«</p> + +<p>»Vater! Oheim! Du läßt ihn <em class="gesperrt">uns</em> ja nicht! Ganz atemlos sind wir +vor lauter Freud'! Von welchem Haniel-Dampfer sprichst du? Wo ist der +Liegeplatz? Genügen die Rucksäcke? Ach, Tante Engel, so hilf uns doch!«</p> + +<p>Es kam Ordnung in den Wirrwarr. Die Knaben stürmten die Treppe hinauf, +um droben ihr Glück zu verkünden. Und Angela Freydag wandte sich +langsam zu Thomas Vanderwelt und reichte ihm beide Hände hin.</p> + +<p>»Da hast du sie, Thomas. Nicht meine Hände. Die Knaben aus meinen +Händen heraus in die deinen. Mach' aus ihnen, was du aus dir selber zu +machen gedenkst.«</p> + +<p>»Das war dein reichstes Geschenk, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt und +hielt ihre Hände.</p> + +<p>Und nach einer Weile: »Nicht, daß du mir die Knaben anvertraust. Daß +du <em class="gesperrt">mir</em> vertraust, Engel.«</p> + +<p>»Wann trittst du die eigene Fahrt an, Thomas?«</p> + +<p>»Übermorgen, Engel. Es ist eine Stückgutfahrt mit Zwischenlandungen +in den rheinischen Häfen bis Mannheim. Gerade das Rechte für mich und +meine Pläne.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p> + +<p>»Ich hätte noch einen Wunsch, Thomas. Es ist ja nicht allzuoft, daß +ich mit Wünschen hervortrete.«</p> + +<p>»So sprich ihn doch nur aus. Du wünschest ja doch nur zu meinen +Gunsten.«</p> + +<p>»Nimm die Magdalene mit. Sie hat eine Ausspannung verdient, und es +steht ihr harte Arbeit bevor.«</p> + +<p>»Die Magdalene —?« fragte er unsicher. »Ja, hältst du es denn für +angängig?«</p> + +<p>»Soeben danktest du mir erst, daß ich dir vertraute, Thomas. Mein +Vertrauen ist noch viel größer.«</p> + +<p>Er schüttelte hastig den Kopf, als wollte er eine falsche Annahme von +sich abweisen.</p> + +<p>»Du darfst dein Vertrauen auf mich so weit spannen, wie du nur kannst, +Engel. Die Magdalene wäre bei mir so sicher aufgehoben wie in deiner +Obhut. Aber du hast nicht bedacht, daß ich die Scheidung eingereicht +habe und seit Tagen schon auf einem leeren Gastzimmer hause. Da sollte +man den Leuten nicht freiwillig die Mäuler öffnen.«</p> + +<p>»Besprich dich mit dem Wilm, Thomas. Sie könnte für beide Kähne +die Küche besorgen und zur Nacht in der Kajüte des einen Kahnes +wohnen, während du mit dem Wilm die Kajüte des anderen teilst. Keine +Menschenseele wird sie kennen.«</p> + +<p>Er überlegte. Der Gedanke tat ihm wohl, aber das Weshalb wollte ihm +nicht klar werden.</p> + +<p>»Weshalb kann sie nicht einen anderen Ausflug machen? Sie hat sich in +den letzten Wochen stark überanstrengt, und ich bin innerlich sehr +froh darüber, daß sie es für mich getan hat. Aber gerade darum, meine +ich — —«</p> + +<p>»Was meinst du —?«</p> + +<p>»Man bringt eine Frau, die man so ehrlich schätzen gelernt hat, nicht +in Ungelegenheiten.«</p> + +<p>»Und wenn sie sie gar nicht als Ungelegenheiten empfindet?<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span> +Sondern im Gegenteil als einen Beweis, daß euere Kameradschaft auf +vertrauensfesten Füßen steht?«</p> + +<p>»Weshalb drängst du so, Engel? Du bist ja dann ganz allein?«</p> + +<p>»Kein Mensch ist allein, der seine Arbeit zu verrichten hat. Du +und Magdalene aber, ihr habt euere Arbeit nun einmal aufeinander +eingestellt, und es ist nicht nur gut, daß ihr in täglicher +Verständigung miteinander bleibt, es wird euch die erste gemeinsame +Ausreise ins Arbeitsleben auch für die Zukunft die Quelle des +Erinnerungsstromes bedeuten, denn nur in der Kraft der Erinnerungen +lebt sich der Mensch vorwärts.«</p> + +<p>»Woher weißt du das alles?« fragte Thomas Vanderwelt ehrfürchtig.</p> + +<p>»Mein Lehrmeister trug den von dir ererbten Namen, Thomas, er hieß +Kornelius Vanderwelt. Und wenn er mich nicht mit auf seine Fahrten +genommen hätte, wäre ich der ärmste Mensch unter dem Nachthimmel und +bin der reichste Mensch unter der Sonne geworden. Nun weißt du es +auch.