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+<head>
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+ <title>
+ Kornelius Vanderwelts Gefährtin | Project Gutenberg
+ </title>
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76254 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.<br>
+Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46 break-before x-ebookmaker-drop" id="cover">
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+</figure>
+
+<p class="s3 center mtop3 mbot3 break-before">Kornelius Vanderwelts Gefährtin</p>
+
+<div class="chapter">
+<h1 class="p2 break-before">Kornelius Vanderwelts<br>
+Gefährtin</h1>
+
+<p class="center p2 gesperrt">Roman</p>
+
+<p class="center p2 gesperrt">von</p>
+
+<p class="center p2 s3 gesperrt"><b>Rudolf Herzog</b></p>
+
+<p class="center p4">2.-50. Tausend</p><br>
+
+<figure class="figcenter padtop3 illowe7" id="illu-003">
+ <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p4 center">1 · 9 · 2 · 8</p><br>
+
+<div class="chapter">
+<p class="center break-avoid">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger<br>
+ Stuttgart und Berlin</p><br>
+
+<p class="center">Alle Rechte insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten<br>
+Für die Vereinigten Staaten von Amerika: Copyright, 1928, by<br>
+J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin</p><br>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 mbot3 mtop3 center">An Emma Elisabeth</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+<h2 class="nobreak" id="1">1</h2>
+</div>
+
+<p>Das Mädchen stand mitten auf der Landstraße, als Kornelius Vanderwelts
+Wagen in weiter Ferne wie eine winzige Staubwolke sichtbar wurde.
+Die Hände hielten das im Winde flatternde Mäntelchen in den Taschen
+am Körper fest. Der kleine Handkoffer ruhte wohlbehütet vor dem
+Straßenschmutz auf den Stiefelspitzen.</p>
+
+<p>Das Mädchen stand mit einem gesammelten Ausdruck des Gesichtes und
+sah dem Wölkchen entgegen. Die schmale Gestalt hielt sich, als wäre
+es so und nicht anders selbstverständlich, aufrecht in den Schultern.
+Aber die kräftig betonte Linie dieser Mädchenschultern und die
+kleinen, festen Bogen der Brüste, die der hastige Flußwind in das
+Gewand kerbte, zeigten wohl, daß die Schmalheit der Gestalt eher
+einer Herbheit der Erdentage als einer Mißgunst des Schöpfungstages
+zuzuschreiben sei.</p>
+
+<p>Die Augen, von dem hellen Grau durchtränkt, das dem dämmernden
+Tageslicht gleicht, schlossen sich zu einem schmalen Spalt, sammelten
+blitzschnell ihr Licht und ließen es frei. Der Ausdruck des Gesichtes
+änderte sich keine Sekunde. Nicht verschlossen, unaufgeschlossen
+erschienen die merkwürdig ruhigen Züge, von einem Mädchentum
+zusammengehalten, das, sich selber unbewußt, nach Art scheuer Tiere
+eine Schutzfarbe sucht.</p>
+
+<p>Es war, als ob nur die Augen atmeten, der Körper sprungbereit gehalten
+würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>Das Flußbett der Ruhr zur Linken, herbstroten Buschwald zur Rechten,
+kam Kornelius Vanderwelts Wagen näher und näher. Der Fahrer, wohl auf
+Geheiß des Herrn, schlug ein langsameres Zeitmaß an, und Kornelius
+Vanderwelt saß mit bloßem Kopfe am heruntergesenkten Fenster, ließ
+den Wirbelwind in seinem Haar wühlen und trank mit den Augen die
+weltabgewandte Flußlandschaft in sich hinein. Keine andere Erfrischung
+war ihm lieber zwischen den lauten Stunden der Schifferbörse und der
+nachmittäglichen Kontorzeit.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt lachte lautlos vor sich hin, als er diesem
+Gedanken Raum gab. Sein Gesicht bräunte sich. Fast hätte er als
+ehrlicher Mann die heißen Zecherstunden der Nächte vergessen.</p>
+
+<p>»He, Wilm! Was ist los?«</p>
+
+<p>Das Mädchen auf der Landstraße hatte den Arm gehoben. Das
+freigewordene Mäntelchen flatterte wie schlagende Flügel hoch in der
+Luft, und der Wind preßte das Kleid fest zwischen die überschlanken
+Knie.</p>
+
+<p>»Bitte!« rief das Mädchen dem Fahrer zu, ohne sich um den Herrn zu
+kümmern.</p>
+
+<p>»Was will sie denn, Wilm?«</p>
+
+<p>»Ob das hier richtig wär, nach Ruhrort!«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt beugte sich ein wenig vor. Seine breiten
+Schultern füllten das Fenster. Er sagte nichts, aber seine Augen
+schossen ein lustiges Licht auf das gestraffte Menschlein, das ihm der
+Kuppler Wind in allen Linien preisgab.</p>
+
+<p>»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Stimme des Mädchens den
+Fahrer noch einmal an.</p>
+
+<p>»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Kornelius Vanderwelt, »der Fahrer
+ist stumm und auch taub, wenn er den Herrn fährt. Wie es sich gehört.
+Sie müssen also schon mit mir fürlieb nehmen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p>Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Herrn an. Es sah in den
+hellgefärbten Mannesaugen den Spott und mit dem unbeirrbaren
+Tastgefühl, das unerweckter Jugend gleich den Schlafwandlern zu eigen
+ist, daß der Spott nur ein Übermut sei.</p>
+
+<p>»Geht hier der Weg nach Ruhrort?« rief die Mädchenstimme zum dritten
+Male, und keine Schwingung in ihr war anders als zuvor.</p>
+
+<p>»Gewiß, mein stolzes Fräulein. Seit den Tagen der alten Römer geht
+hier der Weg.«</p>
+
+<p>»Wie weit noch —?« fragte sie zurück.</p>
+
+<p>»Wenn Sie die Fußwanderung vorziehen: zwei Stunden. Mit dem Wagen:
+knapp eine halbe.«</p>
+
+<p>»Danke!« klang es durch den Wind. Und als sie sich bückte, um die
+Handtasche von den Stiefelspitzen aufzunehmen, sprang der Wind wie
+ein meckernder Kobold sie im Wirbel an, von links und von rechts, von
+vorne und im Rücken, wie sie sich auch wenden mochte, um den Mantel zu
+haschen, um das aufflatternde Kleid über die Knie niederzuschlagen.
+Über der geraden, schmalrückigen Nase grub sich eine Furche steil in
+die breitgelagerte Stirn. In den grauen Augen saßen, tief auf dem
+Grunde, heiße Lichter.</p>
+
+<p>»Einsteigen!« gebot Kornelius Vanderwelt. Und als das Mädchen nicht
+alsogleich im Kampf mit dem Winde nachzulassen vermochte, öffnete er
+den Wagenschlag von innen und sprang hinaus.</p>
+
+<p>Sie reckte sich augenblicks hoch und ließ flattern, was wollte. Dicht
+voreinander standen sie, und ihr Scheitel, von einer dunklen Wollmütze
+bedeckt, reichte dem Vierzigjährigen bis ans Herz.</p>
+
+<p>»Sind Sie so klein?«</p>
+
+<p>»Nein. Sie sind so groß!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>»Richtig. Es kommt immer auf den eigenen Standpunkt an.«</p>
+
+<p>Er nahm sie um die Mitte und hob sie ohne Widerrede in den Wagen. Die
+leichte Tasche hielt sie mit beiden Händen an sich gezogen.</p>
+
+<p>»Mit halber Kraft auf Ruhrort. Los, Wilm.«</p>
+
+<p>Der Wagenschlag schnappte zu. Vorwärts ging's. Links schimmerte in
+Schlangenlinien der weiße Wasserspiegel der Ruhr. Rechts lohte in
+heißer Herbstfeier der Buschwald in Rot und Gold.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt streckte die Beine und äugte über die Schulter
+hin auf seinen Fahrgast. Der saß schmal und steif in die Ecke gerückt
+und hielt die Reisetasche auf den Knien.</p>
+
+<p>»So setzen Sie sie doch hin. Ich stehle keine Reisetaschen. Vielleicht
+fresse ich von Zeit zu Zeit junge Mädchen.«</p>
+
+<p>Aus ihrer Kehle stieg ein einzelner Ton. Nie im Leben wurde sich
+Kornelius Vanderwelt darüber klar, ob es ein Lachen oder ein Knurren
+gewesen sei.</p>
+
+<p>»Zeigen Sie doch mal Ihren Mund. Nein. Nicht die Zähne. Das sind
+wahrhaftig alle Zweiunddreißig. Was tun Sie denn mit einem so
+herrlichen Gebiß?«</p>
+
+<p>»Beißen,« sagte sie halblaut und zog die Muskeln des Leibes zusammen.
+Wie ein Tier, das sich zum Sprunge schickt.</p>
+
+<p>Diesmal aber wußte Kornelius Vanderwelt mit Bestimmtheit, daß es ein
+drohendes Knurren war.</p>
+
+<p>»Ach so. Das war die Antwort auf den ›Menschenfresser‹.«</p>
+
+<p>Da lachte sie ein kinderhohes, erlöstes Lachen.</p>
+
+<p>»Ja,« fuhr er fort, als hätte er bisher den Erklärer gemacht, »und nun
+wundern Sie sich wohl, daß dieses paradiesische Landschaftsbild der
+Vorhof zur schwarzen<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Hölle Ruhrort ist. Aber das muß wohl so sein.
+Als ausgleichende Gerechtigkeit. Die in der Hölle braten, haben den
+Himmel am nötigsten. Zeigen Sie doch mal Ihre Augen her.«</p>
+
+<p>Starr, die Haltung versteift, sah sie ihm mitten in die Augen.</p>
+
+<p>Er tat, als gewahre er die Abwehr nicht. Er forschte in Ruhe weiter.</p>
+
+<p>»Hm — grau. Ist das nun grauer Himmel oder — ist es der Vorhang zum
+Himmel?«</p>
+
+<p>»Fragen Sie doch die eigenen Augen! Sie sind so grau wie die meinen!«</p>
+
+<p>»Kind, Kind, das hätten Sie sich nicht wünschen sollen. Auch nicht im
+Zorn. Wenn ich danach meine grauen Augen frage — weiß Gott, Sie haben
+recht, im Grunde sind sie grau wie die Ihrigen — wenn ich danach
+meine grauen Augen frage, werden sie blitzblau vor lauter wilder
+Freud'. Denn nur sie wissen, was hinter ihrem Vorhang steckt. Bitte —
+nehmen Sie doch mal die Mütze ab.«</p>
+
+<p>»Weshalb —?«</p>
+
+<p>»Weshalb? Weil ich glaube, daß wir auch von der gleichen Haarfarbe
+sind. Menschen, die durch die höhere Bildung jeden Blick verloren
+haben, nennen es Tizianblond. Wir aber wissen, daß es das heiße Blond
+unserer Vorfahren gewesen ist, denen Sonne und Seewasser abwechselnd
+den Schädel peitschte. Die meinen waren Seeräuber. Fraglos! Und die
+Ihren?«</p>
+
+<p>»Vielleicht nicht weit davon.« — —</p>
+
+<p>Sein Auge, voller Belustigung unter dem erkünstelten Ernst, prüfte
+sie genauer. Wen hatte er sich da aufgeladen? Was lief denn zu Fuß
+mit einer Reisetasche stundenweit über die Landstraße und ließ sich
+zerzausen? Eine kleine Arbeiterin oder eine kleine Abenteurerin?
+In Kornelius<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> Vanderwelt kämpfte der scharfe Geschäftsmann, für
+den er über das ganze Hafengebiet Ruhrort hinaus bis zu den Zechen
+und Hochöfen im weiten Umkreis galt, mit dem noch schärferen, laut
+bejubelten und heimlich getadelten Lebensbezwinger einen nur kurzen
+Kampf und unterlag in der Freude am Augenblick.</p>
+
+<p>»Seltsam. Da reden sich die Menschen ein, nur die ungleichen Pole
+zögen sich an. Die Hellen und die Dunklen. Die Starken und die
+Schlappen. Die Glückseligen, die ihr Blut wie Götter verspüren, und
+die Armseligen, denen die Angst den Magen verstört. Ewige Eselei. Als
+ob der königliche Löwe — nein, werden wir nicht hochtrabend — als ob
+der starke Wolf mit einer anderen Kumpanin jagen könnte als mit einer
+Wölfin. Stimmt meine Rechnung? Wie alt bist du eigentlich, Kind?«</p>
+
+<p>»Das Kind,« wiederholte sie, und durch die Nüstern pfiff der Atem,
+»das Kind ist zwanzig Jahre alt.«</p>
+
+<p>In ihrer Mädchenentrüstung schien sie ihm zum jungen Weibe zu wachsen.
+Das gefiel ihm.</p>
+
+<p>»Hältst du auch das Fahrgeld bereit?«</p>
+
+<p>»Das — Fahrgeld?«</p>
+
+<p>»Aber — aber! Ein jeder Gast muß doch das Fahrgeld im voraus
+entrichten. Auf der Eisenbahn und in der Postkutsche. Selbst im
+Gasthof, wenn er ein gänzlich Unbekannter ist.«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht, das in der Ruhe verharrt hatte, erblaßte vor innerer
+Erregung. Noch schmaler schien es. Noch schmaler die gerade Nase, der
+dunkle, fest zusammengepreßte Mund. Die Augen aber funkelten aus dem
+Blaß in einem noch tieferen und heißeren Grau.</p>
+
+<p>»Was kostet mich die Fahrt?«</p>
+
+<p>Ihre Hände nestelten an der Reisetasche. Sie suchten das Schloß zu
+öffnen. Und Kornelius Vanderwelt sah auf<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> diese Hände und sah, daß
+sie feingegliedert und in jedem Glied ausdrucksvoll waren, wie ein
+erlesen Kunstwerk, oder doch wie erlesenes Werkzeug, der Kunst die
+feinsten Quellen zu erschließen. Er nahm die beiden Hände in seine
+starken, gut gehaltenen Manneshände und schloß sie darin ein, daß
+sie wie Edelmetall im Erzgestein lagerten. In der Landschaft draußen
+war der silberhelle Fluß, war das Paradiesgärtlein verschwunden.
+Auf schwarzgesprenkelter Halde wuchsen statt lodernder Purpurbäume
+rauchende Schlote auf, einzeln erst, dann in Heeresmassen, fernhin von
+den Festungstürmen speiender Hochöfen umgrenzt.</p>
+
+<p>»Was die Fahrt kostet?« fragte Kornelius Vanderwelt zurück. »Nein,
+nicht in Mark und Pfennigen ausrechnen. Im Märchen geht es immer um
+Sternentaler. Und die heilige Zahl ist drei. Zuck' nicht mit den
+Fingerlein. Gib dein Mündchen. Einmal — zweimal — dreimal — — —«</p>
+
+<p>Und er küßte sie kräftig auf die linke Wange und küßte sie kräftig
+auf die rechte Wange und küßte sie ganz zart nur, als wär es ein
+Streicheln, über die Linie des Mundes.</p>
+
+<p>Ein Ruck — ihre Hände waren frei, schlugen nach ihm, zu Fäusten
+geballt, in entfesseltem Zorn.</p>
+
+<p>»Einmal — zweimal — dreimal!«</p>
+
+<p>Er wischte die Fäuste wie Blumenblätter von der Stirn, kämmte die
+Fingerlein durch und sagte nur: »Falsch. Beim dritten Mal hab' ich nur
+gestreichelt, du aber hast auch zum drittenmal geschlagen. Nun hat das
+Märchen einen falschen Ausklang, und wir müssen es wiederholen.«</p>
+
+<p>Da schossen ihr die Zornestränen aus den Augen ...</p>
+
+<p>Schmal und steif saß sie in die Ecke gerückt und hielt die Reisetasche
+auf den Knien. Aber die Muskeln des Leibes zogen sich zusammen.</p>
+
+<p>»Bitte!« bat Kornelius Vanderwelt, und er bat wie ein großer,
+ungestümer Junge, der sein Ungestüm bereut und<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> doch vor einem kleinen
+Mädchen nicht die Segel streichen möchte. »Bitte! Keine Tränen weinen!
+Tränen kann ich nicht sehen! Hörst du auch? Oder ich muß sie alle
+fortküssen. Alle. Aus deinen Augen. Von deinen Wangen. Und wenn sie
+dir zwischen die Brüstlein laufen, dann hilft es nichts: ich muß sie
+— alle — alle —«</p>
+
+<p>Was war geschehen?</p>
+
+<p>Der Wagen kreuzte in der Vorstadt eine elektrische Straßenbahn.
+Er fiel ein paar Sekunden in Schritt. Und schon hatte der Fuß des
+Mädchens die Türklinke niedergedrückt, hatte das Knie des Mädchens
+den Wagenschlag weit aufgestoßen. Ein geschmeidiges Tier konnte nicht
+schneller in der Freiheit sein.</p>
+
+<p>Wo sie untergetaucht war im Gewühl, vermochte Kornelius Vanderwelt in
+den wenigen Augenblicken, die ihm belassen wurden, nicht zu ergründen.
+»Wagenschlag schließen! Wollen Sie Kleinholz machen?« donnerte ein
+Schutzmann, erkannte Kornelius Vanderwelt, legte die Hand an den Helm
+und grüßte mit seinem fröhlichsten Gesicht.</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt grüßte mit seinem fröhlichsten Gesichte
+wieder, mit den hellen und übermütigen Augen, die ihm die Liebe alles
+Hafenvolkes gewannen und den Neid aller eigenen Kreise, zog den
+Wagenschlag ins Schloß und rief den Fahrer an.</p>
+
+<p>»Zum Kontor. Los, Wilm.«</p>
+
+<p>Er saß, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in der
+aufgestützten Hand versenkt, grübelnd im Polster. Aber er grübelte
+nicht über das verschwundene Mädchen. Hatte er auf seiner
+Entspannungsfahrt überhaupt ein Mädchen zu Gesicht bekommen? Oder gar
+ein paar Herzschläge lang im Arm gehalten? Unsinn. Die Wasser des
+Rheins stiegen, und die Frachten würden fallen zu Berg und zu Tal,
+gen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Mannheim und gen Rotterdam. Aber da war die selten so günstige
+Arbeitslage auf dem Kohlenmarkt. Jeder Zeche, jedem Großhändler mußte
+an der Ausnutzung gelegen sein, und die bedrohten Frachtlöhne würden
+sich wieder hochreißen lassen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt saß im Lederpolster seines Wagens und seine
+Gedanken fuhren sieghaft rheinauf und rheinab und weit über die
+schiffbefahrene See — —</p>
+
+<p>Träumte er und wachte er zu gleicher Zeit? Konnte er seine Wachheit
+in Traumländer hinüberspielen und aus seinen Traumbildern heraus
+haarscharf den wachen Tag überblicken? Der Wagen bog in die Straßen
+Duisburgs, glitt durch gepflegte Anlagen, wand sich durch das Gewirr
+der langen Häuserzeilen, die angefüllt waren mit dem Verkehrstreiben
+und der geschäftlichen Anspannung der arbeitschwangeren,
+arbeitgebärenden Großstadt. Und Kornelius Vanderwelts Augenlider
+öffneten sich, sobald sie sich öffnen mußten, und senkten sich, sobald
+die Achtsamkeit nicht verlangt wurde. Jetzt neigte er in höflichem
+Ernst den Oberkörper, und der Gruß galt einem vorüberbrausenden
+Zechenherrn und schien zu sagen: Hier haben Sie den Mann für die
+schnellste Verfrachtung Ihrer Förderungen. Jetzt hob er grüßend
+die Hand, und der kurze Wink rief einem eifrig dahintrottenden
+Geschäftsfreunde zu: Halbpart, mein Junge, oder du kommst über Bord.
+Jetzt zeigte er nur in vertraulichem Lachen die Zähne, und der
+Schiffer, der in Strickweste und weiten Manchesterhosen breitbeinig
+eine Hafenbrücke überquerte, drehte bei, lüftete grinsend die Mütze
+und machte die Gebärde des Schnapsverholens, eine Gebärde, die von
+Kornelius Vanderwelt in einem schönen Gleichmaß wiederholt wurde,
+gleichsam als füge er ein Prosit hinzu. Und wiederum schlossen sich
+träumerisch die Augenlider<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> bis auf einen schmalen Schlitz, durch den
+er den wachen Tag einließ.</p>
+
+<p>Enger und rauchiger wurden die Straßen, als der Wagen die letzte
+der Hafenbrücken hinter sich gelassen hatte. Ein Gewirr von Gassen
+und Wasserzeilen tat sich auf. Geschwärzte Giebel schwammen auf
+kohlenschwarzen Wasserspiegeln. Und Schiffsrumpf an Schiffsrumpf.
+Plump, riesenstark, mit unersättlich geöffneten Mäulern.</p>
+
+<p>Ruhrort — das schwarze Venedig.</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte aus Träumen und Wachen, als der
+Wagen in eine Toreinfahrt bog und stand: Immer mehr Land muß noch
+verschwinden, immer mehr Wasser sich breiten, Rheinwasser und
+Ruhrwasser, in Hafenbecken und Kanälen, und die Kanäle sollen die
+Kohlen aus den Zechenfeldern saugen, und die Ruhrhäfen sollen sie
+aufschlucken und unermüdlich die Beute dem Herrn überantworten, dem
+Rhein, und dem Herrn des Rheins — uns — uns, uns!</p>
+
+<p>Aufrecht, nur noch die Wachheit des Tages in den Augen, stieg
+Kornelius Vanderwelt aus dem Wagen und schritt ins Kontorgebäude.
+Die schreibenden und rechnenden Herren an den Pulten grüßten kurz
+und fuhren ungestört in ihren Arbeiten fort. Wortlos war Kornelius
+Vanderwelts Gegengruß. Ein lautes Wort, und ein überflüssiges zumal,
+konnte eine Berechnung über den Haufen werfen.</p>
+
+<p>Aus einer holzvergitterten Nische erhob sich der bevollmächtigte
+Geschäftsführer und folgte mit einem Bündel Papiere dem Geschäftsherrn
+in das Sonderkontor. Kornelius Vanderwelt reichte ihm die Hand,
+hing seinen Hut an den Haken und ließ sich in seinem Drehsessel
+nieder. Stumm nahm er das Bündel Papiere entgegen, glättete es auf
+dem Schreibtisch und begann es durchzusehen. Kaum daß die Blicke
+abglitten, zog die Rechte Bleistift und Papierblock<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> heran, schrieb
+kurze Merkworte nieder, Zahlen, Gleichungen. Die Blätter raschelten
+und schichteten sich zur Seite.</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich doch, Beckenried.«</p>
+
+<p>Der ergraute Mitarbeiter nahm geräuschlos an der gegenüberliegenden
+Breite des Tisches Platz. Er sah stumm auf die hin und her gleitende
+Schreibhand des Herrn. Nur wenn die Schreibhand innehielt oder die
+Fingerknöchel auf den Tischrand trommelten, vergewisserte er sich
+des Papieres, das eben vorlag, und mit einem kurzen Aufblick der
+Gesichtszüge des Herrn.</p>
+
+<p>»Mehr Schiffsraum heran, mehr Schiffsraum. Bevor die Zechen in ihren
+Kohlenhalden ersticken, verschreiben sie sich mit Haut und Haaren dem
+Herrn Eisenbahnminister. Und den kann von uns aus der Teufel holen.«</p>
+
+<p>»Dann müßt' sich der Teufel selber holen.«</p>
+
+<p>»Was soll das? Ach so, Sie meinen: Der, dem man sich mit Haut und
+Haaren verschreibt, müßt' unbedingt auch ein Teufel sein. Lieber
+Beckenried, nur für Ihr mathematisches Hirn. In Wirklichkeit ist die
+Sache gottlob oft anders. Weiter im Text. Mit Frachtaufträgen sind die
+Herrschaften verdammt freigebig, wenn der Winter vor der Tür steht und
+der kleinste Kanonenofen nach Kohlen schreit. Mit den Frachtpreisen
+aber zähe wie Hinterleder. Ne, ne, ich schimpfe ja nicht! Wozu wären
+<em class="gesperrt">wir</em> denn da?«</p>
+
+<p>Er ließ auf dem Papierblock eine Reihe Zahlen aufmarschieren und hielt
+sie seinem Mitarbeiter hin.</p>
+
+<p>»Stimmt das mit den Ihren? Vergleichen Sie mal.«</p>
+
+<p>»Es stimmt. Wie immer.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie mit diesem ›wie immer‹ <em class="gesperrt">mir</em> eine Schmeichelei sagen
+oder Ihrer eigenen Person? Schön, die unbedingt notwendige Tonnenzahl
+stände fest. Was ist in<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Summa an Kahnraum und Schleppdampfern heute
+früh angeboten? Sind die Abmachungen, die ich von der Schifferbörse
+herübergab, ausreichend? Tonnengehalt! Pferdekräfte! Los, lieber
+Beckenried.«</p>
+
+<p>»Mit den nachbörslichen Aufträgen brauchen wir das Doppelte. Das ist
+nicht im Handumdrehen zu beschaffen, denn es ist nicht nur die Firma
+Kornelius Vanderwelt auf der Jagd nach Schiffsraum.«</p>
+
+<p>»Beckenried! Wie oft soll ich Ihnen diese Wahnvorstellungen noch
+ausreden! <em class="gesperrt">Nur</em> die Firma Kornelius Vanderwelt braucht
+Frachtkähne und Schlepper. <em class="gesperrt">Nur</em> die Firma Kornelius Vanderwelt
+ist auf der Jagd nach Schiffsraum. <em class="gesperrt">Für uns nur Kornelius
+Vanderwelt!</em> Alle übrigen können uns — nun, Beckenried,
+befleißigen wir uns im Verkehr mit der Geschäftswelt der
+ausgesuchtesten Höflichkeit — also sie können es auch unterlassen.«</p>
+
+<p>Beckenried verbeugte sich kühl.</p>
+
+<p>»Ich habe übrigens ›sie‹ klein geschrieben,« sagte Kornelius
+Vanderwelt sachlich. »Und nun fahren Sie fort.«</p>
+
+<p>»Abgemacht,« erklärte der im Geschäft Ergraute, ohne eine Miene zu
+verziehen, »der Schiffsraum ist nur für <em class="gesperrt">uns</em> da. Aber die
+verschiedenen Arten von Schiffsraum? An der einen Sorte ist viel und
+an der anderen ist wenig zu verdienen, besonders wenn es, wie gerade
+jetzt, um scharfe Berechnungen geht.«</p>
+
+<p>»Mein verehrter Freund und Mitarbeiter ist mal wieder unzufrieden mit
+mir?«</p>
+
+<p>»Wenn ich ein Feigling wäre, was ich aber <em class="gesperrt">nicht</em> bin, und hätte
+Angst vor Ihnen,« sagte Beckenried, hauchte auf die Gläser seines
+Kneifers und putzte sie spiegelblank, »so würde ich mir bei jeder
+Maßnahme des Oberhauptes denken: der Herr ist klüger als du. Oder
+sonst was.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>»Das ›oder sonst was‹ verbitte ich mir. Weiter.«</p>
+
+<p>»Halte ich mich aber in Wirklichkeit für Ihren Freund und Mitarbeiter,
+so ergibt sich für mich daraus die unbedingte Geschäftspflicht, aus
+allen Unternehmungen die höchsten Gewinne herauszuwirtschaften.«</p>
+
+<p>»Mir ganz aus dem Herzen gesprochen, lieber Beckenried.«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen aber gar nicht aus Ihrem Herzen heraussprechen,
+sondern von Hirn zu Hirn.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hob langsam den Kopf. Es war ein schmaler, fester
+Kopf mit weitausladenden Stirnknochen. Das dichte blonde Haar trug
+einen schimmernden Glanz, wie der lichte Schnurrbart, den er behutsam
+mit den Fingerspitzen strich. Und nun hob er langsam die Augenlider
+und lächelte seinen Ratgeber mit dem hellsten Hell seiner grauen Augen
+an.</p>
+
+<p>»Von Hirn zu Hirn, Beckenried. Das ist ein Wort. Aber was wäre das
+Hirn ohne Herz? Eine Maschine unter Druck bis zum Bersten. Ein Reiter
+ohne Buddel. Ein Mädchen ohne Liebe. Was nützte dem Reiter alle
+Schenkelkraft und dem Mädchen alle Schönheit, wenn nicht zum Ausgleich
+irgendwo eine derbe Erdenfreude winkte. Mein kaufmännisches Hirn
+treibt mich zu den Schiffsparks der Großreeder. Dort wickeln sich die
+Geschäfte schneller und einträglicher ab. Darum habe ich aber doch
+mein Herz, das seine Freude will, für die Kleinschiffer entdeckt, für
+die Herren ›Partikuliers‹, wie sie sich so bieder und eigentumsstolz
+benennen, und wo für die Krippengäule gedroschen wird, bleiben wohl
+auch ein paar Hände voll für das lustige Federvieh.«</p>
+
+<p>»Es ist nicht <em class="gesperrt">mein</em> Geschäft,« sagte der Vertraute, steckte den
+Kneifer ein und legte die Papiere zusammen. »Ich habe hier nur Rat zu
+erteilen.«</p>
+
+<p>»Gut,« entgegnete Kornelius Vanderwelt. »Sie haben<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> ihn erteilt. Und
+nun will ich Ihnen auch einen Rat erteilen. Sie waren einmal ein
+fröhlicher Bursche. Bitte, keine erstaunten Augen. Sie haben mit
+mir manche Flasche leergetrunken und sich manche Ruhrorter Nacht um
+die Ohren geknallt, als Sie noch jünger waren und die Firma noch
+unbedeutend. Hüten Sie sich vor dem Verknöchern. Es tritt ein, wenn
+wir das Geld nur noch um des Geldes willen einscheffeln und nicht mehr
+wegen seiner befreienden Eigenschaften. Ich bin weiß Gott ein scharfer
+Rechner und rieche einer Mark an, ob ein Taler darin steckt, wenn die
+anderen sie noch mißtrauisch in den Fingern herumdrehen. Aber letzten
+Endes doch nur, um auch mehr Spaß im Leben davon zu haben als die
+Pfennigfuchser, die ihren Spaß im Geldschrank aufhäufen, bis ihnen jäh
+der Sargdeckel auf die Nase fällt. Lieber Freund, nur das Leben erhält
+jung, und dazu gehört das Lebenlassen.«</p>
+
+<p>»Sie sind entweder eine Dichternatur oder ein <em class="gesperrt">ganz</em> Gerissener.«</p>
+
+<p>»Also bleiben Sie bei dem Ganzgerissenen, da Ihnen die Künste im
+Kaufmannsleben ein Greuel sind.« Er erhob sich, legte dem kleineren
+den Arm um die Schulter und wiegte ihn hin und her. »Also denken
+Sie, daß ich für meine Liebe zu den Herren Partikuliers nicht nur
+poetische, sondern auch sehr eigensüchtige Gründe habe. Daß es mir
+nicht nur auf die Saufnächte mit den urwüchsigen Kerls ankommt,
+sondern auch — auf ihre Gegenliebe — am nüchternen Tag — auf der
+Schifferbörse — bei den Abstimmungen — und so weiter! — Verstanden?
+— Verstanden? — Und nun stecken Sie sich mal diese Zigarre an und
+lassen Sie mich arbeiten.«</p>
+
+<p>Der Arbeitsgefährte kniff die Augen ein. Das Hin- und Hergewiegtwerden
+hatte ihn schwindlig gemacht.</p>
+
+<p>»Ich verstehe. Ich verstehe. Und ich verstehe immer:<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Volkstribun.
+Soweit mir aus meiner unerfreulichen Schulzeit her noch bekannt
+ist, haben Volkstribunen immer noch den Hals gebrochen. Aus
+Verschwendungssucht, um volkstümlich zu bleiben. Oder aus
+Herrschersucht, um die Patrizier kleinzukriegen. Den Hals aber hat's
+immer gekostet.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt dehnte sich in den breiten Schultern. Und die
+Augen des Tadlers freuten sich, ob sie wollten oder nicht, an dem
+straffen, muskelharten Körper.</p>
+
+<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Ob Sie einmal aus
+Altersschwäche, sozusagen stückweise in den Himmel kommen, oder durch
+einen wilden Sprung — doch das gehört nicht ins Kontor. Liegt nichts
+Wichtigeres mehr vor, so können wir unsere Besprechung beenden. Bei
+den Einzelkähnen der Partikulierschiffer bleibt es.«</p>
+
+<p>»Die Rotterdamer Maatschappij fragte durch den Fernsprecher an, ob sie
+dem nächstfälligen Schleppzug Rückfrachten geben könnte. Preise nach
+den Ruhrorter Frachtkursen.«</p>
+
+<p>Ein Blitzstrahl schoß aus den grauhellen Augen. Und der Blitzstrahl
+verzehrte jählings den Volkstribunen und ließ ebenso jählings den
+Geschäftsherrn Kornelius Vanderwelt erscheinen.</p>
+
+<p>»Hält uns die Rotterdamer Maatschappij für Hinterwäldler? Solch
+eine Dummpfiffigkeit. Ruhrorter Frachtkurse! <em class="gesperrt">Rotterdamer</em>
+Frachtkurse, und wenn die Seeschiffe nicht zur Stunde den Rotterdamer
+Hafen anlaufen, und die Übernahme der Rückfrachten sich nicht wie ein
+Uhrwerk vollzieht, gesalzene Aufschläge!«</p>
+
+<p>»Die holländischen Gesellschaften sind großmächtige Leute, Herr
+Vanderwelt. Vor dieser Gefahr kann man nicht die Augen verschließen.
+Und bevor wir die Kähne leer nach Hause schleppen lassen, sollte man
+den kleinen Gewinn ...«</p>
+
+<p>»Jawohl. Das sollte man. Wenn kein größerer herauszuschlagen wäre.
+Und der <em class="gesperrt">ist</em> herauszuschlagen. Hier«, er<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> pochte auf ein paar
+Zettel, »in diesen frischen Drahtnachrichten liegen die letzten
+Wetter- und Wasseransagen vor. Schneefälle in der Schweiz und im
+Schwarzwald. Pegelstand bei Kehl und bei Mainz leicht steigend. Nur
+dieser verrückte Wind braucht sich noch zu legen, und Sie sollen mal
+was von Regengüssen erleben. Ich sage Ihnen, innerhalb einer Woche
+haben wir einen Meter Wasser mehr im Rhein, und das Frachtgeschäft
+drängt bis zur Atemlosigkeit zu Berg und zu Tal und reißt den letzten
+Kahn mit, der noch zu schwimmen vermag.«</p>
+
+<p>»Was soll ich nach Rotterdam sagen?«</p>
+
+<p>»Ich besorg's schon selbst. Meine Stimme ist zuweilen verständlicher.«</p>
+
+<p>Er nahm den Hörer vom Fernsprecher. »Kontor? Stellen Sie doch eine
+dringende Verbindung mit der Rotterdamer Maatschappij her. Danke.« Er
+legte den Hörer auf die Gabel. »So, Beckenried, und nun wollen wir
+einmal in den Rotterdamer Großherrenschädeln das Wetter aufklaren.
+Großmächtige Leute! Holländische Gefahr! Für die Rheinschiffahrt und
+das Frachtengeschäft! Alles wahr. Alles unzweifelhaft richtig, wenn
+ihr Ruhrorter euch vor jedem holländischen Gulden klein macht, statt,
+wenn's darauf ankommt, drauf zu pfeifen.«</p>
+
+<p>»Geschäft ist Geschäft, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ach, Beckenried, ich habe Sie höher eingeschätzt. Sie haben doch so
+manche Nacht mit mir gesoffen, als Sie noch nicht verledert waren, und
+der Wein fördert die Stimme der Natur. Da hätten Sie aus der meinen
+lernen können. Geschäft ist Geschäft nur für Schreiberseelen, denen es
+Hekuba ist, von wem Sie befehligt werden, wenn nur am Monatsletzten
+bei Heller und Pfennig die Löhnung auf dem Tische liegt. Ein jedes
+Geschäft ist aber noch lange kein Geschäft für die Kapitänsseelen, die
+unter fremder<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Flagge Schiffsjungendienste verrichten sollen, und wenn
+sie noch soviel Geld verdienen und Sonntags sogar den Kapitänsrock
+tragen dürfen. Geld ist gut. Aber Herrenrecht im Hause ist besser.
+Hallo, der Fernsprecher.«</p>
+
+<p>Mit kühlen Augen nahm er den Hörer von der Gabel.</p>
+
+<p>»Kornelius Vanderwelt. Ja, selbst. Welche Zeche? Ah, guten Tag, Herr
+Direktor.«</p>
+
+<p>Seine Hand tastete nach Bleistift und Papierblock, während sein Ohr
+dem Sprecher folgte. Jetzt setzte die Hand einige Zahlen aufs Papier.
+Der Blick überflog sie.</p>
+
+<p>»Vielen Dank. Ein schöner Auftrag. Fast zu schön, um ihn zu bezwingen.
+Wie meinen, Herr Direktor? Ein Hexenmeister wie ich? Sie kennen doch
+das Dichterwort: ›Wächst mir ein Schleppzug auf der flachen Hand?‹ Und
+für zwanzigtausend Tonnen brauche ich gut und gern drei Schleppzüge,
+wenn ich für je fünf große Kähne in der heutigen Bedrängnis drei
+starke Schleppdampfer auftreibe. Nun, für Geld ist alles zu haben.«</p>
+
+<p>Er horchte aufs neue in den Hörer hinein. Seine Augen lachten
+stillverschwiegen.</p>
+
+<p>»Natürlich gebe ich Ihrem Auftrag den Vorzug vor allen anderen.
+Ich bin sogar bereit, ein großes Geschäft mit Rotterdam
+Ihretwegen schwimmen zu lassen. Bitte, bitte, das ist eine
+Selbstverständlichkeit. Deutsche an die Front! Aber wenn ich Ihnen
+behilflich sein kann, daß Sie mit zwanzigtausend Tonnen vor Ihren
+Mitbewerbern in Mannheim landen und die höheren Preise hereinholen
+können, so müssen Sie mir auch ein paar Pfennige mehr für die
+Schiffer bewilligen. Wie meinen? Jaja. Nennen Sie es nur ruhig
+Bestechungsgelder. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.«</p>
+
+<p>Und als Kornelius Vanderwelt wieder in den Hörer horchte, waren seine
+Augen falkenscharf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>»Abgemacht. Versicherung und Verladekosten zu Ihren Lasten. Es wird
+ein Beutezug für Sie werden, für den ich gutsage, und ich freue mich
+auf die Flasche Hallgartener Nußbrunnen Auslese, zu der Sie mich im
+Namen Ihrer Aktiengesellschaft in der ›Erholung‹ einladen werden.
+Frohes Wiedersehen!«</p>
+
+<p>Beckenried schrieb den Auftrag nieder, wie Kornelius Vanderwelt ihn
+vorsprach. Er schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Kein Schiffsbefrachter Ruhrorts wird den Laderaum in so knapper Zeit,
+wie hier gewünscht wird, zusammenbekommen. Verlassen Sie sich darauf.«</p>
+
+<p>»Ich werde mich lieber auf den Volkstribunen verlassen,« sagte
+Kornelius Vanderwelt und blickte durch das Fenster über den Hafendamm
+ins Weite.</p>
+
+<p>Noch einmal schrillte die Glocke des Fernsprechers. Schriller.
+Anhaltender. Mit der Erregung, mit der sie eine Auslandsverbindung
+anzeigt. Die Rotterdamer Maatschappij meldete sich.</p>
+
+<p>»Hier Kornelius Vanderwelt in Person. Jawohl, danke sehr, Ihre
+Anfrage wurde mir übermittelt. Leider, leider ist es so gut wie
+eine Unmöglichkeit, die Kähne auch nur vierundzwanzig Stunden über
+die Ausladezeit im Rotterdamer Hafen liegen zu lassen. Wir bekommen
+großes Wasser, und das Frachtengeschäft hier in Ruhrort hat sich
+über Nacht zum Hochbetrieb entwickelt. Die Schifferbörse war noch
+von der Plötzlichkeit überrumpelt, aber morgen schon werden wir den
+erfreulichen Umschwung an den Frachtkursen verspüren. Wie hoch ich
+die allgemeine Steigerung berechne?. Sie wird bis hundert Prozent
+gehen. Und Sie werden es uns nicht verargen, daß wir allen Leerraum
+von draußen schleunigst zurückpfeifen und an der hohen Welle teilhaben
+lassen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sprach über den Fernsprecher<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> hinweg. Er richtete
+seine Ausführungen unmittelbar an seinen Mitarbeiter Beckenried, der
+sie mit einem verlegenen Lächeln entgegennahm.</p>
+
+<p>»Ob ich das Angebot der Maatschappij annehme? Oh, das meinen Sie
+nicht ernsthaft. Ich verstehe nicht. Bei unserer alten und bewährten
+Geschäftsverbindung? Ja, das ist auch <em class="gesperrt">mein</em> Stolz, daß sich
+unsere alte Verbindung bei gutem und bei schlechtem Wetter bewährt
+hat, und ich will es, wenn Sie sich umgehend entschließen, auf meine
+Gefahr nehmen, Ihnen die Kähne mit nur fünfzig Prozent über heutigen
+Ruhrorter Kurs zur Verfügung zu lassen. Wie? Was? Entschuldigung,
+ich erhalte gerade eine Nachricht. Eine unserer großen Kohlenzechen
+verlangt von mir dringendste Anschaffung von zwanzigtausend Tonnen
+Schiffsraum. Das ist schon der Anfang. Alle Mann an Bord und jeder
+Kahn heran!«</p>
+
+<p>Und Beckenried jedes Wort auf den Kopf zusagend, wiederholte Kornelius
+Vanderwelt den Rotterdamer Zuruf.</p>
+
+<p>»Mit fünfzig Prozent über heutigen Ruhrorter Kurs. Gut, ich schließe
+ab, um Ihnen meine Dienstfreundlichkeit zu zeigen. Selbstverständlich
+der gleiche erhöhte Satz für Wartezeit und Ladezeit. Nein, nein,
+daran ist nicht zu rütteln. Und nun hoffe ich, daß Sie mich und meine
+Dienste zu allen Zeiten bevorzugen. Glückauf!«</p>
+
+<p>»Glückauf,« wiederholte er und machte seinem Geschäftsführer eine
+tiefe Verbeugung.</p>
+
+<p>»O ja. O ja doch. Wenn man Kornelius Vanderwelt ist und sein eigener
+Herr und Meister —«</p>
+
+<p>»Wenn die Beckenrieds nicht mal über das kleine Einmaleins Herr und
+Meister werden können, können sie keine Vanderwelts werden, die nur im
+großen Einmaleins tief Atem holen. Darum keine Feindschaft und jeder
+an seinem Platz. Lassen Sie im Kontor die Berechnungen durchführen<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>
+und die Güterversicherungen. Überprüfen Sie sie bis in die letzte
+Pore. Ich unterschreibe blindlings. Mann, wenn ich Sie nicht hätte,
+Ihr Kornelius Vanderwelt könnte Partikulierschiffer werden auf seinem
+Kohlenkahn.«</p>
+
+<p>Ein Lächeln glitt um Beckenrieds gekniffenen Mund. Ein Lächeln stiller
+Zustimmung und Selbstbewertung. Er nahm die Hand, die Kornelius
+Vanderwelt ihm rasch entgegenstreckte, und empfahl sich.</p>
+
+<p>Bis zum Abend saß Kornelius Vanderwelt über seine Arbeit gebeugt.
+Seine Schriftzüge bedeckten Seiten. Seine Zahlenreihen füllten Bogen
+an. O nein, es war keine Rede von blindlings erteilten Unterschriften.
+Es war nur die Rede gewesen von der Kunst der Menschenbehandlung.
+Früh brach die Dunkelheit in das enge Hafenviertel. Gewohnheitsmäßig
+suchte die Linke den Lichtschalter der Tischlampe, während die Rechte
+unbeirrt weiterschrieb. Flog der Blick durch das Fenster, so sah er
+die Lichter aufflammen in allen Geschäftsräumen der Häuser ringsum,
+die Bordlichter an den Kähnen, die Fahrt- und Haltlaternen an den
+Masten der Schlepper. Die Festbeleuchtung des schwarzen Venedigs.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelts Atem ging tiefer. Für Sekundenlänge sog er
+das Bild in sich hinein, horchte er, als wäre es ein feingesetztes
+Musikstück, auf die grellen Pfiffe, die aus der Dunkelheit ins
+Licht stießen, auf das Gerassel ferner Ankerketten, das Anrollen
+der Eisenbahnwagen, das Aufkreischen der Verladekipper, die mit
+unaufhörlichem Hungergestöhn den Inhalt der Wagen schluckten und
+ihn lustbrüllend in die Kähne spien. Und in seinen Augen lagerte
+der Widerschein des Musikstückes, während er rechnete und schrieb,
+während er den Hörer vom Fernsprecher hob und kurze Gespräche mit
+diesem und mit jenem unsichtbaren Kapellmeister führte oder mit einem
+der Musikanten selbst.<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Wieder und wieder öffnete sich die Tür zu
+seinem Sonderkontor, wurden Stöße von Briefen, Bestätigungsschreiben,
+Versicherungsscheinen zur Unterschrift auf seinen Arbeitstisch
+geschoben, wartete der Bote, bis der Herr scharfäugig die Zahlen
+verglichen, die Briefe durchflogen, unterschrieben oder zur Abänderung
+zurückgegeben hatte. Ein Kleines noch, und im Hauptkontor scharrten
+Schuhe eilig den Boden, klappten Türen, wurde es kirchenstill.</p>
+
+<p>Das gelbliche Gesicht Beckenrieds blickte durch den Türspalt, sah
+fragend auf den arbeitversponnenen Herrn.</p>
+
+<p>»Sie haben wohl Durst, Beckenried? Den verdanken Sie mir.«</p>
+
+<p>»Ich verdanke Ihnen eine Leberanschoppung, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schloß den Schreibtisch. Er reckte die Glieder
+wie ein Soldat nach der Schlacht. Und gähnte, bis die Kiefern knackten.</p>
+
+<p>»Ne, Geliebter, die verdanken Sie Ihrer Unmäßigkeit. Meinethalben
+der — der — falschen Gewichtsverteilung. Da neigt sich der Kahn
+zu Wasser. Zum kohlenschwarzen Wasser, Beckenried, statt zum
+himmelsgoldenen Wein. Ich will ein Menschenfreund sein und Sie noch
+einmal in die Lehre nehmen.«</p>
+
+<p>»Gott soll mich bewahren. Zerrütten Sie Ihre Gesundheit auf eigene
+Rechnung. Meine Leber haben Sie doch in früheren Jahren genug
+mißhandelt.«</p>
+
+<p>»Gute Nacht, undankbarer Schüler. Und was meine Gesundheit betrifft
+—« er spannte die Brust und schlug lachend mit der Faust auf die
+Wölbung. »Nun? Hört sich das wie Zerrüttung an?«</p>
+
+<p>»Ich müßte lügen, Herr Vanderwelt. Es hört sich an wie eine
+Weinkanne.« Und er ließ den Geschäftsherrn an sich vorüberschreiten,
+um hinter ihm die Kontortür zu schließen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>»Gehen Sie schlafen, Beckenried. Ihnen fehlt jede Begabung für die
+Musik des Lebens.«</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schritt den Damm entlang, verharrte am Hafenmund
+und schnupperte den teerdurchtränkten Herbstwind ein. Südwind, dachte
+er, aber es ist schon ein Hauch von Feuchtigkeit darin, und morgen
+werden wir Westwind haben. Westwind. Regen. Großes Wasser. Ruhrorter
+Frühlingsluft — —!</p>
+
+<p>Die Häfen lagen ausgestorben. Der Feierabend hüllte sie in seine
+warmen, weichen Schwingen. Nur die Hochöfen gluteten im weiten Rund
+wie ruhlos fiebernde, schweratmende Vulkane.</p>
+
+<p>Von einem Holländer Kahn glitten die Klänge einer Harmonika ins
+Dunkle. »Wilhelmus von Nassauen« spielte der Schiffer.</p>
+
+<p>Von einem Oberländer Kahn klang die heimatgefärbte Antwort.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Bald gras' i am Neckar, bald gras' i am Rhein,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald hab' i ein Schätzel, bald bin i allein ...«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>schluchzte die Harmonika und ging in einen handfesten Gassenhauer
+über. Irgendwo auf einem Kahn schlug ein Spitz an. Ein zweiter, ein
+dritter, ein Dutzend antworteten. Eine Minute lang beherrschte das
+hellgestimmte Gekläff das weite, nächtliche Hafengebiet und brach jäh
+ab.</p>
+
+<p>Eine Weile noch horchte Kornelius Vanderwelt in das Schweigen hinein.
+Dann sah er im Scheine der Hafenlaternen nach der Taschenuhr, bog
+in die gartengeschmückte Rheinallee ein und schritt ausholend der
+mächtigen Brücke zu, die den dahinflutenden Strom des Rheines
+überspannt und Ufer an Ufer reißt, Menschen zu Menschen, Arbeit zu
+Arbeit, Freude zu Freude, und stand vor seinem Hause.</p>
+
+<p>Durch einen Vorgarten ging er hindurch. Rosensträucher,<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> noch einmal
+aufjauchzend in heißer Blütenpracht, boten dem Herbstwind Trotz.
+Eine hochaufragende Weide, Wacht und Schönheit in eins, warf aus
+verkuppelter Krone undurchdringbares Zweigegewirr, silbrig wogende
+Schleier über das weiße, schlichte Landhaus, lockend und bergend.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt spannte das Gehör, als er den getäfelten Hausflur
+betrat. Er verzog den Mund, wie von Schmerzen befallen. Klavierspiel
+drang an sein Ohr. Vorschriftsmäßig in der Taktgestaltung, aber hart
+im Anschlag, unverstanden im Wesentlichsten, dem Geist. Und zu dem
+Kinderspiel gebot eine trockene Frauenstimme unablässig: »Eins, und —
+zwei, und — drei, und —!« und legte der silbern hüpfenden Sonate des
+göttlichen Wolfgang Amadeus Mozart ein Zwangsleibchen an.</p>
+
+<p>In wenigen Sätzen war Kornelius Vanderwelt die Treppe hinauf, stand er
+im Musikzimmer am Flügel. »Mörder!« schrie er, »Schwerverbrecher! Wen
+soll ich zuerst erwürgen?«</p>
+
+<p>»Mich, Papa! Mich!« Die Stimme des zwölfjährigen Mädels überschlug
+sich vor Entzücken. »Damit die Quälerei zu Ende geht!«</p>
+
+<p>»Vom Klavierbock herunter, Juliane! Ist der Flügel eine Fleischbank,
+auf der Wolfgang Amadeus Mozart zu Wurstfleisch zerhackt wird?«</p>
+
+<p>»Sag's doch Fräulein Bilsenbach! Sag's ihr,« hetzte das Mädel
+ausgelassen.</p>
+
+<p>»Ich muß doch sehr bitten, Herr Vanderwelt, vor dem Kinde mein Ansehen
+zu wahren.«</p>
+
+<p>»O Fräulein Bilsenbach, nichts für ungut, aber das Ansehen Mozarts
+geht vor. Außerdem! Wer so bezaubernd kocht, braucht auf das Ansehen
+anderer Künstler wirklich nicht neidisch zu sein. Ja, da lächeln Eure
+Gnaden. Wie gut Sie das kleidet — —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>Und er saß auf dem Klavierbock, legte mit leisem Streicheln die Hände
+auf die Tasten und blickte über das Notenblatt. Ein Quellengeplauder
+hob an unter seinen Fingerspitzen. Ein blitzendes Bächlein sprang
+eigenwillig und doch von der Schönheit eingebettet durch die
+Blumenwiesen. Mit einem Seufzer der Liebeslust sprang es dem
+aufrauschenden Fluß in die Arme, der bewimpelte Schiffe trug und auf
+den Schiffen vor Seligkeit singende Menschen. Und der Fluß ward zum
+Strom durch tausend Quellen, die ihm ihr blitzendes Wasser brachten
+und die Elfenlieder von den Blumenwiesen, und strömte durch goldene
+Mittagssonne und purpurnes Abendgold und strömte aus in einem Meer von
+Mondlicht und Sternenreigen.</p>
+
+<p>Das Antlitz des alternden Fräuleins hatte sich gerötet, und diese Röte
+war angefacht von Beschämung und zwiefach dazu von aufquellender Lust.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, ich will doch lieber, wenn Sie es erlauben, Ihnen
+zuhören, als den Kindern meinen nur alltägigen Unterricht erteilen.
+Der Haushalt und die Überwachung der Kinder verlangen die ganze Kraft.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt träumte noch ein weniges den Mozartschen Weisen
+nach. Jetzt wandte er den Drehstuhl und gewahrte das gerötete Fräulein.</p>
+
+<p>»Friedlich, friedlich, Fräulein Bilsenbach. Nicht gleich die Flinte
+ins Korn werfen. Sie sind in der Musik eine so taktsichere Frau, wie
+Sie es im Leben sind. Nur daß der Takt oft gerade die seltensten
+Melodien in der Blüte verkümmern läßt. Denken Sie sich einmal die
+Liebe im Takt. Das muß flüstern, stammeln, pausieren, drauflosgehen
+wie der Deibel! Oh — Entschuldigung.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie es wünschen, können wir zu Tisch gehen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>»Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein Bilsenbach?« Und ritterlich
+neben ihr schreitend, fragte er sie nach den Mühen des Tages, nach den
+Sorgen um die Kinder.</p>
+
+<p>Im Speisezimmer fanden sie die Kinder vor. Wie es der Vater liebte,
+standen sie aufrecht hinter ihren Stühlen. Dann aber war des Haltens
+nicht länger.</p>
+
+<p>»Papa! — Papa!«</p>
+
+<p>Zwei Jungen hielten ihn zu gleicher Zeit umschlungen, vierzehn- und
+fünfzehnjährige schlanke Burschen. Und der Kopf des zwölfjährigen
+Mädels kuschelte sich unter seinen Arm.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Justus. Guten Abend, Thomas. Ob die Juliane schon ihren
+Kuß weggekriegt hat, weiß ich wirklich nicht.«</p>
+
+<p>»Nein! Nein! Nein! Gib ihn mit Zinsen!«</p>
+
+<p>»Hüt' dich, Mädel, hüt' dich! Wer als erstes an die Zinsen denkt,
+denkt als letztes an den Anlagebetrag.«</p>
+
+<p>»Hier hast du meinen Mund!«</p>
+
+<p>»Ist das nun ein liebender Mädchenmund oder ein rechnender?«</p>
+
+<p>»Ach, so küss' ihn doch nur, wenn ich ihn doch hinhalte ...«</p>
+
+<p>»Wenn du so freigebig bist, hast du meistens eine leere Geldtasche.«</p>
+
+<p>»Geraten! Geraten! Und da ich dich in so gute Laune gebracht habe,
+gibst du mir ordentlich. Gelt, du Lieber?« —</p>
+
+<p>»Juliane,« rief der fünfzehnjährige Justus, »du beträgst dich wie ein
+Gassenmädel.«</p>
+
+<p>»Sieh mal an, das große Brüderlein. Kennt schon Gassenmädel.«</p>
+
+<p>»Nicht doch,« wehrte sanft und überlegen Thomas, der Vierzehnjährige.
+»Sie hat im Religionsunterricht von der Salome gehört und spielt sie
+uns ein bißchen vor.«</p>
+
+<p>»Mund gehalten, ihr Drei!« Kornelius Vanderwelt<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> schluckte das Lachen
+nieder, das fröhlich mittun wollte, richtete sich auf und zeigte
+drohende Augen. »Ich bitte mir drei Muster tadellosester Erziehung
+aus.«</p>
+
+<p>Die Kinder huschten hinter ihre Stühle. Sie standen in Reih und Glied,
+die Hände auf den Lehnen, die Köpfe nach dem Vater gerichtet.</p>
+
+<p>»Fräulein Bilsenbach, ich bitte. Niedersetzen,« gebot er.</p>
+
+<p>Und die Kinder saßen auf den Stühlen, aufrecht und regungslos, bevor
+der Hausherr den Stuhl des Fräuleins angerückt hatte und den eigenen
+Sitz einnehmen konnte. Und ein dreifach Gelächter begrüßte den
+Nachzügler.</p>
+
+<p>»Rangen, habt ihr nicht mehr Ehrfurcht vor eurem alten,
+steifgewordenen Vater?«</p>
+
+<p>»Alt! Steifgeworden! Ach, das arme Väterchen! Schon ganz verhutzelt
+sieht er aus.«</p>
+
+<p>»Wenn man einen Stuhl auf den Tisch stellt, kann er kaum noch
+drüberspringen.«</p>
+
+<p>»Jeden Abend um acht muß er ins Heiabettchen.«</p>
+
+<p>»Ruhe! Ich bitte mir die vollkommenste Ruhe aus.«</p>
+
+<p>»Heute morgen,« lief das Plappermäulchen des Mädchens weiter, »heute
+morgen in der Schule sagte noch Antonie Ausdemwerth zu mir, und alle
+Mädchen hörten zu, ihre Mama habe gesagt —«</p>
+
+<p>»Juliane, was Antonie Ausdemwerth sagte und was ihre Mama gesagt hat,
+ist sozusagen ausgesagt, wenn ich gesagt habe, es wird nichts mehr
+gesagt.«</p>
+
+<p>»Sagte, sagte, sagte,« spotteten die Brüder der Schwester nach.</p>
+
+<p>Die zeigte ihnen blitzschnell die Zungenspitze und wischte sich, als
+sie den empörten Blick des Fräuleins gewahrte, seelenruhig mit dem
+Zünglein die Lippen. »Ach, einen Hunger hab' ich — —«</p>
+
+<p>Ein älteres Hausmädchen trug die Speisen auf, bot sie<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> dem Fräulein
+zuerst, dann mit einem freundlichen, wie um Entschuldigung bittenden
+Lächeln dem Hausherrn, auf dessen Anordnung die Reihenfolge geschah,
+und den Kindern der Altersstufe nach. Kornelius Vanderwelt nickte
+ihr mit gleicher Freundlichkeit einen ›Guten Abend‹ zu. Alle seine
+Hausangestellten waren seit langen Jahren im Dienst, noch aus den
+Zeiten der schönen Frau Vanderwelt, die nach der Geburt ihres Mädels
+allzu rasch in das gesellschaftliche Treiben zurückverlangt hatte und
+an zu stark gesteigertem Leben verschieden war.</p>
+
+<p>»Nun dürft ihr wieder reden,« erlaubte der Hausherr, der die
+Kinderstimmen liebte und an den sprunghaften Einfällen der jungen
+Gehirne seine Freude hatte. »Aber bitte nicht im Chor. Da weiß man
+nie, wer die größte Dummheit vorgebracht hat. Also Justus, wie war's
+in der Schule?«</p>
+
+<p>»Ausgezeichnet, Papa. Der Lateinlehrer konnte vor Katzenjammer nicht
+unterrichten, und ich habe ihm den nassen Klassenschwamm aufs Pult
+gelegt.«</p>
+
+<p>»Edler Samariter. Hat er sich stürmisch bedankt?«</p>
+
+<p>»Das nicht. Aber er hat mich ins Klassenbuch geschrieben.«</p>
+
+<p>»Justus,« tadelte der Vater kopfschüttelnd, »wann wirst du lebensklug
+werden? Der Herr Lateinlehrer wird den Schwamm nehmen und sich damit
+seine letzte Zuneigung zu dir aus dem Schädel wischen.«</p>
+
+<p>»Pah — ich stehe in der Klasse prima.«</p>
+
+<p>»Und wenn du primissima ständest wie der liebe Gott: die Rache ist
+mein, spricht der Herr Lehrer, und seine Wege sind unerforschlich.«</p>
+
+<p>Die Kinder stießen sich unter dem Tische an. Ihre Augenbrauen waren
+hoch hinaufgezogen.</p>
+
+<p>»Thomas, erzähl <em class="gesperrt">du</em> mir einmal von deinem heutigen Schulerleben.
+Hoffentlich war es lobenswerter.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<p>»Wir haben den deutschen Klassenaufsatz zurückbekommen, Papa. Er
+lautete: Der Charakter der Jungfrau von Orleans. Der meine erhielt
+eine Eins. Aber mit einer Bemerkung in roter Tinte.«</p>
+
+<p>»Was wünschte die rote Tinte, Thomas?«</p>
+
+<p>»Der Verfasser möge sich in Zukunft in der Beurteilung von
+Frauencharakteren mehr in acht nehmen.«</p>
+
+<p>»Von Frauencharakteren? Ich denke, es handelt sich um eine Jungfrau?«</p>
+
+<p>Die Kinder hielten den Atem an. Das Fräulein räusperte sich und
+nestelte das Schnupftuch hervor.</p>
+
+<p>»Das ist nämlich ein Unterschied. Der Charakter einer Jungfrau ist wie
+ein Saitenspiel, das auf den Harfner wartet. Es kann auf Dur und Moll
+und klar oder verworren abgestimmt sein, erst in der Hand des Harfners
+liegt es, den Ton zu bestimmen und zu gestalten, so er ein rechter
+Künstler ist. Und der Charakter einer echten Frau wird, ganz gleich,
+wie sie als Jungfrau gedacht und empfunden hat, immer die getreue
+Widerspieglung des Mannes sein, in dessen Hände sie sich auf Glück
+oder Verderb gegeben hat. Auf die Manneshände kommt es an.«</p>
+
+<p>»Das dürfte wohl für die Kinder zu abwegig sein,« sagte das Fräulein,
+um der Verlegenheit Herr zu werden.</p>
+
+<p>»Vielleicht für heute, Fräulein Bilsenbach. Aber im Unterbewußtsein
+schwingt es weiter und wird dann eines Tages zur Stelle sein, wenn es
+in der Auswirkung gebraucht wird.«</p>
+
+<p>»Was ist das: Unterbewußtsein?« fragte die kleine Juliane in Spannung.</p>
+
+<p>Da lachte Kornelius Vanderwelt erlöst und erheitert auf.</p>
+
+<p>»Hör' einmal, Jungfer Naseweis: wenn du dich gleich in dein Bett
+begibst, voll bewußt aller deiner Tugenden und Vorzüge, und irgend
+etwas redet dir in deinen Schlaf<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> hinein: ›Juliane, du hast mal wieder
+deine Schularbeiten nicht gemacht‹, so ist das das Unterbewußtsein.
+War das deutlich, mein Mädchen?«</p>
+
+<p>»Ich hab' sie aber — fast alle.«</p>
+
+<p>»Das freut mich über die Maßen, Juliane. Und den kleinen Rest wirst du
+nachher in meinem Arbeitszimmer erledigen. Ich möchte nun auch gern
+von dir einmal etwas über die wichtigsten Schulereignisse hören.«</p>
+
+<p>Das Mädchen wetzte mit der Zunge flink die Lippen. In den Augen jagte
+die Ungeduld.</p>
+
+<p>»Heute morgen sagte Antonie Ausdemwerth in der Schule zu mir, und alle
+Mädchen hörten zu: ihre Mama habe gesagt —«</p>
+
+<p>»Sagte, sagte, habe gesagt,« spotteten die Brüder ihr nach.</p>
+
+<p>»Papa,« rief die Kleine zornig, »du hast <em class="gesperrt">mich</em> gefragt und nicht
+den Justus und den Thomas!«</p>
+
+<p>»Ich habe <em class="gesperrt">dich</em> gefragt. Fahre ruhig fort.«</p>
+
+<p>»— ihre Mama habe gesagt: es gäbe nur einen Mann in Ruhrort, und die
+anderen wären Kohlentrimmer, und der Mann hieße Kornelius Vanderwelt.
+So, ihr weisen Jungs, nun sagt, ob ihr was Besseres wißt.«</p>
+
+<p>Die Jungen gaben sich geschlagen. Sie prosteten dem Schwesterchen mit
+den Wassergläsern zu.</p>
+
+<p>»Frau Ausdemwerth ist eine sehr liebenswürdige Dame,« meinte Kornelius
+Vanderwelt und spürte ein leises Erröten vor den Kindern, »aber man
+muß nicht auf Schmeicheleien hören, sondern die Tatsachen für sich
+reden lassen. Und für dich, meine aufmerksame Juliane, sollen sie
+jetzt einmal durch die Schulaufgaben reden. Ich wünsche allerseits
+eine gesegnete Mahlzeit. Fräulein Bilsenbach, ich habe letzthin in
+Amsterdam nicht besser gegessen. Und die Holländer sind stolz auf ihre
+Küche.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span></p>
+
+<p>Noch einmal hingen sich die Jungen gute Nacht wünschend an Kornelius
+Vanderwelts Hals. Dann suchte der Hausherr sein Arbeitszimmer auf, und
+Fräulein Bilsenbach nahm das schweigsam gewordene Mädchen bei der Hand
+und folgte ihm nach.</p>
+
+<p>»Nun, mein Mädelchen? Da du <em class="gesperrt">fast</em> alles schon gelernt hast,
+wird's ja im Handumdrehen getan sein. Um was handelt es sich denn in
+der Hauptsache?«</p>
+
+<p>»Um die französischen unregelmäßigen Zeitwörter.«</p>
+
+<p>»Potztausend. Das ist ja eine ganze Menge. Die paukt man doch nicht
+mit einem Male in sich hinein?«</p>
+
+<p>»Sie lernen schon seit Wochen daran,« sagte das Fräulein, »aber
+Juliane bringt ihnen nicht die nötige Beachtung entgegen.«</p>
+
+<p>»Französisch lerne ich einmal in Lausanne,« erklärte die Kleine
+hochmütig. »Und Englisch auf der Insel Wight. Papa gibt mich ja doch
+in die allerfeinsten Erziehungsanstalten. Da brauch' ich doch nicht
+hier schon mit den dummen unregelmäßigen Zeitwörtern geplagt zu
+werden.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt winkte dem aufbegehrenden Fräulein freundlich ab.
+Er wandte sich an Juliane.</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, was dein Vater einmal tun wird oder nicht tun
+wird, darauf kommt es hier nicht an, sondern was <em class="gesperrt">du</em> tun wirst.
+Ein jeder Mensch hat sich nur auf sich selber zu verlassen. Denn die
+väterlichen Geldbeutel können über Nacht ein Loch kriegen, und dann
+heißt es, nach dem Schulsack greifen und Nachschau halten, ob der gut
+gefüllt ist. Ist er's, so bist du für das Leben gesichert und bleibst
+Dame in den schwierigsten Verhältnissen. Hast du aber <em class="gesperrt">nicht</em>
+vorgesorgt, so sinkst du wie Blei auf den Grund, und wenn dein Vater
+tausendmal Kornelius Vanderwelt war. Denn ein jeder Mensch steht nur
+für sich. Nur!«</p>
+
+<p>Das vom Leben gerüttelte alte Fräulein nickte kurz vor<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> sich hin. Es
+ließ sich im Winkel des Arbeitszimmers nieder und zog das Kind an sich
+heran. »Ihre Gegenwart dürfte schon genügen,« sagte der Blick, der den
+Herrn des Hauses traf, und bald füllte ein leises Gemurmel das Gemach,
+einförmig, zuweilen nur ärgerlich sich steigernd. »<em class="antiqua">Venir, tenir,
+vouloir, s'en aller, s'asseoir, prendre, battre, mettre</em> ...«</p>
+
+<p>Rauchend saß Kornelius Vanderwelt im Ledersessel und überflog die
+Abendzeitungen. Die Börse war leidlich, eher zurückhaltend. Da
+hieß es achtgeben, denn man schien zu einem überraschenden Schlag
+auszuholen. Von den städtischen Nachrichten fanden nur die neuen
+Hafenplanungen seine regere Anteilnahme, und auch diese schienen
+seinem Vorwärtsdrängen noch nicht aus dem größten Augenwinkel erfaßt.
+Die Politik? Er hatte unter den erwählten Volksboten genügend brave
+Seifensieder kennengelernt, von denen er wohl seine Seife, aber nicht
+seine politische Weisheit bezogen haben würde. Ah ... Er lehnte sich
+bequemer zurück. Hier stand über die Großen im Reiche der Kunst zu
+lesen. Klavierabende. Beethovensche Symphonien. Uraufführungen neuer
+Opern. Ein Wogen und Wallen war um ihn, ein Kämpfen und Erlösen,
+Aufschreie der Menschennatur, Zurruhestreicheln, Jubel oder Untergang.</p>
+
+<p>Längst saß er vornübergebeugt, das starke Kinn vorgeschoben, die
+Nüstern geweitet. Und mit einem Male knüllte er mit einem Griff die
+Zeitung zusammen und warf sie in den Papierkorb.</p>
+
+<p>Sofort erhob sich das Fräulein, nahm das aufstrahlende Kind bei der
+Hand und näherte sich ihm.</p>
+
+<p>»Es geht jetzt leidlich, Herr Vanderwelt. Wir können uns zurückziehen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hatte sich höflich erhoben. »Gute Nacht,« sagte
+er. »Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> mir die unregelmäßigen
+Zeitwörter abgenommen haben. Man hat sich im eigenen Leben genug damit
+abzuplagen. Gute Nacht, kleine Juliane. Auswendiglernen ist noch das
+leichteste.«</p>
+
+<p>Er küßte sie auf die schlafmüden Augen und stand, bis die Tür ins
+Schloß gefallen war.</p>
+
+<p>»Allein,« sagte er vor sich hin. »Mutterseelenallein. Man kann doch
+nicht auch noch in der Nacht von Kohlenladungen reden ... Herrgott,
+ständ' ich doch am Steuer eines Seeschiffes, all das tausendmal
+durchgeackerte Philisterland hinter mir, neues Inselland vor mir, mit
+nackten Menschen, unverkleideten Leidenschaften, unberührt, unberührt.
+O du wilde, du zarte, du zärtliche Schöpferfreude ... Geh in ein
+Wirtshaus, Kornelius Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Vor einem Bilde verharrte er noch, vor einem strahlend fröhlichen
+Frauenbild.</p>
+
+<p>»Ja, ja, Du warst wild, du warst zart, du warst zärtlich und warst
+alles in eins bis zur Selbstvernichtung. Mit dir lohnte es noch.« — —</p>
+
+<p>Er ging und verließ trotz später Stunde das Haus.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="2">2</h2>
+</div>
+
+
+<p>Wie das Haus eines alten Wikings, der ruhebedürftig nach wilden
+Küstenfahrten und doch in ruheloser Sehnsucht nach dem Wasser, das
+zum Meere strebt und den Weg zeigt zu den fernsten, wogenumbrandeten
+Ländern, seine Ausrast am unteren Stromlauf des Rheines nahm, nahe
+den Schlupfwinkeln der Ruhr-, der Emscher- und Lippemündungen, erhebt
+sich auf dem Damm zu Ruhrort das Versammlungshaus der Schiffer und der
+Schiffahrtsfirmen, der ungezählten Hunderte, die in den Wasserarmen
+der Rhein-Ruhr-Häfen laden und löschen, harren und handeln, aus
+Schiffsraum und Maschinenkraft, Wetter, Wasser und Wind ihr tägliches
+Brot holen, verschwitzte Groschen oder Gold, wie es aus der Präge
+kommt. Fachwerkartig strebt das Haus in den mittelalterlichen Giebel,
+und das Gerippe des dunklen Eichengebälks gibt ihm Sturmfestigkeit,
+Ansehen in den Augen der Strombefahrer und die Gewähr der Dauer.
+Von alters her gewöhnt an Luft und Ellbogenfreiheit, blieb das Volk
+der Schiffer dem Damm, der Straße vor der Schifferbörse, treu, doch
+wenn der Regen peitschte, der Nebel von der See her in Schwaden
+über die Niederungen zog oder naßkalter Winterwind die Wolken gen
+Holland trieb, stapften sie zufrieden in den Wappen-, Bilder- und
+spruchgezierten Börsensaal, äugten in die Seitenkojen, die von den
+großen Verfrachtern und Schiffsmaklern gemietet waren, und harrten und
+handelten<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> gemächlich und bedächtig, als läge ihnen nichts an Zeit und
+Geld, und noch viel weniger an dem drängenden Eifer der Geschäftsleute.</p>
+
+<p>Aus allen Häfen des Rheins und des Rhein-Seeverkehrs, aus allen
+Plätzen der Kanalschiffahrt ins deutsche Binnenland, nach Holland,
+Belgien und Frankreich hinein, sammelten sich die Schiffer, die bei
+Ruhrort vor Anker lagen und neue, günstige Ladeabschlüsse erharrten,
+um die elfte Morgenstunde auf dem Damm und erwarteten Begrüßung und
+Angebot der Herren aus Ruhrort, aus Duisburg, Homberg und Hochfeld,
+der Kohlenzechen, Eisenhütten und Stahlwerke, die nach leerem
+Schiffsraum fahndeten. In breitem Schiffergang trotteten sie heran, in
+Hosen aus braunem Baumwollsammet und derbgestrickten Westen, in blauen
+Leinwandhosen und verfärbten Wetterjacken, in dunklen Tuchanzügen
+mit goldenen Ankerknöpfen, den goldenen oder silbernen Ring im Ohr,
+Mützen jeder Gattung in den Nacken geschoben. Die Tonpfeife qualmte in
+Kräuseln, die zerbissene Zigarre hing im Mundwinkel, der Priemtabak
+lagerte unsichtbar hinter den Zähnen verstaut.</p>
+
+<p>Viele aber, die keine Ladung zu löschen hatten und nicht an die Stunde
+gebunden waren, erschienen schon frühzeitig wiegenden Ganges auf dem
+Damm, blinkten in den engen Quergassen nach den Kneipenschildern und
+löschten ihren frühzeitigen Durst. Und die Geschäfte, die zwischen
+einigen Geneverschnäpsen zustande kamen, erschienen oft beiden
+Vertragsteilen als die besseren und bequemeren.</p>
+
+<p>»Döres, noch eine Lage. Verdammt hartleibig heute, der Klaas. Tu ihm
+ein Stücksken Zucker 'rein, damit et ihm glatter in den Magen geht.
+Also, Klaas: ein Mann un ein Wort. Ist dein Kahn nun frei für mich
+oder nicht?«</p>
+
+<p>Dichter und dichter füllte sich der Damm vor der Schifferbörse. Längst
+kamen Gefährte nicht mehr durch die Massen<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> hindurch und mußten
+einen Bogen schlagen. Weithin vernehmbar gab eine Glocke das Zeichen
+zum Beginn der Börsenstunde, und das Gewoge schien lebensgefährlich
+anzuschwellen und war doch nur ein gemütliches Vordrängen und ein
+ruhiges Hin und Her zwischen dem Börsensaal und der Straße.</p>
+
+<p>»Wat notieren die Kurse?«</p>
+
+<p>»Nach dem Nordpol oder dem Südpol, du Dämel?«</p>
+
+<p>»Nach Amsterdam!«</p>
+
+<p>»Junge, Junge, un wenn du selbs mit deinem Äppelkahn heil da 'runter
+kommst, die Amsterdamer Meischen sind dich über.«</p>
+
+<p>»Alles wat rechtens is, Hein: der Pitter spricht aus Erfahrung.«</p>
+
+<p>»Als er wiederkam, hatt' er dich die Hosentaschen leer und den
+Hosenboden voll.«</p>
+
+<p>Und in das Gelächter der Umstehenden brachen drängend die Stimmen der
+Makler ein und brachten alles Gelächter zum Schweigen: »Zehntausend
+Tonnen direkt Rotterdam. Zwanzigtausend Tonnen direkt Mannheim.
+Fünfzehntausend Tonnen Zwischenlandungen zu Berg. Wer bietet an? He,
+Petrus, frei mit wieviel? Gebhardt, was kann ich von Ihnen bekommen?«</p>
+
+<p>»Wir kriegen steigend Wasser,« sagte der Gebhardt bedächtig, rollte
+den Priemtabak in die andere Backe und blickte den Makler abwartend an.</p>
+
+<p>»Vor Abend is Regen da,« stellte der Petrus fest, beleckte den
+Zeigefinger und hob ihn prüfend in die Luft.</p>
+
+<p>Der Makler machte sein Angebot. Die Männer schwiegen vor sich hin.
+Der Makler drängte: »Schlagt zu, Leute, bevor die großen Reedereien
+unterbieten.« — »Wat fordern denn die großen Klause? Bangemachen gilt
+nich.«</p>
+
+<p>Durch alle Reihen, durch alle Gruppen drängten sich<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> die Makler,
+anfeuernd, belehrend, lustige Schlagworte tauschend und schon wieder
+emsige Geschäftsvermittler. Schiffsbefrachter, die ohne Maklerhilfe
+ihr Schäflein ins Trockene zu bringen suchten, spielten ihre eigene
+Geige. Sie verkehrten in vertraulicher Rede, nahmen in Herzlichkeit
+die Klagen entgegen, um sie mit einem derben Scherze zu zerstreuen
+und die Lacher in den Bann ihres guten Einvernehmens zu ziehen.
+Angestellte der Großreedereien, vielerorts die Geschäftsherren selbst,
+verhandelten mit gesammelten Mienen in der Börsenhalle, in den Kojen.
+Ihre geräumigen Schiffsparks waren der Straße entrückt, bildeten
+das feste Gerippe des Umschlagegeschäfts, den Zeiger an der Uhr der
+Frachtkursnotierungen. Hier und da feilschte ein Börsenbesucher, der
+nur eine einzelne Ladung zu vergeben hatte, um eine Beteiligung und
+kam nach langwierigen Bemühungen nur mit hohem Aufgeld davon.</p>
+
+<p>Die Schiffsvermieter reckten die Hälse, wandten die Dickschädel.
+Einige unterbrachen die angesponnenen Verhandlungen und warteten
+den Mann ab, dem die angestauten Haufen mit Bereitwilligkeit Platz
+machten, um ihn alsbald in die Mitte zu nehmen.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Guten Morgen? Gut Wetter, müßt ihr sagen, Leute. Steigend Wasser und
+Regen in Sicht. Gut Herbstgeschäft allwege!«</p>
+
+<p>»Zum Deuwel, Herr Vanderwelt, wenn einer die Wahrheit sagt, sind Sie
+et.«</p>
+
+<p>»Sie reden wenigstens nich stundenlang um den Brei herum, als wenn et
+keine Fische mehr im Rhein zu fangen gäb.«</p>
+
+<p>»Keine Fische mehr im Rhein?« Kornelius Vanderwelt zeigte seine weißen
+Zähne. »Jungens, sie beißen wie nie, und wenn ihr die Nase nur lang
+genug ins Wasser haltet,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> beißt einer an. Ich bin hier, um Geschäfte
+zu machen, und ihr seid hier, um Geschäfte zu machen. Darin sind wir
+uns wohl einig.«</p>
+
+<p>»Verdammich, Herr Vanderwelt, dat is ein Wort von Mann zu Mann.«</p>
+
+<p>»Kommt nur drauf an, wer dat bessere Geschäft dabei macht. Der
+Vanderwelt oder wir.«</p>
+
+<p>»Drickes, wenn Ihr mir nicht traut, schert ruhig mit Eurem Kahn aus
+der Reihe.«</p>
+
+<p>»Nix für ungut, Herr Vanderwelt, aber wir kriegen letzthin dat Fell
+so oft über die Ohren gezogen, dat et bloße Denken oft lauter zutage
+tritt, als man gewollt hat.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern.</p>
+
+<p>»Drickes,« sagte er und sah ihm mit zusammengezogenen Augen in
+den queren Blick, »ich müßte doch der größte Schafskopf auf der
+Duisburg-Ruhrorter Hammelwiese sein, wenn ich meine Geschäfte nicht
+Hand in Hand mit den Euren gehen ließ. Wer Geld verdienen will, muß
+Geld springen lassen. Denn das springende Geld, Drickes, schafft
+aufgeräumte Laune, schafft Schwung in die Arbeitsleistung und schafft
+schnelle Bereitwilligkeit und Vorsprung vor den anderen, die ewig
+Frachttreibereien fürchten. Heda, du Blindgänger, sind das aufgedeckte
+Karten oder nicht? Ich will nicht nur Geschäfte machen, sondern ich
+will so schnell wie möglich Geschäfte machen, und das kann ich nur,
+wenn ich Euch ohne lang Hinundher beteilige. Ist das klar?«</p>
+
+<p>»Bieten Sie an, Herr Vanderwelt. Bieten Sie an,« rief es aus dem
+Haufen. »Gestern notierten die Frachtkurse nach Mannheim eine Mark
+zwanzig die Tonne. Un heut schlägt et Wetter um.«</p>
+
+<p>»Ohne viel Gefackel, Jürgens: zehn Prozent drauf!«</p>
+
+<p>»Ohne viel Gefackel, Herr Vanderwelt: fünfzehn Prozent!<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Ne.
+Abgerundet auf eine Mark vierzig. Dat rechnet sich besser. Wollen Sie
+meine vierhundert Tonnen dafür? Meine sechshundert? Meine achthundert?«</p>
+
+<p>Ein Dutzend und mehr riefen ihm zu. Aus anderen Gruppen winkte man ihm
+mit den Händen, zeigte man ihm durch die Fingersprache die Tonnenzahl
+an. Kornelius Vanderwelt zog sein Notizbuch und rechnete.</p>
+
+<p>»Herrschaften, da muß ich aber den Zechenonkels die Daumenschrauben
+anziehen.«</p>
+
+<p>»Dat würden Sie ja auch ohne unsere Mithilfe besorgen.«</p>
+
+<p>Einige lachten, einige kraulten sich in gebändigter Erregung den
+Schifferbart und harrten gespannt auf den Zuschlag.</p>
+
+<p>»Also auf meine Gefahr hin,« sagte Kornelius Vanderwelt kurz. »Aber
+mit <em class="gesperrt">einer</em> Bedingung.«</p>
+
+<p>»Brauchen Sie uns nich erst zu sagen. Wir spucken in die Hände, dat et
+schäumt.«</p>
+
+<p>»Der erste Schleppzug, der herausgeht, ist der von Kornelius
+Vanderwelt, Pitter, und wenn et hollandsche Meischen regnet!«</p>
+
+<p>»Dann,« meinte Kornelius Vanderwelt mit seinem übermütigsten Gesicht,
+»würd' ich mir an eurer Stelle die Sache noch mal überlegen.
+›Meischen‹ fallen unter die ›höhere Gewalt‹. Gesegnete Mahlzeit,
+Herrschaften. Heute nachmittag auf dem Kontor die Ladeweisungen
+abholen.«</p>
+
+<p>Die angestaute Menge machte ihm Platz. »Mahlzeit, Herr Vanderwelt,
+Mahlzeit.« Und Kornelius Vanderwelt schritt hindurch und in die
+Börsenhalle. Hier suchte er die Kojen der Großreeder auf.</p>
+
+<p>»Wieviel bieten Sie an?« fragte er, sein Merkbuch in der Hand.</p>
+
+<p>»Ach ne. Lückenbüßerspielen is nich.«</p>
+
+<p>»Machen Sie doch keine Scherze. Selbst der Wüstenlöwe<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> überläßt den
+armen Schakalen die Beutereste ohne zu blinzeln.«</p>
+
+<p>»Aber erst, wenn er sich selber den Ranzen zum Platzen vollgeschlagen
+hat.«</p>
+
+<p>»Vor diesem Platzen möchte ich Sie ja gerade bewahren. Gegen
+Ihre großen Schiffsparks kommt die ganze Gilde der Kleinschiffer
+zusammengenommen nur mit einem Halbteil an. Also machen Sie eine
+großmütige Geste und gönnen Sie den armen Kerls ihren Beuteanteil im
+voraus. Der Löwenanteil bleibt Ihnen ja doch, und Sie erhalten sich
+die gute Kameradschaft für schlecht Segelwetter.«</p>
+
+<p>»Vanderwelt, an Ihnen ist ein Sonntagsprediger verloren gegangen. Aber
+einer, der Christus sagt und Kohlen meint. Was können wir für Sie tun,
+ohne geradezu über den Löffel barbiert zu werden?«</p>
+
+<p>»Wieviel bieten Sie an? Und zu welchen Notierungen?«</p>
+
+<p>»Im Vertrauen, Vanderwelt: die heutigen Kurse werden um zehn Prozent
+in die Höhe schnellen. Greifen Sie zu, wenn Sie sich decken müssen.
+Eine gewisse Zeche soll schon einem gewissen Schiffsbefrachter
+›<em class="antiqua">plein pouvoir</em>‹ gegeben haben, wenn er ihre Förderungen als die
+ersten auf den Wasserweg bringt.«</p>
+
+<p>»Was Sie nicht sagen,« meinte Kornelius Vanderwelt gelassen. »Solche
+Schlauberger gibt's? Da muß ich mich wohl beeilen, beizubleiben,
+und Ihre zehn Prozent auf Treu und Glauben bewilligen. Zehntausend
+Tonnen? Ach, auf einmal können's zwanzigtausend sein? Gut, ich
+will sie übernehmen, wenn Sie mir mit dem Schlepperlohn gründlich
+entgegenkommen. Lassen wir das einmal billigst zusammen berechnen.«</p>
+
+<p>Er hockte bei den Herren nieder, und während die Stimmen der Hunderte
+in der Halle sie umbrandeten, lösten sie die Fragen wie in der Stille
+des Kontors.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<p>»Der erste schöne Tag im Jahr,« sagte aufatmend der Reeder Hinrichsen.
+»Heut haben wir das Mittagessen verdient.«</p>
+
+<p>»Bis zum Abend dürfte es vielleicht zu einer besseren Flasche in der
+›Erholung‹ langen,« meinte der Reeder Auffermann und rieb sich das
+spiegelglatte Kinn. »Ich wäre imstande, die dritte zu bezahlen.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie, Auffermann, daß Hinrichsen die beiden ersten übernimmt?«</p>
+
+<p>Die entrüsteten Reeder wandten sich gemeinsam gegen den Sprecher.
+»Wie? Was? Und Sie selber? Nur mittrinken möchten Sie? Vanderwelt, Ihr
+Schamgefühl muß doch erheblich gelitten haben.«</p>
+
+<p>»Es schämt sich nur der ewig gleichen Langeweile, meine Herren.
+Vielleicht nehmen Sie <em class="gesperrt">nach</em> der ›Erholung‹ noch ein Glas Bier
+oder einen Brandewein von mir an? Es kommt von Herzen.«</p>
+
+<p>»Ah —! Ah —! Hinterher! Bei einem Wirte wundermild.«</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen, meine Herren, im Festgewand.«</p>
+
+<p>Er suchte die eigene Koje auf, schrieb die Auftragszettel aus und
+schickte sie durch einen Boten an Beckenried zur Weiterbearbeitung.
+Die vereidigten Kursmakler verließen gerade das Beratungszimmer. Der
+ermittelte Frachtenkurs erschien an den Tafeln. Kornelius Vanderwelt
+warf einen Blick auf die Tafeln und sah, daß er, Kleinschifferraum und
+Großreederraum gegeneinander gerechnet, gut abgekommen war.</p>
+
+<p>An der Straßenecke fand er seinen Wagen.</p>
+
+<p>»Los, Wilm. Irgendwohin ins Freie. Heute müssen wir's kürzer machen.«
+—</p>
+
+<p>Zwei Stunden später saß er schon in seinem Sonderkontor, der
+Geschäftsführer ihm gegenüber. Verteilungsplan<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> und Reihenfolge
+der Kähne lag fertig vor. Die Anweisungen für die Schiffer wurden
+ausgefertigt.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt klingelte die Zeche an, die ihm den dringlichen
+Auftrag erteilt hatte.</p>
+
+<p>»Den Herrn Direktor, bitte. Ah, schon zur Stelle? Ja, ja, wer heute
+Geld verdienen will, muß den anderen um ein paar Bootslängen voraus
+sein, und ich war so frei, nach derselben Richtschnur zu handeln.
+Ihre Kohlen können auf und davon. Die Kähne werden bis morgen Mittag
+an Ihrem Kipper verholt. Haben Sie mit Eisenbahnwagen vorgesorgt?
+Gottlob! Dann lassen Sie ab morgen Mittag anrollen, was die Achsen
+leisten können. Kein Dank notwendig. Freut mich, daß ich Ihnen den
+Dienst erweisen konnte. Glückauf.«</p>
+
+<p>»Na, Beckenried? Krieg' ich diesmal ein Patschhändchen? Freund,
+nicht die alte Litanei. Ich hätte <em class="gesperrt">noch</em> mehr aus dem Geschäft
+herausholen können, ich weiß. Wenn ich nur mit den Großkophtas und
+zu zehn Prozent abgeschlossen hätte. Aber dann wär's eben nur ein
+Geschäft gewesen und keine Freud'!«</p>
+
+<p>»Seltsame Freud', sein gutes Geld zwecklos wildfremden Menschen in die
+Hand drücken.«</p>
+
+<p>»Wildfremd, Beckenried? Das wäre nur ein Schuldbekenntnis, daß wir sie
+nicht zutraulich zu machen wußten. Und zwecklos, sagen Sie? Sehen Sie
+sich gleich mal die verschmitzten Mienen an, wenn meine Schiffsmannen
+hereingetrampt kommen. Kein Gesicht, in dem nicht zu lesen ständ:
+›den Kornelius Vanderwelt haben wir aber diesmal hineinfallen lassen.
+Wir sind nämlich <em class="gesperrt">auch</em> mit Rheinwasser getauft. Wir!‹ Ach,
+Beckenried, fröhliche Mitmenschen schaffen — wenn das keine Freud'
+ist!«</p>
+
+<p>»Draußen im Kontor versammeln sich die fröhlichen Mitmenschen schon,«
+sagte Beckenried aufhorchend. »Wünschen Sie sie einzeln oder in der
+Gesamtheit zu empfangen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>»Einzeln. In der Reihenfolge ihrer Kähne. Hier, nehmen Sie die Liste
+mit.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt erhob kaum den Kopf von der drängenden
+Schreibarbeit, als der erste eintrat. Der Mann scharrte mit den
+Stiefelsohlen und bot dem Kaufherrn die Tageszeit.</p>
+
+<p>»Setzen Sie sich, Gebhardt, ich bin gleich so weit. So ...! Ihr habt
+gut lachen, wenn Ihr auf dem Rhein schwimmt und habt Ruhrort im
+Rücken. Ich kann mir die Finger krumm schreiben.«</p>
+
+<p>Der Schiffer streckte seine borkigen Hände vor.</p>
+
+<p>»Sehen Sie sich <em class="gesperrt">dat</em> mal an. Die sind vom Tauziehen und
+Ruderpacken auch nich die feinsten geblieben. Ich mein' als immer, wie
+ich auf die Welt gekommen wär', hätten die ganz anders ausgesehen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt ergriff die Hand und schüttelte sie.</p>
+
+<p>»Aber eingesalbt hab' <em class="gesperrt">ich</em> sie heute mittag.«</p>
+
+<p>»Wenn wir <em class="gesperrt">Sie</em> man bloß nich eingesalbt haben, Herr Vanderwelt,«
+grinste der Schiffer. »Ich sag' Ihnen ja nix Neues mehr damit, dat
+wir Partikulierschiffer über Tageskurs mit Kornelius Vanderwelt
+abgeschlossen haben. Lassen Sie et sich nich gereuen. Der eine oder
+andere möcht' sich auch mal einen zweiten Kahn bauen lassen können.«</p>
+
+<p>»Wohin damit, Mann? Die Liegeplätze sind voll, die Häfen dicht
+besetzt, alle Kranen und Kipper überbeschäftigt.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, meine Kameraden meinen, gerade der Herr Vanderwelt
+wäre der Mann dazu, hier Abhilfe zu schaffen. Durchzusetzen, dat et
+Hafennetz gründlichst Erweiterung erfährt, dat mit der Herstellung
+von neuen Kanälen begonnen wird, dat — dat — in einem Wort gesagt,
+dat die Brotfrage für den Schiffersmann leichter wird un seine
+Hoffnungsmöglichkeiten. Unsereins möcht' ebensowenig<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> versacken, wie
+die Herren auf den Kontoren und möcht' seine Familie in die Höhe
+bringen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt stand am Fenster und blickte nach dem Strome.
+Schwerfällig segelten graue Wolkenungetüme darüber hin. In Fäden
+begann es zu regnen.</p>
+
+<p>»Gebhardt, Sie irren sich. Ich bin nicht der mächtige Mann. Soll meine
+Stimme stärkere Geltung bekommen, so muß sie noch recht gekräftigt
+werden. Durch Euch, Gebhardt. Durch Euch und die ganze Kameradschaft.
+Nicht durch Eure Lungenkraft. Durch Schreien hat noch keiner sein
+Recht auf Arbeit bewiesen. Dadurch, Gebhardt, daß Ihr für mich
+schafft, wie für keinen anderen! Daß die Machthaber im Ruhrorter
+Geschäft merken, mit dem Vanderwelt arbeitet es sich am schnellsten,
+und sich an mich heranmachen. Bis meine Stellung unangreifbar ist und
+meine Vorschläge Durchschlagskraft gewinnen. Es liegt an Euch.«</p>
+
+<p>Der Schiffer sah ihm scharf in die Augen. Dann plinkte er ihm
+vertraulich zu.</p>
+
+<p>»Hab' verstanden, Herr Vanderwelt, un bei den anderen werd' ich et
+Verständnis schon wecken. Wat die Firma Kornelius Vanderwelt an
+Schiffsbefrachtung un Abwicklung in die Hand nimmt, dat soll fluppen,
+als wär der fliegende Holländer von der Partie. Kann ich meine Papiere
+haben?«</p>
+
+<p>»Hier, Gebhardt. Ihr Kahn ladet zuerst. Wann kann er verholt sein?«</p>
+
+<p>»Heute abend noch liegt er ladefertig unterm Kipper.«</p>
+
+<p>»Vorwärts denn. Lassen Sie den nächsten eintreten.«</p>
+
+<p>Durch die Türfüllung schob sich vierschrötig der Schiffer Petrus. Sein
+wettergebräuntes Gesicht schien mit einem helleren Rot aufgefrischt.
+In den Augenwinkeln schwamm es feucht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>»Hallo, Petrus. So angestrengt gefrühstückt?«</p>
+
+<p>»Bei allen vierzehn Nothelfern, Herr Vanderwelt: nich einen Bissen
+hab' ich heruntergekriegt.«</p>
+
+<p>»Glaub' ich unbesehen. Es gibt auch flüssige Leckerbissen. Na, wohl
+bekomm's. Und Achtung jetzt auf die Papiere.«</p>
+
+<p>»Wat Sie meinen, is nich, Herr Vanderwelt,« beschwor der Schiffer und
+schlug sich dreimal auf die Brust. »Un nu können Sie et glauben oder
+nich: et is nix als die Rührung. Jawohl.«</p>
+
+<p>»Rührung, altes Rauhleder?«</p>
+
+<p>»Jawohl hab' ich gesagt. Weil et im Ruhrorter Hafen unter all den
+verdammt feinen Kerls wenigstens einen so gemeinen Menschen gibt wie
+den Kornelius Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Also für einen ganz hundsgemeinen Menschen halten Sie mich? Das ist
+ja allerhand.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt. Keine Silben stechen. Wenn ich gemein sage, mein'
+ich doch <em class="gesperrt">mit uns</em> gemein. Po—Populär. Aber Fremdwörter, da
+sehen Sie et, Fremdwörter sind immer Glückssache.«</p>
+
+<p>»Mein lieber Petrus,« sagte Kornelius Vanderwelt zärtlich, »dafür
+verlass' ich mich auch auf meine Freunde. Buchstabieren Sie Ihre
+Anweisungen. Ich hab' mein Wort verpfändet, daß ihr vollgeladen
+habt und schwimmt, bevor die anderen anfangen, und Ihr werdet es
+einlösen. Der Gebhardt liegt mit seinem Kahn heut abend schon unterm
+Kipper. Sie sind Nummer zwei und werden sich nicht für einen heurigen
+Schiffsjungen verschleißen lassen.«</p>
+
+<p>Der Wetterbraune wuchs. Die Papiere klatschte er in seine Brieftasche.</p>
+
+<p>»Gotts Donner, Herr Vanderwelt, wenn sich der Gebhardt keine Flügel am
+Hinterteil wachsen läßt, ramm' ich seinem Kahn ein Loch in die Rippen.«</p>
+
+<p>»Beim Matthes ›Zu den fünf Erdteilen‹ soll es noch<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Bindewasser die
+Fülle geben. Auch um Mitternacht. Der nächste!«</p>
+
+<p>Der Schiffer schlug sich die Mütze ins Genick, legte das Steuer um und
+nahm Kurs ins Freie. Und schon stand statt seiner der lange Hein vor
+dem Herrn aufgepflanzt, die schwarze Locke über der Stirn, um den Hals
+das flatternde bunte Seidentuch, den Silberring verwegen im Ohr.</p>
+
+<p>»Zur Stelle, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Kerl! Hein! Sie werden mit jedem Tag gefährlicher. Man sollte Ihnen
+wahrhaftig keinen Kahn nach Mannheim mehr anvertrauen.«</p>
+
+<p>»Oho, Herr.«</p>
+
+<p>»Ich glaub', selbst die schönste Jungfrau Lorelei hängt sich Ihnen ins
+Schlepp, geschweige denn die anderen Frauenzimmer.«</p>
+
+<p>»Ah — <em class="gesperrt">so</em> meinen der Herr Vanderwelt.« Der Bursche lachte
+geschmeichelt. »Ja, dafür kann der Hein nix. Der is von Natur so
+gewachsen. Aber in seine Schiffergeschäfte läßt sich der nich
+'ereinliebeln.«</p>
+
+<p>»Nicht? Und wenn's in Ruhrort nur so um ihn herumwimmelt? Da wär' ich
+doch gespannt. Ernsthaft, Hein, mir hat ein Vögelchen gepfiffen, es
+würden da verschiedene« — er rieb den Daumen gegen den Zeigefinger —
+»Anforderungen gestellt, und der Hein wär für bestimmte Hafenplätze
+nicht mehr zu haben.«</p>
+
+<p>Die Siegermiene geriet ein wenig ins Wanken. Die herausfordernde Geste
+wich.</p>
+
+<p>»Ein Wort im Vertrauen, Herr Vanderwelt, wenn Sie gestatten würden.
+Bei solchen Geschichten fehlt zwar meistenteils der Beweis. Aber
+vorsichtiger wär et immerhin, wenn der Herr Vanderwelt für meinen Kahn
+als Eigentümer zeichnen wollt, bevor sie mir den verramschen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
+
+<p>Seine Augen schielten nach dem Herrn, und die schwarze Locke hing ein
+wenig kläglich.</p>
+
+<p>»Mit anderen Worten: Sie möchten mir den Kahn anhängen und auf Löhnung
+fahren. Soso. Wenn Sie von der Mannheimfahrt zurückkommen und Ruhrort
+anlaufen, wollen wir das Geschäft besprechen. Es ist Ihre Sache, sich
+zu beeilen. Sie sind in der Ladefolge der dritte. Sorgen Sie, daß Ihr
+Kahn morgen früh pünktlich am Ort liegt.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt! Wenn Sie mal im Leben ein paar zärtlich zupackende
+Fäuste brauchen — dat hier, dat wären die Muster!«</p>
+
+<p>»Flott, Hein,« sagte Kornelius Vanderwelt und blickte über ihn hinweg,
+»die anderen stehen sich die Beine in den Leib.«</p>
+
+<p>Und einer folgte dem anderen, wurde kurz auf Herz und Nieren geprüft,
+bei seiner schwächsten Stelle genommen, erhielt sein Stichwort und
+schob sich mit einem vergnüglichen Grinsen zur Türe hinaus.</p>
+
+<p>Im Zimmer blieb ein Schwaden von Teer, Schweiß und Branntwein.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hob den Hörer vom Fernsprecher. »Ich bitte Herrn
+Beckenried zu mir.«</p>
+
+<p>Der Geschäftsführer erschien mit der Unterschriftenmappe. Er verzog
+krampfhaft das Gesicht und nieste.</p>
+
+<p>»Ja, mein Lieber, das ist der Ozon, der uns zum Leben nötig ist.«</p>
+
+<p>»Die Vanderweltschen Lungen sind nun mal anders geartet als die
+üblichen. Sie gestatten wohl, daß ich beide Fensterflügel öffne, oder
+ich habe meine Verhandlungsunfähigkeit zu erklären.«</p>
+
+<p>»Nehmen Sie eine Zigarre, Beckenried. Nicht bei der Arbeit? Gerade bei
+der Arbeit qualmt der Schornstein am fröhlichsten. Also zur Sache. Die
+Verladung ist im Lot.<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Meine Freunde, die uns eben verlassen haben,
+werden schuften wie die schwarzen Teufel. Bis sie fertig sind, werden
+auch die Herren Großreeder nachgerückt sein, so daß es eine Lücke
+nicht gibt. Keine Stunde Ruh' sollen sie vor dem Fernsprecher haben.
+Und nun — Feierabend.«</p>
+
+<p>Ein tiefer, langgezogener Seufzer stieg ihm aus der Brust.</p>
+
+<p>»Wahrhaftig, Beckenried, Sie haben recht. Der Ozon war diesmal ein
+bißchen reichlich.«</p>
+
+<p>»Ich geh' trotzdem nicht mit Ihnen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Wirklich nicht? Auch nicht, wenn ich Ihnen einen Abend der tiefsten
+Sammlung in Aussicht stelle? Ja, was machen Sie denn mit der unendlich
+langen Nacht? Man schläft doch nur, wenn man einmal müde ist.«</p>
+
+<p>»Dann lernen Sie es nie, Herr Vanderwelt. Bitte, noch ein Dutzend
+Unterschriften.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt setzte sich wieder, überflog die Bogen,
+verbesserte ein Wort, eine Wendung, und unterschrieb Blatt um Blatt.</p>
+
+<p>»Beckenried,« sprach er, während die Feder die Namenszüge zog, »es
+ist auch das einzige, was ich nicht lernen will. Der Schlaf ist die
+törichtste Unterbrechung jeder Lebensfreude und tritt immer ein, wenn
+man die Minute für die aller- allerschönste hält. Ach, Beckenried, ich
+wollt', Sie könnten für mich mit schlafen.«</p>
+
+<p>»Es sollte mein Geheimnis bleiben, Herr Vanderwelt: ich tu's schon
+seit Jahren!«</p>
+
+<p>»Lieber Freund, wenn Sie darauf anspielen wollen, daß Sie mir mit
+Ihren täglichen zehn Kontorstunden über sind, dann bewahre Ihnen Gott
+Ihren frommen Kinderglauben. Amen.«</p>
+
+<p>Er erhob sich, drückte seinem Mitarbeiter die Briefmappe in den Arm,
+klopfte ihm auf die Schulter und nahm Abschied.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Draußen empfing ihn
+der Regen. Er atmete tief und gierig die Nässe ein, zog den Mantel
+näher heran und schlug den Nachhauseweg ein.</p>
+
+<p>»Nun, Fräulein Bilsenbach? Waren Sie mit dem Tag zufrieden?«</p>
+
+<p>»Mit der Juliane war es heute besonders schwer, Herr Vanderwelt. In
+ihre Klavierübungen wollte sie sich nicht mehr hineinsprechen lassen.
+Sie spielte, wie es ihr paßte, ob es in den Noten stand oder nicht,
+und als ich ihr ihre Eigenmächtigkeiten verwies, behauptete sie, der
+Papa hätte es ihr so vorgespielt.«</p>
+
+<p>»Wie wir uns verstehen, Fräulein Bilsenbach. Wenn ich nur frage, ob
+Sie mit dem Tag zufrieden waren, kommen Sie ohne weiteres auf die
+Kinder zu sprechen.«</p>
+
+<p>Das Fräulein stutzte. Die Züge verschärften sich, die Schultern zogen
+sich hoch, als hätten sie eine neue Last des Gekränktseins auf sich zu
+nehmen.</p>
+
+<p>»Ich habe ja nicht nur die Sorge um das Hauswesen zu tragen, sondern
+auch die Sorge um die Kinder.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt zog begütigend ihre Hand an seine Lippen.</p>
+
+<p>»Ich bin Ihnen zu unendlichem Dank verpflichtet. Das weiß keiner
+besser als ich. Und nun nicht gleich böse sein. Außer den Kindern gibt
+es nämlich auch noch andere Menschen und Dinge, die einer Unterhaltung
+wohl wert wären und deren Berechtigung man nicht stets von vornherein
+von den kleineren oder größeren Unarten der Kinder abhängig machen
+sollte. Fräulein Bilsenbach, ich habe es in allen Häusern, in denen
+sich alles und jedes um die Kinder und immer wieder um die Kinder
+drehte, am drückendsten und unerträglichsten gefunden, in den Häusern
+aber, in denen die Erwachsenen ohne Weiterungen auf ihrem Lebensanteil
+bestanden, am frohesten und klarsten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<p>»Bitte, Herr Vanderwelt, entlasten Sie mich von dem Klavierunterricht.
