summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/75838-h
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '75838-h')
-rw-r--r--75838-h/75838-h.htm25267
-rw-r--r--75838-h/images/cover.jpgbin0 -> 204692 bytes
-rw-r--r--75838-h/images/logo.jpgbin0 -> 36372 bytes
3 files changed, 25267 insertions, 0 deletions
diff --git a/75838-h/75838-h.htm b/75838-h/75838-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..ea2ee0d
--- /dev/null
+++ b/75838-h/75838-h.htm
@@ -0,0 +1,25267 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+<meta charset="UTF-8">
+<title>Berge Meere und Giganten | Project Gutenberg</title>
+ <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <!-- TITLE="Berge Meere und Giganten" -->
+ <!-- AUTHOR="Alfred Döblin" -->
+ <!-- LANGUAGE="de" -->
+ <!-- PUBLISHER="S. Fischer, Berlin" -->
+ <!-- DATE="1924" -->
+ <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
+
+<style>
+
+body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
+
+div.frontmatter { page-break-before:always; }
+.logo { margin-top:2em; margin-bottom:4em; }
+h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:1em;
+ margin-bottom:2em; }
+.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
+.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; line-height:2.6em; }
+.pub { text-indent:0; text-align:center; }
+.run { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em;
+ padding-top:6em; margin-bottom:1em; }
+.cop { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; margin-bottom:2em; }
+.printer { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; padding-top:4em; }
+
+div.chapter{ page-break-before:always; }
+h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:4em;
+ margin-bottom:2em; }
+div.chapter h2 { margin-top:0; padding-top:4em; }
+h2.chapter .line2 { font-size:0.8em; }
+
+p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
+p.first { text-indent:0; }
+p.first span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; }
+p.first.noindent span.firstchar { font-size:2em; }
+p.noindent { text-indent:0; }
+p.tb { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; }
+p.end { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; }
+
+/* "emphasis"--used for spaced out text */
+em { font-style:italic; }
+span.antiqua { font-style:italic; }
+
+/* ads */
+div.ads { padding-top:1em; font-size:0.8em; }
+div.ads p { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; }
+div.ads p.hdr { font-size:1.5em; font-weight:bold; }
+div.ads p.pub { font-weight:bold; }
+div.ads p.book .line1 { font-size:1.25em; }
+
+.underline { text-decoration: underline; }
+.hidden { display:none; }
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+/* Transcriber's note */
+.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
+ color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
+ page-break-before:always; margin-top:3em; }
+span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc;
+ color: #000; border:0; margin:0; padding:0;
+ page-break-before:avoid; margin-top:0em; }
+.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
+.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
+.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
+.trnote ul li { list-style-type: square; }
+.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
+
+/* page numbers */
+a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
+a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
+ letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
+ font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
+ border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
+ display: inline; }
+
+div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
+img { max-width:100%; }
+div.centerpic.logo img { max-width:6em; }
+
+body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; }
+.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; }
+.x-ebookmaker p.first span.firstchar { float:left; }
+.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; }
+.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; }
+.x-ebookmaker .trnote { margin:0; }
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt=""></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+Berge<br>
+Meere und Giganten
+</h1>
+
+<p class="subt">
+Roman
+</p>
+
+<p class="aut">
+von<br>
+Alfred Döblin
+</p>
+
+<p class="pub">
+1924<br>
+S. Fischer / Verlag / Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="run">
+Sechste bis neunte Auflage
+</p>
+
+<p class="cop">
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br>
+Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-1">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+<span class="line1">Zueignung</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> tue ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl,
+als dürfte ich kein Wort von dir verlauten lassen,
+ja, nicht zu deutlich an dich denken. Ich nenne dich „du“, als
+wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein wie ich. Da sehe ich
+schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort vergebens ist. Ich
+will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, Ungeheuer,
+die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin
+und wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser
+schwimmt. Ihr Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt
+mich, tragt mich, zerreibt mich.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin
+ich um euch. Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In
+meiner Demut vor euch war Angst vor Lähmung und Betäubung.
+Immer habe ich euch, ich gestehe es, als Schreckliches
+in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte ich euch
+verborgen, hielt die Türe zu.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt spreche ich – ich will nicht du und ihr sagen – von ihm,
+dem Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender
+Wind ist. Was im Feuer brennt, dem Züngelnden
+Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt und warm ist,
+blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch hin- und
+herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die Schlitzaugen
+nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen
+schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was
+dem Reh Furcht macht. Von seinem Blut, das fließt und das
+das andere Tier trinkt. Von dem Tausendwesen, das in den
+Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich löst, verbindet, verweht.
+Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues Prasseln
+Verschmelzen Verwehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
+Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf
+dem Papier, in der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das
+auf das weiße knisternde Papier fällt. Wie sich das Papier
+biegt, Falten wirft unter der Feder. Wie die Feder sich biegt,
+streckt. Meine führende Hand wandert von links nach rechts,
+nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den
+Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut
+läuft durch den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide
+Hände, die Arme, die Brust, den ganzen Körper, seine Haut
+Muskeln Eingeweide, in alle Flächen Ecken Nischen. So viel
+Veränderung in diesem hier. Und ich bin nur ein Einzelnes,
+ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen Tuch
+verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar
+reich. Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten
+auf dem Rasen Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es
+ist Mai. Ich habe nicht gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser
+in den Anlagen stehen. An jedem Blatt Stengel Wurzelschaft
+geschieht sekundlich etwas.
+</p>
+
+<p>
+Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es.
+</p>
+
+<p>
+Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da
+ist es.
+</p>
+
+<p>
+Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von
+der ich doch weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige.
+Sich unaufhörlich Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende
+sich Kreuzende.
+</p>
+
+<p>
+Ich gehe auf dem weichen wippenden Boden am flachen
+Ende des Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten
+Fischerhütte, Dunst über dem Wasser und Schilf. Am Boden
+der Luft gehe ich. Eingeschlossen in diesem Augenblick mit
+Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir sind zusammen
+diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der Fischerhütte,
+Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten
+der Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht
+Wolken Angler Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang
+Wärme elektrische Spannung der Luft. Wie blendend
+tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne toben
+neben ihr, ich seh’ sie nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden,
+ineinander verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar
+schönen, kaum ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten.
+Zitternder greifender flirrender Tausendfuß Tausendgeist
+Tausendkopf.
+</p>
+
+<p>
+Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß
+sprechen von euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich
+noch lebe.
+</p>
+
+<p>
+Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich
+meine Kehle geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken,
+jetzt stille, lauschend, ahnend empfinde.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-2">
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+<span class="line1">Erstes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Die westlichen Kontinente</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> lebte niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden
+hatten, den man den Weltkrieg nannte. In die
+Gräber gestürzt waren die jungen Männer, die aus den Schlachten
+zurückkehrten, die Häuser übernahmen, welche die Toten
+hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren Ämtern
+dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In
+die Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank
+über die Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen
+Männern in Europa gewesen. In die Gräber gestürzt die
+Kinder dieser Männer und dieser Frauen, die heranwuchsen, an
+den Häusern bauten, die sie übernommen hatten, die Fabriken
+bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen gelassen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Geschlecht um Geschlecht war wie von einer langsam rutschenden
+Wand umgelegt worden. Sie begaben sich in die dunklen
+Wohnungen, die die Elemente bereiteten. Hinter ihnen wurden
+schon die neuen Geschlechter emporgehoben, fluteten aus geöffneten
+Schleusen über die verlassene Welt.
+</p>
+
+<p>
+Immer waren wieder blanke junge Mädchen da. Junge
+Männer mit glänzendem zurückgekämmtem Haar, lebhaften
+Augen, frischen Mündern und Backen, die gern lächelten. In
+den Alleen Alte an Stöcken mit abwesenden Blicken, und winzige
+Geschöpfe in weißem Leinenzeug, die mit schrumpfligen
+Fingerchen sich vor das blinzelnde rosige Gesicht griffen. Am
+Himmel bewegte sich das stille blitzende Licht, das morgens erschien
+und abends unterging. Die Erde drehte sich in Tag und
+Nacht. Trug Erdteile Meere Gebirge Flüsse mit sich. Gab von
+Jahr zu Jahr neuen Sommer und Winter von sich. Wälder
+wurden von ihr hochgewälzt; sie stürzten ein; sie trieb neue auf.
+Schmetterlinge hauchte sie für ein paar Tage hin. Fische Landtiere
+Vögel Ameisen Käfer Schnecken wuchsen und zerfielen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+Die Menschen der westlichen Völker hinterließen ihren Nachkommen
+das Eisen die Maschinen, Elektrizität, die unsichtbaren
+stark wirkenden Strahlungen, die Berechnung zahlloser Naturkräfte.
+Man hatte Apparate von ungeheurer Macht. Wie die
+neuen Menschen ins Leben traten, jubelten sie über die Aufgabe,
+die vor ihnen lag. Es war ihnen gleich, daß ihnen der
+Weg vorgezeichnet war; sie und dieser Weg konnten sich nicht
+trennen. Diese Maschinen, Apparate, für die die glanzvollsten
+reichsten Lehrstätten gegründet wurden, die die anderen Wissenschaften
+verdrängt und banal gemacht hatten, unernst und ärmlich,
+wurden Saugapparate, die von Jahrhundert zu Jahrhundert,
+zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt intensivere Kraft entfalteten.
+</p>
+
+<p>
+Wie die Apparate und Einrichtungen da standen, sprühend
+an Vermögen, wurden die Menschen gedrängt, sie über die
+Länder zu führen. Die Erfindungen waren Zauberwesen, die
+ihnen aus den Händen glitten und sie hinter sich herzogen. Die
+Menschen fühlten, es war ihr Wille, der vor ihnen flog.
+</p>
+
+<p>
+Um Europa und Amerika lagen die Länder, denen man
+die Macht der Apparate zeigen mußte, wie ein Liebhaber
+seine süße Geliebte strahlend über die Straßen führt. Jeder
+bewundernde Blick fährt ihm wonnig ins Herz; er geht neben
+ihr, ihren Arm haltend, die ihn verschämt anblickt, blickt stolz
+nach allen Seiten. Sie drangen in die östlichen und südlichen
+Kontinente ein. Die Winde der Atmosphäre flossen um die
+Erdkugel, strömten von wärmerer nach kälterer Erde, stiegen
+auf, flossen oben ab. Sie wehten, die heiße Zone verlassend,
+nach Süden und Norden hin; die drehende Erde bog sie zur
+Seite. Gewaltig die Meeresströmungen, die das gleichmäßige
+Wasser durchdrangen. Von regelmäßigen breiten Furchungen
+waren die küstennahen Meere durchzogen, den Strandlinien
+parallel: Wellen in ungeheurer Bewegung setzten an, unablässig
+aus der Ferne nachdrängend; einförmig ihr Weg; sie
+schmetterten gegen den Strand. Den Apparaten der Menschen
+war nicht vorgeschrieben, wohin sie sich zu wenden hatten. Die
+fliegenden Menschen durchzuckten jede warme und kalte Luft,
+mochte sie über dem Boden östlich oder westlich schwimmen,
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+oder in dem Kalmengürtel sich langsam über dem tropischen
+Boden erheben. Ölschiffe Unterwasserboote sausten fegten durch
+jedes Wasser; wie ein Messer in der Hand des Chirurgen, das
+das Gefäß umschneidet überschneidet. Die Menschen drangen in
+die weiträumigen Landschaften ein, Gebirge und Tiefebenen,
+heiße und kalte Gegenden tragend, die Asien heißen. Die
+schweifenden fellbekleideten Wogulen Ostjaken Jakuten Tungusen
+wichen von ihnen erschreckt und höhnisch ab. Die gelben
+Völker, Chinesen Japaner, wehrten sich nicht, aber nahmen
+ihnen die Apparate aus der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Auf Afrika richteten die blassen eisengetriebenen Männer und
+Frauen ihre Augen. Der uralte noch immer traumverlorene
+Erdteil. Über die blaugrüne Fläche des Mittelmeeres fuhren
+von Norden her wie Geschosse die Schiffe der weißen Völker.
+Die Randgebirge überflogen die leichten Menschen. Siebzig
+Breitengrade überdeckte der plumpe Erdkoloß.
+</p>
+
+<p>
+Am Mittelmeer lagen die Reste der kleinen arabischen Siedlungen,
+noch von Räubern Entarteten Ungezähmten bewohnt,
+die Zufluchtsstätte der nordischen Verbrecher, Kampfzentra
+gegen die erdumspannende Gesellschaft und ihre knebelnde
+Sicherheit, auch Schmarotzerherde, wie Polizisten und Richter
+die Blößen der Gesellschaft erspähend, um sie auszubeuten. Sie
+züngelten viperartig vor. Aus den Jammerlöchern um die Große
+Syrta, aus Trabulus Lebda Masrata, die verfallen waren wie
+altbabylonische und ägyptische Städte, stiegen die zahllosen Männer
+und Frauen, die während vieler Jahrzehnte den europäischen
+Stier stichelten und quälten. Über sie brausten die weißen
+Männer und Frauen in kleinen fliegenden Apparaten weg, über
+die Randgebirge in die heiße große Wüste.
+</p>
+
+<p>
+Die Wüste, das mächtige Wesen, zog sich fünfzehn Breitengrade
+hin, hinter den Bergketten von Marokko bis Tunis versteckt,
+von Mauretanien und den Zugstraßen der braunen
+Tuaregs bis zu alten Weideplätzen der berberischen Aulad Soliman.
+Sie streckte sich, von den Küstenterrassen herwachsend,
+mit Ebenen Gebirgsstöcken Dünen grau und weiß unter der
+Sonne aus, die fast gesichtsnah auf ihr lag. Kiesebenen und
+Steinwüsten ließ sie wechseln. Der Wind zehrte an den nackten
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+glühenden Hügeln, zerrieb mit Sand die Felsen, die Hitze zersprengte
+zermürbte die Felsen. Wirbelstürme arbeiteten wetzend.
+Langsam zerfielen die uralten Gebirge der Erde. Aus der Masse
+des gelben und weißen Flugsandes stiegen schwarze Hügel
+Klippen hervor. Neben den Steinplateaus der Hammada al-Hamra
+lagen die niederbrechenden niedersinternden Trümmerfelder
+des zernagten Serirs. Der Kalk trat zutage, der den
+schwarzen zerriebenen Sandstein trug; in Dünen wurde alles zu
+Sand hingelegt. Tibesti das wilde Gebirge, das im Süden zwei
+Breitengrade überdeckte; dunkelfarbige Blöcke, massig aufeinander
+gestuft, kahl und nackt. Aus den senkrechten Wänden rieselte
+stäubte unter dem saugenden Gluthauch der bläuliche grüne
+weiße Kalkstein. Riesenwürfel bröckelten glitten langsam von den
+skelettierten Bergen ab, die Hügel flachten sich ab, schoben sich
+zu Steinflächen aus mit schwankenden Pfeilern und Säulen.
+Sechshundert öde Kilometer von Ost nach West das Steinland,
+die Hammada al-Hamra; der Boden gab sich nur dem Wind und
+der Sonne her; dünner Sand trieb über ihn hin. Zweihundert
+tote Kilometer wogte das Land südwärts. Wasserlose Ebenen
+nach Südosten hin. Dies war Fessan. In den kahlen Kalkebenen
+zwischen den schwarzen Bergen des Tibesti wohnten die Tedas.
+Lebten mit dem rasenden Wind, der in Wirbeln über die Platten
+ihres Landes strich, unter den graugelben Sandhosen, die
+über den Ebenen hinschwebten. Nadlige Tamariskenbüsche
+stiegen aus dem gedörrten Boden auf, Sajalakazien, breitkronige
+Bäume. Selten quoll trübes Wasser zur Oberfläche auf, zu den
+Disteln Dornbüschen Halfagras. In den zerstreuten spärlichen
+Pflanzungen stand die Dattelpalme; tief ließ das schlanke anmutige
+Pflanzengeschöpf seine saugenden Wurzeln in die feuchte
+Bodenschicht hängen, wiegte auf dem hohen Stamm seine
+buschige Krone. Die Tedas der Wüste hatten zierliche magere
+Leiber, dunkelgelblich ihre Haut, die platte Nase hing herab,
+wulstig die Lippen, der falsche lauernde Blick, nicht haftend wie
+der der Zwergvölker der Büsche. In ihren dunklen Hemden,
+den dunklen Schal vor Mund und Nase, Ledersäckchen mit
+Zauber an Turban Hals Arm zogen sie mit Kamelen von
+Brunnen zu Brunnen. Kamelmilch und Datteln ihre Nahrung,
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+die ihre Zähne zu braunen Stummeln auflöste. Die Haut unter
+ihren Sohlen so hornig, daß sie über Kiesel und heißes Schiefergestein
+laufen konnten. Gebleichte Kamelknochen, die sie fanden,
+pulverten sie, rührten das Pulver mit Blut, das sie einer
+Ader der Tiere entnahmen zu Teig; daran sättigten sie ihren
+Leib. Die Lederringe an ihren Messern zerklöppelten sie mit
+Steinen, kochten zerschnitten sie, sättigten sich. Nachts schwieg
+der Sandwind. Wenn an dem tiefdunklen klaren Himmel glänzende
+Lichter hervortraten, die große Mondkugel im silbernen
+Äther hoch schwebte, erhoben sie sich stumm aus dem Felsschatten,
+ein Fatifa murmelnd, wanderten stumm unverschleiert
+weiter. Tuaregs wuchsen wie sie auf den Flächen der westlichen
+Wüste; magere mißtrauische Menschen mit zweizinkigen kurzen
+Wurfeisen und Speeren.
+</p>
+
+<p>
+Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die
+weißen getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden
+trugen sie ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten
+sie nach Stunden wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die
+Tedaleute ließen sie bei sich übernachten. Wie der Mond aber
+sein weißes Licht über die Landschaft goß, lagen die bronzehäutigen
+Männer vor den Zelten der Fremden, im Schatten,
+lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum eine Handbreit
+flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich hinwerfenden
+Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand
+ab; der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich
+drin bei den schlafenden Männern nichts rührte, schlichen
+überall geduckt verhüllte Nomaden an die Lagerstätten der
+Fremden, Revolver in den Händen, die sie von ihnen geschenkt
+erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem blauschwarzen Sudanhemd
+und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund
+und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so
+gewichtiger wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten
+mit Gewalt die Revolver vorwärtsdrängen, die sich vor der
+Annäherung an ihren früheren Besitzer zu fürchten schienen.
+Wie aber der gespannte Hahn einschnappte und das Pulver
+krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr
+vorwärts, dann drückte die Kugel rückwärts, das Rohr zersprang
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden
+standen ruhig auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende
+Ladung enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten,
+verbanden die Verwundeten, sprachen den Angreifern, die sich
+im Sand vor ihnen vergruben, zu, und denen, die im schwarzen
+Tamariskenschatten im Hinterhalt bewegungslos lagen.
+</p>
+
+<p>
+Über Horden, die mit ihren Kamelen von versiegenden Brunnen
+zu versiegenden Brunnen sich schlugen, senkten sich fliegende
+Fremde, legten gefüllte Schläuche unter sie. Da kam Unruhe
+Ungeduld unter die Stämme von der Großen Syrta bis zum
+Tsadsee. Mehr und mehr von den Männern und den zierlichen
+Frauen blickten verlangend auf die weißen fliegenden Menschen,
+verschwanden mit ihnen. Die Alten saßen an ihren Lagerplätzen,
+in den Dattelpflanzungen, fühlten Grimm Haß Trauer Ohnmacht.
+Stämme im südlichen Tibestigebirge ließen ihre Pflanzungen
+im Stich, flohen in die Wüste bei der Annäherung der
+Weißen, zerrissen die Schläuche, die ihnen die fremden Zauberer
+zuwarfen, schlugen sich, vom Haß getragen, vorwärts.
+Das Abbröckeln unter der Verlockung der Europäer war nicht
+zu verhindern. Fessan, die Hammada von Murzug, das westliche
+Steinplateau der Wüste leerte sich von den dürren braunen
+Menschen, die sie gezeugt hatte. Sie schwammen durch die Luft,
+dienten den weißen Meistern, die Diener einer geheimnisvollen
+abenteuerlichen Weisheit, eines Zauberwesens waren, das sich
+in der kalten feuchten Region angesiedelt hatte. Die ernsten
+Wüstensöhne wurden in die warmen Küstenlandschaften des
+Mittelmeers, nach Sizilien, Unteritalien, dem Balkan, Spanien
+geworfen. Viele flohen nach Freiheit verlangend zurück, verkamen,
+unfähig die alten Sitten zu lieben, die neuen anzunehmen,
+von den einschmelzenden Resten ihrer Stämme geächtet.
+</p>
+
+<p>
+Die Große Wüste dehnte sich unbewegt, stumm von den
+Küstenterrassen, mit Steinflächen Kiesebenen Dünen und Hochplateaus,
+mit Natronseen grünen Oasen über das heiße Festland
+bis zum Tsadsee, aus dem die Elefanten soffen, an dem
+die Antilopen sprangen, Pelikane flogen.
+</p>
+
+<p>
+Die Massen des Sudan wurden ergriffen, Wangela Aschanti
+Sokoto Fallata, die vom Kongo Mantema Urua und südlich am
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Tanganika. Diesmal gab man ihnen nicht bunte Stoffe Glasperlen,
+nahm ihnen Elfenbein Kautschuk. Die Völker schmolzen
+nicht zusammen, als die Nordmänner und -frauen bei ihnen
+erschienen. Es hatte die längste Zeit Buschvölker Akkahs Pygmäen
+gegeben. Die kaffeebraunen Waldkobolde mit den tiefeingesenkten
+verkniffenen Augen, den großen Rundköpfen, den
+affenartigen Fratzen, die gehaßten scheuen Zwerge waren in
+Kürze von ihren Nachbarn, den Monbuttu, ausgerottet; und
+wo sie auf der Wanderschaft erschienen, saß man hinter ihnen
+her, tötete sie. Die gekrümmten Säbelmesser die Lanzen Pfeilspitzen
+mit Blutrinnen, die Bogen aus Rohr fielen den dunklen
+Männern zuerst aus der Hand. Es hatte keinen Sinn mit den
+alten Waffen umzugehen, die Weißen boten stärkere, leicht handliche.
+Sie brachten nicht nur die Waffen, sondern setzten sich
+unter die dunklen Männer und Frauen, zeigten, wie man gefährliche
+Kräfte aus der Luft und Erde holt, wie man sie steigern
+und anreichern kann. Auf nichts waren die Schwarz- und
+Braunhäute so aus wie auf Gewinnung der neuen Geschosse
+Gase Abwehrschilde und Masken. Und wie sie die Geschosse
+hatten und ihren Nachbarn überlegen wurden, – die zuerst ergriffenen
+von der Guineaküste, die von Joruba und Benin über
+die westlichen Aschantis, die Mandingoleute über die von Futa
+Djallon und die Gebirgsvölker am oberen Niger, die Makua
+von Mozambique über das Gasaland Matebelereich Lobise
+Uamba Batonga – gaben sie, sich kriegerisch ansiedelnd, die
+Holzscheunen die Rundhütten aus Lehm Akazienästen Strohdächern
+auf. Die eisernen gläsernen rasch zerlegbaren Wohnungen
+der nördlichen Striche zogen unwiderstehlich ein. Und
+die Menschen drängte es, zu wissen, wie man sie baute, um neue
+zu bauen, die entfernten Stämme zu unterwerfen. An der Westküste,
+am mittleren Niger, Tanganikasee, Senegal, wo feste Negerstaaten
+entstanden, gingen die ersten Bergwerke in den unerschlossenen
+Boden, getrieben von den kriegerischen Einheimischen.
+Stämme über Stämme wurden ausgerottet. Immer
+kämpfte die lähmende reiche Schönheit, üppige Fruchtbarkeit
+der Länder mit dem Ehrgeiz der Menschen, hinter denen die
+Wunderapparate der Nordleute standen. Da entstanden die
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+ungeheuerlichen Reiche der Eingeborenen, wie die Gewächse des
+Landes sich rapid ausbreitend, andere umschlingend und in
+sich zusammenstürzend.
+</p>
+
+<p>
+Und wie die Reiche stürzten sich befestigten, flogen und fuhren
+neue stolze Scharen Weißer, die Erfinder Entdecker, Herren der
+Gewalten, ein, gaben ihr Werk hin, schmolzen selbst unter den
+Farben und der Wärme des Landes. Die Braunen Schwarzen
+Graubraunen aber wurden verlockt, an die Quellen dieser
+Kräfte zu gehen; sie drängten nach Norden. Und es war ein
+sonderbares Geschick, das damals die eisernen weißen Volksstämme
+traf: ihre Fruchtbarkeit ließ nach. Während ihr Hirn
+zu immer glänzenderen Taten vordrang, verdorrte die Wurzel.
+Gleichmäßig sanken im Laufe der Jahrzehnte bei den europäischen
+Völkern die Kinderzahlen. Es war nicht erkenntlich, ob
+es die Berührung mit den neugefundenen strahlen- und gasförmigen
+Substanzen war, die dies verursachte, oder die Ernährung
+mit den sehr erregenden reizenden künstlichen Mitteln, die
+neuen Rausch- und Betäubungsstoffe. Um so fruchtbarer waren
+die lüstern an die strahlenden Zentren drängenden Farbigen, die
+schweißdunstenden Männer und Frauen mit den blitzenden und
+melancholischen Augen, die wie Dienende und Unterworfene
+erschienen und in einigen Generationen alles überfluteten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> Dämonenscharen durchzogen Einpeitscher die Kontinente
+Afrikas Amerikas Europas. Das waren Männer und Frauen,
+die die Menschen reizten mit Dingen, die sie ihnen boten, –
+reizten, versuchten, gegeneinander stachelten. Die Menschen
+waren ein wachsendes Bündel, ein Sandhaufen von Bedürfnissen,
+auf die die Einpeitscher neuen Sand bliesen. Durchzittert
+von Spannungen wurden die Menschen wie erhitzte Luft über
+Feuer. Von allen großen Stadtlandschaften nach allen Orten
+kamen Männer und Frauen, beobachteten, trugen Dinge Freuden
+Schmeicheleien Wohliges Mildes heran. Man sah die
+Wesen in den Städten und auf dem freieren Lande sich verändern.
+Die Einpeitscher hatten das Spiel in der Hand, hatten
+die Bewegung nur einzuleiten; dann drängten die Gehetzten
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+schon, schrien nach ihren Hieben. Die früheren Generationen
+hatten sich damit begnügt, genährt gekleidet gewärmt mäßig
+unterhalten zu werden. Es war den Menschen an den Apparaten
+klar, daß dies nicht genügte. Die westlichen Menschen
+begehrten viel; es mußte ihnen noch mehr gegeben werden.
+</p>
+
+<p>
+Nachrichten wurden verbreitet. Man hatte in den Stadtschaften
+kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen
+Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befaßten, was
+sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten,
+was sich bei ihnen hervortat. Fernbilder trugen die Gestalten
+der Menschen, der Gegenstände weiter. Ein Reiz, der aufstand,
+war eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme,
+jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. In fernen Ländern,
+auf Gebirgen, an wilden wassertosenden Strömen, auf tropischen
+hitzeübergossenen tierwimmelnden Steppen saßen Menschen,
+Stämme, die in sich ruhten. Zu ihnen fuhr der Reiz das
+Wort die Gestalt. Die Bilder standen vor ihnen, traten immer
+wieder vor sie, rissen an ihnen. Daß sie sich vom Wasser lösten, aus
+der einwiegenden Hitze drängten. Wie eine Schaufel unter einen
+Steinhaufen, der am Boden liegt und bemoost ist, drang die Erregung
+knirschend unter die Menschen, hob sie an, zerstreute sie.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> alten politischen Staaten bestanden noch dem Namen
+nach. Wie die Hautfarben, die Gesichter arabisch ägyptisch
+negerhaft sich veränderten, die Sprachen zu einem Kauderwelsch
+wurden, in dem sich nördliche und südliche Zonen berührten,
+so verloren die Staaten ihren alten strengen Charakter. Eine
+fast gleichförmige Menschenmasse bevölkerte das Gebiet von
+Christiania bis Madrid und Konstantinopel. Wie im Sprachlichen
+so überwog hier die, dort die Art.
+</p>
+
+<p>
+Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis
+unter das Imperium London-Neuyork gekommen. Das
+angelsächsische Imperium war es, in dem sich die Ströme dunkler
+grauer schwarzer brauner weißer Menschen miteinander langsam
+mischten. Dann zermorschten die politischen Gewalten.
+Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller
+Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser
+Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren
+Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler
+Menschen für die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte
+sich selbst; jetzt konnte man die Menschen nur in Bewegung
+erhalten durch immer neue Erfindungen, die den
+Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit sich führten.
+In einer Erschlaffungsperiode, als man von den Entdeckungen
+der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert
+auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende
+Katastrophe ein. Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen
+die Reichtümer zuströmten, streckten zuerst, um die Menschen
+festzuhalten, die Arbeiten, fügten Zwischenarbeiten ein, ja
+legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu schaffen. Sie
+entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure völlig
+luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen
+und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe
+wurden fast erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der
+Menschen, die sich in den Städten versammelten. Die Beherrscher
+der Apparate wußten nicht mehr, wie sie den Schein
+der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten nicht, ob sie
+ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen Erfindungen
+anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe
+demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf
+sich zufließen; ein sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die
+Güter von sich abzulenken. Sie kämpften entsetzt mit der Technik,
+die über sie hergewachsen war, und mit den Menschen, deren
+Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, wo die Industrien
+erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein riesiges
+alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung
+organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen
+Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber
+versteckten sich. Es war, als wollten sie Entscheidungen aus dem
+Weg gehen und sich loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle
+hinein. Als Gelder und Waren aus ihren Becken wegschwammen,
+fühlten sie, wer sie waren und was sie hatten. Eine kleine
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Anzahl Industrieherren warf, unfähig die Verantwortung zu
+tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl aber
+griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie.
+Mit zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast
+menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung,
+selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Da
+auch der Staat und die politische Regierung nur durch sie lebte,
+wollten sie Macht über die Regierung. Während Hungersnot
+Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren
+Geld und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie
+wollten sich der gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen.
+Diesen Augenblick hatten die Industrien erwartet.
+Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten
+näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren.
+Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus
+ihrem Bau aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende
+und der Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten
+mehr. Im Belgischen, in Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt,
+der längst erwartet war. Im Parlament erklärte zynisch
+ein Vertreter der Werkherren, den man geladen hatte, er lehne
+es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen Institutionen
+anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten
+Volk gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter
+und Ausgehaltene. Man möge den Ministern untersagen, vom
+öffentlichen Wohl zu reden; das seien Dinge, von denen ein
+Minister nichts verstehe.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite
+geschleppt. Das Heer war längst in der Hand der großen technischen
+industriellen Gruppen. Es bestand, wie überall in
+Europa, aus jungen Menschen, die aus den Fabriken Werkstätten
+stammten, in denen sie die Herstellung und Bedienung
+ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den
+Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten
+Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten
+nicht; wurden rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst
+nur an die Maschinen gebunden, verlangten Luxus Brot
+und freie Bahn für die Kräfte der Maschinen. Die politischen
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer Arbeit von den
+technischen und Industriezentralen beschickt. Dann wurden
+die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die Wohlfahrtseinrichtungen
+wurden der Arbeitsüberwachungs- und
+Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr
+mit anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen
+Imperium vertrauliche Sache der großen Verbände.
+</p>
+
+<p>
+Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende
+Vorgang auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt,
+da hatten freiwillig oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands
+folgend, die politischen Regierungen, die nur hemmende
+und dekorative Rudimente waren, den Industriekörpern Platz
+gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose ordnende Selbstverwaltungskörper
+liefen neben ihnen her. In den großen Reservoirs
+der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich
+Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Stadtschaften lagen frei da. Aber unsichtbar umgab
+sich jede mit einem System von Verteidigungsanlagen. Die
+Peripherie der unübersehbaren Gebiete von Bergen und Niederungen
+Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie mit einer
+Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken,
+dichten und lockeren Menschensiedelungen, war überall unscheinbar
+umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie
+standen ohne Verbindung miteinander im Gelände, glichen abgeästeten
+sehr hohen Pappeln. Sie schienen Wegweiser zu sein,
+trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich als Telegraphenstangen.
+Im Innern waren die Masten hohl und als Eingeweide
+trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer
+Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert,
+welche das Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte
+waren verschieden geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine
+Schalterbewegung in der Stadt aus dem Mast heraus in die
+Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges Band konnte es
+sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es aufrecht
+stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke
+und Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem
+Uralischen Krieg.
+</p>
+
+<p>
+Die Beherrscher der stärksten Industrieanlagen und Riesenwerke
+hatten sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten
+angelegt, als die einzelstaatliche Gewalt in dem europäisch-amerikanischen
+Völkerverband erlosch und in Südamerika, in
+dem ehemaligen Griechenland, in Kapland Südfrankreich, zuletzt
+in Dänemark militärische anarchische Gebilde hochschossen.
+Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente.
+</p>
+
+<p>
+Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit,
+mit der der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker,
+sich des Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu
+waren Tausende, aus dem Dunkel der Städte auftauchend, wie
+magisch gerufen um ihn versammelt gewesen. Er hatte nichts
+getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken und Sammelstationen
+mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus
+den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick
+furchtbare Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen
+man bisher keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab
+das erste Beispiel einer systematischen Störung der den Erdball
+umlaufenden Verständigungsapparate. Schlag um Schlag
+hatte er nun, im geheimen arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen
+der Provence, ganz Südfrankreichs bis vor
+Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke Mann durch
+seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine
+Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in
+das getroffene Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief
+auf den Boden richtete. Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten
+zweiten wolkenhochlaufenden Strom nach unten
+reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, veraschte den
+blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor seinem
+Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm
+kam. Es verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung.
+Dies war bei Begles in der Garonne. Der Kerntrupp
+Bourdieus ließ kostbare Zeit verstreichen; das rückwärtige
+eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband mit der übrigen
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von Marseille
+selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die
+von Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter
+überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach,
+die Fernsprüche und Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend
+aufnahm, die fünfhundert Menschen, aus denen Bourdieus
+Korps bestand, zu einer bestimmten Morgenstunde auf
+ein Feld südlich Begles lockte und während jene da warteten,
+ihre Flammen-Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten,
+sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche
+Trupp, der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig
+in Marseille an. Man hatte dort beim Anrücken der
+Schar vor ihr nicht weniger Furcht wie vor dem beseitigten
+Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den Führer der
+Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz gewisser
+Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch
+und lautlos zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor
+sich her die schöne starkfließende Loire in sechs bewimpelten,
+freudig musikschmetternden Schiffen in großem Abstand fahren.
+Während der Fahrt setzte er wie Blutegel die kleinen Versenkerkasten
+unter der Wasserlinie an die Schiffe an. So daß einem
+unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf Schiff sich ins
+Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie geführten,
+rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten
+Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an
+sie hängten. Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts
+gestoßen durch den wütenden mit Hammergewalt einsetzenden
+Druck komprimierter Gase, der von rückwärts auf ihre
+Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die Marokkanerschiffe
+unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde
+steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend,
+bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende
+Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund
+des dunklen Stromes stießen, verkrampft den Sand aufrührten,
+sich ruckweise warfen zuckten strudelten. Die restliche Führerschaft
+sah ihr eigenes Schicksal voraus. Sie riet den übrigen
+Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen unaufgefordert
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im Freien
+von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen
+Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal,
+in der Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu
+werden. Der Senat war wachsam geworden.
+</p>
+
+<p>
+Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der
+afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen
+sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen
+für die Verteilung der Energie hatte man überall eingerichtet.
+Man war immer im unklaren darüber, ob man zu viel oder zu
+wenig Menschen mit dem Vorhandensein der stärksten Kraftanhäufung
+vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr wie in
+früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln.
+Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die
+energiegeladene Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des
+Erdballs für den Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon
+kilometerweit vor den Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden
+elektrischen Orkan der Masten der Lauf des Geschosses,
+um zuletzt zerrieben, glühend pulverförmig abzufallen.
+Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand darin, daß der
+Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht die
+Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe
+kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese
+ausgeworfene Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf
+alles was in seinen Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten
+der Masten in Höhe der Häuser wäre alles, Stein Holz Fleisch
+Metall in einen glühenden Brei verwandelt verkohlt verkrümelt,
+als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen.
+</p>
+
+<p>
+Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten
+Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und
+Kantone durchzittert, es könnten im geheimen Menschen die
+Wissenschaft auf gefährliche Dinge durchstudieren und zähere
+ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten darauf zu Entschlüssen
+kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine
+Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern
+konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen
+erdigen Stoffen in den Laboratorien. Aus ihnen stammten
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+die Errichter der Anlagen und Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen,
+mit der Verbreitung bestimmter Kenntnisse anzuhalten.
+Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich vergeblich in den
+Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie mit
+alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der
+Besitz der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht
+allen gestattet werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft
+Chemie Elektrotechnik Biologie Radiotechnik waren nur Ausgewählten
+gestattet, deren Zahl man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
+verringerte. Diese standen unter strenger Aufsicht. Die
+politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit einem
+Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man
+zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war,
+eine Übersicht zu gestatten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung
+der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen
+unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus
+den Ländern Afrikas, die sich mit der Aufnahme der freigestellten
+Kenntnisse und Genüsse begnügten, begünstigte die Neigung
+dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften,
+die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen
+hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames
+Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer
+raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten.
+San Francisco wie London rieten schon längst den Herren von
+Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und
+Aufmerksamkeit. Man könnte Fremde, sagten sie, denen der
+Mondgottesdienst noch im Blut steckte, die für einen Schluck kalten
+Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, nicht behandeln
+wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche
+Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken.
+Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber
+und Haussa waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten.
+</p>
+
+<p>
+Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della
+Carceri, dessen Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+gejagt hatte, hatte in seinem Glaswerk den ersten von ihm
+provozierten Ausbruch der Arbeitermassen nur erwartet. Er
+ließ, um ein warnendes Beispiel seinen lauen Freunden in der
+Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man zertrümmerte, als
+er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im Stadtzentrum.
+Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich
+ließ. Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner
+Werke mit dem erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb
+in den Anfängen stecken. Bei dem Getümmel der Leute Carceris
+wurden die angegliederten Werke Sanudos und Horzis
+unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft Pisa. Fremdenviertel
+wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander,
+sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich,
+in alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte
+ahnungslos festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen
+zauberhaften Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an
+denen sie furchtsam wie unter Dämonenblicken gekrochen waren;
+dort liefen jetzt auf dem Dach schwarze Plattgesichter, machten
+Männchen.
+</p>
+
+<p>
+Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische
+Linien die afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter
+Wirrwarr von Schreiern in langen Sätzen zum Senat der
+Stadt, um seine Demission zu erzwingen. Sie rannten, als
+käme es darauf an zu zeigen, wer der erste war. Ravano della
+Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die Hauptlärmer
+der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd
+über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten
+ihn nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große
+Wut und hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im
+Hintergrund hinter dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu
+bleiben. Er stellte sich stampfend vor die beiden, die er anfaßte,
+denen er das Hemd über der Brust lüftete; ob sie wüßten
+wer er sei. Und dann, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen
+hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und die kichernde
+Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was
+hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? die Mulatten grinsten
+sich an und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+Schlips auf dem Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren.
+Da war er von dem starken Farbigen abgeschüttelt, lag am
+Boden. Im Nu auf den Beinen hing er sich dem Mann an den
+Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden geschleudert, mit
+Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am Boden
+vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf
+die Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der
+Hand, unflätig schimpfend, traten sie vor die Herren, denen
+niemand beistand; was sie nun dächten. Die erbaten sich nicht
+aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das grobe Drohen der Farbigen
+das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen Carceri
+durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den
+Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben.
+Ein fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle;
+der zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri
+um die Hüfte führte, den Unterarm, so daß er den schwankenden
+Mann fallen ließ, den die Farbigen aus dem Zimmer
+rollten, um knallend die Tür hinter ihnen zuzuschlagen und ein
+prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu beginnen. Carceri
+kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer
+Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich
+aus; die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein
+Zahn hatte seine Zunge durchbohrt; er lehnte luftschnappend
+mit fausthohen Stirnbeulen auf der Bank, spie Blut, schluckte
+einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte sich innerlich,
+daß er sich für die anderen hergegeben hätte.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den
+Ärmel auf; er weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen
+Gesicht zu den anderen, die ihn hielten: „Tut ihr nur, was ihr
+wollt. Ich tue was ich werde.“ Und dann, als sie flüsternd zu
+diskutieren anfingen, er steif zurückgelehnt: „Tut was ihr
+wollt. Was ihr wollt.“ Sie berieten, während es in den Gängen
+hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin man
+sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl
+die jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch
+rascher als die früheren militärischen abklingen werde. Man
+zuckte mit den Achseln; sie dachten, wie sie sich bleich ansahen
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+und an den Wänden zusammendrängten: einmal werde sie doch
+ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, daß sie sich bis
+jetzt gehalten hätten. „Und was kommt nachher?“ wimmerte
+Sanudo. „Wann?“ Carceri riß hinten die Augen auf, sie
+quollen ihm zu. „Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch,
+es sei schon viel, wenn wir uns so lange halten. Also was ist
+dann? Was werden sie können? Wir werden ihnen alles übergeben,
+den Säufern. Und was werden sie daraus machen?“
+Carceri versuchte zu lächeln: „Ich kanns mir ausdenken. Wir
+werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns
+nicht vorher zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren
+vielleicht in ihrer Begeisterung wieder zu den heimatlichen
+Sitten zurück und fressen uns auf. Ich gratuliere euch allen
+zu dem warmen Wohnsitz, der euch bevorsteht. Neben Knoblauch
+und Sellerie und Branntwein.“ Sie machten sich, als der
+Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den Platz
+vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf
+den nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher
+Gutmütigkeit Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht
+über ganz Mailand ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf
+den Straßen um Rang und Beute. Man sah schon schlaue
+Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf und daran, sich der
+Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten Konventikeln
+horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und
+jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen.
+</p>
+
+<p>
+Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende
+Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen
+knallten, und Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend
+ihre Tiere jagten, die Arme warfen, die Pferde schnaubten.
+Wagerecht warfen sie ihre Beine, die braunen Rümpfe dicht
+über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht die
+italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles
+seinen guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig
+und gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm,
+wie sie seitwärts in eine Pinienschonung umbogen, wies ihm
+schweigend die vorüberstürmende Jagd. Guistiniani bebte,
+blickte weg: „Das muß ich mit ansehen. Ich schäme mich. Ich
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+werde nicht lange leben, um dies anzusehen.“ „Du bist jung.
+Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich
+gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf
+den Boden geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich
+mit dem Fuß getreten hat.“ „Ich weiß nicht.“ „Hätt es
+gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. Möchte ihn weniger einen
+Kopf als einen Fuß kürzer machen.“ Der junge schlug den linken
+Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem rechten
+an ihn an, stöhnte: „Dann weine ich für dich, weil es meine
+Art ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken,
+was du willst, weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille
+halten. Ich stand mit den andern im Gedränge, als sie dich
+anpackten und das Gräßliche losging. Wir waren alle ja – hilflos.
+Nein, ich war nicht hilflos. Aber von den anderen ging
+dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich über; ich hätte
+allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch nicht für
+dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden,
+daß ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.“
+„An mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani.
+Danach haben sie auch keinen Appetit mehr. Sie werden
+annehmen, ich habe fürs erste genug. Aber da sind ja noch
+andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was meinst
+du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann
+mit schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck,
+der den verdammten Ravano della Carceri nach Hause begleitet.
+Sie werden dir dein Gesichtchen, das <a id="corr-2"></a>dein Mütterchen
+immer gewaschen gepudert gesalbt gestrichen hat noch einmal
+salben und streichen. Ein feines Pulver haben sie, afrikanischer
+Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das wirst du erleben.
+Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein zartes
+Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.“ Sie
+gingen; Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras,
+strenge Stirnfalten: „Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri.
+Du mußt mir Farbe bekennen. Du mußt sagen, was du meinst.
+Ich bin aus dem ältesten Geschlecht unseres Landes, du mit mir.
+Ich gebe nicht nach. Den stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel,
+dessen Kraft worin liegt? In den Lenden. In den Hoden der
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen Fettwanste
+Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen.
+Sie sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.“
+„Und mein Gesicht? Und der Arm von Sanudo?“ „Ich will
+nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, höre auf und sprich nicht so.“
+</p>
+
+<p>
+Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit
+ihm unter einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und
+dann, dicht an Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte.
+Es sei gut, nicht zu laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen.
+Vor den anderen Männern und Frauen ihrer Kreise. Wenn
+die hörten, was er von Blut, altem Geschlecht und so weiter
+gesagt habe, so würde er etwas bemerken. „Wie viel altes Blut
+gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. Nicht
+drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind
+Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das
+Hauptfutter sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po
+werden Kamele getrieben. Ich wollte auch, sie wären grün wie
+Gras und ich könnte sie zertrampeln; sieh mal, so. Aber deine
+Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut taugt nichts.
+Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie nur
+leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin.
+Ein Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben.
+Das merken sie besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere
+Galle. Unsere Brüder, unsere Freunde! Mutloses Gesindel,
+Pack, das sein Los verdient. Weißt du, was ich täte, jetzt, wenn
+ich nicht das Gesicht schon hätte?“ Er schrie; der junge neben
+ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. „Ich ginge zu
+den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich zeigte
+diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl
+alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk,
+ein Pack.“ „Still“ schmiegte sich Guistiniani an, „nun ist gut.
+Nun hast du gesprochen. Nun ist alles gesprochen. Du darfst
+nichts mehr sagen. Nun will ich dir etwas von dem Gras erzählen.
+Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, Carceri, das Moos
+an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz hellgrün,
+du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau beschreiben.
+Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch
+nur, ich will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den
+Fingern aus, bis zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie
+haben einen scharfen Rand. So, das ist lauter Grashalm. So
+sind alle Grashalme. Und weißt du, wo ich sie herhabe, die du
+eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo du eben
+draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten wolltest.
+Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, einige
+sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von
+deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf
+gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch
+lebendig. Was glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht.
+Aber vor allem: ich bin es auch und du bist es auch, Carceri.
+Ich geh nicht zu den Farbigen den Kannibalen. Denn warum
+sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das unter dem
+Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen
+haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit
+dem Menschen, oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn
+der Wind über sie weht, verschwindet ihre Spur. Ist schon
+richtig. Aber das Gras ist auch immer wieder da. Was ist
+mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte
+mich an das Wiederkommen.“ Der unten hatte die Arme unter
+den seitlich gesunkenen Kopf verschränkt. „Und so denkst du,
+Guistiniani, mit den Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen
+möchte ich dich einmal, wenn die Angst aus dem Gedränge
+kommt. Sehen werde ich dich einmal.“ Carceri kroch auf allen
+vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann
+knurrte: „Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du“, er
+wankte vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, „du glaubst,
+mir machen die Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben.
+Ich habe schon noch abseits für alle Notfälle ein paar kleine
+Waffen, und Sanudo hat welche; schöne Geräte. Sieht aus wie
+nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon nichts. Der
+beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und finden
+nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends,
+wenn das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat
+sagen sie; sie halten das glaub ich, für eine nordische
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Suppe. Wir könnten ihnen eine Einlage in die Suppe machen.
+Nur den Sanudo und Morosini und unsere anderen lieben
+Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du bist
+von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme;
+unvergänglich aber naiv.“
+</p>
+
+<p>
+Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem
+unterirdischen kühlen Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem
+Treppenpodest des gewölbeartigen ganz mit Rankenblumen bewachsenen
+und behangenen Zimmers. Die Marmorsäule
+leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die
+Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und
+die Hände, die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag,
+überlief eine rosa Röte die Brüste; ihre Kugeln versendeten
+das Licht auf das weiche Kinn, das von unten angestrahlt
+wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die bloßen im
+Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte
+weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen,
+die auf bettartigen Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen,
+die man hätte, und freies Feld um sich zu machen.
+„Wir müssen es“ stöhnte er, „ich tu es nicht leicht.“ Man
+fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. Sanudo,
+gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf:
+„man muß ihnen noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen“,
+wankte zur Tür, um durch einen Griff an den Ranken ein leises
+Weben am Gewölbe herauf zu erregen, fern verschwebendes
+Kindersingen. Sanudo: „Es sind, wie ich weiß, noch Herren
+hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht
+etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn
+man sie schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was
+Carceri verschweigt.“ Carceri grob lachend: „Was denkst du,
+mein Süßer?“ „Daß du lauerst und abwartest, was wir machen
+werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du machst dir
+nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch nicht
+stehen können.“ Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von
+seinem Lager hochstemmend: „Ich mach mir nichts aus den
+andern. Machen sie sich etwas aus mir? Hab ich nicht vor
+Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff von Algier von
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake diese
+Menschen über uns aus. Hab ich Euch nicht in diesem selben
+Raum gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben
+wir Waffen! Davon weiß niemand! Die geheimen Geräte!
+Oh Eure geheimen geheimnisvollen Geräte. Ich weiß schon
+nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die noch
+andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, Ihr werdet
+Eure Entdeckungen machen.“ Sanudo schüttelte den Kopf;
+Michieli und Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter,
+richteten sich von den Lagern auf neben Carceri, warfen sich
+Blicke zu. „Wir sollten“ Sanudo streichelte resigniert seinen
+kranken Arm, „keine Schiffe mehr zulassen, vielleicht die Schiffe
+versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen du nicht
+deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten Mittelafrika.
+Wir haben es mit Menschen zu tun.“ Carceri sprang
+auf, die Arme hoch: „Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu
+tun. Seid mir recht zahm. Caressiert sie, damit sie Euch Zucker
+aus der Hand fressen. Seht, nicht mal das tun sie. Wir füttern
+sie genug. Sie wollen mehr. Sie wollen uns gar nicht. Sie
+wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun tut ihnen doch
+den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch ihren
+Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere
+gibt nach.“ „So gehts nicht weiter.“ Michieli, der kleine
+Schwarzbärtige, sprang auf: „Wohin soll das. Sprich was
+du meinst. Warum sollen wir nicht die Mittel anwenden, die
+wir haben.“ „Das sag ich ja auch“ der dicke prustende Mann mit
+dem verschwollenen Gesicht. „Das sagst du nicht. Du sagst,
+die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht auf den
+Busch klopfen.“ „Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue
+ich ihnen nicht.“ „Also“ Michieli brüllte vor ihm, die Hände
+fuchtelnd vor der Stirn, „was ist denn das für ein Hin und
+Her. Die Waffen, die du hast, wendest du nicht an. Die
+Mittel, die du hast, willst du anwenden. Was ist das für ein
+Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.“
+</p>
+
+<p>
+Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen
+fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern,
+seufzte offen apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+auf sein Lager fallen, flüsterte mit Guistiniani. Die Säule
+strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. Sanudo blickte zu Carceri
+hinüber: „Ich sehe, Carceri ist seiner alten Ansicht, dies und das
+hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt geschehen
+soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin
+nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar
+so weit her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter
+Läufer Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die
+draußen, die uns in der Hand haben. Mir würde es leichter
+sein, müßte es doch leichter sein, vor ihnen zu kapitulieren. Es
+wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich könnte mir den Weg
+zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. Etwas hab
+ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut übergegangen.
+Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir und die
+vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den
+Fingern zerreiben müßte.“ Carceri widerwillig und scheinbar
+schlafsüchtig: er wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte
+gesagt, was er sagen könnte. Guistiniani schwieg auf die Blicke,
+die ihm Carceri zuwarf. Carceri wollte ersichtlich mit den andern
+nicht mitmachen. Sanudo wurde aufgefordert, alle Zuverlässigen
+rasch mit den Waffen vertraut zu machen. Man
+wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen
+Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden
+Ravano della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen.
+Der lehnte stumm wie Guistiniani ab.
+</p>
+
+<p>
+Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der
+Nacht die Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von
+ganz Mailand befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie
+sich um den ausersehenen Zentralbezirk der Stadt gruppierten
+auf abseits liegenden Plätzen, hinter Büschen von Parkanlagen,
+einen vollkommenen Mißerfolg. Die Apparate, verschiedener
+Konstruktion und mit verschiedenen Angriffspunkten, Fernwirker
+und Durchdringer auf geradem oder durch Zwischenlenker
+zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der
+unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt,
+halb furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern
+standen, sinnlos alle Apparate spielen ließen. Heimliche
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+Versuche des nächsten Tages ergaben dasselbe Resultat; es kam
+hinzu, daß die transportabeln Waffen, sehr empfindlich, durch
+die intensive Sonnenstrahlung des Tages gehindert wurden.
+Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen und arbeiteten
+leer.
+</p>
+
+<p>
+Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die
+Frauen zu den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren
+Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein
+Überangebot von Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet.
+Überall waren die Ehen und Untertänigkeitsverbände zwischen
+Mann und Weib zerstört worden durch den Zwang, der auf die
+Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den Wirtschaftskampf
+herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren
+gewesen, in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen
+Völker Messer auf Messer sich gegenüberstand, während
+gleichzeitig die Erfindungen und die Bewältigung der Naturkräfte
+beispiellos vorwärtstrieben. Als die Spannung nachließ,
+die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite Massen
+überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen
+Männer fanden zu den hemmungslos zuströmenden und
+herbeigerufenen Farbigen Afrikas einen Stamm weißer Wesen
+neben sich, der sie waren und nicht waren. Von denen sie nicht
+wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich zu verbinden
+hatten. Es geschah nichts von beiden. Die Frauen taten was
+sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer.
+Sie hatten zur Wut der weißen Männer keinen Sinn für die
+weißen, sondern mischten sich unter die Fremden. Die Männer
+verpönten die in den Tropen gewöhnliche Verbindung mit farbigen,
+aber die Frauen entwichen ihnen, taten im Lande,
+was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum
+anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen
+Typen klar. Irgendwie mußte man sich, um
+nicht zu ertrinken, abschließen. Damals mischten sich nur gewöhnliche
+Frauen mit den zuströmenden Fremden. Die stärkeren,
+die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen und
+Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen
+weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+muskulösen Menschen mit den langen Schritten und den prüfenden
+harten Zügen bildeten unter sich die Vorstellung aus,
+eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen sich dahin zurück,
+wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie wurden
+die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft
+entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe
+sahen sie; wenig Mutterliebe konnten sie geben.
+</p>
+
+<p>
+Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage
+drohte, zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von
+Männern, besonders den lahmen älteren geäußert wurden,
+Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, kannten sie nicht. Sie
+hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die Fremden. Ein
+beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und
+Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die
+sie als Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter
+Haß, bisweilen Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen,
+die für sie selbst verhängnisvoll werden konnten. In nicht
+wenigen Frauen stieg der schreckliche Gedanke auf, die Männer
+könnten sie aus Rache an die Fremden preisgeben und vermuteten,
+die Männer gäben nach, weil sie sich der Weibsherrschaft
+entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie beschämt,
+noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen
+sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen Angriffswaffen,
+gingen, wie sie waren, in den roten und blauen
+Togen, die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die
+lautlosen und doch tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt
+weitergeleitet wurden, suchten, wie man sie vergnügt und hämisch
+an die feinen und gewaltigen Maschinen, die ihnen nicht
+mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den Usurpatoren
+zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren Fällen.
+Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die Kraftstelle
+ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren
+ließen es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher
+waren heran; der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden
+Völkerstämmen innewohnte, wirkte sich aus. Darauf sich demütigend
+schickten die Frauen sehr junge verlockende Wesen
+ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. Die
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen
+übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor
+die Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen
+gaben ihnen den Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten:
+die Frauen seien bereit den Siegern Dienst zu leisten,
+wenn die Fremden davon absähen sie zu knechten. Das Geschick
+Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing damals an
+einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals
+halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer
+ihrer Farbe fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen.
+Die jungen Wesen in Mailand gaben ihre gefährliche
+Halbwahrheit den braunen und bronzefarbigen Männern weiter,
+denen sie angenehm klang. Die abgesandten klugen Geschöpfe
+erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die grauste
+Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch
+und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden
+Weibern wurden sie alten Männern als Sklavinnen beigegeben.
+</p>
+
+<p>
+Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine
+Woche nach dem Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu
+Fuß wandernd unter Gefahren nach Alessandria, von da fliegend
+nach Genua. Riefen Genua Marseille Bordeaux um Hilfe. Guistiniani
+flog nach London, an den Zentralsitz der westlichen Regierungsmacht.
+London erklärte, wie vorauszusehen, daß an ein
+zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen
+die örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam
+der sehr still berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner
+hatten gesagt, man sei offenbar unfähig im Mailändischen; ob
+man wieder zur Einrichtung von London bestellter Magistrate
+zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was man riskiere nicht
+für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige Dinge den
+Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie
+einen Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben
+Ort damit umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht
+aufpaßt und seine Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom
+Marseille Bordeaux, selbst noch frei aber schon bedroht erklärten
+sich bereit zur Hilfe, verlangten aber zugleich Sicherung vor der
+Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen Interesse. In Rom
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem Bericht aus
+London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte
+wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand
+stark gefährdet, ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle
+Mailands und seiner Adnexe. Die Mailänder Deputation
+mußte das zugeben und unterschreiben; sie wurde nur anerkannt
+als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im übrigen gab
+es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die die
+Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die
+Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft.
+Sie erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage
+nach dem Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt
+wurde ihren Herren wieder übergeben.
+</p>
+
+<p>
+Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand
+dann keine Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons,
+wurde neben den Senat <a id="corr-6"></a>Mailands gestellt. Carceris
+Augenblick war gekommen. Er suchte die Oberhand in Mailand
+zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, die ihm die
+Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den
+bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf
+die Spitze getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren
+sei. Diese Zynismen machten ihn bei vielen Männern,
+durchaus bei allen Frauen unmöglich, die im ganzen enttäuscht,
+sich vor seiner Tücke und Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano
+della Carceri hatte auf die folgende Entwicklung von Südeuropa
+nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit mit Guistiniani, der
+sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag Carceris auf
+Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll richtete,
+mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die
+er beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten
+Frauen vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani,
+ein stählerner gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht.
+Seine Hand, die die südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte
+spürten, war nicht weniger hart als die seines erschlagenen
+Freundes Carceri, um dessen eingefallenes Haus er ein Gitter
+zog und das nicht berührt werden durfte. Er schlug den Ansturm
+der Frauen zurück, hielt sie lange im Zaum. Bis er verzweifelnd,
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+in seiner Vereinsamung durchschauert sich zurückzog wie Hunderte
+seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten Europas und
+Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war
+die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen
+Verbände, der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der
+Frauen verfolgte Guistiniani nach Trabulus an der Großen Syrte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Fall Mailands im Beginn des dreiundzwanzigsten
+Jahrhunderts löste zuerst in Rom, dann in den angeschlossenen
+Zentren Südeuropas eine Bewegung aus zur Verschärfung
+der Bestimmungen für die Verbreitung von Herrschaftsmitteln
+und Kenntnissen, die die Bildung von sehr kleinen Herrenklassen
+und einer riesigen beherrschten Schicht nach sich zog. Die
+Leichen der hunderttausend Farbigen und Mischlinge in der Poebene
+waren noch nicht in der stummen Erde verwest, da begegneten
+sich vor der brausenden Nordsee bei Dünkirchen die
+Männer und Frauen der Länder und Stadtschaften, die London
+hergefordert hatte. Heimlich kamen sie an der stürmischen herbstkalten
+Küste zusammen. London wußte, was es vorhatte, die
+Delegationen wußten es auch bald. Herumgehend in den Spielhäusern,
+bei Segelfahrten, in Dünenwanderungen, Lagerungen
+in Picknickzelten kamen sie zu den Resultaten, die sie nicht den
+Ferntönern anvertrauten. Alle waren in kurzer Zeit von dem
+furchtbaren Ernst ergriffen, den die Haltung Londons und Neuyorks
+ausströmte. London pessimistisch wie immer, sah das Ende
+der westlichen Welt voraus.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer und Frauen dieser Regierung, die sich hier fordernd
+bewegten, trugen die Zeichen einer sehr westlichen Einwanderung.
+Nord- und südamerikanische Indianerstämme hatten
+sich im vorletzten Jahrhundert bei dem rapiden Nachlaß der
+weißen Fruchtbarkeit über Kanada und Brasilien ausgedehnt.
+Als arbeitende Hilfsvölker traten sie vornehmlich bei der angelsächsischen
+Durchdringung Südamerikas in die Dienste Londons,
+wogten dann zum Teil nach dem westlichen europäischen Kontinent,
+zum Teil nach Schottland. Eigentümliche dünne schwarze
+Bärte, nach vorn stehende runde Backenknochen sahen die
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+südlichen Europäer bei den Herren aus London, straffe Gestalten,
+die einen trüben schwarzen Blick warfen und an Menschen, mit
+denen sie redeten, vorbeisahen. Sie sprachen mit sanften hohen
+Stimmen, ihre Sprache spanisch verwelscht. Sie gaben, die die
+Erben der Weltbeherrscher waren, zu erkennen, daß sie nicht
+beabsichtigten, die Fähigkeit der Nationen und Landschaften
+durchzuprüfen; verlangten Aufschluß darüber, was man getan
+hätte, um seine Nachbarn und das Reich nicht zu schädigen.
+Als im Laufe der Besprechungen am Dünkircher Strand Guistiniani
+auftauchte, kam es zu der heftigsten Auseinandersetzung
+zwischen ihm und der Londoner Gruppe. Wie Mailand und die
+südlichen Städte, die eben erst gerettet seien, es wagen könnten,
+einen Mann wie diesen aus den unfähigsten Kreisen Mailands
+herzuschicken. Guistiniani hielt sie mit scharfen Worten nieder.
+Sie erkannten seine Gefährlichkeit, lernten den Mann bald
+genauer kennen. Die Londoner Herren gaben ihren weiblichen
+Kameraden nicht nach, die von Mailänder Freundinnen angestachelt,
+die Beseitigung des geschmeidigen und eisigen Mannes
+verlangten. Der Mensch aber war es selbst, der hier Carceris
+Plan der Sklaverei vortrug. Der Plan war unwiderstehlich.
+Er schlug bei London augenblicklich ein. Die Kommissionen
+machten sich den Plan rasch zueigen.
+</p>
+
+<p>
+Die Dünkircher Begegnung, für das Geschick des westlichen
+Völkerkreises von entscheidender Bedeutung, endete nach zwei
+Wochen mit dem Anspruch der erschienenen Kommissare an ihre
+Regierungen Senate und tatsächlichen Machthaber, die vorhandene
+Zivilisation mit allen erdenklichen Mitteln und um
+jeden Preis zu verteidigen. Sie stellten die Gefährlichkeit des
+Erliegens irgendeiner örtlichen Machtgruppe, sei sie Nation oder
+Stadtschaft, fest. Folgerten daraus das Recht der Nachbarstaaten
+und weiter der London-Neuyorker Zentralgewalt, die
+überall bereitgestellten Verteidigungsmittel und Maßnahmen
+nachzuprüfen. Die Londoner langbärtigen Herren erklärten,
+im Interesse der Gesamtheit gezwungen zu sein, zu der aufgegebenen
+Einrichtung der örtlichen Kommission und Beobachtungsposten
+zurückzukehren. Die einzelnen Machtgruppen
+möchten dies nicht auffassen als ein Bestreben Londons seine
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+Gewalt zu erweitern, sondern als Sicherheitsmaßnahme im
+Interesse aller. Man hatte damit das, was man in langen Jahrzehnten,
+ja in mehr als einem Jahrhundert abgeschüttelt hatte,
+wieder. Man konnte nicht widersprechen, denn der schwere
+Ernst Englands schien berechtigt; eine Möglichkeit der Durchführung
+der kommenden Maßnahmen ohne Zusammenschluß
+war nicht gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Von Dünkirchen strömte auf Europa Afrika Amerika der Geist
+der Helotenwirtschaft. Die Delegationen und Senate hatten sich
+verpflichtet in ihren Ländern Staaten Stadtschaften Wissenschaft
+Technik und alle denklichen konkreten Kenntnisse abzuriegeln. Die
+Vernachlässigung dieser Verpflichtung war mit dem Verlust der
+Selbständigkeit für das Staatswesen verbunden. In allen
+Zentren galt es nach Dünkirchen geheimste Pläne auszuarbeiten
+zur Feststellung der wichtigsten Dinge, betreffend Krafterzeugung
+Lebensmittel Beförderung Angriffs- und Abwehrwaffen,
+Feststellung der nötigen Zahl von Personen an den arbeitenden
+und ausführenden Stellen und an den zusammenfassenden.
+Unter Verzicht auf allzu stürmischen Fortschritt, ja bei voller
+Klarheit über eine mögliche Stagnation wurde die Zahl der
+Personen gefunden, ihre Herkunft war auf einen Kreis beschränkt.
+Die Senate bezeichneten die zuverlässigen Familien.
+Überall waren Machthaber ihnen zu entnehmen. Bei der
+Strenge des anfänglichen Vorgehens taten sich in den meisten
+Staatskörpern sehr kleine Gruppen zusammen, die in Fühlung
+mit den Londoner Beobachtungsposten eine Art Wohlfahrtsausschuß
+bildeten und dauernd das öffentliche Leben und die
+herrschenden Familien kontrollierten.
+</p>
+
+<p>
+Dies alles geschah geheim und niemand im Volk bemerkte
+sogleich etwas. Man übte in der Tat nur gesteigert streng die
+alte Methode. Den Fragenden wurde die mit Beispielen zu
+belegende Gefährlichkeit der Situation vorgehalten. Aufdrängende
+wurden hingehalten abgeschoben. London Berlin Paris
+Mailand Marseille Neuyork sah einen neuen Adel, der sich um
+die furchtbaren technischen Einrichtungen gruppierte.
+</p>
+
+<p>
+Diese Männer und Frauen waren die eigentlichen Machthaber
+der westlichen Erde, waren mißtrauisch unter sich, immer
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+gejagt, Vergnügungen verachtend, durchweg einsam. Keiner
+von ihnen ging ohne die leichten Waffen, die sie nur für sich
+reservierten. Sie erschienen überall überraschend. Der Wohlfahrtsausschuß
+der Einzelstaaten, die Beobachter, waren wie sie
+ausgestattet, mit Lampen, deren Licht durch einen Spiegel-
+und Blendmechanismus so reflektiert wurde, daß die Menschen
+faktisch unsichtbar waren. Sie waren wie eine Wand, die man
+mit Spiegeln bekleidet; man glaubte in sie hineingehen zu
+können. So konnten sie scheinbar durchsichtig auf offenen Straßen,
+oft auch in Häusern sich bewegen. Sie ritten fuhren flogen
+ungesehen. In den Massen ging das Gerücht von ihnen. Denn
+sie beseitigten ungewünschte oder gefährliche Personen, die eine
+Zusammenkunft verließen, ebenso wunderbar wie sie selbst erschienen.
+Die Toten waren nicht auffindbar, wie man die Lebenden
+auf ihrem Wege nicht hatte verschwinden sehen. Es trat
+vielleicht ein Mann, ein junges Weib an einen Baum, ging um
+eine Häuserecke, bückte sich, faßte sich an die Brust, griff nach
+seinem Rücken, machte einige sonderbare Bewegungen, als ob
+etwas juckte oder kniffe, und war weg. Nichts war an der Stelle,
+als ein stärkeres Blitzen des Sonnenlichts, ein Staub wie von
+einem Windstoß. Öfter wurden ähnliche Vorgänge beobachtet,
+man munkelte davon, Gerichte befaßten sich damit, Aufklärung
+erfolgte nie, da die Verschwundenen nie gefunden wurden. Die
+Klagesteller hatten schon Recht mit ihrer Behauptung, die Verschwundenen
+seien beseitigt oder gut verborgen worden. Sie
+wurden noch in dem Spiegelkleid, das über sie geworfen war
+und in dessen Mantel sie neben dem Entführer und der Entführerin
+gingen, gezerrt und rasch gelähmt, an die geheimen
+Stellen der Laboratorien getragen, wo sie nicht einmal den
+Blitz sahen, der aus der Wand, an die man sie mit dem irr
+lächelnden Gesicht lehnte, fuhr. Zusammensinkend, weiche Massen,
+lohten sie auf dem sprühenden Boden. Dessen Funken nicht
+aufhörten, bis weiße Asche wie Flugsand auf ihm tanzte.
+</p>
+
+<p>
+Früh sahen die Machthaber die Gefährlichkeit ihrer Waffen
+für sich selbst ein. Suchten über das Mißtrauen, das sie gegeneinander
+hegten, hinwegzukommen. Niemand konnte wissen,
+wohin den einen Eifersucht plötzlicher Zorn Erbitterung treiben
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+konnte. Man sah sich und den andern seinen Trieben wehrlos
+ausgesetzt wie einen Träumer seinen Einfällen. Wie sie oft
+finster vor Wäldern standen, auf einem Balkon die hellbestrahlten
+Wipfel der Bäume betrachteten; diese tiefgrünen Nadelhölzer,
+die in riesige schweigsame Höhe ihre gelbbraunen Zapfen
+streckten, ruhig hinwuchsen: und der Mensch in sich wühlt, bewegt
+sich, wühlt.
+</p>
+
+<p>
+Furchtbar wurden Annäherungsversuche unter ihnen erschwert
+durch das Zusammendrängen der Frauen zueinander,
+durch den nicht nachlassenden Kampf der Frauen um die Vorherrschaft.
+Die Männer der Staatskörper, die Überwachungsausschüsse
+konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihres Lebens nicht
+sicher waren. Es war nicht ruchbar geworden, was die Mailänder
+Frauen bei der großen Farbigenrevolte den Fremden
+vorgeschlagen hatten; es war aber klar, daß überall verräterische
+Gedanken bei den Weibern umliefen. Keine Möglichkeit bestand,
+die Frauen aus den Senaten auszuschließen, ja die Männer
+dachten nicht daran. Kraftvoll sicher zäh waren die Frauen,
+ihre Stärke ihr Wille Geist waren unentbehrlich. Bei zahllosen
+Männern dieser Periode bestand schon voll die Neigung vor den
+Weibern den Rückzug anzutreten. Aus den mächtigsten Familien
+zogen sich Männer von Ämtern und wichtigen Dienststellen zurück,
+um nicht mit Frauen zusammenzustoßen. Die Überwachungsausschüsse
+waren der gefährlichste Ort; hier durfte
+man einer Auseinandersetzung nicht ausweichen. Man machte
+offen einen Burgfrieden. Im geheimen blieben beide Parteien
+auf der Hut, sannen darauf sich Waffen zu reservieren.
+</p>
+
+<p>
+Das drei- und vierundzwanzigste Jahrhundert brachte die
+große Veränderung Afrikas: den ostwestlichen breiten Durchstich
+der Küste südlich der Kanarischen Inseln in der Linie Cap
+Blanco und Bojador, die Wasserüberflutung der tiefliegenden
+Wüsten von Igidi Tamesruft Afelele bis zum Westrand des
+Tümmogebirges. Der schwere afrikanische Kontinent wurde
+aufgelockert und getrennt durch das Saharische Meer.
+</p>
+
+<p>
+Schon waren die Weltmächte auf zwei reduziert, die Londoner
+und die indisch-japanisch-chinesische. Die Stadtschaften
+waren Wesen geworden, durch die die Sonne scheint; an dem
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Boden liegt das Licht überall um sie, aber sie haben nicht aufgehört
+zu sein. Wie die Stadtschaften sich ausdehnten, erhöhte
+sich überall der nationale Glanz. Prunkhaft erhöhte er sich unter
+dem abgestorbenen absterbenden politischen Leben. Die Mächte
+der Landschaften und Staatskörper wandten überall dieselbe
+Methode an, zu der sie getrieben wurden durch den Drang sich
+zu behaupten und die Apparate, um die sie sich gruppierten:
+die Methode des Erregens Sättigens Mästens Überfütterns.
+Die Fette nach der Kastration, die Gespreiztheit Sanftmut
+Huld und Süße der Eunuchen stellte sich ein, der fratzenhafte
+ohnmächtige Impuls. Man schonte die Eigenliebe der Massen.
+Die Überwachungsausschüsse gingen geheimnisvoll durch die
+Völker, aber schon aßen die strengen herrscherischen Familien
+selbst von dem Gift, das sie auslegten. Die Fülle der Erfindungen
+ließ nach, man lebte vom Überkommenen, ordnete unter
+sich zukommende Rechte Aufgaben. Und am raschesten entarteten
+die Frauen. Gigantische Figuren gab es um diese Zeit
+unter ihnen, großartig in Wollust und Herrschsucht. Was früher
+in phantastischer Weise aufkommende Negerschläge leisteten,
+wurde jetzt ihr Werk: Staaten der willigen kapaunenhaften
+Menschen zusammenschließen, rasch und hitzig sie aufbauen, sich
+in Glorie wiegen, um früher oder später von einer Kleinigkeit,
+etwas Übersehenem sehr Sichtbarem, von einem Nachbarstaat
+oder von London beseitigt zu werden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> ungeheuer hat Melise von Bordeaux gewütet. Das
+Weib, in dessen Adern Nigritierblut floß, gemischt mit dem der
+italienischen und westfranzösischen Landschaft, übersprang alle
+Abkommen, die ihre marklose kindische Umgebung unter sich
+schloß. Sie beobachtete, wie man sich Genüssen überantwortete,
+dabei weich und weicher wurde und zog eine Gruppe Menschen
+um sich zusammen. Sie war von wildester sinnlicher Leidenschaft,
+zugleich kalt und abstoßend, selber leidend. Wie eine
+Riesenschlange umfaßte sie ihre Liebhaber und Liebhaberinnen,
+zerknirschte sie gesättigt, ließ sie geängstigt liegen. Man wußte
+nie, womit es ihr ernst war, die kraushaarige dicklippige mit dem
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+glänzenden schwarzen Blick, die viel und heftig weinte, sich und
+ihr Schicksal beklagte. Ihr Weinen war von der Art der Betrunkenen,
+sehr tonreich und ohne Hintergrund, mit Ungnade
+und ärgerlichem Lachen endend. Sie bewog alle Familien ihrer
+Stadtschaften die wichtigsten Waffen und Anlagen ihr und ihrem
+Anhang zu übergeben. Sie legte eine Zahl Anlagen nieder, weil
+sie nicht wußte, wie sie sich ihrer bedienen sollte und hielt sie
+daher für überflüssig. Sie unterschied bald eine Reihe Landschaften
+mit ihrer Herrschaft überziehend, Lieblingslandschaften
+und Dienerlandschaften. In die Dienerlandschaften legte sie
+die ernährenden und unterhaltswichtigen Einrichtungen; ihre
+Residenzen machte sie zu Leitern und Genießern dieser Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Sie und ihre Umgebung nahmen großartige Manieren an.
+Sie spielten sich offen als Herrscher und Könige auf, erschienen,
+Erstaunen und Wut auskostend, mit kostbarem Gefolge und
+strahlend in den gemeinsamen Versammlungen der westlichen
+Stadtschaften. Wut erregten sie, aber auch ansteckend wirkten
+sie. Und sie waren, Melise von Bordeaux, die schwerlockige adlernasige
+gelbbraune Frau, und ihr Anhang der Anstoß zur Zertrümmerung
+vieler Herrschaftsgruppen, für gefährliche Umwälzungen
+in mitteleuropäischen Landschaften, die zwar den
+Willen zu ähnlichem Glanz und wilder Glorie hatten, aber nicht
+die Verteilung von Kraft dort und Schwäche hier. Es ging in
+diesen mitteleuropäischen Stadtschaften, wo ein Kapaun wild
+werden wollte oder eine Henne sich für einen Pfau ausgab,
+hart auf hart. Mit heimlichen Tötungen, tückischer Gewalttätigkeit
+zermürbten sich die Herrschaftskreise; gewaltsam mußte
+die Ordnung wiederhergestellt werden. Bisweilen tat dies
+London. London hatte immer die Gefahr der Massenrevolte
+vor Augen. Es ließ eine Weile das Spiel gehen, dann stieß es
+wie ein Geier auf die Streitenden nieder, zwang sie stille zu
+halten. Ja es kam im Herzen von Mitteleuropa, wo man nicht
+zur Ruhe kommen konnte, zum Zugriff von London: vor dem
+Ausbruch des Uralischen Krieges hatten sechs machtvolle Stadtlandschaften
+Mitteleuropas, darunter München und Preßburg,
+ihre Selbständigkeit verloren und duldeten das Dominat englischer
+Familien.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Melise war in Bordeaux Toulouse königinartig Alleinherrscherin,
+ließ sich eine Kathedrale an der Garonne südöstlich
+Bordeaux’ in der freien Landschaft anlegen, wo sie betete und
+sich verehren ließ. Denn es war nicht ganz klar, was sie und der
+Priester tat, den sie feierlich eingesetzt hatte, wenn sie sich neben
+dem Priester auf dem Altarraum hinsetzte, den Blick geradeaus
+schweifen ließ, die schwerberingten Hände nebeneinander, die
+fleischquellenden Arme bis zur Schulter bloß, Goldbrokat und
+elfenbeinernen Tierbehang vor der mächtigen langsam atmenden
+Brust. Sie war, wie ihr die süd- und ostfranzösischen
+Stadtschaften zufielen, niemals so vermessen, von selbst die
+Hand nach mehr auszustrecken. Erwies sich auch immer unterwürfig,
+ja kriecherisch gegen London. Ihre Macht verlockte sie
+nie, mit den Frauenbünden, die so üppig vegetierten, zu paktieren;
+sie liebte Frauen so wenig wie Männer und man konnte
+sie nicht auf diesen Boden herabziehen. Glorie und Unterwerfung
+war ihr Verlangen; darin konnte man ihr nicht genug
+tun. Sie tötete und entmannte Dutzende Männer, von denen
+sie annahm, sie wären ihr untreu. Zugleich getötet und geschlechtsunfähig
+gemacht wurden Frauen, die mit diesen Männern
+verdächtigt wurden. Sie schwankte einige Zeit in ihrer
+Stellung zu den Frauen hin und her; es schien als ob sie den
+Frauen in ihrer Eifersucht und Stolz feindlich werden würde.
+Da wurde diese Königin gebrochen durch ein Weib, ein Mädchen
+ihrer Sippe, die ihre Tochter sein konnte.
+</p>
+
+<p>
+Das weißgelbe liebliche Persönchen wurde nach der Beseitigung
+ihres Liebhabers vor Melise gebracht. Melise trank
+viel. In ihrem heulenden Elend hielt sie die weiche Person bei
+sich fest, die verschüchtert stille hielt. Melise schlug mit ihrer
+stählernen Kopfbürste auf sie ein, auf die Arme, die jenen Mann
+umschlungen hatten, auf die Backen, die sie sich hatte küssen
+lassen, auf die Lippen, die sie mit den Fingern anzog, die sie
+mit der scharfen Bürste rasch klöppelte. Das Mädchen hielt
+weinend inne, kreischte, bat immer um Verzeihung und um
+Gnade. Sie hatte ja in der Tat nicht gewußt, wer der Mann
+war, der sie genommen hatte. Er hatte sie genommen, denn sie
+wollte von Männern nichts wissen. Melise, die Fäuste mit der
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+Bürste und einer langen Nadel in die breiten Hüften stemmend,
+stand speichelnd, rot- und dickgesichtig vor dem über den Teppich
+gekrümmten halbnackten Mädchen, dem sie die Kleider abgerissen
+hatte, um zu sehen was an ihr war. Das blutende verängstigte
+Wesen, dem die Tränen schmierig auf den Teppich liefen über
+die zerstichelten Backen und aus der Nase mit den Blutstropfen,
+blickte hilflos und jammernd, speiend und sich verschluckend, am
+Teppich sich abtrocknend und hingewunden zu der rasselnden
+gewaltigen Frau auf. Plötzlich wurde diese Frau unter einem
+Blicke von dem Gefühl des Abscheus vor sich selbst getroffen.
+Sie nahm die Fäuste aus den Weichen, besah sich Bürste und
+Nadel, legte sie nachsinnend langsam auf einen Tisch. Seitlich
+blickte sie zu dem Mädchen herunter, das ihr aufmerksam, stärker
+verängstigt mit den Blicken folgte. Das Wesen, fühlte Melise,
+konnte für nichts, sie war nicht schuldig; der Mann hatte sie genommen,
+der Mann tat mit dem dummen Wesen, wie früher
+immer Männer mit Frauen taten. Der Mann schweifte herum,
+nahm die, morgen die, ein verfluchtes Geschöpf. Melise dachte
+keinen Augenblick an sich. Grollend kniff sie die Augen zu, schlug
+ein paarmal mit der Bürste auf das Mädchen ein, zog sie dann,
+die sich sträubte und zappelte, und stach sie mit der langen Nadel
+durch den Handteller, die Hand des Mädchens zwischen ihre
+Knie klemmend. Die Nadel ging durch die Hand der kreischenden
+wühlenden augenaufreißenden Person, ging in Melises Knie,
+die den Schmerz sich zusammenkrampfend einsog und wie das
+Mädchen stöhnte aus offenem Mund mit zurückgebogenem Hals.