«</p> + +<p>»Engel! Engel! Zuweilen weiß ich nicht, ob ich mehr von dir oder vom +Vater ererbt habe.«</p> + +<p>»Es ist das gleiche, Thomas. Aber etwas Besseres konntest du mir nicht +sagen.« —</p> + +<p>Die Jungmannen kamen mit Gepolter die Treppe herunter. Sie trugen in +den Rucksäcken Schuhe und Fernglas, Nachtzeug und Waschgegenstände. +Und in einem gemeinsamen, schmalen Handkoffer die Sonntagsanzüge und +die Hemden. Droben war der Abschied genommen. Jetzt sollte er drunten +beginnen.</p> + +<p>Angela Freydag packte ihnen den eisernen Mundvorrat für eine Woche in +die Rucksäcke und kargte nicht. Sie hieß die Jungen Westen und Hemden +öffnen und hängte einem<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> jeden ein flaches Geldtäschchen auf die bloße +Brust, das durch einen Knopf verschlossen war. »Damit ihr in der +Ferne nicht zu betteln braucht,« sagte sie, und die Jungen strahlten +sich an. »Ein paar Zehrpfennige für den Alltag stecke ich euch in +die Hosentasche,« und sie steckte jedem ein paar Silbermünzen zu. +»Vorwärts denn. Folgt dem Vater.«</p> + +<p>Gern hätte sie hinzugesetzt: »und euerem Großvater, Jungens,« aber +sie unterdrückte rasch die feierliche Regung und ließ sich dafür so +unfeierlich wie möglich in die Knabenarme nehmen und sich jedes Glied +am Körper zusammendrücken, ohne sich zu wehren.</p> + +<p>»Dank, Dank, Tante Engel! Laß es dir gut ergehen. Glückauf!«</p> + +<p>»Fahr wohl, Martin! Fahr wohl, Nikolaus! Allzeit gut Wind und Wetter +vorauf!«</p> + +<p>Drunten marschierten sie über die Straße, links und rechts von Thomas +Vanderwelt. Und Angela Freydag stand hinter dem Fenster und schaute +ihnen nach, bis sie auf den Hafendamm bogen.</p> + +<p>»Euch hab' ich in Sicherheit,« sagte sie, und ihre Augen hatten einen +dunklen Glanz. »Ich hoffe: für ein Leben lang.« —</p> + +<p>Am späten Nachmittag kam Magdalene Matthes aus ihrem Handelskontor. Es +war ihr letzter Diensttag gewesen. Und nun gehörte sie frank und frei +dem neuen Vanderwelt-Unternehmen an. Sie wußte schon von der Weltfahrt +der Knaben. Sie hatte Thomas Vanderwelt im Hafen getroffen.</p> + +<p>»Frau Engel, er hatte noch mit Wilm zu verhandeln. Ahnen Sie es wohl, +weshalb? Mein Gott, ich soll mit auf die Reise! Mein Gott!«</p> + +<p>»Freuen Sie sich darüber, Magdalene?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p> + +<p>»Freuen? Freuen ist gar kein Wort! Das hab' ich mir ja seit +Kindheitstagen gewünscht, wenn ich irgendwo bei Düsseldorf an der +Uferböschung lag und die Schleppzüge kommen und verschwinden sah: +Wer da mitreisen könnte! So ins Unendliche aller Wünsche hinein! Und +nun darf ich mit. Und darf mich jetzt schon für die Firma Vanderwelt +nützlich machen. In der Küche, jawohl! Aber das ist ja ganz einerlei +...!«</p> + +<p>»Ich hoffe, Sie werden sich nicht nur für die Firma, sondern viel mehr +noch für den Firmenträger nützlich machen können.«</p> + +<p>»Nicht sprechen, Frau Engel, nicht sprechen. Nein, ich fürcht' mich +nicht.«</p> + +<p>»Frauen fürchten sich vor nichts, wenn der Mann voranschreitet.«</p> + +<p>Am nächsten Tage trafen sie alle Vorbereitungen. Und als gegen Abend +die Schiffsjungen kamen und mit dem Gepäck abgezogen waren, blieben +sie zu dritt allein: Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und Magdalene +Matthes. In den Kammern über ihnen war es ruhig. Der Brief, der am +Nachmittag aus einer Rechtsanwaltskanzlei für Frau Antonie Vanderwelt +eingetroffen war, hatte den beiden Schwägerinnen Gelegenheit geboten, +zur vorgerückten Stunde noch das Haus zu verlassen, um sich bei +Freunden Rat zu holen.