+Ich bin ihm nicht mehr gewachsen.«</p>
+
+<p>»Er ruht, bis ich eine geeignete Lehrkraft gefunden habe. Gestatten
+Sie mir nur den Hinweis, Fräulein Bilsenbach, daß Sie persönlich den
+Klavierunterricht als eine Art Entspannung von den Hausgeschäften zu
+übernehmen wünschten und ich Sie keineswegs dazu gedrängt habe.«</p>
+
+<p>»Ich bin ihm nicht mehr gewachsen,« wiederholte das Fräulein und
+schüttelte ängstlich den Kopf.</p>
+
+<p>»Quälen Sie sich doch nicht. Menschen, die alles können, erweisen sich
+in keinem Einzelfache als sattelfest. Und die Küche meines verehrten
+Fräulein Bilsenbach wäre nicht durch das verlockendste Klavierspiel
+desselben Fräulein Bilsenbach zu ersetzen.«</p>
+
+<p>Die Verbitterung löste sich. Ein kleines Lächeln kroch hervor.</p>
+
+<p>»Sie verstehen es, die Menschen aufzurichten. Nun schäme ich mich
+fast, daß ich so wenig an Ihre abgearbeiteten Nerven dachte. Es kann
+sofort zu Abend gegessen werden, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Und auch an diesem Abend wiederholte sich der laute Begrüßungssturm
+der Kinder, das Verhör in den Vorkommnissen des Schultags, die Übungen
+in der Kunst des geistigen Florettfechtens in Angriff und Abwehr.</p>
+
+<p>»Vergeßt mir nur nicht, ihr <em class="antiqua">discipuli</em>, daß der Geist erst durch
+das Gemüt seine Lebensgeltung erhält. Sonst wäre er wie ein tönendes
+Erz und eine klingende Schelle. Gute Nacht, ich muß meine Weisheit
+noch anderorts ausschenken.«</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde später schritt er unter triefendem Schirm, den
+ärmellosen Tuchumhang über den Gesellschaftsanzug geworfen, dem
+Klubhaus der Ruhrorter Herren, der ›Erholung‹, zu. Breit und
+selbstsicher stieß es hinein in die dunklen Gassen des Hafenviertels.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>Eine gewichtige Anzahl von Herren saßen bequem um die Tische geschart.
+Und daß nicht nur die Zahl eine gewichtige war, zeigten viele und
+viele der ausgearbeiteten Köpfe an, der scharfgemeißelten Schädel, der
+aufmerksam spähenden Augen. Männer, bei denen tagsüber Spannkraft und
+Willenskraft zuhause war und abends ein gelöstes Sichgehenlassen.</p>
+
+<p>Der Wein schwamm in den Römern, die Unterhaltung schwoll an,
+tiefgründige Worte wurden in ein derbes Scherzwort abgeleitet, von
+dröhnendem Lachen belohnt. An den Spieltischen klappten die Karten.</p>
+
+<p>Als Kornelius Vanderwelt eintrat, schauten nur wenige auf. Aber
+die wenigen gaben ihre Erkenntnis durch Blicke weiter, die die
+Aufmerksamkeit der Umsitzenden weckten und auf den Eintretenden
+hinlenkten.</p>
+
+<p>»Sieh da. Herr Kornelius Vanderwelt in Person. Sagen Sie, lieber
+Vanderwelt, leiden Sie unter Anwandlungen von blindlings gesteuerter
+Langeweile?«</p>
+
+<p>»Wenn ich wüßte, was <em class="gesperrt">Sie</em> wissen, Herr Kommerzienrat, langweilte
+ich mich an keinem Tische der Erde.«</p>
+
+<p>»Verdammter Kerl, der. Nicht schlecht gegeben. Bin nur gespannt, was
+ich da wieder mehr wissen soll.«</p>
+
+<p>»Oh, nur einiges. Zum Beispiel, ob die neuen Hafenpläne zur Ausführung
+gelangen oder nicht?«</p>
+
+<p>»Das müssen Sie den Herrn Oberbürgermeister fragen. Ich beuge mich der
+Allmacht der Behörde.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt zeigte lachend die Zähne.</p>
+
+<p>»Der Herr Oberbürgermeister sitzt ja allabendlich neben Ihnen. Sollte
+da nicht eine Befruchtung der Allmacht in aller Stille möglich sein.«</p>
+
+<p>»Hören Sie auf! Das grenzt an Gotteslästerung.«</p>
+
+<p>»Mein verehrter Herr Vanderwelt,« mischte sich die feine Stimme des
+Oberbürgermeisters ein, »seitdem die Verschmelzung<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> von Ruhrort und
+Meiderich mit Duisburg glücklich vor sich gegangen ist, hat sich auch
+die Zahl der Erzengel in meinem Verwaltungshimmel vermehrt, und die
+vereinigten Herren Stadtverordneten haben mehr denn je das Wort.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt verneigte sich tief.</p>
+
+<p>»Das Wort! Und Ihr kluges Lächeln sagt: ›Ihrer sei das Wort, mein sei
+die Tat!‹«</p>
+
+<p>»Hierher, Vanderwelt! Wir wollen auch unseren Nutzen ziehen! Heda!
+Unsereins auch!«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schritt weiter, verharrte an einem Tische, ließ
+sich zu einem anderen winken. Hinter ihm blieb ein Flüstern.</p>
+
+<p>»Ein Kerl von Geist und Weitsicht,« meinte nachdenklich der
+Kommerzienrat. »Zuweilen von einer gefährlichen Weitsicht.«</p>
+
+<p>»Wie reimt sich das zusammen, Herr Kommerzienrat?«</p>
+
+<p>Der überlegene Geschäftsmann schob langsam die buschigen Augenbrauen
+hoch.</p>
+
+<p>»Seltsame Frage das. Es braucht kein Kornelius Vanderwelt in die
+›Erholung‹ zu kommen, um uns die Erweiterung der Hafenbauten zu
+predigen. Etwas anderes ist es, ob wir Nächstbeteiligten mit
+unseren Schiffsparks Schritt halten können, ob wir uns in unserem
+Wirkungskreis nicht einen neuen, wenig erwünschten Wettbewerb
+hereinholen, oder die Kleinschiffer durch die Not an Kahnraum stärker
+in den Vordergrund gerückt werden, als es für den reibungslosen
+Großbetrieb gut ist. Das nenn' ich <em class="gesperrt">gefährliche</em> Weitsicht.
+An der Notwendigkeit der Hafenerweiterungen zweifle ich nicht eine
+Sekunde, und der Herr Oberbürgermeister, wie ich seine Tatkraft kenne,
+ebensowenig.«</p>
+
+<p>Eine Weile wandte sich das Gespräch mit voller Lebhaftigkeit den
+Lebensadern der Stadt, den Hafenbecken und<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Kanälen zu. Die Finger
+zeichneten Entwürfe auf die Tischplatte, die Köpfe schmiedeten Pläne.
+Bald schon, und keiner wollte dahinten bleiben, der eine den anderen
+überbieten, bis die Trumpfkarte fiel.</p>
+
+<p>»Ich schlage vor, sämtliche Straßen Ruhrorts in schiffbare Kanäle zu
+verwandeln, sämtliche Plätze in Hafenbecken.«</p>
+
+<p>»Halt, halt,« rief ein hoher Hafenbeamter in das aufdröhnende
+Gelächter hinein, »der Einfall ist nicht von Ihnen!«</p>
+
+<p>»Haben <em class="gesperrt">Sie</em> ihn etwa zutage gefördert, Herr Regierungsrat?«</p>
+
+<p>»Der Vater des Kindes heißt Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ich muß doch sehr bitten. Zu meinen Kindern bin ich selber Vater.«</p>
+
+<p>»Es ist schon einige Zeit, da fuhr er mit mir auf dem Regierungsboot
+durch die Rhein-Ruhr-Häfen. Es war Hochbetrieb, in allen Wasserstraßen
+drängten sich die Kähne, die Hochöfen feuerwerkten wie besessen, und
+die Häuserreihen standen wie verloren im schwarzen Kohlenschleier.«</p>
+
+<p>»Sie werden ja ganz poetisch, Herr Regierungsrat.«</p>
+
+<p>»Ich nicht, aber der Vanderwelt wurde es. Mit einer Liebe ohnegleichen
+starrte er auf das dunkle Städtebild, das sich hier, dort, überall im
+dunkelgefärbten Wasser spiegelte, wandte sich zu mir und sagte leise:
+›Das schwarze Venedig!‹« — —</p>
+
+<p>Keiner lachte. Jeder nickte versonnen vor sich hin und spann den
+Gedanken weiter.</p>
+
+<p>»Seltsamer Mensch das,« sagte ernst der Kommerzienrat. »Zwei Seelen
+wohnen in seiner Brust.«</p>
+
+<p>Und wieder war der Bann gebrochen, und wieder hieß der neue
+Gesprächsstoff Kornelius Vanderwelt. Dichtung und Wahrheit stritten
+sich um den Mann.</p>
+
+<p>»Er spielt auf dem Klavier wie unsereins an der Börse.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p>
+
+<p>»Er liest die Dichter wie unsereins die Kurszettel.«</p>
+
+<p>»Was ihn aber nicht hindert, mit aller seiner Kunst unsereins übers
+Ohr zu hauen.«</p>
+
+<p>Der aber, von dem die Reden im Schwange waren, saß unbekümmert fernab
+an einem Ecktischchen und becherte mit den beiden Reedern Hinrichsen
+und Auffermann um die Wette. Seine Augen leuchteten hellauf, sein Mund
+sprudelte über von Geschichten aus der weitesten Welt und Gleichnissen
+aus der nächsten Nähe. Der schlanke Hinrichsen bog sich in den Hüften,
+der beleibte Auffermann legte sich die Arme wie Faßreifen um den
+hüpfenden Bauch. »Machen Sie es gnädig, Vanderwelt, machen Sie es
+gnädig. Wir glauben Ihnen alles — alles — alles —!«</p>
+
+<p>»Das kann mich nicht kümmern, meine Herren. Kommen Sie erst einmal
+nach den Südseeinseln. Da gibt es kein verstohlenes Herumdrücken in
+den Kaschemmen und Freudenhäusern. Da herrscht Liebe auf den ersten
+Blick und der Zauber paradiesischer Umgangsformen.«</p>
+
+<p>»Wachsen denn dort Feigenbäume, Vanderwelt? Feigenbäume in rauhen
+Massen?«</p>
+
+<p>»Gott,« sagte Vanderwelt träumerisch, »es war wohl zu schön, zu
+überirdisch schön, um an Torheiten zu denken ...«</p>
+
+<p>»Ja, waren Sie denn selber da drunten? Drunten im Unterland, wo's halt
+so schön ist? Und am Viktoria Njansa? Und bei den Roten am Orinoko
+und den Schlitzäugigen in der Malakkastraße? Mann, wo waren Sie denn
+eigentlich <em class="gesperrt">nicht</em>?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt spielte mit den Fäden seines Schnurrbartes.</p>
+
+<p>»Wo ich <em class="gesperrt">nicht</em> war? Meinen Sie, <em class="gesperrt">bevor</em> ich endgültig in
+Ruhrort vor Anker ging, <em class="gesperrt">oder</em> —«</p>
+
+<p>»Achtung, Hinrichsen, jetzt kommt eine bodenlose Grobheit.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p>»Oder — alsdann? <em class="gesperrt">Alsdann</em> war ich noch nie unter so
+hinterhältigen Gentlemen, die mich erzählen lassen, während sie selber
+den Wein wegtrinken. Die dritte Flasche, Auffermann, bitte ich in
+zweifacher Ausfertigung vorzuführen. Keine Einwendungen, oder wir
+nehmen den Mann nicht mit auf hohe Fahrt, Hinrichsen.«</p>
+
+<p>Der Reeder Auffermann rieb sich das spiegelblanke Kinn.</p>
+
+<p>»Hohe Fahrt? Das überredet mich. ›Dein Mund fleußt über alle Zeit von
+süßem Sanftmutsöle‹, steht in einem alten Gesangbuchliede zu singen
+und zu sagen. Darauf trinken wir die vierte, und Hinrichsen zahlt die
+fünfte und die sechste. <em class="gesperrt">Worüber</em> beschweren Sie sich? Sie hätten
+schon die erste und die zweite gezahlt? Still, Hinrichsen. Nicht in
+Gegenwart unseres Gastes.«</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte, während der Wein die grünen Römer
+füllte, es sind landläufige Burschen, aber als Saufkumpane geschaffen
+wie weiland Ritter Falstaff für den Junker Heinz. Und er hob sein
+Glas, stieß an und trank in langen, durstigen Zügen.</p>
+
+<p>Allmählich leerte sich das Gemach. Eine Zecherrunde nach der anderen
+rückte ab, und an den Kartentischen errechnete man Gewinn und Verlust,
+beglich die Rechnung und verabredete sich auf morgen.</p>
+
+<p>»Kaum Mitternacht,« stellte Kornelius Vanderwelt fest, »und schon
+löschen sie die Kesselfeuer und kriechen in die Hängematten. Ich
+krieg' das Frieren bei so viel Kaltblütern.«</p>
+
+<p>»Kaltblütern? Hinrichsen, hat er ›Kaltblüter‹ gesagt? Wollen Sie
+meinen Puls fühlen, Vanderwelt? Wollen Sie Hinrichsens Puls fühlen?
+Wenn wir auch nicht mit Südseeinsulanerinnen Vielliebchen aßen, wenn
+wir auch nicht — wenn wir auch nicht — mit Suahelimädchen — na,
+Hinrichsen, nun sagen Sie's doch schon, was wir <em class="gesperrt">nicht</em> mit den
+Suahelimädchen ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p>
+
+<p>»Mit Kokosnüssen Tennis spielten,« half Hinrichsen aus, »und mit den
+Schlitzäugigen: ›Wieviel Finger sind das?‹ ...«</p>
+
+<p>»So haben wir doch Ruhrorter Blut,« fuhr Auffermann fort. »Heißes
+Ruhrorter Blut. Verdammt heißes Ruhrorter Blut. Und jetzt gehen wir
+auf die Straße, wo's am schönsten ist.«</p>
+
+<p>Hinter ihnen erlosch das Licht im Saale. Die Mäntel über den
+Gesellschaftsanzug geworfen, den steifen Hut auf dem Kopf, traten die
+Herren in den Hauseingang, mühten sich, in Regen und Wind die Schirme
+aufzuspannen, und hielten in fröhlicher Erregung den Schritt an.</p>
+
+<p>Vor ihnen verzwirnten sich die engen Hafengassen, und das Licht der
+Laternen kämpfte vergebens mit den grauen Regenfluten der Nacht.
+Aber das Licht kämpfte nicht allein. Es kämpfte Dunkelheit gegen
+Dunkelheit, Menschen der Nacht gegen Menschen der Nacht.</p>
+
+<p>»Wat sagen Sie? Sie hätten dat Mädchen nur angekuckt, Sie Piekfeiner?«</p>
+
+<p>»Bleiben Sie mir vom Leibe. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«</p>
+
+<p>»Aber meiner Braut möchten Sie zu Leibe, was? Mit meiner Braut möchten
+Sie sich zu schaffen machen? Jetz wollen wir einmal ›Du‹ zueinander
+sagen, du Lauser, un jetz kriegst du meine Visitenkarte —«</p>
+
+<p>Klatsch!</p>
+
+<p>Der Geschlagene taumelte einen Schritt zurück, hob den Spazierstock
+und schlug blindlings in die Luft. Das Frauenzimmer kreischte, der
+Matrose duckte sich zum Sprung und sprang dem Gegner an die Brust.</p>
+
+<p>Klatsch! Klatsch! Von beiden Seiten.</p>
+
+<p>Schon knäulte sich ein halbes Dutzend, schon ein Dutzend Menschen um
+die nächtlichen Kämpfer herum. Kneipentüren öffneten sich, strömten
+breite Lichtwellen ins Gassendunkel<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> und mit den Lichtwellen behende
+Gäste, die da fürchteten, zu spät zu kommen. »Hau ihn, Hendrik! Du
+läßt dir doch woll nich in 'n Kurs segeln von so 'nem Laffen?«</p>
+
+<p>Klatsch! Klatsch! Klatsch! — Hin und her.</p>
+
+<p>In der Tür der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹, die durch ihre
+Ecklage das Gassengewirr beherrschte, stand in Hemdärmeln und blauer
+Schürze breitbeinig der Wirt im roten Lichtkegel. Die Hände in den
+Schürzenlatz geschoben, die Augen blinkernd vor Vergnügen, feuerte er
+Kämpfer und Zuschauer gleichermaßen an.</p>
+
+<p>»Hendrik, der saß bei <em class="gesperrt">dir</em>! Blaue Augen sind schön, Hendrik,
+aber zumehrst beim anderen! So war's recht, mein Junge! So! Und so!
+Junger Herr, Sie werden doch nicht vor einem schlichten Matrosen Leine
+ziehen?«</p>
+
+<p>Aber der Piekfeine dachte gar nicht daran, denn der Hendrik hatte
+im Eifer des Gefechts einen der Umstehenden vor das Schienbein
+getreten und einen Dankesstoß erhalten, der ihn über den Haufen
+warf. Und schon lag der Feine über dem Matrosen und bearbeitet ihn
+wütend mit den Fäusten. Das aber ging einer Handvoll Schiffersleuten
+gegen Strich und Faden. Einer von ihnen krakeelte den Mann an, der
+sein Schienbein gerächt hatte, und erhielt stracks eine gesalzene
+Maulschelle zur Antwort. Andere stürzten sich auf die am Boden
+Liegenden, rissen den Oberen vom Unteren, verloren den Halt, befanden
+sich in tobendem Handgemenge, ohne zu wissen, wie und für welche
+Sache. Denn auch der Mann, der sein Schienbein gerächt hatte, hatte
+eingreifen müssen und den Krakeelenden, der ihn wie ein Stier
+anlief, in den Knäuel geschleudert. Ein dumpfer Schmerzensschrei des
+Aufschlagenden, und die Zuschauermenge verlor den letzten Rest von
+Besinnung, stürmte in atemloser Erregung vor, gurgelte Schimpfworte<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>
+und Kampfesrufe, schlug klatschend drein, traf auf den Falschen,
+teilte sich in blind ineinander verbissene Einzelgruppen, während
+der Mann mit dem mißhandelten Schienbein bald in diese, bald in jene
+Gruppe einen Angreifer hineinschleuderte, die Verbindungen zwischen
+den Einzelgruppen wieder herstellte und eine allgemeine tobende
+Kampfeslage schuf.</p>
+
+<p>»Warte, Bürschken, dich sucht' ich als lang.«</p>
+
+<p>»Komm her, du Großmaul, ich hau' dir ein Pechpflaster drauf.«</p>
+
+<p>Klatsch! Klatsch!</p>
+
+<p>»Du da! Du da! Du hast noch wat vom letzten Mal bei mir im Salz.
+Willste wohl nich ausreißen, du Feigling?«</p>
+
+<p>»Vor so wat ausreißen? Hahaha! Nur zu klebrig biste mir.«</p>
+
+<p>Klatsch! Klatsch!</p>
+
+<p>»Nimm die Hand vom Hals, Hein. Nimm die Hand vom Hals —«</p>
+
+<p>»Tuste Abbitte? Schön Abbitte? Bin ich ein Mädchenhändler, du Lump,
+oder ein Ehrenmann wie du —?«</p>
+
+<p>Die drei Herren aus der ›Erholung‹ waren längst unter dem schützenden
+Hauseingang hervorgetreten. Dichter und dichter drängten sie an
+den Kampfesring heran. Fäuste griffen nach ihnen. Sie hoben die
+Regenschirme hoch und zeigten ihre lachenden Gesichter.</p>
+
+<p>»Dat sind Herren von der ›Erholung‹! Seid ihr denn <em class="gesperrt">ganz</em> blind,
+ihr wütigen Maulwürfe?«</p>
+
+<p>Und augenblicklich zogen sich die Fäuste zurück, lüfteten die Kerle
+grinsend die Kappe. Uralte, schweigende Übereinkunft bewährte sich
+zwischen den heimkehrenden Herren der ›Erholung‹, den Reedern und
+Frachtverladern, und den rauflustigen Gästen des Hafenviertels. Ein
+derbes und herzliches Nachtverhältnis.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>»Guten Abend, Herr Auffermann. Guten Abend, Herr Hinrichsen.«</p>
+
+<p>»Guten Abend auch, Herr Vanderwelt. Große Ehre, mit 'ner schlichten
+Runde Boxkampf aufwarten zu dürfen.«</p>
+
+<p>Plötzlich hielt das Kampfgetöse den Atem an. Die Griffe lockerten
+sich, die Köpfe streckten sich vor.</p>
+
+<p>»Was denn, Jungens,« rief Kornelius Vanderwelt, »ihr werdet doch
+nicht aufhören wollen, wenn's am schönsten ist? Wenigstens noch eine
+Ehrenrunde! Ich schlage vor: zwischen den beiden Herren, die das
+Zauberstück zuerst zur Aufführung gebracht haben.«</p>
+
+<p>Unter dem niederströmenden Nachtregen, vom Licht der Laternen flackrig
+beleuchtet, zog man den zerbeulten Matrosen hervor und stellte ihn auf
+den Platz. »Wo ist der Piekfeine?« grollte er. »Bringt mir nur den
+Piekfeinen noch mal her.«</p>
+
+<p>Aber so viel man auch suchte, der Piekfeine blieb verschwunden. Und
+als der Matrose den Namen seiner Braut brüllte, kam auch von dort kein
+Echo.</p>
+
+<p>Der Piekfeine hatte die Kampfpause benutzt und sich davongemacht.
+Nicht ohne dem strittigen Gegenstand einen vertraulichen Wink zu geben.</p>
+
+<p>Von unbändigem, immer sich erneuerndem Gelächter begleitet, nahm
+der Matrose neuen Kurs und stürmte, die Ellbogen angezogen, die
+Fäuste geballt, in die Dunkelheit, die ihn im niederströmenden Regen
+verschwinden ließ.</p>
+
+<p>Das nächtliche Zauberstück war zu Ende gespielt. Die Mitwirkenden
+lüfteten ihre Heldenmasken, erkannten sich als gute Kameraden und
+biedere Mitbürger und grinsten sich an.</p>
+
+<p>»Ich glaub' wahrhaftig — et regent ...« stellte der eine fest.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<p>»Verdammich, weshalb lassen wir uns denn eigentlich hier naß regnen?«
+fragte verwundert ein anderer.</p>
+
+<p>Und ein dritter schlug vor: »Wir könnten unsere Abendunterhaltung doch
+ebensogut unter Dach und Fach fortsetzen.« Und er fand ungeteilte
+Zustimmung.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt tauschte Gruß und Handschlag mit dem Mann, der um
+sein Schienbein besorgt gewesen war.</p>
+
+<p>»Petrus! Natürlich! Kein anderer zwischen Mannheim und Rotterdam
+befördert Stückgut so im Schwunge wie Ihr!«</p>
+
+<p>Der vierschrötige Schiffer machte einen Kratzfuß.</p>
+
+<p>»Ich schmeichle mir, Herr Vanderwelt. Aber bevor ich den Schwung auf
+seiner glänzendsten Höhe hatte, war die Stückzahl schon erledigt.
+Schade drum.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schob seinen Arm in den ungeschlachten des
+Kraftmenschen und ging im Schritt mit ihm auf die Gastwirtschaft
+›Zu den fünf Erdteilen‹ zu. Der Riese setzte nur Fuß neben Fuß.
+Er fühlte sich sehr geehrt unter dem gemeinsamen Regenschirm und
+schielte backbord und steuerbord, ob auch eine genügend große Zahl von
+Kameraden die Bevorzugung gewahr werde.</p>
+
+<p>»Petrus,« fragte Kornelius Vanderwelt, und Wein, Straße, Nacht waren
+vergessen, »ist Ihr Kahn verholt?«</p>
+
+<p>»Herr,« entgegnete der Schiffer, »wat der Pitter <em class="gesperrt">ein</em>mal gesagt
+hat, dat hat er für <em class="gesperrt">alle</em> mal gesagt. Der Kahn liegt längsseits
+dem Gebhardt seinen, un nu hat der Kohlenkipper et Wort.«</p>
+
+<p>»Das hat wohl Durst gemacht, Petrus?«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, arme Leut haben immer Durst. Durst un Hunger. Auf
+en ordentlich Stampglas Schnaps, auf en staatses Frauenzimmer, dat
+mit einem et Tanzbein schwingt, un nich zuletzt auf die Harmonika,
+auf so 'n richtig<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Stücksken für die gerührte, unsterbliche Seele.
+Wat davon abseits liegt, Herr Vanderwelt, heißt für unsereins Arbeit,
+Verantwortung und Kohlenstaub in 'n Hals. Durst haben wir immer.«</p>
+
+<p>»Heda, Matthes, angetreten!«</p>
+
+<p>Der Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ trottete dem hohen Gast durch Nacht
+und Regen entgegen.</p>
+
+<p>»Jammerschad', Herr Vanderwelt. Ich tat Ihnen doch einen
+Warnungspfiff, noch nich dat schöne Familienbild zu stören.«</p>
+
+<p>»Pfeifen Sie bei solch einem Krach nächstens mit der Sirene und nicht
+mit dem gespitzten Maul.«</p>
+
+<p>»Ganz die meine Meinung,« stimmt der Kahnschiffer zu. »Außerdem war
+außer dem Matthes nix mehr zu verprügeln.«</p>
+
+<p>Der Wirt zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er mit der
+freien Hand den Schirm nahm und ihn sorgsam über die Häupter seiner
+Gäste hielt.</p>
+
+<p>»Gerad' hatten sie die Volksbelustigung auch im ›König von Portugal‹
+vernommen. Sehen Sie, meine Herren, da wimmeln sie schon heran und
+machen verblüffte Gesichter.«</p>
+
+<p>»Matthes,« sagte Kornelius Vanderwelt, »lassen Sie die Portugiesen
+ruhig auf eigene Rechnung spielen. Ich hoffe, es ist gemütlich in
+Ihrem Winterpalast. Wo bleibt der Einzugsmarsch der Gladiatoren?«</p>
+
+<p>Der Wirt klappte den triefenden Schirm zu und rief einen Befehl in die
+verräucherte Stube. Eine Harmonika setzte ein. Mit einem heulenden Ton
+ließ sie die Winde aus den Zügen, sog sich aufs neue voll und rauschte
+den feierlich Einziehenden wuchtig den Pariser Einzugsmarsch entgegen.
+Die Wirtsstube füllte sich mit Menschen. Auch ein paar Bräute rückten
+stolz am Arm ihrer Burschen ein und wurden auf Vorschlag des Reeders
+Auffermann, da es an<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Damen mangele und Taschenmesser nur beim Essen
+in Gebrauch genommen werden sollten, für den Weiterverlauf dieses
+schönen Abends jeglicher Brautschaft entkleidet.</p>
+
+<p>Hinter dem letzten Nachzügler schloß Matthes zweimal die Tür ab.</p>
+
+<p>»Weshalb so fürsorglich, Herbergsvater?«</p>
+
+<p>»Herr Auffermann, et geschieht erstens wegen der Polizeistunde,
+zweitens wegen des geordneteren Bezahlens.«</p>
+
+<p>»Treffliche Geschäftsumsicht. Nur zu loben.«</p>
+
+<p>»Um welche Zeit«, fragte der Reeder Hinrichsen und gähnte leise
+und müde, »tritt denn so allgemach für die &gt;Fünf Erdteile&lt; die
+Polizeistunde ein?«</p>
+
+<p>»Keine Gefahr,« flüsterte der Wirt vertraulich. »Für drei Abende in
+der Woche hab' ich ›Geschlossene Gesellschaft‹ angemeldet. Den Verein
+›Schifferkameradschaft‹, den Verein der ›Harmonikafreunde‹ und die
+Karnevalsgesellschaft ›Haste nix — dann kriegste nix!‹ Wat wollen
+Sie, Herr Hinrichsen, meine Gäste kommen so selten von Bord an Land,
+dat sie mit Begeisterung Mitglieder in allen drei Vereinen geworden
+sind. Un über fröhliche Menschen kann die Polizei sich doch nur
+freuen.«</p>
+
+<p>Der Reeder Hinrichsen beugte schicksalsergeben das Haupt.</p>
+
+<p>»Ruhe, die verehrten Herrschaften. Die Frauenzimmer sollen dat
+Kreischen lassen. Herr Vanderwelt bezweckt, uns mit einer kleinen
+Ansprache zu erfreuen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt stand lässig an seinem Tisch, die Hände in den
+Taschen seines Gesellschaftsanzugs vergraben. Aus halbgeschlossenen
+Augen blickte er über die gedrängt sitzenden Bruderschaften und
+Schwesternschaften dahin.</p>
+
+<p>»Hohe Festversammlung. Schon unter den alten Heiden war es schönste
+Sitte, daß sich fremdhergewanderte Gäste nicht mit leeren Händen den
+Gaststätten nahten, sondern mit wohlerwogenen Gastgeschenken. Diese
+Geschenke sollten<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> dazu dienen, den Gastfreunden die ihnen zustehende
+tiefe Verehrung zu erweisen und ihnen die Herzen zu öffnen zu
+traulichem Verkehr. So seien Sie denn erbötig, auch unsere Geschenke
+entgegenzunehmen. Ich bitte Sie, Ihre Augen nach dem Schenkentisch zu
+richten.«</p>
+
+<p>»Sie haben sich wohl vertan, Herr Vanderwelt. Da sitzt dem Matthes
+seine süße Hausehre.«</p>
+
+<p>»Sehen Sie, wenn ich Ihnen raten darf, über die verehrte Frau Matthes
+hinweg. Nicht etwa wegen des eifersüchtigen Gatten —«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Der</em> Kerl un eifersüchtig!« höhnte die süße Hausehre und duckte
+sich vor dem Blick ihres Gebieters zu einem armen Häuflein Leid.</p>
+
+<p>»Aufgebaut sehe ich auf dem Schenkentisch Gläser köstlicher Soleier,
+Kistchen mit goldgelben Kieler Sprotten, rotbackene Käse von Holland,
+wohlriechende von Mainz, tränenfeuchte aus der Schweiz. Dazu Schinken
+und Würste in verlockendem Anschnitt. Mein Freund Hinrichsen macht
+sich ein Vergnügen daraus, sie Ihnen anzubieten.«</p>
+
+<p>Ermüdet suchte Hinrichsen Verwahrung einzulegen. Der Reeder Auffermann
+überstimmte ihn lärmend.</p>
+
+<p>»Nichts da, Hinrichsen. Bei den alten Heiden war das schon der Brauch.
+Und Sie wollen ein — ein — vorgeschrittener Christ sein?«</p>
+
+<p>»Mein Freund Auffermann hingegen,« fuhr Vanderwelt fort, »bittet Sie
+durch meinen Mund, ein Fäßlein Bier auf seine Gesundheit und Rechnung
+zu leeren und auch des Schnapses nicht zu vergessen.«</p>
+
+<p>Der Reeder fuhr auf. Er lehnte mit Bestimmtheit die Bevormundung ab.
+Bis Hinrichsens müde Stimme erklang: »Schon bei den alten Heiden ...
+sagten Sie nicht soeben so, lieber Auffermann?«</p>
+
+<p>Da setzte sich der beleibte Mann seufzend nieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>»Und Sie, Vanderwelt? Was stiften Sie?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt öffnete weit die Augen, lachte über die
+vorgestreckten Köpfe hinweg, als brächte er ihnen allen eine Huldigung.</p>
+
+<p>»Ich stifte die Musik, den Tanz und alle Freuden der Jugend! Leg' los,
+Harmonikamann!«</p>
+
+<p>Und er warf dem Spieler im Schwunge einen Taler zu, den der
+Aufmerksame geschickt zwischen den Zügen seiner Harmonika auffing, um
+alsbald mit Kraft und Hingabe einen Walzer zu beginnen.</p>
+
+<p>Ein Taumel brach los, der über Ruhrort hinaus nach flämischen
+Vorbildern griff. Auf den Schenkentisch stürzte sich die gastfrohe
+Menge, kämpfte um den kürzesten Weg, stellte dem Sieger ein Bein,
+setzte über Tisch und Bänke, errang eine Kiste Sprotten, einen Edamer
+Käse, ein Schinkenbein, und eine schwerbusige Weibsperson barg den
+Glasbehälter mit den köstlichen Soleiern so heftig an der Brust, daß
+das Glas zerplatzte und die Eier an die Erde rollten.</p>
+
+<p>»Nich ausbrüten! Nich ausbrüten! Man muß dat Mädchen belehren!«</p>
+
+<p>Der Matthes aber ließ den Bierhahn spielen, schwenkte die Gläser in
+einem Springbrunnen um und füllte sie mit dem schäumenden Naß. Hurtig
+rannte die hagere Frau Matthes von Tisch zu Tisch, setzte ihre Lasten
+ab, rannte zurück, um neue Lasten zu holen, sah dem Gebieter nach den
+Augen und bot Schnäpse an.</p>
+
+<p>Und durch das Gelärm, das Geklapper der Gläser, die gellenden Zurufe
+und das Aufgekreisch der Frauenspersonen rangen sich rauschend und
+frech, wehmütig und wimmernd die Klänge der Harmonika hindurch,
+gewannen die Oberhand, gingen unter, erkämpften sich aufs neue den
+Sieg.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>»Was fürs Herz!« schrie der Schiffer Petrus und schlug vor dem
+Harmonikaspieler die Hand auf den Tisch.</p>
+
+<p>Der riß seine Künstlerstimmungen hin und her wie Gäule an den Zügeln.
+Die Harmonika schluchzte auf.</p>
+
+<p>»Teure Hei—i—mat, sei gegrüßt!«</p>
+
+<p>Der Schiffer Petrus sang mit. Seine Augen glänzten, seine Hingabe war
+hemmungslos. Bässe brummten die Grundmelodie. Frauensoprane schwelgten
+in süßen Höhen. Mit den Füßen zog man die Tische heran. Ein Bursche
+erhob sich, bewegte den Körper nach dem Takt der Weise und schlurfte
+auf gleitenden Füßen in den engen Tanzraum. Schon folgte ihm ein
+Mädchen, nachtwandlerisch, mit wiegendem Körper, die Arme mit kraftlos
+tastenden Händen ausgestreckt, bis sie die Schultern des Burschen
+erreichten, bis die Glieder sich im Tanze verkrampften. Ein zweites
+Paar, ein drittes. Die Zechenden wurden an die Wände gedrückt.</p>
+
+<p>Das hochbusige Frauenzimmer hatte sich den Reeder Auffermann erkoren.
+Es warb um einen Tanz. Es umschmeichelte ihn. Mit einer Handbewegung
+schob es der Reeder zur Seite. Da brach das Ungestüm durch, loderndes
+Gassenfeuer. »Komm her! Komm her! Ich will dich! Dich! Dich!«</p>
+
+<p>Und der Reeder kam. Wortlos packte er das ungestüme Weib, wortlos
+hob er sie hoch, daß die Röcke rauschten, und setzte sie in den
+aufspritzenden Springbrunnen, dessen Becken sie füllte.</p>
+
+<p>Des Festes Höhepunkt war erreicht. Wild wogte der Tanzreigen um das
+zeternde, unerlöste Weib. Die Lieder überschlugen sich. Die Harmonika
+warf ihre grellsten Feuerfetzen in den Aufruhr der Gemüter.</p>
+
+<p>Und plötzlich war es Kornelius Vanderwelt, als wäre er all diesem
+Menschenirrsinn weit entrückt, als führe er, ein<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Einsamer, durch
+eine weltabgewandte Flußlandschaft, zur Linken in schimmernden
+Schlangenlinien den weißen Wasserspiegel, zur Rechten in heißer
+Herbstfeier den Buschwald in Rot und Gold, und als er sich träumerisch
+suchend dem Bilde hingab, war ihm, als hörte er eine Mädchenstimme
+rufen, und er horchte ihr grübelnd nach und vernahm sie wieder und
+horchte angestrengter.</p>
+
+<p>War das ein Wortwechsel im Haus? Ahnte er ihn nur im alles
+verschlingenden Lärm?</p>
+
+<p>Und mit einem Male erhob sich Kornelius Vanderwelt, warf seinen
+Tuchumhang über, griff Schirm und Hut und trat ungesehen hinter dem
+Schenkentisch ins Haus.</p>
+
+<p>Er preßte sich an die Flurwand. Er glaubte eine Erscheinung zu haben
+und schloß für Sekunden die Augen.</p>
+
+<p>Das Mädchen von der Landstraße kam die Treppe herab, blaß, mit
+verstörten Augen, die Reisetasche fest an sich gezogen. Und wie ein
+Gespenst zappelte die Frau des Matthes vor ihr her, keifend, ihr den
+Weg verlegend.</p>
+
+<p>»Sie bleiben hier. Sie haben dat Zimmer nur gekriegt, weil Sie länger
+wohnen wollten.«</p>
+
+<p>»Ich habe das Zimmer täglich bezahlt. Ich kann nicht mehr. Wo bin ich
+denn nur? Ich will fort!«</p>
+
+<p>Der Wirt tauchte auf. »Marsch, ins Geschäft!« herrschte er seine Frau
+an, die wie ein Hauch verschwand. »Entschuldigen Sie, Fräuleinchen,«
+sagte er süßlich und legte ihr den Arm um den Leib, »aber Sie sollen
+mal sehen, wie schnell man sich an die Musik gewöhnt.«</p>
+
+<p>Und jäh verzerrten sich seine Züge, warf sich sein Kopf nach hinten
+herum.</p>
+
+<p>»Ah, Sie sind et, Herr Vanderwelt. Da können Sie von Glück sagen, dat
+ich Sie erkannt habe. Nehmen Sie die Daumenschrauben vom Arm.«</p>
+
+<p>»Befehle, Matthes? Finger weg, oder ich dreh' Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> die Schulter
+ab. Sie kennen mich im Zorn, Matthes. So ist's recht. Und kein Wort
+darüber. Nicht das kleinste, oder die Freundschaft ist aus. Gehen Sie
+zu Ihren Gästen.«</p>
+
+<p>Das Mädchen stand auf den Treppenstufen, blaß, mit verstörten Augen,
+die Reisetasche fest an sich gezogen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sah dem Wirte nach. Er sah auf das Mädchen und
+öffnete die Tür, die ins Freie führte. Die Nacht quoll herein und mit
+ihr der peitschende Regen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt stand und sah auf das zusammenschauernde Mädchen,
+das ihm entgegenschritt. Er öffnete den Schirm, den er schützend in
+die regendurchflutete Nacht hinaushielt, und als er in der engen Tür
+ihre frostbebende Schulter spürte, hob er seinen Umhang und nahm sie
+mit unter das wärmende Tuch.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen nur auf den rechten Weg helfen,« sagte er leise, und
+sie sah nach seinen Augen.</p>
+
+<p>So schritten sie schweigend in Nacht und Regen, der Mann und das
+Mädchen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="3">3</h2>
+</div>
+
+
+<p>Als der Mann und das Mädchen aus der Gasse heraustraten, packte sie
+am Hafendamm der fegende Rheinwind erst mit seiner vollen Gewalt, und
+der Mann stemmte seine Schultern an, um des Windes und Wetters Herr zu
+werden. Mit der einen Hand streckte er den Schirm vor, mit der anderen
+hielt er den Zipfel des Umhangs gepackt, aus dem das Angesicht des
+Mädchens starr und regennaß in die Dunkelheit lugte.</p>
+
+<p>»Legen Sie vor allen Dingen einmal die Starrheit ab,« gebot die Stimme
+Kornelius Vanderwelts und drang durch das Wetter zu ihrem Ohr. »Was
+Sie in der Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ gesucht haben,
+werden Sie mir später erzählen, jetzt sagen Sie mir, was Sie in
+Ruhrort wollen oder wohin Sie wollen.«</p>
+
+<p>Das Mädchen versuchte zu sprechen. Aber Regen und Wind machten sie
+atemlos. Ihr Mund bewegte sich und die Brust bäumte sich auf in der
+Anstrengung des Sprechens.</p>
+
+<p>»Langsam, langsam,« beruhigte die Stimme Kornelius Vanderwelts. »Es
+ist so spät geworden, daß es auf ein paar Minuten wirklich nicht mehr
+ankommt. Verstehe ich recht? Klavierspielerin sind Sie? Und kommen
+von der Hochschule für Musik? Unterricht wollen Sie erteilen, um Ihre
+Laufbahn fortsetzen zu können? O Sie junge Jüngerin der heiligen
+Cäcilie, welcher dunkle Trieb führte Sie denn geradeswegs nach
+Ruhrort?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>Wieder sprach die Stimme des Mädchens, und die Worte flatterten
+zerfetzt davon.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so geht es nicht. Meine Stimme
+ist an das Hafenwetter besser gewöhnt. Ich werde sprechen und Sie
+werden nicken oder mit dem Kopfe schütteln. Verstanden?«</p>
+
+<p>Das Mädchen schloß nur die Augen zur Bejahung.</p>
+
+<p>»Ich werde es ganz kurz machen,« fuhr Kornelius Vanderwelt fort. »Sie
+sind hier. Daran ist nicht zu zweifeln. Sie suchen Arbeit. Arbeit ist
+für jeden ernsthaft Suchenden zu beschaffen. Vorher aber suchen Sie
+eine Unterkunft. Das ist zu dieser vorgerückten Nachtstunde und in dem
+Zustand, in dem Sie sich befinden, schon eine schwierigere Aufgabe.«</p>
+
+<p>Er wartete, und das Mädchen schwieg und mühte sich, das Frösteln zu
+unterdrücken.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt beugte sich zu ihr nieder. Ganz nahe über ihre
+Augen, die ihm entgegenstarrten.</p>
+
+<p>»Nicht diesen Blick. Bitte — ohne jede Angst und Zurückweisung. Als
+wir aus den ›Fünf Erdteilen‹ in die Nacht traten, versprach ich Ihnen
+meine Hilfe. Sehen meine Augen aus, wie die Augen eines Wegelagerers?
+Ach so, da war gestern oder vorgestern Mittag so eine Geschichte ...
+Auf der Landstraße ... Das war Landstraßenübermut. Das überkam mich
+so, wie ich Sie in Ihrer jüngferlichen Abwehr sah. Jetzt stehen Sie
+unter meinem Schutz, und dort ist mein Haus, und wir gehen hinein.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte sie nur.</p>
+
+<p>»Ja,« wiederholte er, »wir gehen hinein. Denn im Regen schwimmen wir
+fort, und es scheint mir für den in ganz Ruhrort und Umgebung bestens
+bekannten Kornelius Vanderwelt — so ist mein Name, mein Fräulein —
+nicht sonderlich passend, vor den Fenstern seiner schlafenden Kinder
+mit einer unbekannten jungen Dame<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> durch die schwärzeste Nacht zu
+lustwandeln. Sehen Sie das ein?«</p>
+
+<p>Sie machte sich ganz steif unter dem gemeinsamen Umhang.</p>
+
+<p>»Mein liebes Fräulein,« sagte er ernst. »Ich bin nicht abergläubisch,
+aber hier scheint mir doch so etwas wie die Stimme des Schicksals
+mitzureden. Vielleicht finden Sie bei mir die Arbeit, die Sie suchen.
+Meinen Kindern tut eine tüchtige Klavierlehrerin not. Zeigen Sie mir
+morgen, was Sie können, und jetzt treten Sie ein.«</p>
+
+<p>Das Mädchen bewegte den Mund, es begann zu sprechen.</p>
+
+<p>»Nein, ich fürchte mich nicht. Ich fürchte mich auch nicht vor der
+ungewöhnlichen Stunde. Aber da ist etwas — nein, nein, es zieht mich
+nicht zurück — und ich bin auch nicht abergläubisch — es redet mir
+zu — und einer ist dem anderen doch ein Fremder.«</p>
+
+<p>Und die Augen des einen befragten verwundert die Augen des anderen.</p>
+
+<p>Fremde? Sind wir uns Fremde? Was ist es, was den einen für den anderen
+sprechen läßt?</p>
+
+<p>»Ich gebe Ihnen mein Manneswort, daß Sie unter meinem Dach so sicher
+sind, wie meine Kinder.«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht mehr. Aber sie ging ruhig an seiner Seite durch
+den Vorgarten, und die Rosenranken griffen nach ihr mit den Dornen,
+und sie griff hinein und spürte nur die sprühende Rose, die sie in der
+Hand behielt.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schloß die Türe auf und entzündete im Hausflur
+das Licht. Wie eine Nachtwandlerin, die eines jeden Schrittes sicher
+ist, folgte sie ihm in den Kleiderablegeraum, ließ sie sich von
+seinen Händen Hut und Mantel abnehmen, folgte sie ihm weiter, nur die
+Reisetasche in der Hand, und wartete geduldig in der Dunkelheit<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> eines
+Raumes, bis ihr Führer auch hier das Licht aufflammen ließ.</p>
+
+<p>Ihre Augen wanderten ringsum. Ernst und ohne Überraschung, als hätte
+sie die neue Umwelt so und nicht anders erwartet.</p>
+
+<p>»Sie sind in meinem Arbeitszimmer,« sagte Kornelius Vanderwelt
+freundlich. »Setzen Sie sich nieder. Nein, nicht auf den steiflehnigen
+Stuhl. Hier in den tiefen Sessel können Sie sich gemütlicher
+hineinkuscheln. So ... Ganz Wohlbehagen ... Es wartet kein Zahnarzt
+mit der Zange. Aber es ist zwei Uhr nachts, und Sie haben nach dem
+Familienabend in den ›Fünf Erdteilen‹ die Berechtigung, müde zu sein.«</p>
+
+<p>»Nein — ich bin nicht müde. Aber die Hausfrau schläft.«</p>
+
+<p>»Mein liebes Fräulein, die Hausfrau schläft schon seit Jahren den
+ewigen Schlaf. Ich lebe mit meinen Kindern allein, zwei Jungen
+und einem Mädchen, und eine ältere Hausdame betreut uns. Soll ich
+Ihnen das Gastzimmer anweisen, oder wollen Sie mir noch ein wenig
+Gesellschaft leisten?«</p>
+
+<p>»Wenn Sie es wünschen — will ich Ihnen noch — Gesellschaft leisten.«</p>
+
+<p>»Recht so. Man lernt sich kennen und weiß am nächsten Tage, wer der
+andere ist. Das erleichtert die Möglichkeit Ihres Hierbleibens. Und
+nun wollen wir plaudern und zum Plaudern einen Tee trinken.«</p>
+
+<p>Die Tiefe des Sessels verschlang die Mädchengestalt. Und aus der
+Tiefe heraus verfolgten die ernsten, grauen Augen jede Bewegung des
+Mannes, sahen auf seine starken, gutgepflegten Hände, die am Kamin
+die Schnur des elektrischen Kochers einschalteten, auf den jugendlich
+federnden Gang, der das Zimmer durchmaß, hin und her, her und hin, bis
+die dampfenden Teegläser auf dem Tische<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> standen und eine verdeckte
+Schüssel. Kornelius Vanderwelt aber ließ ein jedesmal, wenn er den
+Schritt wandte, seinen Blick über das Mädchen schweifen, und er
+gewahrte den strengen Schnitt ihres Gesichtes, das flimmernde Rotblond
+des windverwehten Haares, die eigentümliche Ruhe der Augen, hinter der
+die Stürme müde geworden oder noch unerweckt zu schlafen schienen.
+Und wieder schweifte sein Blick über sie hin und gewahrte das billige
+Kleid und unter dem Kleid die Magerkeit der Glieder, die dennoch über
+den Fesseln eine feingeschwungene Linie zeigten, und die festgerundete
+Mädchenbrust, die unhörbar atmete. Und immer wieder schweifte sein
+Blick über die Hände, die im Schoße ruhten und ihm in ihrer Gliederung
+so ausdrucksvoll schienen, als sprächen sie eine eigene, beseelte
+Sprache.</p>
+
+<p>Leise zog er sich seinen Sessel heran und setzte sich ihr gegenüber.
+Die Schüssel hatte er abgedeckt.</p>
+
+<p>»Greifen Sie zu,« bat er freundlich. »Die kleinen Imbißbrote werden
+jeden Abend für mich zurecht gestellt. Ich bin, wie Sie leider
+schon bemerkt haben werden, ein bißchen außenhäusig geworden. Und
+trinken Sie tapfer Tee. Er langt für mehrere Gläser und wärmt Ihren
+durchfröstelten Lebensmut wieder an.«</p>
+
+<p>Sie beugte sich vor und nahm das Glas aus seinen Händen. »Zucker?«
+fragte er und ließ, als ihre Lippen sich bewegten, ein Stück in ihr
+Glas gleiten.</p>
+
+<p>Sie trank mit weitgeöffneten Augen. Nicht gierig, aber in langen,
+durstigen Zügen, als wär alles in ihr erstarrt gewesen und taute nur
+langsam auf unter dem heißen Trank.</p>
+
+<p>»Nicht das Essen vergessen,« ermunterte Kornelius Vanderwelt, und
+sie nahm gehorsam eins der schmackhaften Brote und senkte die Augen,
+während sie aß.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt tat, als leistete er ihr bei Speise<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> und
+Trank Gesellschaft. Aber während er sie mit einer geräuschlosen
+Ritterlichkeit bediente, kam die Verwunderung über sein Tun in ihm
+hoch und wuchs und wuchs, daß er unruhig glaubte, ein Lachen in
+sich aufsteigen zu spüren, ein Lachen über Kornelius Vanderwelt,
+der von der Straße nächtlichen Besuch hereinnahm und ihm wie einem
+Edelfräulein aufwartete.</p>
+
+<p>Und die Verwunderung wurde noch stärker, weil das Lachen ausblieb und
+nicht einmal einem Mitleid Platz machte, sondern nur ein grübelndes
+Lächeln wurde: wie schön ist es, mit diesem Mädchen zusammenzusitzen,
+und weshalb ist sie mir so vertraut?</p>
+
+<p>Da gewahrte er, daß sie ihn anblickte.</p>
+
+<p>»Nichts mehr?« fragte er. »Nicht ein kleines Brötchen mehr? Aber das
+Teeglas wird noch einmal gefüllt —«</p>
+
+<p>»Ja, ich danke Ihnen,« sagte sie, und er sah an dem Hauch, der in
+feinem Rot ihr Gesicht überzog, daß sie sich erholt hatte.</p>
+
+<p>»Wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen? Eine Anrede ist die Hälfte
+des Bekanntseins.«</p>
+
+<p>»Ich heiße Angela Freydag.«</p>
+
+<p>»Angela? Ah, das bedeutet soviel wie ›Engel‹?«</p>
+
+<p>Ihre Hand tastete nach der Reisetasche, die sie an ihren Sessel
+gelehnt hatte. Sie drückte auf das Schloß.</p>
+
+<p>»Mein Gott,« fragte Kornelius Vanderwelt erstaunt, »haben Sie das Ding
+da sogar ins Zimmer mitgenommen?«</p>
+
+<p>»Meine Brieftasche ist darin, und in der Brieftasche sind meine
+Papiere.«</p>
+
+<p>»Mein liebes Fräulein Freydag, Sie verwechseln den Ort. Sie befinden
+sich hier nicht vor einer Behörde, sondern bei einem Ruhrorter Bürger
+mit Namen Kornelius Vanderwelt, der Ihnen freiwillig Gastfreundschaft
+anbot.«</p>
+
+<p>Sie aber nestelte die Brieftasche hervor und öffnete sie<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> vorsichtig
+auf den Knien. Zwischen wenigen kleinen Geldscheinen lagen in sauberem
+Umschlag ihre Ausweispapiere.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie mit kurzer Verbeugung aus ihren Händen.</p>
+
+<p>»Wenn es wirklich Ihr Wunsch ist —« Und er las.</p>
+
+<p>»Angela Freydag, Musikbeflissene. Tochter des verstorbenen
+Kapellmeisters Sebastian Freydag und seiner ebenfalls verstorbenen
+Ehefrau, der Sängerin Barbara Freydag geborene Brandt.«</p>
+
+<p>Er ließ die Hände in den Schoß sinken und schaute sie an.</p>
+
+<p>»Es folgt die Personalbeschreibung, Fräulein Freydag, die ich aber
+schon auswendig weiß. Also beide Eltern — beide dahin? Und keine
+Geschwister? Und Anverwandte? Ebensowenig?« Er legte die Papiere in
+ihre Hand zurück und behielt ihre Hand eine kurze Weile still zwischen
+der seinen.</p>
+
+<p>»Und obendrein ist sowas noch ein Mädel — läuft mutterseelenallein
+über die Landstraße, um ihre Groschen zu sparen — jedem Zugriff
+ausgesetzt — nein, nein, ich weiß, es sind Krallen und Zähne
+vorhanden — gerät in die hochansehnliche Gastwirtschaft ›Zu den fünf
+Erdteilen‹ — ja, nun sagen Sie mir nur, weshalb gerade in diese?«</p>
+
+<p>»Es war die billigste,« antwortete sie ruhig.</p>
+
+<p>»Und was trieb Sie nach dem schwarzen Ruhrort?«</p>
+
+<p>»Ich komme von der Musikhochschule in Köln. Meine Mittel sind eher
+erschöpft, als meine Ausbildung abgeschlossen sein wird. Da hab' ich
+mich auf den Weg gemacht, neue Mittel hinzuzuverdienen. Denn« — und
+ihre Augen sahen ihn mit einem stählernen Glanz an — »ich kann etwas
+und will noch viel mehr können.«</p>
+
+<p>»Bravo. Aber weshalb gerade Ruhrort?«</p>
+
+<p>»In Köln und in Düsseldorf und in den anderen großen Städten wachsen
+die Klavierlehrerinnen wie das Gras<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> zwischen den Steinen. Da dachte
+ich an das Industriegebiet. Ich kam von der Ruhrstadt Kettwig her, als
+ich Ihren Fahrer auf der Landstraße anrief. Ich hatte nichts erreicht.
+Aber in Kettwig sprachen die Leute von der großen Entwicklung des
+Hafenplatzes Ruhrort. Und irgend etwas stieß mich auf den Weg.«</p>
+
+<p>»Auf meinen Weg,« sagte Kornelius Vanderwelt grüblerisch. Und er
+befreite sich aus dem Dunkel der Gedanken und setzte munter hinzu:
+»Die erste Begegnung hat Sie wohl sehr erschreckt?«</p>
+
+<p>Zum ersten Male sah er, daß sie lachen konnte. Nicht laut und auch
+nicht lautlos. Die Kehle blieb unbewegt. Nur in den Augen sprang ein
+Licht auf, tief im Hintergrund der grauen Augen, aber es beschien das
+ganze Gesicht mit einem heiteren Schein.</p>
+
+<p>»Nein, die erste nicht, Herr Vanderwelt. Ich wußte wohl, daß ich im
+Winde stand wie eine Vogelscheuche, als mir die Kleider wegflogen. Und
+daß Sie mich trotzdem und ohne viel Fragens in den Wagen hoben, das
+empfand ich gerade darum als die erste Kameradschaft unter Menschen.«</p>
+
+<p>»Das Empfinden hielt nicht lange an, und Ihre Zähne und Fäuste
+bedankten sich auf eine eigene Weise.«</p>
+
+<p>»Hätte ich aus dem Wagen springen können, ich hätte es getan, Herr
+Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»So abscheulich erschien ich Ihnen? Als ein so gemeiner Wegelagerer?«</p>
+
+<p>»Ich schämte mich vor mir selber und — und — nun muß ich es doch
+sagen — und für Sie.«</p>
+
+<p>»Für mich, Fräulein Freydag? Hatte ich denn beim ersten Blick einen so
+guten Eindruck auf Sie gemacht?«</p>
+
+<p>Sie zog nachsinnend die Stirn zusammen, daß sich über der geraden Nase
+steil eine Furche hob.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>»Ich fragte mich: greift ein Mann wie dieser Mann so wahllos nach
+jeder? Und wenn es ein so fadenscheiniges und abgemagertes Ding ist
+wie ich? Das schüttelte mich.«</p>
+
+<p>»Es war nicht wahllos,« sagte Kornelius Vanderwelt. »In dieser Stunde
+weiß ich es, und Sie wissen es auch.«</p>
+
+<p>»Ja,« entgegnete sie aus ihrem Sinnen heraus, »in dieser Stunde weiß
+ich es, und nun darf ich Ihnen dankbar sein.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt erhob sich.</p>
+
+<p>»Da schlägt die Uhr drei. Seit zehn Uhr wenigstens gehören Sie ins
+Bett. Jetzt werde ich Sie in Ihr Zimmer bringen, und Sie stehen
+nicht vor Mittag auf. Ausnahmsweise werde ich zu Tisch kommen. Ich
+hole Sie aus Ihrem Zimmer ab und bitte mir einen lebensfrischen und
+lebensfröhlichen Hausgenossen aus. Noch eines, Fräulein Freydag.«</p>
+
+<p>Sie hatte sich bei seinen ersten Worten erhoben, und er stand vor ihr
+und lachte ihr in die Augen.</p>
+
+<p>»Wie ein Abenteuer fing es an. Aber Sie sollen auch nicht eine
+Minute länger als notwendig die Rolle einer Abenteurerin spielen.
+Der Wertschätzung wegen, die Sie bei sämtlichen Bewohnern dieses
+Hauses finden sollen. Und da bleibt nichts als eine ganz, ganz kleine
+Schwindelei für die Neugierigen. Ohren gespitzt. Gestern abend habe
+ich die Kölner Hochschule für Musik angerufen und den Direktor
+gebeten, mir noch in der Nacht eine seiner besten Klavierschülerinnen
+zu schicken. Solche Plötzlichkeiten ist man bei mir gewöhnt. Sie
+sind mit dem Nachtzug in Duisburg eingetroffen und haben sich
+absprachegemäß in der ›Erholung‹ zu Ruhrort bei mir gemeldet. Worauf
+ich Sie ohne viel Federlesens hierherbrachte und diebessicher
+einschloß. Wort für Wort verstanden?«</p>
+
+<p>Mein Gott, dachte Kornelius Vanderwelt, wie übermütig das Mädel
+aussehen kann!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>Und doch trat keine Ausgelassenheit in ihrem Wesen zutage. Nur die
+Augen waren es, in denen es aufleuchtete, strahlte und sprühte, wie in
+mädchenlustiger Heiterkeit.</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte: ein wie großes Kind muß diese junge
+Lebenskämpferin doch geblieben sein, daß ihr das bißchen Verkleiden
+schon ein so helles Vergnügen machen kann.</p>
+
+<p>»Sie sind also bereit, meine Spießgesellin zu spielen?«</p>
+
+<p>»Ich bin bereit, Ihre Spießgesellin zu spielen,« wiederholte sie mit
+einer hell anklingenden Stimme.</p>
+
+<p>»Kommen Sie mit mir, Fräulein Freydag.«</p>
+
+<p>Er ging ihr voran, und sie folgte ihm wortlos. Über den
+teppichbelegten Gang, eine teppichbelegte Treppe hinauf und wieder
+über einen teppichbelegten Gang. Er öffnete ein Eckzimmer, trat ein
+und machte Licht. Es war ein behaglicher Schlafraum in Weiß mit alten,
+goldgerahmten Kupferstichen an den Wänden. Über dem Bett wölbte sich
+ein kleiner Himmel, und die Falbeln des Behangs zitterten leicht in
+der Zugluft.</p>
+
+<p>Sie starrte mit einem kinderseligen Gesicht darauf hin.</p>
+
+<p>»Angela bedeutet doch ›Engel‹, und Engel müssen im Himmel wohnen,«
+meinte Kornelius Vanderwelt lächelnd. »Ich sehe, für die Erde ist
+Ihnen ja die Reisetasche treu geblieben. Schlafen Sie wohl, Fräulein
+Freydag. Gute Nacht.«</p>
+
+<p>»Gute Nacht ...« klang es wie aus weiter Ferne zurück.</p>
+
+<p>Unhörbar schritt Kornelius Vanderwelt den Gang entlang und die Treppe
+hinab zu seinem Arbeitszimmer. Er blickte sich um. Er suchte etwas
+und wußte, daß es nicht mehr um ihn war. Bis auf einen Duft, der sich
+scheu an ihn hing.</p>
+
+<p>Er zog ihn in sich hinein, und der Duft war sein.</p>
+
+<p>Wie ein Primaner, der hinter einem Mädchen herwittert,<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> dachte er,
+reckte sich müde in den Gliedern, drehte das Licht ab und suchte sein
+Schlafzimmer auf. Und schlief traumlos bis zum Morgen.</p>
+
+<p>Sein erster Gedanke beim Erwachen waren die Kähne. Die Kähne, die
+schon unterm Kohlenkipper verholt lagen, und die anderen, die sich
+im Anmarsch befanden. Seine Uhr zeigte die achte Morgenstunde. Sein
+Kopf war so wunderbar frisch und klar, als wäre kein Zutrunk in der
+›Erholung‹, kein Kampfgetöse in der Hafengasse, kein Zechgelage in
+des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ gewesen. Im Badezimmer reckte sich sein
+Körper unter der Brause. Den Bademantel übergeworfen, saß er in seinem
+Arbeitszimmer vor dem Fernsprecher.</p>
+
+<p>»Bitte Zeche« — und er nannte den Namen. »Ich danke Ihnen, mein
+Fräulein. Hier Kornelius Vanderwelt selbst. Ich lasse den Herrn
+Direktor um eine halbe Minute bitten. Guten Morgen, Herr Direktor.
+Ob ich schon auf den Beinen bin? Selbst die Nacht war mir nicht zu
+schade, um Ihre Geschäfte zu fördern. Gegen Mitternacht sprach ich
+noch meine Schiffer. Zwei Kähne liegen schon unterm Kipper. Und
+sperren die Mäuler auf. Lassen Sie die Eisenbahnwagen anrollen. Ich
+habe einen halben Tag zugunsten Ihrer Verladung herausgewirtschaftet.«</p>
+
+<p>Er horchte auf die Antwort.</p>
+
+<p>»Sehr schmeichelhaft. Für Schmeicheleien aus Ihrem Munde bin ich sehr
+empfänglich. Lassen Sie mich den ›Zauberkünstler‹ nur recht oft für
+Sie spielen. Also dann: Glückauf!«</p>
+
+<p>Er kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, beendete seinen Anzug und
+begab sich ins Frühstückzimmer.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Fräulein Bilsenbach. Schön ist der Tag heut, wie?«</p>
+
+<p>»Es herrscht ein trostloser Regen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>»Ruhrorter Arbeitswetter. Die Wasser des Rheines steigen, die
+Wasser der Ruhr steigen, die Arbeitskräfte der Schiffahrttreibenden
+steigen, und weil die Blätter des Herbstes fallen und die Winterkohle
+eingekellert werden muß, steigen sogar trotz des hohen Wassers die
+Frachtlöhne.«</p>
+
+<p>Er strich sich ein Brot, nahm eine Schinkenscheibe auf den Teller und
+begann zu frühstücken.</p>
+
+<p>»Der Zechendirektor nannte mich vorhin am Fernsprecher den
+Zauberkünstler Ruhrorts. Ich denke mir das Wort nur um ein weniges
+anders, als dies brave Arbeitspferd am Göpel des ewigen Einerlei. Aus
+Kohle Gold zaubern. Jawohl. Aber aus dem Gold Freude zaubern, Freude,
+Freude, Freude, damit das Leben sich lohnt.«</p>
+
+<p>Das alternde Fräulein blickte eine Weile still in den trostlosen Regen.</p>
+
+<p>»Ja, zaubern Sie Freude, Herr Vanderwelt. Sie fehlt allenthalben auf
+der Welt. Und die Welt altert so schnell.«</p>
+
+<p>»Wenn das die Welt tut, müssen wir sorgen, daß wir umso jünger
+bleiben.«</p>
+
+<p>Das Fräulein erhob sich und begann aufzuräumen.</p>
+
+<p>»Sie brachten noch Gesellschaft mit heim, Herr Vanderwelt. Haben Sie
+alles Wünschenswerte vorgefunden?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt legte mit einem Ruck die Morgenzigarre auf den
+Tisch, die er gerade in Brand bringen wollte.</p>
+
+<p>»Fräulein Bilsenbach! Ja, da soll doch gleich ein doppelt geschwänzter
+Teufel — nein, nein, er soll nicht, denn Sie hören ihn nicht gern
+—. Hat der Zauberkünstler bei aller Ruhmredigkeit sein Hauptstück
+vergessen! Also aus und vorbei ist es mit allem unglückseligen
+Flötenspiel. Gestern abend noch erreichte ich durch den Fernsprecher
+den Direktor der Kölner Musikhochschule. Eine Stunde darauf saß
+seine<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> beste Klavierbeflissene, ein Fräulein Angela Freydag, auf der
+Eisenbahn und dampfte durch die Nacht gen Duisburg. Nach Mitternacht
+hatte sie in Ruhrort die ›Erholung‹ aufgefunden und ließ sich bei mir
+melden. Es klappte wie auf dem Theater. Ich habe dem halb erfrorenen
+Wesen noch einen Tee zu trinken gegeben und sie oben im Eckzimmer
+untergebracht. Bis zum Mittag soll sie ungestört schlafen. Ich komme
+heute zu Tisch und besorge dann die Vorstellungsfeierlichkeiten. Guten
+Morgen, Fräulein Bilsenbach.«</p>
+
+<p>»Ich hätte,« stammelte das Fräulein, »ich hätte ja noch herzlich gern
+weiter unterrichtet ...«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt betrat das Kontorgebäude. Ein kurzer,
+freundlicher Gruß hinüber und herüber, und er schritt weiter an
+Beckenrieds abgegitterter Nische vorüber, in die er einen lauten
+Gutenmorgengruß hineinschallen ließ, in sein abgesondertes Gemach.
+Eine Anzahl Blicke folgten ihm, forschten nach Gang und Haltung und
+kehrten zu ihren Briefen und Berechnungen zurück. Es sollte, so lief
+die Morgenmär, im Hafenviertel diese Nacht lustig zugegangen sein. Der
+Herr aber war, wie er immer war.</p>
+
+<p>Eine Weile schon hatte der Geschäftsführer mit Herrn Vanderwelt
+die Morgenpost durchgesprochen. Jetzt hob Kornelius Vanderwelt
+überraschend den Kopf und gewahrte die prüfenden Augen seines
+Mitarbeiters.</p>
+
+<p>»Diese Nacht soll es ja hier in der Nähe eine muntere Prügelei gesetzt
+haben? Ich hoffe, Sie waren nicht allzu stark beteiligt?«</p>
+
+<p>»Ich zeichne nur in <em class="gesperrt">Ab</em>wesenheit des Herrn für die Firma.«</p>
+
+<p>»Es ist wahr, man kann nicht überall sein. Wohin hatten <em class="gesperrt">Sie</em>
+denn diese Nacht den Schauplatz Ihrer Tätigkeit verlegt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<p>»Ins Bett, Herr Vanderwelt, wo brave Bürger hingehören.«</p>
+
+<p>»Brave Bürger können sich auch im Bett prügeln,« sagte Kornelius
+Vanderwelt und entließ ihn mit herzlichem Händedruck.</p>
+
+<p>Um die Börsenstunde durchschritt er wie immer das Gedränge vor der
+Schifferbörse. Spannkräftig, mit kühlen Augen, die, wenn sie der
+Gegenstand wert genug dünkte, eine Flut von Wärme verschwenden
+konnten. Und das Unnachahmliche in der Haltung, das zu vertraulicher
+Aussprache aufrief und dennoch dem Nähertretenden unsichtbare Grenzen
+zog. Mützen wurden gelüftet, und Kornelius Vanderwelt lüftete den Hut.
+Fragen wurden gestellt und Auskünfte erbeten, und Kornelius Vanderwelt
+antwortete dem einen und beriet den anderen. Irgendwoher, aus einem
+der Schifferhaufen, kam ein heiserer Zuruf.</p>
+
+<p>»Verflixt, Herr Vanderwelt, Sie haben aber wieder mal vorgelegt. Bis
+in den Ausguck hab' ich noch den Nebel im Kopp!«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelts kühle Augen suchten den Rufer.</p>
+
+<p>»Wenn dir die Luft an Land zu scharf geht, bleib in der Hängematte,
+Mann. Aber langweile ernsthafte Geschäftsleute nicht mit Dingen von
+gestern.«</p>
+
+<p>Und es war ein beifälliges Gemurmel und ein achtungsvolles Zunicken.</p>
+
+<p>In der Halle der Schifferbörse traf Vanderwelt auf den Reeder
+Hinrichsen, der knapp und geschäftsmäßig eine Verhandlung führte.
+Und wie an jedem Morgen saß der Reeder Auffermann in seiner Koje,
+rechnete mit seiner Kundschaft auf Heller und Pfennig und reichte
+seinem Geschäftsfreunde Vanderwelt nur kurz die Hand herüber. Was
+zum Ruhrorter Hafengebiet gehörte, wußte Tag und Nacht schiedlich zu
+trennen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<p>Um ein weniges pünktlicher nur als sonst händigte Kornelius Vanderwelt
+dem harrenden Geschäftsboten seine Aufzeichnungen ein, nahm im
+Vorübergehen die eben erst berechneten Kursnotierungen mit und begab
+sich nach Hause. Noch waren die Kinder nicht aus der Schule daheim. Es
+war ihm lieb. Der nächtliche Gast sollte für die Kinder schon im Licht
+des Tages stehen.</p>
+
+<p>Im Badezimmer wusch er sich den Kohlenstaub des Hafens von Gesicht und
+Händen, horchte ins Haus und schritt die Treppe hinauf und den Gang
+entlang dem Eckzimmer zu.</p>
+
+<p>Er klopfte, vernahm ein Wort, das von innen zu ihm wollte, und öffnete
+die Tür.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Fräulein Angela Freydag. Wie haben Sie geruht?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich habe seit meiner Kinderzeit noch nicht so fest
+geschlafen. Guten Tag, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Er streckte ihr die Hand entgegen, und während er die ihre hielt, nahm
+er ihr Bild in sich auf und über sie hinweg das Bild ihres Zimmers.</p>
+
+<p>»Sie haben ja mit sich und Ihrer Umgebung schon ordentlich aufgeräumt,
+Fräulein Freydag.«</p>
+
+<p>Das Zimmer lag wie unberührt. Straff und faltenlos zog sich die
+Schondecke über das weiße Bett, die Falbeln des Himmels schwebten wie
+weiße Schmetterlingsflügel, und die Goldleisten der englischen Kupfer
+zeigten kein Stäubchen auf. Jedes Ding lag und stand wie unberührt,
+und nur das Mädchen schien eine andere.</p>
+
+<p>Sie trug eine helle Bluse zum dunklen Rock, unter dem umgelegten
+Kragen schlipsartig einen bunten Seidenstreifen, an den Füßen
+gutgehaltene Halbschuhe. Das aber war es nicht, was Kornelius
+Vanderwelts Aufmerksamkeit erregte. Nicht was aus der Reisetasche
+hervorgegangen<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> war, vermochte sein geschultes Auge zu fesseln. Das
+Mädchen selbst war es, der frohe, freie Mensch, der sich aus der Nacht
+zum Tage durchgerungen hatte.</p>
+
+<p>Zwei klare, kluge Augen schauten ihn unter hochgewölbter Stirn an.
+Die Nüstern der graden Nase atmeten leise. Die Lippen waren wie ein
+blutvoller Spalt, der die Zähne hindurchschimmern ließ. Und das Haar
+lag locker gewellt über der Stirn und in geflochtenem Knoten im Nacken.</p>
+
+<p>Durch ihr ganzes Wesen aber lief ein Drängen. Ein Drängen der Ungeduld
+auf das neue Leben.</p>
+
+<p>»Wenn Sie«, sagte Kornelius Vanderwelt nach einer Pause, »am Klavier
+dieselbe Künstlerin sind, wie als Menschenkind in Ihrem Stübchen —
+ich meine, wenn Sie die Schönheit der Verhältnisse hochachten und
+ihnen dennoch aus der persönlichen Gefühlswelt heraus ein neues und
+eigenes Leben zu geben wissen, dann kann es nicht mangeln.«</p>
+
+<p>»Prüfen Sie mich ...«</p>
+
+<p>»Wie ein Rassepferd vor dem Rennen. Ich sehe Ihr Blut in den Adern.«</p>
+
+<p>»Prüfen Sie mich.«</p>
+
+<p>»Zunächst«, sagte Kornelius Vanderwelt heiter, »haben Sie eine andere
+Prüfung zu bestehen. Ich werde Sie Fräulein Bilsenbach vorführen,
+der Behüterin des Hauses. Bald werden sich auch Ihre Schüler zur
+Begutachtung einstellen.«</p>
+
+<p>Sie schritt neben ihm her, das Kinn erhoben, mit dem zusammengerafften
+Ausdruck, den stolze Kinder vor dem Glanz fremder Häuser anzunehmen
+pflegen. Und Kornelius Vanderwelt sah es und freute sich.</p>
+
+<p>Wieder saß sie, wie in der Nacht, im Arbeitszimmer des Hausherrn und
+ihre Augen tasteten die Wände ab, Bilder und Bücherreihen, langsam und
+ernsthaft, als müßten sie sich Zoll um Zoll der neuen Umwelt zu eigen
+machen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hatte dem Hausmädchen geklingelt. »Ist Fräulein
+Bilsenbach für mich frei?«</p>
+
+<p>»Fräulein Bilsenbach ist gerade nach oben gegangen, ins Gastzimmer,
+Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie Fräulein Bilsenbach, ich ließe sie, sobald sie frei wäre,
+zu mir bitten.«</p>
+
+<p>Aha, dachte er, sie hält Besichtigung ab. Und er wandte ein wenig das
+Gesicht, damit der Gast nicht das vergnügliche Schmunzeln gewahr werde.</p>
+
+<p>Dann kamen schnelle Schritte über den Gang, und Fräulein Bilsenbach
+klopfte und trat ein.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sah ihr in Spannung entgegen und sah, was er
+erwartet hatte: Augen, die das Erstaunen rundete und ärgerlich
+schienen, weil sie verblüfft worden waren.</p>
+
+<p>»Ich möchte Ihnen unsere neue Hausgenossin, Fräulein Angela Freydag,
+vorstellen, Fräulein Bilsenbach. Ich hoffe, es wird Fräulein Freydag
+gelingen, Ihre Gunst zu erringen.«</p>
+
+<p>Der Gast hatte sich augenblicks erhoben und wartete achtungsvoll auf
+die Begrüßung der Älteren. Und die Ältere sah der Jüngeren unruhig ins
+Gesicht, sah mit fliegendem Blick die Überschlankheit der Glieder und
+erkannte den Hunger.</p>
+
+<p>»Ich begrüße Sie im Hause Herrn Vanderwelts herzlich,« murmelte sie
+und streckte die Hand vor. Und das Mädchen legte die schmalen Finger
+hinein, knickste tief und beugte einen Herzschlag lang die Stirn über
+die hartgewordene Hand.</p>
+
+<p>Das alternde Fräulein starrte auf den flimmernden Scheitel. Scheu fuhr
+es darüber hin. Und die beiden Frauen standen und schauten sich in die
+Augen.</p>
+
+<p>»Sie haben eine anstrengende Nacht gehabt, Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> Freydag. Herr
+Vanderwelt liebt nur die <em class="gesperrt">raschen</em> Entschlüsse.«</p>
+
+<p>Da lachte das fremde Mädchen so heiter, daß es die andere fast in
+Verwirrung brachte.</p>
+
+<p>»Menschen wie ich sind ja <em class="gesperrt">auch</em> auf die raschen Entschlüsse
+angewiesen, und ich habe diesen nicht bereut.«</p>
+
+<p>Der Blick der Älteren flatterte zu dem Hausherrn hinüber, der einen
+Brief geöffnet hatte. Sie rang um eine Fortführung des Gesprächs. Und
+leise sagte sie und im Tone des Vorwurfs: »Sie haben ja schon Ihr
+Zimmer in Ordnung gebracht. Weshalb haben Sie das nicht dem Mädchen
+überlassen?«</p>
+
+<p>»Dem Mädchen? Ich bin doch auch ein Mädchen, Fräulein Bilsenbach, und
+habe noch immer für mich selbst gesorgt.«</p>
+
+<p>»Ich meine, ich meine — weil Sie doch von der gehetzten Fahrt sicher
+müde waren?«</p>
+
+<p>»Aber diese gehetzte Fahrt ging doch ins Leben!«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schloß einen Augenblick über dem Brief die Lider.
+Er lauschte angestrengt den hastigen Worten des Mädchens nach. Wo
+kamen sie her? Aus seinem eigenen Innern? Nur ein Widerhall —?</p>
+
+<p>Da dröhnte die Haustür ins Schloß. Da stürmten rücksichtslose Stiefel
+über den Gang. Krähend flog eine Jungmädchenstimme auf. »Heda, heda,
+wird heute nicht gegessen?« Zwei Knabenstimmen hetzten hinein.
+»Fräulein Bilsenbach! Fräulein Bilsenbach! Unser Hungertod über Ihr
+strenges Haupt!«</p>
+
+<p>»Bande!« sagte Kornelius Vanderwelt vor sich hin.</p>
+
+<p>»Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!« Die Tür zum Arbeitszimmer wurde
+aufgerissen. »Der Papa — — —!«</p>
+
+<p>»Seit wann wird an meiner Zimmertür nicht mehr geklopft, wie? Seit
+wann ist mein Arbeitszimmer Wartehalle für lärmendes Jungvolk?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span></p>
+
+<p>»Verzeihung, Papa. Wir ahnten nicht, daß — daß — du — so ganz
+ausnahmsweise — —«</p>
+
+<p>»Meine ›ausnahmsweise‹ Anwesenheit entschuldigt euch nicht. Dieses
+Zimmer hat kein einziger ohne meine Erlaubnis zu betreten. Und nun
+bitte ich um die gebräuchliche Begrüßung.«</p>
+
+<p>Die Knaben küßten der Hausdame flüchtig die Hand, hinter ihnen
+knickste Juliane. Und schon rannten sie auf den Vater zu und warfen
+ein Gewirr von Armen um ihn.</p>
+
+<p>»Dort steht wohl <em class="gesperrt">noch</em> eine Dame,« tadelte Kornelius Vanderwelt
+und drehte die Knaben an den Schultern herum.</p>
+
+<p>»Justus Vanderwelt.« — »Thomas Vanderwelt.« — Die Stiefelabsätze
+klappten.</p>
+
+<p>»Juliane,« sagte spitz die Kleine und knickste sehr zurückhaltend.</p>
+
+<p>»Fräulein Angela Freydag,« stellte Kornelius Vanderwelt mit kurzer
+Handbewegung vor. »Unsere neue Hausgenossin, die euch in der Kunst des
+Klavierspiels zu vervollkommnen gedenkt.«</p>
+
+<p>»Gleich hab' ich's geahnt,« flüsterte die Schwester den beiden zu.</p>
+
+<p>Angela Freydag reichte einem jeden die Hand. »Guten Tag,« sagte
+sie freundlich. »Guten Tag,« antwortete Justus nach einem raschen
+Überblick. »Die Arbeiten für die Obersekunda lassen leider nur knappe
+Zeit.« Und die zungengewandte Juliane schloß sich eilig an. »Ich habe
+auch noch den Tanzunterricht und Tennisstunden und — und —« »Guten
+Tag,« schloß Thomas die Reihe. »Ich spiele gern Klavier, aber nicht
+gern wie die anderen.«</p>
+
+<p>»Ich auch nicht,« stimmte ihm Angela Freydag bei und schüttelte ihm
+mit einem Aufblitzen der Augen die Hand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<p>»Nun?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Sind es nicht vielversprechende
+Zöglinge?«</p>
+
+<p>»Wir haben Hunger, Papa!«</p>
+
+<p>»Hunger? Kennt ihr euch in eurem Schiller nicht aus? Was erhält denn
+das Getriebe? Der Hunger und die Liebe! Hungrig muß der Mensch sein,
+hungrig, hungrig auf alles, was noch im Nebel liegt.«</p>
+
+<p>»Auch das Mittagessen liegt noch im Nebel, Papa!«</p>
+
+<p>»O über eure grobe Sinnlichkeit! Dürfen wir, Fräulein Bilsenbach? Ich
+bitte um Ihren Arm.«</p>
+
+<p>»Mach' zu,« raunte Justus dem Bruder Thomas zu. »Ich nehme die
+Juliane.«</p>
+
+<p>Und der junge Thomas Vanderwelt verneigte sich höflich vor dem Gast,
+bot ihm den Arm und folgte feierlich dem Vater. Hinter ihnen wisperten
+Bruder und Schwester um die Wette.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt saß zwischen der Hausdame und der Fremden.
+»Wollen Sie sich«, fragte er den Gast, »unseren Hausgewohnheiten
+gleich anpassen? Wir pflegen zu den Mahlzeiten nur Wasser zu trinken,
+um den Kopf arbeitsklar zu halten. Wein erst nach Feierabend.«</p>
+
+<p>Das aufwartende Mädchen reichte die Speisen. Es reichte sie streng
+der Reihe nach. Der Hausdame, weil es der Herr nicht anders wünschte,
+zuerst, dann dem Herrn, daraufhin erst dem fremden Fräulein und zum
+Schluß den Kindern.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie,« bat Kornelius Vanderwelt die stumm gewordene
+Nachbarin, »daß ich ein wenig haste. Ich brause sonst zwischen den
+Geschäftsstunden im Wagen durch die Wälder und Felder und verschlinge
+höchstens« — er hustete — »was die Landstraße bietet. Am Abend erst
+gesell' ich mich zur Familie — solange sie nicht schlafsüchtig ist.
+Heute machte ich eine Ausnahme. Um Sie gebührend einzuführen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Angela Freydag hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er die
+Landstraße erwähnte. Jetzt hob sie die Stirn. »Darf ich noch
+vorspielen ...?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Ja, Fräulein Freydag. Darum wollte ich Sie jetzt bitten.«</p>
+
+<p>Er stand auf, verbeugte sich nach rechts und nach links und schritt
+voran ins Musikzimmer. Allein der große Flügel wuchtete im Gemach.
+Als Sitzgelegenheiten ein paar geschnitzte Lehnsessel, ein paar
+geschnitzte Kirchenbänke. Und über dem Flügel hing als einziges
+Bild ein Schleierreigen schlanker Frauenkörper von Hans Deiters'
+Meisterhand.</p>
+
+<p>Angela Freydag trat dicht hinter Kornelius Vanderwelt ein. Sie ging,
+ohne sich umzusehen, geradeaus. Als wäre nur der Flügel und sie allein
+in dem Gemach, und der Flügel riefe sie.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt trat zur Seite und schaute auf sie. Die Hand hob
+er hoch, damit die Nachdrängenden auf den Zehenspitzen gingen, sich
+geräuschlos niederließen. Und schaute mit schwerem Atem wieder auf die
+Fremde.</p>
+
+<p>Jetzt hatte Angela Freydag den Flügel erreicht. Jetzt stand sie still,
+öffnete die Lippen, und ihre Zähne schimmerten.</p>
+
+<p>Jetzt beugte sie sich vor, strich mit den Händen hauchfein über das
+spiegelnde Holz und öffnete den Deckel.</p>
+
+<p>Ganz aufrecht saß sie auf dem Klavierstuhl. Ihre Gestalt schien
+zu wachsen — und sank plötzlich vornüber, nur noch den Händen
+hingegeben, die mit aufzuckenden Fingern aus Tasten Töne und aus Tönen
+<em class="gesperrt">Beethoven</em> schufen.</p>
+
+<p>Und schon hatte die Spielerin vergessen, für wen sie spielte und
+um was sie spielte. Und schon hatten die jäh Aufhorchenden die
+unscheinbare Gestalt der Spielerin vergessen und sahen nur noch den
+eigenwillig strengen Kopf und den blutroten Strich des Mundes. Und
+dann versank<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> für Kornelius Vanderwelt auch der Kopf, und er sah
+nichts als die Hände, die feingegliederten, ausdrucksstarken, die wie
+Falterfächeln des Einsamen Herzweh sangen, wie Quellenrieseln sein
+stilles Sehnen, sich zusammenkrallten vor der Fratze des Schicksals
+und sich wie Pantherkatzen in das Dunkel warfen, anspringend,
+zerfleischend, um mit steilem Titanentrotz das Siegeslied anzustimmen,
+das sich durchrang zum hinreißenden Menschenjubel der Erlösung von
+sich selbst.</p>
+
+<p>Noch rangen und riefen die Geister übermenschlichen Liebesrausches,
+der Selbstvernichtung um der Liebe willen, in der Luft. Noch saß die
+Spielerin in sich zusammengesunken mit schlaff herniederhängenden
+Armen und horchte aus totenblassem Gesicht dem verklingenden Leben
+nach, das in die Auferstehung langte.</p>
+
+<p>Das Spiel war aus, und keiner rührte sich.</p>
+
+<p>Und dann stand Kornelius Vanderwelt von seinem Sitze auf, trat hinter
+der Spielerin Stuhl und schlug ihr wie Pranken die Hände in die
+Schultern.</p>
+
+<p>Sie hob langsam den gesenkten Kopf, hob ihn höher und bog ihn langsam
+nach hinten, bis sein Gesicht über ihr stand. Und sie wußte nichts von
+dem schmerzenden Griff und lachte ihn lautlos an.</p>
+
+<p>»Das war es,« sagte Kornelius Vanderwelt, »das war es.« Und nickte den
+anderen zu und verließ Zimmer und Haus.</p>
+
+<p>Eine Weile harrten die Kinder noch aus. Juliane entschlüpfte zuerst,
+und Justus, der älteste, folgte ihr nach kurzer Überlegung. »Ich habe
+viel für die Schule zu arbeiten,« entschuldigte er sich bei Fräulein
+Bilsenbach. »Bleibt mir noch Zeit für den Klavierunterricht, so melde
+ich mich.«</p>
+
+<p>Dann saß nur noch Thomas Vanderwelt auf seinem<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Platz, strich sich mit
+einer langsamen Gebärde das helle Haar aus der Stirn zurück, lugte
+nach der Fremden und ersah ihre Hände, unbewußt, wie es der Vater
+getan hatte.</p>
+
+<p>Und hinter Angela Freydags Rücken sagte eine benommene Knabenstimme:
+»Das war schön ... Nein, es war nicht nur anders — es war die
+Schönheit. Ja ...«</p>
+
+<p>Angela Freydag horchte auf die liebenswürdige Stimme. Sie hörte die
+Klangfarbe des Vaters heraus, nur weicher und ungefestigt. Und der
+Klavierstuhl wandte sich der Stimme zu, und Angela Freydag saß Auge
+in Auge mit dem Jungen. Nein, es war doch nicht der Vater. Es war ein
+feiner, frühmüder Junge, der seiner Gelangweiltheit den Ausdruck der
+Überlegenheit zu geben wußte. Oder war die Überlegenheit das echte
+und der Ausdruck der Gelangweiltheit der Schein? Dann stak doch wohl
+Kornelius Vanderwelt am meisten in diesem seinem Sohne.</p>
+
+<p>»Freut Sie die Musik, Thomas?«</p>
+
+<p>»Ich kann nicht sagen, ob es die Musik ist. Vielleicht ist es nur das
+Verlangen, sich in eine andere Welt hinüberzutäuschen. Hier ist alles
+so plump und lächerlich.«</p>
+
+<p>»Wie alt sind Sie, Thomas? Vierzehn? Und Untersekundaner? Da wird
+Ihnen als dem Sohne Kornelius Vanderwelts auch diese Welt noch rosiger
+aufgehen.«</p>
+
+<p>»Ach, nein, Fräulein Freydag. Die ganze Vanderweltsche Kraft liegt
+beim Vater. Für uns bleibt nicht viel übrig.«</p>
+
+<p>Angela Freydag blickte den Frühreifen aus dem Augenspalt an.</p>
+
+<p>»Man kann auch aus eigener Kraft, Thomas. <em class="gesperrt">Neben</em> dem Vater. Nur
+irgendwo mit Willenskraft beginnen. Wollen wir es mal bei der Musik
+anpacken? Nicht um uns einzulullen — um uns zu befreien.«</p>
+
+<p>»Ich bring's nicht heraus, Fräulein Freydag. Ich meine<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> nicht das
+Notenspielen. Ich meine das, was ich ausdrücken möchte und was immer
+schlapp wird, wenn der große Ansprung kommt. Das meiste lohnt ja
+nicht, weil es lächerlich ist.«</p>
+
+<p>»Spielen Sie mir einmal vor,« gebot Angela Freydag und machte den Sitz
+frei.</p>
+
+<p>Der junge Thomas dankte höflich und nahm den Platz ein. »Es muß ja
+wohl sein, wenn Sie mir Klavierunterricht erteilen sollen. Viel Freude
+werden Sie nicht an mir erleben.«</p>
+
+<p>»Das wollen wir der Zukunft überlassen. Jedenfalls bin ich dazu da, um
+Ihr Spiel zu verbessern.«</p>
+
+<p>Er nahm ein Notenheft vor, blickte hinein und schlug lässig an. Es war
+die Mozartsche Sonate, die er geübt hatte. Lässig spielten die Hände
+die perlenden Tonfolgen und wischten den Schmelz von den Perlen.</p>
+
+<p>»Sie spielen im Regen, und Mozart zauberte in Sonne, Thomas.«</p>
+
+<p>»Mozart lebte in Wien, und ich lebe in Ruhrort, Fräulein Freydag.«</p>
+
+<p>»Das sind rein körperliche Dinge. Der Geist fragt nicht danach und
+fliegt auch von Ruhrort aus in die Sonne.«</p>
+
+<p>Ein leichtes Rot lief über des Jungen Gesicht. Unmerklich raffte er
+sich in der Haltung zusammen, überwand er die Hemmungen und suchte für
+sein Spiel die stärkeren Ausdrucksmöglichkeiten, dem Meister nach. Die
+Töne quollen heller, die Farben langten nach dem Goldschimmer, die
+Läufe erheiterten sich an ihrem Perlenfall. Und langsam, ganz langsam
+brach aus dem Notengespiele eine Knabensehnsucht hervor.</p>
+
+<p>Angela Freydag sprach kein Wort mehr hinein. Sie rückte einen Stuhl
+dicht neben den seinen, ließ den Blick nicht von seinen beschwingter
+werdenden Fingern, griff<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> nur plötzlich nach seinen Handgelenken und
+zwang sie, zu verweilen, mit jäh verdoppelter Kraft ein Tongewoge
+aus den Tasten zu schlagen, mit aufgelöster Kraft die Wogen zur Ruhe
+zu streicheln. Angela Freydag spielte, und des jungen Thomas Hände
+rührten die Tasten.</p>
+
+<p>»Das haben <em class="gesperrt">Sie</em> gespielt, nicht ich,« sagte der junge Thomas
+tief aufatmend.</p>
+
+<p>»Ich habe Sie nur in die weitgeöffneten goldenen Fluren
+hineingestoßen,« sagte die junge Lehrerin, und ihr Atem sprang nicht
+minder.</p>
+
+<p>»Ich kam aber bedenklich vom Wege ab. Oft ging's ohne Weg und Steg.«</p>
+
+<p>»Auf die musikalische Ausschöpfung kommt's an! Nicht auf die einzelne
+ordnungsmäßige Note!«</p>
+
+<p>»Ist das im Leben wirklich gerade so, Fräulein Freydag?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht. Aber die Musik ist Spiegelbild und Widerhall der
+Natur, Thomas, und die Hingabe an die Natur heißt Befreiung und nicht
+neuer kleinlicher Fesselnkram.«</p>
+
+<p>»Wie Sie das trefflich sagen. Wo haben Sie das nur gelernt?«</p>
+
+<p>»Das innerste Wesen der Befreiung? Nun werden Sie lachen, Thomas. Ich
+habe es in den Fesseln des Lebens gelernt.«</p>
+
+<p>Der junge Thomas streifte mit schnellem Blick die Magerkeit ihrer
+Gestalt, die billige Kleidung, und schaute geradeaus.</p>
+
+<p>»Soll ich Ihnen jetzt die Juliane zum Vorspielen schicken? Der Justus
+ist nur schwer heranzukriegen, aber ich werde ihm zureden.« Und er
+erhob sich, ohne eine Antwort abzuwarten, verbeugte sich höflich und
+küßte seiner Lehrerin die Hand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Angela Freydag saß und wartete auf das Mädchen. Und während sie
+wartete, liefen ihre Gedanken dem Jungen nach. Klug war er über seine
+Jahre. Klug und verwöhnt. Und weil er vom Leben verwöhnt war, reckte
+sich seine Klugheit in die Frühreife und nahm die Geschehnisse des
+Lebens nicht für ernsthaft.</p>
+
+<p>War Kornelius Vanderwelt in seinem Sohne?</p>
+
+<p>Die zwölfjährige Juliane stand vor ihr, und sie hatte sie nicht
+eintreten hören. Mit kecken Augen, kurzen Gebärden.</p>
+
+<p>»Thomas sagt, <em class="gesperrt">ich</em> wär' an der Reihe.« Und sie hockte sich auf
+den Sitz und spielte auswendig darauflos.</p>
+
+<p>»Was ist es, Juliane? Wer hat denn das in Musik gesetzt?«</p>
+
+<p>»Ach, Fräulein Freydag, Namen kann ich so wenig behalten wie die
+Jahreszahlen in der Geschichtsstunde. Hauptsache ist doch, daß man
+Musik macht.«</p>
+
+<p>»Ja, mein kleines Mädchen: wenn man Musik <em class="gesperrt">machen</em> könnte. Du
+kannst einen Lärm von Tönen machen oder ein Gehack auf dem Klavier,
+wie der Holzhauer Holz hackt, aber Musik kannst du nicht machen, du
+kannst sie nur in der Seele empfinden, so dankbar empfinden, daß du
+sie weiterleiten möchtest in andere Menschenseelen.«</p>
+
+<p>Das kleine Mädchen aber war ärgerlich, weil es ein kleines Mädchen
+genannt worden war.</p>
+
+<p>»Seele!« wiederholte es geringschätzig. »Seele! Man spielt doch zum
+Vergnügen. Wollen Sie einen Walzer hören?«</p>
+
+<p>Nein. Angela Freydag wollte keinen Walzer hören. »Ich weiß jetzt,
+was du kannst und wo instandgesetzt werden muß, Juliane. Am besten,
+wir beginnen morgen ganz von neuem und bauen von unten auf. Wenn wir
+fleißig sind — und wir <em class="gesperrt">sind</em> fleißig, Juliane — haben wir das,
+was du<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> heute zu können glaubst, in sechs Wochen wieder. Aber nicht
+nur äußerlich, Juliane.«</p>
+
+<p>Und das kleine, vorlaute Fräulein fragte spöttisch: »Ja, üben wir denn
+Klavier oder üben wir Seele?«</p>
+
+<p>»Ich fürchte, du und ich, wir werden nur Klavier üben. Das aber, ich
+verspreche es dir, gründlich.«</p>
+
+<p>Da duckte sich die Kleine, sah furchtsam nach der steilen Furche in
+der Stirn, knickste und schlüpfte hinaus.</p>
+
+<p>Wie kam Kornelius Vanderwelt zu dieser Tochter? Berechnung und
+Gefallsucht hatte dieser Mann doch nicht zu vererben? Oder stümperte
+die Natur und brachte in der Entwicklung Sprünge in den Guß, ließ
+die Sprünge zu weiterfressenden Fehlern werden, schuf Künstlertum
+um in kaltes Laientum? Nein, sie stümperte nicht, die Natur, nur
+rücksichtslos offen zeigte sie, daß es ihr genug sei mit dem einen und
+daß für die Geschlechtsnachfolger nur die Überreste des Gießererzes
+zur Verfügung stünden.</p>
+
+<p>Und dann kam Justus, der älteste, stolz und zufahrend, wissend und
+seines Namens bewußt. Angela Freydag fuhr aus der Verkettung der
+Gedanken auf, als sie seinen Schritt vernahm, der wie der Schritt des
+Vaters erklang.</p>
+
+<p>»Bitte, Fräulein Freydag, machen Sie es gnädig mit mir. Ich habe einen
+Krach mit dem Lateinlehrer, und nun soll er in meiner Rüstung auch
+nicht den geringsten Riß finden, seinen Dolch hineinzustoßen.«</p>
+
+<p>»Das nenn' ich eine ritterliche Rache, Justus.«</p>
+
+<p>»O nein. Ärgern soll er sich. Nun erst doppelt und dreifach.«</p>
+
+<p>Auch er spielte die Mozartsche Sonate. Er spielte sie geläufig und
+mit verblüffender Kunstfertigkeit, aber es war für Angela Freydags
+Sinnenempfindsamkeit wohl ein Feuerwerk, aber nicht das Feuer. Nicht
+das echte Feuer, das darum hinreißt, weil es sich selber hingibt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Justus. Ich weiß für heute genug und möchte Ihre
+Rachepläne nicht stören.«</p>
+
+<p>»Ich werde ihm schon seine Anrempelungsgelüste legen,« sagte der Junge
+hochfahrend, machte seine knappe Verbeugung und ließ Angela Freydag am
+Flügel allein. Und während Angela Freydag mit ausgestreckten Händen
+eine Trübung von den Tasten strich, ohne die Tasten zu berühren,
+suchte sie auch diesen Sohn in ein Gleichnis zu seinem Vater zu
+bringen, und er erschien ihr als der unähnlichste, weil er sich der
+ähnlichste dünkte.</p>
+
+<p>Sie fror. Und sie dachte an Kornelius Vanderwelt und spürte eine
+strömende Wärme.</p>
+
+<p>Das war es.</p>
+
+<p>Ihre Finger streckten sich aus und brachten ein paar Tasten zum
+Klingen. Mehr, mehr. Aus dem Klingen wurde ein Klang. »Das war es.«
+So hatte auch Kornelius Vanderwelt gesprochen, so und nicht anders,
+als seine Hände wie Pranken in ihre Schultern griffen. Wahrhaftig,
+dachte sie, die Schultern schmerzen. Aber es ist ein Schmerz, den man
+nicht eintauschen möchte gegen tausend Schmeicheleien. Weil er wie ein
+Ritterschlag ist.</p>
+
+<p>Immer belebter wurde ihr Spiel, immer kraftvoller, hinreißender.
+Sie spürte nicht, daß die frühe Dunkelheit des Herbsttages in das
+Zimmer einbrach und alle Ecken füllte. Sie spürte nicht, daß das
+alternde Fräulein eintrat, schweigend verharrte und schweigend das
+Zimmer wieder verließ. Angela Freydag spielte, spielte aus dunkel
+empfindendem, sehnsüchtig begehrendem, jungem, jungem Herzen heraus,
+was in ihm wogte und nach Licht begehrte, nach Leben. Dem Leben, für
+das sie nach dem kümmerlichen Hinleben und Lebenfristen keinen anderen
+Namen wußte als: das Leben.</p>
+
+<p>Und brach mitten im Spiele ab und fuhr steil in die Höhe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+<p>»Sind Sie so schreckhaft, Fräulein Freydag, oder sind Sie es nur vor
+mir?« fragte neben ihr Kornelius Vanderwelts Stimme.</p>
+
+<p>»Schreckhaft?« wiederholte sie. »Schreckhaft? Nein, ich weiß gar
+nicht, was Angst bedeutet.«</p>
+
+<p>Und in ihr lachte die Freude, daß der Helfer aus der Not wieder neben
+ihr war.</p>
+
+<p>»Sie hatten sich so dicht in ihre Tonbilder versponnen, daß Sie mich
+gar nicht gewahr wurden, Fräulein Freydag.«</p>
+
+<p>Doch, doch. Auf der Stelle war sie ihn gewahr geworden. Mitten im
+wuchtigsten Tongewoge, das sie zerriß, um ihn sehen zu können. Und sie
+sah ihn in der Dunkelheit wie bei Tage.</p>
+
+<p>Plötzlich füllte blendendes Deckenlicht ihre Augen. Aber die Augen
+schlossen sich nicht und hielten stand.</p>
+
+<p>»Es schmerzt nicht,« sagte er und hielt seine Hand über ihre Augen.
+»Man muß Licht und Dunkel gleichermaßen ertragen können.« Und sie
+schüttelte hinter seiner Hand den Kopf und wiederholte. »Es schmerzt
+nicht. Es tut wohl.«</p>
+
+<p>»Was haben Sie mit dem Nachmittag begonnen, Fräulein Freydag?«</p>
+
+<p>Seine Hand sank nieder. In zwei Kirchensesseln saßen sie sich
+gegenüber, und Angela Freydag berichtete von ihren Prüfungsversuchen
+und Erfahrungen. Aufmerksam hörte Kornelius Vanderwelt ihr zu.</p>
+
+<p>»Es ist keine Kleinigkeit mit Ihren Schülern. Fahrig sind sie alle
+drei. Und doch grundverschieden. Bei dem einen wird vielleicht einmal,
+wenn das Leben gründlich hämmert, eine Goldquader zutage treten,
+während es bei den anderen« — er strich sich über die Stirn — »bei
+Glimmer oder Katzengold verbleiben wird. Nun, die Zeit wird es lehren.
+Haben Sie nach dem Ausfall Ihrer Prüfungen noch den<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Mut, auch noch
+den Schöpfer dieser drei Herrlichkeiten als Schüler anzunehmen?«</p>
+
+<p>»Das ist nicht Ihr Ernst, Herr Vanderwelt ...«</p>
+
+<p>»Halten Sie mich für einen so hoffnungslosen Fall?«</p>
+
+<p>»Ich halte Sie für einen — für einen hochstehenden Kulturmenschen,
+der sich über mich lustig macht.«</p>
+
+<p>»Dann führen Sie diesem Kulturmenschen mal die Kraft und Größe Ihrer
+Natur vor die Augen.«</p>
+
+<p>In ihre Stirn sprang die Furche, in ihre Augen der aufflackernde Funke.</p>
+
+<p>»Ich werde mit Ihnen spielen, wenn Sie es wünschen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Nun wollen wir zu Tisch gehen. Fräulein Bilsenbach wird schon
+unglücklich sein. Ein geschäftliches Wort noch, und dann nichts mehr
+davon: Das Entgelt für Ihre Mühen finden Sie an jedem Monatsersten auf
+Ihrem Zimmer vor. Eine Bestätigung ist überflüssig. Und jetzt schnell
+meinen Arm.«</p>
+
+<p>Da schoß ihr vor Freude das Blut ins Gesicht und machte sie schwer und
+unbeholfen an seinem Arm.</p>
+
+<p>»Was haben Sie?« fragte er und beugte sich besorgt über sie.</p>
+
+<p>Und sie riß sich zusammen und schritt federkräftig an seiner Seite.</p>
+
+<p>»Es war nur der Wechsel,« sagte sie, und ein fernes Lachen schwang
+mit. »In den ›Fünf Erdteilen‹ gab es gestern ganz andere feierliche
+Gebräuche.«</p>
+
+<p>Es war das erste Mal seit Jahren, und das alternde Hausfräulein wußte
+sich nicht des Tages zu entsinnen, wann es gewesen sein könnte, daß
+Kornelius Vanderwelt nach der gemeinsamen Abendmahlzeit sich nicht
+in sein Zimmer zurückzog, daß er nicht nach kurzer Ruhepause, die er
+einem Buche widmete, das schlummerversunkene Haus wieder<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> verließ.
+Schon hatten sich die Kinder zur Nacht verabschiedet, schon hatte das
+Hausmädchen das Geschirr abgetragen, und immer noch saß der Hausherr
+vor der Flasche Wein, die auf seinen Wink vor ihn hingestellt worden
+war, füllte die Gläser nach, die vor seinen Nachbarinnen standen, tat
+selber zuweilen einen behaglichen Zug und lockte durch sein fröhliches
+Plaudern zuletzt sogar das Geplauder der zurückhaltenden Frauen hervor.</p>
+
+<p>Einmal entdeckte er, wie sich die Hand des arbeitsmüden Fräulein
+Bilsenbach verräterisch zum Munde hob.</p>
+
+<p>»Noch einen Abschiedsgesang an den Tag,« bat er. »Ein Erntedanklied.