+Die Nadel hervorziehend wegwerfend sank sie auf den Teppich,
+stöhnte. Nach dem jungen wegschnellenden Wesen hangelte sie
+ins Leere mit den Armen, schlüpfte ihr dann, sich am Boden
+hinziehend nach, drückte den zurückzuckenden Kopf, den sie an
+den Haaren erfaßte, unter ihren auf den nassen Teppich, heulte,
+ahmte das Wimmern des Mädchens nach. „Komm“ seufzte
+Melise „du bist mein. Es geschieht dir nichts. Sie sollen uns
+nichts tun. Es soll uns niemand etwas tun. Dir nicht und mir
+nicht. Es soll keiner etwas wagen. Oh tut das weh. Ich bin es
+satt. Hab ich dir weh getan. Bleib hier. Bleib bei mir.“ Und
+das zerschlagene gepeinigte Mädchen mußte das aufgelöste
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+stöhnende bettelnde Weib hochziehen, sie an einen Sessel führen,
+wo Melise hinsank, sie an sich zog, auf die Knie an den Leib zog,
+das Gesicht an den zerstochenen kleinen Brüsten rieb: „Oh.
+Was ist das für ein Leben. Solche Mörder haben wir um uns.
+Wenn ich die Mörder beseitigen könnte. Sei mir nicht böse.
+Bist du mir böse, seid ihr mir böse, schlimme Lippen, armes
+Händchen. Heilt alles. Wir werden Rache nehmen.“ Und
+das Kind schlang einen Arm um die Frau. Die Frau fühlte
+eine Zärtlichkeit, die sie erstaunen machte, eine wohltuende erweichende
+Zärtlichkeit unter dem lächelnden Blick aus diesem
+zerschrammten hochgequollenen Gesicht über sich heraufziehen.
+Ein Kind, fühlte sie, das ist ein Kind. Was bin ich auch für ein
+Kind. Blieb das Gesicht andrückend an den Quell der aufsteigenden
+Zärtlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Diese mißlungene Tötung besiegelte Melises Schicksal. Sie
+wurde jähzorniger herausfordernder als je. Hatte kein Gleichgewicht
+mehr zwischen Männern und Frauen. Unverändert
+lehnte sie die Lockungen der Frauenbünde finster ab; Männer
+mochte sie nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte die Laune sich aus einem dunklen Grunde Persephone
+zu nennen. Dies geschah lange Zeit bevor irgendeiner
+und auch sie wußte, was sie damit meinte. Persephone war sie,
+die Königin des Totenreichs, die ein schlimmes totes und todwürdiges
+Wesen von der Erde geraubt hatte und in die Finsternis
+zog. Sie wollte Persephone sein. Ihre Totengerichte in
+der Kathedrale bei Toulouse wurden berüchtigt. Die Priester
+waren erschreckt und konnten nicht mitmachen. Melise lachte,
+versteckte Frauen in die Priesterkleider, die mußten neben ihr
+stehen; aber doch konnte sie immer einige und gerade die mächtigsten
+der Priester neben sich sehen, die sich vor ihr fürchteten
+und die sie im Zaume hielt. Sie ließ Bauern Arbeiter auf der
+Straße in den Häusern auf den Äckern aufgreifen. Verlangte,
+violett und schwarz am Altar thronend, bunt geschminkt, blutrot
+grell beide dicke Lippen, blau umrandet die Augen, von
+ihnen Rechenschaft. Sie hatte wie ein mittelalterlicher Fürst
+eine gefürchtete Garde von Bewaffneten um sich. Die trugen
+Kappen und Masken, Stiefelschäfte bis an den Leib, waren
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Männer und Frauen. Tornister trugen sie auf dem Rücken,
+lanzenartige drahtumwickelte Stäbe in den Händen, standen an
+den Wänden und schienen keine Menschen zu sein. Die Königin
+hörte an, wer vor sie gebracht wurde. Wer sprach, mußte
+erzählen von sich, was er wußte. Darauf wurde er entkleidet
+und mußte weiter sprechen. Persephone besah und hörte die
+Menschen, Männer Frauen Mädchen Jünglinge, die vor sie
+gebracht wurden, von Schreck und Wut ergriffen waren, weinten,
+um Gnade flehten. Sie sagte: sie sei Persephone, die Königin
+der Unterwelt. Ob sie das Zepter in ihrer Hand nicht
+erkennten, ob sie nicht wüßten, daß man rasch erscheinen und da
+sein müsse, und daß zwischen jetzt und jetzt, Tod und Leben,
+Acker und Tod, Straße und Tod nur eine Sekunde liege. Die
+Sekunde sei übersprungen im Augenblick, wo sie die Kathedrale
+betreten hätten. Sie hätten ihre Arbeit zu lassen; die ginge
+weiter auch ohne sie; die sei ihre Hände nicht wert. Jetzt sei die
+Stunde für sie, die Königin Persephone, da. Ihr müßten gezeigt
+werden die Glieder, die Stimme, die Bewegungen; ob sie
+noch das Recht hätten zu leben oder herunterkommen müßten.
+Sie schrie, sich vom Sitz erhebend, das Zepter schwenkend, finster:
+„Es ist vorbei. Die Häuser Straßen Maschinen Äcker
+haben genug von Euch. Ihr habt ihnen genug gegeben. Jetzt
+ist meine Stunde.“ Aber wie sie sich setzte anhörte sah prüfte,
+nahm sie mit sich, was ihr behagte. Sie nahm aus ihrem schwarzen
+hochgetriebenen Haar die langen Nadeln, die zu beiden
+Seiten drin staken. Die warf sie zur Seite vor dem violetten
+Priesterwesen. Und vor wen die Nadel gefallen war, der wurde
+die Stufen hinaufgezogen vor sie.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die starken Männer, die schönen schlanken weißen,
+Gatten und braune Jünglinge, üppige strotzende Mädchen und
+Frauen, die sie zu sich nahm und von der Erde verbannte. War
+eine tiefe Seligkeit, die Melise empfand, ihr Zepter zur Seite
+der Priesterin gebend, wenn sie den Mann, das Weib empfing,
+umarmte. Wie es sich wand, warm weich; sie wußten
+nicht, waren sie begnadigt oder verurteilt. Aber sie waren begnadigt.
+Die Königin zog sie an sich, war aufgestanden. Drückte
+die Gesichter an ihre Arme, die offenen schweren Brüste. Ihre
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+Hände glitten an den Gesichtern Schultern Leib Schenkeln entlang.
+Sie berührte liebkosend die Heimlichkeiten der Leiber.
+Die Priester und Priesterinnen hingefallen auf die Knie sangen
+abgewandt Lieder. In dem Menschen, den sie umschlang, entstand
+eine sanfte Verwirrung. Träumend wild griff das an den
+Hals, der sich ihm bot, wühlte sich gegen den festlich grausigen
+Kopf, die starken Schultern. Da war sein Schicksal da. Der
+Kopf, der eben noch nach dem Mund Melisens gesucht hatte,
+bog sich leicht stöhnend beiseite. Der nackte Leib wogte hin und
+her, wie auf der Suche nach einer Bewegung, die er nicht fand.
+Während Persephone sich in ihren Stuhl fallen ließ, trunkene
+Augen, das Gesicht in schluchzender Verzückung, unter der
+düsteren und wimmernden Musik, die wellenartig aufquoll und
+toste, rollte von ihr der Mensch ab, der einer gewesen war und
+den sie jetzt beherrschte, in sich trug. Ein Leib in sie eingegangen,
+hergerissen von den Äckern, der Erde.
+</p>
+
+<p>
+Melise quoll auf von Wesen, die sie in sich aufgenommen hatte.
+Nicht mehr Persephone war sie, sondern Hades, die Unterwelt
+selbst. Ihr Gebiet, von Bordeaux bis über Toulouse reichend,
+hatte noch Bestand und England unterstützte die wachsende
+Kraft dieses Staates, als sie übersättigt ungesättigt hinschmolz.
+Die zarte kindliche feine, die sie zuerst gepeinigt hatte, die
+weiche Betise war die letzte, die sich ihr zu opfern hatte. Und
+die sich der Königin lange hingegeben hätte, wenn Melise, die
+wilde rastlose, sie gewollt hätte. Melise spielte mit ihr, schützte
+sie, ging um sie herum. Betise durfte auf keinem ihrer Züge
+zugegen sein, saß in einem schloßartigen Haus bei Bordeaux,
+bewacht von Frauen der Königin. Lange Monate suchte die
+Königin sie nicht auf. Auf abwesende liebevoll zerstreute halbstumme
+Stunden kam sie dann. Das zarte Wesen wußte, wenn
+Melise kopfsenkend verträumt vor ihr stand, daß sie nicht sprechen
+fragen durfte. Obwohl sie sie anbetete.
+</p>
+
+<p>
+Die Königin trat bei Betise ein, die auf einem Kissenbündel
+am Boden lag, schlafend von der Sonne bestrahlt wurde. Erst
+wie die mächtige stark ausschreitende Frau an die Kissen stieß,
+fuhr Betise hoch. Kicherte reckte sich süß, hielt inne erstarrend.
+Daß die Frau, ein brauner fast nackter Leib, von Blutströmen
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+Blutkrusten bedeckt war. Die Arme voll Blut, die Finger von
+schwarzer Borke überzogen, Brüste und Schenkel überrieselt,
+die Augen ausgegossen leer; trübe das Gesicht. Persephone sah
+das Kind an, verzog das Gesicht. Greinte, während sie dastand,
+die Hände schlaff an ihr herunterhingen, die Finger zuckten zitterten.
+Mit Blut von den Menschen, die sie umfaßte, berieselt.
+Unauslöschlich in ihr der Drang mehr zu tun; sie war in tiefe
+Verzweiflung gesunken, hatte schon Priesterinnen neben sich zu
+Göttinnen erhoben. „Man muß die Erde entvölkern“ sagte sie;
+griff die Priesterinnen, die Göttinnen, die schrien, sich wehrten,
+nahm sie selbst zu sich. Da stand sie stöhnend vor Betise, die sie
+nie gesehen hatte, ließ sich, während das Kind aufsprang, auf
+die warmen duftatmenden Kissen. „Ich werde dich abwaschen“,
+streichelte Betise, hinter ihr knieend, ihre Haare. „Warum willst
+du mich abwaschen. Siehst du mich. Ich bin Persephone“, sie
+zerbiß die Kissen, „ich bin nicht Melise. Nicht Melise.“ „Du bist
+Melise. Melise, du bist es. Ich werde dich abwaschen.“ „Nicht.
+Du wirst es nicht tun. Laß es.“ „Weg soll es. Ich will dir doch
+zeigen, Melise, ma douce Melise, Melise, ma pauvre fille, – wie
+süß, daß du zu mir kommst –, ich will dir zeigen, was du unter
+dem Blut hast. Was sich da versteckt hat. Sieh den Schwamm.
+Es ist nur ein Schwamm. Es ist Wasser daran. Paß auf, du
+Schöne, was die alles machen können, der gelbe Schwamm, das
+weiße Wasser. Das nehmen wir alles herunter, das Rote das
+Schwarze das Schmierige das Borkige. Das gehört nicht zu
+meiner dunklen schönen Königin. Sieh, was eine Königin für
+eine blanke glatte Haut hat, da kommt sie schon hervor, braun,
+wie meine, nein, noch dunkler. Sie hat nur gewartet. Wie das
+spiegelt in der Nässe, ei. Lieg nur ruhig. Alles nehme ich dir
+weg. Du brauchst kein Glied bewegen.“ „Betise, du dumme,
+weißt du, was hier liegt? Hast du von dem gehört.“ „Ja. Aber
+lieg still. Ich habe von dem gehört. Daß du die schönste braune
+Haut hast, die besser als meine ist. Daß du meine Königin bist
+und – Späße machst wie du darfst. Komm, tu die Füße voneinander.
+Bis über die Knie ist es dir gelaufen. Sie haben dich
+eingewickelt, damit man dich nicht sehen kann. War das so schön,
+Melise?“ „Solange, oh solange ich es fühle, Betise. Solange
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+ich das Lebendige der Menschen umfasse, ist es schön. Solange
+mich das Blut berieselt, ist es schön.“ „Und mein Wasser?
+Schön?“ „Dein Wasser, dein Wasser“, Melise richtete sich müde
+auf, „bin ich jetzt fertig?“ „Dein Gürtel ist noch ganz schmierig.
+Und jetzt nehm’ ich dir auch deinen Gürtel ab.“ „Das tust du
+nicht.“ „Warum nicht. Schämst du dich vor mir. Bin ich nicht
+eine Frau. Jetzt bist du ganz sauber. Ich trockne dich ab. Eins
+nach dem andern, Betise.“ Betise lachte: „Zu dir hab ich Betise
+jetzt gesagt. Ja jetzt sag ich zu dir Betise.“ „Und du wirst Melise.“
+„Ja, ich bin selber <span class="antiqua">ma pauvre fille</span> Melise. Ich diene,
+weißt du wem? Der armen Betise, die in einem Zimmer sitzen
+mußte, immer auf Kissen schlafen mußte, trauern und warten,
+bis einer kam, der ihr etwas erzählte. Von der großen Königin.
+Hätte sie nur gewußt, was die Königin tut. Hätte die Königin
+sie einmal mitgenommen.“ „Ach, Betise.“ Langsam hob sich
+Melise, die braune schwere Frau auf, stellte sich an die blaßblauen
+Vorhänge neben dem Fenster. Der warme Sonnenschein
+fiel auf ihre Haut. Sie hielt den haarbehangenen Kopf,
+das leere tote Gesicht abwärts, befühlte mit den Handflächen ihre
+eigenen Schultern ihre Arme die Hüften den Leib, ließ sich
+bescheinen. Zitternd nahte ihr die Zarte: „Jetzt führe ich dich
+in meinen Garten. Da sollst du unter meinen lieben Ulmen
+gehen. Sie warten schon lange auf dich.“
+</p>
+
+<p>
+Und wie sie sie um die Hüften faßte und durch die Fenstertür
+ins Freie auf den Sandweg führte, erzitterte das junge Geschöpf
+noch heftiger: „Ich schäme mich, daß ich ein Kleid neben dir
+trage.“ Und hatte, nachdem sie einen Augenblick das Gesicht in
+den Händen verborgen hatte, ganz hoch winselnd, ihr Kleid
+fallen lassen, die Strümpfe abgestreift und Melises Hüfte umfaßt:
+„Hier gehen wir; ich zeige es dir. Es ist niemand in meinem
+Garten. Die Frauen passen gut auf.“ „Wohin führst du mich,
+Betise?“ „Es ist mein Garten. Fürchte dich nicht. Die Sonne
+ist noch wärmer hier als drin. Wie waren doch unsere Voreltern
+gut daran, die im heißen Land liefen und sich nur von der Sonne
+anziehen ließen.“ Aus Melise kam nach einer Weile, als sie auf
+einer Wiese mit rotem Klee gingen und das Zittern der angeschmiegten
+Jungen nicht nachließ: „Und wer geht da neben mir.
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+Sieh da, Betise. Du hast keine Furcht vor mir?“ „Wie soll ich
+Furcht vor dir haben“, sie zog Melise, die folgte, auf das sanfte
+Grün. „Weißt du, was ich tue, weil ich, ich, Melise bin?“ „Du
+Melise?“ „Ja, ich.“ Es blitzte in den schwarzen Augen Melises;
+ihr Gesicht belebte sich: „Ja, sei nur Melise. Ich hab’ dich gern.
+Tu einmal, tu’s an mir“, sie schrie, „sei Melise.“ „Was soll ich
+tun?“ „Was du magst. Wenn dus kannst.“ Tränen stürzten
+aus dem Gesicht der Jungen: „Lieg still. Lieg still.“ Wie ein
+Blockstumpf legte sich die braune Frau um. Die Junge streichelte
+ihre Füße die Hände, um sie kriechend. Sie streifte,
+während sie das Gesicht der Frau beobachtete, einen Ring von
+Melises kleinem Finger, den Ring, mit dem Melise ihre Liebsten
+tötete. Schon hing sie an Melises Hals, küßte sie, rieb die Wangen
+an ihr: „Persephone.“ „Ich bin es nicht.“ „Seis noch einmal.
+Für mich.“ „Ich kann es nicht.“ „Noch einmal.“ „Ich
+kann nicht.“ „Ich will aber, Persephone. Ich muß zu dir.“
+„Ich kann nicht. Ich bin nicht Persephone.“ „Komm doch.
+Sieh mich an.“ Melise öffnete die Augen, ließ sich hochrichten.
+</p>
+
+<p>
+Die schwere braungelbe Frau ließ sich durch den Garten führen.
+Feistschenklig brustschaukelnd ging sie, von Betise umschlungen;
+der wilde schwarzhaarige Kopf schwankte vor der
+Brust. Sie seufzte im Gehen: „Es brennt. Die Füße brennen
+mich.“ „Die Sonne ist hier heiß. Komm zum Bach. Da ist die
+Brücke. Da willst du hin.“
+</p>
+
+<p>
+„Melise“ die zarte hellere, wie sie am Wasser unter der
+Brücke saßen, klammerte sich an die prallen Arme, die die Frau
+neben ihr hängen ließ, preßte den Kopf an ihren Hals. Die
+dämmernd stöhnte brusttief: „Was willst du also?“ Betise fuhr
+fühlend, beglückt aufbebend, mit den Händen Gesicht über den
+Leib der Königin, die sich abwesend lang umlegte. „Ich lieb
+dich. Ich lieb dich, Melise. Ich will dir nur sagen, daß ich dich
+liebe. Daß ich dich so lange, ohne Anfang und Ende lange erwartet
+habe. Und daß du da bist. Gib mir deinen Mund, sag:
+du bist meine Freundin.“ „Deine Freundin“, murmelte die andere.
+Betise: „Deine Freundin, ich bin es, du Hals du Kopf
+und Haar du nasses Haar du Brust du Arm hier und da, du
+Leib. Kommt, liebe Augen beide, ich will euch wohltun. Ihr
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+seid trübe. Ich muß weinen, schreien, wenn ich euch sehe. Geht
+nicht auf.“ Und schob, eine Hand über Melises Augen und Nase
+gelegt, an dem schweren Körper. Er regte sich nicht. Da
+kreischte sie: „Ich rolle dich, rolle dich, Melise.“ Und stach ihr
+drehend rollend die Nadel des Ringes zwischen die Rippen.
+Widerstandslos rollte der schlaffe Leib auf das Gesicht auf den
+Rücken auf das Gesicht, rutschte die graue Böschung ins Wasser
+ab. Der Kopf Melises hob sich schnappend noch im Wasser auf.
+Die andere drückte, ihr nachspringend, an ihr liegend, den Kopf
+zurück, überschrie Schmerz und Angst: „Nicht wieder aufgehen,
+Augen. Bist im Wasser. Bist im Wasser. Es ist ja gut. Ich
+singe über dir. Hör mich, Melise. Ich bin ein Hänfling. Du
+fliegst mit mir. Jetzt, jetzt, wir fliegen ganz hoch, so weit meine
+Stimme reicht. Höher. Ja, wir fliegen riesenhoch. – Süße
+Melise, ich bitte dich. Du machst mich nicht mehr weinen.
+Deine Augen gehen nicht mehr auf.“ Sie zog ihre Hand ab,
+aus dem Wasser, küßte sich die nassen Finger: „Genug, arme
+Hand. Zitterst so. Ich auch. Genug.“ Warf sich über die verschattete
+Böschung zurück, das Gesicht am Gras reibend, mit den
+Zähnen Gras mahlend: „Wir zittern allesamt. Meine süße
+Königin, ich habe dir das getan.“ Sie kauerte unter der Brücke,
+die Kniee angezogen: „Diese Brücke haben ihre Augen zuletzt
+gesehen. Ich bleibe unter der Brücke. Ich kann sie liegen sehen,
+der glatte braune Rücken, die blanken Beine. Das Wasser
+springt daran hoch. Da liegt meine süße Königin. Oh wohl
+habe ich ihr getan.“ Lange saß sie still da, manchmal ihre Finger
+betrachtend, die trockneten, sich die Haare streichend: „Sag nicht
+so. Sag nicht so. Warum soll ich mich ertränken. Ich lieb sie
+ja. Es muß einer da sein auf der Welt, der Melise liebt. Bleibe
+alles, wie es hier ist: Brücke Schatten Sonne Garten Melise.
+Bleibe alles, wie es ist.“ Die Schatten wurden tiefer, Betise
+saß noch im Gras zwischen dem Klee: „Sie werden mich greifen.
+Sie werden nach ihr suchen. Mich greifen sie nicht. Ich muß
+leben bleiben. Es muß einer leben bleiben, der Melise liebt.
+Sie sollen sie nicht töten.“
+</p>
+
+<p>
+Sie schmiegte sich unten zärtlich an den braunen kühlen
+wasserüberrieselten Leib, warf den Ring in das Wasser, huschte
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+unter der Brücke vor, über den Klee die roten Mehlprimeln und
+Enziane der Wiese. Durch die offne Fenstertür schlüpfte sie
+ein, rieb sich den Sand von den Fußsohlen. Legte sich über den
+zitternden feinen Körper die buntgestreiften Hosen, die ihr Melise
+zuletzt geschenkt hatte, das weite blaue lange Hemd, das hellgelbe
+seidene mantelartige Oberkleid. Aus einem weißen Baumwolltuch
+band sie sich um den Kopf eine Haube. Sie warf Handküsse
+um sich, in den abendlichen Garten. Und schritt ruhig aus
+dem stillen Haus, an den Haufen der Wächter Melises vorbei,
+denen sie sagte, sie ginge, weil die Königin sie schicke. Blieb
+verschwunden, obwohl Sichtbares und Unsichtbares gegen sie
+aufgeboten wurde. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-3">
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+<span class="line1">Zweites Buch.</span><br>
+<span class="line2">Der Uralische Krieg</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Massen wurden gesättigt verweichlicht. Man war auf
+der Suche nach neuen Bedürfnissen. Ließ neue Fremdenmassen
+heran, erweiterte die Stadtlandschaften. Wie die Strenge
+unter der Herrscherschicht nachließ, kam Verrat von Geheimnissen
+aus Leichtsinn Prahlerei, im Trunk vor. Häufiger zeigten sich
+wilde schreckliche und dumme schwerfällige lenksame Figuren
+unter ihnen. Weiber und Männer, in der Herrscherschicht verbündet,
+fielen sich heftiger an. Dann stürzten sie wieder zum gemeinsamen
+Schutz ihrer Hoheit und Apparate heraus.
+</p>
+
+<p>
+Die gefährlichen großen grausamen Gestalten stiegen nicht nur
+aus der Herrenschicht, sondern nun auch aus der üppigen vielformigen
+Masse.
+</p>
+
+<p>
+Es kam am Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts zu
+den ersten Verzweiflungsschlägen gegen die Maschine. Noch
+ein Jahrhundert später erzählte man von den mächtigen Taten.
+Die Richtung war von der Peripherie des Völkerkreises auf
+das Zentrum: Timbuktu gegen Rom, Sidney gegen San Franzisko,
+Nordafrika gegen Messina Palermo. In den außenliegenden
+Landschaften gedieh der Übermut und seine Reaktion
+am heftigsten. Niemals wurde wie einmal in Mailand
+der Herrscherschicht, die von London gestützt war, die Macht
+entrissen. Aber es ging gefährlich gegen die Machtmittel selbst.
+Die Bibel erzählt von den Makkabäern. Die Namen Targuniasch,
+Zuklati sind ihnen gleichzustellen. Die Europäerreste an
+der nordafrikanischen Küste, dem Zugriff der Europäer entzogen,
+offenbarten ihre Kraft. In den dudelnden verträumten
+Städten trieben sich plötzlich hetzende Menschen herum. Die
+Wut wurde aufgepeitscht. Die Apparate, die man hatte für Belustigung,
+die Gestaltenentwickler, wurden benutzt zur höhnenden
+Darstellung des Lebens der Königin Melise und anderer. Da
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+war die Kathedrale bei Bordeaux, ihre Priester und Priesterinnen,
+die Lanzen der Söldner. Die bestialischen Totengerichte spielten
+sich ab, Männer Frauen von den Straßen Äckern, aus den
+Häusern gerissen. Die stummen gewaltigen Apparate zerstören.
+Die Köpfe zerstören, aus denen sie kamen.
+</p>
+
+<p>
+Es fanden sich in den Landschaften, wie von einem Wind getroffen,
+Männer und Frauen, die gegen die Gehirne vorgingen,
+aus denen die Apparate wuchsen. In hinterlistiger Weise, durch
+Liebende Freunde Kumpane beim Trunk wurden in den gewaltigsten
+Stadtlandschaften Menschen der Herrscherschicht weggerafft.
+Der Mähende und seine Saat kam meist zugleich um:
+so wild war der Trieb die Apparate zu beseitigen, daß kein Angreifer
+an sich dachte. Oft schlummerte man unter Kokain und
+brasilianischen Giften ein, Angreifer und Angegriffene. Der
+Boden unter den Apparaten sank. Die Männer und Frauen,
+die sich so opferten, waren nicht zu zählen.
+</p>
+
+<p>
+Targuniasch und Zuklati sind die Männer gewesen, die ohne
+Macht zu besitzen, ohne Menschenmassen hinter sich, an die Senate
+ihrer Staaten geradeaus die Forderung stellten, die Maschinen
+herzugeben und sich dem Volksspruch zu unterwerfen,
+welche Apparate zu erhalten seien. Die wandernden unsichtbaren
+Überwachungsausschüsse und Kommissare konnten sie
+nicht ermitteln. Denn beide Männer sprachen zu niemand,
+waren ihrer Umgebung selbst verhüllt.
+</p>
+
+<p>
+Es kam die Zeit der schweren Erlebnisse für Antwerpen und
+Calais. Dort hielten die beiden sich auf. Eine Kraft, die man
+nicht kannte, arbeitete sich rasch in die gefährlichsten Geheimnisse
+ein. Die erschlaffte Herrscherschicht zuckte zusammen, merkte
+auf. Kein verdächtiges plötzliches Hinsterben beim Tafeln, kein
+fremder Zugriff; sie hatten Verräter unter sich. Die eintreffenden
+Kommissare Londons fanden nichts. In Antwerpen waren
+eines Tages alle Schalter der Zentralstadt zerstört, die Schutzwaffen
+der meisten Herren verschwunden. Die Stadt war wehrlos.
+Targuniasch rief zum Angriff. Die Masse hörte ihn erstaunt
+an, lärmte verlief sich. Als London erschien, war er
+untergetaucht. Targuniasch wühlte weiter. Vergebens. Die
+Oberen warfen neue Vergnügungen über die Menschen. Da
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+stand eines Tages das Triebwerk Antwerpens still. Am Abend
+lief noch nichts. Zwei Tage nicht. Der Name Targuniasch war
+auf allen Lippen. Man fand den Mann verkohlt zwischen den
+Leitungen eines Hauptkraftspenders, den er damit zerstört hatte.
+</p>
+
+<p>
+Zuklati endete ähnlich in Calais.
+</p>
+
+<p>
+Die Besorgnis der Herrscher war aufs Höchste gestiegen. Man
+saß da, wußte keinen Rat.
+</p>
+
+<p>
+Timbuktu spie Verzweifelte Attentäter auf Rom. Die zwei
+Frauen, die aufs tiefste erregend in Francisko am Großen
+Ozean erschienen, stammten aus dem kampfzerrissenen Sidney.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Umschwung erfolgte nach Jahrzehnten der Attentate und
+Repressalien durch die heraufsteigende Generation der Herrschenden.
+Die alten Köpfe, mißtrauisch traurig vergrämt unfruchtbar,
+waren schon auf Paktieren aus. Da warfen die Jungen
+sie um, setzten sich an ihren Platz. Die Jungen hatten das
+Gefühl der verlorenen verhängnisvollen Situation. Sie griffen
+ein, bundartig in den meisten Kapitalen zusammenhängend.
+Eng an die Massen schlossen sie sich an, die sie unfeindlich aufmerksam
+durchstreiften. Die Massen, gärend führungslos, nahmen
+enthusiasmiert den Wechsel hin. Erst wurden einige Stadtschaften
+von dem neuen Geist ergriffen, dann viele andere. In
+Europa vollzog sich der Bruch mit der Dünkircher Direktive in
+einer Schroffheit, die die ganze Spannung der Massen offenbarte.
+Die Überwachungsausschüsse mit ihren schrecklichen Geheimnissen
+verschwanden, die Abriegelung der Kenntnisse gab
+man preis, die Senate wurden geöffnet. Die aufrührende Kraft
+des Ereignisses war geheimnisvoll. Und dahinter fühlte man
+lockend fordernd in die Knie zwingend das Neue.
+</p>
+
+<p>
+Und das Neue kam so rasch wie die junge Generation. Begrüßt
+von den Massen bewegten sich jetzt durch die Straßen Anlagen
+Werke Regierungsgebäude blühende Männer und Frauen.
+Ritten durch die Länder, erregten durch ihr Erscheinen maßlose
+Freude. Sie waren sachverständig wie die Alten.
+</p>
+
+<p>
+Zum ersten Male seit vielen Jahrzehnten tauchten in Städten
+Frankreichs Deutschlands Italiens Fahnen auf, an Häusern
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+Flugzeugen Wagen. Wie aus dem Dunkeln stiegen diese Zeichen
+mit den Jungen auf. Die noch lebenden Alten staunten, waren
+hingerissen, fürchteten sich, warnten.
+</p>
+
+<p>
+Etwas Mächtiges war im Begriff auf dem Kontinent zu
+werden. Die Fahnen der neuen Demokratie, die in London
+Paris Calais Berlin und rasch über allen Landschaften erschienen,
+sehnsüchtig begrüßt, so daß die Frauen sich in sie
+hüllten, die öffentlichen Gebäude wie die Fabriken und Wohnhäuser
+ihre Fassaden dahinter versteckten, waren nicht von
+gleichen Farben. Oft üppige Zusammenstellungen, die an die
+alten Nationalfarben anklangen. Aber überall silbern weiße
+und goldene Sterne Sonnen und Monde. Die blühenden jungen
+Männer und Frauen der Herrscherschicht trugen die Fahnen
+über die Landschaften. Die Massen fielen der Sonne dem
+Mond den Sternen zu. Diese Sterne und der Mond blitzten
+an dem alten Himmel. Von der Erde schlugen jetzt Millionen
+Herzen heftiger bei ihrem Anblick. Dies waren keine Frühlingsträume
+Liebeslieder, was sie bewegte. Es legte ihnen nicht den
+Kopf auf die Seite, formte ihre Lippen nicht zum Seufzer,
+machte ihr Gesicht schmal, die Beine schwer. Hingezogen hinkrampfend:
+sie wußten nicht, was sie wollten. Aber aufs Innigste
+wußten sie: das waren ihre Zeichen. Die Wühlereien
+Insulte Attentate auf die Senate hörten auf. Die Menschen
+verschworen sich den Zeichen. Begehrten sich für sie zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Im Momente, wo die himmlischen Abbilder auf den Fahnen
+der Kontinente erschienen, brausten die Wasserstürze, die fern
+von den Zentren die Dynamos antrieben, heftiger siegreicher.
+Die Sonderturbinen der alleenlangen Werke sangen hoch und
+tief wie in Chören. Die Transmissionen die Drähte, rasselnd
+schnarrend, dumpf stöhnten kreischten. Etwas Lächelndes Freches
+blitzte aus den Kabelwerken den Rohrleitungen der Werkstätten.
+</p>
+
+<p>
+In die Menschen der Städte, die um diese tonnenschweren
+Untiere von Maschinen liefen, ihre Hebel und Gestänge angriffen,
+über die Gestänge sich zogen, war eine Liebe zu diesen
+eisernen Wesen gefahren. Ihr Dröhnen Schnattern Einschnappen
+tat ihnen wohl. Es labte erregte sie wie eine Liebesbegegnung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Es war nach dem Mißtrauen und Eigenbrödeln des vergangenen
+Jahrhunderts, dem Wuchern Vorsichhocken der Städte
+und Landschaften eine Verbindung hergestellt über Europa und
+bald über die großen drei Kontinente. In die Senate traten zu
+den Jungen der Herrscherschicht kraftvolle Männer und Frauen
+der fremden Massen der Völker der Versklavten. Die Massen
+waren Hände der anderen gewesen, genießende Münder gestreichelte
+gewärmte Haut. Über sie brauste der Geist so wild, daß
+sie, wie sie ihn fühlten, zu zerstörerischen Angriffen auf die getrieben
+wurden, die sie so lange davon zurückgehalten hatten. Die
+von den Alten vieler Stadtschaften befürchtete Ausrottung der
+Herrengeschlechter erfolgte an vielen Orten; das waren belanglose
+Vorgänge, die den Verlauf der Dinge nicht änderten. Die
+Menschen, die sich jetzt neu an die Apparate warfen, die Mysterien
+der Kenntnisse aufnahmen, waren heißer, als die sie ablösten.
+Kosend, in stürmischem Überschwang, glückschwellend krochen
+Männer und Frauen an die Maschinen, die jetzt ihre waren.
+Das Eisen erschien ihnen beseelt wie ihr eigenes Fleisch.
+</p>
+
+<p>
+Während ein Branden die Kontinente erfüllte, die letzten
+Alten der Herrscherschicht alles verloren gebend ins Grab sanken,
+zeigte sich eines Tages in Süddeutschland eine junge Frau
+auf den Straßen einer großen Stadtschaft. Trug ein riesiges
+Banner mit den Zeichen der Gestirne. Aber es waren nicht nur
+Sterne Sonne Mond auf dem Banner, sondern ein Feuer, das
+von den Gestirnen ausging, die wie Früchte aufgebrochen waren
+und Flammen hochwarfen. Das Banner lehnte sie auf
+einem Platz an einen Baum, sprang vor den jäh erregten Tausenden,
+die mit ihr gezogen waren in einem ausbruchsüchtigen
+Drang, auf die Granitschale des Brunnens. Das Wasser der
+Fontäne stäubte im Wind über sie, ihre Füße standen im
+Becken. Oben schwang sie, gelbes sanftes rundes Gesicht braune
+Augen, die dünnen Arme, riß sich die Brust auf: „Wie lange
+wollen wir herumgehen? Die Straßen betreten? Den Staub,
+die Steine? Wozu? Wozu sind wir da, wozu bin ich da? Wißt
+Ihrs nicht? Ich weiß es. Wir lieben das Eisen; die Kraft ist in
+uns, die Stärke, die keine Zeit hatte. Man hatte uns davon abgesperrt.
+Jetzt haben wir sie. Jetzt fühlen wir sie. Sie ist unser
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+Blut unser Leben. Es ist nicht die Erde. Was soll die Sonne
+auf unseren Fahnen, Mond Sterne. Nicht Sonne Erde Sterne.
+Wir! Wir! Wir! Wir Menschen! Die Sterne aufbrechen! Die
+Sonne aufbrechen! Wir können es! Wir haben ein Hirn im
+Kopf. Da stehen unsere Maschinen. Unser Fleisch. Ich liebe
+sie. Was ist kräftiger als sie. Was ist kräftiger als wir mit ihnen.
+Meine Seligkeit. Ich will nicht an mich halten. Kommt, Freunde
+Freundinnen, zu unserer Kraft! Zu unseren Kindern! Zu
+unserem Herz.“ Sie war mit dem Banner, geführt von ekstatischen
+Menschen zum nächsten Kraftwerk getragen worden. Ein
+Zittern befiel die Arbeiter beim Heranrauschen der Scharen.
+Durch den Riesenraum wogte das Banner, das ihnen an die
+Seele griff. Das Lied von Targuniasch, dem Befreier brauste.
+Die Frau schrie vor einem surrenden rastlosen Ungetüm: „Targuniasch,
+der Befreier. Er wollte die Werke zerstören. Wir
+wollen sie für uns erobern. Unser Blut ist bei uns. Meine Seligkeit!
+Meine Seligkeit! Wir wollen uns nicht zurückhalten
+vor ihnen. Hin! Ich muß hin!“ Und unter Aufschrei Hinsinken
+von Frauen und Männern, besinnungslosem tobsüchtigem
+Stöhnen und Kreischen stürzte sie sich von der steinernen Umfassung
+des Maschinenkörpers in seinen blitzenden wogenden
+eisenschmetternden Leib. Keinen Augenblick änderte die Maschine
+ihren Lauf, herrisch dröhnte sie in ihrer steinernen Umfassung.
+Sie wühlte in ihrem Bett, schlang den Frauenleib,
+salbte sich mit seinem gießenden hellroten Blut. Riesig überschmetterte
+sie Kreischen und Schreckensstille der Menschen. Ein
+Mann auf der Umfassung, klein geduckt, Gesicht, das nicht zeigte
+ob es lächelte oder weinte: „Hin ist hin. Was ist ein Leib für eine
+Maschine. Wieviel muß eine Maschine fressen, um ein Mensch
+zu sein. Sie muß nicht glauben, ihr genug getan zu haben.
+Das war für das Maschinchen ein Tropfen. Hört an, wenn ich
+‚hi‘ schreie, was das Maschinchen dazu sagt. Hi! Hi! Da bin
+ich nichts; sie ist lauter. Das braucht mehr als einen Menschen.
+Wer will mit auf die Reise. Gurre, gurre, gurre!“ Er lockte.
+Zu zwei, drei, vier standen sie oben, blickten von der Umfassung.
+Der verzerrte kleine schrie: „Ein Sprung.“ Sie hatten sich angefaßt,
+waren hin. Die Körper warf die Maschine im Bogen
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+über sich; es war, als spie sie sie noch mal aus, bis sie die Überkugelten
+Zurückstürzenden schluckte. Einen Moment schnurrte
+sie, als wenn sie sich innerlich riebe und zögerte; donnerschmetterte
+eisentoste weiter. Die Fahne der Frau hob am Schaft
+eine andere Frau, der die Zähne schnarrten. Sie war sehr
+groß; die Fahne hielt sie vor sich in gefalteten Händen; angstvolle
+Miene, die Knie vibrierten unter ihr; sie trat auf die Umrandung.
+„Keiner mehr heran. Laßt die Maschine ruhn. Sie
+schluckt. Für heute genug.“ So donnerwetterte die Maschine,
+daß sie flohen.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren in vielen Städten so hingenommen. Sie sprangen
+auf die Beute. Die Fahnen der jungen befreienden Männer
+und Frauen wehten über den Landschaften. Knechtend hinzwingend
+wehten sie über den Landschaften. Sie rissen die
+Blicke weg von den Äckern Straßen Fabriken. Wie ein Wurm
+schlich es hin zu den Männern und Frauen, die fühlen konnten;
+aus der Berührung der Werkzeuge, dem Blick auf die Werkfronten,
+den Reden der Menschen, den Gesten schlich es in ihre
+Arme, hob sie an die Brust, ließ sie an die eigene Brust sich
+legen, ließ die Kniee sich aneinanderdrücken, die Füße Knöchel
+sich aneinanderpressen, drückte das Kinn auf die Brust, daß sie standen
+und sich wieder frei machten sich schüttelten wild räkelten.
+</p>
+
+<p>
+Um die großen Anlagen die Werften Fabriken, um die Lager
+der Flugzeuge, neben den Schienen den wandernden Häusern
+gingen in Dunkelheit die Menschen, die farbigen heißen die
+weißen gelben, schielten, waren bezwungen, wanden sich, barmten:
+„Was sollen wir tun?“ Sie trugen die losen und engen
+Arbeitskleider. Die Ruhe hatten, hatten bauschige Jacken Überwürfe
+an sich hängen, wallende Hüte Schärpen, schleppten sie
+die Dämme und Mauern entlang. Wie sie sich duckten: „Tu
+uns nichts. Was sollen wir tun. Sag uns: was. Sprich: was.
+Her den Mund zu uns, an unsere Ohren. Wie es uns knirscht
+in der Brust; wie wir klein sind. Nein, wir sind groß. Zeig
+uns, wie wir springen sollen; wir werden springen.“ Bäumten
+sich: „Wo ist Rettung.“
+</p>
+
+<p>
+Sie litten unter dem Drang. Durcheinander von Liebe Inbrunst
+Zerstörungswut. Zerstören mußten sie die Apparate,
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+die sie liebten. An vielen Orten taten sie es. Sie taten es nicht
+gern. Sie waren nicht anders als die Männer und Frauen,
+Herren und Herrinnen, die dann in großen Schleiern und
+Schatten, sichtbar und unsichtbar hinter ihnen waren, sie beim
+Nacken ergriffen, zum Hinrichten und Vernichten fortschleppten.
+Von diesen Händen, die sie steif hielten, hingen sie herunter.
+Sie waren eins mit ihnen, lachten und wanden sich zappelten
+tobten: „Tötet uns. Was macht es aus. Es wird uns nicht
+ändern.“ Die Leiber, die sie schleppten, – die Schatten, sichtbar
+und unsichtbar hinter ihnen, – schrien: „Warum habt Ihr
+Euch an unserem Blut vergriffen. Warum an unserem Blut.
+Ihr sollt es sagen. Dies sollt Ihr sagen.“ Von denen, die an
+ihren Händen hingen, lachend zuckend: „Sar Tiglat! Iddiu!
+Ihr wollt es wissen. Was wollt Ihr von uns wissen. Wir sind
+Euch voraus. Ihr werdet uns töten. Ihr nehmt uns das Leben
+ab. Wir danken Euch.“ Man warf sie in keine Maschine, um das
+Werk nicht zu schänden. Nahm keinen Stahl, um ihn nicht zu
+beschmutzen und zu kränken. Suchte Felsen Wasser Sümpfe
+Flußlachen auf, zerwarf erstickte sie. „Oh hätte ich mehr Hände“
+schrieen die Richter. „Oh hätte ich mehr Leiber“, die Vernichteten.
+Wut und Entzücken in beiden.
+</p>
+
+<p>
+Was war mit den Männern und Frauen. Wie sie tausendmal
+kampflos nebeneinander stiegen, von Inbrunst und Verwirrung
+vor dasselbe Ziel getragen, so hielten sie sich tausendmal bei den
+Fingern, an den Daumen Knöcheln Ellbogen Schultern. Die
+Finger zogen sich weg, krampften zusammen. Die Daumen
+stellten sich auf, bohrten sich ein. Die Ellbogen spreizten sich,
+stemmten sich, zuckten wie Scharniere zusammen, schlugen wie
+Türen zusammen. Die Schultern waren nicht anders wie
+Wasser. Wie ist das Wasser. Das Wasser ist weich. Faßt man
+auf das Wasser, so weicht es aus, schwindet hin, ist nicht da,
+schlägt über die Finger und ist da und nicht weg, hat Finger
+Hände Knöchel verschlungen. Die Schultern nahmen die Hände,
+sanken wie Tasten unter den Fingern herunter, bebten auf,
+wogten tiefer, schwankten wie ein Boot rechts und links, fegten
+wie Segler zur Wasserfläche herunter. Fuhren rechts aus, links
+aus. Das war wie Schilf unter dem Wind, flatterte ab, schnellte
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+auf, schwamm in Ruhe. Spritzte wie Milch in Röhren herunter,
+drang hochgesogen empor. Die Schultern, – bis ihre Muskeln
+sich verfestigten aufsprangen sich versteinten und es hieß:
+leben oder sterben. Kein Geschlecht begehrte vom andern, es
+möchte schwächer sein. Jedes begehrte vom andern, es möchte
+stärker sein. Damit man es wilder eiserner fürchterlicher tiefer
+fassen und daran verderben könnte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> Italien begann es. Die Landschaften waren plötzlich
+erfüllt von Scharen, die sich aus den Werken Siedlungen lösten.
+Die gaben vor, der Geist der Maschinen Apparate zu sein und
+ergossen sich über die Gebiete der Städte. Es waren wilde halbverwirrte
+Scharen. Mit Maschinenrädern schwarz blau rot ihre
+Brüste bemalt, die sie offen trugen. Die knatternden Riesenbanner
+mit Sonne Mond Gestirnen über und vor ihnen. Feuer
+brach aus den Gestirnen. Oft, viel öfter aber brach es nicht aus
+ihnen, sondern stieg Feuer aus der Dunkelheit unter ihnen. Der
+feurige Schwalch schlug zum Himmel, hüllte die erblassenden
+Zeichen ein. Die Dunkelheit war nichts als eine Wolke. Manchmal
+war sie ein Kopf eine Brust der schwarze Raum zwischen
+zwei hochgehobenen Menschenhänden. Zwischen denen brunstete
+knisterte flutwogte schwoll das Feuer auf, zur Seite, leckte
+herunter. Diese Menschen waren Mordsenger. Sie zogen autonom
+hin. Man wagte ihnen, die furchtbar finster durch Deutschland
+Frankreich Italien Irland schritten, nicht zu widerstehen.
+In Amerika, an der Ostküste zerstörten sie kleine Siedlungen.
+Dann äscherten sie große Teile von Chicago Washington ein.
+Wie der Blizzard erschienen sie, wie der Heerwurm machten sie
+unter sich den Boden kahl. Stiegen über Gebirge, hielten nicht
+vor Wüsteneien. Es war kein einziger unter ihnen Mörder
+Mordbrenner Mordsenger. Immer wurden sie, was sie waren,
+wenn sie zu den wandernden getriebenen schäumenden brandenden
+Scharen stießen. Sie schmolzen zusammen mit ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Stolz trieben sie an Flüssen vorbei, die sie austrockneten
+zerrissen umlenkten. Zu nichts trugen sie schwere Apparate
+mit sich, als um Erde und Himmel anzufassen. Sie suchten
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Widerstände auf. Rasierten vor sich mit zwei drei ihrer Flammenschleuderer
+Haine und Forsten, die ihnen im Wege standen,
+stampften über die heiße kahle Landschaft. Kinder, die geboren
+wurden, warfen die Mütter widerwillig hinter sich. Diese Menschen
+erstickten an sich selbst. Denn zuletzt drangen sie auf sich
+selbst ein. Die Gewalt, die sie hatten, mußten sie auch an sich
+zeigen. Aus Massenopfern wurden Massenselbstmorde. Es
+waren Ereignisse, die in den durchschrittenen Landschaften furchtbar
+und ansteckend wirkten. Zahllose wurden in den Wirbel
+hineingezogen. Grimmig fordernd blickten die brennenden Fahnen
+auf die Gebiete herunter. Ihr Knattern klang erregender
+als Kriegsgeheul. Die Fahnen riefen die Männer und Frauen
+aus den Häusern. Sie mußten sich stellen, in Reih und Glied,
+als wenn es zum Kampf ginge. Und dann wurden sie über
+fremde Stadtschaften geworfen, zerbrachen Wälder, rissen Flüsse
+auseinander, traten sich gegenüber, Mann und Frau, um sich
+hin zu ringen, den Strick von eigener Hand um den Hals, das
+Messer in eigener Hand, den Strahl den man selbst gerichtet
+hatte, gegen die bemalte Brust, schweißige Stirn, das heißblickende
+erwartende Auge.
+</p>
+
+<p>
+Jahrelang fluteten und ebbten die Mordsenger und Scharen
+der Selbstmörder über die westlichen Landschaften. Bis aus
+ihren eigenen Massen die Gewalten entstanden, die sie vernichteten.
+Inka Stochod, ein Pole, dämmte die Welle, von
+der er selbst eine Zeit getragen war. Mit einer Handvoll Ergebener,
+kraftvoll nüchtern, dabei ekstatisch heiß wie er, tötete
+er im Ostdeutschen an einem Pfingsttage eine Anzahl der turbulentesten
+Menschen neben sich, Männer und Frauen, die schon
+übereingekommen waren, sich zu opfern. Stochod beseitigte
+sie, ehe sie es konnten. Den Scharen, die in der schlesischen und
+mährischen Landschaft in seiner Nähe waren, berichtete er das
+Geschehene, überzog sie, warf sie hin. Mit einigen weiteren
+Schlägen erstickte Stochod, Menschen und Waffen aus Berlin
+Hamburg heranziehend, die Erregung in Ost- und Mitteldeutschland.
+Schwankende Senate der südlichen deutschen Landschaften
+gewannen Kraft, gegen die Banden in ihrem Gebiet
+vorzugehen. Stochod konnte zur selben Zeit in London von
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+der Befriedung des großen mitteleuropäischen Gebiets berichten,
+wo die mit ihm erschienenen Skandinavier und Italiener
+fassungslos von dem Schreckwesen sprachen, das ihr Gebiet
+heimsuchte.
+</p>
+
+<p>
+Auf dieser Konferenz in London waren Stochod und Arsen
+Yorre aus Lyon sich gegenübergetreten. Stochod mittelalterlich
+lockenwallend, in der bunten prächtigen Tracht seiner Zeit,
+mit Pelzmütze und steiler Feder, ein schwerer immer lachender
+Mensch, der, dem furchtbaren Treiben entrissen, von Späßen
+übersprudelte, mit seinen fleischigen Händen sich selbst Beifall
+klatschend, listig aus seinen gelblichen Augen blinzelnd. Er
+umarmte Yorre, den sehnigen aus Eisen gegossenen Südfranzosen,
+der in Frankreich begonnen hatte, was Stochod schon
+beendet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Stochod sich dehnend brüllte von seinen einfachen Methoden.
+Sie standen im Nebel auf dem Balkon in der Downing
+Street. Das heraufknatternde Leben unter sich konnten sie nicht
+erkennen. Sie schwuren sich Hilfe. Stochods Geliebte und
+Mitregentin, eine junge aalglatte Polin, schwarz umrahmtes
+mit einfachen Linien gezogenes Gesicht, ließ ihre Augen blitzen,
+als sie die beiden zusammenfand. Sie sah Yorre streng an;
+als sie aber eine Weile zugehört hatte, griff sie den Franzosen
+bei den Schultern an. Er ließ sich betasten und spannte seine
+Muskeln an. Sie konnte ihre Finger nicht von seinen Armen
+lösen; er klemmte ihre Hände an seinem Brustkorb fest, daß sie
+schrie. Sie ließ sich dann von ihm umarmen und auf den Mund
+küssen, hängte sich rasch wieder an Stochods mächtige Brust,
+der ihnen strahlend zugesehen hatte, und ihren biegsamen
+schlanken Rücken unter freudigem Brüllen streichelte. Von Lyon
+aus warf Yorre in wenigen Wochen die zerstörerischen Fanatiker
+nieder. Vor Paris, wo sich die restlichen Banden eingeschlossen
+hatten, erschien er in einem märchenhaften Aufzuge.
+Er lagerte sich zehn Tage vor der Stadt. Die Fernwaffen von
+Paris konnten ihm nichts antun. Hinter ihm waren die Kenntnisse
+Londons Amerikas Deutschlands. Er ließ alle in seine
+Stellungen, die hereinwollten. In der Stadt Paris war die
+Tobsucht des Mordens und Selbstmordens nicht zum Stillstand
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+gekommen; Yorre ließ sie ohne Bewegung sich ausrasen.
+Schauernd standen seine Massen vor der Stadt, hinter deren
+machtlosen Masten und magnetischen Riegeln das Feuer brannte,
+das von den Ebenen weggetrieben war. Draußen zuckte es in
+ihnen noch. Sie spannten die Muskeln an, drängten es herunter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nter</span> dem starren großartigen Zwang der Technik und ihrer
+bestrickenden Wirkung auf die Massen kam in der Mitte des
+fünfundzwanzigsten Jahrhunderts die Wasser- und Sturmlehre
+auf. Es wurde von einigen Köpfen der Masse, – unter ihnen
+besonders der Indianerabkömmling Surrur in Edinburg, ein
+Guato von Paraguay, und der Norweger Sörensen – hingewiesen
+auf die sehr große Zweckmäßigkeit und das fast maschinelle
+Zusammenarbeiten in den Tierstaaten. Hier folge
+jedes Tier einem ganz bestimmten Arbeitsdrang, der für alle
+nützlich sei, trage Halme zusammen, zerbeiße Pilze, baue Waben.
+Dies seien Dinge, die eine Gruppe und Arbeitskategorie
+gleichmäßig nach ihrer Kraft verrichtete, unpersönlich triebmäßig
+reflexartig. Man könne nicht sagen, daß der menschliche
+Zustand der Zersplitterung dem gegenüber einen Fortschritt
+bedeute. Es sei unrecht ein Privatleben zu führen und
+Individuen zu dulden. Sie führten aus, es genüge, wenn eine
+gewisse kleine Anzahl Menschen sich dazu hergebe, bestimmte
+Sonderfunktionen auszuüben, zu denken planen Personen zu
+sein. Im übrigen sei es im Interesse der Menschheit, für die
+ungeheure Masse einen gleichmäßigen Dauerzustand herzustellen,
+ihnen das doch nie ausgelebte Eigenleben zu nehmen,
+sie vegetativ einzuebnen. So garantiere man Gleichmäßigkeit
+und Glück des Einzelwesens. Und nur so. Denn sicher könne
+weder durch Lehre noch durch private Bemühung der Einzelne
+zu einem Glück kommen oder vor Unglück bewahrt werden. Sie
+wiesen auf das Fluktuieren, das bekannte ganz ziellose Schaukeln
+der Weltgeschichte. Die Ursache für dieses Hin und Her, das
+Aufsteigen und Abstürzen großer Reiche, blühender Zentren liegt
+in der guten Absicht der Individuen und Völker, von sich aus
+etwas zu leisten. Die Massen sind aber zerspalten in Schichten
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Parteien bis herab zu Einzelpersonen; einiges gelangt zu dem,
+einiges zu dem, man versteht sich nicht, bekämpft sich, das ist
+der Keim des Untergangs. Die Einebnung zu einer Menschenmasse
+muß jeder anderen Bemühung vorangehen. Ein Soldat
+ist gesättigt, jenseits von Glück und Unglück, in seinem Dienst.
+Verläßt er Reih und Glied, geht er allein mit den Kameraden
+oder in eine Familie, so beginnt das Schwanken seine Unbrauchbarkeit
+Gefährlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Die Wasser- und Sturmlehre Sörensens und Surrurs zeigte
+auf die Einförmigkeit der Wasser- und Luftteilchen; man könne
+nur als Phantast annehmen, daß es Luftpersonen und Wasserpersonen
+gäbe. Milliarden Luft- und Wasserteilchen sind völlig
+gleichartig zusammengeschoben, bilden Luft und Wasser. Luft
+und Wasser aber sind Dinge, gewaltiger an Kraft als Staaten
+und Menschenhaufen und von unglaublicher Beständigkeit.
+Surrur, dem die Technik der Lebensmittelsynthese Außerordentliches
+zu verdanken hatte, behauptete ernsthaft und nachdrücklich
+von Edinburg aus: es bliebe den Menschen nichts weiter
+übrig als Einzeltier oder vegetative Masse zu werden. Das Einzeltier
+sei unmöglich. Bliebe nur die vegetative Masse. Damit
+sei gegeben: Aufhören der Geschichte, Sicherheit der Art Mensch.
+Er dachte das durch staatliche Züchtung, über Jahrhunderte
+fortgesetzt, durch biologische Eingriffe, besonders Ernährung
+zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Mit Lehren dieser Art wurde ausgesprochen, was sich im
+europäischen Völkerkreis schon bewegte. Es sollte sich zeigen,
+daß sie ununterdrückbar immer wieder auftauchten und einem
+tiefen Drang der gehetzten Wesen entsprachen.
+</p>
+
+<p>
+Dem aufkommenden einförmig strengen Massenideal konnten
+sich die Frauen am leichtesten unterwerfen. Damals forderte
+niemand Milde. Erbarmungsloses Sichten und Ausscheiden
+wurde als selbstverständlich angesehen. Man vernachlässigte planmäßig
+den Schutz der Schwachen. Unglückliche wurden nicht bedauert,
+sondern verachtet. Das Humanitätsgefühl, das ererbt
+war, schwand. Überall blieben am Rand der großen Menschengesellschaften,
+in den größten Städten, Organisationen zurück,
+die, von Abkömmlingen der alten Herrengeschlechter geführt, es
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+sich nicht nehmen ließen, Sieche Greise Kranke zu pflegen. Sie
+waren in vielen Landschaften, in manchen Jahrzehnten, verfemt,
+konnten sich nur unter Decknamen im tiefsten Dunkel am Leben
+erhalten. Und besonders das anströmende Volk war es, das
+diese Wohlfahrtsgesellschaften haßte, ihre Niederlassungen oft
+sturmartig vernichtete. Einzig am Glanz der Apparate teilzunehmen,
+ihre Kraft vorwärts zu treiben, beseelte die Menschen: hier
+gediehen die Frauen. Der schwächliche Typ der westlichen Frau
+verschwand. Die neu aufkommenden Frauen haßten nichts so
+als zarte Frauen, die die Wonne der Männer gewesen waren.
+Sie mißbrauchten sie, machten sie zu Dienerinnen, demütigten
+sie grausam, deren Art nach wenigen Generationen einging.
+Überall taten sich die Frauen beim Absterben der Familie zusammen,
+übernahmen die Initiative für den Schutz und die Aufziehung
+der Säuglinge und kleinen Kinder. Sie hatten die
+gleiche Sachlichkeit und Kälte wie die Männer, dazu größere
+Brutalität. Lebten in gewaltigen Kameraderieen, die sich über
+die größten Stadtlandschaften ausdehnten, saßen aber auch in
+den einzelnen Werken und rangen mit den Männern, die sich
+gegen die Frauen wehrten wie gegen andere Männer. Die
+Männergesellschaften, die sich dann bildeten, konnten an Kraft
+nicht mit den Frauenbünden wetteifern.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Bünden organisierten die Frauen den Dienst und
+die Verteilung der Geburten. Sie waren sich bewußt, welche
+Einbuße ihr Geschlecht durch Schwangerschaft Geburt Stillen
+der Kinder erlitt. Es hieß den Nachteil möglichst gering gestalten,
+die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, aus einer
+Schwäche zu einer Stärke zu gestalten. Die Frauen waren es,
+welche lange Zeit allein unter sich bestimmten, wer von ihnen
+und wie viele sich zum Gebärakt herzugeben hatten. Denn es
+war klar, daß man ebensoviel Kampfeinheiten verlor. Erst in
+diesem Augenblick wurde die jahrhundertelang diskutierte Frage
+der Menschenzüchtung beantwortet, gelegentlich der Lösung
+einer anderen Aufgabe. Die Frauen stellten sehr widerstandsfähige
+starke ihnen genehme Exemplare für die Kindererzeugung
+bereit, von denen sie erwarten konnten, daß sie durch Geburten
+nicht niedergebrochen wurden und daß sie kräftige
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Kinder bringen würden, an die nicht überflüssige Kraft vergeudet
+wurde. Die Einrichtungen, die die Frauen aller Kapitalen
+nach Absterben der Familien für die Mutterweiber schufen,
+waren die einzigen von humanitärem Anstrich und gehörten
+zu den großartigsten und bestgeschützten Gesellschaftserzeugnissen
+der Epoche. Allein die Frauen, und zwar eine lange Zeit
+die der Bünde, bestimmten und gaben bekannt die zur Vaterschaft
+geeigneten Männer. Früchte unbekannter Herkunft wurden
+rigoros vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+Hätte diese Epoche der westlichen Menschheit länger gedauert,
+so wäre die weibliche Vorherrschaft besiegelt gewesen.
+Denn die Frauen hatten es in der Hand, und erfaßten es rasch,
+daß nach Verfall des sanften Hin und Her zwischen Mann und
+Weib das Gebären der Kinder die furchtbarste Waffe gegen
+die Männer war. Frauen konnten zwar vergewaltigt, aber nicht
+zum Gebären gezwungen werden. Sie hatten es in der Hand,
+die Zahl der heranwachsenden Männer zu vermindern. In den
+Frauenbünden lebte schon der Gedanke, nur eine geringe Zahl
+männlicher Kinder am Leben zu erhalten. Sie hatten vor,
+das Andrängen fremder Volksmassen abzuwarten, dann diese
+Waffen gnadenlos zu gebrauchen. Man hörte schon aus nördlichen
+Stadtschaften, in die langsamer Fremde eingeschwemmt
+wurden, daß die Frau in den Senaten die Oberhand hatte, in
+ihrem Gebiet Vielmännerei durch ihre Geburtenpolitik erzwang.
+</p>
+
+<p>
+Da machte das Übermaß plötzlich auftauchender Entdeckungen
+und Erfindungen, dieser so leidenschaftlich und streng von allen
+betriebene Fortschritt, allen Plänen ein Ende.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ilder</span> als je erhob sich um das Ende des fünfundzwanzigsten
+Jahrhunderts und den Beginn des neuen das Gespenst der
+neuen Erfindung, des vernichtenden Fortschritts. Erfindungen
+nahmen ganzen Industrieen den Boden, leerten wie ein Krieg
+ein Dutzend blühender Städte aus, die sich auf die Wanderschaft
+begeben mußten. Es war eine Wanderung von Völkern, derer
+sich die Nachbarstaaten annehmen mußten, falls sie sich nicht
+kriegerischer Überflutung aussetzen sollten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+Nichts ist an Wut zu vergleichen dem Kampf, der gegen die
+Erfindung des Lichtanstrichs geführt wurde. In dem dunklen
+Helsingfors wurde einmal das Geheimnis des Anstrichs von
+einem Mann gefunden, den das Fluoreszieren der Fluorite,
+Sodalithe, des Berylls nicht losgelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Frau Garner, deren Sklave er war, oder Freund oder Gehilfe,
+griff die schwärmerischen träumerischen Einfälle Tikkanens
+auf, mit scharfem Durchschauen. Zielbewußt arbeitete
+sie jahrelang, ohne Tikkanen davon zu sagen. Als sie Tikkanen
+in ihr völlig finsteres Versuchslaboratorium kommen ließ, aus
+einer Stahlbombe an der Tür die Wand neben sich anspritzte,
+und ohne daß der stumm und sanft wartende Mann einen Apparat
+sah, die bereitgestellten Gasflaschen gegen die feuchte
+Wand hauchen ließ, schwoll zu seiner maßlosen Verwunderung
+eine Helligkeit neben ihm auf, grünlich, dann rötlich, gelb,
+zuletzt ein Weiß, das alle Gegenstände Gestalt, Farbe annehmen
+ließ. Das Staunen des bezwungenen Mannes war
+grenzenlos.
+</p>
+
+<p>
+Tikkanen erkannte nicht die Elemente der Erfindung. Erst
+wie die Frau ihm die Analyse der Spritzmasse gab, fand er sich
+zurecht. Ihm dämmerte schwermütig etwas. Er sprach es aus,
+als sie die Verbesserung und Vereinfachung der Methode überdachten:
+im Grunde schiene ihm die Entdeckung mit seiner Beobachtung
+am Strand der Insel Smölen zusammenzuhängen.
+Er lächelte dabei diskret. Sie hatte dies Lächeln schon lange erwartet.
+Sie ging mit ihm ohne ein Wort zu sprechen in den
+Versuchen weiter. Sie forderte ihn auf, die Verstärkung der
+Leuchtkraft beim Auftreffen der Masse auf pflanzliche oder tierische
+Gewebe zu prüfen. Die Hunde, deren sie sich bediente,
+reagierten, wie sie schon wußte; sie husteten ihn an. Der Mann
+überlebte die Hunde nicht lange. Nach einem Jahrzehnt war die
+Substanz fertig. Sie bedurfte einer großen Zahl geübter Sonderarbeiter
+und Sonderfabriken. Aber hebelte hundert Werke
+aus, die Licht Lichtträger Lichtfortführer erzeugten. Es war
+so geworden: niemand war vor Erfindungen sicher, die aus
+dem Hinterhalt auf die Menschen fielen. Wie früher Epidemien
+die Menschen verheerten, Städte ausrotteten, so jetzt das
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+ruckweise Anwogen neuer Erfindungen. Werke Anlagen Städte
+Landschaften wurden auf Grund von Erfindungen von den
+überterritorialen, meist London–New-Yorker Konzernen hingestellt,
+die Menschen aus allen Erdteilen für den bestimmten
+Zweck ansiedelten. Bis ein neuer Fortschritt sie niederwarf verschwinden
+ließ. Die planende Industriegruppe zog sich von ihrer
+Gründung zurück; auf dem Kontinent aber wallten ziellos neue
+Hunderttausend. Wie sie drohend entwurzelt ausgehalten von
+den Nachbarstädten und Landschaften über ihren Boden fluteten,
+verlangten sie Schutz vor den Erfindern, oder wie sie
+sagten: vor den Konzernen.
+</p>
+
+<p>
+Da griffen die örtlichen längst verblaßten Senate dies Stichwort
+auf. Sie kamen den Massen entgegen. Die Senate
+schworen, jeder Zertrümmerung der Stadtschaften durch fremde
+kriegerische oder technische Angriffe Widerstand zu leisten. Dann
+stellten sich die Stadtschaften, stolzer als je aufwachsend, auf
+eigene Beine. Die zertrümmerte Gewalt der großen Familien
+wurde neu gekräftigt. Die Stadtschaften mußten sich zum Teil
+nach rückwärts entwickeln, vielseitig arbeiten und erzeugen, um
+nicht durch einen Stoß umgeworfen zu werden. In den Stadtschaften
+bewegten sich die gezügelten Massen sehr ruhig. Sie
+durften brüllen: „Weg mit neuen Erfindungen!“ Dieser Haß
+war es auch, der den neuen Herren es erleichterte, die Zahl der
+zur Technik und Wissenschaft zugelassenen Menschen wieder zu
+rationieren und sich selbst zu befestigen. Die Senate ließen sich
+offen das Mandat geben, neuaufkommende Techniken zu prüfen
+und ihre Verwendung zu genehmigen. Die Stadtschaften
+hängten sich eng aneinander. Es bestand ein Ring der Stadt-
+und Landschaften. London, sehr aufmerksam, kontrollierte sie
+mit ihrem eigenen Einverständnis.
+</p>
+
+<p>
+Die Herren der Städte aber, mit Volkszustimmung zu großer
+Macht gelangt, saßen hohnvoll hoheitsvoll da, Männer und
+Frauen, und lachten. Lachten, wie die Völker ihnen vertrauten;
+sie wollten gewiß helfen, daß den Städten nicht der Boden durch
+neue Erfindungen entzogen wurde. Lachten: „Wir werden
+euch nicht den Boden wegziehen lassen. Wenn Ihr nur wüßtet,
+auf welchem Boden Ihr steht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Es liefen damals Vertreter von Sekten und Kirchen in allen
+Landschaften herum, warnend vor Fortschritten, vor den schamlosen
+Weltkonzernen und ihrem zerstörenden Wirken. Sie
+warnten, wie sie wieder starke Männer und Frauen an der Spitze
+der Städte und Landschaften sahen, vor diesen Geschwistern
+der Melise von Bordeaux, den immer wiederkehrenden Bösen.
+Man könne nicht erraten, was die Macht, dieses höllische Untier,
+das diese überfallen habe, mit ihnen anfangen werde. Die Oberen
+strahlten. Gaben allen Sicherheit Beschäftigung Glanz.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> dem Aufkommen der künstlichen Lebensmittelsynthese
+im sechsundzwanzigsten Jahrhundert trat ein beispielloser allgemeiner
+Umschwung ein. Es erfolgte eine Veränderung aller
+Lebensverhältnisse, zugleich die Nötigung, zu strengen ja strengsten
+Herrschaftsformen zurückzukehren. Der Gewalt dieser Nötigung
+konnte kein gutgemeintes Protestieren standhalten. Die
+aus den Massen Kommenden waren es, die am intensivsten
+die furchtbare Entdeckung betrieben und die Reaktion herbeiführten.
+Die führenden Senate hatten vehement die Arbeiten
+betreiben lassen; ihr Fortschritt stürzte sie in Verwirrung. Als
+die ersten glücklichen Resultate nach Jahrzehnten des Tastens
+vorlagen, erschraken sie. Ließen die Arbeiten erst unterbrechen,
+neu beginnen; dann hielten sie die Resultate zurück. Die Erfindungen
+durften nicht heraus, die Erfinder saßen in ihren
+eigenen Reihen. Jahrzehntelang lagen in den Laboratorien
+von Chicago und Edinburg die Versuchsanordnungen fertig,
+deren Ausführung katastrophale Wirkungen auf das Zusammenleben
+der Menschen üben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Man war nicht den Weg der einfachen anorganischen Zusammenstellung
+gegangen, sondern drang von Beobachtungen
+des pflanzlichen und tierischen Organismus aus vor. Die ultramikroskopische
+Beobachtung und Feinregistrierung an überlebenden
+Organen hatte nach ungeheuren Schwierigkeiten
+Fehlgehen, bei unermüdlicher Arbeit ganzer Bataillone von
+Chemikern Physikern Physiologen Klarheit geschaffen über die
+Umsetzungsvorgänge im lebenden Körper. Es hatte der größten
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Fortschritte in der Physik, im Bau der Ultramikroskope, der
+elektrischen Maßapparate bedurft. Von Alice Layard in
+Chicago, einer weißen Frau, einem Wunderexemplar der
+Menschheit, die von phantastischer Schönheit war, kamen entscheidende
+Anregungen, in der Registrierung, der automatischen
+Aufzeichnung von begleitenden mikroelektrischen und Wärmevorgängen
+in den Organzellen. Darauf lief die Zerlegung der
+komplizierten Aufbau- und Abbaumechanismen rasch ans Ziel.
+</p>
+
+<p>
+Die Physiker und Chemiker emanzipierten sich vom Tier-
+und Pflanzenkörper. Man dachte längst mit Widerwillen und
+halbem Lachen an die Hungersnöte, die ein einziger dürrer
+Sommer über ganze Landstriche bringen konnte; diese absurde
+Abhängigkeit der Menschen von Hitze und Trockenheit. Diese
+Chemiker und Physiker haßten nichts so wie grüne Saatfelder
+Wiesen, die burleske Ansammlung von Viehherden. Wie aus
+früheren Erdperioden ragten noch in diese Zeit Schlachthöfe
+Wurstläden Bäckereien hinein. Bäckereien: das waren Dinge,
+die man auf altassyrischen Tontafeln meldete.
+</p>
+
+<p>
+Der große Meki in der Stadtlandschaft Edinburg hatte das
+führende Laboratorium. In ihm arbeiteten zweihundert ausgewählte
+Menschen. Wer nicht mit belangloser Teilarbeit beschäftigt
+war, verließ das Gebiet jahrelang nicht. Meki, der
+dem Edinburger Senat angehörte, war vom Senat gehalten,
+die Bewachung seiner Gehilfen streng durchzuführen, bei Verdacht
+auch nicht vor Internierung sich zu scheuen. Man erzählte
+damals und später viel von der grünen Tafelrunde Mekis.
+Grüne gleichmäßige Kleider trugen die Männer und Frauen
+Mekis. Sie saßen zweihundert an ihren Tischen in dem großen
+Wohngebäude hinter den Instituten. Im selben Raum standen,
+in dem hufeisenförmigen Zwischenraum ihrer Tische, kleine
+Tafeln, an denen in violetten Kostümen Menschen aßen und
+tranken, die man Gäste nannte. Sagte man „Gäste“, so zog
+man, wenn man frisch in das Institut kam, leicht die Oberlippe
+zum Lächeln an; ältere runzelten die Stirn. Es waren die
+Menschenopfer, die man für die Versuche brauchte, sobald sie
+in ein gewisses Stadium getreten waren. Sie sahen aus wie
+die anderen; allmählich veränderte sich ihr Anblick, sie wurden
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+durch andere ersetzt. Der Senat schickte aus der Stadt auf einen
+Hinweis die Menschen herauf, niemals unruhige ängstliche,
+noch Menschen, die Verdacht schöpften, sondern stets Beliebige,
+unter dem Schein der gewünschten Mithilfe und Einweihung
+in die Geheimnisse. Aber man weihte sie nicht ein, diese hundert
+Menschen, die sich wunderten, wie man sie täglich wog, ihre
+Körperwärme maß, sie in Gastzimmer tat; aber sie nahmen
+keinen Anstoß daran, denn sie sahen, daß auch die Grünen sich
+selbst untereinander so wogen und kontrollierten. Sie gingen
+in den Wäldern mit den anderen, liefen trieben Sport, aber
+immer wieder verschwanden welche. Sie kannten nicht das
+weit zurückliegende riesige Lazarett, das neben den Stallungen
+für kranke Pferde und Hunde tausend Betten für Menschen
+hatte. Denn so viel Leidende häuften sich von Zeit zu Zeit an.
+In Einzelräumen lagen sie; zu keiner Zeit sprach einer den
+anderen; und wer genesen war, wurde nach Chicago gesetzt in
+die Nähe der Station Alice Layards, die die Menschen unter
+Augen behielt.
+</p>
+
+<p>
+Die Violetten Mekis kannten auch nicht den weiten sonderbaren
+Friedhof. Das waren in den Boden gebaute kleine Betonkeller,
+die hell zu beleuchten waren. Ging man die Treppe
+herunter, so stand vor einer tief ausgekehlten Wand eine Zahl
+von Kolben Gläsern Becken, die Öffnungen teils verschlossen,
+teils mit Hähnen versehen, durch die zischend Gasartiges ein
+und aus lief. Kleine Ventilatoren trieben surrend die scharf
+säuerliche Luft des Kellers durch ein Schornsteinrohr aus.
+Jedes Glas und Becken war signiert; angekettet an der Wand
+hing ein mächtiges Buch voller Eintragungen. Über ihren Tod
+hinaus wurden die Violetten verfolgt, die Veränderungen ihrer
+Organe nach dem Aufhören der Verbindung mit den andern
+weiter geprüft. Es wurde niemand den Grünen gleichgültig,
+wenn er starb und das verlor, was man oberflächlich seinen „Geist“,
+sein „Leben“ nannte. Aus den Speisesälen und Laboratorien
+stiegen sie auf den Friedhof, maßen weiter Wärme, entnahmen
+Flüssigkeiten, setzten Stoffe zu, regulierten die Gaszuführung,
+führten elektrische Ströme durch, jagten Strahlen durch die
+ruhenden Teile. Die Violetten wußten nie, was mit ihnen
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+geschah. Sie glaubten zu leben zu essen zu trinken zu atmen wie
+die anderen. Aber sie aßen Scheinspeise, tranken Scheingetränke,
+atmeten Luft in ihren Zimmern, in ihren gut abgesonderten,
+verschlossenen Gastzimmern, die mit geheimen Substanzen gesättigt
+war. Was man ihnen vorlegte, im hufeisenförmigen
+Zwischenraum zwischen den plaudernden Tischen der Grünen,
+sah aus wie Braten, schmeckte wie Soße Wein Kuchen Kaffee
+Schokolade. Bisweilen und fast immer im Beginn war auch
+der Braten, die Soße da, Träger der Prüfstoffe. Später gab
+man nur Scheinnahrung: fleischähnliche Massen Gallerte, die
+gehärtet war oder leberartige Dichte hatte. Sie war angereichert
+je nach dem Versuch mit den Substanzen, die man prüfte.
+</p>
+
+<p>
+Hier gingen, in den Wäldern Zimmern Sälen, die Violetten,
+die Gäste, junge Männer und Frauen aller Rassen, als wäre
+nichts. Bisweilen abends wurde einer geholt, ein Mann und
+eine Frau. Zwei drei der Grünen standen in der stillen Schlafkammer
+vor dem aufgerichteten Wesen, das seine bunten Kleider
+an den Boden geworfen hatte, fragten das Weib den Mann,
+ob es bereit sei eins seiner Glieder zu opfern. Das zuckte zusammen
+schrie, war im Moment narkotisch betäubt. Oder es
+senkte langsam, Blick um Blick mit den ernsten Grünen tauschend,
+den Kopf, sann und fragte zitternd. Es gab viele, die nicht
+schrien, sondern sannen und fragten. Sie erhielten jede Aufklärung.
+„Warum nicht, warum nicht?“ knirschte es zwischen
+den Zähnen „wenn es Euch nur gelingt“. Und sie gingen zwischen
+den Grünen in einer Auflockerung ihres Inneren, ganz
+schwebend und abwesend, weggetrieben durch die Korridore.
+„An mir soll’s nicht liegen. Zeigt, was ihr könnt.“ Und triumphierend
+überflogen sie, als hätten sie es selbst hergerichtet, die
+blendend erleuchteten weißgekachelten Beobachtungshallen mit
+ihren Blicken, die Tische, auf denen Apparate standen, die
+eigentümlichen Glaskästen, Särgen ähnlich, in denen Menschen
+und leinenbedeckte Gliedmaßen lagen, die sich bewegten, sonderbar
+die Finger spreizten, griffen. Freudig nahmen sie den Anblick
+auf. Es surrte rauschte um sie. Eigentümliche Hitze wehte
+überall, kam aus den Spalten der Glaskästen, in denen
+Menschen, von Röhren Drähten umgeben, von Flüssigkeiten
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+umrieselt lagen, geschlossenen Auges, hell beleuchtet, deutlich die
+Brust hoben und senkten. Sie hatten selbst bald, glückgeschwellt
+wie sie waren, die entrückende Maske vor dem Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Um sie, in gläsernen Schränken, in Kästen Wasserbetten, bei
+wechselnder Temperatur von Erdkälte bis zu hoher Wärme lagen
+auf Watte, schwammen in Behältern umhüllt und bloß, weiße
+und rote Organe und Organteile. Aus Standgefäßen floß
+ihnen in dünnen Röhren die ernährende Durchblutungsflüssigkeit
+zu. Sie rieselte auch in die Leiber die Muskeln der bewußtlosen
+schlafenden geöffneten Menschen, der Männer und Frauen
+aus Uganda aus Kapstadt London, wie sie herangetrieben
+waren. An alle, lebende Organismen, lebende Organe, durchpulste
+Organteile waren die beobachtenden Apparate herangeschoben.
+Die Grünen gingen hin und her, entnahmen Zellen,
+trugen sie in Schalen an andere Kästen. Die ungeheuer hohen
+Glaszylinder, in denen sich weiße rotgeäderte Därme an ihrem
+Gekröse langsam wurmartig bewegten, getrennt oder verbunden
+mit dem Organismus. Substanzen goß stäubte strich man
+auf sie, beobachtete die Verwandlung, die sie auf der triefenden
+Schleimhaut, an der dünnen Darmwand erfuhren. Die
+Schädel waren manchen der Menschen geöffnet, die behaarte
+Kapsel lag neben ihnen. In ein flüssiges warmes Bett war
+nach rückwärts das vorquellende pulsierende Gehirn gelagert.
+Dick zogen sich die blauen strotzenden Venen über die weißliche
+gefurchte Masse; sie war auseinander gezogen, Drähte und
+Röhrchen führten in ihr Inneres. Drähte und Röhrchen führten
+auch zu den Därmen, in das Blut, in die Leber. Mit blitzenden
+Metallapparaten, schickenden registrierenden, war alles verbunden.
+Auf Gummisohlen gingen Männer und Frauen mit
+schützenden Gesichtsmasken durch die Räume, in denen kein
+Laut gehört wurde außer dem gelegentlichen gesangartigen
+Stöhnen, das aus den Glassärgen kam.
+</p>
+
+<p>
+Schwere Eisenwände, verschiebbar, trennten die gekachelten
+Räume von stark gemauerten, in denen auf Beeten Erdaufschüttungen
+Pflanzen, niedrige und hohe Bäume wuchsen. Auch
+sie waren umgeben von einem Wirrsal von Drähten und Röhren.
+Sie waren gespalten, angebohrt; in die Kronen Stämme
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Wurzeln führten Leitungen. Kühl waren einzelne hohe Säle
+durchweht; in anderen brütete die Luft; rote grüne phosphoreszierende
+Lichter lagen auf den Pflanzen.
+</p>
+
+<p>
+In kleinen und unscheinbaren fabrikartig finsteren Seitenräumen
+und Kellern, in Bottichen, hitzeschwebenden Kesseln und
+Schranken geschah die Hauptarbeit dieser Anlage: die Nachahmung
+Nachbildung der beobachteten Vorgänge, erst mit
+reichem lebendigem Hilfsmaterial aus Tieren und Pflanzen der
+Nachbarräume, dann mit immer weniger. Die Hilfssäfte und
+Zellen wurden aufs äußerste eingeschränkt; es ging so weit,
+daß Meki sagte, er brauche zur Erzeugung einer Fettsorte, einer
+Eiweißgruppe, nicht mehr lebender Substanz als der frühere
+Bierbrauer Hefe zu seinem Getränk. In der Tat vermochte
+auch Meki nie ganz organisches Material auszuschalten. Und
+die Arbeit, die den ersten Schritt des Unternehmens in die
+Praxis bedeutete, war die Errichtung riesiger Hallen zur Konservierung
+und Züchtung bestimmten Zellenmaterials aus tierischen
+und pflanzlichen Leibern.
+</p>
+
+<p>
+Zuletzt ließ sich der kleine langbärtige Mann, der ein skeptischer
+Philosoph war, Meki, der mit den Augen zwinkerte und
+wenn er jemanden sprach, seitlich zu Boden blickte, im Wald
+seiner Anlagen, entfernt von den Prüf- und Wohngebäuden,
+ein Haus errichten, das zum freudigen Schreck der nicht eingeweihten
+Gehilfen völlig den Charakter einer Fabrik hatte.