</p> + +<p>Die drei Menschen saßen beieinander am Tisch und schwiegen +miteinander, ohne es zu bemerken. Dann nahm Angela Freydag das alte +Pfeiflein auf, das sie noch von den gemeinsamen Fahrten mit Kornelius +Vanderwelt besaß, entzündete es und tat still ihre Züge.</p> + +<p>»Sprachst du, Engel?« fragte Thomas Vanderwelt und legte seine Hand +auf die ihre.</p> + +<p>»Tat ich es, Thomas? Ich tat es wohl aus Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> heraus. Ich dachte +gerade darüber nach, wie verkehrt es ist, sich die Karwoche grau +in grau zu malen. Am Schlusse winkt doch die einzige Erlösung der +Heilsgeschichte, der Auferstehungstag.«</p> + +<p>»Ja, so lehrt die christliche Religion.«</p> + +<p>Sie bewegte den Kopf, als sei ihr das nicht genug.</p> + +<p>»Es kommt nicht auf die Religion, es kommt auf die Frömmigkeit an.«</p> + +<p>Und sie grübelten hinter den Worten her, die die geheimsten Kräfte +bargen.</p> + +<p>»Wenn ihr wiedergekehrt seid,« sagte Angela Freydag nach einer +Weile, »darfst du an nichts anderes mehr denken, Thomas, als an die +Auferstehung der alten Firma. Alles, was Karwoche geheißen hat, muß +vor diesem Morgenlicht verschwunden sein wie ein Rudel Gespenster. +Und wenn du dann über den Platz vor der Schifferbörse schreitest, +sorg', daß die Schiffer sich anstoßen und zu sich sprechen: ›Kornelius +Vanderwelt ist wieder auferstanden.‹«</p> + +<p>Die Hand, die auf der ihren lag, drückte zu. Und der harte Druck +gefiel ihr.</p> + +<p>Magdalene Matthes erhob sich und zündete das Licht an. Ein kurzes +Zwinkern war, und die Augen standen weit geöffnet und schauten +einander an, als ob sie neue Menschen sähen.</p> + +<p>»Keinen überflüssigen Ballast,« sagte Angela Freydag. »Nichts +Wertloses. Das Schiff muß Ladung haben, die sich lohnt.«</p> + +<p>»Ja,« erwiderte Thomas Vanderwelt, und seine Brust hob sich.</p> + +<p>»Ja,« wiederholte Magdalene Matthes.</p> + +<p>Wieder kehrte das Schweigen ein. Und sie bemerkten es nicht, bis +Thomas Vanderwelt noch eine Frage tat.</p> + +<p>»Bleiben die ›Fünf Erdteile‹ geschlossen, Engel? Jetzt, wo<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> ich auf +Fahrt gehe, und ich meine nicht nur diese Rheinfahrt, Engel, entfällt +ja wohl der Grund für dich, die Wirtin zu spielen.«</p> + +<p>Sie tat ein paar Züge aus dem alten Pfeiflein und nickte vor sich hin.</p> + +<p>»Die ›Fünf Erdteile‹ — hören auf, zu bestehen. Meine Pflichten sind +erfüllt. Für dich und die Jungen darf keine Belastung mehr vorhanden +sein, wenn ihr das neue Leben angreift, sie könnte geartet sein, wie +sie wollte.«</p> + +<p>»Es ist bald ein Jahr, daß der Vater starb und du uns hier sammeltest +und sichtetest.«</p> + +<p>»Ich konnte es nicht schneller machen, Thomas.« — —</p> + +<p>In der Morgendämmerung verließen Thomas Vanderwelt und Magdalene +Matthes das Haus. Auf ihren Gesichtern war der Glanz der Jugend.</p> + +<p>»Dank, Dank, Engel, für alles und viel mehr,« riefen sie der +Zurückbleibenden zu und schlossen sie kräftig in die Arme.</p> + +<p>Und Angela Freydag erwiderte mit dem alten Schifferspruch, den sie +schon den Knaben mit auf den Weg gegeben hatte: »Fahr wohl, Thomas, +fahr wohl, Magdalene. Allzeit gut Wind und Wetter vorauf!«</p> + +<p>Noch einmal stand sie am Fensterkreuz ihrer Kammer und sah die beiden +rüstigen Schrittes über die Straße schreiten, bis ihre Umrisse in +die sonnendurchzitterten Nebel des Stromgebietes hineinwuchsen, als +gehörten der Strom und die Menschen zusammen.</p> + +<p>Ihr Gesicht wurde schmal, und eine Blässe zog darüber hin. Aber der +Mund erzwang ein Lächeln.</p> + +<p>»Nun seid auch ihr in Sicherheit, und ich kann an die Reise denken. +Bist du mit mir zufrieden, Kornelius?