+Nein, Fräulein Bilsenbach, ich mute es Ihnen nicht zu, noch eine
+Stunde im Musikzimmer auf der Bank zu sitzen. Sie haben des Tages Last
+und Mühen mehr als wir alle getragen. Seinen Kleinkram nämlich. Gute
+Nacht, schlafen Sie recht wohl.«</p>
+
+<p>Er erhob sich gemeinsam mit den beiden Frauen und forschte in den
+Augen der jüngeren, und er sah, daß die Augen Angela Freydags so wach
+waren, wie am hellen Tage. Er winkte ihr zu, und sie beugte sich über
+die Hand der älteren und folgte ihm.</p>
+
+<p>Das Musikzimmer lag feierlich still im Glanz der Deckenlichter. Als
+schritten sie durch eine Kapelle, so schritten sie hindurch zum
+Hochaltar des Flügels. Kornelius Vanderwelt schlug ein Notenbuch auf,
+blätterte und rückte es auf den Notenhalter. »Brahms?« fragte sie
+leise und froh. Er nickte. »Seine Gedanken über Händel. Ein Gespräch
+zwischen zwei Geistesriesen. Es ist zu vier Händen gesetzt.«</p>
+
+<p>Er vertauschte den Klavierstuhl mit einer kurzen Bank. Und sie saßen
+dicht nebeneinander, daß der eine den Bluttakt des anderen wie den
+gleichen Pulsschlag fühlte. Angela Freydag neigte das Haupt. Sie
+begannen.</p>
+
+<p>Schwer und spröde rangen sich die Bekenntnisse der<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Brahmsschen Seele
+hervor und huldigten dem Geiste des großen Abgeschiedenen. Und aus der
+Unsterblichkeit antwortete der deutsche Riese, und was er dem jüngeren
+zurief, übersetzte der Schwerblütige in die eigene Sprache, bis sie,
+des unsterblichen Geistes voll, sich freirang von der Erdenschwere
+und sich in Klängen ausströmte über Menschenworte hinaus von Geist zu
+Geist.</p>
+
+<p>Die Hände ruhten. Eine Röte flackerte über Kornelius Vanderwelts
+Stirn, und Angela Freydags Stirn war erblaßt.</p>
+
+<p>»Man darf nicht nachlassen, man darf nicht nachlassen,« murmelte der
+Mann. »Die Schale mag so rauh und widerborstig sein, wie sie will —
+irgendwo, irgendwo findet der Suchende doch den süßen Kern. Ach, über
+das ewige Suchen!«</p>
+
+<p>Er klappte den Deckel zu. Seine Augen schweiften nach der Diele. Eine
+Wanduhr schlug.</p>
+
+<p>»Sie wollen schlafen gehen —?« fragte das Mädchen scheu.</p>
+
+<p>»Schlafen? Suchen gehen will ich. Suchen. Mit der Gewißheit, nur leere
+Schalen zu finden, die man mit Wein hinunterspülen muß.«</p>
+
+<p>Da tastete das Mädchen nach des Mannes Hand und wußte selber nicht,
+woher es seinen Mut nahm.</p>
+
+<p>»Tun Sie es nicht, Herr Vanderwelt. Bitte, tun Sie es nicht. Sie sind
+zu gut dazu.«</p>
+
+<p>»Wozu?« fragte er barsch zurück. »Und was wissen Sie von meiner
+Gutheit? Nein, lassen Sie Ihre Hand nur liegen, wo sie liegt. Sie
+redet greifbarer als Ihre Worte. So muß die Hand Brahms' geredet
+haben, wenn ihm der Erdenmund versagte.«</p>
+
+<p>Ganz locker lagen ihre Finger um seine große Hand. Sie wartete mit der
+Geduld eines Kindes.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>Da begann er zu sprechen und griff auf ihren Anruf zurück.</p>
+
+<p>»Wozu sollte ich zu gut sein ... Ach, es ist der Wildwestabend, der
+Ihr Mädchengemüt beschwert. Wissen Sie denn nicht, daß ich Tag um Tag
+Kohlen verfrachte, Kohlen in Kähne und Kähne voll Kohlen stromauf und
+stromab? Die halbe Welt kann man damit anheizen und brennt selber
+dabei leer wie ein Krater. O gewiß, ein jeder Mensch hat seinen Beruf
+und findet sein Glücksbehagen darin, ihn auszufüllen. Ich gehöre
+aber nicht zu diesen Glücklichen und viel weniger noch zu diesen
+Behaglichen. In mir ist eine Unze Blut zu viel! Weshalb zucken Sie
+mit den Fingern? Eine Unze Blut zuviel ist ein Gnadengeschenk des
+Herrgottes oder eine seiner wilden Launen.«</p>
+
+<p>»Beides stammt aus seinem Willen, und wir sind seine Kinder,« sagte
+sie hastig.</p>
+
+<p>»Sieh einer den Klügler! Dann wäre es aus mit Sünde und
+Sündenbereuung, und die Unze Blut mehr rechtfertigte uns vor Gott und
+den Menschen.«</p>
+
+<p>»Gott«, sagte sie langsam, »ist mir zu groß und zu fern, und die
+Menschen sind mir zu nah und zu klein. Ich muß den Glauben haben, daß
+mir der Schöpfer aller Kreatur die Unze Blut nicht unnütz zugegeben
+hat.«</p>
+
+<p>»Unnütz, Sie kleine Sternendeuterin? Was nennen Ihre Mädchengedanken
+— nein, Ihre Künstlergedanken unnütz?«</p>
+
+<p>»Wenn es nicht nützte, das Schöne vom Gemeinen zu unterscheiden und
+mich selber über den Alltag der Menschen emporzuheben.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt streichelte die kaltgewordene Hand.</p>
+
+<p>»Bleiben wir beim Gegenstand. Nach einer Brahmsschen Musik sehen wir
+zu leicht durch eine überirdische Brille. Mich trieb die Unrast des
+Blutes in Jünglingsjahren auf die See,<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> und ich durchstürmte die
+Entwicklungsjahre in den Meeren aller Erdteile. Es war nichts als
+eine dunkle Sehnsucht. Ein Drang, von irgendeiner Erdenschwere meine
+Brust zu befreien, zum Genuß des Unsagbaren zu gelangen. Es hätte mich
+ebensogut auf eine Hochschule für Musik treiben können.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie nur, »es ist wohl dieselbe Sehnsucht.«</p>
+
+<p>»Nur keine Kopfhängerei,« gebot er hart. »Die heulenden Derwische
+waren mir immer das greulichste. Ich habe zugepackt und jedes Ding auf
+meine Sehnsucht untersucht und hohl gefunden und wieder zugegriffen.
+Zum Schlusse blieben mir nur noch grobe Gehäuse in den Händen mit
+rasselnden Kernen. Der Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹ fuhr auch
+als Matrose, und wir waren schon in allen richtigen fünf Erdteilen
+zusammengetroffen, bevor wir uns nach dem Tode meiner Frau in seiner
+Kneipe wiederfanden.«</p>
+
+<p>»Frau Vanderwelt starb schon jung?« — —</p>
+
+<p>»Sieht man mir das Kneipenlaufen so sehr schon an?« scherzte er.
+»Ich war fünfundzwanzig Jahre und Offizier in der Handelsflotte, als
+die junge Ruhrorter Erbtochter mich sah und nicht mehr von mir ließ.
+Wohlgemerkt: ich ließ ebensowenig von ihr! Da gab's nur Heiraten. Und
+das Geschäft übernehmen. Drei Kinder hat sie mir geschenkt und sich
+selbst. Sich selbst bis in den Rest. Und das Licht erlosch und es
+wurde dunkel und in der Dunkelheit wurde nichts mehr geboren als nur
+dunkler Drang, unstetes Übersichselbsthinaussehnen ...«</p>
+
+<p>Er schwieg eine Weile vor sich hin.</p>
+
+<p>»So kam ich zum Matthes. Der Kerl war für mich nichts als ein
+Ankerplatz heftig schwärmender Erinnerungen. Für Sie aber war es
+der unrechte Ankerplatz, und ich freue mich, daß ich Sie aus der
+Wetterecke wieder hinauslotsen durfte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Auch das Mädchen schwieg eine Weile vor sich hin. Und dann sprach es
+unaufgefordert und eilend.</p>
+
+<p>»Die Wetterecken waren mir vertraut genug. Ich habe als Kind in
+mancher Wetterecke gestanden und auf meinen Vater gewartet. Er war
+ein so großer Kapellmeister gewesen, wie meine Mutter eine große
+Sängerin gewesen war. Bevor sie sich heirateten. Da zerschlugen
+sie gegenseitig ihre Kunst aus kleiner, ganz kleiner körperlicher
+Eifersucht heraus. Die Mutter fuhr dem Vater lärmend in die Proben
+und Unterrichtsstunden, immer argwöhnisch, seine Künstlerbegeisterung
+für eine Sängerin hätte andere Gründe. Der Vater, mehr und mehr
+seiner Persönlichkeit entkleidet, suchte im Leben der Mutter, um
+aus der Tiefe auftrumpfen zu können. War die Mutter beschäftigt, so
+trank der Vater in der Wetterecke. War der Vater beschäftigt, so
+trieb die Unrast die Mutter lauschend durch die Gassen. Bald habe ich
+auf den einen, bald auf den anderen in einer Ecke, in einem Torgang
+gewartet. Bis sie sich um die letzte Stelle gebracht hatten und im
+Haß aufeinander verstarben. O ja, die Wetterecken sind mir vertraut
+geworden.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt strich ihr mit der flachen Hand über Schulter und
+Rücken, als beruhigte er ein Kind.</p>
+
+<p>»Menschenkindlein — Menschenkindlein — wer sich in der Irre und
+Wirre begegnet, ist sich nicht fremd.«</p>
+
+<p>Sie schloß die Augen unter seinem zarten Streicheln. Wie vor einem
+unbekannten Geschehen.</p>
+
+<p>Wieder schlug die Dielenuhr. Das Mädchen öffnete die Augen und heftete
+sie auf den Mann.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Sie ruft nicht mehr nach mir. Der Matthes wird seinen Schlummerpunsch
+alleine trinken. Ich weiß einen Schlaftrunk, der über den Alltag
+hinweghilft und doch die Sinne<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> jung erhält. Ihre Musik, Mädchen.
+Ihre innerliche Musik. Spielen Sie mir noch einmal die Sonate von
+Beethoven, und wir wollen zur Ruhe gehen.«</p>
+
+<p>Angela Freydag setzte sich aufrecht. Die Müdigkeit, die sie überkommen
+hatte, schüttelte sie ab. Über ihr Gesicht lief ein Zucken — ein
+Aufhorchen fern, fernhin. Und der Körper gab den Händen nach und
+die Hände vergaßen den Körper und wandelten sich zu fremden Wesen,
+taumelnd, trunken, in Stürmen standhaltend, aus unermeßlichen
+Freiheitswonnen heimkehrend zu den auserlesenen Händen Angela
+Freydags. — —</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt verließ seinen Platz. Aber er trat nicht auf die
+Erschöpfte zu. Er ging mit leisen Schritten durch die Verbindungstür
+in sein Arbeitszimmer, suchte aus den Büchergestellen einen Band
+hervor und brachte ihn aufgeschlagen herein.</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen doch irgendeinen Dank sagen. Lesen Sie.«</p>
+
+<p>Sie nahm das Buch aus seinen Händen und sah, daß es ein Gedichtbuch
+war. Und das Gedicht, das er für sie aufgeschlagen hatte, trug die
+Überschrift: »Sonate«.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du spielst ... Ich will nicht wissen, was es sei —</div>
+ <div class="verse indent0">Am Flügel lehn' ich. Nur der Finger Fliehen</div>
+ <div class="verse indent0">Und Wiederkehr seh' ich vorüberziehen</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Falterspiel im reichen Blütenmai;</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Mondesstrahlen, die im Dämmer geistern,</div>
+ <div class="verse indent0">Die, wundersam, wohin ihr Weg sie führt,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Klingen bringen, was noch unberührt —</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie die Hände stolz den Flügel meistern,</div>
+ <div class="verse indent0">Blaß wie die Farbe seines Elfenbeins<br></div>
+ <div class="verse indent0">Hin<em class="gesperrt">stürmen</em> — jetzt wie <em class="gesperrt">Hauch</em> die Tasten fächeln —</div>
+ <div class="verse indent0">Sucht, einen Herzschlag lang, dein Auge meins —<br></div>
+ <div class="verse indent0">Da träumt in deinem Blick für mich ein Lächeln ...</div>
+<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ <div class="verse indent0">Wie fern die Welt! Still wird des Blutes Tosen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich lieg' in eines Parks vergeßner Ruh',</div>
+ <div class="verse indent0">Die wehenden Gräser decken tief mich zu,</div>
+ <div class="verse indent0">An meinen Schläfen spür' ich ein Liebkosen,</div>
+ <div class="verse indent0">Scheu, spielend, wie von schlanken Frauenhänden,</div>
+ <div class="verse indent0">Als würd' die Stirn gestreift von weißen Faltern —</div>
+ <div class="verse indent0">Um mich ein Duft, den seltne Lilien senden —</div>
+ <div class="verse indent0">In mir ein Glück: — nie — niemals — kann ich — altern ...</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+
+
+<p>»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mannes.</p>
+
+<p>»Gute Nacht,« klang die Stimme des Mädchens, das das Buch in den
+Händen behielt. — — —</p>
+
+<p>An diesem Abend wurden Kornelius Vanderwelt und die junge Angela
+Freydag Freunde.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="4">4</h2>
+</div>
+
+
+<p>Nie war aus Kornelius Vanderwelts Wesen ein größerer Ernst
+hervorgewachsen als in dem Winter dieses Jahres, als in dem
+neuen Frühling und dem neuen Sommer, der in Blüten rauschte, um
+Früchte zu reifen. Kein grüblerischer Ernst, der die Blätter der
+Vergangenheit durchstrichen hätte um einer neuen Lebensführung
+willen. Ein Mannesernst, der aus der Freude geboren und so tief von
+den Freudenwehen der Geburt durchtränkt war, daß er die Freuden des
+Daseins bald als ein Heiliges zu nehmen gezwungen war, als kristallene
+Quellen, die in der Stille am lautesten riefen und das Verlangen
+köstlicher tränkten als der Lärm der Nachtwachen. Wohl, daß Kornelius
+Vanderwelt, wenn sein Weg ihn durch die Hafengassen führte und an
+dem stürmischen Kap ›Zu den fünf Erdteilen‹ vorüber, dem Matthes ein
+übermütiges Wort zuwarf, wohl, daß er wie bisher das Gedränge der
+Schiffer vor der Schifferbörse durchschritt und sich durch heiße
+Laune und klaren Ratspruch die Herzen gewann. Aber es war ein anderer
+Klang seines Starkmutes, der sich zur führenden Note durchrang, ein
+klingenderer Klang, wie aus einem nachgeschliffenen Glase, der die
+Augen aufblicken machte und die gröblichste Zudringlichkeit entfernte.
+Die Zechbrüder und geringen Geister zogen ein Maul und meinten wohl
+gar, der Kornelius Vanderwelt sei nun auch unter die ›Herren‹<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span>
+gegangen. Die Ernsthaften des Gewerbes aber blickten auf sein
+wirksames Tun und gaben der Ansicht Ausdruck, daß es für den Ruhrorter
+Hafen eine noch viel stärkere Auswirkung haben werde, wenn der Mann
+der kleinen Leute für die Großen nicht als der Spaßmacher gelte,
+sondern als zuverlässiger Posten in der Gesamtbuchführung.</p>
+
+<p>Wenn auch Kornelius Vanderwelt nicht mehr durch die Ungebundenheit der
+Führerbegabung die lärmenden Nachtwachen verstärkte, so war er doch zu
+gegebenen Zeiten an den Tischen der ›Erholung‹ anzutreffen, erzielte
+unter den Größen des Handels zunächst einige Verwunderung, wurde
+eine Weile mit der gebotenen kaufmännischen Zurückhaltung angehört,
+allmählich aber mit der geweckten Teilnahme der Weitsichtigen und
+Überragenden, die die Bedeutung des Mannes als Stürmer und Dränger
+bald erkannten und für die eigenen Großpläne im Hafengetriebe nicht
+missen mochten.</p>
+
+<p>»Nur das Wasser verbindet die Erde,« betonte Kornelius Vanderwelt
+immer wieder. »Wer zur See gefahren ist, weiß es am besten und weiß
+vor allem, wie winzig die Erde ist und wie sich das Leben darauf
+zusammenballt. Nur das Wasser vermag die Erde zu entlasten, nur
+das Wasser, meine Herren, weil es nur Straße und nichts als Straße
+ist. Und gerade dort, wo sich das Land in einem nicht absehbaren
+Gebärungsverfahren befindet wie im Lande der Kohle. Wasser heran und
+immer wieder: Wasser. Der Herrgott hat unserer Stadt, hat dem ganzen
+umliegenden Gebiet ein großes Pfund gegeben, und mit einem Pfunde
+soll man, schon nach dem Bibelwort, wuchern. Dieses Pfund ist der
+nutzbringendste Binnenhafen der Welt. Nutzbringend nicht nur für die
+Lebenden. Das hieße einen Fischteich leerfischen und austrocknen
+lassen. Nutzbringend für uns, für die, die nach uns kommen und letzten
+Endes für die gesamte<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Menschheit, die die Arme nach der verbilligten
+Kohle streckt. Denn die Kohle ist der Urstoff allen Lebens, ist
+Heizkohle und Öl, Farbstoff, Heilmittel, Wunder und Wahrheit. Leiten
+Sie sie der Welt so zu, daß auch der Ärmste danach greifen kann, daß
+ihm aus Wunder Wahrheit wird, nämlich die Lebensberechtigung und die
+verstärkte Freude an dem bißchen Leben. Und fürchten Sie sich nicht
+vor dem gesteigerten Wettbewerb, den neue Hafenbecken, neue Kanäle
+zwischen den Städten und Stromgebieten, neue Zufahrtstraßen zu den
+Seehäfen und somit zur ganzen, weiten Welt hervorrufen könnten.
+Gesteigerter Wettbewerb heißt Steigerung unserer Kräfte, und ich
+wiederhole es: wir sind nicht zum Schlafen auf die Welt gekommen.«</p>
+
+<p>Aber es war nicht nur ein Reden, es war auch ein werktätig Handeln.
+Bei den Strombaubehörden und Hafenverwaltungen holte er sich Rat und
+arbeitete die gewonnenen technischen Erfahrungen immer wieder mit
+den mitbestimmenden kaufmännischen Gesichtspunkten zu einer Einheit
+zusammen, die er Prüfungen unterzog, umgestaltete, klärte, bis er
+seine Ergebnisse den ausschlaggebenden Stellen vorlegen konnte und
+nicht locker ließ, bis der Kampf entbrannte.</p>
+
+<p>»Er ist wie ein Wolf,« hieß es oft und öfter von ihm. »Was er packt,
+hält er fest und läßt sich eher totschlagen, als es freiwillig wieder
+loszulassen.«</p>
+
+<p>Im Geschäft hatte Beckenried gute Tage. Er brauchte nicht mehr in
+ängstlicher Hut zu sein, zur Zielscheibe unliebsamer Scherze zu
+dienen. Er fand den Geschäftsherrn stets gesammelt und auch bereit,
+des Mitarbeiters Stimme zu würdigen. Nur die Ausnutzung des Geldes bis
+in seine letzten Wirkungen ließ sich Kornelius Vanderwelt so wenig
+vorschreiben wie in früheren Tagen, und jede Mahnung des trockenen
+Rechners schob er mit den Worten zur Seite:<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> »Sie sind eben nur ein
+Lebewesen, lieber Beckenried, und kein lebendiger Mensch.«</p>
+
+<p>Nach wie vor galt Kornelius Vanderwelt das Geld als Schlüssel zum
+erweiterten Leben.</p>
+
+<p>»Wenn wir Ruhrort zum bedeutendsten Binnenhafen der Welt erheben
+wollen, lieber Beckenried, dürfen seine Anwohner keine Pfennigkrämer,
+müssen sie Menschen von Weltempfinden sein. Und Weltempfinden
+verlangt: die Welt erleben bis in die letzte Pore und beitragen, daß
+sie uns lebenswert bleibt. Mit Klageweibern bringen Sie das nicht
+zustande, wohl aber mit notbefreiten Geschöpfen.«</p>
+
+<p>»Sie werden Notbefreiung säen und Habgier oder Verschwendungssucht
+ernten, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Nicht bei allen. Und um die, auf die Ihr Seherwort zutreffen sollte,
+ist es nicht schade. Hingegen glaube ich, daß gegen eine kleine
+Gehaltsaufbesserung selbst Sie nichts einzuwenden hätten.«</p>
+
+<p>Nein, Herr Beckenried hatte <em class="gesperrt">nichts</em> dagegen einzuwenden, und
+er bedankte sich mit einem stillen Geschmunzel. Und die Herren im
+Hauptkontor erhoben sich, als Kornelius Vanderwelt am Abend den
+Raum durchschritt, von ihren Sitzen und machten ihrem Brotherrn ein
+paar erregte Dankesverbeugungen, denn auch sie waren bei dem stark
+gehobenen Geschäftsgang nicht vergessen worden.</p>
+
+<p>»Lassen Sie sie in Gottes Namen auf ihre Art selig werden,«
+erwiderte am nächsten Morgen Kornelius Vanderwelt auf die grämliche
+Anklage Beckenrieds, die Herren seien in der Frühe mehr ins Kontor
+hineingetaumelt als hineingegangen. »Die Hauptsache ist nämlich das
+<em class="gesperrt">Selig</em>werden. Die <em class="gesperrt">Art</em> hängt vom persönlichen Geschmacke
+ab, und der klärt sich.«</p>
+
+<p>Es war ein Jahr der Selbsterkenntnis für Kornelius Vanderwelt
+geworden, und die Erkenntnis seiner selbst<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> war ihm gekommen durch die
+Erkenntnis des jungen Geschöpfes an seiner Seite.</p>
+
+<p>Denn Angela Freydag war ihm zur Seite, wo er ging und stand. Er
+mochte sich dagegen wehren, und er hatte es lange genug getan, er
+fand, ob er durch das Gewoge vor der Schifferbörse schritt, ob er die
+Häfen durchkreiste oder in der Stille seines Sonderkontors hinter
+Abmachungen und Planungen hockte, seine Gedanken immer wieder in einer
+Art Zwiesprache mit ihr, wie sie der Meister mit dem bevorzugten
+Lehrling hält, und unwillkürlich richtete sich seine öffentliche
+Haltung wie seine innerliche nach den gläubigen Mädchenaugen seines
+Gedankenbildes.</p>
+
+<p>Und die Einbildung wurde zur Wirklichkeit, je weiter der Winter
+fortschritt und die Abende sich dehnten in die Feierstunden des
+Advents und in die tieferen Besinnlichkeiten der Seele.</p>
+
+<p>»Sonst«, sagte er zu seiner Begleiterin auf dem Flügel, »pflegte ich
+den ungeklärten Empfindungen aus weihnachtlicher Zeit kurzer Hand
+bei Freund Matthes den Garaus zu machen. Heute lasse ich mich davon
+einlullen, ich weiß nicht wie, und könnte mich stundenlang mit Ihnen
+über das Christkind unterhalten. Wenn es keine Alterserscheinung ist,
+muß es doch wohl die Jugend in mir sein.«</p>
+
+<p>Und Angela Freydag erwiderte: »Es ist die Jugend.«</p>
+
+<p>»Das ist eine Behauptung und kein Beweis.«</p>
+
+<p>»Was man empfindet, braucht man nicht zu beweisen. Sie empfinden ja
+auch die Hand des Schöpfers, ohne sie in Worten beschreiben zu können.«</p>
+
+<p>»Hübsch gesagt. Nur spielt meine Jugend bei dem Vergleich eine sehr
+nebensächliche Rolle.«</p>
+
+<p>»Nein, nein. Das glaube ich nicht. Es gibt keine Größenverhältnisse,
+wenn das Gefühl spricht.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie es nicht ein wenig mehr sprechen lassen,<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> Fräulein
+Freydag? Es ist so ein schummeriger Abend. Draußen fällt der Schnee
+wie weiche Watte, die ganz dicken Flocken pochen mit Geisterfingern an
+die Scheiben, und wo selbst die schwarzen Kohlenhalden Hermelinmäntel
+tragen, dürfen wir uns wohl auch für ein Stündchen in einen
+Märchenmantel wickeln.«</p>
+
+<p>Sie schlug mit suchenden Fingerspitzen ein paar Töne an, die im Raume
+hängen blieben.</p>
+
+<p>»Es ist kein Märchen, es ist Wahrheit, daß Sie jünger sind als wir
+alle. Von den anderen will ich nicht sprechen. Weil Sie es wünschen,
+von mir. Vielleicht ist es mir selber noch gar nicht zum Bewußtsein
+gekommen, was Jugend ist und was sie sein kann. Vielleicht ist sie
+eine große, große Kunst und nicht jedem gegeben. Ganz sicher aber bin
+ich, daß Sie die Kunst besitzen. Wie ein Musikstrebender die Kunst der
+Meister verspürt und nicht erst nach der Haarfarbe der Meister sieht.
+Ja, das scheint wohl ziemlich töricht dahingeredet.«</p>
+
+<p>»Die Märchen um Weihnachten herum«, meinte Kornelius Vanderwelt, und
+auch seine Hände suchten ein paar Tasten und brachten sie zum leisen
+Weiterklingen, »erscheinen <em class="gesperrt">auch</em> oft in törichtem Gewande.
+Wissen Sie auch, weshalb? Weil sie nur für die Törichten erfunden sind
+und nicht für die Tüftler und Neunmalweisen. Und Jugend muß wohl eine
+besonders süße Torheit sein, sonst würden sich die Erleuchteten unter
+den Menschen nicht so schrecklich ihrer schämen.«</p>
+
+<p>»Nein, das haben Sie nie getan und werden es auch niemals tun.«</p>
+
+<p>»Mein Wort darauf: nein. Und wenn Sie es wollen, will ich Ihrem
+dunklen Tasten immer Lehrmeister sein, so wie ich Ihr ernsthaftester
+Schüler wurde in der Erschließung unserer musikalischen Welt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>»Es geht wohl um das gleiche,« sagte Angela Freydag sinnend.</p>
+
+<p>Und dann begannen sie ihr Zusammenspiel. —</p>
+
+<p>Es war nicht die leichteste Aufgabe, die Angela Freydag im Hause
+Kornelius Vanderwelt zugefallen war. Der Unterricht der Kinder
+gestaltete sich selten zu Feierstunden und es gab mürrische Mienen,
+trotzige Worte oder stumme Widerstände fast täglich zu überwinden.
+Angela Freydag überwand sie. Sie überwand sie mit dem Ernst ihrer
+Augen, in deren Tiefe urplötzlich ein Funke aufspringen konnte wie
+eine drohende Lohe. Und sie überwand sie mit einem jähen Streicheln
+ihrer Hand, das die Kinder überraschte und benommen machte. Dann hatte
+Angela Freydag gedacht: es sind Kornelius Vanderwelts Kinder.</p>
+
+<p>Es war auch nicht die leichteste Aufgabe, ihre Stellung neben der
+langjährigen Vertreterin des Hauses zu wahren und zu festigen.
+Hatte auch das alternde Fräulein niemals ihren Wünschen so weiten
+Lauf gelassen, dem Hausherrn im Arbeitszimmer oder im Musikzimmer
+abendliche Gesellschaft leisten zu dürfen, so erregte doch die
+Gewährung solcher Vorrechte an die Fremde einen Kampf in ihrem
+Innern, der sich nur bis zur wortkargen Duldung des Eindringlings
+beschwichtigen ließ.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt gewahrte es bald.</p>
+
+<p>»Weshalb schließen Sie sich aus, Fräulein Bilsenbach?« fragte er
+freundlich. »Sie sollten Unterricht bei Fräulein Freydag nehmen.«</p>
+
+<p>Das Fräulein wies die Zumutung, eine Schülerin abzugeben, mit
+Entrüstung zurück.</p>
+
+<p>»Ich bin zu alt dazu, um noch in die Lehre zu gehen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ich würde, wenn ich wüßte, es gäbe irgendwo eine<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Schönheit des
+Lebens zu erlernen, tausend Meilen zu Fuß pilgern. Und wenn ich das
+Asthma hätte.«</p>
+
+<p>Mit diesem Versuch war die Angelegenheit endgültig für ihn abgetan.</p>
+
+<p>»Fräulein Freydag,« bat er, als sie am späten Abend in der Stille des
+Arbeitszimmers über ein Dichterwerk gebeugt saßen, »vergessen Sie
+unter keinerlei Umständen, daß Sie <em class="gesperrt">mir</em> zuliebe in diesem Hause
+sind.«</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und sah ihm stumm in die Augen.</p>
+
+<p>Und dann blätterten sie weiter, und Kornelius Vanderwelt deutete ihr
+an dem einen Abend die Dichter und an dem anderen Abend die Maler
+und Bildhauer der Zeiten. Er wies ihr die Baustile und ihre größten
+Meister und brachte alles, was er von den Meistern wußte und in ihnen
+lieben gelernt hatte, in ein Gleichnis von musikalischen Formeln,
+damit die Musikerin in ihr leichter die Wege fände. Da war es oft,
+daß sie mit Ausdrücken um sich warfen, als behandelten sie statt
+eines Wortgemäldes, eines farbigen Bildes oder steinerner Bauformen
+eine Beethovensche Symphonie, und die Tasten des Flügels erklingen
+ließen, um sich leichter Rede und Antwort zu stehen und die Fragen der
+Schülerin zu klären. Oft auch, daß sie auserwählte Gedichte lasen und
+das Ergebnis ihrer Empfindungen auf dem Flügel mit dem Stimmungsgehalt
+der Tonschöpfungen verglichen, die das Gedicht als Lied neu geboren
+hatten, und Brahms und Schubert, Schumann und Mendelssohn sangen durch
+den Abend, und Hugo Wolf und Richard Strauß antworteten in ihren
+Weisen.</p>
+
+<p>Wie zwei junge Menschen gleichen Alters saßen sie an solchen Abenden
+Schulter an Schulter, und die Schülerin tat hastige, frohe Atemzüge
+der Erkenntnis, und der Lehrer steigerte sein Wissen, um dem Erwachen
+der Schülerin Schritt zu halten. Während sie aber lehrten und
+lernten,<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> lernten und lehrten, fühlte das Mädchen, wie die schweren
+Nebel der Vergangenheit sanken, wie die verschlossen gebliebenen
+Türen und Fenster ihrer Wesenheit sich öffneten und Licht und Wärme
+nie geahnter Art hineinwogten, die das Bewußtsein ihres Lebens
+aufwühlten, mit Schauern der Freude füllten und es aufschnellen ließen
+wie zitterndes Reis nach der Sonne; fühlte der Mann, wie Hasten und
+Lasten der Gegenwart gleich Fremdkörpern aus dem Blute wichen und
+die Vergangenheit, dort, wo sie am schönsten gewesen war, die Augen
+aufschlug und sprach: Nein, ich bin noch nicht tot.</p>
+
+<p>Da war es, daß Angela Freydag ihre wundgelaufenen Füße nicht mehr
+spürte und Kornelius Vanderwelt nicht mehr sein wundgehetztes Hirn.
+Als sie sich beide auf dem Wege zur Jugend trafen und der eine
+Weggenoß den anderen staunend bei der Hand nahm.</p>
+
+<p>Wie verklärt sie aussieht, dachte Kornelius Vanderwelt. Die Erkenntnis
+ihrer Jugend hat ihre Jungfräulichkeit gereift. Und er sagte laut:
+»Angela! Angela bedeutet Engel.«</p>
+
+<p>Sie lachte ihn an und schüttelte heftig den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich bin kein Engel. Engel hängt man in den Weihnachtsbaum, und ich
+habe Hunger und Durst nach der Erde.«</p>
+
+<p>»Was für ein Geschöpf möchten Sie lieber sein, Engel?«</p>
+
+<p>»Fragen Sie doch nicht. Sie wissen es ja, was ich bin. Sie formen ja
+das Geschöpf aus Ihren Händen heraus.«</p>
+
+<p>»Engel,« sagte er und forschte in ihren Augen, »ich sehe kluge,
+ernste, graue Augen. Mädchenaugen. Und doch sehe ich zuweilen darin
+jäh über den Horizont springende Blitze, als sprängen Panther an.«</p>
+
+<p>Sie hielt die Augen weit auf vor seinem forschenden Blick.</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht, daß es so vornehme Tiere sind, Herr Vanderwelt. Es
+werden wohl arme, hungrige Wölfe sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>»Setzen Sie mir nicht den Wolf herunter, Engel. Der Wolf war den Alten
+heilig und stand den Göttern nahe. Nicht nur dem kriegerischen Wodan
+der Germanen. Auch Apollo, der Gott der Künste, wählte den starken
+Wolf zu seinem Begleiter. Und eine Wölfin säugte die Erbauer Roms.«</p>
+
+<p>Sie lehnte die Ehrungen mit einem Kopfschütteln ab.</p>
+
+<p>»Das klingt gewiß sehr schön, aber die alten Göttersagen liegen mir
+zu weit. Ich weiß von der Wölfin nur, daß sie mit dem Wolf gemeinsam
+jagt, in allen Stücken ihm gleicht, daß der Hunger sie stark und
+furchtlos macht und daß sie Geschöpfe der eigenen wie der fremden Art
+abwürgt, wenn sie sich als Schwächlinge erweisen. Den Romulus und
+Remus wird die Wölfin nur aufgesäugt haben, weil sie das Starke in
+ihnen witterte.«</p>
+
+<p>»Ach, Engel, man müßte die Naturgeschichte nur von Frauen lehren
+lassen.«</p>
+
+<p>»Warum —?«</p>
+
+<p>»Weil ihr Naturtrieb immer auf das Einfachste stößt.« —</p>
+
+<p>Zu Weihnachten standen die Tische gedeckt. Im Arbeitszimmer des
+Vaters drängten sich erwartungsvoll die Kinder, und nun rief
+ein Klingelzeichen nach Fräulein Bilsenbach, die sich mit ihrer
+Festgewandung verspätet hatte, und nach den Angestellten in Haus und
+Küche. »Fräulein Freydag fehlt,« bemerkte der unruhige Thomas, stürmte
+die Treppe hinauf und holte sie aus ihrem Zimmer.</p>
+
+<p>Vom Flügel her erklangen schlicht und kindergläubig die
+Weihnachtslieder von Cornelius. Der Hausherr spielte. Und als er
+geendet hatte, öffnete Fräulein Bilsenbach die Tür, die zum Eßzimmer
+führte, und der Weihnachtsbaum stand in stiller Lichterpracht, und sie
+öffnete die Tür, die zum Musikzimmer führte, und Kornelius Vanderwelt
+griff in die Tasten und ließ zum gemeinsamen Gesang die Weise<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> von
+»Stille Nacht — heilige Nacht« ertönen. Scheu und fremd kauerte
+Angela Freydag auf ihrem Stuhle hinter den festfrohen Reihen.</p>
+
+<p>Die Weihnachtsanbetung verklang. Das Schweigen der Erwartung lastete.
+Da erhob sich der Hausherr von seinem Sitz und schritt unter die
+Harrenden.</p>
+
+<p>»Fröhliche, selige Weihnachten euch allen,« rief er und schüttelte
+herzlich aller Hände. Eine Sekunde nur stutzte er vor dem glanzlosen
+Ausdruck in Angela Freydags Gesicht. Und mit der Hand, die er ihr
+hingestreckt hatte, zog er sie hoch.</p>
+
+<p>»Vorwärts!« rief er Kindern und Angestellten zu. »Wer läßt den
+Gabentisch warten? Sturm! So ist es recht.« Und mit dem Strudel wurde
+Angela Freydag fortgezogen und war doch in der Woge allein.</p>
+
+<p>Voll von kleinen Tischen stand das geräumige Eßzimmer, und auf
+jedem Tische hielt ein Lebkuchenmann ein Namensschild. Ein kurzer
+Wirrwarr, und ein jeder hatte seinen Namen herausgefunden. Gellender
+Aufschrei der Kinder, ein staunendes Aufseufzen der älteren, und ein
+jeder betastete, hob empor, legte nieder, griff nach einem anderen
+Gegenstand, einem dritten, probte, untersuchte, lachte, schwatzte und
+drehte sich blitzschnell im Kreis.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt ging von einem zum andern. Er bewunderte Juliane
+in der goldenen Halskette, die einen Skarabäus schaukelte, und ließ
+sich von dem erregten Mädchenmund die unzähligen Köstlichkeiten an
+Leibwäsche und Kleidern erklären, als hätte er das alles nie vordem
+gesehen. Er trat zu Justus und Thomas, die das kleine Abbild einer
+Segeljacht in Händen hielten, wies geheimnisvoll lächelnd mit dem
+Zeigefinger nach dem Bootshaus da draußen irgendwo und ließ die
+stürmischen Umarmungen der jungen Jachtinhaber über sich ergehen. Er
+nahm dem verwirrten Fräulein Bilsenbach den Pelzmantel aus den<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> Händen
+und half der beschämt Widerstrebenden, hineinzuschlüpfen, damit die
+Versammlung das königliche Bild besser entgegennehme. Er redete mit
+dem Fahrer über Tabaksorten, Juchtenleder und Aachener Tuch, mit den
+Hausmädchen über Aussteuerleinen, Brautlaken und Bräutigam und wandte
+sich um und stand vor Angela Freydag.</p>
+
+<p>»Darf ich nachfragen, Engel, ob der Weihnachtsmann zu Ihrer
+Zufriedenheit gewirkt hat?«</p>
+
+<p>Er hatte den Scherznamen, einmal angewandt, nicht mehr aufgegeben.</p>
+
+<p>»Zu meiner Zufriedenheit?« wiederholte sie nur. »Zu meiner
+Zufriedenheit?«</p>
+
+<p>»Ich glaube gar,« sagte Kornelius Vanderwelt und trat dichter an
+sie heran, »Sie haben dem Weihnachtsmann noch nicht einmal einen
+freundlichen Blick geschenkt.«</p>
+
+<p>»Doch, doch,« stieß sie hervor und wies auf ihren Platz. »Vielen,
+vielen Dank für Ihre Güte. Es ist nur schon so lange her, daß ich
+Weihnachten gefeiert habe — und es war nie schön — ich weiß mich gar
+nicht mehr zu benehmen.«</p>
+
+<p>»Dies ist ein Koffer,« erklärte Kornelius Vanderwelt, und der Klang
+seiner Stimme ließ sie sofort zur Ruhe kommen. »Und dies ist auch ein
+Koffer. Der größere ist als Reisegepäck gedacht, der kleinere als
+Handgepäck. Denn aus der lieben Reisetasche sind Sie mittlerweile
+herausgewachsen wie aus den lieben Kinderschuhen. Hilft nichts. Und
+nun müssen Sie öffnen und weiterforschen.«</p>
+
+<p>»Öffnen und — weiterforschen?«</p>
+
+<p>Er bastelte für sie die Schlüssel los und ließ die Schlösser
+aufschnappen. Den Handkoffer öffnete er zuerst. Er bot in einer
+seitlichen Einrichtung silberverkapselte Flaschen und Kristalldosen,
+Bürsten und Kämme und Spiegel dar. Die Mädchenaugen starrten darauf
+hin. Und dann wurde das<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Mädchengesicht weiß. Kornelius Vanderwelt
+hatte den größeren Koffer geöffnet.</p>
+
+<p>»Jetzt müssen Sie urteilen, Engel. Der Weihnachtsmann konnte nur
+seinem Männergeschmack nachgehen.«</p>
+
+<p>Es kam keine Antwort, und er blickte auf und sah in das verkrampfte
+Gesicht.</p>
+
+<p>»Engel,« sagte er leise, »Fassung, mir zuliebe.«</p>
+
+<p>Da riß ein wilder Freudenausbruch den Krampf auseinander, und sie
+beugte sich vor und wühlte mit ihren Händen in den Schätzen von feiner
+Leibwäsche.</p>
+
+<p>»Nun müssen Sie den Einsatz herausheben, Engel.«</p>
+
+<p>»Immer noch mehr? Gut, immer noch mehr! Nur immer zu! Freude! Freude!
+Und wenn sie sich wie eine Flut über mich wirft, ich tauch' auf, ich
+halt' stand, ich — ich —«</p>
+
+<p>Sie stutzte. Ihre Augen waren ganz weit und dunkel. Ihre Lippen
+bewegten sich weiter. Und Kornelius Vanderwelt mußte an sich halten,
+um sich nicht in den Mädchentaumel hineinreißen zu lassen.</p>
+
+<p>»Das ist eine ganze Ausrüstung,« sagte Angela Freydag atemlos. »Die
+Ausrüstung einer Dame. Reisekleid und Gesellschaftskleid. Jacke, Pelz,
+Muff. Eine Pelzmütze sogar. Es fehlt nichts — nichts von dem Bilde,
+was ich mir gemacht hatte.«</p>
+
+<p>»Von <em class="gesperrt">was</em> hatten Sie sich ein Bild gemacht?«</p>
+
+<p>Sie stand vor ihm und hielt ihre Hände über den Brüsten.</p>
+
+<p>»Und ich habe nichts für Sie. Gar nichts, gar nichts.«</p>
+
+<p>»Schenken Sie mir Ihre alte Reisetasche, Engel. Sie haben sie immer so
+innig an sich gedrückt, daß ein wenig von der Innigkeit wohl noch auf
+mich übergeht.«</p>
+
+<p>Da lachte sie ihn lautlos an.</p>
+
+<p>Das war Kornelius Vanderwelts liebstes Weihnachtsgeschenk,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> dies
+lautlose Lachen des Verstehens. Für die Gaben von Kinderhand, für
+die sorglichen Arbeiten seines Hausfräuleins hatte er sich laut und
+herzlich bedanken können. Hier fehlte ihm das Wort. »Engel,« sagte er
+nur ganz leise.</p>
+
+<p>Ihre Hände glitten über die Schätze und plätteten sie. Sie schloß
+die Kofferdeckel, zog die kleinen Schlüssel ab und senkte sie in
+den Halsausschnitt. Alles mit einer streichelnden Zärtlichkeit. Der
+Zärtlichkeit der Besitzerin.</p>
+
+<p>»Wollen Sie denn nicht anproben? Das Putzen und Proben gehört doch zur
+Weihnachtsfreude.«</p>
+
+<p>»Bitte,« bat sie, »bitte, nicht vor den andern. Wenn ich allein bin,
+brauche ich nicht an mich zu halten.«</p>
+
+<p>Und wieder war Kornelius Vanderwelt von den Kindern umringt und von
+den Angestellten und mußte bestaunen und sein Urteil abgeben. Und
+Fräulein Bilsenbach brachte den weihnachtlichen Südwein, und jeder
+erhielt sein Glas, und während unter der leuchtenden Christtanne ein
+neues Weihnachtslied angestimmt wurde, ging Kornelius Vanderwelt von
+einem zum andern, ließ an jedem Glas das seine erklingen und sprach
+seinen Gruß: »Fröhliche Weihnacht.«</p>
+
+<p>Spät am Abend erst wurde das Mahl aufgetragen. Des weihnachtlichen
+Gedränges wegen in des Hausherrn Zimmer. Langsam ebbte die
+Flut zurück. Mit schlafmüden Augen verabschiedete sich das
+alternde Hausfräulein zuerst, um noch in ihrem Stübchen ein paar
+Gesangbuchverse zu lesen. Noch schmiedeten die Kinder Pläne für die
+Feiertage. Dann kam auch ihnen die Ermüdung, und sie traten an den
+Vater heran, bedankten sich und küßten ihn. Hinter ihnen war Angela
+Freydag an Kornelius Vanderwelt herangetreten. Sie reichte ihm die
+Hand und sah zu ihm auf.</p>
+
+<p>»Darf ich Ihnen heute auch einen Kuß geben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie in die Arme, wie er seine Kinder in die
+Arme genommen hatte. Einen Herzschlag länger. Und während des einen
+Herzschlags freute er sich an der roten Linie ihres Mundes. Er beugte
+sich nieder und empfing ihren Kuß. Ruhig verließ sie das Zimmer.</p>
+
+<p>Er ging in das Musikzimmer hinüber und setzte sich vor den Flügel,
+ohne zu spielen. Irgend etwas machte ihn lächeln, und er wußte nicht,
+was? Ja, doch, das war es. Der Mädchenkuß von Angela Freydag war es.
+Der echte und rechte Mädchenkuß. Geküßt von einem Munde, der es nie
+gelernt hatte. Mit geschlossenen Lippen. Ernsthaft wie eine feierliche
+Handlung. Ein wenig herb — und ein ganz klein wenig zitternd.</p>
+
+<p>Und plötzlich stieg eine warme Freude in ihm hoch, daß es so gewesen
+war und nicht anders.</p>
+
+<p>Das Mädchen hatte ihm gegeben, was es noch keinem gegeben hatte. Er
+war der reicher Beschenkte. —</p>
+
+<p>Als Kornelius Vanderwelt in der Nacht sein Schlafzimmer aufsuchte,
+fand er an das Bett gelehnt Angela Freydags Reisetasche. — —</p>
+
+<p>Seit dem Weihnachtsfest machte sich die Wandlung in Angela Freydags
+Wesen von Tag zu Tag bemerkbarer. Es war wohl weniger eine Wandlung,
+als eine rascher einsetzende Entwicklung. Als ob ein Stauwehr
+überwunden wäre, und die Wasser ihres Lebens strömten befreiter dem
+Ziele zu.</p>
+
+<p>Daß Kornelius Vanderwelts ritterliche Weise das Stauwehr in ihr
+beiseite geräumt hatte, das erkannte allein die Dankbarkeit der
+Wenigverwöhnten. Aber die Dankbarkeit erschien ihr als ein zu
+geringer Ersatz, ein Trieb war in ihr erwacht, in seine Gedankenwelt
+hineinzuwachsen, sich formen zu lassen nach seinem Bilde und nach
+einer Spanne, sie<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> sei kurz oder lang, seiner Schöpferfreude zeigen zu
+dürfen, daß sie sich nicht an ihr vergeudet hätte.</p>
+
+<p>Bis zu dieser Spanne griff sie die Arbeit an Kornelius Vanderwelts
+Kindern mit neuer, zäher, Willenskraft, als einen Beweis ihres Wollens
+und Könnens an und ließ sich nicht durch die Unbotmäßigkeit der
+Schüler noch durch die eigene Ungeduld abschrecken, den steinigen
+Acker immer wieder zu durchpflügen.</p>
+
+<p>Am steinigsten war er bei Juliane. In der Entfaltung des Mädchens
+stritten Selbstbewußtsein und Gefallsucht um die Oberstimme, aber das
+Selbstbewußtsein hatte leider nichts von der sicheren Vanderweltschen
+Note, sondern gründete sich auf dem Bewußtsein, ein augenfällig
+schönes und frühreifes Geschöpf zu sein, und diente der Gefallsucht
+nur als leichte Maske. Das hatte Angela Freydag vom ersten Tage an
+durchschaut, und nun mühte sie sich mehr als je, eine andere Unterlage
+zu schaffen und damit dem jungen Selbstbewußtsein eine stärkere
+Berechtigung. Und es begann der Kampf zwischen den Sonaten und den
+Tagestänzen.</p>
+
+<p>»In meinem Leben spiele ich das Zeug nicht,« versicherte die erzürnte
+Kleine. »Wer Sonaten hören will, mag ins Konzert laufen. Ich will
+einmal glänzende Bälle geben können und am Flügel sitzen und
+aufspielen.«</p>
+
+<p>»Das ist für leere Stunden, Juliane. In den schweren Stunden, die bei
+keinem ausbleiben, wirst du Gott danken, in den Werken der Meister die
+eigene Erlösung zu finden.«</p>
+
+<p>»Ach nein, Fräulein Freydag,« spottete das Mädchen, »die schweren
+Stunden sind für die Dummen, die alle Sachen schwer nehmen. Die Klugen
+schlagen einen Bogen, wie wir's in der Schule machen.«</p>
+
+<p>»Es sind Flachköpfe, Juliane, und du bist Kornelius Vanderwelts
+Tochter. Wenn du es vergessen solltest, so vergeß ich es nicht. Und
+nun üben wir ernsthaft.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Es waren weniger die Tanzweisen, die Angela Freydag auszurotten
+trachtete, als der leichtfertige, kühl abwägende Sinn, der in Angela
+Freydags Stirn die Furche kerbte. Eine Leichtfertigkeit aus Geblüt
+wäre ihrem Grübeln noch verständlich erschienen. Hier aber sah sie
+eine Leichtfertigkeit aufwachsen, die von der Berechnung auf Wirkung
+und überrumpelnden Erfolg eingegeben war, und ihre Natur wehrte sie
+wie eine Unreinlichkeit ab.</p>
+
+<p>Mit aller Beherrschung nahm sie den Kampf auf, und wenn sie nichts
+anderes gewann als die Stunden der Ablenkung vom übrigen Tag, diese
+wollte sie auf ihr Guthaben buchen.</p>
+
+<p>Anders, wenn auch nicht weniger schwierig, gestaltete sich die
+Unterweisung des ältesten Sohnes Justus, der wenige Wochen vor
+Ostern zum Primaner aufgerückt war. Sein schnelles Erfassen
+der Schulwissenschaften verliehen ihm die Berufung, Höhenwege
+einzuschlagen, aber er verwechselte die Anwartschaft auf Höhenwege mit
+einem hochfahrenden Sinn, der in jedermann einen Untergebenen oder
+doch ein seinen Lebensforderungen untergeordnetes Wesen und in Angela
+Freydag niemals mehr als eine wenig beachtenswerte Klavierlehrerin sah.</p>
+
+<p>»O je, Justus, nicht die Meister vergewaltigen! Bitte diesen Satz noch
+einmal.«</p>
+
+<p>»Ich bin schon über ihn hinweg und möchte mich nicht wiederholen.«</p>
+
+<p>»Man ist nur über eine Sache hinweg, wenn man sie restlos erledigt
+hat. Sonst steht sie als Feind hinter einem auf.«</p>
+
+<p>»Ich pflege mich nicht um das zu bekümmern, was hinter mir herdroht.
+Damit macht man meine Pferde nicht scheu.«</p>
+
+<p>»Erst muß man Pferde <em class="gesperrt">besitzen</em>! Sie reiten vorläufig noch auf
+einem Mietgaul.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Freydag, wollen wir uns über
+Lebensanschauungen nicht unterhalten.«</p>
+
+<p>Sie sah ihm ruhig in die Augen, bis ihm das Blut in die flaumbärtigen
+Wangen stieg.</p>
+
+<p>»Gewiß ist es mir recht. Und der so starkgeprägte Sinn für
+Ritterlichkeit in Ihnen wird Ihnen selber sagen, worüber Sie sich mit
+Ihrer Klavierlehrerin zu unterhalten haben. Und auf welche Weise,
+Justus.«</p>
+
+<p>Der Jüngling schlug das Notenblatt um und jagte den beanstandeten Satz
+in Windeseile herunter.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen,« sagte sie, ohne mit dem Auge zu zucken. »Sie sind
+reich begabt und werden es bei fester Selbstzucht zu hohen Graden
+bringen.«</p>
+
+<p>Am leichtesten fand sie sich mit Thomas, dem zweiten Sohne. Und
+doch wurde gerade dieser je länger, je mehr ihr Sorgenschüler. Die
+Überlegenheit, die er als jugendlicher Schöngeist jungen und auch
+älteren Menschen gegenüber so gern auszuspielen pflegte, sonderlich
+aber jungen Mädchen gegenüber, die er als »ergötzlich durch ihre
+Minderwertigkeit« bezeichnete, behielt er im Verkehr mit Angela
+Freydag nicht bei. Sobald ihre Hände aus den Tasten Leben schlugen,
+wurde jeder Spottgedanke in ihm abwegig, wurde er der feine,
+liebenswürdige Junge, der am stärksten an den Vater erinnerte. Und
+doch war es nächst der Spottsucht gerade diese weiche Feinheit, die
+Angela Freydags Gedanken zu schaffen machte.</p>
+
+<p>»Bitte, bitte, Fräulein Freydag, spielen Sie weiter.«</p>
+
+<p>»Jetzt ist Unterrichtsstunde, Thomas. Die Reihe ist an Ihnen.«</p>
+
+<p>»Nein, nein. Es wäre Barbarei, mitten in der wunderbarsten
+Stimmungsmalerei abzubrechen. Ich verspreche Ihnen dafür, heute eine
+Stunde länger zu üben.«</p>
+
+<p>»Thomas,« warnte sie ihn und spielte weiter, »es ist<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> nicht gut, sich
+von jeder Stimmungsmalerei besiegen zu lassen. Das macht weich und
+schlaff. Wie Kranke, die sich nach dem Fieber sehnen, weil es ihnen so
+angenehm das Bewußtsein für das Wirkliche verschleiert.«</p>
+
+<p>»Fräulein Freydag, Sie sprechen bereits wie der Vater.«</p>
+
+<p>»Tu ich das?« fragte sie zurück und beugte sich über ihr Spiel. »Wenn
+ich das schon als Fremde tue, ist es Ihre Schuldigkeit als Sohn, so
+wie der Vater zu <em class="gesperrt">werden</em>.«</p>
+
+<p>»Ach, Fräulein Freydag, der Vater ist ja auch der Musik untertan.
+Sehen Sie denn nicht, daß ich ihm nacheifere?«</p>
+
+<p>»Lieber Thomas, der Vater ist der Musik nicht untertan, sie ist für
+ihn nur der Nährboden für neue Kräfte. Und für Sie wird die Musik die
+Verleiterin zur Einlullung und Schwächung Ihrer Kräfte werden, wenn
+Sie sich aus der Zuhörerrolle nicht aufraffen und selber in die Tasten
+hineinhauen, daß sie den Befehlshaber spüren.«</p>
+
+<p>»Gibt es das? In der Musik?«</p>
+
+<p>»Das gibt es in der Musik wie in der Lebensmusik. Der Befehlshaber
+ist kein rücksichtsloser Mensch, der durch sein Brüllen alle Welt
+erschreckt. Der wirkliche Befehlshaber ist der Freund und Bruder und
+— der Meister der Menschen. Und wenn seine Kraft es befiehlt und er
+hineinhaut in die Tasten, so müssen sie aufjauchzen und jubeln vor
+Begeisterung, hingerissen in den Tod wie hingerissen in das Leben.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt horchte noch immer auf ihr Spiel.</p>
+
+<p>»Fräulein Freydag — wenn man aber das Leben nur als ein belustigendes
+Zwischenspiel ansieht, das es in Wirklichkeit ist? —«</p>
+
+<p>»Dann würde ich Ihnen raten: spielen Sie mit, Thomas, damit es
+ernsthaft wird und den Einsatz lohnt.«</p>
+
+<p>Sie brach ab und machte ihm Platz.</p>
+
+<p>»Nur Zaungäste drücken sich, wenn Zahlung verlangt<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> wird. Sie, Thomas
+Vanderwelt, werden sich nicht lumpen lassen.«</p>
+
+<p>Und der junge Mensch begann. Mit einer müden Weltüberwundenheit, die
+seinem Spiel die Marke der Ungewöhnlichkeit aufdrücken sollte, mit
+leichtspöttischen Betonungen der Gefühlswelt, bis ihm Angela Freydags
+stählerner Zuruf wie eine Klinge in die selbstgefällige Auslage fuhr
+und ihn zum Kampfe mit sich selber zwang. Ihre Hände packten seine
+Handgelenke, spielten mit ihm einen Satz, einen Lauf nach ihrem
+Willen, bis der Wille auf ihn übersprang und ihn das Ende selber
+finden ließ in aufgerüttelter Selbstbesinnung.</p>
+
+<p>»Thomas, sich nicht selber aufgeben! Spott ist die Waffe der
+Schlachtenbummler. Nur ganz große Vorbilder dürfen sich den Spott
+erlauben, und sie tun es nur bei geistigen Müßiggängern, wenn die Güte
+versagt. Finden Sie sich selber, Thomas.«</p>
+
+<p>Dann kam es wohl, daß ihr der junge Mensch beschämt die Hand küßte.</p>
+
+<p>Im fortschreitenden Frühling nahm Kornelius Vanderwelt sie des öfteren
+mit auf seine Hafenfahrten. Zusammengerafft hielt sie sich neben ihm
+im Boot, in gesteigertem Bemühen, jedes seiner Worte zu verstehen,
+jedes Bild sofort mit seinen Augen zu erfassen. Dort kreischten die
+Krane unter ihren Lasten, und es war Musik. Dort donnerten die Kipper
+stäubende Wagenladungen in die Kähne, und es war wieder Musik. Dort
+wanden sich die Schiffszüge aus den Hafenbecken, dort rauschten sie in
+ununterbrochenen Reihen gen Holland zu Tal oder gen Mannheim zu Berg,
+und alles, alles wurde zur Musik; und zur geheimnisvollsten und darum
+feierlichsten Musik das Gewerbe der Menschen, der winzigen, schwarzen,
+durch ihre Beseeltheit ruhelosen Blutkörper der Erde. Und hingerissen
+starrte sie auf die<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Riesenleistungen dieser Zwergenmenschen, auf die
+keuchenden Schlote der Stahlwerke, auf die Höllengluten ausspeiender
+Hochöfen, die selbst dem Himmel ihre Farben aufzwangen.</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt sprach zu ihr, wenn seine heißen Augen über
+die erregten Bilder glitten: »Es kann Musik sein, wenn es mehr wird
+als Erregung. Aber in sich selber haben muß man die Musik, sonst
+bleibt das alles Tagesmühen und Hinüberfristen von einem Tag in den
+anderen.«</p>
+
+<p>»Nein, das lohnte nicht das Leben,« stieß sie heraus. »Irgendwo muß
+ein Preis sein.«</p>
+
+<p>»Die meisten Mitmenschen glauben, ihr steigendes Bankguthaben sei
+der Preis. Ich meine, es müsse das steigende Guthaben am Leben sein.
+Hei, du Leben, du bist mir einen Ehrenbecher schuldig, weil mich mein
+Schöpferwerk durstiger gemacht hat als die Zuschauer! Oder dies Leben
+ist ein Schwindelunternehmen.«</p>
+
+<p>»Nein,« hastete sie hervor, »das ist es nicht! Ich habe den Mut, daran
+zu glauben.«</p>
+
+<p>Er legte den Arm um ihre Schulter, und seine Blicke entspannten sich.
+—</p>
+
+<p>Oft und öfter sprach er mit ihr über seine Planungen und
+Unternehmungen, und wenn sie ihm auch nicht zu antworten wußte, so
+wußte sie doch aufzuhorchen und mit jeder Welle ihres Daseins in ihn
+hineinzugleiten, daß er es wie einen belebenden Strom empfand.</p>
+
+<p>»Engel,« sagte er, »ich spüre Sie als Anspannung und Entspannung in
+eins. In Ihnen ist die echte Mischung der Frau.«</p>
+
+<p>Schon lange legte er den Arm um ihre Schulter, wenn sie bei Sonne
+oder Wind im Boote standen und die Antriebmaschine die Bootsstirn
+pfeilschnell durch das Wasser<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> drückte. Es war keine Verwunderung in
+ihr hochgekommen, nicht beim erstenmal und nicht, als die Wiederholung
+Gewöhnung wurde. Der Arm um ihre Schulter gehörte zu ihr, wie das
+Atmen zu ihr gehörte und alles Werden und Wachsen.</p>
+
+<p>»Wissen Sie auch, Engel, daß Sie sich nicht nur geistig staunenswert
+entwickeln, sondern auch körperlich? Das sind die festen Schultern
+einer Frau geworden, und die Schmächtigkeit hat sich besonnen und
+blüht auf wie ein kraftvoller Lilienstengel.«</p>
+
+<p>Sie sah an sich hinab, ohne Scheu vor seinen Worten und ohne
+Beschämung, daß er ihre Körperlichkeit gewahrte. Nur eine Freude stieg
+in ihr hoch, daß auch hierin ihre Armut sich gewandelt hatte, und sie
+streckte sich heimlich und prüfend in seiner Armumschlingung, ob ihre
+Schulter die seine bald erreiche.</p>
+
+<p>Sie fuhren auf dem Rhein, und eine Segeljacht holte vor ihnen auf,
+legte die Segel um und gehorchte im Bogen dem Steuer. Zwei weiße
+Mützen schwenkten im Winde, zwei wetterbraune Gesichter schrien ihnen
+Begrüßungen zu. Rauschend schoß die Segeljacht im Kreise um ihr Boot
+herum, gewann den Wind zurück und entfloh.</p>
+
+<p>»Justus! Thomas!« schrie Angela Freydag aus vollem Halse, riß ihre
+Mütze von den Flechten und winkte hinter ihnen drein. »Hei, Herr
+Vanderwelt, Ihre Jungens! In jeder Wendung Schiffer von Geblüt!«</p>
+
+<p>Aufmerksam hatte Kornelius Vanderwelt jede Bewegung der Segeljacht
+verfolgt. In den scharf zusammengekniffenen Augen lauerte der Vater
+und der Seemann.</p>
+
+<p>»Wir hätten sie rammen können, wenn unsere Maschine nicht beizeiten
+abgestoppt hätte. Der Bootsmann hatte meine Jungen erkannt.
+Ihre Waghalsigkeit verläßt sich viel zu sehr darauf, daß sie
+Vanderweltjungen sind. Übrigens<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> verlange ich von meinen Söhnen die
+Schifferprüfung auf dem Rhein, sobald sie die Schule verlassen haben.«</p>
+
+<p>»Die Schifferprüfung auf dem Rhein?« fragte sie verwundert. »Auch wenn
+sie einen anderen Beruf wählen?«</p>
+
+<p>»Ein jeder Mensch muß ein Handwerk verstehen. Versagt einmal das
+Brustschwimmen, so muß man sich mit dem Rückenschwimmen helfen können.
+Mein Gott, wie oft habe ich auf dem Rücken schwimmen müssen.«</p>
+
+<p>In der Klammer seines Armes sah sie ihn von unten herauf an.</p>
+
+<p>»Lachen Sie nicht, Engel. Helden, die immer siegen, gibt es so wenig,
+wie Väter, die in der Schule immer oben gesessen haben.«</p>
+
+<p>Da lachte sie, daß seine Schulter gerüttelt und geschüttelt wurde.</p>
+
+<p>»Das Lachen haben Sie mittlerweile auch gelernt, Engel.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, ja!« schrie sie in den Wind. »Das Lachen und alles, alles,
+was uns das Lachen schenkt!«</p>
+
+<p>Seine Hand glitt von ihren Schultern über ihren Arm. Hin und her. Her
+und hin.</p>
+
+<p>»Ich freue mich, Engel.« —</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn sie von gemeinsamer Fahrt heimgekehrt waren, empfand es
+Kornelius Vanderwelt, daß Angela Freydags Spiel in die Tiefe wuchs,
+um den Höhenweg zu nehmen. Dann war ein Ringen in ihr um die letzte
+Befreiung, um den letzten sieghaften Ansprung ins Licht. Jeden Morgen
+hindurch, wenn die Schüler das Haus verlassen hatten, saß sie am
+Flügel, stundenlangen, nimmermüden Fingerübungen hingegeben, in einer
+Selbstbeobachtung bis ins Schmerzhafte, in einer Selbstzucht, die das
+geringste zum bedeutungsvollen erhob.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>»Sie übertreiben, Engel,« verwarnte sie Kornelius Vanderwelt, als er
+an einem Mittag vor der Zeit heimgekehrt war und lauschend in der Tür
+gestanden hatte. »Das halten die Nerven keines Menschen aus. Weshalb
+also?«</p>
+
+<p>»Ich muß mein eigner Lehrer sein. Wenn der Schüler Pause machen will,
+greift der Lehrer ein und läßt wiederholen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt ließ lange seinen Blick auf der zähen Kämpferin
+am Flügel ruhen.</p>
+
+<p>»Ich weiß Sie ungern draußen allein, Engel. Es ist ganz gewiß ein gut
+Teil Selbstsucht dabei. Ein Mann meiner Anschauungsart ist nun einmal
+selbstsüchtiger, als die vielen, die sich nur von der Abwechslung
+Wunder versprechen. Na, schon gut. Keine rührsame Tünche darüber
+gestrichen. Sie werden von heute an jede Woche einmal nach Köln fahren
+und Ihrem Professor vorspielen. Zur letzten Überfeilung. Denn eine
+Künstlerin sind Sie heute schon.«</p>
+
+<p>Ihr Spiel brach ab. Ihr Gesicht wandte sich, schneeweiß geworden, ihm
+zu. Ihre Augen leuchteten bis in die Tiefe.</p>
+
+<p>»So sehr erfreut Sie die Aussicht, aus dem Käfig heraus und nach Köln
+zu kommen?«</p>
+
+<p>»Ihretwegen — Ihretwegen!« stieß sie heraus. »Dann ist es kein Käfig
+mehr, in dem Sie mich sitzen sehen. Dann werde ich vor Ihren Augen
+fliegen können, ach, überall hin, wo Sie mich sehen wollen, und
+brauche nicht mehr hinterdreinzulaufen und Sie mit mir aufzuhalten,
+wenn Sie große Schritte machen möchten.«</p>
+
+<p>»Ist das nun alles Unbewußtheit?« fragte er zögernd und strich über
+ihr Haar.</p>
+
+<p>Sie aber verstand den Sinn der Frage nicht und blickte ihm, wie eine
+Schülerin dem Lehrer, nach den Augen. Und seine Brust, durch die der
+Zweifel gerieselt war, tat<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> plötzlich so tiefe Atemzüge, als müßte
+bis in die Fugen reingefegt werden, was etwa sich einzunisten willens
+gewesen wäre.</p>
+
+<p>»Geben Sie mir den Namen Ihres Professors. Ich werde den Herrn an den
+Fernsprecher rufen lassen und mit ihm die Stunden verabreden. Sie
+können dann, wenn alles nach Wunsch geht, schon morgen fahren.«</p>
+
+<p>Wohl verstand es das leidenschaftliche Wesen Kornelius Vanderwelts
+wie überall, so auch hier, seinen Wünschen Geltung und Erfüllung
+zu verschaffen. Und doch dehnte sich ihm der nächste Tag, an dem
+Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln gefahren war, zu einer
+schier unerträglichen Länge, und eine verschwommene Leere in ihm
+hinderte so stark seine Arbeitslust, daß er zum ersten Male sein
+befehlshaberisches Wünschen mit einer Verwünschung bedachte. Um die
+Mittagstunde ging er nicht heim. Weit hinaus auf die Landstraße
+zwischen der silbrigen Ruhr und den frühlingssaftigen Wäldern mußte
+ihn der Wagen entführen, und als er zum Abend sein Geschäftshaus
+verließ und es immer noch eine Stunde währte, bis die Eisenbahn
+Angela Freydag von ihrem Ausflug zurückbringen konnte, fand er sich
+alter und lange nicht geübter Gewohnheit gemäß durch das Gassengewirr
+des Hafenviertels schlendern und das Wirtshausschild ›Zu den fünf
+Erdteilen‹ buchstabieren.</p>
+
+<p>Er lachte dröhnend, als er unverzüglich den Matthes hervorstürzen sah
+wie den Sperber auf die Beute.</p>
+
+<p>»Gute Brise, was, alter Seeräuber?«</p>
+
+<p>»Einen Augenblick nur. Bitte sich nur für einen kleinen Augenblick
+hereinzubemühen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ne, mein braver Matthes, kapern ist nicht. Ich danke Gott, daß ich
+das Gift aus Ihrer Bude wieder ausgeschwitzt habe.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>»Es handelt sich nicht um das Gift, Herr Vanderwelt, es handelt sich
+um die Bude selbst.«</p>
+
+<p>»Rauscht der Pleitegeier?« fragte Kornelius Vanderwelt und folgte dem
+Bittsteller ein paar Schritte in den Hausgang.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt,« begann der Matthes und verschleppte seinen hohen
+Gastfreund in den stillsten Winkel, »daß die ›Fünf Erdteile‹ im
+Begriff sind, sich bis auf die Ratten zu entvölkern, ist nicht meine
+Schuld, denn Küche und Keller sind nach wie vor prima. Tut mir leid,
+es geraderaus sagen zu müssen, daß es alleinig die Schuld des Herrn
+Vanderwelt ist.«</p>
+
+<p>»Matthes, Sie haben wohl einen Rausch? Seit länger als einem halben
+Jahr habe ich keinen Schritt in Ihren Feenpalast getan.«</p>
+
+<p>»Dat is et ja eben,« folgerte der Mann. »Dat is et, wat ich zur
+Entschuldigung meiner Wirtschaft hören wollt'. Als hätten Sie dat Haus
+durch Ihr plötzlich Wegbleiben in den Verruf getan, genau so is et.
+Da haben sich die Leute gesagt, der Herr Vanderwelt bevorzugt jetzt
+gewiß en noch viel doller Wirtshaus, un haben rund herum gesucht, un
+der eine is hier und der andere da auf eine Sandbank geraten oder in
+der Kreide hängen geblieben, un die Mehrzahl im ›König von Portugal‹,
+der flottere Betriebsgelder hat. Daher, mein ich, wär et nich mehr als
+recht un billig, Herr Vanderwelt —«</p>
+
+<p>»— daß ich als stiller Teilhaber an den ›Fünf Erdteilen‹ einträte?
+Ne, verehrter Freund, das liegt mir nun doch nicht.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, lumpige fünfundzwanzigtausend Mark auf
+Grundverschreibung. Ich lass' dafür dat Besitzerrecht an den Kasten
+auf Ihren Namen schreiben.«</p>
+
+<p>»Sie haben doch irgendwo eine Tochter mit einem kleinen Mädchen
+wohnen, Matthes. Denken Sie daran.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p>»Nix da. Sie is mir aus dem Haus gelaufen, weil et ihr in den ›Fünf
+Erdteilen‹ nich anständig genug schien, viel anständiger aber, im
+feinen Düsseldorf ein Kind ohne Vatersnamen zu kriegen. Reden wir von
+unseren Geschäften, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Und plötzlich sah Kornelius Vanderwelt eine regendurchwühlte
+Herbstnacht vor sich und sah ein anderes herumgehetztes Mädchen
+dasselbe Haus verlassen, das ihr nicht anständig genug erschien, und
+in ihm schrie eine Stimme auf: »Angela! Angela Freydag!« als müßte er
+sie heute noch vor dem Hause hüten.</p>
+
+<p>Des Wirtes Augen hatten die jähe Veränderung in des Gastes Minen
+sofort erspäht. Blitzschnell setzte er seinen Trumpf aufs Geratewohl.
+»Herr Vanderwelt, ich habe auch nach dem letztenmal, wo ich die Ehre
+hatte, et Maul gehalten, selbst vor meiner Frau, und hätt' mich aus
+alter Seekameradschaft eher totschlagen lassen, als —«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt winkte gelassen ab. Aber er spürte dabei, daß er
+den rascher werdenden Atem bändigen mußte.</p>
+
+<p>»Mit solchen Albernheiten erreichen Sie bei mir nichts, Matthes. Wenn
+ich Ihnen aus Ihrer verdammten Patsche helfe, so geschieht es, weil
+Sie die alte Seekameradschaft anrufen und die Schiffsjungen vom Rhein
+sich über den trockengelegten Seebären nicht halbtot lachen sollen.
+Nur deshalb will ich auf den Handel eingehen und meinen Namen auf
+Ihr Haus eintragen lassen. Kommen Sie morgen mit Ihren Papieren ins
+Kontor. Die Bude ist knapp die Hälfte wert, und der Teufel täte ein
+gutes Werk, wenn er sie heute statt morgen holte.«</p>
+
+<p>Er zog hastig die Uhr.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Zeit mehr. Na, nun legen Sie wohl auf Fortsetzung
+unserer stillen Zwiesprache selber keinen Wert.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt,« schwor der Matthes, »Herr Vanderwelt, dat kann nu
+kommen wie et will, zart oder rauh oder aus det Deubels Kochgeschirr:
+Der Mann hier gehört Ihnen.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schritt schnellsten Schrittes durch die Gassen,
+querte den Hafendamm und erreichte sein Haus, wo er den Wagen hatte
+halten lassen. »Los, Wilm. Zum Bahnhof Duisburg.« Der Wagenschlag
+klappte zu. Der Wagen wand sich durch die Straßen, brauste über
+die Brücken, gewann die Duisburger Innenstadt und erreichte den
+Hauptbahnhof, als der Kölner Zug einlief und die Reisenden durch die
+Sperre auf den Platz hinaustraten.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt saß im Wagen, ohne sich zu regen, und spähte
+durch die Scheiben in den Abend. Da war sie. So aufgereckt und mit dem
+Blick in die Weite ging nur Angela Freydag. Würde sie — würde sie
+insgeheim hoffen, ihn hier vorzufinden? Jetzt schweifte ihr Blick für
+Sekundenlänge ab. Über den Platz hin. Über die harrenden Wagen. Und
+schon hatte er den Schlag geöffnet, und sie huschte zu ihm hinein und
+saß an seiner Seite.</p>
+
+<p>»Los, Wilm. Nach Hause.«</p>
+
+<p>Sie drückte fröhlich seine Hand, und er entzog sie ihr.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mal fühlen, Engel, ob Sie auch heil geblieben sind. Ein
+Unfug, so ein Ding allein reisen zu lassen.«</p>
+
+<p>Und seine Hand glitt über ihr Haar und über ihre Wangen, glitt über
+Schultern, Arme und Rücken und blieb unter ihrem Herzen liegen. Sie
+schloß die Augen, öffnete sie und lachte ihn an.</p>
+
+<p>»Es war so schön — es war so schön ... Der Professor hat gestaunt,
+und ich wollt', Sie wären dabei gewesen!«</p>
+
+<p>»So, das haben Sie gewollt? Und gewußt haben Sie auch, daß ich Sie vom
+Bahnhof holte?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Sie lehnte mit der Zutraulichkeit eines Kindes in seinem Arm. So
+hingegeben und so sicher.</p>
+
+<p>»Gewußt nicht. Aber — aber — jetzt werden Sie mich gleich auslachen
+— aber — heimlich gewünscht.«</p>
+
+<p>»Weshalb denn nur, Engel? In zehn Minuten wären Sie auch ohne mich zu
+Hause gewesen.«</p>
+
+<p>»Weil ich besser aus mir heraus sprechen kann, wenn ich mit Ihnen
+allein bin. Weil die anderen glauben könnten, ich lobte mich selber,
+wenn ich erzählen sollte. Und doch muß ich Ihnen — Ihnen alles, alles
+hersagen, was der Professor gesagt, nein, was für Augen er gemacht
+hat. So große Augen — so! Und daß ich zu einer überraschenden Höhe
+herangereift wäre und bei Nichtnachlassen eine Künstlerlaufbahn vor
+mir haben würde wie wenige nur. Ach, und Sie allein, Sie allein sind
+schuld daran.«</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte: Soeben sollte ich die Schuld tragen
+am Zusammenbruch des Matthes, und jetzt soll mein die Schuld sein an
+der Auferstehung dieses Mädchengeistes.</p>
+
+<p>»Weiter, Engel, erzählen Sie weiter. Ich freue mich ja, als sollte ich
+selber auf die Bühne.«</p>
+
+<p>Und sie erzählte und erzählte, wie aus einem Rausch heraus, ihr
+Wiedersehen mit dem Professor, sein Staunen über ihr gereiftes
+Aussehen, sein größeres Staunen über ihr gereiftes Spiel, und was sie
+gespielt und wie sie es aufgefaßt hätte und wo und wie der Professor
+eingegriffen und die Feile angelegt hätte. In immer neuen Abwandlungen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt horchte nur noch auf den tanzenden Herzschlag
+dicht über seiner Hand. Er brauchte den Laut der begleitenden Worte
+nicht. Diesen tanzenden und jagenden Herzschlag verstand er aus seinem
+eigenen Blut heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p>
+
+<p>Woche um Woche fuhr Angela Freydag zur Musikhochschule nach Köln,
+holte sie Kornelius Vanderwelt vom Duisburger Bahnhof, und er fühlte
+ihr Herz immer leidenschaftlicher und stärker schlagen.</p>
+
+<p>In der Nacht wachte er auf, als weckte ihn dieser ungestüme Herzschlag
+aus einem Traum. Und der Gedanke quälte ihn: Ist es das Erwachen der
+Künstlerin oder das Erwachen des Weibes?</p>
+
+<p>Nein! Nur jetzt nicht mit selbstsüchtiger Hand in die Entwicklung
+eingreifen. Keine Sünde gegen den heiligen Geist. Aber mehr als je
+nahm er sie mit sich auf seinen Erholungsfahrten, und der Sommer
+kochte über den Ruhrwiesen und die Wälder zitterten im Spiel der
+grüngoldenen Lichter und der violetten Schatten. Dann stiegen sie aus
+und gingen den Lichtern nach und hörten im Walde den Sommer so hoch
+und leise singen wie eine junge Frau, die ihre Mutterstunde nahen
+fühlt. Und sie nannten es das Lied des Sommers.</p>
+
+<p>Woche um Woche gingen sie durch den Wald und durch den Sommer, und
+nie ging sie anders als in seinem Arm, und seine Hand streichelte
+über sie hin, als formte sie den neuen Menschen, wie seine Worte den
+neuen Menschen wachgestreichelt hatten. Wenn seine Hand auf ihrer
+Hüfte ruhte, war ihm bei jedem ihrer Schritte, als ginge sie aus
+seiner Hand hervor, als seine Schöpfung, als Teil seiner selbst, und
+die Schöpferfreude wurde so übermächtig in ihm, daß sie ihm das Wort
+verschlug und sie stundenlang wortlos wanderten und doch einer vom
+anderen durchpulst und durchblutet.</p>
+
+<p>Wie kommt es, fragte sich Kornelius Vanderwelt in solchen Stunden,
+daß man die eigenen Kinder nicht so zu formen vermag wie diese
+Blutsfremde? Weil sie schon das Blut des Vaters in sich tragen und
+diese nicht? Weil<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> sich dies Blut schon von dem Blute der Mutter
+verwirren und von den Blutsbahnen des Vaters abzweigen läßt in
+lockende Nebenpfade, und diese hier nichts von mir hat als den
+Glauben? Kann Blut allein Kindschaft bedeuten, oder muß erst die
+Wesenseinheit von hüben und drüben durchblutet sein?</p>
+
+<p>Und wieder streichelte er über sie hin, als müßte jede Form seiner,
+nur seiner Hand entspringen und ins Leben hineinblühen wie beseligte
+Sommermärchen.</p>
+
+<p>»Engel, sprechen Sie ein Wort. Ich möchte an Ihrer Stimme hören, ob
+wir wachen oder träumen.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich nur fester in die Form.</p>
+
+<p>So schritten sie durch den Sommer, und das Werk wurde wie der Meister,
+und der Meister wurde sein Werk. —</p>
+
+<p>Kein Herbst wollte kommen, so glühte die Sonne dieses Jahres in den
+September, in den Oktober hinein. Der Wasserstand des Rheines senkte
+sich bis auf die Riffe und Bänke im Strombett, und die Schiffer
+schauten so sehnsüchtig nach dem westlichen Himmel, als wollten sie
+die Wolken mit den Augen heranziehen und zur Entladung bringen. Auf
+den Menschen des Ruhrorter Hafengebietes lagerte ein Druck. Die
+geschäftlichen Sorgen sprangen über Nacht in den Tag und zerrten an
+den Nerven der eisenfesten Männer.</p>
+
+<p>Öfter als bisher mußte Kornelius Vanderwelt auf seine mittäglichen
+Entspannungsfahrten Verzicht leisten, um die Stunden zu nützen, das
+Rad im Schwung zu halten, um Frachtenkähne ausfindig zu machen, die
+durch leichtere Bauart und geringeren Tiefgang die Flachwasser zu
+überwinden vermochten, um in langwierigen Darlegungen die Verfrachter
+zu bestimmen, dem drängenden Bedarf bei<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> dem geringen Angebot und der
+erhöhten Verlustgefahr der Schiffer durch emporschnellende Frachtsätze
+Abfluß zu schaffen. Die großen Kahneigner fluchten, denn die
+Kleinschiffer, die ›Partikuliers‹, schöpften den Rahm von der Milch,
+wurden breitspurig im Gefühl ihrer Unersetzlichkeit und bereiteten
+durch ihre hochgeschraubten Forderungen selbst ihrem Freund und Gönner
+Vanderwelt Stunden des heiligen Zornes.</p>
+
+<p>»Dat geht reihum, Herr Vanderwelt. Un wer den Breilöffel glücklich
+in die Finger kriegt, muß sorgen, dat er sich den Bauch gründlich
+vollschlägt.«</p>
+
+<p>Das war eine Beweisführung, die in Kornelius Vanderwelts
+Anschauungsart ein lachendes Echo fand, und er half den Blinden und
+Lahmen zum Hochzeitsmahl.</p>
+
+<p>Der heißeste Tag des Oktobers kam, und die Sonne brannte wie im
+August. Die Schulen hatten Spätherbstferien angetreten, und die
+Vanderweltskinder nutzten sie aus bei Freundesfamilien in Rotterdam.
+Fräulein Bilsenbach war im herbstlichen Hausputz unsichtbar geworden
+und Angela Freydag übrig geblieben, schlaff und schwerblütig durch die
+Ungewöhnlichkeit der Witterung.</p>
+
+<p>»Heute hol' ich sie. Es mag biegen oder brechen,« sagte Kornelius
+Vanderwelt. Und in der Mittagsstunde holte er sie. Auf die Landstraße
+hinaus, auf der sie vor Jahr und Tag den Fahrer angerufen und
+den Führer gefunden hatte. In den Wald, in dem die grüngoldenen
+Märchenwunder purpurrote Gewänder übergestreift hatten.</p>
+
+<p>Sie gingen wie sonst, einer in den anderen versenkt. Doch Angela
+Freydags Gang war heute schwerer und langsamer.</p>
+
+<p>»Was ist Ihnen, Engel?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht.«</p>
+
+<p>»Zeigen Sie mal Ihre Augen her. Darin wetterleuchtet es ja. Sitzt die
+Wölfin wieder drin und möchte anspringen? Weshalb?«</p>
+
+<p>»Weil Sie mich so hungrig machen.«</p>
+
+<p>»Ich — Sie? Auf was denn, Mädchen?«</p>
+
+<p>»Auf was —? Ach — auf was — —?«</p>
+
+<p>Brausend bogen sich die Wipfel. Ein Sturmstoß pfiff gellend hindurch,
+daß sich die Wanderer gegen ihn stemmen und sich aneinander halten
+mußten. Am Himmel trieb eine Wolke heran, lastete ungefüge über dem
+Wald, erdrückte das Licht und verdunkelte Weg und Steg.</p>
+
+<p>Der wetterkundige Mann schreckte auf. Seine Augen waren auf Wind und
+Wolke gerichtet.</p>
+
+<p>»Ein Unwetter, Engel! Das ist Sommers Ende! Aber herrlich wird er
+Abschied nehmen. Geben Sie acht.«</p>
+
+<p>Grell fuhr ihnen ein Blitz in die Augen. Sein Widerschein tauchte
+den tiefschwarzen Himmel in aufschreiende Lohe. Krachend fuhr
+der Donnerschlag hinterdrein. Und die Wolke zerbarst wie ein
+zerschmettertes Glas, und Wasserwogen rauschten nieder, überstürzten
+sich, rissen das Geäst in Fetzen, zerpeitschten, was ihnen im Wege war.</p>
+
+<p>»Engel! Arme um meinen Hals! Festhalten! Ist das nicht schön?«</p>
+
+<p>»Schön! schön! schön!«</p>
+
+<p>»Engel! was ist mit Ihnen? Sie zerfließen mir unter den Händen!«</p>
+
+<p>»Wohl ist mir! Ach, so wohl!«</p>
+
+<p>Er sprach kein Wort mehr. Er fühlte ihre Haut unter seinen Händen,
+ihre kühle, nackte, regenzerpeitschte Haut. Von Wolkenbruchgewalten
+hinweggefegt wie Spinngeweb war das schleierdünne Oberkleid, und ein
+wilder Jubel von<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Urvätern her sprang in sein Blut und lachte in
+seinen Augen über die schlohweiße Seemannsbeute.</p>
+
+<p>Und jäh wie das Wetter gekommen war, vertobte es und schwieg.</p>
+
+<p>Angela Freydags wirre Augen starrten auf die Nacktheit der Schultern,
+der Mädchenbrust. Sie suchten das Kleid und fanden nur Fetzen. Ihre
+Hände lösten sich von seinem Halse, hoben sich nach dem Haupte,
+griffen in die Flechten und rissen das regennasse Haar herunter, um es
+über die Brüste zu schlagen.</p>
+
+<p>»Laß das! Laß das! Ich rühr' dich nicht an!«</p>
+
+<p>»Oh — — —!«</p>
+
+<p>Ganz hell und hoch kam der Ton. Wie ein aufseufzender Geigenstrich von
+fernher.</p>
+
+<p>»Ich rühr dich nicht an ... Aber in mich hineintrinken will ich das,
+in mich hineintrinken, daß es mir für Zeit und Ewigkeit gehört. — —
+— Jetzt kannst du mir in dieser und jener Welt nicht mehr verloren
+gehen.«</p>
+
+<p>Ganz aufrecht hielt sie sich, den Kopf im Nacken. Und schloß erst die
+Augen, als sie das aufsteigende Blut in den Schläfen fühlte.</p>
+
+<p>»Ich danke dir,« sagte er. Und hastig zog er seinen Rock aus, warf ihn
+über ihre Schultern und knöpfte ihn über ihrer Brust und unter ihrem
+Halse zusammen.</p>
+
+<p>»Und wenn's nur ein Waldmensch wäre, der nach deiner weißen Schönheit
+schielte. Mit einem Ziegelstein schlüge ich den Menschen tot, und wenn
+ich bis Australien ihm nach müßte.«</p>
+
+<p>Da hob sie die Arme hoch, und wieder kam der ganz hohe und helle Ton
+aus ihrer Kehle wie ein aufseufzender Geigenstrich von fernher, und
+sie warf die Arme um seinen Nacken, riß seinen Kopf an sich und preßte
+ihre Lippen auf seinen Mund, atemlos.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span></p>
+
+<p>»Du — du — du —! Ach, du — — —!«</p>
+
+<p>Und er wußte nichts zu erwidern, als das gleiche: »Du — du —! Ach,
+deine Lippen — — —!«</p>
+
+<p>Ihre Wangen brannten, und ihr Leib schreckte vor Frost. Er umfing
+sie fester und lief mit ihr, um sie zu erwärmen, vor dem Winde durch
+den Wald, bis sie den Wagen erreichten. Und während der Wagen die
+Landstraße dahinbrauste, lag ihr Kopf an seiner Brust, und das Auge
+des einen suchte im Antlitz des anderen.</p>
+
+<p>»Dein Mund, dein Mund, Engel ... wie der rote Spalt eines
+Granatapfels.«</p>
+
+<p>»Deine Augen, deine Augen, du ... so glühend sind sie und so zärtlich
+sind sie, und ich muß sie lieben.«</p>
+
+<p>»Dein Leib, Engel, und deine Seele, Engel ... Marmorschale und
+Myrrhenduft, und ich muß beides lieben.«</p>
+
+<p>Und der eine langte nach dem anderen, daß die Lippen sich küßten —
+sich küßten — —</p>
+
+<p>So aufrecht wie immer war sie aus dem Wagen gestiegen, hatte sie ihr
+Zimmer aufgesucht. Als Kornelius Vanderwelt am Abend nach Fräulein
+Freydag fragte, hörte er, daß sie sich frühzeitig zu Bett begeben
+habe. Er schritt die Treppen hinauf, pochte leise an ihre Zimmertür
+und rief: »Gute Nacht!« — Und wie ein Echo kam ihm »Gute Nacht!«
+zurück.</p>
+
+<p>Früher als sonst suchte er am Morgen sein Geschäftshaus auf. Er wollte
+den Nachmittag für sich gewinnen. Und kehrte heim und fand Angela
+Freydag nicht mehr in seinem Hause.</p>
+
+<p>»Haben Sie vergessen, Herr Vanderwelt, daß Fräulein Freydag abreisen
+mußte? Fräulein Freydag sagte, Sie wüßten es schon.«</p>
+
+<p>Er nickte dem alten Fräulein zu, ging in sein Zimmer und nahm vom
+Arbeitstisch ihren Abschiedsbrief.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<p>»Lieber, liebster Mann, ich gehe. Bliebe ich, so würde ich in wilder
+Hingabe zerbrechen, denn so liebe ich Dich. Und Du würdest ärmer an
+mir werden statt reicher. Ich aber will an Deiner Seite schreiten
+können im gleichen Schritt und Tritt, ebenbürtig Dir als Genossin
+Deiner Liebe und Deiner Kämpfe. Laß mich draußen durch meine Kunst
+<em class="gesperrt">ich selbst</em> werden, und dann laß mich wiederkommen als Starke
+zum Starken. <em class="gesperrt">Deine</em> Angela.«</p>
+
+<p>Eine Stunde darauf senkte Kornelius Vanderwelt den Brief in Angela
+Freydags Reisetasche und verschloß beides.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="5">5</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Im Frühling woben
+die Wälder grüne Schleier von Wipfel zu Wipfel und Blumenranken in die
+Teppiche der Wiesen. Im Sommer tanzten die Sonnengluten auf feurigen
+Schuhen über den Ährenfeldern. Im Herbst lief der Wind durch die
+Stoppeln, kletterte von Baumgeäst zu Baumgeäst und fegte das welke
+Laub. Und im Winter fiel Tage und Nächte der Schnee, klirrte der Frost
+in Luft und Gewässer, wandelte sich Eis und Schnee in Schmutz und
+Wüstenei, bis wieder die Reihe an den Frühling kam und das ewige Spiel
+von neuem begann.</p>
+
+<p>Die Jahre, die da kamen, änderten sich in nichts. Und wenn die
+Menschen wähnten, den Lenzwind wie ein seliges Lächeln deuten zu
+müssen und die Winterstürme der Tag- und Nachtgleiche wie ein
+drohendes Fratzengesicht, Kornelius Vanderwelt hatte weder Deutung
+für das eine noch für das andere und ließ die Sonne scheinen wie
+sie wollte und mußte und die Stürme über die Wasser brausen wie sie
+sollten und mochten. Der Wechsel der Jahreszeiten war für ihn zum
+Einerlei geworden, ihre Zauberkünstlerüberraschungen nicht wert, den
+Puls des Blutes um einen Schlag zu steigern, und selbst die großen
+Lebensfragen der Arbeit schieden mit ihren Spannungen allmählich für
+ihn aus, weil es für ihn eine Selbstverständlichkeit wurde, daß<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> der
+Rhein zu Zeiten hohes und zu anderen Zeiten niederes Wasser führte.</p>
+
+<p>Nicht, daß Kornelius Vanderwelt in Arbeitskraft und Arbeitsleistung
+nachgelassen hätte. Er griff an, kämpfte im zähen Kampfe und siegte
+wie bisher. Aber er tat es aus der Gewohnheit heraus, seiner
+Kämpfernatur zum alten Rechte zu verhelfen, nicht, weil ihm die
+Siegerfreude die Adern zum Springen bringen wollte. Die Freude war aus
+Kornelius Vanderwelts Leben und Streben hinausgewichen.</p>
+
+<p>War sie an dem Tage gegangen, an dem Angela Freydag ging?</p>
+
+<p>Oft grübelte er dem Gedanken nach, oft mitten in der Arbeit, wenn es
+sich um einen großen Schlag und um schnelle Entschlüsse handelte,
+oft in der lastenden Feierabendstille, wenn er in seinem Musikzimmer
+saß, den Kopf auf die Hände gestützt und die Arme auf den Deckel des
+verstummten Flügels.</p>
+
+<p>War sie die einzige in seinem Leben gewesen oder eine Ziffer in einer
+Zahl?</p>
+
+<p>Dann gebot er den Gesichten und lud die Frauen vor seinen
+geschlossenen Blick, die er geliebt hatte für die Dauer heißer Stunden
+oder die Dauer noch heißerer Jahre. Schemen flatterten vor ihm auf
+und zerflatterten. Körperlichkeiten, die sich in nichts anderem zu
+erfüllen gehabt hatten, als den heißen Stunden Fleisch und Blut
+zu geben und mit ihnen zu vergehen. Die eigene, leidenschaftlich
+bewegte und erregte Frau wuchs vor seinen Augen auf, die ihm die
+Kinder geboren hatte und doch nur ihn beschenken wollte bei Tag und
+bei Nacht. Aufstöhnend wühlten seine Gedanken in ihrer Schönheit und
+griffen in nichts.</p>
+
+<p>Weshalb? Weshalb? War die Vergänglichkeit schneller oder die Liebe —?</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hob den Kopf. Er öffnete weit und starr die
+geschlossenen Augen.</p>
+
+<p>Liebe ...?</p>
+
+<p>Hatte ihn ein Ton gerufen, ein ganz hoher und heller, irgendwoher —?</p>
+
+<p>Er erhob sich und ging dem Tone nach, bis seine Stirn gegen das
+Fenster stieß. Er merkte es nicht. Seine Augen suchten in der Ferne,
+sein Gehör verfeinerte sich, alle seine Sinne waren angespannt.</p>
+
+<p>Liebe ...? Ist Liebe ein Wühlen in der Schönheit und Leidenschaft, ein
+Jauchzen im Besitz, ein Verschenken und Wiederverschenken von einem
+zum anderen? Narrheit, Knabennarrheit! Was ist es denn? Was denn? Die
+Liebe — ach, ich bin es selbst! Ich selbst bin die Liebe! Und was
+<em class="gesperrt">Du</em> mir bringst, Geliebte, ist ein Teil von <em class="gesperrt">mir</em>, gehört
+zu mir, wie das eine Auge zum anderen, die eine Hand zur anderen
+gehört. Wie kann ich mir schenken lassen, was mein ist, wie kann ich
+dir schenken wollen, was dein ist? Ich bin das eine Auge und du bist
+das andere. Ich bin der eine Blutstropfen und du bist der andere,
+und zusammen sind wir der eine und einzige Blutstrom unseres Lebens.
+Verbluten muß, wer dem anderen nicht gibt, was ihm zum Atmen und
+Leben gebührt. Denn du bist ein Teil meiner Kraft, wie ich ein Teil
+der deinen bin. Zwillingsblütler sind wir am Zweigeschlechterbaum und
+müßten verdorren, wenn wir nicht mehr aus derselben Wurzel trinken.
+Angela! Angela Freydag! Du wie ich! Denn nur vereint sind wir ein Mann
+oder ein Weib. Sind wir wir selbst — durch den Drang unserer Liebe,
+die den einen gleich dem anderen befruchtet.</p>
+
+<p>Angela. Angela Freydag. Du warst nicht die einzige Frau in meinem
+Leben und doch keine Ziffer in der Zahl. Du warst <em class="gesperrt">ich</em>, der Teil
+von mir, den ich lieben muß wie<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> das göttlichste Geheimnis. Wie ich
+dich sprechen höre, aus Fernen heraus: »Und du bist ich, seit Gott den
+Menschen schuf und Mann und Frau aus einem Gebilde. Du, Geliebtester,
+bist Angela Freydag, und ich, deine Geliebteste, bin Kornelius
+Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Angela! So schreit mein Blut nach meinem eigenen Blute, wenn es nach
+<em class="gesperrt">dir</em> schreit. — —</p>
+
+<p>Nur noch ein Einerlei waren für Kornelius Vanderwelt die Jahre, die
+auf und nieder tauchten. Geschäft, Schifferbörse, Erziehung der Kinder
+wurde von ihm nach des Tages Gebot und Bedarf geregelt und gemeistert.
+Die Söhne durchliefen die Schule, bestanden die Reifeprüfung
+leichthin. Im Korpsleben Bonns fühlte sich der stolze Justus
+Vanderwelt, der Student der Rechte, wohler als in den geschäftlich
+abgesteckten Grenzen Ruhrorts. Auf der Handelshochschule zu Köln
+wurden dem zu früh gereiften Thomas Vanderwelt genug der Einblicke ins
+Leben, um seiner Zweifelsucht den Schein der Weltweisheit zu verleihen.</p>
+
+<p>Und nun war auch Juliane Vanderwelt, sechzehnjährig, in eine
+Erziehungsanstalt der französischen Schweiz abgereist, mit der festen
+Vorberechnung, dort Dame und nichts als Dame zu werden.</p>
+
+<p>Es war einsam geworden in dem lebhaften Vanderwelthaus, und alles
+Laute hatte sich in Stille verkehrt.</p>
+
+<p>Das alte Fräulein Bilsenbach ging wie ein Geist durch die Räume,
+immer bemüht, jedes Geräusch, selbst das Geräusch ihres eigenen
+Schrittes von dem ernstgewordenen Hausherrn fernzuhalten und nicht
+den geringsten Grund zu einer Rüge aufkommen zu lassen. So lieb
+diese Vorsorge Kornelius Vanderwelt im Anfang war, so stark rissen
+die altjüngferlichen Übertreibungen auf die Dauer an seinen Nerven.
+Wenn er, aufschauend, ihren schwarzen Schatten<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> durch das Zimmer
+huschen sah, die Hand bittend erhoben, sie nicht zu bemerken, wenn
+er im Nebenzimmer das Wispern und Flüstern vernahm, mit dem sie den
+Hausangestellten ihre Anordnungen erteilte, so mußte er krampfhaft an
+sich halten, um nicht mit einem Matrosenfluche hineinzuwettern, nur um
+diese lawendelduftende Krankenhausluft zu säubern und aufzufrischen.</p>
+
+<p>»Himmel und Hölle, Fräulein Bilsenbach, ist ein Totes im Hause?«</p>
+
+<p>»Gott möge uns vor dem Unglück bewahren, Herr Vanderwelt. Wie kommen
+Sie nur auf so Schreckliches?«</p>
+
+<p>»Oder halten Sie mich für einen Geisteskranken oder einen
+Kindischgewordenen?«</p>
+
+<p>»Weshalb — weshalb denn nur, Herr Vanderwelt? —«</p>
+
+<p>»Weshalb? Weil Sie alles Leben um mich herum zum Schweigen bringen,
+weil Sie jedem Ding um mich herum einen Trauerflor anhängen, weil —
+ja, das soll doch der leibhaftige Teufel holen — weil Sie zittern und
+beben, wenn ich Sie anspreche.«</p>
+
+<p>»Sie sprechen mich ja nicht an, Herr Vanderwelt, Sie schreien mich ja
+an —«</p>
+
+<p>»Oh! Oh! das nennen Sie schreien? Ich wollt', Sie schrien ebenso,
+damit diese gottverdammte Filzsohlengeräuschlosigkeit endlich mal
+wieder einem herzhaften Krach Platz machte. Ach du liebes Elend, nun
+schwimmen wir mal wieder in Tränen.«</p>
+
+<p>Das alte Fräulein schluchzte in ihr Taschentuch.</p>
+
+<p>»Ich — ich tu hier mein Bestes und ich will ja gar keinen Dank, wenn
+— wenn Sie nur das Fluchen unterlassen wollten, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Das Fluchen?« Kornelius Vanderwelt lachte auf wie in seinen frohesten
+Tagen. »Ach, Sie liebe Unschuld glauben, ich wollte den lieben Gott
+damit ärgern? Wie ein kleiner<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> Junge hinter dem Herrn Lehrer, der ihm
+die Hosen vollgehauen hat, ›Fottenhäuer‹ herruft?«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt — ich bin eine Dame!«</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein Bilsenbach, aber auf
+Hochdeutsch können selbst Sie das nicht sagen. Na, nun lachen
+Sie schon. Doch, doch, ich hab's gesehen. Und um auf das Fluchen
+zurückzukommen — ja wie soll ich das Ihrem zarten Hausfrauensinn
+beschreiben? Das ist wie ein großes Reinemachen. All der Dreck des
+Lebens, der sich in einem eingenistet hat und nicht durch Gebet und
+gute Worte herauszubringen ist, der wird durch ein paar Kraftflüche
+hinausgeschleudert wie der Lavadreck aus einem Vulkan, und das
+geläuterte Feuer hat wieder die Oberhand und bereitet den schönsten
+Gottesgedanken die Wohnung.«</p>
+
+<p>Dann ging das alte Fräulein leise mit dem Kopfe schüttelnd und lautlos
+wie ein Geist aus dem Zimmer.</p>
+
+<p>In diesem Dunstkreise atme ich, dachte Kornelius Vanderwelt, und er
+ging wie ein gefangenes Tier im Zwinger ruhelos im Raume auf und ab,
+auf und ab.</p>
+
+<p>Es war keine Mißachtung der ängstlichen Sorgerin, die in ihm aufkam,
+es war nur die Abwehr ihrer kleinen Welt, die ihn vorzeitig in
+Schlafrock und Pantoffeln einlullen wollte, und aus der Abwehr ihrer
+kleinen Welt wurde eine Abneigung gegen die lautlose Persönlichkeit,
+die demütig zum Gesangbuch griff, statt einmal, einmal nur zornwütig
+die Arme gen Himmel zu strecken und hineinzurufen: Auch ich bin ein
+Gotteskind, ein Erbe, und kein hündischer Sklave!</p>
+
+<p>Und allmählich empfand er die Abneigung fast körperlich.</p>
+
+<p>Das machte ihm den Aufenthalt im Hause mehr und mehr zur Qual, und
+wenn er die spärlichen Briefe der heranwachsenden Kinder gelesen
+hatte, wenn die Antworten,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> streng nach der Eigenart des Einzelnen,
+verfaßt und abgesandt waren, nahm er Hut und Mantel und durchwanderte
+das immer mächtiger um sich greifende Hafengebiet, bis er in
+später Nacht in die Gasse einbog, in der wie ein Eckpfeiler die
+Gastwirtschaft ›Zu den fünf Erdteilen‹ heraussprang.</p>
+
+<p>Das erste Mal wartete er, bis sich der letzte Gast getrollt hatte und
+der Matthes den Riegel vorschieben wollte.</p>
+
+<p>»Gut Freund,« murmelte er und ging an dem Erstaunten vorüber in die
+Kneipstube.</p>
+
+<p>Der Wirt kam eilig hinter ihm hergelaufen, wischte mit der Mütze den
+Tisch sauber, stemmte sich mit den Fäusten auf die Tischkante und
+starrte ungläubig auf den Gast.</p>
+
+<p>»Der Herr Kornelius Vanderwelt? Wahr un wahrhaftig der Herr Kornelius
+Vanderwelt?«</p>
+
+<p>»Soll ich Ihnen vielleicht meine Handschrift über das Maul schreiben,
+Matthes? Dies Haus gehört bis zum letzten Sparren mir, und ich darf
+wohl auch des Nachts eine Besichtigung vornehmen.«</p>
+
+<p>Der Matthes, immer noch von der Überraschung bewältigt, schielte ihn
+in aufkommender Unruhe an.</p>
+
+<p>»Geht es um die Zinsen, Herr Vanderwelt? Sie kriegen sie. Sie kriegen
+sie auf Ehr' un Gewissen.«</p>
+
+<p>»Ihr ›Ehr' und Gewissen‹ will ich nicht geschenkt haben. Grog will
+ich, und morgen am Tage laß ich Sie durch den Gerichtsvollzieher
+auspfänden, wenn es nicht unverschnittener Rum von Jamaika ist.«</p>
+
+<p>Der Matthes stand stramm wie ein berichterstattender Matrose.</p>
+
+<p>»Frisch geschmuggelt vom holländischen Kahn ›<em class="antiqua">Ora et labora</em>‹.
+Gott soll mich verdammen, wenn Sie den unverfälschten Jamaika nich
+beim ersten Schluck herausschmecken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>»Lieber Matthes, machen Sie doch nicht die langen Redensarten.«</p>
+
+<p>Da holte Matthes die kurzbauchige und langhalsige Flasche, wies den
+unverletzten Siegellack vor und entkorkte sie mit einem schnalzenden
+Knall. Fragend blickte er auf seinen Gast.</p>
+
+<p>»Ne, mein Junge, ans Schnapssaufen bin ich doch noch nicht gekommen.
+Kochendes Wasser her. Meinetwegen zwei Gläser statt einem. Wäre ja
+möglich, daß Sie mittrinken möchten. Schon gut.«</p>
+
+<p>Der kupferne Wasserkessel summelte und surrte auf dem Tisch und stieß
+den Dampf aus dem gebogenen Hals. Die Groggläser warteten neben der
+geschmuggelten Flasche aus Jamaika. Und der Matthes schob seine
+Vierschrötigkeit geräuschlos zwischen den Stühlen und Tischen einher,
+schloß die Türen, dichtete die Fensterläden und kehrte zu seinem Gast
+zurück, um den Grog zu mischen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Matthes. Ich bin der Gastgeber und
+messe nicht nach Fingerhüten.«</p>
+
+<p>Es wurde ein steifer Grog, den Kornelius Vanderwelt mischte, und der
+Matthes saß breitbeinig am Tische und tat Bescheid. Ein einsames Licht
+leuchtete über dem Ecktisch, an dem die Männer hockten.</p>
+
+<p>»Wie geht es Ihrer Frau? Liegt sie schon in den Federn?«</p>
+
+<p>»Der Frau geht's gut. Einer Frau geht's beim Matthes immer gut, wenn
+sie Order pariert.«</p>
+
+<p>»Begierig, Mann, was Sie darunter verstehen.«</p>
+
+<p>»Nix mehr un nix weniger, als wat ich gesagt hab'. Wenn ich der Herr
+bin, hat sich die Frau danach zu richten.«</p>
+
+<p>»Verdammt bequem für den Mann. Meinen Sie nicht auch?«</p>
+
+<p>»Frauensleut haben immer Raupen im Kopp. Die müssen 'raus. Reinweg.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt tat einen langen, durstigen Zug. Und sprach
+weiter, um das Gespräch im Gang zu halten.</p>
+
+<p>»Was sind denn das für Raupen, Matthes? Ihre Frau ist doch die
+Unterwürfigkeit in Person.«</p>
+
+<p>»Unterwürfig? Eine Frauensperson un unterwürfig? Die möcht' ich sehen.
+Alles Anstellerei, solange sie spürt, dat sie sich unterm Daumen
+befindet. Aber lockern Sie den nur mal für ein paar Sekunden, un sie
+sind hinten un vorne betrogen. Et hat noch kein Frauenzimmer mit Moral
+im Leib gegeben, solang die Welt steht.«</p>
+
+<p>»Drehen Sie bei, Matthes. Ihre Frau ist die Tugend selbst.«</p>
+
+<p>»En alt Weib hat leicht tugendhaft sein. Dat heißt, ich hätt' ihr auch
+in jüngeren Jahren nix anderes anraten mögen. So sind wir nu doch
+nich. Aber ich brauch' nur mal, wat selten vorkommt, en Mittagsschlaf
+zu halten, un schon schickt sie der verloren gegangenen Tochter un —
+un deren Krott die Postpakete nach Düsseldorf.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie doch wissen, Matthes, daß Ihre Tochter in Düsseldorf wohnt,
+ist sie doch nicht verloren gegangen.«</p>
+
+<p>»Dat is gut, Herr Vanderwelt. Nich verloren gegangen? Wo sie doch dat
+Kind ohne Vatersnamen hat?«</p>
+
+<p>»Matthes, soweit mir erinnerlich, war Ihr Mädel auch schon auf der
+Welt, bevor Sie Hochzeit hielten.«</p>
+
+<p>»Aber sie wurde gehalten, die Hochzeit!« ereiferte sich der Mann. »Un
+wenn sie nich pünktlicher gehalten wurde, so trifft mich daran keine
+Schuld, denn ich konnt' doch in den südamerikanischen Gewässern nich
+wissen, dat et mit der Annemarie in Ruhrort so eilig geworden war.