+Sie sahen die Apparate, die sie für die Organe in den Hallen
+der Lebenden und in den Friedhofshallen benutzten, antransportiert
+in die hundert zellenartigen Räume des Gebäudes;
+man schleppte Tonnen chemischer Stoffe an, stellte Gaserzeuger.
+Man sah, wie die Räume, Stock um Stock, eine Einheit
+bildeten, wie Substanzen, schlüpfend von einem Raum in den
+anderen, unter Wechsel der Temperaturen, einen Weg gingen,
+dort kürzer, dort länger verweilend, mit anderen gemischt geschmolzen
+gelöst sich veränderten. Das kleine, von Gärten und
+Mauern umschlossene Gebäude, das völlig fensterlos war und
+nur in einzelnen Zimmern Luft durch Röhren erhielt, das
+gegen Licht und Luft abgedichtete Haus war von einem Durcheinander
+schniefender blasender rumpelnder Geräusche erfüllt.
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Es knurrte, wenn man sich ihm von außen näherte, in allen
+Ritzen wie ein böses Tier; die gemauerten Wände waren
+außen zum Abschluß der Lichtstrahlung mit einer schwarzen zusammenhängenden
+Glasmasse überzogen.
+</p>
+
+<p>
+Als in Chicago zuerst Einzelheiten der künstlichen Lebensmittelsynthese
+bekannt wurden, unter stärkster Erregung der
+Stadt, machten Neuyork und London alle angegliederten Staaten
+und Stadtverbände auf die Gefährlichkeit rascher Entschlüsse
+aufmerksam, warnten vor übereilter Herausgabe der Arbeitsmethode.
+Da Chicago aber schon selbständig vorgegangen war,
+auch Alice Layard offen erklärte, sie habe die Mittel in der
+Hand, um ganze Völker ackerlos und sonnenlos jahrzehntelang
+zu ernähren, so blieb nichts übrig, als die Gefahren der neuen
+Entdeckungen möglichst gering zu gestalten. Von Alice Layard
+wurde bekannt, daß sie an der Spitze der nordamerikanischen
+Frauenkameraderie stand. Sie war von ihren Verbänden auf
+die Furchtbarkeit der Waffen hingewiesen, die die Frauen sich
+schaffen könnten, wenn sie sich die Synthese reservierten; man
+wollte Alice, dieses kapriziöse Wesen veranlassen, die Arbeitsmethode
+zu verheimlichen und Chicago zum Zentrum eines
+Weiberstaates zu machen. Alice konnte sich den Triumph des
+Siegs über Millionen Männer nicht entgehen lassen; sie konnte
+nicht schweigen. Im Chicagoer Senat aber war sie dann bald
+allein neben den Männern. Das ertrug sie nicht. Sie verlangte
+ihren Einfluß in der Kameraderie wieder; die Frauen verfolgten
+sie aber mit Haß. Da leistete sie sich eines der Stücke, wie
+man sie viel von Frauen hörte. Sie trat in ihrer Kameraderie
+auf, redete dunkel davon, daß man sie und ihr Handeln jetzt
+mißverstehe, daß man später klar sehen werde. Darauf hörte
+man monatelang nichts von ihr. Im Bereich der Stadtschaft
+Chicago aber, nach der ein unerhörter Zustrom von Menschen
+stattfand, stellte sich bald Siechtum unter den künstlich ernährten
+Menschen ein. Meki wurde von dem Senat nach Chicago zur
+Aufklärung der Vorgänge berufen. Meki war ein ruhiger Mann,
+an rasches Handeln gewöhnt. Er hatte von weitem geglaubt,
+es handle sich um Beri-beri oder Skorbut; als er aber die Menschen
+auf den Straßen und in den Häusern sah, die Tausende,
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+die von Zuckungen und Lähmungen befallen waren, wurde ihm
+klar, daß planmäßig an einer Diskreditierung des Verfahrens
+gearbeitet wurde. Die Giftstufe einiger Eiweißkörper wurde
+immer beibehalten. Beobachtend erkannte er Alice Layard, zu
+seiner Verblüffung, als die planmäßige Störerin der Arbeit.
+Er fand das schöne weiße scharfsinnige Weib traurig liegen in
+ihrer Wohnung; sie war verstört, versunken, nicht geneigt ihm
+Rede zu stehen. Sie war nicht getroffen von dem Unglück, das
+sie anrichtete, sondern von der rachsüchtigen Härte ihrer Geschlechtsgenossinnen,
+die sie auch jetzt zurückwiesen. Sie konnte
+sich nicht rein waschen; sie grub sich noch tiefer ein. Der benachrichtigte
+Chicagoer Senat, bestürzt und tief ergriffen, ließ das
+schöne Wesen, das großen Ruhm genossen hatte und der Stolz
+der halben Welt gewesen war, in ihrer Wohnung von fünf
+Negern totknütteln. Die Frauen schwiegen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">icht</span> wie einen Regen, den man aus einer Berieselungsanlage
+auf das trockene Beet fallen läßt, sondern wie eine Bestie,
+die man auf die Straße führt, mit eisernen Stangen rechts und
+links gehalten, so, zwingend fesselnd, ließen im zweiten Drittel
+des sechsundzwanzigsten Jahrhunderts die großen westländischen
+Stadtschaften die ungeheure Neuerung unter ihre Menschen
+hinaus. Senate, neue Herrenschichten wurden wie durch
+kein früheres und späteres Ereignis in diesem Moment zusammengeschweißt,
+zu Stein befestigt. Jetzt mußte man zur
+Erkenntnis kommen, wer man war. Vor aller Augen stand
+das großartige Beispiel Englands selbst, der weisen erfahrenen
+Führerin dieser Völkermasse, die den großen Meki behandelte
+wie einmal Spanien den viel kleineren Christoph Kolumbus:
+sie kerkerte ihn fast zehn Jahre in seiner Edinburger Anlage ein.
+Meki selbst legte, freigelassen und nach London zu einer Besprechung
+geladen, Hand an sich.
+</p>
+
+<p>
+London faßte, daß man sich in den alleinigen Besitz aller
+Geheimnisse der Synthese und aller Anlagen setzen mußte und
+daß man damit in den Besitz eines beispiellosen Machtmittels
+kam. Während die Schwesterstadt Neuyork noch zögerte, hatten
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Londons ruhige stille Männer und lächelnde langsame Frauen
+schon Anlagen nach Anlagen in Wales und Cornwall errichten lassen.
+Und während die Senate der Kontinente die Verzögerungsmaßnahmen
+berieten, die Dosierung der Herausgabe an die
+Massen, gab plötzlich an einem bestimmten Maitag der Londoner
+Senat allen ihm direkt unterstehenden und befreundeten Landschaften
+die bedrohende Neuigkeit bekannt, gab bekannt die Zahl
+und den Ort der stark geschützten Fabriken, nannte den Namen des
+toten ruhmreichen Meki, dem der Senat zum Jahrestag seines
+Freitodes Säulen in allen großen Zentren zu errichten befahl.
+</p>
+
+<p>
+Wie einen Schlag ließ der kühle Senat auf seine europäischen
+und afrikanischen Gebiete die Nachricht niedersausen. Er zeigte
+auf die sehr geringe Arbeitsleistung für den synthetischen
+Zucker Fette und Fleischmassen, ermahnte sich der Neuerung
+zu bemächtigen und äußerlich die von der Wissenschaft hergestellten
+Substanzen zu erfreulichen Genußmitteln zu machen;
+kündigte an, daß eine neue Ära in der menschlichen Arbeit beginne:
+dieser Triumph entlaste die nach Freiheit und Würde
+ringende Menschheit.
+</p>
+
+<p>
+London wußte, daß Verwirrungen und Unruhen in allen
+Gebieten seines Einflusses einsetzen würden, auch, daß es zuletzt
+Herr der Situation sein würde. Den Atem verhaltend
+sahen die kontinentalen Staaten und großen Stadtschaften dem
+Vorgehen Londons zu, das entschlossen war, weit über Jahrhunderte
+voraussehend, den schwächeren Tochterstaaten zu
+zeigen, welcher Weg zu gehen war: der der absoluten Inbesitznahme
+der Machtmittel durch eine sichere Schar Menschen.
+Über die von England beherrschten Gebiete der britischen Inseln
+und Afrikas kam ein Taumel. Es ist nichts dem angstvollen
+Tumult zu vergleichen, der, rasch gesteigert, sich nach einigen
+Wochen in den Landstrichen entwickelte, die, in Südafrika vornehmlich,
+dem Ackerbau und der Viehzucht dienten. Als die
+großen Stadtschaften den Auftrieb der Viehherden ablehnten
+und man Viehhöfe Schlachthäuser schloß. Als man die Bewachung
+der Getreidespeicher aufgab; die Tore der Speicher
+offen ließ, das Mehl in Säcken auf die Höfe schüttete. An vielen
+Orten waren vor kaum einem Jahrzehnt starke Mühlenanlagen
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+nach neuen Prinzipien errichtet worden; sie bedeckten das Areal
+großer Dörfer; umgeben waren die Gebiete von Spielplätzen
+Wohnhäusern Verkaufsstätten. Die Speicher ließ man geschlossen,
+dann wurden sie von lungernden Massen angezündet;
+die Mühlen gesprengt. Es war eine falsche bewußtlose Richtung,
+in der die Erregung, die flackernde oft mit Wut geladene Fassungslosigkeit
+der herumlagernden Massen ablief. Sie brachen
+von ihren Wohnsitzen auf, gingen zielsuchend an die Zentren
+heran. Die Stadtschaften selbst waren unterminiert, die Hallen
+großer Fabriken leer. Draußen trieb die Landbevölkerung an,
+trollten die Bauern, die durch Gerüchte erschreckt waren, wogten
+die Männer und Frauen, die die Eisenwerkzeuge für die
+Äcker gearbeitet hatten, geschmolzen gehärtet geschmiedet geschnitten
+erkaltet geputzt. In dem Gewühl der Menschen war
+ein Hin und Her der Gefühle. Niemand entbehrte Nahrung,
+niemand konnte sagen, daß ihm etwas entzogen war und doch
+bluteten sie, waren widerwillig finster, als sie von den Öfen getrieben
+wurden, die Mühlen stehen ließen. Man würde ihnen
+sagen, erfuhren sie an den Zentren, was sie zu verrichten hätten,
+es würde ihnen an nichts fehlen. Und der anfängliche Zweifel
+wurde durch die Tatsache widerlegt: die Eisenzüge mit Tonnen
+und Säcken rollten Tag um Tag in dieselben Schuppen,
+in denen das Mehl abgeladen war. Während schon alle Speicher
+ohne Widerspruch der Senate, ja sichtlich von ihnen begünstigt,
+ausgeleert und von johlenden Horden abgesengt waren, waren
+die Auslagen der Bäckereien mit Brot und Kuchen im Übermaß
+gefüllt. Ja, London wies die Senate an, auf Wochen Mehl zu
+verschenken, um den Eindruck zu verstärken und seinen Schlag
+verwirrender und wuchtiger zu führen. Die großen Hallen für
+Butter Öle Speisefette boten die künstlichen Stoffe aus; man
+hatte sie den natürlichen zum Verwechseln ähnlich gemacht im
+Schnitt und Strich, ihre Festigkeit war stärker als die der natürlichen.
+Lachend, Arm in Arm gingen in den englischen und
+südafrikanischen Zentralen die weißen braunen schwarzen Menschen
+durch die Hallen. Man träumte, war in einem Schlaraffenland.
+„Sie haben künstliche Tiere. Sie können Bäume machen.“
+Allein die fleischartige gehärtete Gallerte, die Trägerin der
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+Eiweißstoffe, wurde verspottet. Was überall aus den Fabriken
+in Waggons angefahren wurde, die schneidbare bald leber- bald
+knochenartige braune und rosa Grundmasse, die sich auf Kochen
+erweichte, bisweilen bis zur Weiche des Leims, wurde ausgespien,
+behagte den starken Zähnen, die reißen und zerren
+wollten, den Backenmuskeln, die knirsch- und mahlbegierig waren,
+nicht. Der Geschmack wich von dem tierischer Muskulatur
+ab. Den Viehzüchtern Viehhaltern war so Schonzeit gegeben,
+bis auch sie wichen dem Mekifleisch. Dessert für Feinschmecker
+wurde das gesottene gebratene gebackene gedünstete Fleisch
+natürlicher Vögel Fische Rinder Schalentiere.
+</p>
+
+<p>
+Die Äcker verlassen, die ungeheuren Flächen Bodens, jahrtausendelang
+von Generation auf Generation gepflegt gebaut
+geliebt. Die Urwälder waren niedergebrochen worden,
+die umschlingenden Lianen abgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Wilde Tiere hatten abgeschossen werden müssen, der gelbe
+Löwe der Panther. Die Termiten waren verjagt worden;
+Bäche umgeleitet, Hütten gebaut, feste Häuser, Dörfer und
+Hunde dazu, Stallungen für Hühner Gänse Kühe.
+</p>
+
+<p>
+In den südlichen Zonen gab es Gebiete, die erst vor ein zwei
+Jahrhunderten freigelegt abgeholzt waren. Die eiserne Pracht
+der Nordländer war angezogen, hatte gezerrt gerissen gewürgt
+an dem Boden, die Pflanzen und Wurzeln geschluckt zerbissen
+zerkaut. Die Steine, die der Boden barg, waren aufgehoben
+worden, fortgeschleudert auf Trümmerhaufen. Man hatte in
+das schwarze Bett, das die Baum- und Pflanzenleichen verlassen
+hatten, Millionen blasser zarter Keime gelegt. Der Boden
+nahm sie willig auf; die Keime trieben mit grünen Spitzen über
+die Oberfläche. Grüne weite Felder, dichte Wälder der Halme,
+der sanft im Wind schaukelnden Ähren erhoben sich. Sie standen
+jetzt mit den Scheunen Schuppen Wohngebäuden, die man
+zu räumen begann, da. Die Menschen zogen sich in die Riesenstädte
+zurück. Sie kapselten sich in den Städten ein. Gaben den
+größten Teil der Erde frei. Der Boden ruhte aus. Die Halme
+wuchsen wild, welkten; bunte Blumen, die man vorher Unkraut
+nannte, wucherten dazwischen, Tiere schlichen ein, die Feldmäuse
+sprangen offen am Boden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Der uralte Boden lag stumm unter den auf- und abgehenden
+Lichtern des Himmels, mit den Winden der Wärme den Gewittern
+den Regenstürzen. Bezog seine Nacktheit mit Blumen
+Pflanzen Tieren, rollte sich wie ein Igel ein.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschenmassen, in die Städte gelockt, kamen fest in
+die Hände ihrer eisernen Regenten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Spiel, das London begonnen hatte, wurde von den
+andern Zentralen fortgeführt. Nach einem Jahrzehnt war im
+westlichen Völkerkreis der Ring der großen Herrengeschlechter
+geschmiedet.
+</p>
+
+<p>
+Das strenge leidenschaftliche Ringen der Arbeitenden konnte
+aufhören. Immer war seit da die westländische Bevölkerung,
+fast völlig von den Stadtschaften verschlungen, geteilt in die
+kleine Masse der Schaffenden und die Riesenmenge der Untätigen.
+Die Menschen der Gruppen wechselten nach Neigung
+und Bedarf. Mit Vergnügungen Scheinarbeiten mußte man
+die Massen der Lungernden beschäftigen, deren Zahl stieg. Die
+einförmige Zucht verlor sich schnell. Eine wüste Vielförmigkeit
+entfaltete sich. Die Herrschenden hatten neben sich große Stäbe
+von Kundigen und Scheinparlamenten, die sich mit der Ablenkung
+der untätigen Massen befaßten.
+</p>
+
+<p>
+Noch immer erweiterten sich die großen Stadtschaften. Der
+Zustrom der Fremden, das Wallen hin und her nahm kein Ende.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">L</span><span class="postfirstchar">euchtmar</span> und Rallignon, Männer vom Schlage Inka Stochods
+und Yorres, die die Herrschaft in den westeuropäischen
+Senaten an sich gerissen hatten, fühlten, was sich unter ihren
+Füßen regte. Das siebenundzwanzigste Jahrhundert, das
+Jahrhundert der Verhängnisse für den westlichen Völkerkreis,
+war heraufgezogen. Dieses Sieden, unbefriedigte Rollen. Gefährliche
+Gleichgültigkeit, plötzlich aufgetaucht und alles zermorschend.
+Nichts geschah isoliert. Die Horden Menschen, die
+in London an den Maschinen und dem Industriekörper hingen,
+erlahmten zusehends unter denselben Gefühlen wie die in
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Paris Berlin Neuyork. Die wilden Erregungen, heftigen Reize
+flossen von allen ab. Man ließ in Mißtrauen Apathie von den
+lockenden Dingen ab, an denen man gehangen hatte. Prunk
+Spiele Gelage entfalteten wenig Wirkungen mehr. Modische
+schöne lebenpeitschende entzückenheischende Gegenstände, von
+den Maschinen erzeugt, standen vor den Menschen, die stumm
+die Lippe sinken ließen. Das wühlte herum in alten vergessenen
+Kostümen. Völkerschaften, gemischte, gaben sich zu
+erkennen, wie Kinder die müde werden, in der Zimmerecke
+stehen und anfangen an einem Finger zu lutschen. Deutsche
+hielten die schwere Bibel in der Hand, blätterten im Gesangbuch,
+sangen trübe im Wald. Träge ließen die schwärzlichen
+braunen Menschen in den südlichen Gebieten sich fallen: da
+lebte in ihnen das Gefühl der reichen ernährenden Landschaften
+auf; sie konnten das Gefühl, das wie Rauch im Regen durch
+sie schwelte, nicht erreichen, kamen zu keinem Frieden. Arabische
+Stämme, in den wallenden verschlingenden Strudel der
+Westvölker gezogen, wurden vom Drang zu den Apparaten,
+den tosenden Maschinenhäusern losgelassen. Mit verhängten
+Augen blickten sie auf stille Ebenen, bestiegen Pferde. Und
+wie sie darauf hingen, war es dumm, was sie taten; Pferde
+waren dumm. Die Maschinen arbeiteten wie sonst. Die
+Wasserfälle warfen ihre Hochspannungen über Meere Gebirge
+in die Städte. Es war, als wäre die Verbindung zu ihnen durch
+eine feindliche Gewalt gestört. Die man wegschieben mußte.
+</p>
+
+<p>
+Die riesigen Massen, mit denen fast ruckartig nach der Freigabe
+der Entdeckung Mekis die Stadtschaften sich vollsogen und
+die sich untätig um die ernährenden Werke versammelten,
+warfen sich. Aus den Werken gingen immer kleine Scharen,
+müde wie sie, blinzelten, waren einsilbig. Phantastische Spiele
+in den Städten, um die Städte Blumen- und Tierzuchten,
+waren aufgeblüht; sie lockten wenige. Die Massen in allen
+Zentren des westlichen Völkerkreises wurden fetter träger,
+zuckten exotisch heftig launenhaft. Ein unterirdischer Groll
+wuchs in allen Zentren, in diesen hier weißen, dort negerhaften,
+dort bräunlichgelben üppigen Menschen, die sich Tempel
+Moscheen Kirchen bauten, zu dunklen Göttern mit halbem
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Herzen beteten, im Grunde von keinem der Wanderprediger
+und Propheten gefaßt wurden. Es geschah, daß an manchen
+Orten sich nicht genug Menschen fanden, die geneigt waren,
+die Werke zu betreten.
+</p>
+
+<p>
+Trägheit wucherte über allen Landschaften, zusammen mit
+einer eigentümlichen Finsternis. Wie man in einem unsäglich
+sich tiefer und tiefer auswirkenden Überdrußgefühl lagerte,
+schwoll alte Gehässigkeit zwischen den in den Stadtschaften beisammen
+wohnenden Stammesresten an. Da war es Bogumil
+Leuchtmar aus der hamburgischen Stadtlandschaft, der mit
+einer Gruppe junger Regenten und Regentinnen den Anfang
+machte. Die Wieschinska, seine ehemalige Mitregentin in
+Heraklopolis, der schlesischen Stadtlandschaft, die von Berlin
+ihren Ausgang genommen hatte, war mit ihm; ein Weib
+namens Azagga, die in der bayrischen Stadtlandschaft dominierte,
+ferner Uru aus Palermo und der Dongod-dulu aus
+dem ägyptischen Zentrum. Sie waren sich klar, wie sie in
+Heraklopolis bei der Wieschinska zusammentrafen, daß sie einer
+langsamen Zersetzung oder erneuten Ausbrüchen zuvorkommen
+mußten. In ihnen war die Kraft der Apparate das Glück
+der prangende stierartige Stolz der Maschine; wie in Palmen
+lebte er in ihnen, suchte nach Auftrieb und Krone. Der Italiener
+Uru verfiel der Wieschinska; die spöttische Frau mußte
+das übersprudelnde Geschöpf zur Besinnung bringen, ihn, der
+unter ihre dienenden Männer treten wollte. Es gab Lachen
+unter den fünf Regenten in Heraklopolis, als der stämmige
+Uru in der blaugelben Schärpe des Männerharems der Wieschinska
+zu einer Besprechung erschien. Die Schärpe hatte
+er gestohlen; die Wieschinska riß sie ihm ab. Einen Augenblick
+zuckte in der kleinen Gruppe der fremdartige Geschlechtshaß
+auf; der Wieschinska schien es, als wollte Uru sie verhöhnen;
+die Männer blähten sich heimlich über die Niederlage der Frau.
+Nach zehn sachlichen Worten war der Strom abgelenkt. Sie
+brauchten nicht durch Heraklopolis wandern, um zu wissen, daß
+unberührt gefeiert vergöttert die schaffenden Apparate stehen
+bleiben mußten. Unberührt gefeiert vergöttert ihr Blut.
+</p>
+
+<p>
+Die lohenden Standarten nahmen sie auf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+Wie Bogumil Leuchtmar, Wieschinska aus Heraklopolis,
+Azagga, Uru und Dongod Dulu über die norddeutsche Tiefebene
+flogen – Landschaft neben Landschaft ausgegossen, murrende
+gärende Menschenmasse getrieben zwischen Häuserreihen, unkenntliche
+Beobachtungs- und Bewachungsposten zwischen ihnen
+– da fühlten die Massen noch nicht ihr Schicksal. Wie Menschen,
+die feindlich in der Liebe aneinander gekettet sind, zusammengeflochten,
+um sich zu zerreißen zu quälen zu beißen, so umwanderten
+sie kopfsenkend noch die verborgenen geschützten
+Orte der Apparate, angriffsbereit liebesbereit umschlingensbereit.
+Den fliegenden Regenten war nichts unsicher. Die
+Standarten mit den Gestirnen und dem Feuer wehten vor
+ihren Apparaten.
+</p>
+
+<p>
+Sie trafen nicht in London ein, wohin sie geladen waren.
+In Brüssel hielten sie. Leuchtmar war es, der die Fahrt hemmte.
+Er war es, der plötzlich die Fahne noch bevor er landete, scheinbar
+unabsichtlich einzog zerriß, in Fetzen fallen ließ. Die
+anderen waren schon in Brüssel, da schwamm er noch, gehemmt
+unschlüssig in der Luft, umkreiste die Stadt bis an die Nordsee,
+fuhr an, zurück, als müßte er sich durch ein Gestrüpp Bahn
+brechen. Wie auf schwellendem Moor fuhr er, ratlos. Und
+ratlos, – als hätten sie sich verabredet, begegneten sie sich –
+hielt bei Dünkirchen Rallignon. Auf dem Boden der Konferenz,
+die vor vier Jahrhunderten nach dem Fall Mailands den
+Herrengeschlechtern die unbedingte Macht in den Staaten und
+Städten gegeben hatte, wanderten sie nebeneinander, sahen
+sich nicht an. Denn auch Rallignon dachte an Krieg.
+</p>
+
+<p>
+In ihm war der Kriegsgedanke berauschend aufgegangen.
+Aus den Apparaten wie aus Wein war er zu ihm aufgestiegen.
+Niemand sollte ihnen widerstehen. Man wollte sie haben, ihren
+Preis singen, der Welt offenbaren. An die Grenzen des Wirklichen
+und Möglichen sollten sie, über das Erdenkbare hinaus
+mußten sie fahren. Man wollte die Waffen die Kräfte nicht
+gegen sich, sondern um sich führen. Rallignon durchfühlte es
+lüstern angstvoll wie Leuchtmar. Es mußte Staat gegen Staat
+gehen. Welcher Staat gegen welchen Staat? Darum sahen
+sich Leuchtmar und Rallignon nicht an. Ein Belgier holte sie
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+von Brüssel ein. Verstört wie sie. Diese Gedanken gingen wie
+Gespenster um. Wer an die Apparate rührte, jetzt, in diesem
+Augenblick, wurde von ihnen getroffen.
+</p>
+
+<p>
+Im Wagen fuhren sie zu dritt auf Brüssel. Bogumil brusteingesunken
+im Wagen stöhnend höhnend: es sei sinnlos nach
+Brüssel zu fahren: er werde umkehren; sie müßten bedenken,
+was sie vorhätten. Der sehnige Rallignon neben ihm war
+fleckig rot, verändert. Furchtsam blickte er rechts und links zum
+Wagen hinaus: es sei nicht ungefährlich für sie auf dem Land
+zu fahren; man werde sie erkennen; wenn man sie erkannte.
+Er glaubte schon, man wüßte, was er in sich trug; drückte sich
+in die dunkle Ecke des leichten flotten Gefährts, zog die Mütze
+über sich: man werde sie erwürgen. Leuchtmar zu ihm gedreht:
+„Warum denn? Was haben wir getan?“ Aber er faßte schon
+nach seiner Brust, erblich: „Ich habe keine Waffen.“ Der
+Flame saß mit offenem Mund, drängte auszusteigen. Als der
+Wagen in einer Schonung hielt, hatte sich der schwere Leuchtmar
+über seine Knie nach vorn gelegt; nach den Händen Rallignons
+tastete er: „Rallignon, mein Freund. Mein Freund. Nicht
+mein Feind. Sag ja.“ „Ich kann nichts sagen, Bogumil.
+Komm. Was soll werden.“ Leuchtmar faßte sich mit den Händen
+an die Schläfe: „Mag sich Europa selbst zerstören. Wir
+wollen nichts tun. Wir wollen es nicht tun. Wir wollen uns
+nicht dazu hergeben.“ Rallignon war herausgesprungen.
+Leuchtmar ging hinter ihnen: Er hielt wie die beiden andern
+die Augen niedergeschlagen, konnte die Häuser Felder nicht
+sehen, stöhnte. Flüsterte hinter den beiden: „Nichts davon
+sprechen. Ich behalt es bei mir. Ich gebe nichts von mir. Man
+soll mich nicht dazu bekommen.“ Einzeln gingen sie in Häuser,
+kleideten sich um. Verkleidet kamen sie in Brüssel an.
+</p>
+
+<p>
+Da hatte die Wieschinska schon erklärt: sie werde nicht nach
+London gehen. Die Azagga, in deren Senat englische Aufsicht
+überwog, schloß sich stürmisch an. Der aus Palermo und aus
+Kairo waren nicht weit sich der Wieschinska anzuschließen: man
+würde zusammenziehen was man hätte und gegen England
+richten. Leuchtmar, eingefallen, bat nichts zu beschließen. Man
+solle nach London. Die Wieschinska erkannte, daß er, der nicht
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+von der Tischplatte aufblickte, Aufschub wollte. Sie wetterte
+forderte Entschluß. Leuchtmar und Rallignon, wie sie aufstanden
+und zurücktraten, wirkten erschütternd. Der Flame flehte:
+„Wir wollen nichts beschließen.“ Leuchtmar und Rallignon schienen
+gelähmt. Die Wieschinska wollte sie mit Fäusten angreifen.
+Vor dem bösen Blick Leuchtmars wich sie zurück. Ohne ihn und
+Rallignon war nichts zu unternehmen. Plänkelnd gab sie nach.
+</p>
+
+<p>
+In London, in den geheizten Glashäusern, waren asiatische
+Fremde erschienen. Zufällig waren sie da. Die Mongolen
+hatten eine Erkundung Londons und des Zustandes der westlichen
+Staaten vor. Die Kontinentalen umzogen die fremde
+Deputation wie Hunde den Knochen. Stellten sich, sonderbar
+gelockt, vor sie, befragten besahen behorchten sie. Die melancholischen
+klugen Engländer traten beobachtend hinter ihre östlichen
+Gastfreunde. Wie ein Blitz senkte es sich in Bogumil,
+den trüben plumpen, daß er die Mongolen, die starkknochigen
+weichen schmunzelnden, diese für sich kichernden Japaner, diese
+beiden wuchtigen weithosigen Russen haßte. Seine Augen
+waren stier. Er haßte sie. Rallignons Backenmuskeln wie
+Balken; er knirschte mit den Zähnen. Sie fingen, sich bewegend,
+wilde Hänseleien mit den Östlichen an, die die Londoner zu
+schlichten suchten. Die üppige Wieschinska begriff, was in den
+beiden Männern vorging, kniff die Augen zu, jubelte. Azagga,
+der glotzäugige weibliche Koloß, Uru und der schwarzhäutige
+Dongod Dulu ließen sich schleppen. Die stillen Engländer
+brachen die Besprechungen für Tage ab, um die merkwürdige
+Stimmung der kontinentalen Freunde zu erkunden. Sie trafen
+bei denen keine Überlegung mehr an. Keine Nachricht war zu
+den Engländern gekommen von dem Plan, sie selbst anzugreifen.
+Aber vor diesem starken bluttiefen Verlangen, das
+sie sahen, fuhren sie zurück, dachten nach, erschraken, lenkten ein.
+Unten sprühte die Stadt, in dieser Minute, der nächsten,
+folgenden. Da zogen sich die Engländer zurück, um die Dinge
+zu überblicken. Die kontinentalen Gäste wußten, daß sie bis
+zur Entscheidung in Gefangenschaft und unsichtbarer Aufsicht
+der Londoner waren. Keiner unter ihnen hatte jetzt Furcht.
+Die Engländer erwogen nur kurze Zeit, ihre Freunde zu töten.
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+Sie wußten, daß Kampfobjekte gesucht wurden und daß sie
+selbst das nächste wären. Sie setzten sich zu der Delegation
+Leuchtmars. Zu keiner neuen Besprechung luden sie die Asiaten.
+Sie seien, erklärten sie denen, durch Angelegenheiten des
+nahen Kontinents stark beschäftigt. Freundlich geleiteten sie
+die Asiaten zu ihren mächtigen Luftschiffen. Schon aus Paris
+wurde gemeldet, daß die asiatische Kommission in der Nähe der
+Stadt die Luftschiffe verlassen und, offenbar um unkenntlich
+zu sein, sich auf kleinen Fahrzeugen zerstreut hatte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> östliche Menschheitskreis lag stumm auf dem uralten
+Riesenkontinent. Die dunklen Massen Asiens hatten die Maschinen
+empfangen; es war etwas Fremdes, lief wie eine
+Raupe über sie. Sie ließen die feinen Apparate, die schweren
+dumpfen Eisenwesen auf ihrer Erde stehen, die griffen ihr Herz
+nicht an. Immer waren von den vielen hundert Millionen
+Menschen Scharen im Westen, sogen mißtrauisch aufmerksam
+die fremden Kenntnisse ein. In der Zeit der strengsten Herrengeschlechter
+nahm eine ausgewählte Schar der Asiaten an den
+verbotenen Studien teil, wurde in den Besitz der Materialien
+und Modelle gesetzt. Dies duldete England, weil es friedlich war
+und die Asiaten sich verbinden wollte. In Asien welkten blühten
+Rassen; kaum, daß die Westler Kenntnis von ihrem Ergehen
+hatten. Bombay Kalkutta hatten ihr europäisches Gesicht abgelegt.
+In China waren große neu entstandene europäische
+Städte weggefegt worden; Einheimische hausten handelten in
+den Ruinen Gewölben der Europäer. Es war nicht möglich gewesen,
+den gelben braunen Millionen westliche Bedürfnisse einzuimpfen;
+sie hatten Gewehre und Waffen genommen, um die
+Fremden zu vertreiben. Langsame Berührungen, zögernde
+Verhandlungen fanden mit dem immer besorgten London statt.
+Als in Bombay Lhassa Peking Tokio Kasan Tobolsk die nach
+London entsandte Kommission erschien, war man für alles gerüstet.
+In den westlichen Kapitalen war die Bewaffnung der
+Asiaten bekannt; man glaubte sich voraus. Es gab schließlich
+keine Bedenken. Man mußte losbrechen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+Die Apparate hatten sich in den vergangenen Jahrhunderten
+völlig verändert. Aus Maschinen, in Hallen durcheinander gestreut,
+waren Maschinenblöcke Maschinenhäuser Kolosse Pyramiden
+von Anordnung, Maschinenorganismen geworden. Große
+Menschenmassen der Periode nach Dünkirchen bis zur Zeit der
+Rebellen Targuniasch und Zuklati hatten sie auftürmen und
+bedienen müssen. Die Energiewirtschaft hatte zur Verkuppelung
+der Kraftwerke untereinander geführt. Der Aktionsradius
+für die erzeugten und transformierten Energien war ins Riesige
+gewachsen. Die Energien wurden an wenigen Punkten gespeichert.
+Neben den Krafterzeugungsblock traten die Kolosse
+der Sondermaschinen, für einzelne Landstriche arbeitend, im
+ganzen Land waren keine vereinzelten Maschinen. Dies war
+– gegen Ende des fünfundzwanzigsten demokratischen Jahrhunderts
+– die Zeit, wo die Sonderung unter den Stadtlandschaften
+sich unwiderstehlich durchsetzte, Glasstädte Lichtstädte
+Nahrungsstädte Kleidungsstädte entstanden. In den Versuchsstädten
+und abseits von den Sonderstädten begannen sich die
+Erfindungen zu häufen. Da stürzten in wenigen Jahrzehnten
+Blöcke und Pyramiden der Maschinen zusammen. Neue Naturkräfte,
+gasförmige strahlende, schon vor einem Jahrhundert aufgespürt,
+waren von den Zeitgenossen Mekis gefaßt, in Apparate
+gespannt worden. Die polternden Kolosse wurden durch Liliputapparate
+beschämt. Jahrzehnte Jahrhunderte von Kraft wurden
+wehrlos, gelähmt von dem Blick dieser Minuten. Man legte die
+großen Maschinenstädte nieder. Unscheinbar in geschützten Gewölben
+die feinen zierlichen Apparate, in denen die Naturkräfte
+gefangen waren wie Gespenster in der Flasche. Wenige
+Hände brauchten sie zu bedienen. Das Herz stand den ersten
+Menschen still, als sie die Apparate sahen. Gewöhnten sich an
+sie, lebten unter ihrer Obhut, bequem, kaum dankbar, Kinder
+einer reichen Familie.
+</p>
+
+<p>
+Diese wunderbaren streng behüteten Apparate, die Kraft der
+westlichen Herrengeschlechter, waren im Besitz des Abendlandes
+wie der Asiaten.
+</p>
+
+<p>
+Im Westen flog ein Rausch über die wimmelnden Menschenmassen,
+als man ihnen Kenntnis gab von den Dingen, die sich
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+vorbereiteten. Schlagartig sank die tiefe zweifelnde Unruhe hin.
+Als hätte man einem schlaffen Körper Äther und Kampfer eingespritzt.
+</p>
+
+<p>
+Die Asiaten riefen ihre Völker auf. Zeigten die Macht der
+Weißen. „Sie kommen mit Maschinen. Sollen wir uns wehren?
+Unterwerfen?“ Man kannte die Antwort voraus. Die Inder
+wußten, wie man Elefanten zähmt, Flüsse überschreitet, betet;
+die Chinesen, wie man Felder bestellt, Schiffe zieht, handelt;
+die sibirischen Steppenvölker konnten melken jagen. Sie dachten,
+ihren Zauber gegen die Europäer aufzubieten. Da fuhren
+Luftschiffe von Süden und Osten her über ihnen und alle fuhren
+nach Norden und Westen. Wie sich die Schiffe, bei deren Anblick
+ihr Herz erstarrte, tiefer senkten, winkten ihnen Inder Chinesen
+zu, die Blüte ihrer Länder, feine junge Männer, die lachten:
+„Wir fahren ihnen entgegen nach Westen und Norden.“ Die
+Sibirier grinsten. Die Mongolen kollerten ihr Lachen, hoben
+ihre Kinder hoch. Millionen Zauberformeln gingen hinter den
+Kämpfern.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Kampf, der von London mit tiefer Apathie begonnen
+wurde. Wechselnd zwischen Verzweiflung und Resignation
+stimmte London dem Beginn des Krieges zu. Es gab keinen
+anderen Weg. Man konnte zusehen, was sich bei dem Ringen
+entwickeln würde. Vielleicht half man sich über Jahrzehnte weg,
+vielleicht ließ sich noch ein Jahrhundert plänkeln. Sie hatten
+begrüßt, daß man unerhörte Erfindungen unterdrückte und sich
+selbst behauptende Stadtschaften schuf. Aber sie sahen das Aussichtslose
+dieser Versuche. Die Maschine war nicht aufzuhalten,
+das westliche Gehirn nicht umzustellen. Als Leuchtmar Rallignon
+und ihre kontinentalen Freunde in London erschienen,
+staunten die Engländer, strichen ihre schwarzen dünnen Bärte.
+Diese waren unbelehrbar, Kinder. Sie freuten sich an ihnen.
+Die Männer und diese wilde kraftvolle Wieschinska wollten Krieg,
+einen Krieg für ihre Massen. Die alten Herrengeschlechter waren
+doch klüger. Sie hätten in diesem Augenblick alle Waffen und
+Apparate eingezogen, deren sie habhaft werden konnten; hätten
+hunderttausend Menschen, Millionen um sich massakriert. Diese
+hier hatten sich mit den Massen verbrüdert, es gab keine Grenze
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+zwischen ihnen und dem „Volk“. Sie dachten nicht daran, es
+sich leicht zu machen: zu Hause bleiben und alles erledigen. Sie
+ließen sich erregen jagen. Ja, die Buben und Puppen hatten
+geheim vor, gegen sie, die Engländer, das große weise Mutterreich,
+zu kämpfen. Vielleicht mit den Parolen der alten Geschichtsbücher:
+Freiheit, Unabhängigkeit. Waren dumme Eintagsmenschen.
+Man mußte mit ihnen den törichten Weg gehen:
+kämpfen. Es war vielleicht ermunternd. Diese Kontinentalen
+hatten noch den Glauben, einen lächerlichen Glauben an die
+abscheulichen Instrumente, die man versenken sollte.
+</p>
+
+<p>
+Leuchtmar Rallignon Gru Wieschinska Azagga Dongod Dulu
+setzten nach dem Kontinent über. Die östliche Erdhälfte war zu
+bezwingen. Man konnte nicht Feuer nach Gestirnen werfen,
+wenn man nicht einmal den Erdball bezwungen hatte und
+hundert Meilen hinter der Weichsel eine ablehnende Welt lag.
+Es war ein neuer Impuls, der in die tändelnden schwelenden
+Massen fuhr: das Bild einer riesigen Fläche, maßlos hoher Gebirge,
+wimmelnder exotischer Landschaften und Städte. Über
+diese sollten sie fallen, in die sich mischen einschwemmen. Es
+sollte geschehen. Sie hatten die Apparate. Jetzt sollte dies geschehen.
+Man hörte von der ungeheuren unausgeschöpften Kraft
+der Apparate. Mit anderer Seele als vorher wurden die Fahnen,
+Feuer und Gestirne, über die Landschaften der westlichen
+Kontinente getragen. Fiebernde Kraft heizte die Herzen, machte
+die Muskeln steif. Man hielt die Fahne; sie warf alle Willen
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadtlandschaften bewegten sich. Scharen über Scharen
+von Männern Frauen begehrten Einstellung zum Kampf. Mit
+einigen zehntausend Menschen, sachgeübten, war der Krieg zu
+führen. Die Überlegung riet, viele heranzuziehen, zum Beschäftigen
+und Vernichten. In allen Ländern wurde von der
+Führung eine Stelle abgezweigt, die sich mit dem Erdenken
+sinnloser Arbeit für die Soldaten befaßte, die Stelle B, wie sie
+London im Unterschied zu der wirklich kriegführenden Stelle A
+nannte. Die Stelle B wurde rasch mit den klügsten politischen
+Köpfen besetzt, die mit Technikern und militärischen Fachleuten
+in losem Zusammenhang standen. Der Andrang zu dem
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+Scheinheere B war in den westlichen Kontinenten so stark, daß
+die anfänglichen Pläne der Leitung nicht ausreichten. Sie sahen
+vor Kriegsdienste nach früherer Methode; man stellte Kanonen
+her, ließ Verteidigungslinien aufwerfen befestigen, baute auf
+Festungswerken Apparate, von denen man den Kämpfern
+Wunder versprach, an denen sie üben mußten: mörderische Modelle.
+London ging weiter, im Sinn seiner früheren Überlegungen.
+Seine B-Leitung führte starke Menschenmassen,
+Regimenter begeisterter und gefährlicher Männer und Frauen
+auf den wirklichen Kriegsschauplatz, die russische Tiefebene; sie
+hatten furchtbare vergebliche Arbeit zu leisten.
+</p>
+
+<p>
+Die Asiaten gaben die russische Tiefebene nicht frei. In drei
+Staffeln rückten die Westländer vor, überflogen überrannten
+auf Brücken Schienen, die sie in wenigen Tagen vor sich auswarfen,
+aus Polen Rumänien Galizien dringend, Witebsk Mohilew
+Poltawa Cherson. Der Dnjepr und seine Sümpfe lagen
+hinter ihnen. Die Städte dieses Abschnittes waren ihnen nicht
+fremd. Dichter wurde vor ihnen, unter ihnen das Maschennetz
+der Dörfer, Gehöfte, verstreuten Siedlungen. Jenseits Jaroslaw
+Wladimir Woronez Charkow näherten sie sich den Flußläufen,
+die die große Wolga aufnahm, dem Jergenihügel, dem
+breiten Bergufer der Wolga selbst. Im Norden stießen sie auf
+Wjätka Wologda. Da verbrannten stürzten die ersten Fliegerreihen,
+stürzten im Flug aus dem weißen Himmel auf die stille
+Ackererde. Neue rückten nach. Stürzten. Durchschritten nicht eine
+unsichtbar vor ihnen aufgerichtete Barriere. Als Erkundungstechniker
+folgten, stellten sie die Wellen fest, die die Motore in
+Unordnung brachten. Und wie sie noch nach der Art der Wellen,
+Ausgangsort Formel forschten, fuhr am Boden gegen sie das
+Ungetüm aufgewühlter Menschenmassen an. Auf Pferden
+Wagen Karren, die Flüsse herunterschleifend auf Schiffen
+Booten Kähnen, rollten strömten von Osten nach Westen, spülten
+drangen quollen von Norden nach Süden Menschen- und Tierleiber.
+Bestürzte klagende verwirrte Menschen, Männer Frauen
+Kinder Pferde Rinder Schweine, die sie trieben, Hühner, die
+getragen gejagt wurden. Jammernde schreiende zerlumpte
+nackte Einzelläufer. Große stumme drängende Horden,
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+Dorfgemeinschaften, die sich nicht fragen ließen. Betäubt, die
+Gesichter Decken Kleider schmierig. Übernächtig schleppten sie
+sich vorwärts. Konnten nicht achthaben auf die sterbenden Säuglinge.
+Das warf sich am Boden hin, weinte zerkratzte sich Stirn
+und Backen, ließ das Tote mit Erde bestreut liegen, konnte nichts
+begraben in dem nassen Boden, rannte traumhaft gestoßen.
+Das griff, was es hatte und fand, an: Bäume Hütten Bretter,
+warf sich aufs Wasser, schwamm strampelte stöhnte ruderte.
+Das seufzte kreischte, waren Weibermassen, löste sich die Haare,
+riß an ihnen, biß an ihnen, blickte rückwärts: weite wimmernde
+Blicke auf den grauen trüben Himmel, der nichts als Wolken
+zeigte. Hinter ihnen brannte es. Sie schrien. Hatten es nicht
+brennen sehen, aus anderen Dörfern waren Menschen gekommen,
+von weither hatten alle es gehört. Da gewahrten die
+Fremden wogende himmelbedeckende Massen von Vögeln, die
+lärmend und still in gleichmäßigem Zug oder stiebend von Osten
+nach Westen, von Norden nach Süden stießen, dichte Ballen von
+Raben, Heerscharen kleiner Vögel, Bergfinken Tannenhäher,
+vorüberrauschend, mit Zwitschern Rufen Flöten die Nächte erfüllend.
+Der Boden besät mit abstürzenden erlahmenden kleinen
+Körpern. Sie rauschten flirrten pfiffen flibberten in großer
+Höhe. Und das Lebendige der Erde setzte sich mit den Menschen
+in Bewegung. An den Karren hingen Scharen von Fledermäusen.
+Griff man sie, stoben sie hoch, schwirrten mit ausgespannten
+Armen, setzten sich. Am Boden rieselte es zwischen
+den Füßen der wandernden Menschen und Tiere. Die schwarzen
+und grauen Mäuse wimmelten über die Wege, die nassen Äcker.
+An manchen Flüssen bedeckten sie pfeifend die Oberfläche, kleine
+glatte zuckende Rücken, schlagende spiralige Schwänze. Liefen
+Felsen hoch, stürzten herunter, rutschten Rinnen herab, ließen
+sich an Bäumen herunter. Auf und ab die raschen Schatten der
+Jarboamäuse. Menschen, durch Wologda und Wjätka drängend,
+trugen Beile Messer, blutige Wolfspelze an den Wagen. Während
+sie vorwärts trieben, liefen die Bären Füchse Vielfraße
+aus den Strichen hinter ihnen. Das zickzackte huschte kaperte
+schwarz braun grau in Sätzen über die Wege, legte knurrend sich
+in den Staub, verendete lechzend, taumelte, wurde erschlagen.
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+Auf kleinen schwimmfreudigen braunen Pferden Kirgisen, bukajewsche
+Horde von den Salzsümpfen, Gesichter schwarz und
+stumpf. Schnalzten, gaben keine Antwort, peitschten die Pferde.
+</p>
+
+<p>
+Als die Weißen nicht vorwärts kamen, vom Brand gestammelt
+wurde, Dörfer und Siedlungen anschwammen, trieben die Erkunder
+durch die schrecklichen Tier- und Menschenscharen, bewaffnet
+geschützt, auf Pferden. Bevor der nicht zerriebene Rest
+dieser Posten zurückkehrte, war die Barriere in der Luft gesprengt.
+In der Luft über der Wolga schwebend, die dunstende Kirgisensteppe,
+Samara Perm überschauend, sahen sie die von Menschen
+und Tieren wühlende Ebene.
+</p>
+
+<p>
+Im Rücken der Menschen und Tiere aber den großen und unmeßbar
+weit nach Norden und Süden sich umbiegenden Rauch- und
+Flammenwall, der mit sichtbarer Bewegung, langsam und kaum
+pausierend in kleinen Pulsschlägen hinter ihnen herwanderte.
+</p>
+
+<p>
+Feuer Rauch, den Horizont abschließend, keine Lücke lassend,
+die rollende Mauer.
+</p>
+
+<p>
+Soweit sie konnten, näherten sich die Flieger dem Brand, in
+Furcht, von Strahlen gefaßt zu werden. Sahen zuletzt das
+Feuer sich von der Erde mit der Erde erheben, aus dem Boden
+spritzen, Hügel Berghöhen überklimmen, über flaches Land Gebirge
+hochrennen. Es hielt vor keinem Flußlauf.
+</p>
+
+<p>
+Da warfen die Westler sich rückwärts, verließen fliegend fahrend
+die Linie der Wolga. Von Cherson bis zur Waldaihöhe im
+Norden bauten sie sich auf. Sie kannten die Millionen Menschen,
+die in der reichen wasserdurchlaufenen ackerbestandenen Ebene
+wohnten und die, die vor der Feuerwand einherliefen. Sie
+hatten überflogen Mohilew Smolensk Tschernikow Poltawa
+Kiew Jekaterinoslaw; Orel Kursk Kaluga Tula Twer Nowgorod
+Tambow. Das Feuer wanderte von Osten gegen sie, vom Uralgebirge
+stieg es, die Asiaten opferten das Land vor sich, dachten,
+die Westler würden die Woge der Lebendigen aufnehmen, und
+die Feuerwand würde über Europa, zum Balkan, nach Polen,
+an die Ostsee ziehen. Man mußte sich wehren.
+</p>
+
+<p>
+Und wie vom Ural Feuer lief, lief nach fünf Tagen Feuer
+entgegen, von Cherson über Poltawa Mohilew Pskow zu den
+Waldaihöhen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+In die Erde metertiefe Stollen gestoßen, Stollen neben
+Stollen. Blöcke bohrten sich ein, rissen den Boden auseinander,
+die Linie vom grünen Ladogasee bis zum Toten Meer. Wie eine
+große Egge griff es in die Erde, hielt den Kopf gesenkt. Die
+Blöcke warfen unten Sprengstoffe Gase Salze vor sich aus.
+Blöcke über ihnen durchlockerten die Erde, mischten sie mit Gasen
+Salzen, durchdrangen sie mit Hitze. Hochgeschleudert unter
+Donnerschlag rauchte blutflammte die Erde, verzehrte sich geifernd
+in die Luft, aufgehoben in einem wirbelnden puffenden
+Qualm. Lohe Flammengarben sprangen in Säulen aus dem
+bloßgelegten Boden, brannten hinter der qualmenden niederregnenden
+Masse weiß und grün steil in Riesenhöhe auf. Flamme
+neben Flamme wie die Blockzähne der großen Egge, über Wiesen
+Ackerboden, zwischen Dörfern Landstraßen, vom Toten Meer
+zum Ladogasee Cherson Poltawa Mohilew Pskow Waldai. Den
+gleichen wolkenbezogenen Himmel angrellend Tag und Nacht,
+ihn rüttelnd erschütternd mit Stößen zu Donner und Widerdonner.
+Menschen Häuser Steine Hügel Tiere Wälder restlos
+zerklafternd aufhebend hochwerfend verschüttend, Flußtäler zerreißend
+ausfüllend. Die Betten der Seen Ströme sprengte das
+wandernde, Minute um Minute vorrückende, Qualm speiende,
+regnende, sich in Hitze sielende Wesen. In den Sümpfen sprühte
+es, auf dem Moor sprangen die Kreuzkröten, die listigen Salamander
+in die Höhe. Die Wasserfrösche im Schilf duckten sich
+vor dem Rauch, der über die Sumpffläche strich. Es klatschte
+um sie. Wie sie einen Satz nach rückwärts machten, waren sie
+mit Schlamm unter den kolbigen Zehen aufgehoben, um sich
+gedreht, Giftdunst um sie, trockene Flamme, vergasende Erde
+grün aus dem Moor gegen ihre platzenden Leiber.
+</p>
+
+<p>
+Die Egge über Wolhynien und den Bug. Das Landvolk wich
+nach Süden über Jekaterinoslaw auf das Meer, auf die Krim zu.
+Die Egge stach den Dnjepr an. Das mächtige Gewässer stürzte
+randlos nach Osten Westen, schwemmte sprudelte rauschte über
+die zerschnittene abgehäutete Erde, den brodelnden Sumpf.
+Ströme Bäche Seen, ihrer Umfassungen beraubt, kenterten
+über den neuen Boden, Lehm und Morast wälzend. Hinter den
+Eggen liefen die Röhren Gasspender Salzmischer Hitzeatmer.
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+Selbsttätig zog das schnaubende Bergwerk sie hinter sich, entleerte
+sich seiner Spannung und Ladung, nahm ruhend unter
+der vibrierenden Luft, von der Erdlast befreit, die in Geheul
+und Rauch verging, neue Nahrung ein. Stemmte spießte bohrte
+sich unter die Erdmassen, die ihm vorlagen, brach gasend heizend
+explodierend aschend durch unter Bergen Baumwurzeln Stadtfundamenten.
+</p>
+
+<p>
+Blauschwarze Schwaden, niedrighängende, zogen nach Polen
+Galizien Rumänien, wo das Laub an den Bäumen schwarz
+wurde, das Vieh auf den Weiden starb, die Menschen sich nach
+Westen wandten. Im leeren Osten schäumte die grüne Flut
+über der abgetragenen Erde. Unter dem Wasser schütterte,
+bohrte das Bergwerk, riß, riß. In Stößen wallte das trübe
+Element ostwärts. Die Erde in Sprüngen geöffnet, das Wasser
+in die Risse stürzend. Flammen brausten; die Nässe klatschend
+im Schwall dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Im warmen üppigen Taurien tauchten Regimenter englischer
+Soldaten der B-Armee auf. Sie wurden auf Schiffen
+vom Süden durch den Bosporus und das Schwarze Meer getragen.
+Das Schwarze Meer war von Tausenden Seglern
+Booten Lastdampfern bedeckt. Flöße schwammen dazwischen.
+Im Norden nahe den Ufern Herden schwimmender ertrinkender
+Pferde. Vom Asowschen und Toten Meer, aus dem Kaukasus,
+von der Krim selbst quollen die Massen, gestopft durcheinander
+die Ufer erfüllend. Kosaken Kirgisen Slawen mit
+Bauern Priestern Männern und Kindern Weibern, die blauschwarze
+Wasserfläche anstarrend, über sie herfallend. Der Boden
+unter ihnen, Sand Wiesen, schon weggenommen von dem
+schrecklichen pfeifenden Gewühl der wandernden Springmäuse.
+Bei Tag und Nacht kämpften sie mit den Wölfen und Füchsen,
+die hinter ihnen, unter ihnen auf der Flucht waren, sich an den
+Erliegenden mästeten.
+</p>
+
+<p>
+Erschauernd, ihr Grausen nicht überwindend, schlugen sich die
+angefahrenen Soldaten, ihre Schiffe den Flüchtenden preisgebend,
+nach Norden durch, um eine Linie zu ziehen zwischen
+Cherson und Taganrog. Immer wieder auseinandergerissen
+durch das scheußliche über sie fallende Gewühl der Springmäuse,
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+Rudel der tobsüchtigen Wölfe, zuletzt durch die Völkerwanderung
+der Menschen, die sich bei der dichten Annäherung
+des Erdbrandes in Vertierung selbst anfielen. Die Flüchtigen
+ließen es auf einen Kampf auf Tod und Leben mit den Soldaten
+ankommen; sie waren ohne Nahrung, von Schrecken
+Erbitterung Haß verwüstet. Schlecht bewaffnet wurden die
+Truppen zertrümmert. Aber neue aus dem menschenfließenden
+Westreich kamen hinter ihnen und brachen sich, immer fast
+zergehend, Bahn. Sie wollten, zwischen Cherson und Taganrog
+auf der noch unversehrten Erde zwischen den beiden Feuerlinien
+vorgehend, den Brand vom Ural aufhalten. London befürchtete,
+daß nach Ersäufung der ganzen Ebene zwischen Ural
+und Düna keine Angriffsmöglichkeit zu Land bestand; die kontinentalen
+Massen brauchten Angriff und Sieg. Eine Erdmasse
+als Kampftribüne sollte zwischen der östlichen und westlichen
+Wüste, dem ersäuften und erstickten Land, erhalten bleiben.
+Den B-Truppen waren zum Schutz nur wenige technische Einheiten
+beigegeben worden; die Führer hielten den Versuch für
+fast aussichtslos. Das todesmutige dichte Herantreiben von
+Stollen an die uralische Feuerwoge, während die westliche verharrte,
+das Aushauchen reaktionshemmender Gase, Auswerfen
+löschender und vereisender Salze glückte nur an wenigen Stellen.
+Das Tempo des östlichen Vorrückens wurde zuletzt unerhört
+wütend. Die russische Tier- und Menschenwelt, von Osten und
+Norden andringend, im Westen eingeengt, ertrinkend verhungernd
+verbrennend, behinderte an den meisten Orten das
+Ansetzen der Gegenstollen, zerstörte die vom südlichen Wasser
+nachgezogenen Röhren und Kabel. Zu dem Widerwillen gegen
+die Westler trat bei den noch kräftigen Einheimischen blindmachende
+Verzweiflung, Abscheu vor allem Menschlichen, ja
+Lebendigen. Eine Woge von Barbaren und Kannibalen rollte
+nach Süden. Mitgerissen von ihnen, eingekeilt zwischen sie,
+die Truppen der Westler.
+</p>
+
+<p>
+Noch auf der Flucht, nach rechts und links kämpfend, sahen
+die Truppen die westliche Feuerwoge sprengend und lohend
+sich in großen Sätzen erheben und grün der östlichen zulaufen.
+Sie schrien im Bereich der grünen und gelben Schwaden wie
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+die schwarzen Kirgisen und Slawen. Niemand sah mehr den
+andern. Hunderte von der eigenen Feuerwoge im Rücken gefaßt,
+geröstet.
+</p>
+
+<p>
+In der Linie Bardjansk Charkow Orel Kaluga Twer packten
+sich die springenden Reihen der Bergwerke, stießen knallten
+grimmten in einem einzigen Feuertosen zusammen. Verdonnerten
+verzitterten die Bohrer Sprenger Gaser Heizer.
+</p>
+
+<p>
+Dickes schlammiges Wasser sprudelwallte brodelte über ihnen.
+Sie vergifteten es, brachten es zum Sieden Bäumen Spritzen,
+warfen es in Säulen über sich. Es klatschte gischend zurück. Sie
+mußten Ruhe geben. Die Kabel rissen. Die Ladungen rieselten
+lehmig tintig aus.
+</p>
+
+<p>
+Während vom Ural das Feuer lief, vom hohen nördlichen
+Töl-pos-is, dem Kamme des Jamentau, Iremal, beschickt von
+den Gelben, die aus den unendlichen Tannenwaldungen und
+Klüften des Ostabhanges herstiegen, lagen Gasschiffe Riesenboote
+Luftschiffe über dem Ozean im Westen, aufgebrochen aus
+England Irland, dem Golf von Biskaya, von den Kapverdischen
+Inseln, der Guineaküste. Kreuzten das atlantische Wasser Karaibische
+Meer, breiteten sich, die Durchfahrt von Panama verlassend,
+an der weiten Westküste des amerikanischen Kontinents
+im Süden und Norden aus, um dem asiatischen Angriff von
+Westen zuvorzukommen. Die amerikanischen Geschwader schlossen
+sich ihnen an. Unterwasserboote Gasboote, in breiter Front
+die plumpen Arbeitsschiffe zwischen sich fassend, von Abwehr-
+und Kundschafterbooten umschwärmt, durchschnitten das große
+westliche Gewässer, dröhnten an Hawai Paumotu Tubai vorüber,
+zogen bei Neuseeland die südliche Front ein, verdichteten
+sich im Norden, von Neuguinea bis Kamtschatka.
+</p>
+
+<p>
+Da waren sie in ein zauberhaftes Meer gestiegen. Erfuhren
+Beunruhigungen, die sie auf Fehlleistungen der Schiffe, Täuschungsmanöver
+der Kommandanten bezogen. Tauchboote
+Überwasserschiffe begannen ihr Tempo zu ändern, rascher zu
+fahren, rascher rasend, die Richtung zu verändern, zu stocken,
+stillezustehen. Ganz unregelmäßig wiederholte sich das, trat
+hier auf, dort auf an der Riesenfront, die langsam vorrückte,
+einen Gürtel um den Ostabfall des asiatischen Kontinents legte.
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Dann fing es mit einem plötzlichen Ruck, dem Stillstand einzelner
+Schiffe an. Im Wasser hielten Schiffe, wühlten rechts links mit
+Schrauben, bäumten sich, kamen nicht los. Langsam wurden sie
+frei, freier, brausten pirschten auf ihren Gegner, rasten in entfesselter
+Geschwindigkeit, unter dem Wasser, auf der gischenden
+Fläche, fühlten plötzlich, daß sie sich nicht halten konnten, daß sie
+stürzten, eine Kraft über ihnen. Man zog sie, riß sie von vorn.
+Vorn zog man sie, saugte saugte sie. Tosend die Schiffe, wahnsinnig,
+nicht gebunden an das Wasser, von keinem Motor gejagt,
+über die Wasserfläche rauschend holpernd, mit den Seitenflächen
+vorbiegend, fast kenternd, sich überwerfend, schleifend geschleift.
+Bis sie die weiße schwarze Masse sahen, auf die sie flogen,
+die sie bannte, die selbst auf sie flog, die weiße schwarze Bank,
+durch das gischende Wasser anschießend wie sie, das eiserne Schiff,
+mit ihnen Spitze gegen Spitze zusammenprallend, prasselnd sich
+mit ihnen vermählend, schmetternd mit ihnen verschnürt zerfallend
+absinkend.
+</p>
+
+<p>
+Das Geschwader der Philippinen hatte sich Mindanao genähert.
+Deutlich bewegte sich von Osten eine Gruppe flacher
+feindlicher Schiffe. Die Westlichen hatten im Augenblick die
+Motore des asiatischen Geschwaders gelähmt; die flachen Schiffe
+küstennah standen unbewegt wie eine Linie Soldaten. Wie
+Reiter stolz aufgebäumt raste das weiße Geschwader gegen sie
+im Keil. Die Wellen geschlagen schäumten festlich. Das vorderste
+Schiff stürzte plötzlich, die Spitze des Keils. Knickte ein, stand
+nicht auf, sank ins Leere. Die nächsten Schiffe rückten an, knickten,
+ihr Deck unter der Meeresoberfläche. Verschwanden wie in
+Löchern des Meeres. Als wären sie Pferde, empfingen Schnitte
+in die Sehnen der Knie, waren, auf dem Bauch liegend, verschwunden.
+Schiff nach Schiff. An der Küste die Linie des gelben
+Geschwaders. Der Keil stürzte weiter. Das Wasser wurde
+unter den Schiffen weggerissen. Das Fahrzeug sank in die
+Wasserspalte. Die Spalte, ein Trichter, weitete sich rechts und
+links kugelförmig. Das Schiff, stürzend torkelnd, am Boden der
+Wasserschlucht von den herabschießenden Wellen umgeschlagen,
+wurde begraben, während das Wasser über ihm sich zusammentat,
+stürmisch aufhob und glättete.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+Das rollende Meer wurde ihnen unter dem Kiel weggerissen.
+Stürzend ins Leere, in die Lichte von weiten Schornsteinen
+kamen sie nicht wieder hoch. Das weiße Geschwader fing zu
+stutzen an. Während es zögerte, riß das Meer weiter rechts und
+links auf. Sie schlichen um die tosenden Abgründe. Dies und
+jenes stürzte noch. Wenige rasten rückwärts.
+</p>
+
+<p>
+Vom westlichen Kontinent kamen über Amerika Berichte.
+Der Feuerkrieg am Ural stieg vor ihren Augen auf. Unruhe
+über den Geschwadern. Die Führer berieten über Maßnahmen
+gegen den auffälligen Druck, der sich der Besatzungen bemächtigte,
+als Befehle von London über Neuyork liefen, zurückzukehren
+bis auf den Küstenschutz. Den Pazifik überflohen sie in
+breiter Linie. Am Ostabfall Amerikas hielten sie; asiatische Angreifer
+hingen auflauernd über der Küste. Die Westlichen waren
+froh; sie gönnten ihren trüben Besatzungen das Abenteuer. Die
+Gelben flogen; man ließ sie sich nähern. Wie die Gelben das
+Meer den Schiffen unter dem Kiel weggerissen hatten, dachte
+man ihnen die Luft wegzureißen. Raketen in der Finsternis von
+den Borden der weißen Geschwader vor der Küste. Sie tasteten
+die kleinen Flieger ab, die im Schutz ihrer Abwehrwaffen in der
+Luft leicht pendelten, die schwebenden breiten Bollwerke der
+Lastluftschiffe, die die Größe der weißen Arbeitsschiffe hatten.
+Von dem Kranz der Raketen wurden schwarze Gebilde hochgetragen,
+die wie Ketten zwischen ihnen schwankten. Wie die
+Raketen zu glühen begannen, dumpften Schläge: die Böenbomben
+an den Ketten explodierten. Von oben nach unten zersprangen
+sie, wühlten die Luft beiseite, mit jedem Schlag sekundlich
+dem früheren folgend, stießen keilten sie die Luft weg. Wie
+ein Schwimmer, der auf dem wippenden Sprungbrett steht,
+die Knie beugt, sich zum stolzen Niedertauchen rüstet, das Brett
+kracht, er torkelt kippt sich überschlagend, mit den Armen leer
+greifend, klatscht bäuchlings unter Stöhnen auf die spritzende
+Wasserfläche, so hingen die gelben Flieger und Luftschiffe,
+sprung- und wurfbereit. Die Füße ihnen abgeschlagen. Wehrlos
+unwissend, was mit ihnen geschah, klafterten sie abwärts,
+wirbelten um sich in der finsteren brausenden Luft, schlugen ins
+Meer, Münder geöffnet, Finger gekrümmt, träumend erwartend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Die gelben Flieger, sich zurückziehend, sammelten sich bei Tag
+wie Raben am Panamagolf. Finsteres Gewimmel den Rio
+Chagras entlang, von der Limonbucht bis Panama. Sie wechselten
+jeden Augenblick die Höhe; die Schiffe des weißen Geschwaders
+traten in die Schleuse von Miraflores, Padro Migual.
+Man riß aus den Fliegern mit tosenden Böen Punkte Ballen
+heraus; sie drangen verstärkt zusammen, auseinander. Einzeln
+tauchten sie herunter, schienen sich bald auf Colon, den Endpunkt
+des Kanals, bald auf die erste Schleuse zu konzentrieren. Dann
+sausten die Raben in ganzen Scharen auf die Hügelketten um
+den Kanal, im Angesicht der fahrenden Schiffe. Hockten rechts
+und links, als täten sie nichts. Hastig die Schiffe durchgeschleust,
+Paraiso San Pablo Soldado passiert. Unbelästigt liefen die
+Weißen an Bohio Soldado vorbei, bei Colon aus, sammelten
+sich, warteten in der Limonbucht. Schiff um Schiff schleuste
+durch. Die neu auslaufenden empfingen da zu ihrem Staunen
+kein Zeichen von den wartenden. Eine stumme Schar von
+Schiffen sammelte sich, wartete; immer mehr verstummten.
+Die neuen glaubten, die Maschinen der anderen seien gestört,
+booteten, flogen zu ihnen herüber. Und wie sie anstiegen, landeten
+aus der Luft, lagen und gingen da – lachende Menschen.
+Salven Gelächter schlugen ihnen entgegen. An den Masten,
+über den Bordrand hingen sie, ausgestreckt, hier und da, schlafend
+schnaubend. Sie winkten sprangen herum mit eingezogenem
+Leib, als würden sie von einem fürchterlichen Kitzel gereizt,
+brüllten aus vollem Halse ihr Gelächter aus, auf Fußspitzen
+tanzend. Mit dem Kopf an den Masten standen welche, den
+Kopf auf die Brust gesenkt, nach rückwärts gegen das Holz gedrückt.
+Seitwärts mit den Fahrtbewegungen ihr Rumpf schwankend.
+Sie schmunzelten in süßer Lähmung, spielten mit den
+Fingern, rutschten sachte mit den Füßen aus, saßen fielen um,
+lagen prusteten. Die Mehrzahl der Männer und Frauen schlief
+in einer irren Wonne. Die angebootet kamen, konnten die schlafsüchtigen
+Leiber schütteln; sie rissen die Augen auf, blutunterlaufene
+Augen, geplatzte Adern in der Weiße, plump verzogen
+das gedunsene Gesicht zu einem vertraulichen Grinsen. Kichern
+Gurgeln Grunzen aus dem verklebten weit geöffneten Mund;
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+sie legten sich sanft um. Die Menschen, die sie rüttelten, gingen
+nur eine kurze Weile, fühlten sich genötigt, selbst zu bleiben, zu
+grinsen gähnen, vor sich hin zu lächeln, zu niesen kichern und
+dann zu lachen, daß das Zwerchfell schmerzte. Sie schmetterten
+ihr Lachen von neuem, von neuem, husteten verschütteten
+ihre Lungen, fühlten sich selig, müde und müder. Einige
+fanden die Kraft, auf ihre Schiffe zurückzukehren, wo das
+Kichern schon begann. Dann flogen Meldungen über die Meerenge.
+Auf den Hügelketten um den Kanal hockten die Raben,
+wechselten gelegentlich ihren Sitz. Flieger der weißen Geschwader
+warfen sich über sie. Wild schwirrten sie hoch, auf der
+Flucht vor den Böen. Das Kraftwerk von Cartagena setzte ein.
+Die gelben Flieger waren im Bereich seines elektrischen Feuers,
+im sprühenden Geflecht der Wellen Cartagenas. Ein unsichtbares
+Gewitter umfaßte sie, schleuderte sie auseinander. Als
+wären sie sehnsüchtige verliebte Tiere, benahmen sich die Apparate,
+die unterhalb der Strommassen liefen. Schwankten
+zitterten stiegen auf unter, rissen sich ab, zuckten hoch. Sie
+schlingerten warfen drehten sich, ihre Propeller arbeiteten blind.
+Sie waren gefangen wie Fliegen im Spinngewebe. Die Gelben
+stellten ihre Motore ab; nur wenig sackte die Maschine, dann
+hing sie fest, ja stieg stieg. Sie sahen von unten das Schauspiel
+der Maschinen, die bewegungslos in der Luft hielten, als lägen
+sie auf dem Meeresgrund. Motore sah man laufen und stehen.
+Unwiderstehlich die Randstrahlung des Gewitters. Sie vermochten,
+nach stundenlangem Drängen Spannen, die schweren
+apparatebeladenen Flieger, die den Kanal zerniert hatten, nicht
+in das Meer zu stürzen. Nur einige schnallten sich los, warfen
+Kleider in die Luft, sprangen nackt aus ihrem Apparat, der im
+Schwung nach oben schoß. Willenlos schaukelten die übrigen in
+den stählernen Kästen. Stiegen ruckweise höher höher in die
+aschestreuende Zone, waren urplötzlich gefaßt, kilometerweit nach
+vorn gestoßen, durchbohrt, durchlöchert, zerfressen, mit kleinem
+weißen Licht aufflammend, zerfallen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> Rumänien Polen Deutschland fuhren Beobachter nach
+dem Osten. Über das Atlantische Meer kamen die trüben Geschwader.
+Zahlreich die Schiffe, die auf der Einfahrt zugrunde
+gingen, an den Antillen den Bahamainseln. Tiefer Mißmut
+zwang sie zurückzubleiben. Weigerten sich nach dem alten
+Kontinent oder Amerika zurückzukehren. Angriffe von Teilen
+des Geschwaders, Schiff gegen Schiff, wurden beobachtet.
+</p>
+
+<p>
+Die Westgrenze der Verwüstungszone fuhren Kundschafter
+ab. Sie flogen wanderten fuhren auf Booten. Das unabsehbare
+Überschwemmungsgebiet. Einebnung der Landschaften.
+Wo die Wälder Wiesen Blatt- und Grasgrün Ähre Blüte
+laufendes Tier singender Vogel? Schwarzbraun grünlich
+fließende Seen, auf denen gesplitterte Baumstämme mit Wipfeln
+Wurzelwerk schwammen, Teile von Tieren und Menschen,
+unter der Giftwirkung mit hellroter und rosa Farbe. Gelb verbrannte
+zerbrochene Bettladen Schaufeln Schlittenkufen im
+dicken Gewirr der Oberfläche hinziehend, zu weiten Anhöhen
+über dem Morast aufgestapelt, spitze Kegel, abgeplattete kilometerbreite
+Pyramiden: der Ort von Städten und Dörfern. Zusammengepflastert
+Steinblöcke Häuserreste Lehmmassen Eisenteile
+Räder Fensterladen. Die breiten Krater der Schwarzerde,
+wüste Steinhaufen um Charkow und Kursk. Unterpflügt
+umgeworfen fein gemahlen der Boden, der ruhte, aus dem kein
+Halm trieb, über dem kein Regenwurm sich bewegte, keine
+Ameise lief. Starke Hügelgruppen am westlichen Ufer der südlichen
+Wolga von der Egge der Bergwerke gefaßt; die Wolga,
+im Osten meilenweit ins ehemalige Kirgisenland flutend,
+spritzend nach Westen aus Sieböffnungen über das tiefliegende
+Land. Die Wandungen des Siebes bröckelten ab; die Wolga
+brach nach Westen durch.
+</p>
+
+<p>
+Über die Wolga drang kein Kundschafter. Manche verkamen,
+ließen die Vorsichtsmaßregeln außer acht. Schwer
+mit unklarem Schmerz beladen kehrte Gruppe nach Gruppe
+zurück. Trübsinnig grambepackt fielen sie in die östlichen
+Städte wie Meteore, die im Niedergehen ihr Feuer von sich
+geben.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+Englische und kontinentale Stadtreiche hatten gegen Ende
+des Krieges getan, was zu tun war: Massen ihrer Bevölkerung
+von sich geworfen, in die unmäßig anwachsende B-Armee, die
+man erbarmenlos dezimierte. Man markierte asiatische Angriffe
+durch Fliegermassen, riß tausende Wehrlose auf den brachliegenden
+Feldern Rumäniens und Polens hin. Man erprobte
+auftauchende Waffen am lebenden Objekt. Auf zehn gelbe
+Flieger, die vor Panama an der Küste unter Böen und Raketen
+herabgerissen wurden, kamen hunderttausende weiße, die die
+Kraft der Böen erprobten. Schneidend und bedenkenlos die Diktatur
+der verzweifelten Herrscherschichten. Als zwischen dem
+Toten Meer und dem Ladogasee, über Cherson Poltawa Mohilew
+Pskow Waldai der sprengende Bergwerkgürtel gelegt
+wurde, dem asiatischen gegenüber, war er in der Walachei
+der Poebene Westfalen Wales schon mehrmals über den Boden
+gegangen, hatte mit Gift und Explosion Regimenter der
+Überflüssigen gefordert.
+</p>
+
+<p>
+Über die unerschöpflichen spielklügelnden Städte fielen da die
+Nachrichten vom Krieg. Die Kundschafter, finsternistriefend,
+ließen sich in die Menschenmassen nieder. In London, englischen
+und kontinentalen Stadtschaften wurde in diesem Augenblick die
+Diktatur offenkundig. In London bedurfte es keines Kampfes.
+Mit zwei drei Schlägen bemächtigte sich Rallignon und seine
+Kampftruppe der gesamten Ernährungs- und Bewaffnungsanlagen
+von Paris Lille Châlons Orleans. Die Wieschinska, das
+Weib, bei der Durchschleusung des Panamakanals unter die
+nervenlähmenden Strahlen der Japaner gekommen, gehörte zu
+den wenigen, die sich nach kurzem Siechtum erholten. Sie behielt
+Geist und Willen: Beine hingen im Stuhl schlaff von ihr;
+sie beseitigte, mit ihrem noch gespannten strahlenden Gesicht,
+ihrer machtvollen tiefen Stimme die Menschen an sich fesselnd,
+den zögernden Senat ihres Gebietes, vereinigte Werke und
+Waffen in ihrer Hand.
+</p>
+
+<p>
+Über allen wartenden getöserfüllten Städten erschien in
+diesem Augenblick das Gesicht der toten Landschaften. Unverhüllt
+erschien es. Hatte niemand Lust, etwas zu verbergen.
+Keine Niederlage war gemeldet. Sondern nur: es hatte sich
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+nichts geändert. Die Jungen, Männer und Frauen, die Führer
+hatten die Fahne erhoben, geschrien von ihrer Kraft. Das Feuer
+aus der Erde, zwischen den Händen der Menschen, zu den Gestirnen
+aufbrennend: da war es, in der russischen Ebene, vom
+Ural bis zu den Waldaihöhen. Das Land zerrissen, Flüsse entleert,
+Menschen Bäume Tiere verzehrt. Das grauenvolle tote
+Land. Das war das Werk der Jungen mit den Standarten.
+Das konnten sie. Das war das Geheimnis der Apparate, die
+wunderbaren eingesperrten Naturkräfte in den Gewölben. Die
+Rückkehrer der Flotte meldeten, daß es keine Fabel war, was die
+Techniker und Gelehrten erzählt hatten von den Luftböen den
+Wasserböen Kurz- und Langstrahlern Brandsprengern. Aber
+nichts war zu leisten damit. Man lief um die Städte wie vorher,
+hatte Treibhäuser für Blumen Spiele Zirkus. Was sollte man
+damit? Versagt hatten die Jungen, die Herren und Herrinnen.
+Lächerlich ihre Fahnen. Die Erde konnten sie zerreißen, Städte
+vergiften. Wenn sie wollten, konnten sie auch die westlichen
+Landschaften vernichten.
+</p>
+
+<p>
+Die Kundschafter vom Osten waren Menschen aus der Mitte
+dieser Städte. Man ließ sie ruhig unter die Massen. Es waren
+die Träger dieser Augen, sie hatten solche Gesichter, flüsterten
+wie Wahnsinnige, gellten warfen die Arme, bedeckten die
+Augen. Diese Landschaften, die aus den Betten gerissenen
+Riesenströme. Wälder Äcker Gewimmel von Tieren und Menschen:
+weg. Es gab Städte, in denen Attentate auf die Boten
+gemacht wurden, in hilfloser giftiger sich selbst zerreißender Wut,
+weil sie ihnen dies angetan hatten. So tief waren manche
+Boten, frieden- und spielgewöhnt, weich wie die Massen, von
+Grauen und Angst ausgehöhlt, daß sie durch die Straßen nur
+liefen weinten. Als hätte man sie bestraft und sie klagten deshalb,
+forderten Sühne, erzählten ihr Unglück, so liefen sie auf
+die Bühnen, in die Säle Ratshäuser und riefen. So hat der
+Held in dem alten Gedicht geschrien, als ihm sein lieber Freund
+erschlagen war, die Leiche geschändet und entblößt. Es war ein
+Rest des Schreies der fliehenden Tier- und Menschenscharen vor
+der Feuerwoge vom Ural, der Tausende vom Asowschen und
+Toten Meer, die zusammengedrängt, Kosaken Kirgisen Slawen,
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+Bauern Weiber, die blauschwarze Meeresfläche anstarrten,
+während unter ihnen der Boden von dem wandernden Getier
+fortgenommen wurde, klatschend lohend in ihrem Rücken die
+Brandlinien anrollten. Überall schüttelten sich die trüben gemästeten
+Massen in der Qual des Verlorenseins. So tost der
+Vulkan und rast glücklich, voll Hohn und Wonne, daß schmerzliche
+Kräfte in ihm aufsteigen, die glühende Lava, von der er sich befreit,
+die er breit deckend über die Erde gießt. Die Landschaften
+hätten die Herren verbrennen können; sie wollten sich über die
+Herren gießen, Rache nehmen. Wo Stadtlandschaften nicht
+durch starke Senate gesichert waren, erfolgten lauffeuerartig Revolten
+Zertrümmungen von Straßenzügen Werken.
+</p>
+
+<p>
+Nach diesen Vorgängen wurde kein Friede zwischen dem westlichen
+Völkerkreis und den Asiaten geschlossen. Es geschah nichts.
+Der Krieg war zu Ende, wie ein Tier, das einen Beilhieb in die
+Halswirbelsäule empfängt.
+</p>
+
+<p>
+Die Staaten schnurrten zusammen. Jede Stadtlandschaft
+kämpfte um ihr Dasein.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-4">
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+<span class="line1">Drittes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Marduk</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">uerst</span> kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder
+bei den technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen.
+Anfliegend aus der schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden,
+verendenden Pferden Hunden Füchsen Katzen, über
+das verödete Bessarabien, die stillen Beskiden fuhr er. Als er
+sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau senkte, hatten
+sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den herbstlichen
+Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone
+waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging
+unter dem Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie
+hinter sich. Rief, dessen braune Kleider den scharfen Geruch
+der Gase und des Brandes von sich gaben, seine beiden Töchter,
+forderte von ihnen, nachdem er sie unbewegt lange beschaut
+hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des starren Mannes,
+– daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde seine Starre
+durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“
+Eintönig und immer wiederholt seine Frage. Er sprach das
+hier übliche Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem
+unverständlichen Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien.
+Die Töchter warfen sich vor ihn auf den Boden, weinten
+ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen holten sie; er sah sie nicht an.
+Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe über die Stirn hochgeschoben,
+drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ „Warum?
+Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch.
+Dann stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht:
+„Ihr – habt nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder
+zwei. Ich auch nicht. Wir haben nichts getan. Alle müssen
+hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, den er sich abgeschnallt
+hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas niederpeitschte.
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte das Weinglas,
+das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem blonden
+schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer
+Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere
+hielt sie zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke
+stellte das Glas vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel
+wagerecht hin und her, schlug es vom Tisch herunter. „Ich will
+keine Luft mit euch. Es war nicht nötig, daß ihr in mein Haus
+kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. Hier ist meine Luft. Ihr
+müßt weg. Alle. Tötet euch.“
+</p>
+
+<p>
+Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie,
+an sein Fenster tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg.
+Weg müßt ihr, sag ich euch.“ Er gehörte nicht zu den Herrschenden,
+Leuchtmar, der in Hamburg getötete, hatte ihn nie
+gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich voneinander,
+verstanden nicht, was er wollte.