«</p> + +<p>Am nächsten Tage ging sie durch die Stuben und errechnete den Wert +der geringen Hinterlassenschaft des<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> Matthes. Und sie saß an ihrem +Schreibtisch und verglich die Summe mit dem Betrag, den sie noch auf +der Sparkasse liegen hatte. Und überschrieb den Betrag an Fräulein +Magdalene Matthes mit einer zurückgesetzten Zeitangabe.</p> + +<p>Auf der Sparkasse ließ sie sich ihr Fach öffnen, das ihre wenigen +Anlagepapiere barg, und ließ das Schreiben zwischen ihre Papiere +gleiten.</p> + +<p>Als sie heimkehrte, hatten sich die Frauen noch nicht erhoben. Aber +Juliane rief aus ihrer Schlafstube nach ihr und bat um das Frühstück, +da sie zu müde seien, um sich zu erheben.</p> + +<p>»Wir haben bis spät in die Nacht hinein Besprechungen mit unserem +Rechtsbeistand gehabt,« erklärte sie. »Für mich liegen die Dinge ja +klar am Tage. In zwei Jahren wird mein Martin mit der Schule Schluß +machen und eine kaufmännische Lehre antreten. Bei seiner großen +Begabung wird es ihm nicht schwer fallen, bald Geld zu verdienen. +Er hat es ja heute schon gezeigt, daß er es kann. Und da er für +seine Mutter unterhaltungspflichtig ist, wird er sich, wie ich ihn +kenne, ganz besonders anspornen. Für meine Schwägerin Antonie liegen +die Dinge anders. Und wenn Sie auch als die Freundin meines lieben +Bruders Thomas auftreten, mein Brüderlein wird sich freuen, die +Scheidungsklage zurückziehen zu dürfen, denn der Rechtsbeistand hat +mit einem Lärm gedroht, der Thomas Vanderwelt für das Geschäftsleben +unmöglich machen würde. Ich denke also, es bleibt vorläufig alles beim +alten.«</p> + +<p>Angela Freydag ließ den Strom der Worte über sich ergehen und spielte +die Bedienerin. Sie entzündete das Gasöfchen auf dem Wandtisch und +wärmte das Frühstück darauf. Und tat ein übriges und betrat auch +Antonie Vanderwelts Schlafzimmer, entzündete auch hier das Gasöfchen +auf dem Wandtisch und erwärmte das Frühstück.<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> Die seidenen Röcke +Antoniens lagen zerknittert vor dem Bette.</p> + +<p>Am Abend flogen die Frauen aus. Und wieder währte es bis zum Morgen, +daß Angela Freydag ihre gleitenden Schritte erhorchte. Heute aber +verschliefen sie das Frühstück ganz, und es war der Karsamstag.</p> + +<p>Im Hause war alles geregelt. Ein jedes Teil stand auf dem Platze, auf +den es hingehörte. Und nur die Frauen lagen gegen Abend noch in ihren +Betten und baten Angela Freydag mit Klagelauten zu sich.</p> + +<p>»Es sind so anstrengende Tage für uns,« klagte Frau Juliane. »Unsere +Freunde tun ja für uns, was sie können, um uns über unsere trüben +Gedanken hinwegzubringen, aber es bleibt doch immer noch ein Rest, den +wir allein verarbeiten müssen. Morgen, ja, über die Ostertage hinaus +wollen wir mit auswärtigen Freunden einen Ausflug unternehmen, der uns +wirklich erfrischen soll. Deshalb möchten wir heute gar nicht erst +aufstehen, da wir morgen in aller Herrgottsfrühe hinaus müssen. Würden +Sie uns die Freundlichkeit erweisen und uns ein kleines Abendbrot +bereiten?«</p> + +<p>Und wieder entzündete sie die Gaskocher in den Zimmern der beiden +Frauen und wärmte die Speisen auf, und die seidenen Röcke lagen wie +tags vorher zerknittert vor den Betten.</p> + +<p>Es wurde elf Uhr abends, und Angela Freydag ging durch das ganze Haus. +Und schloß alle Fenster und Türen. Als sie den Hausflur betrat, zogen +ein paar feuchtfröhliche Schiffer Arm in Arm durch die Türe ein.</p> + +<p>»Guten Abend, Mutter Engel. Ist hier Ankergrund?«</p> + +<p>»Es ist Feierabend für die ›Fünf Erdteile‹, meine Herren.«</p> + +<p>»Für alle fünf Erdteile? Spaß, Mutter Engel. Irgendwo<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> in den fünf +gesegneten Erdteilen muß doch Ankergrund sein?