+Anständiger Kerl, der man is.«</p>
+
+<p>»Matthes, Ihre Tochter hat auch geglaubt, daß der andere ein
+anständiger Kerl wär'. Das ist gehauen wie gestochen, und wenn der
+Liebhaber ein Lump war und das Mädel mit dem Kind im Unglück sitzen
+ließ, so gibt Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> das weiß Gott nicht die Berechtigung, den
+Tugendengel vorzuspielen.«</p>
+
+<p>»Dat is meine Sache, Herr Vanderwelt. Ich kehr' vor meiner eigenen
+Tür.«</p>
+
+<p>»Prost, Matthes. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon öfters
+kehren geholfen hab'. Lassen Sie mich doch, zum Kuckuck, meinen Satz
+aussprechen. Es ist gewiß nicht schön, daß Ihr Mädel in die Patsche
+geraten ist. Aber die Eltern vergessen so gern, wie es war, als sie
+selber drin saßen und jeden für einen Engel Gottes hielten, der ihnen
+nur den kleinen Finger hinstreckte. Matthes, wenn wir für alles zur
+Verantwortung gezogen würden, was wir im Leben angestellt haben!
+Vielleicht kriegt jeder mal die Rechnung. Vielleicht. Jedenfalls
+können wir sie erst als ›bezahlt‹ beiseite legen, wenn ein Guthaben
+als Deckung vorhanden war.«</p>
+
+<p>»Ein Guthaben ...« knurrte der Mann. »Is wohl zu hoch für meinen
+Verstand.«</p>
+
+<p>»Sie verstehen mich ganz gut. Wenn alle Gerechten, die auf Stelzen
+gehen, Farbe bekennen müßten, gäb' es auf der Welt kaum eine einzige
+klare Farbe mehr. Also beizeiten heran an das Klärungsverfahren. Und
+nicht die Nase gerümpft über die, die Unglück hatten, wo die anderen
+Glück hatten, sondern aufgeholfen. Natürlich bleibt ein Unterschied
+zwischen einem Unglück und einer Ferkelei.«</p>
+
+<p>Der Matthes erhob sich und guckte in den Wasserkessel.</p>
+
+<p>»Befehlen der Herr Vanderwelt noch eine neue Auflage?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt mischte den zweiten Grog. Er hob sein Glas
+prüfend gegen das Licht.</p>
+
+<p>»Wir wollen einmal auf Ihre Enkelin anstoßen, Matthes. Wird jetzt
+schon ein Schulmädel sein. Na, dies Wurm wenigstens kann doch nichts
+und wieder nichts zu seiner Notlage. Also: auf Großvaterfreuden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>Der Mann trank widerwillig. Das Glas klappte hart auf die Tischplatte
+zurück.</p>
+
+<p>»Wenn et Ihnen genehm is, Herr Vanderwelt, sprechen wir jetzt mal
+von anderen Sachen. Et gibt soviel schönere auf der Welt, sogar in
+Ruhrort. Da wär' zum Beispiel der Hafen.«</p>
+
+<p>»Matthes, der Hafen wird eine Pracht. Und der neue Kanal wird bis zum
+Nordseehafen Emden geführt. Der Warenumschlag ist ohnegleichen auf der
+Welt und noch unbeschränkt in der Entwicklungsmöglichkeit.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, dat et jetzt mit Siebenmeilenstiefeln geht, daran
+tragen <em class="gesperrt">Sie</em> die Schuld.«</p>
+
+<p>»Eine Schuld, die entlastet, Matthes. Jeder Mensch muß sein Guthaben
+besitzen.«</p>
+
+<p>»Sie haben Ihr Guthaben! Sie haben et in Ruhrort un bei allen
+Schiffern zwischen Mannheim un Rotterdam!«</p>
+
+<p>»Hunderttausend Fahrzeuge dies Jahr in den Duisburg-Ruhrorter Häfen
+angelaufen, Matthes! Achtundzwanzig Millionen Tonnen Umschlag! Der
+gewaltige Seehafen Hamburg hatte nur neunzehn Millionen!«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt! Himmelherrgottdonnerwetter, Herr Vanderwelt.« — —</p>
+
+<p>Die Nachtstunden beim Matthes hatten Kornelius Vanderwelt gut
+getan. Das Kreisen seiner Gedanken war unterbrochen worden. Andere
+Bilderreihen hatten sich eingefügt. Nach kurzer Zeit wiederholte er
+den Ausflug. Und wieder nach kurzer Zeit kehrte er auch schon zu
+Stunden ein, zu denen die Gäste noch das Wirtszimmer bevölkerten,
+die Schiffer ihre Gläser auf die Tischplatte stießen und die
+Harmonika schluchzte. Über eine Weile, und die Gastwirtschaft ›Zu den
+fünf Erdteilen‹ begann, sich in Schifferkreisen wieder wachsender
+Beliebtheit zu erfreuen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<p>Ein Seltsames nur bewegte Kornelius Vanderwelts Gedanken, die um
+Angela Freydag kreisten. Als bedürfte er einer Entschuldigung, daß
+er wieder in der Wirtsstube ›Zu den fünf Erdteilen‹ säße. Er wollte
+auch hier bei Angela Freydag weilen, selbst hier sollte der Geist der
+Verschollenen über ihm sein. Und er ging hin und ließ das Grundstück,
+das das gesamte Anwesen des Matthes umschloß, auf Angela Freydags
+Namen überschreiben.</p>
+
+<p>Und ein Seltsames nicht minder war die große Ruhe, die von Stund' an
+über ihn gekommen war.</p>
+
+<p>Der alte Beckenried hatte mit Kopfschütteln die Rückkehr seines Herrn
+zu den alten Gewohnheiten beobachtet. Aber der Herr war nicht mehr
+gewillt, Anspielungen seines knöchernen Mitarbeiters entgegenzunehmen,
+und schnitt sie ihm im Munde ab.</p>
+
+<p>»Lieber Freund, ich möchte in der Arbeit nicht mit Privatgesprächen
+behelligt werden. Nach Feierabend soll es mich freuen.«</p>
+
+<p>Der lebergelbe Beckenried aber hütete sich, seine Haut nach Feierabend
+zu Markte zu tragen, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß
+das Gelb seiner Haut im außergeschäftlichen Umgang mit Kornelius
+Vanderwelt nur verstärkt zunähme. Und da der Geschäftsherr in der Tat
+schärfer arbeitete als je zuvor, so spielte er den Beobachter nur noch
+wortlos und in der Heimlichkeit.</p>
+
+<p>Aber es war nicht nur Beckenried, dem die Rückverwandlung Kornelius
+Vanderwelts bemerkbar wurde. Auch die Herren, die in der ›Erholung‹
+zusammenzukommen pflegten, wurden aufmerksam, wenn an manchen Abenden
+und immer öfter der aufsprühende Geist Kornelius Vanderwelts in ihrer
+Runde fehlte, und sie besprachen die Angelegenheit ernsthaft.</p>
+
+<p>»Ein Extratanz in den ›Fünf Erdteilen‹ kann ihm wohl<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> vergönnt werden.
+Von einer gelegentlichen Mitwirkung sprechen wir uns selbst nicht
+frei. Aber es muß ein Spaß bleiben und darf nicht zur Gewohnheit
+ausarten. Stadt und Hafen verdanken der Vanderweltschen Tatkraft zu
+viel, und es muß uns daran gelegen sein, dem Manne das Ansehen zu
+erhalten.«</p>
+
+<p>Der Vorsitzende übernahm es, ihm freundschaftlich ins Gewissen zu
+reden.</p>
+
+<p>Ein Weilchen hörte Kornelius Vanderwelt den gütigen
+Auseinandersetzungen des greisen Großindustriellen zu. Dann richtete
+er den Blick auf ihn, und der Blick aus den stolzen, hellen Augen ließ
+den Warner mitten im Satze abbrechen und einen neuen Gesprächsstoff
+suchen.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, ich bitte mich als Ihren Freund zu betrachten. Ich
+bin nicht von kleinen Gesichtsmaßen. Wenn einer, so weiß ich, was
+Sie für die Entwicklung des Platzes Ruhrort getan haben und rastlos
+weiter tun. Aber eine solche hochgesteigerte Rastlosigkeit bedarf
+eines Ausgleiches, wenn sie auf lange hinaus wirksam bleiben soll.
+Sie sind ein Mann in der Reife der Jahre. Mehr als das: in der Reife
+der Kraft. Frauenliebe, hochverehrter Freund, Frauenliebe allein
+erhält uns Männern der Arbeit diese Kraft, deren wir viel, viel länger
+bedürfen, als unsere Neider und Bewunderer ahnen. Denn mit uns steht
+und fällt nicht nur ein ganzes Geschlecht, sondern ein Zeitalter. Das
+des ungeheuerlichsten Aufschwunges, der auf dem Scheitelpunkt seiner
+Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbrochen werden darf. Was die
+Jungen können, haben sie noch zu beweisen. Ich schweife ab, weil ich
+mit meinem Freundesrat nicht aufdringlich erscheinen möchte. Und doch,
+lassen Sie es mich aussprechen, was ich für Sie fühle: Sie müssen sich
+wieder verheiraten, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Die Blicke der beiden Männer waren nicht voneinander<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> gewichen, und
+der alte Geschäftsherr freute sich der stolzen und hellen Augen seines
+Gegenübers.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie mir meine Eindringlichkeit, Herr Vanderwelt, die keine
+Zudringlichkeit sein sollte.«</p>
+
+<p>»Ich fühle aus jedem Worte Ihre Freundschaft, die mich hoch ehrt, Herr
+Kommerzienrat. Aber gerade meine Reife verbietet mir, die Rolle des
+schmachtenden Liebhabers zu spielen.«</p>
+
+<p>»Kornelius Vanderwelt würde nie einen schmachtenden Liebhaber abgeben.«</p>
+
+<p>»Ich freue mich herzlich, daß auch Sie diese Vorstellung von mir
+haben.«</p>
+
+<p>»Es gibt in unserem Kreise auch andere Frauen, Herr Vanderwelt.
+Frauen, die einen geruhigen Lebensabend verbürgen.«</p>
+
+<p>»Für diese Frauen — ich bitte mir meine Aufrichtigkeit zu verzeihen
+— fühle ich mich wieder zu jung.«</p>
+
+<p>Wieder lagen die Blicke der beiden Männer ineinander, und der
+Altgewordene freute sich gegen seinen Willen.</p>
+
+<p>»Sie setzen mich schachmatt, Herr Vanderwelt. Die Jungen sind Ihnen
+zu jung und die Älteren zu alt. Ich glaube, Sie müssen einen neuen
+Schöpfungstag einlegen und sich die Gefährtin, die zu Ihnen paßt,
+eigenwillig schaffen.«</p>
+
+<p>»Fast glaube ich es auch,« entgegnete Kornelius Vanderwelt, und ein
+eigentümliches Grübeln war in seinen Augen, als er dem freundlichen
+Mahner mit herzlichem Dank die Hand schüttelte.</p>
+
+<p>An diesem Abend ging Kornelius Vanderwelt auf kürzestem Wege nach
+Hause.</p>
+
+<p>Er betrat das Musikzimmer, ließ das Deckenlicht aufflammen und schritt
+auf den Flügel zu. Aber er öffnete ihn nicht. Nur über den glänzenden
+Deckel strich er ein paarmal mit den Händen hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
+
+<p>Einen feinen, singenden Ton gab das Holz von sich. Und Kornelius
+Vanderwelt horchte auf.</p>
+
+<p>»Engel,« sagte er, »hast du alles vernommen, was der gute alte Mann
+zu mir sprach? Das Alter hat die Gabe des zweiten Gesichts. Eine
+Gefährtin wünscht er mir, damit ich stark bleibe im Schaffen und mich
+am Leben nicht schmutzig mache. Und einen Schöpfungstag wünscht er
+mir, damit ich mir die Gefährtin selber forme aus meinem eigenwilligen
+Fleisch und Blut und der noch eigenwilligeren Seele. Das sah sein
+zweites Gesicht. Was es aber nicht sah, Engel, und was es nicht
+erkannte, war, daß ich diesen neuen Schöpfungstag schon mit allen
+Fibern genossen hatte, daß ich dich mir schaffen und formen durfte als
+mein bestes Teil, ›als wär's‹, wie's im alten Liede heißt, ›als wär's
+ein Stück von mir.‹</p>
+
+<p>»Engel, es ist überflüssig, dir alles wiederzusagen, denn du hast
+alles vernommen.«</p>
+
+<p>»Weil du und ich untrennbar sind, Engel, im Fleisch und im Geist.«</p>
+
+<p>Mit übersichtigen Augen saß er am verstummten Flügel und sah ihr Bild.
+Ihre klaren grauen Mädchenaugen wurden zu Frauenaugen, und tief aus
+ihrem Grunde sprang das geheime Funkeln auf, das wie ein Blitz ihr
+Wesen erleuchtete, die Urnatur ihrer Liebe: Hingabe an den Gefährten,
+Verteidigung ihres Besitzes.</p>
+
+<p>»Ich habe dir nicht nachgespürt,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Es
+hätte uns nicht zu Gesicht gestanden. Seit sechs Jahren warte ich auf
+dich, und ich weiß, an einem Tage kommst du und gibst mir ein Zeichen.
+Das wird an dem Tage sein, an dem du die Größe erreicht zu haben
+glaubst, die du für mich suchst. Für mich. Wie stolz mich das Warten
+macht, Engel.«</p>
+
+<p>Und er horchte hinaus und hörte ihre Antwort. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<p>Die Nacht ging über in den Morgen. — —</p>
+
+<p>Und es kam ein Morgen über die Welt, der für Millionen die Nacht
+brachte. Die alte Erde sprengte die dünne Kruste der Gesittung und
+spie Feuer und Verderben. Engel und Teufel rangen, die Hand am Halse
+des anderen, und da Himmel und Hölle sich verwirrten, wucherten die
+Erdentriebe geil durch die Lande.</p>
+
+<p>Der Weltkrieg war über das Geschlecht der Menschen gekommen.</p>
+
+<p>Die Lava kochte über. Mochte sie. Hinter ihr mußte das heilige Feuer
+den Platz ergreifen.</p>
+
+<p>Schon war Justus Vanderwelt mit den blauen Bonner Husaren, denen
+er als Leutnant angehörte, ins Feld gerückt. Schon hatte sich
+Thomas Vanderwelt bei den grünen Krefelder Husaren als Freiwilliger
+gemeldet und sofort seine Ausbildungszeit angetreten. Schon war
+Juliane Vanderwelt, achtzehnjährig, aus der Erziehungsanstalt der
+französischen Schweiz heimgeflattert und hatte einen Begleiter ins
+Haus gebracht.</p>
+
+<p>»Papa, es ist der Klaus Beckenried. Erkennst du ihn denn nicht? Der
+Sohn deines alten, grämlichen Freundes. Aber der Klaus ist nicht
+grämlich. Sieh ihn dir an. Frisch aus dem Ausland, aus bedeutender
+Bankstellung heraus. Wir trafen uns auf dem Genfer Bahnhof. Er hat
+mich unter seinen starken Schutz genommen, Papa, sonst lebte ich
+wohl nicht mehr. Es war so köstlich unter seinem Schutz in all den
+Soldatenzügen. Er ist Artillerieoffizier, muß sich morgen in Köln bei
+seinem Regiment stellen, und übermorgen soll unsere Kriegstrauung
+stattfinden. Papa! Papa!«</p>
+
+<p>Da war es, daß Kornelius Vanderwelt zum erstenmal vor der
+Oberflächlichkeit seiner Tochter erschrak.</p>
+
+<p>»Du schwärmst wohl ein wenig, Juliane. Eine Ehe ist<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> kein Tänzchen,
+zu dem man einen Partner auffordert. Diese Zeit verlangt nach ernsten
+Frauen und Müttern.«</p>
+
+<p>»Lieber Papa, es ist mir sehr ernst damit, eine Frau und Mutter zu
+werden. So frage doch Klaus.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt wandte sich nach dem jungen Manne um. Lange
+blickte er auf die straffe Gestalt, in die begeisterten Augen. Seine
+Stimme wurde milder.</p>
+
+<p>»Was haben Sie mir zu sagen, Klaus Beckenried? Sie sehen nicht aus wie
+ein Windspiel und beteiligen sich doch an den Luftsprüngen?«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt — es mag eine große Kühnheit bedeuten, so vor Ihnen
+zu stehen. Aber ich glaube an mich. Und ich bitte Sie, auch an mich
+zu glauben und an meinen Ernst. Wir haben von Genf bis hierher acht
+Tage gebraucht, Juliane und ich, und ich mußte Juliane als meine Braut
+ausgeben, um überhaupt Unterkunft für sie zu beschaffen. Für Juliane
+und mich. Denn allein konnte sie als junge Dame in dem Gewoge der
+Menschen, der Umsteigestellen und der überfüllten Herbergen unmöglich
+gelassen werden. So kam es, daß Juliane mich kennen und — ich darf es
+heute freudig sagen — lieben lernte und mich nicht mehr lassen will.
+Ich bin der einzige Sohn Ihres getreuen Mitarbeiters, Herr Vanderwelt,
+und habe mir schon eine Stellung geschaffen. Komme ich lebend aus dem
+Feldzug heim, so ist an meiner Seite für Juliane gesorgt. Bleib ich
+vor dem Feind, so ist Juliane einzige Erbin des Vermögens, das sich
+mein Vater erwerben durfte. Ich habe schon seit meiner Knabenzeit
+immer in tiefer Verehrung zu Ihnen aufgeschaut, Herr Vanderwelt. Ich
+enttäusche Sie nicht.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelts Blicke wanderten von dem begeisterungsvollen
+Jünglingsantlitz zu den gespannten Mienen der Tochter. Wie schön das
+Mädchen geworden war. Blendend schön. Ja, blendend ... Denn der Zug
+der Berechnung,<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> den schon das Kindergesicht aufgewiesen hatte, war
+für das geschärfte Vaterauge geblieben.</p>
+
+<p>»Gut, Klaus Beckenried, Sie werden mich nicht enttäuschen. Aber wissen
+Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht
+enttäuschen wird? Warten Sie das Ende des Feldzuges ab. Ich rate es
+Ihnen.«</p>
+
+<p>Heftig drängte sich das schöne Geschöpf in des Verlobten Arm.</p>
+
+<p>»Nein — nein — nein! Ich will nicht in Angst und Bangen warten, ob
+er wiederkommt oder nicht. Ich will seine Frau sein und nicht eine
+Übriggebliebene. Kein Mensch weiß, was kommen mag. Was ich habe,
+besitze ich.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sah seine Tochter lange an.</p>
+
+<p>»Ich will nicht fragen, Juliane, was dich zu dieser Sprache treibt.
+Liebe hat verschiedene Gesichter, und ihr habt euch mit dem Gesicht
+eurer Liebe zu befreunden. Sei's drum, und mögt ihr die Hast nie
+bereuen.« —</p>
+
+<p>Wenige Tage später wurde Juliane Vanderwelt mit Klaus Beckenried
+kriegsgetraut. Eine Woche später, und Klaus Beckenried war mit seiner
+Ersatzbatterie ins Feld gerückt und Juliane ins väterliche Haus
+heimgekehrt. —</p>
+
+<p>Wenn Kornelius Vanderwelt des Glaubens gewesen war, seine Tochter in
+seiner Obhut zu wissen, so sollte er schnell von seinem Irrtum bekehrt
+werden. Mit dem Tage der Eheschließung hatte Juliane die Rechte ihres
+selbständigen Frauentums ergriffen und gab sie nicht um eines Zolles
+Breite preis. Ob sie zu Hause war oder nicht, was sie tat oder ließ,
+es war ihre Sache. Ihre Sache, mit wem sie verkehrte und mit wem sie
+ausflog. Rechenschaft darüber zu erteilen, lehnte sie mit einer Kühle
+ab, als sei sie Alleingebieterin ihres Lebens geworden, und dieses
+Leben sollte ein vergnügtes sein.</p>
+
+<p>»Es läuten so viel Trauerglocken,« belehrten sie ihre<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Freundinnen,
+die sich in Bewunderung um sie scharten, »daß wir uns wirklich nicht
+daran zu beteiligen brauchen.« Und unter den Freundinnen war es
+vor allem Antonie Ausdemwerth, die sich begierig zu ihr hielt, die
+leichtentzündete Antonie, deren fröhliche Mutter vor Jahren einmal den
+Ausspruch getan hatte: Nur einen Mann gäbe es in Ruhrort, und er heiße
+Kornelius Vanderwelt, und alle anderen seien nur Kohlentrimmer.</p>
+
+<p>»Weißt du es noch, Antonie?«</p>
+
+<p>»Ob ich es noch weiß! Noch heute läuft es mir ganz heiß und kalt den
+Rücken hinunter, wenn ich deinen Vater sehe. Geht es dir bei deinem
+Manne gerade so, Juliane?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, es ist umgekehrt. Ich lasse ihn gern ein bißchen zappeln.
+Die Vanderwelts führen immer die Regierung.«</p>
+
+<p>»Sind alle Vanderwelts so? Sag doch: ist der Justus heißblütiger oder
+der Thomas?«</p>
+
+<p>»Der Justus schlägt sich im Felde herum. Aber der Thomas übt noch in
+Krefeld bei den Husaren und ist erreichbar.«</p>
+
+<p>Die tiefschwarzen Augen der Antonie Ausdemwerth funkelten auf. Sie
+hatte begriffen.</p>
+
+<p>»Wollen wir den Thomas überfallen, Juliane? Bitte! Bitte! Ich vergeß
+es dir nicht!«</p>
+
+<p>»Das will ich hoffen, du verliebtes Mädel.« Und am Nachmittag waren
+sie bei Thomas Vanderwelt in Krefeld.</p>
+
+<p>Wie sah er aus, der feine Genießer! Wohin war seine überlegene
+Weltmüdigkeit? Ohne Rücksicht zusammengeknufft war sie unter den
+derben Fäusten des Wachtmeisters und des Reitunteroffiziers, die
+Genießerfeinheit im zerbeulten Kochgeschirr untergegangen, und die
+verschossene Husarenmütze war trübselig und wütend zugleich in den
+Nacken gezerrt.</p>
+
+<p>Mit einem Jubelschrei begrüßte der einst so zurückhaltende<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Thomas
+Vanderwelt die beiden feinen Frauengestalten aus seiner früheren Welt.</p>
+
+<p>»Thomas, die Antonie ließ nicht nach. Sie hat eine Schwäche für die
+grünen Husaren und wollte dich als Reitersmann bewundern.«</p>
+
+<p>Da riß er sich zusammen, schlug sporenklirrend die Hacken zusammen und
+verbeugte sich vor der Jugendbekannten.</p>
+
+<p>Sie reichte ihm mit einer hingebenden Bewegung die Hand hin und bog
+sich doch, als fürchtete sie sich, in den Schultern zurück. Aber
+sie wußte, daß es ihrem schönen Wuchse vorteilhaft war. Und Thomas
+Vanderwelt ergriff die Hand und sog mit geblähten Nüstern den Duft
+ein, der von ihrer elfenbeinfarbenen Haut ausströmte, und seine
+entwöhnten Augen tranken das Bild ihres biegsamen Leibes in sich
+ein, und die Sinne erwachten aus der Abgestumpftheit und sahen nur
+Schönheit, Schönheit.</p>
+
+<p>»Ich mußte doch Abschied von Ihnen nehmen, Thomas,« sagte verwirrt
+Antonie Ausdemwerth. »Wer weiß, ob es ein Wiedersehen gibt.«</p>
+
+<p>Sie hätte noch eine größere Alltäglichkeit aussprechen können,
+der einst so feinfühlige Thomas hätte es überhört. Er spürte nur
+einen warmen Hauch, liebkosende Worte, leise, zarte Töne. Nicht das
+Geschnaube der Gäule im Stall, das Gebrüll auf dem Reitplatz, die
+Gräßlichkeiten der Rekrutenstube.</p>
+
+<p>»Nein, nein, Antonie. Noch keinen Abschied nehmen. Es kann noch Wochen
+dauern, bis wir verladen werden.«</p>
+
+<p>»Verladen ...« wiederholte sie und schauerte in den Schultern.</p>
+
+<p>»Antonie ... Weshalb hab' ich Sie früher nur so selten gesehen? Ein
+wie feiner Mensch sind Sie geworden ...«</p>
+
+<p>»Darf ich noch einmal wiederkommen, Thomas? Ich komme gern, wenn Sie
+es mögen ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Ein Trompetenruf fuhr aufscheuchend über den Kasernenhof.</p>
+
+<p>»Verdammt,« zischte der Husar, »Stalldienst. Ihr müßt wiederkommen,
+wenn ich dienstfrei bin. Morgen. Übermorgen. Am liebsten jeden Tag.«</p>
+
+<p>»So gebt euch doch einen Kuß,« sagte Juliane kaltblütig und wandte den
+Abschiednehmenden den Rücken.</p>
+
+<p>Einen Augenblick stutzte Thomas Vanderwelt. Dann riß er den heißen,
+duftigen Mädchenleib in seine Arme, wie ein Raubtier sich auf seine
+Beute wirft, und wühlte seinen Mund in ihre blutwarmen Lippen. — —</p>
+
+<p>Tag um Tag fuhr die junge Frau Juliane Beckenried mit ihrer Freundin
+Antonie Ausdemwerth nach Krefeld, Thomas Vanderwelt zu treffen. Tag
+um Tag wartete der abgehetzte Husar fiebernd auf die Grüße, auf die
+Düfte, auf die Klänge aus der anderen Welt. Unter den Freundinnen
+zu Ruhrort fielen die Ausflüge, fiel die Abwesenheit der jungen
+Damen immer unliebsamer auf. Es galt für die Frauen und Mädchen,
+ein dringenderes Gebot der Stunde zu erfüllen, als auf heimlichen
+Liebeswegen zu wandeln. Gerade sie, die den Gatten, Bruder oder
+Bräutigam draußen im blutigen Felde wußten, zogen sich ernsthafter
+als je auf ihre Frauenpflicht zurück, und die erste Bewunderung für
+die so köstlich erblühte Vanderwelttochter machte bald einer stillen
+Beschämung Platz über die Selbstsüchtigkeiten Julianes und ihrer
+mannstollen Freundin.</p>
+
+<p>Die Absonderung der Ernstschaffenden kümmerte die beiden Freundinnen
+kaum. Sie waren eine lästige Verantwortung los und lebten nur sich zu
+Gefallen. —</p>
+
+<p>Dann geschah es, daß Kornelius Vanderwelt vor seinem Sohne Thomas
+stand.</p>
+
+<p>»Was soll das, mein Junge? Ich habe dich für zu klug<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> und zu eigen
+geartet gehalten, als daß du den Unfug deiner Schwester nachahmtest.«</p>
+
+<p>»Es ist kein Unfug, Vater.«</p>
+
+<p>»Was ist es denn? Vielleicht um ein paar Schwingungen verschieden beim
+einen und beim anderen. Ein bißchen mehr Brunst, ein bißchen mehr
+Schwärmerei. Und die Partnerschaft bleibt dem Zufall überlassen.«</p>
+
+<p>»Es ist die Liebe, Vater,« sagte der Junge mit weißen Lippen.</p>
+
+<p>Sie waren zum Krefelder Stadtwald hinausgewandert und hatten nicht
+acht auf Sonne, Wald und Wasser.</p>
+
+<p>»Die Liebe?« wiederholte Kornelius Vanderwelt und atmete schwer.
+»Die Liebe, mein Junge, ist wie der Name Gottes. Du sollst ihn nicht
+ungestraft im Munde führen. Junge Menschen mögen verliebt sein. Um den
+Begriff ›Liebe‹ zu verstehen, dazu gehört die Reife der Erkenntnis.
+Geh und hol' sie dir. Sie liegt wie die Rose im Dornbusch.«</p>
+
+<p>»Vater, ich bin seit wenigen Monaten mündig.«</p>
+
+<p>»Damit würde ich nicht protzen, Thomas, so lang ein Mädchenmund dich
+noch um den Verstand bringen kann.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt bebte die Stimme, bebten die Hände vor Erregung.</p>
+
+<p>»Willst du uns, die wir dem Tode entgegengeschickt werden, nicht das
+bißchen Seligkeit auf den Weg gönnen?«</p>
+
+<p>»Besteht die Seligkeit nur im Beilager, Thomas?«</p>
+
+<p>»Wie soll ich es wissen? Ich kenne das alles ja nicht. Auf Ehre, nein,
+Vater. Aber im Besitz besteht sie, das habe ich gefühlt, und ich will
+wissen, daß der Besitz mein und keines andern ist, bevor ich ins
+Dunkle marschiere.«</p>
+
+<p>In dieser Stunde lernte Kornelius Vanderwelt zum unwiderruflichen
+Male, daß Kinder nicht durch die Geburt die Kinder des Erzeugers sind,
+sondern es erst zu werden<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> vermögen — vielleicht nie, vielleicht nach
+Jahren der Erfahrungen erst — durch eine seelische Wiedergeburt.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt spürte seinen Sohn aus seinen Händen gleiten. Der
+Vater hatte zu warten.</p>
+
+<p>»Du verlangst nach der Kriegstrauung mit Antonie Ausdemwerth. Ich
+kann es nicht hindern. Glaube nicht, daß ich die Bedeutung der
+Kriegstrauung unterschätze. Sie ist für Menschen, die aufeinander
+gewartet haben, die kurz vor dem ersehnten Ziel voneinandergerissen
+werden sollen, die Erfüllung ihres Lebens und ein Segensspruch, dem
+selbst der Tod nicht gewachsen ist. Anderen verstattet sie nur eine
+Menschlichkeit mehr: die Hemmungslosigkeit. Du hast zu wählen, Thomas.«</p>
+
+<p>»Ich wähle«, sagte Thomas Vanderwelt mit vor Erregung klirrenden
+Zähnen, »die Menschlichkeit und die Göttlichkeit in eins. Ich will
+nicht ohne das große Geheimnis gehen, das das Leben über die Erde
+hebt.«</p>
+
+<p>»Ich liebe dich, Thomas, und wünsche dir, daß eure Liebe nie über die
+Erde schleift.«</p>
+
+<p>Und Thomas Vanderwelt schritt mit Antonie Ausdemwerth zur
+Kriegstrauung und zog mit den grünen Husaren ins blutige Feld, während
+die jugendliche Frau zur Mutter ins warme Nest zurückschlüpfte. —</p>
+
+<p>Die altgewordene Hausdame im Vanderweltschen Hause kränkelte und
+lief doch noch wie ein treues Arbeitspferd in den Sielen. Kornelius
+Vanderwelt bemerkte es wohl, und er überwand sich und setzte sich
+oft am Abend mit der Zeitung zu ihr. Denn Juliane huschte zu jeder
+Stunde zur Schwägerin Antonie hinüber, und die jungen Schwägerinnen
+führten endlose Gespräche, weil sie sich beide Mutter fühlten, wie die
+Schönheit des Körpers zu wahren und zu steigern wäre.</p>
+
+<p>Im ersten Kriegsjahre fand Kornelius Vanderwelt eine<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Mitteilung in
+der Zeitung über die durch den Krieg im Ausland zurückgehaltenen
+Künstler. Eine Meldung aus Neuyork nannte unter anderen Namen den
+Namen der Pianistin Angela Freydag.</p>
+
+<p>Er hielt die Zeitung auf den Knien und las nichts anderes mehr als die
+beiden Worte. —</p>
+
+<p>Er ging zu Bett und nahm die Zeitung mit in sein Schlafzimmer. Und
+mitten in der Nacht stand er auf, zündete das Licht an und holte sich
+das Blatt aufs neue.</p>
+
+<p>»Angela Freydag ...«</p>
+
+<p>Und diesmal las er weiter und las das Ruhmeslob, das ihr gezollt
+wurde als einer der stärksten und urtümlichsten Eigenarten auf
+nachschaffendem Gebiet.</p>
+
+<p>Er warf sich zurück und blickte mit weit offenen Augen in das
+funkelnde Licht. Und merkte es nicht, daß er vor sich hinlachte, mit
+den stolzen, hellen Augen, die sie so geliebt hatte, mit dem frohen
+und herrischen Klang seiner Stimme. »Angela. Engel. Stärkste und
+urtümlichste Eigenart. Urtümlichste! Der Kerl hat dich begriffen.«</p>
+
+<p>Er hätte auch wohl den Schöpfer und Erwecker ihrer Eigenart, er hätte
+wohl auch Kornelius Vanderwelt in seiner Urtümlichkeit begriffen,
+wie ihn die Männer des Hafengebiets begriffen und ihm nacheiferten.
+Doppelte Arbeit mußte geleistet werden, für die Tausende mit, die aus
+den Schiffsparks, aus den Hafenanlagen, aus den Industriebetrieben
+herausgezogen und in die Reihen der Kämpfenden eingereiht worden
+waren. Und Kornelius Vanderwelts anfeuerndes Wort, zupackender Griff
+war überall, wo die Erschlaffung drohte, und versagte die Peitsche des
+Wortes und der Tat, so wußte seine wilde Laune zu siegen.</p>
+
+<p>»Heda, Jungens, wollen wir zwischendurch mal Fußball spielen? Die
+faulsten Fötte nach vorne! Und hinein mit<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> dem Stiebel! Wer über Bord
+geht, soll mit den gefallenen Brüdern in die Zeitung!«</p>
+
+<p>Und die Leute stießen sich wiehernd in die Rippen, dachten an die
+Kameraden, die mit dem Tode Brüderschaft machten und spuckten in die
+Hände. Die Frauen halfen mit, und das Rüstzeug für das Heer konnte
+bald in unversiegbarem Flusse verladen werden. —</p>
+
+<p>Im Mai des folgenden Jahres fanden in den verschwägerten Häusern
+die frohen Familienereignisse statt. In den ersten Tagen des Monats
+schenkte die junge Frau Juliane, in den letzten Tagen des Monats die
+junge Frau Antonie einem Sohne das Leben. Der Draht trug die Nachricht
+hinaus ins Feld. Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt vermochten
+einen gemeinsamen Urlaub zu verabreden, kehrten auf die Dauer knapper
+Tage heim und hielten die Taufe ab.</p>
+
+<p>Todernsten Gesichtes, aber die Augen voll Glück erschien der Leutnant
+Beckenried, mit einer verlegenen Lässigkeit in Wort und Gebärde der
+Unteroffizier Vanderwelt. Das erste Wiedersehen mit ihren Frauen
+blieb ohne Zeugen. Dann hatte die Welt das Wort. Mit der Miene leiser
+Selbstverspottung ließ sich Thomas Vanderwelt von seiner Frau ins
+Schlepptau nehmen. Seiner Jugend wollte die Rolle als Vater ein wenig
+lächerlich erscheinen, und seine Hagerkeit im verblichenen Waffenrock
+stach ihm allzusehr ab von der körperlich so wohlgepflegten und in
+Kleidung und Gebaren das Aufsehen herausfordernden jungen Dame, die an
+seiner Seite weniger die Frau des Mannes als die Zugehörige zu einer
+der bekanntesten Familien der Stadt hervorzukehren wußte. Lieber als
+er gekommen, kehrte er ins Feld zurück, während der Schwager Klaus
+Beckenried, in Unruhe aus seiner männlichen Sammlung herausgerissen,
+eine Verlängerung seines Urlaubs beantragte,<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> um die Übersiedlung von
+Frau und Kind in das väterliche Haus zu bewerkstelligen und die Fülle
+der Rechnungen zu prüfen, die er auf dem Tische seiner Frau Juliane
+vorgefunden hatte.</p>
+
+<p>»Wenn dein Sinn nach einem Dienstmädchen stand, hättest du deine Augen
+nicht zu den Vanderwelts erheben sollen, mein lieber Klaus.«</p>
+
+<p>»Wir dienen alle, Juliane. Mach' mir die Dienstmädchen nicht
+verächtlich, wenn du ihnen die Arbeit nur deswegen aufbürdest, um im
+Nichtstun feiern zu können. Wer eine Ehe schließt, muß erwerben wollen
+und nicht verschleudern.«</p>
+
+<p>»Lieber Klaus, du bist fast zehn Jahre älter als ich, hast dich zur
+Genüge in der Welt herumgetrieben und des Schönen so viel erlebt, daß
+du satt bist. Ich aber spüre jetzt erst den rechten Hunger. Und das
+Verlangen, ihn an allem, was ich schön finde, zu stillen, lasse ich
+mir von meinem Manne wirklich nicht nehmen.«</p>
+
+<p>»Ich bin weder satt, noch habe ich in meinem Arbeitsleben genug
+an Schönem erlebt. Ich will es an dir und mit dir erleben. Die
+Gemeinsamkeit ist die tiefste Erfüllung der Ehe.«</p>
+
+<p>»Leg' den ererbten Krämer ab, und du wirst die bezauberndste Frau
+haben.«</p>
+
+<p>»Juliane,« fragte der ernste Mensch mit ruhelos forschenden Augen,
+»weshalb hast du mich eigentlich zum Manne gewollt?«</p>
+
+<p>Sie hielt ihm neckend die Augen zu.</p>
+
+<p>»Weil du ein stattlicher Mann bist und wir beide das schönste Paar
+abgeben.«</p>
+
+<p>»Deshalb — — —?«</p>
+
+<p>Und auch Klaus Beckenried kehrte zu seiner Truppe zurück, in die
+Einsamkeit und in die Entbehrung.</p>
+
+<p>Aus einem heißen Hoffnungsjahr in das andere sprang<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> der Weltkrieg,
+und nur wenige Male kehrten die jungen Väter auf Urlaub bei ihren
+Frauen ein, um ihre Enttäuschungen spöttisch oder erregt in ein
+neues Hoffnungsjahr des Krieges hineinzutragen. Es wurde kein frohes
+Familienfest mehr in den verschwägerten Häusern begangen. —</p>
+
+<p>Im letzten Kriegsjahre ging es auch mit den Kräften des vorzeitig
+gealterten und gänzlich ermatteten Fräulein Bilsenbach zu Ende. Die
+Füße trugen sie nicht mehr aus ihrer Stube heraus. Ein kleines noch,
+und die Füße konnten aus dem Bette nicht mehr den Boden gewinnen. Da
+gab sie nach.</p>
+
+<p>Nie war Kornelius Vanderwelt im Geschäft, im Hafengetriebe, in den
+Versammlungen notwendiger gewesen als in diesen Tagen. Aber er
+brach seine Arbeiten ohne zu zögern ab, ließ den alten Beckenried
+die laufenden Geschäfte betreiben, lud die Sorgen um das Gemeinwohl
+auf andere kräftige Schultern und saß bei der Sterbenden. In ihrem
+altjüngferlichen Stübchen saß er und an ihrem Altjungfernbette und
+hielt ihre dürre Hand.</p>
+
+<p>»Liebe, alte Freundin ...« sagte er. »Liebe alte Freundin — mit
+dem Krieg geht es zu Ende. Anders, als wir es vor vier Jahren in
+der Aufwallung der Gemüter ahnen konnten. Wir wollen nicht darüber
+sprechen. Wir wollen unsere Toten begraben und so nahe zusammenrücken,
+daß sich die Reihen wieder schließen. Ich bin immer ein Mann des
+Zukunftsglaubens gewesen und durfte es, weil ich in Ihnen die beste
+Hüterin meines Hauses wußte.«</p>
+
+<p>Sie lehnte mit einer matten Kopfbewegung ab und sprach leise und
+angestrengt aus den Kissen heraus.</p>
+
+<p>»Das liegt dahinten, Herr Vanderwelt. Es ist das alte Haus nicht
+mehr. Die Kinder haben es verlassen, und der Hausherr braucht für die
+Einsamkeit eine andere Hüterin.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<p>Er schüttelte lächelnd den Kopf und streichelte so lange ihre Hand,
+bis sie ruhig in der seinen lag.</p>
+
+<p>»Nein, der Hausherr braucht keine andere Hüterin. Die Hüterin sind und
+bleiben Sie. Nicht aufbegehren. Hätte ich Sie nicht gehabt, die den
+Hausfrieden hütete, woher hätte ich die Ruhe und die Spannkraft zu
+allen meinen Arbeiten da draußen nehmen sollen. Wenn man mir einmal
+einen Denkstein setzt, Fräulein Bilsenbach, muß Ihr Name mit darauf.
+›Hier ruht im Tode sanft Kornelius Vanderwelt, weil seinem Leben
+Auguste Bilsenbach die nötige Ruhe schuf!‹«</p>
+
+<p>Sie zog, wie erschrocken, die Augenlider hoch, als er ihren Vornamen
+nannte. Und dann griff ihre Hand in die seine.</p>
+
+<p>In den wenigen Tagen, die noch folgten, sprach er mit ihr von nichts
+als den heiteren Tagen der Vergangenheit. Er erzählte von Justus, dem
+ältesten, der im Kriege ein so draufgängerischer Offizier geworden
+war, wie er sich schon als Knabe der Schulmeister erwehrt hatte. Er
+erzählte von Thomas, dem frühbegabten, der so zierlich den Weltmüden
+zu spielen wußte, bis jählings die Urnatur über den Weichling zu
+siegen strebte. Er erzählte von Juliane und ihren Zickzacksprüngen,
+den Schularbeiten und Klavierstunden aus dem Wege zu gehen und
+doch die erste Geige zu spielen. Nicht immer leicht wurden ihm die
+Erinnerungen, da die Gegenwart verschärftere Bilder vor seine Augen
+stellte. Aber er erzählte, weil es der Erschöpften wohl tat, den
+Geschichten aus fröhlicheren Tagen zu lauschen, und sie den Abgesang
+ihrer Jugend im verklärten Schein darin wiederfand.</p>
+
+<p>Es war in der Nacht, und der Puls der Sterbenden flatterte noch einmal
+auf.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt — ich bin ganz klar. Es war doch<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> schön — bei Ihnen
+zu leben — bei Kornelius Vanderwelt. — Aber das schönste von allem
+— ist doch — bei Ihnen zu sterben. — Ganz allein — bei Ihnen — —«</p>
+
+<p>Er drückte ihr die Augen zu, legte ihre Hände zusammen und in die
+gefalteten Hände ihr geliebtes Gesangbuch. Und während er sie
+betrachtete, wurde ihm zum Wissen, was er der eingeengten Welt
+dieses gealterten und in ihrem Pflichtleben geräuschlos gewordenen
+Menschenkindes bedeutet hatte, daß eine Liebe aus seinem Leben
+fortgegangen war und daß er die Einsamkeit spürte wie eine würgende
+Hand.</p>
+
+<p>Er beugte sich tief über die Tote hinab und streichelte ihr erkaltetes
+Gesicht. — —</p>
+
+<p>Mit dem Ausgang des Krieges hatte das erschöpfte Fräulein Bilsenbach
+ihren Ausgang gehalten. Millionen von Männern fluteten zurück aus
+allen Heerlagern der Welt. Kornelius Vanderwelts Haus wurde nicht
+voller davon. Justus, der älteste, war heimgekehrt, zornbebend
+über die deutsche Schmach, und hatte nach Tagen schon in jagender
+Unrast das Vaterhaus und die Vaterstadt wieder verlassen. Zu neuem
+Soldatendienst irgendwo. Zu neuem Handeln, neuem Sicheinsetzen und
+Sichausleben, statt der Unerträglichkeit dieser faulig stinkenden Ruhe.</p>
+
+<p>Und Thomas war heimgekehrt, hohnvoll bis in die Mundwinkel, und hatte
+sich im Hause der kränkelnden Frau Ausdemwerth, in den duftenden
+Zimmern ihrer lebenslustigen Tochter, seiner, ja seiner Frau,
+niedergelassen wie ein angeketteter blinzelnder Sperber.</p>
+
+<p>Und auch Klaus Beckenried war heimgekehrt in sein väterliches
+Haus, zu der Schönheit seiner Juliane und ihrer kühlrechnenden
+Vergnügungssucht, und aus dem begeisterten Verehrer war ein stiller
+und in sich gekehrter Ehegatte geworden. Keiner von ihnen allen dachte
+anders<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> an Kornelius Vanderwelt, als wenn die leibliche oder geistige
+Not ihn trieb.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt fror in der Einsamkeit seines Hauses, und die von
+Tagedieben und Großmäulern überfüllten Kneipen ekelten ihn an. In den
+›Fünf Erdteilen‹ saß er wohl an seinem Ecktisch und trank, aber er
+tat es Nacht für Nacht ohne Gesellschaft, und die Zudringlichkeit der
+platten Burschen wagte sich an die Kälte seiner Augen nicht heran.</p>
+
+<p>Oft saß er und las die Zeitungen, die er zur Ausfüllung der leeren
+Stunden von daheim mitgebracht hatte, und es wurde Frühlingsbeginn,
+und er las in der Zeitung <em class="gesperrt">ihren</em> Namen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Angela Freydag</em> ...</p>
+
+<p>Angela Freydag war in Deutschland gelandet und zeigte im Kölner
+Gürzenichsaal ihr erstes Konzert an. Angela Freydag war in Rufnähe,
+und sie rief ihn: Komm und sieh, ob mein Maß ausreicht.</p>
+
+<p>Und wieder merkte Kornelius Vanderwelt, daß er in kurzen Stößen vor
+sich hin lachte. »Engel, du findest mich beim Matthes. Beim Matthes,
+Engel, und doch so gut wie auf deinem Grund und Boden.«</p>
+
+<p>Und dann verließ er augenblicks die Wirtsstube und stand barhäuptig am
+Hafen, und der nächtliche Frühlingswind ratterte und knatterte in den
+Zeitungsblättern, die er in der Hand trug.</p>
+
+<p>Angela Freydag ... Angela Freydag ist heimgekehrt aus Amerika ...
+Angela Freydag spielt morgen für Kornelius Vanderwelt im Gürzenichsaal
+zu Köln. — —</p>
+
+<p>Diesmal mußte er es zweimal sagen: »Los, Wilm. Wir fahren nach
+Köln.« Dann hatte der Fahrer begriffen, und er steuerte stumm in den
+weichen, regenwolkenverhangenen Märzabend hinein, der den Geruch von
+junggewordener<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> Erde trug. Über Düsseldorf ging die Fahrt, und bevor
+zwei Stunden vorüber waren, hielt der Wagen vor einem Gasthof der
+turmreichen Domstadt, und der Fahrer wandte sich fragend um.</p>
+
+<p>»Gut, Wilm. Hier oder anderswo. Wir bleiben über Nacht.«</p>
+
+<p>Er ließ seinen schmalen Reisekoffer auf sein Zimmer bringen, folgte
+ihm nach und kleidete sich um. Kurz vor acht Uhr schritt er zu Fuß
+dem Gürzenich zu und suchte in dem dichtgefüllten Saale seinen Platz.
+Die Künstlerin, so besagten die Ankündigungszettel, spielte mit der
+auserlesenen Schar des städtischen Orchesters.</p>
+
+<p>Schon harrten die Musiker auf der Empore, die zuvorderst den mächtigen
+Konzertflügel trug. Ein paar prüfende Geigenstriche, ein paar
+verklingende Flötentöne, und im Saale erlosch das Licht, und nur die
+Empore lag wie eine Insel der Verheißung in strahlender Beleuchtung.</p>
+
+<p>Das Raunen und Rauschen im Saale machte feiertäglicher Stille Platz.</p>
+
+<p>Durch die Gasse der Musiker schritt der große Kapellmeister. Am
+Arme führte er eine hochaufgerichtete, kraftvolle und biegsame
+Frauengestalt, und wie sie an den Flügel trat und vom Begrüßungssturm
+umwogt den Kopf neigte, sprang Kornelius Vanderwelt ein Schrei auf die
+Lippen, den er nur mit verhaltenem Atem zu bändigen vermochte, und er
+murmelte in sich hinein: »Die Angela. Die Angela. Guten Abend, Engel.«</p>
+
+<p>Sie saß am Flügel, den strenggeschnittenen Kopf lauschend vorgeneigt,
+fast als ob sie schliefe. Von den nackten Armen waren die Ärmel
+zurückgeworfen. Der seidene Kleiderrock ließ das Bein mit der schmalen
+Fußfessel frei. Und plötzlich zuckte die Frau auf, und Kornelius
+Vanderwelt gewahrte ihre Hände, die Hände, die er unter tausenden<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span>
+und im Dunkel der Nacht erkannt haben würde, weil sie für ihn Gottes
+auserlesenstes Kunstwerk waren. Ein Anschlag auf den Flügeltasten,
+ein hinströmender Laut, der die Seelen aufschreckte und sie aus dem
+Erdendunst aufwärts riß in die Bezirke der Riesen und Gottmenschen.</p>
+
+<p>Von diesem Augenblicke an hörte Kornelius Vanderwelt nichts mehr.
+Nicht ob Beethoven sprach oder Brahms, nicht ob Mozart oder Händel.
+Daß es die alten, heißgeliebten Klänge aus dem Musikzimmer zu Ruhrort
+waren, was ging es ihn an? Er hörte nicht mehr mit dem Gehör, er
+hörte nur noch mit den Augen. Ihre Hände, die sich sprungbereit
+bäumten und klingende Quellen aus den Felsquadern der Meisterwerke
+schlugen. Ihre zärtlichen Finger, die den Odem Gottes über die Tasten
+fächeln lassen konnten. Ihre schlankgerundeten Arme, die in Pausen
+niederhingen, als sögen sie die Kraft aus geheimnisvollen Tiefen, und
+sich jählings streckten und hoben und wie im jubelnden Mitklang die
+Höhen meisterten. Und er hörte mit den Augen die Dehnung der schlanken
+Fessel, wenn die Fußspitze das Pedal suchte und ließ, die Kraft der
+weißen Schultern, die Schmiegsamkeit des Frauenleibes, den Drang der
+Brüste, die ihr Herz umschlossen. Und auch dies Hören verlor er, denn
+seine Augen waren sehend geworden.</p>
+
+<p>Denn seine Augen hatten Angela Freydags große graue Augen gesehen,
+wolkenverhangenes Liebesland, jetzt von Sonne durchzittert, jetzt von
+Funken erfüllt wie von jäh über den Himmel springender Blitze Triumph.
+Die Pantherkatze, lachte es in Kornelius Vanderwelts Seele. Nein, fort
+mit dem Bild. Es ist die Wölfin, die vor den Augen des Gefährten jagt.
+Die Wölfin im Engel der Liebe. Hussa, Horrido!</p>
+
+<p>Aus — —!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<p>Sie saß mit schlaff herniederhängenden Armen, ein unerklärliches
+Lächeln um den festgeschlossenen Mund. —</p>
+
+<p>Hatte die Menschen um ihn her der Irrsinn gepackt? Was tobte die Meute
+wie beim Halali der Jagd? War er nicht allein im Saal, er, Kornelius
+Vanderwelt, für den die Naturgewalten gejauchzt und gejubelt, gestürmt
+und geschrien hatten, um die Lüfte zu klären und das Herz zur Ruhe
+der Seligen zu bringen? Was wollten die Menschen um ihn her, die
+aufgesprungen waren, während er saß und in den wiedererleuchteten
+Saal hinein erwachte, daß sie im tobenden Beifall die Hände
+zusammenschlugen? Ach, es galt der Künstlerin, die so meisterhaft
+gespielt hatte und sich jetzt vor der Vielheit der Menschen erhob und
+sich verbeugen mußte, wieder und wieder, als dankte sie der tobenden
+Vielheit.</p>
+
+<p>Nein, Herrgott, nein! Es war nicht die Künstlerin, die er vor der
+blendenden Rampe der Empore sah. Es war ja Angela! Angela war es,
+die die Vielheit nicht gewahrte, weil sie für den einen gespielt
+hatte. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht mehr zugeben. Sie mag
+die billigen Zugaben nicht. Sie verbeugt sich und geht, kehrt wieder
+unter den begeisterten Zurufen und verbeugt sich aufs neue. Wieder und
+wieder. Das Spiel ist an die Menge übergegangen, die sich jubelfroh
+ihrer Macht bewußt wird und Hervorruf über Hervorruf erzwingt. Um ein
+Ende zu machen, wird der Saal abgedunkelt. Die beifallerregte Menge
+bleibt bei ihrem Willen. Und plötzlich eilt ein Mann auf die Empore
+zu, schwingt sich hinauf, bietet der todblassen Künstlerin den Arm,
+führt sie durch die Gasse der Musiker in ihr Ankleidezimmer.</p>
+
+<p>»Da bist du, Engel, und da bin ich.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelts Arme bebten, als er sie um Angela Freydags
+Nacken schlang.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>Und dann fühlten sie beide, wie das Beben durch ihre Körper rann, als
+wären sie Äste und Gezweig desselben Baumes, und wie es hinüberrann
+in die Ruhe der Vereinigung, während sie, Brust an Brust, sich
+umschlungen hielten.</p>
+
+<p>»Komm,« sagte er, »jetzt bring' ich dich heim.«</p>
+
+<p>»Ja,« wiederholte sie, löste sich aus seinem Arm und hielt doch die
+flachen Hände gegen seine Brust gepreßt, »jetzt bringst du mich heim.«</p>
+
+<p>»Angela!«</p>
+
+<p>»Kornelius!«</p>
+
+<p>»Engel, so hat mich seit Menschengedenken kein Mädchenmund mehr
+genannt.«</p>
+
+<p>»Es ist auch kein Mädchenmund,« murmelte sie, »es ist der Mund einer
+Frau,« und sie hob die Hände, zog seinen Kopf herab und drückte ihre
+Wange gegen die seine.</p>
+
+<p>»Nun wollen wir gehen, Kornelius. Das Haus hat sich geleert. Auch der
+Kapellmeister wird aus schöner Rücksichtnahme vorausgegangen sein.«</p>
+
+<p>»Vorausgegangen? Mußt du noch mit ihm zusammensein?«</p>
+
+<p>»Ich muß nur mit dir zusammensein, Kornelius. Alles andere ist nur
+wesenloser Schein.«</p>
+
+<p>Sie schritten durch die leeren Hallen, und es huschte wie
+Geisterschritte neben ihnen her.</p>
+
+<p>»Als ob Kehraus wäre, Kornelius, aus einem vergangenen Leben.«</p>
+
+<p>»Es regnet, Angela. Wo wohnst du hier?«</p>
+
+<p>Sie nannte ihren Gasthof. Und lachte an seiner Schulter.</p>
+
+<p>»Auch als du mich aus den ›Fünf Erdteilen‹ holtest, regnete es in
+Strömen. Und es regnete im Walde.«</p>
+
+<p>»Im Walde war es ein Wolkenbruch, Angela. Nie — nie warst du
+schöner.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Und einer spürte den festen Schulterdruck des anderen, als sie durch
+den nächtlichen Regen schritten und sich dem Gasthof näherten.</p>
+
+<p>»Morgen, in aller Frühe, steht mein Wagen am Bahnhof, Engel. Dort
+übernimmt er dein Gepäck, du steigst zu mir ein, und wir fahren heim.
+Weltflüchtige, die das Leben suchen.«</p>
+
+<p>»Weshalb suchtest du, wo du mich bei dir wußtest — —?«</p>
+
+<p>»Weil ich, seit du gingst, in der Welt keine Farben mehr sehe. Frage
+nicht. Jetzt ist ja alles gut.«</p>
+
+<p>Ihre Finger verstrickten sich mit den seinen zu einem schmerzhaften
+Druck.</p>
+
+<p>Er stand und blickte ihr nach, wie sie in ruhigem Gange die Straße
+überschritt und die Türe des Gasthofes sich hinter ihr schloß.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="6">6</h2>
+</div>
+
+
+<p>Durch die Morgendämmerung kämpften sich die ersten Strahlen der
+Märzsonne, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Kölner Hauptbahnhof
+vorfuhr. Es war noch schlummerstill in der großen Rheinstadt. Der
+Dom reckte seine ernste Pracht gegen den Himmel, und als Kornelius
+Vanderwelts scharfer Blick ihn streifte, gewahrte er, daß es tausend
+feine und verborgene Schönheiten, Frohheiten und Lieblichkeiten waren,
+die durch ihr edles Maß den Zusammenklang bewirkten und zum Ernste des
+Himmelssuchers emporwuchsen.</p>
+
+<p>Wie schön und eindringlich dies Gotteshaus predigt, dachte der
+morgenfrühe Beschauer. Alle Schönheit, Frohheit und Lieblichkeit des
+Erdenlebens zu edlen Maßen gestalten, und aus der Fülle wird die
+weihevolle Einheit.</p>
+
+<p>Seine Gedanken sprangen über auf Angela Freydag, und während sie an
+ihrem Bilde formten, guckte das Bild zum Fenster des Wagenschlags
+herein, und er wußte für die Länge eines Augenblicks nicht, ist es
+das Traumbild oder ist es das Leben? Aber es war das Leben, das an
+die Scheibe pochte und ihm zunickte, und er sprang aus dem Wagen und
+ergriff es bei den Händen.</p>
+
+<p>»Angela ... Du schon zur Stelle?«</p>
+
+<p>»Kornelius! Guten Morgen! Ich wollte dich nicht warten lassen, und als
+ich erwacht war, hatte ich nichts anderes mehr zu tun.«</p>
+
+<p>Als wäre eine Erwartete nach nächtlicher Reise angelangt,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> half er
+ihr in den Wagen, gebot er dem Fahrer, das Gepäck aufzunehmen und die
+Koffer auf den Wagen zu schnallen. Und während er die Hantierung des
+Mannes zu überwachen schien, klangen ihm ihre kurzen Sätze im Ohr:
+»Ich wollte dich nicht warten lassen. Als ich erwachte, hatte ich
+nichts anderes mehr zu tun.« Elf Jahre hatte er warten müssen, sechs
+Jahre durch ihr Wachstum, ihren Werdegang, fünf Jahre fast durch den
+Krieg, und plötzlich waren es ein paar winzige Minuten, die das Warten
+nicht mehr ertrugen und nichts mehr mit sich anzufangen wußten. Es gab
+nichts anderes mehr zu tun, als beieinander zu sein.</p>
+
+<p>»Nach Hause, Wilm.«</p>
+
+<p>Ein verschlafener Gepäckträger lugte aus der Bahnhofstür hinter ihnen
+her und wunderte sich, daß ein Zug angekommen sein sollte. Er rieb
+sich die Augen, und der Morgenspuk war verschwunden. Stehend schlief
+er weiter.</p>
+
+<p>Über die gewaltige Rheinbrücke glitt der Wagen, vor der hüben und
+drüben die vier Preußenkönige auf ihren Gäulen trabten, und er wand
+sich schnell durch die morgenöden Straßen des alten Deutz und des
+rheinischen Mülheims und gewann an Schloten und Fabriken vorbei rasch
+die freie Bahn.</p>
+
+<p>»Sag' mir, Engel, weshalb du vor dich hinlachst?«</p>
+
+<p>»Weil wir immer das umgekehrte tun, wie andere Leute. Weil wir
+uns in den hellerwerdenden Morgen hinein entführen, statt in den
+dunklerwerdenden Abend. Deshalb, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Tun wir das umgekehrte wie andere Leute — gut, Engel, dann wird es
+das richtige sein.«</p>
+
+<p>»Kornelius,« sagte sie leiser und nahm seine Hand in die ihre,
+»glaube nicht, daß ich dich nicht verstehe. Ich erkenne die alte
+Ritterlichkeit wieder, und sie gibt uns Frauen mehr als glühende
+Liebesbeteuerungen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>»Nun —?«</p>
+
+<p>»Den Ruf wolltest du mir wahren in der Musikstadt Köln und vor den
+Augen der Neugierigen, und da die Klugheit Kornelius Vanderwelts so
+groß ist wie seine Ritterlichkeit, wählte sie den harmlosen frühen
+Morgen, weil —«</p>
+
+<p>»Nun? Weil?«</p>
+
+<p>»Weil in der Nacht das halbe lebenslustige Köln auf den Beinen ist und
+in dieser Morgenstunde kaum ein verschlafener Gepäckträger.«</p>
+
+<p>»Hast du ihn auch bemerkt?«</p>
+
+<p>»Jetzt schläft er schon wieder wie das ganze heilige und unheilige
+Köln. Guten Morgen Kornelius. Du hast meinen Gutenmorgengruß vorhin
+überhört.«</p>
+
+<p>»Mein Gott,« sagte Kornelius Vanderwelt und zog sie an sich. »Guten
+Morgen, Angela. Guten Morgen, Engel. Gib mir deinen Mund, damit ich
+fühle, daß ich wach bin.«</p>
+
+<p>Eine Weile fiel kein Wort. Der Wagen brauste über die Landstraße gen
+Benrath. Zur Rechten türmten sich die Hügelketten des Bergischen
+Landes, und die Sonne blitzte und funkelte auf den Zinnen der hohen
+fernen Städte.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »nun fühle ich die Wachheit noch
+weniger. Jetzt, da ich deinen lebendigen Mund spüre, komme ich nicht
+aus dem Traumzustand heraus. Ach, du hast recht, Engel, wir beide
+leben eine umgekehrte Welt.«</p>
+
+<p>Sie antwortete <em class="gesperrt">nicht</em> mehr. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter
+und ihre Augen blickten in die Sonne.</p>
+
+<p>In Düsseldorf trafen sie auf das erste Leben. Malerjünglinge zogen zum
+Hofgarten aus, das Kommen des Frühlings zu belauschen. Arbeiter gingen
+im Gleichschritt ihren Werkstätten zu, um die Frühschicht zu stellen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<p>Nahe dem verwunschenen Städtlein Kaiserswerth blinkte, pappelumsäumt,
+eine weite, breite Wasserstraße auf. Der Niederrhein. Ein Schlepper
+stampfte zu Berg. Seine Schlote qualmten, und der Rheinwind riß
+die Rauchsäulen zu hundertmeterlangen Fahnen über die Reihe der
+angefüllten, bis an den Wasserrand beladenen Schleppkähne hin.</p>
+
+<p>»Meine Kähne,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Meine Kähne.«</p>
+
+<p>Sie setzte sich aufrecht, wischte mit der Hand das Fensterglas klar
+und schaute über den Strom, über die Schleppzüge, die sich rastlos
+folgten, über seine Arbeitswelt. Kohle, Kohle, immer das gleiche Bild,
+und die Kähne glichen sich. Aber der Mann an ihrer Seite glich nicht
+den anderen und suchte die glühenden und blühenden Farben in das
+Einerlei zu mischen. Und als ob er ihre Gedanken wie aus einem offenen
+Buche läse, sagte er: »Du mußt mit deiner Hand ganz fest um die meine
+herumfassen. Erst dann ist es Kornelius Vanderwelts Welt.«</p>
+
+<p>So fuhren sie in das erwachte Duisburg ein und über die Brücke des
+Innenhafens, die Brücken der Ruhr und der Kanäle und Hafenbecken,
+hinein nach Ruhrort. Die Krane kreischten, die Kipper donnerten,
+die Kähne ächzten und die Dampfer stöhnten vor Ungestüm. Wildes
+Eisengeklirr der Werkstätten in der Luft, rote Flammen der Hochöfen,
+weiße Kesselschwaden und schwarzer Rauch der Schlote. Und die
+junge, warme Frühlingssonne arbeitete sich nur mühsam durch die
+kohlengeschwängerte Luft.</p>
+
+<p>In gewaltigen Bogen schwang sich die Rheinbrücke von einem Ufer zum
+anderen, riß das Drüben zum Hüben und kettete Arbeit an Arbeit.</p>
+
+<p>»Zu Hause,« sagte Kornelius Vanderwelt, und der Wagen glitt durch die
+Toreinfahrt und stand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
+
+<p>Wie mit geschlossenen Augen, so schritt Angela Freydag an Kornelius
+Vanderwelts Arm ins Haus, über die Diele, in des Hausherrn
+Arbeitszimmer. Anders war ihr Eingang wie einst, als sie gejagt und
+regennaß aus des Matthes ›Fünf Erdteilen‹ bei der Nacht in dies Haus
+eingetreten war. Aber es war derselbe Arm, der sie führte. Nein, es
+war alles wie einst.</p>
+
+<p>Sie stand ganz still und öffnete die Augen ganz weit.</p>
+
+<p>Ihre Brust hob sich unter einem drängenden Atemzug, die Lippen mühten
+sich voneinander los, und ganz hell und hoch rang sich ein einzelner
+Ton hindurch. Wie ein Weinen und Lachen.</p>
+
+<p>Mit behutsamen Händen nahm Kornelius Vanderwelt ihr den Mantel von
+den Schultern, den Reisehut vom flechtenumschlungenen Haupt. Ging
+hinaus, gab den Mädchen Aufträge, das Fremdenzimmer zu richten, kehrte
+zurück. Hinter sich schloß er die Tür und sah mit einem seltsamen
+Wehmutsempfinden, das ihn bis zum Augenblicke nie zu überrumpeln
+vermocht hatte, zu, wie Angela Freydag, die Heimgekehrte, Wiedersehen
+feierte.</p>
+
+<p>Mit unhörbaren Schritten ging sie von einem der alten Möbelstücke zum
+anderen, verharrte ein paar Herzschläge lang, ließ ihre Hände darüber
+gleiten und ging unhörbar weiter, von den Möbeln zu den Bildern an
+den Wänden, von einem zum anderen, verharrte, hob die Hände und
+streichelte darüber hin.</p>
+
+<p>Jetzt wandte sie sich nach ihm um. Ein Lächeln kehrte aus weiter Ferne
+auf ihre Lippen zurück.</p>
+
+<p>»Es hat sich nichts verändert, während ich fort war, Kornelius.
+Nichts.«</p>
+
+<p>»Nur ich habe graue Haare bekommen, Angela.«</p>
+
+<p>»Ich glaub' es nicht.«</p>
+
+<p>»Und die Gicht vom Saufen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p>»Nun brauchst du es nicht mehr zu tun.«</p>
+
+<p>Er stand vor ihr, und unter seinem Blick reckte sie sich langsam und
+unwillkürlich in den Schultern.</p>
+
+<p>»Jetzt ist die Reihe an mir, Ausschau und Einschau zu halten,
+Angela-Engel. In Köln tat ich es nur blindlings, auf der Fahrt halb
+träumend. Das also — das ist die Wirklichkeit.«</p>
+
+<p>Er trat näher, und sie rührte sich nicht. Ihr Blick lag in dem seinen.
+Nur ihre Brust atmete schneller.</p>
+
+<p>»Es sind dieselben Augen,« murmelte er, »dieselbe Tiefe und
+Furchtlosigkeit, nur das Grau ist stählerner geworden, und Stahl
+blitzt am stärksten, wenn er tötet.«</p>
+
+<p>»Nur was dir feind ist, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Deine Stirn ist wie eine Kuppel der Klugheit geworden, die schöne
+gerade Nase wie ein Ausrufungszeichen deines Willens, dein blutroter
+Mund spricht von Liebe und Verachtung.«</p>
+
+<p>»Er verachtet die Schwächlinge, die es dir gleichtun möchten.«</p>
+
+<p>»Wie wunderbar stolz die Liebe spricht. Laß mich weiter sehen. Es ist
+noch so vieles. Ich sehe deinen lieben, schlanken Leib, und starkes
+Frauentum schwellt königlich, was einmal scheues Mädchentum war. Ich
+sehe deine liebe, geliebte Brust, und ich bebe vor Freude. Und ich
+sehe deine schlanken Füße und deine noch schlankeren Hände, die ich
+über alles liebe, weil sie Leidenschaften entflammen und seligkühlende
+Ruhe ausströmen lassen können. Aus den Saiten des Flügels und den
+unsichtbaren der Seele. Ich sehe Angela Freydag, wie sie war und wie
+sie ist, und nichts hat sich verändert, als daß die Gewißheit des
+Weibes das Versprechen des Mädchens übertrifft.«</p>
+
+<p>»Und — meine Seele — —?«</p>
+
+<p>»Ich halte Angela Freydags Seele seit einem Dutzend<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Jahren in den
+Händen und habe sie keinen Atemzug lang losgelassen. Es ist eine
+Seele, die keine Veränderungen kennt. Ein Zweifel wäre ein Frevel.
+Sieh selber nach.«</p>
+
+<p>Und er breitete die Arme aus, und sie warf sich hinein.</p>
+
+<p>»Engel, mein Engel. Ich weiß es, du wirst immer wieder kommen.«</p>
+
+<p>»Ich habe dich nicht eine Sekunde lang verlassen,« stieß sie hervor,
+hob ihr Gesicht und zog das seine hernieder.</p>
+
+<p>In die lange Stille schlug eine Uhr. Sie horchte in seinen Armen auf,
+und er gewahrte es.</p>
+
+<p>»Sie schlägt nicht für dich und nicht für mich. Heute ist Feiertag.«</p>
+
+<p>»Sie schlug,« sagte sie nachsinnend, »als du mich zum erstenmal in
+deinem Hause zur Ruhe brachtest. Hier an diesem Tische gabst du dem
+ausgehungerten Mädel zu essen und zu trinken.«</p>
+
+<p>Er stutzte, ließ sie aus seinen Armen los und lachte sie an wie ein
+ertappter Junge.</p>
+
+<p>»Angela! Engel! Und heute laß ich dich verhungern und verdürsten. Das
+ist Mannesart. Um vier Uhr wirst du aufgestanden sein. Ohne Frühstück?
+Ah, einen Apfel. Am Bahnhof in der Morgenkühle eine halbe Stunde auf
+den herrlichsten der Liebhaber gewartet. Gut. Weniger gut, daß dich
+der herrlichste der Liebhaber zwei Stunden in wilder Wagenfahrt durch
+die Lande führt und dir am Ziele ein Schock Küsse anbietet statt eines
+festlichen Mahles. Setz' dich nieder und denk nach Frauenart: ›es ist
+nur die erste Enttäuschung‹. In zwei Minuten soll im Speisezimmer das
+Frühstück aufmarschiert stehen.«</p>
+
+<p>»Kornelius — bitte hier, bei dir, wie damals — —«</p>
+
+<p>»Dein Wunsch ist mein Wunsch, Engel,« und er ging zur Tür.</p>
+
+<p>»Kornelius!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p>Er wandte sich um, und sie winkte ihm mit den Augen, noch einmal zu
+ihr zurückzukommen.</p>
+
+<p>»Ich möchte doch lieber noch einen Kuß von dir haben, Kornelius.«</p>
+
+<p>Und die feierliche Getragenheit der Liebesbekenntnisse ernster
+Menschen ging unter im lebendigen Leben.</p>
+
+<p>Das Hausmädchen kam auf Kornelius Vanderwelts Anruf, grüßte freundlich
+und deckte den Tisch im Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>»Unsere liebe Verwandte, Fräulein Freydag, wird längere Zeit bei uns
+bleiben, Martha. Sorgen Sie nach besten Kräften, daß sie sich wohl
+fühlt.«</p>
+
+<p>Das Mädchen knixte vor dem Gast, der ihr die Hand entgegenstreckte,
+und ging.</p>
+
+<p>»Kein Mensch auf der Erde ist mir so nahe verwandt wie du. Es war
+keine Unwahrheit, Angela.«</p>
+
+<p>Sie saßen hungrig und durstig am Frühstückstisch und langten zu. Wie
+gesunde Menschen, die dem Tage geben, was des Tages ist. Nur daß der
+eine den anderen zu bedienen suchte und ein Wettstreit entstand, den
+anderen nicht hungern zu lassen. Dann nannte Angela Freydag den Namen
+Fräulein Bilsenbachs, die Namen der Kinder.</p>
+
+<p>»Später, später. Wenn es dir recht ist, kann das Mädchen abräumen.«</p>
+
+<p>»Ich fragte nur jetzt schon, weil ich glaubte, du müßtest zum Hafen
+hinaus.«</p>
+
+<p>»Sagte ich dir nicht, du liebe Sorgerin, daß heute Festtag ist? Wir
+werden noch genug vom Alltag mitbekommen. Aber ich will deine Sorge
+beschwichtigen.«</p>
+
+<p>Er nahm den Hörer des Fernsprechers auf, nannte dem Amt die Nummer.</p>
+
+<p>»Schon zur Stelle, Beckenried? Ach, Sie alter Prahlhans, diesmal war
+ich früher auf den Beinen, wenn darin<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> die geistige Überlegenheit
+steckt. Was liegt vor? So, so. Aber ich habe heute Wichtigeres, und
+an der Schifferbörse können sich heute einmal unsere jungen Leute
+die Sporen verdienen. Ja, ja, ich meine die Herren Klaus und Thomas,
+die viellieben Schwäger. Was? Wenn sie's nicht können, sollen sie's
+lernen. Deshalb schicke ich sie ja hin. Und den Rest werden Sie mit
+gewohnter Umsicht erledigen. Auf morgen, Beckenried.«</p>
+
+<p>»Klaus und Thomas? Die viellieben Schwäger?« fragte Angela Freydag.</p>
+
+<p>»Später, später.« Und Kornelius Vanderwelt öffnete die Tür zum
+Musikzimmer. »Tritt in dein Reich, Angela.«</p>
+
+<p>Wie mit gefesselten Füßen trat sie ein. Und dann eilte sie auf den
+Flügel zu, legte beide Hände auf den Deckel, preßte das Kinn auf den
+Notenhalter und starrte geradeaus.</p>
+
+<p>Von der Wand grüßte in unvergänglicher Schöne Hans Deiters'
+Meisterbild »Der Reigen«, aus edlen Frauenkörpern gewoben. Leise zog
+Kornelius Vanderwelt hinter ihrem Alleinsein die Tür ins Schloß.</p>
+
+<p>Jetzt wandte sie über die Schulter den Kopf nach ihm. »Komm,« baten
+ihre Augen.</p>
+
+<p>Er trat hinter sie und legte den Arm um sie. Die Hände auf den
+Flügeldeckel gestemmt, drückte sie sich tief in den Arm hinein.</p>
+
+<p>»Hier habe ich dich mir erobert, Kornelius. Und konnte nichts gegen
+jetzt.«</p>
+
+<p>»Wir sind beide gereift, Angela. Vielleicht auch in den Ansprüchen
+aufeinander. Nenn' du mir dein Wachstum.«</p>
+
+<p>»In der Liebe zu dir! Darin liegt es, darin! In der Liebe zu dir!
+Damit ist alles gesagt.«</p>
+
+<p>»Wenn ich mir,« sagte Kornelius Vanderwelt ernst, »nach Ansicht meiner
+Mitbürger ein paar Verdienste erworben haben sollte, so habe ich heute
+den Lohn erhalten.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<p>Sie schüttelte heftig den Kopf. In ihre Stirn grub sich, wie in
+Mädchentagen, die steile Furche.</p>
+
+<p>»Nein, nein. Was dir die Allgemeinheit schuldet, ist ihre Sache und
+geht mich nichts an. Es ist dein Stolz, der dich bescheiden macht.
+Und er macht mich mit dir stolz. Aber was <em class="gesperrt">ich</em> dir schulde,
+Kornelius — ach, mir ist die Seele zum Überlaufen voll, und die
+Frau sucht vergebens nach Worten, die es dir rückhaltlos aussprechen
+könnten und sie doch nicht beschämen, und die Künstlerin kommt sich
+neben der Frau ganz armselig vor, daß sie auch ein Wort sagen möchte
+und das doch in dieser Stunde so nebensächlich ist, wie draußen das
+Wetter.«</p>
+
+<p>»Wie stark und leidenschaftlich du geworden bist, Angela?«</p>
+
+<p>»Geworden? Bin ich es geworden? Ich bin das geworden, wozu du mich
+geformt hast. Und nun bin ich nichts als der Dank.«</p>
+
+<p>»Meine alte, junge, ewig gleiche Angela. Das ist das Frauenwunder, das
+wir anstaunen und doch nichts anderes ist, als die Wahrhaftigkeit der
+Seltenen.«</p>
+
+<p>»Heb' mich nicht zu hoch, Kornelius. Meine Füße stehen so fest auf der
+Erde, daß ich die Erde treten kann, wenn ich es will. Und ich will
+es, wenn du es willst. Wenn sie uns von unseren Höhen herunterholen
+wollen, Kornelius.«</p>
+
+<p>Er strich ihr leise und glättend über das strenggewordene Gesicht, und
+sie erhaschte die Hand und drückte sie gegen ihren Mund.</p>
+
+<p>»Setz' dich nieder, Engel. Hier auf die alte Kirchenbank, auf der
+wir so oft aneinandergerückt saßen, wenn wir vierhändig ein Werk der
+Meister spielten. Heute brauchen die Tasten nicht zu tönen. Heute ist
+so viel Gesang in uns selber, daß wir das Handwerkszeug ruhen lassen
+können. Sitzt du gut? Lehn' dich nur fest mit der Schulter an. Heute<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span>
+brauchen wir keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren.«</p>
+
+<p>In die alte Kirchenbank geschmiegt, saßen sie Schulter an Schulter und
+ließen die Minuten rinnen, als wäre der gemeinsame Quell ihrer Stunden
+unversieglich. Weil ihr Blut ineinanderrann.</p>
+
+<p>»Wachst du noch, Kornelius?« fragte Angelas Stimme mit einem
+schlummermüden Ton.</p>
+
+<p>»Ich höre dir ununterbrochen zu. Erzähle nur weiter, Engel.«</p>
+
+<p>»Ich habe ja gar nicht gesprochen, du. Du hast zu mir gesprochen, und
+ich habe kein Wort überhört.«</p>
+
+<p>»Dann, Engel, ist jetzt die Reihe an dir. Und ich will schweigen wie
+ein Stummer.«</p>
+
+<p>Eine Weile besann sie sich. Dann war sie wieder in der Welt.</p>
+
+<p>»Ich werde kein Wörtchen überschlagen, wenn du es für wert genug
+hältst. Aber vorher sprich mir von deinen Kindern, von Fräulein
+Bilsenbach, von deiner Umwelt hier, damit ich weiß, wo ich gehe und
+stehe, wenn sie kommen werden.«</p>
+
+<p>»Fräulein Bilsenbach wird nicht mehr kommen, Angela. Sie ist immer
+geräuschloser geworden in den langen, heftigen Jahren, und ich habe
+sie bei der Hand gehalten, als sie im letzten Sommer starb.«</p>
+
+<p>Angela Freydag saß, ohne sich zu regen, Schulter an Schulter mit
+dem berichterstattenden Manne. Hinter ihrer Stirn arbeiteten die
+Gedanken und woben das Bild des einsam gealterten Fräuleins aus den
+Erinnerungen.</p>
+
+<p>»Sie hatte einen Lohn zu beanspruchen für so viel Unausgesprochenes,
+Kornelius. Du hast ihn ihr ohne Zögern ausbezahlt. Als du sie vor der
+schwarzen Pforte bei der Hand nahmst und ihr die letzten Schritte so
+leicht machtest, daß sie ein Leben aufwogen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>»Woher weißt du das, Angela?« fragte er erstaunt. »Wie kannst du das
+wissen?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es, weil ich eine Frau bin und weil ich mich nicht fürchte,
+es auszusprechen. Auch ich würde dich lieben, wenn ich alt geworden
+wäre und hätte dich jahraus, jahrein vor Augen gehabt. Wie du mich in
+deinem Alter noch lieben wirst, wenn du keinen Makel an mir gefunden
+hast. So hat dich die einsame Seele des gealterten Fräuleins geliebt,
+und es ist nicht lächerlich.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Kornelius Vanderwelt, »es ist nicht lächerlich. Liebe
+ist mehr, als Jugend weiß.«</p>
+
+<p>»Nun sprich mir von der Jugend,« bat Angela Freydag freundlich, »von
+deinen Kindern, Kornelius.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt legte die Hand um die Stirn. Unbewußt preßte er
+sie zwischen den Fingern, daß sie schmerzte.</p>
+
+<p>»Von meinen Kindern, Angela ... Ganz recht, von meinen Kindern. Ja,
+wo soll ich da beginnen und wo enden ... Es sind keine Kinder mehr,
+Engel, und es gibt Zeiten, in denen ich mich wundere, daß sie einmal
+meine Kinder gewesen sein sollen. Nicht, als ob ich meine Liebe von
+ihnen abgezogen hätte. Liebe ist vielleicht ein falsches Wort und
+müßte mit Naturtrieb übersetzt werden. Es ist der natürliche Trieb,
+der das eigene Blut wittert und sich dagegen aufbäumt, es vor die
+Hunde gehen zu lassen.«</p>
+
+<p>Ihre Hand tastete sich in die seine, zog sie von der Stirn, legte sie
+auf ihr Knie und hielt sie fest.</p>
+
+<p>»Liebe ...« wiederholte er, und die Wallung seiner Pulse wurde ruhig
+unter ihren kühlenden Händen. »Ich habe so viel Liebe in mir, daß
+ich meine Kinder lebenslang reich damit machen könnte. Aber Liebe
+will erwidert, gewünscht und gewartet sein. Wir sind nicht alle so
+anspruchslos<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> wie ein Fräulein Bilsenbach. Nun wohl, Angela, meine
+Kinder hatten recht frühzeitig schon das, was sie für Liebe hielten,
+für sich selber nötig und ihren mehr oder weniger ergötzlichen
+Zeitvertreib. Juliane und Thomas, dein besonderer Freund, wurden
+hintereinander kriegsgetraut. Juliane mit achtzehn Lenzen. Thomas in
+der stolzen Mündigkeit seiner einundzwanzig Jahre. Nach neun Monaten
+pünktlich waren sie Mutter und Vater. Jeder von einem munteren Jungen.
+Jetzt sind die Jungen fünf Jahre alt.«</p>
+
+<p>»Wie meinst du, Angela? Ja so, ich habe die Partner vergessen.
+Julianes glücklicher Ehegatte ist Klaus Beckenried. Der Sohn meines
+knochentrockenen Geschäftsführers. Geschäftstüchtig wie sein
+Vater. Infolge des Altersunterschiedes natürlich noch mit einigen
+Sehnsuchtsbildern behaftet, die der alte Beckenried längst zum alten
+Eisen geworfen hat und die, wie ich fürchte, der junge in nicht allzu
+langer Zeit auf denselben Kehrichthaufen werfen wird. Bleibt der
+Thomas. Des Thomas glückliche Ehegattin ist Antonie Ausdemwerth, die
+Schulfreundin der Juliane. Ich weiß Schönheit zu schätzen, und ich
+sehe mit Männeraugen, daß das Frauenzimmer schön ist wie ein lockender
+Apfel, fallreif. Aber sie ist immer fallreif, und es lungern viele
+unterm Apfelbaum.«</p>
+
+<p>Er schwieg, und dann lachte er hart vor sich hin.</p>
+
+<p>»Meine zornmütige Angela wird denken, die Schwiegerkinder wären die
+schwarzen und meine eigenen Kinder die weißen Schafe. Ach, Engel, es
+ist nicht so, und wenn ich eine Mohrenwäsche vornähme. Möglich, daß
+der junge Beckenried, übrigens ein Mann von einigen dreißig Jahren, zu
+früh die leuchtende Hochzeitsweste ausgezogen und sich vom sparsamen
+Blut der Beckenrieds erwiesen hat. Zu früh für eine Frau von der
+Großdamenhaftigkeit einer<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Juliane. Sie braucht das Geld, wie andere
+die Luft zum Atmen brauchen, und wenn man es ihrer eitlen Putzsucht
+vorenthält, so verschafft sie es sich, ohne wählerisch zu sein. Und
+ich weiß wirklich nicht, was ich mehr verabscheuen soll: die kühle
+Berechnung, aus der sie es tut, oder das geile Sündenblut der Antonie.«</p>
+
+<p>»Damit wären wir beim Thomas, Engel, den du mir immer am ähnlichsten
+fandest. Darin, daß er das heimliche Allerweltsdirnchen nicht auf die
+Straße warf, nach der sie doch verlangt, darin ähnelt er mir wohl
+am wenigsten. Und ebensowenig, daß er aus seiner Schlaffheit eine
+Art Sportbelustigung macht, jeden Schritt vom Wege bei seiner Frau
+vorhersieht, ihn mit der Gründlichkeit und Ausdauer eines Forschers
+verfolgt, zergliedert und zerlegt und sich höchlichst ergötzt fühlt,
+wie ein Sieger und Triumphator über die in der eigenen Falle Gefangene
+frohlocken zu können.«</p>
+
+<p>»Du siehst, Angela, die Beichte war aufrichtig und vollkommen, und nun
+ist mir der Mund trocken.«</p>
+
+<p>»Der Thomas«, sagte Angela Freydag, »weiß nicht ein und aus. Weil er
+noch als Junge in die Ehe gegangen ist und sich vom Zeitgeist hat
+vorpredigen lassen, die Freizügigkeit von Mann und Frau gehörte zum
+guten Ton und wäre ein Erkennungsmerkmal der Freigewordenen. Laß ihn
+aus dieser Zeit und ihrem billigen Geist hinauswachsen, und er wird
+den Abscheu empfinden wie du und der Sohn des Vaters werden.«</p>
+
+<p>»Wie schön ist meine Angela in ihrer Milde.«</p>
+
+<p>»Weshalb verspottest du mich, Kornelius? Ich kenne doch die Quelle des
+Vanderweltschen Blutes, ich kenne doch dich. Und da soll ich glauben,
+das Wasser der Bäche tauge nichts? Wind und Wetter können es getrübt,
+können es sogar verschlammt haben, aber das klärt sich, wenn die warme
+Sonne<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> wieder scheint. Es war viel Wind und Wetter in Deutschland.«</p>
+
+<p>»Ich verspotte dich nicht. Ich muß nur immer wiederholen: wie schön
+ist meine Angela in ihrer Milde.«</p>
+
+<p>Ihre Augen färbten sich dunkel. Über den tiefen Grund liefen
+leuchtende Funken.</p>
+
+<p>»Ich hatte es als Spott empfunden. Du bist erfahrener als ich in allen
+Dingen, und der Spott wird bei dir zum Lächeln und Belächeln. Ich bin
+noch nicht so weit wie du, und es ist gewiß Frauenart, daß wir hassen,
+was ihr mit einem Lächeln abtut. Kornelius, du sagtest mir einmal, mit
+einem Ziegelstein schlügst du den Menschen tot, der nach mir schielte,
+und wenn du ihm nach bis Australien müßtest. Und da hältst du mich für
+kleiner, obwohl ich inzwischen um einen Fuß gewachsen sein soll? Ich
+bin so milde, Kornelius, daß ich jeden, der dich oder deinen Namen
+beleidigen möchte, mit diesen Händen zerreißen würde.«</p>
+
+<p>Er griff nach ihren Händen, die sie in Erregung schüttelte, und zog
+sie an seine Lippen.</p>
+
+<p>»Glücklicher Kornelius Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn an. Und als sie sah, daß der Ernst aus ihm sprach, legte
+sie den Kopf ruhig an seine Brust.</p>
+
+<p>»Wohnt Thomas nicht mehr im Hause? Und Juliane?«</p>
+
+<p>»Thomas haust in der Wohnung seiner Frau, die bei ihrer törichten
+Mutter lebt. Und Juliane ist von ihrem zürnenden Mann in das Haus des
+Vaters Beckenried verbracht worden, damit ihre Geldangelegenheiten
+unter doppelter Aufsicht stehen. Mögen sie sich zurechtfinden. Wie man
+sich bettet, so muß man liegen.«</p>
+
+<p>»Welchen Beruf haben die Männer? Können sie ihre Frauen mit ihrer
+Arbeit ernähren?«</p>
+
+<p>»Ach, Engel, sie haben den Beruf, meine Geschäftsnachfolger zu werden.
+Das ist vielleicht nicht der schlechteste Beruf.<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Sie arbeiten auf
+meinem Kontor und gehen heute zum erstenmal auf die Schifferbörse,
+um die Flagge des Hauses Vanderwelt zu zeigen. Ob aber ihre Arbeit
+ausreicht, um ihre Frauen zu ernähren, das glaube ich nie und nimmer.«</p>
+
+<p>»Und wenn du ihr Gehalt steigertest, Kornelius?«</p>
+
+<p>»So würden ihre Frauen ihre Forderungen an die Männer um das Dreifache
+steigern. Ausprobiert, Angela.«</p>
+
+<p>Sie ließ den Gesprächsstoff fallen. Sie fühlte, daß sein Stolz mehr
+litt, als er zeigte. Nur eine Frage wagte sie noch.</p>
+
+<p>»Und Justus? Du sprachst mir noch nicht von deinem Ältesten,
+Kornelius.«</p>
+
+<p>»Ja, Justus — —. Es wär' mir lieb, ich erführe selber mehr von ihm.
+Du weißt es, er hatte einen hochfahrenden Sinn. Aber in guten Zeiten
+wäre bei seinen raschen Aufnahmefähigkeiten wohl ein Großer aus ihm
+geworden, wenn auch ein herrischer. Für die schlechten Zeiten aber war
+seine Anschauungswelt nicht gewappnet, und der Ausgang des Krieges hat
+ihn zu einem Zerrissenen gemacht, der bald hier, bald dort, wo in den
+Ostländern um Rußland herum eine Flamme auflodert, dabei sein muß, um
+zu versuchen, sich und die Welt wieder zusammenzuflicken.«</p>
+
+<p>»Er schreibt dir wenig?«</p>
+
+<p>»Zuweilen wie ein Held, zuweilen wie ein Verzweifelter. Das ist heute
+die marktgängige Mischung unter den Entwurzelten, die so leicht das,
+was dem Vaterland frommt, mit dem, was ihnen selber frommen würde,
+verwechseln und darum keine Geduld und keinen Blick für den ›Wechsel
+auf Sicht‹ haben.«</p>
+
+<p>»Hilfst du ihm, wenn er ruft?«</p>
+
+<p>»Fragt das meine Angela?«</p>
+
+<p>»Verzeih mir,« bettelte sie, »es war nur ein Vergreifen im Wort. Ich
+wollte fragen, ob er dich zur Hilfe ruft.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>»Der Held nie. Der Verzweifelte immer. Dann fragt der Vater nicht
+lange, ob es zu vaterländischen Zwecken oder zu eigenen geschieht, und
+er hilft. Ich sagte dir schon, es ist der Naturtrieb, der das eigene
+Blut wittert.«</p>
+
+<p>Sie strich ihm mit den Fingern durch das Haar. Hin und her, her und
+hin.</p>
+
+<p>»Nicht böse sein, Kornelius, daß ich dir diesmal nicht glaube. Nein,
+nicht böse sein. Dein Naturtrieb ist ja die Güte. Das hab' ich ja an
+mir selbst verspürt, als ich hageres und mageres Menschlein durch den
+Straßenschmutz zu dir kam. Alle starken Menschen sind gütige Menschen,
+sonst gäb's ja keinen Weg zu ihrer Welt. Und dein Sohn Justus brauchte
+nicht dein Sohn und könnte ein Niemandssohn sein, und du würdest ihm
+helfen, wenn er dich beim rechten Namen rief.«</p>
+
+<p>»Ich habe ihn mehr geliebt, als ich es aussprechen kann,« sagte
+Kornelius Vanderwelt leise. »Denn wie du in Thomas, so habe ich in
+ihm mein Ebenbild erhofft. Und nun wird meine Eitelkeit mit einem
+arbeitsunlustigen Landfahrer gestraft.«</p>
+
+<p>»Es ist noch nicht aller Tage Abend, Kornelius.« Und sie wiederholte
+es: »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« bis das Streicheln ihrer
+Finger alle Schwere aus seinem Haupte hinweggenommen hatte.</p>
+
+<p>»Darf ich mir eine Zigarre anzünden, Engel? Du siehst, ich streiche
+die Jahre aus und behandle dich nicht als feierlichen Gast.«</p>
+
+<p>»Das erst macht mir den Festtag, daß du mich nicht feierlich nimmst.«</p>
+
+<p>»Wollen wir wieder in mein Arbeitszimmer? Komm, Engel. Feierlich,
+sagst du? Feierlichkeit ist der Tod der Natürlichkeit und damit aller
+Menschenfreude. Das hat mir als Kind den Sonntag so zuwider gemacht,
+daß ich im<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> feierlichen Zuge mit zur Kirche schreiten, mit feierlichem
+Gesichte bei Tische sitzen, in feierlicher Haltung am Spaziergang
+der Erwachsenen teilnehmen mußte und was sonst noch alles. Als ob
+der liebe Gott gestorben wäre und nicht auf seinem Sonntagsthron aus
+Sonne, Mond und Sternen säße und Ausschau hielte, ob sich auch seine
+Menschen aus Leibeskräften über ihre Erde freuten! Rauchst du?«</p>
+
+<p>Sie waren in sein Arbeitszimmer hinübergegangen, und er wies auf die
+Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln. »Nun?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ich muß dir ja doch«, erwiderte sie mit rotem Kopf, »mein Laster
+eingestehen. Als ich durch den Ausbruch des Weltkrieges in Amerika
+zurückgehalten wurde, ganz besonders aber, als auch Amerika in den
+Krieg eintrat und wir, die ihr Deutschtum nicht verraten wollten, als
+Gefangene behandelt wurden, da hab' ich mir das Rauchen angewöhnt, um
+über das endlose Warten und das noch endlosere Wandern der Gedanken
+hinwegzukommen. Wenn ich rauchte, wurde es ruhiger in mir. Aber wenn
+du es bei einer Frau nicht gern siehst, kann ich es unterdrücken.«</p>
+
+<p>»Wozu die Entschuldigungen, Engel? Wer weiß, ob du nicht mal wieder in
+Gefangenschaft gerätst und das Rauchen brauchst.«</p>
+
+<p>Sie wählte eine Havannazigarette mit einem Tabakdeckblatt.</p>
+
+<p>»Erschrick nicht zu sehr, Kornelius. Die Papierzigaretten sind mir zu
+verschwommen.«</p>
+
+<p>Er reichte ihr Feuer und lachte ihr in die Augen.</p>
+
+<p>»Ich hab's mir fast gedacht. ›Entweder — oder!‹ lautet die Losung bei
+Angela Freydag. Wie schön du erröten kannst.«</p>
+
+<p>Sie ließ sich in einen der tiefen Ledersessel nieder und rauchte
+in ruhigen Zügen. Und Kornelius Vanderwelt saß<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> ihr gegenüber und
+sah durch den feinen Rauchschleier seiner Zigarre ihr Bild wie aus
+Nebelfernen zu ihm hinüberlangen.</p>
+
+<p>»Nun bist du für deine Erzählung aus fernen Weiten in die rechte
+Beleuchtung gerückt. Nun erzähle du, Angela.«</p>
+
+<p>»Muß ich vom Tage meines Abschieds an beginnen, Kornelius?«</p>
+
+<p>Er nickte. »Seitdem du von mir gingst, Engel.«</p>
+
+<p>»Ich hinterließ dir einen Brief, als ich ging. Darin schrieb dir das
+Mädchen sein Weshalb.«</p>
+
+<p>»Der Brief des Mädchens ruht in des Mädchens alter Reisetasche, die
+sie mir einmal als Weihnachtsangebinde auf mein Zimmer stellte.«</p>
+
+<p>Eine Weile blieb es still im Sessel Angela Freydags, und der Lauscher
+hörte nur einen tiefen Atemzug.</p>
+
+<p>»Ich kehrte nach Köln zurück,« begann die Stimme aus der Nebelferne
+der Erinnerungen heraus. »Ich nahm die Stunden mit verdoppelten, mit
+verdreifachten Kräften auf. Ich war von dir gegangen, nein, vor mir
+selber davongelaufen, weil ich so stolz auf dich und deine Hinneigung
+zu mir war, daß ich nicht nur dein kleines Liebchen werden wollte.
+Denn so wäre es geworden, Kornelius.«</p>
+
+<p>Diesmal war es die Lauscherin, die aus dem Sessel Kornelius
+Vanderwelts nur einen tiefen Atemzug vernahm.</p>
+
+<p>»Der Professor nahm mich mit Freuden als seine Meisterschülerin.
+Das Geld, das ich mir in deinem Hause erworben hatte, reichte bei
+richtiger Verwendung für zwei Jahre aus. Anschaffungen zu machen,
+hatte ich nicht nötig. Du hattest mich zu Weihnachten und zum
+Geburtstag für den Alltag und die ersten Konzertreisen überreich
+ausgestattet. So konnte ich mich ohne Hemmungen meiner Arbeit
+hingeben.«</p>
+
+<p>»Es war nicht ganz so leicht, wie es heute scheint. Aber<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> du halfst
+mir, Kornelius. Auch wenn der Lehrer liebenswürdiger werden wollte,
+als der Unterricht verlangte. ›Nicht,‹ sagte ich, ›ich bin heimlich
+getraut. Der Mann, der mich in seinen Händen hält, kann Hufeisen
+zerbrechen.‹ Da beließ er es beim Unterricht.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sprach kein Wort. Ihm fielen die Verse ein vom
+Reiter auf dem Bodensee. Mit keinem Gedanken hatte sein sicherer Sinn
+an eine Gefahr gedacht.</p>
+
+<p>»Nach einem Jahre«, fuhr die Erzählerin fort, »durfte ich zum
+erstenmal öffentlich spielen. In einem Kurkonzert der verträumten
+Badestadt Honnef am Rhein. Es gelang über Erwarten. Der
+kunstverständige Arzt des Städtchens schrieb in seiner Besprechung
+von einem Licht auf einem hohen Berge. Dieses Licht wollte ich nun in
+die Täler der Menschen tragen. So spielte ich im folgenden Winter zum
+zweitenmal in Koblenz, und der verstärkte Erfolg führte mich bald nach
+Mainz und nach Mannheim, nach Karlsruhe und nach Basel. Damit war ich
+im Auslande.</p>
+
+<p>»Gewiß, es war die kleine Schweiz. Aber in Zürich schon spürte ich,
+daß sich hier alle Völker ein Stelldichein geben, und in Lausanne und
+Genf vernahm ich die Stimme Frankreichs, und ich folgte ihr nach Paris.</p>
+
+<p>»Nach Paris. Wie habe ich die Augen, wie habe ich die Ohren, wie habe
+ich alle Sinne geöffnet, um alles in mich hineinzutrinken, was die
+Stadt an Kunst mir bot. Alle die ungezählten Möglichkeiten, die sie
+dem Lernbegierigen hinhält zum Wachsen und Werden, und die mit jedem
+neuen Tage wechseln und neue Weiten bieten.</p>
+
+<p>»Und wieder standst du neben mir, Kornelius, und hieltst mich bei der
+Hand. Und ich wußte Tag und Nacht, warum ich hier sei.</p>
+
+<p>»In Paris spielte ich zuerst in einem Konzert der Meisterschülerinnen,
+dann zu mehreren Malen in der größeren<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> Öffentlichkeit, und wurde nach
+London eingeladen zu einem großen Konzert in der ›Albert Hall‹. Von
+hier aus ging die Fahrt geradeswegs nach Amerika.«</p>
+
+<p>»Als hättest du dir auch meine Weltfahrten zu eigen machen wollen,
+Angela.«</p>
+
+<p>»Als du mich auf der Landstraße sahst und mich in deinen Wagen
+packtest, Kornelius, sprachst du so übermütig von deinen
+Seeräubervorfahren, daß ich dir ebenso übermütig antwortete: ›Die
+Meinen vielleicht nicht weit davon.‹ Wer will wissen, was in der
+Vorzeit war!«</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt dachte an den sagenhaften
+Zweigeschlechterbaum der Menschheit, der ihm schon einmal in seinen
+Gedanken erschienen war, als er inbrünstig nach Angela rief.</p>
+
+<p>»Erzähle weiter. Ich lebe <em class="gesperrt">mit</em> dir, als lebte ich mein eigenes
+Leben.«</p>
+
+<p>»Es ist so. Die Seelen harfen die Musik, nicht die Hände. Und so ist
+meine Seele auf deinen Wegen gefahren.«</p>
+
+<p>»Erzähle von Amerika, Angela. Es ist der zweite Teil deiner
+Lebensreife und meiner Wartezeit.«</p>
+
+<p>»So war ich mit dir in Amerika, Kornelius,« vernahm er ihre Stimme,
+»und es war gut, daß wir beieinander waren. Erst schwoll mir die Brust
+in der unbekannten und verstärkten Lebensluft. Die Menschen erschienen
+mir aufrechter im Wuchs, großzügiger im Denken, freier im Verkehr
+und jeder Handlung. Die Haltung der Männer der Frauenwelt gegenüber
+erfüllte mich mit Bewunderung für die Männer, die Stellung der
+Frauenwelt erschien mir so göttlich, daß ich mich meiner Erdhaftigkeit
+fast schämte und mich bekümmert fragte, ob ich mit meinen besten
+Sonntagsgedanken wohl je einer solchen himmlischen Höhe würdig werden
+würde. Ach, mein Erwachen aus Traumland war eine starke Erschütterung.
+Es lebte da drüben eben ein jeder<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> sein eigenes Leben, Männlein wie
+Weiblein, und sie waren bei Licht betrachtet nicht größer als im alten
+Europa und nur so frei, als einer dem anderen die Freiheit ließ.
+Die so Aufrechten gingen unterm Joch der Arbeit wie bei uns, die so
+Großzügigen kämpften vorher um jeden Dollar, die göttliche Verehrung
+der Frau war ein Sport wie hundert andere, und manche der Engel Gottes
+schleiften insgeheim die Flügel durch den Staub wie in aller Welt. Es
+war nichts mit der ungekannten und verstärkten Lebensluft, wenn man
+sie erst genügend eingeatmet hatte, und wenn man in Slawien die Frauen
+prügelt und in Amerika mit Weihrauch umwedelt, so ist es nichts als
+ein anderer Landesbrauch und beileibe keine seelische Vervollkommnung.</p>
+
+<p>»Ach, meine arme Seele. Wie hat sie frieren müssen, als sie erwacht
+war. Wie hat sie nach den warmen Tiefen gesucht und die abgekühlten
+Oberflächen gefunden. Wie hat sie nach einem zusammenklingenden
+Zweiklang gelauscht, wo jeder mit sich und sich allein beschäftigt
+war. Nein, die Menschheit unterscheidet sich nirgendwo. Nur ihre
+Gepflogenheiten.«</p>
+
+<p>»Sprich weiter, Angela. Es hört sich dir gut zu.«</p>
+
+<p>»Es mag eine gute Gepflogenheit der Yankees sein, daß sie die
+Konzertsäle bevölkern. Es gehört zum guten Landeston. Und so spielte
+ich vor vollen Sälen in Neuyork und den großen Städten des Ostens, in
+Boston, Philadelphia, Baltimore, und der Erfolg verstärkte sich immer
+mehr, je weiter ich und die ruhmredigen Ankündigungen über Chikago
+nach dem fernen Westen kamen, nach Los Angeles, San Franzisko und nach
+Portland und Seattle im Norden. Und wieder ging es den Mississippi
+entlang bis Saint Louis und in den grellen Süden hinein bis zu den
+spanisch gefärbten Yankees von Neuorleans. Gott habe ich gedankt,
+als ich wieder nach dem Osten kam und den Hafen Neuyorks begrüßte,<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span>
+denn außer den vielfarbigen Wunderbildern der Natur hatte meine Seele
+nichts gewonnen als eine immer größere Leere.</p>
+
+<p>»Da stand ich im Hafen. Heimatselig. Und meine Seligkeit hieß
+Kornelius Vanderwelt. Und da war der Weltkrieg, und da war das
+Ausfahrtverbot.</p>
+
+<p>»Ach, du, das kann ich dir nicht schildern.</p>
+
+<p>»Hundert Wege bin ich gelaufen, hundert geheime Besprechungen habe
+ich abgehalten und Überfahrtspreise in jeder Höhe geboten. Ich mußte
+bleiben. Und dann begann die Zeitungspresse ihre Tätigkeit, und in den
+Volksmengen fing es an zu quirlen wie in einem gelockerten Moorgrund,
+und die Vermittler und Leiter der Konzerte wurden unverschämt, und
+die von uns, die sich beugten, wurden gnädig bevorzugt. Nur bei einer
+Absage der anderen wurde ich noch zugelassen, und ich spielte in den
+Jahren nur noch so oft, daß ich meine Ersparnisse nicht anzugreifen
+brauchte, und das war gut so, denn das verhetzte und sich selbst nicht
+mehr kennende Amerika sprang in den Weltkrieg hinein.</p>
+
+<p>»Erlaß mir die Schilderung des letzten Jahres. Wir Deutsche wurden
+als Gefangene behandelt, und ich gewöhnte mir das Rauchen an.