+</p>
+
+<p>
+Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig
+schlief. Sie glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen.
+Während sie sich über die Stuhllehne zu ihm bückte,
+schwoll ein Grauen von ihm auf sie über. Eine Weile saß sie noch,
+dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte den Kopf heben, die
+Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße aufdrücken, aufstehen,
+gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie ging zur Tür.
+Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen Riegel,
+steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich
+wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die
+Schlinge gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen
+den wankenden Stuhl stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib
+die Knie und die Arme. Zum dargebotenen Hals, der sich an die
+kühle anschnellende Schlinge legte, rann die schreckliche Lust herauf.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er
+wollte vom Bett hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen
+nicht auf. Seine Arme, die nach der Bettkante griffen, knickten
+krampften zusammen. Er hielt den Kopf in der Richtung auf
+die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam vermochte er zu
+schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, zu
+schnarchen, zu stöhnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden
+auf der Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden,
+– rief die Tochter, die im Nebenraum schlief, herbei. Sie sah
+nicht, warum er keuchte lallte. Verfolgte seinen Blick. Schwankend,
+hoch die Luft aufziehend, hinsinkend, sich hinschleifend war
+sie an der Tür. Stürzte mit der abgehobenen Schwester vom
+Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der Bettkante. Seine
+nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf sich
+die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen
+Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen
+wurde, blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters.
+Der war stürmisch durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem
+Rücken krampften die Zuckungen Jourdanes nach, während sie
+hing. Immer schnellten seine Beine an, wollten sich seine Knie
+krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, fester.
+</p>
+
+<p>
+Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder
+erstarrender drohender verlangender Ausdruck gegen Janina.
+Die ließ ihn los. Ihr Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen.
+Auf die Schwester lief sie, löste ihr den Gürtel vom Hals, hielt
+ihn, kniend, über die Schwester wegblickend, in der geballten
+Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der sie auf den Mann
+losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der Rechten,
+um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar
+durch das Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm
+anzutun, was sie konnte. Das Scheusal, das die junge süße Erhängte
+getrieben hatte. Da fühlte sie seine Augen. Er saß noch
+immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: bald zitternd
+zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald schmerzgespannt.
+Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie
+krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt,
+verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen
+Moment. Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein
+Ausdruck wurde drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und
+Spannung, vor der Schwester, die auf dem Teppich lag, das
+Gesicht mit dem offenen Mund nach oben, die Knie an den Leib
+gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der weißen Hand; sie hatte
+die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter ihrem Rücken
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel.
+Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte.
+Sie sollte erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des
+Vormittags neben Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten
+Brust, die Beine angezogen. Umschrien von den beiden alten
+Frauen. Marke saß noch immer auf der Bettkante. Stöhnte
+leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. Zog sich
+gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte
+Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen
+Fleisch schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang
+wortlos im Zimmer, die Faust an der Brust.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen
+Straßen im aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften
+sichtbar werden zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana
+der Wüsten war das Vorbild gewesen. Die Wissenschaft hatte
+ihr Geheimnis entdeckt; künstliche Wolken waren die Träger der
+Erscheinungen, Empfänger der über Prismen und Spiegel hingeworfenen
+lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen
+augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten
+Rauch der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone
+dröhnten an diesem Abend. Der Bildrauch wirbelte
+auf den Plätzen, in den Anlagen, im Zirkus. Marke erschien.
+Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare grau, Strähnen
+wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. Vernichtetes
+Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern
+aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust
+hielt er lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden
+verwünschenden Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken
+stoben viele Menschen davon. Sein Mund öffnete sich.
+Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich lebe.
+Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“
+Er schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf,
+das Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden
+Fäusten, schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust,
+ohne daß sich sein Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden
+Hin und Her der Starre, des aufgelösten flimmernden Vibrierens.
+„Das bin ich.“ Die Menschen, die am Boden die
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft
+verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur
+im dicken unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge;
+immer trat die Figur wieder hervor. Man sah das Eisenstück,
+das er vom Gitter seines Balkons brach, das er gegen seinen
+eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, das er gegen seine
+eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn rechts
+links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln
+Gröhlen Röcheln aus dem Megaphon.
+</p>
+
+<p>
+Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder
+vom Uralischen Krieg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis
+Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke
+standen. Nur die notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten
+wurde gepflegt. Wie abgehetzte Hunde mit lechzenden
+Zungen und grade von sich gestreckten Gliedern lagen die Herren
+der großen Werke, rührten sich nicht. Es konnte keiner verhindern,
+daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt wurde:
+Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach
+nicht. Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft,
+verlangte eintönig und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten
+sich in diesen Wochen, hier wie in anderen westlichen
+Städten, kräftige Männer und Frauen.
+</p>
+
+<p>
+Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß
+Marke in seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze,
+die ihn umgab, seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der
+der Riegel war.
+</p>
+
+<p>
+Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete
+hin, griff nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn
+an Knien und Hüften. Tastete sich langsam langsam an seiner
+Brust hoch mit so großer Weiche. Wonnig ließ er es geschehen.
+Er hatte gar keine Furcht.
+</p>
+
+<p>
+Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die
+streichelte über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit
+ihr. Sie hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+auf der Bettkante neben ihm. Er fühlte ihre kühle Wange.
+„Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte sich nicht. „Vater.
+Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt immer still.
+Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ nicht
+von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder
+sind durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind,
+Vater. Ihr guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch
+sterben, Vater.“
+</p>
+
+<p>
+Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will
+sie rufen, Vater.“
+</p>
+
+<p>
+Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er
+allein. Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung
+an seinen Schultern, seiner Stirn, ein langes zitterndes
+Anpressen an sein Gesicht. „Janina, bist du Janina?“ Das
+antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, schluchzte:
+„Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“
+„Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“
+An seinem Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo
+hast du Jourdane gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“
+„Komm öfter, Janina.“ „Wir sind so oft da, Vater.
+Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du fühlst uns nicht.“
+„Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie ein Mast
+im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den
+Töchtern zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt,
+sprach sanft zu ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm
+sein. Aber leise gehen, damit er Jourdane und Janina höre,
+wenn sie kämen.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd
+saß er im Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den
+alten weinenden Frauen die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und
+Farbigen ließ er sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke
+gab nach kurzem Zögern dem Drängen des Senats nach.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin.
+</p>
+
+<p>
+Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden
+die Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden
+Staaten. Nur die wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren
+Erhaltung der Volksmassen dienten. So die für
+die dynamische Kraft, die, in Skandinavien und den Alpen aus
+Wasserstürzen für den ganzen Kontinent gewonnen, herströmte.
+Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst die chemischen
+Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten niederlegen,
+– vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht genügten.
+Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus
+auf die Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller
+Überflüssigen. Sein Konsulat begann mit der Wehrlosmachung
+der Stadt. Den Mastenwald an der Peripherie zum Fernschutz
+brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung und
+Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die staunenswerte,
+das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen,
+Senat und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der
+zentralen Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar
+geschützten, für heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als
+dies geschah, wußte Senat und Volk, daß sie eine Gewalt über
+sich gesetzt hatten. Die von fernher laufende Kraft wurde schon
+außerhalb des Weichbildes der Stadt zersplittert; sie lief von
+mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr zur Verfügung
+als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden Versuch
+eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere
+der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand,
+verloren sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden.
+Aus diesen Kreisen Verstörter wuchsen die späteren Feinde des
+neuen Stadtwesens.
+</p>
+
+<p>
+Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene
+zwischen dem unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die
+lehmige tonige sandige Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte,
+vom roggentreibenden Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden
+bis zu den wiesenreichen seenbestandenen baltischen Landrücken
+an der Ostsee. Es schloß Sümpfe Wälder Flußläufe in
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker Niederung, die
+Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, das
+Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow-
+und Rietzer See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im
+Osten. Das flache Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen
+seine Anlagen, Schwedt und Prenzlau im Nordosten, die das
+sumpfige Höhenland der Uckermark im Nordosten trug, überlief
+es mit seinen Außenmarken.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige Straßenkreuzungen.
+Mächtig wirkte an den großen öffentlichen
+Stellen das feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen
+war. Ein armlanges Messer stak in seiner linken Flanke.
+Einmal am Vor- und Nachmittag brüllte die Säule, stark wie
+eine Schiffsirene, täuschend ähnlich in Schrei und gliederlähmender
+Angst dem Ton eines sterbenden großen Tiers. Sie
+brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener Stadtgegend.
+Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen,
+die nicht dringend war.
+</p>
+
+<p>
+Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen.
+Nach Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung
+der Zentralen, Eröffnung der Äcker überließ Marke, mit
+dem Senat nur der Kontrolle dienend, die Stadt sich. Jeder
+lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. Ihnen boten
+sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen Herumlungernden
+war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von
+der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische
+Ernährung, das teuflische Menschenwerk gepredigt; die
+Wut finsterer Lehrer richtete sich gegen die geschonten Laboratorien,
+in die Tonnen mit Salzen Säuren Metallen einfuhren,
+aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere und Pflanzenleiber,
+in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte
+dienten.
+</p>
+
+<p>
+Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich
+wallten Menschen dahin, wo der hagere skeptische weiße James
+Maikotten mit ihnen sein Frage- und Antwortspiel anfing: Was
+sie vorhätten. Was sie von diesem blinden Konsul Marke erwarteten.
+Ob sie glaubten, daß die Welt besser würde, wenn
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er empfehle
+Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die
+Hoden abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig
+Jahren die Erde besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein
+paar Häuser noch von alten Leuten bewohnt, aber wilde Tiere
+kommen schon wieder; die Erde beruhigt sich, die verkehrte Art
+Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht Erholung von den Menschen.
+Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der Mensch. Surrur
+hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu hoffnungsvoll.
+Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. Sie
+vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu.
+Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels
+Halsumschlags; der Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag!
+Warum nicht gar gute Worte? Das Gift wird doch deutsch und
+englisch verstehen und sich zureden lassen und seiner Wege
+gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines blinden Konsuls
+sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er kleide sie
+gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten
+Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit
+vorhanden waren. Der Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher
+Nahrung stieß sie ab. Sie lachten in allen westlichen Stadtlandschaften,
+schüttelten die Köpfe, wenn sie den zarten und nach
+Belieben abwechselnden Geschmack ihrer Mekispeisen verglichen
+mit dem penetranten Geruch eines gebratenen Tiermuskels,
+eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der Mekispeisen,
+die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack
+Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es
+wäre den Menschen, die schon in dritter und vierter Generation
+künstliche Nahrung zu sich nahmen, schwer geworden,
+zur natürlichen Kost zurückzukehren. Ihre Mägen sonderten
+schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung tierischer
+Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die
+großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht
+hätte die Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll,
+ja eisern machen können. Aber ohne zu wissen, was sie
+taten, wählten sie, wie sie herumlagen spielten sich wenig
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+bewegten, die mästende lähmende fette süße Nahrung. Ihre Glieder
+wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu in
+den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen
+die Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven
+Furcht flohen immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische
+Gruppen, und verbarrikadierten sich gegen die Europäer:
+sie mochten nicht so werden.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde
+umgab sich mit wenigen Männern, die er oft in steigendem
+Mißtrauen wechselte. Frauen wies er von sich, aber gerade
+Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte sich in eine apostolische
+Starre hinein. Seine Zustände mystischer Verworrenheit
+wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges waren
+bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen
+nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen
+Vertrauten und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse
+Kirchen Tempel der Sekten. Er hielt diese Dinge für so wichtig,
+daß er zuletzt fast wöchentlich die Prediger und Lehrer um
+sich versammelte, sie anhörte, sie darauf hinwies, das Volk mit
+den frommen überirdischen Gedanken zu durchdringen. Er, dem
+die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich über die Ohren
+fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. Nichts
+hielt er für so wichtig wie dies.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden
+vermehrte. Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien
+prüften und studierten, hielten ihre alten Vorstellungen
+verschwiegen fest. Eine Fronde bildete sich aus ihnen, Angehörigen
+der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, besonders
+in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich
+lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die
+Dekrete zur Überwachung der sich wieder regenden Technik,
+zur Ausbreitung der Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung
+der Fabriken und Rückkehr zum Ackerbau, zur Viehzucht
+an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den Chef seiner Spitzelpolizei,
+einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen sie zu
+ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die
+Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen,
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+Besitzer und Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure,
+die sich heimlich Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig
+nach und nach geöffnet. Man ließ aus fremden Stadtgebieten
+Verbannte hinein.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn
+wochenlang unter dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen.
+Er war eigentlich Gefangener des Chefs seiner
+Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein weißer Bart wild das
+pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem Bett, diktierte,
+gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er
+träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die
+Stadt in sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen
+mit Forderungen nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung.
+Ließ keinen Arzt zu sich. Ein endloser Todeskampf.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen.
+Die Fronde trat überall hervor. Sie erlebte eine
+ungeheure Enttäuschung.
+</p>
+
+<p>
+Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem
+Ratsgebäude führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus:
+„Ihr seid entlarvt. Wir haben euch schon gesehen und
+erwartet. Es soll alles noch einmal anfangen. Ihr glaubt, ihr
+seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr werdet es durchsetzen.
+Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist unser Geschick.
+Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat keinen
+Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir,
+so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen
+wieder ein. Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind,
+haltet euch nicht mit Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen
+ja doch, wohin der Weg geht. Und es ist gut vorgesorgt, daß
+es diesmal rascher geht als zur Zeit des Krieges, des letzten Krieges,
+des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig Jahr. Ich freue
+mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu sterben brauche.
+Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es wird mir
+abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für Überraschungen
+geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern,
+auf ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe
+an. Da steckt es drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und
+zischte. „Kennt ihr die Spree und die Havel die Oder die
+Elbe? Ich denke, das ist es, was sie anbeten. Das sind die Götter
+dieser neuen Regenten. So sollen wir werden. Matsch und Lehm,
+dickes und dünnes Wasser. Recht auseinandergerissen zerpreßt.
+Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch nicht aus dem Kopf genommen?
+Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter Mann bin.
+So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen,
+so haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine
+Neuigkeit. Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird
+ganz neu sein, aber ihr seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da,
+du bist doch schon tot, am Asowschen Meer bist du gestorben mit
+der B-Armee, es war eine schöne Armee, sie war deiner würdig.
+Da bist du schon wieder lebendig. Deine eigenen Entdeckungen,
+dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es gefällt dir so gut,
+du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist nicht die
+Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? Elise
+Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, wer
+bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht
+nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen
+hier; du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist.
+Welche Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen.
+Wie komm ich nur zu solchem Glück! Mit meinen
+weißen Haaren noch solches Glück!“ Er gestikulierte neben dem
+Megaphon; man verstand ihn nicht. Man begütigte ihn; unten
+standen manche, die nicht die Augen heben konnten. Er schrie:
+„Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? Ist
+er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen,
+oder ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er
+hat sich die Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während
+sein lappiges Gesicht glührot überflammt war, die Augen ihm
+hervorquollen, fuchtelte krächzte: „Zur Wahl! Der neue Konsul!
+Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist eben zu Ende.
+Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste!
+Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+gesehen haben. Der Euphrat fließt noch, die Grundmauern
+stehen da, man findet noch Ziegel, es gibt alles. Das Land aber
+in Rußland ist verwüstet, das Land ist nicht mehr da. Die Erde
+ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die heiße Flüssigkeit
+in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! Bürger,
+niemand als Marke soll Konsul sein.“
+</p>
+
+<p>
+Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann
+sprach nach ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt
+beobachtete der alte Mann mit weißen Augen den
+Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast du im Kopf? Woran
+werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich doch!“ Wie
+er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten Weg.
+Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“
+Das Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf,
+schmähte den Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom
+Stuhl, stieg auf das Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen
+den Hals: „Das hast du damals nicht gewagt.“ Sie warf sich
+weinend auf das Podium; der Mann führte sie finster herunter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">arauf</span> wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein
+hochstirniger blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten
+Augen. Ein langes knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger
+Gang auf unsicheren muskelschwachen Beinen. Er hatte sich
+bis da nicht hervorgetan, aber in den Tagen der sich hinzögernden
+Wahl, während schon Zeichen der Anarchie hervortraten, –
+in Mecklenburg standen die Sprosse der alten Herrschaftsgeschlechter
+auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den
+greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß
+er den Mut, aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von
+zweihundert Menschen in eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten
+bei Löwenberg, die gesamte anwesende Führerschaft
+dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen Tage samt
+und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß seines
+langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des siebenundzwanzigsten
+Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden,
+wohin diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen
+hatte, hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der
+mecklenburgischen Grenze, nahe dem Haupteiweißwerk. Ein
+kleiner Wald von Buchen stand neben seiner Arbeitsstätte hinter
+Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die zweiundvierzig
+Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch
+die kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf.
+Vor den Rissen der Stämme, auf den breiten Wunden stand
+dicker blasig erstarrter gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur
+Wurzel herunterrann, war er vertrocknet wie zu einem pulvrigen
+Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die Männer an die Pflanzenversuche
+dieses Marduk, der sich stets abseits hielt. Er sollte
+in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, besonders
+an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen erzeugt
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen
+nicht, was Gefangennahme Hertransport diese Internierung
+bedeutete. Marduk war einer der ihren. Es konnte
+möglich sein, daß er bestimmte Informationen hatte über Angriffe
+auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und sie vorläufig
+festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen
+erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind
+umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit
+neben ihnen, an ihrer Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte.
+Suchten, fanden nichts. Sie setzten sich bald zusammen,
+bald auseinander. In der Luft war etwas Eigentümliches von
+der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen schien
+Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm
+an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die
+Bäume. Wie sie die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte
+surrte summte es drin. Das waren die Säfte; es war Frühling.
+Nur war es merkwürdig, wie scharf es sich im Mark und
+im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht von den
+Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen,
+als ob sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte,
+fiel ein begrünter Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es
+oben, als ob Säfte sich entleerten. Der scharfe Geruch, der feine
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+dünne, wurde stärker an diesem Stamm; sie konnten sich in seiner
+Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war stechend wie Ammoniak.
+</p>
+
+<p>
+In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die
+Bäume zu wehren und sie umzubrechen; es war eine junge
+Pflanzung. Sie gingen ein zwei Bäume an, zerrten stießen an
+den Stämmen; einer kletterte hoch, riß brach große Äste ab,
+entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt rücklings auf den Boden
+über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen heißen
+Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich
+zurück. Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend
+in Körben Nahrung und Getränke herüber über die Drahtspitzen
+der Mauer. Sie schliefen ein.
+</p>
+
+<p>
+Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander,
+wunderten sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg
+zwischen den Stämmen so eng. Die Bäume hatten ihre
+Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum zu zweien
+zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich
+dem von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher
+es kam; die Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man
+konnte, obwohl von oben deutlich Morgenlicht hereinfiel, in der
+Nachbarschaft Hähne krähten, die unterirdisch laufenden Wagen
+polterten, wenig rechts und links sehen. Ängstliches Stöhnen
+hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner Jacke, seiner
+Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs.
+Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern,
+die geängstigten anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen,
+während allen die Knie zitterten und sie sich durch das
+Dickicht wanden, wie in einem Keller sich zurechttasteten,
+schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: „Erbarmen,
+Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die
+sich von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den
+Fingern Beeren, kauten spien Blut aus.
+</p>
+
+<p>
+Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne
+schien, dieselbe Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen
+Ozean, über dem weiten Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die
+ganz nah in Bernau über den Sandplätzen der Kinder stand,
+da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht abbrechend, in dem Park,
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen Menschen angefallen.
+Die meisten sanken im Augenblick mit weißen Gesichtern
+auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die
+Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen
+stoßen. Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie
+fest; ihr Arm wie eine Planke am Ellbogen, am halben Ober-
+und Unterarm festgeklemmt zwischen zwei zusammengeifernden
+Bäumen. Sie stand an den drängenden schwellenden Wesen,
+mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, bog
+sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte:
+„Kommt her. Kommt. Ein Messer.“
+</p>
+
+<p>
+Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen
+liefen sich zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von
+der klebrigen leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen
+aus Vogelschnäbeln auf Gesichter und Hände fiel, oft fein wie
+aus Röhren sprühte. Zu dem Knistern trat immer wieder ein
+Sausen und Sprudeln, wie aus einer geöffneten Flasche, das
+zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast in Ast, verschoben
+sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, eine
+hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der
+Wald verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von
+deren Deckel es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig,
+mit Schwaden der stechenden reizenden Gase. Der Boden
+aber, vorher noch eben, wellte sich, ringelte, schlängelte sich. In
+Wülsten schwollen die Wurzeln hervor, armdicke Adern, von
+denen der Sand abrollte. Der Boden wurde höher.
+</p>
+
+<p>
+Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer
+dickeren Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum
+vor Stunden noch offen war. Sie keuchten, wenn aus dem
+Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand ins Hellere, gifteten.
+Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider abgeworfen,
+sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum
+sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge
+verätzte er ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber,
+– erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die
+Frau, deren Arm abgequetscht war, die lechzend zwischen den
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Bäumen nach vorn überhing, hatten sie zuvor stumm gemacht.
+Stockfinster war es an den meisten Stellen des Parks. Um sie
+knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein furchtbares
+inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten Pflanzenwesen.
+Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen
+sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch
+immer in die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und
+noch immer wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern
+aufschneidend und mit ihm verschmelzend, dabei zischen und
+prasseln. Und wo zwei Bäume Raum fanden, nieder nach vorn
+in die Lücke zwischen andere zu fallen mit überschweren Kronen,
+erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb und wuchs.
+Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel;
+von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich,
+sobald sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den
+klebrigen Ästen und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend
+senkrecht hoch, suchten Lücken. Andere hingen fest,
+wühlten hieben mit den Schnäbeln gegen das schwellende Holz,
+das gierig den eingestoßenen Schnabel festhielt, ihn nicht losgab,
+ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und Augen umgießend,
+einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich abstemmte
+zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden
+Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte
+hoch, suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich
+um die Stämme herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach
+unten hingen sie. Der Saft lief über sie. Da tropften sie in
+der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, klatschten auf den
+Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine Schulter,
+neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen.
+Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten
+gelähmt betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen,
+waren ein runder stoßender Wulst auf ihm, von
+dem Saft sprühte, ein ruhiger kleiner Knoten, ein flacher Knopf.
+</p>
+
+<p>
+Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte
+klemmte malmte manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe,
+brach die Wirbel, schob die Schädelknochen zusammen, goß die
+weißen Gehirne über die Wurzeln. Die Stämme berührten
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein verschmolzener
+wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, zischte.
+Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die
+Mauer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster:
+„Jetzt ist es vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man
+mit ergriffen hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es
+so sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk,
+verzeih mir, ich glaub es.“
+</p>
+
+<p>
+„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht
+nötig, daß du lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert,
+die andern auch nicht; ihr glaubtet, es ginge auch
+ohne mich.“
+</p>
+
+<p>
+„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du,
+von uns zurückgezogen.“
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu
+kümmern und anzusehen, was ich tue.“
+</p>
+
+<p>
+„Was soll das.“
+</p>
+
+<p>
+„Nichts. Du wirst sehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich
+euch anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen.
+Ja, Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still.
+Ich nehme euch aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht,
+daß ihr arbeitet. Ich will nicht. Verstehst du das?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und
+kannst. Ja sage es mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich
+bin auf Stärkeres gefaßt. Mit dem Stärksten wirst du mich
+nicht umwerfen.“
+</p>
+
+<p>
+Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat
+noch niemand gefunden.“
+</p>
+
+<p>
+„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich
+nicht Schaum blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben,
+wie du es leugnen wirst. Warum? Das Sehen ist mir erlaubt,
+das Hören ist mir erlaubt. Was soll mir verbieten zu
+denken.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiter.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich spreche nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja. Bring sie, Jonathan.“
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du
+kannst dich nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben,
+wie wir zueinander waren. Ich träumte heute nacht,
+ich fühlte mich so wohl, wie auf einer Luftfahrt, ich glitt mit
+einem Wesen durch die Luft, ich weiß nicht, ob es Mann oder
+Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf die Augen
+strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war
+es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten
+sich. So glücklich waren wir.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht
+hatte er ganz auf die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte
+Jonathan finster an: „Komm, ich will sie dir zeigen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig
+allein mit Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese
+zog sich ein flaches langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie
+gingen durch die glasgedeckte Halle der muffig warmen Anlage,
+in der Pflanzenreste geschichtet lagen, Körbe, niedrige Kisten.
+Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie herunter;
+oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk
+öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne
+Stücke abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen,
+manche scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken
+verwesten ganze Stapel unkrautartiger Gewächse. Dann senkte
+sich das Gelände; über den Hang, um den Boden der Senkung
+zog sich eine abschließende Mauer, darüber dahinter eine hohe
+schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, Marduk.“
+</p>
+
+<p>
+„Komm.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen
+entgegen. Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an
+die Steinfliesen herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben.
+Zwei Stufen konnten sie heruntergehen. Jonathan
+hatte Marduk seine Hände entzogen, lächelte den Mann, der ihn
+führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was machen wir hier.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiter gehen. Geradeaus.“
+</p>
+
+<p>
+„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich
+nicht zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir
+deine Freunde zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als
+ich. Hier meine Hand, Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“
+</p>
+
+<p>
+Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür
+den Kopf zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte
+vibrierende Gesicht mit einem Sprung unten. Tastete an der
+klebrigen dunstenden Holzwand: „Ja. Das sind Stämme.
+Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. Hier komme
+ich nicht weiter.“
+</p>
+
+<p>
+„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es
+von drinnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf.
+Wo ist die Tür.“
+</p>
+
+<p>
+Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden.
+Der Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist
+alles so schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das?
+Wo ist denn die Tür.“
+</p>
+
+<p>
+„Ruf sie einmal. Ruf sie.“
+</p>
+
+<p>
+„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich:
+„Sie antworten nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde
+sind oder lustig sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort
+von den Lippen.
+</p>
+
+<p>
+„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern –
+sitzen sie. Sie sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+sie verfolgte. Sie haben sich auf der Flucht vor mir in – Bäume
+verwandelt.“
+</p>
+
+<p>
+„Das hast du – Marduk?“
+</p>
+
+<p>
+„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend
+erregt zog er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich
+schwer bewegte, durch die Eisentür, über das helle Feld in das
+lange Gebäude. Der Dunst, der ihnen aus dem Park entgegenschlug,
+auch hier. Ein Pulver lag neben einer geöffneten
+Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk
+hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt
+davon? Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten
+verwesenden Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk
+verfolgte seinen Blick: „Ich kann sie auftreiben. In einer
+Stunde. Von einer halben Stunde zur nächsten.“ Phantastische
+getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen nebeneinander:
+„Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die
+Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich
+deine Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt
+haben und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen.
+Ich will sie begraben.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb
+gedankenlos, den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander.
+Sie liefen über das von der Frühlingssonne beschienene Feld,
+Jonathan fiel der Umhang von der Schulter, Marduk wollte
+ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den Hang zur Mauer
+wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen Erdhaufen
+sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun
+zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“
+</p>
+
+<p>
+Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du
+kannst es mir zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich
+weiß es zu würdigen.“
+</p>
+
+<p>
+„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt
+Frauen mit hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen
+sind?“
+</p>
+
+<p>
+„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+„Alle? Alle Frauen?“
+</p>
+
+<p>
+„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es
+waren keine Löwen und Tiger da. Es waren bloß Bäume,
+gegen die sie kämpften. Sie haben für einen neuen Glauben
+gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. Nein, eine
+Antichristenverfolgung.“
+</p>
+
+<p>
+„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob
+den Arm.
+</p>
+
+<p>
+Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den
+Christen. Ich laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie
+müssen alle ins Gras beißen.“
+</p>
+
+<p>
+„Marduk. Meine Mutter war dabei.“
+</p>
+
+<p>
+Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog
+sie gegen ihn: „Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn
+deine Frau und dein Kind dabei war. Wenn du dabei warst.
+Es wird nicht besser. Ihr sollt es spüren. Ihr müßt es spüren.
+Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch nicht. Es ist gut, daß
+es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe spüren. Ha, jetzt
+spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. Gut so.
+Wie gut, daß sie alle dabei waren.“
+</p>
+
+<p>
+Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte
+ihn ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich
+gegen ihn, so griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet
+hatte, selbst an. Er wehrte sich, die Schlange umwand ihm
+Füße und Arme. Jetzt würde er Jonathan verlieren.
+</p>
+
+<p>
+Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist
+meine Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch
+Kenner. Da kommt keiner mit. Was sagst du zu dem Wald
+unten. Keine Lücke ist mit der Hand zu finden. Wie ein
+Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht
+herrlich?“
+</p>
+
+<p>
+Er rüttelte ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es
+dir nicht gut gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So
+werde ich dich wenigstens umbringen können.“
+</p>
+
+<p>
+„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verdammt? Ich Teufel?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine
+graue Kapsel auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran
+zerrte er, öffnete die Kapsel, schüttete sich grünes Pulver auf
+die Finger. Er bückte sich, um es Jonathan zwischen die
+weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das ganze
+Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht
+an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon
+räkelte, sich aufzusetzen bemühte.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor
+ihnen die Masse des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten,
+preßte Marduk die Lippen: „Ich bin bereit, bereit,
+mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne Bedingungen.“
+</p>
+
+<p>
+Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“
+</p>
+
+<p>
+„Tu, was du willst.“
+</p>
+
+<p>
+Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her.
+Er konnte keine Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte
+die Stadtlandschaft fest in Besitz genommen. Dann trat Jonathan
+in sein Haus, der schlanke braune, blaß mager ruhig,
+gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk betrachtete
+ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur
+Recht über mich. Willst du Recht über mich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich will nichts, als dir beistehen.“
+</p>
+
+<p>
+Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan,
+die Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate
+und Einrichtungen von uns, von euch stehen. Sie sind
+noch nicht völlig vernichtet. Auch nicht völlig gefunden. Und du
+wirst mir die Namen der Männer und Frauen angeben, die
+dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am
+Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus.
+Er nannte mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete,
+die gingen mit ihm. Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag
+stand er mit fünfzehn Männern und sechs Frauen vor
+dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und den hellblauen
+Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt
+war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen.
+</p>
+
+<p>
+In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr
+von der See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+seinen Mantel, sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung
+zu Ende war, verfärbte er sich, fiel blaß vornüber.
+Er war am Abend nicht dabei, als die fünfzehn Männer und
+sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten
+Augen gesenkt, zog am frühen Morgen gleichmäßig seine
+Schritte durch die Stadt. Es wehte heißer Wind. Flieger jagten
+mit dumpfem Rollen in der Luft. Die riesenhaften Plätze.
+Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, hingesunken
+schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte
+ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen
+Hallen, auf denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken
+trieben. Es hatte sich nichts seit dem Beginn seines Konsulats
+geändert. Die grellrot bemalten, mit Masten und Wimpeln
+versehenen Häuser, in denen die künstlichen Nährstoffe ausgegeben
+wurden, auf den Dächern liegende gewundene Kennzeichen
+für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen
+Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen
+und Surren der Züge, die aus Fabriken und zentralen
+Speichern liefen, der Züge, die in tieferen Stockwerken radial
+und peripher die Versorgungsbezirke abstreiften, Schacht und
+Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der Männer von
+südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von
+Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten
+Nasen; das sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes
+geschäftsmäßiges Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische
+Ruhe im Dasitzen vor den Trink- und Rauchstätten,
+leise Stimmen, wenig veränderlicher Gesichtsausdruck. In
+goldgelben Talaren gingen die Priester durch die Straßen,
+singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen.
+Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten
+waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien,
+sie hatten mit dem Nachlaß der großen Erregungen auch ihre
+Spannung verloren, hatten sich viel in Mütter, ja in Dienerinnen
+von Männern zurückgebildet. Jonathan, goldgelb in
+Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht
+neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+wollte zur Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde
+dies. Entzieh dich nicht, Jonathan. Ich verstehe dies. Der
+ungeheure unausdenkbare Bann, in dem wir leben. Blicke
+um dich.“
+</p>
+
+<p>
+In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres.
+Es wurde im Augenblick auf den Straßen still, die
+Menschen verlangsamten die Schritte, standen; sahen auf die
+Steinplatten des Bodens. Marduk blickte zwischen sie, hielt
+Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht Herr; seine Schultern
+zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du kennst das
+nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der
+mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre
+durch den Wind. Sieh diese Männer an, die Frauen die
+Bahn die Flieger die Straßen, du hast den Stier gehört. Das
+Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, du; wie das beglückt.
+Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. Trunken,
+Jonathan.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit
+den großen brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte
+Jonathan den Kopf zur Seite, ließ den Arm los, seine Schultern
+bebten lautlos. Er schluchzte. Marduk stand an einem
+Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist zu früh nach
+Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee
+bleiben sollen.“
+</p>
+
+<p>
+Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht
+genug Beweise gegeben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah
+den andern fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen –
+wieder geboren. Wie sie mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh
+auf die Eiche da. Sieh immer in das Laub der Eiche hinein.
+Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht wegsehen. Sie ist
+zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise.
+Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren
+Arm. Oh der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden.
+Er bewegte sich, die Finger griffen auf und zu. Er
+krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich konnte ihn stillhalten. Er
+hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim andern Arm
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und
+dann kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich
+habe oft meinen Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu
+Hause, wenn ich ihre Schulter berührte. Die Schulter – konnte
+ich – nicht erkennen. Du mußt in das Laub sehen, Marduk.
+Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie einer
+in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen.
+Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte
+dabei. Ich habe lange Stunden verbracht, Marduk,
+um nur die Schulter heil zu machen. Diese Lücke. Ehe die
+Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann zusammen. Und
+die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig.
+Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir
+auch gar keine Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume
+zwischen den Schultern hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten
+glanzigen Blätter, von denen welche herunterhingen, und ich
+konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die stäubte. Es kam mir
+vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so schwarze Augen.
+Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es wirklich.
+Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und
+war so freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am
+Strand nicht bewegen, denn ich fürchtete, die Schultern würden
+wieder auseinanderfallen. Aber ich konnte alles gut zusammenhalten.
+Nur den Atem durfte ich lange Sekunden nicht von mir
+geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen gegangen. Lag
+die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich
+aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich
+gerade da, wo ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du
+immer in die Blätter sehen mußt? Aber ich kann dann besser
+erzählen. Ich habe sie dann schließlich ganz gemacht, lebend
+beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie aus deinem Wald heraus.
+Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum kämpfen
+müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“
+</p>
+
+<p>
+„Spricht sie nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen.
+Ich traue mir alles zu.“
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo
+ich bin.“ Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick,
+als er den Jüngeren so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt,
+ihn von sich wegzuschieben. Er fürchtete, der Jüngling würde
+ihn schwach machen und zum Erliegen bringen. Jetzt – sah er
+von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte des zitternden
+Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen,
+fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf
+und Ab der Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte
+mich. Er ist mein Schmerz und mein Führer. Ich will ihn
+behalten, solange er so bleibt. Solange er leidet und sich nicht
+helfen kann, soll er leben bleiben, – damit ich nicht vergesse.“
+</p>
+
+<p>
+Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte,
+sagte er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich
+dich zur Frau haben wollen. So aber habe ich Glück, daß du
+kein Weib bist. Du wirst keine Kinder gebären, für dich, gegen
+mich; wirst ungebunden gehen, wohin du willst. Du wirst
+nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, damit ich
+fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein
+Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe
+Kraft, nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese
+tausend Menschen, wie die Blätter die Steine.“
+</p>
+
+<p>
+„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu
+bedauern.“
+</p>
+
+<p>
+„Komm in den Garten.“
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen
+Fuß auf die Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen
+kummerlosen Ausdruck; es schien, als wenn sie gar nichts miteinander
+gesprochen hätten. Er zog die Riemen seines silberbeschlagenen
+Halbschuhs fest. Jonathan sah erst zu, dann,
+während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte
+er die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du
+kannst noch anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder
+schwacher Mann sein? So ein Ast, den man abgerissen hat und
+der nur so lange lebt wie er noch feucht ist? Willst du nicht noch
+eine Weile mit deiner Mutter zusammenleben? Du hast dich
+gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde benommen. Sie
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt.
+Es war dein Wille.“
+</p>
+
+<p>
+Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte
+den Kopf an Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an
+diesem Knie fest.
+</p>
+
+<p>
+„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst
+du darüber. Du hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir
+dein Gesicht zu zeigen. Es ist nicht nötig, daß du mit mir
+sprichst. Regen und Wärme sprechen auch nicht, und man
+braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener sein. Nicht
+einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte.
+Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig,
+hier. Aber doch oft bei mir.“
+</p>
+
+<p>
+„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“
+Marduk nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte:
+„Also, es ist abgemacht.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte
+Stadt eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine
+Kraftzentrale in dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der
+Stadt errichten, in dem er sein Quartier aufschlug. Angriffs- und
+Abwehrwaffen, die er mit anderen seiner Gruppen aufbewahrt
+und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in der Nähe des
+Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien,
+die Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das
+Rathaus und gab ihnen, wie sie den Haupthof durchschritten,
+den Anblick der fünfzehn erschossenen Männer und sechs
+Frauen, dazu von dreißig lebenden Neuverhafteten, die unruhig
+auf dem Hof herumgingen. Er redete die Erschienenen
+an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich
+neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten.
+</p>
+
+<p>
+Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer
+Marduks in den chemischen und physiologischen Versuchen, der
+feine Botaniker, sah mokant und gelangweilt zu der hohen
+Kuppel des Saals und den herunterwogenden Seidenfahnen
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+auf, den alten Verbrüderungszeichen, den Fahnen des englisch-amerikanischen
+Mutterreichs, denen des Uralischen Kriegs mit
+den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er dachte:
+Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden
+und handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig
+sicher: es wird niemand vermögen, mich und meinesgleichen
+auszurotten. Kühl betrachtete er die um sich; was war Marduk
+für ein Narr, daß er sich unter diese begab; er war gut im Zuge;
+wen lockt es, sich mit diesem einzulassen.
+</p>
+
+<p>
+Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der
+stumpfen Nase hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem
+Blut. Er sonnte sich an den Gesichtern seiner Umgebung,
+der heimliche Kristallforscher, von dem man sich wunderbare
+Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen
+geraten und bis auf die Mittelhandknochen
+abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen,
+die er sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende
+Bewegungen machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im
+Gespräch den hellgrauen Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich
+abzog und mit der Hand gestikulierte, die sogar künstliche
+rosa Nägel an den Spitzen hatte und Glied um Glied mit
+Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive Seele. Marduk
+würde reden. Er möge reden.
+</p>
+
+<p>
+Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann
+in schlottriger Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer
+Weichheit, der dazu bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse
+zum Opfer zu fallen.
+</p>
+
+<p>
+Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos
+an einer Fensternische stand, ihre graugrünen Augen
+schweifen ließ. Viele Mädchen und Jünglinge hingen ihr an.
+Sie war von einer großen Keuschheit, schmerzliche und sonderbare
+Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La Balladeuse
+hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch
+den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte
+sie. Wenn er mich bewegen erregen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe
+Drüttchen, die lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Marke gekämpft hatte, an der Zertrümmerung der großen noch
+bestehenden Frauenbünde arbeitete. Dutzende Männer nagte
+sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete und gehaßte
+Weib, den Spitznamen die Landratte.
+</p>
+
+<p>
+Sie sahen alle erstaunt den hochstirnigen Abenteurer eintreten,
+der mit Hilfe einiger Männer und Waffen diesen Streich
+verübt hatte, um ihn wohl nach einem Monat zu bereuen.
+Marduk, auf dem Platz des Senatsvorsitzenden, nahm den rotfedrigen
+breiten Hut vor ihnen ab, hieß sie willkommen. Als
+er sich setzte, stand seitlich von ihm Jonathan, den alle gut
+kannten, von dessen Zugehörigkeit zu Marduk noch wenige
+wußten. Eine starke Bewegung entstand unter den Menschen,
+als Jonathan auf ein Zeichen Marduks sich neben ihn setzte.
+Marduk gab ihnen von seinem Sitz aus Bericht. Markes Werk
+werde weitergeführt. Die Lehren des Uralischen Krieges sind
+voll und nachsichtslos zu ziehen. Er bestätigt den bisherigen
+Senat, werde sich seiner Mitarbeit bedienen. Dann schwieg
+er, Schweißtropfen vor der Stirn, schielte auf den Lederbezug
+des Tisches. Wie sich unten nichts regte, bat er den greisen
+Glossing, den Botaniker, den bisherigen Vorsitzenden, herauf.
+Er versprach sich, nannte Blue Sittard mit der großen Brille,
+der sich an die Tribüne gedrängt hatte, ihn mit einem ironischen
+Lächeln festhielt.
+</p>
+
+<p>
+Glossing stellte sich nach einem gleichmütigen Kopfnicken neben
+Marduk, murmelte, so daß er sich unterbrechen mußte, während
+die Einberufenen sich vor ihm ballten. Die Sitzung werde kurz
+sein; sie sei nicht von ihm einberufen, sein Platz sei besetzt –
+Marduk erhob sich stürmisch; Glossing ablehnend: er danke –
+ob jemand sprechen wolle, ob jemand die Neigung habe etwas
+zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Blue Sittard erhob den Arm; ging nur eine Stufe zur Rednertribüne
+herauf, lächelte ironisch bald Marduk bald Jonathan
+an, schmunzelte in die Versammlung: „Wir sind ja alle Marduk
+und dir, Jonathan, sehr dankbar, daß wir eingeladen sind,
+diesen Raum hier zu betreten, hier zu stehen zuzuhören. Wir
+sind alle gern hier. Seien Sie uns nicht böse, Marduk und du,
+Jonathan, wir sind beinah noch lieber in diesem Saal als mit
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+Ihnen. Das soll keine Spitze und Feindseligkeit gegen Euch
+sein, wie es sich versteht zwischen guten Bekannten Arbeitsgefährten
+wie wir, fast möchte ich sagen: zwischen Brüdern in
+der Gefahr. Denn wir können es ja jetzt aussprechen: wir
+haben unter Marke manches Ding gemeinsam betrieben, das
+nicht beliebt war. Und warum sind wir lieber in diesem Saal,
+als mit Ihnen beiden? Weil wir schon oft diesen Saal betreten
+haben und jedesmal saß oder stand dort, wo Marduk sitzt, ein –;
+jetzt wirst du wieder lachen, Jonathan. Wir sehen dich gern
+lachen, übrigens. Wir haben gehört, welche Trauer über dich
+gekommen ist durch den Verlust eines Menschen, den auch
+mancher unter uns verehrt und geliebt hat. Es ist uns eine
+Wohltat zu wissen, wie rasch sich eine gesunde Natur über Unglück
+und Mißgeschick erhebt; wir können daraus Kraft für uns
+selbst schöpfen. Wer stand da, wollte ich sagen, wo jetzt Herr
+Marduk sitzt? Ein Konsul, den wir gewählt haben. Ganz recht,
+der war da. Wahrhaftig. Und das erfreut uns. Nun werden
+Sie fragen, Marduk, nachdem Sie uns so liebenswürdig angeredet
+haben: welcher Unterschied denn besteht zwischen Ihnen
+und dem Konsul Marke. Das ist eine Frage eine Sache, die
+über das Formale hinaus Interesse hat. Ich wartete jeden
+Augenblick, Sie werden mich unterbrechen. Aber Sie besitzen die
+große Güte mir zuzuhören, fast wie einem Freunde. Und ehrlich
+gesagt, Marduk: nehmen Sie an, Sie hätten nicht die Geduld
+und machten von ihrem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, so
+wüßte ich doch nicht, wie ich der Frage ausweichen sollte.“
+</p>
+
+<p>
+Er drehte sein stumpfnäsiges Gesicht voll dem Saal zu, sonnte
+sich am Anblick der Versammlung; manche sahen weg. „Also
+sprechen Sie, Blue Sittard“ gab Marduk herunter. Der verneigte
+sich, stärker grinsend gegen Marduk und den Vorsitzenden:
+„Ich danke. Danke auch dem Herrn Vorsitzenden, für den
+Marduk eben sprach, in Stellvertretung. Wir sind alle, die
+hierher gekommen sind, hocherfreut, daß wir sprechen und so
+sprechen dürfen. Es heißt sonst: unter den Schwertern schweigen
+die Musen, aber man sieht die Ausnahmen. Das will nicht
+sagen: ich sei eine Muse; Blue Sittard mit seiner Brille und seiner
+schlechten Hand hält sich nicht für eine Muse. Aber vor einer
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+halben Stunde war ich alter Mann doch stark musisch gestimmt; ich
+will mich nicht schämen, es vor Euch zu bekennen. Das war, als
+ich in diesen Saal über den Hof ging und dort einige mir wohlbekannte
+Männer und Frauen traf. Diese Männer und Frauen,
+die ich wohl kannte, oft getroffen und gesprochen habe, von denen
+manche mit mir an einem Tisch gegessen haben, – einige habe ich
+erst vor einigen Tagen begrüßt und ihnen die Hand gedrückt, –
+die schwiegen plötzlich bei meinem Anblick. Ich habe nichts verbrochen
+inzwischen, es ist zwischen uns nicht das Geringste vorgefallen.
+Sie schwiegen so intensiv, sie hatten so hartnäckige,
+fast böswillige Gebärden an sich, daß ich annahm: diese Männer
+werden, und diese Frauen werden niemals mehr reden. Dabei
+hatten sie die Münder weit offen; sie lagen sehr bequem wagerecht
+auf dem Boden; das Steinpflaster schien sie gar nicht zu
+drücken. Sie schienen so entschlossen zu sein, diese unsere
+Freunde, daß sie nicht einmal einen Atemzug von sich gaben.
+Nun ist das zwar Privatangelegenheit dieser schweigenden Herrschaften.
+Jedoch wollte ich Sie bitten, Marduk, Sie möchten,
+da Sie von einer anderen Seite hereinkamen, nicht bloß durch
+das Fenster sehen, sondern ein paar Herren und Damen herunterschicken,
+um nachzuforschen, ob die Schweigenden da etwas
+Schlimmes, vielleicht ein Unglück betroffen hat.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk schwieg. Glossing neben ihm hielt die Augen gesenkt.
+„Wollen Sie uns erlauben, Herr Marduk, nachzuforschen,
+was die fünfzehn Männer und sechs Frauen bewegt, so hartnäckig
+zu schweigen. Besonders da Sie so gütig sind, uns
+sprechen zu lassen.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk schien von dem Ton Blue Sittards unberührt. Die
+Männer und Frauen seien heute nacht auf seine Anweisung
+erschossen worden.
+</p>
+
+<p>
+Blue Sittard hob freundlich, fast entzückt die Arme: „Gut.
+Gut. Dacht ich mirs doch. Es ist ja auch einigermaßen wunderbar,
+daß einer so lange den Atem anhält. Machte mich schon
+ganz verwirrt, brachte mich in lyrische Erregung, diese Fähigkeit,
+diese Ausdauer der einundzwanzig. Nur entsetzt die Frage:
+was tun wir hier. Auf dem Hofe liegen einundzwanzig Erschossene.
+Und wir –“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+Er lachte heftig, sah sehr blaß aus, rupfte seinen grauen
+Backenbart, streckte plötzlich weit die Arme aus, beugte sich schief
+und oft vor Marduk: „So steht es. Verzeihung. Verzeiht.
+Verzeiht mir. Dies wollte ich berichten.“ Er wandte sich zu
+seinen Freunden, buckelte wieder, verwirrt, wollte sich zwischen
+die Menge drängen. Aus dem unbewegt sitzenden Marduk war
+plötzlich etwas auf ihn gezuckt. Von der Tür bis zum Sitz
+Jonathans drängten sich die Freunde. Er schob sich, ein ärmliches
+Lächeln um den Mund, zwischen sie. Und wie er erst
+unter ihnen war, viele vor sich, zwei hinter sich, zwei neben sich,
+da zog er den Hals ein, hob die Schultern, gab helle winselnde
+Angstlaute von sich, quietschte aus geschnürter Kehle, die Hände
+vor dem Mund, um die Laute zurückzupressen, rieb sich das
+Gesicht, daß die Brille über die Stirn stieg. Wie ein Kind,
+das eine lange finstere Treppe heruntergehen soll, erst ruhig
+und tapfer steigt, Stufe um Stufe, bei jedem Absatz stehen
+bleibt, den Atem anhält, um sich schaut, zurückschaut, schon
+rascher läuft, rascher, seine Schulmappe hält es fest, es gleitet
+am Geländer entlang, die Angst, die panische Angst ist hinter
+ihm. Es läuft, es kann sich nicht halten, stürzt schreit stürzt
+weiter, gellt durch das hohe Treppenhaus. Und wie man mit
+Lampen aus den Wohnungen kommt, steht es an einem Fenster,
+späht zeigt um sich, keucht entgeistert, weiß nichts zu sagen,
+das Herz klopft ihm zum Mund, in die Lippen, in die Augen,
+über den Scheitel; es würgt, stößt auf, heult im Licht. So
+winselte Blue Sittard. Bestürzt umfaßten ihn die Freunde.
+Marduk ruhig von oben: „Macht Platz um ihn.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, winselte der, drängte tiefer.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will ihn sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Er wühlte sich unter die Freunde, die ihn nicht verstanden,
+in denen es vibrierte. Hinten öffneten welche die Türen. Sie
+strichen an dem besessenen Blue Sittard: „Was tust du uns
+an. Beherrsche dich.“
+</p>
+
+<p>
+Leicht schäumte schon Angst aus ihnen selber, trieb sie zu
+fragen. Sie stolperten, drehten sich um sich, stießen nach den
+Türen. Was sie sprachen, war für niemanden gesprochen. Jonathan
+näherte sich Marduk, der seine aschgraue Maske zur Seite
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+drehte. Keinen Blick konnte er von ihm erhaschen. „Halt sie in
+Schach“ ächzte Jonathan. Unten wälzte sich die blonde üppige
+Balladeuse, durch die erst Stürme von Zittern gelaufen waren,
+in Krämpfen, in denen sie ganz rasch sprach, mit mehreren Unsichtbaren
+gegen den Boden hin eine heftige Unterhaltung führte,
+wieder sich lang ausdehnte. Sie lag mit ausstoßenden Beinen
+seitwärts allein auf dem Parkett, während die Knäuel die
+Türen verstopften.
+</p>
+
+<p>
+Marduk drohte am Tisch: „Was ist, Blue Sittard. – Was
+ist mit den Toten?“ Der winselte: „Er kann –; er kann –“
+Und jetzt hatte er es; er schwang die Arme, heulte: „Er kann
+es. Er wird sie lebendig machen. Die Toten.“
+</p>
+
+<p>
+Und schallend lachte Marduk, der aufgestanden war: „Ich
+werde es euch zeigen. Ich kann sie lebendig machen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie fluteten in Panik hinaus. Der Graus des Uralischen
+Krieges.
+</p>
+
+<p>
+Marduk saß hin, mahlte mit den Zähnen, knipste die Finger
+der linken herabhängenden Hand am Daumen. La Balladeuse
+lag auf den Ellbogen über dem Parkett, drohte: „Das
+soll nur sein. Wenn sie es wagt, ist es ihre Sache. Aber an mir
+hat sie keine Hilfe, das soll sie wissen. Zum hundertsten Male,
+zum tausendsten Male. Ich habe es ihr gesagt, kurz und bündig.
+Ravaillac hat damit nichts zu tun. Was kommt ihr mit dem.
+Das ist ein übles Manöver. Geh weg, Ravaillac. Deine
+Schuhe? Habe ich nicht.“ Sie setzte sich auf, betrachtete ihre
+blauen Strümpfe, stand taumelnd, blickte vorwärts und rückwärts.
+Das Haar hing ihr um den Kopf. Ging wie eine Blinde
+im Zickzack, in den Saal hinein, bog ganz weit nach rückwärts
+den Kopf, steuerte auf das Podium mit den beiden Männern,
+oft tief Luft schöpfend, beide Hände auf die Brust gelegt.
+</p>
+
+<p>
+Marduk zog sich zusammen, schwoll auf. Er blickte mit scheinbar
+lächelndem Ausdruck auf Jonathan, der eine Stufe unter
+ihm stand. „Bist du hier?“ er knipste unter dem Tisch weiter,
+„ich glaube, ich habe eine Schwachheit getan. Als ich hier hineinging.
+Die Erbschaft Markes antrat. Was geht mich Marke
+an. Ich hätte bei meinen Arbeiten bleiben sollen. Die Flammenbergwerke
+waren nichts.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+La Balladeuse torkelte in die Mitte des Saals, horchte dahin
+und dahin; schien nicht zu wissen, von wo das Gespräch kam; ab
+und zu zeigte sie mit der Hand nach einer Richtung, in der sie
+weiterspazierte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wie Hasen davongelaufen. Haha, bin ich ein Dummkopf
+und sitze hier. Ich werde Tote lebendig machen. Und alle
+Lebenden tot. Haha. Komm einmal. Ich will die im Hof ansehen.“
+</p>
+
+<p>
+Der andere blieb neben ihm stehen. Marduk ging an ihnen
+vorbei. Er polterte finster strahlend, prustend die Stufen herunter
+ohne Jonathan zu beachten: „Wir haben große Macht;
+er hat es von mir geglaubt, Blue Sittard, der Dicke. Ich will
+nicht versäumen, ihm zu gehorchen. Soll ihm nicht widersprochen
+werden.“
+</p>
+
+<p>
+Die Blonde Flüsternde Gestikulierende rumorte auf ihn zu,
+wie er über das Parkett strich. Sie standen sich gegenüber:
+„Mein Junge. Ich will dir sagen, wir lassen uns in keine Debatten
+ein.“ Er schüttelte sie von sich. „Keine Debatten, mein
+Junge. Hirn muß man haben im Kopf. Wenn man Hirn hat,
+muß man wissen, was die Hühner für Eier legen. Wirst du mir
+das ausreden?“ „Was will das dumme Weib?“ Sie stopfte
+taumelnd die Fäuste in die Weichen: „Das sag ich dir, wer du
+bist, Ravaillac, der Trompeter oder die Balladeuse selbst, ich
+werde mit dir fertig. Mich kriegst du nicht unter. Versuchs mal,
+Herzchen. Hopp. Du kommst an meine Schuhe nicht heran.
+Die sitzen fest. Frag den Trompeter, was mit seiner Lampe
+geschehen ist. Schaum, nur Schaum.“ Marduk war vorbei.
+„Schaum“, schrie sie und torkelte hinter ihm, kam nicht von der
+Stelle. Sie ging in falscher Richtung, fuchtelte mit den Armen:
+„Greif ihn, das ist Ravaillac. Ich hab noch Waffen, er soll mir
+nicht entgehen. Marion, das ist ein Schuft.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan löste sich von der Stufe, auf der er stand, lief hinter
+Marduk, der aus der Türe ging. Marduk drängte auf den Hof,
+war verzaubert: „Ich habe es nicht von den Menschen. Das hat
+in mir unter einer Decke gelegen. Die Propheten und Heiligen
+sprachen davon. Ich werde Wunder geschehen lassen. Es ist
+zum Schütteln. Nicht sterben lassen. Dann müßte man noch
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+mehr tun: frisches Leben hinzutun, frisches anderes Leben
+aufgießen. Die Natur kann die Zähne fletschen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf dem Hof. Die lebenden Gefangenen wurden
+davongetrieben. Rasch ging er auf die Leichen zu. Sie lagen
+auf den Steinplatten in drei Reihen hintereinander. Eine weibliche
+Leiche, die Beine bis über die Knie bloß. Dünne, unter
+der Lederdecke leicht angezogene gelbweiße Beine, die Zehen
+gespreizt und nach oben gestreckt. Marduk bückte sich, einen Fuß
+zu berühren. Er umfaßte mit der ganzen Hand den Fuß um
+den Spann, ließ ihn nach einer Weile los; der Fuß war von einer
+hochsteigenden durchdringenden Kälte. Er verschränkte, sich aufrichtend,
+die Arme. Ging um die Köpfe der letzten Reihe herum.
+Ein Mann, dem ein Strohhut über dem Gesicht lag, hatte die
+Ellbogen seitlich ausgestoßen, als ob er etwas in den Händen
+hielt und nähte. Marduk faßte einen Ellbogen. Der ließ sich
+anheben. Und als er ihn stärker aufzog, drehte sich der ganze
+Mensch an dem Ellbogen auf die Seite, als wäre er ein Stück,
+rollte losgelassen wieder zurück. Der Hut war von seinem Gesicht
+gerutscht; ein älterer vollwampiger Mann mit kahlem
+Schädel; sorgenvoll runzelte er die Stirn, mit dem halboffenen
+Auge schielte er an seiner Nase herunter; da war seine Oberlippe
+zerrissen, der blutige Kieferknochen lag splittrig bloß. Als Marduk
+sich die Hand vom Gesicht nahm, runzelte der alte Mann noch
+immer die Stirn, schielte.
+</p>
+
+<p>
+Marduk zog das Ledertuch über den Hals hoch. Blendend die
+Sonne von oben. Scharfe schwarze Schatten über dem Hof.
+Er wollte sich abwenden, da stöhnte es hinter ihm. Jonathan
+stand da, mit dem vollen Blick auf den bedeckten toten Mann,
+wischte sich die Tränen von den Backen, ging vor Marduk zum
+Hoftor.
+</p>
+
+<p>
+Der Ältere, den Korridor betretend, murmelte vor sich: „Es
+war schon gut, daß ich davon gelassen habe. Wir werden weiter
+so machen.“
+</p>
+
+<p>
+Schnürte den Rock fester, schlich, von Wachen gefolgt, weiter.
+Voll Abscheu sah ihm Jonathan nach.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">onathan</span> trat morgens in Marduks Empfangszimmer im
+Stadtgebäude, gab ihm die Hand: „Wunderst du dich, daß ich
+komme, Marduk? Nein, nicht wahr, du wunderst dich nicht;
+du darfst dich nicht wundern.“
+</p>
+
+<p>
+Ein schönes saalartiges Zimmer hatte Marduk; Marke hatte es
+herrichten lassen. Links und rechts Riesengemälde vom Boden
+bis zur Decke. Auf der einen Seite farbige Massen, Balken
+Drähte Maschinenteile, die, als wenn sie nicht zu halten wären,
+plastisch aus der Wand heraustraten. Auf der anderen die
+Überschwemmungen Schuttanhäufungen, versinkende Tiere und
+Menschen. Eine Knochen- und Schädelpyramide in der Mitte
+des Zimmers. Jonathan zuckte: „Hier wohnst du, Marduk.“
+Der gab keine Antwort. Dann, hinter dem Tisch: „Was bringst
+du.“ „Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht mit dir in Unfrieden
+leben,“ seine Augen schielten, „und bitte dir alles ab,
+was ich gestern gedacht habe. Und bitte dich inständigst, du möchtest
+nicht davon sprechen, nichts zu mir davon erwähnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube, Jonathan, du kommst nicht meinetwegen, sondern
+deinetwegen her.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann nicht mit dir Ruhe finden, Marduk. Du wünschest,
+daß ich dein Spiegel sei. Ich will mehr als dein Spiegel sein.
+Ich habe zwei Hände einen Kopf ein Gefühl; ich bin ja dein
+Freund.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir wollen zusammen essen. Nicht mehr sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk faßte den Jungen unter den Arm; sie gingen in das
+kleine schmale Nachbarzimmer, sprachen bei der Tafel lange
+nichts. Marduk dachte: „So unterwürfig ist er, weil er um seine
+Mutter leidet. Er ißt viel, weil ich neben ihm sitze. Er sitzt ruhig.
+Er schielt nicht. Er lächelt mich immer an. Was für ein gequältes
+Wesen ist er. Und solch kaltes Tier wie mich muß er zu
+seinem Freund haben. Freund sagte er; ich bin ihm so Freund,
+wie ihm das Brot der Wein da Freund ist. Ich bin ihm Lebensbedingung.
+Er war auf einem Fluchtversuch.“ Marduk lehnte
+sich zurück, die Hände vor der Stirn: „Ich habe heute vor, mich
+mit einigen, die ich erschreckt habe, zu unterhalten. Ich muß sie
+beruhigen. Ich will selbst in mein Landhaus fliegen, ihnen einige
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+Anordnungen vorführen.“ Er unterbrach sich; ihm flog durch
+den Kopf: „Was nutzt es, daß ich alle Weisheiten der Erde besäße
+und hätte der Liebe nicht.“ Gleichmütig sanft Jonathan, die
+Serviette faltend: „Ich komm gern mit.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk, weiter zielend: „Wir begleiten die Herren zu den
+Versuchen über Wachstumsunterbrechung und -antriebe bei
+jungen und älteren Tieren.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie du magst“, nickte Jonathan zum tiefen Erstaunen
+Marduks; „ich bin nur froh, daß du mir nichts nachträgst.“
+</p>
+
+<p>
+Als der Konsul, wie um etwas abzuschütteln, aufstand, hatte
+er das Gefühl allein zu sein: „Ich habe einen Freund verloren.
+Ich bin allein. Wer hilft mir weiter.“ Er summte, den leeren
+Blick gegen das regentriefende Fenster, eine traurige Melodie.
+Als der Jüngere leuchtenden Gesichts einfiel, schlug sich Marduk
+die Brust mit kurzen drückenden Schlägen, hielt sich verzweifelt
+den Kopf: „Ich bin allein. Hier sitze ich. Wer hilft mir weiter.
+Wer hilft mir weiter.“ Er ließ sich auf einen Schemel neben
+dem kleinen runden Weintisch fallen; um die anderen niederzuschlagen,
+um über ihnen zu stehen, war er aufgebrochen, hatte
+alles gelassen. Was ließ er zurück, was war dies Neue, das er
+gewann. Die Macht über diese. Über alle. Was. Was. „Verflucht“
+stöhnte er; sein Glas in der losen Hand kippte um, der
+rote Wein rieselte auf den Teppich. Den Widerwillen, die Selbstverstoßung,
+Empörung, die die Fingernägel in die Handteller
+einbohrt, sah Jonathan, der sich nach ihm weit vorbeugte. Fahl
+matt wurde plötzlich sein Gesicht, die Schultern sanken ihm langsam
+herunter, die Unterlippe hing sehnsüchtig traurig; der
+Schlimme saß da, der Schlimme, wieder der Schlimme, rang
+mit sich. Und Marduk kam herüber zu ihm; das Glas stellte er
+auf den Tisch; in Brust Schultern Armen fühlte er sich durchbebt:
+„Mein Spiegel“, dachte er, „er ist es.“ Gierig blickte er
+ihn an, sog seinen Anblick ein. Nein, er war nicht, vielleicht nicht
+verloren. Dies war ein Schmerz; dieser litt. Dies war Jonathan,
+sein Freund sein Kind sein Herz. Traurig berührte
+Jonathan, bittend, als er ihn fühlte, seinen Arm: „Soll ich?“
+wühlte es erstickt, schluckte es in Marduk. Er hörte wie ihn der
+Jüngere Sanfte mit verschleierter zarter Stimme ansprach:
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+„Du mußt mir von deinen Versuchen, den letzten, erzählen. Du
+kannst es ruhig tun.“ Marduk wand sich; es war nicht möglich,
+daß einer so sprach; dies war Jonathan. Er hielt sich, die Hände
+rückwärts aufstemmend, an der Tischplatte fest, stieß, die Augen
+schließend, durchflutet, von einer Kühle übergossen als wäre er
+entblößt, einen tiefen Seufzer aus. „Mach das Fenster auf“
+bat er Jonathan. Wie der Regen draußen trommelte; nasser
+Wind flog herein. Nur mit Mühe arbeitete Marduk eine Stunde.
+Dann legte er sich, nicht einmal über sich erstaunt, am hellen
+Mittag in sein Bett. Wühlte sich tief und tiefer in das Kissen,
+schlang die Decke als wenn er sich verkröche, fest über sich. Wie
+von einem Zauberfinger berührt schlief er ein, fest. Ein Schlaf,
+der sein Mark durchfloß.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Toten wurden am folgenden Tage öffentlich beerdigt.
+Der Konsul beteiligte sich an dem feierlichen Zug. Er erklärte
+keine Rache üben, keinen Schrecken verbreiten zu wollen.
+Abends bebte die Erde wie im Beginn von Markes Konsulat:
+zahlreiche entdeckte Anlagen und Versuchsstätten, auch Marduks
+eigene wurden in die Luft gesprengt.
+</p>
+
+<p>
+Er selbst sammelte um sich eine große Anzahl von Männern
+und Frauen, die ihm ergeben waren, Waffen trugen, Angriffs-
+und Abwehrapparate herstellten und vervollkommneten. Er umgab
+sich wie ein Tyrann mit Hunderten Spionen und Wächtern.
+</p>
+
+<p>
+In der Zeit seines Konsulats verminderte sich die Einwohnerzahl
+des Stadtgebiets um Millionen. Der Zuzug hörte ganz
+auf. Nicht nur Versuchs- und Arbeitsstätten sprengte Marduk,
+sondern in rascher Folge eine Zahl von Fabriken und Anlagen,
+die er für unnütz hielt. Er griff damit in den Besitz der stärksten
+Herrschaftsgruppen ein, die er verelendete. Die planmäßige
+Zerstörung dieser Einrichtungen, die der Bequemlichkeit und
+Annehmlichkeit, aber auch dem Austausch mit anderen Stadtschaften
+dienten, hatte zur Folge die Herauslösung der märkischen
+Stadtschaft aus dem allgemeinen großen Verkehr der
+Industrien und damit weitere Entblößung des Landes. Die
+Mekifabriken hielt Marduk in der Hand, stieß die Menschen aber
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+mit Gewalt in die Wildnis der Forsten und Felder. Es entstand
+die erste wirkliche Revolte, als er ohne Befragen des Senats
+auch eine Anzahl Nahrungsspeicher sprengte. Er zerstörte diese
+kunstvollen Anlagen, ließ sie nicht zerfallen, um durch die tosende
+Zertrümmerung seinen Willen zur glatten Abwendung von
+ihnen bekanntzugeben. Der Senat, der bald aus einer Mehrheit
+ernster Anhänger des Konsuls bestand, – viele Frondierende
+zogen sich verzagt, überdrüssig in die näheren und ferneren
+Landschaften zurück, – stellte sich gegen ihn. Aus allen Gegenden
+der Stadtschaft rückten damals gegen die Ratsgebäude die
+Menschen mit den schlaffen apathischen Zügen, den unsicheren
+dünnen Gliedmaßen, den starken Leibern, auch härtere Ackerbauern.
+Kinderscharen wurden losgelassen. Entsetzen unter
+ihnen. Sie sollten umkommen; wer nicht Boden und Vieh besaß,
+sollte verhungern. Man verlangte vor dem burgartig gesicherten
+Stadtgebäude nach Marduk, der sich nicht sehen ließ,
+forderte seine Absetzung. Die Menschen zerstreuten sich zum
+Schutz der noch unversehrten Mekifabriken und Anlagen, organisierten
+ihre Bewachung. Marduk ließ wochenlang diesen Zustand.
+Als der Senat sich weigerte, die Menschen zu beruhigen,
+gab der Konsul bekannt, daß er selbst die Anlagen schütze. Das
+Recht der Auswanderung stünde jedem frei. Die Erregten
+kehrten sich nicht an Marduks Warnung. Da kamen ihm Haufen
+Landsiedler zu Hilfe. Nachdem eine Zahl der Unruhigen
+von den Speichern und Anlagen verdrängt war, ein Teil von
+Marduks Wache im Innern der Anlagen unschädlich gemacht
+war, zerfloß die Revolte. Ein neuer Strom Menschen ergoß sich
+aus dem immer wüsteren Land.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> blonde ernste weißhäutige Marion Divoise stand bei dem
+Streit des Konsuls Marduk mit den Senatoren in einer Fensternische
+des Saales, ließ ihre graugrünen Augen schweifen. Viele
+Mädchen und Jünglinge hingen an ihr. Sie dachte, als sie
+Marduk oben sah: wer ist es; wenn er mich bewegen erregen
+könnte. Bei dem folgenden schrecklichen Tumult brach sie zusammen,
+wurde verwirrt nach Hause gebracht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+Marion Divoise, die üppige vollbusige Blonde, die Freude
+vieler Männer und Frauen, drängte seit da zu Marduk. Sie
+verlangte, wie viele, vergeblich Zutritt zum Konsul. Der lebte
+eingeschlossen bald im Stadtgebäude, bald in seinem ärmlichen
+Landhaus; es war nie sicher, wann er da und dort mit seiner
+schwer bewaffneten Wache erschien. Marion hörte auf, die
+Strenge zu sein, die Männer und Frauen durch ihre geheime
+Süße anlockte, die sich ernst und verstehend, warm und dann
+wieder fremd unter ihnen bewegte. Der schauerliche Tumult bei
+der Parlamentsrede Glossings am Tage nach Marduks Staatsstreich
+war ihr nicht aus der Seele gegangen. Sie suchte sich
+beängstigt davon wegzuziehen. Weder Männer noch Frauen
+hatte sie bis dahin ernsthaft angehört. Sie folgte immer Lockungen
+und Erklärungen mit ihrer Güte und Sanftheit, aber leicht
+obenhin. „Was ihr alle sonderbar seid“ war ihr heimlicher Gedanke
+bei den Begegnungen mit ihren Freunden; allein saß sie
+oft zu Hause in ihrem Schlafzimmer und lachte, lachte über die
+Menschen. Bisweilen riß sie einer in seiner glühenden Neigung
+weit hin. Aber wenn die jungen Menschen dringlicher nach
+ihren schönen Armen, ihrem Hals, ihren Hüften griffen, stieg
+der Widerwille in ihr auf. Ohne Maß beleidigt war sie, mit
+Haß und Demütigung überfiel sie den schmerzlich Getroffenen,
+der sich wand. Ein Vieh nannte sie ihn. Es hieß, daß sie sich
+früherer Liebhaber bediente, um einen Menschen, der ihr zu
+nahe gekommen war, tief und raffiniert zu kränken, ihn nackt
+aus dem Bett seines Hauses auf die offene Straße zu werfen.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte, wie Marduk seine gefürchtete Wache, eine Schar
+von Männern und Frauen, die der weißen strengen Person
+jeden Dienst leisteten. Aus ihnen suchte sie sich jetzt zum ungläubigen
+Staunen der anderen, denen es zugeflüstert wurde,
+selbst Freunde Liebhaber aus. In Scham zwang sich die Balladeuse
+dazu. Sie wollte zu einem Mann. Es waren für sie
+Szenen furchtbaren Leidens, wo sie neben einem freudigen
+glücküberschwellenden jungen Wesen saß, das sich ihr zu Füßen
+warf, ihre Zehen küßte, und dann von ihrem Hals, ihren Armen,
+ihrer Brust nicht ließ. Sie fror und glühte, bebte am ganzen
+Rumpf. Das sprang wie ein Käfer an ihr herum, suchte seinen
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+Speichel mit ihrem zu vermischen; sie wandte durchschauert ihr
+Gesicht ab, das sich versteinte. Sie litt, wollte es dulden, wenn
+sie auch zerbrach. Sie wich zurück, versuchte es mit neuen.
+</p>
+
+<p>
+Und dann saß sie einmal mit einem Mann zusammen, den
+sie nie gesehen hatte, einem farbigen sie selbst anwidernden
+Mann, der eine Viehherde angetrieben hatte. Im Augenblick,
+wo sie ihn sah, verlangte sie nach ihm. Starr stand in ihr fest,
+sie wollte nicht zurückweichen. Ohne Narkose; ganz gewiß von
+diesem Kerl. Er trank schon nach einer halben Stunde neben
+ihr. Sie rührte kein Glas an; umschlang erschauernd seinen
+runden Wollkopf. Er verstand. Er dachte eine Canaille zu vergewaltigen;
+trug sie in seinem Kittel vorsichtig auf ihr Bett.
+Da hatte sie sich ein Kissen vor das Gesicht gedrückt, bettelte um
+Gnade. Weinend betäubt rasend vor Selbstverachtung gab sie
+sich der Schändung hin. Sie stand den Kopf zurückgelehnt an
+einem Schrank, schluchzend flehend: „Ist jetzt fertig? Ist jetzt
+gut?“ Reichte dem Mulatten, ohne ihn anzusehen, die feine
+zitternde Hand, die eiskalt und bis zum Gelenk abgestorben war.
+Und sonderbar, wie sie seine hitzigen Finger fühlte, der schreckliche
+Dunst dieses Tieres, das vor ihr stand, zu ihr herüberschwoll,
+fühlte sie sich bewegt, die Augen zu öffnen, ihn, wie er zärtlich
+süßlich und dienerhaft gemein grinste, mit dem Blick zu umfassen,
+ganz ruhig zwei Schritt auf ihn hin zu tun, den weißblonden
+Kopf an seine Brust zu senken. Mitten in den schrecklichen
+Dunst hinein. „Geh jetzt“ flüsterte sie, wie er es wagte,
+leicht über ihre Schultern zu streicheln. Sie zuckte hoch. Er war
+fort; sie hatte nun dies getan, hatte es hinter sich. Sie blies
+wehte die Luft von sich. Und wie sie an das Tier dachte, rutschte
+rauschte sie mit einem leisen Ton aus, zu Boden, lachte flüsterte
+schimpfte verwirrt gegen den Boden hin, wie im Saal des Ratsgebäudes.
+</p>
+
+<p>
+In ihren Gliedern, ihrem erlahmenden Rückgrat blieb die ungeheure
+Erregtheit stecken, die sie nicht schlafen ließ, die mit einem
+hohen gequälten Ton in ihre Stimme stieg. Nun wagte sie es
+mit anderen Frauen ihres Hauses über sich zu sprechen; die
+jungen und älteren zarten und starken Männer aber, die um sie
+waren, betrachtete sie jetzt aufmerksamer. Sie versuchte die
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+Männer, versuchte sich an den Männern. Sie saßen neben ihr,
+hängten sich glücklich und fiebernd an ihren weißen schamüberglühten
+Hals. Es regte sich nichts in ihr; sie streichelte sie, tiefer
+und tiefer geängstigt vor sich. Weinend mußte sie ihren Kopf
+auf die Kissen und Polster legen; man sollte sie nicht quälen,
+sie seien ja alle so gut. Nur nach dem Mulatten hatte sie öfter
+ein bitteres schauriges fast kindliches Verlangen. Der durfte
+nicht gehen, wenn er sich in der Nähe ihres Hauses zeigte. Es
+zog sie etwas zu ihm, etwas Vertrautes, er mußte zu ihr kommen.
+Es war schrecklich, wie sie ihn einmal auf ihr feines einfaches
+Zimmer nahm, ihn, was sie nie tat, mit Kuchen und
+Likören bediente, den farbigen Mann in der gelben Viehtreiberjacke,
+der sich grinsend breit machte vor der demütig ernsten Frau,
+wie er ihr den Rest seines Likörglases an die Stirn spritzte, sie
+im Moment herriß. Sie schrie im Schreck. Die starke Frau
+rang und schlug sich besessen mit ihm, zerbiß seine Hände und
+lag dann, krachend auf den Boden gestaucht, winselnd still. Er
+ließ sie grimmig atemlos, Glas um Glas des Likörs herunterstürzend,
+den Mund mit Kuchen vollstopfend, liegen. Diesen
+Mann ließ sie noch manchmal zu sich rufen; sie wußte nicht, was
+sie zu ihm trieb; er tat mit ihr wie mit einer Sache, sie erduldete
+alles.
+</p>
+
+<p>
+An einen jungen fast knabenhaften Mann, den sie Desir
+nannte, hängte sie sich, war ihm öfter aufgelöst, Trost suchend,
+abwesend, bettelnd, gut. Sie träumte in dieser Zeit oft von
+einem Wasser, auf dem sie fuhr. Desir war ein weißer Schwan,
+der vor ihr schwamm; sie lag in einem Boot, er zog sie, zog sie
+immer weiter, weit fort.
+</p>
+
+<p>
+Als Marduk die stärkere Nutzbarmachung des Landes betrieb,
+das ihr gehörte, verlangte sie wieder mit ihm zu sprechen. Und
+als es ihr abgeschlagen wurde wie jedem sonst, wandte sie sich
+an Marduks jungen Freund Jonathan. Die schöne weiße Balladeuse
+war erschreckt, als nach einem durch Kurier überbrachten
+Brief, sie hätte mit ihm zu verhandeln, eines Mittags Jonathan
+selbst im Flugzeug auf dem Dach ihres Hauses erschien. Oben
+neben seinem leichten Apparat, den er sicherte und abstellte,
+stand sie, betrachtete den feinen braunhaarigen Jüngling, der
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+sich an das Dachgitter lehnte, lächelnd sagte, er sei gekommen.
+Er wisse wenig, was er mit seiner Zeit anfangen solle; ob sie
+ihm böse sei, daß er gekommen sei. Wie hatte sich dieser Mensch,
+den sie kannte, in den letzten Jahren geändert! Wie gleichmütig
+versunken lächelte er, wie hob sich manchmal seine linke
+Augenbraue und zuckte schmerzlich. Er sprach so leise und freundlich,
+und wenn sie antwortete, so wußte sie aus seinem leeren
+Blick, seinem Mund, der sich bewußtlos öffnete, dem Kopf, der
+sich zur Seite bog, daß er meist nicht zuhörte. Dies war der
+Freund Marduks. Sie nahm ihn in ihr Haus herunter; er wollte
+kein Zimmer, im Garten saßen sie. Bald sagte sie, sie wolle
+Marduk sprechen. Er zog Holunderäste über sich: „Warum
+wollen Sie Marduk sprechen? Er hat so wenig Zeit. Lassen
+Sie ihn doch, Marion.“ Sie saß aufrecht, war, je mehr sie
+Jonathan sah, stier und steif in ihrem Begehren, den Konsul zu
+sprechen. Sie wurde zornig. „Ist er mehr als ich. Warum
+versteckt er sich? Er ist Konsul, er nennt sich so, er muß hören,
+was man von ihm will.“ „Muß er das, Marion? Er meint es
+nicht. Er denkt umgekehrt, wir müssen hören, was er will.“
+Sie stand blaß auf: „Das wußte ich, daß es so ist. Es ist mir
+recht, daß Sie hergekommen sind, Jonathan, und daß Sie es
+mir noch sagen. Ich will ihn sprechen, so steht es, ich muß es,
+und das verlange ich.“ „Seien Sie nicht wild, Marion. Es sind
+schon manche wild gewesen und sind nicht mehr wild.“ „Nicht
+ich. Nicht ich.“ Sie stand und flüsterte. Jonathan drückte sie
+auf ihren Sessel: „Sagen Sie, Marion, was ist. Ich will mit
+ihm sprechen.“ Sie schwieg; dann: „Gut.“ Und wie sie fertig
+gesprochen hatte, dachte Jonathan: wie recht hat Marduk, daß
+er sie nicht hört; Weiber sind Räuber. „Gut Marion, ich wills
+ihm sagen. Gehen wir.“ Wie sie aber ein paar Schritt gegangen
+waren, drückte ihm Marion plötzlich heftig die Hand, sah ihn so
+dringlich an, daß er ein Erstaunen fühlte und ihm der Einfall
+kam, zu Marduk von ihr zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Man ließ die schöne Balladeuse vor Marduk. Als er in seinem
+Zimmer des Ratsgebäudes von dem ungeheuren Wandgemälde
+der Uralischen Flammenbergwerke und der flüchtenden versinkenden
+Menschen sich herbewegte, braunschwarz wie die
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+Menschen des Bildes, zitterte sie zum ersten Male. Er schien
+mit seinen unsicheren Beinen dem Riesenkopf den dunklen
+ernsten Augen aus dem Bild herauszuwackeln. Jonathan führte
+sie. Marduk gab ihm die Hand, lächelte: „Wen bringst du mir.“
+Er sah nur Jonathan an, bat, als der gehen wollte, er möchte
+bleiben, lächelte schweigend, als er gegangen war, noch in der
+Richtung seines Weges. Mit demselben Lächeln drehte er sich
+automatisch Marion zu, die Jonathan auf eine Sitzbank geführt
+hatte: „Was willst du, Marion. Was tust du?“ Geheimnisvoll
+fühlte sie sich berührt, entwaffnet. Schwach und still sagte sie,
+sich verwirrend, wieder zitternd, es müßten die Ländereien der
+Stadt nach Norden und Nordwesten ausgedehnt werden. Marduk
+fragte, ob der Senat sie dabei im Stich ließe. Sie mußte
+es verneinen, log, sie fürchte sich vor dem Widerstand ihrer
+eigenen Leute, wollte Bewaffnung und Schutz auf ihrem Besitz.
+Dies sei unmöglich, gab Marduk von sich, versprach,
+mißtrauisch sie anblickend, seine Hilfe für weiterhin, stand auf,
+wieder auf seinen Platz zwischen den braunschwarzen Versinkenden
+zurückzukehren.
+</p>
+
+<p>
+Sie war nur wenige Minuten bei Marduk gewesen, da ging
+sie langsam durch mehrere Türen, über Treppen hinaus.