«</p> + +<p>»Die Schankerlaubnis ist mit dem Wirt Matthes und seiner Frau +erloschen. Gute Fahrt, meine Freunde.«</p> + +<p>»Nix mehr zu machen? ›Meine Freunde‹ hat sie doch gesagt. Wirklich gar +nix mehr?«</p> + +<p>»Es tut mir leid — aber es ist Schlafenszeit.«</p> + +<p>»Hoiho! Mutter Engel hat zum Abschied einen Reim geschmiedet. ›Es tut +mir leid — aber es ist Schlafenszeit!‹ Weiß die Mutter Engel auch, +was das nach Schiffersbrauch bedeutet?«</p> + +<p>»Was bedeutet es denn nach Schiffersbrauch, Jan Maat?«</p> + +<p>»Wer nach altem Schiffersbrauch einen Reim in der Rede schmiedet, ohne +zu wollen, der kriegt mit Gewißheit noch in der Nacht seinen Schatz zu +sehen.«</p> + +<p>»Oho! Hoho! Mutter Engel kriegt die Nacht noch ihren Schatz zu sehen!«</p> + +<p>Angela Freydags Augen leuchteten über sie hinweg.</p> + +<p>»Wer weiß, ob es nicht wahr ist.« — —</p> + +<p>Sie hatte hinter den feuchtfröhlichen Männern die Haustür geschlossen. +Der Riegel schnappte ein, und der Klang zog hallend durch das +verlassene Haus. Sie wandte sich und ging hinauf.</p> + +<p>Ich weiß es noch, dachte sie, wie er mich seine Wölfin nannte. Von der +mitjagenden Wölfin sprach er. Und von der säugenden — wie bei Romulus +und Remus. Und ich weiß noch, wie ich ihm erwiderte, daß die Wölfin, +die starke Wölfin, die Wunden und Gezeichneten der Gattung zerreiße, +um den Lebensstarken die Bahn zu säubern. Kornelius, nun halte ich +mein Wort. Und du wirst weiterleben.</p> + +<p>Sie ging hinauf in das Stockwerk der Frauen, und als<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> sie die Zimmer +der Frauen betrat, fand sie sie eingeschlafen. Sie griff nach den +Schaltern des elektrischen Lichtes und löschte es in beiden Zimmern. +Und in beiden Zimmern griff sie nach den Hähnen der Gaskocher und +öffnete sie mit ruhiger Hand. Und als sie in das Haus hinuntergegangen +war, bis in die leere Wirtsstube, tat sie hier ebenso, und sie saß am +Tisch, stark und gefestigt, und der einschläfernde Duft umwogte sie.</p> + +<p>Eine Kirchenuhr schlug Mitternacht. Der Ostertag brach an.</p> + +<p>Angela Freydag zählte die Glockenschläge bis zum letzten. Nun war sie +müde.</p> + +<p>»Ich komme, Kornelius,« sagte sie. Und sie nahm das Pfeiflein +Kornelius Vanderwelts zwischen die Zähne, tastete nach dem Feuerzeug +und zündete ein Holz für die Pfeife an ...</p> + +<p>Ahoi! — was war? Eine Jacht in Abendrotflammen! Kornelius Vanderwelts +leuchtende Gestalt am Steuer! Hoiho! Angela Freydag im Sprunge neben +ihm! Hochöfen in Gluten! Blitzlichter, hunderttausende, über den +Häfen! Das schwarze Venedig in Funken und Feurio!</p> + +<p>Krachend stürzten die Decken zusammen. Die Mörtelmauern barsten. Ein +Trümmerhaufen schoß hoch und begrub die ›Fünf Erdteile‹ mit allem, was +in ihnen geatmet hatte. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Den Heimkehrenden aber erzählten die Nachbarn, eine Flamme wäre aus +dem Dache gefahren, so sprühend und wild, als wäre eine feurige Wölfin +<em class="gesperrt">geradenwegs in den Himmel hineingesprungen</em>.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s5 mbot2 center">Druck der<br> +Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br> +in Stuttgart</p><br> +</div> + +<div class="bbox"> + +<p class="u center">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf., Stuttgart und Berlin</p> + +<p class="s2 p2 center">Rudolf Herzog</p> + +<p><b>Das goldene Zeitalter.</b> Roman. 30.-42. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.80</span><br> +</p> + +<p><b>Der Adjutant.</b> Roman. 33.-52. Tsd.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br> +</p> + +<p><b>Der Graf von Gleichen.</b> Ein Gegenwartsroman. 