+Tagelang hab' ich geraucht, um über die sehnsuchtswunden Gedanken
+hinwegzukommen, die bei jeder Berührung wie Tiere im Käfig schrien,
+und über die sehnsuchtswunden Gedanken hinweg zu dir.«</p>
+
+<p>Sie warf den Rest des Tabaks in einen Behälter, wischte sich mit ihrem
+Tuch über Fingerspitzen und Lippen.</p>
+
+<p>»Ich bin zu Ende. Von der Heimfahrt weiß ich nichts mehr, als daß
+die Wellen schäumten und die Wolken jagten. Das einzige Bild, an
+dem ich Gefallen fand. Und daß mich in Hamburg ein Brief meines
+greisgewordenen Musikprofessors erwartete, der mir ein Konzert in Köln
+anbot. Ich drahtete zurück: ›Angenommen.‹ Plötzlich war mir,<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> als
+müßte ich einmal, ein einziges Mal in der großen Öffentlichkeit vor
+dir, für dich spielen. Als würdest du kommen. Als würdest du sehen, ob
+das entwichene kleine Mädchen Wort gehalten und eine reife Künstlerin
+geworden wäre. Und —«</p>
+
+<p>»Und —« wiederholte Kornelius Vanderwelt mit angehaltenem Atem.</p>
+
+<p>»Und ferner wollte ich,« sagte Angela Freydag, ohne zu stocken, »daß
+du aus der Menge heraus auch die reifgewordene Frau sehen solltest und
+dich fragen könntest: Hat mein Herz noch so schnell geschlagen wie im
+Walde?«</p>
+
+<p>»So sicher wußtest du, daß ich kommen würde?«</p>
+
+<p>»So sicher wußte ich es.«</p>
+
+<p>»Und wenn ich nicht daheim gewesen wäre oder krank gelegen hätte?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, auch das hätte ich gewußt, und ich wäre zu dir an dein
+Bett gekommen. So aber war es schöner.«</p>
+
+<p>Sie atmete tief und wohlig, und ihre Augen lachten ihn an.</p>
+
+<p>»Wie der Seeräuber aus dem Blut deiner Vorfahren kamst du mit dem
+Enterbeil auf mein Deck gestürmt, überranntest die Musikanten,
+kapertest mich und verschwandest mit der Beute, ohne eine Kielspur zu
+hinterlassen.«</p>
+
+<p>»Hat das denn nie ein anderer außer mir gewagt? Hatten denn die Männer
+da draußen keine Augen im Kopf?«</p>
+
+<p>»Es hatten da draußen mehr Männer Augen im Kopf, als mir lieb war.
+Aber ich hatte <em class="gesperrt">auch</em> Augen im Kopf.«</p>
+
+<p>»Und es fand keiner Gnade vor diesen klugen, grauen Augen?«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. Das Lachen war verflogen.</p>
+
+<p>»Nicht scherzen, Kornelius. Bitte nicht mit diesem einen Ding. Andere
+Männer! Gut, ich will es dir erklären, wenn du so blind oder so
+vergeßlich geworden bist. Selbst auf die<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Gefahr hin, daß du es gern
+aus meinem Munde hören möchtest. Andere Männer! Ich kannte keinen,
+ehe ich zu dir kam, oder doch nur solche, vor denen ich das Beben
+hatte. Du erst hast das Weib in mir geweckt. So zart und sacht, daß es
+nicht erschrecken konnte. Du hast das Störrige weich und das Eckige
+rund geformt und der Seele ein Haus gebaut, daß sie zum erstenmal
+wagte, die Flügel auszubreiten. Jeden Gang meiner Füße hast du richtig
+gesetzt, jeden Gang meiner Gedanken höher geleitet. Und das Herz zum
+Schlagen gebracht. Wenn deine Hand über mein Haar glitt, wenn deine
+Hand über meinen Rücken streichelte, mußte ich die Augen schließen, so
+rieselten alle deine Kräfte durch meinen Körper. Und als ich im Walde
+sehend wurde und ich den ganzen Reichtum des neuen Lebens gewahrte: du
+warst der Schöpfer.</p>
+
+<p>»Andere Männer, Kornelius. Damals in meinem Mädchenüberschwang magst
+du mir wie der Ritter Sankt Georg vorgekommen sein. Nun darfst du
+lachen. Das erwachte Weib in mir hat es auch getan. Du warst für die
+Erwachte der Mann, der einzige, <em class="gesperrt">der</em> Mann.</p>
+
+<p>»So konnte mich keiner da draußen in der Welt überrumpeln, denn meine
+Augen hatten von dir das Sehen gelernt. Ungeblendet schaute ich in
+jeden hinein, durch jeden hindurch, wie durch ein leeres Glas. Weil
+das Mädchen durch dich zum Weibe geworden war und sein Stolz auf deine
+Schöpferliebe kein Hinuntersteigen zuließ. Auch nicht zum Scherze.</p>
+
+<p>»Nun hab' ich dir alles gesagt.«</p>
+
+<p>»Und bist zu mir zurückgekehrt, Angela-Engel, ohne Angst?«</p>
+
+<p>»Ich kann kein kleines Liebchen mehr werden, weil ich eine zu starke
+Frau geworden bin, Kornelius.«</p>
+
+<p>»So sage mir noch eines, und ich weiß genug für Zeit und Ewigkeit: Wie
+lange darf ich dich im Neste halten?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Angela Freydag legte die Hände im Schoße zusammen. Ihre Augen
+wanderten die bildgeschmückten Wände entlang, streichelten im Raum
+jedes Gerät, kehrten zurück und lagen voll auf dem Manne.</p>
+
+<p>»Du hast das rechte Wort gewählt, Kornelius. Das Nest. Dies ist
+das meine und kein anderes. Die Künstlerin wird zum Winter wieder
+ausfliegen müssen, die Angela kehrt immer wieder mit den Schwalben ins
+Nest zurück.«</p>
+
+<p>»Es genügt mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und ich danke dir.«</p>
+
+<p>An die Tür des Arbeitszimmers pochte das Mädchen und fragte an, ob es
+das Mittagessen auftragen dürfe.</p>
+
+<p>»Das ist gescheit, Martha. Wir haben Hunger wie die Wölfe.«</p>
+
+<p>Am Arm führte er Angela Freydag ins Eßzimmer hinüber und freute sich
+auch hier an ihrer Wiedersehensfreude.</p>
+
+<p>»Dort stand Weihnachten der große Koffer und der kleine Koffer,«
+flüsterte sie ihm zu. »Sie sind meine treusten Begleiter geworden.«</p>
+
+<p>»Und in meinem Schlafzimmer steht die alte Reisetasche, die du nicht
+von den Knien tatst. Greif zu, Wölfin.«</p>
+
+<p>Da warf sie alle Frauenhoheit ab und aß mit dem Heißhunger des
+Mädchens von einst.</p>
+
+<p>»Weil Festtag ist,« sagte er, entkorkte eine edle Flasche und schenkte
+die Gläser voll. »Ich trinke dein Wohl in diesem und in jenem Leben,
+Angela-Engel.«</p>
+
+<p>»In diesem und in jenem Leben trinke ich das deine, Kornelius.«</p>
+
+<p>Draußen fuhr der Wagen vor. Unbeweglich wartete der Fahrer auf seinem
+Sitz.</p>
+
+<p>»Es ist wieder der Wilm von damals, Engel. Aber er kennt dich nicht,
+und wenn ich ihn totschlüge.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span></p>
+
+<p>»Darf ich mit dir?« fragte sie hastig.</p>
+
+<p>»Wo wäre denn sonst der Festtag, Engel?«</p>
+
+<p>Und sie gingen hinaus und stiegen ein, und Kornelius Vanderwelt gebot
+dem Fahrer die Richtung.</p>
+
+<p>Angela Freydag sah das Stadtbild kaum. Sie wartete auf die Landstraße.
+Zusammengekauert saß sie in ihrer Ecke, und erst als Städte und Dörfer
+hinter ihnen geblieben waren, wurde sie unruhig und rieb die blanken
+Scheiben, als wäre es blindes Glas. Keinen Zug verlor er aus ihrem
+erregten Gesicht.</p>
+
+<p>»Da ist sie — die Landstraße! Aussteigen möcht' ich und mit bloßen
+Füßen darüber hin und her laufen. Da ist die Ruhr! So silbrig und
+rein, als läge kein Ruhrort am Ende ihres Weges. Und da —«</p>
+
+<p>»Da liegt der Wald,« sagte Kornelius Vanderwelt, und seine Stimme
+bebte vor Freude.</p>
+
+<p>»Ja, der Wald — —« sprach sie ihm nach. »Und der Wolkenbruch riß mir
+die Kleider vom Leib und das Herz auf die Zunge.«</p>
+
+<p>Ohne sich anzurühren, fuhren sie weiter und fuhren bis Kettwig vor der
+Brücke, wo sie wie geruhige Bürgersleute den Kaffee in der blinzelnden
+Frühlingssonne eines Gärtchens tranken. Und fuhren am Spätnachmittag
+heim und kamen in der Dämmerung an den Hafen.</p>
+
+<p>»Halt, Wilm. Wir steigen aus. Abendessen unnötig. Alles wie immer.«</p>
+
+<p>Der Fahrer grüßte stumm, wendete und fuhr den Wagen nach Hause.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schritt über den Laufsteg zu einem Boot, das in
+den Tauen knirschte, und sie folgte ihm. Es war eine zierliche weiße
+Motorjacht mit einem Kajütenaufbau, der sich gegen das Steuerrad hin
+öffnete und mit Wandschrank, Tisch und Rundpolster ausgestattet war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>»Mein Eigentum,« sagte Kornelius Vanderwelt und wies ihr das Triebwerk
+und die Führung.</p>
+
+<p>Der Vorfrühlingsabend hatte seine junge Wärme dem scheidenden Tage
+hingegeben, und es wehte frisch über die Rheinwasser.</p>
+
+<p>»Tut nichts. Ich mach' einen Matrosen aus dir, der Wind und Wetter
+gewachsen ist.« Und er nahm einen Ölmantel aus dem Schrank, half ihr
+hinein und knöpfte ihn ihr bis zum Kinn hinauf zu. Ganz still stand
+sie unter seinen Händen. Und die Schirmmütze ließ sie so verwegen auf
+dem Kopfe sitzen, wie er sie ihr über die Flechten gezogen hatte. Er
+trat einen Schritt zurück und begutachtete sie.</p>
+
+<p>»Wie ein echter und rechter Leichtmatrose schaust du aus. Wie ein ganz
+gefährlicher Bursche.«</p>
+
+<p>Sie hob den Kopf und streckte steif die Arme an das Ölzeug.</p>
+
+<p>»Leichtmatrose Engel,« meldete sie. »Zum persönlichen Dienst
+angemustert auf Boot ›Kornelius‹!«</p>
+
+<p>»Junge,« sagte er, »wenn dir vielleicht um einen Vorschuß auf die
+Heuer zu tun ist —«</p>
+
+<p>»Ich möchte den Baas nicht vorzeitig in Unkosten stürzen.«</p>
+
+<p>»Schlauberger, du willst nur die Zinsen anlaufen lassen.«</p>
+
+<p>»Hat der Baas noch andere Wünsche? Ich kann auch Klavierspielen,
+wenn's verlangt wird.«</p>
+
+<p>»Wart's ab, bis wir an Land kommen, du Tausendkünstler. Hier klaviert
+der Wind auf den Wellen.«</p>
+
+<p>Er löste die Taue, warf die Maschine an und packte das Steuerrad. Das
+Boot trieb vom Steg, stand zitternd unterm Steuerdruck und glitt wie
+ein Pfeil von der Sehne. Im schimmernden Rheinwasser arbeitete es
+gegen den Strom auf und verschwand in Wasser und Dunst.</p>
+
+<p>»Mach' dich nützlich, Junge! Drück' auf den Knopf links!«<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Und Angela
+Freydag freute sich wie ein kleiner Schiffsjunge, als unter ihrem
+Fingerdruck die elektrischen Fahrtenlichter über die Wasserbahn
+blitzten. Mit gehöhlten Händen rief sie einem vorüberkeuchenden
+Schleppdampfer ihr »Hoiho!« zu und war stolz, als der fremde
+Steuermann mit Nachdruck entgegnete.</p>
+
+<p>»Ich hab' ihn zwar nicht verstanden, Kornelius, aber schön war's auf
+alle Fälle!«</p>
+
+<p>»Es war eine der landesüblichen Höflichkeiten,« erwiderte Kornelius
+Vanderwelt, und der Wind riß ihm die Worte vom Munde. »Die Bedeutung
+ist Nebensache. Auf die Gesinnung kommt's an!«</p>
+
+<p>Unter dem breiten Mützenschirm lachten ihre Augen. Ihr Gesicht war vom
+Wasserwind gerötet wie das einer Indianerin auf dem Amazonenstrom,
+und das geschmeidige Ölzeug schmiegte sich prall um die Linien ihres
+Leibes.</p>
+
+<p>»Hei, du mein lieber Schiffsjunge!«</p>
+
+<p>»Hei, du mein lieber Schiffersmann!«</p>
+
+<p>»Ich muß meinem Mund zu tun geben, sonst springt er zu dir hinüber!«</p>
+
+<p>»Steck' dir eine Pfeife an! Rauchen ist das beste Heilmittel! Rauchen
+bringt über alles hinweg!«</p>
+
+<p>Er hielt das Steuerrad des brausenden Bootes mit der Linken
+und nestelte mit der Rechten die gestopfte Schagpfeife aus der
+Seitentasche. Aber wie kunstreich er sich auch mühte, einhändig blieb
+er unbehilflich, und der Wind blies ihm wieder und wieder die Flamme
+des Streichholzes aus.</p>
+
+<p>»Du pfuschest mir in den persönlichen Dienst, Baas. Gib die Pfeife
+her. Ich werde sie dir anzünden.«</p>
+
+<p>Und Angela Freydag nahm ihm die Pfeife aus dem Munde, steckte die
+geradgerichtete Spitze zwischen ihre Lippen, wandte sich gegen die
+Kajüte und brachte den Tabak zum Glühen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>»Willst du mir wohl die Pfeife nicht ausrauchen, du Unband?«</p>
+
+<p>»Zwei Züge noch. Nein, drei. Ich muß meinem Munde auch zu tun geben.«</p>
+
+<p>Sie trat an ihn heran und steckte ihm die lustig brennende Pfeife
+zwischen die Lippen. Und wieder ließ er mit der Rechten das
+Steuerruder los und erhaschte ihre Hand und legte sie flach gegen
+seine wetterbraune Wange.</p>
+
+<p>»Mein liebes, frohes, frohmachendes Mädchen du — —«</p>
+
+<p>»Wenn ich das bin, bin ich soviel wie eine Königin.«</p>
+
+<p>»Und ich dein geliebter Untertan.«</p>
+
+<p>»O du geliebter Untertan, wie weise du bist. Ein Untertan, der mein
+Geliebter ist, ist mein Herr!«</p>
+
+<p>»Beides sein, Angela-Engel, beides sein! Herr des anderen und Untertan
+seiner Liebe! Und das Königreich schließt um uns her alle Tore zu.«</p>
+
+<p>Er gab mit einem kräftigen Druck ihre Hand frei, beugte suchend sich
+vor und packte das Steuerrad mit beiden Fäusten, um einen vor Anker
+liegenden Schlepperzug zu umfahren. Kreuzend glitt das Boot über den
+dunklen Wasserspiegel, und die Stunden rannen.</p>
+
+<p>»Es wird Nacht,« sagte der Steuermann, »und es ist Zeit, umzukehren.
+Wende noch nicht den Kopf, Engel. Laß dich überraschen. Das schwarze
+Ruhrort ist eine Zauberin und läßt den, der es liebt, das traumhafte
+Venedig erblicken.«</p>
+
+<p>Das Boot legte sich schräg gegen das Wasser und beschrieb aufrauschend
+einen Bogen. Angela Freydag öffnete den Mund. Sie wollte einen Schrei
+ausstoßen und vermochte es nicht. Sie streckte die Arme aus und
+starrte mit weitgeöffneten Augen. Ruhrort war versunken. Versunken
+mit allem, was im Werktagslicht zu ihm gehörte. Versunken mit den
+geschwärzten Giebeln und Schloten und den Kohlenhäfen und den
+ächzenden, breitbäuchigen Booten.<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Und ein Vineta war an seiner Statt
+erstanden, aus den geheimnisvoll glitzernden Wassern des Rheins und
+der Ruhr, der Hafenbecken und Kanäle aufgetaucht. Tausende von weißen,
+Tausende von farbigen Lampen schlangen sich in leuchtenden Gewinden
+durch die Luft, überströmten mit Märchenlicht die Mauern, daß sie
+wie Paläste schimmerten, schufen aus Schloten ferne Glockentürme,
+aus flachen Fabriken morgenländische Festungswerke, rankten sich um
+die schlummernden Lastkähne und verzauberten sie in Prunkgondeln
+des Dogen, die aufgellenden Harmonikaklänge in sehnsuchtsheißes
+Gitarrengetön und die nächtigen Brückenbogen allüberall in
+licht-erzitternde Seufzerbrücken der Seligkeit. Und in loderndem
+Kranze ringsum, Feuerberge der Sage, spien die Hochöfen ihre Flammen
+gegen den purpurgefärbten Himmel.</p>
+
+<p>»Fürstenempfang,« sagte der Mann am Steuer. »Ruhrort begrüßt eine
+Fürstin der Kunst.«</p>
+
+<p>»Nein, die Geliebte Kornelius Vanderwelts ...«</p>
+
+<p>Das Boot glitt in den Lichtkreis hinein. Hinter ihm blieb eine
+leuchtende Spur. Und es glitt an die Quadermauer des Hafendammes,
+stoppte ab und legte am Laufsteg an. Ein Nacherbeben lief durch seine
+Glieder.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hatte das Boot am Pflock vertaut und schlang den
+Schifferknoten. Er bot der Gefährtin die Hand und half ihr an Land.
+»Ach, Engel, du hast noch das Ölzeug an.« Und er öffnete Knopf für
+Knopf bis unter das Kinn, und wieder stand sie ganz still unter seinen
+Händen.</p>
+
+<p>Als sie durch das Nachtdunkel dem Hause zuschritten, spürten sie
+beide, daß ihre Schultern sich suchten.</p>
+
+<p>Das Haus lag dunkel und still. Tiefe Ruhe umfing sie, als sie
+eintraten und Kornelius Vanderwelt das Licht aufflammen ließ. Im
+Ablegeraum reinigten sie ihre Hände vom Öl und Staub des Schiffes und
+betraten das Arbeitszimmer.<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Im Licht der Lampen stand der Imbiß auf
+dem Tisch und wartete der Heimkommenden.</p>
+
+<p>Angela Freydag war es, als hätte sich in dem Dutzend Jahre ihres
+Fernseins nichts geändert. Nein — nichts, nichts.</p>
+
+<p>»Greif zu, Engel, du wirst Hunger haben.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf. »Iß du —«</p>
+
+<p>Er schenkte zwei Gläser voll Rheinwein. »Mehr kann ich auch nicht. Und
+auch das nur, wenn du mir Bescheid tust.«</p>
+
+<p>Sie nahm das Glas aus seiner Hand und ließ es leise gegen das seine
+klingen. Und während sie hinter dem schwingenden Klange herhorchten,
+der wie ein Gewisper das Zimmer erfüllte, trank ein jeder sein Glas in
+langen Zügen leer.</p>
+
+<p>Als sie die Gläser auf den Tisch zurückstellten, berührten sich ihre
+Hände. Und so stark schlug die leise Berührung in ihr Blut, daß sie
+aufschraken und sich wortlos ansahen, als sähen sie sich so zum ersten
+Male. In einem Schrecken, der die Überfülle der Freude war.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt sprach zuerst. Er hörte die eigene Stimme wie aus
+weiter Ferne.</p>
+
+<p>»Ich muß dir etwas sagen, Angela. Es ist gewiß überflüssig, daß
+ich es dir sage, aber es tut dir vielleicht wohl. Als ich dich zum
+ersten Male sah, als Glücksritterin auf der Landstraße, gefielst du
+mir. Als ich dich zum zweiten Male sah, auf deiner Flucht aus den
+›Fünf Erdteilen‹, horchte etwas in mir auf. Als ich dich zum dritten
+Male sah, im Walde dich selbst, war eine atemlose Freude in mir. Der
+Volksmund sagt: Vor Freud' drückt's mir das Herz ab. Nun sprich du.«</p>
+
+<p>»Ich, Kornelius?«</p>
+
+<p>»Ja du, Angela. Es muß jeder seine Beichte tun.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span></p>
+
+<p>»Leg' den Arm um mich, Kornelius, und zieh mich so fest an deine
+Brust, daß ich nicht mehr weiß, wo mein Atem endet und wo dein Atem
+beginnt, und du hast alle Beichte meines Lebens. In Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunft, Kornelius.«</p>
+
+<p>Auge in Auge standen sie, Knie an Knie. Und er umschlang sie so fest,
+daß ihr Gesicht weiß wurde und aus dem weißen Gesicht ihr Mund ihm
+scharlachrot entgegenleuchtete.</p>
+
+<p>»Dein Herz,« sagte er, und seine Hand lag auf ihrer linken Brust.</p>
+
+<p>»Du drückst mir das Herz ab, du —«</p>
+
+<p>»Wer ist ›Du‹ —?«</p>
+
+<p>»Meine Freude!«</p>
+
+<p>»Und meine Hand hält <em class="gesperrt">meine</em> Freude.« — —</p>
+
+<p>Es war eine große Feiertagsstille in den beiden Menschen, und die
+Feiertagsstille ging durch das ganze Haus. Wunsch und Wille strömten
+zusammen zu einer Lebenswelle. — — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="7">7</h2>
+</div>
+
+
+<p>Keiner von den vielen, mit denen Kornelius Vanderwelt in
+geschäftlichem oder geselligem Verkehr stand, die mit ihm arbeiteten
+oder mit ihm auf ihre Weise den Feierabend hielten, hatten ihn
+seit Jahren so jung und tatendurstig gesehen wie in diesen
+Frühlingsmonaten. Sein Auge hatte das alte Feuer zurückgewonnen,
+sein Mund die frohe, schlagkräftige Rede, und wenn er um die
+Mittagsstunde durch das Gewühl vor der Schifferbörse schritt, aufrecht
+in den Schultern und biegsam wie ein Junger, lachte es ihn aus den
+verwitterten Gesichtern in vertraulichem Stolze an, und ein Vorlauter
+raunte wohl: Kornelius Vanderwelt ist in seine zweite Jugend gekommen.</p>
+
+<p>Der aber, dem das Raunen galt, wußte es besser. Er fühlte es täglich
+und stündlich, daß keine zweite, keine Scheinjugend zu ihm gekommen
+war und er nicht zu ihr, daß er wieder auf dem Wege seiner ersten und
+einzigen Jugend schritt und ihn nicht mehr verlassen würde, bevor die
+ewige Nacht es wollte.</p>
+
+<p>Nein, er dachte nicht an die ewige Nacht. Er dachte überhaupt nicht an
+Tag oder Nacht. Er dachte nur an das starke Leben, das ihn umfing und
+das sich aus dem edlen Ebenmaß der Tage und Nächte zusammensetzte wie
+der Körper aus Haupt und Gliedern. Und daß es Angela Freydag war, die
+das edle Ebenmaß bewirkte, durch nichts anderes als durch ihr Dasein.</p>
+
+<p>Daß sie da war. Daß sie im Morgen seines Tages stand<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> und im Mittag
+und im Abend. Daß sie so sicher und verläßlich da war, wie Morgen,
+Mittag und Abend wechselten. Über alle Liebe hinaus war es diese
+starke Verläßlichkeit ihres Wesens, die ihm die federnden Kräfte
+schenkte. Weil sie ihn des Rückwärtsschauens überhob.</p>
+
+<p>Wenn Kornelius Vanderwelt im Getriebe des Geschäftes der Gefährtin
+gedachte — und er trug ihr Bild im Drang der Kontorarbeit bei sich
+und im Getöse des Hafenverkehrs — so leuchtete sein Inneres wie von
+geheimen Lichtern, und eine Wärme floß durch sein Blut, daß er mitten
+in Arbeit und Verhandlung die Arme dehnte ...</p>
+
+<p>In den ersten Tagen ihrer Wiederkehr hatte sich Angela Freydag ihr
+kleines Reich gerichtet. Kornelius Vanderwelt hatte es lächelnd in
+Augenschein genommen.</p>
+
+<p>»Hübsch schaut dein Stübchen aus, Engel. Alles so blank und
+säuberlich geordnet, wie die weißen und schwarzen Tasten auf deinem
+Konzertflügel. Doch, doch, es ist der deine, der da drüben. Und wenn
+du dein Reich nun doch schon mit dem Musikzimmer vergrößern mußt, um
+zu dem deinen zu gelangen, so tue ruhig einen Schritt weiter in mein
+Arbeitszimmer und nimm die andere Seite des Schreibtisches für dich.«</p>
+
+<p>»Gern, Kornelius, und du sollst nichts von mir merken.«</p>
+
+<p>»Das ist ja eben das Wunderschöne, Engel, daß ich es an der Leere des
+Zimmers merken würde, wenn du nicht da wärst.«</p>
+
+<p>»Weißt du auch, daß du mich verwöhnst?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nur, daß ich mich verwöhne und daß mir wohl ist, wie nie im
+Leben.«</p>
+
+<p>»Wenn es an mir liegt,« erwiderte sie nur und sonst nichts, »sollst du
+froh bleiben.«</p>
+
+<p>Und er blieb froh, und sie blieb es mit ihm über alle Maßen. Tief
+im Brunnen ihrer Kindheit verschüttete Gaben<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> und Begabungen
+tauchten auf, aus den Zeiten, da sie als halbflügges Mädchen für den
+kleinen, elterlichen Haushalt einstehen mußte. Wenn der Vater eine
+Opernvorstellung leitete und die Mutter, jählings den Nerven folgend,
+Haus und Herd im Stiche ließ und dem Manne an der Theaterpforte
+auflauerte. Oder aus den Tagen, da der Vater in einer Winkelkneipe
+sein Eheelend niedertrank und die Mutter durch die Gassen irrte, um
+ihn zu finden und wieder an sich zu ketten. Damals war sie Kind und
+Köchin, Hausversorgerin und Helferin in eins gewesen, und während
+ihres armseligen, körperlichen Dahinlebens auf der Musikhochschule
+waren ihr die bitteren Errungenschaften zum Heil und Segen
+ausgeschlagen.</p>
+
+<p>Auf starken Füßen stand sie heute im Leben. Und schon schmückte das
+Grün des Lorbeers ihr Haar und wies ihr die weitgeöffneten Tore der
+Welt. Und dennoch. Als wären es Schätze, die sie für den Geliebten,
+den Toresprenger, aufbewahrt hätte, stieg sie in den Brunnen ihrer
+Kindheit hinab und wählte und wog und förderte zutage. Weib war sie
+geworden, und weil sie fühlte, daß sie es durch die Liebe zu dem einen
+geworden war, gab es kein Ding für sie und kein Tun, das sie hätte
+verkleinern können.</p>
+
+<p>Wenn er morgens das Frühstückszimmer betrat, harrte sie schon im
+weißen Kleide am weißgedeckten Tisch, und alles wehte ihn wie weiße
+Frische an und ließ ihn frische Atemzüge tun. Ihre Hände, die jedem
+Gegenstand Ausdruck verleihen konnten, als wären es die singenden
+Tasten des Flügels, maßen den Tee in die Kanne, ließen das aufkochende
+Wasser über die Teeblätter sprudeln, füllten die Tassen und schnitten
+die Brote. Wenn er zum Mittag heimkehrte, fand er sein Arbeitszimmer
+blitzblank in der Ordnung, und keine Hand als die ihre war über
+den Schreibtisch gewandert, keine Hand als die ihre hatte<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> gesorgt
+und gesichtet, zurechtgerückt und doch alles in der alten Stellung
+belassen. In schlichtem, kleidsamem Gewande, immer ein paar Blumen
+an der Brust, saß sie mit ihm zu Tisch, und während er ihr sein
+Erlebtes berichtete und sie kein Wörtlein davon verlor, schoben ihre
+schmiegsamen Hände ihm in der Stille zu, was seine Augen suchten, das
+Brot, den Wein, eine Frucht. Betrat er aber in der Feierabendstunde
+sein Haus, ein wenig müde vom Tag und doch erwartungsvoll vor
+dem, was er finden würde, so fand er sein Haus erleuchtet und den
+Abendtisch geschmückt und inmitten von Licht und Farben das schöne
+Geschöpf Gottes in der starken und gebändigten Freude, dem Manne eine
+Freudenbringerin sein zu dürfen und sein bestes Teil. Nie erwartete
+sie ihn zu dieser Stunde anders als in einem frohen und frohmachenden
+Abendgewande, und der festliche Grundton ihres Beisammenseins war
+angeschlagen, bevor sie sich zu Tische setzten, und hallte in
+verstärkten Schwingungen fort, wenn sie, ihren Arm in dem seinen, das
+Musikzimmer betraten zum ineinanderklingenden Zusammenspiel. Oder,
+was er immer heißer liebte, zum Einzelspiel und zur Offenbarung ihrer
+machtvoll gesteigerten Natur.</p>
+
+<p>Solcher Gestalt waren die Tage und Nächte, die das edle Ebenmaß
+hielten und doch in Farbe und Gestaltung vom Heute zum Morgen
+wechselten, wie die Rose dem Flieder folgt und der glühende
+Herbststrauß den Rosen und Syringen.</p>
+
+<p>Solcher Gestalt und immer in sich verschieden.</p>
+
+<p>Denn der schnelle Wagen blieb nicht im Gewahrsam und führte sie auf
+weiten Fahrten landein und landaus in still träumende Landschaften und
+lautwogende Städte. Und die weiße Motorjacht zerrte nicht vergebens im
+Getaue und wußte Einblicke und Ausblicke auf den ungezählten<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Meilen
+der Wasserbahn, die mit den Pferdekräften der Maschine spielend zu
+gewinnen waren. Oft rötete sich im Osten der Morgenhimmel, und die
+schlanken Uferpappeln streckten ihre Spitzen in das Purpurgold, wenn
+sie heimkamen und mit verschlungenen Armen das Haus betraten.</p>
+
+<p>Noch war kein Auge in die Verschmolzenheit ihres Lebens, in das
+Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit eingedrungen.</p>
+
+<p>»Es wird Zeit,« sagte Angela an einem Morgen und strich ganz zart
+über seine glücklichen Augen, »es wird Zeit, Kornelius, daß ich deine
+Kinder sehe.«</p>
+
+<p>»Meine Kinder sind erwachsene Menschen, wie du bist und ich bin, und
+gehen ihre eigenen Wege.«</p>
+
+<p>»Sie sollen nicht glauben, wir versteckten uns im Garten Eden,
+Kornelius.«</p>
+
+<p>Seine Augen flammten herrisch auf, und sie bedeckte sie rasch mit
+beiden Händen.</p>
+
+<p>»Ruhig, ruhig bleiben,« bat ihre Stimme.</p>
+
+<p>»Wenn ich deine lieben Hände spüre, bin ich es, Engel. Und nun will
+ich ganz ruhig sprechen. Meine Kinder haben zeit ihres Lebens nur von
+ihren Rechten Gebrauch gemacht und nie an ihre Pflichten gedacht.
+Sie haben sich aufs Geratewohl ihr Leben gezimmert, wie es sie am
+angenehmsten dünkte, und meine Wünsche in den Wind geschlagen. Kann
+ein Mensch oder eine höhere Gewalt von mir verlangen, daß ich die
+Gleichstellung, die sie so früh erzwungen haben, noch unterbiete und
+mich freiwillig unter ihre Vormundschaft begebe? Nein und nie, Angela.«</p>
+
+<p>Er nahm ihre Hände von seinen Augen, legte sie eine Sekunde lang gegen
+seinen Mund und schritt zum Schreibtisch, um die Aufschriften der
+eingelaufenen Morgenpost anzusehen.</p>
+
+<p>Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er das Briefpaketlein<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> wieder auf
+die Tischplatte gleiten ließ und sich nach ihr umwandte. Ihre Blicke
+ruhten ineinander.</p>
+
+<p>»Konntest du mich wirklich mißverstehen, Kornelius? Nicht wahr, diese
+Frage klingt schon ganz unmöglich? Es war nur dein rascher Zorn, der
+den Unbilligkeiten anderer galt und mich dabei streifte. Nein, nein,«
+wehrte sie in seiner schnellen Umarmung. »Es tut nicht weh. Wie könnte
+mir die Liebe wehe tun? Und den Garten Eden habe ich ja gar nicht
+ihrer Bevormundung unterstellen wollen. Eher brennte ich ihn mit
+eigenen Händen nieder. Ja, du, ich wäre imstande dazu. Umgekehrt habe
+ich es gemeint. Unser Garten Eden steht mir so hoch und unantastbar,
+daß nicht einmal der Glaube an ein Versteckenspielen in anderen Köpfen
+auftauchen darf, ohne eine Beleidigung zu sein. Unsere Stammeltern
+sind nicht aus dem Paradiese vertrieben worden, weil sie vom Baum des
+Lebens aßen, sondern weil sie feige waren und sich vor Gott versteckt
+hielten, als er sie rief.«</p>
+
+<p>»Und du? Und du?« rief er, hielt ihren Kopf von sich und sah ihr groß
+in die Augen.</p>
+
+<p>»Ich?« fragte sie zurück. »Ich oder du, es ist das gleiche. Wenn
+dieser Baum unseres Lebens gefällt werden sollte, so würden wir
+mitgefällt. Denn er ist nicht im Paradiese, sondern aus Dornen und
+Disteln gewachsen und aus allem Unglauben unseres Lebens, so hoch, daß
+wir lebensgläubig werden sollten.«</p>
+
+<p>»Wie stark und furchtlos dein Glaube ist, Angela-Engel.«</p>
+
+<p>»Wenn ich einem Menschen das Erdenglück bringen und tief empfinden
+darf, wie es im Wechsel in mich zurückflutet, so weiß ich, daß ich
+auf dem rechten Wege zum Himmel bin, soweit es Menschenkinder wissen
+können.«</p>
+
+<p>»Mit deinen reinen Händen, Angela. An deinen reinen Händen liegt es.«
+— —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p>Selten war Kornelius Vanderwelt so hochgemut über die Straßen
+geschritten wie an diesem Morgen. Noch lag der Widerschein des
+Erlebnisses auf seiner Stirn, als er das Geschäftshaus betrat und
+durch die Pultreihen hindurch sein Sondergelaß aufsuchte.</p>
+
+<p>Durch den Fernsprecher rief er zum Hauptkontor hinüber.</p>
+
+<p>»Ich bitte Herrn Beckenried mit den Eingängen zu mir.«</p>
+
+<p>Die Verbindungstür öffnete sich und schloß sich. Schritte kamen näher
+und hielten an. Kornelius Vanderwelt wandte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ah, ihr seid es? Guten Morgen, Klaus. Guten Morgen, Thomas. Weshalb
+kommt Vater Beckenried nicht?«</p>
+
+<p>»Mein Vater,« hob Klaus Beckenried an, »läßt sich entschuldigen. Er
+liegt krank zu Bett.«</p>
+
+<p>»Oh — das bedaure ich. Wieder einmal ein Anfall seines alten
+Leberleidens?«</p>
+
+<p>»Diesmal ist es die Galle.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt hob die Augen von den Briefschaften. Er sah dem
+jungen Manne auf den zusammengekniffenen Mund.</p>
+
+<p>»Du betonst das Wörtchen ›diesmal‹ so eigentümlich, Klaus? Hat es
+einen Grund?«</p>
+
+<p>»Ich wollte damit sagen, daß es einmal ein Leberleiden und einmal
+ein Gallenleiden ist, was der Vater als Belohnung von dannen trägt.
+Diesmal ist es die Galle.«</p>
+
+<p>»Entspricht es deinem besonderen Wunsche, Klaus, daß Thomas unserer
+Unterhaltung beiwohnt? Ich pflege sonst den Kreis der Zuhörer selber
+zu bestimmen.«</p>
+
+<p>Der junge Beckenried blickte in die Zimmerecke.</p>
+
+<p>»Es entspricht meinem besonderen Wunsch. Er kann nur daraus lernen,
+wie ein Mitglied der Familie Vanderwelt sich <em class="gesperrt">nicht</em> zu benehmen
+hat. Jawohl, das behaupte ich.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<p>»Darf ich fragen, um welches Mitglied der Familie Vanderwelt es sich
+handelt.«</p>
+
+<p>»Um Juliane handelt es sich.«</p>
+
+<p>»Da bedauere ich recht herzlich. Juliane ist auf dein
+leidenschaftliches Begehren vor sechs Jahren aus der Familie
+Vanderwelt ausgeschieden, um ohne Aufschub zu einem Mitglied der
+Familie Beckenried zu werden. In diesem Falle müßte sich also ein
+Mitglied der Familie Beckenried schlecht benommen haben.«</p>
+
+<p>»Es handelt sich hier nicht um Spitzfindigkeiten,« brauste der
+Erbitterte auf.</p>
+
+<p>»Nein, es handelt sich in meiner Gegenwart um Ruhe und guten Ton. Wenn
+deine Angelegenheit wieder einmal keinen Aufschub verträgt, wie vor
+sechs Jahren bei der Kriegstrauung, so nimm Platz und erzähle mir,
+durch welche Umstände sich dein Vater ein Gallenleiden zugezogen hat.«</p>
+
+<p>Er wies höflich auf einen Stuhl, und der junge Beckenried setzte sich
+widerwillig auf die Kante.</p>
+
+<p>»Darf ich mich jetzt beurlauben,« fragte Thomas Vanderwelt, und über
+sein verblaßtes Gesicht lief der Spott.</p>
+
+<p>»Da dein Schwager Klaus dich bestimmt hat, mit einzutreten, so mag er
+weiter bestimmen.«</p>
+
+<p>»Ich weiß ja nicht einmal mehr, was ich selber hier soll,« murmelte
+der junge Beckenried und hob die Achseln, »nach der geschickten
+Wendung, die du dem Gespräch gegeben hast.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt strich sich über die Stirn. Und es war ihm, als
+ob er Angelas kühlende Hand fühlte.</p>
+
+<p>»Es freut mich, Klaus, daß du meine Geschicklichkeit, ein Gespräch
+ohne Umschweife in die rechte Bahn zu lenken, anerkennst. Du tust es
+ein bißchen grimmig. Aber verärgerte Leute haben das Recht des Grimmes
+voraus.<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> Also deine Frau hat dir Grund zur Unzufriedenheit gegeben,
+und du möchtest meine Erfahrenheit um Rat fragen. Ich bin ganz Ohr.«</p>
+
+<p>»Die schlechte Mädchenerziehung Julianes«, stieß der Erzürnte hervor,
+»trägt in der Ehe von Jahr zu Jahr herrlichere Früchte. Ach, was sage
+ich! Von Tag zu Tag! Von Tag zu Tag wird ihr Betragen unerträglicher.
+Erst hat sie mir das Geld aus der Tasche genommen. Jetzt, da ich mich
+vorsehe, nimmt sie es dem Vater. Und gestern —«</p>
+
+<p>»Halt einmal,« ersuchte Kornelius Vanderwelt und winkte mit der Hand
+kurz ab. »Die schlechte Erziehung meiner Tochter steht hier nicht
+zur Untersuchung, sondern das schlechte Benehmen deiner Ehefrau.
+Bitte, <em class="gesperrt">ich</em> habe das Wort, du hast das unfertig erzogene Kind
+gewollt, wie es ging und stand und aus der Schweizer Erziehungsanstalt
+weggelaufen war. Acht Tage eines ziemlich ungebundenen Zusammenseins
+schienen dir vollauf zu genügen, um ihr liebenswertes Gemüt so
+schwärmerisch zu ergründen, daß es eine Kriegstrauung auf Knall und
+Fall geben mußte. Ich habe dich ernst gefragt und dich ernst gewarnt,
+und du hast dich verantwortungsfroh vor mich hingestellt und mir deine
+und ihre Vorzüge aufgezählt. Noch höre ich dein Wort im Ohr: ›Herr
+Vanderwelt, ich enttäusche Sie nicht‹ und meine Antwortfrage: ›Wissen
+Sie denn nach einer wilden Reise von acht Tagen, daß Juliane Sie nicht
+enttäuschen wird?‹ Aber mein Rat, das Ende des Feldzuges abzuwarten,
+wurde rückhaltlos zur Seite geschoben. Nun <em class="gesperrt">suchst</em> du Rückhalt.«</p>
+
+<p>»Ich suche keinen Rückhalt! Ich ersuche dich um dein väterliches
+Eingreifen!«</p>
+
+<p>»Lieber Klaus, das wäre! Eheangelegenheiten liegen immer nur zwischen
+zweien. Die seligen Tage wie die weniger beseligenden. Wenn du
+einer Frau noch nicht<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> gewachsen warst, so hättest du das Heiraten
+unterlassen sollen. Aber keinen Dritten hineinziehen. Keinen Dritten,
+wenn dir an Glück und Ehre gelegen ist.«</p>
+
+<p>»Predige es doch deinem Sohn Thomas! Seine Ehre kann es weit mehr noch
+gebrauchen als die meine!«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt zog die Lippen von den Zähnen.</p>
+
+<p>»Ich beklage mich ja auch nicht. Ich belustige mich höchstens. Auch an
+dir, teurer Schwager Klaus.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt lehnte sich mit kühler Stirn im Stuhle zurück.</p>
+
+<p>»Die persönlichen Unterhaltungen sind hiermit beendet. Was habt ihr
+mir Geschäftliches vorzutragen?.«</p>
+
+<p>Der jüngere Beckenried erhob sich straff von seinem Stuhl, und auch
+Thomas Vanderwelt ließ seine Lässigkeit fahren und stand in aufrechter
+Haltung vor dem Geschäftsherrn. Das Geschäft regierte die Stunde.</p>
+
+<p>Der junge Beckenried trug die eingegangenen Aufträge vor. Nach jeder
+einzelnen Nennung wartete er die Bemerkungen des Geschäftsherrn ab
+und machte sich seine Aufzeichnungen. Thomas Vanderwelt berichtete
+über das Angebot des Schiffsraumes, nannte die Eigentümer der Kähne
+und ihre Forderungen. Dann waren sie entlassen, und Kornelius
+Vanderwelt arbeitete für sich, prüfte die Verteilungspläne, Lade- und
+Löschzeiten und die Möglichkeiten der Rückfrachten. Oft hob die Hand
+den Fernsprecher ab, verhandelte er kurz mit den Werken, Zechen und
+Reedereien, rief er die Auftraggeber am Oberrhein, in Holland, an den
+Kanalplätzen an und schrieb und rechnete aufs neue. Jeder Gedanke war
+scharf auf die Schiffsverfrachtungen gerichtet. Nicht einer sprang ab
+und suchte einen Haken auf das persönliche Gebiet zu schlagen. Die
+Willenskraft des Mannes hielt sie ans Stichwort gebannt.</p>
+
+<p>Um die elfte Morgenstunde überschritt er den Hafendamm<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> und stand eine
+Weile eingekeilt zwischen den angesammelten Schiffern. Hände legten
+sich auf seine Schultern, Zurufe wirrten in seinem Ohr.</p>
+
+<p>»Wir finden bei dem Geschäft keine Rechnung mehr, Herr Vanderwelt!
+Wenn wir glücklich im Bestimmungshafen anlegen, is et Geld entwertet!
+Wat tun wir mit den steigenden Frachtlöhnen, wenn der Geldwert noch
+schneller fällt. Dat is Beutelschneiderei! Da soll der Deubel fahren,
+aber nich wir!«</p>
+
+<p>»Vernunft behalten!« rief ihnen Kornelius Vanderwelt entgegen, »wenn
+der Deubel fährt, könnt ihr die Asche kratzen. Es ist die verfluchte
+Zeit, die Beutelschneiderei betreibt, nicht der Handel. Aber es muß
+ein Ausweg geschaffen werden.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, Sie haben so oft unsere Sache in Ihre Hände
+genommen, helfen Sie uns aus dem Dreck!«</p>
+
+<p>»Wenn ihr Zutrauen zu mir habt —«</p>
+
+<p>»Haben wir alle!«</p>
+
+<p>»Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Getretener Quark wird breit, nicht
+stark. Und nun laßt mich hineingehen.«</p>
+
+<p>Ein paar Hochrufe erschallten. Und Kornelius Vanderwelt wußte nicht,
+ob sie dem Weisen von Weimar galten oder seiner Mittlerperson.</p>
+
+<p>Er betrat die Halle der Schifferbörse und suchte den Vorstand auf.</p>
+
+<p>»Wollen wir keine Stockungen im Handels- und Schiffsverkehr, so
+schlage ich die Gutschrift der Löhne in Gulden vor, meine Herren, bis
+sich die deutsche Reichsmark wieder sehen lassen kann. Wir stehen
+erst am Beginn der Wertsenkung und es wird im Vaterlande ein wüstes
+Durcheinander werden. Erhalten wir uns die Kahnführer arbeitsfreudig,
+mit einigen Opfern am Kursgewinn kann es geschehen, und die Schiffahrt
+wird oben schwimmen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> es mit den meisten anderen Unternehmungen
+in den dicken Nebel oder jäh in die Tiefe geht.«</p>
+
+<p>Der Vorstand beschloß, sofort die in den Ruhrhäfen verladenden
+Firmen und die in den Ruhrhäfen verkehrenden Einzelschiffer, die
+›Partikuliers‹, zu einer Börsenversammlung einzuberufen und dem
+drohenden Unwetter vorzubeugen.</p>
+
+<p>Die Masse der Schiffer hatte sich noch nicht vom Platze bewegt, als
+Kornelius Vanderwelt wieder aus der Halle trat. Die Leute schauten ihn
+schweigend, aber mit gekniffenen Augen an.</p>
+
+<p>»Börsenversammlung! Mit abgekürzter Einladefrist!« rief er den
+Nächststehenden zu. »Kerle, die in Wind und Wetter ihren Mann stehen,
+werden es wohl auch bei dem bißchen Geblase an Land. Also ruhig und
+würdig, Leute. Mit dem Koller fährt man auf und mit der Kaltblütigkeit
+wirft man das Schiff ins Fahrwasser herum. Wollen mal sehen, was mit
+dem holländischen Gulden zu machen ist, he? Die Einzelschiffer stimmen
+gleichberechtigt mit den Firmen.«</p>
+
+<p>Die Nächststehenden hatten Satz für Satz weitergegeben. Es wurde
+still, und die gekniffenen Augen weiteten sich friedlich. Ein Alter,
+der den Bart als Schifferkrause von Ohr zu Ohr trug und baumelnde
+Ringe in den Ohren, trat vor und streckte Kornelius Vanderwelt die
+rissige Hand entgegen.</p>
+
+<p>»Schönen Dank auch, Herr Vanderwelt. Wir vergessen nix.«</p>
+
+<p>Allein wie er gekommen war, schritt Kornelius Vanderwelt seinem
+Geschäftshause zu. Zu Erholungsfahrten war in diesen unruhigen Tagen
+nicht die Zeit. Und der Sommer näherte sich schon dem Herbst, bevor
+sie wieder hinaus konnten in die Nähe und Weite, die Gefährtin eng an
+des Mannes Seite.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>Angela Freydag aber hatte längst ihre einstige Schülerin aufgesucht,
+und Kornelius Vanderwelt hatte nichts mehr dawider gehabt.</p>
+
+<p>»Du giltst in der Stadt als eine Verwandte, die nach Fräulein
+Bilsenbachs Tod mein Hauswesen leitet. Soweit man bei unserer
+Abgeschlossenheit überhaupt Vermerk von dir zu nehmen geruht hat. Die
+Kinder haben mich noch nicht ein einziges Mal befragt, so sehr sind
+sie mit der Fülle ihrer eigenen Angelegenheiten beschäftigt.«</p>
+
+<p>»Ich denke, die Stadt nimmt auch weiter keinen Vermerk von mir. Mein
+Tag ist mit dir ausgefüllt.«</p>
+
+<p>»Es liegt im Wesen einer Hafenstadt, Engel, daß man sich die übliche
+Neugier ein wenig abgewöhnt, richtiger, daß sie einem abgewöhnt wird.
+Jeder Tag bringt hundert neue Schiffe und mit den Schiffen hundert
+neue Gesichter. Keiner weiß: Sah ich dies Gesicht schon oder wann sah
+ich es zuletzt? Sind es Gäste, Durchreisende, Geschäftsfreunde oder
+Angestellte? Und so schwindet die Achtsamkeit schnell.«</p>
+
+<p>Zu einer Vormittagsstunde wurde Juliane Beckenried der Besuch eines
+Fräulein Freydag gemeldet.</p>
+
+<p>»Wie sieht sie aus?« fragte sie leichthin und vertraulich das Mädchen.
+»Wie eine Dame oder nur wie eine Geschäftsdame?«</p>
+
+<p>»Rechnungen hat sie nicht bei sich, gnädige Frau.«</p>
+
+<p>»Liebes Kind, antworten Sie nächstens genauer auf meine Frage. Ihre
+Dummheit in Ehren. Ich lasse das Fräulein bitten.«</p>
+
+<p>Angela Freydag trat über die Schwelle, im schlichten, ruhigen
+Straßenkleid. Sie sah nicht das weiße Rokokozimmer mit den farbigen
+Bildflecken an den Wänden. Ihre Augen waren verwundert auf die
+überschlanke Gestalt im kniefreien, buntseidenen Morgengewand
+gerichtet, auf das jungenhaft verschnittene, mit wenigen Strichen
+zurechtgekämmte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> Haar, auf die forschenden Augen mit den fein
+nachgezogenen Schattenrändern.</p>
+
+<p>»Sind Sie es, Juliane?«</p>
+
+<p>Juliane Beckenried warf einen flüchtigen Blick auf die Besuchskarte
+und trat einen Schritt näher.</p>
+
+<p>»Sie reden mich bei meinem Vornamen an? Haben wir uns denn einmal
+gekannt, gnädiges Fräulein?«</p>
+
+<p>»Also ganz in Ihrem Gedächtnis erloschen? Freilich, es sind wohl ein
+Dutzend Jahre, und Sie waren noch ein kleines Schulmädchen und sind
+heute eine Frau, die wohl selber schon einen kleinen Schuljungen
+ausschickt. Ich hieß aber damals, wie ich heute heiße, Angela Freydag,
+und erteilte Ihnen ein Jahr lang Klavierunterricht.«</p>
+
+<p>»Ach, Sie sind das? Ich habe vielerlei Klavierlehrerinnen gehabt.
+Aber Ihrer entsinne ich mich jetzt. Natürlich, Sie wohnten doch eine
+Zeitlang in unserem Hause, wenn ich mich recht erinnere? Ja, doch!
+Papa beschenkte Sie zu Weihnachten mit einem ganzen Aussteuerkoffer.
+Und ich war furchtbar neidisch.«</p>
+
+<p>»Also das wissen Sie doch noch ...?«</p>
+
+<p>Juliane Beckenried legte den Kopf zurück. Ihre Augen schlossen sich zu
+einem Spalt.</p>
+
+<p>»Und nun wollen Sie nachfragen, mein Fräulein, ob ich meinem Sohn
+Klavierunterricht erteilen lassen will? Er ist wirklich noch ein wenig
+unbedeutend, und die Musik, die Sie lehrten, dürfte auch überholt
+sein.«</p>
+
+<p>»Gestatten Sie, daß ich für die kurze Dauer meines Besuches Platz
+nehme?« fragte Angela Freydag freundlich.</p>
+
+<p>»Oh — ganz nach Belieben. Ich erwarte nämlich meine Schneiderin. Das
+ist heute eine wichtige Angelegenheit.«</p>
+
+<p>»Nicht wahr? Wichtig und verwunderlich bei den paar Handbreit
+Stoffen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span></p>
+
+<p>Sie saß bequem in einem Halbsessel zurückgelehnt und plauderte.</p>
+
+<p>»Nein, Juliane, auf welche Gedanken Sie kommen. Ihr kleiner Junge
+hat nichts von meiner Klavierkunst zu befürchten. Ich betreibe sie
+sozusagen nur zu meiner und weniger anderer Freude. Beethoven,
+wissen Sie, nicht Jazz. Aber das wollen wir ruhig als persönliche
+Liebhabereien gelten lassen.«</p>
+
+<p>Juliane Beckenried hatte sich in aufquellender Neugier einen zweiten
+Halbsessel herangezogen.</p>
+
+<p>»Oh — ich habe sehr um Entschuldigung zu bitten. Durch die
+Kleidung wird es einem heute so schwer gemacht, eine Dame von einem
+berufstätigen Fräulein zu unterscheiden. Denken Sie, ich wurde
+kürzlich für ein niedliches Ladenmädchen gehalten und von einem
+Ladenjüngling zum Tanz aufgefordert.«</p>
+
+<p>»Hoffentlich haben Sie ihn gebührend in seine Schranken gewiesen.«</p>
+
+<p>»Ach, wieso denn? Der Junge war so belustigend und übernimmt einmal
+das Damenkleidergeschäft seines Vaters.«</p>
+
+<p>»Ja, wenn er das tut — dann ist es freilich eine andere Sache.«</p>
+
+<p>Juliane lachte. Sie wurde nicht recht warm mit der Besucherin, die
+selbst beim Scherzen den ernsten Mund behielt.</p>
+
+<p>»Sie befinden sich auf der Durchreise in Ruhrort, Fräulein Freydag?«</p>
+
+<p>»Das wohl nicht. Sowenig wie vor zwölf Jahren. Ihr Herr Vater
+behauptet, ein Recht aus einer Verwandtschaft herzuleiten, die uns
+von früher verbindet, und hat mich nach Fräulein Bilsenbachs Tod noch
+einmal in sein Haus gerufen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>»Papa sollte uns sein Haus übergeben und eine nette
+Junggesellenwohnung beziehen. Dann wäre ihm und uns geholfen und er
+brauchte keine Verwandte zu behelligen. Übrigens — Verwandte? Ich
+kenne wirklich keine mehr.«</p>
+
+<p>Angela Freydag sah die Befragerin lächelnd an.</p>
+
+<p>»Die Verwandtschaft liegt wohl schon um ein paar Ecken und Winkel
+herum. Aber Ihrem Herrn Vater genügt sie.«</p>
+
+<p>»Der Papa wird alt,« seufzte Juliane, »er täte gut, das Geschäft
+langsam in die Hände meines Mannes übergehen zu lassen. Auch Thomas
+würde sich freuen.«</p>
+
+<p>»Ich habe Thomas noch nicht wiedergesehen«, sagte Angela Freydag,
+»und vermag mir daher ein Urteil über seine Anschauungen noch nicht
+zu bilden. Aber ich will gern das Meine tun, in Ihrem Herrn Vater den
+Glauben an die Jugend zu erhalten.«</p>
+
+<p>Juliane verstand nicht recht.</p>
+
+<p>»Meinen Sie damit, den Glauben an uns? Dann reden Sie ihm doch zu,
+ihn etwas stärker zu beweisen und — und — in die Wirklichkeit
+umzusetzen. Liebes Fräulein Freydag, wenn Sie meine Freundin werden
+wollen — Sie sehen, ich falle mit der Tür gleich ins Haus — so
+überreden Sie Papa, daß er mir in diesem schrecklich teuren Leben
+ein wenig Luft schafft. Ich bin für jede Summe dankbar, die er mir
+zuwendet. Am liebsten für ein festes Monatsgeld, damit ich weiß, wie
+weit ich springen kann. Und wenn Ihr Sinn einmal aus der alltäglichen
+Langweiligkeit hinaus in die Fröhlichkeit reizender junger Menschen
+steht, so rufen Sie es mir durch den Fernsprecher zu und ich nehme Sie
+mit und führe Sie ein. Es braucht ja nicht gerade Ruhrort zu sein.«</p>
+
+<p>»Bei meinem hohen Alter, Juliane? Wollen Sie mich etwa als Ihre
+ehemalige Lehrerin vorstellen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>»Ach, das wird schon gemacht. Es tun noch Ältere mit, und Sie wirken
+ganz jugendlich. Das ist doch heute kein Kunststück.«</p>
+
+<p>»Sehr schmeichelhaft, Juliane. Trotzdem fürchte ich, Sie werden wenig
+Ehre mit mir einlegen.«</p>
+
+<p>»Hauptsache ist: bringen Sie recht viel Geld mit. Sie werden es dem
+alten Herrn schon abschmeicheln können.«</p>
+
+<p>Angela Freydag erhob sich. Soviel Oberflächlichkeit des Wesens,
+soviel einfältige Selbstsucht hatte sie nicht einmal nach Kornelius
+Vanderwelts Erzählungen zu vermuten gewagt. Eine Bitterkeit stieg ihr
+auf die Lippen, die, stieg sie noch um ein geringes, den ersten Keim
+der Feindschaft in sich trug.</p>
+
+<p>»Ihr Herr Vater ist jünger als Sie und ich. Von dem reizenden Kreis
+junger Menschen ganz zu schweigen, die nur durch das väterliche Geld
+zu ihrem Reiz gelangen. Und er ist auch klüger und wertvoller als
+dieser ganze Kreis, denn sonst hielte er nicht mit seinem Gelde und
+seinen Gesinnungen zurück. Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und
+ergeben Sie sich ihm.«</p>
+
+<p>Auch Juliane hatte sich heftig erhoben. Ein gereiztes Rot stieg ihr in
+das hübsche Gesicht.</p>
+
+<p>»Darf ich vielleicht fragen — was mir denn eigentlich — die Ehre
+Ihres Besuches verschafft?«</p>
+
+<p>»Dazu haben Sie gewiß das Recht,« sagte Angela Freydag und knöpfte
+ruhig ihren Handschuh zu. »Ich vermochte nicht zu glauben, daß eine
+Tochter so sehr von ihrem Vater verschieden sein könnte, und wollte
+versuchen, der Tochter den Weg zur Rückkehr anzubahnen. Ich wiederhole
+darum: Gehen Sie zu Ihrem Vater, Juliane, und ergeben Sie sich ihm.«</p>
+
+<p>»Ja, meine hochverehrte Lehrerin, dann hätten wir uns wohl weiter
+nichts mitzuteilen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<p>»Mögen Sie Ihre Abweisung nie bereuen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie damit sagen wollen, daß Sie im warmen Nest sitzen und Papa
+dazu bewegen könnten, sein Testament zu meinen Ungunsten abzuändern —«</p>
+
+<p>»Lassen Sie das!«</p>
+
+<p>Juliane tat einen Schritt zurück. Die blitzenden Augen standen dicht
+vor ihr. Sie duckte den Kopf, wie aus einer feigen Furcht, die Fremde
+möchte sie anspringen und niederreißen.</p>
+
+<p>Draußen ging die Flurtür. Ein schneller Schritt, und die Tür zum
+Empfangszimmer wurde aufgestoßen.</p>
+
+<p>»Ah, Klaus! Zu so ungewöhnlicher Zeit?«</p>
+
+<p>»Wer ist die Dame?« fragte eine schroffe Stimme. »Willst du mich nicht
+vorstellen?«</p>
+
+<p>»Meine ehemalige Klavierlehrerin, Fräulein Freydag. Mein Mann. Ein
+andermal, Klaus. Du siehst, daß ich Besuch habe.«</p>
+
+<p>»Ich bin im Begriff zu gehen, Herr Beckenried.«</p>
+
+<p>»Ein andermal?« wiederholte Klaus Beckenried ohne die geringste
+Rücksicht auf die fremde Dame. »Besuch? Soll ich das vielleicht
+auch der Menschensorte sagen, bei der du das Geld schuldig bleibst
+und die mich vor den Geschäftsangestellten lächerlich macht? Die
+sogenannte Klavierlehrerin kann zuhören, denn was mit dir verkehrt,
+kann's vertragen! Eine unerhörte Rechnung über Wagenfahrten wird
+mir überreicht. Hab' ich denn eine Verrückte zur Frau? Ich habe die
+Tochter Kornelius Vanderwelts geheiratet, und dieser Geizhals —
+dieser Geizhals —«</p>
+
+<p>»Sie sind ein Lügner,« sagte Angela Freydag und ging hinaus. —</p>
+
+<p>Das also war die Frauenblüte Julianes. Das also war ihr Gatte Klaus
+Beckenried. Und ein wildes und schmerzhaftes Mitleid mit dem Manne
+überfiel sie, der soviel Unwürde<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> und Unritterlichkeit aus seinem
+Hause auskehren mußte, um — ein Einsamer zu werden. Nein! schrie es
+in ihr. Nie ein Einsamer! Nie, nie, solange ich lebe.</p>
+
+<p>Zu Hause warf sie sich an Kornelius Vanderwelts Brust und umschlang
+ihn mit beiden Armen.</p>
+
+<p>»Was hast du, Engel?«</p>
+
+<p>»Was ich habe? Ich habe dich bisher noch lange nicht lieb genug gehabt
+und dachte doch schon, weiter ginge keine Liebe.«</p>
+
+<p>Er strich ihr ein Strähnchen des hellen Haares aus der Stirn, wickelte
+es um seinen Finger wie einen Ring, strich es wieder glatt.</p>
+
+<p>»Liebe erkennt keine Grenzen an. Das ist das einzige, was wir sicher
+wissen. Und ich will dich nicht weiter befragen.«</p>
+
+<p>Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihm in die Augen. Seine Arme
+hielten sie.</p>
+
+<p>»Frag' nur immer, Kornelius. Du wirst nie erleben, daß ich nicht
+antworten möchte. Ich war bei deiner Tochter Juliane, und ich habe
+auch ihren Gatten kennengelernt, und nun wollen wir nicht mehr darüber
+sprechen.«</p>
+
+<p>Aber der Tag sollte nicht zur Neige gehen, ohne daß noch einmal der
+Name Beckenried fiel. Gegen den Abend hin stellte sich der junge
+Thomas Vanderwelt ein, mit einem Strauße auserwählt schöner Rosen, den
+er Angela Freydag feierlich überreichte.</p>
+
+<p>»Meine verehrte Gönnerin aus Knabenzeiten,« hob er an, und es lief ein
+lustiger Schein über sein verblaßtes Jungmännergesicht, »muß mir aus
+dem trüben Schwagerhause Beckenried die Kunde Ihres Hierseins kommen?
+Meine geliebte Frau Antonie brachte sie zu Tisch mit heim. Sie war
+gleich nach Ihnen in das häusliche Ungewitter geraten und erhielt noch
+ihr wohlverdientes Teil. Aus der<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Berufung auf meine Frau wollen Sie
+freundlichst ersehen, daß ich verheiratet bin, etwas lautloser, aber
+darum nicht weniger glücklich. Und aus dem Munde meines Vaters wurde
+mir heute nachmittag die Bestätigung, daß Sie schon seit Monaten,
+schon seit einem halben Jahre fast, bei uns weilen. Und ich darf Ihnen
+erst heute diese Willkommrosen zu Füßen legen.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen, Thomas. Sie haben sehr schön gesprochen.«</p>
+
+<p>»Das klang wie das ›Wundervoll, wundervoll!‹, wenn ich im Klavierspiel
+schrecklich danebengriff.«</p>
+
+<p>»Kommen Sie, Thomas. Setzen Sie sich zu mir. Wollen Sie rauchen?
+Natürlich ist es gestattet.«</p>
+
+<p>»Sie sind eine Frau nach dem Herzen Gottes. Mein Gaumen verhungert
+geradezu nach einer Zigarette.«</p>
+
+<p>Sie reichte ihm Zigarette und Feuer und rauchte selber nicht.</p>
+
+<p>»Hören Sie, Thomas. Wir wollen diesen Verkehrston gar nicht erst
+zwischen uns aufkommen lassen. Wie ich weiß, spricht man so oder
+ähnlich mit den Bardamen. Nicht wahr, Sie schätzen mich ein wenig
+höher ein. Geben Sie mir Ihre Hand, Thomas. Darf ich Sie als
+gestrengen Eheherrn überhaupt noch Thomas nennen?«</p>
+
+<p>Er beugte sich, wie er als Knabe nach einem Verweis getan hatte, über
+ihre Hand und küßte sie.</p>
+
+<p>»Sie verstehen es noch immer, eine Verlegenheit in eine Freudigkeit
+umzuwandeln, Fräulein Angela. Gelt, so darf ich Sie doch anreden? Von
+der fernen Verwandtschaft, die mein Vater endlich anzudeuten beliebte,
+gänzlich abzusehen.«</p>
+
+<p>Sie nickte ihm zu und schüttelte ihm die Hand.</p>
+
+<p>»Weshalb machen Sie sich im Hause Ihres Vaters so selten, Thomas? Die
+Wiedersehensfreude hätten wir schon eher genießen können.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>»Ich mache mich doch nicht selten, Fräulein Angela? Ich war doch erst
+zum Neujahrstage in meines Vaters Hause und habe als guter Sohn meinen
+Spruch aufgesagt. Und jetzt schreiben wir kaum Herbstanfang.«</p>
+
+<p>»Thomas,« bat sie und hielt immer noch seine Hand, »wollen wir nicht
+auch von Ihrem Herrn Vater miteinander in einem ehrerbietigen Tone
+sprechen? Er hat Sie sehr liebgehabt, Thomas.«</p>
+
+<p>Seine hagere Hand zuckte in der ihren. Sie gab sie frei und wartete.</p>
+
+<p>»Donnerwetter, Fräulein Angela. Sie machen nicht viel Federlesen und
+greifen gleich die ganze Front an.«</p>
+
+<p>»Sie mögen daraus ersehen, Thomas, daß ich Sie keineswegs
+geringschätze. Was haben Sie gegen Ihren Vater?«</p>
+
+<p>Er starrte auf seine Stiefelspitzen und zog die Lippen von den Zähnen.</p>
+
+<p>»Liegt Ihnen wirklich daran, meine Beichte zu hören?« und der Hohn
+klang mit.</p>
+
+<p>»Nein, daran liegt mir nichts. Ich fragte nur das eine, was mich am
+tiefsten bewegt: was haben Sie gegen Ihren Vater?«</p>
+
+<p>»Die Scham, ihm die neue Tochter ins Haus gebracht zu haben.«</p>
+
+<p>Da wurde es totenstill zwischen ihnen. Wie erschlagene Leiber lagen
+die Worte im Raum.</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt prüfte als erster seinen Atem. Er sog ihn tief ein
+und stieß ihn heftig aus.</p>
+
+<p>»Was ich doch wissen wollte, Fräulein Freydag: was macht Ihre
+göttliche Kunst? Ich hoffe, Sie erfreuen meinen Vater recht oft mit
+ihr. Es ist die starke Welle, die ihn über die wildesten Meere trägt.«</p>
+
+<p>»Weil Sie für Ihren Herrn Vater bitten, will ich es gern und zu jeder
+Stunde tun.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p>
+
+<p>Die Gespanntheit seines Gesichtes ließ nach. Er lachte sie echt
+jungenhaft an.</p>
+
+<p>»Ich bin durchaus nicht schwerhörig, Fräulein Angela, und ein Lob
+pick' ich mir immer noch aus den Vermahnungen heraus wie früher die
+schönen braunen Rosinen aus dem Kuchen. Aber nun möchte ich Sie auch
+belobigen. Sie waren als junges Fräulein trotz Ihrer Hagerkeit ein
+eigenartig rassiges Geschöpf. Ein Dutzend Lebensjahre dazu, und die
+schönste Rassigkeit wird zu einer — na, sagen wir: herben —«</p>
+
+<p>»Hexenhaftigkeit,« half sie ihm aus.</p>
+
+<p>»Nun, das klingt ein wenig hart. Aber da es bei Ihnen nicht zutrifft,
+mag es bestehen bleiben. Das Dutzend Lebensjahre dazu hat Ihre
+Rassigkeit nur zur antiken Schönheit veredeln können.«</p>
+
+<p>Angela Freydag neigte tief den Oberkörper gegen ihn.</p>
+
+<p>»Meine weibliche Eitelkeit will das Wort ›antik‹ nicht gehört haben.
+Es ist ein Fremdwort und läßt sich mit alten Jahren und mit alt im
+Geiste des Altertums übersetzen. Für einen geistvollen Mann wie Sie
+kommt natürlich nur die letzte Andeutung in Betracht, und ich nehme
+die Huldigung mit Vergnügen entgegen.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt verneigte sich mit derselben Feierlichkeit. Aber
+sein Gesicht behielt den Ernst auch weiter bei.</p>
+
+<p>»Wie wohl muß dem Vater Ihre Gegenwart tun,« sagte er, und seine
+Stimme hatte den spottenden Beiklang verloren. »Nicht nur, weil seine
+Augen ihn belehren. Es gibt Schönheiten übergenug, die nach der ersten
+Neugier nicht mehr das Ansehen lohnen. Weil er Sie geistig empfinden
+darf und immer neu und doch immer gleich. Das ist Schönheitsgenießen.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie, Thomas, uns Frauen erginge es anders mit euch Männern?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>»O ja, das glaube ich. Und es ist sogar im Laufe der Zeit zur
+Gewißheit in mir geworden.«</p>
+
+<p>»Sollte das nicht an der Zusammensetzung Ihrer Umwelt liegen, Thomas?
+Mich selbst bitte ich aus Ihrer Gewißheit zu entlassen, und ich
+überhebe mich mit dieser Bitte nicht. Es ist eine glückliche Beigabe
+der Natur, wenn der Mann als eine schöne und männliche Erscheinung
+wirken darf. Aber was uns immer wieder zu ihm hinzieht, und was uns
+dauernd an ihn fesselt, was uns ihm im schönsten Sinne des Wortes
+untertan macht, das ist die Leuchtkraft seines Wesens, die uns heute
+diesen und morgen jenen dunklen Pfad erhellt, wechselnd durch den
+Geist und unwandelbar durch die Gesinnung. Die uns bei der Hand nimmt
+und so sicher über die Abgründe führt, wie über die Blumenwiesen. Die
+keine Sünde kennt, weil sie alles in ihrem Scheine adelt, und die doch
+in unsagbarer Dankbarkeit ihr Licht zum Erlöschen bringt, wenn das
+unsere aufleuchtet und ihn umfluten will.«</p>
+
+<p>Sie richtete sich aus ihrer Gedankenwelt auf und strich sich über die
+Stirn.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie die Getragenheit meiner Rede. Es gibt Dinge, für die
+der Sprachgebrauch des Alltags keine Worte besitzt, und man muß schon
+zu den gefühlsfeierlichen greifen. Aber mit Überschwang haben sie
+nichts zu tun.«</p>
+
+<p>Noch eine Weile horchte Thomas Vanderwelt hinaus, als müsse er mehr
+hören. Dann ließ er den blassen Kopf auf die Brust sinken.</p>
+
+<p>»Ich trage meinen Namen schon mit Recht. Ich bin der ungläubige
+Thomas. Ich müßte das alles schon am eigenen Leib erleben und mit
+Fingern greifen können. Was ich«, und seine Stimme wurde heftiger und
+heiserer, »bisher am eigenen Leibe erleben und mit Fingern greifen
+durfte, hatte so wenig mit Gefühlsfeierlichkeit und Überschwang<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> zu
+tun, wie das Messer in der Hand des Wundarztes.«</p>
+
+<p>»So legen Sie doch das Messer nieder und greifen Sie zu den
+ritterlichen Waffen.«</p>
+
+<p>Da lachte Thomas Vanderwelt, daß es ihn schüttelte. Und er schüttelte
+mit dem Lachen ab, was an empfindsamen Regungen über ihn gekommen war.</p>
+
+<p>»Ritterlichere Waffen als das Messer? Ach, liebes Fräulein Angela, Sie
+kennen das Gesetzbuch der Straße nicht. Da heißt es, sich mit jeder
+Waffe bekämpfen, die Erfolg verspricht, und auf der Straße sind die
+silberbeschlagenen Degen nicht zu Hause. Was wissen Sie, die Sie über
+beleuchtete Berggipfel laufen, wie schmutzig die Straße ist!«</p>
+
+<p>Angela Freydag rührte sich nicht auf ihrem Sitz. Ihre Augen wichen
+nicht von dem nervenzerrütteten Manne, und seine Ausbrüche warfen ihre
+Seele nicht aus dem Gleichgewicht.</p>
+
+<p>»Lassen Sie uns an dieser Stelle abbrechen, Thomas. Wir treiben hinaus
+und verlieren die Ufer aus den Augen. Erzählen Sie mir jetzt einmal
+etwas recht Sonniges.«</p>
+
+<p>Er stutzte. Kam zu sich. Und schon gewann der Spott wieder die
+Oberhand.</p>
+
+<p>»Ja, ja. Im Dunkeln fürchten sich die verwöhnten Kinder und verlangen
+nach der Lampe.«</p>
+
+<p>»Gut, Thomas, da Sie zu den verwöhnten Kindern zählen, und nicht ich,
+so will ich Ihnen die Lampe halten, sooft Sie danach Verlangen tragen.
+Nach der Beleuchtung, nicht nach der Beschönigung. Und jetzt suchen
+Sie einmal Ihre Sonnenstrahlen zusammen. So arm ist kein Mensch, daß
+er nicht in die Sonne blicken könnte.«</p>
+
+<p>»Sie belieben in Rätseln zu sprechen, gütige Gönnerin.«</p>
+
+<p>»Wie geht es Ihrem kleinen Sohn? Nikolaus heißt er wohl?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span></p>
+
+<p>»Ja — er heißt Nikolaus. Das ist wahr. Und der Vater bedankt sich für
+die freundliche Nachfrage.«</p>
+
+<p>»Sieht er Ihnen ähnlich? Besucht er schon die Schule?«</p>
+
+<p>»Da sei Gott vor, daß er mir ähnlich sähe! Die Natur hat ihren
+üblichen Sprung gemacht und ihn dem Großvater angeähnelt. So
+schadenfroh bin ich noch nie gewesen, als wie ich das entdeckte. Denn
+vor einem Kornelius Vanderwelt hegen die Damen des Hauses Ausdemwerth
+eine höllische Scheu.«</p>
+
+<p>»Besucht der kleine Nikolaus schon die Schule?« wiederholte sie, ohne
+seine Schärfe zu beachten.</p>
+
+<p>»Gewiß besucht er schon die Schule. Er ist seit Ostern wohlbestellter
+Abcschütze und zählt nicht zu den Dümmsten.«</p>
+
+<p>»Das muß Sie doch in Ihrem Vaterstolze glücklich machen, Thomas. Und
+da haben Sie ja Ihre Sonne.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt lächelte zerstreut vor sich hin.</p>
+
+<p>»Eigentümlich ist, daß auch der Sohn Julianes, daß auch der kleine
+Martin Beckenried in allen Stücken seinem Großvater Vanderwelt
+gleicht. Als wären uns oder unseren Frauen die Jungen wie eine
+tägliche Vermahnung vor die Nase gesetzt worden. Die beiden
+Jungen hocken in derselben Klasse und wetteifern um die Palme des
+Menschenruhms. Was von den beiderseitigen Eltern beim besten Willen
+nicht gesagt werden kann.«</p>
+
+<p>»Ich möchte die beiden Jungen wohl einmal bei mir haben, Thomas.«</p>
+
+<p>Er zog heimlich die Uhr und stellte die fortgeschrittene Zeit fest.</p>
+
+<p>»Die Herren Jungen werden es sich zur höchsten Ehre rechnen, von Ihnen
+empfangen zu werden, wie es mir zur höchsten Betrübnis gereicht, mich
+jetzt empfehlen zu müssen.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie denn nicht die Rückkehr Ihres Vaters abwarten, Thomas, und
+den Abend mit uns verbringen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p>
+
+<p>»Mein Vater und ich haben uns schon tagsüber im Geschäft herzlich
+wenig zu sagen gehabt, und ich möchte den Abend auf der Straße
+zubringen, da mir meine Frau abhanden gekommen zu sein scheint.«</p>
+
+<p>»Haben Sie denn eine Verabredung getroffen?«</p>
+
+<p>»Wir haben immer eine Verabredung getroffen, aber sie wird ebenso
+häufig mißverstanden. Frau Antonie wünschte, sich mit mir bei Ihnen zu
+treffen, da sie darauf brannte, die schöne Unbekannte kennenzulernen.
+Sie muß wohl so lichterloh gebrannt haben, daß sie sich in der
+Verwirrung verlaufen hat.«</p>
+
+<p>»Guten Abend, Thomas. Vergessen Sie nicht, mir den kleinen Nikolaus zu
+schicken und den kleinen Martin.«</p>
+
+<p>»Guten Abend, mütterliche Freundin.«</p>
+
+<p>Er beugte sich über ihre Hand und ging mit seinem federnden Schritt,
+wie er ihn schon als Knabe gehabt hatte, aus dem Zimmer und aus dem
+Hause. Ein paar Sekunden noch horchte sie dem Schritte nach. Dann
+wandte sie sich um.</p>
+
+<p>»Kornelius —!«</p>
+
+<p>Er war durch die Tür seines Arbeitszimmers eingetreten und reichte ihr
+die Hand.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Engel. Thomas war bei dir, als ich kam. Ich wollte die
+erste Aussprache nicht stören und hielt mich zurück.«</p>
+
+<p>»Es war vielleicht richtiger so, und du hast, wie immer, das Rechte
+getroffen.«</p>
+
+<p>»Meinst du, Engel? Müssen Vater und Sohn sich in Gefühlsdingen aus dem
+Wege gehen?«</p>
+
+<p>»Bis sie die Scham voreinander überwunden haben, Kornelius. Ja, du
+lieber, ernster Mann, schau' mich nur so verwundert an. Ich habe
+wahrhaftig ›voreinander‹ gesagt. Der Sohn vor dem Vater, weil ihm
+in seiner Ehe das peinliche Ehrgefühl zeitweilig abhanden gekommen
+ist, und der<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Vater vor dem Sohne, weil sein Vaterstolz sich bitter
+enttäuscht sieht.«</p>
+
+<p>»Genügt das nicht?«</p>
+
+<p>»Kornelius. Zuweilen ist mir, als wollten wir alles zu hastig in
+Besitz nehmen. Und dann würden wir es als eine Selbstverständlichkeit
+einschätzen und nicht als einen Gewinn oder sogar als ein Verdienst.
+Komm, wandere nur dabei mit mir im Zimmer herum, liebster Mensch.
+Draußen heult der Herbstwind, und hier drinnen geht es sich an deiner
+Schulter wie auf einer Frühlingswanderung.«</p>
+
+<p>»Ich fühle, daß du mir wohl tun willst, Engel. Mehr ist nicht
+vonnöten.«</p>
+
+<p>»Ich verlange nichts anderes als die Hälfte dessen, was dich drückt.«</p>
+
+<p>»Du hast dich durch den Augenschein überzeugt, Engel? Du hast einsehen
+lernen, daß Kinder die Freude des Lebens und daß Kinder die schwerste
+Belastung darstellen können? Nein, nein, ich will nicht klagen.«</p>
+
+<p>»Ich bin bei dir, Kornelius. Und gemeinsam wird es uns schon gelingen,
+die Belastung zu vermindern. Weshalb schaust du mich denn so mitleidig
+an?«</p>
+
+<p>»Weil meine Angela in meinem Hause schon an das Opferbringen denkt.«</p>
+
+<p>»Würdest du«, fragt sie zurück, »es als ein Opfer ansehen, wenn
+du dich meinetwegen deines Besitzes, deines Geschäftes, deiner
+Lebensführung entäußern müßtest?«</p>
+
+<p>Seine Hand fuhr zu und bog ihren Kopf zurück. Über ihren
+weitgeöffneten Augen standen die seinen. Und in ausbrechender Wildheit
+umhalste der eine den anderen, als müßte der eine vor den anderen
+hinspringen, um ihn zu schützen und zu verteidigen. — —</p>
+
+<p>Antonie, die Gattin Thomas Vanderwelts, brauchte mehrere Tage, bis sie
+sich zu dem schwiegerväterlichen<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Hause zurechtgefunden hatte. Sie
+kam zu einer Stunde, zu der sie Kornelius Vanderwelt unabkömmlich im
+Geschäfte wußte.</p>
+
+<p>Angela Freydag saß am Flügel und übte mit starkem Fleiß, als die
+Besucherin ins Zimmer geführt wurde.</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie den Überfall, Fräulein Freydag, denn Sie sind es
+doch? Ich bin Antonie Vanderwelt und habe mir als Schwiegertochter des
+Hauses die Erlaubnis erteilt, ohne viel Förmlichkeiten einzutreten.«</p>
+
+<p>Angela Freydag bot ihr einen Platz an.</p>
+
+<p>»Herr Kornelius Vanderwelt wird sich ohne Zweifel herzlich über so
+viel Familiensinn freuen.«</p>
+
+<p>Sie setzte sich und schüttelte sich in den Schultern.</p>
+
+<p>»Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, Fräulein Freydag?
+Ja? Dann sprechen Sie den Namen meines Schwiegervaters bitte nur dann
+aus, wenn es gar nicht anders zu umgehen ist. Zum Beispiel: ›Gerade
+tritt Kornelius Vanderwelt ins Haus‹ oder so. Und fort bin ich.«</p>
+
+<p>»Weshalb lieben Sie ihn nicht?« fragte Angela Freydag.</p>
+
+<p>»Lieben —?« wiederholte Antonie Vanderwelt und starrte entsetzt auf
+die Fragerin. »Kann man ihn denn lieben? Ich bilde mir ein, er reißt
+einen in zwei Stücke, wenn man nach seinem Herzen greift, oder er
+stellt Anforderungen, die zu anstrengend für mein heiteres Gemüt sind
+und mich zu einem Ausgleich treiben würden.«</p>
+
+<p>»Zu einem Ausgleich? Wie soll ich das verstehen?«</p>
+
+<p>»Aber das ist doch nicht schwer. Man kann sehr stolz auf einen Mann
+sein, weil er die Männer aller anderen überragt, aber immer stolz
+sein, ermüdet, und das Herz legt sich ein ganz klein wenig auf die
+Lauer, um sich sozusagen in den Freiviertelstunden mit einem anderen
+vergnügten Herzen ordentlich auszutoben, bevor es wieder fein sittsam
+in die Schulstunden geht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p>
+
+<p>»Ja, wenn ich nur wüßte, Frau Vanderwelt, was Sie in diesem
+Zusammenhange unter Austoben verstehen?«</p>
+
+<p>»Nein, was für eine glänzende Schauspielerin Sie sind? Und ich
+harmloses Geschöpf falle auf alle die Fragen hinein und ziehe mich in
+der ersten Viertelstunde bis auf das arme Seelchen vor Ihnen aus.«</p>
+
+<p>Angela Freydag saß auf ihrem Klavierstuhl, und während sie der
+Besucherin das Antlitz zuwandte, spielten die Finger der Linken
+lautlose Läufe über die Tasten hin.</p>
+
+<p>»Sie haben große Pflichten, Frau Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ach,« klagte sie, »nun beginnen Sie auch schon mit der Litanei. Der
+Drang, sittliche Betrachtungen anzustellen, muß wohl an diesem Hause
+liegen. Da hätte ich doch gleich ein Kloster wählen können, wenn es
+mir unbedingt, um den Heiligenschein ginge.«</p>
+
+<p>»Sie haben große Pflichten, weil Sie ein so schöner Mensch sind, Frau
+Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ach <em class="gesperrt">so</em> ist es gemeint. Das klingt gleich anders, wenn es mir
+auch immer noch unverständlich klingt.«</p>
+
+<p>»Wer mit einem so schönen Körper bevorzugt ist, hat die Pflicht, ein
+so großes und seltenes Kunstwerk in seinem Wert zu erhalten und zu
+bewahren. Törichte Hände können den Farbenschmelz erblinden lassen
+oder andere nicht wieder gutzumachende Beschädigungen anrichten. Das
+meinte ich damit.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt zog das seidenbestrumpfte linke Bein über das Knie
+des rechten. Eng in den hochlehnigen Kirchensessel geschmiegt, saß sie
+und freute sich mit schimmernden Augen an den feingeschwungenen Linien
+ihres Leibes, an dem sinnlichen Reiz ihrer elfenbeinfarbenen Haut.</p>
+
+<p>»Wenn man so schön ist und müßte immer brav sein,« sagte sie mit einem
+lustigen Schmollen, »so wär's ja eine<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> Strafe, schön zu sein. Und
+wirklichen Kennern darf man doch ein Kunstwerk nicht vorenthalten.«</p>
+
+<p>»Ganz gewiß nicht. Sie dürfen es jederzeit bewundern, aber Sie dürfen
+nicht die Hand ausstrecken, um es zu stehlen.«</p>
+
+<p>»Ach, Fräulein Freydag, lassen wir doch nicht drumherumlaufen wie um
+ein heißes Eisen. Ich fass' es an. Ich habe vielleicht mehr Blut in
+den Adern als Verstand hinter der Stirn. Das geb' ich zu. Aber sich
+von einem Manne küssen lassen, den man im Augenblicke nett findet, das
+braucht doch keine Todsünde zu sein.«</p>
+
+<p>Angela Freydag faltete die Hände um ihre Knie und bog den Kopf zum
+Fenster. Die schimmernden Augen der schmiegsamen Frau waren ihr wie
+eine Berührung.</p>
+
+<p>»Ich halte Sie für klug genug, sich die Frage selber zu beantworten,
+Frau Vanderwelt. Mit dem ersten Kusse, den ein Mädchen dem Manne
+gestattet, ergibt es sich ihm schon so weit, daß er sich zum zweiten
+Kusse das <em class="gesperrt">Recht</em> nimmt, daß er sich beim dritten Herr ihres
+Körpers bis auf das arme Seelchen fühlt, von dem Sie vorhin sprachen.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt schmiegte sich noch enger in den hochlehnigen
+Kirchensessel hinein, als schmiegte sie sich in einen Arm.</p>
+
+<p>»Ist es nicht aller Frauengefühle allerköstlichstes, sich zu
+verschenken?«</p>
+
+<p>»Ja. Das ist es. Dem einen und einzigen.«</p>
+
+<p>»Man kann einer Irrung unterworfen gewesen sein, man kann verlassen
+worden sein oder selber die Pässe zugestellt haben — da wird eben der
+zweite oder der dritte oder der vierte der eine und einzige.«</p>
+
+<p>»Auch das habe ich während meiner Laufbahn oft genug gesehen, Frau
+Vanderwelt. Mädchen, die sich so verschenken, ganz einerlei, ob
+aus Liebe, aus Mitleid oder aus<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Berechnung, werden später immer
+und ausnahmslos innerlich einsame Frauen. Natürlich auch äußerlich
+vereinsamte. Denn der Rückzug von einer vielverschenkenden Frau
+erfolgt mit einer so unerbittlichen Pünktlichkeit und Grausamkeit, als
+setzte plötzlich eine Massenflucht ein. Übrigens ist das wirklich kein
+Gesprächsstoff, Frau Vanderwelt, für zwei klaräugige und aufrechte
+Frauenspersonen, und wir wollen ihn schleunigst verabschieden.«</p>
+
+<p>»Und mich dazu,« rief Antonie Vanderwelt nach einem erschrockenen
+Blick auf die Armbanduhr. »Ich wollte Ihnen nur einen Knicks machen
+und, wie es früher bei unseren Soldaten hieß, Tuchfühlung nehmen, denn
+ich hätte gar zu gerne eine resche und fesche Kameradin, die nicht ein
+jedes lustige Geheimnis auf der Zungenspitze trägt.«</p>
+
+<p>Die Frauen standen sich, abschiednehmend, gegenüber. Antonie
+Vanderwelt lüftete lächelnd das Visier.</p>
+
+<p>»Dazu haben Sie ja wohl,« entgegnete Angela Freydag mit Zurückhaltung,
+»Ihre Freundin und Schwägerin Juliane.«</p>
+
+<p>»Juliane ist so berechnend, Fräulein Freydag. Das wirkt so
+bloßstellend. Was nicht als Rausch kommt, kühlt ab.«</p>
+
+<p>Und Angela Freydag dachte, während sie sich wortlos zum Abschied
+verneigte: Also selbst in der Welt <em class="gesperrt">dieser</em> Frauen gibt es
+noch Unterscheidungen, wo doch alles gleich und gemeinsam ist, und
+Bloßstellungen, wo keine Blöße mehr entblößt zu werden braucht. Und
+es schüttelte sie vor diesen Abwandlungen der größeren und geringeren
+Ehre, die denselben Schmutzstreifen hinter sich zogen. — —</p>
+
+<p>Ach, die köstlichen Stunden der Glücksreinheit, wenn die beiden
+kleinen Schuljungen angestampft kamen.</p>
+
+<p>»Tante Engel, was ist das?« Und sie sagten ihr ein Rätsel vor, das sie
+frisch aus der Hand des Lehrers erhalten hatten, oder ein Gedichtlein,
+deren sie viele und<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> freiwillig über das Aufgabenmaß hinaus mit
+Begeisterung auswendig lernten. Angela Freydag aber hockte auf dem
+Teppich vor den kleinen glühheißen Männern und wußte bei jedem neuen
+Male nicht: ist dies der Nikolaus, oder ist dies der Martin? So sehr
+war der eine Kornelius Vanderwelt und der andere Kornelius Vanderwelt,
+und es war ihr eine selige und doch andächtige Freude, aus den
+knabenweichen Jungengesichtern das Antlitz Kornelius Vanderwelts Zug
+um Zug herauslesen zu dürfen.</p>
+
+<p>Oft erzählte sie ihnen Geschichten aus all den Teilen der Erde,
+die sie auf ihren Fahrten besucht hatte: von den Indianern der
+Felsengebirge, den Goldsuchern Kaliforniens, den Wolkenbewohnern
+Neuyorks, und wieder von dem großen und reichen Leben der europäischen
+Hauptstädte, von London, Paris und Rom. Dann hockten die Buben auf dem
+Teppich und erforschten das Antlitz der Märchentante. Oder aber sie
+saß am Flügel und ließ ihre Kunst in launigen Übertragungen zu den
+jungen Hirnen sprechen, und Meister Beethovens Wut um den verlorenen
+Groschen brachte die erregten Gemüter zum hellen Jauchzen.</p>
+
+<p>Seit die kleinen Schuljungen zum ersten Male in das Haus gestampft
+waren, der Martin Beckenried vom Nikolaus Vanderwelt an der Hand
+geführt, und zu ihrem Staunen in der schönen Tante einen Menschen
+gefunden hatten, der sich um sie und nur um sie bekümmerte, waren die
+kleinen Herzen diesem Wundermenschen leidenschaftlich ergeben geworden.</p>
+
+<p>»Tante Engel, weshalb bist du nicht unsere Mama?«</p>
+
+<p>»Ihr habt ja eure Mamas daheim, und sie haben wohl nur nicht immer
+Zeit für eure Plappermäulchen.«</p>
+
+<p>»Bist du denn eine Großmama, daß du immer Zeit für uns hast?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+
+<p>»Ja, ich bin eine Großmama,« sagte sie mit tiefer Stimme, »die im
+Bette liegt, als Rotkäppchen kommt, und die eigentlich der wilde Wolf
+ist. Seht mich an: Mit solchen Augen!«</p>
+
+<p>Aber die Jungen ließen sich von Angela Freydags funkelnden Augen nicht
+bange machen. Sie sprangen ihr an den Hals, kuschelten sich an ihr
+Herz, küßten sie, wohin die Lippen, der Liebkosungen ungewohnt, trafen.</p>
+
+<p>»Großmutter Wolf!« jauchzten ihre Stimmchen. »Großmutter Wolf!«</p>
+
+<p>Und wieder sah sie Kornelius Vanderwelt in den Jungen, Kornelius
+Vanderwelt, der sie in seinen frohesten Stunden seine Wölfin nannte. —</p>
+
+<p>Im November fuhr Angela Freydag von dannen. Sie fuhr nach Spanien, und
+eine Konzertreise führte sie durch das ganze Land. Sie fuhr mit dem
+Schiff nach Holland und spielte in den großen Städten.</p>
+
+<p>Wenn Kornelius Vanderwelt in der Morgenfrühe erwachte, spürte er in
+sich und um sich eine Leere, daß er nicht wußte, ob der neue Tag das
+Aufstehen lohne. Wenn Angela Freydag am späten Abend irgendwo ihr
+Lager aufsuchte, spürte sie ihre Heimwehgedanken nach des geliebten
+Mannes Brust so stark, daß sie nicht wußte, ob die neue Nacht das
+Einschlafen lohne.</p>
+
+<p>Keiner aber ließ es den anderen in seinen Briefen wissen, um ihn nicht
+zu einem Opfer zu nötigen.</p>
+
+<p>Es wurde April, als Angela Freydag heimkehrte und am frühen Morgen das
+Haus betrat. Gerade wollte Kornelius Vanderwelt sein Arbeitszimmer
+verlassen und sich zum Geschäft begeben, als sie vor ihm stand.</p>
+
+<p>Er fuhr hoch und wurde vor Freude so bleich, daß sie sich blindlings
+an seine Brust warf.</p>
+
+<p>»Du!« sagte sie immer wieder. »Du! Du!« und ihre<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> Hände tasteten nach
+seinem Haar, nach seinen Schläfen, seinen Lippen. »Du! Du!«</p>
+
+<p>Er aber schloß ganz fest die Augen, als wollte er durch nichts aus
+seinem Traume aufgescheucht werden, und trank und trank in sich
+hinein, was er in seinen Armen hielt.</p>
+
+<p>»Du! Du! Engel! Engel — —«</p>
+
+<p>Sie hatte feuchte Augenränder, und er meinte, als er endlich die
+Augen in die Wirklichkeit öffnete, die Wiedersehensfreude hätte sie
+gefeuchtet. Sie aber stand erschrocken vor seiner Hagerkeit und der
+blassen Farbe seines Gesichtes, die sich nicht verlieren wollte, als
+sein Herzschlag sich beruhigt hatte.</p>
+
+<p>»Warst du denn krank, Kornelius?« Und die Angst bebte durch ihre
+Stimme.</p>
+
+<p>»Gewiß war ich krank. Sechs lange Monate, du. Krank nach dir, Engel.«</p>
+
+<p>Da weinte sie fassungslos an seinem Herzen ...</p>
+
+<p>Und das Jahr lief hin, und als es sich wieder dem Herbstende näherte,
+reiste Angela Freydag nicht wieder aus und sprach kein Wort darüber,
+und Kornelius Vanderwelt gewahrte es mit dem tiefinneren Aufhorchen,
+als ob die Geliebte sein Herz ganz zart in ihre Hände nähme, und
+stellte keine Fragen, um das Wundersame nicht zu stören.</p>
+
+<p>In diesem Winter aber reiste er viel mit ihr im Vaterlande und saß mit
+ihr in den Opernhäusern von Berlin und Wien und München und in den
+großen Konzertsälen der deutschen Städte.</p>
+
+<p>Sie empfand es wohl, daß er ihr einen Dank sagen wollte, und ob er
+auch seine Geschäfte vernachlässigen mußte, sie freute sich nur seiner
+Ritterlichkeit, die ihr das alles und darüber hinaus zu Füßen legte.</p>
+
+<p>Und wieder kam ein Herbst, und Angela Freydag lächelte nur und
+fuhr nicht allein auf fremden Meeren. Aber<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> Nebel und Nässe des
+Niederrheins hatten ihr einen harten Husten geschaffen, und Kornelius
+Vanderwelt brachte die geliebte Frau auf einen Ostasiendampfer im
+Hafen von Rotterdam und schiffte sich mit ihr ein und fuhr mit ihr die
+Küsten Frankreichs, Portugals und Spaniens entlang durch die Straße
+von Gibraltar in das Mittelländische Meer, und der Atlas reckte sich
+aus der afrikanischen Bergwelt auf, als sie das Rätsel löste, daß ihr
+Ziel Ägypten sei.</p>
+
+<p>Die Freude lief ihr zu Herzen wie ein Strom.</p>
+
+<p>»Warum soviel für mich, Kornelius? Warum soviel für mich?«</p>
+
+<p>»Es ist eine Abschlagszahlung, Engel.«</p>
+
+<p>»Wenn ich am Leben hänge, so ist es nur für dich, Kornelius. Das ist
+das schönste Wort: Für dich!«</p>
+
+<p>»Für dich!« wiederholte er. — —</p>
+
+<p>Sie gesundete rasch, aber sie kehrten erst im späten Frühjahr zurück.
+Die Fülle der Mitteilungen, die ihn erwartete, brauchte er ihr nicht
+lange zu verhehlen. Die Sperlinge pfiffen die Irrungen und Wirrungen
+der Familien Klaus Beckenried und Thomas Vanderwelt von den Dächern.</p>
+
+<p>In diesem Sommer und in dem Winter, der folgte, streute Kornelius
+Vanderwelt das Geld mit vollen Händen aus. Als wollte er Angela
+Freydag aller und jeder Dinge teilhaftig werden lassen, die das Leben
+zu bieten hätte.</p>
+
+<p>»Es ist bei Licht betrachtet lächerlich wenig, aber es ist für dich,
+Engel, und ein Lump gibt mehr, als er hat. Vielleicht schafft es dir
+Erinnerungen.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="8">8</h2>
+</div>
+
+
+<p>Hatte die Zeit eine schnellere Gangart angeschlagen, oder jagten nur
+die Wolken schneller am niederrheinischen Himmel dahin? Kornelius
+Vanderwelt erhob sich oft aus dringendster Arbeit heraus, stand
+eine Weile grübelnd am Fenster und prüfte Wind und Wetter. Wenn er
+sich langsam wieder niederließ, wußte er nicht, was ihn zum Grübeln
+getrieben und worüber er nachgegrübelt hatte.</p>
+
+<p>Es ist nicht nur die Zeit, dachte er, die mir durch die Finger läuft,
+bevor ich sie anhalten und nach allen Seiten wenden und auspressen
+kann. Das mag mit den Jahren zusammenhängen, die im fortschreitenden
+Lebensalter kürzer und gleitender werden, weil sie uns nicht mehr
+auf Schritt und Tritt mit Überraschungen überschütten. Es sind die
+Menschen und Dinge, die sich nach dem Völkerzusammenbrodeln eins am
+anderen gemessen und geändert haben und sich in der neuen Gestalt dem
+alten Maß entziehen.</p>
+
+<p>Und sooft es ihn ans Fenster trieb, und sooft er sich wieder zur
+Arbeit niedersetzte, es blieb ein Gefühl auf ihm lasten, das sein Blut
+schwerflüssig machte und seine Gedanken aus den goldenen Weiten in den
+grauen Tag zog.</p>
+
+<p>Angela Freydag hatte es längst bemerkt. Ihre grauen Augen sannen
+hinter ihm einher, wenn er auch daheim in die Ruhelosigkeit
+hineinglitt und vom Arbeitstisch zum Fenster, vom Fenster zum Flügel
+und vom Flügel wiederum<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> zum Fenster hinüberwanderte, ohne einen
+sichtlichen Grund.</p>
+
+<p>»Nimm mich mit,« sagte sie und hängte ihren Arm in den seinen.</p>
+
+<p>»Du bist ja immer bei mir,« gab er zurück und versank doch wieder in
+sein Schweigen.</p>
+
+<p>»Mir ist so, Kornelius, als ob du es jetzt zuweilen vergessen
+wolltest.«</p>
+
+<p>»Daß du bei mir bist, Engel?« Er blieb bestürzt stehen, und dann
+preßte er ungestüm ihren festen Arm. »Sag' es nie wieder, Engel.
+Auch nicht im Scherze, Engel. Weil ich dich wie ein Geschenk bei mir
+fühle und es von Jahr zu Jahr nur wachsen sehe, statt sich mindern,
+möchte ich es lohnen und nicht geruhsam bis auf den letzten Groschen
+aufzehren.«</p>
+
+<p>»Ist es das?« fragte sie und strich ihm das Haar aus der Stirn.
+»Erstens, Kornelius, ist es kein Geschenk, das du bei dir fühlst,
+sondern ein Stück von dir. Das braucht nach so langen Jahren nicht
+erst wiederholt zu werden. Und zweitens — ja, was bleibt denn zum
+zweiten, Kornelius? Wenn du ein Stück von dir belohnen willst, so
+verweichliche es nicht und laß es gerade am schwersten Tun teilnehmen,
+damit es von seinem Daseinszweck überzeugt und viel stolzer noch und
+selbstbewußter wird. Was belastet dich? Sind es geschäftliche oder
+persönliche Dinge?«</p>
+
+<p>Er blickte in ihre Augen, die nichts von Lebensfurcht wußten, und
+zum erstenmal war es ihm, als sähe er nicht Angela Freydag in ihnen,
+sondern sich selbst, und jede Miene in ihrem Gesicht schien ihm ein
+Abbild seiner selbst zu sein.</p>
+
+<p>»Engel,« sagte er und formte langsam an jedem Wort, »es gibt kein
+größeres Wunder als die Liebe.«</p>
+
+<p>»Mit dem Wunder allein ist es nicht getan. Es muß auch Wunder
+verrichten können.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
+
+<p>»Es verrichtet sie unaufhörlich, Engel. Und gerade jetzt hat es mir
+alles Dunkle aus der Seele genommen.«</p>
+
+<p>»Wunder, die selbsttätig wirken? Ohne groß zu wissen, weshalb
+und wozu? Das wäre doch für Menschen unserer Art eine zu bequeme
+Auffassung des Seligwerdens. Zeig' mir zuerst das Dunkle vor, damit
+ich meine Kräfte daran setzen kann, es hell zu machen.«</p>
+
+<p>»Du liebe, stolze Frau — — —«</p>
+
+<p>»Laß das Geschlecht beiseite, Kornelius, und auch die Schmuckworte.
+Stolz werde ich erst am Ende aller Tage sein, wenn ich weiß, ich war
+auch in der Dunkelheit Kornelius Vanderwelts bestes Teil. Und dann vor
+allem, wenn er an das Weib in mir gar nicht dachte.«</p>
+
+<p>Da umschlang er sie mit beiden Armen und hörte nichts als den ruhigen,
+gemeinsamen Herzschlag.</p>
+
+<p>»Ich kenne keine Geheimnisse vor dir. Die geschäftlichen Dinge laufen
+vielleicht nicht so, wie sie sollten. Aber das liegt an den verwirrten
+Zeiten und läßt sich mit einigem Verstand und dem dazugehörigen
+festen Willen schon wieder klären. Nur will mir der Wille dazu oft
+überflüssig erscheinen.«</p>
+
+<p>»Überflüssig? Der Wille? Das sagt ein Kornelius Vanderwelt?«</p>
+
+<p>»Der Wille, für eine Welt zu arbeiten, die nichts mehr mit der meinen
+zu tun hat.«</p>
+
+<p>»Was ist das für eine Welt, Kornelius?«</p>
+
+<p>»Die Welt einer Juliane und einer Antonie. Auch die zersetzende
+Spötterwelt eines Thomas, und nicht weniger die bloße Geschäftswelt
+des geldanbetenden Klaus Beckenried. Von der Welt des Justus weiß ich
+nur, daß sie eine abenteuerliche Triebwelt mit lockeren Tageszielen
+bedeutet, aber sie gehört dazu, um das Bild zu runden, das mir des
+Anfassens sowenig wert erscheint.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>»Bleibt die unsere, Kornelius. Und die ist noch nicht am Ende.«</p>
+
+<p>»Und was bleibt, wenn sie zu Ende ist? Was bleibt von unserem Glühen
+und Blühen und In-den-Himmel-Langen?«</p>
+
+<p>Ihre Arme hielten ihn ganz fest und ruhig an ihrem Herzen.</p>
+
+<p>»Der Widerschein, Kornelius. Und wenn es nichts anderes ist als
+der Widerschein. Glaub' es mir, von der Glut, die unser Leben erst
+zum Blühen brachte und uns das reichste Glück der Menschenkinder
+bescherte, wird eines Tages schon ein Schimmer in die Seelen der
+nach uns Lebenden fallen und sie in ihrem Hasten stutzig machen und
+ihnen den Sehnsuchtsgedanken nach einem Leben eingeben, das in seiner
+unaussprechlichen Schönheit nur mit dem gesteigerten Gefühlsleben
+zu erlangen ist. Dann, Kornelius, dann ist unsere Erfüllungszeit
+gekommen.«</p>
+
+<p>»Wer bist du?« fragte Kornelius Vanderwelt. »Bist du eine
+Schicksalsfrau oder eine Schwärmerin?«</p>
+
+<p>»An deinem Herzen beides.«</p>
+
+<p>»Ich liege ja an deinem, Engel.«</p>
+
+<p>»Es ist dasselbe,« murmelte sie und hielt ihn noch fester. — — —</p>
+
+<p>Es war in einer Nacht, und Mitternacht war längst vorüber, als
+Kornelius Vanderwelt durch das rasselnde Geläut des Fernsprechers aus
+dem Schlafe gescheucht wurde. Er warf einen Morgenmantel über den
+Nachtanzug und eilte die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>Als er schweren Schrittes zurückkehrte, stand Angela Freydag vor der
+Tür ihres Zimmers und sah ihm entgegen.</p>
+
+<p>»Justus,« sagte er.</p>
+
+<p>»Justus? Ist er in Not? Hat er nach dir gerufen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span></p>
+
+<p>»Ich hoffe, daß er nur in Not ist. Die Kölner Polizei hat mich
+angerufen. Auf der Gasse verunglückt.«</p>
+
+<p>»Schnell auf dein Zimmer, Kornelius. Ich reiche dir alles zu und wecke
+den Wilhelm.«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Schwächezustand ab und ging ihr schweigend voran.
+Und schweigend legte sie ihm zurecht, was er für die Fahrt brauchte.