+Jonathan sonnte sich auf der großen Freitreppe; er hielt einen
+Schmetterling auf seiner Kappe, schaukelte ihn; sie wich ihm
+aus. Von der Begegnung mit Marduk brachte sie nichts mit
+als einen Groll auf Jonathan, eine bis zum Zorn gesteigerte
+dumpfe Wut auf diesen, auf diesen. Sie ging aufgelöst in ihrem
+Zimmer umher; nachmittags ritt sie mit Desir aus, unterwegs
+liebkoste sie ihn, weinte wild, neben ihrem Pferde über die
+Felder gehend.
+</p>
+
+<p>
+Die starke Frau arrangierte Gehässigkeiten gegen Marduk.
+Die Frauenbünde, fast zerfallen, waren damals in den fremden
+Stadtschaften erneut rege; sie streckten ihre Arme nach der Mark
+aus, wo sie heimliche Frondeure unterstützten. Die Berührung
+mit ihnen tat der Balladeuse wohl. Sie machte sich Mut, unterstützte
+Frondeure. Dann spielte sie wieder mit Desir. In das
+Leben dieses Desir wurde sie eigentümlich hineingezogen. Der
+Feine fesselte sie nicht. Erst, wie sich an ihn andere begehrliche
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+Frauen hingen, merkte sie auf, wollte seine Zärtlichkeit nicht
+vermissen, las mit Beklemmung die Zettel, die er von anderen
+Frauen erhielt, sah die Blumenkränze, mit denen sie ihn behingen.
+Und sie seufzte und wollte es nicht dulden. Sie fühlte
+sich gedrängt, auf diese Frauen loszugehen mit einer Erregung;
+aber dahinter stand schon die Trauer. Sanft ließ sie Desir mit
+einer anderen Frau, sanft hängte sie sich selbst an die andere
+Frau, forschte sie aus, sah ihre Neigung Glück, ging wieder zu
+Desir, stand kopfsenkend da, fiel neben ihn, der sie verlangte,
+seufzte mit leeren Augen, eingehüllt von seiner Weichheit, den
+unaufhörlichen Flüsterworten, von den Händen an Stirn und
+Hals gefaßt, die in sie nichts strömten. Sie tat froh auf den
+Fahrten, Desir war ihr Mann, von ihm wollte sie ein Kind.
+Nein, nicht ein Kind, viele Kinder. Ihre Ruhe wollte sie vor
+Augen haben, festhalten. Es sollte alle Vergangenheit ruhen.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder, zwei Mädchen, die sie
+selbst an der Brust aufzog und pflegte. Groß war die Zärtlichkeit
+der mütterlichen Divoise zu ihren Kindern; sie hatte von
+ihrer Schönheit und Art nichts verloren. Und eines Tages erkrankte
+das jüngere Kind. Die Erregung der Divoise; blitzrasch
+veränderte sie sich. Wen sie erreichen konnte von Ärzten zog sie
+herbei. Geschüttelt saß die dunkel verhüllte Divoise am Bette
+des Kindes, schrie nach Hilfe. Mit Angst Haß Bangigkeit verfolgte
+sie das Agieren der stillen Männer und Frauen am Bett.
+Saß zuletzt nicht mehr in der Nähe des klagenden und heftig
+atmenden Kindes, saß nahe der Wand, wo sie niemand sah,
+über sich gebeugt, ein Tuch, das ihr Desir auf die Schultern
+gelegt hatte, über dem Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Das Kind zog die Luft gleichmäßig mit hohem Tönen ein,
+gab sie rasch von sich. Eine Pause. Wieder hohes Tönen
+Blasen. Die Ärzte hielten das Vergehen der kleinen Seele nicht
+auf. Als es frühmorgens nicht mehr blitzrasch das Köpfchen
+warf und mit suchenden Augen nach rechts und links fuhr, und
+ohne die Wimper zu bewegen aus großen runden Augäpfeln,
+trübe überhauchten, die in Schwärze liegende Decke betrachtete,
+bewegte sich die mütterliche Divoise, das violette Seidentuch
+über Rumpf und Gesicht, heran an das Bett, lag eine Weile zu
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Füßen des schweigenden Wesens. Mit dem Gesicht aufliegend
+nahm sie finster schluchzend das Füßchen des Kindes in den
+Mund, sog daran, legte es sich an den Hals. Trug das tote
+Wesen im Zimmer herum, setzte sich, während das Tuch rückwärts
+von ihr abfiel, auf den Stuhl, den eben der Arzt verlassen
+hatte, hielt das Erstorbene auf dem Schoß, setzte es auf; die
+Arme schlenkerten an dem kleinen hemdbekleideten Mädchenkörper.
+Marion, nicht hörend, was man ihr sagte, hielt das
+Kind fest, wickelte es in ihr wieder aufgerafftes Tuch, schleppte
+es durch das Zimmer, summend, mit festem Schritt. Dies tat
+sie stundenlang bis zum Morgengrauen: gehen, das Kind
+wickeln aufsetzen, bis es steif geworden war und aufrecht auf
+ihrem Knie saß mit gesunkenem Kopf. Eine Frau nahm ihr
+das kalte wachsfarbene Wesen aus den Händen: „Nun ist’s gut,
+Marion! Nicht wahr, nun ist’s gut?“ „Ich hab es nicht weggegeben“
+zitterte Marion mit leeren Händen, „du hast es mir
+weggenommen, das mußt du wissen.“ Saß noch da, wie das
+Erstorbene zugedeckt wurde. „Mein Tuch drüber, mein Seidentuch.
+Nun hast dus weggenommen. Nun ist es geschehen.“
+</p>
+
+<p>
+Aus dem stillen Zimmer ging sie. Über einen Flur. Wie sie
+eine Tür öffnete, schlief drin das ältere Kind. Das Morgenrot
+schien herein. „Warum nur das eine? Warum nur? Es könnte
+auch das andere sein. Soll ich warten?“ Sie zitterte von den
+Knien aufwärts in Wellen bis in den Hals; nahm das schlafende
+Kind mit zwei besinnungslosen Griffen hoch. Schon schrie es
+aus ihrem Mund: „Desir, Desir.“ So bündig scharf schrie es
+aus ihrem Hals, er war in wenigen Augenblicken bei ihr. Sie
+preßte, den Mund schließend, zwischen den Zähnen, sich vom
+Licht abwendend: „Da ist das Kind. Da hast du es. Leg es
+hin.“ Er mußte ihr die Finger ablösen von den Ärmchen des
+Kindes, das schlafend über ihrer Schulter hing, einen kalten verklammten
+Finger nach dem andern.
+</p>
+
+<p>
+Sie haßte von da ab Marduk. Nichts beglückte sie so, nichts
+war ihr inniger als der Haß auf Marduk, den langen Menschen,
+braunschwarz, mit dem Riesenkopf, den dunklen ernsten Augen,
+den unsicheren Beinen. Wenn sie heimfuhr von dem Kind, von
+ihrem Mann aufstand: dies empfing sie doch und hüllte sie
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+gewaltsam ein. Es war etwas wie ein Rachegefühl in ihrem
+Haß. Ruhig hielt sie damit an. Sie war ihrer Dinge gewiß.
+</p>
+
+<p>
+Sie stand eines Tages vor Marduk, der aus der Wand der
+Uralischen Flammen hervortrat zwischen den flüchtenden versinkenden
+Menschen. „Komm da weg“ herrschte sie ihn an „du
+stehst da schlecht.“ Sie zog ihn an die Schädelpyramide: „Da
+stehst du gut, Marduk. Bleib da stehen.“ „Was willst du, Balladeuse.“
+„Balladeuse, Balladeuse. Mir liegt an Balladen nicht.
+Es waren nicht meine Balladen. Ich kann nur sagen, daß –“
+„Daß du mich liebst.“ „Daß ich dich liebe? Bist du verrückt,
+Marduk. Ich dich lieben? Wofür denn? Um was?“ „Lach
+nur. Darum bist du hergekommen, darum habe ich dich ohne
+Wachen hereingelassen. Es kommen öfter welche herein. Ich
+merke es gleich. Es macht mir nichts aus.“ Sie trat an ihn
+heran: „Du bist wahnsinnig, Marduk. Ich verbiete dir so zu
+sprechen. Es ist schamlos. Ich habe dir nichts getan, daß du
+mich beleidigst.“ „Dir sind deine Kinder gestorben, Marion,
+du bist hergekommen, daß ich dich tröste.“ „Mein Kind lebt,
+eins ist gestorben.“ „So lieb dein Kind.“ „Was geht dich mein
+Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge,
+wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.“ „Ich muß die
+Wache rufen.“ „Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht.
+Mein Himmel, was soll ich sagen.“ Sie war plötzlich bläulich
+blaß geworden. Zitterte bis zum Schwanken. Sie war in schrecklicher
+Bedrängnis, sah an sich herunter, kratzte, rieb sich die
+Finger: „Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß nicht, was ich
+von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich liebe dich.
+Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache
+nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh
+genug. Du kennst mich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn.
+Er fühlte nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm,
+wie in einer Stadt die Scheiben leise klirren von den Donnerstößen
+einer sehr fernen Schlacht. Sein Mund fing an sich zu
+einem Lächeln zu verziehen: „Ich habe manche Geschäfte, Marion
+Divoise.“ „Ich auch.“ „Was soll geschehen?“ „Laß mich –“
+sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+die Augen, schluckte, „– laß mich – in dem Hause bleiben.
+Ein paar Stunden.“ Sein Inneres erbebte stärker, tiefer
+innen; er zog die Muskeln seiner Arme zusammen, ballte die
+herabhängenden Hände, leise: „Das ist bei mir nicht üblich. Ich
+habe keine Frauen bei mir.“ „Laß mich – in deiner Nähe –
+sein, Marduk.“
+</p>
+
+<p>
+Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große
+Flammenbild, kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen
+Mantel. Die Divoise hatte die Augen geschlossen, bewegte sich
+nicht, unkenntlicher Ausdruck über ihrem Gesicht. Die Augen
+riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er wußte nicht,
+was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze
+und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich
+nach ihr hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte:
+„Also, ich werde dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite
+es nicht. Es ist nicht meine Art.“ Ihre Hand zuckte zurück;
+tonlos sagte sie: „Dies ist gut von dir, Marduk.“ Er sah, wie
+sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am Arm, führte sie
+durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm losmachte,
+sich setzte. „Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. Du
+hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.“
+</p>
+
+<p>
+Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch.
+Erst als er hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus,
+das schon lange in ihr gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte
+die Fransen der Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten,
+die Hände herabfallen zu lassen. Matt wurden die Schultern,
+weich sank sie über sich zusammen, lächelte eingedeckt hingedrückt
+vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, hingebend: „Ich bin
+hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk kann
+jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er
+kommen. Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich
+in seinem Haus, unter seinem Dach. Marion Divoise, du Süße,
+jetzt ist das beste: du schläfst!“ Dachte nicht an ihr Kind, Desir,
+die Menschen, die an ihr hingen. Kam sich vor wie am Ende
+eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf gekreuzt
+schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: „Welch
+verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+nichts denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen.
+Marduk soll kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem
+Zimmer schliefe. „Auch er. Er auch.“ Sie faßte sich an die
+Brust, ihre Augen leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie
+wieder den Griff. Da schlief Marduk noch. Verwirrt ging sie
+an den Apparat. Die ruhige Männerstimme kam heraus, der
+Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.“ Laut
+sprach sie sich vor: „Er kommt bald“, die zerzupften Fransen des
+Tischtuchs vom Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem
+Tisch bergend; daneben setzte sie sich. Sie drückte den Lichtknopf.
+</p>
+
+<p>
+Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da.
+„Ich war bei Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich
+freue mich dich zu sehen.“ „Er hat dich geschickt.“ Jonathans
+Stimme war erfüllter, klangreicher, fester als sonst: „Nein. Ich
+bin selbst hergekommen. Er warf es nur nebenbei hin. Ich
+wollte dich sehen.“ „Was ist an mir zu – sehen, Jonathan. Du
+kennst mich doch. Du wolltest vielleicht etwas anderes. Von
+dir hatte ich es nicht geglaubt.“ „Was ist, Marion?“ „Daß du
+dich täuschen wirst. Daß ich hier bin, kann ich nicht verheimlichen.
+Ich schäme mich aber nicht. Garnicht. Daß dus genau
+weißt.“ „Ich höre, Marion Divoise.“ „Ich habe nichts
+zu verbergen. Da bin ich. Und jetzt schäme du dich, daß du
+hier hereinkamst.“
+</p>
+
+<p>
+Jonathan, die Arme an der Tür verschränkend, schlug das
+rechte Bein vor das linke: „Ich bin hier, um dich anzusehen,
+Marion Divoise. Wenn du noch mehr sprechen willst, sprich.“
+Sie bog glühend den Kopf über die Seidenfasern auf dem
+Tisch: „Was wollt ihr mit mir machen.“ Und langsam ging der
+weiße junge Mensch von der Tür weg auf sie zu: „Komm, steh
+auf.“ Und nochmal: „Komm.“ Und wie sie finster aufstand,
+legte er beide Arme um ihre Hüften. Rutschte, plötzlich schluchzend,
+von innen gestoßen, an ihr herunter: „Tu an ihm, was du
+willst. Tus, Marion. Ich bin nicht dein Feind.“ Und wie sie
+die Hände herunterließ, zog er sie vor seinen Mund, küßte sie.
+Sie hob den jungen Menschen an sich hoch, der immer stammelte:
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+„Du bist hier, bei ihm; du bist hier“ und ganz außer sich
+war. Er umschlang ihren Hals. Seine Augen brannten und
+irrten: „Ich weiß nicht, Marion, was es auf sich hat, daß du
+hier bist und wer dies gefügt hat. Aber es kann geschehen, daß
+du mit einem Schlage mich und ihn tötest.“
+</p>
+
+<p>
+Wie sie ihn von sich abdrängen wollte, lachte stöhnte er an
+ihrem Hals: „Du kennst das Menschenleben nicht, Divoise. Du
+siehst nur immer zu. Vielleicht jetzt nicht so. Du weißt nicht,
+was hier geschieht. Und durch dich. Es ist gut. Ich sage dir, es
+ist gut. Ich habe dich nicht hergerufen, aber nun bist du da,
+nun ist es geschehen, ich begrüße dich, ich segne dich, daß du
+herein kamst, Divoise.“ So stammelte er, ließ in trunkener
+Schwelgerei von ihr. Die Hände gegen sein eigenes lächelnd
+angehobenes Gesicht gelegt, ohne ihre Fragen zu beantworten,
+stolz, fast feindselig ging er hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Eine Wache führte sie auf Marduks Zimmer. Das war ein
+halbdunkler schmaler hoher Raum, weißlich von allen Seiten
+blinkend, als sei er mit Blech ausgeschlagen. Schalter Kästen
+Hebel in Fuß- und Brusthöhe angebracht. Auf dem Tisch, der
+im Dunkel lag, flammten Tafeln mit Ziffern und Schriftzeichen
+auf. Trübe blickte sie Marduk, auf einer niedrigen Bank hockend,
+an, wie sie im helleren Türlicht stand. „Marion, tritt ein.“
+Sie schöpfte Luft: „Kann ich mich setzen?“ Sie saß auf der Bank
+an der Tür, und wie sie eine Weile den Kopf nach unten gebogen
+hatte, hielt sie seinen Augen stand: „Marduk, ich will dir
+etwas von mir sagen. Ich habe ein Kind verloren. Das war
+ein Schild vor mir. Es ist hin. Auch von dem andern weiß ich
+nichts mehr. Ich bin schutzlos. Du siehst meine Schande. Ja
+Schande. Wenn etwas Schande ist, so ist es dies, daß ich hier
+vor dir auf der Bank sitze.“ „Es hat noch keine dagesessen.“
+„Das tut mir nichts. Ob eine oder keine dagesessen hat. Ich
+bin nicht eine oder keine. Ich hätte hier nicht sitzen dürfen und
+nun ist es geschehen und da bin ich.“
+</p>
+
+<p>
+Sie bog ihren Leib nach vorn, ballte die Hände vor dem
+Mund. Vom Tisch kam es: „Was hast du dahin geworfen, an
+den Boden?“ „Was?“ „Das da. Das Dünne. Die Fasern.“
+„Fasern von dem Tischtuch drüben. Ich hatte sie in der Hand
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+behalten.“ „Tu sie weg.“ „Was?“ „Heb die Fetzen auf, Marion.
+Sie sollen da nicht liegen.“ „Die Fetzen?“ „Ja, du sollst
+sie aufheben. Du hast sie hingeworfen. Wozu wirfst du sie hin.“
+„Ich heb sie auf, Marduk.“ „So tus.“ Sie weinte am Boden,
+die Fasern zusammenlesend: „Ich kann nicht aufstehen. Oh
+meine armen Hände. Ich kann nicht mehr.“ Sie sank mit dem
+Gesicht auf den Boden. „Marion, erbittere mich nicht, du sollst
+die Fetzen aufheben und hierher auf den Tisch legen.“ „Ich
+tus ja, Marduk. Ich kann jetzt nicht. Da, da, das sind alle.
+Jetzt sinds alle.“ Sie legte sie vor ihn, stand auf und ab zitternd
+neben ihm. Er betrachtete sie, erst ungehalten, dann mit freudiger
+Verachtung, legte die Hand an ihre Hüfte. „Laß das,
+Marduk. Du denkst, du hast gewonnenes Spiel. Du willst mich
+wegwerfen. Nimm den Arm weg.“ Und eben noch trübe vor
+sich stierend wogte sie auf und ab, warf sich an ihn auf der Bank,
+umschlingend, ihn niederziehend: „Doch. Es ist gut. Da bist
+du. Es ist gut. Jetzt ist es gut. Mir ist wohl. Ach ist meinen
+Armen wohl. Ach ist meinem Kopf wohl. Ich bin gesund. Da,
+ich zittre nicht mehr. Mir ist ganz gut vom Kopf bis zu den
+Füßen. Wie hätte ich das geglaubt! Beweg dich. Jetzt kann
+mir nichts mehr geschehen. Jetzt zerreiß mich, schlag mich, wirf
+mich zum Fenster hinaus.“ Und sie ließ von ihm, dehnte sich
+selig allein: „Dies ist das Leben, Marduk, sag ich dir. Dies hab
+ich nun geschenkt bekommen. Du hast es mir geschenkt.“
+</p>
+
+<p>
+In ihm klirrte es. Von der Brust stieg in den Hals eine Verschnürung,
+seine Arme waren in Eis getaucht. Er hatte einen
+Widerwillen, eine Wut auf diese Frau. Sie griff ihn an. Man
+mußte sie belehren. Das saß neben ihm auf der Bank, reckte
+sich, sprach, Fasern lagen auf dem Tisch zerstreut. Seine Hand
+griff nach den Fasern, er drehte die Augen nach der Frau:
+„Dein Gesicht her.“ Sie ließ sich die Hände abheben. Ihr Kopf
+hing nach hinten wie eines schlafenden Kindes. Sie blinzelte,
+als wenn sie ins Licht blickte. „Laß mich dich ansehn, Marion.“
+„Ich kann nicht, ich kann nicht, Marduk. Jetzt kann ich doch
+nicht. Ruf mich an, ruf mich bei Namen. Wie ich heiße.“ Als
+er rief, lächelte sie, lachte träumte. Sie horchte, umfaßte mit
+dem linken Arm seine Schultern. Marduks Gesicht verzerrte
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+sich. Er mußte mit Gewalt seine Wut festhalten. Während er
+sich spannte, dachte er: dies ist merkwürdig, was hier geschieht.
+Durch ihn trieb ein Gefühl, das zuckte bis in seine Zähne: man
+muß sich auf ein Flugzeug setzen, die Steuerung fallenlassen
+und durch die Wolken hin. Man muß tollkühn sein. Und dabei
+war eine Schwäche in seinen Lippen Armen. Und noch tiefer
+in der Brust. Das bewältigen. Sein Grimm stieg. Er schluckte
+und schlang. Er hatte schon den rechten Arm um sie gelegt, die
+weiche durchwogte lachende Balladeuse. Da veränderte sich sein
+Gesicht. Die Spannung war verschlungen, versunken. Er ließ
+den Arm nicht los, der linke Arm legte sich über ihre vor- und
+rückwärts schwebende Brust. Das steuerlose Flugzeug war da,
+das ihn forttragen sollte.
+</p>
+
+<p>
+„Marion“ ließ er sich sprechen, verzweifelt, die kalte Nase
+neben ihrem Ohr, „das ist ein sonderbares Abenteuer, in das du
+mich führst. Ich weiß, es macht dir Spaß, mich dahin zu führen.
+Du bist ein tolles Wesen, ich habe viel von dir gehört. Ich soll
+auch einer von den vielen sein, die auf deiner Strecke liegen.
+Das willst du, daß das geschehen soll. Ich weiß es.“ „Was
+weißt du, Marduk“, lachte die Balladeuse. „Daß du hergekommen
+bist, mich zu unterwerfen. Mich unter deine Füße zu
+kriegen.“ Er wollte es, versunken verschlungen, wie er war,
+hören. Er spitzte seinen Mund, sprach ihr in Gedanken die Antwort
+vor. Aber sie gehorchte nicht, bewegte sich in seinen Armen:
+„Es ist die Seligkeit. Du kannst mir sagen, was du willst.
+Es hat sich erfüllt.“ Er rüttelte in einem fragenden Widerstreben
+an ihr, aber sie wich nicht. Da mußte er nach ihren Schläfen
+greifen, um ihren Mund mit seinen trockenen Lippen zu
+berühren; fest drückte er seine Lippen, gewaltsam auf. Aber
+wie von einer Feueresse prallte er zurück, vor diesem heißen Atem,
+der langsam strömte aus diesem ruhenden Leib. Die Luft
+strömte ein. Feucht glänzten die weißen Zähne. Er bettelte in
+höchster Bestürzung; jetzt war er verloren; seufzte, sich an sie
+pressend: „Nun ist gut, Marion. Nun hab ich dir gegeben, was
+du wolltest. Geh jetzt weg. Lebwohl. Nicht wahr, du gehst, du
+wirst gehen, gleich aus diesem Zimmer. Ich habe viele Geschäfte,
+wir sitzen hier. Oh, Marion, geh doch. Warum sitzest
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+du hier, was sitzest du hier.“ Dabei hielt er sie gepreßt. Von
+einem Dunst fühlte er sein Gesicht überzogen, als wenn es auftaute.
+Seine Hände schwollen schwer und heiß an, wuchsen zusammen.
+Die blonde Divoise richtete sich auf, löste seine Hände
+von ihrem Hals ab, lächelte, von ihm abrückend, ihm zugewandt,
+mit kaum gehobenen Lidern: „Jetzt werde ich gehen? Jetzt
+werde ich gehen? Wohin soll sie denn gehen, die Divoise, Marion.
+Sie weiß nicht. Komm her, Marduk, steh auf. Steh auf.
+Deine Beine sind nicht stark, aber stehen kannst du. Da stehst
+du. Warum soll sie denn gehen. Sie will nicht gehen.“ „Was
+willst du denn. Du sollst gehen.“ „Ich bleibe.“ Da war er
+von dem glühenden Hauch überströmt, der Sturm raste durch
+ihn, er stand da und sah zu, knirschte: „Bleib hier.“ Und sie
+ruhig: „Ich bleibe. Da bist du. Bist du nicht da.“ Er sie umschlingend,
+die stand, er stöhnte lachte wütete: „Ich bin da. Da
+hast du mich. Da hast du mich.“ Sein ganz offenes glührotes
+Gesicht, sein Kopf, der hin und her schleuderte, die Mienen
+aufgelöst.
+</p>
+
+<p>
+„Du, Marduk, sieh mich an. Ich habe schon viele Männer
+gehabt, weiße und farbige. Ich möchte mit dir eine Wette eingehen.
+Ich weiß, du willst mit mir kämpfen. Ich werde mit dir
+kämpfen. Wenn du mich zur Lust bewegst, wenn du Lust in
+mich bringst, wenn ich erliege –“ – Sie hatte ihm das Gesicht
+voll zugewandt, ihre Augen flimmerten, sie warf sich lachend
+auf die Bank, klatschte die Hände zusammen, ganz leise klang
+ihr Lachen. „Was ist dann?“ „Wer erliegt, Marduk, der muß
+weg.“ „Was meinst du?“ „Es ist eine große Wette.“ Ihre
+blaugrauen Augen flimmerten und drehten sich. In ihm
+schluchzte schlingerte es hin und her. Er war ihr dankbar; ah,
+sie war ein Weib. „Nimmst du den Kampf auf?“ „Wohl, wohl,
+Marion.“
+</p>
+
+<p>
+Sie standen in Umschlingung, sie kicherte zitterte: „Wir
+müssen die Wette schließen. Ich glaube nichts. Ich weiß nichts.
+Dies ist die Seligkeit, die ich habe. Wenn ich lache, so mußt du
+nicht glauben, daß ich selig bin, weil ich am Ziel bin. Ja, ich
+bin selig, – und auch, weil hier mein Kampfplatz ist. Weil du
+mein Kampfplatz bist. Hier bin ich zu Haus. Dich wollte ich.
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Ich habe, habe dich unendlich gehaßt, ganz ohne Maß. Mein
+Haß war mein Rückgrat. Jetzt hast du dich gestellt. Ich kann
+dich nicht loslassen, ohne daß ich dich ganz bis in mein Mark
+hinein gefühlt habe. Ohne daß du mit mir gekämpft hast. Wenn
+du mich nicht zwingst, mußt du weg. Wer erliegt, muß weg.“
+„Ja.“ „Verstehst du das; der muß weg. So will ich es. Wenn
+ich dir erliege, wenn ich an dir vergehe, sollst du mich bei der
+Kehle nehmen und umbringen. Oder was du willst. Das soll
+geschehen. Es gibt keine Gnade. – Ich bin schon da.“
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte den Lichtknopf geschlagen, das Licht war erloschen,
+das Kleid raschelte von ihr. „Ich bin da, Marduk, wo bleibst
+du.“ Eine ganz andere Stimme klang aus ihm, er hörte sie
+nicht: „Du sollst nicht auf mich warten.“ Sie griffen sich im
+Dunkeln an, warfen sich auf sein Bett. Das hilflose Geschrei
+in ihm war verstummt, er hatte sichere Arme, er wunderte sich
+nicht, woher er sie hatte, seine Hände waren fest wie sein Nacken.
+„Du hältst das wohl für ein Spiel“, stöhnte sie, „mein Lieber,
+da irrst du. Du glaubst wohl, ich sei ein verliebtes Weib, das
+sich hinwirft. Du irrst. Ich habe Dutzende Männer gehabt,
+sage ich dir, farbige und weiße, schöne zarte und starke. Die
+haben mich alle angefaßt wie du. Ihr seid mir nichts. Ich habe
+sie weggeworfen. Ich gebe dir meinen Schoß, du brauchst mich
+nicht zu zwingen. Du brauchst nicht danach zu drängen. Ich rate
+dir, Marduk, habe Geduld, dir liegt daran zu leben. Nicht wahr,
+du möchtest in diesem Zimmer sitzen, die Tafeln da blinken auf,
+du gibst deine Zeichen, du hast deine Waffen, man kann nichts
+gegen dich. Das – ist – in drei Minuten vorbei, Marduk!“ Der
+Mensch, der sich sonst Marduk nannte, gab zurück: „Ich habe
+keine Geduld. Du wagst es nicht.“ „Ich wag es nicht. Ich wag
+es nicht. Vielleicht will ich mir noch den Augenblick verlängern
+mit dir. Zittere ich etwa. Mit dir will ich ringen. Mit dir
+werde ich ringen.“ „Du hast das Licht ausgeschlagen.“ Sie hatte
+seinen Mund gepackt, ihr Mund lag auf seinem; sie stammelte
+zwischen seinen Zähnen. „Ich will mit dir ringen, nicht mit dir
+sprechen. Du dummes Mannstier. Du, was bist du denn. Haha,
+ich fühle dich, zottiger Kerl, bist du stolz auf diese wüste
+Brust, daß dir ein Bart an den Lippen wächst. Laß dich in den
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+Bart ganz einhüllen. Ich habe schönere Dinge als du. Ich habe
+einen Busen, an dem Kinder getrunken haben. Meine Haare
+sind lang. Fein und lang und weich sind sie. Ich hab überall
+glatte Haut. Wenn ich gehe, auf meinen schönen festen Schenkeln,
+sehen die dicken unflätigen Mannstiere hinter mir her.“
+„Warum hast du das Licht ausgeschlagen?“ „So ist es. Du
+kannst sprechen, was du willst.“ „Ich werde dir sagen, wer
+ich bin. Laß meinen Mund frei. Ich küsse dich nicht.“ „So sag
+es mir, so lang du noch lebst.“ „Du Unband, du weiches warmes
+Wesen, ich hab nicht nötig dir zu sagen wer ich bin. Du willst
+dich vor mir verstecken.“ Eine rasende Angst zuckte, dunkelte in
+ihr auf: „Mein Gott, wer spricht da, mit wem hab ich mich eingelassen?
+Was hab ich getan? Das wollte ich nicht.“ Und dann
+wieder flutend: „Das wollte ich doch. Das will ich. Das willst
+du, o Marion Divoise.“ Sie flehte: „Bist du, Marduk, der den
+Saal vertrieben hat, ich will es hören.“ „Du weißt es.“ „Und
+willst du nicht fragen, Marduk, o Marduk, wer ich bin. Willst
+du es nicht?“ „Balladeuse, wer du bist, die Dutzende Männer
+gehabt hat, farbige und weiße, starke und zarte, werde ich bald
+erfahren haben.“
+</p>
+
+<p>
+Da schrie sie. Und wie er seine Lippen zwingend gegen ihren
+Mund preßte, umschlang sie ihn. Eine dunkle wallende Verschwommenheit
+war in ihm, war Marduk. Und in dem Weinen
+Toben Grimmen war die Gnade, die Seligkeit aus der Balladeuse
+genommen. Sie hielten sich bewegungslos. „Ich habe
+dich, Marduk. Du hast mich. Du willst es so. Wir entgehen
+einander nicht. Ich habe dir die Wette angeboten; ich werde
+dich nicht um Gnade anflehen. Ich bin gewappnet. Du möchtest
+mich mit deinen Knochen zermalmen. Du mußt nicht
+glauben, daß du stärker bist als ich, du feiger Marduk, schwacher
+Marduk; mich begnadigst du nicht.“ „Wenn ich dich sehen könnte,
+Balladeuse. Wie gut, daß ich deine Stimme höre. Sprich nur
+weiter.“ „Wie gut, daß ich dich höre, Marduk. Ich besinne mich
+wieder. Daß ich dich nicht vergesse. Weißt du schon, warum ich
+dich herausgefordert habe? Um dich zu demütigen. Um dich
+erbärmlich zu sehen. Es wird mir in drei Minuten gelungen
+sein. Jetzt erschreckst du mich nicht. Jetzt reiße ich den Vorhang
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+von dir herunter.“ „Sprich nur weiter, Balladeuse.“ „Jetzt
+willst du meinen Mund. Weil du ein Mörder bist. Weil du nur
+Mord kennst. Und mich ersticken willst. Mein Mund ist nicht für
+dich. Du möchtest träumen.“ „Ich werde aufstehen und einen
+Dolch gegen deine feigen Worte nehmen.“ Sie jubelte: „Darauf
+wartete ich schon. Darauf wartete ich. Marduk, tus doch.
+O tus doch.“ Er schlug mit der Faust gegen die Wand; leiser
+Lichtschein kam von der Tür her.
+</p>
+
+<p>
+Sein großer zerwühlter Kopf erhob sich, schnaubend, das verzerrte
+Gesicht, die brennenden sie suchenden Augen. „Wer, wer
+will träumen, Divoise? Wer träumt?“ Ihr Blick wurde starr.
+Dies war er, Marduk. An diesem Leib hing sie. Diesen Rumpf
+hielten ihre Arme.
+</p>
+
+<p>
+Und sie. Die Feueresse sie, die stumme überflutete, sagte
+nicht „Seligkeit“; der heiße Atem strömte langsam aus ihr, aus
+diesem ruhenden Leib, die Luft strömte ein, feucht glänzten die
+weißen Zähne. Weg riß es ihn im Nu. Er schmolz. Das blitzrasch
+im Zickzack durch die grauen Wolken irrende Flugzeug.
+Was ist Leben und Sterben. Sein Mund stand offen. „Jetzt
+stirbst du, Marduk.“ „O Marion“, sagte es aus dem heraus, der
+Marduk geheißen hatte, „ich werde jetzt sterben. Du – bist die
+Seligkeit. Gott verzeih uns beiden.“
+</p>
+
+<p>
+Nichts hörte und sah sie. Ein Zittern durchfloß sie, ein Schwirren
+Dröhnen durch ihren Kopf. Er fühlte nicht, wie ihre Hände
+ihn von sich stemmten, wie eine Kraft in ihre Muskeln trat, die
+sie nie gezeigt hatten. Der dunkle brennende Kopf, der schnaubende
+sich erhebende Kopf, Marduks Kopf war vor ihren Augen
+stehengeblieben. Ihre erblindeten Augen hielten nur ihn fest.
+Die Seligkeit überstieg überschritt durchbrach es. Der Kopf
+senkte sich über ihren Hals, an ihre Brust, durch die Rippen, in
+ihre Brust hinein. Hinein in ihre Brust. Sie biß sich die gefühllose
+Lippe durch. Schluckte schluchzte kurz auf. Dies war die
+Wette. Der Schauer. Der Graus. Die Arme fielen von ihr.
+Tiefe Schwärze. Die furchtbare eisenklirrende zerreißende
+Qual der Lust. Die streckte sie auf das Laken hin.
+</p>
+
+<p>
+Sie saß neben Marduk auf. Sie schüttelte sich. Im Dunkeln
+tastete sie sich an die Bank. Marduks Stimme: „Wer geht?“
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+„Ich. Ich sitze hier. Ich sitze auf der Bank.“ Nein, sie war nicht
+vor Marduk erlegen. Das, das mußte etwas anderes sein. Das
+war etwas anderes, Entsetzliches. Sie sank vor der Bank auf die
+Knie, sank flach über den Boden hin. In den Händen etwas zu
+haben, etwas Weiches eine Puppe ein Kind. Sie streichelte
+den Boden. „Auf, auf“, weinte es in ihr; „ich will nicht leben.“
+</p>
+
+<p>
+Sie taumelte, ging sehr leise auf den nackten Sohlen.
+</p>
+
+<p>
+„Wer geht da? Du, sieh dich vor an den Wänden.“ „Ich
+will nur an das Fenster gehen.“ Am Fenster aber stand sie,
+winselte schluchzte die Balladeuse im geschlossenen Mund, trommelte
+mit den Fäusten gegen die Wand. Wimmernd ächzend
+riß sie das Fenster gegen die schwarze Nacht auf, lag mit dem
+Leib halb über der Umrahmung; tauchte, den Kopf voran, sich
+tiefer. Hob die Beine an, kreischend. Als Marduk anlief, kippte
+sie; schlugen die Beine hoch. Das schwarze große Fenster
+war leer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> stand mitten im Zimmer. Schüttelte den Kopf.
+Ging zum Fenster, strich am Brett. Schüttelte an sich. Dann.
+Runzelte die Stirn, hob die Fäuste, zog sich, das Kinn anhebend,
+knirschend auf den Boden ein. Er bückte sich mit dem Mund auf
+den Boden, drückte den Mund an. Sein Kreischen drang durch.
+Die Wache lief an auf dem Gange. Der Hauptmann der Wache
+klopfte schlug an die Tür, öffnete trat ein. Hob Marduk, zuspringend,
+auf, der mit gerunzelter Stirn an ihm hing, vor sich
+stierte und schrie. Er setzte ihn auf das Bett, kleidete ihn an.
+Führte den schüttelnden zitternden drängenden Mann durch
+das Zimmer. Der ging nur bis zur Zimmermitte und dann rasch
+zurück, fragte immer: „Was tu ich hier.“ Plötzlich krampfte er
+sich zusammen, machte sich steif, ließ den Hauptmann los, schrie
+die Arme weitend: „Wache, Wache!“ „Konsul, ich bin hier.“
+„Lärm. Lärm. Ich will Lärm.“ Und gegen die Metallrückwand
+seines Tisches schlug er mit der Faust: „Ich will Lärm.
+So. Lärm.“
+</p>
+
+<p>
+Er stürzte neben dem Hauptmann auf den nächtigen Hof.
+Man hatte die Zerschmetterte fortgetragen. Er schüttelte
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+brüllte: „Lärm, Lärm.“ Die Soldaten schlugen gegen Blechschirme.
+Sie schmetterten mit Eisenstäben gegen die Platten.
+Es war nicht genug. In einem schwarzen engen, immer dichteren
+Kreis Männer stand er, die die Platten schlugen. Wehklagend,
+die Arme hochstreckend stürzte er über sich. Sie durften
+den Rest der Nacht nicht nachgeben. Gespannt stand er
+in dem Kreis, zitterte schrie näherte sich den Männern im
+Zickzack. Das Tosen scholl in die Stadt hinein.
+</p>
+
+<p>
+Als es hell wurde, ließ er ein Bett in ein leeres Zimmer
+tragen. Da lag er bis zum Mittag; der schwarze stille Hauptmann
+wartete bei ihm. Diesen Mann ließ Marduk nicht aus dem
+Zimmer. Vor ihm weinte keuchte lechzte er sich aus ohne
+Scham. Am Mittag verließen sie das Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Die schneeige Gestalt Jonathans an der ersten Treppe. Jonathan
+stürzte an Marduk, der die Zähne zusammenbiß, herunter,
+hielt sein Knie umfaßt. Es war, wie er den Kopf anlegte,
+als ob er um Verzeihung oder Gnade flehte. Ungeduldig
+bewegte der Mann oben die Knie, dachte nicht, warum der junge
+Mensch niederfiel. Den Umhang raffend stieg er auf sein Zimmer.
+„Wir werden – arbeiten“ sagte er mit übergroßen glasigen
+Augen zu dem Hauptmann. Sprach empfing ordnete.
+Dachte zwischendurch: „Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Was
+geht vor.“
+</p>
+
+<p>
+Leichenblaß matt schlich gegen Abend Desir, der sanfte
+Freund der Balladeuse, in das Gebäude. Er wollte nicht
+zu Marduk. Als der von ihm hörte, ließ er ihn holen. Sie
+standen sich gegenüber. Dem stummen Desir quollen die Tränen
+aus den Augen. Er ging zum Fenster, aus dem sie gefallen
+war, streichelte das Brett daran, warf sich am Fenster auf die
+Knie, schluchzte von Marduk abgewandt. „Du denkst, Desir“
+zischte er plötzlich, „ich hätte Marion umgebracht.“ Der stammelte:
+„Ich weiß nicht, was ich denken soll.“ „Komm her,
+Desir, komm.“ Und wie er anschlich, betrachtete ihn Marduk
+lange, hielt sich, den Mann umschlingend, an ihm fest, murmelte:
+„Sie, sie – war gut zu dir. Du hast ihr wohlgetan. Es war gut,
+Desir.“ „Warum ist sie gestorben?“ „Nicht fragen, Desir.
+Nicht fragen.“ Und hatte den andern schon losgelassen, war
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+schüttelnd auf den Boden gefallen, schrie stopfte sich hilflos ein
+Tuch in den Mund; Desir hielt ihn kniend, selber weinend.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen wurde der zerbrochene Körper der Balladeuse
+verbrannt. Marduk mit dem schwarzen Hauptmann
+und Desir wohnten der Verbrennung bei. „Ich möchte dir etwas
+Gutes antun“ preßte, wie sie die Halle verließen, Marduk hervor
+neben dem leichenähnlichen Desir. „Du wirst dann, ich möchte
+dich darum bitten, die Stadt verlassen. Geh weit weg, mit dem
+Kinde. Ich werde es dir ermöglichen.“ „Was habe ich dir getan,
+Marduk?“ „Nichts. Du wirst mir die Liebe antun, da dich nichts
+an die Stadt bindet, wegzugehen. Du machst mir eine Freude,
+Desir. Du wirst es tun.“ Der blickte den Konsul an, der obwohl
+er starr ging, so weich zu ihm sprach wie nie. An der
+Treppe des Ratsgebäudes stürzte Desir an Marduk herunter:
+„Mir ist ein großes Leid geschehn.“ „Ich weiß, ich weiß“ flüsterte
+Marduk „aber du wirst die Stadt verlassen.“ Er nahm
+den andern beim Arm. Im Vorraum, in der einsamen blumenbestellten
+Glashalle, drückte er ihn an sich, hauchend: „Jetzt ist
+sie weg, weg, Desir. Die Balladeuse ist weg. Jetzt ist es leer.
+Sie ist Asche. Asche. Asche. Zu mir ist sie gekommen.“ Er
+zitterte fror knirschte mit den Zähnen: „Warum ist sie zu mir
+gekommen? Was hab ich ihr getan, daß sie – wegging? Ich
+habe ihr nichts getan. Sag mir, du hast sie gekannt: was hat
+sie von mir gewollt. Sie hat mich zerbrochen und dann ist sie
+weggegangen. Warum, warum?“ „Sie sagte, daß sie dich
+haßte, Marduk.“ „Ich habe ihr nichts getan. Sie ist dagewesen.
+Sie hätte gehen können.“ Marduk hatte den andern losgelassen,
+schüttelte mit den Armen: „Geh weg, Desir. Ich will gar keine
+Antwort. Steh hier nicht.“ Desir mit verträumten Augen
+wankte zur Tür. Marduk rang sich hinter ihm ab: „Desir. Trage
+es mir nicht nach. Komm noch einmal. Komm.“ Er umarmte
+ihn. „Du hast sie nicht geschickt. Meine Feinde haben sie nicht
+geschickt, Desir. Was war in ihr. Warum mußte sie davongehen.
+Und du hast sie lieb gehabt. Lieb. Lieb. Bist jahrelang
+bei ihr gewesen.“ „Was hast du mit ihr gemacht, Marduk?“
+„Nichts, nichts, ich schwöre. Ich bin ja zerbrochen, zerbrochen.
+Siehst du es nicht.“ Und das hilflose Zittern. Desir löste sich,
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+ging. Verließ die Stadtlandschaft, wanderte im Westen herum.
+Man hörte sehr früh davon, daß er gegen den verbrecherischen
+Marduk agitierte.
+</p>
+
+<p>
+Die Politik des geschlagenen Marduk änderte sich nicht.
+Schwächer fühlte man ein Jahr lang seine Hand über der Stadt.
+In grämlicher Bitterkeit vegetierte er, fast von Monat zu Monat
+stärker ergrauend. Er schien ohne innere Anteilnahme, nur
+aus Gewohnheit die Dinge weiterzutreiben. Die näher bei ihm
+waren, wußten, daß er auf seinem Zimmer oft verzweifelt winselte.
+Einige hatten damals den Eindruck, es genüge, ihm auf
+die Finger zu schlagen, um seine Richtung zu verändern. Man
+vernachlässigte herausfordernd den Abbau der Mekifabriken, betrieb
+die Niederlegung von Gebäudereihen, den Aufschluß der
+Bodenerträge.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte schon lange nichts von Jonathan gehört. In dem
+Zorn seiner Tätigkeit hatte er nicht mehr den Hinweis auf diesen
+Schmerz bedurft. Breiter schwerer war Marduk geworden, mit
+eingezogenem Kopf, kleinen zwinkernden Augen, grauen Haarbüscheln
+an den Schläfen. „Ich bin schon grau, Jonathan, findest
+du. Und du, laß dich sehen.“ Schlank und reif Jonathan,
+im langen Silbermantel; zögernd leicht furchtsam bot er dem
+Älteren die Hand. „Du sollst mir helfen, Jonathan. Ich hab
+wenig Hilfe.“ Ob er bedroht sei. „Nein, man bedroht mich
+nicht.“ Lächelnd matt setzte sich Marduk; seine Zimmerwand
+schimmerte weißlich, als sei sie mit Blech beschlagen: „Was
+treibst du Jonathan, den Tag über, den Monat über.“ „Den
+Tag über?“ Er arbeitete wie viele andere an einem Moor; es
+sei keine kleine Arbeit. „Du machst mir einen Vorwurf. Du
+meinst, es sei eigentlich nicht nötig, ich könnte die Fabriken erweitern.“
+„Nicht, Marduk. Ich meine das nicht.“ „Hast du
+andere Wünsche?“ Als Jonathan schwieg, ihn staunend ansah,
+saß Marduk schweigend matt da. Die Wache öffnete die Tür;
+ein bräunlicher Mann, Senator einer westlichen Stadtschaft,
+trat ein, verneigte sich tief vor Marduk, wagte kaum, sich aufzurichten.
+Marduk fragte ihn in seiner grämlichen Art nach
+Namen Absichten. Er wollte nur Marduk sehen, sich vor ihm
+verneigen. „So“ lächelte Marduk bitter „dazu kommst du her.
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+Das nützt mir nichts, mein Freund. Das stört mich. Ihr braucht
+euch vor mir nicht sehen zu lassen. Ich will dir etwas sagen:
+ihr taugt nichts.“ Und als der gegangen war, murrte er, er
+werde sich in Stein aushauen lassen: dann hätten sie den Stoff,
+der sie seien, und sie könnten sich davor verbeugen, soviel sie
+wollten. Es ereignete sich, daß nach Jahren zum erstenmal
+Marduk in einer Senatssitzung erschien, unangemeldet, ohne ein
+Wort zu sprechen saß und wieder ging. Öfter kam er, horchte
+ging. Sein sorgenvolles ruheloses Umherwandern in der Stadtschaft.
+Er wurde einmal auf eine ungeklärte Weise, wahrscheinlich
+durch ein ungesehenes Gas, im Nordteil der Stadt betäubt
+und noch rechtzeitig von der ihm nachspürenden Wache aufgefunden.
+Als Jonathan ihn besuchte, seine helle Verzweiflung:
+„Sitz ich nicht wie in einer Falle. Wie lange dauert es und
+sie schlägt zu. Sie belauern mich von allen Seiten. Sie haben
+Waffen. Sie arbeiten. Ich kann nichts tun. Nicht einmal das
+kann ich.“
+</p>
+
+<p>
+Und immer wieder: „Nicht einmal das.“ Er drängte Jonathan
+plötzlich ängstlich zu sehen, ob jemand vor der Tür sei,
+und als Jonathan zurückkam, brach er in einen Weinkrampf
+aus. „Sie können nichts. Ich wache über sie. Vor dem Uralischen
+Krieg war es nichts und jetzt ist es nichts. Wir sollen
+alle verderben. Weißt du, daß ich dich schon lange nicht gesehen
+habe. Weißt du, welchen Tag wir heut schreiben.“ Er
+studierte, auf dem Bett sitzend, Jonathans Gesicht. „Heute ist
+der Jahrestag meines Einzugs in die Stadt.“ „Ja.“ „Komm
+näher, Jonathan. Was war noch damals. Laß mich besinnen.
+Damals ließ ich dich rufen, ich ließ dich nicht fesseln. Dann habe
+ich mit dir eine – Ehe geschlossen.“ „Laß das, Marduk.“ „Ich
+weiß es noch gut. Es tut mir wohl daran zu denken, lieber Bruder.
+Es war eine finstere schreckliche Zeit. Aber sie war gut. Ich
+war der Nachfolger Markes.“ „Ich will gehen, Marduk, ich will
+gehen. Ich bitte dich, laß mich gehen.“ Marduk der Graubärtige
+zitterte. Er sah begierig bang den Jungen an, fühlte,
+daß er sich den Tod wollte, daß er ihn schon halb litt. Sein Körper
+schüttelte; er murmelte: „Wie die Versuchung sich mir immer
+wieder nähert. Jetzt kommt sie von dieser Seite. Ich hab
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+es nicht erwartet.“ Stark atmend schob er an einer Vase hin
+und her, drückte sie dann klammernd fest auf den Tisch. Jonathans
+zarthäutiges Gesicht loderte, die linke Hand hielt er sich
+vor die Stirn. „Es ist gut, Jonathan, laß nur sein. Ich will
+dir zu Hilfe kommen. Ich will dir zeigen, warum du nicht gut
+von mir denkst.“ Er zog ihn durch die Tür über den Gang ans
+Fenster: „Hier siehst du es. Da liegt die Stadt. Du denkst, wie
+die Straßen früher gefüllt waren. Wie die Häuser aussahen und
+was ich alles angerichtet habe. Dies ist die Stadt. Sie versumpft
+verwahrlost verfällt. Das ist Marduks Gesicht. Sag es
+mir geradeheraus. Ich bin ein geduldiger Zuhörer.“ Stiller
+blickte ihn der Jüngere an, wie auf den bitteren bartumwucherten
+Mund ein grellroter Sonnenstrahl fiel. „Was du denkst,
+Jonathan, ist mir keine Neuigkeit. Ist kein Geheimnis. Viele
+denken es. Wenn ich keine Waffen hätte, wäre ich seit Jahren
+verschwunden. Sie beschuldigen mich, daß ich sie zugrunde
+richte, weil ich sie auf die Äcker treibe.“ „Ich beschuldige dich
+nicht, Marduk. Ich bitte dich ja, daß du mir verzeihst.“ „Ja ich
+weiß, du hattest mich schon einmal um Verzeihung gebeten.
+Auf der Treppe. Oder was war es. Damals. Du fielst, glaub
+ich, vor mir nieder. Laß gut sein.“ Er zog sich vom Fenster zurück,
+in das Zimmer, hielt eine Stuhllehne stumm eine Zeit gepackt;
+aus seinem Mund kam dann: „Ich sage dir, ich bin nicht
+schuld an dieser Erbärmlichkeit. Nicht ich. Ich kann nicht mehr
+tun. Wie ich den Stuhl in das Zimmer werfe, so sind die Menschen:
+sie können nichts als poltern und hinfallen, wenn man sie
+anfaßt. Uns fehlt etwas. Was fehlt uns. Mir ist ja nichts mehr
+gegeben, Jonathan. Ich kann ja nicht mehr. Sie sind schon zu
+Tausenden weggelaufen. Zum Schluß werden sie meinen Kopf
+nehmen. Als wenn sie dann etwas hätten. Ich bin imstande
+ihnen nachzugeben. Aber – ich tu es nicht. Bin ich schlecht, so
+gibt es noch Schlechteres als mich. Ich irre herum, aber über
+ihnen bin ich doch. – Ich bin schlecht, nicht wahr Jonathan?“ Er
+legte hauchend seine Stirn auf die Schulter des andern. „Du
+bist nicht schlecht. Wenn ich wüßte, wie ich helfen könnte.“ „Du
+zwingst dich. Du sagst mir etwas Gutes, Jonathan, weil ich
+dir leid tue. Im Grunde meinst du etwas anderes. Bleib bei
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+mir stehen. Du mein Bruder, der mich haßt.“ „Ich möchte dir
+helfen, Marduk, mit allem, was ich kann. Du mußt mir zeigen.
+Ich will zu dir kommen und neben dir sitzen, Marduk, halt mich
+nicht für ein Kind. Ich bin dir nicht gram. Ich finde, wahrhaft,
+in mir nichts an Gram gegen dich. Ich habe dir vieles
+abzubitten. Gib mir Gelegenheit, Marduk, mich dir gut zu erweisen.
+Wer bist du, wer bist du, du armer Mensch.“ „Nicht
+so sprechen, nicht so sprechen“, zitterte der andere, „bleib immer
+so stehen bei mir. Hab ich mich vor dir enthüllt als Armer.
+Es sind alle arm. Nicht ich allein. Wir verderben alle. Wo ist
+Rettung.“ Er löste sich von Jonathan. Mit vibrierendem Gesicht,
+zwinkernden Augen, bösen kleinen Blicken auf den Jungen
+ging er um den runden Tisch, stierte von drüben den andern an:
+„Es ist etwas faul bei mir. Ich bleibe noch eine Weile hier im
+Haus. Das ist mein Mauseloch. Ich helf mir schon. Jonathan,
+ich helf mir schon allein. Sieh meine grauen Haare an. Vor
+einigen Jahren waren sie wellig und glatt. Jetzt stehen sie
+wie Borsten auf. Das ist das Schicksal dieses Landes. Man
+wird mich vielleicht bald aus dem Haus heraustragen. – Es
+ist genug jetzt. Ich fürchte, ich werde zum Schluß meines
+Lebens noch sehr böse.“
+</p>
+
+<p>
+Als Jonathan ihm zum Abschied die Hand gab, hielt Marduk
+diese glatte warme Hand eine Weile mit seinen beiden
+fest. Mit einer leichten zwangmäßigen Gegenbewegung entzog
+sie ihm der Jüngere. „Ich werde ihn nicht mehr besuchen“,
+dachte Jonathan, als er frierend die Treppe herunterstieg. Entschlossen
+in tiefer Seele war er. „Niemals, niemals mehr werde
+ich ihn besuchen. Und wenn er mich tötet, mich ins Gefängnis
+steckt, alle Martern an mir vollstrecken läßt. Ich werde ihn nie
+besuchen.“ Ein riesengroßer Abscheu vor Marduk ging durch
+ihn. Er war hingerissen von der Gewalt dieses Abscheus. Und
+als er draußen war, lief er seitlich in stille Parkanlagen. Lief
+weinte schlug sich die Brust vor Widerwillen Empörung grenzenloser
+Scham. „Die Schmach“, dachte er, „die mir dieser
+Mensch angetan hat.“ Ein Ekel schwamm in seinem Mund. Er
+spie es von sich. Drängte langsamer zum Park hinaus. Als er
+wieder Menschen sah, konnte seine Brust tief und voll atmen.
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+Er verachtete Marduk. „Ich gehe niemals zu ihm. Es wäre
+wirklich gut, man beseitigte diesen Graukopf. Der Staat könnte
+nur gewinnen. Alle könnten dabei gewinnen.“
+</p>
+
+<p>
+In der Tat wankte Marduk damals. Er, der sonst einsam
+auf den Zentralen saß, ging mit deutlicher Unsicherheit herum,
+sah hier zu, dort zu, fragte. Es geschah oft, daß er von seinen
+Wachen gebeten wurde, auf sich zu achten, weil er sich in
+schlimme Lagen begab. Man sah den Konsul mit einem Hund
+durch die Straßen gehen, einem großen starken Wesen. Das
+Verschwinden des Tieres beendete diese gefährliche Epoche Marduks.
+Da verließ er die Straßen. Er war der alte immer Entschlossene,
+dem, wie viele sagten, an nichts so gelegen war wie
+an der raschen Entvölkerung der Stadtlandschaft.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-5">
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+<span class="line1">Viertes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Die Täuscher</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">eich</span> und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden,
+leicht sich erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das
+Ratsgebäude. Bänder und Federn hingen an ihm. Er galt als
+der Trabant Marduks. Etwas von dem Schrecken, den der Konsul
+einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm Freude, den
+Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch
+die Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als
+früher, fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in
+sich gekehrten Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern,
+bewegungslos hängenden Armen. Unter seinen stolzen
+schmelzenden Blicken, unter den leidenden schmerzgesättigten
+heischenden bewußten Blicken gab sie nach. Von seinem Mund,
+seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit hinbreitende
+grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel
+darüber. Das war, er fühlte gesättigt, seine Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst
+umschwebte ihn, seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich
+gezogen, – saß da eine gelbbraune junge Person, die geschlafen
+hatte und ihn gerade auf sich zukommen sah. In einem jähen
+unsinnigen Schrecken wollte sie in das Gebäude. Das war verschlossen.
+Sie lief im Augenblick, stürzte die Straße entlang.
+Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten um,
+wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war
+es selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen
+nach Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich
+Gehende erkannten Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte
+lang hin. Sie stand im Augenblick erschreckt, rannte zaghaft,
+sich oft umdrehend, weiter. Er war verärgert, sein Knie brannte.
+Er verstand das Ganze nicht. Jäh stürzte er nach. Sie lief
+langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts auf das Pflaster.
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht lag, zog sie
+an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt den
+Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu
+tun gehabt hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen,
+daß sie Hausgehilfin sei und den Hund der Frau beschädigt hätte
+und die Frau hätte geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und
+werde Anzeige erstatten. Jonathan fiel es ein zu sagen, die
+Frau hätte schon Anzeige erstattet und er werde sie vor Marduk
+führen. Sie kam nicht von der Stelle, bettelte, zeigte ihr fremdländisch
+faltenlos linienlos glattes Gesicht, die leicht abgeplattete
+Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat sich ihr Reden,
+sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie streng durch
+die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er Furcht
+erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie
+es dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das
+hinkte. Er erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings
+stark auf Hunde richte. Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh
+umzugehen, als sei es beliebiges Sacheigentum. Einige Tage
+ging er noch hin, ließ sich, scheinbar sachverständig, den Hund
+zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der katzbuckelte vor
+Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten;
+Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle.
+</p>
+
+<p>
+Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in
+dieser Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und
+Männer saßen da zusammen, rauchten diskutierten. Es waren
+Leute, die sich nicht der schweren Arbeit zuwenden wollten,
+nicht den Entschluß aufbrachten auszuwandern, auch viele
+Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der Stadt. In
+den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes
+Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks
+Horden zogen stark durch die Anlagen.
+</p>
+
+<p>
+Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte,
+ganz auf die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung
+zueinander. Ein Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag
+auf allen.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit
+und Süße, wie er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Mädchen, das er verfolgt hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt.
+Durch Hamburg Frankfurt Genf, die südlichen Stadtlandschaften
+fuhr er. Die erregtere Luft. Die heftigen ungebundenen umeinander
+wallenden Menschen. Spöttisch hörte er überall die
+tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde
+er nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an,
+wo das junge zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er
+keinen Sinn mehr für die Dinge der Stadt. Er war nach
+einem Monat, als er am Mainufer mit ihr saß, erschüttert von
+dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm lagen, von dem
+Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken hat er
+mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der sommerlichen
+Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine
+Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina,
+kommt es wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen
+werden, in ein anderes Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis
+an das Frühere behalten? So geht es mir.“ „Aber du
+vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint mir ganz unglaubhaft,
+was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die
+Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist
+wunderschön hier. Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen
+wie die, die ich erlebt habe! Wie können Menschen
+sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, nichts mehr davon.
+Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm umging.
+Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was
+ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt
+vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst
+du nur von ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge
+erzählen. Ich werde dir erzählen – von der armen dummen
+Elina, die einmal auf einer Steintreppe saß und an einen Hund
+dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist ja alles vorbei.
+Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch drin, in
+der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als
+ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte
+etwas von mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den
+Schoß legte, lachte herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf
+der Wiese.“ „Wie heißt das Märchen?“ „Ich weiß noch nicht.
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. Es war nicht wie mit
+dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel besser. Warum
+siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ „Nun?
+Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr besinnen,
+wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer
+Kirche am Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas
+Luftartiges von ihr. Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und
+wer fromm ist, geht drauf zu, wo der Klang herkommt. Und
+selbst wenn man in der Kirche sitzt, sieht man die Glocke nicht, die
+läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, daß es die Glocke ist, die
+läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; ich sitze auf der Wiese
+am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das bist du.“
+</p>
+
+<p>
+Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre
+Hände weg: „Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin.
+Brauchst dich doch nicht um mich kümmern. Bimmele dir etwas
+vor, und du sagst: es bimmelt und bist zufrieden.“ „Eben.“
+„So kann ich sagen was ich will? Auch nichts sagen? Vielleicht
+auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren und
+bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes
+Haar auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe
+jedes Haar, jede Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser
+als der Gott, denn sie sind mein. Und deine Nase und dein
+Mund und deine Füße in roten Strümpfen und dein Kleid: das
+bist alles du und ich brauch gar nicht drüber nachdenken.“
+</p>
+
+<p>
+„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach
+tu es nicht.“ „Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir
+mit zwei drei Worten ganz genau beschreiben. So genau, daß
+jeder gleich weiß, wer es ist und sagt, das bist du.“ „So sag.“
+„Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist meine Freude. Mein
+trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger mein
+Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines
+Kissen. Meine zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich
+kann dich streicheln und du gehörst zu meiner Haut zu meiner
+Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn meine Brust. Du
+alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er lächelte,
+während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen nachzog
+und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+auf“, rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge,
+Elina. Ich dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als
+die Leute auf mich losgingen, weil sie Marduks Freund nicht
+wollten. Da hast du den Schlüssel verloren und mußtest mir
+zum Fenster hinaushelfen. Ich bin statt auf deine Schulter
+zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen Arm.“ „Der
+wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in
+deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht
+ich mir; Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die
+mich schon eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst
+nicht.“ „Ich hab die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich
+freute mich, wie ich dich weinen und betteln hörte draußen. Kein
+Wort hab ich gesagt. Mit dem Gesicht lag ich an dem Türholz.
+Eingesperrt war ich, aber frei. Freier Jonathan. Nach einigen
+Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen wieder auf.“
+</p>
+
+<p>
+Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage,
+in einem künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel
+brauchten. Das Haus oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern,
+die man an einem Gestell befestigte, das nicht dicker als
+ein Streichholz war. Das Gestell war aus leichtestem starken
+Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus ihren Tornistern
+das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde angeschraubt
+und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an
+Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und
+Decken wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder
+durchsichtig, konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen
+wurde wie ein Schiff verankert. Und überall in schönen
+Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten und Zeichen, die die
+nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand
+konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben
+werden aus polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen
+Bankerhöhungen.
+</p>
+
+<p>
+Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper
+mit Freuden ein Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte.
+Sie hatte es unbemerkt vor Jonathan gekauft. Es war in der
+Stadtschaft als ein zauberhafter feiner Stoff von den Frauen
+geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff war es, vom
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das
+man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren
+Atmung es gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden.
+Eine Haut unter der ersten erschien, dichter enger an der menschlichen
+Haut, der sie auflag, über der sie kaum ablösbar hing.
+Die obere Haut trocknete ein, stäubte ab. Weiß war die Farbe
+des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat unter dem
+Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe
+hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel
+war, weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die
+Moosstoffe, aus botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam
+zu pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina
+war heißer und fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier
+viel schöner. Du brauchst längere Zeit, um alles zu vergessen.“
+„Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was forderst du von mir;“
+sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise nicht mit dir gemacht.“
+Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr Euch
+nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk
+weiß noch, was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen.
+Von uns fordert er Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich
+mag nicht nach Berlin.“ Sie trug über dem fremdartigen Hemd
+ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen schlanken Arme
+war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und
+wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter
+freigab, bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst
+du für eine Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich
+wurde ihr Hals rot. „Es ist mein Hemd. Du hast es noch nicht
+gesehen. Ich habe es in der Stadt gekauft.“ „Ein grünes
+Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es nicht.“ „Jetzt
+ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere
+schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter
+an. Als wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es
+gar nicht. Es wächst fast an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch,
+ihre Brust lächelnd entblößend. Er ging still herum. Am Abend
+wurde er heftiger und sie gab nach. Sie dachte an nichts, freute
+sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. Ich soll hier weg.
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, „ich bitte dich,
+ich flehe, komm weg.“
+</p>
+
+<p>
+Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin
+geflogen waren, in seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange
+ab, küßte die Spange, legte sie an seine Wange, band
+sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, die Strümpfe zog er
+herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien mit den
+Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von
+oben zu. Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich
+vor Lust an den Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie
+sprang davon. Lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und
+als er „Elina“ rief, sang sie unter der Decke: „Ich höre nichts.
+Leg dich schlafen.“ Sie trällerte „Jonathan“, als er sich neben
+sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. Seine Hand lag auf ihrem
+Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist das Hemd.“
+„Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn
+Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“
+„Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du
+so lustig?“ „Weil ich’s sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“
+Sein Arm zog sich zurück, traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“
+Und wie seine Stimme verklungen war, horchte sie, ob er noch
+etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie tastete mit ihrer Hand
+nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über sein Gesicht,
+fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er haben
+mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht
+an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte
+er ihren Kopf an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund.
+Und als sie ihre Wonne ausgeatmet hatten und ihre Rücken
+zurücksanken, streichelte Elina sein warmes Gesicht. Ihre kleinen
+Finger biß er; sie summte: „Möchtest du mein Hemd sehen.“
+„Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. Du
+bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es
+ist schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“
+„Ich will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt,
+tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“
+Es flammte schon weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da.
+Du kannst es sehen.“ Sie saß auf der Bettkante, drehte den Kopf
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+nach ihm. Die braunen Haare hingen dicht von ihr herab. Um
+Brust Leib Schultern schlang es sich. Als wenn es naß oder aus
+zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es an den Flanken;
+an manchen Partien des Rückens und der Brust war es
+stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte
+leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich
+unter einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte
+sie: „Ich will es ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr
+vorsichtig rollte sie sich das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte
+sich, als wenn es eine Gummihaut wäre. An den Hals rollte sie
+es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten Arm, den linken
+Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich Achselhaare
+ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich heraus.
+Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“
+Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde
+geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er.
+„Bitte, lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde
+liegen, keine Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich
+gern, so laß es liegen.“ „Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und
+wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh einmal, Elina.“ Sie war
+so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem Gesicht. Er liebte sie
+plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten ihr den
+Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen
+beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte
+er sie, während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die
+Augen. Er drückte sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie
+glücklich war, als sie das raschelnde Gewebe, das leicht wie ein
+Blatt war, in den Händen hielt, es gleich an ihre Brüste drückte,
+es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten Augen blickte sie
+Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar schattenhaft
+hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut überrollte;
+unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten
+ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte
+sie sich, atmete aus: „Ich bin froh.“
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr
+leichten Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang
+vom Boden aber rastlos auf und ab, von selbst, es war ein
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+unsäglich mühsames Begehren. Der Ball ging springend vor ihm
+weg, einem Fenster zu, das sehr helles Licht warf. Der Ball
+war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur noch an der
+Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen lautlosen
+Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz
+schlug wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein
+vor seine Augen, stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die
+Decke schob er zurück. Elina stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie
+griff um sich. Jonathan drückte auf den Lichtknopf. Ihre
+flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist
+gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf.
+Sie verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was
+willst du tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich
+will dir zu trinken holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen
+Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ „Ich bleibe.“ „Mir fehlt
+nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei mir.“ Ihre
+zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist
+es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein
+Hemd nimmst, lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja
+nicht.“ „Du schwörst es mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“
+„Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen aufeinander. Er
+weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den
+Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster.
+</p>
+
+<p>
+Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus
+ihren Träumen: wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden;
+sie fürchtete sich zu sterben. Das Hemd senkte seine feinsten
+Sprossen in ihre Haut, wieder schilferte eine Lage, bläulich
+schimmerte die neue. Während sie in tiefem dauerndem Schlaf
+lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre Schulter und
+Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger.
+</p>
+
+<p>
+Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren
+glatt, schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie
+umhalste, so fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt.
+An seiner Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht
+an ihn, die Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem
+Schlaf erwachte, öffnete sie die Augen, lachte, gab ihm einen
+Schlag auf die Schulter, ließ ihn stehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">pöttisch</span> durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft.
+Sie fuhren auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen.
+Die Gefährte hatten unter ihren Sitzkästen stengelartig lange
+Beine, die spiralig mit Metall umwickelt waren. Sanft knickten
+und schnurrten diese Beine bei der Berührung mit dem Boden
+ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend aufzuschwirren
+und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die Gefährte,
+weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit
+einem starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten
+vorn zwei wenig nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische
+Streben, wie Tastorgane, um einen Anprall abzuschwächen.
+Elina und Jonathan unter bunten Tüchern tänzelten in ihrem
+Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu senken,
+um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen
+Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie
+aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der
+Apparat wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu
+sehen. Sie machten einen Sprung, sich drehend, zurück; die
+Bremse schlug an; hart setzten sie an der Stelle des Schreis auf.
+Da schleppte ein Mann eine Frau an den Bach. Sie trugen
+beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich bewegten, unterschieden
+sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem Gestell;
+Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er die
+Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose
+Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt.
+</p>
+
+<p>
+Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über
+dem weißen Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde
+spritzte da rotes helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über
+dem Uferabfall, gelbweiß ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit
+einem grünen Tuchfetzen. Er murmelte, wie Jonathan neben
+ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll ich tun.“ Jonathan
+stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch nicht gesehen.
+Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja,
+Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid,
+drückte ihre Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das
+hilft.“ Blut überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+Schauer die Lippen ein. Mit starren Mienen lag sie da. Als die
+Äste unter dem Wind knackten, drehte sie den Kopf: „Sieh zu,
+Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte an ihren Röcken, die
+über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile hob sie
+sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte
+nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe
+und Stirn trugen Spritzer.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in
+den Apparat. Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein.
+Der Mann trat zurück; der Apparat streckte die Beine, zog sie
+an, streckte sie, schwirrte mit hohem Metallgesang auf. Zierlich
+schwebte er in Manneshöhe über dem Bach, wendete in einem
+Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den Häusern der
+großen Stadt zu.
+</p>
+
+<p>
+Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach
+gewaschen, gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand
+schöpfte sie Wasser, das sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen
+wollte, goß es gegen die Brust. Sie strich zu dem grünen
+Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier nicht erwarten.
+Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie es der
+Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen
+Sie etwas?“ Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde
+noch hier bleiben. Wenn der Herr wiederkommt, werde ich
+hören, was sie macht.“ „Sie wollen also warten.“ An einem
+Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie zweifelte nicht,
+als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte am Wasser
+und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie schlenderte
+seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging
+er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der
+heimlich zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher.
+„Mein Fleisch, mein Blut“ zitterte es in ihr, mit einem
+verborgenen stachelnden Entzücken. Ein fürchterlicher Haßblick
+aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein grünes blutgesprenkeltes
+Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe
+hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig
+und breit trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm:
+„Laufen Sie doch nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich,
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+ging langsamer. Sie trieben durch das Buchenholz. Der Boden
+war braun. Und wie Elina den Mann suchte zwischen den
+Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging ein Mann,
+ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht gesehen.
+Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen
+vorbeilaufen, da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins
+Gesicht gezogen wie der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie
+das vergrämte stumme Gesicht sah. Das war der grüne. Sie
+hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. Der kurze stämmige
+Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er sich entfernte,
+erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner
+Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende
+Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken.
+Ich glaubte, Sie hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte
+ihr seine Augen zu: „Ja. Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen.
+Blieb stehen, sah an sich herunter. Er hob die Fäuste vor die
+Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie mich. Was
+für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße Lorenz.
+Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie
+haben mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen
+mich halten?“ „Ich sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein,
+Lorenz. Aber ich trage auch etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an.
+„Sie glauben, man müsse ein farbiges Kleid tragen, um ein
+Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. Dicht neben Marduk.
+Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie zog,
+dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war
+die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter
+schon wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie
+mich angreifen?“ Er griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie,
+das Staunen hatte sein Gesicht geöffnet, langsam brachte er
+heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. Heißen Sie wirklich Elina.
+Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann sind Sie hier.
+Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein
+Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht.
+Ich bin froh, ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“
+</p>
+
+<p>
+Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen,
+über Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+Elinas Schal. Zierlich erhob sich die Heuschrecke, abwechselnd
+schnurrten und klangen die spiralenen Beinchen. Er wagte
+sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie könnte sterben.
+In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber
+immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke.
+Die Kinder lachten auf den Chausseen dem ansummenden
+Liebesgefährt zu. Er seufzte, als wenn ihm selbst eine Gefahr
+drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf einer baumumstandenen
+Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben
+hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat,
+stieg dann langsam die Treppe nach. „Sie werden
+sagen, sie ist tot. Sie werden aus einer Tür, aus einem Aufzug
+hervortreten und mir erklären, daß sie nichts mehr tun
+können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt niemand
+heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen
+haben hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die
+Bäume abgezählt. Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es
+sind gar nicht die Bäume, die sie gesehen haben; sie haben
+etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur darin eingetragen,
+wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte den
+Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht
+nach Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg
+wäre. Oh, wenn es eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen
+könnte. Die mich forttrüge und dies alles rasch beendete. Daß
+ich die Bäume nicht mehr zu sehen brauch, daß ich dieses Haus
+vergesse und wie ich hier stehe. O du große Kraft, gib, daß
+hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht sterben, es
+soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und
+hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie,
+Marduk auf, finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm
+noch Schlimmeres, so Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden
+stand er; er drohte ohne sich zu bewegen: „Wenn ich
+diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten Kaufs davon.
+Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden.
+Ich will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er
+rekelte sich, er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden
+Augen, rang sich von dem Alp los. Eine Schwester rauschte
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+sanft und tief ihn anblickend, neben ihn. Sie stand erst stumm
+vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei durch den Blutverlust
+geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie hergestellt sein.
+Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. Dann
+stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog,
+schrie er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab
+flirrte, wußte tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder
+gut“ ging es schwellend betäubend durch ihn, „es ist ja wieder
+gut. Jonathan, sei still. Jetzt fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es
+geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ Und wie er ihren purpurroten
+Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den sie hergefahren
+waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr
+aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht
+an den Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich
+Liebesworte zu, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen und
+fänden sich nach einer schrecklichen Trennung wieder. Sie
+wurden glücklich und matt zum Umsinken. Zu Füßen eines
+Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt fühlte Jonathan, was
+ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. „Jonathan.“
+Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer
+da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich
+war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins
+Ohr: „Es ist ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“
+Jonathan blickte ihn weiter an, „ich hab es mir gedacht.“ Er
+stand auf: „Der Frau geht es nicht schlecht. Sie wird in einigen
+Wochen wieder gesund sein. Man braucht nicht für sie zu fürchten.“
+Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du verrätst ihn. Du
+sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und her; er
+fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges
+schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie
+sich nicht, Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir,
+wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein.
+Warum lachst du, Elina?“ „Ich freue mich über dich, weil du
+zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir danke. Du bist mein
+Jonathan.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">icht</span> lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter
+Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin
+gemacht. Marduk, der finstere Herumlungerer, schlug mit
+Wut zu. Rapide und mit rasender Verachtung der Verbannten
+organisierte er den Angriff. Man erzählte sich in der Stadtschaft,
+er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten
+kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe.
+Es war sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie
+loszuschlagen, und daß es ihn, der schon halb hingesunken war,
+wieder erhob. Während er in Berlin hielt, ließ er Lucio Angelelli,
+den schwarzen stillen Hauptmann seiner Wache, auf
+Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen
+seine Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie
+nicht auf. Nach dem Auseinanderfall des großen Staatenkreises
+bestand keine Einheitlichkeit in den Kampfmitteln. Der
+Austausch, die gegenseitige Beobachtung war mangelhaft, man
+konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den gefangenen
+Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und
+Frauen, rund um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei
+Wochen lang wanderte er durch Straßen Alleen, über Plätze
+Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern und in Anlagen die Menschen
+zusammen. In dem Fatamorganarauch der Markezeit
+zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor
+beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten,
+während in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen
+ununterbrochen brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen
+der Glieder, die Erstickung kamen andere Methoden.
+Einzeln ließ er sie in die Luft sprengen, aus führerlosen Flugzeugen
+zerschmettern. Er übte die langsame Vereisung durch
+sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und
+nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand
+Marduks, wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es,
+der auf offenem Platz vor seinem Zelt eine der hingebrochenen
+vereisten weißen Figuren auf unerhörte Weise sich bewegen ließ.
+Sie zog ein Bein an, das andere, den Rumpf schräg aufrichtend
+schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf sich zu spazieren;
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn vor ihm,
+senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf
+dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine
+Tote. Er ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden
+Menschen anwandern.
+</p>
+
+<p>
+Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen
+zu erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach
+Norden gegen Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam
+hinzuziehen. Schon kurze Zeit darauf erachtete der Senat, der
+mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für ratsam, über Demmin
+Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr fruchtbare
+brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst
+damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in
+den Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der
+Stadtlandschaft war, wie ungeheure Landmassen bis zu den
+Nachbarstadtschaften ungenützt dalagen. Mächtig wogte südlich
+der Elbe die Stadtschaft Leipzig. Westlich von Magdeburg
+folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute ausgeleerte Städte,
+ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. Hannover
+neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im
+Besitz eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von
+erschlaffenden erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut
+von eifersüchtigen Senatsgruppen, Abkömmlingen der
+großen Herrengeschlechter, jeder bedacht auf Errichtung einer
+Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich höhnisch
+und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen
+Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis
+dicht vor Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim
+und Celle überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit
+Neugier geschehen, wie vom Osten her Menschen die leeren
+Landstriche besiedelten und arbeiteten, als gäbe es keine Mekifabriken,
+keine Kraftapparate.
+</p>
+
+<p>
+Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke
+einer vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte,
+die offen liegenden Gruben umwanderten die Männer und
+Frauen, die das Land bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten
+hier nicht weiden; Weizen Roggen Hafer konnte nicht wachsen;
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+von dem mächtigen finsteren Gelände wandten sie sich ab. Aber
+hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks Gehilfen.
+Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen.
+Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube
+und der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf
+der Stelle, die Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen
+war: weg von den Wasserfällen Skandinaviens.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren
+herumzogen, die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus
+denen sich Wärme und Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft
+war groß und menschenarm. „Wir werden sie zwingen. Wer
+friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht sitzen.“ Sie zerschnitten
+Teile der Riesenkabel von den skandinavischen Wasserfällen,
+die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten Gerüchte
+aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden
+Völkerkreis einzutreten.
+</p>
+
+<p>
+Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde
+Straßen- und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in
+wenigen Tagen weg, was diese Stadt mächtig machte. Sprengte
+verwüstete vertrieb Zehntausende. Braunschweig Hildesheim
+Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und Abscheu erregenden
+märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur
+der Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe.
+Hunger und Tod gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften.
+Sie waren nicht viel, aber ausgesucht stark an
+Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In verfallenden Städten
+lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, aus vielen
+Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden.
+Die aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten:
+sie waren bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende
+furchteinflößende Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller
+und Weser entlang wanderten ritten fuhren die Märkischen.
+Überwältigten Menschenhaufen selten mit Waffen und Apparaten,
+die sie hinter sich schleppten, liebten Listen Verwegenheiten
+roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner
+Senat die Gewalt an Hordenführer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten
+Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten.
+Was in Berlin unter Markes Konsulat begann, die Abtrennung
+von den Umstaaten, die Sprengung der Zentralen, erfolgte
+gleichzeitig in den westlichen Stadtlandschaften, hier intensiver,
+dort sehr oberflächlich. Immer blieben starke Verbindungen mit
+den Umstaaten bestehen, wenn sie auch nicht zahlreich waren,
+das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit ein. Ungeheuer
+die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in der
+Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen,
+verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische.
+Aber überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose
+aktive Männer und Frauen in London verstanden
+die Bewegung auf dem Kontinent in Fluß zu erhalten. Es
+konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem Uralischen Krieg
+vergangen waren, nur darum handeln, einen Völkerzusammenhang
+in neuer Weise herzustellen.
+</p>
+
+<p>
+London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er,
+selber durch technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen
+Kapitalen, genoß bei den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents
+das größte Ansehen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen
+lag allen vor Augen. Als er aber das Gebiet seiner
+Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis Delvil und
+Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen
+mit Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene
+Menschen, im Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen,
+begierig, Marduk auf ihre Seite zu ziehen, nicht
+aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden in dem staatartig
+weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie sie erwarteten,
+eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, mürrische
+stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von
+ihm. Das gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land
+strahlte, weckte ein anderes Feuer im Land. Wie die drei
+Fremden das Land überflogen, sahen sie unter sich eine Reihe
+festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl eigentümlicher ihnen
+unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos kriegerischen Absichten
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen Stadtschaften
+die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen Krieges
+aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war
+die Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden
+Müßiggänger, der teilnahmslosen und abenteuernden
+Menschen gab es. Das dünn bevölkerte Gebiet zwischen
+Elbe und Oder durchzogen erstaunlich energische Männer und
+Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks angepaßt
+hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich
+Waffen anvertraute.
+</p>
+
+<p>
+Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten
+sie dem grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie
+immer in dem berühmten Empfangsraume des Konsuls Marke
+stand neben der Schädelpyramide, vor den Wandgemälden vom
+Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die Schädel
+weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk,
+ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht
+an ihnen, wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes
+Wams, um den Hals einen bauschig gebundenen Seidenschal,
+der ihm breit über die Brust fiel. So wenig das Braun hier
+jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, braun zu
+sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen
+Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug,
+wie sie sich setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch
+der Tuchstoff zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun
+müßte wie sie“ gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul.
+Und nach einer Weile, während sie zu viert auf die schreckliche
+Wand der Flammenbergwerke blickten, Marduk wieder: „Und
+wenn ich es könnte, vergessen: wofür sollte ich vergessen. Ihr
+seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt ihr mich
+überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“
+„Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend
+Marduk. Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft
+geflogen. Man hat uns nirgends gehindert zu sehen, was
+wir wollten. Du hast die Grenzen deines Gebiets erweitert.
+Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat uns ergriffen.
+Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du bist
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute
+bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich
+weiter.“ „Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die
+dauernden Kämpfe, dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen,
+das ist dir bekannt. Wie wir uns ja immer gefreut
+haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben bist und gar nicht
+so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere berichten. Sind
+diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns dagegen
+sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz
+zu sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen:
+„Ich will dir antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch
+legitimiert, weil wir Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht
+vernichten können. Die Städte ruinieren sich. Man kann sie
+sich nicht selbst überlassen.“ „So laß sie sich ruinieren. Hast du,
+White Baker, nicht davon gehört, daß es einen Tod gibt? Wie
+stellst du dir den Tod vor? Unter welchen Erscheinungen tritt
+Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und andere,
+die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten Todeszeichen
+noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“
+Die stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu:
+„Es richtet sich zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen
+den Tod wehren.“ Marduk schlug auf den Tisch: „So wehr dich
+doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von uns kann es. Selbst wenn
+ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh es nicht zurück. Ich
+kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir liegen im
+Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“
+„Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die
+Frau richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen,
+Marduk. Du siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir
+zu helfen? Ihr seid meine Gäste. Ich habe euch gewiß nicht
+gerufen.“ „Die Welt schließt sich zusammen.“ „Um mich auf
+die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht dazu da, für die
+Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, wir
+tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie
+nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von
+uns bitten, Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie
+auch sehr vergänglich ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+du für mich.“ „Ich halte es nicht für Kleinarbeit, was wir tun,
+Marduk. Ich freue mich der Dinge, wie sie jetzt laufen. Wir
+sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge laufen, gut.“
+„Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen seid,
+mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich
+sage es euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“
+</p>
+
+<p>
+Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging
+schon rückwärts. „Wir werden keinen Krieg gegen dich führen,
+Marduk. Es ist nicht nötig, daß wir mit dir Krieg führen. Du
+erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du sicher, Delvil.“ „Ja.“
+Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie kommst du
+dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest du
+mich so wenig, daß du so sprichst.“
+</p>
+
+<p>
+Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk
+hatte sich umgewandt, war sich verneigend an seinen alten
+schützenden Platz zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen.
+</p>
+
+<p>
+Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen
+hatte, pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt.
+Habt ihr ihn gesehen. Er ist vollkommen hin. Was wollen wir
+mit ihm. Zieh in Frieden, liebe Seele.“ Die Frau zog sich
+einen braunen Schleier vor das verfinsterte Gesicht: „Pember,
+es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. Wir dürfen
+ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er
+fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein
+Bube, ein Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der
+Frau: „Ich zweifle, daß er Dummheiten machen wird. Sie
+würden uns auch nur nützen.“ Die breitschultrige stand still,
+blickte Delvil glühend hinter ihrem Schleier an.
+</p>
+
+<p>
+Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich
+täusche mich über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein
+Regen, der es begießt und ihm wohltut. Wir sind ruhig und
+sanft. Will der Konsul es anders, so kann er es haben. Wir
+können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, daß wir
+ihn nicht in die Hand bekommen.“
+</p>
+
+<p>
+Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren.
+Der Konsul, Wachen vor sich, gestikulierte über die
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+Schweigenden: „Man will uns ausrotten. Man wird uns offen
+und geheim bekriegen. Sie wollen uns in ihren neuen Völkerkreis
+hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher sind,
+das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu
+verbleiben.“ Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen
+Beherrscher hatte er verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes
+waren Menschen eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf
+goldene Ähren, wurden ihnen vorausgetragen. Der Gesang
+„Ein friedlich Volk“ hallte gegen die Fenster, feierlich
+durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will uns vernichten“
+es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen,
+durch die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem
+Lärm. Das Gesicht der drei Abgesandten stand vor seinen Augen,
+die Macht des halben Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem
+Haupthof preßte man sich dichter. Völlige Stille trat ein.
+Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. Marduk am Tor
+des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein Gesicht
+von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften
+Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt
+ab das Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes
+werde aufgegeben. Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf;
+sie schien eine Hutkrempe herabziehen zu wollen, blieb dann,
+das Haar berührend, auf der Schläfe liegen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann
+gezuckt, „es ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch
+ihn, war da. Er fühlte eine Schwäche; aber er war es, der es
+schrie. Er sah Delvil vor sich, dachte: „Er ist mein Feind. Ich
+werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ Es bebte in ihm
+fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und während
+das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein
+die Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm,
+durch das Fenster, zitterten feine starre Drähte hinaus. Er
+sah unten die schwarze Masse, die bunten Fahnen: „Gewalt,
+Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein Leben! Willst
+du dich hinunterstürzen?“
+</p>
+
+<p>
+Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er
+stark die Anlagen und Posten im Lande beging, fast täglich mit
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+dem Senat sich besprach. Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt
+von Zeit zu Zeit in ihm auf, vor dem Ratsgebäude der
+Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel gesteigerter
+Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit
+äußerster Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er
+nach außen und strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen
+Traum von einem Spiegel hatte, – er blickte in einen Spiegel,
+sah mit Schrecken seine weißen Lippen, die in der Mitte geplatzt
+waren, Blut verspritzten; er näherte sich der Spiegelfläche,
+rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – verlangte
+ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles
+von vorn an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm
+mit Gewalt das Bild Jonathans: er konnte nicht verstehen,
+welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte und wie er mit tiefer Inbrunst
+an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so schlimm in der
+Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er wissen:
+dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm
+zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf
+trug er mit Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan;
+an die Wand seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige
+Mann. Er empfand zwischendurch einen Grimm auf
+sich, daß er die englischen Abgesandten frei aus dem Land gelassen
+hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen massakrieren
+müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen.
+</p>
+
+<p>
+Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie
+Marduk auf das Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße
+jünglinghafte Mensch vor ihm. So unversehens stand Jonathan
+vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, auf den blau und
+schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen auf
+die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies
+ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan
+war. Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im
+Zimmer mitten unter einem Lichtträger, mit zartblauen Stickereien
+an Kragen und Ärmeln, die Arme gekreuzt und sich verneigend,
+blühend lächelnd, die Augen dunkel, die Brauen
+schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider
+krochen. Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+eine schwarze zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des
+Sessels, zog sie sich über die Knie, betrachtete den Menschen.
+Und länger immer länger starrte er diese bewegliche Erscheinung
+an, blühende Wangen, weißen umgebogenen Seidenkragen.
+Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“
+„Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“
+„Wir haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht
+das Gefühl gehabt, als ob du Verlangen nach mir hattest.“
+„Ich freue mich, dich zu sehen. Wie herrlich jung du geblieben
+bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der andere. Ach, wenn ich
+mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich kann hier
+stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So
+fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund
+wie noch nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich
+jetzt zum ersten Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast
+rufen lassen, daß ich dies fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“
+Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er das hörte. „Auch ich,
+Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen wie jetzt.
+Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube,
+ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen,
+wovon ich heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte
+von Elina, meiner Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht
+gesehen, sie sei mir entrissen, oder ist sie selbst fortgegangen.
+Ich traf sie schwebend über einer Straße, die ich selbst ging; sie
+konnte nicht herunterkommen. Ich ging und ging, streckte die
+Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da wurden meine
+Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und trugen.
+Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher gezogen.
+Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade
+aufwachte, in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“
+Der schwieg, lächelte zu Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch,
+was war. Da lagst du an ihrer Brust. An der Brust dieser
+Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was erzähl ich dir da.“
+„Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen noch eine
+Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen
+nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere
+sich erhob. Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+werden, sein Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln
+kämpfte mit einer Erstarrung.
+</p>
+
+<p>
+Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig,
+gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand
+pressend wild um sich starrend, von seinem Drang überwältigt,
+die Glocke. Die Wache erschien lautlos. „Jonathan soll eine
+Stunde zurückgehalten werden. Man soll in seine Wohnung
+schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen
+hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als
+Elina sich verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor
+das Tor begab, baten sie sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude
+zu folgen. Sie geleiteten die Verwirrte, die an dem
+Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend,
+glückselig weiß gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie
+Marduk, der graue, sein zitronengelbes Kleid dicht um sich
+ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist die Frau, die Jonathans
+Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du ängstigst dich vor
+mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist Jonathan
+hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein
+Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich
+herunter. Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren
+Knien zurecht: „Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein,
+Elina. Ich weiß, Jonathan wird mir zürnen. Ich kann mir
+nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, dich anzuziehen.
+Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit
+tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts
+übrig. Du brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei
+nur still, Elina. Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß.
+Fürchte dich gar nicht vor mir.“ Stürmisch erhob sie sich:
+„Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo du bist. Er wird es
+erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht erregt.“ „Laß
+mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon
+gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß
+du mich holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig
+du bist.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand,
+die Fäuste hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte
+an seinen Schultern: „Laß mich hinaus.“ Er bewegte
+sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den
+Arm vor die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk.
+Wenn du mich nicht fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er
+plötzlich geworden, seine Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen.
+Er brachte seine Lippen zu einer Bewegung; seine
+Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es nicht.“ Sie wurde
+stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar verwirrt und
+angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf mir!“
+Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine
+Augen, sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen.
+Du hast es allein getan.“
+</p>
+
+<p>
+Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete
+und stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein
+unsicheres Gefühl war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan.
+Nichts sagte sie mehr. Ein leiser Schmerz war in ihrer Brust,
+als er sich stumm zur Tür bewegte. Sie war bestürzt, aber
+leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise sagte, den Blick am
+Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man wird
+dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von
+einer Wache hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst.
+Es geschieht dir nichts.“
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte,
+die Decke zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina
+zwei lange Tage. Sie weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan,
+nachts wilde Angst. Stundenlang dachte fühlte sie über Marduk
+nach und war gequält. Zwei Tage lang kam Marduk nicht.
+</p>
+
+<p>
+Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen
+ihre Türe öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte,
+im gelben langen geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend,
+sanft: „Elina, willst du mir gestatten, daß ich hier sitze.“
+Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. „Du wirst in einer Stunde
+das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, wo du willst.
+Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+war ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen.
+Ich habe es schon erkannt.“
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen,
+er möge doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich
+setzen. Da fing er aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend
+an: „Du liebst Jonathan. Sag mir, wie liebt ihr
+euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie auf ihren Schoß
+herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen zugetan.
+Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde schöner
+geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst
+bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan,
+er war immer gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse
+ihn jede Stunde.“ Er hielt den Kopf gesenkt: „Kannst
+du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? Immerfort könnte
+ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich sage.“
+„Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du
+mußt nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß
+es selbst. Wenn man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe
+ihn nicht von gestern auf heute, und morgen ist nichts mehr.
+So innig, so innerlich bin ich ihm zugetan, daß ich mir gar nicht
+denken kann, daß dies erlischt. Ja, daß dies mit mir und Jonathan
+stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich glaube, wenn du
+mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich nur.
+Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen
+Augen, flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann
+schöner werden. Die Erde wird dann schöner. Wir werden
+nicht mehr zwei Menschen sein, die an einem Fleckchen, in einem
+Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier beseelen, da beseelen,
+wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich machen.
+Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal,
+wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen
+ich zu danken habe.“
+</p>
+
+<p>
+Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich
+weine um ihn, Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten.
+Du bist nicht schlimm. Wie ist es ihm gegangen, bevor wir uns
+fanden. Er hat solche Kraft zu leiden.“ „Ich habe sie früh an
+ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie die andere Kraft, von
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen haben Liebe,
+Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar
+Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte.
+„Du machst einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht
+recht, was du mit mir tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir,
+daß du zu mir gesprochen hast. Du bist mir nicht böse.“ „Nein,
+nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich öffne dir.“ Sie gab ihm
+die Hand, blickte ihn von der Seite an: „Lebewohl, Marduk.
+Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum trägst
+du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“
+</p>
+
+<p>
+Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt
+hatten, drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte
+nicht. „Du, Elina, ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“
+„Es ist das des flüchtigen Desir, des Freundes der Marion
+Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich treffen. Er hat sich
+geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber er will
+mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu
+ihm gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich,
+ich habe es ihm gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein
+ist mein Leben. Er weiß es und es ist wahr. An ihm – ist etwas
+Schauerliches. Zuerst hielt ich ihn sogar für schändlich. Ich
+weiß nicht, wie du sein Freund sein konntest. Du, mein wonniger
+Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs oder bin ichs?
+Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So
+fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter.
+Er schwankte, er schwankte noch oft; er wollte immer weg von
+seinem Konsulat; an mich hat er sich gehalten. Dazu war ich
+sein Freund. Den Schmerz in mir hat er gezüchtet, um nicht
+zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, woran er selbst
+hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge,
+die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer
+der Stiere, der Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich
+soll brüllen. Vor Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos,
+was er treibt. Sein Konsulat fällt ihm aus den Händen. Vielleicht
+treibt ihn jetzt die Gewalt allein und er merkt, daß er
+überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen muß, mitheulen
+muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina,
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land
+ausgedehnt und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die
+Maus in der Falle!“ Elina wich von ihm, hob die Hände:
+„Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja gar nicht.“ „Ich
+bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne Schleier. Er
+hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen gezüchtet.
+Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an
+der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast
+keine Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode
+rang. Das wußte er und das tat ihm wohl. Der Uralische
+Krieg war ich. Den preßte er in mich hinein und sättigte sich
+daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes Schädelpyramide
+reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er etwas,
+so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter herunterschlucken.
+Dann schmeckt er ihm.“
+</p>
+
+<p>
+Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit
+großen Augen an: „Von dem, was du sagst, verstehe ich das
+meiste nicht. Aber du mußt weg hier. Das seh ich. Warum
+bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der weiße Jonathan
+stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise Elina,
+einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg,
+den Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn
+drückend. „Ich weiß es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er
+ließ die Hände, blitzschnell warf er den Kopf zurück, war er bei
+ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich liebe dich. Komm.
+Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein
+Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du
+feine Brust; ich krieche in dich hinein. Und nun küß mich.
+Ich habe dich wieder, Elina. Elina.“ Seine Knie knickten ein:
+„Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: „Jonathan. Nichts
+kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander.
+Fester drückten sich ihre Arme aneinander.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">erstreute</span> Menschenherden schoben sich über die öden Flächen
+der Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+aus gestopft vollen Stadtschaften nach Osten in die russische
+verwüstete Ebene. Auf dem ungeheuren Schlachtfeld des
+Feuers der Gifte der Ströme kletterten sie über Schuttberge,
+umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste von Menschen-
+und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht
+mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre
+gearbeitet. Über einen abenteuerlichen dünn übergrünten
+Friedhof fuhren und gingen sie. Gerste Roggen wuchs in
+wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, das von
+Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr
+ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen,
+den Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze
+stämmige Boviste und Erdsterne hatten sich an den südlichen
+Flußmündungen, an den Meeren und Sümpfen geöffnet,
+Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste nördliche
+Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden.
+Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen
+her. Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen,
+auf Windsäcken lautlos her von dem bewachsenen Abhang
+des Ural, aus der Krim und von Astrachan, von Polen Galizien,
+in das zerwirbelte zerknirschte russische Land trieb sie die
+Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. Drehten
+sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben
+Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen
+hoch über endlose Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie
+fielen; Blumen Gräser Halme keimten aus der behauchten
+Erde. Von den grünen Grenzen drangen die Pflanzen Blumen
+und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die Sprengkraft
+der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament
+nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing.
+Die wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die
+zog morgens vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die
+Wolken. Der Mond, oft rot, oft tief vergilbend, weiß wie ein
+angestrahlter Spiegel zog in den Nächten hinter der Sonne
+her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des sternezitternden
+Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die die
+Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab,
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+sanken zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr
+und mehr zogen sich bunte Tupfen die Flüsse entlang. Als aus
+griechischen und rumänischen Stadtschaften kleines Menschenvolk,
+wagenführend, mit Kindern und Vieh suchend das holprige
+rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf Menschen,
+die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie
+sie bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben,
+Hunde neben ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben
+Gesichtern; sie beobachteten einander, taten sich nichts. Oft
+stießen sie auf solche Menschen. Chinesen Burjaken Mongolen,
+die die Pässe des Ural durchwandert hatten. Griechen und
+Rumänen besiedelten neben ihnen das Land.
+</p>
+
+<p>
+An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg
+hin, schloß Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein.
+Sie hatte, mit London verbunden, keine Umwälzung in sich
+geduldet, die Gewalt ihrer Herrengeschlechter nach einigen Revolten
+stärker befestigt. Die große Seelandschaft erschauerte
+bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen Massen verlangten
+nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die
+feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern.
+London sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen
+Sippen liebten die Männer und Frauen der neuen Art.
+Vergeblich schickte London Botschaften an Marduk, den Senat,
+die Führer einzelner Horden. Die britische Zentrale wollte die
+Märker vor einem Angriff Hamburgs bewahren. Dann verfiel
+man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im märkischen
+Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit
+Material versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf
+Weisung der fremden Senate in Zusammenhang geblieben.
+Früh fingen diese Täuscher, die großen gestürzten Geschlechter,
+an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment wider Erwarten
+sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in Bewegung
+setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie
+bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig
+beobachtet.
+</p>
+
+<p>
+Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers
+und Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+Männer suchten ihn. Mit ihnen ein gigantisches Wesen,
+von negerischem Aussehen, schwarzbrauner Hautfarbe. Während
+die blassen Engländer unter Ten Kates mit dem märkischen
+Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen herumgingen,
+mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische
+Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen
+Wilds, bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins
+Gespräch zogen, unauffällig unter ihnen, saß mit halb geschlossenen
+Augen auf dem Sandboden, die Beine untergeschlagen,
+schien nur begierig, eine von den schweren bunten Felddecken
+an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. Die
+nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und
+Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit
+ihren schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln
+das gesottene Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten
+stampften es zu einem Brei, den sie schluckten. Den Märkern,
+die ihnen zuschauten, blitzten die Augen. Sie kauten bissen
+schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht einmal dann mischte
+sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker schlang, ins Gespräch,
+als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde sich
+erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen
+Lorenz umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier
+lassen, er würde ihnen gut zur Hand gehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen
+Wassers treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig
+von der Strömung über und über gerollt wird, in der
+Nähe und von weitem wie ein grünlichbrauner abgedrehter
+Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und rauh wie eine
+Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den andern.
+Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am
+Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt
+auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken
+Arm auf den Tisch, fragte, womit man hier schösse. Sein Arm
+blutete. Lorenz bückte sich über den Tisch; der Schwarze war
+an einen Posten geraten, der mit Schrot schoß. Der plattnasige
+Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. Er
+fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme,
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+was sie hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern.
+Er lachte und nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum
+Schein für einen Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten
+dafür, daß nicht zu viel in den neuen Gebieten demoliert
+wurde. Sie gossen sich Branntwein hinter. Was der Konsul
+Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der elastische
+Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu
+trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der
+Mann sei gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig
+durchlaufene Weiß seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische
+Hilfe. Zimbo blickte ihn nur zwischen den verquollenen
+Augenlidern an, schlich die gelben starken Zähne zeigend, hinaus.
+Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, die
+glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen
+Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt
+herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei
+bei den Bergwerken in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und
+Lorenz schon verzagte, erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von
+der Verden-Celler Straße her, in die sich die äußersten märkischen
+Posten schoben. Wieder lungerte er nur herum.
+</p>
+
+<p>
+Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat.
+Der hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration
+der Lüneburger Heide neu konstruiert und folgte dem
+Druck seiner Bevölkerung, die durch Schreckensnachrichten über
+die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt wurde. Man
+glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu werden.
+Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden
+schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit
+Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten
+ähnelten, transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen.
+Diese Truppen, von Bremen vorgehend, erreichten in wenigen
+Tagen eine radikale Säuberung der durchschrittenen Landstreifen.
+Nicht sehr tief und nicht in großer Breite gingen
+sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu
+erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende
+Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten.
+In Hamburg schlug sich der Senat noch den zweiten Tag
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+über die Frage der Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung
+herum. Da legten die angreifenden Techniker schon
+wieder die Drähte an die großen Fernkabel, stellten die Transformatoren
+Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden
+Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide
+hinein. Die herumvagierenden nördlichen Horden der Märker
+wurden vernichtet, dahinterstehende wichen gegen die Aller nach
+Hannover zu aus. Der Außenteil der Heide war von der östlichen
+Invasion befreit. Die Seelandschaft Hamburg erzitterte.
+Die Herrschenden stellten sich kriegerisch um; die Märker sollten
+ganz ausgerottet werden. Auf Hannover Hildesheim Braunschweig
+zogen sich die märkischen Banden zurück. Es wurde,
+da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen
+stellte, damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung
+stärker arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon
+halb entwöhnte zarte mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz
+konstatierte der Senat, daß die Äcker und Kohlenbergwerke durch
+den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; er stellte auch mit
+Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode überwinden
+werde.
+</p>
+
+<p>
+Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten
+die Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag.
+An ihnen lag es, eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes
+vorzunehmen. Und damit begannen sie. Fünfzehnhundert
+Menschen waren es, die in den Fabriken der synthetischen Nährstoffe
+drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die Fabriken
+verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen
+gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken
+dulde. Sie suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr
+Leben zu retten; die Katastrophe konnte bei den geringen Vorräten
+nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden sie vor den verblüfften
+Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei den
+Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann
+kamen die warnenden Aufklärungen des Senats.
+</p>
+
+<p>
+Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der
+graue Konsul trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort
+abgewartet. Seine alten Feinde, die Männer und Frauen
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+der Apparate, der hohen Wissenschaft, wollten dem Land an die
+Gurgel, sein Werk zerstören. Sein Ansehen und seine Wache
+verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er fragte die
+Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten Täuschern
+gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus
+den Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover
+zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden
+ließ er hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen
+Wiese foltern. Dies zog er einen Nachmittag hin.
+</p>
+
+<p>
+Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht
+eingestanden, gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord
+frei. Man hat von diesem Mord im Ausland nichts gehört, nur
+nach Hamburg sickerte es durch. Es ist Tatsache, daß an diesem
+Abend auf dem europäischen Kontinent wieder Menschenzähne
+Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken.
+Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen
+suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen.
+Die afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes
+wurde deutlich. Aus zertrümmerten Schädelschalen tranken
+Krieger, Männer und Frauen, noch am nächsten Tage. Unter
+den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein wollüstiger
+Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere
+Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es
+ist sicher, daß sich damals der Konsul Marduk, der als grauer
+matter Mann aufgetaucht war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen
+fesseln. Die Lebensmittel waren zu strecken, Krieger,
+wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. Den Horden
+und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und
+gab ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich
+Nahrung holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache
+ging an die Grenze.
+</p>
+
+<p>
+Es waren nicht alle Flüchtige aus den Mekifabriken, die
+Marduk fesseln und töten ließ. Nahe der Horde Lorenz lag in
+der Nähe von Ülzen an der Ilmenau die Truppe Jan Lubbocks,
+und nördlich davon, in der Gegend des alten Bewensee,
+die stark mit Weibern durchsetzte Truppe der Angela Castel,
+einer stillen harten Frau, die zu den Liebhaberinnen der Balladeuse
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+gehört hatte, der Marion Divoise, von der es hieß, daß
+Marduk sie in Liebesscham zum Fenster hinausgeworfen hatte.
+Die hellbraune glattgescheitelte kleine Castel war die einzige
+Frau, die sich in der männlich verwandelten märkischen Stadtlandschaft
+unter den Führern hielt, sie, die sich und ihre Truppe
+mit Tannenzweigen an der Brust schmückte und verbitterte
+Frauen unter sich versammelt hatte. Spott lag auf dieser
+Schar; man ließ sie gewähren. Sie hielt die Flüchtigen aus
+den Mekifabriken mit Stolz bei sich. Und als klar wurde aus
+Bewegungen südlicher und östlicher Gruppen, daß der gehaßte
+Marduk gegen sie etwas im Schilde führte, brach sie los. Sie
+schuf sich erst Platz durch einen Angriff auf die Hamburger im
+Norden. Dicht an Lauenburg drang sie heran. Gegen die
+Hamburger wandte sie zum erstenmal ihre eigenen Fernwaffen.
+Zuerst den Wolkenbläser. Dies war ein Vergaser, der eine
+schwere schwarze wie kohlegesättigte Luftmasse von sich gab,
+die sich auch unter Wind kaum vom Boden und der eingeschlagenen
+Triebrichtung entfernte. Ohne giftig zu wirken und zu
+schädigen, hüllte die schwarze anschwebende bodenentlang kriechende
+Wolke jeden Menschen Gegenstand Baum Weg Berg
+Wagen Pferd dicht ein, so daß augenblicklich alles, was in ihren
+finstern Bereich kam, genötigt war halt zu machen, von tiefer
+Angst erfüllt. So dick war die Schwärze, daß Menschen, die
+sich bei den Händen berührten, sich nicht sahen, daß sie Auge
+an Auge drängend in Nacht hilflos dastanden.
+</p>
+
+<p>
+Das Unheil, das unter den Gegnern entstand, als die erste
+Wolke, die sie für giftig hielten, bei Lauenburg am Boden in undurchdringlichen
+meterhohen Schwaden bauchig sich vorwölbend
+gegen sie anschwoll und sie überwogte, sie versenkte. Fahrende
+Wagen suchten zu entkommen; schrill und dumpf stießen sie
+Warnrufe aus. In Nacht vorrasend fuhren sie gegen laufende
+irrende stehende Menschen, rannten an Bäume Häuserwände
+auf, wuchteten zerschmetterten aneinander. Pferde auf den
+Weideplätzen brachen los, galoppierten hell und heiß wiehernd,
+warfen Menschen nieder, stürzten Stufen herunter, bissen entsetzt
+nach anderen Tieren, nach schlagenden Menschen, an
+Baumstämme, die vor ihnen nicht auswichen. Die Menschen,
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+wo sie betroffen wurden, in Häusern auf Straßen auf Wiesen
+suchten zu entkommen. Liefen, riefen sich an, faßten sich, sahen
+sich nicht, tasteten blind weiter. Dann rasten Tiere und Wagen
+unter sie. Sie warfen sich hin. Wo sie ein Erdloch fanden,
+krochen sie hinein. Auf Geräusche lauschten sie nach allen Seiten,
+um zu wissen, wohin sie flüchten sollten. Und wie sie ruhig
+anhielten, in die Nacht gebannt, hatte sie die feindliche Truppe
+gefaßt. Wie man Sand in einem Sieb schüttelt, wurden sie von
+den Feinden ergriffen, mit Kugeln und Geschossen von oben und
+den Seiten durchlöchert. Blitze ließ man durch sie laufen. Einen
+brennenden, einen tötenden Augenblick war Licht unter ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Vor Lauenburg schickte die hellbraune Castel gegen eine dichtbesiedelte
+truppenbesetzte Landschaft einen Flußlauf. Das Wasser
+der Elbe, breit fließend, viele Meter tief in die Erde eingegraben,
+erhob sich wie abgerahmt aus seinem Bett, übersetzte in meterbreiter
+Ausdehnung den baumbestandenen steingefaßten Uferrand,
+stäubte spritzte hin wie unwillig, dann heftiger, schwemmte
+brauste mächtig wogend in die wiesen- park- straßenbezogene
+Landschaft. Flach ausgebreitet wälzte sie sich südwärts in die
+offene Heide ein. In die Häuser Zimmer, durch die Fenster
+sprang der Strom, Menschen Geräte Tiere Zäune aufhebend.
+Gärten Ställe Fabriken demolierte er, unablässig weiter schwellend,
+getrieben von der bald lautlosen bald orkanartig heulenden
+gegen das Flußbett gerichteten Gewalt, die das Wasser
+angefallen hatte. Man erfuhr später, daß Frauen der Gruppe
+Castels im Besitz der Erfahrungen waren, die bei der Insel
+Jan Mayen in so ungeheure Erscheinung traten und einen
+neuen Abschnitt in der Bezwingung des Wassers darstellten.
+Die Elbe war abgeschnitten bis zur halben Tiefe durch die
+sprühenden vergasenden Ketten, die ins Wasser tauchten aus
+starr überhängenden Drähten. Sie floß flach unterhalb dieser
+Sperre. Jenseits der Sperre aber wuchs sie wie geschleust
+mauerartig hoch, überlief, die schwere schlammwälzende Elbe,
+das Land, füllte es klatschend.
+</p>
+
+<p>
+Die Castel legte um ihre bis zur Elbe vorgebrachte Truppe
+einen Verteidigungsgürtel mit Fernwaffen, wartete die Wirkung
+ihres Vorgehens auf Marduk ab. Wie der bei Ülzen
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+stehende Jan Lubbock und Lorenz, über die Tat der schweigsamen
+Castel entsetzt nach Zimbo suchten, erschien der schwarze
+schmalköpfige Zimbo bei Lauenburg, fragte die Castel, die ihn
+kannte, nach ihren Absichten. Die gab ihm zurück, sie werde
+genau das tun, was sie erreichen könne. Er wollte bei ihr eintreten,
+die weiteren Operationen leiten. Sie lehnte ohne eine
+Miene zu bewegen ab. Zimbo röchelte einen Augenblick in
+Wut vor ihr, dann schlug er sich auf die Brust, nahm ihre geschlossene
+Hand, als sie lächelte, wünschte ihr Glück. Während
+die Castel sich um Lauenburg befestigte, hielt Zimbo Lorenz
+und Lubbock in der Gewalt, daß sie davon absahen, sich der gefährlichen
+Frau anzuschließen. Sie taten, was der schlaue Mann
+vom Kongo ihnen vorschrieb. Lieferten die siebzig Flüchtigen
+aus den Mekifabriken nach Berlin an Marduk ab, der sie zu
+den übrigen tat, versteckten ihre Waffen, gebärdeten sich unterwürfig
+gegen den grauen Konsul und den Senat. Der graue
+hohe Marduk legte sich wieder die Waffen an, die er im Beginn
+seines Konsulats trug. Die Wache des Ratsgebäudes und um
+ihn verstärkte er um Hunderte. Der schwarze schweigende Lucio
+Angelelli bezog seinen alten Posten.
+</p>
+
+<p>
+Das weite Land, das die Stadtschaft an sich gerissen hatte,
+überflog Marduk mit Angelelli. Die wieder vorstoßenden Brandwerfer
+der Lüneburger Heide sahen sie, die Flammen in Celle,
+das Wallen und Schwemmen der Elbe am Standort der verräterischen
+Angela Castel, im Land verstreut halb aufgelöste
+plündernde Horden, Ackerbauern, die sich gegen Nachbarn verteidigten.
+Warnende Nachrichten erreichten sie in Hannover:
+die verfemte Castel bereitete einen Angriff auf Berlin vor,
+Hamburg und England stünden hinter ihr. Ein weiblicher Bote
+von ihr kam in Hannover an auf der Suche nach Marduk; in
+einem kurzen Brief ermahnte die Castel den Konsul, seine
+Waffen niederzulegen und sich außer Landes zu begeben; sie
+sei nicht die einzige gegen ihn in der märkischen Landschaft.
+Das wußte Marduk. Es kam ihm nicht darauf an. Er war,
+und ebenso Angelelli, sein stiller schwarzer Gefährte, geschüttelt
+von einem heftigen Gefühl, als er das schneebedeckte Land sah,
+die Flächen, die schon zum Acker aufgebrochen waren, Menschen
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+beim Bohren von Brunnen, niedergebrochene Häuser und Fabriken
+und hinter dem stummen sich bäumenden Land die westlichen
+Riesenstadtschaften, die eindringenden Flammenschießer
+in der Heide, die Überschwemmung bei Lauenburg. Wie von
+einem Blitz war er getroffen, als er dies sah. Ein Schmerz
+und Glück: sein Werk!
+</p>
+
+<p>
+„Angelelli, du kennst die Castel. Das ist ein anmaßliches Weib,
+die nichts vorhat, als die verruchte Frauenherrschaft über uns
+zu verhängen. Ihr liegt nichts an dem Land. Sie versteht
+nichts. Noch weniger als die Londoner, die doch etwas ahnen.
+Aber wenn sie für nichts, für ihre dummen Pläne sich der Vernichtung
+durch mich und die andern aussetzt, soll ich mich beschämen
+lassen. Willst du dich beschämen lassen, Lucio Angelelli.“
+Der legte seinen strengen Kopf nach rückwärts: „Ich
+nicht, Marduk.“ Marduk hob die Arme: „Und ich!“
+</p>
+
+<p>
+Ein Teil seiner Wache flog ihm nach auf Hannover. Als
+Marduk sie sich westlich von den letzten Ausläufern der Stadt
+setzen hieß, wurde Jonathan bei ihm gemeldet. In einem qualmigen
+mit Kohle geheizten Raum einer halb abgebrannten
+Fabrik stand Marduk, den ruhigen ernsten Blick gegen den
+blassen weichen Mann. „Marduk, ich suche dich seit drei Tagen.
+Ich freue mich, dich zu treffen.“ „Auch ich, Jonathan.“ „Du
+fragst, was ich will.“ „Nein, ich frage nicht. Du kommst doch
+zu mir.“ „Ich will nichts von dir, Marduk. Ich habe früher
+nichts gewollt und will jetzt nichts. Ich möchte dich warnen.“
+Jonathan verschattete sich die Augen mit der Linken. „Von der
+Castel war ein Bote schon bei mir.“ Der Blasse flüsterte: „Kann
+sein. Du scheinst dich nicht darum zu kümmern. Geh außer
+Landes.“ „Gehörst du auch zu den Täuschern?“ Der jüngere
+verstörte zitterte wenig, dann bezwang er sich, richtete sich auf:
+„Ja.“ Marduks Hände hingen schlaff herunter. Die Augen in
+seinem Kopf waren geschlossen. Er stand eine Weile, als ob er
+schlief. Wie er die Augen öffnete, stand Jonathan noch da.
+Der Mann, sein einziges Glück einmal, war drängend näher an
+ihn gekommen. Marduk schüttelte den Kopf: „Du sagst mir
+keine Neuigkeit, Jonathan. Willst du mich warnen vor dir?“
+„Ich weiß, daß du keine Furcht vor mir hast.“ „Nein.“ „Ich
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+warne dich. Geh außer Landes.“ Marduk faßte den Jungen
+um die Brust: „Du willst mir das anbieten? So erbärmlich
+denkst du von mir? So fremd bist du mir?“ „Ich muß es tun.“
+Marduk hauchte wie gelähmt: „Ein Täuscher. Es lohnte nicht,
+daß ich ein Wort an ihn verliere. Die Castel ist frech. Er, seinen
+Namen sprech ich nicht aus.“ „Marduk, ich hasse dich ja nicht.“
+„Sitzt du bei deinen Maschinen gegen mich? Geht es dir gut
+dabei. Jonathan. Aber leb wohl! Du! Leb recht herzlich
+wohl.“ „Mir nützt es nicht, was du sagst. Darum kam ich nicht.
+Ich warne dich, Marduk! Wir sind viele.“ Marduk grimmig:
+„Laß mich los. Sprich nicht mehr zu mir. Ich verachte mich,
+wenn ich dich sehe.“ „Marduk.“ „Weg, weg! Es schüttelt mich.
+Daß du mir unter die Augen trittst! Daß du es wagst. Warum?
+Das heißt nicht, mich vor dem Tod bewahren. Du hast doch
+eine Geliebte. Geh zu ihr.“ „Ich will dir sagen, Marduk: erst
+hast du meine Mutter getötet, ich bin dir gefolgt, dann mußte
+ich von dir gehen. Ich warne dich jetzt. Schmäh mich nicht.“
+„Sag mir du, bist du gekommen, um mir das von deiner Mutter
+zu erzählen? Weil es deine ganze Armut, Jonathan, deine ganze
+Trostlosigkeit enthüllt. Du hättest um deiner Mutter willen
+jetzt schweigen sollen. Von deiner Mutter hättest du nichts
+sagen sollen. Ich weiß, sie hat dich mit mir verbunden. Sie ist
+jetzt – gegen dich!“ Jonathan faßte sich an den Hals, wie gewürgt
+stöhnend, die Augen waren ihm vorgetreten: „Sprich nicht
+weiter, Marduk.“ „Ich spreche schon nicht. Warum erlöst du
+mich nicht? Warum gehst du nicht.“ „Ich habe mich schwer hergezogen,
+Marduk. Ich habe mich gewunden und geschämt herzukommen.
+Ich habe um dich und durch dich grenzenlos gelitten,
+Marduk. Du weißt es. Ich hänge an dir. Ich kann dich
+nicht loslassen. Ach ich warne dich, Marduk. Stirb nicht und
+stirb nicht mit meiner Hilfe. Ich bitte dich, flieh. Ich flehe dich
+an, hör auf mich. Ich flehe. Ich flehe. Marduk.“
+</p>
+
+<p>
+Der wandte ihm den Rücken. „Du wirst außer Landes gehen,
+Marduk?“ Lucio Angelelli trat neben Marduk. „Du wirst
+meinem Rat folgen, Marduk? Gib mir eine Antwort.“ Dessen
+Augen blickten auf den Hauptmann. Der griff von hinten Jonathan
+um den Leib, schleppte den wimmernden aufheulenden
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+schlagenden vor die Tür, warf ihn auf die Treppe. Ein zuspringender
+Krieger lähmte den Hingestürzten durch einen Kolbenschlag.
+Marduk, selbst vor die Tür tretend, wehrte dem
+Krieger, der zurückwich.
+</p>
+
+<p>
+Wieder wurde der Konsul, wie er am nächsten Tage die Wache
+beging, verzaubert von den Schneefeldern. Über Ruinen legte
+sich der endlos rieselnde Schnee. Hing weiß an Vorsprüngen
+und Kanten der Gemäuer wie ein Vogelnest, wölbte sich zum
+Balkon, floß Stufen herunter, überlagerte in einem breiten
+leichten Schwung Mauerreste Treppen Erdboden. Die Flocken
+stiebend vom grauen Himmel. Verschüttete Bäume Häuser
+Wege. Der Anblick rührte Marduk, wie er im dicken schwarzen
+Lederumhang neben dem Hauptmann ging, heftiger und heftiger:
+„Es ist die Frage, Angelelli, ob wir feige sein wollen und
+unsere Zeit abwarten oder ob wir standhalten. Ich will deine
+Antwort nicht herausfordern. Ich habe keine Lust noch irgendetwas
+abzuwarten. Ich bin vollkommen da.“ „Sie müssen
+uns das Land aus den Zähnen herausziehen.“
+</p>
+
+<p>
+Angelelli ordnete für die Horde eine Feierlichkeit an, die von
+England herübergekommen an die indianische Sitte des Medizintanzes
+erinnerte. Die dreißig kräftigsten Männer der Truppe
+suchte er aus; sie hatten einen nahgelegenen Berg zu umkreisen
+und zu überqueren, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Zwei
+Tage und zwei Nächte gingen die Männer ohne Speise und
+Trank; ein großer Teil der Truppe lagerte, bald stumm, bald
+singend an dem Wege. Zwei Tage und zwei Nächte hatten die
+Führer vorgeschrieben. Kein einziger der dreißig Männer, die
+sich zuletzt schleppten und wanden, kaum die Füße hoben, mit
+stieren Blicken, die Köpfe hängend, sich über die weiße Fläche,
+selbst schneebeladen, vorwärtsschoben, keiner versagte unter dem
+letzten Schmettern der Bläser, dem Brausen des Männergesangs
+auf den begangenen Wegen.
+</p>
+
+<p>
+Der schwarze Zimbo stand unbeachtet an einem dieser Wege.
+Grübelnd schlenderte er am Abend des letzten Tages davon,
+pfiff vor sich. Er schnellte mit den Füßen Steine hoch. Das
+war bei der Horde ein schönes Spiel gewesen. An den Yellalafällen
+hatte er so eins gesehen. Er lachte und knurrte vergnügt.
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+Eine junge Birke faßte er mit beiden Händen an, bog den
+Stamm hin und her. Die Männer hatten schöne Muskeln. Und
+Lungen. Wie sie sich fortschleppten, als hätten sie einen Tritt
+ins Kreuz bekommen; aber es ging; sie machten es. Warum
+sollte man ihnen etwas tun. Er bog und drehte vergnügt an
+der Birke. Herr Delvil und die Brüsseler gingen ihn nichts an.
+Die Dicken in ihren Städten, die Dickköpfe. Sie wackelten mit
+den Köpfen, hatten Kürbisse oben; sie mußten behutsam laufen,
+sonst fielen sie ihnen herunter. Er kicherte: wenn ein Sturm
+kommt, fliegen ihnen die Hüte mit den Köpfen zusammen herunter.
+Sie müssen sich einen Haken am Kopf machen und eine
+Kette, damit sie ihren wiederfinden. Die Birke ließ er hin und
+her schießen. Welchen Grund hatte er, sich für die Glotzaugen
+und Kürbisse anzustrengen. Die Läufer gefielen ihm. Mit
+denen konnte man den anderen schon um die Nase blasen. Er
+trollte weiter in den Abend, rieb sich die Hände, sah sich nach
+der schmächtigen Birke um, die noch schwankte, nahm Steinchen
+zielte nach ihr, warf. Da war bloß noch Marduk. Er brüllte
+vor Vergnügen, warf eine ganze Hand Steine. Das war ein
+dummer verzagter Kerl. Den muß man umlegen. Das wird
+nicht schwer halten. Ladung auf Ladung gegen das Stämmchen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduks</span> Ende begann mit dem Vorstoß der unbezähmten
+Castel. Offen zeigte sie die Fahne der Täuscher, die verhaßte
+westliche der brennenden Erde. Das halbleere von Hungernden
+Räubern Flüchtigen durchstreifte Land südöstlich Lauenburgs
+durchzog sie rasch. Ülzen, wo die intakten Horden Lubbocks und
+Lorenz’ sich gesammelt hatten, ließ sie in ihrem Rücken liegen.
+Sie war im Besitz von Brandwerfern, die sie den Hamburgern
+abgenommen hatte. Weder Boten noch Briefe liefen zwischen
+ihr und den beiden früher befreundeten anderen Täuschergruppen.
+Überall übte sie, durch das Schneegebiet wandernd,
+die Methode der schwarzen Einkesselung: Einhüllung der gefahrdrohenden
+Gegenden in Wolken, darauf Vergasung oder
+Veräscherung. Über Salzwedel stieß sie. Auf ihren Wegen
+zertrümmerte sie zweitausend Menschen, rechts und links
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+hinschießend, die metallenen Stiere, das Zeichen der märkischen
+Revolution, die brüllenden bronzenen Wesen mit der aufgerissenen
+Flanke, die der blinde Konsul Marke aufgerichtet hatte.
+Zum Hohn umstellten männliche und weibliche Streifkommandos
+die Metallsäulen, warteten den Augenblick des furchtbaren
+langhingezogenen sich wiederholenden Klageschreis. Mitten im
+Schrei, im grausigsten Sterbelaut zerriß eine Granate den
+starren Riesenleib, warf zum Entsetzen, zum Abscheu der zugelaufenen
+Landbevölkerung Säulen und Erzstücke dumpfend
+auf den Boden. Das Sprengen der heiligen Stiersäulen fachte
+eine stumme Wut in den Umwohnern an. Ihre Tannenzweige
+breiteten Kolonnen nach der Zertrümmerung der Säulen über
+die Bruchstücke aus. Sie hätten schon, wenn sie nicht immer
+stürmisch abgerückt wären, schon eine Stunde später überall das
+Feuer an den Sprengorten sehen können, von den Holzhaufen,
+auf denen die trauernden Menschen die feindlichen grünen
+Nadelzweige verbrannten, nachdem sie inbrünstig, oft unter
+Weinen, die Bruchstücke aus Erz und Stein zusammengetragen
+und in den Boden vergraben hatten.
+</p>
+
+<p>
+Zu ihrer Befremdung sah die sehr sichere kleine Castel, wie
+die Menschen, die sie zu kennen glaubte, vor ihrer Schar finster
+auswichen. Die durch Einzelläufer hingetragenen Worte von
+Befreiung und allgemeinem Zusammenschluß der westlichen
+Menschen fruchteten nichts. Sie erlebte dasselbe Erstaunen,
+das die Anhänger der alten Herrengeschlechter nach dem Tode
+Markes vor dem Einbruch Marduks erlebt hatten: der zuckende
+tiefe Widerwille der Masse vor den Apparaten, ihr zäher Hang
+an Markes Maßnahmen und seinem Weg. Die Bevölkerung
+hatte keine Möglichkeit, die Castelsche Horde anzufassen, aber
+in Irreführung auf Landwegen, massenhaften Einzelschikanen
+machten sie sich Luft. In der sehr männlichen Masse wechselte
+Spott auf die freche Weiberhorde der Castel mit Ausbrüchen
+der Erbitterung. Die Erinnerung an alte Weiberherrschaft
+lebte noch, reizte die vor den Pflug gejagten Männer aufs Blut.
+Die Horde der Castel, vorrückend, war wie von Spürhunden
+umgeben. Die Märker belauerten sie, warteten auf menschliche
+Beute. Die Frauen und Mädchen dieser Männer haßten die
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+Castelschen Weiber am wildesten; blutgierig lauerten sie auf sie,
+griffen Zurückbleibende und sich Verirrende an. Zerschlugen
+sie, taten ihnen Schande an, sperrten sie in Ställe. In zynischer
+Weise vergriffen sie sich an jungen Geschöpfen, die kurz hinter
+Salzwedel, durch scheinbare Neugier der Umwohner verlockt,
+sich darauf einließen, vor ihnen zu sprechen. Kaum war der
+Hauptzug außer Sicht, warfen sich Frauen auf die Fremden,
+entkleideten sie vor den hohnlachenden Männern, zogen ihnen
+knappe Knabenhosen an, die in der Schamgegend geöffnet
+waren. Vorgebunden war da kein Feigenblatt, sondern eine
+derbe rote Rübe mit grünem Kraut. Die Hände wurden ihnen
+auf den Rücken gebunden; so mußten sie zu ihrem Hauptzug
+durch den Schnee. Und als ein Straftrupp zurückkam, die nahegelegenen
+Häuser verbrannte, da liefen hinter dem rückkehrenden
+Trupp, der keine Menschenbeute machen konnte, eine Schar
+Rinder her. Auf ihnen waren Leichen von gefangenen Kriegerinnen
+gebunden; den schamlosen Rübenschmuck hatte man
+zwischen ihre blanken Schenkel gepflanzt. Getrieben wurden die
+Rinder von zwei Frauen, die die Hände auf dem Rücken hatten.
+In kurzen Knabenhosen mit den schwankenden Rüben gingen
+auch sie, aber nicht stumm mit gesenkten Köpfen wie die früher
+losgelassenen: ihre Brüste waren entblößt, in einem Sack hatte
+man rechts und links an ihren Rumpf kleine wimmernde
+Schweine angebunden, deren Schnauzen hervorsahen und gegen
+die Brüste schnappten.
+</p>
+
+<p>
+Die Castel wurde nicht unsicher gemacht. Bei Stendal näherte
+sie sich der Peripherie der alten Stadtschaft Berlin. Von zwei
+Seiten war sie belauert, von Marduk, der selbst bei Hannover
+stand, während sein Hauptmann die Hälfte der Wache in der
+alten Stadtschaft selbst befehligte, und vom schwarzen schmalköpfigen
+Zimbo. Und während noch der Hauptmann Marduks
+von Magdeburg heraufzog, um sie anzufallen, erschien Zimbo
+mit der Horde des Lorenz unerwartet bei Stendal neben der
+weit ausschwärmenden Horde der Frau, die sofort Halt machen
+ließ. Zimbo verlangte noch einmal offen die Führung bei der
+ganzen Aktion als Beauftragter des Völkerkreises. Dann führte
+er eine Unterredung herbei mit dem hellbraunen starken Weib,
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+während er zugleich durch Ausbreitung seiner Horde die gegnerische
+zwang sich auszudehnen. Und wie die siegessichere Castel
+mit Zimbo verhandelte, ihren Tannenzweig in der linken Hand,
+wurde ihr Schicksal besiegelt.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, im Gehen und Fahren durch die knietiefen Schneefelder,
+war der Horde Castels, als ob alles vor ihnen und um sie
+auswiche umböge. Es war, als ob sie plötzlich in ein Element
+wie Wasser eingetaucht waren, in dem sie keine Fähigkeit, zu
+blicken und sich zurechtzufinden, hätten. Die in den schwarzen
+Rauch der Castel Gehüllten konnten, wenn sie sich Auge um Auge
+aneinanderdrängten, sich nicht sehen; jetzt hoben die Menschen,
+die Einzelläufer oder die in Gruppen, die hinter Wagen oder
+neben fahrenden Maschinen, Schnee auf, und die Hand, die den
+weichen kalten zusammenballbaren Schnee griff, – näherte sich
+ihnen nicht. Die Hand schien in Riesengröße ungeheuer weit
+entfernt. Sie zogen daran; ungeheuer und langsam, den halben
+Horizont bedeckend rückte sie näher. Etwas Schwarzes reckte
+sich vor den Menschen auf, die an den Apparaten standen. In
+den Himmel gewachsen waren sie. Die Menschen betasteten die
+Treppenstufen, die zu der Plattform der Apparate führten und
+die ein halbes Haus hoch schienen; mit mächtigen Händen konnten
+sie Stufe um Stufe angreifen, die Füße stellten sie, ängstlich,
+immer ängstlicher auf, sie konnten die Stufen hochsteigen
+und oben türmten sich die Apparate wie Kathedralen auf. Sie
+gingen am Boden wankend vorwärts. Sie hatten das Gefühl,
+die Erde wiche unter ihren Füßen aus, riesig ragte ihr Kopf in
+die Luft; ein fremder schwarzer Riesenkopf schwankte zu ihnen
+her. Die Menschen stöhnten in fürchterlicher Bangigkeit, rieben
+und kneteten an ihren wie gequollenen Armen, an ihrem Kopf,
+glaubten, sie müßten an sich schieben, sich zurechtdrücken und zusammenrecken.
+Wie die Menschen in den schwarzen Wolken
+standen sie da oder warfen sich hin, hielten sich die Augen zu.
+Sie riefen einander zu, hörten, daß andere in der nächsten Nähe
+waren, aber wagten nicht hinzuschauen. Und während sie lagen
+standen, entsetzt wieder zu blicken und schreiten versuchten, immer
+in Abgründe hinein, auf Felsgebirge hinauf, über Häuser her,
+liefen die Männer Zimbos, gegen die verzerrenden Lichtstrahlen
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+geschützt, zwischen ihnen, stießen sie wie plumpe Hammel beiseite,
+nahmen ihnen die Wagen und Apparate weg, die sich an sie
+klammerten und brüllend um Gnade flehten.
+</p>
+
+<p>
+Drei lange Stunden währte die Unterredung der hellbraunen
+Angela Castel mit den Führern der gegnerischen Täuschergruppe.
+Da trat ohne ein Wort zu sprechen der schlanke ernste Lorenz
+mit einer kleinen Zahl Männer in das Zelt der Castel. Die
+stand auf, wies die Männer hinaus. Lorenz, den Türausgang
+haltend, nickte Zimbo, der auch aufgestanden war, stumm zu.
+Da ging der Neger, der eine lose Pelzjacke trug, auf die befehlende
+stirnrunzelnde Frau zu, nahm ihr, die zurückwich und
+den Mund öffnete, den Tannenzweig aus der Hand, tat ihn
+mit zärtlichem Gebaren unter seine Jacke und knurrte lachend.
+Die Frau wollte zur Tür mit den anderen Frauen. Zimbo
+machte ihr selbst am Ausgang Platz. Die Castel schrie noch,
+warum ihre Wache, die versteinert schien, die Fremden nicht
+angriff, da stand sie neben Zimbo in der weißen Landschaft.
+Männer auf Männer zogen vorbei, schoben und trugen ihre
+eigenen Kriegsgeräte. Man trieb eine kleine Schar Frauen
+vorbei, die entgeistert blickten; allen waren die Hände auf den
+Rücken gebunden. Zimbo grinste; seine Leute hatten einigen
+schon das Rübenzeichen angesteckt. Angela Castel, tief erblassend,
+verbarg das Gesicht hinter ihren Händen.
+</p>
+
+<p>
+Sie knirschte: „Du bist ein niederträchtiger Betrüger.“ „Was
+macht es.“ „Wirst du auch mich fesseln.“ „Ich weiß noch nicht.
+Ich werde wohl genötigt sein es zu tun.“ Sie atmete, die Hände
+herunternehmend: „Dann bitte ich, daß ich bald getötet werde.“
+„Vielleicht wird das geschehn.“ „Ich will es selbst tun.“ Er
+wiegte den Kopf: „Überleg, Angela Castel, ob das gut für mich
+ist. Wie soll ich denn Marduk meine Ergebenheit und Treue
+beweisen. Ich kann es doch nicht besser, als wenn ich – dich
+zu ihm schicke.“ Sie sah ihn, vor Raserei vergehend, an.
+„Komm lieber ins Zelt, Angela Castel. Meine Leute sehen
+uns. Sie bringen dir vielleicht eine zudringliche Ovation.
+Sie haben noch Rüben übrig. Binde sie, Lorenz. Sei ruhig,
+Angela. Marduk wird mir sehr danken für meine sinnige
+Aufmerksamkeit.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+Und sofort benachrichtigte Zimbo den von Magdeburg anrückenden
+Angelelli, daß er die Aufrührerbande der Castel entwaffnet
+und gefangengenommen habe. Die Castel und drei
+Unterführerinnen schickte er mit einer sehr kleinen Bedeckung
+gegen Hannover zu Marduk. In einem Begleitbrief erklärte er,
+er stelle sich, im Besitz starker Waffen, die er den Aufrührern
+durch List abgenommen hätte, zu Marduks Verfügung. Er
+schüttelte sich freudig, als der Transport mit der Castel sich von
+ihm verabschiedete: „Du bekommst keine Rübe, Angela Castel.
+Du bist für Höheres ausersehn. Laß dir von Marduk das Fenster
+zeigen, durch das die Balladeuse gesprungen ist.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> Jonathan wiedererwachte, war sein leichter Metallflieger
+zertrümmert. Er mußte in tagelangem Marsch durch das gefährliche
+winterliche Land. Im Mecklenburgischen war sein
+Sitz. Er wanderte zuletzt auf den Wegen, die die Castelsche
+Horde von Lauenburg her genommen hatte; den Treibjagden
+der Bauern auf verdächtige Menschen sah er zu. In ein weißes
+Schafsfell gehüllt wanderte der stille Mann; geängstigt wie
+unter einer Verfolgung war er. Die Flüche der Leute hetzten
+ihn. In einer dunklen Weise kam ihm vor, daß er mit diesen
+Bauern verbunden war, und er wollte sie nicht lassen. Und
+zitternd fühlte er, daß er sie verraten hatte. Ein Verhängnis
+hatte ihn bewogen, sich den Täuschern an die Brust zu werfen.
+Er sah sich plötzlich in Gedanken laufen von den Rathausstufen
+hinter einem zerlumpten Mädchen: Elina. Mit ihr fing es an.
+Dann die Flucht, die Reise mit ihr, die Verlockungen, die Liebe
+zu ihr. Er blieb, kaum eine Stunde von seinem Haus entfernt,
+bei einem befreundeten Täuscher, einem alten Mann, der verwundert
+um ihn herumging, weil er bedrückt war, während
+ihnen die Stadtschaft schon zufiel. Giftig entfernte sich Jonathan
+aus seinem Zimmer, schloß sich in einer Versuchskammer
+ein. Er saß auf einer Kiste, saß von Mittag bis in die Finsternis.
+In der Nacht zuckte er, wie er nur eine unruhige Stunde geschlafen
+hatte, auf und saß hoch: Flammen waren vor seinen
+Augen, in den Flammen brannten Teile von Menschen, Schultern
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+Arme, ein sich windender Leib mit bloßem Nabel: das regte
+sich, loderte grellrot. Seine Mutter. Seine Mutter brannte.
+„Zu Marduk, zu Marduk“, schrie es in ihm. „Ich muß hin. Ich
+kann nicht. O Hilfe.“ Und wie er sich ankleidete mit klammen
+Fingern, wimmerte er: „O Hilfe.“ Er lief aus dem Haus. Im
+Finstern fand er sich nicht zurück. Er wollte nach Hause. In
+einer Ackerfurche mußte er in der tiefen Finsternis zwei Stunden
+warten, bis das graue Licht am Himmel erschien. Da begann
+er zu stampfen und zu wandern. Er schlug gegen die Tür
+seines Hauses: „Ist wer da? Ist wer da?“ Und immer brüllte
+er, ohne die Antwort abzuwarten: „Ist wer da?“ Auch noch als
+Elina erschrocken heraustrat, schrie er und schlug gegen die Tür:
+„Ist wer da?“ Hereingezogen hörte er nicht auf zu rufen, bis
+sie ihm mit der Hand den Mund verschloß, ihn auf eine Bank
+herunterzog, wo er stier saß und die Fäuste ballte, ohne zu
+sprechen. Sie hatte nur einen dünnen Überwurf an; wie sie
+seinen Kopf an ihre Brust zog, fühlte er die Wärme, bog sich
+ab, murmelte wieder fremd: „Wer ist da?“ Und ging stürmisch
+mit wilden Blicken herum. „Bleib sitzen“ bat er sie nach einer
+Weile, wie er einen Schemel heranziehend sich vor sie
+setzte, die auf der Bank das Gesicht verhüllte. „Ich bin ohne
+Hilfe, Elina. Ich weiß, wenn ich mit dir spreche, auch du kannst
+mir nicht helfen. Marduk hat mich, als ich zu ihm kam, ergreifen
+lassen. Man hat mich hochgehoben. Ich bin betäubt
+worden.“ Sie weinte auf, er ließ sie nicht an sich kommen. „Wo
+soll ich jetzt hin, Elina. Ich kann nicht allein sein. Ich muß zu
+ihm.“ „Was hast du ihm gesagt, Jonathan.“ „Daß ich ein Täuscher
+bin. Es mußte heraus aus mir. Ich schämte mich meiner. Es
+ist heraus. Es ist gut. Ich habe mit den Täuschern nichts zu tun.
+Ich hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Nie. Ich verfluche sie.“
+</p>
+
+<p>
+Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und
+Marduk?“ „Hat an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug.
+Gepeitscht und gebrannt hätte ich werden müssen. Das hätte
+mir zugestanden. Oder mich auslöschen. Jetzt bin ich ohne
+Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, Jonathan. Wir wollen
+fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich ja nicht
+weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich –
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“
+„Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor
+ihr: „Und was sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von
+mir. Ich bin ja deine Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm
+doch wieder her zu mir. Laß mich vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit
+einem abwesenden suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an
+seins lehnte. Er flüsterte: „Ich habe dir von meiner Mutter
+erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir ist nie, als ob er sie
+umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach mich nicht aus.
+Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob er mit
+meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht
+kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur
+bei ihm ruhig werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie
+flüsterte zur Seite blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich
+weiß nicht, Elina. Mir ist jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl
+zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, ich fleh dich an, sag
+das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer herum, stand
+am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein
+Knie auf den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen.
+Ohne ihre Haltung zu verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“
+„Jonathan, ich weiß einen Rat.“ Er drehte sich rasch um, schritt
+auf sie zu, die sich nicht bewegte, griff an ihre Schultern: „Nichts
+sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht auch du. Gib mir keinen Rat.
+Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von sich: „Du brauchst
+einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch nicht.“ „Ich
+sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ „Ich weiß
+einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen,
+was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich
+verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von
+ihren Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende
+Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu
+Marduk willst du gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“
+„Jonathan, ich werde es tun. Laß mich es tun.“
+</p>
+
+<p>
+Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder:
+„Marduk hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+du.“ „Was soll ich sagen. Ich kann dir keine klare Antwort
+geben. Ich bin – dir innig gut. Mich schmerzt es, daß ich dich
+so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – an ihm tun, was du
+wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die Ferne
+mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst
+du nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß
+er dich zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann
+noch einmal zu ihm. Wenn du noch einmal kommst und ich bin
+es, so wird er dich nicht zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan:
+„So ist es. Komm doch, Jonathan. Komm. Sieh, ob ich nicht
+du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann mit meinem Körper.
+Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja
+hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen,
+der sich verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan.
+Meine Wonne. Umschling mich, damit ich ganz du bin.
+Mir ist mit einmal so wohl. Gib mir. Halt nicht zurück. Mach
+deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich bin Elina. Ach!
+Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. Namenlose
+Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte:
+„Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin
+dein Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist
+wohl bei mir.“ „O wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen.
+Ich bin sehnsüchtig nach dir. Deinen Mund. Deine Augen.
+Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ „Ich tu es nicht.
+Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du mich wieder.
+Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich
+kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen.
+Deine Füße.“ „Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“
+„Du bist so rasend.“ „Nach dir. Ich kann dich nicht stehen sehen.
+Ich möchte dich ganz verschlingen in mich. Jeden Teil, den ich
+von dir sehe, beneide ich um dich. Deine Jacke, deine Haare,
+ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich auch. Bin
+ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild
+bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt
+liebe ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir
+gespielt. So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich
+bin ich nach dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell.
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+Leg dich zu mir.“ „Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich
+sehe.“ „So steh nicht still. Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige
+mich, nein, mich graust es vor dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie
+lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach sprich nicht so, ich habe
+solche Sehnsucht nach dir.“
+</p>
+
+<p>
+Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte:
+„Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir
+weh getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest.
+Peinige peinige mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina.
+Deine übermüdeten Augen.“ „Jetzt bist du mein Jonathan.“
+Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch warmes Bett. Unersättlich
+war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: „Ich habe
+dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie zu
+trösten.
+</p>
+
+<p>
+Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der
+geschlafen hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während
+er sich anzog; er mußte sie abwehren. Sie bat und drängte,
+er möchte sie doch lassen. Und als sie vor dem schneebedeckten
+Garten standen, die winterlichen Felder rechts und links, erblaßte
+sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich bald weg.“
+„Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen
+Pelzmantel, die Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war,
+blickte sie ihn an, dem der Kopf auf die Brust gesunken war.
+Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie lief, während er sich
+nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die Allee,
+schluchzend: „Ich kann nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu
+weinen. Sie sah die schneebeladenen Bäume, die endlos
+weiten Felder. Matter war sie. Sie atmete tief. Sie fühlte:
+„Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ zu Marduk.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten
+aus. Sie zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu
+bewegen, gröbste Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger,
+von Tag zu Tag neu mit Steinen besät, waren berüchtigt.
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+Folterspiele, die dicht an den Tod des Gefolterten führten, waren
+im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit nackten Sohlen leitete
+ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit einem starken
+Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem
+Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten
+und oft führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines,
+meist des Neulings. In den Horden hatte man verschiedene
+Abzeichen, aber nirgends herrschte despotischer Gehorsam. Die
+Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, wobei sie finsteren
+Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, Aufnahmen
+bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die sogenannten
+„Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den
+Horden, je nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente,
+verschiedene Prozeduren; man wechselte auch in den
+Horden selbst damit: Einbrennen von Brustschildern, Zertrümmerung
+einer oder beider kleinen Zehen, Ausschlagen von Zähnen.
+Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits vollzogen, in der
+Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in erhaltenen
+Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten Vergnügungsbauten
+stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung
+im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden.
+Die „verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter
+an ihren Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge
+bis zu einem gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte
+zahlreiche Opfer und war ein Mittel, überflüssige und ungewünschte
+Kinder, besonders weibliche, aus der Welt zu schaffen.
+An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst gefährlichen Spielen,
+bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame Nahapparate
+gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen
+solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten
+durften. Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte:
+nächtliches Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich
+einschlichen; denn sie hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen;
+an Ausbruch dachte niemand bei der Nähe der stärksten und
+listigsten Menschen und der nicht weit entfernten schweren Fernapparate,
+Nebelwerfer Wolkenentwickler Verzauberer Veräscherer.
+Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als wenn er
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit
+ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei
+aus, lag auf dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen
+Schiebern versehenen Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen
+kam es zu Schlachten in größeren Gefängnissen. Die
+Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem Fenster retten,
+büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen
+niemand zu Hilfe.
+</p>
+
+<p>
+In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde
+Angela Castel mit ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher
+verbracht. Die hellbraune Führerin glaubte, Marduk werde
+sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, Marduk werde sich ihrer
+bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in beschämender
+Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen,
+Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle
+ein, die zuerst in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung
+der Gefängnisse mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an
+die Gefangenen kam: sie seien selbst Hüter ihres Lebens, es
+würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann wurde klar:
+die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den Gefangenen.
+Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für
+Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf
+Krieg einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als
+unnahbar. Die Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von
+Fernwaffen stand, aber daß sie vor ihnen unbesorgt sein konnte.
+Die Frauen im Gefängnis waren von der größten Wachsamkeit,
+das Gerücht von dieser Festung lief zu entfernten Gruppen.
+Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; viele Männer
+kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern
+erlaubt.
+</p>
+
+<p>
+Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner
+Wache auf dem Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag,
+ließ Frauen und Männer heraustreiben. Er fragte
+nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, zwischen dem
+Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die Arme
+hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse
+schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+weiße Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern,
+zornige und kalte herausfordernde, weichliche Mienen, Augen,
+die keine Kenntnis von ihm nahmen. Er kannte sie, die aus den
+heimlichen Versuchsstätten hergescheucht waren; besser als
+seine jahrzehntelange Beobachtung hatte der westliche Vorstoß,
+der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie konnten
+ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht,
+daß sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch
+die Schar, die sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz
+ließ. Sie schienen, wie die Blicke, die sie sich zuwarfen, das
+rasche Anstoßen mit den Schultern zeigten, Furcht vor einem
+unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk ging, während
+die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was willst
+du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel
+sich vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du
+hast nach mir gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den
+ein Windstoß traf, drehte sich um; er ging hustend mit ihr zwei
+Schritt seitwärts: „Es ist eine Frau ins Lager gekommen, eine
+Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin eines Täuschers.
+Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist wahrscheinlich
+selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen Gründen
+behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie festzuhalten.
+Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr
+voll zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen
+gut haltet. Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu
+treiben.“
+</p>
+
+<p>
+Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher
+hatte, keine Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während
+sie ins Gefängnis zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen,
+war ihr klar, daß Marduk wegen dieser Frau gekommen war und
+ihm an ihr gelegen war. Sie ballte die Faust. Und als Elina
+nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr Angela Castel, daß
+dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus dem
+Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen
+von allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an
+dem Abend im Gefängnis. Elina, bei der Castel sitzend, sah es
+mit Verwunderung und leiser Freude. „Wir werden Opfer sein.
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+Was kann sich der kleine Marduk gegen die Welt behaupten“
+weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht über Jonathan
+weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich
+ihm gut. Was tut Marduk mit mir.“
+</p>
+
+<p>
+Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff
+der Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln
+einer erwürgten Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen
+Glutschleuderer, sah die erleuchteten tobenden entdeckten Männer,
+halbnackte, mit bloßen Füßen, über deren Körper die entzündete
+Masse wie ein Schleier lief. Unter trockene Lederschürzen
+warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich das
+oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte
+böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“
+„Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen.
+Schlaf noch, damit du in der Nacht munter bist.“ „Was hat
+er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich wie eine Fremde
+angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man
+tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen
+verminderte sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche
+geraubt erwürgt erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um.
+Die angreifenden Horden liebten es Gefangene zu machen; es
+galt als besondere Ehre eins von den starken Weibern lebend zu
+fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis mit Stricken
+geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten
+Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut
+gebunden. Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen
+echt märkischen Prozedur: mit Ketten hingen die
+Gefangenen, während ein Feuer lohte, an dem Eisenpfahl in
+der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung oder Verbrennung
+aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber
+endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen,
+sondern gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge
+Armmuskeln Brustmuskeln gezogen waren. Es war Sache des
+Mutes oder der Todesangst der Gefangenen sich loszureißen,
+das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung oder Verachtung
+sahen die Männer dem kämpfenden schreienden zusammenbrechenden
+oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und
+als es klar wurde, daß man zu Ende war, fingen die Frauen an,
+ihr Augenmerk auf Elina zu richten. Die Castel hielt sie immer
+dicht bei sich, beobachtete sie. Elina hatte sich nie für eine Täuscherin
+ausgegeben. Die Weiber haßten sie, die Castel mußte
+sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei eine Freundin
+Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie sei von
+Marduk nur eingesperrt worden.
+</p>
+
+<p>
+Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz
+banden sie sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen
+kannten Elina nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt
+hatte. Sie faßten die Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten
+den Konsul verspotten. Man machte besondere Jagd auf Elina.
+</p>
+
+<p>
+Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge
+Mannschaft setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses
+als Ziel. List bei Überfällen gab es nicht mehr. Türen und
+Fenster waren mit den letzten Apparaten verbarrikadiert;
+unter den Fenstersimsen lagen die haßgepeitschten Weiber. Es
+geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie unerwartete Hilfe
+bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, fanatische,
+die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten überwältigen
+lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer
+vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die
+Angreifer hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag
+ans Fensterkreuz gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden
+Angriffen erlag Weib um Weib; zu Angela Castel und Elina
+drangen sie nicht vor.
+</p>
+
+<p>
+Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt
+schwer erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen,
+kaum stark genug, in der üblen Luft die Leichen der Männer und
+Frauen fortzutragen, gaben sie zuerst den zugekommenen Männern
+auf, sich zu entfernen; sie wollten sie nicht mehr. Darauf
+hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig werden. Es
+war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, unzweifelhaft,
+daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war
+täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul,
+nicht um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+beispiellose Barbarei. Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen.
+Aus gequälten Augen hatte sie die zarte Person angesehen,
+ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; er ist ja
+selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht frei.
+</p>
+
+<p>
+Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und
+beunruhigt verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor
+dem Ende noch dies Weib hinzustrecken, war es schon zu spät.
+Die Frauen erfuhren kurz darauf den letzten vernichtenden Angriff.
+Die Horden waren, wie man von den Fenstern schon bemerkt
+hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, deren Ursache
+unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und
+Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen
+trabten durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis
+lag, brannte rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste
+Mannschaft überfiel vor dem Abrücken noch das Gefängnis, das
+eine vorüberziehende Truppe mit einer Fernwaffe hatte ersticken
+oder einäschern wollen. In wilder Trunkenheit drangen
+sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll auf
+dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten.
+Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende
+niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den
+Haaren. Kein Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig
+geifernden, steigenden kletternden drängenden zurückhalten.
+Alles was die Truppe hatte quoll ein. Über das Dach und durch
+hohe Fenster stiegen sie. Hinter den verbarrikadierten, zwischen
+ihnen tauchten sie auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern
+ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch
+befallen, Männer wie Weiber, kannten und wollten kein
+Erbarmen. Das Ringen Würgen Stöhnen Niederkrachen. Die
+Männer standen, als sie keinen Gegner mehr fanden und noch
+eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben wurden,
+da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten
+Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen
+an.
+</p>
+
+<p>
+Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken
+die Gefangenen. Dazwischen die halbtote Elina, die schon
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+sterbende Castel, der der Bauch aufgerissen war, auf der lehmigen
+Erde. Der Strick war zwischen sechs Pferden an beiden
+Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden
+Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein
+Trupp von berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte
+sich auf, während die Horde johlend abzog, die Gefangenen zu
+Marduk zu treiben. Auf die sechs Pferde setzten sich Krieger.
+Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im Galopp, über Straßen
+Baumwurzeln ging der Weg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">arduk</span> hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die
+rätselhafte Haltung Zimbos, des Mannes, den England im
+Land abgesetzt hatte, und der sich der feindlichen Triebkräfte
+in der Mark bediente. Und zum erstenmal in seinem langen
+Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines gut war;
+es sollte nicht untergehen.
+</p>
+
+<p>
+In dem starken Menschen war ein Wohlgefühl aufgebrochen:
+Freude an dem Land. Der böse Rest aus seiner Vergangenheit,
+Jonathan, einmal in schwerer dunkler nicht zu durchdringender
+Zeit, – niemand sollte daran rühren – sein Freund, war zu ihm
+gekommen, hatte ihn angespien. Ein Grabstein war darüber
+zu wälzen. Dieser Jonathan der sanfte schmerzliche, hatte zuletzt
+geglaubt, einen Giftpfeil auf ihn richten zu müssen, hatte
+die Elina geschickt. Einmal hatte ihn etwas zu dieser liebenden
+Frau gelockt; sie blickte ihn, wie die Horden sie auf der Straße
+aufgriffen und herschleppten, sonderbar zage an. Sie wußte
+nichts zu sagen, als er sie fragte, was sie wolle. Sie durchschaute
+offenbar das Spiel, zu dem sie der rachsüchtig triumphierende
+Jonathan mißbrauchte. Vielleicht hatte sie sich selbst dazu hergegeben.
+Wie böse dieser Jonathan geworden war. Ein Grabstein
+über Jonathan. Die Frau weg. Ins Gefängnis. Zu den
+anderen Weibern. Martern über sie.
+</p>
+
+<p>
+Zu einem Zeitpunkt, wo niemand es erwartete, knüpfte der
+Konsul des machtvollen märkischen Stadtreiches Verhandlungen
+mit London an. Nach Frankfurt Bordeaux London ließ er
+Boten fliegen, die seine Bereitwilligkeit zu einem Waffenstillstand
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+kundgaben. Er werde das Vordringen seiner Männer aufhalten,
+die Feindseligkeiten von drüben seien einzustellen. Eine
+zustimmende, fast freudige Antwort wurde ihm. Zimbo, erfuhr
+Marduk noch aus London, war nicht sicher in der Hand des
+neuen Völkerkreises. Wie Marduk seine Verhandlungen den
+Hordenführern bekanntgab, wurde er mit Stummheit und
+Widerspruch angehört. Mit Kälte erklärte er, er sei noch im
+Besitz seiner Garde und unüberwindlicher Apparate. Senat und
+Hordenführer vergaßen es ihm nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie verbreiteten trotz seines Verbots die Nachricht von den
+Verhandlungen mit den Westlichen. Auch seine Worte gegen
+sie machten sie bekannt. Unerwartet erfolgten da geheime, dem
+Konsul bald nicht verborgene Besprechungen bei den Horden.
+Eine auffällige Zahl von Kampfspielen fand statt. Und dann
+ein Loswandern aus dem westlichen Gebiet, ein wachsendes
+spontanes Fortziehen aus dem Hannoverschen, eine um sich
+greifende Unruhe, ein panisches Strömen ostwärts. Marduk
+hatte eben erst Kenntnis von den ersten Abwanderungen der
+Horden und kleinen Gruppen nach Osten bekommen, da flossen
+Massen bis herauf zur hamburgischen Grenze wie eine Schneeschmelze
+auf Berlin zu. In einem Sturm, unter Verbrennen
+aller rückwärtigen Gebäude, Verschütten der Straßen, bewegten
+sie sich auf dieses Zentrum.
+</p>
+
+<p>
+Eine Warnung zu Beginn der Bewegung kam von Angelelli.
+Er hieß Marduk sich seiner Wache versichern. Dann hörte die
+Verbindung mit Angelelli auf. Schwere Waffen mußten die
+Horden an sich gerissen haben. Marduk wollte mit einem
+Teil seiner treuen Wache auf Berlin fliegen. Die Avantgarde
+geriet an eine Strahlensperre. Es konnte Tage dauern, bis sie
+aufgedeckt war.
+</p>
+
+<p>
+Wie Marduk aus seinem Flugzeug bei Hannover auf die nasse
+kalte Erde stieg, hielt an seinem Haus eine kleine unbekannte
+Reiterschar. Eine Zahl unberittener Pferde hinter ihr. Auf
+einem schmutzigen flankenschlagenden Pferd saß Angelelli, der
+schwarze Hauptmann, sprang ab, folgte Marduk ins Haus. Er
+drängte heftig mit ungewohnter Erregtheit Marduk zu fliehen.
+Ein großer Teil seiner eigenen Schwerwaffen hielte nicht mehr
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+zu ihm. Marduks Fernwaffen und seine Wache sei, soweit sie
+nicht dicht um ihn sei, verloren. Der eigenen Leibwache Marduks
+sei nicht zu trauen. Der Besieger der Castel, Zimbo, der
+Schwarze, führe selbst Täuscherhorden. Dies sei nun erwiesen.
+Er zeige ein doppeltes Gesicht; gegen seine Krieger das eines
+Täuschers wie sie selbst, gegen Fremde das eines Freundes
+Marduks. Die Horden strömten Zimbo zu, der Marduks
+Verrat trompete. Die panisch verwirrten Horden lockte er an
+sich. Marduk solle fliehen. Draußen ständen Pferde. Er,
+Angelelli, fliehe.
+</p>
+
+<p>
+In dem leeren abendlichterhellten Zimmer warf Marduk
+seinen schweren Ledermantel auf den Boden. Auch die Lederkappe
+mit dem Stierzeichen des Konsuls zog er ab und warf sie
+hin. Die Jacke knöpfte er sich langsam auf. Er atmete die Hitze
+seiner Brust aus. Dies hatte Jonathan gesagt, – mit einmal
+brannten die verschleierten Augen dieses jünglinghaften schrecklichen
+Menschen wieder vor ihm –: er solle fliehen. Die Horden
+zogen einen Reifen um sich und liefen diesem Zimbo in die
+Arme. Hart sah er an dem schwarzhaarigen Hauptmann vorbei:
+wohin er flüchte und wozu. Der, sehr leise, achselzuckend: wir
+können nur das Leben retten; sie müßten nach London. Da
+entließ Marduk den Hauptmann, nachdem er gefragt hatte, ob
+man bis morgen warten könne.
+</p>
+
+<p>
+Kurz darauf, in der rasch niederfallenden Dunkelheit, wurde
+Pferdetrappeln und Gejohl vor dem Haus laut. Der Hauptmann
+klopfte an das Zimmer, in dem Marduk, sein Herz zerreißend,
+lag. Marduk möchte herauskommen, dies draußen
+sehen. Schnaufend, krank und lahm, mit halbgeschlossenen Augen
+schleppte sich Marduk an die Tür, ließ sich, wie gerichtet, kaum
+vom Boden aufsehend, ins Freie führen. Fackeln brannten.
+Es waren Männer einer Horde. Zwischen ihnen Pferde, die
+sie, wie Marduk sichtbar wurde, auseinanderscheuchten. Ein
+Strick wurde sichtbar zwischen den Pferden. Daran hingen ein
+paar Dutzend Weiberkörper. Langgezogenes Klagen Wimmern.
+Die meisten hingen stumm. Ein Kerl rief von seinem
+Pferd herunter: dies seien die letzten aus dem Gefängnis von
+Linden; sie seien mit der bloßen Hand, ohne Waffen, gefaßt
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+worden. Ein anderer schrie: die Castel und die vom Konsul
+seien dabei. Die hingen in der Mitte, sagten aber gar nichts
+mehr. Marduk stöhnte, sein Gesicht eine tote Bitterkeit. Man
+solle die Kerls verjagen. Den Strick losmachen. Die Pferde
+weg.
+</p>
+
+<p>
+Die Castel war tot. Man brachte nach einer halben Stunde
+auf den Gang ihre völlig zerbrochene und zertretene Leiche;
+sie war völlig ausgeweidet, der Kopf, zertreten, begann erst in
+der Mitte der Nase. Dann legte man drei Körper hin, die zusammenhingen.
+Die beiden außen waren tot oder sterbend.
+Ihre Rümpfe von innen mit ihren eigenen Kleidern zusammengebunden
+und verknotet; drin zwischen ihnen hing Elina, zwischen
+den weichen triefenden Massen eingekauert. Sie schrie, wie man
+die Körper trennte, das Bündel öffnete. Ihr einer Arm hing.
+Sie war blutbegossen, das Haar vor ihrem Gesicht und an Mund
+und Nase lehmig angebacken. Die stark gekrümmten Beine
+konnte sie nicht strecken.
+</p>
+
+<p>
+Marduk im langen Schafspelz bloßhäuptig stand an der Tür,
+nahm mit weiten Augen Kenntnis von den Dingen in dem
+trüben Gang. Das war ein Zeichen der abziehenden Horden.
+Hohn, Hohn wollten sie ihm antun.
+</p>
+
+<p>
+Elina wurde aufgehoben; von draußen liefen Männer herein,
+trugen sie fort. Bevor Marduk ins Zimmer ging, blickte er
+Angelelli an: „Ich habe gesagt: bis morgen. Nicht wahr?“ „Es
+wird morgen noch möglich sein.“
+</p>
+
+<p>
+Im Mondlicht bückte sich nach Mitternacht Marduk über das
+Strohlager Elinas, neben der eine junge Frau wachte. Der
+pelzvermummte Mann betrachtete sie stumm, suchend, suchend,
+suchend. Er stöhnte auf dem Stuhl neben dem Bett; die junge
+Frau ging ins Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Draußen klapperten die Pferde. Der Wächter gab ihm auf
+seinen Anruf ein braunes schweres Tier. Zwischen den Häuserreihen,
+die niedergebrannt, gesprengt waren, jagte auf dem
+Tierrücken auf und ab gestoßen Marduk. Im Norden der Stadt,
+auf einem Feld, das die Märker angelegt hatten, hielt er.
+</p>
+
+<p>
+Sehr helles gelbweißes blankes gießendes Mondlicht durch
+die Luft auf den Boden. Neben dem braunen Tier ging
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+Marduk. Stöhnte noch immer. Hätte er Täuscher werden
+sollen, hatte Jonathan recht? Die Täuscher siegten, England
+und Amerika siegten? Er griff in die kalte bröcklige Nässe der
+Erde. Legte sie sich beruhigend auf die Lippen, leckte daran.