152. bis 169. +Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Die vom Niederrhein.</b> Roman. 251.-260. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Das Lebenslied.</b> Roman. 281.-285. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Die Wiskottens.</b> Roman. 339.-348. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Der alten Sehnsucht Lied.</b> Novellen. 57.-79. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 2.80, Ganzleinen Rm. 3.50</span><br> +</p> + +<p><b>Der Abenteurer.</b> Roman. 171.-186. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Hanseaten.</b> Roman. 252.-259. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Es gibt ein Glück</b> ... Novellen. 77.-109. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br> +</p> + +<p><b>Die Burgkinder.</b> Roman. 296.-303. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—</span><br> + +<span style="margin-left: 1em;">300. Tausend. Jubiläumsausgabe. Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Die Welt in Gold.</b> Novelle. 51.-68. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 2.—</span><br> +</p> + +<p><b>Das große Heimweh.</b> Roman. 266.-273. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Die Stoltenkamps und ihre Frauen.</b> Roman 291-298. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Jungbrunnen.</b> Novellen. 96.-113. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br> +</p> + +<p><b>Die Buben der Frau Opterberg.</b> Roman 226.-230. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + + +<div class="bbox"> + + +<p class="s2 center">Rudolf Herzog</p> + +<p><b>Kameraden.</b> Roman. 171.-175. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Wieland der Schmied.</b> Roman. 146.-150. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Das Fähnlein der Versprengten.</b> Roman. 51.-70. Tsd.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Kornelius Vanderwelts Gefährtin.</b> Roman. 1. bis 50. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.—</span><br> +</p> + +<p><b>Ausgewählte Novellen.</b> Mit einer biographischen Einleitung von +<em class="gesperrt">J. G. Sprengel</em></p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 2.—</span><br> +</p> + +<p><b>Gedichte.</b> 41.-46. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 5.—</span><br> +</p> + +<p><b>Wir sterben nicht!</b> Lieder und Balladen. 21.-41. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Gebunden Rm. 1.30</span><br> +</p> + +<p><b>Stromübergang.</b> Dramatisches Gedicht in einem Aufzug 1.-20. +Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 1.60</span><br> +</p> + +<p><b>Windzeit und Wolfszeit.</b> Gedichte. 1.-43. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 1.30</span><br> +</p> + +<p><b>Die Condottieri.</b> Schauspiel. 4.-13. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20</span><br> +</p> + +<p><b>Auf Nissenskoog.</b> Schauspiel. 2.-12. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20</span><br> +</p> + +<p><b>Herrgottsmusikanten.</b> Lustspiel. 2.-13. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 2.—, Halbleinen Rm. 3.50</span><br> +</p> + +<p><b>Gesammelte Werke.</b> Erste Reihe in sechs Bänden. 44. bis 48. +Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br> +</p> + +<p>— Zweite Reihe in sechs Bänden. 31.-33. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br> +</p> + +<p>— Dritte Reihe in sechs Bänden. 1.-10. Tausend</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br> +</p> + + +<p><b>Rudolf Herzogs Leben und Dichten.</b> Von <em class="gesperrt">Johann Georg +Sprengel</em>. Mit acht Bildnissen.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 2.20</span><br> +</p> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76254 ***</div> +</body> +</html> + |