+Keiner sah die Menschlichkeit des andern.</p>
+
+<p>»Geh jetzt, Engel. Der Wilm soll geräuschlos vorfahren.«</p>
+
+<p>»Gib mir meinen Anteil. Laß mich mit dir fahren.«</p>
+
+<p>»Ich gebe dir sogar den größeren Anteil, indem ich dir das Warten
+aufbürde. Das Warten und die Vorbereitungen. Triff sie so, daß kein
+Mensch mit seinem Trost bei der Hand zu sein braucht, wenn es — wenn
+es ein Unglück sein sollte.«</p>
+
+<p>Und plötzlich umfing er sie, als wollten seine Arme sie erdrücken.</p>
+
+<p>»Drück' nur fester, wenn es dir gut tut ...«</p>
+
+<p>»Der Justus, Engel!« brach es aus ihm heraus. Und er hatte sich wieder
+in der Gewalt und küßte sie auf die weitoffenen Augen.</p>
+
+<p>»Geh jetzt, Engel. Laß den Wagen vor das Tor fahren.«</p>
+
+<p>In ihrem Morgenrock huschte sie die Treppen hinab und weckte im
+Untergeschoß des Hauses den Fahrer und eilte in das Arbeitszimmer und
+bereitete auf dem elektrischen Kocher den Tee.</p>
+
+<p>Jetzt hörte sie den gedämpften Schritt Kornelius Vanderwelts. Sie
+öffnete die Tür und bat ihn mit den Augen einzutreten. Er nahm das
+Teeglas aus ihren Händen und trank es leer.</p>
+
+<p>»Vergiß dich selber nicht, Engel. Du wirst deine Kräfte so nötig haben
+wie ich. Und ich warte.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
+
+<p>Da trank sie willig den Tee, strich mit den Händen über seine
+Schultern hin, ob er warm genug gekleidet sei für die nächtliche
+Fahrt, und ging mit ihm bis zur Haustür. Erst als das Rollen der Räder
+in der Ferne verklungen war, schloß sie die Tür und ging auf ihr
+Zimmer zurück.</p>
+
+<p>Lange lehnte sie die Stirn gegen das Fensterglas. Ihre Gedanken
+begleiteten den Geliebten auf seinem einsamen Wege. So inbrünstig
+heiß, daß er ihre Gegenwart empfinden und der Einsamkeit enthoben sein
+mußte. »Lieber, du lieber Kornelius — — —«</p>
+
+<p>Sie suchte ihr Lager nicht mehr auf. Sie kleidete sich an und tat,
+was er sie als erstes zu tun gebeten hatte: sie wartete. An seinem
+Schreibtisch saß sie, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt, die
+Augen auf das Fensterglas gerichtet, hinter dem mählich die Dämmerung
+brodelte. Und während sie wartete und den geliebten Mann in harter
+Seelennot wußte, überfielen die Erinnerungen sie bei jedem Schritt,
+den sie an seiner Seite getan hatte, und jeder Schritt führte über
+blühende Wiesen, durch rauschende Wälder, immer höher hinauf auf die
+Bergeshöhen, die den nahen Himmel als Wirklichkeit erscheinen lassen
+und die Welt da drunten als wesenlosen Traum. Und als sie nach den
+Erinnerungen griff, die in den Ländern diesseits und jenseits der
+Meere ohne ihn verstreut lagen, gewahrte sie, daß sie ins Leere griff,
+und daß es kein Opfer für sie bedeutet hatte, von den Kunstreisen
+abzulassen und dem Geliebten anzuhangen.</p>
+
+<p>Nur was mit Kornelius Vanderwelt zusammenhing, war ihr Leben, von der
+Landstraße im Wirbelwind begonnen.</p>
+
+<p>Wer kann es begreifen, grübelte sie mit weiten Augen, als eine Frau?
+Als eine Frau, die bettelarm war, über alle Maßen reich gemacht
+wurde durch das Beste und Allerbeste eines Mannes, und der die Scham
+geheimnisvoll in<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> den Glauben verwandelt wurde, selber reich gemacht
+zu haben, selber, selber, ihn, ihn. Zum Allerreichsten ...</p>
+
+<p>Wer kann es begreifen als eine Frau?</p>
+
+<p>Sie saß an seinem Schreibtisch mit gekreuzten Füßen, die Hände um die
+Knie geschlungen, das Ohr gegen den Fernsprecher geneigt. Draußen
+tagte neblig und kühl der Wintermorgen. Die ersten Schritte klapperten
+über das Pflaster und ein Junge ließ einen Stock über die Eisenstäbe
+des Gartengitters rattern. Wagen rollten Lasten heran. Aus den Häfen
+schrillten die Arbeitspfeifen herüber, brüllten ein paar Sirenen.
+Menschen schritten aus und folgten einander. Und dann wurde es wie
+alle Tage.</p>
+
+<p>Das Mädchen hatte im Nebenzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Angela
+Freydag ging hinaus und teilte ihr mit, daß der Herr abgerufen sei,
+und wieder tat sie auf sein Geheiß und nahm etwas zu sich, um sich bei
+Kräften zu halten. Als sie in das Arbeitszimmer zurückkehrte, schlug
+die Dielenuhr neun.</p>
+
+<p>Es war die Stunde, zu der Kornelius Vanderwelt sein Geschäftskontor
+aufzusuchen pflegte, und triebmäßig hob sie den Hörer vom Fernsprecher
+und rief das Kontor an.</p>
+
+<p>»Sagen Sie, bitte, den Herren, daß Herr Kornelius Vanderwelt in der
+Frühe schon eine Reise hätte antreten müssen und nicht vor morgen
+mittag erwartet werden könnte.«</p>
+
+<p>Und wieder saß sie in den Wintermorgen hinein, mit gekreuzten Füßen,
+die Hände um die Knie geschlungen, und horchte nach innen und außen.</p>
+
+<p>»Jawohl! Hier Angela Freydag selbst!«</p>
+
+<p>Urplötzlich hatte sie den Hörer des Fernsprechers am Ohr. Urplötzlich
+stand sie mit blassen Lippen und bändigte den Atem.</p>
+
+<p>Die Stimme Kornelius Vanderwelts sprach zu ihr. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> Herz schlug ihr
+so hart bis ins Ohr, daß sie die ersten Worte wie ein Brausen vernahm
+und den Sinn erraten mußte. Da aber wurde sie mit Gewalt Herr ihrer
+selbst.</p>
+
+<p>»Jawohl, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Am Nachmittag«, sprach die Stimme, »wird die Leiche freigegeben. Bis
+zum Abend überführe ich sie nach dort. Teile der Friedhofsverwaltung
+mit, daß sie noch am Abend in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden
+soll. Anderen braucht vor meiner Rückkehr keine Mitteilung gemacht zu
+werden.«</p>
+
+<p>»Ja, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Noch eine Bitte, Angela. Ruf das Geschäftskontor an und entschuldige
+mein Fernbleiben mit einer Reise.«</p>
+
+<p>»Ich tat es schon, als es neun Uhr schlug, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Ich danke dir für deine Vorsorge. Auf Wiedersehen, Angela.«</p>
+
+<p>»Bleib gesund ...«</p>
+
+<p>Noch immer horchte sie, als müßte noch der letzte Hauch von ihm zu ihr
+herüberdrängen. Dann legte sie den Hörer hin, fühlte einen leichten
+Schwindel um ihre Stirn gleiten und grub beide Hände in ihr Haar.</p>
+
+<p>Ein wildes Aufschluchzen löste den Krampf. »Kornelius!« Und noch
+einmal ein Schrei, als richte er sich gegen Gott im Himmel:
+»Kornelius!!«</p>
+
+<p>Nur um den Vater des Toten schluchzte ihr Schmerz auf, nur um den
+geliebten Mann. —</p>
+
+<p>Ruhig, sprach sie zu sich selber, ruhig jetzt, du hast ja Pflichten zu
+erfüllen. Und sie ging hin und tat alles, was er sie geheißen hatte.
+Und tat einen Schritt darüber hinaus und suchte den Friedhofsgärtner
+auf und ließ unter ihrer Obhut die noch leere Bahre von grünen
+Palmenbäumen umgeben.</p>
+
+<p>Der Trostlosigkeit des Ortes war um ein klein wenig gesteuert.<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span>
+Kornelius Vanderwelt sollte mit seiner Bürde nicht in die Öde hinein.
+Und sie ging die Gräberwege, und ihr Herz war voll Leid um den
+Lebenden.</p>
+
+<p>Es dunkelte, als Kornelius Vanderwelts Wagen vor dem Friedhoftore
+anfuhr und zur Seite bog. Der Wagen war leer. Wenige Minuten noch,
+und ein größerer und schwarzer Wagen fuhr vor und hielt vor dem Tor,
+das sich auftat und vier Träger hervortreten ließ. Der Fahrer war
+abgesprungen und hatte den rückwärtigen Schlag geöffnet. Die Träger
+traten zurück. Ein Lebender stieg aus dem schwarzen Raum und eine
+Frauenhand ergriff die Hand des Mannes und hielt sie weiterhin in der
+ihren, als müßte es so sein.</p>
+
+<p>Der Eichensarg wurde aus dem Wagen gehoben. Die vier Träger trugen
+ihn schweren Schrittes an den Bronzeringen, und der Mann und die
+Frau folgten ihm in der Dunkelheit nach, und ihre Hände blieben fest
+verschlungen. So traten sie in die erleuchtete Kapelle und blickten
+regungslos auf das Tun der vier Männer, bis der Sarg aufgebahrt war
+und der grüne Hain ihn umzitterte.</p>
+
+<p>Durch die Dunkelheit gingen sie, die Hände fest verschlungen, den
+Weg zurück, den sie gekommen waren. Und der große schwarze Wagen
+war verschwunden, und der Wilm war vorgefahren und hielt die Mütze
+feierlich in der Hand.</p>
+
+<p>»Nach Hause, Wilm.«</p>
+
+<p>Sie fuhren wortlos heim. Ganz dicht aneinander gedrängt, als müßten
+sie sich ihres Besitzes vergewissert halten.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt schritt durch sein Arbeitszimmer zum Schreibtisch
+und ließ sich ermüdet nieder. Seine Augen ruhten auf Angela Freydag,
+und die Frau trat neben seinen Stuhl und legte die Hand über seine
+müden Augen.</p>
+
+<p>»Sprich jetzt nicht. Alles das hat Zeit, Kornelius. Es ist gut, daß du
+zurück bist.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span></p>
+
+<p>Er schloß die Augen unter ihrer kühlenden Hand. Er war geborgen.</p>
+
+<p>Die Glocke des Fernsprechers läutete an. Der Ermüdete fuhr auf. Der
+Zorn zerrte über sein Gesicht.</p>
+
+<p>»Noch mehr? Noch mehr? Mit dir allein will ich sein. Schaff' mir Ruhe,
+Engel.«</p>
+
+<p>Sie hatte schon das Hörrohr am Ohr. »Es ist der Thomas,« sagte sie
+leise.</p>
+
+<p>»Schaff' mir Ruhe. Mit dir allein will ich sein und nicht mit den
+Jammergesichtern.«</p>
+
+<p>»Jawohl,« erwiderte sie in den Fernsprecher hinein. »Sie sprechen mit
+Angela Freydag. Ja, Thomas, wenn die Abendzeitung den Unglücksfall
+schon berichtet ... Ihr Vater ist in diesem Augenblick von Köln
+zurückgekehrt und im Begriffe, sich zurückzuziehen. Bitte, gönnen Sie
+ihm heute die Ruhe. Ja, kommen Sie morgen in der Frühe. Ihr Vater läßt
+Sie herzlich grüßen.«</p>
+
+<p>»Der Thomas legt sich dir schweigend ans Herz, Kornelius. Dafür liebe
+ich ihn.«</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Er suchte nach einem Anfang, und sie sah sein
+quälerisches Bemühen.</p>
+
+<p>»Sprich jetzt nicht,« wiederholte sie mit ihrer tiefsten Zärtlichkeit.
+»Heute muß ich doch deine Sorgerin sein. Du bist so oft mein Sorger
+und darfst mir heute gehorchen.«</p>
+
+<p>Sie beugte sich zu ihm nieder, und er strich ihr schwerfällig mit den
+Händen über Gesicht und Haar.</p>
+
+<p>»Todmüde bin ich, Engel, und werde doch nicht schlafen können. Aber
+ich werde dir gehorsam sein.«</p>
+
+<p>Sie ging neben ihm her bis zur Tür seines Schlafzimmers.</p>
+
+<p>»Es klänge unsinnig, Kornelius, eine ›gute Nacht‹ zu wünschen. Wenn
+du mit der Nacht nicht fertig wirst, rufe mich. Nur ruhen sollst du.
+Ausruhen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span></p>
+
+<p>Er zog sie an sich und küßte sie aufs Haar.</p>
+
+<p>»Geh auch du zur Ruhe. Hab' Dank für deine Gegenwart. Ich fühlte sie
+den ganzen Tag, wie ich dich jetzt fühle, und das allein hat mir über
+den Berg geholfen.«</p>
+
+<p>Angela Freydag aber schritt noch einmal durch das Haus und traf
+ihre Anordnungen. Sie ging zu den Mädchen und teilte ihnen den Tod
+des ältesten Haussohnes mit, denn der Fahrer Wilhelm hatte finster
+geschwiegen. Und zu später Stunde erst suchte sie ihr Bett auf.</p>
+
+<p>Lange hatte sie noch in die Nacht hineingewacht, mit den Gedanken, die
+jetzt wohl der Mann auf seinem einsamen Lager denken mochte, und mußte
+doch endlich wohl vor Übermüdung eingeschlafen sein, denn das Licht
+brannte in ihrem Zimmer, als sie die Augen aufschlug und sich nicht
+gleich zurechtzufinden wußte.</p>
+
+<p>An ihrem Bette saß Kornelius Vanderwelt. Er war angekleidet und sah
+sie an.</p>
+
+<p>»Ist es schon Morgen, Kornelius? Habe ich die Zeit verschlafen?«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf und streichelte ihre Hände, die auf der Decke
+lagen.</p>
+
+<p>»Es ist noch Nacht. Bleib ruhig liegen. Es wird nicht mehr als drei
+Uhr sein.«</p>
+
+<p>»Weshalb bist du denn angekleidet? Hast du dich gar nicht zur Ruhe
+gelegt? Du versprachst es doch.«</p>
+
+<p>»Wenn man in das Dunkle hineinsieht, Engel, sieht man die Dinge
+schärfer als im Licht. Mit einer grausamen Schärfe, Engel. Weil man
+die unerbittliche Kette der Folgerungen gestaltet und die Beweggründe
+nicht gelten läßt. Darum bin ich wieder aufgestanden und habe mich
+angekleidet und zu dir ans Bett gesetzt.«</p>
+
+<p>»Sitzest du bequem, Kornelius? Nimm doch das Kissen von mir in den
+Rücken.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span></p>
+
+<p>»Nein, nein. Ich danke dir. Seit ich bei dir sitze und dich ansehe,
+hat sich die Schärfe gemildert.«</p>
+
+<p>Da lag sie ganz still und atmete fast unhörbar. Ihr hellfarbiges Haar
+glitzerte wie eine seidige Woge auf den Kissen und bettete den ernsten
+Frauenkopf mädchenweich. Es schmiegte sich über ihre Brust, und er sah
+die seide-gesponnenen Fäden leise erzittern. Ganz nahe jetzt, ganz
+nahe. Sein Kopf hatte sich an ihrer Brust eine Ruhestatt gesucht.</p>
+
+<p>Und in ihren Herzschlag hinein begann er zu sprechen, sich von den
+Bildern des Tages zu lösen.</p>
+
+<p>»Ich kam nach Köln, Engel. Ich wurde in den Raum geführt, in dem der
+Verunglückte lag. Ich erkannte ihn sofort als meinen Sohn, als den
+Justus. Er hatte noch im Tode den hochfahrenden Zug um den Mund. Denn
+ein Toter lag vor mir, kein nur Verwundeter, Engel. Ein Mensch mit
+rohen Messerstichen im Leib, aufgefunden in einer dunklen Gasse, in
+der sich das Gesindel herumtreibt.</p>
+
+<p>»Erst habe ich den Körper angestaunt, der einmal so jugendschön
+gewesen war. Vergeudet, vertan in einem wilden Leben, das nur sich
+anerkannte und seinem Begehr keine Schranken setzte. Und dann habe ich
+mit Mühe meinen Mund geöffnet und meine Fragen gestellt.</p>
+
+<p>»Er muß durch einen nächtlichen Lärm in die Gasse gelockt worden sein.
+Männer stritten sich um ein Frauenzimmer, und er hat sich ohne viel
+Fragen zum Beschützer aufgeworfen. Über sein herrisches Tun ist es
+unter den Angetrunkenen zu einem Hallo gekommen, und sie haben einen
+wilden Reigen um das Paar geschlungen. Der Justus aber hat mit seinem
+Stocke rücksichtslos hineingeschlagen und dem Gesindel die Messer
+gelockert. Das Dirnchen war herausgehauen, als er in seinem Blute auf
+der Gasse lag und die Polizeibeamten das Gesindel verscheuchten. Er
+lag mit gebrochenen Augen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p>
+
+<p>Er schwieg und preßte den Kopf fester auf Angela Freydags Brust.
+Und Angela Freydag hielt den Atem an, um sein Schweigen in die Ruhe
+hinüberführen zu können.</p>
+
+<p>»Engel, Engel!« brach es aus ihm heraus. »Wegen einer Straßendirne!
+Ach, was sage ich. Und wenn es um eine Dame der Gesellschaft gegangen
+wäre! Aus herrischer Laune, die auf keinem anderen Verdienst fußt als
+auf dem ererbten Namen! Engel, Engel, ich habe ihn befragt, den Toten,
+und er behielt nur seinen hochfahrenden Zug um den Mund.«</p>
+
+<p>Jetzt spürte er ihre Hand über seinen Rücken gleiten. So sacht und
+doch so beredt, wie nur Angela Freydags Hände waren. Und er besann
+sich auf Zeit und Raum und gewann seine Ruhe zurück.</p>
+
+<p>»Die Ärzte hatten noch ihr traurig Handwerk auszuführen, um Herkunft
+und Beschaffenheit der Wunden festzustellen. Bis zur Freigabe der
+Leiche hatte ich überflüssige Zeit. Ich tat, was man bei solchen
+Todesfällen zu tun pflegt. Ich suchte Justus letzte Wohnung in Köln
+auf, wies mich als Vater aus und packte seine paar Habseligkeiten.
+Einige Schulden blieben noch zu zahlen, und ich zahlte sie. Sein
+mütterliches Vermögen war wohl bei seinen Abenteuern draufgegangen.
+Und dann las ich seine Briefschaften, die aus allen Frauenschichten
+stammten und in Anbetungen vergingen, und verbrannte sie. Mit der
+Asche war alles verloschen, was Justus Vanderwelts Leben hieß.«</p>
+
+<p>Er hob den Kopf von Angela Freydags Brust und setzte sich aufrecht.
+Sie sprach noch immer nicht.</p>
+
+<p>»Nun habe ich dir die Nachtruhe geraubt, Engel, aber ich wußte
+mir keinen anderen Rat. Vielleicht glückt es dir, noch einmal
+einzuschlafen, vielleicht glückt es auch mir jetzt. Es tut wohl, an
+deinem Bette zu sitzen, Engel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p>
+
+<p>»Bleib,« bat sie, und ihre Hände umklammerten die seinen.</p>
+
+<p>»Ich bleibe gern noch, Engel, aber du mußt schlafen.«</p>
+
+<p>»Sieh,« sagte sie, und aus ihren Händen strömte es wie warme Wellen in
+die seinen über, »es liegt für dich so nahe, dir Gedanken zu machen,
+ob deine Erziehungsart die rechte gewesen sei. Und du hast sie dir
+schon gemacht, und das hat dich zu mir getrieben. Es wäre für mich
+nicht nötig gewesen, ein Jahr lang während der Entwicklungszeit deiner
+Kinder die stille Zeugin gewesen zu sein. Ich kenne dich ja wie kein
+anderer Mensch in dem selbsterworbenen und gefestigten Reichtum deiner
+Wesensart. Deine Kinder brauchten nur zuzulangen, um überreich zu
+werden, aber sie wählten sich aus dem Dargebotenen nur das heraus, was
+ihrer eigenen Wesensart entsprach. Und davon wollte ich sprechen.«</p>
+
+<p>Er hatte sich mit geschlossenen Augen im Stuhle zurückgelehnt. Nur
+über sein Gesicht zuckte es zuweilen hin, wenn ein Wort von ihr ihn
+tiefer aufhorchen machte.</p>
+
+<p>»Ja, Kornelius, davon besonders wollte ich sprechen. Denn ich kann
+es aus Erfahrung. Eine Erziehung kann gut oder schlecht sein, auf
+die Wesensart des Kindes kommt es an, wie sie wirkt und wohin sie
+sich auswirkt. Ein schlechter Vater kann an einem gut gearteten
+Kinde nicht mehr verderben, als daß er ihm die Kindheit verdirbt.
+Und der beste Vater wird seinen Kindern nicht mehr geben können
+als eine glückliche Kinderzeit, wenn sie weniger gut geartete oder
+eigenwillige Persönlichkeiten sind. Daß der Mensch das Ergebnis seiner
+Erziehung wäre — ach, Kornelius, das ist die bequemste Lüge der
+Oberflächlichkeit. Die Erziehung kann ihm das Sprungbrett für seine
+Persönlichkeit werden, aber springen muß er selbst, das will heißen,
+Kornelius, daß ein jeder zu seiner Erziehung das Beste aus sich selbst
+hinzufügen muß, oder es bleibt beim schönen<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> Schein. Wenige Kinder
+haben so sehr alle Möglichkeiten gehabt wie die deinen. Längst ist
+die Reihe an ihnen, und du und kein Vater kann etwas anderes tun, als
+den besorgten Zuschauer spielen. Sieh, Kornelius, das war es, was ich
+wahrheitsgemäß einmal aussprechen mußte.«</p>
+
+<p>»Wie gut es sich dir zuhört, Engel —«</p>
+
+<p>»Ich war selber ein Kind, Kornelius, das über wüste Wege mußte und
+doch zum Glück kam.«</p>
+
+<p>»Zu einem heimlichen, Engel, und ich beließ es dabei.«</p>
+
+<p>»Nein, <em class="gesperrt">ich</em> beließ es dabei. Sollte ich dich wegen einer bloßen
+Form in Widerstreit zu deinen erwachsenen Kindern bringen, die schon
+selber Kinder in die Schule schicken? Ja, lächle nur, Kornelius, es
+ist so. Und heimlich? sagst du. Mein Glück wäre ein heimliches? Sieh
+dir all das Glück an, das sich offen zeigt, und dann vergleiche es mit
+dem meinen. Mit dem unsrigen, Kornelius. Das unsrige hat gelernt, daß
+Liebe ein Hauch ist, den man behüten muß.«</p>
+
+<p>Er öffnete die Augen und blickte sie mit tiefer Innigkeit an.</p>
+
+<p>»Bei dir — ach, bei dir ist gut ruhen ...«</p>
+
+<p>Sie saß aufrecht in ihrem weißen Nachtkleid, warf das Haar in den
+Nacken und strich ihm die Augen zu. Ihr zärtlicher Atem wehte über ihn
+hin. Wie wohl das alles tat — wie wohl — —</p>
+
+<p>Er nahm sich vor, diese Stunde auszugenießen, keine Minute dieser
+Stunde aus seinem Gedächtnis zu verlieren, — und war entschlummert.
+Ruhig und gleichmäßig gingen seine Atemzüge.</p>
+
+<p>Auf bloßen Füßen stand sie neben seinem Stuhle, bettete sie seinen
+Kopf in ihr warmes Kissen, seine Füße in eine wollene Decke, drehte
+sie geräuschlos das Licht aus. Und aus ihrem Bette heraus horchte sie
+noch lange auf die stillen Atemzüge.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
+
+<p>Als er die Augen aufschlug, sah er sie in ihrem weißen Morgenrock, das
+Haar unter einem seidenen Strickmützchen, am Fenster stehen und in den
+Morgen hinausblicken. Sie wandte sich um und blickte mit einem Lächeln
+zu ihm hinüber.</p>
+
+<p>»Wo bin ich, Engel? Wie komme ich hierher? Ist es schon Tag?«</p>
+
+<p>»Du bist bei mir. Du kamst in der Nacht zu mir. Und nun ist es Morgen.«</p>
+
+<p>Seine Gedanken kehrten nur langsam und wie aus weiter Ferne zurück.
+Das Erinnern an das gestrige Erleben drängte sich vor, zeigte seine
+Dirnenfratze und hatte seine Schrecken verloren. Da stand die starke,
+helle Frau und reichte ihm zum Tagesgruße die Hände. Und diese Hände,
+die er schon an dem herumgejagten hageren Mädchen liebgewonnen hatte,
+diese Hände hatten ihn in Schlummer gewiegt.</p>
+
+<p>Er sprang aus dem Stuhle auf. Der tiefe Schlummer hatte ihm alle
+Kräfte zurückgebracht. Und Kornelius Vanderwelt beugte sich über
+Angela Freydags Frauenhände und küßte sie. —</p>
+
+<p>Vor der Geschäftsstunde noch kam Thomas Vanderwelt in sein väterliches
+Haus. Mit krampfhaft angespannten Gesichtszügen begrüßte er Angela
+Freydag, die ihn in seines Vaters Zimmer eintreten ließ und hinter
+beiden die Türe schloß. Als Thomas Vanderwelt nach einer halben Stunde
+das Zimmer wieder verließ, war sein Gesicht fassungslos und verwüstet.</p>
+
+<p>»Es war wohl weniger der Tod als die Roheit des Todes, die ihn so
+aufwühlte,« sagte Kornelius Vanderwelt.</p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht, Kornelius. Ich weiß nur, daß ihn noch etwas
+aufzuwühlen vermag. Das soll uns heute genügen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<p>Es kamen auch die Frauen ins Haus, Juliane und Antonie. Beide in
+erlesenen schwarzen Gewändern.</p>
+
+<p>»Es ist gut, daß sie zusammen kommen,« sagte Kornelius Vanderwelt,
+als Angela Freydag sie ihm meldete. »Zu zweit bilden sie doch
+nur <em class="gesperrt">eine</em> Unwahrheit. Laß sie zu mir, damit ich es schnell
+überstehe.«</p>
+
+<p>Nach wenigen Minuten schon kehrten die jungen Frauen mit verstörten
+Gesichtern zu Angela Freydag zurück.</p>
+
+<p>»Was ist mit ihm?« fragte Juliane hastig. »Er ist für Trost nicht
+zugänglich und wies mich barsch zurück, als ich ihn um ein Andenken an
+meinen armen Bruder bat.«</p>
+
+<p>»Ist Justus wirklich bei einer Frau tot aufgefunden worden? Von dem
+zornigen Ehemann überrascht, getötet und auf die Gasse geworfen?
+Bitte,« bat Juliane mit schauernden Schultern, »erzählen Sie mir doch
+alle Einzelheiten.«</p>
+
+<p>»Als Helfer starb er — aber die Tatsache seines unglücklichen Todes
+muß unserer Trauer wohl zunächst genügen,« erwiderte Angela Freydag
+und öffnete den verstörten jungen Frauen die Tür.</p>
+
+<p>»Und die beiden Beckenrieds, Vater und Sohn, erschienen und gingen zu
+Kornelius Vanderwelt in das Arbeitszimmer. Der Schwiegersohn Klaus
+nagte vor Erregung an der Unterlippe und schaute so wild um sich, als
+erwarte er selbst ein Wort der Teilnahme, und der alte Beckenried
+fand das Wort, wenn auch auf Umwegen, und wies darauf hin, daß nicht
+nur die Angehörigen schwer unter den niederdrückenden Umständen
+des Todesfalles leiden würden, sondern auch das Geschäft, denn das
+Verfrachtungsgeschäft sei nun einmal eine Vertrauenssache.«</p>
+
+<p>Ȇberlassen Sie auch diese Sorge einstweilen mir allein. Wenn ich sie
+zu den anderen lege, wiegt sie weniger.«</p>
+
+<p>Und Kornelius Vanderwelt verabschiedete sich von den Herren und rief
+nach Angela.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p>
+
+<p>»Sperr' die Fenster auf, Engel. Die Totengräber haben sich in der Türe
+geirrt. Noch rieche ich nicht nach der Schippe.«</p>
+
+<p>Am folgenden Tage wurden Justus' Überreste in aller Stille im
+Vanderweltschen Erbbegräbnis eingebettet. Keine Traueranzeige war
+verschickt worden, kein Teilnehmender hatte sich eingefunden. Die
+Herren Beckenried wurden durch die Vertretung der beiden Herren
+Vanderwelt im Geschäft zurückgehalten, die junge Frau Antonie war aus
+Furcht vor dem Schwiegervater von einem Nervenzittern befallen worden,
+und so stand Kornelius Vanderwelt mit seinen beiden Kindern allein an
+der Gruft, aber er fühlte Angela Freydags Schulter.</p>
+
+<p>Leise fragte Juliane den Bruder nach dem Pastor. Doch Thomas wies die
+Frage durch ein Kopfschütteln zurück. Und der Sarg wurde von den vier
+Trägern an den Bronzeringen herangetragen und langsam an den Seilen in
+die Gruft hinabgelassen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt zog den Hut. Er erwies dem Tode die Ehrfurcht
+und schickte dem Sohne den letzten Vatergruß nach. Fahr wohl und hab'
+deine Ruhe, Justus.</p>
+
+<p>Der Totengräber hielt den beiden Männern die Schippe mit den
+Erdschollen hin. Und als auch diese Formel erfüllt war und sie sich
+zum Gehen wandten, hörte Kornelius Vanderwelt noch einmal Erdschollen
+auf dem Sarge aufschlagen. Und er erkannte in dem Manne, der hinter
+den Leichensteinen hervorgetreten war und dem lebenden Vanderwelt mehr
+als dem toten die Ehre erwies, seinen alten Seegesellen, den Gastwirt
+Matthes aus den ›Fünf Erdteilen‹.</p>
+
+<p>Da packte ihn das Würgen im Halse, und er wußte nicht, ob ihn das
+Lachen schüttelte oder das Leid.</p>
+
+<p>Der Mann aber war wortlos hinter den Leichensteinen verschwunden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span></p>
+
+<p>»Komm,« bat Angela Freydag leise und berührte seine Hand.</p>
+
+<p>»Sahst du ihn?«</p>
+
+<p>»Einer, der dir Freundschaft hält, Kornelius.«</p>
+
+<p>»Und was für einer!«</p>
+
+<p>»Besser ein treuer Kettenhund als ein wildernder Jagdhund. Mich hat es
+heute gefreut.«</p>
+
+<p>»Du magst recht haben,« erwiderte er, »und nun können wir gehen.«</p>
+
+<p>Sie fuhren die Kinder bis zu ihren Wohnungen und fuhren allein heim.
+Es war Abend geworden, als sie das Haus betraten. Und sie suchten ihre
+Zimmer auf, um sich umzukleiden.</p>
+
+<p>An diesem Abend spielte Angela Freydag, wie sie noch nie vor den
+Tausenden gespielt hatte. Kein Lied vom Tode und Vergehen. Den
+gewaltigen Sang, der in der Herbstnacht sehnsüchtig beginnt und
+mit den Frühlingsstürmen sieghaft durch die Wälder braust. Das
+Menschheitslied vom ewigen Auferstehen spielte sie, und sie spielte es
+für Kornelius Vanderwelts Seele.</p>
+
+<p>Nur für den Mann, der aufrecht in dem alten Kirchenstuhle saß und ihre
+Liebe an seinem Herzen hielt.</p>
+
+<p>Ihre Arme sanken am Körper nieder. Ihre Brust hatte den Atem verloren.
+Und während sie ihn in schmerzhaften Zügen wiederzugewinnen trachtete,
+dachte sie: So und nicht anders ist meine Liebe. Bis mir die Arme vom
+Körper sinken. Bis mir der letzte Atem vergeht. Töten und vernichten
+könnte ich um seines geliebten Namens willen.</p>
+
+<p>Und sie wandte den erblaßten Kopf nach ihm und lächelte ihm zu ...</p>
+
+<p>Und wieder schritt Kornelius Vanderwelt durch das Gewühl vor der
+Schifferbörse wie in früheren Tagen, aber die launigen Zurufe blieben
+den Leuten im Munde stecken,<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> die Knäuel öffneten sich und ließen ihn
+hindurch, und die Männer zogen die Mützen herunter und schwiegen in
+Verlegenheit. Ein wenig hatte er es sich anders gedacht, aber er ließ
+es sich nicht anfechten und erledigte im Börsensaal seine Geschäfte.</p>
+
+<p>Und als er in das Gewühl der Wartenden zurückkehrte, bildeten die
+Leute aufs neue eine Gasse. Aber sie hatten eine Abordnung unter sich
+ausgemacht, aus ihren Ältesten, und die Ältesten traten an Kornelius
+Vanderwelt der Reihe nach heran und schüttelten ihm schweigend die
+Hand, während die Umgebung sich achtungsvoll räusperte.</p>
+
+<p>Der Winter ging hin. Es war dies Jahr nicht nur für das von den
+Feindmächten besetzte Rhein- und Ruhrgebiet, es war für das ganze in
+Geldwirren gestürzte Deutschland das atemraubendste Geschäftsjahr
+geworden, und in der kaufmännischen Welt reihte sich Trümmerfeld an
+Trümmerfeld. Kornelius Vanderwelt schaffte vom Morgen bis zum Abend,
+er war überall, wo es not tat, mit der unwiderstehlichen Kraft seiner
+Persönlichkeit einzugreifen, und doch fühlte er, daß es rückwärts
+gehen wollte und nicht vorwärts. Nein, seine Kraft war die gleiche
+geblieben, aber seine Unwiderstehlichkeit hatte nachgelassen. Die
+Verlegenheit, die er vor Monaten, nach Justus' Tode, unter dem derb
+genug besaiteten Schiffervolk auf dem Börsenplatz beobachten konnte,
+äußerte sich bei den Kaufherren und Werksleitern wohl liebenswürdiger
+und zurückhaltender. Aber gerade diese Zurückhaltung war es, die ihm
+die raschen und frischfröhlichen Geschäftsabschlüsse erschwerte.</p>
+
+<p>In der ersten Zeit sah er über das törichte Menschheitsverhalten
+hinweg, auch dann noch, als es sich vornehmlich unter den einstmaligen
+Zechgenossen mancher ›hohen Fahrt‹ breit und bemerkbar machte. »Es ist
+die alte Leier, Engel,« pflegte er zu sagen, »daß die schmutzigsten
+Hände immer die<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> reinsten Handschuhe vorweisen möchten. Ich glaube, im
+Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer hat der brave Pharisäer auch schon
+Handschuhe übergezogen.«</p>
+
+<p>Als er aber in der Folge bei der Verteilung größerer Ladeaufträge
+mal auf mal übergangen wurde, geriet zwar seine Zuversicht nicht ins
+Schwanken, aber ein Lächeln der Verachtung erschien auf seinen Lippen
+und wollte hinfort nicht mehr weichen. Trug doch seine Zuversicht mehr
+als je den Namen Angela Freydag.</p>
+
+<p>Was der hochgemute Mann nicht sah, das sahen ihre klaren Frauenaugen.
+Sie gewahrten die verstärkte Aufmerksamkeit der Vielheit, die dem
+zurückgezogenen Leben Kornelius Vanderwelts galt, und die tastenden
+Finger, die nach dem stillen Schleier griffen. Und sie beschränkte
+sich immer mehr in der äußeren Lebensführung und wuchs zu einer
+inneren Gesammeltheit auf, die bei anderen gefestigten Naturen wohl
+aus der Entsagung geboren zu werden pflegt, bei ihr aber nichts
+anderes hieß als die heiße Fürsorge für den Geliebten.</p>
+
+<p>Wurde Kornelius Vanderwelt in seinem hohen Traumwandel hellsichtig,
+das sagte ihr das untrügliche Empfinden der liebenden und geliebten
+Frau, so vernichtete er mit seinen Widersachern sich selbst und sein
+Glück. Und immer enger noch an ihn geschmiegt, blieb sie die Gefährtin
+seines hohen Traumwandels auf Schritt und Tritt, und es war keine
+Wolke am Himmel, die sie nicht zu scheuchen wußte.</p>
+
+<p>In diesen Tagen begann das Leben seine Probe auf die Berechtigung,
+Kornelius Vanderwelts Glück zu heißen und er das ihre. Sie dachte
+gar nicht darüber nach. An das Selbstverständliche verschwendete
+sie keine Gedanken. Nur, daß auch auf ihren Lippen das Lächeln der
+Menschenverachtung erschien und blieb.</p>
+
+<p>Mehr als vordem stellte sich Thomas Vanderwelt ein.<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Er wußte die
+Stunden herauszufinden, an denen er Angela Freydag allein zu Hause
+traf, und hockte ihr im Sessel gegenüber, rauchend und die Regeln des
+Lebens in Widersinnigkeiten verkehrend. Der Tod des Bruders hatte sein
+zersetzendes Wesen bis zur Fahrigkeit gesteigert.</p>
+
+<p>»Lieber Thomas,« sagte die geduldige Zuhörerin, »weshalb spielen Sie
+sich und mir eine Rolle vor? Das sind Sie ja gar nicht, in dessen
+überlegenem Faltenwurf Sie sich gefallen. Sie sind weder eitel noch
+unanständig. Weshalb also die Maskerade.«</p>
+
+<p>»Was bin ich denn in Ihren klugen Augen, Frau Engel?«</p>
+
+<p>Seit er den Namen einmal aus dem Munde seines Vaters vernommen hatte,
+hatte er ihn sich nicht wieder nehmen lassen.</p>
+
+<p>»Sie sind ganz einfach ein unglücklicher Mensch. Nichts mehr und
+nichts weniger.«</p>
+
+<p>»Ein unglücklicher Mensch kann sehr wohl ein Unflat sein. Schon der
+Umstand, daß er ein Unglück hinnimmt, spricht dafür.«</p>
+
+<p>»So ändern Sie es doch, oder sind Sie ein Höriger Ihres Unglücks?«</p>
+
+<p>»Sehen Sie,« sagte er bewundernd, »wie scharfsichtig Sie sind, wie Sie
+jedes Kindlein gleich beim rechten Namen zu nennen wissen. Ein Höriger
+.. Ein Höriger seines Unglücks. Das bedeutet soviel wie ein krankhaft
+veranlagter Liebhaber. Wahrhaftig, Sie haben ins Schwarze getroffen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie in dieser Tonart fortzufahren belieben, muß ich Sie zu
+meinem größten Leidwesen nach Hause schicken, Thomas.«</p>
+
+<p>Er lächelte sie ungläubig an. Wie ein verwöhnter Junge.</p>
+
+<p>»Das würde nun wiederum <em class="gesperrt">Ihrem</em> Namen keine Ehre machen,
+Frau Engel. Denn ich komme ja just zu<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Ihnen, um von Zeit zu Zeit
+festzustellen, was denn eigentlich von dem alten Thomas noch
+übriggeblieben ist. Gott, wenn Sie so gütige Augen machen, reizt es
+mich, meinen ganzen Musterkasten — die alten Griechen nannten ihn,
+glaube ich, die Büchse der Pandora — vor Ihnen auszupacken, wenn die
+Pandora auch nur Antonie gerufen wird und der Gatte so neugierig ist
+wie das Weib.«</p>
+
+<p>»Thomas, Thomas, ich rief Sie schon vor Jahren bei Ihrer
+Ritterlichkeit auf. Es gibt nur ein Entweder — Oder!«</p>
+
+<p>»Ein Entweder — Oder,« wiederholte er, »und ich habe das letztere
+gewählt. Das Entweder ist stets das Langweiligere, das Oder das
+Vergnüglichere und das Spannende. Der ›Hörige‹ kommt hinzu. Das
+Leben, das sich uns nach dem allgemeinen Weltendurcheinander und der
+ausnahmslosen Gleichmacherei darbietet, ist so reizlos geworden, daß
+man nach einem Strohhalm greift, wenn er eine Belustigung verspricht.
+Meine Antonie ist nun gewiß kein trockener Strohhalm, sondern ein
+ausbündig schönes und vollsaftiges Lebewesen der Mutter Erde, aber
+darin tut sie es dem Strohhalm gleich, daß sie in Brand gerät, ehe
+man sich umgeschaut hat, und das ist über alle Maßen belustigend.
+Weshalb? fragen ihre strengen Augen. Weil sie annimmt, daß man sich
+<em class="gesperrt">nicht</em> umgeschaut hat.«</p>
+
+<p>»Und das nehmen Sie,« fragte Angela Freydag verächtlich, »immer wieder
+hin, ohne es zu ändern?«</p>
+
+<p>»Geduld, Geduld,« mahnte Thomas Vanderwelt geheimnisvoll. »Zuweilen
+ist es nur ein irrtümlich entstandener Brand, ein Brand aus
+Eifersucht, der mir die Glut ihres Herdfeuers bekunden soll. Mir, Frau
+Engel. Bei anderen Malen aber gedenke ich aller Ihrer guten Lehren
+und nehme den brennenden Strohhalm ungesehen in meine Hände, um ihm
+das Lebenslichtlein auszupusten. Ganz unvermutet und auf eine streng
+sittliche Weise.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span></p>
+
+<p>»Lästern Sie nicht, Thomas, und reden Sie, wenn Sie schon reden
+müssen, ohne Beschönigung.«</p>
+
+<p>»Es ist ein bißchen viel Nacktheit dabei, Frau Engel, wie bei den
+neuzeitlichen Tanzbelustigungen. Daher die Verbrämtheit meiner Rede
+vor Ihren Ohren. Aber urteilen Sie selber über die Tragbarkeit der
+sittlichen Grundlagen, auf denen ich meine Abänderungen vollziehe.
+Von den kleinen Kunstgriffen schweige ich. Von den Stelldicheins,
+von denen mir herumliegende Briefe oder herumfliegende Freundinnen
+Kunde taten und zu denen zufällig ich selber erschien, statt des
+Erwarteten. Von den nichtigen Techtelmechteln, die ich mit ihren
+ähnlich gearteten Freundinnen beginnen mußte, um allerlei Menschliches
+und Allzumenschliches meiner vergeßlichen Gefährtin aus Vergangenheit
+und Gegenwärtigem zu erfahren und ihre holden Lügen am Bindfädchen zu
+halten, wie der Knabe den Maikäfer. Höher hinauf, höher! Da war ein
+Fall, würdig, verzeichnet zu werden. Nicht der Strohhalm, die ganze
+Garbe brannte. Und der Herrlichste von allen wurde ins Haus geladen.
+Es ging nicht anders, es war der Hausfrau Geburtstag. Und sie saßen
+sich gegenüber und besprachen sich mit den Augen und sagten sich
+Wunderdinge über Wunderdinge. Sollte ich den Dritten im Bunde vor die
+Türe werfen? Sie nicken begeistert. Gemach, gemach. Ich erhob mich
+aus einem inneren Drange heraus und klopfte mit meinem Obstmesser
+ans Glas, denn wir waren beim Nachtisch angelangt, und hielt eine
+Geburtstagsrede. Das war es, Frau Engel. Das war die sittliche
+Grundlage. Ich verbeugte mich vor der Hausfrau, vor der Gattin, vor
+der Mutter meines Kindes. Ich sprach von der tiefen Gläubigkeit des
+einen zum anderen Teil in der heiligen Ehe. Von der Lebensgefährtin,
+die, abhold jeder Lüge und Verstellung, ihr Leben lasse für den reinen
+Schild des anderen.<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Von der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit
+der wahren und wahrhaftigen Frau, die so hohe Höhen zu erklimmen
+wisse, daß wir staubgeborenen Männer anbetend auf den Knien liegen
+müßten. Und der Ehrengast war so erschrecklich unruhig geworden und
+rutschte vor lauter Beschämung auf seinem Stuhl. Und der Trottel
+kriegte sogar feuchte Augen, als ich die Tugend des Weibes der
+unsterblichen Seele an die Seite stellte, und er sagte, er habe sich
+verschluckt und müsse leider noch vor dem Hoch hinaus, um, wie er
+wiederum sagte, rasch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ja, und dann haben
+wir den Geburtstag für uns gefeiert.«</p>
+
+<p>Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte noch in der Erinnerung über
+den gelungenen Streich.</p>
+
+<p>»Weshalb lachen Sie nicht mit, Frau Engel? Sie sind doch eine Frau von
+Geist?«</p>
+
+<p>»Weil mir die Sache zu belanglos erscheint.«</p>
+
+<p>»Belanglos? Das ist ein herbes Urteil. Darf ich Ihre Beweggründe
+kennenlernen?«</p>
+
+<p>Angela Freydag blickte ihrem Gast in die Augen. So lange, bis eine
+Röte über seine Wangen huschte.</p>
+
+<p>»Muß ich sie Ihnen wirklich nennen? Einem Manne, der selber das
+Messer des Wundarztes zu führen vorgibt? Also offen heraus, Thomas:
+die handelnden Personen erscheinen mir in ihrem Tun und Lassen zu
+unwichtig. Was sie mit großartigem Gebaren hervorbringen, sind
+bestenfalls eine Kette von schillernden Seifenblasen, die genau so
+lange anhalten, wie die Einbildung anhält. Für Kindereien sind wir zu
+erwachsen geworden, Thomas.«</p>
+
+<p>Er rauchte seine Zigarette zu Ende, erhob sich und verabschiedete sich
+kleinlauter, als er gekommen war.</p>
+
+<p>»Sie messen alles mit einem überlebensgroßen Zollstock,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> Frau Engel.
+Da schneiden wir kleinen Leute schlecht ab. Trotzdem: Es war eine
+schöne und lehrreiche Erbauungsstunde.«</p>
+
+<p>Er schritt still zur Tür, griff über seine Augen und kehrte zurück.
+Sie sah ihm, ohne den Blick von ihm zu lassen, entgegen. Und er nahm
+ihre herabhängende Hand, zog sie stumm an seine Lippen und ging
+hinaus. —</p>
+
+<p>Eine schöne und lehrreiche Erbauungsstunde hatte der Spötter Thomas
+ihr Zusammensein genannt. Das Wort blieb in Angela Freydag hängen
+und fand den Weg zum abwägenden Verstand. Eine Erbauungsstunde?
+Das war mitsamt dem Schmuckwort ›schön‹ auf Rechnung der armen
+Selbstverspottung zu setzen. Aber lehrreich — lehrreich war sie
+auch für Angela Freydag gewesen, und ihre Menschenverachtung konnte
+nur dabei gewinnen. Da lebten zwei junge Menschen in der nackten
+Oberflächlichkeit einer Ehe, wie sie die neue Zeit zu Hunderten hatte
+ins Kraut schießen lassen, einer Ehe, die nur soweit Gemeinsamkeit
+war, als sich die beiderseitigen Naturtriebe in ihr berührten und im
+übrigen beiden Teilen Wege offen ließ, die weder hell noch staubfrei
+gehalten waren. Aber es war eine Ehe. Sie gab zu reden und offen und
+heimlich zu tuscheln, aber solange beide Teile mit ihr zufrieden
+waren, nahm auch die Umwelt keine Veranlassung, sie abzulehnen. Und
+es lebten da zwei reife Menschen, deren innerste Verbundenheit keine
+Lücke zuließ und die doch nicht zur Ehe gelangt waren aus einer
+selbstlosen und opferwilligen Rücksicht auf Kinder und Enkelkinder.
+Trotz ihrer adligen Gesinnung, trotz ihrer Verdienste um die
+Allgemeinheit — die Umwelt kam ungerufen und legte kopfschüttelnd ihr
+zusammengeflicktes Maßband an.</p>
+
+<p>Ja, diese Erbauungsstunde war für die Gefährtin Kornelius Vanderwelts
+nicht weniger lehrreich gewesen. Ihre<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> Mienen zogen sich zusammen. Sie
+schüttelte die Hände in der Luft.</p>
+
+<p>»Du — du! Mein Kornelius!«</p>
+
+<p>Und ihre Glieder spannten sich wie zur Verteidigung und zum
+Angriffssprung. —</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt aber ging seinen Geschäften nach, als hätten sich
+Zeiten und Menschen nicht verändert. Nur daß er Zeiten und Menschen
+als so geringfügig wertete, daß er vor den Ohren Angela Freydags nicht
+mehr darüber sprach.</p>
+
+<p>Wenn sie ihn nach dem Stand seiner Aufgaben befragte und ob sie
+anzögen oder nachließen, glitt er mit seiner großen Hand über ihr
+Gesicht. »Wir haben uns wertvollere Fragen aufzugeben, Engel. Haben
+wir erreicht, was wir wollten? Haben wir uns glücklich gemacht? Und
+alles ist gefragt und alles ist beantwortet.«</p>
+
+<p>Das waren die Augenblicke, in denen Angela Freydag ein jähes Aufweinen
+zurückhalten mußte, ein Aufweinen der Freude über den Mann vor ihr und
+mit ihr.</p>
+
+<p>Immer weniger sprachen sie miteinander, wenn der Wagen sie in die
+Wälder führte oder die Jacht sie in die nebelnden Fernen trug, die an
+Leuchtkraft gewannen, je dunkler es auf der Wasserbahn wurde. Aber
+immer enger lehnten sich ihre Schultern aneinander an, und jeder wußte
+vom Wünschen und Begehren des anderen und offenbarte sich ihm in der
+Stille.</p>
+
+<p>Wenn der Rheinwind über das weiße Boot fauchte und dem Manne die
+Flamme des Zündholzes ausschlug, nahm ihm die Frau lächelnd die kurze
+Pfeife aus den Lippen, steckte sie zwischen die eigenen und brachte im
+Kajütenschutz den Tabak zum Brennen. Und lächelnd sah sie zu, wie er
+zu Ende rauchte.</p>
+
+<p>»Das ist eine falsche Einteilung,« sagte er an einem<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> Abend auf dem
+Wasser. »Du hast die Anstrengung und ich den Genuß. Ich habe dir auch
+ein Pfeiflein mitgebracht, Engel, damit dir ein gerechterer Anteil
+wird.« Und von Stund' an rauchten sie ihre Pfeiflein gemeinsam, wenn
+sie neben seinem Steuer stand, und sie gewöhnten sich an, es auch zu
+Hause gemeinsam zu rauchen.</p>
+
+<p>»Weißt du, wann du zuletzt die Tasten des Flügels angerührt hast,
+Engel?« fragte Kornelius Vanderwelt nach einem schweren Arbeitstage.</p>
+
+<p>Sie nickte vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn an.</p>
+
+<p>»Möchtest du, daß ich spiele?«</p>
+
+<p>»Es war an dem Tage, an dem wir Justus begraben haben, Engel. Das ist
+jetzt schon ein volles Jahr. Ich habe keine Note vergessen, die du
+damals spieltest, und was du spieltest und wie du es spieltest. Das
+kann nicht mehr überboten werden.«</p>
+
+<p>»Deshalb, Kornelius, wollte ich den Nachklang nicht mehr stören.«</p>
+
+<p>»Er klingt unablässig in mir,« sagte Kornelius Vanderwelt, »und bei
+Tag und bei Nacht höre ich dich spielen, auch wenn du keine Taste mehr
+anrührst. Gib mir einmal deine Hände.«</p>
+
+<p>»Meine Finger sind steif geworden, Kornelius.«</p>
+
+<p>Und sie ließ sie ihm, und er streichelte jeden einzelnen ihrer Finger
+und legte seine Lippen darauf. Aber er bat sie nicht.</p>
+
+<p>Wieder war ein Sommer zu Ende, und die Nebeltage der Adventszeit
+drückten auf den Rhein und auf die Gemüter der Menschen. Kornelius
+Vanderwelt hatte ein Bücherpaket geöffnet und machte sich mit
+Angela Freydag daran, die Bände zu sichten und sie zum Vorlesen zu
+ordnen. Mit still leuchtenden Augen waren sie bei ihrem Tun, als die
+Haustürglocke anschlug und das Mädchen den Besuch der beiden Herren
+Beckenried meldete.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>»Schade, es versprach ein so anregender Abend zu werden. Nun wirst du
+die Schätze zunächst einmal ohne mich durchstöbern müssen, Engel.«
+Und er trug ihr die Bücher in das nebengelegene Musikzimmer, und sie
+folgte ihm.</p>
+
+<p>Als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er die Türe
+offenstehen. So konnte Angela hören, was ihm die beiden Herren
+vorzutragen hatten, und er brauchte es nicht zu wiederholen und den
+Abend noch weiter zu verkürzen.</p>
+
+<p>»Lassen Sie die Herren bei mir eintreten,« gebot er dem Mädchen und
+sah den Besuchern entgegen.</p>
+
+<p>»Guten Abend, lieber Beckenried. Guten Abend, Klaus. Ein
+Familienbesuch gehört mit zu den Seltenheiten in diesem Hause.«</p>
+
+<p>»Wir hätten es gern bei den Seltenheiten belassen, Herr Vanderwelt,«
+begann der Ältere, und seine Stimme klang heiser vor Erregung, »und
+die Familienbeziehungen gestalten sich nachgerade zu einem — zu einem
+—«</p>
+
+<p>»Klaus, du hilfst wohl deinem Vater.«</p>
+
+<p>Der jüngere Beckenried zitterte vor Zorn.</p>
+
+<p>»Diesen überlegenen Ton, diesen ganz unangebrachten überlegenen Ton
+bitte ich in Zukunft zu unterlassen.«</p>
+
+<p>»Ein Glück, daß du bittest, Klaus. In diesem Hause wird nämlich der
+Ton nur von mir bestimmt. Aber die Herren scheinen erregt, und wir
+wollen uns darum nicht noch aufpeitschen, sondern uns mit der Ruhe
+gereifter Männer besprechen. Was also steht den Herren zu Diensten?«</p>
+
+<p>»Zu Diensten?« eiferte der Alte und klopfte sich gegen die Stirn.
+»Ja, das wollen wir von <em class="gesperrt">Ihnen</em> erfahren, inwieweit Sie zu
+Diensten zu stehen belieben. Was ich in Ihren Diensten ein Leben lang
+erworben habe, fort ist es, in den Dreck geschmissen, verjubelt und
+vergeudet. Mein guter Name schwimmt auf einer Pfütze. Und meine Frau
+Schwiegertochter, diese — diese —«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>»Klaus, bist <em class="gesperrt">du</em> mit Juliane verheiratet oder dein Vater?«</p>
+
+<p>Der Jüngere ließ ihn kaum zu Ende reden. Seine Hände öffneten und
+spreizten sich.</p>
+
+<p>»Frag' doch erst einmal an, was deine Tochter getan hat? Mit was
+sie allem ihrem bisherigen Tun die Krone aufgesetzt hat? Frag' doch
+erst einmal an, bevor du für das unzurechnungsfähige Geschöpf Partei
+ergreifst!«</p>
+
+<p>»Ich ergreife durchaus nicht Partei. Wenn meine Tochter sich als
+unzurechnungsfähig erweist, so ist mir das gewiß ein bitteres
+Vaterleid. Aber ich wiederhole, wie schon so oft: sie steht als deine
+Frau nicht unter meiner, sondern unter deiner Obhut.«</p>
+
+<p>»Obhut!« rief der Alte mit einem gellenden Lachen. »Obhut! Über eine
+Irrsinnige, wie?«</p>
+
+<p>»Ist das auch die Ansicht des Ehegatten?« fragte Kornelius Vanderwelt
+hart.</p>
+
+<p>»Ja, ja, und sooft du willst, ja!« schrie ihm der Jüngere ins Gesicht.
+»Eine Größenwahnsinnige, die keinen Schritt hinter den Allerreichsten
+zurückbleiben will. O nein, die in allen Mode- und Narrenfragen die
+Führung haben muß, als liege das Geld zum Stehlen auf der Straße.
+Das Geld, das gute Geld. Das von mir und das vom Vater. Wo ist es
+geblieben? In die Luft geblasen hat es die Närrin!«</p>
+
+<p>»Wenn sie eine Närrin ist,« sagte Kornelius Vanderwelt, »so überführe
+sie in eine Anstalt. Wenn sie dir aber über den Kopf gewachsen ist und
+du bist nicht Mannes genug, ihr den Meister zu zeigen, so reiche die
+Scheidung ein. Anderes vermag ich dir nicht zu raten.«</p>
+
+<p>»Der Herr Vanderwelt scheint zu glauben, es handelte sich um eine
+Schneiderrechnung?« höhnte der Alte und hielt sich am Tischrand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span></p>
+
+<p>»Es handelt sich um ein Vermögen, das wir überhaupt nicht besitzen! Um
+mehr! Um mehr!«</p>
+
+<p>»Nenne mir die Summe.«</p>
+
+<p>»Hunderttausend Mark, Herr Vanderwelt! Hunderttausend Mark, wenn das
+reicht!«</p>
+
+<p>Als hätte die Ziffer eine schweigende Scheu hervorgerufen, so still
+wurde es im Zimmer.</p>
+
+<p>»Hier muß ein Irrtum vorliegen,« sagte Kornelius Vanderwelt endlich.
+»Solche Summe schießt man einer Frau Juliane Beckenried nicht vor.«</p>
+
+<p>»Wer spricht von einem Vorschuß? Bei Hinz und Kunz stand sie auf Borg,
+und um die lästigen Gläubiger los zu werden, hat sie an der Börse
+gespielt! Mit jedem ungewaschenen Lehrling und jedem überspannten
+Nähmädel hat sie sich in eine Reihe gestellt, um Geld im Schlafe zu
+verdienen. Nur, daß Frau Juliane Beckenried, geborene Vanderwelt, auf
+ihren Namen hin größere Summen wagen durfte. Und dann ist die Karte an
+einem schwarzen Börsentage falsch herumgeschlagen, und die Bank drängt
+auf die Regelung der Verbindlichkeiten. Das ist der Zusammenbruch.«</p>
+
+<p>»Hunderttausend Mark,« wimmerte der Alte. »Ein Elendleben umsonst
+gelebt. Dieser Vampir — —«</p>
+
+<p>»Nicht mehr sehen will ich sie!« stöhnte der Jüngere auf. »Aber das
+Geld will ich retten.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt kämpfte einen kurzen Kampf. »Wo sind die Belege?«
+fragte er.</p>
+
+<p>»Hier, hier, hier!« und der jüngere Beckenried schlug die Papiere
+heftig auf den Tisch.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt nahm sie auf und las sie aufmerksam durch. Eine
+feine Röte kreiste auf seinen Wangen.</p>
+
+<p>»Die Abrechnungen stimmen,« sagte er so leise, als<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> spräche er mit
+sich selbst. »Zwar wird es der Bank nicht möglich sein, die Zahlungen
+zu erzwingen, da sie ohne Befragen des Ehegatten gehandelt hat —«</p>
+
+<p>»Klug wie ein Fuchs! Und die geschäftliche Stellung der Beckenrieds?
+Natürlich ist das ein Pappenstiel!«</p>
+
+<p>»Ich habe nicht mit <em class="gesperrt">dir</em> gesprochen, sondern mit <em class="gesperrt">mir</em>,
+Klaus Beckenried. Und ich gestatte mir, weiter mit mir zu sprechen.
+Die Bank weiß sehr wohl, daß sie verschwiegen und zuvorkommend sein
+muß, wenn sie schadlos befriedigt sein will. Hunderttausend Mark
+schüttet in dieser schweren Geschäftszeit kein Mensch aus dem Ärmel.«</p>
+
+<p>»Wer soll sie denn befriedigen? Wer, wer, mein Gott?«</p>
+
+<p>»Ich,« sagte Kornelius Vanderwelt.</p>
+
+<p>»Sie —?«</p>
+
+<p>»Ich werde für die Befriedigung der Bank sorgen, in dem Augenblick,
+in dem Sie, Herr Klaus Beckenried — Sie gestatten, daß ich das
+irreführende Du unterlasse — in keiner Weise mehr als mein
+Schwiegersohn zu gelten wünschen. Dann.«</p>
+
+<p>»Soll das heißen: wenn ich die Scheidung von Ihrer Tochter Juliane
+vollzogen habe —?«</p>
+
+<p>»Von meiner Tochter Juliane und von meinem Enkel Martin. Das soll es
+heißen.«</p>
+
+<p>»Der Junge kommt hier überhaupt nicht in Betracht. Er steht ganz
+außerhalb unserer Verhandlungen.«</p>
+
+<p>»Sie dürfen es sich überlegen, ob Sie die Verhandlungen scheitern
+lassen wollen.«</p>
+
+<p>»Scheitern? Scheitern? Kein Mensch spricht davon. Aber ich frage Sie,
+was wollen Sie um Himmels willen mit dem Jungen?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt blickte über die ratlosen Männer hinweg in eine
+nebelhafte Ferne, die aufleuchtete, je stärker die Dunkelheit um ihn
+her wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span></p>
+
+<p>»Ich weiß es nicht,« sagte er leise. »Ich weiß nur, daß es auch nicht
+einen vertraulichen Berührungspunkt zwischen uns mehr geben soll. Sie
+haben rücksichtslos genug gegen mich gekämpft. Nicht erst seit heute.
+Nehmen Sie an, der Geschäftsmann in mir regte sich und wollte bezahlt
+sein. Mit dem Jungen. Mir ist er ähnlich, und er hat mein Blut. Er
+soll nicht gegen den Namen Vanderwelt eingenommen werden.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt —!«</p>
+
+<p>»Es eilt mir nicht. Sie dürfen es sich in Ruhe überlegen. Ich stehe in
+jedem Punkte bei meinem Wort.«</p>
+
+<p>Der alte Beckenried näherte sich ihm flüsternd.</p>
+
+<p>»Wissen Sie denn, daß Ihr Bankguthaben diese Belastung gar nicht mehr
+verträgt?«</p>
+
+<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein, Beckenried. Aber damit Sie in dieser
+Nacht ruhiger schlafen können, als Sie es noch vor einer Stunde
+geglaubt haben, will ich Ihnen verraten, daß ich mein Haus zum Pfand
+setze mit allem, was darinnen ist.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt!« stammelte der Alte erschrocken.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt!« stammelte der Sohn und trat staunend einen Schritt
+zurück. »Das ist — das ist Güte, statt Haß.«</p>
+
+<p>»Werden Sie nicht weichlich. Güte! Güte kann unter Umständen ein
+schlimmeres Ding als Rache sein. Aber das verstehen Sie wohl nicht.«</p>
+
+<p>»Sie wollen mich mit Ihrer Güte zur Verzweiflung treiben,« murmelte
+der Sohn. »Mir wächst die Unterhaltung über den Kopf. Ich sehe nicht
+mehr, was das Rechte und was das Falsche ist. Als Kaufmann muß ich den
+klaren Blick bewahren.«</p>
+
+<p>»Den Martin,« gebot Kornelius Vanderwelt. »Er gilt Ihnen nicht genug,
+denn Sie haben sich nicht auf der Stelle<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> entscheiden können. Die
+Antwort können Sie auf morgen verschieben.«</p>
+
+<p>»Sie sollen sie morgen wissen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube nunmehr, meine Herren, daß wir uns zur Sache nichts mehr
+zu sagen haben. Gehen Sie getröstet heim und bereiten Sie für morgen
+alle Urkunden vor. Guten Abend.«</p>
+
+<p>Vater und Sohn Beckenried verbeugten sich stumm und schritten zur
+Tür. Noch einmal wandte sich Klaus Beckenried auf der Zimmerschwelle
+um, und sein verwirrter Blick traf in das lächelnde Auge des
+Nachschauenden.</p>
+
+<p>»Es war einmal ein begeisterungsvoller Jüngling, Klaus Beckenried,
+der von der Liebe bis zum Tode schwärmte. Es war in diesem Zimmer,
+und seine Jugend machte ihn zum Dichter. Suchen Sie ihn, bis Sie ihn
+wiederfinden, und wenn Sie ein alter Mann darüber werden sollten. Gute
+Nacht.«</p>
+
+<p>Die Türe schloß sich.</p>
+
+<p>Er dachte: Es ist gut, daß ich den ganzen Schmutz der Angela nicht
+noch einmal zu wiederholen brauche. Und er rief: »Komm nur herein,
+Engel. Ich bin ganz allein.«</p>
+
+<p>Ein paar Atemzüge lang stand sie in der Verbindungstür. Ihre Augen
+flogen über ihn hin. Wie hager im Kampf sein Gesicht geworden war, wie
+grau seine Schläfe. Und wie hell und leuchtend seine Augen geblieben
+waren.</p>
+
+<p>Sie warf sich an seine Brust und drückte den Kopf gegen sein Herz.</p>
+
+<p>»Ja, Engel, es wird nun alles ein bißchen anders werden. Der Riemen
+schnallt sich enger um den Leib.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte mit einer wilden Bewegung den Kopf. Ihre Augen
+funkelten ihn an.</p>
+
+<p>»Nie habe ich dich so geliebt. Nie, nie. Die Zwerge glaubten dich auf
+dem Boden zu haben. Auf ihrem platten<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Boden. Wegen eines Sackes Geld.
+Ach du! Ach, wie hast du sie gedemütigt. Wie hast du den Zaun zwischen
+dir und ihrer Angst und Gier aufgerichtet. Wie ein Riese recktest du
+dich auf, und ich wollte zu dir, an deinen Hals, und schreien: ›Ich
+gehöre zu ihm! Ich! Ich! Ich!‹«</p>
+
+<p>»Mach' mich nicht stolz. Der eine des Namens hat seinen Körper, die
+andere das Geld, wieder der andere seine Seele vergeudet. Was bleibt
+von Kornelius Vanderwelt und seinem Werk?«</p>
+
+<p>»Eine Seele«, sagte sie hastig, »ist so unermeßlich und unergründlich,
+daß kein Mensch sie vergeuden kann. Deine Seele wird noch die Augen
+aufschlagen, wenn wir längst nicht mehr sind. Aus hellen Augen wird
+sie um sich schauen, aus Augen, die so leuchtend und kühn sind wie die
+deinen. Nie, nie habe ich dich so sehr geliebt ...«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt strich ihr das Haar aus der Stirn.</p>
+
+<p>»Es wird allmählich Nacht, Engel, und wir werden schlafen gehen
+müssen. Aber wenn ich vorhin dich bat: ›Mach' mich nicht stolz,‹ so
+möchte ich diese Worte widerrufen. Doch, Engel, doch, mach' mich immer
+noch stolzer. Bald habe ich nichts mehr auf der Welt als diesen Stolz.
+Auf dich, Engel, auf dich. Und er reicht aus, um mein ganzes Leben
+aufzuwiegen.«</p>
+
+<p>Sie aber streichelte unaufhörlich sein hager gewordenes Gesicht, seine
+grau gewordenen Schläfen. — —</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="9">9</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es hatte in diesen Tagen Frau Ausdemwerth, die Mutter Antonies, das
+Zeitliche gesegnet. Die fröhliche Frau, die in Julianes Kinderzeit
+den überwältigenden Ausspruch getan hatte, es gäbe nur einen Mann in
+Ruhrort, und die anderen seien Kohlentrimmer. Ihr Nachlaß bestand
+aus der Wohnungseinrichtung, denn ihr einst reiches Vermögen hatte
+die Geldentwertung der Nachkriegszeit verschlungen; doch ehe Thomas
+und Antonie Vanderwelt daran denken konnten, sich in den herrenlos
+gewordenen Zimmern auszudehnen, war Juliane, ihren Sohn Martin an der
+Hand, als Heimatlose erschienen, um sich fürerst in Frau Ausdemwerths
+Räumen einzunisten.</p>
+
+<p>»Ich lege dir meine Bewunderung zu Füßen,« gestand ihr der Bruder
+Thomas. »Du beutest nicht nur die Lebenden aus, du weißt sogar aus den
+Toten noch Vorteile zu ziehen. Geh ein in Frieden.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt empfing die Schwägerin und Jugendfreundin mit dem
+ganzen Gefühlsüberschwang, der den Frauen gelockerter Art gemeinsam
+ist.</p>
+
+<p>»Ach Liebste, Ärmste, bist du dem tobsüchtigen Menschen endlich
+entgangen? Gott verzeih' ihm seine Schlechtigkeit, ich bringe es nicht
+zuwege. Der wäre imstande gewesen und hätte dich verhungern lassen.«</p>
+
+<p>»Wie ich aussehe, Antonie! Als wäre ich aus dem vorletzten Jahre
+übriggeblieben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
+
+<p>»Nun,« ermutigte die Freundin und drehte sie an den Armen prüfend im
+Kreis, »vielleicht aus dem letzten Pariser Jahre. Für Ruhrort und
+Umgebung bist du noch ein gutes Jahr vor.«</p>
+
+<p>»Gottlob!« seufzte Juliane auf. »Dieser rasende Klaus hat mich ja so
+gut wie mittellos gemacht.«</p>
+
+<p>»Aber er hat dir den Martin gelassen! Geschehen denn noch Wunder?«</p>
+
+<p>»Er kann das Vanderweltsche Blut nicht mehr ertragen, sagt er. Und
+der Martin? Sieh dir den Jungen an! Ist er nicht Zug für Zug der
+Großvater, der Großvater Kornelius Vanderwelt, von dem deine Mutter
+einmal sagte — o mein Gott, Antonie, ich habe dir noch gar nicht
+meinen Schmerz zu ihrem frühen Heimgang ausdrücken können und tu' es
+hiermit von Herzen.«</p>
+
+<p>»Innigen Dank, Juliane. Wir sind alle sterblich, und wer weiß, wann
+<em class="gesperrt">wir</em> an der Reihe sind.«</p>
+
+<p>»Wir haben noch große Pflichten an unseren Söhnen zu erfüllen,
+Antonie, vergiß das bitte nicht.«</p>
+
+<p>»Ja, der kleine Nikolaus, Juliane. Es geht ihm wie deinem Martin: Zug
+um Zug der Großvater. Und klein sind die schlanken Bengel auch nicht
+mehr. Die Mädchen schauen sich schon nach ihnen um.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt lag im Streckstuhl und freute sich über die Maßen an
+der Tiefe und Gründlichkeit der Unterhaltung.</p>
+
+<p>»Könntest du dich nicht ein wenig zusammennehmen, Thomas? So kurz nach
+Mamas Tode!«</p>
+
+<p>»Ich freute mich nur so herzlich, weil <em class="gesperrt">ich</em> noch nicht
+gestorben bin und Zeuge eures furchtbaren Schmerzes sein darf. Wie
+muß er erst losbrechen, wenn er dem liebsten Gatten gilt! Verzeih,
+Herzensschwester, es sollte keine Unzartheit gegen deinen Klaus
+bedeuten, als ich von der<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> Gattenliebe sprach. Aber wenn erst einmal
+das Bettzeug geteilt ist, habe ich mir sagen lassen, ist auch der
+Schmerz geteilt und die Freude umso größer.«</p>
+
+<p>»In solchen und ähnlichen unziemlichen Redensarten gefällt sich dein
+Herr Bruder, solange ich seine Frau bin.«</p>
+
+<p>»Meine Frau,« wiederholte Thomas Vanderwelt und verbeugte sich aus
+seinem Stuhle heraus.</p>
+
+<p>»Ich finde auch,« entrüstete sich Juliane, »daß er unartig genug
+gegen wehrlose Frauen ist. Wir wollen in mein Zimmer gehen, damit wir
+ungestört und unter uns sind.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt lachte belustigt in sich hinein.</p>
+
+<p>»Fünf Minuten befindet sie sich in einem fremden Hause, und schon
+geht sie ›in ihr Zimmer‹ und lädt dahin ein. Sollte es bei jungen
+Vanderwelts noch lustiger werden können als bisher? Doppelt lustig?«</p>
+
+<p>Juliane aber war klug genug, sich zurückzuhalten, solange das
+Auseinandersetzungsverfahren mit ihrem Gatten schwebte. Nur so
+erhoffte sie die Hilfe ihres Vaters. Und die beiden Frauen waren mehr
+miteinander zusammen, als es Thomas hätte lieb sein können, wäre er
+nicht Thomas gewesen.</p>
+
+<p>»Ich bin gespannt,« murmelte er, »ich bin äußerst gespannt. Eine
+Mitspielerin mehr ändert jedes Bild und jede Berechnung. Über
+Langweiligkeit brauche ich mich nicht zu beklagen.«</p>
+
+<p>Die Scheidungsangelegenheit wurde seitens des Hauses Beckenried mit
+Nachdruck betrieben, und da keine der beiden Parteien Schwierigkeiten
+machte, durch Entgegenkommen zur schnelleren Lösung beizutragen, so
+schritt das Verfahren rasch dem Ende zu. Juliane zählte die Tage. Zur
+Frühjahrsmodenschau wollte sie wieder zu den Mitwirkenden rechnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span></p>
+
+<p>Häufiger als sonst erschienen in dieser Zeit die Enkel bei Kornelius
+Vanderwelt. Es war, als ob sie es fühlten, daß dem Großvater Gewalt
+angetan wurde, und darüber hinaus, als ob sich ihre Jungengemüter von
+dem Verdachte reinigen wollten, selbstsüchtige Teilnehmer zu sein.</p>
+
+<p>Das las Kornelius Vanderwelt hinter ihren heißen Stirnen, als sie
+nach wenigen Tagen zum zweiten Male vor ihm erschienen und ihm ihre
+Aufsatzhefte vorlegten. Die Note ›Sehr gut‹ kehrte in den Heften
+beider mit lückenloser Regelmäßigkeit wieder.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt griff in die Westentasche und holte ein paar
+silberne Markstücke hervor. Die Jungen gewahrten es mit purpurroten
+Köpfen.</p>
+
+<p>»Darum haben wir es nicht getan, Großvater,« versicherten sie
+erschrocken. »Wir hatten nur gedacht, es machte dir Freude.«</p>
+
+<p>»Heule ich denn vielleicht, ihr blinden Hessen?«</p>
+
+<p>»Wir sind ja gar keine Hessen, wir sind Rheinfranken, Großvater!«</p>
+
+<p>»Wer sagt euch das? Auch Wikinger haben hier gesessen, aus Norwegen
+und von den dänischen Inseln. Echtes Germanenblut, Jungens. Und so
+sorgt, daß ihr über die Rheinfranken hinaus Deutsche werdet.«</p>
+
+<p>»Das sind wir doch schon, Großvater?« fragten die Jungen verwundert.</p>
+
+<p>»Man hat es euch vorgeredet,« sagte Kornelius Vanderwelt. »Das wahre
+Deutschland ist immer noch nicht aufzufinden. Seit eine Geschichte
+besteht, wird es gesucht. Und wenn man so nahe herangekommen ist,
+daß man es greifen könnte, stellt hurtig einer dem anderen ein Bein,
+daß er in den Dreck hinschlägt, und der andere reißt den einen am
+Rockzipfel schleunigst mit in die Pfütze.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span></p>
+
+<p>»Weshalb sind sie denn so töricht, Großvater, wenn sie wissen, sie
+müssen mit hinein?«</p>
+
+<p>»›<em class="antiqua">Propter invidiam!</em>‹ sagten schon die römischen Eroberer
+von den Deutschen. Aus gemeinem Neid. Aus Neid auf die Größe des
+Nachbarn ließen sie eher die Römer das Land erobern, als sich dem
+Nachbar als dem Führer zu unterstellen. Baute in den Städten ein
+Bürger einen hohen Giebel, so trieb ein Dutzend andere der fressende
+Neid, noch viel höhere zu bauen, und wenn ihr Haus schmal war wie ein
+Schwindsüchtiger. Und bringt es in deutschen Landen ein Mann zu Ehren,
+so ruht die Scheelsucht nicht, bis ein Trüpplein zusammengebracht
+ist, das mit Stricken und Stangen loszieht. <em class="antiqua">Propter invidiam</em>,
+ihr jungen Lateiner, vergeßt es nicht. Und geht dem deutschen Erbübel
+zu Leibe und bei euch selber zuerst. Eher bringen wir es nicht zu
+einem großen und stolzen Volk, als bis die Bausteine die Ecksteine
+gelten lassen und nicht jeder Neidhund ihn besudelt, weil er just
+nicht derselbe Eckstein geworden ist. Und was vom einzelnen gilt, gilt
+von der Vielheit, gilt vom deutschen Volk. <em class="antiqua">Propter invidiam.</em>
+Erwürgt den Drachen der deutschen Zwietracht, Jungens, wenn ihr
+Deutsche werden wollt!«</p>
+
+<p>»Und — Dichter und Künstler möchten wir werden. Dürfen wir das?«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt lachte, und seine Hand warf ihnen das dichte Haar
+durcheinander.</p>
+
+<p>»Ich möcht's euch schon gönnen, Jungens. Aber dazu heißt's lernen
+und mitten im Leben stehen, den Bauernburschen begreifen und den
+Fürstensohn, das windige Mädchen und die große Frau, den Toren wie
+den Weisen. Alles Menschliche erfassen und doch abseits genug gehen,
+um vom allzu Menschlichen nicht erdrückt zu werden. Nicht aus Furcht
+vor dem Neid. Der findet euch, und wenn ihr<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> beide auf zwei einsamen
+Spitzen des Himalaja säßet. Nur ihr selber sollt dem Neide nie
+Raum geben, denn der Neider und der Ehrabschneider hocken wie zwei
+Giftblüten in dem gleichen Gezweig.«</p>
+
+<p>Als die Osterferien anbrachen, klingelten die Knaben am
+großväterlichen Haus, bevor sie ihre Schulzeugnisse daheim vorgezeigt
+hatten. Angela Freydag öffnete ihnen. »Versetzt?« fragte sie. Und als
+die Knaben nur hastig nickten, weil ihnen die Kinderfreude den Atem
+verschlug, breitete sie schnell die Arme aus und nahm die Beglückten
+an ihr warmes Herz.</p>
+
+<p>»Geht zum Großvater hinein. Er kann viel Freude vertragen. Und keiner
+hat sie verdient wie er.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt war jetzt viel zu Hause. Die wenigen laufenden
+Geschäfte zu erledigen, hielt nicht schwer, und an den Wiederaufbau
+wollte er erst herangehen, wenn die Abrechnungen mit den Beckenrieds
+vollzogen und die Herren ausgeschieden wären. Die Anspannung seiner
+ganzen Willenskraft gehörte dazu, den Anblick der wehleidigen
+Geldanbeter zu ertragen, und seine vollblütige Natur litt stärker, als
+er selber es wußte, in den Geschäftsstunden, in denen er den Vortrag
+des älteren Beckenried entgegenzunehmen hatte.</p>
+
+<p>Er wandte sich um, als Angela Freydag die Knaben ins Zimmer ließ. Die
+heißen Augen unter den graugewordenen Brauen funkelten sie an. Diese
+Augen waren der Enkel Erschauern und Stolz.</p>
+
+<p>»Untertertianer, Großvater,« meldeten sie und standen stramm.</p>
+
+<p>»Ihr macht wohl Witze? Quintaner, meint ihr! Also dann Quartaner! Ihr
+tut's nicht anders? Ihr bleibt dabei? Untertertianer? Mein Gott, seid
+ihr über Nacht eine Handbreit gewachsen oder beginne ich in die Grube
+zu sinken?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span></p>
+
+<p>»Wir sind gewachsen, Großvater. Du sinkst noch lange nicht.«</p>
+
+<p>»Nein, solange ihr wachst, kann ich nicht sinken. Enkel und Großvater
+in eins bilden erst das geheimnisvolle Ganze. Die eigenen Kinder
+stehen einem zeitlich zu nahe und bilden nur die Übergangsform.«</p>
+
+<p>Er setzte sich in seinen Arbeitsstuhl und ließ die Beförderten
+antreten. Rechts und links seiner Knie hielt er einen Jungen im Arm,
+und seine Augen wanderten prüfend von einem zum anderen.</p>
+
+<p>»Sag' mal deine Zeugnisnoten her, Martin.«</p>
+
+<p>»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut,
+Mathematik mangelhaft.«</p>
+
+<p>»Und du, Nikolaus.«</p>
+
+<p>»Deutsch, Geschichte, Erdkunde sehr gut, fremde Sprachen gut,
+Mathematik mangelhaft.«</p>
+
+<p>»Schreibt ihr voneinander ab?«</p>
+
+<p>»Nur in der Mathematik, Großvater.«</p>
+
+<p>»Null plus Null gibt wiederum Null. Also würde ich's lassen und die
+Zeit nutzbringender anwenden. Euer Lehrer kann wohl selber keine
+Mathematik?«</p>
+
+<p>»Er kann <em class="gesperrt">schon</em>, Großvater, aber er kann nicht begreifen, daß
+wir nicht geradesoviel können.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt lachte behaglich über sie hin.</p>
+
+<p>»Freut euch, Jungens, denn wenn ihr geradesoviel könntet, würde er das
+wieder für unbegreiflich halten.«</p>
+
+<p>So fand sie Angela Freydag. Die Jungen dicht an die Knie des Alternden
+gedrängt, und unter den drei Augenpaaren Kornelius Vanderwelts
+Augenpaar das leuchtendste.</p>
+
+<p>»Komm her, Engel, und sag' mir, ohne nach der Jacke zu schielen: wer
+ist der Martin und wer ist der Nikolaus?«</p>
+
+<p>»Ich will ihnen lieber allen beiden einen Kuß geben,<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> weil sie die
+Enkel Kornelius Vanderwelts sind. Und nichts weiter.«</p>
+
+<p>»Engel, kann ein Großvater nicht sein eigener Enkel sein? Ich möcht'
+es meinen.«</p>
+
+<p>Und sie küßte sein geliebtes Gesicht mit den Augen.</p>
+
+<p>»Habt ihr einen Ferienwunsch?« fragte er mit weicher Stimme. »Sagt ihn
+auf.«</p>
+
+<p>»Im Düsseldorfer Theater werden die Klassiker gespielt, Großvater.
+Dürfen wir einmal hin?«</p>
+
+<p>»Ich schenke jedem von euch zwanzig Reichsmark. Dafür dürft ihr das
+Theater besuchen, solang das Geld reicht. Wie ihr nach Düsseldorf
+kommt und nach Ruhrort zurück, ist eure Sache.«</p>
+
+<p>»Wir laufen zu Fuß, Großvater, und nachts kriechen wir auf einen
+Ruhrorter Kahn, der eine Düsseldorfer Nacht macht, und kommen mit ihm
+zu Tal. Alle Schiffer kennen uns.«</p>
+
+<p>»So habe ich mir's gedacht,« sagte Kornelius Vanderwelt, zog ihre
+Köpfe an seine Schläfen und schickte die Beglückten nach Hause. Er
+blickte ihnen nach, als blickte er seiner Jugend nach.</p>
+
+<p>In den Osterfeiertagen rührte er sich nicht aus dem Hause. Besucher
+wurden abgewiesen, der Fernsprecher blieb abgestellt. »Erst wenn man
+älter wird,« meinte er zu Angela Freydag, »liebt man in den Sonn-
+und Festtagen die Ausruhetage. Als ich jung war, war mir der Sonntag
+verhaßt, weil spornstreichs der Montag folgte. Der Montag mit dem
+geängstigten Schülergewissen. Eigentlich fürchtet sich doch der Mensch
+vor irgend etwas von der Geburt bis zum Tode. Das ist sehr kläglich.«</p>
+
+<p>»Du sprichst doch nicht von dir, Kornelius? Es gibt Menschen, die kein
+Alter besitzen. Sie sind da oder sie sind <em class="gesperrt">nicht</em> da, und du
+gehörst zu ihnen. Und wissen möcht' ich,<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> wann dein Wildlingsblut sich
+vor irgend etwas gefürchtet hätte.«</p>
+
+<p>»Na, Engel, unangenehm war's mir doch, wenn der Lehrer sich vor der
+ganzen Klasse mühte, mich über die Bank zu ziehen. Ich hatte nun mal
+diese turnerischen Übungen nicht gern, und der Lehrer wußt' es und tat
+es doch. Da mußte er mitturnen.«</p>
+
+<p>»Das war eine Abneigung, Kornelius, aber keine Furcht. Im Gegenteil:
+die Rauferei kam dir zuweilen gewiß nicht einmal ungelegen.«</p>
+
+<p>»Wenn ich in den lateinischen Regeln nicht vorbereitet war oder in den
+französischen unregelmäßigen Verben. Dann ging die Zeit flotter hin.«</p>
+
+<p>»Siehst du? So sah ich dich vor mir. Aber gefürchtet hat sich weder
+der kleine Kornelius noch der große.«</p>
+
+<p>»Engel, du kannst einem den Übergang leicht machen. Ich habe verkaufen
+müssen, Engel.«</p>
+
+<p>Sie nahm seine Hand von der Stuhllehne und legte sie zwischen ihre
+warmen Hände. Seine Hand war kalt, und er sollte es nicht wissen.</p>
+
+<p>»Solange du <em class="gesperrt">mich</em> nicht verkaufen mußt, Kornelius — und tust
+du es, wie ein Wolfshund bräch' ich aus und nähm deine Witterung auf
+und suchte dich wieder, und wenn du dich am Ende der Welt versteckt
+hieltest.«</p>
+
+<p>»Gegen was sollte ich dich wohl verkaufen, Engel? Gegen meiner Seele
+Seligkeit, wie es in den Märchenbüchern heißt? Ach, Engel, du bist
+ja meiner Seele Seligkeit, und mein Verstand ist noch nicht aus den
+Fugen. Ich habe dies Haus verkauft, in dem wir heute zum letzten Male
+die bunten Ostereier auf den Schüsseln sehen, und da es lächerlich
+wäre, in Hemdärmeln im Wagen zu sitzen oder in Frackhosen am Steuer zu
+stehen, so habe ich auch den Wagen verkauft und auch die Jacht auf dem
+Rhein, Engel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span></p>
+
+<p>»Wann müssen wir unsere Siebensachen packen, Kornelius? Oder sind es
+keine Siebensachen mehr?«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, der künstlerische Teil der Einrichtung bleibt uns
+erhalten. Und wenn nicht, so bleibt mir doch das größte Kunstwerk
+Gottes: Du. Darum: laß fahren nur dahin. Ich habe drei Monate Zeit,
+um mir eine Wohnung zu suchen. Irgendwo wird sich schon ein stiller
+Unterschlupf für uns finden. Eine Art Flüchtlingslager, Engel, von dem
+aus wir den neuen Eroberungsmarsch vorbereiten.«</p>
+
+<p>»Siehst du nun, daß du das Fürchten nicht kennst?«</p>
+
+<p>»Vor wem sollte ich mich denn fürchten? Doch nicht vor dem lieben
+Wettbewerb? Es ist keiner darunter, der über meine sechs Fuß mißt. Ich
+bitte, meine Bescheidenheit zu beachten, mit der ich das reingeistige
+Gebiet außer Betracht lasse.«</p>
+
+<p>Da lachte sie, und ihre Augen blitzten ihn an.</p>
+
+<p>»Seit ich dich traf, Kornelius, und ich weiß heute nicht mehr, wartete
+ich auf der Landstraße auf dich oder kamst du dahergefahren, um mich
+zu holen — jedenfalls hast du seit jenen Tagen den Begriff der Furcht
+von mir genommen. Überhaupt — wir fürchten uns vielzuviel. Wir werden
+wahllos in der Furcht erzogen vor dem Guten und vor dem Schlechten.
+In der Furcht vor den Eltern. In der Furcht vor dem Herrn Lehrer. In
+der gleichen Furcht vor dem lieben Gott und dem bösen Teufel. Und in
+der ganz schrecklichen Furcht vor dem Polizeibeamten, und wenn er nur
+auffordert, den Schnee zu schippen.«</p>
+
+<p>Seine Hand klopfte die ihre. Beifällig, wie man ein kluges Kind
+belohnt.</p>
+
+<p>»Prachtvoll verstehst du es, unseren scharfkantigen
+Gesprächsgegenstand in philosophische Watte zu wickeln, Engel. Laß gut
+sein, Herzgeschöpf. Ob wir auch in warmer<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> Weltweisheit <em class="gesperrt">baden</em>,
+unter den kalten Kranen müssen wir zum Schluß doch zurück, und er
+heißt: Verkauf.«</p>
+
+<p>»Kornelius,« sagte Angela Freydag und entblößte hohnvoll die starken
+Zähne, »glaubst du, die Wiederholung würde mich stärker erschüttern?
+Oder möchtest du, daß wir doch noch das Gruseln lernten und uns
+jammernd um den Hals fielen? Du willst mich auf die Probe stellen, ich
+merk' es wohl, und ich frage mich nur: durch welches Vergehen habe ich
+das verdient? Verkaufen? Wiedererobern wollen wir! Wiedererobern! Wir
+wollen jung bleiben und nicht altern. <em class="gesperrt">Das</em> ist der Wille.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt legte ihr den Arm um die Schulter. Eine Weile
+saßen sie schweigend beieinander. Und dann sagte Kornelius Vanderwelt:
+»Es ist wie bei einem Zahnradgestänge. So sicher setzt es ein. An dem
+Punkte, an dem Männer ermüden, erwachen die Frauen.«</p>
+
+<p>»Du bist ja so wach wie ich, Kornelius. Und unsere Wachheit wollen
+wir benutzen, den Dingen in die Augen zu sehen. Zähl' auf, was du
+verkaufen mußt oder verkaufen willst, und mit jedem ausgesprochenen
+Wort sackt das aufgeblasene Gespenst in sich zusammen.«</p>
+
+<p>»Dann wäre es schon einfacher, Engel, ich zählte auf, was ich nicht
+verkaufen muß. Als Hauptbestand: zwei Frachtkähne, die ich vor Jahren
+von windigen Schiffern übernehmen mußte. Sie sind von Fahrt zu Fahrt
+vermietet. Verheuert, wie es in der Schiffersprache heißt. Wenn es mal
+ganz schlecht geht, stellen wir beide uns ans Steuer und gehen selber
+auf Fahrt.«</p>
+
+<p>»Ja, Kornelius. Und was bleibt außer dem Hauptbestand?«</p>
+
+<p>»Ich hätte es gar nicht ›Hauptbestand‹ nennen sollen. Aber das
+Vanderweltsche Blut hat leicht etwas Großartiges, und wenn es sich um
+Kohlenkähne handelt. Im<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> Geiste sah ich uns schon an Bord schreiten
+und die Hausflagge setzen und majestätisch von dannen gleiten bis zum
+fernen Wunderland Orplid, wo man unsere Steinkohlen für pures Gold
+gelten läßt.«</p>
+
+<p>»Und Kornelius Vanderwelt für den Kaiser der Welt.«</p>
+
+<p>»Und Angela Freydag für die Amazonenkönigin, zu der der Kaiser der
+Welt spricht: Ich, dein geliebter Untertan.«</p>
+
+<p>»Sprich nicht weiter,« murmelte sie. »Es ist zu schön.« Und sie wühlte
+ihren Kopf in seine Achsel.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelts Hand liebkoste ihren schimmernden Scheitel. Und
+während er fühlte, wie eine tiefe Wärme sein ganzes Wesen erfaßte und
+erfüllte, dachte er: nicht <em class="gesperrt">zu</em> schön, über <em class="gesperrt">alles</em> schön
+ist es, und so schön, daß man schon deshalb sein Hab und Gut verlieren
+möchte, um dafür diese Trösterin zu gewinnen. Wenn es am herbsten
+kommt, schlägt sie das Märchenbuch der Liebe auf und liest mitten
+hinein ein Kapitel daraus vor. Mit jedem Verluste, der mich trifft,
+werde ich reicher.</p>
+
+<p>»Kornelius —?«</p>
+
+<p>»Engel?«</p>
+
+<p>»Wie heißt es doch in der Feldherrnsprache? Getrennt marschieren und
+zusammen schlagen. Soll ich nicht wieder auf Konzertreise gehen und
+auch für meinen Teil Geld, viel Geld zu verdienen suchen. Und —«</p>
+
+<p>Sie kam nicht weiter. Seine Augen starrten sie wie entgeistert an.</p>
+
+<p>»Ist es schon so weit? Steht es schon so erbarmungswürdig um mich, daß
+ich die Frau auf den Hausierhandel schicken muß?«</p>
+
+<p>Sie preßte ihre Lippen auf seinen Mund. So fest, daß er nicht
+weitersprechen konnte.</p>
+
+<p>»Nein, Kornelius, ich brauch' nicht wieder fort? Ich bin dir jetzt ja
+noch viel nötiger. Denn wir werden allein hausen,<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> und ich werde deine
+Dienerin und du wirst mein Diener sein. Schau' dir nur meine Hände
+an, auf die du mich immer so eitel gemacht hast. Jahre werden dazu
+gehören, um sie wieder gelenkig zu machen und sie wieder zu schulen,
+daß sie gleichzeitig gehorchen und Befehle erteilen können. Nein,
+Kornelius, du mußt mich schon als Kugel am Bein mit dir schleppen.«</p>
+
+<p>»Du,« grollte er, »das sind Scherze, die tödlich verlaufen können.«</p>
+
+<p>»Wenn wir nur dabei der Liebe in die Augen sehen! Wer von den Narren
+der Welt kann das sagen ...«</p>
+
+<p>»Her mit deinen Augen! Her mit ihnen! Nein, mein Angela-Engel, mit
+einer Trennung ist es vorbei.«</p>
+
+<p>An diesem Tage sprachen sie nicht mehr von zeitlichen Geschäften.
+Sie blieben eng beieinander, und wenn sie durch das Zimmer schreiten
+mußten, berührte der eine den anderen heimlich mit der Hand.</p>
+
+<p>Am zweiten Ostertage rief Kornelius Vanderwelt Angela Freydag an
+seinen Schreibtisch.</p>
+
+<p>»Daß ich es nicht vergesse, Engel. Das Gasthaus zu den ›Fünf
+Erdteilen‹ ist dein Eigentum. Es war in der Zeit, als ich noch
+glaubte, das Trinken könnte mich dein Fernsein vergessen machen. Aber
+ich wollte nicht beim Matthes trinken, sondern nur auf des Engels
+Grund und Boden. So querköpfig hat mich das Alleinsein gemacht. Und
+als der Matthes Geld brauchte, kaufte ich ihm Haus und Grundstück ab
+und ließ es im Grundbuch auf deinen Namen schreiben. Morgen wollen wir
+aufs Amt und deine Unterschrift nachtragen.«</p>
+
+<p>»Muß das sein, Kornelius?«</p>
+
+<p>»Es ist bereits gewesen, Engel. Vor einem Dutzend Jahre, als du noch
+in Amerika weiltest. Der Wert der Giftmischerbude ist nur ein rein
+begrifflicher. Für uns beide, meine<span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span> ich. Von dort aus holte ich dich
+unter meinem Regenmantel im Triumphe ein. Ach, diese gottgesegnete
+Regennacht! Freilich, wird die Eckschenke einmal zugunsten eines
+Geschäftsgebäudes niedergelegt, so ist der günstig gelegene Platz sein
+Vielfaches wert.«</p>
+
+<p>»Ich brauche kein Geld, Kornelius, zum Klavierunterricht langt es auch
+mit steifen Fingern noch.«</p>
+
+<p>»Hältst du es für richtig, Engel, daß Kornelius Vanderwelts geliebte,
+geliebteste Frau sich nach seinem Tode in fremden Häusern herumdrückt
+und den Rangen die Nasen putzt? Dann können wir natürlich die Sache
+fallen lassen.«</p>
+
+<p>Sie stand an seinem Knie, reckte überlegen den Körper hoch und spannte
+die Hände um die Hüften.</p>
+
+<p>»Jetzt versucht es der große Räuberhauptmann, sein Opfer bei der Ehre
+zu fassen. Ich habe zwar nicht die Großartigkeit des Vanderweltschen
+Blutes, aber ich habe es ungezählte Jahre an meinem Herzen gefühlt und
+bin dadurch für die übrige Welt in Grund und Boden verdorben. Für die
+Kleinen und für die Großen in den fremden Häusern, du! Hörst du wohl?«
+Und sie griff ihm mit beiden Händen in sein Haar. »Hörst du es wohl,
+Kornelius? Auch ohne daß du den Tod heraufbeschwörst, tue ich, was du
+von mir verlangst. Und wenn ich die Wirtin in den ›Fünf Erdteilen‹
+spielen soll, so tue ich das auch für dich. Für dich. Und damit hört
+es auf.«</p>
+
+<p>»Ich spiele nicht mit dem Todesgedanken,« erwiderte ihr Kornelius
+Vanderwelt. »Man bestellt sein Haus gegen Diebstahl, Brand und
+Sterben, nur darf vom Sterben nicht gesprochen werden. Denn das ist
+unzart und bringt das Gefühl des Hörers in Verlegenheiten. Zum Teufel
+mit der falschen Rücksichtnahme. Der Überlebende muß wissen, wie er
+aus den Verlegenheiten herauskommt, um im Geist mit dem Verstorbenen
+vereint zu bleiben. Und wenn auch<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> die ›Fünf Erdteile‹ in ihrer
+augenblicklichen Verfassung nicht mehr als einen Erinnerungswert
+darstellen, niedergelegt und mitsamt dem Wirtschaftshof für ein
+hochherrschaftliches Kohlen- oder Eisenkontor freigelegt, und der
+Kaufschilling trägt eine Rente, die wenigstens vor dem Verhungern und
+dem Mitleid der Menschen schützt. Mehr verlange ich nicht.«</p>
+
+<p>»Ach, großer Hexenmeister, ich bin dir ja schon zu Willen.«</p>
+
+<p>Wie wenig Worte die beiden Menschen brauchten, um sich die veränderten
+Lebensverhältnisse nahezubringen. Es war — und war nicht anders.
+Darum lag an der Würde der Anpassung mehr als an jedem Wort.</p>
+
+<p>Die weiße Motorjacht war in den Besitz eines Düsseldorfer Sportsmannes
+übergegangen und hatte bereits den Heimathafen gewechselt. Den Wagen
+hatte ein Kölner Autohaus übernommen und nun auch schon abgeholt. Der
+Fahrer Wilm stand vor seinem Herrn.</p>
+
+<p>»Wilm,« sagte Kornelius Vanderwelt, »zuerst mal Ihre Hand. Keinem hab'
+ich so vertraut wie Ihnen. Keiner war es so wert. Mit Ihnen stirbt
+einmal ein ganzes Geschlecht aus. Das Geschlecht der Schweigenden. Und
+dann besteht das Leben nur noch aus dem Allgemeinheitsbrei. Haben Sie
+noch einen Wunsch, Wilm?«</p>
+
+<p>»Jawohl, Herr Vanderwelt. Wieder bei Ihnen angestellt zu werden, wenn
+der Wind beidreht.«</p>
+
+<p>»Und bis dahin —?«</p>
+
+<p>»Bis dahin möchte ich Ihre beiden Frachtkähne heuern, Herr Vanderwelt,
+wenn's erschwinglich ist.«</p>
+
+<p>»Haben Sie denn eine Schifferprüfung gemacht, Wilm? Man läßt nicht
+einen jeden auf dem Rheine gondeln.«</p>
+
+<p>»Schon vor zwanzig Jahren, Herr Vanderwelt. Mein Vater war
+Partikülier. Sein Kahn liegt im Binger Loch. Es kann höchstenfalls
+eine Nachprüfung verlangt werden. Die erledige ich im Schlaf.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
+
+<p>»Melden Sie sich morgen zur Nachprüfung. Die Kähne können Sie sofort
+übernehmen. Glückauf!«</p>
+
+<p>»Glückauf, Herr Vanderwelt. Und ich dank' auch für all Ihr Vertrauen.«</p>
+
+<p>Und nun wurde auch der stille schöne Vanderweltsche Besitz in der
+Rheinallee zugunsten des Bankhauses aufgelassen. Kornelius Vanderwelt
+war in den Räumen, die die Marke seines Lebens trugen, nur noch
+ein Geduldeter. Man hatte ihm die Wohnerlaubnis gelassen bis zur
+Ermittlung einer anderen, seinen Wünschen entsprechenden Wohnung. Aber
+er fühlte sich nicht mehr wohl in den Räumen, die einem fremden Herrn
+unterstanden, und die Dienstboten waren bis auf ein Mädchen entlassen.
+Weniger noch zog ihn das Geschäftskontor an. In zwei, drei Wochen
+sollte an Gerichtsstelle die Scheidung der Ehe Klaus Beckenrieds von
+Juliane, geborenen Vanderwelt, ausgesprochen werden. Mit diesem Tage
+würden Vater und Sohn Beckenried endgültig das Geschäft verlassen.</p>
+
+<p>»Wo bist du, Engel? Was tust du jetzt den ganzen Tag in der Küche?«</p>
+
+<p>»Ich koche.«</p>
+
+<p>»Ich hätt' es mir eigentlich denken können. Nicht etwa, weil man in
+der Küche kein Klavier zu spielen pflegt, sondern weil sich unsere
+Mahlzeiten überraschend verbessert haben. Dein tiefer Knicks soll mich
+wohl ausspotten? Spotte du nur, aber koche so weiter.«</p>
+
+<p>Es war ein Maientag voll Sonnengold und weicher, schmeichelnder
+Wärme. Über die Wasser des Rheins lief ein Glitzern, als hätte eine
+Frauenhand darüber hingestrichen und die Wasser erbebten vor ihrem
+eigenen Glanz. Kornelius Vanderwelt kam vom Hafen herauf und trat zu
+ungewohnter Stunde in sein Haus.</p>
+
+<p>Er traf auf eine kräftige Frauengestalt im weißen<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> Schürzenkleid,
+das Haupt zum Schutz der Flechtenkrone mit einem weißen Handtuch
+turbanartig umwunden. Auf einer Leiter stand sie in seinem
+Arbeitszimmer und stäubte hurtig die Bilderrahmen.</p>
+
+<p>»Laß dich zu mir nieder, Engel. Auf der Wolke, die dich umschwebt.
+In vielerlei Gestalten erscheinst du dem Heimatsuchenden, wie Pallas
+Athene dem vielgewanderten Odysseus. Spring mir an den Hals.«</p>
+
+<p>»Die Leiter könnte brechen ...«</p>
+
+<p>»Spring!«</p>
+
+<p>Da sprang sie, und er fing die Atemlose auf.</p>
+
+<p>»Was ist heute für ein Tag, Engel?«</p>
+
+<p>»Ein Sonntag. Weil du so früh heimkommst, weil du so fröhlich bist und
+weil die Sonne scheint.«</p>
+
+<p>»Ein Sonntagskind ist nur der Mann allein, der ein gutes Weib besitzt.
+Ich besitze viel mehr. Ich muß also schon eine Art Maiensonntagskind
+sein. Und das wollen wir feiern.«</p>
+
+<p>»Warte, ich streife nur Turban und Schürzenkleid ab und feiere mit.«</p>
+
+<p>»Pack' deinen kleinen Koffer, Engel. Wir fahren nach Orplid.«</p>
+
+<p>»Ich fahre mit, wohin du willst, und es sollte mich nicht wundern,
+wenn der liebe Gott selber den Himmel aufhielt.«</p>
+
+<p>»Er tut's, Engel. Wie ich ihn kenne, tut er's. Und ein Gesangverein
+wird auch zur Stelle sein und ihn ansingen, so daß wir beide uns
+mäuschenstill halten dürfen. Kannst du in einer Stunde reisefertig
+sein?«</p>
+
+<p>»In einer halben, in einer Viertelstunde! Ich bin immer reisefertig,
+wenn's mit <em class="gesperrt">dir</em> geht!«</p>
+
+<p>»Keine Kurkonzertgewänder, Engel. Der Wilm spielt nur die Harmonika,
+und wir tanzen auf den geteerten Planken. Pack' Wäsche, ein paar derbe
+Kleiderröcke und dein Ölzeug<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> ein. Wir machen auf dem Frachtkahn eine
+Maienreise zum Oberrhein!«</p>
+
+<p>Sie gurgelte einen Ton der Freude hervor und hing an seinem Hals.</p>
+
+<p>»Kannst du denn abkommen in dieser Übergabezeit? Wird es dir nicht
+schaden?«</p>
+
+<p>»Eine Woche Ferien? Ferien mit dem Engel? Mit dem Engel auf dem
+Rhein, Wasser unter sich, Himmel über sich, wandelnde Ufer um uns
+her? Und wir auf dem Rücken liegend, alle viere streckend, nichts,
+nichts als in Sonne blinzelnd? Das soll mir schaden, Engel? Und ob
+ich abkommen kann? Wann werde ich in absehbarer Zeit abkommen können,
+wenn die Beckenrieds mich erst verlassen haben? Denn wenn mir ihre
+Philistergesichter auch auf den Tod verhaßt sind, verläßliche Arbeiter
+waren sie jederzeit. Fort damit, fort, fort! Ferien, Engel, Ferien!