+Das Pferd neben ihm, der Braune. Der Braune und er standen
+zusammen. Er war nicht verloren. Nicht er war verloren.
+Marduks Zähne knirschten. Sein Kopf wurde an den Pferdehals
+gedrückt. Dies alles Neueroberte, Land und Tier und
+Mondschein, hatten die Krieger stehen lassen. In Zimbos, eines
+gerissenen Betrügers, Netz liefen sie. Ah, die tobsüchtigen Apparate
+mußten weg. Ganz weg. Marduk schwang sich auf
+seinen Braunen und pfiff. Die tobsüchtigen Apparate mußten
+ewig weg.
+</p>
+
+<p>
+Angelelli blieb noch einen Tag, suchte den Konsul. Abends
+floh er, westwärts, überzeugt, Zimbo hatte den Konsul wegführen
+lassen, Marduks eigene Wache hätte dabei geholfen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> Wittenberg Stendal Magdeburg schoben sich die Banden.
+Zimbos Boten empfingen sie auf den Wegen, die von der Elbe
+herführten: der Konsul Marduk hat die Stadtlandschaft und die
+Sache der Mark verraten wollen; Angelelli ist flüchtig; er werde
+das Land beschützen.
+</p>
+
+<p>
+Die Horden lagen mißtrauisch am linken Elbufer. Zimbo
+kämpfte in seinem Lager mit der stärkeren, schon kaum zu
+bändigenden Erregung seiner Krieger. Sie waren in Wut über
+die infame Behandlung, die die Castel bei Marduk erfahren
+hatte; Zimbo hatte sie ihm ausgeliefert; sie verlangten: Zimbo
+solle sein englisches Mandat ausüben und nicht länger hinter
+dem Zaun halten. Zimbo sandte Kuriere zu den Horden; dann
+erschien er selbst zu einer Führerversammlung bei Wittenberg.
+Den Hordenführern war der Kamm geschwollen, seitdem die
+schweren Apparate Marduks, die gefährlichsten des Kontinents,
+in ihrer Hand waren. Sie verlangten von ihm Beweise, daß er
+sie nicht verriet und sich ihnen unterwerfe, bevor sie sich mit ihm
+zusammentaten. Er flog, finster sinnend, zurück, bereit, seiner
+Truppe den Willen zu tun und sie rasch zu überfallen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+Da erfolgten in seinem eigenen Lager und im engeren Umkreis
+Berlins furchtbare Dinge. Eine teuflische Verräterschar
+schien es auf den Untergang der ganzen Stadtlandschaft abgesehen
+zu haben. Große Teile der Mekifabriken, sowohl leere
+wie eben wieder in Gang gesetzte, flogen in die Luft, wurden
+durch künstliche Blitze eingeäschert. Rätselhafte Überfälle auf
+Apparate innerhalb des Lagers fanden statt, mit gelegentlicher
+Vernichtung wichtigster Teile. Und dieses Unheil betraf sowohl
+Zimbo wie die Horden jenseits der Elbe. Es mußten Teile der
+Marduk treu gebliebenen Wache sein, Zimbo fürchtete in manchen
+Augenblicken, es war ein neuer und zuverlässiger Delegierter
+des Völkerkreises. Er ließ den Führern geheim sagen: der
+Völkerkreis wolle sie kirr machen, man müsse sich bald einigen.
+Inzwischen ließ er Jagd auf die Unwesen machen.
+</p>
+
+<p>
+Aber Marduk selbst mit zwei Dutzend Ergebener leistete alles.
+Sie hatten Apparate Spiegelkleidung Blender. Marduk
+kämpfte für seine Sache. Er vertraute auf die Besinnung seiner
+Horden. England würde ihnen nichts antun, die Not würden
+sie überwinden. Er kämpfte mit einer ihn selbst durchschauernden
+Kraft. Die alten Namen Targuniasch und Zuklati, der
+makkabäerhaften Kämpfer früherer Jahrhunderte gegen die Apparate,
+wurden in ihm wach; er sprach sie aus. Jetzt erkannte
+er sie. Auf diesem Boden stand er. Ihm war, als wenn Schuppen
+von seinen Augen fielen. Wie ein Werkzeug, ein störrisch
+widerstrebendes, ein Hobel über einem Knollen und Baumstrunk
+hatte er sein Konsulat geführt. Alles war gut daran. Er
+hatte gelitten, nicht gewußt, wie wohl er tat.
+</p>
+
+<p>
+Er dachte immer an die Menschen, die sich in die Maschinen
+gestürzt hatten, um sie zu vernichten, die Toten von Calais,
+Targuniasch und Zuklati.
+</p>
+
+<p>
+Hart sicher und rasch handelte er. Strenger Frost. Zwischen
+den sich belauernden Reihen der märkischen Horden und Zimbos
+schlug sich Marduk mit seinen Leuten durch, immer zurück ins
+Hannoversche kehrend, in sein Quartier. Diese Ortschaften
+waren verödet, wenige Menschen hausten noch hier, die Landschaft
+fiel in ihre alte Versunkenheit. Zwei Wochen nach der
+Flucht Angelellis und dem Abfall seiner Wache ritt er zum
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+erstenmal in die Moore südlich des Grinderwaldes. Nach zehn
+Tagen kam er das zweite Mal. Rechts und links hatte sich in
+die Einöde, bei seinem alten Standort, die Kunde von seiner
+Anwesenheit verbreitet. Seine Mannschaft suchte zuverlässige
+Gefährten, verheimlichte sich nicht. Marduk selbst erklärte, man
+müsse Menschen sammeln, nicht verzagen.
+</p>
+
+<p>
+Und er suchte und sammelte in der Gegend seines alten Standortes.
+Ein dunkles Gefühl hielt ihn fest, ließ ihn nicht erschlaffen,
+trieb ihn weiter. Was war es. Er mußte es vollenden. Jonathan
+fiel ihm in stillen Augenblicken ein. Die Treppe heruntergestürzt.
+Und gleich hinterher Elina. Diese Frau bei den Pferden,
+zwischen den Pferden, an einem Strick hängend. Die
+Pferde geiferten, die Krieger höhnten. An dem Strick die Leiche
+der Castel, der verruchten, zwischen zwei Toten die andere, die
+noch zappelte. Das Haus, in das man die Opfer der Horde gebracht
+hatte, war ausgestorben; auf den Gängen braunschwarze
+Blutspuren.
+</p>
+
+<p>
+Wie einmal Marduk, die großen Augen nach innen gerichtet,
+leicht verdunkelt, den langen goldweißen Theatersaal betrat,
+den sich ein flüchtiger Herr hier hatte bauen lassen, jetzt mit
+Proviant Flaschen Kisten Röhren gefüllt, klang neben ihm
+die Stimme eines Mannes, der einen Gürtel in der Hand trug:
+ob sie Frauen annehmen dürften. „Nein“ schüttelte Marduk den
+Kopf; nicht mehr Frauen, nicht mehr dies. Sie wollten aufbrechen,
+sie sollten das Quartier verlegen, östlicher, an die Elbe
+heran, sie sollten sich beeilen. Er ging, ohne den weißen Gürtel
+anzusehen, den der Mann ihm vorhielt.
+</p>
+
+<p>
+Marduk stand auf dem Hügel, auf dem hartgefrorenen Boden,
+vor dem starren geborstenen Riesenskelett einer Esche. Die eisige
+Luft flog in Stößen über ihn. „Alle Dinge in der Welt müssen
+einmal beendet sein“, dachte er, „ich will aufbrechen.“ Er packte
+im Haus an einer Bank seinen Tornister. Da hatte ihm der
+Mann den Gürtel hingelegt, den er vorhin in der Hand hielt.
+Marduk wollte schon die Lippen öffnen, den Mann zu rufen,
+da führte er die linke Hand zum Mund, bedeckte ihn. Wessen,
+wessen, wessen Gürtel war das: weiß, mit silbernem Zierat. Das
+war, – seine Augen erweiterten sich – Jonathans Gürtel.
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+„Woher hast du den Gürtel?“ „Eine Frau gab ihn mir; ich sollte
+ihn dir zeigen; sie wollte uns helfen.“
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Stunde Ritt hielten sie in einer Häuserreihe, die
+durch Brand und Sprengungen verschüttet war, vor einem
+niedrigen Gebäude, auf dessen flachem Dach Geröll eines niedergestürzten
+Nachbarturmes lag. Der Schutt häufte sich vor dem
+Eingang. Sie umgingen den Trümmerberg, ein Hund fiel sie
+an. Während der Krieger das bellende bissige starke Tier schlug,
+– es geiferte zuletzt oben auf den ungangbaren Steinmassen –
+rüttelte Marduk an der verschlossenen Tür. Neben der Tür war
+ein kleines Fenster. Marduk, im Gefühl, daß ihn seitlich einer anblicke,
+zuckte zusammen. Eine Frau streckte den zerzausten Kopf
+heraus. Ein blasses mageres Gesicht, das sich verzerrte und aufflammte.
+Im Augenblick zog sie den Kopf zurück. Marduk
+trommelte gegen die Füllung: „Mach auf.“ Zwischen dem
+Hundegekläff hörte er drin rumoren und dann dicht an der Tür
+eine leise Stimme: „Du meinst, ich mach dir auf. Ich mach dir
+nicht auf.“ „Mach auf.“ Jetzt erkannte er, es war Elina. „Warum
+willst du nicht aufmachen?“ „Glaubst du, ich werde mich
+noch einmal von dir in ein Gefängnis stecken lassen, du Hund.
+Ich bin da, damit du mich quälen kannst?“ „Mach auf, Elina.“
+„Ja mach auf. Mach selber auf. Es wird dir gut bekommen.
+Versuch es.“ „Ich will dich sprechen, Elina.“ „Warte, ich will dich
+auch sprechen. Geh von der Tür zurück.“ „Was soll ich. Jag deinen
+Hund weg.“ „Geh von der Tür weg. Geh bis an den Schutt.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk trat, während der Krieger mit dem Hund kämpfte,
+der blitzschnell um den Haufen herumsauste, an den Rand der
+Steinmasse. Die Tür sprang auf. In der Öffnung wurde ein
+mannshohes schmales Gestell sichtbar, das, auf Rädern geschoben,
+metallen und gläsern blitzte. Ein Angriffsapparat. Die
+Hand an einem Glasgriff bewegte sich das Weib neben ihn; gerunzelte
+Stirn, sprühende Augen, ein Mund, der den Atem
+zwischen abgezogenen Lippen, zubeißenden Zähnen entweichen
+ließ und einsog. Der linke Arm hing schlaff. Sie trug ein weißes
+verschnürtes Schaffell wie Marduk.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Marduk? Wie ist Ihnen jetzt? Da stehen Sie. Sie
+wollen mich etwas fragen. Sie sind wohl geneigt, erst mir zu
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+antworten.“ Durch Marduk lief der Gedanke: Schade. Sie
+ist eine Täuscherin. Ich bin in eine Falle gegangen. So muß
+ich enden. „Ich wollte dich fragen, was mit diesem Gürtel ist.“
+„Jetzt ist Ihnen bang, Marduk. Aber mich haben Sie in das
+Gefängnis gesteckt, zur Castel. Ihren Banden haben Sie befohlen,
+mit uns zu tun, was sie wollen. Sie wissen, wie es ausgelaufen
+ist.“ „Man ist wild mit Euch umgesprungen.“ „Ist
+man das? Feige sind Sie also auch. Hat es Ihnen nicht eine
+Freude gemacht, als man uns anbrachte, am Strick, hinter
+Pferden. War das nicht ein besonderes Vergnügen für Sie?
+Da hingen wir. Gestehen Sie’s.“ Das Schreien des Kriegers,
+das Heulen des Hundes war so stark, daß beide schwiegen. „Du
+bist eine Täuscherin, Elina. Du kommst von Jonathan. Ich
+bedaure nichts. Ich mußte dich festsetzen.“ „Weiter.“ „Was
+dann geschah, ist nicht meine Sache.“ „Was sprichst du von
+Jonathan. Seinen Namen, Bestie, Bestie.“ Und nahm die
+Hand von dem Griff, weinte laut in ihre Höhlung. Der linke
+Arm krümmte sich im Ellbogen; seine Finger drückten an die
+Brust.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Augenblick während des ununterbrochenen Tier- und
+Menschentobens zwischen ihnen benutzte Marduk, um im raschen
+Anlauf den Apparat zur Tür herauszureißen. Der rollte polterte
+die fünf Stufen herunter, stürzte vornüber, krachte, Glas- und
+Metallplättchen streuend. Elina hatte den rechten Arm sinken
+lassen, war zwei Stufen dem Apparat nachgesprungen, stand
+schlaff da, blickte entsetzt auf Marduk; die Tränen quollen noch
+aus den Augen. „So. Also das hast du erreicht.“ Marduk, der
+gebückt angelaufen war, richtete sich auf, einen Fuß auf der
+untersten Stufe: „Wir können so besser verhandeln.“ „Erst
+Jonathan. Dann mich. Daß Menschen wie du geschaffen
+werden.“ „Was wolltest du mit diesem Gürtel.“ „Jetzt fragst
+du. Ich habe es dir sagen lassen.“ „Du wolltest dich mir anschließen.
+Sag selbst, Elina, verdienst du nicht, daß ich dich umbringen
+lasse.“
+</p>
+
+<p>
+Stumm blickte sie ihn lange an, sie weinte nicht mehr; ihr
+Kopf bewegte sich wie unwillkürlich auf und ab. Mit leiser
+Stimme: „Ich will dich nicht auffordern, in das Haus zu
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+kommen. Warte. Ich will mir eine Kappe aufsetzen.“ Gleich
+erschien sie wieder; lächelte leicht, als sie Marduk nicht an der
+Treppe sah. Er rief hinter der Schuttmasse: „Heb deine Arme
+hoch, Elina.“ Sie ging die Stufen herunter: „Einen will ich
+hochheben, wenn es dir Spaß macht. Den andern hast du mir
+festgebunden. Komm nur vor.“ Sie ging, während die beiden
+Männer auswichen, frei an ihnen vorbei in der kalten Luft.
+Marduk hinter ihr: „Du hast nichts?“ Sie ging mit gesenktem
+Kopf weiter: „Komm. Geh mit.“ Erst nach einer Anzahl
+Schritte war er neben ihr. „Du willst wissen, Marduk, was ich
+mit dem weißen Gürtel wollte. Weißt du, was – ich – überhaupt
+– von dir wollte?“ „Wann?“ „Als ich in dein Quartier
+kam. Schick den Mann weg. Ich habe keine Waffen. Wenn du
+mich umbringen willst, kannst du es zur Not auch allein.“ Er
+ließ den Mann, der den Hund getötet hatte und den blutigen
+Körper an einem Strick hinter sich herzog, ein Stück zurück. „Du
+weißt nicht, warum ich kam, Marduk“, sie sprach seitwärts in
+ihren Pelz sich verkriechend, immer von ihm wegsehend, „es ist
+auch nicht nötig.“ „Jonathan hat dich geschickt.“ „Nicht sprechen,
+nicht sprechen“ ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen glühten, „ich
+hab dir gesagt, du sollst ihn nicht nennen. Du sollst es nicht.
+Nein, du sollst es nicht.“ Und wie sie bitter krampfhaft den
+Mund schloß, füllten sich ihre Augen wieder. Sie sah weg,
+schluchzte.
+</p>
+
+<p>
+„Wo führst du mich hin?“ „Komm.“ Der Straßenweg war
+zu Ende. Über einer gefrorenen Wiese, – das Eis, über Tümpel
+ausgespannt, knisterte – gingen sie. Ein lichter schmaler lang
+hingezogener Wald kam. „Hier. Laß den Mann draußen. Er
+kann auf der Wiese warten. Er darf mit dem toten Tier nicht
+her.“ Sie wanderten zwischen den Stämmen, unter dem
+Liniengewirr der Äste. An einer kleinen mit trockenen braunen
+Blättern überschütteten Bodenwelle stand Elina. „Komm.“
+„Bist du müde? Willst du dich setzen?“ Elina den Kopf tief
+auf die Brust gedrückt zog sich die Kappe ins Gesicht. Sie
+hauchte: „Gib den Gürtel.“ „Hier.“ „Nein. Leg ihn selbst
+hin.“ „Wo soll ich ihn hinlegen?“ Elinas Knie sanken; sie drückte
+den Kopf in das kalte herunterraschelnde Laub. „Was denn,
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+Elina?“ Sie weinte unten ganz leise, ihre Hände griffen in die
+Blätter: „Ja hierhin.“
+</p>
+
+<p>
+Marduk seufzte, zwischen die Stämme blickend: „Was ist mit
+Jonathan?“ „Du siehst es ja. Dein Freund. Unser Freund.
+Mein Freund. Mit dem weißen Gürtel. Du trugst immer den
+weißen Gürtel. Einen weißen Mantel, deinen weißen Mantel
+trugst du immer so gern.“ „Was ist mit Jonathan?“ Sie
+schluckte unten, hell weinte wimmerte sie, zog die klagende
+Stimme: „Nicht fragen. Oh, oh. Nicht fragen.“
+</p>
+
+<p>
+Er erzitterte, es überlief ihn. Vom Kopf bis zu den Füßen
+lief das Zittern. Er wehrte sich. Es rollte von den Knien und
+Schultern, es warf ihn hoch, zog ihn herunter. Er schüttelte
+seine Arme, wirbelte und riß an seinen Ellbogen, stieß seine
+leeren greifenden Hände nach vorn und rückwärts. Wie er den
+Kopf nach hinten bog, um seine übervolle Kehle zu entladen,
+schleuderte es ihn auf den Boden, dicht neben die klagesingende
+wimmernde sich einwühlende Elina, schräg über den Grabhügel.
+Laubwolken flogen über sie beide. Und da lag im weißen
+Pelz der große grauhaarige Marduk; die Kappe rollte den Hügel
+herunter. Er tobte, streckte die Arme aus: „Nein, nein, nein.“
+Flehte zu Jonathan, rief ihn mit Kosenamen, suchte ihn. Auf
+den Rücken warf er sich herum; die Blätter hatte er in den
+Händen, rieb sein glühendes aufgedunsenes Gesicht. Er warf
+sich auf, am Fuß des Hügels kniete er auf dem Waldboden, den
+Rumpf hin und her biegend, im Flüstergespräch mit dem Hügel,
+den Kopf immer wieder tief einpressend. Und Marduk pries
+Jonathan, umarmte ihn, ließ den Sand das Moos das trockene
+Laub nicht los.
+</p>
+
+<p>
+Sein Zittern ließ nach, den Kopf hob er, die Hände nahm er
+von dem blattbedeckten aufgerissenen zuckenden Gesicht. Elina,
+leeren Blicks, stand neben ihm, ein Knie gebeugt auf dem Hügel,
+hielt ihm die Hand hin, daß er aufstehe. „Nimm den Gürtel
+vom Grabe weg.“ Er suchte sie zu erblicken. „Komm, häng ihn
+hier auf. Neben dem – andern da.“ Marduk ließ sich zehn
+Schritt führen. Da war eine Eiche. Von einem knorrigen Ast
+hing ein kurzer Strick herunter. „Hierher ist er gegangen,
+Marduk. Ich weiß nicht wann. Ich lag noch bewußtlos in dem
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+Haus. Er soll am Haus nach mir gefragt haben. Und nach dir.
+Du – warst auf der Flucht. Ich konnte nichts sagen.“ „Er hat
+sich – erhängt.“
+</p>
+
+<p>
+Ihre klangreiche ruhige Stimme: „Er sprach bevor ich wegging,
+von dir. Und von seiner Mutter. Darum ist er zu dir
+gekommen. Er sagte, er könne dich nicht lassen. Er ist in den
+Wald gegangen, als du ihn nicht annahmst.“ „Wie sah er aus,
+als man ihn fand?“ „Ich weiß nicht genau. – Ich habe sein
+Gesicht noch gesehen. Es war – Marduk, Marduk, – als wenn –
+ein Mensch – im Feuer brennt.“ Ihre Schultern zuckten, sie
+stieß wieder die hohen Töne aus: „Er brannte. Es ist wahr.
+Ich konnte ihm nicht helfen. Ich habe ihm nicht geholfen. Hätte
+ich ihm doch geholfen. Und du.“ Marduk stand still. Er hatte
+die Augen geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Den Gürtel hielt er in der Hand. Als er die Augen geöffnet
+hatte, hatte er einen gebundenen zärtlichen Ausdruck. Er
+schlang den Gürtel um den Ast, seine Muskeln waren ganz fest,
+die Augen hielt er starr auf den Strick, die Finger hielt er zusammengekrampft.
+So stand er. Als er den Mund öffnen
+konnte, flüsterte er mit noch unbeweglichen Augen: „Und jetzt
+ist alles vorbei, Jonathan. Jetzt ist es vorbei.“ Er wiederholte
+es tonlos. Den Hals konnte er bewegen, das starre Gesicht Elina
+zuwenden. Da fiel er gegen ihre Schulter. Sie hielt ihn mit
+ihrem rechten Arm, drängte sich mit der Brust gegen ihn. Er
+sank sank gegen ihre Brust; sie mußte sich anstrengen, den weichen
+absinkenden Körper hochzuziehen. Er war wie ein Schlafsüchtiger.
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ ihn vorsichtig auf die Erde herunter, sein Rumpf
+hielt am Stamm des Baumes nicht aus, streckte sich lang neben
+den pendelnden Armen auf den eisigen Waldboden. Schwer
+lag er. Atmete gleichmäßig, seine Züge lose. Elina neben
+ihm kniend sprach ihm zu. Dann öffnete er die Augen; die
+blickten ins Leere. Sie stützte seinen Kopf, rückte seine Kappe
+zurecht. Er ließ sich hochziehen, ging gleich. Sie führte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen zu der Wiese. Der Mann mit dem Hund stand noch
+da. Stumm gingen sie über dem knackenden Eis an ihm vorbei.
+Kein Wort sprach Marduk, der noch zu schlafen schien, zu Elina,
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+die seinen linken Arm festhielt. Die Reihe der demolierten
+Häuser. Der Mann mit dem toten Hund schurrte hinter ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Wie sie um den Schutthaufen vor Elinas Hause gingen,
+sprang der Mann warnend vor sie, stellte sich vor Marduk:
+„Wohin gehst du?“ Der sah ihn suchend lange an: „Warte hier
+draußen. Warte auf mich.“ Sehr langsam stieg er die Stufen
+hinauf, Elina hinter ihm.
+</p>
+
+<p>
+Lange Minuten schwieg Marduk auf der Polsterbank an der
+Wand. Er schien, den Kopf zurückgelegt, immer wieder einzuschlafen.
+Der Kopf sank ihm auf die Schulter. Dann suchten
+seine großen Augen sie. Sie saß seitlich von ihm am Fenster.
+„Du, Elina.“ „Was, Marduk?“ „Was tust du, was tust du
+hier?“ „Ich wohne hier.“ „Es wohnt sich hier nicht schön.“
+Er suchte einen Gedanken: „Der Schutt liegt so hoch. Es ist
+kalt. Sehr kalt ist es. Der Winter hört nicht auf. Was tust du
+eigentlich hier, Elina.“ „Ich wohne hier.“ „Du wohnst hier.
+Du müßtest hier nicht wohnen. Du müßtest das Haus abbrechen
+lassen. – Jonathan ist tot. Also auch. Das war ein schöner
+Jüngling, den ich kannte. Und du hast ihm verziehen, Elina.
+Du hast ihm verziehen.“ Sie sah fragend zu ihm herüber. „Du
+hast ihm verziehen. Sag’ ja.“ „Ich hatte nichts zu verzeihen.“
+„Er wußte nicht, was er tat, bevor er starb. Als er dich wegschickte.“
+„Er hat mich nicht weggeschickt.“ „Doch. Du sagtest, –
+sagtest du nicht, er ist allein gestorben.“ „Ja.“ „Dann hat er dich
+doch weggeschickt.“ „Nein.“ „Er wußte nicht, was er tat, Elina.“
+</p>
+
+<p>
+„Er hat mich nicht weggeschickt.“ Marduk hob den Hinterkopf
+von der Wand ab, unsicher: „Du bist doch zu mir gekommen.
+Bist du nicht –?“ „Ja. Du hast mich dann ins Gefängnis gesteckt.“
+„So bist du doch zu mir gekommen.“ „Ja, aber er hat
+mich nicht weggeschickt.“ „Und was ist denn geschehen?“ „Ich –
+bin – selbst fortgegangen.“ „Von ihm? Wie er – wie sagtest
+du noch – wie er brannte? Bist du fortgegangen. Nein, Elina,
+das sagst du nur.“ „Ich bin fortgegangen, Marduk. Ich sag’ es
+dir. Ich verberg es nicht.“ „Du hast ihn verlassen“ er stierte
+sie an. Jetzt bebte sein Mund. Er stützte die Arme auf die Knie.
+Er hob beide Arme über sich: „Das hast du ihm angetan. Du
+hast ihn verlassen. Wider seinen Willen.“ Sie knirschte: „Ja.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+Ihre Finger krallten sich, ihre Augen funkelten zu ihm herüber;
+in Grimm und Schmerz war ihr Mund verzogen: „Hätte ich es
+nicht getan! Hätte ich es nicht getan.“ Ihre Füße stießen sie
+hoch; sie drängte an die Tür, preßte sich an den Pfosten, stöhnte
+zum Boden: „Weißt du, Marduk. Weißt du. Es ist gut, daß
+das Haus feststeht. Und daß ich kein Riese bin und es umreißen
+kann. Ich würde es jetzt machen. Ich würde, ich müßte das
+Haus anfassen, und – und – umreißen. Und über mich schütten.
+Über mich. Und – über dich – auch.“ Sie griff in das Holz des
+Pfostens. Er sah ihr rasendes Gesicht an, sie schluchzte: „Hin.
+Hin.“
+</p>
+
+<p>
+Dann lief sie in kleinen Schritten, immer wieder anhaltend,
+in das weite Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Marduk fühlte, wie ihn etwas hochschob. Eine ferne Angst
+zuckte pucherte über sein Herz. Er wankte hinter ihr her, er
+mußte hinter ihr herwanken. Ungleichmäßig, traumbefangen
+atmete er. Der Schlaf in allen seinen Bewegungen. Wollte
+sich nicht ein alter wohlbekannter Schleier über ihn legen. „Lauf
+mir nicht weg, Elina. Warum tust du das. Ich bin kein Mörder.
+Ich habe, habe keine Waffen. Ich tue dir nichts. Halt einen
+Augenblick still. Ich komme nicht mit. Damit ich dich sehen kann.
+Ich tu dir nichts. Lauf nicht. Ich muß dir etwas sagen. Du
+mußt mir etwas sagen. So. Du stehst. Du stehst, du. Setz dich.
+Ich kann nicht stehen.“ In ihm klirrte es ganz dunkel. Scheiben
+einer Stadt bei einer fernen Schlacht. Aber es hielt nicht an.
+Es war wie hinter einem Berg. Es wurde keine Qual.
+</p>
+
+<p>
+„Laß mich dein Gesicht sehen, Elina.“
+</p>
+
+<p>
+„Was willst du von meinem Gesicht.“ „Ich muß dein Gesicht
+sehen.“ In ihm klirrte es nicht mehr. Er fühlte die Ruhe seiner
+Muskeln, die abweichende Beängstigung, die tiefe fast
+drückende Besänftigung seines Herzens. Wie sanft der Schlaf
+war, der sich über ihn ausbreitete. Er nahm ihn hin; er wehrte
+sich nicht gegen ihn. Er konnte neben ihr sitzen. Er konnte
+neben ihr sitzend, die ihm den Rücken zuwandte, träumen. Es
+träumte in ihm: „Ich habe schon einmal bei dir gesessen, Elina.
+Auf meiner Burg. In der Stadt. Ich war Konsul. Wenn du
+dich an mir rächen willst, tu es. Ich kann es nicht verhindern.
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+Lehne dich an mich. O lehne dich an mich.“ Sie drehte sich
+langsam um. Tief erzitternd murmelte sie: „Warum? Warum
+soll ich mich an dich lehnen.“
+</p>
+
+<p>
+Und dann beugte sie ihren Kopf gegen seine Brust, zitterte
+und stöhnte stärker. „Lehn dich an mich, Elina.“ „Ich kann es
+nicht, Marduk. Warum soll ich mich an dich lehnen. Ich kann,
+ich kann dich – ja – umfassen.“
+</p>
+
+<p>
+Und preßte sich an ihn. Drückte seinen Kopf von rückwärts an
+ihren. Er unverändert hielt sie schlaff, blinzelte in ihr Haar: „Das
+tust du. Das tust du.“ „Das – ja jetzt. Und du bist da. Du läßt
+dich von mir umfassen.“ „Ich will nicht. Es hat keinen Sinn.“
+</p>
+
+<p>
+„Hab Gnade mit mir, Marduk. Blick mich an.“ Es war
+schwarz über seinen Nacken und seinen Kopf heraufgelaufen.
+Sein Gehirn wurde von einer dichten, immer dichteren
+Schwärze erfüllt. Seine blassen Lippen sprachen halbbewußte
+Worte: „Zum Fenster hinaus. Ich bin zum Fenster hinausgesprungen.
+Halt mich. Fest. Ich falle.“
+</p>
+
+<p>
+Sie schüttelte an ihm. Sein Körper war weich. Der Kopf
+lag auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie sie hintastete, Nässe auf
+ihrer Schulter. Es war geschehen, daß Marduk auf ihrer Schulter
+weinte.
+</p>
+
+<p>
+Sie konnte seinen Kopf nicht hochheben. Durch ihn träumte
+es: „Ich falle. Radspuren entlang. Einen Feldweg entlang.“
+</p>
+
+<p>
+Er bewegte sich. Richtete sich auf. Sie sah ihm in die weiten
+Augen. Er wußte, daß er auf ihrer Spur gewesen war seit dem
+Lager in Linden, seit er sie ins Gefängnis schickte.
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt ihn ganz fest, studierte sein bartüberwuchertes erloschenes
+Gesicht. Hauchte drängte: „Marduk. Verzeihung.
+Sieh mich an.“ „Ich sehe.“ Seine harte Wange an ihrer, sein
+Hals gab weiter nach: „Versucherin.“ „Nicht Versucherin. Ich
+bin keine Schlange. Hab Erbarmen mit dir. Hab Gnade mit
+dir. Du, mit dir.“
+</p>
+
+<p>
+Er machte sich los. Sah ihr gespannt in die Augen. Stand
+auf, stotterte tief erblassend, zu ihr herunterblickend: „Jetzt,
+jetzt, jetzt, – Elina! Jetzt falle ich um!“
+</p>
+
+<p>
+Und schwankte vorwärts rückwärts. Polterte, ohne einzuknicken,
+nach hinten über einen Schemel, riß ihn seitwärts mit
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+sich hin. Er lag ausgestreckt am Boden, auf der Schemellehne.
+Tief bewußtlos. Sie zog den Schemel unter ihm weg. Hielt
+die Hand an seinen Mund; der warme Hauch kam. Fahl seine
+Backen, der Mund offen.
+</p>
+
+<p>
+Zum zweiten Male lag er da. Sie tastete unter seinen Kopf.
+Kein Blut. Die Mütze schob sie ihm unter.
+</p>
+
+<p>
+Sie hastete zusammenfahrend an die Tür, lauschte. Der
+Krieger stand draußen unbeweglich am Schutthaufen, er hatte
+nichts gehört.
+</p>
+
+<p>
+Und wie sie Schritt für Schritt zurückkehrte, ihn liegen sah,
+das graue bärtige Gesicht, den langen Körper im weißen Fell,
+auf der Diele ihres Hauses, warf sie sich, den Kopf zurückbiegend,
+die Arme aufhebend, in wilder überflutender Wonne auf ihn.
+Den Pelz riß sie von sich. Die Jacke, das Hemd riß sie von
+ihrer Brust, drückte die nackte Haut an sein kaltes feuchtes Fell.
+Eng preßte sie sich mit Leib, Armen, Beinen an ihn, umschnürte,
+überwogte ihn. Sie achtete nicht, was mit ihm war. Herzte
+seine Hände, deckte das Fell auf, küßte sein Knie. Sie öffnete
+zerrte den Pelz von seiner Brust. Küßte die Reihe seiner Rippen
+entlang, wühlte rieb ihre Brust gegen seine.
+</p>
+
+<p>
+Sie sprang glühend auf, an das Fenster. Das öffnete sie still
+rasch, nahm eine Hand voll Schnee, klemmte das Fenster zu,
+wärmte den Schnee an ihrem Mund, blies ihn an, rieb ihn, hinlaufend
+auf Spitzen, über Marduk kniend gegen seine Stirn
+Augen seine Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ihr eine zerreißende Süße, als er im Traum seine
+Lippen spitzte, an dem Schnee sog. Sie ließ ihn saugen. Hielt
+den Schnee in ihrem Mund. Er sog an ihrem Mund.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ach</span> einer Stunde schob sich Marduk aus der Tür, schickte den
+Mann weg. Er selbst ging langsam mit Elina die Straße hinter
+dem Mann. Es dämmerte. Die Wiese den Wald durchzogen
+sie. Am Waldausgang, sie sahen den Mann kaum, wurden
+Marduks Knie weich. Er ließ sich herunter auf den Boden.
+Nebel in Schwaden von dem nahen Flusse her. Trübe kleine
+Augen machte Marduk, den Kopf drehte er beiseite. „Schönes
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Leben“ flüsterte er, „schöne Bäume, schöne Nebel.“ Sie hob
+ihn, er strich über ihre Schultern: „Warum stierst du mich an,
+Marduk?“ „Das ist mehr, als ich für möglich hielt.“ Sie hatte
+leuchtende Augen; er hatte noch immer den Hang, in Schwindel
+zu verfallen, sah von ihren gefährlichen Augen weg. „Schöner
+Nebel, schöner Baum“, er hielt sie an sich, „schöner Mensch.
+Schöner Mensch. Menschenhaare. Menschenfinger. Menschenohren.
+Menschenhals.“ „Sie waren immer da.“ „Menschenhaare.
+Menschenhand. Kranke Schulter. Was hab ich gesündigt.“
+„Ich habe noch eine Schulter, Marduk.“ „Gute
+Schulter, armes Gelenk, Marduk bittet euch ab.“
+</p>
+
+<p>
+In den Mooren südlich des Grinderwaldes begann Marduk
+wieder seine Arbeit. Die Truppe hatte sich, wegen der Gefährlichkeit
+der Arbeit und des verdächtigen Namens des Konsuls
+in dieser Landschaft nicht vermehrt. Sollte ein Resultat erzielt
+werden, mußte jetzt rasch Zimbo und die Horden ihrer Waffen
+beraubt werden. Marduks hannoversche Truppe war einer Anzahl
+von Unglücksfällen ausgesetzt. Der Erfolg ging hin und her.
+Die zarte Elina kämpfte mit.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem großen Vorstoß, der von Marduk geführt, mit der
+Zertrümmerung fast aller schweren Waffen bei den ostelbischen
+Banden, der alten Horde, endete, rüstete Marduk, der stark
+und kalt wie ein Hirsch herumging, Elina selbst aus. Spiegelkleider
+trugen sie alle, an hellen sonnigen Tagen mußten sie
+vorgehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie Marduk die Spiegelfacetten am Gewand Elinas ordnete,
+die dachziegelartig übereinandergeschobenen blechernen Streifen,
+die nach dem Licht auseinandergezogen und wie Segel gedreht
+werden mußten, häkelte sie mit ihrer Hand an ihrem schon geschlossenen
+Kragen, warf die gesichtverhängende Kappe hoch.
+„Steh ruhig“, bat Marduk.
+</p>
+
+<p>
+Sie hob die Kappe ab, zog sich von Marduk weg, schloß die
+Tür seiner Kammer: „Nicht das Kleid. Nicht das Kleid. Mich.“
+„Wir kämpfen, Elina.“ „Kämpfen. Aber wir. Und wofür
+kämpfen wir.“ „Du weißt es.“ Sie hauchte dicht bei ihm: „Ich
+noch – um dich. Du mußt mich kennen.“ „Nicht jetzt, Elina.“
+„Jetzt oder wann sonst. Jetzt.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+Wie sie sich im Stroh umarmten, sah er die ersten Augen
+Arme. Sie, den harten sehnigen behaarten Leib umklammernd,
+stammelte: „Nichts an mir, was nicht dir gehörte. Laß nichts
+an mir. Alles, nimm alles weg. Laß nichts zurück.“ Sie tauchte
+in ihm unter, erweichte verwehte. Er atmete: „Sag nicht
+Marduk zu mir. Wer ist das.“
+</p>
+
+<p>
+Sie starb fast in der Umarmung, wünschte zu sterben. Er
+stammelte an ihrem Hals: „Ich lebe ewig. Ich lebe ewig.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> große Vorstoß, der auf die Gegend von Helmstedt und
+Gardelegen erfolgte und den abtrünnigen Banden den Verlust
+fast aller schweren Waffen brachte, verminderte die Zahl der
+Mitläufer Marduks um die Hälfte. Hier kam Elina um. Wie
+sie, selbst unsichtbar, einen unbewacht stehenden Riesenbrandwerfer,
+von der Art derer aus dem Gefängnis, auf eine dicht
+vorüberziehende Führergruppe der Horde richtete, – im Übermut,
+denn nichts hinderte sie an der Zerstörung des Apparates, –
+schlug die Flamme auf sie zurück, äscherte sie mit den Männern
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Marduk spornte die Zurückkehrenden an. Man mußte sich
+beeilen. Nun war Zimbo, noch im Besitz von Waffen, ungeheuer
+den Horden überlegen und konnte sie in die Knie zwingen.
+Wenig Apparate hatte man beim letzten Vorstoß erbeutet,
+die Spiegelhüllen sehr beschädigt. Es war ein verzweifeltes
+Wagnis, das Lager Zimbos, der sich mit starken Sicherungen
+versehen hatte, anzugreifen.
+</p>
+
+<p>
+Der Versuch mißlang. Mit selbstmörderischem Mut kämpften
+die überfallenden Männer, kaum fünfzig, die noch zu Marduk
+hielten. Wie eine Maschine, eine Lokomotive nicht an eigenen
+Schutz denkt, sondern auf ihren Schienen losrast, sich und fremde
+Züge zerschmettert, so drangen sie tollkühn, oft deutlich in ihren
+zerrissenen Masken sichtbar, an, zertrümmerten mit Hieben und
+Schüssen die empfindlichen Eingeweide der Apparate, die sie
+erwischten. Der Hauptteil dieser Leute verendete unter dem
+Strahlenschutz vor den feindlichen Apparaten, gegen die keine
+Maske half.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
+Marduk lief in den Bereich einer Maschine, deren Anwesenheit
+er aus den eigentümlichen Kappen und Schutzmänteln der
+herumspürenden Männer erschlossen hatte. Nicht weit entfernt
+von dieser Maschine stand aber eine zweite, die er nicht
+erkannte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, aufrecht über den gefrorenen Lehmboden schleifend,
+fühlte sich der lange unerbittliche Mensch an den Beinen gehindert,
+seine Knie zurückgedrängt, die Füße auf den Boden
+gedrückt. Weiter drängte er vor, schob sich an, suchte, sich drehend
+mit der Flanke durchzubrechen. Dann ablassend, machte er einen
+Ruck, um sich loszureißen und loszuprallen oder zu entweichen.
+Er fühlte sich federnd, dann starrer pressender festgehalten. Er
+senkte den Kopf, trieb keilte das Knie abwärts. Das gelang. Gesicht
+und Hals glühten und schwollen ihm unter der Anstrengung
+auf. Und langsam langsam konnte er das eine Knie krümmen.
+Konnte langsam langsam, als wollte er schweben und fliegen,
+den Arm vom Rumpf abspreizen. Er arbeitete wie gegen Stein.
+Das andere Knie krümmte er, um sich auf den Boden herunterzulassen.
+An der Brust war er festgehalten. War oben so eng
+gewaltig verklammert, daß er ringend dagegen die Füße vom
+Boden abhob, beide Füße vom Boden abzog. Quer gedreht
+erblickte er sie unten und ächzte; quer hingen seine Füße
+unten handbreit über dem harten Lehm. Ein Schuh hing
+über der Erde, vom Fuß abgezogen; er stand deutlich sichtbar
+in der Luft, auf der Spitze, unter dem nackten weißen Fuß,
+unter leicht spielenden Zehen. Marduk schwebte. Er sackte langsam
+abwärts. Und wie er sich auch mühte durch Stunden
+zähen Wühlens Schlagens Stemmens, er drückte seinen Rumpf
+nicht auf die Erde herunter.
+</p>
+
+<p>
+Vornüber mit Hals und Rumpf schwebte er über dem Boden
+wie im Sturz, nach dem Boden drängend, den er nicht erreichte.
+Die Arme, gekrümmt erlahmend erschlaffend, lagen wie auf
+Kissen, und doch fest wie zwischen Zangen. Nicht die Finger
+der flach hingestreckten Hände vermochte er zu krümmen. Und
+als er sich im Beginn neuen Anringens wütend um sich selbst
+werfen wollte, hielt er unter schrecklichem Schmerz inne. Er
+suchte auf seine linke Hand zu blicken. Von da, da kam der
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+brennende heulende Schmerz. Die Finger, er sah sie, standen
+unnatürlich gestreckt, nach oben abgebogen über dem Handrücken,
+so wie sie vorher gestanden hatten. Sie waren gebrochen
+umgeknickt. Leise stöhnte Marduk.
+</p>
+
+<p>
+Er rang mit seinen Augenlidern. Die Hornhäute vertrockneten
+ihm, die Lider, die Lider waren nicht zu schließen. Oh sie schließen
+können. Er hielt seinen Rumpf still, er kämpfte nur mit diesen
+kleinen Muskeln, den Lidern. Millimeter um Millimeter drückte
+er sie herunter, bis nur noch ein Spalt da war. Jetzt, das Glück,
+er sah nichts mehr.
+</p>
+
+<p>
+Hinter seiner Stirn taumelten Gedanken: „Sie, sie, sie haben
+mich. Zimbo hat mich. Ich bin verloren. Die Verbrecher haben
+mich. Alles war umsonst.“ Heißer wütender namenloser
+Schmerz über ihn. Hinter den blinkenden Streifen des Spiegelschutzes
+erzitterte sein blau anlaufendes, dick hochschwellendes
+Gesicht. Die Lidspalten füllten sich mit Tränen. Der Brustkorb,
+der Hals suchte zu schluchzen. Aber nur ein Heulen Röcheln
+kam durch die gepreßten Zähne. Elina war gestorben.
+Warum war er nicht mit ihr zur Seite gegangen, nach Westen,
+nach Süden, und lebte mit ihr. Warum wollte er nicht mit
+ihr leben. Die süße Elina war hingegangen, für nichts, ins
+Dunkle Leere, und er ging nach. Jonathan, auch der war
+gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die Gedanken schwollen wirr hinter seiner Stirn. Ein wachsender
+Wald war da, Pferde mit gefangenen Frauen an einem
+Strick; man schleifte sie durch die Luft herunter, an dem endlos
+langen Strick, über Feldspuren.
+</p>
+
+<p>
+Mühsam zog er Luft ein. Der Spiegelschutz scharrte gegen
+seine Kehle. Er wollte ihn abreißen. Rüttelte, zuckte gegen seine
+schon toten Hände, konnte nicht zu ihnen hinfinden. Wollte
+seinen schwarzen Hauptmann, Angelelli, rufen. Die Zunge
+rührte sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Eingeschlossen eingespannt in einen Sarg war er.
+</p>
+
+<p>
+Er weinte bewußtlos immer wilder um Elina. Durcheinander
+stürzten über einen Wasserfall, ein Rad, seine Gedanken.
+Das Rathaus Schnee-Ebenen Pferde. Und immer wieder
+Elina.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+Sein Mund lutschte. Er sog, wärmer summend brummend
+knurrend schnalzend an etwas, das man ihm in den Mund steckte.
+Elina steckte ihm etwas in den Mund, gab ihm zu trinken. Er
+sog schnarchte im Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+In tiefster Betäubung der hängende, langsam abgleitende
+Körper, als auch der Brustkorb sich nicht mehr erweitern konnte,
+im Innern das Herz seine Schläge verlangsamte.
+</p>
+
+<p>
+Es war Nacht. Der Schuh hing mit der Spitze neben dem
+gekrümmten Bein. Da froren die langsam abwärts geronnenen
+Tränen über dem verhängten unbeweglichen Gesicht, froren die
+Lider zu. Die beiden dünnen Eislagen senkten sich über die
+Lippe in den klaffenden Mund. Die Zunge umwuchsen sie.
+Den Rachen kleideten sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Morgen prüften Männer des Zimbo den Apparat,
+verschoben ihn. Da dumpfte und knallte im Nebel der Körper
+des zweiten Konsuls auf die gefrorene Erde. Sein Kleid zersprang.
+Die aufhorchenden Männer Zimbos sahen auf dem Feld
+eine schwarze Masse liegen. Und wie sie näher schlichen, war es
+ein Menschenkörper, wie ein Tier starr auf Knien und Händen unbeweglich
+am Boden. Vom Kopf hingen ihm metallene Bänder.
+Ganz langsam sickerten Blutstropfen aus dem offenen Mund.
+</p>
+
+<p>
+Eine schwarze Lache unter ihm.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Gerücht von Marduks Tod wurde von Zimbo unterdrückt.
+Als er die Waffenlosigkeit der märkischen Horden festgestellt hatte,
+ließ er einen starken Teil seiner bewaffneten Krieger gegen das
+märkische Lager nahe Magdeburg marschieren. Er selbst zog unbemerkt
+hinter ihnen mit seiner Horde her. Und als die Krieger
+sich in einem langen sumpfigen Tal unterhalb des Lagers der
+märkischen Führer sammelten, – Zimbo war schon unter den
+Führern – gab er seine eigenen Truppen den Horden in die
+Hand. Er ließ zu, daß seine Männer, die vertrauensselig folgten,
+entwaffnet, gefangengenommen wurden. Am Abend trieb man
+sie auf einen Haufen, wollte sie zum Hohn an Marduk schicken.
+Zimbo hielt da an und warf seinen Trumpf. Er zeigte ihnen den
+gefrorenen Körper Marduks.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+Tief erschreckt standen sie mit Fackeln vor der Leiche, vor dem
+sonderbar und unheimlich verbogenen Leib, an dem Zimbo die
+Kraft seiner Apparate demonstrierte.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen in Beratungen der ganzen Nacht zu keinem Resultat.
+Finster forderten sie zurückkehrend von Zimbo, er solle
+den größten Teil der Waffen vernichten oder ihnen übergeben.
+Sie haßten Zimbo, weil er Marduk getötet hatte. An ihm sich
+zu vergreifen war nicht seine Sache. Sie sprachen nicht viel mit
+dem schwarzen Plattnasigen, der sich in seinem Zelt hinter
+seiner Horde und einem unbezwinglichen Waffenschutz versteckte.
+Er fühlte, daß sie knirschten. Die Waffen versprach er ihnen
+lächelnd. Nur sei es, mit Rücksicht auf die Gefahr von Hannover
+und Hamburg, unklug, sie zu zerstören.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen Stendal und Wittenberg wurden große Hordenversammlungen
+veranstaltet, bei Stendal eine Führerversammlung.
+Zimbo, nur selten um sich aus engen Lidspalten blickend,
+erschien hier demütig ruhig glatt wie immer. Die märkischen
+Führer staunten seine List und seinen Riesenkörper an. Er
+murmelte, er verlange keine Unterwerfung, sondern seine Wahl
+zum Konsul. Er sei von England geschickt, um das Land für den
+Völkerkreis zu gewinnen, habe umgelernt. Er werde die Politik
+Markes und Marduks weiterführen.
+</p>
+
+<p>
+Marduks Körper war einbalsamiert worden. Bei Stendal
+mußte Zimbo auf den eisigen Körper schwören, – der war in
+der gekrümmten Haltung balsamiert, wie er auf dem Feld verendet
+war –: er werde die nachuralische Tradition fortführen, die
+Ausbreitung der Märker betreiben, die Mekifabriken sobald als
+möglich vernichten. Das Murren unter den Horden hörte auch
+nach dem Schwur und den Besprechungen nicht auf. Bis Zimbo
+sich durch zwei Handlungen legitimierte: rasches brutales Niederwerfen
+eingedrungener Hamburger in der Lauenburger Gegend,
+und nach der Rückkehr Beseitigung von zwanzig widerstrebenden
+Hordenhäuptlingen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> Ausgang des Winters bezog Zimbo das Ratsgebäude der
+Stadtschaft Berlin. Er war der dritte Konsul der Stadtschaft,
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+der erste, der nicht hier aufgewachsen war. Zu der Zeit, wo der
+listige herrschsüchtige Afrikaner den Saal des Ratsgebäudes betrat
+und den Raum mit der Schädelpyramide bewohnte, die er
+mit den Knochen der getöteten Täuscher und Hordenführer erhöhte,
+lösten sich die kriegerischen Märker aus dem engeren
+Felde der Stadt, schwemmten wieder über Stendal Wittenberg
+ins Hannoversche, reinigten durch Überfälle die Lüneburger
+Heide. Noch im Winter zogen Siedlermassen, die sich ins Ausland
+unter den Schutz der Mekifabriken geflüchtet hatten, hinter
+ihnen her. Zimbo selbst besetzte die restlichen Mekifabriken mit
+Männern und Frauen, die ihm durch den Feldzug gefolgt waren,
+und hielt sie in Stand, so daß eine große Zahl Menschen, die sich
+vergrämt und zur Arbeit auf die östlichen Äcker geworfen hatte,
+für den Westen frei wurde und Kriegsdienst tat.
+</p>
+
+<p>
+Das gefahrdrohende Treiben an der Grenze der hamburgischen
+Seelandschaft hatte wieder begonnen. Statt des fanatischen
+zum Ausgleich geneigten Marduk saß ein Renegat des Völkerkreises,
+ein machtdurstender listiger falscher brutaler Mann im
+Zentrum des märkischen Reichs.
+</p>
+
+<p>
+Die kontinentalen großen Zentralen südlich und westlich Berlins
+verlangten Ausrottung der märkischen Pest, Beruhigung
+des Erdteils. Ihr Aufbäumen war angstvoll, aber lahm. Es
+war der hitzige Trieb erliegender Wesen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-6">
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+<span class="line1">Fünftes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Das Auslaufen der Städte</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">naufhaltsam</span> auf allen Kontinenten des Völkerkreises der
+nachuralische Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander
+waren lärmvoll und gefährlich gewesen; in der Tiefe und
+Breite liefen andere mächtige Wünsche. Der heiße afrikanische
+Kontinent, von einer unbeständigen Menschenmasse erfüllt,
+zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf die westliche
+Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten.
+Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren
+nie völlig leer geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen
+aus ihnen hervor; die Städte entleerten in die überreichen
+Steppen und Urwälder ihre Massen, die gefährlich stöhnend
+von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung und Entartung
+der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt
+waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten
+Süden, an der Mittelmeerküste von den Männern und Frauen
+aus dem wilden Hinterland.
+</p>
+
+<p>
+Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung
+gebraucht, jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das
+große Nilland trieb wuchernd Felder von Reis Weizen sechszeiliger
+Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch von Ägypten bis
+zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien
+Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und
+Löwen trieben sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen
+hausten zwischen den Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten;
+sie fraßen die gelben runden Palmfrüchte. Ein Heer
+von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen Stürme
+Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten
+Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus
+den Wäldern und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie
+zurückzujagen, wollten sie gefügig machen, nahmen sie auf,
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+ließen die Städte vor ihnen beschützen. Zentrale auf Zentrale
+wurde von den Unwesen zerstört. Die aus den Wäldern herangetriebenen
+Geschöpfe gingen satanisch mit den schwachen hilflosen
+Massen um. Es gab Städte, die sich den starken listigen
+Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und zertrümmerten
+die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der vertrauensseligen
+Städte. Dann irrten Hunderttausende in die
+offene Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht
+Sturm Hitze wilde Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch
+lebenden heißen Erdteil waren längst die Stadtschaften auf das
+wuchernd reiche Land ausgelaufen, als in den nördlichen westlichen
+Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf zerfallen nebeneinanderlagen
+und nach sich griffen. In Süd- und Nordamerika
+tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten Schmuckes,
+zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. Überall
+kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen,
+die die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken
+sollten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um
+die Zeit, wo der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate
+blickte. Von den Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku
+Hokkaido Sachalin Formosa waren in dem Uralischen Krieg
+asiatische Scharen, angreifende Mongolen und Sibirier über das
+Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige Tausend, die
+alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher Portland
+am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den
+Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten
+Senate hatten kaum Widerstand geleistet. Was an
+geübten Männern und Frauen zu den Städten gehörte, stand
+zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit dem Geschwader.
+</p>
+
+<p>
+Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend,
+verließen beim Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie
+saßen da, nicht im Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum
+Hohn den Westlichen, unter Billigung ihrer Völker, durchschauten
+das ihnen fremde eigentümliche Gefüge dieser großen Städte
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem Schutz ihrer
+Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen läppischen
+Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um
+die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der
+Sorge der westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese
+großen Stadtreiche des Westens eingeströmt waren, arbeitend
+genießend schmarotzend sich vermehrend, stammten aus den
+Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste von Weißen
+Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen.
+Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in
+den Städten alles neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen
+Zentralen unter mongolischer Oberhoheit stockte bald alles.
+Die Asiaten setzten die Selbstverwaltungen von Franzisko Portland
+und die im Hinterland Okkupierten unter Druck. Die letzten
+großen Sippen, deren Familiengut technische Mysterien waren,
+hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, suchten Zusammenhang
+mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd sich
+stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden
+Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen.
+Eine wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen
+herum, spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen
+abliefen, auf der Suche nach Bundesgenossen.
+</p>
+
+<p>
+In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer
+guten und bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen.
+Es traten in Dakota – und wurde rasch über die Westküste
+verbreitet – Gerüchte auf: man müsse ausbrechen aus den
+Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins Land der Irokesen,
+an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen Inseln, in
+das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen
+Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige
+Steine aus ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern
+überraschend über die nächsten Vorkommnisse aussagten,
+den Durchbruch nach Norden prophezeiten. Wie in der märkischen
+Landschaft warfen die Gefesselten in diesen Städten sich
+auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, bildeten
+kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis
+wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+Geheimzeichen um. Die Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten
+die Städter: „Marduks!“
+</p>
+
+<p>
+Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte,
+auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland
+Flammen zum Opfer fielen. Sie standen vor der Frage, ob sie
+Millionen verhungern lassen sollten oder ihre Herrschaft aufgeben.
+Sie warfen Funken nach Westen in ihre Heimat. Man beruhigte
+sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter amerikanischer Wilder
+seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die Städte.
+</p>
+
+<p>
+Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager
+erfolgte in Franzisko und Portland am gleichen Tage das
+Niedersengen der Fabriken selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe
+wurden verwandt. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die
+Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der sich zu einem Sturm
+der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur eine
+Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als
+die ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen
+von der Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere
+der Fremden um das Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt
+verwahrlost dem Tode nah, Menschenfresser, gehässig auf sich.
+Sie erstickten in den Strahlen, fielen auf den gelben welken
+Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen stürmten. Ein
+Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah sich
+gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung.
+Um die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten,
+der sich von Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen,
+Weiber, die noch Kinder trugen, die gereizten rasenden
+Männer, wußten, daß es kein Erbarmen für sie gab und daß das
+Mildeste, das sie gegen sich tun konnten, war, hier zu verenden.
+Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder der Geheimbünde,
+hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, fangt sie!“
+Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen
+Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf
+allen Seiten um die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man
+ihn nur auf Leitern erklettern konnte.
+</p>
+
+<p>
+Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen
+zu mischen. Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+Schlag. Krieger, einzeln vorgehend, den Berg als Deckung
+vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, herüber, wie sie sie
+morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die Mongolen,
+gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die
+Unterworfenen wollten Entscheidung.
+</p>
+
+<p>
+Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander.
+Die Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem
+Leichenwall verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar.
+Sie wechselten ihre Farben mit dem Boden, den sie berührten,
+mit dem Hintergrund. Schillernde graugrünliche Körper, von
+rollenden blitzenden und flimmernden Gestellen umgeben. Sehr
+rasch, kaum den Boden berührend, fuhren sie über die welke
+Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer Annäherung rauchte
+der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden hinter
+ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die
+ganze Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall,
+durch die brandenden Menschen gingen die Japaner, die grünlich
+schillernden Körper, ab und zu anhaltend und sich vermindernd
+unter einem Donnerschlag, aber immer rascher sich bewegend,
+nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast
+aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge,
+schleuderten Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen
+nicht, die ihnen nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten
+Plätzen auftauchten.
+</p>
+
+<p>
+Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln
+sausten sie über die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in
+das Ratsgebäude.
+</p>
+
+<p>
+Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins.
+Sie kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit
+Wein bei ihnen; sie liefen durch das Haus her, umarmten die
+Männer. Und als sie sich voneinander gelöst hatten, schlug ein
+Tamtam. Sie gingen in bunten langen Kleidern langsam,
+Blumen auf den Händen in die große Halle des Erdgeschosses,
+den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der Wand.
+Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden,
+gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal
+an niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+beklemmende Rauch zog von dem mächtigen Platz herein, obwohl
+Fenster und Türen geschlossen waren. Nach halbstündigem
+Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende Kahlkopf die
+beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten.
+</p>
+
+<p>
+Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in
+seiner Nähe an: „Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung.
+Ist es schade, daß sie die Heimat verlassen haben, über das
+Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr jung; da ist nichts
+schade. Wann sind Dinge schade, die man in der Jugend begeht?
+Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen
+blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du
+gesprochen hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der
+Sieger. Ich möchte Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich
+tun muß.“ Sie murmelten und nickten an den Tischen. Nach
+und nach standen alle auf. Waren nicht mehr ernst. Lächelten
+sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ Der
+Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten
+Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten
+die jungen Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten
+Saal, der sich kaum ruhig halten konnte, der summte
+flüsterte kicherte, sangen sie zu zweien dreien fünfen.
+</p>
+
+<p>
+Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die
+Luft über der dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos
+zerstörten sie die Sperre an der Peripherie, wogten nach Westen,
+gegen das uralte rauschende Meer.
+</p>
+
+<p>
+Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende
+Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen
+Tagen verzogen sich die asiatischen Besatzungen aller amerikanischen
+Stadtschaften.
+</p>
+
+<p>
+Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge
+hinein die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen
+Städte zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt
+nicht mehr geheimen Bünde rissen die Massen in das freie
+Land. Nevada Washington Oregon Idaho ließen sie hinter
+sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, Städte auf
+Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der inselreichen
+Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+Yukon herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges
+reckte, schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges
+nach Osten, sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten
+unterwegs und schlugen sich rückwärts. Vorn trieben
+und zogen die anfeuernden Steine und Erde befragenden
+Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig wurden
+sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden Muttervölker,
+den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas
+Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten
+verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe
+Übergang aus der Fürsorge der Riesenstädte an die wilde Kraft
+des Meeres, an den Kampf mit Tieren war gnadenlos. Holzfällen,
+Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang von
+Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt,
+in der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben.
+Trinken von rohem warmen Blut, Essen von rohen Lebern
+wurde heilig. Marduk war schon tot, der machtdürstende Zimbo
+saß in dem Ratsgebäude der märkischen Stadtlandschaft, als
+die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von diesen
+indianisierten unter Propheten stehenden Horden der amerikanischen
+Nordwestküste ausgingen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend,
+bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische,
+nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische
+Vertreter. Sie waren in der schwelenden Landschaft des Nordwestens
+zu Hause. Man hatte sie in Washington ausgewählt zu
+sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier langsamen Menschen,
+die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen,
+die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst
+bei ihrem Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen,
+wurden sie lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und
+eine Anzahl tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen,
+bei den Besprechungen auf Matten an der Erde lagen, mit
+Otterfellen bedeckt, den Kopf auf einen Arm stützend. Man
+mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park unterhalten.
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme,
+ängstigten sie.
+</p>
+
+<p>
+Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum
+Wärmen Weine reichen. Der hagere wohlwollende Mann
+hatte ein schlaffes müdes Gesicht bekommen. Sie saßen im
+herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine englischen
+Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh ich
+recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu
+einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große
+Franzose Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren.
+Dann kam der Krieg am Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der
+rundgesichtige Klokwan, mit tiefbraunem welken Laub spielend,
+das man vor ihm aufhäufte, wischte sich die langen grauen
+Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, Klokwan, gewiß,
+den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus
+Amerika, wir flogen auch an der Westküste von Afrika entlang.
+Wir sahen da nichts anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es
+ging wild zu. Die Stadtschaften brennen, sie schlagen sich.
+Viele stehen halb leer. Die Menschen sehen ihr Verderben. Sie
+fürchten sich davor. Das Mekibrot das Mekifleisch schmeckt
+ihnen nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen
+lassen?“ „Es scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in
+Dakota am Mississippi in Mexiko am Salzsee und ganz im
+Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man muß dies nicht
+vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen
+nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt
+wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen
+Krieg anstifteten um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist
+doch so? Wir wissen aber nicht, wie sie festhalten.“
+</p>
+
+<p>
+Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt
+der Fehler? Welchen Fehler machen wir?“
+</p>
+
+<p>
+Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du
+dich, Delvil, und – wo ist Pember? ah du, – du Pember,
+unseres Besuchs bei Marduk? In diesem sonderbaren Stadthaus
+in der Mark, an der Schädelpyramide, vor den schrecklichen
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk wollte
+nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was
+er täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen.
+Delvil, da warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte
+und sagte: Ist das Land still, so sind wir auch still und sanft.
+Wir begießen es wie Regen. Das sagtest du. Ich erinnere mich
+gut. Will der Konsul aber anders, so können wir auch Gewitter
+spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk zwischen den
+Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts,
+Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es
+jetzt. Wir haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole
+nun dasselbe wie damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den
+Arm: „So hab’ ich damals gemacht, White Baker, nicht wahr?
+Aber unser Freund Klokwan hat schon die entscheidende Frage
+gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße und schlage, wo
+ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die anderen.
+Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß
+sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet
+aufgelöst zu werden.“
+</p>
+
+<p>
+Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört:
+„Ich frage die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie
+ihren Bogen richtet. Francis Delvil, mein großer Freund,
+meinte zuerst, wir stünden wie unsere Voreltern vor dem Uralischen
+Krieg. Ich sagte nicht so. Wir stehen schlimmer. Er sieht
+es selbst. Weil wir doch den Feind nicht haben.“ White Baker
+lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen Feind. Wahrhaftig
+sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht Menschen
+zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie
+hatten einen Schmerz in der Brust und dann schlugen sie –
+auf die andere Brust!“ Die Frauen auf den Matten lachten ihr
+mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob seine Decke wieder, blickte
+stumm über die Frauen. Seine drei männlichen Gefährten saßen
+verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase freilassend.
+Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in
+ihrer eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“
+</p>
+
+<p>
+Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die
+Schulter heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+seinen Füßen; der Mann flüsterte dann mit Klokwan. Alle
+in dem kleinen winddurchhauchten Zelt blickten ihn an. Klokwan
+senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann sprechen zu
+dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte etwas,
+sie möchte es erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete
+sich auf, strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und
+langsam, während sie die Hände bald auf dem Schoß hielt,
+bald rechts und links an ihren Ohrringen. Sie blickte nur die
+Frauen neben sich an. Man erzähle bei ihnen in den amerikanischen
+Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo noch ihr Volk
+in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum
+Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen
+war dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und
+da lag Losung eines Bären. Die Tochter des Vornehmen fing
+da an, über das wilde Tier zu spotten: es sei ein langsamer
+blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie wieder
+zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten
+aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen
+halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder
+der Korb weg, und nach hundert Schritt wieder. Da wurden
+die anderen Mädchen ärgerlich, gingen weiter, ließen sie allein
+sammeln. Und wie die Häuptlingstochter zuletzt die Früchte
+wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus den
+Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der
+Dämmerung, fand nicht den Weg. Da kam von der Seite
+ein junger schlanker Mann auf sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe,
+ein ernster ruhiger Mann. Der bat sie, ob er von ihren
+Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es ihr ginge
+und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn verlaufen.“
+„Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir
+nicht geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und
+der Losung am Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling
+aß nicht mehr von ihren Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte
+er wisse den Weg, sie solle kommen. Sie gingen lange; es war
+schon ganz dunkel. Da fragte der hübsche Mann nach einiger
+Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann nahm er ihn und
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man
+könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte
+weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie
+Angst, weil sie jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der
+junge Mann, plump und langsam, so wacklig watschlig. Sie
+schrie, sie hätte Herzstiche, sie könne nicht mehr gehen. Und
+dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. Er sagte, sie
+solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht brenne,
+sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte:
+Wohne. Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es
+heiße doch nicht „Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir
+sagen Wohne.“ „Das ist ja Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir?
+Du kennst uns doch. Du wirst gleich sehen. Komm nur rasch.“
+</p>
+
+<p>
+Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da,
+ein alter toter Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm.
+Sie stiegen wie in eine Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter,
+bis sie zu den Wurzeln unter der Erde kamen. Ein kleines
+Feuer brannte. Zwei schwarze Grislybären schliefen da nebeneinander,
+ein junger und ein alter. Die schnarchten. Ein großer
+alter aber kam grunzend mit aufgehobenen Vorderpfoten auf
+den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die schrie,
+wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie stürzte
+über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten
+auch die beiden anderen Bären. Standen brummend auf,
+rieben sich die Augen, schüttelten schwarze Erde von sich, fragten:
+wer ihnen ihre Wohne zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört
+unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, trotz seiner Angst,
+über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der Grislys.
+Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die
+beiden Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und
+wie sie aufwachte, saß bei dem Freund ein alter Mann und eine
+alte Frau. Die hatten traurige Gesichter. Der junge hübsche
+Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die Häuptlingstochter fragte,
+wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn haben und nach Hause
+gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie aber so
+traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne;
+ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+kleine Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge
+Mann gab ihr den Korb zurück. Sie solle die Früchte mit
+ihm zusammen futtern. Die Eltern hätten auch schon davon
+gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte erst nicht, weinte.
+Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von gestern
+waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber
+sie konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau.
+Und – und – und –: sie blieb da wohnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am
+Boden zurück. Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter:
+„Und nun spottet ihr nicht mehr über den dicken dummen
+schwarzen Bär. Er war doch nicht so dumm.“ „Eine sonderbare
+Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte nach einem
+Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber,
+die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte,
+ja deren Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war:
+„White Baker.“ „Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“
+„Wir sprechen ein andermal.“ „Du kannst ruhig hier sprechen.
+Wir sind noch bei unserer Frage von vorhin.“ Sie hob abwehrend
+beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, Delvil.“ „Ja,
+wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch hin, unsere
+eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden.
+Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend,
+diese Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas
+anerkennen. Es seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden
+aus der Yukon- und Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete
+erregt und unklar. „Das mag sein“, fand Delvil sie anblickend,
+„aber Washington und Neuyork hat sie ausgesucht und läßt uns
+durch sie informieren. Das will allerdings verstanden sein.
+Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar für den
+Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen
+Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen,
+sage ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein.
+Marduk oder wir. Glaubst du“, und sie stemmte die Arme in
+die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja ich glaube, du torkelst in den
+toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen
+mit Washington und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon
+keine Möglichkeit für einen neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge
+an der Westküste hatten ungeheuren Eindruck gemacht.
+Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das Auslaufen
+ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und
+Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer
+geneigt abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern
+in London festgehalten. Ein heftiger Streit begann
+zwischen London und Neuyork. London ließ durchblicken, daß
+nach seiner Ansicht drüben den Industrien und Senaten Männer
+und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen wären.
+Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten
+über dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der
+Männer Frauen und Sklaven spazierte indessen in den Anlagen
+der Stadt, drängte: sie könne nichts weiter sagen und
+was sie nach ihrem Kontinent melden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis
+schon wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White
+Baker, die kluge und tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf
+seiten Delvils stellte. Aufs heftigste waren Delvil wie Pember
+ergriffen, als sehr blaß und still die White Baker eines Morgens
+zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene bräunliche tuchverhängte
+Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange nicht
+sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte
+ihr die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker
+sah wie ein verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und
+ließ es sich gefallen. Auch als sie mit den beiden Männern
+sprach, hielt sie die ringgeschmückte Hand der fremden Frau
+fest. Ratschenila lächelte die Männer an: „Glaubt ihr, ich sei
+schuld, daß White Baker trübe ist und anders redet? Man erzählt
+bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, der Jelch
+den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot
+unter die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt
+hier. Du Kanuk, steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich –
+hab’ der White Baker nichts getan.“ Die weiße Frau drückte
+ihr fester die Hand, machte kleine Augen: „Wie kommt es,
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, was man tun
+soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin
+jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin
+ich jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in
+London zu sein.“ Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es
+ist gut, daß es so ist. Man kämpft besser, wenn man weiß, wie
+stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen Feind, Pember.“ „Doch.
+Heute nicht und morgen doch.“
+</p>
+
+<p>
+Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen
+kranken gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als
+von der Berührung mit den Frauen dieser Deputation. Zu
+ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen wurde sie unter Widerstreben,
+zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als die Ratschenila
+die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau
+sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen Liebkosungen.
+White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren
+und die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend,
+Delvil Pember und die andern möchten auf sie keine
+Rücksicht nehmen. Möchten sich gar nicht von ihr beeinflussen
+lassen. Sie sei ein pathologischer Fall. Sehr nachsichtig streichelte
+ihr der schlanke Delvil oft die Hand: „Wie denn, White
+Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle pathologische
+Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila,
+die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum
+bist du ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du,
+soll ich es sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker;
+jetzt heißt du mit Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken,
+rote Tulpen: da spiegelst du dir wieder deine Farbe an.“
+„Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. Du warst ein
+Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein
+klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst
+ist man töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts.
+Man ist so nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark
+bleiben müssen. Marduk war stark.“ Delvil umschlang ihre
+Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes Seeungeheuer Walfisch,
+der immer unter der Oberfläche schwamm und sich jetzt
+wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft.
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+Du bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen.
+Ich will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume
+und Zimbos wachsen nicht in den Himmel. Wer sehen kann,
+White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. Der Strom
+hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch
+einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“
+Die Frau löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn
+ich gar nicht aus dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin,
+sondern umgekehrt. Aber ich muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“
+Und sie ging langsam fort. Trübe blieb Delvil sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken
+Frau entledigt, trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die
+unsicheren amerikanischen Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren,
+nicht nachgeben“ fühlten sie; man durfte nicht ausgleiten
+hinrutschen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten
+der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der
+Herrschenden her die Vorstellung von guten und bösen Gewalten
+aus, die man erkunden und geschickt benutzen mußte. Es
+beteten noch vereinzelte und ganze Landschaften zum alten
+Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den Inseln wie in
+zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents schlaue
+Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine
+Technik der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die
+früheren fremd und halbwild hin- und herflottierenden Massen
+waren dem zauberischen Wesen zugetan, das sich mit dem imposanten
+Schein wissenschaftlichen Geheimnisses umgab. Die
+jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald geängstigt, durch
+ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in der Mark
+und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg
+abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen
+Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung
+zu entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft,
+vor der sie sich fürchteten. Und um so mehr fürchteten,
+je weniger sie ihre Lage zu verändern wagten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen
+saßen damals, als wären sie Priester, in tempelartigen
+Häusern, wo sie mit Gehilfen kultartige Handlungen
+vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In lautlosen Räumen
+unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen Treibhäusern,
+flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den
+Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten.
+Sie hatten, auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene
+Hallen. Den Boden bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas.
+Auf die blanke Fläche warfen sie gleichmäßig dünnen Sand,
+ließen an bestimmten Tagen den frei herkommenden Wind darüber.
+Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. Träume
+trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten
+die Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten
+nach, die in die Träume hineinragen, wie eine Walfischherde,
+die das Meer beunruhigen, wenn sie hochgehen, und kleine
+Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt waren um diese Zeit
+die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die herrschenden
+Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und
+ihre Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger
+wucherten phantastische Vorstellungen.
+</p>
+
+<p>
+Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen
+astrologisch, in phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und
+langen Haaren, lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier-
+Pflanzentracht dumpf orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken
+in die unruhigen Stadtschaften geworfen. Wagen mit den
+Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus den unterirdischen
+Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen
+lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer
+und roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich
+herum, kleideten sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen
+waren von Geistern umgeben. Die Schamanen wisperten:
+In den Riesenanlagen der Mekifabriken ginge es abenteuerlich
+grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze in die
+Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten
+da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure
+Becken mit halbtoten Pflanzen, Moos und Algen werden die
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+Stoffe geschlämmt, über sterbende Tiere gerieselt. Die lebten
+immer weiter, immer weiter. Schon seit der Zeit vor dem Uralischen
+Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den
+Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete.
+Da liegen und zucken Glieder von Menschen, von Negern und
+Weißen, die hundert Jahre alt seien und noch älter. Von dem
+Geist dieser halb toten und sterbenden Moose Algen Tiere
+Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern Fischrümpfe
+Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde
+Salzen Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden,
+die sie aßen. Die halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den
+Mekifabriken aufbewahrt. Kein Licht Mond Sonne scheint
+drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht Frühling Sommer Herbst
+Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, Schlammtröge,
+Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen
+liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber
+die nicht sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt
+zu arbeiten und nicht nachzugeben. Wie ein Müder, ein
+rippendürres Geschöpf noch zu Laufen Laufen Laufen gepeitscht
+wird, es läßt sich treiben, wimmert mit eingesunkenen
+Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten diese
+erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese
+Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist
+das einzige, was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen
+sie Erde Sand Salz Luft. Inzwischen ginge es ihnen nicht
+anders wie jenen gefesselten Pflanzen und Tieren. Was nicht
+lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine Fähigkeit wie Leben.
+Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, der leben kann.
+</p>
+
+<p>
+Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es
+sei von ihnen beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt,
+daß die Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen
+Wege Dächer, über und überfüllt von Geistern seien. Wenn
+sie, die Schamanen, sich mit ihren Tüchern einhüllten, so daß
+sie nicht geschädigt würden, und dann zu bestimmter Stunde
+durch die Straßen zögen und die alten indianischen Worte: „Oh
+Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren
+Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+Hof, vor der Tür drängten sich die Geister immer. In der
+Nähe der Tempel mehr als sonstwo. Hingen da an den Türpfosten
+wie Handtücher; lang wie Würmer ziehen sie sich durch
+die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die Wände. Man
+hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das
+regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit
+und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen
+zwischen ihnen. Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße
+Mischlinge Farbige Kinder Männer Mädchen, auch Hunde Ziervögel
+Katzen. Geht man die Straßen, so werden es Tausende.
+In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen
+sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen
+sie in die Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die
+Wurzeln heranzukommen. Manche Bäume sind von ihnen
+überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur wenn die
+Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem
+Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten
+Finger herunterfährt.
+</p>
+
+<p>
+„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn
+wir nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für
+Menschen Hunde Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt
+von ihnen. Manche sind nicht von hier, sind weither gewandert
+geflattert geschwommen. Aus fremden Stadtlandschaften, östlichen
+südlichen Ländern. Viele müssen über das Meer gekommen
+sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden
+sein. Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich
+werfen lassen, in das salzige Meerwasser schütten und wieder
+erheben. Uralte sind dabei. Die Luft und der Drang scheint
+vom Süden und Osten zum Westen herüberzugehen. Wir
+haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in großen
+ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen
+Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt
+hat. Sie haben überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen
+schwach gemacht, ihre Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren
+immer weiter westlich, über den Ozean, nach Amerika, auf die
+großen Gebirge, über Prärien, durch die Städte. Kein asiatischer
+Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, obwohl die die
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am mittleren
+Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen
+Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das
+für Geister? Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen,
+wie wir, die nur geboren sind, nie gediehen sind.“
+</p>
+
+<p>
+Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln
+hatten, lange trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald
+sie einige Jahre mannbar waren. Die Zeit einer heftigen
+überhitzten Brunst war da. Sie verbrannten und konnten nach
+fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die Weiber in ihrem Fett
+schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig Jahre
+verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister
+ihrer eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die
+Städte drängend drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern
+Türen Straßen lösen können, wie sie sich schon bei Lebzeiten
+nicht lösen konnten. Auf die Bäume fliegen sie, an die Teiche
+Seen. Aber die Stadt bringt immer neue hervor.
+</p>
+
+<p>
+So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten
+die Angst, die alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in
+diesen Städten hatten. Die Menschen weinten. Vor Jahrzehnten
+weinten einzelne, jetzt klagewinselten ganze Städte.
+Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer.
+Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig
+Jahren schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben.
+Die Menschen wuchsen nicht zur Größe derer, von denen sie
+abstammten. Riesig wölbten sich nur überall die Köpfe; die
+Stirnen der späten Generationen waren vorgetrieben, die
+Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden wuchsen
+die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter
+auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam;
+das Herz sehr klein; diese zerbrachen besonders früh.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig
+Fett an. Es gab in den westlichen Landschaften Menschen, die
+magere große Köpfe hatten, deren Hals zwischen Fettwampen
+schwankte, aber an Arme Beine hängte sich das Fett in förmlichen
+Kloben und Säcken, die über ihre Finger und Zehen
+quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie
+her, mit zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals
+und die Brust blieben noch schmal, freundlich und hilflos blickte
+oben ein Kopf her. Von den Brüsten ab schwollen sie an, dicker
+polsterten sich die Fettschwarten auf; der Leib warf sich auf
+den dreifachen Umfang der Brust, schwankte nicht bei Bewegungen,
+stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße paketartig
+zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die
+Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren
+Rassen setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge
+verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche
+auf in einigen Gegenden mit kolbenartigen Anschwellungen
+und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. Schlanke zarte Glieder
+bewegten sich in ungeheuren kuglig runden Scharnieren, zitterten
+daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen Fingergelenke, Knie,
+die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich diese
+Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten
+erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte
+von den süßen sonderbaren reichen Speisen kommen, die man
+ihnen zutrug, nach denen ihre Eltern und Voreltern verlangt
+hatten, von der Untätigkeit, dem Lungern in geschützten Häusern,
+auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber es war wie ein
+Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten.
+</p>
+
+<p>
+Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von
+Lähmungen befallen waren, die keiner deuten und heilen
+konnte. In Massen waren sie gelähmt. Arme und Beine
+wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht anheben, zuletzt
+lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die Speisen
+nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine Ärzte
+für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen
+Kreisen an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten
+die Mysterien der Zauberer an. In langen Zügen
+fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo die Tempelchen standen.
+Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie sich hier.
+Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem grellen
+Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen
+starben manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+Zauberer mußten nahe Siedler rufen, die Hütten für diese
+Verzweifelten errichteten. Manche erholten sich. Wie sich die
+Menschen, aus den warmen künstlichen Städten hergestiegen,
+auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal groß.
+Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden
+ausgestoßen gezischt geschluckt.
+</p>
+
+<p>
+Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib.
+Meine Eltern haben in London gewohnt, meine Großeltern
+haben in London gewohnt. Sie kamen aus Afrika oder Amerika,
+waren stark. Dann wurde ein Zauber auf sie geübt. Sie waren
+schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie brauchten
+keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es
+konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte
+sie mehr mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht
+meine Finger, meinen Hals, meine Brüste. Ich bin ein Weib.
+Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. Sind beide gestorben.
+Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein Gewehr um. Aber
+was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt
+verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche
+mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich
+so gemacht? Ich selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt.
+Die Herren in den Städten wissen was sie tun. Sie
+sind die Bösen. Die Bösen an mir, an allen. Vor Jahrzehnten
+haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie Krieg gegen
+mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind sie.
+Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler
+auf dem Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die
+Erde gesunken mit den Menschen, die in den Krieg zogen.
+Welches Leiden ist das. Wäre ich mit meinen Kindern in die
+Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar bin ich, nicht
+laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich schlucken.
+Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“
+</p>
+
+<p>
+Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war
+groß, sie könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern
+heraus, man brächte ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie,
+für den Tag selbst zu denken. Nicht mehr erregt zu Wildheiten
+wie die voruralischen Menschen waren sie. Sondern weich zärtlich
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+frühreif gedankentief, von Empfindungen durchstrudelt, nach
+Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, zum
+Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig
+am Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über
+die Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich
+diese Menschen bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger
+Zeit von sich abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher.
+</p>
+
+<p>
+Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des
+afrikanischen Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden
+und Westen hatte nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der
+seine Häusersiedlungen fast vernichtet hatte, strömte Menschen
+aus wie die Sonne Wärme.
+</p>
+
+<p>
+Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am
+tiefsten und eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten.
+Das waren Fulbe aus der Gegend der Guineaküste, waren
+Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine Pilgergemeinden
+aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem
+Wuchs mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen
+Augen, rötlich braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe,
+immer auf Taten aus, spielerisch wild, sonderbar gebrochene
+Charaktere, bald weich schmelzend, bald unnachgiebig.
+Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre Anwesenheit
+gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge.
+Bald wollte niemand den Glanz und die Munterkeit,
+die unbezwingliche Naivität dieser rötlichen und braunen Menschen
+entbehren, die sich gar nicht geneigt zeigten zu streiten.