+Ja, willst du denn wirklich zu Hause bleiben?«</p>
+
+<p>Sie rüttelte und schüttelte ihn an den Schultern, ließ ihn los und
+rannte die Treppen hinauf.</p>
+
+<p>»Bleib unten,« rief sie über das Geländer zurück. »Ich packe deine
+Handkoffer mit!«</p>
+
+<p>Und die nüchternen Worte klangen durch das Haus wie eine Liedstrophe.</p>
+
+<p>Jetzt klingelte es an der Haustür. Der Schiffsjunge erschien und
+forderte die Gepäckstücke, die er sich an einem handbreiten Riemen um
+den Hals hängte. Er trottete vorauf, und Kornelius Vanderwelt folgte
+ihm mit Angela Freydag bis zum Hafendamm, wo sie ein Boot nahmen und
+zu dem harrenden Schlepperzug übersetzten.</p>
+
+<p>»Welcher Kahn ist der unsere, Kornelius?« fragte sie, und ihre Wangen
+glühten wie Mädchenwangen.</p>
+
+<p>»Der Schleppzug ist von mir zusammengestellt. Daraus folgt, du große
+Rechenkünstlerin, daß der letzte Kahn der<span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span> unsere ist und wir von
+unserem Achterdeckplatz nichts als die schäumende Kielspur sehen. Wir
+sind dort sozusagen ganz allein auf der Welt.«</p>
+
+<p>Der Wilm empfing sie. Seine ausgestreckte Hand half ihnen an Bord. Er
+trug die blaue Schiffermütze und hatte sich einen Silberring ins Ohr
+gekniffen, um nicht als Neuling genommen zu werden. Sein Mund schwieg,
+wie er immer geschwiegen hatte, aber seine Augen strahlten vor Freude,
+als Hauswirt auftreten zu dürfen.</p>
+
+<p>Die Kajüte war durch einen Wandschirm in zwei Hälften geteilt. Die
+Lederbank links und rechts diente in der Nacht als Bettgestell. Der
+Wilm schlief mit dem Mann, mit dem er das Ruder teilte, und dem Jungen
+in den Hängematten des Matrosenverschlags. Aus der kleinen Küche quoll
+der Duft von frischer Suppe.</p>
+
+<p>Die Leute mußten an ihre Plätze zurück. Der Schleppdampfer gab mit der
+Sirene ein Zeichen. Ein Zittern lief durch Rippen und Bohlen des tief
+beladenen Kahns. Ein Seufzen und Abschiedsstöhnen, und nun gab der
+Wilm das Ruder frei, die Stahltrossen zogen klirrend an, und der Kahn
+folgte als letzter in der Reihe und schwenkte in den Strom.</p>
+
+<p>»Leg' dich nieder, Engel. Platt hin auf die dicken Decken. Halt, erst
+die alte Öljacke an. Eitelkeiten gibt's hier nicht, denn der Kaminruß
+und der Kohlenstaub machen selbst aus der allerzartesten Prinzessin
+hier eine Mulattin. Ach, Engel, es gibt auch sehr liebenswerte
+Mulattinnen. Doch darüber später, wenn erst die Mütze auf dem Kopf
+festgesteckt ist und dir der gerollte Mantel bequem im Nacken liegt.
+Hat die Prinzessin noch weitere Wünsche?«</p>
+
+<p>»Ich hätte schon noch einen ... Aber ich weiß nicht, ob er sehr
+prinzessinnenhaft ist.«</p>
+
+<p>»Vielleicht können wir uns einen Kuß geben, wenn wir uns die Pfeifen
+anzünden, Engel.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
+
+<p>»Das ist wahr. Die Pfeifen stecken im Handkoffer. Ich werde sie holen.«</p>
+
+<p>»Liegen bleiben! Nicht Hand und nicht Fuß rühren! Oder du kullerst
+über Bord!«</p>
+
+<p>Er ging mit dem wiegenden Schritt, der das Gleichgewicht sucht, über
+das geschrägte Deck und tauchte in die Kajüte hinein. Wenige Minuten,
+und er kehrte mit den in Brand gesetzten Pfeifen zurück und kniete
+neben Angela hin. »Heb mal dein Mäulchen, Engel.« Und sie hob es ihm
+entgegen. Und als er sich über sie beugte, um ihr die Pfeife zwischen
+die Lippen zu schieben, blieb sein Mund auf ihren Lippen haften ...</p>
+
+<p>»Es sind bald zwanzig Jahre, Engel, daß wir uns kennen,« überlegte er,
+als er neben ihr auf der Decke hingestreckt lag und den blauen Rauch
+gen Himmel blies. »Das wäre ja weiter nicht verwunderlich. Aber daß
+uns auch heute noch jede List und Tücke recht ist, um uns um den Hals
+zu fallen, das gibt zu denken.«</p>
+
+<p>»Also denken wir nach, Kornelius,« sagte sie und blies wie er den
+blauen Rauch gegen den Himmel.</p>
+
+<p>Sie dachten nach und sprachen nicht, und nur die Hände, die sich auf
+der Segeltuchdecke begegneten, hatten sich unermeßlich viel zu sagen.</p>
+
+<p>Kaiserswerth mit der Burg Pippins — Düsseldorf mit dem Turm der
+heißblütigen Jakobe von Baden — Zons mit Mauern und Warten und
+mittelalterlichen Toren — es zog vorbei, wie Wandelbilder sich
+entrollen. Und wo eine Lücke war, wuchs ein hämmerndes, ratterndes,
+feuerfauchendes Werk, wuchsen die himmelhohen Kamine wie ein
+Mastenwald im Hafen.</p>
+
+<p>Einmal erschien der Schiffsjunge und meldete, daß die Suppe fertig sei.</p>
+
+<p>»Bring einen Napf voll her und zwei Teller. Halt, warte,<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> ich werde
+dich das erstemal begleiten und dir zeigen, wie man einen Napf trägt,
+ohne mit dem Daumen hineinzufahren.«</p>
+
+<p>Angela Freydags glückliches Lachen flog hinter ihm her.</p>
+
+<p>Vor Köln machte der Schleppzug seine erste Nacht. Es war eine
+Maiennacht, in der das Märchen mit der Sage einen Reigen schlang,
+dicht über den Augen der Schauenden. Dort geisterte der Dom in
+den sternenhellen Himmel und stach mit seinen Spitzen in die
+Sternenkränze, daß es den Anschein erweckte, als glitten sie ihm wie
+Heiligenscheine um die Helmzier. Dort wuchtete der gewaltige Sankt
+Martin, und er sah eher wie ein Türke aus, denn wie ein Christ, denn
+er hatte sich den halben Mond zur Leuchte an den Helm gesteckt. Dort
+glitzerten die Kuppeln, Türme und Dachreiter der ungezählten Kirchen
+und Kapellen, und der Rathausturm mischte sich darunter und begann
+ein Gespräch über die alte und die neue Zeit und ihre Bürgermeister.
+In den Straßen aber kicherten die Legenden und trieben sich mit den
+Heinzelmännern gassenab zum Rhein, purzelten ins Wasser und wurden
+pfeilschnell von den jungen Nixen bei den Ohren genommen, die auf den
+Ankertauen turnten und Angela Freydags mondhelles Antlitz betrachteten.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt lag auf Achterdeck neben ihr, die Ellbogen
+aufgestützt und den Kopf in den Händen. So lag er wohl schon eine
+Stunde und hatte des wunderbaren Städtebildes nicht acht vor dem
+wunderbaren Menschenbilde.</p>
+
+<p>Was mag es sein, das sie so schön macht? dachte er. Es gibt sicherlich
+ebenso schöne Frauen und schönere, und doch gehst du achtlos an ihnen
+vorüber. Und als ihre Brust im Atmen auf und nieder stieg, daß er
+glaubte, den ruhigen und starken Schlag ihres Herzens zu hören, da
+kannte er<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> den Kern des Geheimnisses und des Rätsels tiefste Lösung:
+es war die Ruhe und Kraft, die ihrer Schönheit den Glanz der Firnen
+verlieh, und alle Ruhe und Kraft der Erde war ihr gegeben, weil sie
+ihre Schönheit nur für einen trug.</p>
+
+<p>In dieser Maiennacht erklangen in Kornelius Vanderwelts innerstem
+Menschen Worte, die wie Worte eines Dankgebetes waren, während die
+nächtliche Natur im Frühlingsrausche erzitterte.</p>
+
+<p>Gegen Morgen erst, als mit dem ersten Licht die Kühle kam, gingen sie
+in die Kajüte, und Kornelius Vanderwelt half ihr aufs schmale Lager
+und versorgte sie nach Seemannsbrauch gegen Windzug und Feuchtigkeit,
+bevor er sich auf das andere Lager warf. Aber nach Stunden schon waren
+sie beide wieder wach, denn die Sirene des Schleppdampfers hatte zur
+Obacht gerufen, die Kähne holten ihre Anker ein und der Rudersmann
+packte das Steuerruder. Angela Freydag kniete auf ihrem Lager und
+lugte durch die runden Kajütenfenster. Und Kornelius Vanderwelt stand
+hinter ihr und hatte den Arm um ihren Leib gelegt, damit sie bei einer
+jähen Wendung der in Fahrtlinie einbiegenden Frachtkähne nicht das
+Gleichgewicht verliere. Und sie lehnte ihren Körper fest und sicher in
+seinen Arm.</p>
+
+<p>Den Morgenkaffee tranken sie stehend vor der Küche, stritten, ob es
+zum Mittag Linsen mit Wurst oder Wurst mit Linsen geben sollte, und
+lagen ausgestreckt auf Sonnenseite, als der Kahn an Bonns Altem Zoll
+vorüberzog, vorüber an der winkenden Godesburg und mitten hinein in
+das Bannland der Sieben Berge.</p>
+
+<p>Das Siebengebirge prangte im Grün des Maien und im Gold der
+Maiensonne. Wie ein selig Beben liefen die Höhen dahin und verloren
+sich im weiten Hügelmeer des weiten Westerwaldes. Und auf der linken
+Rheinseite das<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> geschwisterliche Stück des Bildes. Dem Drachenfels
+des Siebengebirges gegenüber gelagert der Fels des Rolandsbogens, und
+über vulkanisches Land hinweg Wellenlinie auf Wellenlinie der zu Stein
+erstarrten Eifelmassen.</p>
+
+<p>»Die Porta Rhenana,« sagte Kornelius Vanderwelt, als sie durch das Tor
+der Schönheit fuhren, und er wies ihr hüben und drüben die verträumten
+Städtlein, deren Antlitz in wechselndem Mienenspiel die schweigenden
+Parks der weltflüchtigen und die singenden und klingenden Gaststätten
+der Weltsuchenden aufblitzen ließ. Dann aber zog Strom und Kahn
+zwischen den Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth dahin, feierlich, als
+wölbten sich die Baumkronen von rechts und links hoch über sie hin zum
+gotischen Kirchendach.</p>
+
+<p>Angela Freydag wandte den Kopf und suchte den Blick ihres verstummten
+Begleiters. Der kam aus tiefen Augenhöhlen, und sie setzte sich mit
+einem Rucke auf und griff nach seiner Hand.</p>
+
+<p>»Was ist dir, Kornelius?«</p>
+
+<p>»Es lief mir so über die Seele,« sagte er, »und es ist nichts als ein
+Unsinn.«</p>
+
+<p>»Was ist ein Unsinn?«</p>
+
+<p>»Daß die uralte Natur alljährlich in den Frühling zurückkehren darf,
+während ihr jüngstes Geschöpf, der Mensch, in den Herbst seines Lebens
+hinein und nicht wieder hinausgeführt wird. Ach, du, Engel, alles
+das noch eine Spanne, noch eine Spanne erleben können! Die Sehnsucht
+steigert sich, und steigert sich doch nur in eine wilde Einsamkeit
+hinein.«</p>
+
+<p>»Ich bin bei dir, Kornelius,« sagte sie und nahm seinen Kopf an ihre
+Brust.</p>
+
+<p>Er hörte nicht hin und sprach in Erregung weiter.</p>
+
+<p>»In eine wilde Einsamkeit, in eine Menschenverachtung<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> hinein,
+die kaum ein Lichtpünktlein mehr findet. Wir leben in einer
+Menschenunverbundenheit dahin, kein Mensch kennt den anderen, und in
+Wahrheit kümmert sich auch keiner um den anderen.«</p>
+
+<p>»Ich bin bei dir, Kornelius,« erklang ihre Stimme.</p>
+
+<p>Da hob er die Arme wie ein Ertrinkender und schlang sie ihr um den
+Hals. — —</p>
+
+<p>Er schlief an ihrem Herzen, und sie bewachte seinen Schlaf und war
+voll tiefer Freude, daß er ihr seine Schwäche gezeigt hatte. Denn ihr
+Frauengefühl ertastete mit nachtwandlerischer Sicherheit, daß diese
+Schwäche nichts anderes war als eine sich aufbäumende Lebenskraft, die
+sich ihres Lebens eroberten Inhalt, den Wert zu leben, das Weib seines
+Lebens und seiner Liebe zu sein, nicht nehmen lassen mochte durch eine
+Herbstlaune des Schicksals, und doch es mußte.</p>
+
+<p>Vor Koblenz, nahe der Einmündung der Mosel in den Rhein, gingen zur
+Nacht die Anker nieder. Kornelius Vanderwelt schlug die Augen auf und
+rührte sich nicht an ihrem Herzen.</p>
+
+<p>»Ist dir wohl?« sprach sie und strich ihm wieder und wieder das Haar
+aus der Stirn.</p>
+
+<p>»Wie einem Kindlein an der Mutterbrust, Engel. So wohl. Ei, du, hatte
+ich vorhin nicht einen Schwermutsanfall? Das werden doch nicht die
+ersten Alterserscheinungen sein? Nein, nein, umgekehrt ist es, wie
+ich es dir vordichtete: die Welt wird alt, und ihre Jahre rinnen
+unablässig und unaufhaltsam. Wir aber bleiben Kinder trotz eines
+Greisenalters, und rückschauend zerfließen die Jahre in nichts. Was
+ist, das lebt, und wir beide sind, Engel.«</p>
+
+<p>»Zuweilen meine ich, ich wäre gar nicht mehr, solange schon bin ich in
+dir aufgegangen.«</p>
+
+<p>»Sprich kein Wort mehr, oder ich verschling' dich. Herrgott, hab' ich
+einen Hunger.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span></p>
+
+<p>»Und ich! Und ich!«</p>
+
+<p>Und einer half dem anderen auf, und das Gleichgewicht suchend
+schritten sie über das schräge Deck und gewannen die Küche und
+bedrängten den Wilm, den Rudersmann und den Jungen.</p>
+
+<p>In heller Morgensonne stampfte der Schleppzug an Boppard vorbei. Und
+je weiter er sich vorwärts arbeitete gegen den Strom, umso reicher
+öffneten und offenbarten sich die Bilder der Berge und Burgen, der
+Städtchen, Kirchen, Klöster und Kapellen, die den Blick von der
+Wirklichkeit abwenden und traumhaft hinübergleiten lassen in die
+Flüchtlingsbezirke der Romantik.</p>
+
+<p>Dicht aneinandergeschmiegt lagen die beiden Flüchtlinge aus
+Wirklichkeitslanden auf dem Hinterdeck des Frachtkahnes und sprachen
+nicht und ließen nur die Augen aufleuchten, wenn ein neuer Gruß von
+den Ufern sie traf. Jetzt Sankt Goar, jetzt der niederstürzende
+Fels der Lorelei, jetzt die wellenumschäumte Pfalz bei Caub, die
+türmereichen Städtlein Oberwesel und Bacharach, Aßmannshausen mit dem
+Dichter- und Künstlerheim, der ragenden Kronenwirtschaft, und durch
+das brausende Binger Loch hindurch, links Rüdesheim, rechts, vom
+Mäuseturm verkündet, Bingen, die uralte Stadt. Der Mond kam über Burg
+Klopp hervor und erzählte flüsternd vom vierten Kaiser Heinrich, den
+der eigene Sohn in den festen Mauern gefangenhielt, und von blutigen
+Jahrtausendkämpfen, geführt um das lachende Land des Rheingaus. Der
+Schleppzug lag vor Anker. Die beiden Menschen auf dem Hinterdeck des
+letzten Kahnes hatten einer dem anderen den Arm unter den Nacken
+geschoben und schliefen einen Kinderschlaf.</p>
+
+<p>Als sie am nächsten Tage am goldenen Mainz vorüberfuhren, vorüber an
+der Nibelungenstadt Worms, waren ihre Lippen ganz verstummt. Wie eine
+unsagbar tiefe<span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span> Dankbarkeit stieg es auf vom Grunde ihrer Seelen, und
+das Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit brauchte keine Worte mehr.</p>
+
+<p>So erreichten sie Mannheim, den Bestimmungshafen, und gingen
+schweigend an Land. — — —</p>
+
+<p>Im Gebrause fuhr ein Schleppdampfer mit wenigen Leerkähnen als
+Gefolgschaft zu Tal. Die Dämmerung sank über ihn hin und über die
+beiden Menschen, die in die gespensternde Kielspur des letzten Kahnes
+starrten. Ein silbriges Licht kämpfte sich hindurch und erfüllte die
+Dämmerung mit Glanz und Leuchten. Der Mann reckte sich auf, als machte
+er seine Schultern stark für neue Arbeitsbürden. Und die Frau erfaßte
+fest seine Hand.</p>
+
+<p>Ruhrort — — —</p>
+
+<p>Hand in Hand gingen sie durch die Stille der Nacht in ihr Haus, wie
+sie so oft gegangen waren. — —</p>
+
+<p>In den Tagen, die da folgten, sah Angela Freydag ihren Gefährten
+nicht anders als in den späten Abendstunden. Das Urteil im
+Scheidungsverfahren war gesprochen. Die Familien Vanderwelt und
+Beckenried hatten sich für immer voneinander gelöst. Juliane behielt
+den Sohn unter Verzichtleistung auf jeden geldlichen Anspruch an ein
+Beckenriedsches Erbe. Die Lebenssorge für Tochter und Enkel war auf
+Kornelius Vanderwelt übergegangen.</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt zog den Schlußstrich. Kein Mensch gewahrte eine
+Unruhe an ihm. In diesen Tagen, die ihm die Verkleinerung seines
+Geschäftsumfanges, die Belastung der gebliebenen Kräfte, den Verlust
+seines Wohnhauses brachten, wuchs er so still und stark über sich
+selbst empor, daß Angela Freydags Liebe mit ehrfürchtigen Augen ihm
+folgte. Aber ihre Augen sahen auch, daß er stumm die Kräfte bis zum
+letzten spannte, und es flackerte oft in ihnen auf wie wilder Brand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span></p>
+
+<p>In später Nacht saß sie und wartete. Sie wartete auf Kornelius
+Vanderwelt, der noch nicht von der Wohnungssuche heimgekehrt war. Und
+sie wußte, daß er sich als letztes die ›Fünf Erdteile‹ aufgespart
+hatte, die Zimmer, die über der Gastwirtschaft lagen.</p>
+
+<p>Wie sauer ihm der Gang sein wird, dachte sie finster, und sie hätte
+aufspringen und zu ihm laufen mögen, um die Arme um seinen Hals zu
+schlingen.</p>
+
+<p>Sie schritt ans Fenster und horchte hinaus. Und von einer Unrast
+getrieben, durchmaß sie das Zimmer hin und her.</p>
+
+<p>Du bist stärker geworden, Angela, glitt es ihr durch den Sinn. Deine
+Glieder schwellen an Kraft. Könntest du sie doch zum Lastentragen
+gebrauchen, um seine überbürdeten Schultern zu erleichtern.</p>
+
+<p>Und wieder war sie am Fenster. Das eiserne Tor hatte geklirrt.
+Männerschritte kamen schlurfend durch den Garten.</p>
+
+<p>Mit einem Sprunge war sie an der Haustür. Das elektrische Licht
+blitzte auf unter ihrer suchenden Hand. Sie öffnete die Tür und sprach
+leise hinaus.</p>
+
+<p>Da stand die vierschrötige Gestalt des Matthes und an ihn gelehnt
+die hohe, jetzt vornübergebeugte Gestalt Kornelius Vanderwelts.
+Angela Freydag griff ohne zu zaudern zu. Von ihrem Arm umschlungen,
+tat Kornelius Vanderwelt die letzten Schritte ins Haus, die wenigen
+Schritte über die Diele in sein Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>»Tun Sie ihm nix,« sagte der Matthes grimmig. »Vom Trinken kommt dat
+nich.«</p>
+
+<p>»Gehen Sie.«</p>
+
+<p>Kornelius Vanderwelt saß in einem Sessel, das totenbleiche Antlitz
+hintenüber ins Polster gereckt, als suche er Luft. Mit fliegenden
+Fingern befreite ihn Angela Freydag von dem Druck des Kragens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
+
+<p>»Sie tun schon besser, mich nich fortzuschicken,« knurrte der Matthes.
+»Allein werden Sie nich fertig, Madam.«</p>
+
+<p>»Ziehen Sie ihm die Stiefel aus. Vorsichtig. Und nun wollen wir ihn in
+sein Schlafzimmer bringen. Stieren Sie mich nicht an. Ich habe Kräfte
+genug, ihn allein zu tragen. Aber da Sie einmal da sind — wir tragen
+ihn im Sessel hinauf.«</p>
+
+<p>Alle Sehnen spannte sie an. Die Zähne gruben sich ihr in die blutenden
+Lippen, und es gelang. »Warten Sie unten auf mich.« Und als der
+Matthes auf Zehenspitzen hinaus war, entkleidete sie den Erschöpften
+und bettete ihn.</p>
+
+<p>Wieder war sie unten, und der Matthes berichtete flüsternd: »Ich sah
+et schon, wie er in die Wirtschaft trat und mich in et Nebenzimmer
+rief. Fieberheiß. Un et Sprechen wurd' ihm nich nur schwer, weil
+et seinen Stolz so verdammt mitnahm. Ich sollt' ihm die Gastzimmer
+für eine Wohnung ausräumen, bis er Besseres hätt', un als wir mit
+Handschlag abgeschlossen hatten, fiel er gegen die Wand. Ich hab' ihn
+die paar Schritte hergebracht, damit et nich hieß, der Herr Kornelius
+Vanderwelt wär' in der Wirtschaft liegen geblieben.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen. Und nun holen Sie den Arzt.«</p>
+
+<p>»Alte Kameradschaft, Madam, und den Arzt bring' ich sofort.«</p>
+
+<p>Wieder huschte sie die Treppen hinauf, und der Erschöpfte öffnete die
+Augen, als sie sich über ihn beugte.</p>
+
+<p>»Hab' ich dir — einen argen Schrecken — eingeflößt, Engel?«</p>
+
+<p>»Sprich jetzt nicht. Der Arzt wird gleich hier sein.«</p>
+
+<p>»Der Arzt? Was soll denn der hier? Ich muß nur einmal ausschlafen.«</p>
+
+<p>»Schlaf, Kornelius.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
+
+<p>Er schloß die Augen unter ihrer kühlen Hand. Aber der Atem kämpfte
+schwer in der Brust. Und sie horchte auf den Atem und horchte hinaus
+auf die Straße. Bis der Matthes mit dem Arzte kam und die Haustür
+öffnete.</p>
+
+<p>Sie ließ den Arzt in das Zimmer, und der Kranke redete aus seinen
+Fieberträumen heraus. Der Name Engel kehrte immer wieder. In immer
+neuen Bildern, in immer neuen Beteuerungen.</p>
+
+<p>»Spricht er immer so viel?« fragte der Arzt und trat näher.</p>
+
+<p>Der Kranke hob horchend den Kopf. Die fremde Stimme hatte ihn sofort
+geweckt.</p>
+
+<p>»Waren Sie noch nie verliebt, Doktor? Nie verliebt? Goethesche
+Gedichte möchte man hersagen — und sie fallen einem nicht ein. Ach
+was! Sie wagen sich nicht hervor. Nicht hervor vor dem einen Namen.
+Dem einen — Namen ...!«</p>
+
+<p>Der Arzt prüfte den Puls. Er behorchte das Herz und maß das Fieber.
+Der Kranke lächelte über ihn hinweg seine Pflegerin an. Als wären sie
+ganz allein.</p>
+
+<p>»Sie müssen Ihre Kräfte schonen, Herr Vanderwelt,« gebot der
+Arzt. »Was Ihnen not tut, ist Ruhe. Nichts als Ruhe, damit sich
+die Erschöpfung der Nerven verliert. Das Fieber beruht auf einer
+Erkältung, die Sie sich wohl durch eine Unachtsamkeit zugezogen haben.
+Nehmen Sie heute und morgen ein Schlafmittel, und in zwei Tagen ist
+alles überstanden.«</p>
+
+<p>Er ging, und der Matthes war auch gegangen, und das Schlafmittel war
+zurückgeblieben.</p>
+
+<p>»Laß den Doktor — nicht mehr — zu mir herein, Engel. — Du bist mein
+Arzt — meine Ruhe — mein — alles.« —</p>
+
+<p>Sie bettete sein Haupt in die Kissen, aber er verlangte wortlos nach
+ihrem Arm, und sie bettete sein Haupt in ihren<span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span> Arm und wartete, bis
+er vor Erschöpfung entschlummert war.</p>
+
+<p>Am Morgen erst schlug er die Augen auf. Sie glänzten fiebrig wie in
+der Nacht. Aber sein Bewußtsein war rege.</p>
+
+<p>»Bist du nicht zu Bett gewesen, Engel?«</p>
+
+<p>»Mein Kopf lag auf deinem Kissen, Kornelius. Wir schliefen beide fest.«</p>
+
+<p>»Willst du mir zu trinken geben, Engel? Ich fühle mich viel wohler und
+danke dir.«</p>
+
+<p>Sie hatte den Tee schon bereitet und gab ihm zu trinken. Er wunderte
+sich über nichts. Er lachte sie nur an.</p>
+
+<p>»Wie schön das ist, müde zu sein und nichts zu spüren als dich. Ewig
+möchte ich so müde sein, Engel.«</p>
+
+<p>Im Laufe des Vormittags fuhr er auf und blickte verwundert umher.</p>
+
+<p>»Ich war wieder eingeschlafen, Engel. Und auf einmal rüttelte mich die
+Angst auf, ich hätte deine Anwesenheit verschlafen. Kannst du mir die
+Stirn abtrocknen, Engel? Ich ertrinke.«</p>
+
+<p>Sie trocknete ihm die Stirn und trocknete ihm die Brust. Und
+unablässig sprach er.</p>
+
+<p>»Wie kann das nur sein, Engel? Tausendmal hab' ich mir gesagt: tiefer
+hinein und höher hinauf geht die Liebe nicht. Und nun mein' ich: erst
+in dieser Stunde gehörtest du mir ganz.«</p>
+
+<p>»Sollen wir einst sagen, Kornelius: vor zwanzig Jahren haben wir uns
+über alles geliebt, während wir uns heute nur noch — ›liebhaben‹?
+Wir, Kornelius? Wir folgen einer anderen Bahn als die Herzschwachen.«</p>
+
+<p>»Die Herzschwachen,« wiederholte er. »Weißt du noch, wie ich dich
+meine Herzbrust taufte?«</p>
+
+<p>»Ich weiß alles und jedes, Kornelius, und werde nie einen Laut
+vergessen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span></p>
+
+<p>Am Nachmittage wurde er unruhiger. Er hatte den Schritt des Arztes
+gehört und wehrte ab.</p>
+
+<p>»Mir zuliebe, Kornelius,« bat sie.</p>
+
+<p>»Dir zuliebe. Dann mag er jede Stunde kommen.«</p>
+
+<p>»Es bleibt nichts als die Ruhe,« sagte der Arzt, als er die
+Untersuchung beendet hatte. »Er muß seine Kräfte aus dem Schlafe
+zurückgewinnen.«</p>
+
+<p>»Weiß das Kontor, daß ich unpäßlich bin, Engel?« fragte Kornelius
+Vanderwelt, als der Arzt sich verabschiedet hatte. »Bitte, ruf den
+Thomas an. Aber ich will mit dir allein bleiben.«</p>
+
+<p>»Ich habe ihm dein Fernbleiben heute morgen schon gemeldet, Kornelius.
+Und wir bleiben allein.«</p>
+
+<p>»Dann ist alles gut.«</p>
+
+<p>Er schloß die Augen. Aufs neue trug ihn die Erschöpfung in den
+Dämmerzustand hinüber und hielt ihn zwischen Schlaf und Traum die
+halbe Nacht hindurch. Angela Freydag saß an seinem Bette, den Blick
+fest auf seine Züge gerichtet, jede Sekunde bereit, zu helfen, zu
+lindern, Leib und Seele aufzurichten. So still war es, daß sich das
+Ticken der Taschenuhr schmerzhaft in ihr Hirn bohrte.</p>
+
+<p>Plötzlich lachte der Kranke gellend aus der Wirrnis der Träume auf.</p>
+
+<p>»Hahaha! Ich sterbe? Wahrhaftig? Das Leben ist aus? Soviel Sorge um
+die kurze Spanne? Ist das alles?«</p>
+
+<p>Sie drückte hastig ihre Lippen auf seinen Mund, und er erwachte.</p>
+
+<p>»Bin ich nicht tot, Engel? Ach, du, ich bäumte mich auf gegen den
+Wahnsinn: zu leben, um sterben zu müssen.«</p>
+
+<p>Sie strich über seine Augen, über seine Wangen.</p>
+
+<p>»Für uns gibt es keinen Tod, Kornelius. Für uns gibt es nur ein
+Beisammensein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p>
+
+<p>Er griff nach ihren Gelenken und zog sich in den Kissen hinauf.</p>
+
+<p>»Tod, Engel ... Du läßt mich nicht, und ich lasse dich nicht. Nicht
+hier und nicht dort ...! Tod ... Denke dir, er käme und nähme den
+einen oder den anderen hinweg. Und dann wäre ein sonnenschöner Tag,
+oder ein Erfolg, ein Ruhm, und man möchte hinlaufen und ihn dem
+anderen bringen und stutzt und erstarrt: Der andere — der andere lebt
+ja nicht mehr! Engel!«</p>
+
+<p>Sie wiegte ihn an ihrer Brust und hörte sein Herz dahinjagen, als
+hörte sie den Hufschlag hinjagender Pferde.</p>
+
+<p>»Ich habe dich und ich halte dich und gebe dich nicht her, Kornelius.
+Und jetzt sprich von allen deinen Fröhlichkeiten.«</p>
+
+<p>»Von meinen Fröhlichkeiten ...« murmelte er. »Dann muß ich von dir
+sprechen.«</p>
+
+<p>»Erzähl' aus deiner Jugend, von deinen Meerfahrten, von schönen,
+fremden Frauen.«</p>
+
+<p>»Du nennst sie richtig, Engel. Schön waren sie, aber fremd. Du kennst
+ihren Körper, wie du eine tickende Uhr kennst. Und sie tickt wirr in
+die deine hinein und läuft vor oder nach, und du bringst sie nicht
+mit der deinen auf den gleichen Schlag, weil dir das Uhrwerk fremd
+geblieben ist und du den Wert nicht prüfen kannst. Nein, ich will
+nicht schmähen. Es waren lustige Liebchen darunter, wie die Jugend
+sie sich wünscht oder der Mannesübermut. Ja, du, der Mannesübermut.
+Du hast ihn ja erfahren. Als er dich auf der Landstraße stellte. Sie
+waren mir lieb, die schönen, fremden Frauen. Waren! Waren!« Seine
+Erregtheit suchte nach einem wegwerfenden Wort. »Der Teufel hole sie.«</p>
+
+<p>Und sie sprach in seine flackernden Augen hinein, um ihm das Lachen
+und die Beruhigung zu bringen: »Hör', du, Kornelius — mich auch?«</p>
+
+<p>Und seine Erregung ging in ein wildes Lachen über.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p>
+
+<p>»Du, Engel! Ach, du! Du willst mich beleidigen. Und wenn der Vater im
+Himmel nach seinen Erzengeln riefe: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd'
+ich, die Erzengel bei den Flügeln packen und gegeneinander klatschen.«</p>
+
+<p>»Recht so, recht so!« rief sie ihm zu, fröhlich, ihn fröhlich zu
+sehen. »Daß der Kornelius sich im Himmel herumtreibt, ist eine
+Selbstverständlichkeit!«</p>
+
+<p>»Also gut denn, Engel. Wenn der Urian in der Hölle seinen Teufeln
+zurufen sollte: ›Holt sie mir!‹ Vorspringen würd' ich, sie anschreien:
+›Brennt mich zu Weißglut! Mich, mich! Aber noch ein Mal zu meiner
+Wölfin! Noch ein Mal zu meinem Engel!‹« Seine Gedanken verwirrten
+sich. Er rang nach dem Faden, der ihm entflattern wollte. »Noch ein
+Mal — ein — ein Mal — — <em class="gesperrt">Engel</em>!«</p>
+
+<p>Aus den Kissen hochgeworfen, den Brustkasten vorgereckt, preßte er den
+letzten Atem mit wilder Macht in dies eine Wort.</p>
+
+<p>Mit beiden Armen hielt sie ihn. Seine Hände griffen, haltsuchend, in
+ihr Gewand. Ihre Brust drängte sich ihm entgegen.</p>
+
+<p>»Kornelius! Kornelius! Ich dank' dir ...«</p>
+
+<p>Seine Augen tranken sie in sich hinein. Und von einem jähen Blitz
+gefällt, stürzte er an sie, in ihre Arme, an ihre Brust.</p>
+
+<p>Starr stand sie über ihn gebeugt, ungläubig, daß ihr heißer Blick
+nicht mehr imstande sein sollte, das Licht seiner Augen neu zu
+entfachen. Und dann warf sie sich über ihn und küßte ihn, als müßte
+der letzte Hauch seines Atems ihr Eigentum bleiben.</p>
+
+<p>»Geliebter — Geliebter — — Geliebter — — —!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="10">10</h2>
+</div>
+
+
+<p>Mit übernächtigen Augen und wirrem Haar, wie er aus dem Schlafe
+aufgefahren und in die Kleider gehastet war, stand Thomas Vanderwelt
+vor Angela Freydag. Die erste, fahle Morgendämmerung war mit ihm ins
+Haus gekommen.</p>
+
+<p>»Sie haben mich angerufen, Frau Engel. Was ist mit dem Vater?«</p>
+
+<p>Seine Stimme kämpfte mit der Atemnot, und seine Augen waren voll
+Schrecken.</p>
+
+<p>»Ihr Vater, Thomas — Ihr Vater — ist heimgegangen — —«</p>
+
+<p>Er packte sie bei den Armen. Als ob er sie wachrütteln, als ob er
+selbst einen Halt suchen wollte. Sein Gesicht stand dicht vor dem
+ihren.</p>
+
+<p>»Was heißt das — heimgegangen —?«</p>
+
+<p>»In das Land seiner Vergangenheit — in das Land seiner Vorfahren,
+seiner Lieblingsträume. Thomas! Thomas! Er ist tot!«</p>
+
+<p>Der Sohn fiel gegen ihre Schulter. Sie stemmte sich fest auf ihre Füße
+und trug die Last. Und dachte: es ist Kornelius Vanderwelts Erbe, und
+du mußt es in seinem Sinne zu wahren suchen.</p>
+
+<p>»Tu die Augen auf, Thomas, du mußt deiner Herr werden. Kornelius
+Vanderwelt hat einen Sohn hinterlassen, und das bist du.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span></p>
+
+<p>Ein Zittern durchlief seinen Körper. Wie ein krampfhaftes Weinen, das
+alle Tore verschlossen findet.</p>
+
+<p>»Und das bist du,« wiederholte Angela Freydag und mühte sich in eine
+Ruhe hinein. »Laß den Vater nicht warten.«</p>
+
+<p>»Ich?« fragte er zurück und wunderte sich nicht über das Du, das sie
+ihm geboten hatte. »Ich? Ein sauberer Erbe, Engel. Ein verwahrloster
+Abkömmling. Eine Drohne, wie alle seine Kinder, Engel, Drohnen, die
+ihm die Blüten leersogen, bevor sie Frucht ansetzen konnten. Und ich
+sein Erbe!«</p>
+
+<p>»Es kommt nicht darauf an, Thomas, wie und was du warst, sondern ob du
+ein Erbe sein wirst!«</p>
+
+<p>»Nein, ich bin kein Erbe. Nein, ich bin kein Erbe,« wiederholte er in
+gleichmäßigem Tone. »Ich war es einmal, als ich sein Kind war. Sein
+geliebtes Kind, wie wir alle. Das ist lange her. Das ist so lange her,
+wie ich Antoniens Mann wurde. Habe ich ›Mann‹ gesagt? Der Tote mög' es
+mir verzeihen. Ihr Aushängeschild, ihr durchlöchertes, ausgehöhltes,
+von meinem Spott überkleistertes. Und ich hatte doch auch den Namen
+geerbt, den Namen Vanderwelt, und ließ ihn von Affen- und Narrenhänden
+durchlöchern und aushöhlen. Ich, ich, der Erbe.«</p>
+
+<p>»Wenn des Vaters Geist noch im Hause weilt,« sagte Angela Freydag
+und schloß die Augen, um den aufquellenden Schmerz um ihren Toten zu
+bändigen, »so wird ihm die Einkehr des Sohnes ein Trost im Ausgang
+sein.«</p>
+
+<p>»Einkehr? Halte ich Einkehr, Engel? Ich bringe Schmutztapfen ins Haus,
+und in dieser Abschiedsstunde sehe ich sie mit einer Deutlichkeit, wie
+ich sie noch nie gesehen habe. Das ist alles.«</p>
+
+<p>»Nein, das ist der Anfang.«</p>
+
+<p>»Es ist das Ende. Auch das Ende hat einen Anfang. Und<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> der Anfang
+liegt in den Schmutztapfen, die jetzt so sichtbar werden, weil der
+Schatten des Vaters sie nicht mehr verdeckt.«</p>
+
+<p>»Es soll wahr sein, Thomas,« sagte die Frau. »Des Vaters Licht
+leuchtet nicht mehr und wirft auch keine verhüllenden Schatten
+mehr. Nimm die Erbschaft an dieser Stelle auf. Laß sein Licht das
+deine entzünden und zu einer Flamme anfachen, in deren Schatten das
+Vergangene verdunkelt wird, abstirbt und vergeht. Und nun komm zu ihm.«</p>
+
+<p>»Es ist ja alles zu spät,« murmelte Thomas Vanderwelt und folgte ihr
+dennoch.</p>
+
+<p>Droben aber, in Kornelius Vanderwelts Schlafgemach, warf er sich über
+des Vaters Bett und umklammerte ihn mit Armen und Händen. Und als er
+Angela Freydags schmerzstillende Hände über seinen Nacken gleiten
+fühlte, wurden ihm die Pforten aufgetan und ein wildes Sohnesweinen
+brach hervor, überstürzte die Dämme und gelangte in den ruhiger
+fließenden Strom allen Geschehens.</p>
+
+<p>Unten schlug die Glocke der Haustür an. Angela Freydag richtete den
+stiller Schluchzenden auf.</p>
+
+<p>»Es ist der Arzt, Thomas. Ich rief ihn an, als ich dich anrief. Vergiß
+nicht, daß unser Schmerz uns allein gehört.«</p>
+
+<p>Und sie ging hinab, öffnete und kehrte mit dem Arzt zurück.</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt empfing ihn mit einer stummen Verneigung. Und der
+Arzt trat ans Bett und neigte sich über den Toten. Als er sich wieder
+erhob, blickten seine Augen ernst.</p>
+
+<p>»Es war ein Herzschlag,« sagte er so leise, als fürchte er, die
+Erhabenheit des Todes zu stören. »Eine Überspannung der Nerven. Ein
+Übermaß von Kräften dagegen angesetzt. Das Herz mußte es zahlen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span></p>
+
+<p>Mein Herz, hämmerte es hinter Angela Freydags Stirn, mein — mein
+Herz. Mit seinem Tode noch gab er es mir allein.</p>
+
+<p>Sein Herz, schrie es in Thomas Vanderwelt auf. Er gab es mir, und ich
+ließ es wegen eines Zunders verkommen.</p>
+
+<p>Der Arzt drückte ihnen die Hand. Er ging zur Tür und fragte flüsternd,
+wo er den Totenschein ausstellen dürfe. Und Angela Freydag geleitete
+ihn die Treppe hinab und verharrte schweigend hinter seinem Stuhl,
+während er an Kornelius Vanderwelts Schreibtisch saß und das Papier
+ausfüllte.</p>
+
+<p>Wieder betrat sie das Sterbegemach, und Thomas Vanderwelt saß am Bette
+des Vaters und hielt mit seinen fiebrigen Händen die kalten umspannt.
+Als sie seine Schulter berührte, sah er kaum auf.</p>
+
+<p>»Du mußt mich jetzt eine Weile mit ihm allein lassen, Thomas. Es ist
+Morgen geworden, und die anderen sollen ihn nur in der Verklärung
+sehen.«</p>
+
+<p>»Die anderen. Ach ja, da gibt es noch die anderen. Darf ich nicht
+helfen, Engel?«</p>
+
+<p>»Es ist Frauensache, Thomas. Und du wirst es verstehen.«</p>
+
+<p>Er erhob sich schwerfällig, stand vor ihr und suchte in seinem Hirn
+nach einem Wort.</p>
+
+<p>»Es ist Sache der Liebe, Engel,« und er ging mit müden Schritten
+hinaus, die Treppe hinab und in das Arbeitszimmer seines Vaters. Am
+Schreibtisch saß er nieder, horchte eine Zeitlang ins Leere und ließ
+den Kopf auf die Arme sinken, die kraftlos über der Tischplatte lagen.</p>
+
+<p>Mit mühsam verhaltenem Atem hatte Angela Freydag den Schritten
+gelauscht, die sich weiter und weiter entfernten und verhallten. Jetzt
+wandte sie langsam den Kopf.<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> Nach ihm. Ihre Füße bewegten sich. Ihre
+Knie stießen an das Bett. Und sie ließ sich in die Knie sinken und
+wühlte ihren Kopf in die Kissen, die sein Haupt trugen.</p>
+
+<p>»Dank, Dank, Dank!« Und immer wieder dasselbe Wort, und kein anderes
+wußte sie.</p>
+
+<p>Wange an Wange lag sie mit ihm, und die Zeit rann dahin, und die
+Sonnenstrahlen kamen und kränzten sie beide.</p>
+
+<p>»Dank, Dank, Dank, Kornelius.« — — —</p>
+
+<p>Die Sonnenstrahlen liefen über ihre Stirn und flirrten über ihre
+Augen. Es ist Tag, dachte sie wie aus einem Erwachen heraus, und es
+war bei ihm und mit ihm kein Tag, der leer war. Bis die anderen ihr
+Anrecht bewiesen haben, habe ich dein Erbe zu verwalten.</p>
+
+<p>Beide Hände legte sie ihm um die Schläfen und starrte ihm in das
+stillgewordene Kämpferantlitz. Immer näher kam ihm ihr zuckendes
+Gesicht. Und dann preßte sich ihr heißer Mund auf seine kalten Lippen,
+als könnten sie sie erwärmen, als könnten sie sie mit glühendem Leben
+füllen, mit hinreißendem Lachen und dem Glücksjubel, den nur Kornelius
+Vanderwelt gekannt hatte.</p>
+
+<p>»Du! Du! Ich bin nur hiergeblieben, weil du noch hier sein mußt. Weil
+das Tagewerk noch nicht zu Ende ist. Weil dein Name noch gesichert
+werden muß in deinem Fleisch und Blut. Nicht meinetwegen, Kornelius,
+nein, das weißt du besser. Ich bin nur dein ander Teil. Aber es wird
+ausreichen, dein Tagewerk zu Ende zu führen. Das schwör' ich dir.«</p>
+
+<p>Sie löste sich von seinen Lippen und stand in der Sonne des Morgens.
+Einen gurgelnden Atemzug tat sie noch, und dann blickte sie mit weit
+sich öffnenden Augen in den Tag und schritt hinein.</p>
+
+<p>Mit Frauenhänden, die voll starker Liebe waren, wusch<span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span> sie des Toten
+Antlitz, Brust und Hände, strich sie ihm sorgsam das Haar, bettete sie
+ihn in frische Kissen. So lange war ich wie sein Kind und mehr, dachte
+sie. Nun ist er das meine — und mehr.</p>
+
+<p>Durch die geöffneten Fenster flutete die Frühsommersonne wie eine
+Woge, und Kornelius Vanderwelt lag in der Woge mit lächelndem Mund.
+Denn er wußte, daß es die Liebe war. —</p>
+
+<p>Als Angela Freydag in Ergriffenheit das Arbeitszimmer betrat, fand
+sie Thomas schlafend. Sie trat leise hinter ihn und betrachtete
+ihn lange und gewahrte, was ihr früher nie so sehr zum Bewußtsein
+gekommen war, daß er die Gestalt des Vaters hatte, etwas hagerer nur
+vom unzweckmäßigen Leben, und denselben schmalen Schädel mit der
+breitgelagerten Stirn. Sie preßte die Lippen, als die Bilder des
+Vergleichs sich drängten. Wie eine Bitterkeit kam es über sie. Denn
+der dort oben im ewigen Schlafe lag, schien ihr im Tode noch um ein
+Vielfaches größer und stärker als der Namenserbe, der sich hier unten
+zurückschlief in das Leben des Tages.</p>
+
+<p>Sie rührte ihn an, und er erwachte.</p>
+
+<p>»Nicht böse sein, Engel. Es warf mich hin. Das traurige Geschäft schon
+erledigt? Ich weiß es wohl, an dem Punkte, an dem die Männer ermüden,
+erwachen die Frauen. Nur daß es so wenig Frauen gibt wie Männer.«</p>
+
+<p>»Es liegt in der Macht eines jeden einzelnen, es zu ändern, Thomas.
+Und du hast nun ein einzelner zu werden.«</p>
+
+<p>»Ich — habe? Weshalb nennst du mich seit dieser Nacht ›Du‹, Engel?«</p>
+
+<p>»Weshalb?« Ihre Stimme wurde so hart, daß er betroffen zu ihr
+aufschaute. »Weil ich das Vertrauen in dich setze, Kornelius
+Vanderwelts Nachfolger zu werden. Hüte es, Thomas.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p>
+
+<p>Über den Grund ihrer Augen sprang ein Blitz. Für Sekunden legte sie
+die Hand darüber hin, als schmerze sie das Licht. Und mit ihrer ruhig
+schwingenden Stimme sprach sie weiter.</p>
+
+<p>»Geh jetzt, Thomas, und hole Juliane her und deine Frau und die beiden
+Jungen. Präg' ihnen ein, sie sollten hier keinerlei Lärm erheben, denn
+der Lebende hätte ihn nie in seinem Hause geduldet, und sein Wille
+sollte heiliggehalten werden. Kommt gegen Mittag. Ich werde inzwischen
+den Sarg bestellen, und am Abend wollen wir den Vater in aller Stille
+in die Friedhofkapelle überführen.«</p>
+
+<p>»In aller Stille, Engel? Soll auch die Beisetzung in aller Stille
+erfolgen?«</p>
+
+<p>»Ich möchte dich bitten, deiner Schwester gegenüber, wenn es sich als
+nötig erweisen sollte, ein Machtwort zu sprechen. Dein Vater hat,
+wie alle überragenden Naturen, für seine Größe Zahlungen leisten
+müssen. Als er um Justus und Julianes wegen für den Bestand seines
+Hauses kämpfen und sich beschränken mußte, wurde ihm seine frühere
+Überlegenheit als Überheblichkeit und seine frühere Freigebigkeit als
+Verschwendungssucht angerechnet. Das ist nun einmal der kaufmännische
+Brauch, und er mag meisthin seine Berechtigung haben. Aber ich
+fürchte, dein Vater würde aus dem Sarge hinaus sein unfeierlichstes
+Lachen erschallen lassen, wenn er alle die Abwendigen als feierliches
+Trauergeleit verspürte.«</p>
+
+<p>»Ja, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, nahm ihre Hand und beugte sich
+über sie. Und wie sie ihm durch die Fensterscheiben nachblickte, sah
+sie, daß er aufrecht und gesammelten Blickes über die Straße schritt.</p>
+
+<p>Als sie dem Mädchen eingeschärft hatte, keinem die Tür zu öffnen, wer
+es auch sei, ging auch sie in die Stadt hinein<span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span> und wählte die letzte
+Behausung für den stillen Gefährten und ließ den eichenen Sarg in die
+Wohnung schaffen. Bei der Rückkehr fand sie eine Gestalt im Garten
+vor. Wie ein abenteuerliches Wesen stand die Vierschrötigkeit des
+Matthes im schwarzen, altväterlichen Leibrock vor ihren Augen.</p>
+
+<p>»Sie gestatten, Madam. Er war mein Freund. Schon aus unseren
+Seemannstagen her. Auf keinen bin ich so verdammt stolz gewesen wie
+auf den Kornelius. Sie gestatten deshalb, Madam.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Was</em> soll ich gestatten?« fragte Angela Freydag zurück.</p>
+
+<p>»Daß ich ihn noch mal zu sehen kriegen darf. Nur auf so lang, daß ich
+ihm ›Auf Wiedersehen‹ sagen kann. Nichts für ungut, Madam, aber er war
+doch nun mal mein Freund.«</p>
+
+<p>»Kommen Sie,« sagte Angela Freydag und schritt ihm in seltsamer
+Erregtheit voran.</p>
+
+<p>Der Mann stand vor dem Entschlafenen. Seine schweren Finger drehten
+den Rand des Trauerhutes. Seine Kiefern bewegten sich, formten an
+einem Wort, stießen es endlich heraus.</p>
+
+<p>»Kornelius ... verdammt noch mal ... Kornelius — —«</p>
+
+<p>Die Augäpfel quollen ihm. Aber er hielt stand und ließ keinen Ton mehr
+zwischen den Zähnen durch.</p>
+
+<p>Es war ein Scharren und Schieben auf der Treppe. Die Leute brachten
+den Sarg, und Angela Freydag ging hinaus und gebot ihnen, ihn vor dem
+Sterbezimmer niederzustellen. Als sie in das Zimmer zurücktrat, fand
+sie den Matthes unbeweglich vor dem Toten.</p>
+
+<p>Für eine Sekunde suchte sie sein Auge. Und sie sah in dem Auge
+des grobgearteten Menschen einen Schein aufleuchten, der wie ein
+Abschiednehmen war von der Jugend. Auch diesem Rohen war er das
+Erinnerungsbild aller<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> Freude und Frohheit, dachte sie. Selbst diesem.
+Der Dank wird dich freuen, Kornelius.</p>
+
+<p>»Sie sollen mir helfen,« sagte sie, »Ihrem Freunde den letzten Dienst
+zu erweisen. Wir wollen ihn zusammen in den Sarg legen.«</p>
+
+<p>Der Mann wandte langsam den Kopf. Er glaubte, nicht recht verstanden
+zu haben.</p>
+
+<p>»Sprachen Sie zu mir, Madam?«</p>
+
+<p>»Ich sprach zu Ihnen,« und sie wiederholte ihre Worte und wartete auf
+seine Antwort.</p>
+
+<p>Der Mann stellte seinen Trauerhut auf den Boden. Seine Hände zitterten
+ein wenig.</p>
+
+<p>»Das vergess' ich Ihnen nicht, Madam. Die Ehre nicht. Obwohl ich
+glaub', der Kornelius Vanderwelt hätt' sich auch bei mir nicht
+gescheut und keinen Unterschied gekannt. Ich steh' zu Ihren Diensten.«</p>
+
+<p>Sie trugen gemeinsam den Sarg vom Vorflur ins Zimmer, und der Mann
+sah bewundernd auf die Muskelkraft der Frau. Und Angela Freydag
+breitete ein weiches Bett in die letzte Lagerstatt, die sie auf
+eine teppichbehangene Bank gehoben hatten, und glättete mit den
+Fingerspitzen wieder und wieder das Kissen. Dann streckte sie den
+Körper und schritt ruhig auf den Toten zu, bettete ihn an ihr Herz
+und trug ihn mit starken Armen, während der Helfer den Arm unter des
+Freundes Knie hielt wie eine eiserne Stange.</p>
+
+<p>Ausgestreckt lag Kornelius Vanderwelt in seinem letzten Bett und
+lächelte sie an. Seine vergangene Jugend in dem Mann und seine
+Ewigkeitsjugend in der Frau. Und Angela Freydag fühlte seinen Gruß.</p>
+
+<p>Der Matthes hatte seinen Hut vom Fußboden aufgenommen und war mit
+einem Kopfnicken hinausgegangen. Sie hörte, wie die Haustür hinter ihm
+ins Schloß fiel. Und sie breitete eine Decke über die Füße des Toten,
+trug einen<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Stuhl heran und setzte sich in stummer Zwiesprache zu ihm.
+Kein Ohr vernahm sie.</p>
+
+<p>So fand sie Thomas, der mit Juliane und Antonie und den beiden Knaben
+um die Mittagszeit das Zimmer betrat.</p>
+
+<p>Die Frauen trugen ihre Trauergewänder mit einer leidvollen Anmut.
+Die feinmaschigen Schleier gaben den Gesichtern den Ton der Blässe,
+doch schweiften unter dem Gewebe die Augen Julianens forschend umher,
+während das Gefunkel in Antoniens Blicken von scheuem Schrecken
+gedämpft wurde.</p>
+
+<p>Angela Freydag schlug die Augen zu ihnen auf. Jetzt erst wurde sie
+inne, daß sie ihr Alltagskleid noch nicht getauscht, daß sie die
+äußeren Zeichen der Trauer noch nicht angelegt hatte. Sie erwiderte
+die geflüsterte Begrüßung der Frauen durch ein Neigen des Kopfes und
+streckte den beiden Knaben die Hände entgegen.</p>
+
+<p>»Guten Morgen, Tante Engel,« sagten die Knaben leise und schmiegten
+sich trostsuchend an sie.</p>
+
+<p>»Ihr kommt, um euch vom Großvater zu verabschieden?« fragte sie still
+und freundlich. Und sie nahm sie bei den Händen und führte sie an das
+Kopfende des aufgebahrten Sarges. »Prägt euch sein Bild ein, Martin
+und Nikolaus. Kein besserer, kein tapferer und ritterlicherer Mann hat
+je gelebt.«</p>
+
+<p>Die hochaufgeschossenen Jungen standen in ihren Schulanzügen mit
+einem Trauerflor am Arm und zwangen sich zur Männlichkeit. Aber der
+Aufruhr der Gefühle tat sich in den zuckenden Mundwinkeln kund, und
+die Augenlider färbten sich feuerrot, feuchteten sich heiß und ließen
+langsam schwere Tränen niedertropfen, die schimmernd auf des Toten
+Händen haften blieben. Und durch Angela Freydags Seele zog die erste
+wehmütige Freude.</p>
+
+<p>Juliane trat heran und schob die Knaben zur Seite<span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span> Sie warf den
+Schleier zurück, hob die Arme und öffnete den Mund zu einem Schrei.
+Angela Freydags Hände drückten die erhobenen Arme nieder, und der
+Schrei erstarrte.</p>
+
+<p>»Wir wollen seine Ruhe nicht mehr stören, Frau Juliane. Er hat sie um
+uns alle verdient.«</p>
+
+<p>»Sie wollen mein Unglück doch nicht zum Vorwand nehmen, mich für
+seinen Tod mitverantwortlich zu machen.«</p>
+
+<p>»Ich sprach wohl von uns allen. Es mag sich jeder seinen Teil
+herauswählen.« Sie wandte sich um, und ihr Blick haftete auf der
+scheuen Antonie. »Treten Sie näher, Frau Vanderwelt. Auch von Ihnen
+nimmt der Tote seinen Abschied.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt wehrte mit den Händen. Ihr Blick hatte den Toten
+nur gestreift, er heftete sich mit dem Ausdruck unerklärlicher Furcht
+auf die steinernen Züge der Frau, die sie an die Seite des Toten
+befahl. Und von einem Weinkrampf geschüttelt, mußte sie von Thomas
+Vanderwelt aus dem Zimmer geführt werden.</p>
+
+<p>Angela Freydag deckte das Tuch über das Antlitz des Toten.</p>
+
+<p>»Nun können wir gehen,« sagte sie. »Was noch zu besprechen ist,
+besprechen wir am besten in einem anderen Raum.«</p>
+
+<p>Im Arbeitszimmer trafen sie Thomas Vanderwelt und seine in Stößen
+aufschluchzende Frau. Mit schmalgepreßten Lippen ging Juliane auf den
+Bruder zu.</p>
+
+<p>»Wir werden jetzt die Begräbnisanordnungen treffen, Thomas. Es
+dürfte sich vielleicht empfehlen, daß ich bis zur Erledigung der
+Hinterlassenschaftsgeschäfte im Hause wohnen bleibe.«</p>
+
+<p>Mit blutrotem Kopf blickte der Bruder auf Angela Freydag, die wortlose
+Zuhörerin war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span></p>
+
+<p>»Ich bitte, meine Schwester zu entschuldigen. Ich bitte sehr darum.
+Der unerwartete Todesfall scheint sie um die Besinnung gebracht zu
+haben. Die Hinterlassenschaft steht in dieser Stunde gar nicht zur
+Besprechung. Und was die Anordnungen zum Begräbnis betrifft, so liegen
+sie in Händen, denen wir nicht genug danken können.«</p>
+
+<p>»Ich bitte, in allen Dingen befragt zu werden,« beharrte Juliane
+scharf.</p>
+
+<p>»Ich fürchte, liebe Schwester, daß nicht allzuviel zu befragen
+übrigbleibt. Augenblicklich befindet sich noch der Herr im Haus, wenn
+auch mit geschlossenen Augen.«</p>
+
+<p>»So wollen wir den Wortlaut der Traueranzeigen festsetzen und die
+Listen aller —«</p>
+
+<p>»Es ist nicht im Sinne des Vaters,« unterbrach sie der Bruder.
+»Die Anzeige in der Zeitung muß uns genügen. Ich habe sie bereits
+aufgestellt und abgegeben, Juliane.«</p>
+
+<p>Die Schwester fuhr zornig auf.</p>
+
+<p>»Du hast dich gut beraten lassen, lieber Thomas. Das mag bei kleinen
+Leuten von Nirgendwoher der Brauch sein, in unseren Kreisen hat man
+sich an die vorgeschriebenen gesellschaftlichen Formen zu halten und
+nur danach zu handeln.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt trat dicht auf sie zu. Seine Lippen bebten vor Scham.</p>
+
+<p>»Wir <em class="gesperrt">sind</em> kleine Leute. Vergiß das nun nicht mehr und richte
+dich danach ein.«</p>
+
+<p>Julianes Augen liefen mit hungrigem Ausdruck vom einen zum anderen.
+»Und Sie?« fragte sie die steinerne Zuhörerin schroff. »Was sagen Sie
+dazu, da Sie doch nun mal unserer Beratung beiwohnen?«</p>
+
+<p>»Ihr Bruder«, sagte Angela Freydag, »hat als Oberhaupt Ihrer Familie
+vorläufig alle Bestimmungen zu treffen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span></p>
+
+<p>»Oberhaupt! Er ist es ja nicht einmal in — Nun ja. Vorläufig, haben
+Sie gesagt. Vorläufig mag es dabei sein Bewenden haben.«</p>
+
+<p>Angela Freydag blickte den Sohn Kornelius Vanderwelts an. Seine
+zusammengesunkene Gestalt reckte sich ein wenig.</p>
+
+<p>»Der Sarg wird heute abend in die Friedhofskapelle überführt. Die
+Beisetzung findet übermorgen nachmittag statt. Wer irgendwelche
+Wünsche und Fragen hat, möge sich voll Vertrauen an Frau Engel wenden.«</p>
+
+<p>»Du meinst wohl an Fräulein Freydag, lieber Thomas.«</p>
+
+<p>»Nach deinem Belieben, Juliane. Du wendest dich also an Fräulein
+Freydag.«</p>
+
+<p>Er trat auf Angela Freydag zu, beugte sich lange nieder und küßte ihr
+die Hand.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehen am Abend, Engel. Ich werde pünktlich zur Stelle sein.
+Vielen Dank.« —</p>
+
+<p>Gegen Abend fuhr der Totenwagen vor das Haus, lud seine Last ein und
+fuhr von dannen. In einem geschlossenen Gefährt folgten ihm Angela
+Freydag, Thomas Vanderwelt und die beiden Knaben. Vor dem Friedhofstor
+harrten die Träger mit der Bahre. Hinter dem schwankenden Brette her
+schritten die vier Menschen. Und sie blieben, als die Träger gegangen
+waren, wohl noch eine Stunde in der Kapelle und kränzten den Sarg mit
+einem Gewinde aus Immergrün und allen dunklen Rosen, die Kornelius
+Vanderwelts Garten hervorgebracht hatte.</p>
+
+<p>Der Beisetzungstag kam. Und wieder fuhren sie denselben Weg, und
+Juliane und Antonie fuhren mit ihnen. Da die Schleier der beiden
+Frauen nicht gedrückt werden durften, kauerten die beiden Knaben eng
+aneinandergeschmiegt neben dem Fahrer.</p>
+
+<p>»Es gleicht einer Bettelmannsbeerdigung,« tadelte Juliane<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> heftig.
+»Nun ja, wir brauchen uns wenigstens nicht vor einer großen
+Teilnehmerschar zu schämen, denn in der Zeitungsanzeige war ja
+wohlweislich die Stunde der Beerdigung weggelassen worden.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt lehnte in der Ecke des Wagens, von den
+Fenstervorhängen verborgen. Sie wünschte nicht, von ihren Freunden in
+dieser Lage gesehen und beurteilt zu werden.</p>
+
+<p>Angela Freydag entstieg als erste dem Wagen. Und es fiel Thomas
+Vanderwelt, der ihr folgte, auf, wie hoch und voll ihre Gestalt
+geworden war. Ihre Züge waren nicht zu erkennen. Dicht lag der
+schwarze Schleier vor ihrem Gesicht.</p>
+
+<p>War noch ein anderes Begräbnis für diese Stunde angesetzt? Der
+Platz vor der Friedhofskapelle war gefüllt von Menschen. Spiegelnde
+Seidenhüte mischten sich mit Schlapphüten und sonntäglichen
+Schiffermützen. Es war ein Gewoge wie vor der Schifferbörse, wenn
+Kornelius Vanderwelt mit jugendstarkem Schritt und hellen Augen die
+Massen durchquert hatte, nur lautloser und ohne Kornelius Vanderwelts
+anfeuernden Zuruf.</p>
+
+<p>Und die Massen bildeten eine Gasse und ließen Angela Freydag
+hindurchschreiten, wie sie einst Kornelius Vanderwelt hatten
+hindurchschreiten lassen, und die Vanderwelt-Kinder und -Enkel gingen
+vor ihr oder hinter ihr, sie wußte es nicht.</p>
+
+<p>Sie wußte nur, daß diese Hunderte hier <em class="gesperrt">un</em>gerufen gekommen
+waren, in Erinnerung an seinen Lebensübermut, in Ehrfurcht vor seinen
+vollbrachten Werken, in Teilnahme an seinem Endkampf um Sein oder
+Nichtsein des Hauses. Und eine Stimme in ihr sprach, und sie sprach
+zu dem geliebten, schlummermüden Mann: »Kornelius, dies hier ist dein
+Guthaben. In hunderten Gemütern. Nun<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> ziehst du es ein, und was man
+dir je auf die Schuldseite geschrieben haben sollte, es ist entlastet,
+und das Guthaben bleibt und verzinst sich.«</p>
+
+<p>Das aber machte sie über die Maßen froh und aufrecht in ihrem Schmerz,
+daß er die Ungerufenen zu sich gezwungen hatte.</p>
+
+<p>Die Träger hatten das Gestänge der Bahre ergriffen. In endlosen Zügen
+folgten die Menschen zum Erbbegräbnis der Vanderwelts und umringten
+es. Die Kinder und Enkel standen vor der offenen Gruft. Neben ihnen,
+und doch wie auf einer Insel allein, die ehrfürchtig angestaunte
+verschleierte Gestalt der Frau, die Kornelius Vanderwelts Leben aus
+den Niederungen zu den einsamen Höhen begleitet hatte.</p>
+
+<p>Und Angela Freydag sah trotz des schwarzen Schleiers alle, die
+gekommen waren, und vergaß keinen. Sie hörte die Nachrufe der Werks-
+und Handelsherren, der Börsenmitglieder und der Schiffergilde,
+und das Niederrascheln ihrer Kranzgewinde. Sie sah die Herren der
+›Erholung‹ unter ihrem Vorsitzenden und die Kumpanei aus den ›Fünf
+Erdteilen‹ unter Führung des Matthes. Kapitäne und Partikuliers,
+Rudersleute, Matrosen und Hafenangestellte. Und selbst die Bräute der
+Matrosen gewahrte sie in achtungsvoller Entfernung, für die Kornelius
+Vanderwelt so oft die Harmonika hatte spielen lassen. Es kam ihr gar
+nicht in den Sinn, in die Gruft zu starren, die den Sarg aufgenommen
+hatte. Sie mußte ja alle diese Dinge wissen, um sie ihm einst
+berichten zu können. Das nur war es.</p>
+
+<p>Und nun war es still.</p>
+
+<p>Vom Friedhofstor tönte das Rollen der Wagen herüber, die die
+Handelsherren und Werksleiter zu ihren täglichen Geschäften
+entführten, von der Straße dröhnte noch der Schritt der abziehenden
+Massen und verlor sich. Mit stolz<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> geröteten, vom hindernden Schleier
+längst befreiten Gesichtern gingen Juliane und Antonie ihren Kindern
+voran zu dem harrenden Wagen, und nur Thomas Vanderwelt wartete auf
+Angela Freydag, die noch einmal an die verlassene Gruft getreten war.</p>
+
+<p>Sie hob den Schleier, und ihre Augen suchten irgend einen Punkt
+irgendwo. Und nie vergaß Thomas Vanderwelt das hinreißende Lächeln,
+das über ihr Antlitz zog.</p>
+
+<p>Als sie ihren Abschied genommen hatte, ging er unhörbar fast auf sie
+zu und bot ihr den Arm. Sie nahm ihn, und sie folgten den anderen und
+fuhren mit ihnen in das vereinsamte Haus.</p>
+
+<p>Die Knaben waren zu ihren Schularbeiten heimgeschickt worden. Die
+Erwachsenen hatten ihre Anzüge geordnet, einen Imbiß genommen und sich
+alsdann im Arbeitszimmer schweigend niedergelassen.</p>
+
+<p>Das Schweigen wurde drückend, und Thomas Vanderwelt erhob verwirrt den
+Kopf, als habe ihn jemand angerufen.</p>
+
+<p>»Es bleibt nichts anderes übrig,« sagte er mit einem müden Seufzer,
+»die letzten Willensäußerungen des Vaters müssen verlesen werden.« Und
+er nahm den Schlüsselbund vom Schreibtisch und schloß die Tischlade
+auf.</p>
+
+<p>Sein Auge fiel auf den großen versiegelten Umschlag, der die
+gesuchte Aufschrift trug. Seine Hände waren schwer und zitterten,
+als er die Siegel vorzeigte und den Umschlag öffnete. Buchstaben
+und Zahlen tanzten vor seinen Blicken. Es war Kornelius Vanderwelts
+Rechnungsablage, die er in Händen hielt.</p>
+
+<p>Und es ergab sich, daß das Vermögen verausgabt war, bis auf
+weniges. Verausgabt für die Lebensführung der Kinder. Da standen
+die Beträge, die Justus als seine Vermögensanteile vorweg erhalten
+und in Abenteuern verschleudert<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> hatte. Da standen die Beträge,
+die Thomas hingegeben worden waren, um ihn und die Seinen über das
+trübe Wasser zu halten. Da standen endlich die Beträge, die alle
+anderen verschlangen, gezahlt für die Prahlsucht Julianens, für ihre
+Wechselverbindlichkeiten, für die Ablösung ihres Sohnes und die
+Abfindung der Beckenrieds. Was blieb, war das Eigentumsrecht an den
+beiden verheuerten Frachtkähnen, an Einrichtungsgegenständen und ein
+kaum nennenswerter Barbetrag.</p>
+
+<p>Jeden Posten hatte Kornelius Vanderwelts sichere Hand gegen den
+anderen verrechnet und die überschießenden Schulden der Tochter
+wettgemacht durch die Übertragung der Frachtkähne und der noch
+verbleibenden Einrichtungsgegenstände an den Sohn. Der Flügel,
+Hans Deiters' Meisterbild, Noten und Bücher sollten Angela Freydag
+ausgehändigt werden als ein kleines Zeichen des großen Dankes.</p>
+
+<p>Die Verlesung war zu Ende. Mit fahrigen Händen suchte Thomas
+Vanderwelt die Blätter zusammen. Sein Gesicht war weiß.</p>
+
+<p>»Wir haben — den Vater — sehr enttäuscht,« murmelte er vor sich hin.</p>
+
+<p>»Nein!« schrie Juliane auf. »Uns hat er enttäuscht! Uns! Uns!«</p>
+
+<p>»Schweig stille, Juliane.«</p>
+
+<p>»Weshalb soll ich stillschweigen? Weil ich in meiner Unwissenheit
+Schulden gemacht habe? Jawohl! In meiner Unwissenheit! Wußte ich denn
+anders, als daß der Vater ein großmächtiger Geschäftsmann sei und
+Gelder über Gelder verdiene? Und daß er mich dem jungen Beckenried zur
+Frau gab, weil er auch über die Beckenriedschen Vermögensverhältnisse
+Bescheid wußte und sie glänzend für mich fand? Und jetzt? Das ist ja
+alles nur ein Wahnsinn.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span></p>
+
+<p>»Wir werden alle arbeiten müssen, Schwester.«</p>
+
+<p>»Ja, du! Als Inhaber der Firma! Wie hoch ist denn überhaupt die Firma
+bewertet? Das steht nirgendwo geschrieben.«</p>
+
+<p>»Deine Unwissenheit, Juliane«, sagte Thomas Vanderwelt, und der müde,
+spöttische Ton wagte sich wieder hervor, »scheint sich nur auf solche
+Dinge zu erstrecken, die dir Schaden verursachen. Aber der Gedanke an
+die Bewertung der Firma braucht dir auch fernerhin den Schlaf nicht zu
+rauben. Der Name steht nur noch auf dem Papier. Auf Einstampfpapier,
+Juliane.«</p>
+
+<p>»Was heißt das?«</p>
+
+<p>»Es heißt, daß dein einstiger Gatte und dein einstiger Schwiegervater
+nicht an Weichherzigkeit zugrunde gehen werden. Daß sie Geschäftsleute
+und nichts als Geschäftsleute sind und den Abgang des unbequemen
+Kornelius Vanderwelt von der Bühne dazu benutzt haben, ganze Arbeit zu
+machen. Heute vormittag erhielt ich die Anzeige, daß der Mietvertrag
+des Geschäftshauses für die Erben Vanderwelt nicht erneuert werde, daß
+er vielmehr an die neugegründete Firma Beckenried Sohn übergegangen
+sei, die sich auch die Kräfte der bisherigen Mitarbeiter gesichert
+habe. Auf meine Mitarbeit wurde höflich Verzicht geleistet. Sie gilt
+nun einmal nicht als Kräftezuwachs.«</p>
+
+<p>»Thomas! Darum fehlten die Beckenrieds beim Leichenbegängnis.«</p>
+
+<p>»Thomas ...« wimmerte Antonie Vanderwelt.</p>
+
+<p>»Ich habe nicht das Geld,« erwiderte er ablehnend, »um das Geschäft an
+anderer Stelle wieder flott zu machen. Ich werde mich als armseliger
+Schreiber verdingen oder als Schiffer fahren müssen.«</p>
+
+<p>»Und was — was wird aus mir?« rief Juliane fassungslos.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
+
+<p>»Du wirst so gut hungern müssen wie wir, liebe Schwester, wenn du ein
+bißchen Arbeit nicht vorziehst.«</p>
+
+<p>»Und wer — wer wird unsere Wohnung bezahlen?«</p>
+
+<p>»Leute, die kein Geld besitzen, werden die Wohnung aufs schnellste
+räumen müssen.«</p>
+
+<p>Antonie Vanderwelt wimmerte auf.</p>
+
+<p>»Man wirft uns auf die Straße — man wirft uns auf die Straße. In
+welche Hände bin ich geraten!«</p>
+
+<p>Mit halbgeschlossenen Augen, als wollten sie die anspringenden Bilder
+von sich weisen, wandte sich Thomas Vanderwelt ab, und seine Kehle
+schluckte mühsam den Ekel hinab. Und Angela Freydag sah, daß sie
+alle versagten, die den Namen trugen, und keiner sich mühte, des
+Vatersnamens würdig zu werden.</p>
+
+<p>»Hören Sie mich an,« sagte sie, und ihre Stimme wollte nicht wärmer
+werden. »Es ist ein furchtbarer Sturz, den Sie tun, und eine Probe
+auf Ihre Lebensfähigkeit. Aber ich sehe einen Ausweg. Bleiben Sie
+ruhig sitzen, Frau Juliane, ich bin erst beim Beginn und weiß nicht,
+wie Ihnen das Ende bekommen wird. Und auch Ihnen, Frau Vanderwelt,
+empfehle ich, auf jedes Wort achtzugeben. Es kommt darauf an, sich zu
+sammeln und den Lebenskampf mit verkleinerten Mitteln aufzunehmen.
+Mit stark verkleinerten Mitteln. Von ganz unten müssen wir nach oben.
+Das hat ja auch der Vater gekonnt. Wenn wir uns und unsere Mittel
+zusammentun und einer dem anderen unter die Achseln greift, muß es
+gelingen.«</p>
+
+<p>»Der Ausweg — der Ausweg —« hastete Juliane.</p>
+
+<p>»Ihre Wohnungen haben Sie nur durch den Zuschuß des Vaters halten
+können,« fuhr Angela Freydag fort, als erstattete sie einen kühlen
+Bericht. »Thomas hat zunächst als erwerbslos zu gelten. Der Verkauf
+der Möbelstücke, die noch zurückgeblieben sind, dürfte die fünf
+Personen<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Ihrer Familie vielleicht ein Jahr lang bei größter
+Sparsamkeit über Wasser halten, wenn Sie keine Auslagen für die
+Wohnung haben. Und diese Wohnung biete ich Ihnen.«</p>
+
+<p>»Sie —? Uns —? Woher wollen Sie sie nehmen?«</p>
+
+<p>»Ich habe mir durch meine Konzertreisen eine Summe ersparen dürfen.
+Aus einer Laune heraus, die hier nicht zur Erörterung steht, wurde ich
+Eigentümerin des Grundstückes ›Zu den fünf Erdteilen‹. Es ist nur eine
+Gastwirtschaft zweiten oder dritten Grades. Aber für Anspruchslose
+genügen die Zimmer, und Ansprüche sind wohl bis auf weiteres nicht
+mehr zu stellen.«</p>
+
+<p>»In eine Kneipe!« rief Juliane. »In eine Kneipe sollen wir!«</p>
+
+<p>»In eine Matrosenkneipe!« rief Antonie und schüttelte sich vor Lachen.</p>
+
+<p>Angela Freydag trat dicht vor die überreizten Frauen hin.</p>
+
+<p>»Schweigen Sie,« herrschte sie sie an. »Schweigen Sie, oder, bei Gott,
+ich lasse Sie verhungern.«</p>
+
+<p>Da krochen die Frauen in sich zusammen, und ihr schrilles Lachen
+erstarb in einem Wimmern.</p>
+
+<p>»Hören Sie mich noch einmal an,« sagte Angela Freydag kalt. »Ich
+sprach vorher von einem Jahr. Sie werden sich schon ohne mich keinen
+Monat über Wasser halten können, wenn Sie erst — Ihre Schulden
+bezahlt haben werden. Ich will in Thomas Vanderwelt das Zutrauen
+setzen, daß er ein Mann wird. Und von Ihnen verlange ich, daß Sie
+sich einfügen und in sich selbst Wandel schaffen. Für Abenteuer öffne
+ich das Haus nicht, sondern für die Besinnung. Von der Besinnung zum
+Aufstieg ist dann nur noch ein Schritt. Hier meine Hand, Thomas.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt hob die schwergewordenen Augenlider. Langsam legte
+er seine Hand in die dargebotene.<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> »Nun dürfen wir wohl gehen, Engel.
+Die Erschütterungen häufen sich ein wenig.«</p>
+
+<p>Noch am späten Abend sandte Angela Freydag das Mädchen zum Gastwirt
+Matthes und ließ ihn zu einer Unterredung zu sich bitten. In der Nacht
+fand die Unterredung statt.</p>
+
+<p>»Ich bin die Besitzerin Ihres Hauses. Sie werden es von Ihrem Freunde
+erfahren haben. Sonst gibt Ihnen das Grundbuch Auskunft. Weshalb
+Kornelius Vanderwelt so handelte, ist seine Angelegenheit. Wir wollen
+seine stillen Gründe achten und nie ein Wort darüber verlauten lassen.
+Sie werden mich gleich verstehen. Ich übernehme die Wohnung, die
+Kornelius Vanderwelt in den ›Fünf Erdteilen‹ mietete, für mich und die
+Nachkommen Kornelius Vanderwelts, bis sie das Gehen und Stehen gelernt
+haben. Sie rechnen dagegen die Zinsen auf, die Sie mir vierteljährlich
+zu zahlen haben. Vielleicht kann ich mich auch sonst in Ihrem
+Hauswesen nützlich machen.«</p>
+
+<p>Den Gesichtszügen des Matthes war keine Überraschung anzumerken. Er
+sprach, als setzte er eine Unterhaltung fort, die er vor Tagen mit
+Kornelius Vanderwelt geführt hatte. »Die Gastzimmer stehen längst
+leer. Die Ledigen un Jungen, die keine Bleibe haben, denken heut all
+amerikanisch un verlangen fließend Wasser un sonst noch wat für ihre
+Schlamperei. Selbst die Kneipe bleibt halb leer, weil ich dat Geld für
+dat Gefiedel scheu' und bei der Harmonika geblieben bin. Wann woll'n
+Sie einziehen? Für mich is et en Geschäft.«</p>
+
+<p>»In nächster Woche. Sobald der Verkauf aller entbehrlichen Gegenstände
+stattgefunden hat.«</p>
+
+<p>»Abgemacht. Dat Sie sich mit der Nachkommenschaft einen bösen Packen
+aufbürden, is Ihre Sache.« Er nickte ihr kurz zu, ging zur Tür und
+wandte sich noch einmal nach<span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span> ihr um. Seine Augen blinkerten. »Aber en
+Staatsweib, dat sind Sie.«</p>
+
+<p>In dieser Nacht verfaßte Angela Freydag ihre letztwillige Verfügung,
+in der sie ihr Grundstück und ihre gesamte Hinterlassenschaft für den
+Fall ihres Todes Thomas Vanderwelt, seinem Sohn Nikolaus und seinem
+Neffen Martin unter Ausschaltung jedes anderen Erben überschrieb. Und
+anderen Tages hinterlegte sie das Schriftstück bei dem zuständigen
+Gericht.</p>
+
+<p>Sechzig Jahre hatte Kornelius Vanderwelt erreicht, als er aus seiner
+Kraft und seiner Liebe abberufen wurde, und Angela Freydag zählte
+vierzig Jahre. —</p>
+
+<p>Der Einzug in die ›Fünf Erdteile‹ war in den Nachtstunden vor sich
+gegangen. Der Matthes war mit ein paar älteren Schiffern erschienen,
+und die Arbeit war bald getan. Die Knaben hatten ein gemeinsames
+Zimmer erhalten, Thomas Vanderwelt und Frau zwei weitere, und Frau
+Juliane bewohnte wie auch Angela Freydag ein Einzelzimmer. Die Küche
+des Wirtshauses war auch die ihrige.</p>
+
+<p>Angela Freydag schritt durch die einfach eingerichteten Räume und
+wies einem jeden sein schmales Reich an. Die Frauen waren kleinlaut
+geworden, Thomas Vanderwelt zeigte sein altes, belustigtes Lächeln,
+und nur die beiden Jungen freuten sich offen und arglos über das
+romantische Zwischenspiel.</p>
+
+<p>Angela Freydag hantierte zwischen dem geringen Hausrat, als wäre sie
+in ihre Kindheit zurückversetzt und hätte für den abgehetzten Vater,
+die ruhelose Mutter zu sorgen. In derbem Hauskleid verrichtete sie die
+Arbeit, die keiner ihr abnahm oder erleichterte, und hatte alles von
+sich getan, was an vergangene bessere Zeiten zu erinnern vermochte.
+Sie wollte ganz sein, was sie war, und mehr als der Schein. Darum auch
+hatte sie den Flügel hingegeben<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> und das Bild und die Bücher bis auf
+wenige, und das Geld auf die Sparkasse gelegt. Es war ihr letzter und
+schwerster Abschied. Aber sie blickte auf ihre Hände, die arbeitshart
+geworden waren und ungelenk für die hohen Anforderungen der Kunst, und
+die Hände strichen langsam an den starken Hüften hinab, und sie freute
+sich ihrer Stärke.</p>
+
+<p>Es war kein Leichtes gewesen, das Mißtrauen der gedemütigten Frau des
+Matthes zu besiegen, aber auch dies hatte sie vollbracht. Als sie der
+alten Frau am Küchenherd stillschweigend die schweren Kessel aus der
+Hand nahm und ihr zu einem kärglichen Aufatmen verhalf. Noch immer
+schielte die Frau argwöhnisch nach der straffen Gestalt der neuen
+Mieterin, bis Angela Freydag ohne ein Lächeln die Hand über das Herz
+legte und zu ihr sprach: »Es ist für immer vergeben.« Seit dieser
+Stunde war eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen, die wenig Worte
+machte.</p>
+
+<p>Aber es lebte noch ein anderes Mitglied der Familie Matthes im Hause,
+das nicht wortkarg war und sich mit dem ganzen Drang der Jugend an
+Angela Freydag, die bald schon im Hause allüberall Frau Engel gerufen
+wurde, anschloß. Es war das des Matthes Enkelin, das Kind seiner in
+Düsseldorf verstorbenen Tochter, und da es keinen Vatersnamen besaß,
+hieß es Magdalene Matthes. Die Zwanzigjährige war tagsüber auf einem
+Handelskontor beschäftigt und verdiente sich, was sie brauchte, und
+der Großvater Matthes mußte sein Schmälen unterlassen, da sie auf
+Heller und Pfennig für Kost und Wohnung zahlte.</p>
+
+<p>Das mutige Ding war voll Ansporn und Leben, und da das Leben mit
+seiner Fülle nicht zu <em class="gesperrt">ihm</em> gekommen war, so kam das Mädchen mit
+seiner Fülle zum Leben, und es war nicht anders, als ob es Gott und
+die Welt mit seinem Vorhandensein beschenken wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span></p>
+
+<p>»Lassen Sie mich Ihnen helfen, die Zimmer in Ordnung bringen, bitte,
+Frau Engel. Dafür erteilen Sie mir in den Abendstunden ein wenig
+Unterricht.«</p>
+
+<p>»Worin sollte ich Sie wohl unterrichten können, Magdalene.«</p>
+
+<p>»In allem, was ich brauche, um eine Frau zu werden wie Sie.«</p>
+
+<p>»Dazu gehört nur ein wenig Mut und viel, viel Liebe, kleine
+Schwärmerin.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte die Locken, und in ihre Mädchenstirn grub sich
+die Falte des frühreifen Ernstes, die Angela Freydag wie ein
+geschwisterliches Zeichen wiedererkannte. Wie oft war Kornelius
+Vanderwelts Hand darübergeglitten.</p>
+
+<p>»Ich bin keine Schwärmerin, Frau Engel. Nein, gewiß nicht. Ich weiß,
+daß ich vor viele, harte Kämpfe gestellt bin. Aber ich bin jung und
+kräftig und will mir meinen Glauben nicht verkümmern lassen.«</p>
+
+<p>»Ich muß Sie einmal ganz schnell in die Arme nehmen,« sagte Frau
+Engel. »Und nun helfen Sie in Gottes Namen.«</p>
+
+<p>»Mut,« wiederholte das Mädchen. »Mut und viel Liebe ... Ich denke,
+darin kann ich schon ein ganzes Teil Bestellungen entgegennehmen.« Und
+sie machte sich mit lautem Gesang an die Arbeit.</p>
+
+<p>Es war für Angela Freydag eine Wohltat, die frisch beherzte
+Angreiferin um sich zu haben, denn die beiden Frauen Juliane und
+Antonie rührten keine Hand, es sei denn für sich selbst und die
+Ausschmückung ihrer Kleider, die sie verstohlen wieder hervorgeholt
+hatten und in denen sie sich zum Abend in den Straßen wieder zu
+zeigen begannen. Oft und öfter geschah es schon, daß die beiden
+Frauen heimlich miteinander tuschelten und kicherten und jäh die
+Gleichgültigen spielten, wenn Angela Freydag durch die Zimmer ging.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
+
+<p>Einen Monat und länger hatte Thomas Vanderwelt mit der Auflösung der
+noch schwebenden Geschäftsverbindlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatten
+sich ohne Schwierigkeiten vollzogen. Der gute Wille, der absterbenden
+Firma Kornelius Vanderwelt die letzten Ehrenbezeigungen zu erweisen,
+trat unverkennbar zutage, und ein Willensstarker hätte die freundliche
+Meinung auszunützen verstanden und sich außer neuen Aufträgen wohl
+auch die Leihsumme der fehlenden Betriebsgelder zu verschaffen gewußt.
+Aber Thomas Vanderwelt war kein Willensstarker. Was an Willen in ihm
+schlummern mochte, lag im Albdruck unter der Puderschicht, die vom
+Wesen seiner Frau auf ihn hinübergeglitten war.</p>
+
+<p>Ein paar Wochen noch ging er Tag für Tag hinaus, um sich eine Stellung
+in den Schoß fallen zu lassen oder sich am Hafen nach seinen Kähnen
+umzusehen, um mit Wilm über die Heuer der Fahrten zu verhandeln oder
+ein anderes minder wichtiges Geschäft als Vorwand zu nehmen. Dann
+blieb er, als die Herbstregen rauschten, mehr und mehr daheim und
+erhob sich nur lauschend, wenn Antonie das Haus verlassen hatte, um
+ihr hinter den Fenstervorhängen nachzublicken und ihr auf demselben
+Wege zu folgen.</p>
+
+<p>»Ich könnte Ihnen eine Stelle besorgen,« redete ihn an einem Abend,
+als sie ihn allein traf, Magdalene Matthes ohne Umschweife an.</p>
+
+<p>»Ich Ihnen auch, mein Fräulein. Aber ob sie für ein so stolzes
+Fräulein gut genug wäre —«</p>
+
+<p>»Das sind Kindereien, Herr Vanderwelt, die Ihnen schlecht zu Gesicht
+stehen. Sie wollen natürlich damit sagen, daß für einen so stolzen
+Herrn, wie den Herrn Vanderwelt, nicht jede beliebige Stelle passend
+erschiene. Jede Stelle aber ist ein Sprungbrett.«</p>
+
+<p>»Ich habe gegen Ihre Denkrichtung nichts einzuwenden,«<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> sagte er und
+lächelte freundlich zu ihrem flammenden Unwillen. »Sie scheinen mir
+sehr begabt, und begabte Frauen zählen zu den Seltenheiten.«</p>
+
+<p>Jetzt aber flammte sie ihn wirklich an.</p>
+
+<p>»Wie Sie zu Ihren traurigen Betrachtungen über die Frauen kommen,
+weiß ich nicht, und ob ich begabt bin oder nicht begabt bin, geht Sie
+nichts an. Sicher aber ist, daß ich mir eine Gelegenheit zur Arbeit
+nicht aus der Hand schlagen lassen würde und eher eine Meile liefe als
+einen Schritt zurück täte.«</p>
+
+<p>Sie wandte sich auf dem Absatz, und Thomas Vanderwelt schaute ihr
+gedankenverloren nach, wie sie die Stufen der Treppe nahm und in ihrem
+Zimmer verschwand.</p>
+
+<p>»Ich glaube, er weiß nicht einmal, wie ich aussehe, der Sterngucker,«
+eiferte sie, als sie Frau Engel ihren Bericht erstattet hatte. »Oder
+er hält uns Frauen für so minderwertig, daß es den hohen Herrn eine
+Zumutung dünkt, sich von einer Frau behilflich sein zu lassen.
+Spottvogel, der.«</p>
+
+<p>»Es kommt wohl auf die Frau an,« sagte Frau Engel. »Und nun haben Sie
+genug geschimpft.«</p>
+
+<p>»Geschimpft?« fragte sie bestürzt. »Ich wollte ihn doch nicht
+beschimpfen. Dazu habe ich erstens nicht das Recht, und zweitens weiß
+ich aus Erfahrung, daß Leute, die im Elend sind, ein ganz besonders
+feines Ehrgefühl besitzen.«</p>
+
+<p>»Sehen Sie wohl, Magdalene? Es ist noch nicht aller Tage Abend, und
+wir wollen uns inzwischen tummeln.«</p>
+
+<p>Während sie die Zimmer richteten und die Küche besorgten, plauderte
+das frische Mädchen unverdrossen. Es erzählte von den Aufgaben, die
+ihr im Geschäft gestellt worden seien und über welche Briefausdrücke
+sie gestolpert sei, fragte eindringlich und ließ sich voll Eifer
+belehren. Dabei überzog sie ein Bett mit festem Leinen oder
+wusch<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> das Gemüse unter dem Küchenkranen. Und wie die Fragen mit
+Verstand gestellt wurden, so wurden die Antworten aus der Reife der
+Lebenserkenntnis erteilt, und es wurde ein Unterricht, bei dem der
+Geist des Mädchens alle Pforten öffnete und sich aus allen Pforten in
+die Höhe schwang zu Angela Freydags Geist.</p>
+
+<p>Wie oft war es Angela Freydag in diesen Wochen und Monaten, als wären
+nur die Gesichter vertauscht. Als trüge das lernbegierige Mädchen die
+Züge der jungen, lernbegierigen Klavierlehrerin und sie selbst stünde
+als Lehrer an Kornelius Vanderwelts Statt. »Ich gebe deinen Reichtum
+weiter, Kornelius,« sprach sie dann wohl für sich hin, »und heute
+verstehe ich dein Wort, daß es nicht immer die blutseigenen Kinder
+sind, die unsere Seele am stärksten beerben.«</p>
+
+<p>Aber die schwermütige Anwandlung verflog, als wäre sie nie gewesen,
+wenn Kornelius Vanderwelts blutseigene Enkel, wenn Martin und Nikolaus
+schulentlastet die winklige Treppe hinaufgestürmt kamen und ihr mit
+tausend Geschehnissen um den Hals flogen. »Heute hat der Martin ein
+Gedicht auf den Großvater gemacht.« »Der Nikolaus hat geholfen und die
+gute Hälfte daran.«</p>
+
+<p>»Her damit, Jungens.« Und sie las die stammelnden Strophen.</p>
+
+<p>Ihre Brust hob sich hoch. Ihre Augen funkelten. Nein, es war nicht
+vergebens.</p>
+
+<p>Ihr Gedanke schweifte zu den spielerischen Müttern, zu dem lässigen
+Vater, der sich spöttelnd ein Kind der Zeit nannte.</p>
+
+<p>Formte die Zeit die Menschen? Oder formen die Menschen die Zeit?
+Nur die es versuchen, haben die Berechtigung, zu sein, und dieses
+Jungdichtergestammel war über die Zeit erhaben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p>
+
+<p>»Ich wälze zwei rotbackige Äpfel in Teig und schiebe sie für euch in
+den Ofen.«</p>
+
+<p>Ein Jubelschrei aus zwei Kehlen — und ein beschämtes Innehalten und
+Verstummen.</p>
+
+<p>»Schmeckt euch der Lohn zu sehr nach dem Alltag, Jungens? Hattet ihr
+auf eine goldene Rose gerechnet?«</p>
+
+<p>»Aber wir haben dich ja gar nicht angedichtet, Tante Engel. Das
+Gedicht geht auf den Großvater.«</p>
+
+<p>Da nahm sie die beiden Jungen mit einem herzlichen Lachen in ihre Arme
+und an ihre Brust.</p>
+
+<p>»Der Großvater oder ich. Das ist in der Dichtung ein und dasselbe. Ob
+wir leben oder gestorben sind.«</p>
+
+<p>Der Knabenverstand erfaßte den Sinn der Worte noch nicht. Aber
+die Augen glänzten vor Begeisterung, als die Bratäpfel in die
+Ofenröhre geschoben wurden und alsbald ein süßes Duften von
+Weihnachtsseligkeiten die Küche erfüllte. —</p>
+
+<p>Für den Matthes aber war es gekommen, wie er es vorausgesagt hatte:
+es war für ihn ein Geschäft geworden. Die Verzinsungen fielen für ihn
+aus, und die Gastzimmer hatten ohnedies leergestanden und wurden nun
+in Obacht und Pflege genommen. Darüber hinaus aber waltete die starke
+Frau, die ihren Einzug gehalten hatte, in Küche und Haus, griff seiner
+verängstigten Gesponsin nachdrücklich unter die Arme und scheute sich
+nicht, wenn's not tat und die Kräfte der Alten versagten, unbeobachtet
+in der Wirtschaft zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.</p>
+
+<p>»So eine wie die, Alte, wenn ich die gehabt hätt' un nich dich
+Tränenkrug, die ›Fünf Erdteile‹ wären die erste Wirtschaft am Platz.«</p>
+
+<p>Die Frau kniff erregt die Lippen ein und arbeitete ohne Widerrede
+weiter und über ihre Kräfte.</p>
+
+<p>Es war einmal gewesen, daß sie mit einer Handvoll<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> Bierseidel
+über einen Kautabak hingeglitten und zu Fall gekommen war, heftig
+gemaßregelt von dem Groll des Wirtes und von den Gästen mit Hallo
+begrüßt, als Angela Freydag die Wirtsstube betrat. Sie half der
+Beschämten auf die Füße, führte sie hinaus und kehrte kühl an den
+Schenktisch zurück. »Geben Sie her,« sagte sie zum Matthes.</p>
+
+<p>Er blinzelte in den Tabaksqualm, füllte frische Gläser und schob sie
+auf das Schankblech, als wäre nichts weiteres dabei.</p>
+
+<p>»Wer hat bestellt? Wohl bekomm's. Sehen Sie, es geht auch mit der
+Ruhe.«</p>
+
+<p>Die Gäste blickten verdutzt auf die Frauengestalt in derbem Hauskleid,
+räusperten sich und tranken.</p>
+
+<p>»Schmeckt noch mal so gut,« meinte ein Witzbold.</p>
+
+<p>»Mehr wird nicht verlangt,« antwortete sie und sah dem Manne in die
+starrenden Augen, bis sein Blick quer ging.</p>
+
+<p>Von diesem Abend an ging sie zeitweilig, wenn die Frau des Matthes
+vor gichtigen Schmerzen nicht weiter konnte, als Stellvertreterin der
+Ärmsten in die Wirtsstube hinunter und übernahm die Pflichten der
+Wirtin. »Sie haben hier nichts, aber auch gar nichts verloren,« wies
+sie das junge Mädchen zurück, das sich ihr hilfsbereit zugesellen
+wollte. »Für Männer in Kneipenluft ist eine andere Verfassung am
+Platz, als ich sie bei Ihnen wünsche. Diese Bekanntschaften hier
+möchte ich Ihnen für Ihren zukünftigen Lebensweg erspart wissen.«</p>
+
+<p>»Aber, Frau Engel, Sie sind eine Dame, und was und woher bin ich?«
+erwiderte Magdalene Matthes angriffslustig.</p>
+
+<p>»Sie stellen die Frage falsch, Kind. Nicht: ›woher bin ich?‹, ›wohin
+will ich gehen?‹ muß sie heißen und nicht anders. Also belasten Sie
+sich nicht mit Dingen, die Ihnen Ihren Weg versperren. Der meine war
+schön und weist<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> mich zur Beendigung hierher. Weshalb, das lassen Sie
+meine Sorge sein.«</p>
+
+<p>Das Mädchen ging verwirrt von dannen und suchte einen Entgelt darin,
+daß es sich mehr als bisher um die Wünsche und Gewohnheiten der
+Vanderweltschen Familie kümmerte und ihnen genugzutun sich mühte.</p>
+
+<p>Stark und gefestigt saß Angela Freydag im Schatten des Schenktisches,
+die aufglühende Tonpfeife als Freundin. Und sie behielt den Stiel der
+glühenden Pfeife in der Hand, wenn sie am Schenktisch die gefüllten
+Gläser entgegennahm und zu den Gästen trat. Stark und gefestigt saß
+sie wieder auf ihrem Platze, und die voreiligen Witze der Männer
+hatten sich in ein Murmeln der Befriedigung verwandelt.</p>
+
+<p>Man war bei Mutter Engel. — —</p>
+
+<p>»Frau Engel, ich möchte Sie sprechen,« bat in den festfröhlichen
+Wintertagen Magdalene Matthes. »Darf ich es sagen?«</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir getrost alles, was Sie auf dem Herzen haben. Wir sind
+in meinem Stübchen und allein.«</p>
+
+<p>»Sie sind vielleicht durch die Wirtsstube so oft in Anspruch genommen,
+daß Sie es nicht bemerkt haben. Und es sind auch ganz gewiß nicht
+meine Angelegenheiten. Aber die anderen dürfen doch nicht in die
+Mäuler der Leute kommen.«</p>
+
+<p>»Wer sind die anderen?«</p>
+
+<p>»Nun, der Herr Thomas Vanderwelt und — und — die Prachtburschen, der
+Martin und der Nikolaus.«</p>
+
+<p>»Für die Frauen fürchten Sie nichts?«</p>
+
+<p>»Ach, Frau Engel, die Frauen sind es ja gerade, die — ja, wie soll
+ich es Ihnen sagen? — die so unvorsichtig sind.«</p>
+
+<p>»Und Sie glauben, ich bemerkte das nicht, wenn ich in der Wirtsstube
+sitze? Und Sie denken, weshalb ist sie hinuntergegangen und sitzt
+nicht oben und hält die Augen<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> auf? Weil ich denen da oben eine Frist
+zur Besinnung gesetzt habe, Mädchen, und zusehen will, für wen es sich
+da oben verlohnt, bevor ich an die Abreise denke.«</p>
+
+<p>»Frau Engel,« rief das Mädchen mit erschrockenen Augen, »dann bricht
+für die da oben alles zusammen.«</p>
+
+<p>»Magdalenlein,« beruhigte Angela Freydag und strich ihr über die
+heißgewordenen Wangen, »es ist noch nicht so weit, und ich hoffe auf
+ein Wunder. Wenn auch das, was Sie mir zu sagen haben, nicht ein
+Wunder voraussehen läßt.«</p>
+
+<p>»Hätte ich doch nicht damit begonnen!« stieß das Mädchen über sich
+selbst erzürnt hervor.</p>
+
+<p>»Nicht so, Magdalene. Sie und ich, wir haben uns liebgewonnen, und
+in der Liebe gibt es keine heimlichen Gedanken. Was Sie mir zu sagen
+haben, kann nur die Bestätigung meines eigenen Wissens sein, und jede
+klare Bestätigung reinigt die Luft. Sie helfen mir also auch mit
+weniger schönen Wahrnehmungen.«</p>
+
+<p>Das Mädchen hob den Kopf. Ihre tapferen Augen trugen den Ausdruck der
+Entschlossenheit.</p>
+
+<p>»Frau Engel, es ist nicht gut, daß die beiden Frauen allein gehen.
+Ich sah sie nicht zum erstenmal in den Straßen, wenn ich abends aus
+dem Geschäft kam. Heute wurden sie angeredet, und sie ließen es sich
+gefallen und gingen mit den Herren in eine Tanzdiele. Es ist keine
+angesehene Örtlichkeit, in die sie gingen, und sie wußten es wohl
+nicht.«</p>
+
+<p>Angela Freydag saß und hielt die verschlungenen Hände im Schoß. Aber
+die Gelenke ihrer Finger knackten.</p>
+
+<p>»Wollen Sie es den beiden Frauen sagen, Frau Engel? Bitte, sprechen
+Sie doch.«</p>
+
+<p>»Es ist die Sache Thomas Vanderwelts, Magdalene. Er hat für den Namen
+Sorge zu tragen. Also sprechen Sie mit Thomas Vanderwelt, wenn das
+Herz Sie treibt, und ich hoffe für ihn, daß Sie eine glückliche Stunde
+haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span></p>
+
+<p>»Mit — Thomas Vanderwelt? — Und was hat mein Herz damit zu tun?«</p>
+
+<p>»Das müssen Sie sich selber fragen. Oder auch nicht, wenn es Ihnen auf
+Hilfe ankommt.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie mit schwerem Atem, »es kommt mir auf Hilfe an. Gerade
+bei ihm. Denn er ist im Grunde ein ganz anderer, als er vortäuschen
+möchte.«</p>
+
+<p>»Wer ist er denn? Ein unglücklicher Ehemann?«</p>
+
+<p>»Ein schlaffer Mensch ist er. Ein Mensch, der den Aufschwung nicht
+finden kann, weil er immer in den Schmutz stiert. Aber viel, viel
+weicher ist er, als seine Spottsucht zugeben will und die wenigsten es
+ahnen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht, weil er in Ihnen eine so gute Freundin gefunden hat. Und
+nun gehen Sie zu ihm, Mädchen.«</p>
+
+<p>Die erhitzten Wangen erblaßten ihr. Mit kleinen, scheuen Schritten
+ging sie auf die ernstgewordene Frau zu, die sie in die Arme nahm.</p>
+
+<p>»Ich habe einmal aus dem Munde eines ganz Großen gehört, der auch
+nicht in den Gleisen althergebrachter Sitte lief: ›Ich habe das
+Heilige angebetet in Gottes reichster Schöpfung. In der Liebe! Alle
+reine Liebe ist eine Tugend, Kind. Und es steht kein Mensch so
+niedrig, daß er sich ihrem Anruf entziehen könnte.‹«</p>
+
+<p>Da ging sie und suchte Thomas Vanderwelt auf.</p>
+
+<p>Er lag lesend auf dem Sofa, als sie zu ihm eintrat, und er behielt das
+Buch in der Hand, als er erstaunt aufsprang und ihr entgegenging. Es
+war still im Zimmer. Die Frauen spazierten in der Stadt.</p>
+
+<p>»Soll ich mich durch Ihren Besuch geschmeichelt fühlen, Fräulein
+Magdalene, oder das niederdrückende Bewußtsein auf mich nehmen, daß
+es für ein junges Mädchen kein Wagnis bedeutet, mich in meiner Höhle
+aufzusuchen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p>
+
+<p>»Wenn ein <em class="gesperrt">Löwe</em> in der Höhle steckt, mag es schon ein Wagnis
+sein, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe. Sie sind gekommen, um das festzustellen. Ich sah einmal
+einen Löwen in einer Tierbude, der ließ sich an den Barthaaren zausen
+und weinte.«</p>
+
+<p>»Man hätte ihn aus der Tierbude herauslassen sollen, und die Zauser
+hätten das Weinen gekriegt.«</p>
+
+<p>»So hohen Ehrgeiz hatte der Löwe gar nicht. Er war zufrieden, daß er
+gefüttert wurde und nicht in den Regen brauchte.«</p>
+
+<p>»Dann hat der Löwe wohl Ehrgeiz und Ehre verwechselt, Herr Vanderwelt.
+Das soll in der Gefangenschaft vorkommen.«</p>
+
+<p>»Was wollen Sie?« fragte er mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln.</p>
+
+<p>»Frau Engel behauptet, ich sei Ihre Freundin,« sagte sie furchtlos.
+»Es kommt gar nicht darauf an, ob Ihnen daran etwas gelegen ist oder
+nicht. Wenn ich Freundschaft für Sie fühle, so muß ich es Ihnen
+beweisen, auch wenn es Ihnen unangenehm ist. Ihre Gattin, Herr
+Vanderwelt, und Ihre Frau Schwester scheinen zuweilen den Löwen in der
+Höhle zu vergessen. Das ist nicht gut, Herr Vanderwelt. Für Sie nicht
+und für die Knaben nicht.«</p>
+
+<p>Er trat hastig auf sie zu. Auf seinen blassen Wangen tanzten Flecke.</p>
+
+<p>»Wissen Sie etwas Neues? Etwas, was ich nicht weiß? Ausgezeichnet. Wir
+werden Gegenminen legen und sie verblüffen.«</p>
+
+<p>»Haben Sie nicht richtig zugehört?« fragte sie staunend. »Es ist kein
+schön Geschäft, die Angeberin zu spielen, und ich möchte es nicht
+wiederholen.«</p>
+
+<p>Seine fahrigen Hände hielten inne. Er besann sich, wer sie war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
+
+<p>»Meine Jagdleidenschaft ging lieber andere Wege. Das dürfen Sie mir
+glauben. Der röhrende Hirsch. Der wetzende Keiler. Und das Leben
+dransetzen, ihn auf die Decke zu kriegen. Aber wir sind kleine Leute
+und dürfen nur heimlich mit dem Frettchen auf die Karnickeljagd. Man
+gewöhnt sich daran. Es kann eine Leidenschaft werden. Da treiben die
+geschmeidigen Tierchen ihren verliebten Unfug in allen Hecken. Husch,
+sind sie im Bau und lachen sich eins. Und Sie lassen das Frettchen
+hineingleiten, und nun ist das Lachen an Ihnen, wenn die lieben
+Tierchen mit gesträubtem Haar aus den Röhren herausgefahren kommen.
+Ihnen in den Sack.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, hat Ihnen noch nie ein Mensch gesagt, daß die
+Frettchenjäger und die Hundefänger ungefähr auf der gleichen Stufe
+stehen?«</p>
+
+<p>Ein Ruck ging durch seinen Körper. In seinen Augen blitzte es drohend
+auf. Sie aber freute sich der Drohung.</p>
+
+<p>»Sie sind eine Frau,« sagte er und mühte sich in die Gelassenheit
+zurück. »Mit den Begriffen einer Frau soll man nicht rechten, und
+wir wollen den Gesprächsstoff wechseln. Übrigens sind Sie eine sehr
+hübsche Frau, oder Fräulein, wenn Sie das lieber hören. Schlank und
+voll geschwungener Linie, wie die Wiener Rokokofiguren, die ich
+besonders liebe. Mit der hellen Haut und dem hellen Haar der Frauen
+von Geblüt. Ich meine, wenn Sie sich strecken, müssen Sie mir gerade
+bis an den Mund gehen.«</p>
+
+<p>»Loslassen. Oder ich schlage Sie ins Gesicht.«</p>
+
+<p>»Gern?«</p>
+
+<p>»Gern?« wiederholte sie, aus der Fassung gebracht, und fühlte seinen
+Arm nicht mehr. »Man schlägt doch einen Menschen nicht gern ins
+Gesicht?«</p>
+
+<p>»Sicherlich nicht, wenn man vorgibt, eine Freundin zu<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> sein.« Und er
+beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund.</p>
+
+<p>Sie setzte sich nicht zur Wehr. Sie streifte nur ruhig seine Arme von
+sich ab und trat einen Schritt zurück.</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, mein Mund ist kein Freiweideland. Mein Mund, das bin
+ich! Und wenn Sie wieder einmal Hunger oder Durst nach ihm bekommen
+sollten, so vergessen Sie nicht, daß Sie als Zahlung sich selber
+mitzubringen haben, oder doch das, was das Beste an Ihnen sein sollte,
+den Mann.«</p>
+
+<p>Und sie war hinaus, bevor er sich den Sinn ihrer Worte gedeutet hatte.</p>
+
+<p>Angela Freydag saß vor ihren Büchern und rechnete, als Magdalene
+Matthes leise bei ihr klopfte. Und sie errechnete noch ein Vierteljahr
+der Frist für die feiernden Hände derer, für die sie Sorge trug. Ihr
+Blick kam aus weiten Fernen zurück.</p>
+
+<p>»Haben Sie eine glückliche Stunde angetroffen, Magdalene?«</p>
+
+<p>»Er hat mich geküßt, Frau Engel.«</p>
+
+<p>»Geküßt? So tief ging sein Dank für Ihre Freundeshilfe?«</p>
+
+<p>»Ach, Frau Engel, ganz außerhalb meiner Freundeshilfe hat er mich
+geküßt. Wie man ein kleines Mädchen küßt, das ein Gedicht aufgesagt
+hat, oder ein größeres, mit dem man schon eine Liebelei anfangen
+möchte. Nicht so finster blicken, Frau Engel. Ich bin vergnügter
+herausgekommen, als ich hineingegangen bin. Denn ich habe ihm über
+seine hohe Mannbarkeit die Leviten gelesen, daß ihm der Spiegel im
+Zimmer zuwider sein muß.«</p>
+
+<p>»Hüt' dich, Thomas,« sagte Angela Freydag vor sich hin.</p>
+
+<p>Stark und gefestigt saß sie auch am heutigen Abend am Schattenplatz
+der Wirtin, die Arme aufgestemmt, die<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> glühende Tonpfeife zwischen
+den weißen Zähnen. Schimmernd lag ihr die Haarkrone um den
+schöngebliebenen Kopf, der heute voll dunklen Sinnens war.</p>
+
+<p>Der altgewordene Matthes kam vom Schenktisch. Er zwinkerte mit den
+Augen über sie hin und sah das Weiße ihres Armes aus den Ärmeln
+blinken. Wie versehentlich ließ er seine Hand an das Weiße streifen.
+Sie nahm die Pfeife aus dem Mund und lächelte ihn so fern und seltsam
+an, daß es den Mann überlief. Und senkte den glühenden Pfeifenkopf auf
+seinen Handrücken.</p>
+
+<p>Ein paarmal blinzelte er. Dann wandte er sich schwerfällig um und
+verließ das Zimmer. Ein hellhörig Schweigen blieb hinter ihm, und
+die Gäste hockten wie ein verhagelt Hühnervolk auf den Stühlen und
+schielten nach der Frau. Der Matthes kehrte zurück. Er trug ein nasses
+Tuch um die Hand und stellte sich wortkarg hinter den Schenktisch. —</p>
+
+<p>Die Feierabendstunde schlug, und die Gäste erhoben sich und verließen
+die Wirtsstube. Aber ein jeder rückte, was sonst nie der Brauch
+der Männer gewesen war, vor der gelassen weiterrauchenden Frau die
+Schiffermütze, und ein jeder sprach: »Gute Nacht, Mutter Engel.«</p>
+
+<p>Draußen im Gang schloß der Matthes hinter dem letzten die Haustür.
+Dann schlurften seine Schritte die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>Auf der nächtlichen Gasse zogen ein paar Mädchen vorbei und sangen ein
+Lied.</p>
+
+<p>Angela Freydag hob den Kopf, um den Sinn zu ergründen.</p>
+
+<p>Sie sangen von der Sehnsucht.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="11">11</h2>
+</div>
+
+
+<p>Es ging bergab mit den ›Fünf Erdteilen‹. Es gab lustigere
+Schankbetriebe im mächtig sich dehnenden Hafengebiet, und das
+arbeitende Volk war über die weißgescheuerten Tische, die Bierseidel
+und Genevergläschen hinausgewachsen und verlangte nach anders
+gearteten Genüssen als dem Gedudel der Harmonika. Noch war eine
+ältere Stammgemeinde treugeblieben, aber als auch die sprichwörtlich
+gewordene Grobheit des Matthes keine Funken mehr schlug und
+einzuschrumpfen begann, weil ihr die Hauptzielscheibe, die ein Leben
+lang verängstigte Frau, vor Augen fehlte, rückten auch die alten
+Kunden in verlegener Langeweile auf ihren Sitzen, und nur hier und
+dort klatschten noch die Skatkarten auf die Tischplatten.</p>
+
+<p>Der Matthes alterte zusehends. Von einer Erkältung konnte er sich
+schwer erholen, und der vierschrötige Mann schlich wie ein Schatten
+umher. Aber noch wollte er nicht zugeben, daß seine besten Trümpfe
+ausgespielt wären, und er nörgelte mehr als je in Haus und Betrieb
+herum, bis ihn ein neuer Anfall aufs Lager warf.</p>
+
+<p>Angela Freydag sah alles und sah mehr. Sie sah, wie die
+niedergedrückten Lebensgeister der alten Frau sich heimlich zu regen
+begannen, je mehr sie bei dem alten Manne zu versagen drohten, wie
+die Alte sich zusammenraffte, als hätte sie noch etwas vom Leben
+nachzuholen,<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> was ihr einen Entgelt bieten müßte für alle Stöße und
+Schläge des Daseins. Die alte Frau stand von ihrem Lager auf und
+übernahm die Pflege des Mannes.</p>
+
+<p>»Es geht nicht an, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt, »daß du auch
+noch die Geschäfte der Matthesleute auf deine Schultern nimmst und
+vor den Gästen die Wirtsmutter spielst. Ich sage es nicht, weil ich
+mich meiner eigenen Unfruchtbarkeit schäme. Ich bin eine taube Blüte,
+über die nicht viel mehr zu reden ist. Ich sage es, weil ich an den
+Vater denke und an sein Entsetzen, seinen Angela-Engel in solcher
+Gesellschaft zu sehen.«</p>
+
+<p>»Beruhige dich, Thomas. Der Vater würde sagen: Der Angela-Engel wird
+schon wissen, was er will.«</p>
+
+<p>»Darf ich es auch wissen, Engel?«</p>
+
+<p>Sie säumte an einem Handtuch, und er setzte sich grübelnd zu ihr und
+ließ das derbe Leinen durch seine Finger gleiten.</p>
+
+<p>»Was ich will, Thomas? Feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen
+Augenblick eher aufzugeben.«</p>
+
+<p>»Ob was sich lohnt, Engel? Meine Gedanken sind seit einiger Zeit nicht
+mehr bei der Sache, und du mußt ihnen schon zu Hilfe kommen.«</p>
+
+<p>Sie senkte die Arbeit in den Schoß und blickte forschend über ihn hin.</p>
+
+<p>»Eine Frage an dich, Thomas, bevor ich antworte. Wo sind deine
+Gedanken seit einiger Zeit?«</p>
+
+<p>Er prüfte das Leinen weiter zwischen seinen Fingern, als wäre es ihm
+wichtiger als die Frage.</p>
+
+<p>»Ach, Engel, ich gefalle mir mal wieder in Übertreibungen, das ist
+alles. Gedanken! Als ob ich andere Gedanken hätte als ein abgeblaßter
+Papagei im Käfig.«</p>
+
+<p>»Unterlaß mir zuliebe die weltschmerzlichen Bilder. Sag' mir, ob es
+noch einen Funken geben kann, der dich aufrüttelt?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span></p>
+
+<p>»Einen Funken mag es schon geben. Aber ob dieser traurige Rest wert
+ist, aufgerüttelt zu werden —«</p>
+
+<p>»Der Rest kann das Beste enthalten. Das Pulver, das sich entzündet und
+die Kugel aus dem Lauf treibt.«</p>
+
+<p>»Es lohnt nicht, Engel. Ich habe in der letzten Zeit viel darüber
+nachgedacht.«</p>
+
+<p>»Woher willst du müder Mensch wissen, was sich lohnt und was sich
+nicht lohnt? Welche Versuche geben dir das Recht dazu? Hast du alle
+Möglichkeiten ausgeschöpft? Bist du jeder Betätigungsmöglichkeit
+nachgegangen? Ja, es ist richtig, ich habe vorhin dieselben Worte
+gebraucht, und du hast mich nach ihrem Sinn gefragt. Den will ich
+dir jetzt gern offenbaren. Dein Vater Kornelius Vanderwelt, Thomas,
+würde deshalb sagen, der Engel wird schon wissen, was er will, weil
+er die großen Ziele sah, das Werk und nicht das Handwerkszeug. Es
+würde ihm nicht einfallen, zu fragen, ob es ehrenvoller ist, Bier zu
+verkaufen oder Kohlen zu fördern oder Schiffe zu befrachten. Wenn er
+das eine oder andere nicht gerade vermocht hätte, so hätte er das
+dritte oder vierte getan und den zupackenden Mann gewertet und nicht
+den überheblichen Kastengeist, der sich auch nur eine Sekunde besinnt,
+ob der Handel mit Stahl und Eisen vornehmer sei als der mit Guano.
+Die Art des Mannes ist vornehm, nicht die Art seiner Betätigung.
+Das solltet ihr jungen Menschen endlich lernen, die ihr euch ein
+funkelnagelneues Geschlecht dünkt.«</p>
+
+<p>»Du selber sprachst davon,« sagte Thomas Vanderwelt nach einer
+stummen Weile, »du wolltest feststellen, ob es sich lohnt, uns keinen
+Augenblick eher aufzugeben. Wie soll ich das verstehen?«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn an und sah, daß sein Kopf wie eine schöne, welke Blüte
+an ihrer Schulter lehnte. Und dennoch<span class="pagenum" id="Seite_356">[S. 356]</span> war es der Schmalkopf des
+Vaters mit den breiten Wölbungen der Stirn.</p>
+
+<p>»Thomas — ich habe mir eine Zeit gesetzt. Es kann sich eine Sache als
+so minderwertig herausstellen, daß ihre Beibehaltung eine Vergeudung
+von Zeit und Kraft bedeuten würde. Ist der Punkt erreicht, so lege ich
+nieder.«</p>
+
+<p>»Was legst du nieder?«</p>
+
+<p>»Die Sorge um den Nachruhm des Namens Kornelius Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Liegt dir so viel daran?«</p>
+
+<p>Sie nahm seinen Kopf mit beiden Händen, schob ihn von ihrer Schulter
+und suchte finster in seinen Augen.</p>
+
+<p>»Nicht sehr viel mehr — wenn mich das der Sohn und Erbe fragt.«</p>
+
+<p>»Und was würdest du tun — wenn der letzte Punkt erreicht ist?«</p>
+
+<p>»Abreisen,« sagte sie hart, und kein Zug in ihrem Gesicht zuckte.</p>
+
+<p>Sie hörten nur ihren Atem noch. Den ruhigen der Frau, den immer
+schneller werdenden des Mannes.</p>
+
+<p>»Engel — wenn wir anderen dir schon so minderwertig erscheinen, wie
+wir es sind — denk' an die begabten Jungen. Übereile nichts.«</p>
+
+<p>»Denk' du daran, Thomas. Und beeile dich.«</p>
+
+<p>»Ich bin so müde — so elend müde — —«</p>
+
+<p>»Müde wird man nur von der Trägheit des Herzens. Reg' die Hände und
+reiß das Herz mit. Es läßt sich so gern mitreißen.«</p>
+
+<p>»Ach, Engel, die Hände. Sieh dir die Hände an. Es sind Knabenhände
+geblieben.«</p>
+
+<p>»Ist das ein Kunststück, Thomas, aus Knabenhänden Manneshände zu
+machen? Manneshände für deine Person und für deine Familie? Glaubst
+du, ich ränge mit dir und<span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span> rüttelte und schüttelte dich, wenn ich
+nicht doch noch die Möglichkeit sähe?«</p>
+
+<p>»Zu meiner Familie gehört auch meine Frau.«</p>
+
+<p>Sie zögerte keine Sekunde.</p>
+
+<p>»Gibt es Hindernisse, so sind sie da, um beseitigt zu werden. Du
+hältst das Heft zur Scheidung in der Hand.«</p>
+
+<p>Sie wartete auf Antwort und sah, wie er in den Schultern fröstelte.</p>
+
+<p>»Ach,« sagte er klagend, »was ist nicht alles aus meinem Leben
+beseitigt worden. Der Stolz auf mich selbst — und die Freude an der
+Frau. Oder war die Reihenfolge die umgekehrte? Alles an Zweck und
+Ziel war aus meinem Leben gestrichen, seit ich blindlings in diese
+Ehe lief, Engel, und selbst das Jungferntum war aus der Mitgift
+gestrichen.«</p>
+
+<p>Angela Freydag spürte ihr Herz hart gegen die Rippen schlagen. Ihre
+Nasenflügel weiteten sich.</p>
+
+<p>»Man mag sagen, Thomas, das sei kein Gesprächsstoff zwischen uns
+beiden. Aber er ist es doch, wenn es — wenn es um eine Lebensrettung
+geht. Was du soeben ausgesprochen hast, setzt dich ins Unrecht. Denn
+du hast trotzdem die Ehe fortgesetzt. Jetzt aber sorge, daß Recht
+wird. Nicht mehr vergeben. Nicht mehr! Sagen: das nächstemal — aus!
+Und die Faust hinter das Wort setzen. Aus!«</p>
+
+<p>Ihre Hand zog einen Strich, ballte sich zusammen, fiel hart auf die
+Tischplatte. Durch das Zimmer hallte ein Laut, als wäre hart eine Tür
+ins Schloß gefallen.</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt hatte sich erhoben. Ein paar Tropfen perlten auf
+seiner Stirn. Er fühlte es, als er sich das Haar aus der Stirne
+strich. Die nächsten Atemzüge stand er, als ob es um ihn herum
+wirbelte, als ob er mit stoßenden Händen in den Wirbel hineinschlagen
+müßte. Eine Welle hob ihn hoch und zeigte ihm Land. Eine Welle riß ihn
+nieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span></p>
+
+<p>»Engel — hilf mir! Die Jungen — die Jungen sind es wert.«</p>
+
+<p>»Ich helf' dir. Dir und den Jungen und keinem anderen. Weißt du, was
+helfen heißt? Nicht einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen. Ihm den
+Arm unter die Brust legen, damit er das Schwimmen lernt. Dann ist es
+vorbei mit der Ertrinkungsgefahr.«</p>
+
+<p>»Engel — Engel! Als ich ein Knabe war und nicht lernen wollte, wie
+du wolltest, hab' ich zum Schluß doch immer wieder nach deiner Hand
+gehascht. Das möcht' ich auch heute. Deine liebe, liebe Hand möcht'
+ich.«</p>
+
+<p>Sie öffnete die Hand, die immer noch geballt vor ihr auf der
+Tischplatte lag, und streckte sie flach auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Sie war einmal eine liebe Hand. Als dein Vater sie so nannte, Thomas,
+und sie schön fand. Ja, das war. Jetzt muß sie so hart wie ein Hammer
+sein, um eines Tages — eines Tages — wieder schön gefunden zu
+werden.«</p>
+
+<p>Er ergriff die Hand, und sie ballte sich schmerzhaft fest um die seine.</p>
+
+<p>»Erst das erlösende Wort sprechen, Thomas, sonst wäre jede
+Dankbezeigung ein rührseliger Unsinn.«</p>
+
+<p>»Engel,« rang er mühsam hervor, »soll ich es ihr wie eine Kugel vor
+den Kopf schleudern?«</p>
+
+<p>Die Klammer ihrer Hand rührte sich nicht. Und er fühlte, daß sie die
+Wahrheit gesprochen hatte, daß ihre Hände unerbittlich hart geworden
+waren.</p>
+
+<p>»Du kannst es ihr«, gebot sie, »in zwei Malen sagen. Das erste Wort
+heißt: Bis hierher und nicht weiter mehr. Und das zweite Wort: Aus! —
+Du kannst es auch deiner Schwester Juliane sagen.«</p>
+
+<p>Noch einmal rüttelte er an ihrer Hand. Und sie sprach ganz langsam in
+seine erregten Augen hinein: »Im Namen deines Vaters, Thomas.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span></p>
+
+<p>»Aus!« schrie er auf. Und er drückte sein Gesicht auf ihre Hand, und
+sie ließ sie ihm.</p>
+
+<p>Ärger hat nicht Jakob mit dem Herrn an der Wasserfurt gerungen, dachte
+sie, bis der Herr ihn segnen mußte. — —</p>
+
+<p>Es ging nur langsam aufwärts in der Seele Thomas Vanderwelts. Seine
+Lebenswelt war zu viele Jahre abwegig gewesen, und die Staubschicht zu
+dick, als daß er sie mit wenigen Atemstößen hätte hinwegblasen können.
+Sein Geist aber hatte die Schärfe der Dornen und Disteln, unter
+denen er sich so lange zu Hause gefühlt hatte, und sah das Unschöne
+schneller als das Gedeihliche. So tat er oft mißtrauisch die Schritte
+wieder zurück, die er eben erst vorwärts getan hatte, und glaubte,
+ein heimlich Grinsen zu gewahren, wo ihm ein ermunterndes Lächeln
+entgegengetreten war.</p>
+
+<p>An einem Vorfrühlingsabend begegnete er Magdalene Matthes auf der
+Haustreppe. Sie wollte mit freundlichem Gruß an ihm vorüber, aber er
+verstellte ihr den Weg.</p>
+
+<p>»Weshalb haben Sie Ihren Besuch nicht wiederholt? Weshalb weichen Sie
+mir aus? Fürchten Sie sich vor mir?«</p>
+
+<p>»Ha,« sagte sie fröhlich, »ich wollt', ich könnt' es, mich vor Ihnen
+fürchten. Dann erkennte ich doch Ihre Überlegenheit an. Aber ich will
+gern wiederkommen, wenn Sie mir versprechen, mich gruseln zu machen.«</p>
+
+<p>»Liebes Fräulein Magdalene, wollen wir wie ernste Menschen miteinander
+reden?«</p>
+
+<p>»Gern, Herr Vanderwelt, und damit Sie sehen, wie hoch ich Männer
+achte, die ernste Gespräche führen wollen, bitte ich Sie in mein
+Zimmer. Treten Sie ruhig ein. Ich befinde mich unter Ihrem Schutz.«</p>
+
+<p>Er tat, wie sie es wünschte. Er trat ruhig ein und setzte sich an
+den kleinen Fenstertisch. Dort stand ihr weißes Bett und dort ihr
+Kleiderschrank, und er wartete geduldig, bis<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> sie Jacke und Hut
+abgestreift und in den Schrank gehängt hatte.</p>
+
+<p>Sie saß ihm gegenüber und sah ihn ohne Verlegenheit an. Wie einen
+guten Gast, der zu Besuch gekommen ist.</p>
+
+<p>»Sie sind ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren, Fräulein
+Magdalene. Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich es weiß. Sie
+waren zwanzig, als wir ins Haus zogen, und das ist bald ein Jahr. In
+meinem Gedächtnis haben Nebensächlichkeiten leider immer die größte
+Rolle gespielt.«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete sie, »ich bin mündig geworden.«</p>
+
+<p>»Und ich, Fräulein Magdalene, zähle vierunddreißig Jahre und kann das
+letztere immer noch nicht von mir behaupten.«</p>
+
+<p>»Sie können es nachholen, wann Sie wollen, Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ich bin nur bei Ihnen eingetreten, um Ihnen zu sagen, daß ich will.
+Nur finde ich das Wollen leichter als das Vollbringen, und ich schäme
+mich nicht, mich mit Ihnen über das Wie und Wo zu unterhalten.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie ganz gut, Herr Vanderwelt. Weil ich aus dem
+Geschäftsleben komme, meinen Sie.«</p>
+
+<p>»Ja, weil Sie mitten im Geschäftsleben stehen. Weil Sie bei all Ihrer
+Lebenslustigkeit helle und ernste Augen haben, und weil mir mit den
+billigen Redensarten vom ›Steineklopfengehen‹ und ›Sandkarren‹ nicht
+gedient ist.«</p>
+
+<p>»Ich freue mich ganz — ganz unbändig über Ihren Besuch, Herr
+Vanderwelt.«</p>
+
+<p>»Ich werde mich ebenso unbändig mit Ihnen freuen, wenn etwas
+Nennenswertes dabei herausgekommen ist.«</p>
+
+<p>»Darf ich sprechen?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Nur um Sie zu hören, sitze ich hier in Ihrem Stübchen.«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt, nicht ungeduldig werden, wenn nicht<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> alles über
+Hals und Kopf geht. Und auch nicht grimmig werden, wenn ich die Dinge
+beim rechten Namen nenne. Sie haben gelassen zugesehen, wie man Ihnen
+ein Ruder nach dem anderen aus der Hand nahm, und ebenso gelassen
+zugesehen, wie der Kahn von dannen schwamm und versackte. Nun heißt
+es, ihn mit Geduld wieder heben und flott machen.«</p>
+
+<p>»Geduld. Ich bin vierunddreißig Jahre und habe die Sorge für zwei
+Knaben.«</p>
+
+<p>»Das ist schön, daß Sie sie beide nennen. Aber das gehört jetzt
+nicht hierher. Erst müssen Sie den Kahn heben, und dann können Sie
+die Sitzplätze verteilen. Nun wollen wir einmal überlegen, Herr
+Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Den Kopf in die Hände gestützt, blickte sie zum Fenster hinaus und die
+Gasse entlang zum dämmerigen Hafendamm.</p>
+
+<p>»Überlegen wir nicht schon seit einer halben Stunde?« murmelte der
+Besucher.</p>
+
+<p>Sie überhörte seine Ungeduld. Sie sann hinaus, als müßten aus dem
+Nebel des Stroms die Bilder steigen. Und die Bilder stiegen wie
+Schatten auf, und sie mühte ihr Hirn, den Schatten schärfere Umrisse
+zu geben, und die Furche, die sich ihr in die Stirn grub, gab ihrer
+Mädchenhaftigkeit das Gesicht einer reifen Frau.</p>
+
+<p>Er saß mit zusammengelegten Händen und sah sie an. Und es wurde heller
+und heller in seinen Gedanken, und mit Staunen wurde er gewahr, daß
+seine Gedanken dieselben Wege gingen wie die ihren, seit sie das
+Gleichnis vom Kahn gebraucht hatte.</p>
+
+<p>»Sie meinen den Rhein?« fragte er leise.</p>
+
+<p>Sie nickte. »Ich meine den Rhein. Ich meine ihn zu Berg und zu Tal,
+von Mannheim bis Rotterdam, und so Gott will, darüber hinaus. Und ich
+meine Ruhrort als den Hafen.<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> Und wenn man nicht die Möglichkeit hat,
+Kähne zu befrachten, so kann man — so kann man sie steuern. Wenn man
+Kähne hat.«</p>
+
+<p>»Ich habe Kähne,« sagte er. »Ich habe zwei. Der Wilm hat sie geheuert.«</p>
+
+<p>»Wir wollen den Wilm nicht vom Brote jagen. Frau Engel hält ihn hoch
+in Ehren. Aber mir ist immer — ist immer, als kämen von diesen Kähnen
+Taue herüber an Land, an denen man an Bord klettern könnte. Und einmal
+an Bord, geht man mit auf Fahrt und lernt das Handwerksgeschäft und
+das Errechnen von Gewinn und Verlust und das Wiedereinholen jedes
+Verlustes durch gewinnbringende Ausnutzung der Rückfrachten. Nein,
+durch Ausnutzung der eigenen Persönlichkeit. Dahin, daß man in
+persönlichen Verkehr zu den Kunden an allen Plätzen tritt. Dahin, daß
+man sich die Kunden zu persönlichen Freunden gewinnt. Und aus dem
+›Partikülier‹ wird der Verlader.«</p>
+
+<p>»Ha,« rief er, »und aus dem Verlader wird der König von Ruhrort! Das
+ist die Geschichte von der Eierfrau, die auf die Nase fiel.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie sie doch ruhig auf die Nase fallen,« erwiderte sie und
+behielt die nachdenkliche Furche bei. »Wie ich die Eierfrauen kenne,
+sind sie zäh wie die Katzen, und aus dem nächsten Korb Eier blökt
+schon wieder das Kalb heraus. Es wird sich sicherlich nicht alles wie
+an der Schnur abspielen, aber ein Herr Thomas Vanderwelt wird sich ja
+auch nicht von einer Eierfrau in den Schatten stellen lassen, und wem
+das Goldene-Pläne-Machen Freudenstunden bereitet, der muß auch die
+Nackenschläge in den Kauf nehmen können.«</p>
+
+<p>In seinen Augen wurde es heiter. Aber es war nicht die Heiterkeit der
+Überlegenheit, sondern die währende Freude<span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span> an der Stunde, von der ihr
+Mädchenmund gesprochen hatte.</p>
+
+<p>»Es sitzt sich gut bei Ihnen,« sagte er und rückte näher an den Tisch.
+»Irgend etwas springt von Ihnen zu mir herüber. Was, weiß ich noch
+nicht, aber ich glaube, es ist Ihr unbekümmerter Jugendmut.«</p>
+
+<p>»Finden Sie nicht, Herr Vanderwelt, daß ›Wir mit den leeren Taschen‹
+die glücklichsten Menschen von der Welt sind? Wir dürfen alles das
+planen, was die anderen schon besitzen, und dürfen es viel schöner
+noch planen, und wenn nachher nur ein Bruchteil davon in Erfüllung
+geht, so bleibt es immer ein Gewinn und ein gewaltig schöner
+Glücksfall.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« murmelte er, »es hat seine Reize. Nur darf man den
+Glücksfall nicht dem Zufall überlassen.«</p>
+
+<p>Sie streckte ihm aus einem lebhaften Drange heraus über den Tisch die
+Hand entgegen, und er nahm sie.</p>
+
+<p>»Das ist es, Herr Vanderwelt. <em class="gesperrt">Dem</em> Wort sind <em class="gesperrt">Sie</em> auf die
+Spur gekommen, und es bringt uns einen Sprung weiter. Von morgens früh
+bis abends spät am Steuer stehen, jeden Wind ausnutzen, jede steigende
+Wasserwelle. Und wäre es auch nur, um sich sagen zu können: ›Ich tat
+meinen Teil‹, und damit die anderen sich sagen können: ›Auf den ist
+Verlaß!‹«</p>
+
+<p>»Ich möchte morgen früh beginnen, Fräulein Magdalene.«</p>
+
+<p>Sie schüttelte seine Hand hin und her, als sollte er noch mehr
+erwachen.</p>
+
+<p>»Sie haben ja schon begonnen. Sie haben ja heute abend schon begonnen.
+Und morgen früh ist Fortsetzung, und jeden Tag einen Schritt weiter.
+Ach, Herr Vanderwelt, was für eine Freude werden wir von unserer
+heimlichen Verschwörung haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span></p>
+
+<p>»Wir? Wollen Sie denn auch weiter mittun?«</p>
+
+<p>»Natürlich will ich weiter mittun. Sie sind ja seit Jahr und Tag aus
+dem Ruhrorter Geschäfts- und Hafenbetrieb heraus. Glauben Sie, der
+hätte stillgestanden, seitdem Sie auf die Seite traten? Da kennen
+Sie die Geschäftsgewaltigen von Duisburg-Ruhrort und was dazu gehört
+schlecht. Ich bin nur eine kleine graue Maus in dem Riesenbetrieb,
+aber gerade die Mäuse haben die feinsten Ohren, und es heißt nicht
+umsonst bei wichtigen Anlässen: ›Könnt' ich da nur Mäuschen sein!‹«</p>
+
+<p>»Mädel, Mädel, wo nehmen Sie nur den verteufelten Wagemut her?«</p>
+
+<p>»Ich könnte sagen, Herr Vanderwelt: aus meinen leeren Taschen. Aber
+das träfe den Nagel nur halb. Den besseren Teil nehme ich aus meiner
+Liebe — zu —«</p>
+
+<p>»Zu —?«</p>
+
+<p>»Zu Frau Engel, Herr Vanderwelt. Zu der Frau, die nur das hohe Ziel
+kennt und sich darum nie erniedrigt. Und wenn sie Wäsche spülen müßte.
+Solch ein Vorbild sollten Sie sich auch wählen.«</p>
+
+<p>Er schwieg. Und nach einer Weile sagte er ruhig: »Ich möchte selbst
+eins werden. Das scheint mir jetzt notwendiger.«</p>
+
+<p>Sie waren aufgestanden, und die Worte fehlten zwischen ihnen. Er griff
+nach dem Hut.</p>
+
+<p>»Von morgen an gehe ich in den Hafen. Aber mit offenen Augen. Was ich
+an Ballast führe, geht über Bord.«</p>
+
+<p>»Von morgen an«, sagte Magdalene Matthes, »werde ich mit Ihren Augen
+ins Geschäft gehen. Aber ich werde meine Kündigung einreichen müssen,
+um vor mir selber nicht als Ausspäherin gelten zu müssen.«</p>
+
+<p>»Ich verpflichte Sie hiermit als meine Buchhalterin, als meine
+Schriftführerin, als die Gesamtheit meiner Mannschaft. Bis Ihre
+Kündigungsfrist abgelaufen ist,<span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span> muß an meiner Seite Platz für Ihre
+Tätigkeit sein. Glückauf, Fräulein Matthes.«</p>
+
+<p>»Glückauf, Herr Vanderwelt,« antwortete sie zukunftsfroh und drückte
+ihm herzhaft die Hand. —</p>
+
+<p>Angela Freydag sah ihn am nächsten Morgen das Haus verlassen und mit
+gleichmäßigen Schritten dem Hafen zugehen. Und sie sah Magdalene
+Matthes das Haus verlassen, und ihre Augen begegneten sich.</p>
+
+<p>»Keine Sorge,« sprachen die Augen des Mädchens, »ich bin mit am Werk.«</p>
+
+<p>»Halt aus, Mädchen,« sprachen die Augen der Frau. »Aushalten ist
+Frauensache.«</p>
+
+<p>Von diesem Morgen an kam eine Abgeklärtheit über Angela Freydag, die
+sie nicht mehr verlassen sollte. Wie bisher sorgte sie für Haus und
+Wirtschaft, aber zuweilen war ihr, als sei sie nur noch als Gast
+geladen, dessen Besuchszeit in absehbaren Tagen abliefe, und sie übe
+ihre Tätigkeit nur als eine Gegenleistung der Gastfreundschaft.</p>
+
+<p>Kamen diese Gefühle zu ihr, und sie kamen immer öfter und heiterer,
+so gab sie sich ihnen nicht träumerisch hin, sondern nahm sie als
+Ansporn, das, was ihr in diesem Hause noch zu tun übrigblieb, mit
+geschärfteren Sinnen zu durchdenken und den Hebel ihrer Persönlichkeit
+mit gesteigertem Nachdruck einzusetzen.</p>
+
+<p>Häufiger als in früheren Tagen pflegte sie die gemeinsame Kammer der
+Knaben aufzusuchen, denn die Klingel in der Wirtsstube schlug am
+Nachmittage kaum an, und die Versorgung des bettlägerigen Matthes
+hatte sich die wiedererstandene Frau als ihr ureigenes Recht
+ausbedungen, das die einst so Demütige mit giftigen Worten verteidigen
+konnte.</p>
+
+<p>»Ich hab' mit dem Mann noch meine Abrechnung. Geschenkt wird ihm nix.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span></p>
+
+<p>Angela Freydag hörte darüber hinweg. Was ging sie die Abrechnung
+der Alten an? Sie hatte mit den Jungen zu tun. Und die Jüngsten der
+Jungen waren die beiden Knaben, waren Martin und Nikolaus, die vor
+fast einem Jahre das Gedicht an den Großvater, an Kornelius Vanderwelt
+geschrieben hatten und ihren jungen Geist in die Höhe steigen ließen.</p>
+
+<p>Zu Ostern, in wenigen Wochen, würden sie die Obertertiaklasse erobert
+haben. Ein Jahr zu früh für den regelmäßigen Arbeitsgang und doch für
+ihre begeisterungsfähigen Seelen nicht früh genug.</p>
+
+<p>In Angela Freydags Augen waren sie beide mutterlos. Selten oder nie
+hatte sie Frau Juliane oder Frau Antonie in der Kammer der Knaben
+angetroffen, es sei denn, daß eine der Frauen mit wichtigem Auftrag
+die Knaben aus der Arbeit aufschreckte und mit einem Brieflein durch
+die halbe Stadt entsandte. Thomas Vanderwelt aber war nun dabei,
+sich draußen im Hafen sein Floß zu zimmern, um den freien Rhein zu
+gewinnen. Da blieb die Sorge um die Knaben Angela Freydag, und es war
+ihre liebste Sorge.</p>
+
+<p>»Was treibt ihr?« fragte sie, wenn sie beim Eintritt in die Kammer mit
+Jubelgeheul bewillkommnet wurde.</p>
+
+<p>»Setz' dich einmal nieder, Tante Engel. Hierher an den Tisch.
+Nikolaus, wirf die Scharteken vom Stuhl. Sitzest du gut, Tante Engel?
+Das Publikum muß in eine freundliche Gemütsverfassung gebracht werden.«</p>
+
+<p>»Narren ihr! Sammelt die Schulbücher vom Boden auf und zeigt mir eure
+Hausaufgaben.«</p>
+
+<p>»Muß das sein, Tante Engel? Hat's nicht Zeit? Inzwischen verpufft die
+ganze Begeisterung.«</p>
+
+<p>»Recht so, Jungens. Da habt ihr die Probe aufs Beispiel, und die
+haltet mir fest. Was verpufft, ist nicht echt<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> und nicht lebensfähig.
+Das schillert nur in allen Regenbogenfarben und zerplatzt.«</p>
+
+<p>»Baus!« machten die Jungen und suchten ihre Bücher zusammen.</p>
+
+<p>»Das Aufgabenheft brauche ich nicht,« sagte Angela Freydag und
+schob es zurück. »Zwischen uns herrscht Vertrauen. Ich belüg' euch
+ja auch nicht. Außerdem predigt euch euer heller Verstand, daß der
+Wissende der Herr ist und der Unwissende der Knecht. So, das wäre die
+Mathematik. Verstehe ich nicht, aber die Zeichnungen sind sauber.
+Und das wäre das Latein. Verstehe ich auch nicht, aber es sind zwei
+Seiten voll und wird wohl genügen. Und das — das ist Griechisch, und
+ich verstehe es noch viel weniger. Wollt ihr euch lustig machen, ihr
+Sonntagsreiter?«</p>
+
+<p>»Sonntagsreiter hat sie gesagt, Martin! Sonntagsreiter! In der Woche
+braucht man den Klepper nicht, und Sonntags hoppelt man darauf herum.
+Tante Engel, du hättest nur <em class="gesperrt">unsere</em> Reihenfolge bestehen lassen
+sollen.«</p>
+
+<p>»Wißt ihr es denn nicht mehr aus eurer Kinderzeit? Erst mußtet ihr
+den Lebertran schlucken, dann kam die Backpflaume als Belohnung.
+Schmäht mir den Lebertran nicht. Er fördert den Knochenbau. Wie das
+Lateinische und Griechische Verstand und Geist. Die Kunst aber ist die
+große goldene Feierabendsonne.«</p>
+
+<p>»Gilt sie nur für den Feierabend?« fragten die Knaben enttäuscht.</p>
+
+<p>»Ihr habt mich mißverstanden, ihr lieben, heißen Jünger. Am Abend geht
+sie auf und gibt die Kraft für die Nacht und den ganzen neuen Tag.
+Damit der Mensch den Werktag durchhält und mit jeder Arbeit, die er
+hinter sich bringt, der Freude näher kommt. Sonst müßte er ja glauben,
+die Sonne am Himmel schiene nur für die Müßiggänger.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span></p>
+
+<p>»Schreib's auf, Nikolaus, für die nächste Nummer.«</p>
+
+<p>»Es kann noch in diese, Martin. Wir machen den Leitspruch daraus. Los.
+Ein jeder für sich.«</p>
+
+<p>Der eine saß am Fensterbrett, der andere am Bettpfosten und strichelte
+Buchstaben aufs Papier. Jetzt lief der eine zum anderen, und sie
+verglichen die Blätter. Aus Rand und Band geraten, schlugen sie sich
+auf die Schultern, hin und her. Die Prägung der Worte war fast die
+gleiche geworden und bedurfte nur geringer Feilung.</p>
+
+<p>»Erfahre ich nun bald,« fragte Angela Freydag, »was für Narrheiten ihr
+treibt?«</p>
+
+<p>»Tante Engel, du mußt unser Mitarbeiter werden. Wir verpflichten dich
+feierlich. Eigentlich wollten wir es ja ganz alleine machen, aber
+was wir nur unter Hochdruck zutage fördern, das sagst du so ganz
+selbstverständlich daher.«</p>
+
+<p>»Ist es wahr, Tante Engel, daß es ›geborene Künstler‹ gibt? Die ganz
+und gar Kunst sind?«</p>
+
+<p>»Ja, ihr Jungen. Es gibt Menschen, die aus ihrem bloßen Leben das
+größte Kunstwerk gestalten. Sie sind noch seltener als die namhaften
+Künstler, und Kornelius Vanderwelt, euer Großvater, war einer von
+ihnen.«</p>
+
+<p>Die Knaben kamen ihr näher. Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem
+Vorfahren vernahmen, der ein so großer Künstler gewesen war. Es wurde
+ihnen zumut, als ginge ein Schein von seinem stolzen Haupte auf ihre
+Jugendlocken über.</p>
+
+<p>»Tante Engel, du bist doch auch eine berühmte Künstlerin gewesen. Auf
+dem Konzertflügel.«</p>
+
+<p>»Ihr wollt mich wohl nicht ganz leer ausgehen lassen, wenn ihr an den
+Großvater denkt?«</p>
+
+<p>»Der Großvater und du, Tante Engel, das ist doch derselbe Begriff.
+Seit wir denken können, haben wir euch<span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span> immer zusammen gesehen, und
+der Martin, als er noch ganz klein war, hat mich einmal gefragt, ob du
+der Großvater seiest oder der große Mann da.«</p>
+
+<p>»Tante Engel, es war der Nikolaus. Er wollte dich damals heiraten,
+aber er wußte nicht, ob das anginge, da du doch der Großvater seiest.«</p>
+
+<p>»Weil du die Piep rauchtest, Tante Engel.«</p>
+
+<p>Angela Freydag saß zwischen Kornelius Vanderwelts Enkeln und ließ sich
+die Jugendwogen warm und wohlig zu Herzen gehen. Ihre Hände griffen in
+die blonden Schöpfe, ihre Augen lachten in die Knabenaugen.</p>
+
+<p>»Muß ich nun zum dritten Male fragen, was es mit euren Heimlichkeiten
+auf sich hat? Ich muß doch wissen, ob ich an einer Sprengbombe
+mitarbeiten soll oder an Apollos Sonnenwagen.«</p>
+
+<p>Die Knaben blickten sich an. Dann sprangen sie gemeinsam an den
+Tischschubkasten und suchten einen Stoß geschriebener Blätter hervor.
+»Mit der ersten großen Einnahme wird eine Schreibmaschine gekauft.
+Natürlich eine ›gebrauchte‹,« erklärten sie beruhigend.</p>
+
+<p>Angela Freydag nahm die Blätter entgegen. Ihr wurde froh und sogar ein
+wenig feierlich zumute, als sie auf die beschriebenen Seiten blickte.
+»Aus Sehnen und Leben« benannte sich die handschriftliche Zeitung,
+die sie in den Händen hielt. Ob nicht der junge Kornelius Vanderwelt,
+bevor ihn das Sehnen nach dem Leben auf die Weltmeere getrieben hatte,
+auch eine solche Schülerzeitung gedichtet und geschrieben haben mochte?</p>
+
+<p>Die erste Seite in zwei Spalten geteilt. Auf jeder ein Gedicht, beide
+in genau der gleichen Verszahl. Links Martins, rechts Nikolaus' Name.</p>
+
+<p>»Tante Engel, das war ein Spaß. Dort saßen wir, wo wir eben saßen. Der
+eine am Fensterbrett, der andere auf<span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span> der Bettkante. Eins — zwei —
+drei — und los! Da schwirrten die Saiten. Der Martin war mit seinem
+Gedicht zuerst zu Rande gekommen, dafür hatte es bei näherem Zuschauen
+eine Strophe weniger als das meine, und er mußte eine Strophe
+hinzudichten, damit auf der ersten Seite das schöne Gleichmaß bewahrt
+blieb. Wieder 'ran an den Feind, und auf die Sekunde wurde er mit mir
+fertig. Wie haben wir gelacht, Tante Engel!«</p>
+
+<p>Und Angela Freydag dachte: Da sitzen sie in einem elenden Bauwerk,
+den Himmel über sich und unter sich eine Schifferkneipe, und das Blut
+bricht doch durch und schlägt vor lauter Freude Purzelbäume von einem
+Stern zum anderen.</p>
+
+<p>»Umblättern, Tante Engel,« drängten die jungen Dichter. Sie wollten
+das Staunen genießen.</p>
+
+<p>Ein Märchen folgte vom Rhein. Eine Erzählung aus dem Hafen.
+Gleichnisse zwischen Schule und Freiheit, in denen die Freiheit
+triumphierte. Ein Sportbericht wie ein schottisch Tuch, so bunt
+überwürfelt mit Fachausdrücken. Eine Spalte voll rheinischen Humors.
+Und dann der Briefkasten. Der Briefkasten, in dem unzähligen
+Anfragern immer wieder aufs neue versichert werden mußte, daß die
+Nummer wirklich nur fünfzig Pfennig koste, obschon noch keine Nummer
+erschienen und noch kein Anfrager möglich war.</p>
+
+<p>Die Kaufmannsader der Vanderwelts, dachte Angela Freydag. Sie hält auf
+ihren Preis.</p>
+
+<p>Unter den größeren Arbeiten prangten die Namen der Verfasser, die
+geringeren waren mit ›Bischof‹ und ›Ruprecht‹ gezeichnet. Angela
+Freydag wies mit dem Finger darauf. »Was bedeutet das?«</p>
+
+<p>»Verstecknamen, Tante Engel. ›Bischof‹ bedeutet Martin, denn der
+heilige Martin war ein Bischof, und ›Ruprecht‹<span class="pagenum" id="Seite_371">[S. 371]</span> bedeutet Nikolaus,
+denn der liebe, liebe Nikolaus läuft auch als Knecht Ruprecht durch
+den Wald. Wärst du darauf gekommen? Ehrlich, Tante Engel.«</p>
+
+<p>»Es sind prachtvolle Verstecknamen,« gestand sie, zog ihre Geldtasche
+und blickte hinein. »Wie oft erscheint die Zeitung?«</p>
+
+<p>»Monatlich,« sagten die Jungen atemlos.</p>
+
+<p>»Bin ich euer erster Besteller?«</p>
+
+<p>»Ja! — Willst du bestellen?«</p>
+
+<p>»Ich bestelle hiermit die Monatsschrift ›Aus Sehnen und Leben‹ auf ein
+Jahr. Macht, soweit ich richtig rechnen kann, sechs Mark. Und da ich
+euch nicht eines Tages mit dem Gelde auf und davon gehen möchte, so
+erlege ich es in bar. Nehmt hin. Auf jeden Dichter kommt ein Taler.«</p>
+
+<p>»Tante Engel! Tante Engel!« schrien die Jungen, vom Glück wie
+benommen. Und warfen sich ihr an den Hals, saßen auf ihren Knien,
+wiegten sich an ihrer Brust.</p>
+
+<p>»Wollen wir es ihr sagen, Nikolaus?« flüsterte der Martin.</p>
+
+<p>»Alles, alles, und wenn wir damit hineinfallen.«</p>
+
+<p>»Tante Engel — also — du bist doch unsere Vertraute — die Gedichte
+von der ersten Seite, die haben wir an eine Berliner Zeitschrift
+geschickt.« Und lagen wieder still an ihrer Brust und ließen sich
+wiegen. — —</p>
+
+<p>Es war eine Woche später, als Angela Freydag die beiden Himmelsstürmer
+unter strömenden Tränen fand. Sie taten keinen Klagelaut, aber die
+Tränen bahnten sich auch lautlos ihren Weg, rollten über die Wangen
+und zogen in den Schulheften trübselige Furchen.</p>
+
+<p>»Ihr seid mir ja ein paar nette Sonnenanbeter,« tadelte sie die
+Zerschmetterten. »Wie wollt ihr denn euere Leser an die Sonne in
+eueren Gedichten glauben machen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_372">[S. 372]</span> ihr selber das graue Elend
+habt? Oder hat Berlin euch die Gedichte zurückgeschickt? Mein
+Zartgefühl hätte das zuerst fragen sollen.«</p>
+
+<p>»Berlin — Berlin — hat sie angenommen.« Und die Jungen lächelten
+unter Tränen.</p>
+
+<p>»Martin! Nikolaus! Wollt ihr wohl gefälligst die Schlappheit
+unterdrücken? Seit wann steht ihr nicht mehr auf, wenn ich mit euch
+spreche? Das Glück fällt euch in den Schoß, und ihr wollt euch hier in
+Weltschmerz gefallen?«</p>
+
+<p>Die Jungen waren aufgesprungen, purpurne Scham auf den Wangen.</p>
+
+<p>»Entschuldige, Tante Engel. Entschuldige vielmals. Es soll nicht
+wieder vorkommen.«</p>
+
+<p>»Und weshalb <em class="gesperrt">ist</em> es vorgekommen? Darf ich das als euere
+vertraute Mitarbeiterin vielleicht erfahren?«</p>
+
+<p>Die Jungen blickten scheu in die Zimmerecken. Ihr Knabentum vermochte
+den Helden noch nicht zu spielen. Und der Blick wagte sich zu der
+gebietenden Frau empor, die für sie nur die Güte gewesen war, und als
+sie das Verständnis bemerkten, das sie ihrem Schmerze entgegenbrachte,
+sprangen sie ihr an den Hals.</p>
+
+<p>»Tante Engel, nicht wahr, das glaubst du nicht von uns, daß es
+Geldgier wäre? Aber es war doch das erste, selbstverdiente Geld, und
+wir wollten doch die gebrauchte Schreibmaschine dafür kaufen. Das
+ist nun für ewige Zeiten aus und vorbei, und mit dem Bestellgeld für
+die Zeitung können wir es nicht machen, weil wir auch das eingehende
+Bestellgeld abliefern müssen.«</p>
+
+<p>»An wen?«</p>
+
+<p>»An die Mutter. An Tante Juliane.«</p>
+
+<p>»Also an Frau Juliane. Ist das richtig? Und was hattet ihr von Berlin
+eingenommen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_373">[S. 373]</span></p>
+
+<p>»Denke dir, Tante Engel! Denk' dir doch nur! Zwanzig Mark für jedes
+Gedicht! Zwanzig Mark, und zusammen vierzig.«</p>
+
+<p>»Hei,« sagte sie, »das ist ein feiner Anfang, und ich muß euch
+beglückwünschen. Der Rückschlag schadet nicht. Manche werden
+überheblich, bevor sie erprobt haben, ob es Glück oder Verdienst war.
+Manche denken, sie brauchten in Zukunft nur irgend etwas auf Papier
+zu schreiben, was sich reimt, und es hätte Geldeswert. Der Künstler
+muß durch das Leid hindurch wie der Titan durch die Schicksalswelt, um
+seinen Adel zu spüren, aber so weit seid ihr gottlob noch lange nicht,
+und ihr dürft noch um den verlorenen Groschen weinen.«</p>
+
+<p>Sie sagte die Worte vor den Ohren der Knaben, leicht und launig und
+schmerzstillend. Aber in ihrem Innern zog sich drohend eine Wolke
+zusammen.</p>
+
+<p>»Hüt' dich, Habgier und Eigennutz, die helleuchtenden Kerzen auf dem
+Kindesaltar auszulöschen.«</p>
+
+<p>Sie ging in das Zimmer, in dem die beiden Frauen beieinander saßen.
+Kopf neben Kopf an das Fenster gepreßt, mit den Händen Grüße winkend.
+Sie fuhren herum, als sie Angela Freydags Schritte vernahmen, wie auf
+böser Tat ertappt.</p>
+
+<p>»Was verschafft uns die Ehre?« fragte Juliane. »Gilt Ihr Besuch mir
+oder meiner Schwägerin?«</p>
+
+<p>»Er dürfte Ihnen beiden gelten. Aber da Herr Thomas Vanderwelt berufen
+genug erscheint, die Angelegenheiten mit seiner Frau selbst zu ordnen
+—« Frau Antonie erhob sich und verließ ohne aufzublicken das Zimmer
+— »so ist es mir recht, mit Ihnen allein zu reden. Ich habe mit einer
+besonderen Art von Genugtuung bemerkt, daß Sie begonnen haben, der
+starken Begabung der beiden Knaben Ihre Anteilnahme zuzuwenden. Diese
+Anteilnahme äußerte<span class="pagenum" id="Seite_374">[S. 374]</span> sich vor allem darin, den Knaben ihre Einnahmen
+wieder abzunehmen.«</p>
+
+<p>»Vierzig Mark! Was sagen Sie dazu? Vierzig Mark für zwei Gedichte.«</p>
+
+<p>»Das Geld ist Nebensache. Die Freude am Erfolg, der sich in dem Gelde
+wie in einem Wertmesser auswirkt, ist die Hauptsache. Ich bitte Sie,
+das zu bedenken und die Freudenquellen nicht zu verstopfen.«</p>
+
+<p>»O nein! O nein! Wie sollte ich? Halten Sie mich für eine solche
+Törin? Das Geld kam mir geradewegs vom Himmel gesandt, denn ich
+brauchte ein Frühlingskleid wie das liebe Brot und konnte doch
+nur mit einer Anzahlung aufwarten. Eine Frage noch. Es wäre mir
+lieb, sie von fachmännischer Seite beantwortet zu hören, und Sie
+gehörten doch auch einmal der Kunst an. Können sich die Einnahmen
+der Jungen steigern lassen? Ich meine, können diese Nebeneinnahmen,
+wenn die Jungen erwachsen und zu einem Hauptberuf übergegangen sind,
+große Summen erreichen? Ich für meinen Teil werde ja doch meine
+Unterhaltungspflicht eines Tages allein auf meinen Sohn übertragen
+müssen und, wenn nicht alle Zeichen trügen, meine verehrte Schwägerin
+auf den ihren. Da möchte man jede Möglichkeit, die Lebenshaltung zu
+verbessern, ausnutzen und die Jungen beizeiten an die Trense nehmen.
+Wie denken Sie als Fachmännin darüber?«</p>
+
+<p>»Fühlen Sie nicht, Frau Juliane, wie Sie sich mit jedem Worte an dem
+heiligen Geist Ihres Jungen versündigen? Und an dem des Neffen dazu?
+Sind Sie so bar jedes Mutter-, Frauen- und Familiengefühls, daß Sie
+die Begabung der Jungen, ganz gleich, ob sie auf kaufmännischem oder
+künstlerischem Gebiet zum Ausdruck kommen sollte, nur an die Leine
+nehmen möchten, um Ihren Wagen ziehen zu lassen? Nein, es hat keinen
+Zweck, mit Ihnen<span class="pagenum" id="Seite_375">[S. 375]</span> darüber zu reden. An Ihrer Selbstsucht prallt
+jeder Versuch einer Einwirkung ab. Seit Mädchenzeiten, Frau Juliane.
+Aber daß Sie eine schwere Gefahr für die Enkel Kornelius Vanderwelts
+bedeuten, das ist mir erst heute offenbar geworden.«</p>
+
+<p>»Sie gestatten, daß ich mich aus dem Gespräch zurückziehe.«</p>
+
+<p>»Nur aus dem Gespräch?« fragte Angela Freydag und schritt an ihr
+vorüber. »Das scheint mir etwas zuwenig.«</p>
+
+<p>Den ganzen Tag durchwanderte sie das Haus und wurde ihren vielen
+Pflichten gerecht, und doch sah sie vor ihren Augen nichts als das
+Bild der beiden Knaben, der flügelschlagenden, sonnendurstenden, und
+alles Flügelschlagen brachte sie nicht höher hinauf, weil sie eine
+Eisenkugel am Beine schleppten, und kein Sonnendurst wurde ihnen
+gestillt, weil sie den unersättlichen Erdendurst anderer zu stillen
+hatten und darüber verkamen.</p>
+
+<p>Wie eine Wölfin durchwanderte Angela Freydag das Haus, und ihre Blicke
+sonderten das Kranke von dem Gesunden.</p>
+
+<p>Es waren noch andere Kranke im Hause als die durch die
+Sumpfniederungen gleitenden Frauen Juliane und Antonie. Aber Angela
+Freydag brauchte sie nicht zu sondern, denn sie hatten sich allein
+schon abgesondert, wie Tiere tun, die ihre letzten ohnmächtigen
+Zuckungen den Blicken des Tages entziehen. Der alte Matthes lag
+hilflos auf seinem Schmerzenslager, und die alte Frau hielt die
+Kammertür verschlossen und ließ keinen zu ihm.</p>
+
+<p>»Einen Schnaps, Alte! Einen großen Schnaps, um über die höllischen
+Schmerzen wegzukommen.«</p>
+
+<p>»Du brauchst keinen Schnaps. Hättst du im Leben weniger getrunken,
+hättst du jetzt die Schmerzen nich<span class="pagenum" id="Seite_376">[S. 376]</span> auszuhalten. Damals mußt'
+<em class="gesperrt">ich</em> sie aushalten. Dat is die Strafe.«</p>
+
+<p>»Willst du kuschen? Hol' den Schnaps her! Oder ich komm' dir an die
+Naht!«</p>
+
+<p>»Du? Ogottogott. Bekuck' dich doch mal im Spiegel un freu dich, dat
+<em class="gesperrt">ich</em> dir nix tu.«</p>
+
+<p>»O du niederträchtig Geschöpf. Un so wat hat man mehr als vierzig Jahr
+neben sich geduldet.«</p>
+
+<p>»So is richtig. Vierzig Jahr hab' ich nich mucksen dürfen, un jetz
+hältst du et Maul un schläfst.«</p>
+
+<p>Nicht Hand noch Fuß konnte der Matthes rühren und nur ohnmächtig mit
+den Zähnen knirschen. Ob er wachte oder schlief, sie war da und das
+Grinsen, das ihre Teilnahme ausdrücken sollte. Klapprig und ledergelb
+schlurfte sie in der Kammer umher und versorgte ihn mit Speise und
+Trank.</p>
+
+<p>»Die Magdalene soll kommen.«</p>
+
+<p>»Weshalb soll die Magdalene kommen? Die Magdalene hat Besseres zu tun,
+als solch 'nen alten Kerl zu bekucken.«</p>
+
+<p>»Die Magdalene soll kommen! Ich will meine Enkelin Magdalene an meinem
+Bett wissen un nich dich Hexe du!«</p>
+
+<p>»Du hast ja nich mal deine leibliche Tochter in deinem Haus wissen
+wollen. Da hat auch die Tochter von der Tochter nix an deinem Bett zu
+suchen.«</p>
+
+<p>»Zwanzig Mark — hörst du? — zwanzig Mark an die Armen, könnt' ich
+jetzt <em class="gesperrt">an</em> dich.«</p>
+
+<p>»Betrag dich anständig, dat et en Christenmensch neben dir aushalten
+kann.«</p>
+
+<p>Zuweilen kam der Arzt, verschrieb ein paar Pulver oder Tropfen und
+lobte vor des Matthes Ohren umständlich die treue Pflegerin, die
+selber sterbensmatt sei und dennoch nicht wiche und wanke in der Sorge
+um den Gatten.</p>
+
+<p>»Ein Engel des Herrn, Matthes. Ein Engel des Herrn.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_377">[S. 377]</span></p>
+
+<p>Er war gegangen, und nach kurzer Weile reichte Magdalene Matthes die
+neu verschriebene Arznei durch den Türspalt in die Kammer. Der Kranke
+verfluchte den Apothekerkram und befahl einen Grog.</p>
+
+<p>»Is et nich einen widerwärtigen Menschen?« fragte die alte Frau, bevor
+die Tür sich schloß.</p>
+
+<p>»O du Satan!« schrie der Matthes und mühte sich, sich auf den Ellbogen
+aufzurichten. »Tat ich nicht recht, dat ich dich zeitlebens unterm
+Daumen hielt, du Satan? Dat Leben hättst du mir zur Hölle gemacht,
+wenn et nach dir gegangen wär, o du — Engel des Herrn!«</p>
+
+<p>Die Alte zählte die Arzneitropfen in den Löffel und gab sie dem Gatten
+zu schlucken.</p>
+
+<p>Immer schneller schwand der Matthes dahin. Der Arzt erwartete nur noch
+den Eintritt der letzten Lungenentzündung. Und die Alte saß an seinem
+Lager, strich ihm die Kissen glatt, reichte ihm zu trinken, wischte
+ihm die Stirn.</p>
+
+<p>Der Matthes hielt sich gut. Er wollte dem Weibe den Triumph nicht
+gönnen, ihn weinerlich gesehen zu haben. Einmal aber spannten sich
+seine Mienen, horchten seine Augen und Ohren auf. Die alte Frau hatte
+ein Lied zu singen begonnen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Das menschliche Leben</div>
+ <div class="verse indent0">Eilt schnelle dahin.</div>
+ <div class="verse indent0">Wie die Räder am Wagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie die Räder am Wagen.</div>
+ <div class="verse indent0">Wer weiß, ob ich morgen</div>
+ <div class="verse indent0">Am Leben noch bin.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da wußte er, daß seine Zeit gekommen war, nahm nicht mehr Arznei noch
+kühlenden Trank, sondern sah dem Kaperschiff entgegen, das mit dunklen
+Segeln aus den Nebeln heraus ihn ansteuerte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_378">[S. 378]</span></p>
+
+<p>Und das Seltsame geschah. Von der Stunde an, da der ins Wesenlose
+entgleitende Mann der alten Frau nicht mehr bedurfte, kroch sie
+auf das Lager neben ihn und war teilnahmlos geworden für Umwelt
+und Geschehnisse. Sie verweigerte die Nahrung, sie gab auf Fragen
+keine Antworten mehr, sie sah in der Nacht den Matthes sterben und
+starb am nächsten Tage hinter ihm drein. Wie eine Frau, die ohne den
+bewunderten Gatten nicht mehr leben kann noch mag.</p>
+
+<p>Angela Freydag ging zu den Entschlafenen in die Kammer und verweilte
+lange bei ihnen. Es war kein billiges Mitleid in ihr und keine
+rührselige Regung über das Zufallspiel des Todes. Aber ihr war, als
+ob mit dem Dahinschwinden der beiden alten Menschen eine Hemmung mit
+dahingegangen wäre, und als ob die Rechnung, an der sie seit Tagen und
+Nächten unablässig rechnete, leichter aufging.</p>
+
+<p>»Hab' Dank für dein Sterben, Matthes.« Und sie nickte der alten Frau
+nicht anders zu.</p>
+
+<p>Die Wirtschaft blieb an diesem Abend und an den nächsten Tagen
+geschlossen. Angela Freydag hatte in ihrer Stube den Besuch von
+Magdalene Matthes erhalten, und es war eine Weile still zwischen ihnen
+geblieben. Angela Freydag stand am Fenster und ließ die Blicke über
+die dämmernde Frühlingslandschaft des Stromgebietes schweifen.</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie noch bitten, mir eine Frage zu beantworten, Magdalene.
+Wahrheitsgemäß, wie es unter uns guter Brauch ist. Hat das Mitleid Sie
+zu Thomas Vanderwelt geführt?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, daß es so war, Frau Engel.«</p>
+
+<p>»Mitleid ist ein Trinkgeld, Magdalene. Große Menschen zahlen in großer
+Münze. Es gibt nichts Ärgeres im Zusammenleben<span class="pagenum" id="Seite_379">[S. 379]</span> zweier Menschen als
+den Gedanken, daß der eine vom anderen ein Trinkgeld angenommen habe.«</p>
+
+<p>»Bitte, sprechen Sie weiter.«</p>
+
+<p>»Ich habe nichts weiter mehr zu sagen, Magdalene. Eher einen Trunk aus
+einem gemeinsamen Glase als Trinkgelder.«</p>
+
+<p>»Ich antwortete Ihnen, als Sie fragten, Frau Engel: ich glaubte, daß
+es Mitleid gewesen wäre. Seit ich Sie sprechen höre, weiß ich, daß ich
+es mir nur vorgeredet habe. Aber Sie erlassen es mir gewiß, weiter
+darüber zu reden, da ich mit mir selber noch nicht darüber gesprochen
+habe.«</p>
+
+<p>»Dann ist es gut. Wann erwarten Sie Thomas Vanderwelt?«</p>
+
+<p>»Herr Vanderwelt muß jeden Augenblick das Haus betreten. Er wollte
+noch eine Besprechung mit mir abhalten und die letzten Berechnungen
+vornehmen. Er läßt nicht mehr locker, der Herr Vanderwelt.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt kam die Treppe herauf. Er hörte die Frauen in
+Angelas Stube sprechen, klopfte an und wurde hereingerufen.</p>
+
+<p>»Ich freue mich, daß du vorwärts wirkst, Thomas. Nimm Platz und laß
+uns plaudern. An welchem Ende willst du beginnen?«</p>
+
+<p>»Rheinseitig, Engel, rheinseitig. Der Rhein weiß nicht, wer ich bin,
+und wenn er es zu wissen glaubt, denkt er an einen waschlappigen Kerl,
+dem man nicht einmal eine Frau anvertrauen könnte, geschweige denn
+Frachten. Und die Leute am Rhein wissen es auch nicht besser. In ein
+paar Tagen schwimmen meine Kähne. Der Wilm fährt den einen, ich den
+andern. Der Vater verlangte ja die Schifferprüfung von mir. Und wenn
+wir in die Häfen kommen, werde ich die Kundschaft besuchen und zu ihr<span class="pagenum" id="Seite_380">[S. 380]</span>
+sprechen: Ich wollte euch nur zeigen, daß wieder ein Vanderwelt das
+Ruder hält und Verlaß ist.«</p>
+
+<p>»Und wenn du zurückkommst, Thomas?«</p>
+
+<p>»Dann werde ich ein kleines Kontor aufmachen mit zwei Räumen. Wir
+haben sie schon gemietet, Engel. Wie zwei kleine Kojen sind sie. Die
+eine Koje für die Mannschaft, die andere für den Kapitän.«</p>
+
+<p>»Ist das die Mannschaft?« fragte Angela und wies auf Magdalene Matthes.</p>
+
+<p>»Das ist sie, Engel. Aber du mußt sie dir unter immer neuen
+Verkleidungen vorstellen, wie auf einem Seeräuberschiff. Jetzt
+stellt sie die Wache im Vorzimmer dar, die nichts tut, als die
+vielen Besucher melden. Jetzt die Geheimschreiberin eines großen
+Zechenwerkes, die mit ungeheuren Aufträgen eingetroffen ist. Jetzt die
+Geschäftsbevollmächtigte, die in einem eigenen Zimmer haust, weil im
+Gewühl des Hauptkontors —«</p>
+
+<p>»Ich bin zufrieden, Thomas. Ein Kaufmann muß Erfindungskraft besitzen
+wie ein Dichter, oder er ist nur ein Krämer. Wie lange willst du mit
+deiner Mannschaft in den Kojen hausen?«</p>
+
+<p>Er blickte schnell zu seiner Kameradin hinüber, und da sie so wenig
+wie er eine Antwort wußte, bekam sie einen roten Kopf vor Erregung.</p>
+
+<p>»Ich hätte einen Plan,« sagte Angela Freydag. »Seit heute habe ich
+ihn, seitdem es keinen Wirt ›Zu den fünf Erdteilen‹ mehr gibt. Was
+glaubt ihr großen Rechenkünstler wohl, was dieses alte Eckhaus für
+einen Wirklichkeitswert besitzt? Nein, nicht das Haus. Der Eckplatz,
+der das ganze Geviert beherrscht. Die beste Lage des landarmen
+Ruhrorts. Hafen, Strom und Schifferbörse wenige Schritte vor sich,
+und von der Stadt lebendig umklammert. Ach, ihr meint, das seien
+schöne Traumbilder, weil das<span class="pagenum" id="Seite_381">[S. 381]</span> Baugeld fehlt. Ihr sollt ja auch gar
+nicht bauen, ihr bescheidenen Anfänger. Eine Baugesellschaft soll
+bauen, die an die Stelle der ›Fünf Erdteile‹ ein machtvolles Hochhaus
+erstehen läßt, mit Stockwerken voller Kontore. Und ihr bedingt euch
+die günstigsten Kontorräume aus. Zu ebener Erde. Damit Jan Maat nicht
+Treppen erklimmen muß.«</p>
+
+<p>»Wir bedingen uns aus?« fragte Thomas Vanderwelt verwundert. »Es ist
+doch nicht unser Haus, sondern das deine.«</p>
+
+<p>Ein Hauch lief über Angela Freydags Gesicht. Und sie hatte ihre
+Gelassenheit wieder.</p>
+
+<p>»Das Haus ist mein, und das Geschäft mit der Baugesellschaft werde ich
+mir nicht nehmen lassen. Ich bringe das Bauland ein und werde meine
+Bedingungen stellen. In die Luft hinein können sie nicht bauen. Ich
+werde für <em class="gesperrt">euch</em> meine Bedingungen stellen.«</p>
+
+<p>In den Augen Thomas Vanderwelts funkelte es auf. Das Kaufmannshirn war
+an der Arbeit. Und in den Augen der Magdalene Matthes wetterleuchtete
+es. Auch hier war ein Kaufmannshirn an der Arbeit.</p>
+
+<p>»Für euch und für die Jungen,« sagte Angela Freydag und horchte hinaus.</p>
+
+<p>Aber das Horchen ihres Geistes wurde ein Wirklichkeitshorchen. Und sie
+wandte den Kopf.</p>
+
+<p>»Was hast du, Engel?«</p>
+
+<p>»Ich höre einen Mann durch das Haus gehen.«</p>
+
+<p>»Laß mich nachsehen, Engel.«</p>
+
+<p>»Er tastet sich die Treppe hinauf. Nein, bleib, Thomas. In meinem
+Hause muß ich selbst nach dem Rechten blicken.«</p>
+
+<p>Sie ging auf den Flur und schloß die Tür hinter sich. Wie eine
+Erscheinung wuchs die Frau vor dem Fremden auf.</p>
+
+<p>»Wohin wollen Sie?«</p>
+
+<p>Der Fremde tat, als ob er den Anruf der Frau nicht<span class="pagenum" id="Seite_382">[S. 382]</span> vernommen hätte.
+Er stieg nur schneller die Stufen zum oberen Stockwerk empor.</p>
+
+<p>»Antworten Sie. Oder soll ich Sie wie einen Einbrecher an der Kehle
+fassen?«</p>
+
+<p>»Guten Abend,« sagte der Fremde. »Ich besuche hier eine Bekannte.«</p>
+
+<p>»Wie heißt Ihre Bekannte?«</p>
+
+<p>»Hören Sie, um mir meine Geheimnisse abfragen zu lassen, bin ich nicht
+ins Haus gekommen.«</p>
+
+<p>»Dann bedaure ich, Sie nicht eher aus dem Hause lassen zu können, als
+die Polizei eingetroffen ist. Sie wird gleich benachrichtigt werden
+und feststellen, mit was für einer Art Besucher wir es zu tun haben.«</p>
+
+<p>»Bin ich denn hier in ein Tollhaus geraten?« fragte der Fremde
+ungeduldig. »Dort oben am Fenster sitzt eine Frau und winkt, und hier
+auf dem Flur steht eine andere, als wollte sie einen niederreißen.«</p>
+
+<p>»Werde ich jetzt bald den Namen erfahren?« beharrte Angela Freydag.
+»Wer hat Ihnen gewinkt?«</p>
+
+<p>»Wer? Wer? Wie soll ich den Namen wissen? Den dachte ich oben zu
+erfahren?«</p>
+
+<p>»Und Sie wagen, in ein Haus einzudringen, um Abenteuer zu suchen? Sind
+Sie bei Sinnen, oder soll ich Sie zur Besinnung zurückführen?«</p>
+
+<p>»Entschuldigung,« sagte der Fremde. »Wenn Sie, wie aus Ihrem Benehmen
+hervorgeht, die Hauswirtin sind, so scheinen Sie über Ihr eigenes
+Haus schlecht unterrichtet zu sein. Das ist doch in der ganzen
+Nachbarschaft bekannt, daß hier oben ein paar Herumtreiberinnen
+sitzen, und wegen der läuferischen Frauenzimmer wollen Sie mich mit
+der Polizei in Berührung bringen?«</p>
+
+<p>»Gehen Sie! Laufen Sie! Daß ich meine Gutheit nicht bereue.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_383">[S. 383]</span></p>
+
+<p>Wie ein Erlöster sprang der Fremde die Treppe hinunter. Die Haustür
+schlug ins Schloß.</p>
+
+<p>»Ich habe«, sagte die Stimme der Magdalene Matthes neben Angela
+Freydag, »Herrn Vanderwelt gebeten, die Säuberung des Treppenhauses
+Ihnen als der Hausfrau zu überlassen. War das recht, Frau Engel?«</p>
+
+<p>»Es war recht. Wer ein neues Leben beginnen will, Thomas, muß
+wenigstens ein paar saubere Hände mitbringen.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt ging ruhig die Stiegen hinauf zu den Wohnkammern
+der Familie. Er öffnete die gemeinsame Kammer der Knaben. Sie waren
+ausgeflogen. Er öffnete das Zimmer seiner Schwester Juliane. Sie
+war nicht daheim. Und als er das dritte Zimmer öffnete, sah er
+Frau Antonie im Fensterwinkel stehen, und ihre Augen flackerten in
+Ungewißheit zu ihm hinüber.</p>
+
+<p>Er nickte ihr zu.</p>
+
+<p>»Jawohl, Antonie.«</p>
+
+<p>Und trat näher, legte die geballte Faust auf den Bettpfostenknauf und
+sagte nur noch das eine Wort: »Aus!« — —</p>
+
+<p>In dieser Vorfrühlingsnacht lag Angela Freydag schlaflos, und hinter
+ihrer rastlos arbeitenden Stirn reiften die letzten Entschlüsse.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_384">[S. 384]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="12">12</h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Karwoche war angebrochen. Schon waren die Morgennebel von
+der Sonne durchleuchtet, und über den Wasserbahnen hoben sich
+die flimmernden Streifen wie Vorhänge zu einer anderen Welt. Die
+ergrünenden Fluren und die erwachenden Geschöpfe staunten in
+die Wandlungen hinein und schickten Sehnsucht und Erwartung als
+Kundschafter ins gelobte Land voraus.</p>
+
+<p>Wer hatte es gelobt —? Angela Freydag lächelte am Fensterausblick
+über ihre eigene Frage und beantwortete sie selbst.</p>
+
+<p>»Die wenigen, die es erreichten. Aber es sind <em class="gesperrt">immer</em> die
+wenigen, die in der Wildnis die Wege roden, und immer die wenigen, die
+den Weg zum Menschenglück zeigen. Ob er kurz ist oder lang. Es geht um
+die Erfüllung.«</p>
+
+<p>Und während sie in der Stille des Morgens beobachtete, wie die junge,
+warme Sonne die Nebel aufsog und der entlasteten Winterlandschaft das
+aufatmende Frühlingsgesicht verlieh, blieb ihr das Lächeln, und sie
+sprach mit sich weiter.</p>
+
+<p>»Wenn die wenigen nicht wären, die ihr Leben zu schmücken wüßten, was
+sollten die vielen tun? Sie würden nur die Karwoche sehen, nur den
+grauen Weg, und nicht das Ziel, den Auferstehungstag. So aber haben
+sie die lebendige Hoffnung vor Augen: es kann auch uns glücken wie den
+Vorläufern.«</p>
+
+<p>Über die Gasse hörte sie Schritte klappern. Sie lehnte<span class="pagenum" id="Seite_385">[S. 385]</span> sich an
+das Fensterkreuz und gewahrte Martin und Nikolaus mit den weißen
+Zeugnisbogen in der Hand auf das Haus zustürmen. Sie rührte sich
+nicht. Aber ihr Blick nahm das Bild der hoffnungsseligen Jugend auf
+wie einen Gruß, der ihr zur Pflegschaft und Weitergabe anvertraut
+wurde.</p>
+
+<p>Die Knabenstiefel polterten auf den Stiegen. Sie machten halt vor
+Angela Freydags Kammertür.</p>
+
+<p>»Kommt nur herein, ihr Ungeduldigen,« rief ihre Stimme, und die Knaben
+brachen herein, mit erhitzten Wangen und erwartungsvoll leuchtenden
+Augen, und streckten ihr stumm die Zeugnisbogen entgegen.</p>
+
+<p>»Versetzt?« fragte Angela Freydag über die raschelnden Papiere hinweg.</p>
+
+<p>»Versetzt?« wiederholten sie, und der Übermut der Sieger schwang in
+ihren Stimmen mit. »War daran ein Zweifel, Tante Engel? Obertertia.
+Selbstverständlich. Aber lies nur mal! So lies doch nur!«</p>
+
+<p>Sie tat ihnen die Freude an, bei jeder neuen Note wie in Verwunderung
+aufzublicken, und dann las sie das Ganze noch einmal in Ruhe und
+verglich beide Bogen miteinander.</p>
+
+<p>»Hast du nichts bemerkt, Tante Engel? Hast du wirklich nichts
+bemerkt?« drängten die Ungeduldigen.</p>
+
+<p>»Ich habe bemerkt,« sagte Angela Freydag, und ihre Augen lagen in
+heimlicher Freude auf den angespannten Zügen des einen und des
+anderen, »daß man die Bogen vertauschen kann, und sie bleiben bis auf
+die Namen dieselben, und ich habe bemerkt, daß man auch den Martin
+und den Nikolaus vertauschen kann, als wäre es nur dieselbe Person in
+zwei gleichen Teilen, und sie ergäben zusammen immer nur eine einzige
+Person.«</p>
+
+<p>»Welche Person —?« fragten sie und wußten nicht, wo sie hinauswollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_386">[S. 386]</span></p>
+
+<p>»Eueren Großvater, ihr Jungen — Kornelius Vanderwelt meine ich.«</p>
+
+<p>»Kornelius Vanderwelt« ... wiederholten sie und sahen sich an. Und
+aus gleichem Antrieb heraus nahmen sie sich in die Arme, rangen
+miteinander, hoben sich hoch in die Luft.</p>
+
+<p>Mit halbgeschlossenen Augen sah Angela Freydag dem Kräftespiel der
+Jungen zu. Dann wandte sie den Kopf zur Tür.</p>
+
+<p>»Es klopft. Tritt nur ein, Thomas. Es ist Vanderweltsche Jugend, die
+hier ihr Wesen vollführt. Der Fink hat wieder Samen.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt kam schon vom Hafen her. »Ferien?« fragte er. »Laßt
+sehen, was sie bringen.«</p>
+
+<p>Die Jungen hatten mit einem Ruck innegehalten. Sie suchten ihre
+Zeugnisse zusammen und überreichten sie ihm. Wieder begann das
+erwartungsvolle Spiel ihrer Knabenaugen.</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt war mit den Zeugnissen ans Fenster gegangen. Und
+Angela Freydag trat hinter ihn, als wolle ihre Hand auf besonders
+bedeutungsvolle Punkte hinweisen.</p>
+
+<p>»Bemächtige dich der jungen Seelen,« flüsterte sie ihm zu. »Nimm die
+Leitung in Mannes Hand. Zeig' ihnen deine Freude. Und schaff' ihnen
+neue. Kinder ergeben sich dem Freudenbringer.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt sah auf. Ihre Augen hafteten ineinander.</p>
+
+<p>»Du setztest viel Hoffnungen in mich, Engel.«</p>
+
+<p>»Alle. Sonst ließ' ich dir die beiden nicht.«</p>
+
+<p>Thomas Vanderwelt zog die Oberlippe von den Zähnen. Eine Woge des
+Stolzes ging durch ihn hindurch. Und Angela Freydag sah nichts, als
+daß er seinem Vater zu ähneln begann.</p>
+
+<p>»Jungens,« sagte Thomas Vanderwelt über die Schulter<span class="pagenum" id="Seite_387">[S. 387]</span> hinweg und
+klopfte auf die Zeugnisbogen, »glaubt ihr, daß diese Kritzeleien hier
+mit einer Schleppschiffahrt nach Rotterdam bezahlt wären? Es geht ein
+Haniel-Schleppdampfer um die Mittagszeit, der Kapitän ist mein Freund,
+und wenn ihr euch sputet —«</p>
+
+<p>Er kam nicht mehr dazu, auszusprechen, was, wenn sie sich sputen
+würden, Wirklichkeit werden könnte. Er spürte vier Knabenarme um
+seinen Hals, die ihn zu erdrosseln suchten, und ungekannte warme
+Lippen auf seinen Augen und auf seinen Wangen. Ein paar Herzschläge
+lang gab er sich dem Ungestüm der ungewohnten Zärtlichkeiten hin. Dann
+setzte er sich kräftig zur Wehr.</p>
+
+<p>»Wollt ihr mir den Atem lassen, ihr Räuber und Wegelagerer?«</p>
+
+<p>»Vater! Oheim! Du läßt ihn <em class="gesperrt">uns</em> ja nicht! Ganz atemlos sind wir
+vor lauter Freud'! Von welchem Haniel-Dampfer sprichst du? Wo ist der
+Liegeplatz? Genügen die Rucksäcke? Ach, Tante Engel, so hilf uns doch!«</p>
+
+<p>Es kam Ordnung in den Wirrwarr. Die Knaben stürmten die Treppe hinauf,
+um droben ihr Glück zu verkünden. Und Angela Freydag wandte sich
+langsam zu Thomas Vanderwelt und reichte ihm beide Hände hin.</p>
+
+<p>»Da hast du sie, Thomas. Nicht meine Hände. Die Knaben aus meinen
+Händen heraus in die deinen. Mach' aus ihnen, was du aus dir selber zu
+machen gedenkst.«</p>
+
+<p>»Das war dein reichstes Geschenk, Engel,« sagte Thomas Vanderwelt und
+hielt ihre Hände.</p>
+
+<p>Und nach einer Weile: »Nicht, daß du mir die Knaben anvertraust. Daß
+du <em class="gesperrt">mir</em> vertraust, Engel.«</p>
+
+<p>»Wann trittst du die eigene Fahrt an, Thomas?«</p>
+
+<p>»Übermorgen, Engel. Es ist eine Stückgutfahrt mit Zwischenlandungen
+in den rheinischen Häfen bis Mannheim. Gerade das Rechte für mich und
+meine Pläne.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[S. 388]</span></p>
+
+<p>»Ich hätte noch einen Wunsch, Thomas. Es ist ja nicht allzuoft, daß
+ich mit Wünschen hervortrete.«</p>
+
+<p>»So sprich ihn doch nur aus. Du wünschest ja doch nur zu meinen
+Gunsten.«</p>
+
+<p>»Nimm die Magdalene mit. Sie hat eine Ausspannung verdient, und es
+steht ihr harte Arbeit bevor.«</p>
+
+<p>»Die Magdalene —?« fragte er unsicher. »Ja, hältst du es denn für
+angängig?«</p>
+
+<p>»Soeben danktest du mir erst, daß ich dir vertraute, Thomas. Mein
+Vertrauen ist noch viel größer.«</p>
+
+<p>Er schüttelte hastig den Kopf, als wollte er eine falsche Annahme von
+sich abweisen.</p>
+
+<p>»Du darfst dein Vertrauen auf mich so weit spannen, wie du nur kannst,
+Engel. Die Magdalene wäre bei mir so sicher aufgehoben wie in deiner
+Obhut. Aber du hast nicht bedacht, daß ich die Scheidung eingereicht
+habe und seit Tagen schon auf einem leeren Gastzimmer hause. Da sollte
+man den Leuten nicht freiwillig die Mäuler öffnen.«</p>
+
+<p>»Besprich dich mit dem Wilm, Thomas. Sie könnte für beide Kähne
+die Küche besorgen und zur Nacht in der Kajüte des einen Kahnes
+wohnen, während du mit dem Wilm die Kajüte des anderen teilst. Keine
+Menschenseele wird sie kennen.«</p>
+
+<p>Er überlegte. Der Gedanke tat ihm wohl, aber das Weshalb wollte ihm
+nicht klar werden.</p>
+
+<p>»Weshalb kann sie nicht einen anderen Ausflug machen? Sie hat sich in
+den letzten Wochen stark überanstrengt, und ich bin innerlich sehr
+froh darüber, daß sie es für mich getan hat. Aber gerade darum, meine
+ich — —«</p>
+
+<p>»Was meinst du —?«</p>
+
+<p>»Man bringt eine Frau, die man so ehrlich schätzen gelernt hat, nicht
+in Ungelegenheiten.«</p>
+
+<p>»Und wenn sie sie gar nicht als Ungelegenheiten empfindet?<span class="pagenum" id="Seite_389">[S. 389]</span>
+Sondern im Gegenteil als einen Beweis, daß euere Kameradschaft auf
+vertrauensfesten Füßen steht?«</p>
+
+<p>»Weshalb drängst du so, Engel? Du bist ja dann ganz allein?«</p>
+
+<p>»Kein Mensch ist allein, der seine Arbeit zu verrichten hat. Du
+und Magdalene aber, ihr habt euere Arbeit nun einmal aufeinander
+eingestellt, und es ist nicht nur gut, daß ihr in täglicher
+Verständigung miteinander bleibt, es wird euch die erste gemeinsame
+Ausreise ins Arbeitsleben auch für die Zukunft die Quelle des
+Erinnerungsstromes bedeuten, denn nur in der Kraft der Erinnerungen
+lebt sich der Mensch vorwärts.«</p>
+
+<p>»Woher weißt du das alles?« fragte Thomas Vanderwelt ehrfürchtig.</p>
+
+<p>»Mein Lehrmeister trug den von dir ererbten Namen, Thomas, er hieß
+Kornelius Vanderwelt. Und wenn er mich nicht mit auf seine Fahrten
+genommen hätte, wäre ich der ärmste Mensch unter dem Nachthimmel und
+bin der reichste Mensch unter der Sonne geworden. Nun weißt du es
+auch.«</p>
+
+<p>»Engel! Engel! Zuweilen weiß ich nicht, ob ich mehr von dir oder vom
+Vater ererbt habe.«</p>
+
+<p>»Es ist das gleiche, Thomas. Aber etwas Besseres konntest du mir nicht
+sagen.« —</p>
+
+<p>Die Jungmannen kamen mit Gepolter die Treppe herunter. Sie trugen in
+den Rucksäcken Schuhe und Fernglas, Nachtzeug und Waschgegenstände.
+Und in einem gemeinsamen, schmalen Handkoffer die Sonntagsanzüge und
+die Hemden. Droben war der Abschied genommen. Jetzt sollte er drunten
+beginnen.</p>
+
+<p>Angela Freydag packte ihnen den eisernen Mundvorrat für eine Woche in
+die Rucksäcke und kargte nicht. Sie hieß die Jungen Westen und Hemden
+öffnen und hängte einem<span class="pagenum" id="Seite_390">[S. 390]</span> jeden ein flaches Geldtäschchen auf die bloße
+Brust, das durch einen Knopf verschlossen war. »Damit ihr in der
+Ferne nicht zu betteln braucht,« sagte sie, und die Jungen strahlten
+sich an. »Ein paar Zehrpfennige für den Alltag stecke ich euch in
+die Hosentasche,« und sie steckte jedem ein paar Silbermünzen zu.
+»Vorwärts denn. Folgt dem Vater.«</p>
+
+<p>Gern hätte sie hinzugesetzt: »und euerem Großvater, Jungens,« aber
+sie unterdrückte rasch die feierliche Regung und ließ sich dafür so
+unfeierlich wie möglich in die Knabenarme nehmen und sich jedes Glied
+am Körper zusammendrücken, ohne sich zu wehren.</p>
+
+<p>»Dank, Dank, Tante Engel! Laß es dir gut ergehen. Glückauf!«</p>
+
+<p>»Fahr wohl, Martin! Fahr wohl, Nikolaus! Allzeit gut Wind und Wetter
+vorauf!«</p>
+
+<p>Drunten marschierten sie über die Straße, links und rechts von Thomas
+Vanderwelt. Und Angela Freydag stand hinter dem Fenster und schaute
+ihnen nach, bis sie auf den Hafendamm bogen.</p>
+
+<p>»Euch hab' ich in Sicherheit,« sagte sie, und ihre Augen hatten einen
+dunklen Glanz. »Ich hoffe: für ein Leben lang.« —</p>
+
+<p>Am späten Nachmittag kam Magdalene Matthes aus ihrem Handelskontor. Es
+war ihr letzter Diensttag gewesen. Und nun gehörte sie frank und frei
+dem neuen Vanderwelt-Unternehmen an. Sie wußte schon von der Weltfahrt
+der Knaben. Sie hatte Thomas Vanderwelt im Hafen getroffen.</p>
+
+<p>»Frau Engel, er hatte noch mit Wilm zu verhandeln. Ahnen Sie es wohl,
+weshalb? Mein Gott, ich soll mit auf die Reise! Mein Gott!«</p>
+
+<p>»Freuen Sie sich darüber, Magdalene?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_391">[S. 391]</span></p>
+
+<p>»Freuen? Freuen ist gar kein Wort! Das hab' ich mir ja seit
+Kindheitstagen gewünscht, wenn ich irgendwo bei Düsseldorf an der
+Uferböschung lag und die Schleppzüge kommen und verschwinden sah:
+Wer da mitreisen könnte! So ins Unendliche aller Wünsche hinein! Und
+nun darf ich mit. Und darf mich jetzt schon für die Firma Vanderwelt
+nützlich machen. In der Küche, jawohl! Aber das ist ja ganz einerlei
+...!«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Sie werden sich nicht nur für die Firma, sondern viel mehr
+noch für den Firmenträger nützlich machen können.«</p>
+
+<p>»Nicht sprechen, Frau Engel, nicht sprechen. Nein, ich fürcht' mich
+nicht.«</p>
+
+<p>»Frauen fürchten sich vor nichts, wenn der Mann voranschreitet.«</p>
+
+<p>Am nächsten Tage trafen sie alle Vorbereitungen. Und als gegen Abend
+die Schiffsjungen kamen und mit dem Gepäck abgezogen waren, blieben
+sie zu dritt allein: Angela Freydag, Thomas Vanderwelt und Magdalene
+Matthes. In den Kammern über ihnen war es ruhig. Der Brief, der am
+Nachmittag aus einer Rechtsanwaltskanzlei für Frau Antonie Vanderwelt
+eingetroffen war, hatte den beiden Schwägerinnen Gelegenheit geboten,
+zur vorgerückten Stunde noch das Haus zu verlassen, um sich bei
+Freunden Rat zu holen.</p>
+
+<p>Die drei Menschen saßen beieinander am Tisch und schwiegen
+miteinander, ohne es zu bemerken. Dann nahm Angela Freydag das alte
+Pfeiflein auf, das sie noch von den gemeinsamen Fahrten mit Kornelius
+Vanderwelt besaß, entzündete es und tat still ihre Züge.</p>
+
+<p>»Sprachst du, Engel?« fragte Thomas Vanderwelt und legte seine Hand
+auf die ihre.</p>
+
+<p>»Tat ich es, Thomas? Ich tat es wohl aus Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_392">[S. 392]</span> heraus. Ich dachte
+gerade darüber nach, wie verkehrt es ist, sich die Karwoche grau
+in grau zu malen. Am Schlusse winkt doch die einzige Erlösung der
+Heilsgeschichte, der Auferstehungstag.«</p>
+
+<p>»Ja, so lehrt die christliche Religion.«</p>
+
+<p>Sie bewegte den Kopf, als sei ihr das nicht genug.</p>
+
+<p>»Es kommt nicht auf die Religion, es kommt auf die Frömmigkeit an.«</p>
+
+<p>Und sie grübelten hinter den Worten her, die die geheimsten Kräfte
+bargen.</p>
+
+<p>»Wenn ihr wiedergekehrt seid,« sagte Angela Freydag nach einer
+Weile, »darfst du an nichts anderes mehr denken, Thomas, als an die
+Auferstehung der alten Firma. Alles, was Karwoche geheißen hat, muß
+vor diesem Morgenlicht verschwunden sein wie ein Rudel Gespenster.
+Und wenn du dann über den Platz vor der Schifferbörse schreitest,
+sorg', daß die Schiffer sich anstoßen und zu sich sprechen: ›Kornelius
+Vanderwelt ist wieder auferstanden.‹«</p>
+
+<p>Die Hand, die auf der ihren lag, drückte zu. Und der harte Druck
+gefiel ihr.</p>
+
+<p>Magdalene Matthes erhob sich und zündete das Licht an. Ein kurzes
+Zwinkern war, und die Augen standen weit geöffnet und schauten
+einander an, als ob sie neue Menschen sähen.</p>
+
+<p>»Keinen überflüssigen Ballast,« sagte Angela Freydag. »Nichts
+Wertloses. Das Schiff muß Ladung haben, die sich lohnt.«</p>
+
+<p>»Ja,« erwiderte Thomas Vanderwelt, und seine Brust hob sich.</p>
+
+<p>»Ja,« wiederholte Magdalene Matthes.</p>
+
+<p>Wieder kehrte das Schweigen ein. Und sie bemerkten es nicht, bis
+Thomas Vanderwelt noch eine Frage tat.</p>
+
+<p>»Bleiben die ›Fünf Erdteile‹ geschlossen, Engel? Jetzt, wo<span class="pagenum" id="Seite_393">[S. 393]</span> ich auf
+Fahrt gehe, und ich meine nicht nur diese Rheinfahrt, Engel, entfällt
+ja wohl der Grund für dich, die Wirtin zu spielen.«</p>
+
+<p>Sie tat ein paar Züge aus dem alten Pfeiflein und nickte vor sich hin.</p>
+
+<p>»Die ›Fünf Erdteile‹ — hören auf, zu bestehen. Meine Pflichten sind
+erfüllt. Für dich und die Jungen darf keine Belastung mehr vorhanden
+sein, wenn ihr das neue Leben angreift, sie könnte geartet sein, wie
+sie wollte.«</p>
+
+<p>»Es ist bald ein Jahr, daß der Vater starb und du uns hier sammeltest
+und sichtetest.«</p>
+
+<p>»Ich konnte es nicht schneller machen, Thomas.« — —</p>
+
+<p>In der Morgendämmerung verließen Thomas Vanderwelt und Magdalene
+Matthes das Haus. Auf ihren Gesichtern war der Glanz der Jugend.</p>
+
+<p>»Dank, Dank, Engel, für alles und viel mehr,« riefen sie der
+Zurückbleibenden zu und schlossen sie kräftig in die Arme.</p>
+
+<p>Und Angela Freydag erwiderte mit dem alten Schifferspruch, den sie
+schon den Knaben mit auf den Weg gegeben hatte: »Fahr wohl, Thomas,
+fahr wohl, Magdalene. Allzeit gut Wind und Wetter vorauf!«</p>
+
+<p>Noch einmal stand sie am Fensterkreuz ihrer Kammer und sah die beiden
+rüstigen Schrittes über die Straße schreiten, bis ihre Umrisse in
+die sonnendurchzitterten Nebel des Stromgebietes hineinwuchsen, als
+gehörten der Strom und die Menschen zusammen.</p>
+
+<p>Ihr Gesicht wurde schmal, und eine Blässe zog darüber hin. Aber der
+Mund erzwang ein Lächeln.</p>
+
+<p>»Nun seid auch ihr in Sicherheit, und ich kann an die Reise denken.
+Bist du mit mir zufrieden, Kornelius?«</p>
+
+<p>Am nächsten Tage ging sie durch die Stuben und errechnete den Wert
+der geringen Hinterlassenschaft des<span class="pagenum" id="Seite_394">[S. 394]</span> Matthes. Und sie saß an ihrem
+Schreibtisch und verglich die Summe mit dem Betrag, den sie noch auf
+der Sparkasse liegen hatte. Und überschrieb den Betrag an Fräulein
+Magdalene Matthes mit einer zurückgesetzten Zeitangabe.</p>
+
+<p>Auf der Sparkasse ließ sie sich ihr Fach öffnen, das ihre wenigen
+Anlagepapiere barg, und ließ das Schreiben zwischen ihre Papiere
+gleiten.</p>
+
+<p>Als sie heimkehrte, hatten sich die Frauen noch nicht erhoben. Aber
+Juliane rief aus ihrer Schlafstube nach ihr und bat um das Frühstück,
+da sie zu müde seien, um sich zu erheben.</p>
+
+<p>»Wir haben bis spät in die Nacht hinein Besprechungen mit unserem
+Rechtsbeistand gehabt,« erklärte sie. »Für mich liegen die Dinge ja
+klar am Tage. In zwei Jahren wird mein Martin mit der Schule Schluß
+machen und eine kaufmännische Lehre antreten. Bei seiner großen
+Begabung wird es ihm nicht schwer fallen, bald Geld zu verdienen.
+Er hat es ja heute schon gezeigt, daß er es kann. Und da er für
+seine Mutter unterhaltungspflichtig ist, wird er sich, wie ich ihn
+kenne, ganz besonders anspornen. Für meine Schwägerin Antonie liegen
+die Dinge anders. Und wenn Sie auch als die Freundin meines lieben
+Bruders Thomas auftreten, mein Brüderlein wird sich freuen, die
+Scheidungsklage zurückziehen zu dürfen, denn der Rechtsbeistand hat
+mit einem Lärm gedroht, der Thomas Vanderwelt für das Geschäftsleben
+unmöglich machen würde. Ich denke also, es bleibt vorläufig alles beim
+alten.«</p>
+
+<p>Angela Freydag ließ den Strom der Worte über sich ergehen und spielte
+die Bedienerin. Sie entzündete das Gasöfchen auf dem Wandtisch und
+wärmte das Frühstück darauf. Und tat ein übriges und betrat auch
+Antonie Vanderwelts Schlafzimmer, entzündete auch hier das Gasöfchen
+auf dem Wandtisch und erwärmte das Frühstück.<span class="pagenum" id="Seite_395">[S. 395]</span> Die seidenen Röcke
+Antoniens lagen zerknittert vor dem Bette.</p>
+
+<p>Am Abend flogen die Frauen aus. Und wieder währte es bis zum Morgen,
+daß Angela Freydag ihre gleitenden Schritte erhorchte. Heute aber
+verschliefen sie das Frühstück ganz, und es war der Karsamstag.</p>
+
+<p>Im Hause war alles geregelt. Ein jedes Teil stand auf dem Platze, auf
+den es hingehörte. Und nur die Frauen lagen gegen Abend noch in ihren
+Betten und baten Angela Freydag mit Klagelauten zu sich.</p>
+
+<p>»Es sind so anstrengende Tage für uns,« klagte Frau Juliane. »Unsere
+Freunde tun ja für uns, was sie können, um uns über unsere trüben
+Gedanken hinwegzubringen, aber es bleibt doch immer noch ein Rest, den
+wir allein verarbeiten müssen. Morgen, ja, über die Ostertage hinaus
+wollen wir mit auswärtigen Freunden einen Ausflug unternehmen, der uns
+wirklich erfrischen soll. Deshalb möchten wir heute gar nicht erst
+aufstehen, da wir morgen in aller Herrgottsfrühe hinaus müssen. Würden
+Sie uns die Freundlichkeit erweisen und uns ein kleines Abendbrot
+bereiten?«</p>
+
+<p>Und wieder entzündete sie die Gaskocher in den Zimmern der beiden
+Frauen und wärmte die Speisen auf, und die seidenen Röcke lagen wie
+tags vorher zerknittert vor den Betten.</p>
+
+<p>Es wurde elf Uhr abends, und Angela Freydag ging durch das ganze Haus.
+Und schloß alle Fenster und Türen. Als sie den Hausflur betrat, zogen
+ein paar feuchtfröhliche Schiffer Arm in Arm durch die Türe ein.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Mutter Engel. Ist hier Ankergrund?«</p>
+
+<p>»Es ist Feierabend für die ›Fünf Erdteile‹, meine Herren.«</p>
+
+<p>»Für alle fünf Erdteile? Spaß, Mutter Engel. Irgendwo<span class="pagenum" id="Seite_396">[S. 396]</span> in den fünf
+gesegneten Erdteilen muß doch Ankergrund sein?«</p>
+
+<p>»Die Schankerlaubnis ist mit dem Wirt Matthes und seiner Frau
+erloschen. Gute Fahrt, meine Freunde.«</p>
+
+<p>»Nix mehr zu machen? ›Meine Freunde‹ hat sie doch gesagt. Wirklich gar
+nix mehr?«</p>
+
+<p>»Es tut mir leid — aber es ist Schlafenszeit.«</p>
+
+<p>»Hoiho! Mutter Engel hat zum Abschied einen Reim geschmiedet. ›Es tut
+mir leid — aber es ist Schlafenszeit!‹ Weiß die Mutter Engel auch,
+was das nach Schiffersbrauch bedeutet?«</p>
+
+<p>»Was bedeutet es denn nach Schiffersbrauch, Jan Maat?«</p>
+
+<p>»Wer nach altem Schiffersbrauch einen Reim in der Rede schmiedet, ohne
+zu wollen, der kriegt mit Gewißheit noch in der Nacht seinen Schatz zu
+sehen.«</p>
+
+<p>»Oho! Hoho! Mutter Engel kriegt die Nacht noch ihren Schatz zu sehen!«</p>
+
+<p>Angela Freydags Augen leuchteten über sie hinweg.</p>
+
+<p>»Wer weiß, ob es nicht wahr ist.« — —</p>
+
+<p>Sie hatte hinter den feuchtfröhlichen Männern die Haustür geschlossen.
+Der Riegel schnappte ein, und der Klang zog hallend durch das
+verlassene Haus. Sie wandte sich und ging hinauf.</p>
+
+<p>Ich weiß es noch, dachte sie, wie er mich seine Wölfin nannte. Von der
+mitjagenden Wölfin sprach er. Und von der säugenden — wie bei Romulus
+und Remus. Und ich weiß noch, wie ich ihm erwiderte, daß die Wölfin,
+die starke Wölfin, die Wunden und Gezeichneten der Gattung zerreiße,
+um den Lebensstarken die Bahn zu säubern. Kornelius, nun halte ich
+mein Wort. Und du wirst weiterleben.</p>
+
+<p>Sie ging hinauf in das Stockwerk der Frauen, und als<span class="pagenum" id="Seite_397">[S. 397]</span> sie die Zimmer
+der Frauen betrat, fand sie sie eingeschlafen. Sie griff nach den
+Schaltern des elektrischen Lichtes und löschte es in beiden Zimmern.
+Und in beiden Zimmern griff sie nach den Hähnen der Gaskocher und
+öffnete sie mit ruhiger Hand. Und als sie in das Haus hinuntergegangen
+war, bis in die leere Wirtsstube, tat sie hier ebenso, und sie saß am
+Tisch, stark und gefestigt, und der einschläfernde Duft umwogte sie.</p>
+
+<p>Eine Kirchenuhr schlug Mitternacht. Der Ostertag brach an.</p>
+
+<p>Angela Freydag zählte die Glockenschläge bis zum letzten. Nun war sie
+müde.</p>
+
+<p>»Ich komme, Kornelius,« sagte sie. Und sie nahm das Pfeiflein
+Kornelius Vanderwelts zwischen die Zähne, tastete nach dem Feuerzeug
+und zündete ein Holz für die Pfeife an ...</p>
+
+<p>Ahoi! — was war? Eine Jacht in Abendrotflammen! Kornelius Vanderwelts
+leuchtende Gestalt am Steuer! Hoiho! Angela Freydag im Sprunge neben
+ihm! Hochöfen in Gluten! Blitzlichter, hunderttausende, über den
+Häfen! Das schwarze Venedig in Funken und Feurio!</p>
+
+<p>Krachend stürzten die Decken zusammen. Die Mörtelmauern barsten. Ein
+Trümmerhaufen schoß hoch und begrub die ›Fünf Erdteile‹ mit allem, was
+in ihnen geatmet hatte. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Den Heimkehrenden aber erzählten die Nachbarn, eine Flamme wäre aus
+dem Dache gefahren, so sprühend und wild, als wäre eine feurige Wölfin
+<em class="gesperrt">geradenwegs in den Himmel hineingesprungen</em>.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s5 mbot2 center">Druck der<br>
+Union Deutsche Verlagsgesellschaft<br>
+in Stuttgart</p><br>
+</div>
+
+<div class="bbox">
+
+<p class="u center">J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf., Stuttgart und Berlin</p>
+
+<p class="s2 p2 center">Rudolf Herzog</p>
+
+<p><b>Das goldene Zeitalter.</b> Roman. 30.-42. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.80</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Der Adjutant.</b> Roman. 33.-52. Tsd.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Der Graf von Gleichen.</b> Ein Gegenwartsroman. 152. bis 169.
+Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die vom Niederrhein.</b> Roman. 251.-260. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Das Lebenslied.</b> Roman. 281.-285. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Wiskottens.</b> Roman. 339.-348. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Der alten Sehnsucht Lied.</b> Novellen. 57.-79. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 2.80, Ganzleinen Rm. 3.50</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Der Abenteurer.</b> Roman. 171.-186. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Hanseaten.</b> Roman. 252.-259. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Es gibt ein Glück</b> ... Novellen. 77.-109. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Burgkinder.</b> Roman. 296.-303. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm.&nbsp; 7.—</span><br>
+
+<span style="margin-left: 1em;">300. Tausend. Jubiläumsausgabe. Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Welt in Gold.</b> Novelle. 51.-68. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 2.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Das große Heimweh.</b> Roman. 266.-273. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Stoltenkamps und ihre Frauen.</b> Roman 291-298. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Jungbrunnen.</b> Novellen. 96.-113. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 3.50</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Buben der Frau Opterberg.</b> Roman 226.-230. Tausend</p>
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+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
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+<div class="bbox">
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+<p class="s2 center">Rudolf Herzog</p>
+
+<p><b>Kameraden.</b> Roman. 171.-175. Tausend</p>
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+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Wieland der Schmied.</b> Roman. 146.-150. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 7.—, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Das Fähnlein der Versprengten.</b> Roman. 51.-70. Tsd.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Kornelius Vanderwelts Gefährtin.</b> Roman. 1. bis 50. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 6.50, Halbleder Rm. 10.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Ausgewählte Novellen.</b> Mit einer biographischen Einleitung von
+<em class="gesperrt">J. G. Sprengel</em></p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 2.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Gedichte.</b> 41.-46. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 5.—</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Wir sterben nicht!</b> Lieder und Balladen. 21.-41. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Gebunden Rm. 1.30</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Stromübergang.</b> Dramatisches Gedicht in einem Aufzug 1.-20.
+Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 1.60</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Windzeit und Wolfszeit.</b> Gedichte. 1.-43. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 1.30</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Die Condottieri.</b> Schauspiel. 4.-13. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Auf Nissenskoog.</b> Schauspiel. 2.-12. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 1.80, Halbleinen Rm. 3.20</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Herrgottsmusikanten.</b> Lustspiel. 2.-13. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Geheftet Rm. 2.—, Halbleinen Rm. 3.50</span><br>
+</p>
+
+<p><b>Gesammelte Werke.</b> Erste Reihe in sechs Bänden. 44. bis 48.
+Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br>
+</p>
+
+<p>— Zweite Reihe in sechs Bänden. 31.-33. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br>
+</p>
+
+<p>— Dritte Reihe in sechs Bänden. 1.-10. Tausend</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ganzleinen Rm. 40.—, Halbleder Rm. 60.—</span><br>
+</p>
+
+
+<p><b>Rudolf Herzogs Leben und Dichten.</b> Von <em class="gesperrt">Johann Georg
+Sprengel</em>. Mit acht Bildnissen.</p>
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+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Halbleinen Rm. 2.20</span><br>
+</p>
+</div>
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+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 76254 ***</div>
+</body>
+</html>
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