+Sie hielten sich in Europa auf, als wären sie Regentropfen,
+die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die Angriffe,
+versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie diese
+Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen
+und zu erzählen verstanden, war den Europäern unerhört.
+Die Lieblichkeit ihrer Erzählungen und Lieder schmolz alle
+Herzen. Sie sangen und sprachen wie vor vielen Jahrhunderten
+Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich und der
+Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe
+zu Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen,
+Tigern, Löwen, der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+Zauber. Von Wasserfällen Pelikanen Krokodilen. Dazu von
+der Schönheit der großen Städte, in die sie eingetreten waren
+und die sie alle mit Namen benannten, was sehr sonderbar
+wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme
+Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate
+der Städte die Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie
+Ausdrücke, die den Städtern zuerst lächerlich erschienen, weil
+man solche Worte nur an verschollene Dinge zu richten pflegte.
+Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ sie ihr Herz
+auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man
+ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen
+strahlten vor Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren
+sie nach einiger Zeit überall zu finden. Und wie sie überall
+grasartig ausgewuchert waren, hatten sie ein neues noch nicht
+faßbares Element in die klappernden, schon lahmen, noch brausenden
+heulenden maschinengewaltigen Weststädte getragen.
+Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die Industrien
+leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst
+erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt
+von diesen jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte.
+</p>
+
+<p>
+Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser
+sich windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden
+Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen
+haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden
+Fulbe ihre kleinen Theater. Bauten sie, von den
+Lehren ihrer Priester geängstigt, abseits der Städte, in Wäldern,
+spielten eindringend und zart, unter ihren Zuhörern und
+Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr selten
+kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen.
+Denn diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen
+von der allgemeinen Furcht in den riesigen Stadtkörpern.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang
+alle Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten
+in sein Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er
+bändigen. Sie mußten laufen, wohin er wollte, mußten seine
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+Steppe bewässern, daß Palmen und Brotbäume da wuchsen,
+mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt und weggespült
+hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser
+steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen,
+die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt
+hatte er soviel Gold und Geschmeide aufgestapelt von seinen
+Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe Wagen, daß seine
+Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen Fulbe,
+die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen,
+zeigten, was dann geschah.
+</p>
+
+<p>
+Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung
+saß und die Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht
+weglassen wollte, sie immer sehen mußte, um sich in seiner
+Macht zu spiegeln. Sie schilderten das Paradies dieses Mombuttilandes
+im Innern Afrikas, die sanft gewellten Talniederungen,
+deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten,
+die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen
+Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen
+höheren Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den
+weiten Äckern. Der König aber, wulstiges schwarzbärtiges Gesicht,
+die großen Ohrmuscheln mitten von dicken blanken Kupferstäben
+durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und Papageienfedern
+schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche
+Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten,
+Kupferringe, geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an
+den prallen flachliegenden Unterarmen, um die quellenden
+aderstrotzenden Waden; in der herabhängenden Rechten der
+sichelförmige ziselierte perlenbesetzte Säbel, – Mansu, der König,
+hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr aus seinem Palast.
+Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. Seine
+Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen.
+Es machte ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu
+köpfen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren und er sich zufrieden
+fühlte auf seinem Stuhl. Die Schmuckgehänge wurden
+dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne von Löwen,
+Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, Giraffenschwänze.
+Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur
+Tür die Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden
+Säbelklingen Hackmessern.
+</p>
+
+<p>
+Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete
+und hing er auf seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und
+sein Tisch geworden war. Immer neue Schmucksachen ließ er
+sich um den Nacken an Riemen binden. An seinen Zähnen,
+jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden.
+Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen,
+an jede Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut
+der Oberarme und der Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte
+er sich durchziehen lassen für die Köpfe der Nachbarkönige, die
+seine Krieger erlegt hatten. Sein enger Thronsaal, festgezimmert,
+nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, wurde finster
+durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur eine
+kleine Gasse durfte man freilassen.
+</p>
+
+<p>
+Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er
+gähnend erwachte und den Palmwein neben sich schluckte, sein
+Sichelschwert, schrie nach seinen Frauen. Es war noch Dämmerung
+draußen. Hinter den Bergen der Löwenzähne und Felle
+hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und die Weiber
+singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend,
+wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend,
+noch einmal. Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden
+Fliegenwedel, runde Büsche roter Papageienfedern.
+Hinter den Fellen tönte das Blasen und Singen weiter.
+</p>
+
+<p>
+Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den
+engen Gang kam ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen.
+Er zog hinter sich einen Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke
+von den Babukern zu bringen, die ihm dienstbar wären,
+wie der große König wüßte. Und er holte von dem Wägelchen
+große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte er
+neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte
+ihn an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer
+seitlich nach dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig
+einen Klotz nach dem andern ablud. „Käse. Es sind Käse“
+flüsterte er, „wir sind arme Leute, Ziegenhirten: die Massansa
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind nur Ziegenhirten.
+Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu
+halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen
+Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den
+Civettenfellen noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi
+ih“. Und wie der schweißtriefende König vor Gram halb betäubt
+ein Amulett an die Stirn drückte, verschwand der niedrige
+Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du mußt sie essen. Die
+Babuker sind dir treu.“
+</p>
+
+<p>
+Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß
+die Augen auf, rief. Hinter den Federn wankte nach links und
+rechts sich wiegend in dem Gang ein alter Mann, eine große
+Strohmatte über Kopf und Leib, die nur seine Augen und seine
+Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die Stimme
+des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl
+Mansu es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er
+von weitem, warf sich hin aufs Gesicht. „Bring mir einen
+Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag ich dich tot.“ Der
+Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. Ich habe
+gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist
+er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel
+gemischt.“ „Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich
+schlage dir den Kopf ab.“ „Du mußt ihn am Wasser trinken,
+bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ „Gib ihn her.
+Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der
+zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob
+sich der König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt
+kommen“, flüsterte der im Strohmantel am Boden. „Die
+Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, du kannst sterben.“
+„Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom Thronsitz
+heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte:
+„Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die
+Tür. Hier. Du kannst ihn sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert.
+Er raffte sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge
+wollte er sich abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein
+Arm verhäkelte sich in den Massen der Ringe und Ketten.
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+„Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. Die Sonne
+geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die
+Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen
+ihm vor den Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick,
+er kam nicht durch. Er brüllte nach dem Zauberer, nach seinen
+Weibern: „Ich kann nicht durch.“ Der Zauberer war verschwunden.
+Ganz lustig und leise summten sie hinter den Fellbergen
+die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im
+Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze,
+die auf ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug
+er auf sie ein. Er focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter.
+Er schob an ihnen. Der Trunk war da, die Tür war nicht weit.
+Er ließ sein Sichelschwert fallen. Die linke Hand war ihm im
+Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. Da drang er
+wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor.
+Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte
+sich um sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte
+knatternd über ihn. Er machte sich frei, taumelte in einen
+Haufen getrockneter Bananen. Und wie er um sich griff, riß
+er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen starken Elfenbeinzahn
+von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn herunter.
+Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein
+Hals sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll
+neben seinen Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher,
+stopfte seinen weit aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte
+dran, spie, spie, wollte es mit den Händen wegräumen; die waren
+neben den Knien festgeklemmt, er fühlte sie nicht. Den Kopf
+warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und her. Dann
+überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still;
+der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den
+mehligen Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in
+ein Moor einwühlten. Seine Frauen fanden ihn nach Stunden,
+wie sie mit Flöten anzogen, völlig vergraben in der weichen
+zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen seinen Tod;
+sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem
+gelbweißen Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine.
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+Er stülpte sich seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen
+um den Hüttenbau herum, bliesen das Mehl fort. Der König
+war in einem Lachen, wie er auf seinen Fettbeinen tanzte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London,
+bei Guildford am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich
+davon, spielten sie. Viele kamen zu ihnen heraus. Bald zogen
+sie südlicher, ganz außerhalb der Stadtschaft. Im Westen der
+Stadt machten sich die kleinen von vielen geliebten Bühnen auf.
+Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor.
+</p>
+
+<p>
+Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten.
+Der Knabe Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine
+Mutter geht über ein Feld, den Krug auf dem Kopf. Da schläft
+in den Schoten eine Antilope, das kleine Tier. Sie nimmt
+einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend schlendert Hubeane
+an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie
+schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so
+junge Schoten abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen
+schieße er ja nach der Mutter; er traue sich nicht Dinge zu essen,
+die nicht bei der Mutter gewesen sind. Sie gab ihm ihren
+Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: „Hubeane, mein
+Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole
+Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte
+einen Berg von Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich
+so viel Schoten geben solle. Die Mutter sagte, sie wollten
+das Wild damit bedecken. Sonst sähen es die Leute und nähmen
+es ihnen weg. „Trag die Antilope nach Hause. Und wenn du
+Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so sage: Ich
+trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine
+Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es
+kamen Leute, die fragten, was er trage. Er guckte einen nach
+dem andern an, lachte, lachte immer heftiger. Sie fragten,
+warum er lache. „Ihr habt wohl meine Mutter getroffen.
+Euch hat meine Mutter geschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum
+Wasserholen.“ „Euch hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+gleich gesagt, daß ich Leute treffen werde, die mich fragen, was
+ich in dem Korb trage.“ Und er schüttelte ihnen die Hände,
+freute sich über die Klugheit seiner Mutter. Die Leute gingen
+ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich
+trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es
+eine Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für
+Zeug rede. Dann strichen einige Böse hinter ihm her, deckten
+die Schoten ab, sahen das junge Wild, wollten es ihm aus dem
+Korb nehmen. Er ließ es aber nicht zu. „Ich muß sie nach
+Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ Das wollte
+er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus gebracht“
+seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei
+ihnen absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte
+ein Stück mitessen, dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in
+die Hand. Seiner Mutter ging er entgegen: „Mutter, diese
+halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist und alles vorausgewußt
+hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir aber
+wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja
+auch von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten
+sie höflich, schmeckten so schön.“
+</p>
+
+<p>
+Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein
+sitzen, sie hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes
+Zebra. Am Abend trieb er die Schafe heim. Die Männer
+fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte nach: „Heute – hab’
+ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte Streifen hat.“
+Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in der
+Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder
+auf die Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen
+angefault. Hyänen sprangen um den Kadaver. Und
+als der Junge abends nach Hause kam, sagte er, heute habe er
+am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten sich, wie er
+spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom Hyänenstein.
+Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende
+Zebra. Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf:
+„Was tust du, Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt.
+Wenn du es liegen siehst, und es ist gefallen, so mußt du rasch
+Zweige abhauen, damit es keiner wegnimmt, damit es der
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf rasch nach
+Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“
+Der Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner
+lahmer Vogel vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte
+sich Hubeane auf ein Schaf, den schweren Stecken in der Hand,
+trieb es mit Gejohl auf das Vögelchen, Motantasana genannt,
+zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das Schaf wollte nicht
+rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, warf
+eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er
+abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme
+Vögelchen, das in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll
+aus. Er stand schreiend vor der Grube, schlug blind
+hinein, schaufelte Erde mit den Händen in das Loch, warf seine
+Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem Halse johlte er: „Das
+Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit eigener Hand
+getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer
+liefen mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf
+den Wiesenplan hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier
+ist es. Hier liegt es. Unter den Zweigen. Da!“ Die Männer
+arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie weg. Die Frauen
+standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane johlte,
+kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr
+wegraffen. Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es
+hat mich nicht gesehen. Hinter dem Laub war ich versteckt.
+In die Grube hab ichs gehetzt, hab es erschlagen und erstickt.“
+Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen Steine um
+Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht.
+Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte:
+„Da, es zuckt. Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer!
+Schlagt es tot.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sahen
+ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang focht. Sahen sich
+an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm ihn beiseite:
+„Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild.
+Wenn man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so
+sagt man gar nichts, ruft gar nicht. Man bringt es ganz still
+abends nach Haus.“ Er stand mit gespitzten Ohren: „Ich will
+es tun, Mutter.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft,
+warf sich auf ein junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter
+seinem Baume, wie der Geier das Tierchen packte und davonflog.
+Er lachte über das schreiende Lämmchen: „Warum schreit
+das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen durch die
+Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder.
+Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich
+fang ihn.“ Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken
+in der Hand, schlug zweimal dreimal auf den herunterstoßenden
+Geier, schlug ihn nieder. Dann band er ihn an seine Jacke.
+Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen ihn an, zerbiß
+ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane kämpfte
+den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends,
+mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend,
+seine Herde nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend
+um ihn. Kreischend empfingen ihn, der blutete, die Kleider
+zerrissen hatte, die Frauen am Eingang des Dorfes. Er, immer
+schlagend, keuchte stürzte: „Es ist nichts. Es ist nichts. Ein
+Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab es angebunden.“
+Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als man
+ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen
+und ihn fast umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane
+ließ sich staunend verbinden, betrachtete vorwurfsvoll seine
+Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane
+ihn vor der Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge,
+durch Berichte von nie stattgehabten Vorfällen lächerlich
+gemacht hatte. Er suchte sich Hubeanes zu entledigen. Er nahm
+ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte ihn, als man das Tier
+umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten Termitenhügel, hoffte,
+der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und Hubeane zerreißen.
+Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt.
+Der Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der
+Tiger!“ Hubeane kam nicht. Auch der Tiger war in dem
+großen Bau verschwunden. Die Männer drangen nach einiger
+Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und über
+mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+Hubeane. „Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er
+hereinkommen würde. Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch
+gegraben. Und wie er hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß
+er gegen das Loch. War hinaus.“ Er gab dem Vater und den
+anderen dankend die Hand: „Wie habt ihr schön gebrüllt. Hättet
+ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der Höhle geblieben und hätte
+mich gefressen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete
+sich als Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß
+aus, lockte, ließ den nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube.
+Wie der Fuchs drin zappelte, rief Hubeane die Leute zusammen,
+schlug von oben auf das Tier ein: „Ein Teufel!“
+Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen
+und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine
+Haut schwimmt da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal
+schlage ich ihn ganz tot.“
+</p>
+
+<p>
+Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der
+Vater, der sich vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die
+Hütte, in der Hubeane schlief, blickte durch ein Loch in den
+finsteren Raum herunter. Ein gelbes riesiges Mondgesicht hatte
+sich der Vater vorgebunden, das verhüllte seinen Kopf und die
+ganze Brust. In den Händen hielt er verborgen ein Bündel
+Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die Leiter
+hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte
+drohend: „He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der
+richtete sich zitternd im Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond
+vom Himmel. Willst du nicht kommen, mich anbeten.“ „Der
+Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn nicht sehen.“
+„Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh
+langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend
+zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich
+anbeten! Das sind meine Strahlen. Meine Strahlen. He!
+Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ „Ich fürchte mich nicht vor
+dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme gleich. Ich hole mir
+nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ „Sie brennen
+nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter,
+sah den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte:
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+„Auf! Auf! Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter
+sich zittern. Sie schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn
+einer an den Armen fest, umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb.
+Der Vater schrie: „Hilfe! Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber
+Mond. Die Leute bekommen Angst.“ „Hubeane.“ „Du kennst
+mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, kennst alle
+Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab
+meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten
+betrachten; von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte,
+bis ich meinen Schirm habe.“ Und hob den um sich schlagenden
+Mann auf der Leiter hoch, stürzte ihn durch das Loch in die finstere
+Hütte, riß ihm im Fall das Lanzenbündel aus der Hand.
+„Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, damit du meinen
+Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich leuchte.“
+Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte
+Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue
+Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte
+die Leute zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt
+ihn verehren. Nehmt einen Schirm mit. Die Strahlen sind
+scharf.“ Verwundert liefen sie aus den Häusern, mit Laternen
+und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: „Nehmt einen
+Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch
+das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er
+sich umdreht, brennt er.“
+</p>
+
+<p>
+Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen
+gewöhnt, doch ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert
+auf dem Gesicht ein Mann in einer großen Mondmaske.
+Sie machten den Blutbegossenen los, wandten ihn um.
+Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der Schädel
+zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den
+Kopf hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn
+totgeschlagen, Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute:
+„Es war der Mond. Es war nicht mein Vater. Wenn mein
+Vater lebte, würde er es euch bezeugen. Der Mond hat mich
+mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die
+Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+in der Ecke, zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter
+sagen. Sie wird mich vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm,
+der nach ihnen die Fäuste hob, nichts mehr von da ab.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">u</span> Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf
+den Wiesen, in den Wäldern, erschienen große Massen aus den
+Städten. Teile kehrten nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich
+erst tagelang in der Nähe der Spiel- und Unterhaltungsstätten
+auf, siedelten sich dann an. Hatten die Städte noch im Rücken,
+aber bewegten sich gefesselt in diesen Landschaften, in denen es
+Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem Himmel nachts
+die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen
+die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und
+Ochsenwagen fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig
+mit einer Waldung von Ähren bewachsen, aus denen die
+Menschen sich Brot machten. Immer das flache Land Forsten
+Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. Regengüsse
+Wolken in der hohen Luft.
+</p>
+
+<p>
+In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation
+des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue
+Fabrikanlagen wurden geschaffen, große Scharen von Arbeitern
+benötigt, wachsende Mengen von Monat zu Monat. Um diese
+Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die Peripherie und
+über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde
+festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten
+Anlagen da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos,
+was jetzt geschehe. Man füttere dreiviertel der Bevölkerung.
+Im Augenblick, wo man ihrer Kraft, nur teilweise ihrer Kraft
+bedarf, weigern sie sich. Es kam in dieser und den folgenden
+Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich geworden war,
+und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften Zusammenstößen.
+Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen Bewegungen
+dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften
+Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den
+Senat zu befragen oder ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die
+Förderung von wichtigen Erden und Kalksalzen aus ihren
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+Gruben untersagt und den Mekianstalten Schwierigkeiten gemacht.
+Sie verteidigte die Untätigen, die durch die lange Muße
+schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment umschaffen.
+Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich,
+ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue.
+</p>
+
+<p>
+Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner
+Senat, wie er erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung
+für die westliche Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge:
+der Senat fordert die ganze Bevölkerung auf, am Wiederaufbau
+der durch Krieg und die allgemeine Resignation verfallenen
+Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein Vorbild, ein
+fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen Völkerkreises
+geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet
+seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete
+müssen wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der
+Beschluß wurde von allen Senatoren unterschrieben bis auf die
+White Baker, die damals zum letztenmal im Senat erschien.
+Man trauerte nicht hinter der Eigenbrödlerin; nur Delvil war
+besorgt.
+</p>
+
+<p>
+Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung
+aufgenommen. Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt
+eindringend, nahmen höhnend den Beschluß vor: „Was faselt
+der Senat von Verantwortung an der westlichen Menschheit.
+An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit geführt werden.
+Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll
+neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden
+sollen. Der Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das
+sagt! Er hat ein Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische
+Gewalten, Völkerkreise haben ihre Ohnmacht bewiesen.
+Und sie glauben, man hat es vergessen. Konnten es mit Marduk
+nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn hätten ausrotten
+können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer
+nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können.
+Aber haben die Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum?
+Weil sie im Innersten gelähmt sind. Das Gewitter wird mit
+Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was können sie als
+drohen, ihre Angst verbergen!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+White Baker ließ dem Senat erklären, sie verzichte auf die
+senatorischen Rechte, die sich aus ihrem Besitz und ihrer Herkunft
+ableiteten. Sie hatte die Ratschenila bei sich. Die amerikanische
+Kommission war noch in London. Delvil äußerte in Unruhe,
+die Kommission möchte abreisen. Aber die Fremden sahen mit
+Vergnügen die Schwierigkeiten der Europäer, die Träger des
+Gedankens an einen neuen Völkerkreis waren. Sie gingen nicht
+einmal, als Delvil sie vernachlässigte. Der alte Klokwan sprach
+mit Neuyork: London werde niemanden zum Völkerkreis zwingen;
+die herrschenden Geschlechter Londons hätten Gelegenheit,
+ihre Kraft zu zeigen; man könne sie jetzt dabei beobachten.
+</p>
+
+<p>
+White Baker, die nicht mehr junge Frau, schien gebrochen.
+Den Verzicht auf den Senatsitz, die Übergabe ihrer Liegenschaften
+an die Spieler und Siedler faßte man im Senat als eine
+träumerische franziskanische Handlung auf. Immer aber ging
+die kleine stolze elastische Ratschenila neben ihr, vorstehende
+Backenknochen, feurige dunkelbraune tiefliegende Augen unter
+schwarzen dünnen Brauen, pechschwarze Haare mit rötlichem
+Schimmer im Licht, die schlicht auf den Nacken fielen. Die
+Ränder der Ohrmuscheln vierfach durchbohrt; in den Löchern
+hingen Silberringe mit Federn Perlmutterstücken. Sie liebte
+ihr rundes Kinn rot zu färben, zinnoberrote Ringe um die Augen
+zu ziehen. Wo sie ging, trug sie über dem blauen Hemd, dem
+Oberkleid aus feinem gezackten Leder, eine bunte Wolldecke, ein
+breites Tuch, das sie bald um die Hüften, bald um die Schultern
+wickelte. Sie nahm nichts von den Schmuckstücken an, die ihr
+White Baker schenken wollte; nur hob sie der englischen Frau
+selbst einmal eine Perlenkette vom Hals, bat, sie behalten zu
+dürfen. Und lachte und drohte, als die Europäerin sie ihr freudig
+umlegte: man dürfe Perlen nicht leicht weggeben; man verliere
+etwas mit ihnen; sie sind versteinertes Wasser; in ihrer Höhle
+sitzen Geister, die von dem Menschen etwas mitnehmen. White
+Baker blieb aber glücklich; sie freute sich, ihre Perlen über
+Ratschenilas Brust zu sehen. Aus weißer Seide machte die
+Fremde für White Baker ein langes faltiges hemdartiges
+Gewand, hing ihr ein kleines Knochenstück von der Gestalt
+eines Krähenschnabels an einer Lederschnur um.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+Nach Ashdown Forest, in den Bergen südlich der Stadtlandschaft,
+zog White Baker und die Ratschenila. Eine kleine
+Menschengruppe wohnte hier. Sie trugen oberhalb des linken
+Schuhs auf dem Strumpf oder am bloßen Knöchel schlangenförmige
+Metallringe, nach denen sie sich die „Schlangen“ nannten.
+Diese Schlangen suchten sich auszugleichen. Wie ihre Blicke
+hilflos staunend entzückt über Hügel, neu gerodete Äcker,
+Bäume liefen, wie sie sich in Arbeit erschöpften, so hatten sie
+angefangen sich selbst zu betrachten, einer den andern. Stumpf
+und mit überscharfer gereizter Erregung hatten sie in den Stadtschaften
+aneinander gehangen, kaum Mann, kaum Weib. Dann
+hatte sie das Wunder des Männlichen Weiblichen entzückt; sie
+waren, die „Schlangen“ in den Ashdownbergen, aus der Stadt
+gezogen, hatten sich zärtlich und ganz ohne Hohn offen das
+Zeichen der verführenden Paradiesesschlange angelegt. Sie
+hatten warme Hütten, aus Holz gebaut; die standen unter besonderer
+Hut der Schlangen. In denen trafen sich männliche
+und weibliche Schlangen, nackt und bekleidet, betrachteten sich,
+lagen sich in den Armen, berührten bestrichen einander die Haut.
+Auf hohen Blatt- und Heulagern, in Helle und Dunkelheit, erzitterten
+sie liegend in der tief geheimnisvollen Verwirrung, die
+ein warmer Leib in den andern warf. Und wie sie sich wanden,
+waren sie verschwunden, auf einer Reise oder Wanderung, wie
+sie sagten, von der sie seufzend wiederkehrten, liegend auf Blättern,
+in den Armen eines Menschen, der wie sie seufzte. Wegen
+dieser Wanderschaft ehrten die Schlangen einander aufs tiefste.
+Nichts wurde für heiliger von ihnen erachtet. In entlegener Forststille,
+abseits, standen die festgebauten Holzstätten, in die sich die
+Menschenpaare zurückzogen, die fühlten, daß sie auf die geheime
+Fahrt geschickt werden sollten. Wo ein Mensch ihnen begegnete,
+warf er Blumen Blätter hin, ließ sich von ihnen berühren.
+</p>
+
+<p>
+In die Absonderung dieser Schlangen tauchten White Baker
+und Ratschenila ein. Die beiden Frauen küßten sich: „Wie bin
+ich glücklich dich gefunden zu haben, Ratschenila. Und daß wir
+herfanden.“ „Liebst du keinen Mann, White Baker?“ „Ich
+weiß nicht. Dich liebe ich. Deine Haare deine Zähne deine
+Zunge deinen Gaumen deine Wangen deine Finger deine
+<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
+Zehen, was alles an dir ist. Wenn du atmest, die Augen
+aufmachst und sie schließt. Dein Kleid deine Ketten. Ich muß
+dir wie ein glücklich demütiges Tier nachlaufen und bin selig,
+wenn du mich anfaßt. Du glaubst nicht, Ratschenila, wie es mir
+wohltut, daß du meine Perlen trägst.“ „Ich sehe, White Baker.
+Daß du dich gar nicht fürchtest.“ „Wovor.“ Ratschenilas Mundwinkel
+zuckten, ihre dunkelbraunen Augen bewegten sich. Sie zog
+ihre Schultern zurück: „Ich würde es zu Hause und in London
+nicht sagen. Hier, bei den Schlangen, ist eine gefährliche Luft.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja.“ „Du sagst so erwartungsvoll ‚ja‘, White Baker. Sieh,
+es könnte doch sein, daß ich auch –“ Die kreischte leise, wollte
+ihre Arme um den Hals der rötlichen Frau legen, die auswich:
+„Nicht, Baker. Wenn du dich nicht fürchtest, könnte ich mich doch
+fürchten.“ White Baker gurrte: „Wirst dich nicht fürchten vor
+mir.“ „Nicht vor dir. Vor dir.“ „Vor dir. Meine Freundin.
+Herzensfreundin.“ Die rötliche Frau drückte die Augen zu, ihre
+Knie zitterten. Hing mit geschlossenen Augen, tiefatmend an
+dem Hals der weißen starken Frau, der glücklichen, die ihr Gesicht
+mit Küssen bedeckte, liebestammelte. „Ach in die nächste
+Hütte, Ratschenila.“ „Ich fürchte mich. Daß ich dir etwas antue.“
+„Meine Freundin, meine Geliebte.“ „White Baker. Bin
+ich das, deine Geliebte?“
+</p>
+
+<p>
+Inbrünstig umschlang White Baker sie. Ratschenila ließ es
+sich gefallen; ja die Hände krallte sie in White Bakers Gesicht
+und Hals, die Augen nicht öffnend. Mund lag auf Mund. Es
+waren die versunkensten und hellsten Wochen der White Baker.
+Sie und Ratschenila ließen sich Äcker bei den Schlangen zuweisen.
+Mit Lachen nahmen alle das Locken und Drohen des
+Senats auf, in die Stadt zu kommen. Glücklich war White
+Baker. Sie sah die Freundin nicht. Bemerkte ihre Starre, ihre
+Kühle, ihr träumendes böses und fremdes Gesicht nicht; sie hatte
+sie. Die Fremde ächzte viel für sich, ging doch zu der Weißen,
+war hilflos sanft zu ihr. Eines Tages fand White Baker die rötliche
+Frau nicht in ihrem Blockhaus. Sie suchte in der Nacht,
+fragte. Sie erfuhr, Ratschenila war zu dem weiblichen Führer
+der Schlangen gelaufen. Und von der blonden sehr jungen
+schönen Frau hörte die erschauernde White Baker, Ratschenila
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+hat gebeichtet und sich beschuldigt, nicht an den Sitten der
+Schlangen teilzunehmen. Sie beschuldigt sich, Sklavin einer
+andern Frau zu sein. Sie wolle frei sein, sie müsse sonst Gewalt
+gebrauchen. Die helle schöne Frau streichelte die kalten Hände
+ihrer Besucherin. Ratschenila hätte geweint, sie könne nicht
+anders, sie ginge nach London zurück zu ihren Landsleuten.
+</p>
+
+<p>
+Die langen Tage, die Baker verwirrt und sich zerreißend im
+Haus dieser Führerin lag, immer nach Ratschenila verlangend,
+wachträumend von ihrem Gesicht ihren Händen Füßen Brüsten
+Lippen, an dem knöchernen Krähenschnabel kauend. Die rötliche
+Frau hatte die Siedlung verlassen, war allein in ihre amerikanische
+Heimat zurückgekehrt. Die Führerin, die schöne helle Frau
+saß bei Baker, mit in ihr Schluchzen gerissen. Ja, furchtbar sei
+die Gewalt, die in ihnen allen lebe. Es sei gut, sie zu verehren
+und zu besänftigen. Sie fragte nach Wochen die ruhigere ernstblickende
+blasse Baker, ob sie sie verlassen wolle. Die drückte ihre
+Hand: „Ich habe dir zu danken, euch Schlangen zu danken. Ich
+will – lieber nicht zurückkehren. Ich will – gewiß nicht zurückkehren.
+Sicherer und bestimmter bleibe ich hier als ich herkam.
+Wenn du mich hier läßt.“ „Das ist wahr, White Baker?“ Die
+war gezwungen sich auf die Knie herunterzulassen, an den streichelnden
+Händen der Frau entlang. Sie küßte den Boden zu
+ihren Füßen: „Und wenn ich, du Junge, bei euch nichts weiter
+gefunden hätte, als mein Verlangen, mich vor dir niederzulassen,
+und daß mich einer anspricht wie du, so bliebe ich hier.“
+</p>
+
+<p>
+Es hielt White Baker, die die weißen Seidenkleider, die bunten
+Wolltücher der Ratschenila nicht ablegte, aber nicht bei den
+Schlangen. Sie wanderte mit einem jungen braunschwarzen
+Mann, der ihr als Kutscher diente, im Süden und Westen der
+Stadtschaft London herum. Die Insel war schon weit nach
+Norden von Menschen besiedelt. Immer neue Gruppen, Absonderungen.
+Massen, die kriegerisch wie Marduks Barbaren
+übten, viel Fleisch aßen. Gruppen dann nur aus Weibern bestehend,
+die auf den Feldern arbeiteten, noch Mekispeisen nahmen,
+und alles Unheil auf die Übermacht der Männer schoben;
+faustgroße Steine trugen sie am Hals zum Zeichen, daß sie sich
+unfrei fühlten. Im Norden, ganz zerstreut wohnend, Schweiger;
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+Menschen, die sich jede Sprache versagten, nur frühmorgens
+sangen nach dem Sonnenaufgang; bei einer gewissen Höhe der
+Sonne begann das demütige Verstummen. Sie waren mit
+Erde beschmiert, wuschen sich nur einmal in der Woche, gingen
+Fremden aus dem Wege.
+</p>
+
+<p>
+Die Befehle der Stadtherren wurden dringender. Da sammelten
+sich bei Bedford am Ouseriver eine Anzahl der Fulbe,
+spielten neue Possenstreiche des Tolpatsches Hubeane. Dann
+in wechselnden Gegenden, am Rande von Wäldern, auf Bergplateaus,
+auf Brachfeldern begannen sie ihre Liebesspiele. Eine
+dichte Menschenmenge um sie; fröhliche Schlangen, finstere
+fellbehangene Krieger, schmutzige Schweiger, trübe schlaffe
+Städter, Ängstliche, die die Zauberer herumgejagt hatten.
+White Baker unter ihnen. Die braunen zärtlichen Menschen
+spielten in Masken.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> war die Fabel vom Löwen und dem wilden Hund. Das
+Haus eines Häuptlings war mit Stroh bedeckt. Vor der Tür
+saß der festlich geschmückte Mann mit einem jungen rottätowierten
+Mädchen, einem schönen Wesen, seiner Tochter. Eine kleine
+Schar Menschen um sie. Der Häuptling nahm die Hand vor den
+Mund, machte sie hohl: „Dies ist meine Tochter Mutiyamba.
+Ich will sie verheiraten an den stärksten und schönsten Mann.
+Ich bin reich. Er braucht mir nichts zahlen. Ihr sollt überall
+ausrufen, in der Steppe, am Fluß, in den Bananengebüschen, auf
+der Sandinsel: der Häuptling Kassangi will seine Tochter Mutiyamba
+dem Schönsten und Stärksten geben.“ Da war ein zarter
+Jüngling, Liongo, ein Waisenkind, der liebte das Mädchen. Er
+trug einen Lendenschurz aus Stroh, die Lanze konnte er nicht
+werfen. Ging mit in die Steppe, an den Fluß, in die Bananengebüsche,
+auf die Sandinsel, zu rufen, daß Kassangi die schöne
+schlanke Mutiyamba dem Schönsten und Stärksten geben wolle.
+Er tröstete sich, sang vor sich. „Die Fasern meines Herzens
+schwirren. Warum? Ich habe eine hohe Nelke gesehen; eine
+weiße Ameise zersticht sie an der Wurzel. Ich muß die hohe
+Nelke heilen.“ Er ging, der Zarte, den übrigen Trommlern
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+voraus. An den Regenteichen, zwischen den lianenumstrickten
+großen Bäumen im Buschwald, unter Butterbäumen, auf denen
+kleine Affen sprangen, an den lederblättrigen Feigenbäumen,
+an Schluchten, aus denen dunkle Fledermäuse und dicke Wespen
+surrten, im wildaufgeschossenen tiefdurchstreiften Dickicht des
+Sorghumgrases, vor grünen Sümpfen, an denen wilde Kürbisse
+und Luffagurken ihr Gewinde trieben, von Würmern und
+Schnecken überlaufen, sang der arme Liongo schmetternd das
+Lob Mutiyambas, um die Stärksten und Schönsten zu locken.
+Besang die Bemalung ihres Körpers. „Wie junge Zwiebelknollen
+sind ihre Brüste; kein Baum trägt soviel Früchte wie
+sie Kleider trägt. Am Kopf, an den Ohren, den Lippen, den
+Armen hängt Schmuck, wie Blitze aus einem Gewitter zucken.
+Ihr Blick ist sanft und schmachtet. Ihre Beine sind schlank wie
+Kupfernadeln. Man kann sie nicht ansehen, ohne von Sehnsucht
+nach ihr verzehrt zu werden. Die Augen muß man schließen,
+als hätte man in einen Topf mit heißen Dämpfen geblickt. Und
+wenn man sie geschlossen hat, findet man keine Ruhe, weil die
+Augen weiter brennen. Wer Mutiyamba sieht, muß zeigen, daß
+er ein starkes Herz hat. In ein Gefängnis ist er geworfen, mit
+ihrem Bild allein. Sein Herz muß stark sein, um die Türen zu
+zerbrechen und sich zu ihr zu retten. Hundert werden um sie
+werben! Kassangi ist ein mächtiger Häuptling, einen starken
+Pfahlbau hat er um sie erbaut. Nur wer Schultern wie ein
+Berg, Hunger wie ein Schakal hat, kann den Pfahlbau einrennen.“
+</p>
+
+<p>
+In der Steppe hörte den Gesang Liongos ein junger gelber
+Löwe. Und wie Liongo an der Fledermausschlucht das Mädchen
+pries, kroch auch ein wilder Hund hervor. Als der zarte Bote
+des Häuptlings vor seinen Palast zurückkehrte, waren schon viele
+Jünglinge dagewesen, hatten Proben ihrer Kraft abgelegt,
+waren von Kassangi verworfen. Mit dem armen heiseren Liongo
+zogen der Löwe und der wilde Hund an. Der Löwe warf die
+beiden stärksten Jünglinge um, übersprang mit einem Satz die
+höchste Einzäunung von Kassangis Gehöft, einen Eimer Palmwein
+soff er in einem Zuge, nachher schritt er gerade wie
+vorher. Kassangi gab ihm die Tochter; der prächtige gelbmähnige
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+Löwe setzte sich neben sie. Mutiyamba erschrak, als das aufgrollende
+Untier ihr Mann geworden war. Aber sie war stolz
+über seine Kraft.
+</p>
+
+<p>
+Tags darauf feierten sie Hochzeit in Kassangis großem Haus.
+Der wilde Hund Kri hatte sich nicht vor den Häuptling gewagt,
+als der gelbe Löwe erschien. Nun kauerte er im Saal neben dem
+jungen Löwen, der sich nicht wohl zwischen den Menschen an
+der Tafel fühlte. „Du kennst die Sitten hier nicht, Löwe. Du
+mußt den Brei zu dir herüberziehen, wenn du essen willst“,
+flüsterte der Hund herauf. Hintatzte der Löwe nach dem großen
+Napf, in der Mitte des Tisches, schlang ihn herunter. Die Gäste,
+die zulangen wollten, blickten betreten vor sich. Kassangi, der
+Häuptling, ließ sich nichts merken, befahl einen neuen Napf.
+Er nahm, schob ihn vor die Tochter, den jungen Bräutigam.
+Kri lauerte auf den Hinterbeinen: „Du bist Bräutigam. Du
+mußt Geschenke machen. Jedem Gast mußt du zur Erinnerung
+einen Löffel Brei in die Hand schütten.“ Der Löwe wischte sich
+das Maul, erhob sich, drückte sich den großen Napf vor die Brust,
+und die Tafel abwandernd goß er jedem Gast einen Löffel Hirsebrei
+auf die Hand oder klatschte ihn ihm plump vor die Brust.
+Die ersten hielten still, die nächsten warteten nicht. Sie liefen
+vor die Tür, platzten ihr Lachen heraus, schüttelten sich über das
+Untier, das zaghaft zu ihnen herübersah. Finster runzelte Kassangi
+auf seinem Platz die Stirn. Die Gäste ließ er säubern;
+die von draußen hereinrufen. Stumm verlief das Mahl. „Eine
+alberne Gesellschaft“, flüsterte Kri, als sie allein saßen, „du
+mußt dich nicht daran stoßen. Sie sind neidisch.“
+</p>
+
+<p>
+Der Brautzug fuhr durch das Dorf. Neben Mutiyamba saß
+der prächtige Bräutigam auf dem bändergeschmückten Ochsenwagen.
+Man blies vor und hinter ihnen und trommelte. Sie
+kamen vor Kassangis Haus, wo der Häuptling mit seinen Frauen
+stand und winkte. Einen Satz von rückwärts auf den Wagen
+machte der wilde Hund, kletterte auf die Planke zwischen dem
+Paar: „Mutiyamba, dein Bräutigam ist so finster. Streichle
+mich, liebkose mich, ich bin sein Freund. Das wird ihn erheitern.“
+Und sie umarmte Kri, küßte seine Schnauze, blickte
+ihn zärtlich an. Im Zug kicherte man, Kassangi erschrak. In
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+seinem Zimmer nahm der Löwe rasch den Hund beiseite. „Wie
+hast du es gemacht, daß dich Mutiyamba, meine Braut, geküßt
+hat. Sie hat mich noch nie geküßt.“ „Sei nicht traurig Löwe.
+Tu ihr nichts. Ich will dir das Geheimnis verraten, aber du
+versprichst zu schweigen. Sieh her, ich habe mir beim Laufen
+einen Vorderfuß verstaucht. Das hat sie gesehen, Mutiyamba
+die Schöne. Sie ist so mitleidig, so zart. Da hat sie mich Armen
+gestreichelt und geküßt.“
+</p>
+
+<p>
+Kassangi mit den Gästen erwartete den Bräutigam zum Trunk.
+Da hinkte der junge Löwe, der starke prächtige, zur Tür herein.
+Hinkte rechts, hinkte links. Und wie er bei Mutiyamba stand,
+quollen ihm die Tränen aus den Augen: „Ich habe mir die
+Beine verrenkt, beide Hinterbeine, gestern als ich dir zu Ehren
+sprang.“ Er blickte sie kläglich an. Sie zog das Brusttuch über das
+Gesicht, flüsterte beschämt dem Vater etwas zu, huschte, ihre beiden
+Mädchen hinter sich, aus dem Saal. Die qualmenden Männer
+rümpften die Nasen, schnitten spöttische Mienen, spuckten in die
+Luft. Da bot der Häuptling dem Bräutigam den Krug: „Trink,
+Löwe. Meine Tochter Mutiyamba, das schönste Mädchen, ist
+dir zugefallen. Wir wünschen dir Glück. Du hast keinen Kaufpreis
+zu zahlen. Deine Füße werden wieder heilen. Aber Geschenke
+wirst du ihr machen. Das ist Sitte bei uns.“ Der Löwe
+auf der Matte nahm den Trunk, verbeugte sich stumm vor dem
+Häuptling, stieg hinaus. Er wanderte durch das Dorf, in die
+Steppe, Kri hinter ihm. „Löwe, was läufst du so weit? Du
+mußt doch hinken, sonst erbarmt sich die Braut deiner nicht.
+Hinke hinter mir her ins Dorf zurück, gleich, damit der König
+sieht, wie demütig du bist, obwohl du Schultern wie Berge hast,
+wie der arme Liongo sang.“ „Und was soll ich ihr schenken,
+ihr und dem Vater Kassangi?“ „Daß du darüber nachdenkst.
+Zeige nur nicht, daß du reich bist, sonst ist er und das ganze Dorf
+beschämt. Bring ihm keine Antilopen, sonst fürchten sie sich vor
+denen. Was läufst du überhaupt so weit in die Steppe. Mach
+am Boden hier – deinen Kot hin. Ja deinen Kot. Ich will
+ein Körbchen aus Gras flechten, da tun wir den Kot hinein.
+Die Körbchen trage ich vor Kassangi und Mutiyamba. Sie haben
+gesehen wie stark und schön du bist; sie müssen deine Demut
+<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
+sehen und daß du sie gar nicht beschämen willst.“ Der Löwe
+setzte sich neben dem Feldrain in einen Acker Jams und preßte
+seinen Kot aus. Der Hund wühlte Jamsknollen aus dem Boden,
+die Zehen wie ein Menschenfuß hatten, raffte Blätter zusammen,
+schichtete den warmen Kot über Blätter und Knollen,
+glättete ihn, bedeckte ihn gegen Fliegen. Dann flocht er zwei
+Graskörbchen, hob den geschmückten Kot hinein, spazierte ins
+Dorf. Hinkend, den mächtigen gelben Kopf senkend, folgte der
+Löwe, stieß ab und zu einen jämmerlichen Ruf aus. Würdevoll
+knurrend betrat der wilde Hund die Halle Kassangis. Auf seinen
+Wink blieb der Löwe am Türpfosten, schielte hinein. Die Körbchen
+überreichte Kri mit strengem undurchdringlichem Ausdruck.
+In Weinen brach Mutiyamba aus. Vor dem Löwen, der sich
+ihr zärtlich näherte, floh sie. Der Häuptling warf das Körbchen
+von sich. Lächelnd und bescheiden anschleichend verneigte sich der
+Löwe. Unsicher setzte er sich auf seinen beschmutzten Platz. Saß
+noch allein, als Kassangi und die Gäste die Halle verlassen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Sie berieten draußen, was gegen den Löwen zu tun sei, der
+so stark war und dem die Braut schon zugesprochen war. Bewaffneten
+sich mit Speeren, wollten ihm sagen: er müsse nach
+Sitte dieses Dorfs noch einmal die Probe bestehen, und dann
+am dritten Tag noch einmal, um zu zeigen, daß ihm kein Zauberer
+beigestanden habe. Sie dachten, er würde das Spiel bei seinen
+kranken Gliedern verlieren. Den Hund Kri, der unter ihnen war,
+überhäuften sie mit Schimpfworten wegen seines Freundes. Er
+redete gewandt, warf hin, es werde alles zu ihrer Zufriedenheit
+ablaufen, zeigte ein gelehrtes geheimnisvolles Wesen: „Die
+Weisheit, wo sitzt sie? Im Auge? Nein, im Kopf. Herr Kassangi
+weiß das jetzt. Er wußte es nicht. Ich, Kri, bin nur ein Küchlein,
+aber man braucht mir das Scharren nicht beibringen.“ Die
+Männer waren erstaunt über seine Klugheit. „Warum seid ihr
+betrübt, liebe Herren? Hoffnung ist die Säule der Welt. Auf
+dem Grunde der Geduld ist der Himmel.“ Sie sollten, verwies
+er sie, ihren Plan jetzt nicht ausführen. Er bat sie im Vertrauen:
+er werde den Löwen besiegen. Sie schüttelten die Köpfe: „Er
+wird bezahlen, wenn die Vögel Zähne bekommen.“ Aber Kassangi
+reichte dem sehr würdigen Kri die Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
+Und als am nächsten Tag Kri und der Löwe ihr Zelt verließen,
+war der Löwe erstaunt, wie alle sich vor Kri verneigten, Platz
+vor ihm machten, ihn selbst aber nicht beachteten und das Gesicht
+verzogen. „Du siehst, Löwe, was in meiner Macht steht und
+wer ich bin.“ „Kri, wie hast du das angestellt. Ich bin dein
+Freund, du wirst mich nicht im Stich lassen.“ Der Hund zog ihn
+zwischen zwei Zelte. Da stellte er sich hin, zuckte zappelte mit
+seinem Leib. Verwundert der Löwe: „Was machst du?“ „Merkst
+du nichts? Hör, jetzt, hör einmal.“ Der Löwe trat näher: „Ich
+höre nichts, ich höre nichts, Kri.“ „Du mußt auf meinen Bauch
+hören. Alle hören es. Darum verneigen sie sich vor mir. Ich
+habe über Nacht bewirkt, daß mich alle wie einen König begrüßen.“
+„Was hast du gemacht?“ „Du hörst es noch nicht.“
+Der Hund zappelte, sprang weiter hoch, „aber du wirst es bald
+hören, dein furchtbares Brüllen hat dich schwerhörig gemacht.
+Ich habe ja eine Glocke in meinem Leib.“ „Eine Glocke.“ „Eine
+klingende Glocke. Bei jedem Schritt schlägt sie an. Darum verneigen
+sie sich vor mir.“ „Wo hast du die Glocke her, Kri?“
+„Kassangi, lach nicht, Kassangi, dem hab ich sie selbst gestohlen.
+Er weiß es noch nicht“ und Kri kicherte, der Löwe brüllte freudig
+mit, „nun habe ich seine Glocke im Leibe und er merkt es nicht.
+Drei, vier habe ich ihm gestern gestohlen. Die Häuptlingsglocken.
+Noch drei hab ich. Aber zeig mich nicht an. Ich vertraue
+dir.“ „Ich habe dir vertraut, du kannst auch mir vertrauen.“
+„Nun wollen wir weiter gehen.“ Aber der Löwe hielt Kri zurück:
+„Sag mir, Kri, könntest du mir auch die Glocke einsetzen.“ Kri
+zuckte die Schultern, tat mürrisch, wiegte zweifelnd den Kopf;
+der Löwe werde die Schmerzen nicht aushalten, wenn man
+ihm die Glocke in den Leib versenke. Der Löwe bettelte: „Oh
+doch“, versprach ihm hohe Ehrungen, erklärte, er gebe die Glocken,
+die zwischen den Zelten standen, nicht zurück. Da ließ sich Kri
+herbei, nachdem sie sich geschworen hatten, sich gegenseitig nicht
+zu verraten. Er versprach heute nacht mit einigen Vertrauten
+die Glocke in den Bauch des Löwen zu versenken. Und beglückt
+zogen sie auf die Dorfstraße.
+</p>
+
+<p>
+Mittags im Zimmer erklärte Kri, der sich schon siegesgewiß
+spreizte, dem die schöne Mutiyamba zulächelte: der Löwe müsse
+<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
+ihm vor Nacht noch einen Beweis seiner Widerstandskraft geben.
+Der Löwe fand sich zu allem bereit. Und als man zu Tisch in
+der großen Halle Matten ausgebreitet hatte und mit Perlschnüren
+und Brustgehängen beim Fleisch saß, verlangte Kri von
+Kassangi eine glühende Eisenstange. Dann mußte der Löwe,
+seine Angst verbeißend, sich Kri nähern. Ein zorniges Bellen
+ausstoßend schlug Kri ihm das heiße Eisen über die Hinterbeine.
+Nur einen kleinen Augenblick heulte Entsetzen verbreitend der
+Löwe, sperrte den Rachen gegen den Hund, der zur Tür huschte,
+dann zog er den Leib krumm, lächelte fade unter Schmerzen
+winselnd gegen Kri, der langsam näherkroch. Die Gäste, Kassangi
+und seine Tochter, sahen den beiden mit Staunen zu.
+</p>
+
+<p>
+Von diesem Augenblick an war das Gesicht des Löwen verändert.
+Die Zuschauer bei den Spielen in Bedford sahen es.
+Sie fühlten sich tief berührt. Sie wußten nicht worin die Veränderung
+lag. Ihnen selbst war dieser Löwe ähnlich geworden.
+Wie ein Städter wackelte er hilflos mit dem großen Kopf,
+schnaufte nach wenigen Schritten ohne Atem. Seine Füße
+zitterten: grauenvoll und besorgt blickte er nach allen Seiten.
+Und der Hund war nicht mehr Kri. Er trug eine rote Kappe,
+von der goldene Bänder über Ohren und Hinterkopf herabhingen,
+die senatorische Kappe.
+</p>
+
+<p>
+Still hockte der Löwe auf der Matte. Man bot ihm zu essen
+an. Er blickte mit schlaff hängenden Lippen nur auf Kri, der
+ihn ansah. Da schlang der Löwe gequält und wieder lächelnd
+seinen Teil herunter. Höhnisch boten ihm die Gäste mehr.
+Er wollte sich zurückziehen, um seine Schmerzen auszubrüllen,
+wollte trinken, hatte furchtbare Trockenheit im Rachen. Aber
+über den kleinen Krug hinaus bot man ihm nichts. Man spielte,
+speiste lustig, beachtete ihn nicht. Und bevor man aufstand,
+flüsterte Kri wieder mit Kassangi. Ein Diener brachte die
+glühende Stange. Der Löwe sah sie nicht, dumpf lag er über
+seiner Matte. Da schlug das Feuer auf sein Vorderbein. So
+brüllte er, so warf er aus dem Rachen sein Donnerrollen, daß
+im Augenblick der Saal geleert war. Er wollte springen. Er
+konnte nicht. Da erst erinnerte er sich, daß dies eine Probe
+Kris war. Er biß sich die Zunge, schielte um sich, lahmte zur
+<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
+Tür, sank platt hin. Die Gäste näherten sich lange nicht. Kri
+wischte seitlich herein, horchte auf das Stöhnen des Freundes,
+das Flüstern: „Kri! Kri! Nicht böse sein. Komm näher. Ich
+war nicht vorbereitet. Es ging so plötzlich. Sonst hätte ich nicht
+gebrüllt. Ich hätte es nicht getan. Verlaß dich drauf! Kri,
+verlaß dich drauf!“
+</p>
+
+<p>
+Dies war eine Stelle im Spiel, wobei die Hörer in Wut
+gerieten. „Verlaß dich drauf, Kri. Hund, Hund!“ Drohten
+um sich, ihre Augen funkelten. Manche weinten.
+</p>
+
+<p>
+Kri ließ sich herbei. Die Gäste vor der Tür sahen, wie der
+Löwe sanft den Kopf an dem elenden grauen Hund rieb. Ihre
+Angst legte sich, sie fingen wieder zu kichern an. Der Löwe
+beachtete es nicht, dachte an heute Nacht und die Glocken. Es
+waren auch Glocken, die im letzten Teil des Stücks ununterbrochen
+geläutet wurden. Unter den Gästen aber, die langsam
+mit Kassangi und Mutiyamba zurückkehrten, demütig vom
+Löwen begrüßt, der für seine Unart um Verzeihung bat, lachte
+einer nicht mit, der zarte arme Liongo. Ihm ging durch den
+Kopf: „Trüb ist mein Sinn. Die Fasern meines Herzens
+schwirren. Warum? Ich habe die stolze Nelke gesehen. Eine
+weiße Ameise zerbeißt zersticht ihre Wurzel. Die stolze Nelke
+ist bald hin.“ Liongo, wie es Abend geworden war und die
+Gäste mit dem frechen Kri schmausten, trat in das dunkle Gemach
+des Löwen, verneigte sich vor ihm. Der empfing ihn
+freudig in seiner trauervollen Einsamkeit. Der Löwe erkannte
+in Liongo den jungen Sänger des Häuptlings, der das Lob
+der schönen Mutiyamba in der Steppe Menschen Tieren Bäumen
+und Seen verkündet hatte. Er schüttelte seine Hand.
+Nicht zu viel hätte er verkündet von Kassangis Tochter; er sei
+ihm wohlgesinnt. Liongo strich ihm die Mähne: Ob er sich
+nicht wohl befinde. Er brachte ihm zwei Krüge kalten Wassers,
+in die der Löwe wonnig grunzend die Pfoten steckte. „Man
+hat nicht wohl an dir getan, Löwe.“ „Oh“ schüttelte der das
+Haupt, schwieg dann, denn er erinnerte sich seines Versprechens.
+So sehr Liongo in ihn drang, sich ihm zu offenbaren, der Löwe
+ging nicht aus sich heraus. Er zeigte dem jungen Menschen
+mit Lächeln und Worten seine Dankbarkeit. Er werde nicht
+<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
+vergessen, wie schön Liongo die Braut gepriesen hatte, wies
+geheimnisvoll auf die kommende Nacht hin.
+</p>
+
+<p>
+Da wagte Liongo von Kri deutlicher zu werden, tuschelte:
+was Kri wohl jetzt täte, wer jetzt bei der schönen Mutiyamba
+säße, sie streichele, welcher schlaue schmutzige Steppenhund, der
+in Schluchten neben Fledermäusen Wespen Schakalen schnüffele.
+Der Löwe grunzte gleichgültig, zog dann die Stirn zusammen,
+blickte seitlich auf Liongo. Der gab nicht nach, warnte
+vor Schelmen. Versunken der Löwe: er wüßte, was er selbst
+gesehen hätte. Er hielte sich nicht für klug, aber Kri sei sein
+Freund. Da fragte Liongo bitter, ob sich der Löwe auch töten
+lassen würde, wenn Kri es befehle; gebrannt hätte er ihn schon,
+gelähmt hätte er ihn schon. „Proben, Proben“ murmelte der
+Löwe. „Was will er mit dir probieren, Löwe?“ „Was mir
+Freude und Ehre bringt.“
+</p>
+
+<p>
+„Er wird dich beseitigen. Mutiyamba will er. Für ihn habe
+ich nicht gesungen.“ „Ach meine Braut“ sonnte sich der Löwe
+„ich nehme alles auf mich für sie.“ „Morden wird er dich.“
+„Gib mir Wasser. Morgen redest du anders.“ Weinend ließ
+ihn Liongo im Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Mit Sehnsucht erwartete der Löwe den wilden Hund. Finsternis.
+Die verging. Der Löwe drehte sich um. Mit einer
+Fackel stand Kri da. Flüsterte an der Tür, ohne sich zu nähern:
+„Löwe! He! Wie geht’s, Löwe?“ „Gut, Kri. Ich erwarte dich.
+Komm doch herein.“ „Ich komm schon. Wo sind die Glocken?“
+Der Hund taumelte, hatte lange mit dem Häuptling und den
+Gästen pokuliert. Lallte: „Da sind sie ja. Die lieben Glocken.
+Wird eine schöne Sache werden. Wird alles gehen wie geschmiert.
+Was meinst du, Löwe? Tun dir noch die Pfoten
+weh?“ „Nicht sehr.“ Kri lachte schrill: „Siehst du, wie es ging.
+Herrlich. Die Stange genommen, hupp, auf die Pfoten: eins
+hupp, zwei hupp, drei hupp!“ „Da stehn die Glocken.“ Kri
+kraute ihm rülpsend die Schulter: „Halt still, mein Söhnchen.
+Liebes strammes Söhnchen. Wir werden alles machen.“ Und
+er sang: „Mutiyamba, Mutiyamba. Kein Baum trägt Früchte
+wie du Kleider trägst. Wer dich ansieht, Mutiyamba, muß die
+Augen schließen, aus Sehnsucht nach dir, als säße er vor einem
+<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
+Topf mit heißen Dämpfen.“ „Was singst du von meiner Braut.“
+„Kein Baum trägt so viel Früchte wie sie Kleider trägt. Ihre
+Beine sind feine feine schlanke Kupfernadeln. – Kommt herein
+zu mir, hupp, ihr lieben Freunde.“ Er wirtschaftete im Raum,
+legte Stricke hin: der Löwe sah ihm beklommen zu.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Tür trippelten Menschen, hielten sich an der Wand.
+„Was wollen die bei uns.“ „Das sind meine Freunde, allesamt.
+Sie haben mit mir geschluckt den ganzen Tag. Geschluckt
+gespuckt gekotzt. Ein herrlicher Nachmittag. He, war es
+kein herrlicher Nachmittag?“ „Und ein herrlicher Abend.“ „Und
+erst die Nacht. Ihr werdet staunen, was Kri kann. He, Löwe,
+aufgesessen.“ „Was redest du so grob mit mir.“ „Wird mir
+der Dickschädel vorschreiben, wie ich mit ihm zu reden habe.“
+Den Atem hielt der Löwe an. Aufbrüllte er. Der Hund torkelte
+an die Tür, die Menschen schoben sich zusammen. „Dickschädel,
+ich Dickschädel?“ Kri kniff den Schwanz ein, machte sich Mut,
+torkelte an: „Löwe, wir verstehen uns.“ Er konnte seine Gedanken
+nicht zusammenhalten, knurrte wütend: „Jetzt angefangen.
+Man wird fertig mit Essen, mit Reden. Heran. Du willst doch,
+Löwe.“ Der blickte ihn lange an: „Ja.“ Der Hund böse: „Also.“
+</p>
+
+<p>
+Die Gäste trugen Holzpflöcke unter den Armen, die spitz zuliefen,
+schlugen sie mit Beilen in den dröhnenden Boden der
+Hütte. Der Löwe erschauerte, seine Lippen wurden schlaff:
+„Was machen sie?“ Kri nachäffend: „Was machen sie? Was
+machen sie? Stöcke her. Glocken her. Beeile dich.“ Aus Liongos
+Krügen zog der Löwe die Pfoten, schleppte sich näher. Kri
+schnupperte an den Krügen: „Wer hat die hergebracht?“
+„Liongo.“ „Ah, Liongo. Der. Der zarte. Der Schuft.“
+Wieder hielt der Löwe den Atem an, brüllte grauenhaft. Der
+Raum war leer. Kri hielt sich an der Schwelle, zitterte vor
+Angst, daß er am Umsinken war. Scham und Wut hielten ihn
+fest. Herankriechend bettelte er süß verlogen: „Also dies sind
+die Pflöcke für die Pfötchen, dies die Stricke, in die du die
+Beine steckst. Kommt nur, der Löwe weiß, daß Ihr verschwiegen
+seid. Er wird solche Glocke im Bauch haben, wie ich, die Klingkling
+macht, wenn man geht. Ihr werdet vor ihm hinfallen.
+Und Mutiyamba, oh!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
+Die Fackeln brannten in dem Raum. Die Leute lüstern
+eifrig. Der Löwe schleppte sich zwischen die Pflöcke. Senkte
+den ungeheuren mähnewallenden Kopf. An Mutiyamba dachte
+er. Dieser schlaue widrige Kri, der wilde Hund, würde machen,
+daß sie ihn küßte. Den hatte sie im Wagen geküßt, auf die
+Schnauze den. Den Kopf seitlich drehend weinte der Löwe im
+Finstern. Wo war Liongo? Der Löwe stand zwischen den
+Pflöcken. Das Ohr des Hundes zog er zu sich heran: „Tu mir nicht
+zu weh.“ Der Hund grinste heimtückisch, wedelte streichelte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Mit Seilen umschlangen sie die Beine des Löwen. Er legte
+sich auf die Seite, rollte auf den Rücken. Mit Gewalt rissen
+sie seine Beine auseinander nach vorn und hinten. Er knurrte,
+warf sich vor Angst. Die Gäste glucksten vor Freude, wie sie
+den weißen nackten Bauch des jungen Löwen sahen; die Angstwellen
+liefen über ihn. Betrunken warfen sie die Hälse zurück,
+torkelten um das liegende Untier. So laut war ihr Hohngelächter,
+daß Kassangi und Mutiyamba vor dem Haus erschienen
+und die Köpfe durch das Fenster steckten. Kri sprang
+herum, wetzte das Messer. Der Löwe, wie er das Scharren
+hörte, wilder vor Angst: „Und was tust du jetzt? Kri. Und was
+tust du jetzt? Und was jetzt?“ „Merkst du was?“ „Nein.“
+„Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt was?“ „Nein.“ „Jetzt?“ „Was
+tust du?“ Da hatte der Hund das Messer scharf. Mit einem
+Satz sprang er dem Löwen auf die Brust, knirschte: „Jetzt,
+jetzt Mut, Löwe.“
+</p>
+
+<p>
+Und im Augenblick hieb er das Messer in den Leib, schlitzte
+stieß wühlte. Das heiße helle Blut spritzte ihm ins Gesicht,
+daß er spie und geblendet war. Unter ihm der Löwe wühlte
+sich, zerrte nach rechts, nach links. Liongo war am Kopf des
+Löwen: „Löwe auf! Sie töten dich! Löwe, er tötet dich.“
+„Er tötet mich. Er tötet mich. Es ist wahr“ tobte es durch den
+Kopf des Löwen. Er schleuderte sich herum, die Pflöcke brach
+er ab. Das Fell riß er sich von den Füßen. Sein markerschütterndes
+Wehgebrüll. Kri erschlagen! Kri zerreißen! Kri mußte
+er erschlagen. Er toste, Seile und Pflöcke nach sich wirbelnd,
+in den Haufen der Gäste. Schlug erdrückte knackte riß biß.
+War Kri schon hin. Es war stockfinster in der Gasse. Mehr
+<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
+töten. Kassangi, Kassangi, den sah er fliehen. Schnapp ihm
+am Rücken, schnapp ihm ins Genick, stürzte ihn aus dem Leben.
+</p>
+
+<p>
+Der Jubel das Weinen der Zuschauer! Jetzt weg, Löwe,
+aus dem Dorf, in die Steppe, weite grüne Steppe.
+</p>
+
+<p>
+Sein rollendes unaufhörliches Brüllen. Er hatzte gegen die
+Pfahlmauer. Er kam nicht herauf. Was floß floß ihm heiß aus
+dem Leib, was hielt ihn zurück, was schleppte er zwischen den
+Beinen. Das schmerzte. Oh. Er trat darauf. Vor Schmerz, vor
+schwerem Weh verstummte er. Er trat auf die eigenen Därme.
+Noch einen furchtbaren Satz machte er. Grausiges abschnappendes
+Gebrüll. Auf den Pallisadenspitzen blieb er hängen. Stöhnend
+drehte und zerrte er da. Seine Augen rollte er; sie waren
+blind. Speere von unten gegen ihn. Er verblutete. Die Zuschauer
+weinten, als sie den jungen prächtigen Löwen oben auf
+den Pallisadenspitzen den sterbenden aufgerissenen Leib strecken
+sahen. Sie warfen Steine, als die Beerdigung der Opfer stattfand.
+Kassangi war tot. Den Hund schleppte man am Schwanz
+durch das Dorf. Eselskot hatte man in seinen Bauch getan;
+die rote senatorische Kappe mit den goldenen Bändern trug
+er vor dem Maul. Mutiyamba, die weinte. Allen Schmuck
+hatte sie abgelegt. Sie trat aus ihrem Haus. Ein neuer Häuptling
+stieß sie hinaus. Liongos Füße wollte sie hilfeflehend
+küssen. Er nahm sie in seine Hütte, auf sein Feld. Die Häuptlingstochter
+hörte nicht auf zu weinen. Er sang: „Erst hast du
+mich vergiftet, jetzt kann ich dich essen. Erst hast du meine
+Augen verbrüht, jetzt kann ich dich ansehen. Hast mich nicht
+schlafen lassen. Jetzt schlafe ich bei dir. Ich schwankte wie ein
+Boot, Mutiyamba, du hältst mich fest. Du hast keine Armspangen
+Brustgehänge Ohrringe. Mein Mund ist für dein
+Ohr, mein Mund für die Brust, mein Mund für die Arme.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> spielten am Ouseriver sanfte Szenen vom Scheiden und
+Wiederfinden, die alte festländische Fabel von Melise von
+Bordeaux und ihrer Freundin Betise. Mit Schmerz und Wonne
+gingen die Fabeln in White Baker ein. Die Augen verhüllte
+sie. Sie sprach sich vor: dies ist das Leben.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
+Ohnmächtig der Senat bei dem Auslaufen der Stadtschaft. Die
+ersten Fälle von Eindringen der Siedler in die Stadt ereigneten
+sich, ungeklärte Brände von Fabriken. Delvil, belauert von der
+amerikanischen Deputation, schickte nach White Baker. Sie ließ
+sagen, daß das Fahrzeug nicht gebaut sei, das sie zurück trüge.
+Sie lockte Städter aufs Land, trieb Kampforganisationen bei
+allen Absonderungen zusammen. Verzweifelt höhnte Delvil
+im Senat: „Der weibliche Marduk!“ Man kam nicht weiter,
+war in der Defensive.
+</p>
+
+<p>
+Aus amerikanischen Stadtschaften hatten sich nach Canada
+und Labrador Menschenmassen ergossen, von starken Männern
+und Frauen geführt. In Labrador entwickelte sich ein ländliches
+Reich an der Ungavabucht.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschen strömten aus den Stadtschaften Neuyork
+Quebec Ohio. Ein merkwürdiger Drang bestimmte alle Wanderer
+nach Norden; die großen Seen ließen sie hinter sich, östlich
+der Hudsonbai schoben sie sich vor. Ganz ohne Lärm vollzog
+sich die Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent,
+nirgends sah man fanatischwilde Figuren wie Marke und
+Marduk. Aus dem Zentrum Europas drang Zimbo vor; die
+böhmischen Stadtschaften, die deutschen Nürnberg und Frankfurt
+schickten ihm aufgelockerte Massen zu.
+</p>
+
+<p>
+Keine Bewegung machten die großen Senate. Aus London
+reiste während der sturzartigen Vorgänge die Kommission des
+Klokwan schweigend ab, nicht mehr lächelnd. In London
+Glasgow Newcastle, auf den festländischen Toulouse Nantes
+Lyon, die ruhig geblieben waren, wurden Straßenzüge leer,
+erfroren verdorrten in den Treibhäusern die Blumen, fielen
+die durchsichtigen Straßenbekleidungen; Wind Regen sauste
+wieder über die Plätze. Flugzeuge Wagen standen herum,
+als wäre ein Feind im Anmarsch. Eine Lähmung breitete sich
+über die westlichen Stadtschaften aus; unkenntlich, was ihre
+Ausbreitung beförderte. Sie wirkte in die Senate hinein. Es
+war eine zum Grauen auftreibende Erschütterung, als der
+schwarze Zimbo ohne Waffen zu gebrauchen mit rohen Schwärmen
+in der Hamburg-Bremer Landschaft und ruhig fortziehend
+am Meer erschien, Senate vertrieb, Lager und Anlagen zerstörte.
+<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
+Er drohte über den Kanal. Die Menschen der Seelandschaft bedeckten
+die Küste bis ins Holländische zum Zuidersee, wurden
+nach Westfalen, zum Rhein herunter gestoßen.
+</p>
+
+<p>
+Der belgische Senat trat in Brüssel zusammen. Diese Stadtschaft
+bröckelte nicht. Man sah das Hungerverderben der über
+das Land Geschütteten Schwachen nichts als Willigen Sehnsüchtigen,
+ihr Liegenbleiben Erfrieren, das Wüten der Seuchen.
+Die Senatoren riefen lächelnd nach England. Betrübt zogen
+die Londoner sich aus dem Orkan ihres Landes, standen mit
+matten Gliedern in dem strahlenden Ratsgebäude der Belgier.
+Durch die Luft zuckten hier Fahrzeuge, buntes lärmvolles bewußtloses
+Wimmeln in den breiten winterlichen Straßen
+Brüssels. Die blassen Lippen verzog Delvil, als er aus dem
+überheizten Saal herunterblickte. Den Arm des breitschultrigen
+Belgiers Ten Keir drückte er: „Wie sieht die Welt bei Euch
+aus! Noch! Noch!“
+</p>
+
+<p>
+„Noch lange! Noch immer!“ „So hat auch White Baker
+gesprochen. Es sind nicht viel Jahre her: Marduk müsse
+erschlagen werden, die Mark ausgeräuchert. Wo ist White
+Baker?“ „Ihr, Delvil! Wascht Eure Wäsche bei Euch.“
+</p>
+
+<p>
+„Bin ich schlaff? Ist keine Schwäche, jetzt schlaff zu sein.
+Wenn ich deine Häuser und diese Menschenscharen sehe, so sehe
+ich sie und – sehe sie schon nicht mehr.“ Ten Keir machte sich
+von ihm los, betrachtete aus seinem kantigen Kopf den seufzenden
+Londoner, ließ ihn am Fenster. Die Belgier, zwanzig
+Männer und Frauen aus frisch heraufgekommenen Geschlechtern,
+nicht einheitlich in Rasse, nahmen auf die Engländer keine
+Rücksicht.
+</p>
+
+<p>
+Von den durchwandernden Hamburger Flüchtlingen und
+Siedlern griffen sie welche auf, abgemagerte zerlumpte, stellten
+sie vor die Engländer. Ten Keir lachte: „Euer Ideal, liebe
+Gäste. Wie gefallen sie euch? Habt ihr Lust, eine Luftreise
+über Holland, an der Küste entlang zu machen? Ihr könnt
+etwas sehr Altes und Neues sehen. Kampf aller gegen alle.
+Das Spiel ist wieder aufgenommen: man genießt es, als sei
+es heute erfunden. Wozu gibt es Elend Tod Hunger? Doch
+nicht bloß für Erzählungen Geschichten Theateraufführungen.
+<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
+Heran an das Leben! Dichter, Dichter! Man lebt nur einmal
+und dann gründlich. Wer sich nicht zehn Zehen erfroren hat,
+weiß nicht, was Leben ist. Wer nicht morgens aufwacht im
+Wagen, – aber er liegt nicht in seinem Wagen, den Wagen
+hat einer über Nacht gestohlen, er liegt zwischen den Radspuren
+im Lehm, einen dösigen leicht angestoßenen Schädel hat, einen
+kleinen Schädelbruch, der versteht sich auf das Dasein nicht.
+Hat die Fülle der Existenz nicht durchdrungen. Steht, huhu,
+als Bettler vor dem Tor.“ Er wies mit beiden Händen auf die
+Aufgegriffenen, die blauen weiten Ärmel wehten zur Schulter
+zurück: „Hier haben wir Bewohner des Paradieses! Des
+wiedergeöffneten wiedereroberten Paradieses! Preis uns, die
+sie sehen! Der liebe Gott, von dem unsere Ureltern gesprochen
+haben, hat sich erweichen lassen. Er hat eine Ausnahme gemacht.
+Sie hat er wieder aufgenommen. Und nun: wie geht
+es euch, liebe Damen? Liebe Herren? Wie sieht der liebe Gott
+aus, nach so langer Zeit, befindet er sich wohl, donnert er
+sympathisch, hat er euch in seine Arme geschlossen? War es
+im ganzen großen ein schönes Wiedersehen? Gedeckter Tisch,
+wohlige Heizung? Was sagt ihr englischen Freunde, Delvil
+du, zu unsern Paradiesbewohnern? Es ist doch reizend, daß
+sie sich herbeigefunden haben, ein Stündchen bei uns zu verweilen.
+Uns zu beglücken. Sie hatten Mitleid mit uns, wollten
+erzählen. Aber ich errate alles, auch ohne daß sie sprechen.
+Diese Geheimnisse! Diese ätherische Schönheit der Gesichter,
+betrachtet sie, dieser perlmutterartige Glanz der Haut, an den
+Füßen Händen, im Gesicht. Sie haben dicken Schmutz aufgelegt,
+um uns nicht weh zu tun, durch ihren Anblick. Sie sind
+feinfühlig. Das ist Schmutz als Schminke. Ihr meint, sie
+tragen Lumpen? Delvil, Lumpen? Paradiesesbewohner und
+Lumpen! Haha! Ihr glaubt, sie sehen wie Skelette aus, wie
+Menschen, die seit Wochen Stoppeln von den Feldern, oder
+Baumborke essen und reichlich Flußwasser trinken. Und da
+nicken sie auch, unsere Gäste aus dem Paradies. Ach diese Feinfühligkeit!
+Die Übertreibung der Empfindungen! Warum
+seid ihr so bescheiden. Wir sind kräftige Männer und Frauen;
+wir vertragen schon einen Stoß. Ihr kommt aus dem Paradies.
+<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
+Habt unsere erbärmlichen Stadtschaften verlassen, in denen wir
+euch totregieren mit Essen, Trinken, mit überlebten Erbärmlichkeiten
+wie Essen Trinken, in denen wir euch geschunden haben
+mit wochenlangem Ruhen. Ihr seid ins Paradies zum leibhaftigen
+– nicht wegzuradierenden lieben Gott gegangen, fort
+aus den Nichtswürdigkeiten dieses städtischen Daseins, mit
+seinen bunten Lichtern Waren Flugzeugen Spielen Soßen,
+hundertfachen Speisen, Weinen, dem ganzen sonstigen Ekel und
+Folterzeug, auf dem ihr euch gewunden habt von Morgen bis
+Abend. Und es nahm kein Ende. Unerträgliche Pein, unerträgliche
+Pein. Das Paradies ging auf, die Straßen brannten ab,
+die Herren flogen in die Luft, explodierten Freudenfeuerwerk
+zum großen Einzuge. Ein bibelwürdiges Ereignis. Ihr habt
+es umschlungen, das Paradies! Habt alles wiedergefunden,
+wie es Adam stehen gelassen hat. Die ganze Einrichtung habt
+ihr übernommen. Man sieht euch an, wie ihr vor Rührung
+schluchztet bei dem Einzug. Eure Augen sind noch ganz rot.
+Wie habt ihr den Regen begrüßt, die Nässe, unermeßliche Nässe
+vom Himmel, an die Sintflut erinnernd, vom wirklich richtigen
+nicht gemalten Himmel. Nässe, die fiel, echt war, mehr, immer
+mehr. Es wurde euch wonnig klar, daß der Mensch aus dem
+Wasser stammt und ihr erschauertet! Ihr wolltet Tag und Nacht
+nicht aus dem Wasser heraus, ihr Glücklichen schwammt,
+plätschertet darin. An Gräsern und Halmen habt ihr gebissen.
+Wie hat es geschmeckt. Endlich, endlich eine Speise, unmittelbar
+wie aus dem Handteller aus der Erde, der alles tragenden
+gebärenden. Sie ist und bleibt eben die Urmutter! Sie wird
+es ewig bleiben! Weh dem, der es vergißt. Und dann immer
+mehr für euch. Krank seid ihr geworden, krank durftet ihr
+werden. Die Wohltat des Fiebers, die Gnade der Schmerzen,
+der Schlaflosigkeit kam. Diese Wonne! Kein Mensch, kein
+Herr, keine Fabrik hat sie euch in solcher Fülle und Ausgewachsenheit
+schicken können. Ihr wart selig im Gefühl: ich kann
+nicht schlafen, ich zittere vor Fieber, der Schmerz zerreißt
+meinen Kopf, mein Kinn, meine Knochen. Wie gut: niemand
+hilft mir, auf mich selbst bin ich gestellt, ich bin ein Mensch, im
+Paradies, an der Brust der Natur. Und ich selbst, Ten Keir,
+<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
+was hab ich Verbrecher getan? Ich laß euch aufgreifen! Verzeiht
+mir, liebe Freunde. Wir hatten Sehnsucht nach euch! Wir
+geben euch bald wieder hin an das Zauberreich. Denkt an uns
+Arme, die gesund und kräftig sind, zu essen, zu trinken haben,
+warm angezogen sind. Die dies alles erleiden müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Frau Atorai, füllig und ruhig, in rotem Samt, nickte, während
+man noch lachte: „Wir haben sehr Entsetzliches verbrochen.“
+Der unerschöpfliche Ten Keir sprudelte: „Gott will uns strafen
+mit Milch und Honig. Die Strafmethoden haben sich im Lauf
+der Jahrhunderte geändert. Die Menschen haben sich auf Pech
+und Schwefel nicht gebessert, jetzt versucht es Gott so.“ Frau
+Atorai unverändert ernst: „Und er hat recht. Wir bessern
+uns schon. Aber noch nicht genug. Die Kur muß intensiver
+durchgeführt werden. Ich fürchte, er wird gegen uns nicht vor
+dem Äußersten zurückschrecken.“ „Was ist das, Atorai?“ Sie
+verdrehte die Augen, spitzte den Mund: „Ich möchte gerne, –
+ich möchte gerne – je nach Laune – Mann oder Frau sein.“
+Sie tosten ein Gelächter. „Kommt!“ „Man hat schon etwas
+läuten hören.“ Und im Lachen immer ernst Frau Atorai, den
+Mund vorwurfsvoll spitzend: „Läuten! Ich möchte doch in
+diese Kirche gehen. Bin so sündig.“
+</p>
+
+<p>
+Die gute Laune der Belgier schlug um, als später der stille
+Londoner Pember sprach. Es sei, gab der dicke von sich, über
+diese Leute nicht nur zu lächeln. Man müßte in der Tat ihre
+Haut, ihre Köpfe, die Leiber ansehen. Die seien nicht nur von
+der kurzen jämmerlichen Flucht so ruiniert. Wovon seien
+diese Menschen wohl so ruiniert. „Nun“ forderte ihn Ten
+Keir heraus. Pember schüttelte den Kopf: „Du mußt nicht so
+wild und sicher sein. Wir haben in London die Dinge näher betrachtet
+als ihr. Nicht freiwillig, sie kamen an uns heran. Ihr
+hättet sehen und hören sollen, was sich am Ouseriver ereignete.
+Trübsal, die ich nicht beschreiben kann. Fragt, ob die Menschen
+recht hatten betrübt zu sein.“ „Und?“ „Das ist alles. Wie
+können wir das Elend beenden?“ Ten Keir breitete hohnlachend,
+die Schultern hebend, die Arme aus: „Dazu sind wir
+hier versammelt, den Jammer der Leute zu diskutieren! Wir
+werden sie bitten, uns lyrische Gedichte vorzutragen mit
+<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
+Lautenbegleitung und Chor. Dazu sind wir versammelt. Und
+unsere Städte? Wir, was wir treiben, unsere Stadtschaften,
+das ist Schund! Was? Nichts! Nichts!“
+</p>
+
+<p>
+Delvil und Pember schwiegen vor dem unerschütterlichen
+harten Belgier. Auch die amerikanische Kommission, die von
+London den Engländern nachgereist war, hielt vor den Belgiern
+still. Stachelnde Worte der Brüsseler standen sie aus,
+Wutausbrüche des unbeherrschten Ten Keir, der ein Pferd in
+einem Gespann war, in dem er nicht mitziehen wollte. Sein
+Groll auf die Stadtflüchtigen. Die beiden Kommissionen hieß
+er jeden Tag gehen, wo sie hingehörten. Die Fremden zitterten
+beim Gedanken an eine Begegnung mit ihm.
+</p>
+
+<p>
+Man führte sie durch die Straßen Brüssels. Nach Norden
+die Häuserreihen Anlagen Waldungen bis an die Schelde, das
+alte Antwerpen ausschließend, die Schelde, die Brüssel im
+Westen bei der Vorstadt Oudenaarde erreichte. Nivelles und
+Soignies die südlichen Ausläufer der Stadtschaft. Man war
+nicht fern von dem Zentrum Mons. Halb widerwillig ließen
+sich die Fremden über das prunkende Gebiet tragen; den Belgiern
+weitete sich das Herz. In Sänften wurden die Fremden
+stundenlang durch die gewaltigen Hallen getragen, ausgesucht
+demütige Menschen neben sich, Bewaffnete im Zug. So fest
+war die Herrschaft der Belgier, daß sie sich von Schultern auf
+Schultern in voller Sicherheit gleiten lassen konnten. Dies
+Land hatte wenig Acker und Weide, Entartende Schwächliche
+wurden rasch beseitigt; in das Land strömten immer Fremde.
+In den Hallen lagen die erheiternden beglückenden Dinge. Es
+waren berauschende Schauhäuser. Und was auslag stand jedem
+der Menschen zur Verfügung, die sich den Herrschenden unterwarfen.
+Sie hatten außer den Gesetzen nichts anzuerkennen
+als die wechselnde Arbeit und die langen Pausen. Damit erhielten
+sich die Stadtschaften, erzeugten wie tropische Bäume
+ihre Früchte im Überfluß. Die senatorischen Herren und Frauen
+blickten, durch die Menge getragen, wenig auf die ausweichenden
+Menschen. Kundige gewandte junge Wesen gingen neben
+ihnen, traten zu ihnen, Einpeitscher und Einpeitscherinnen, Erforscher
+und Erfinder von Bedürfnissen, Wesen, die Aussicht
+<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
+hatten, selbst Herren zu werden. Die Lichtmassen Teppiche
+Kleider, erregende und einschläfernde Getränke, die Speisemischungen
+Speiseerfindungen der Mekifabriken, Badewasser
+mit erregender treibender einschläfernder Wirkung, Streichler
+Haucher für die Stirn die Backen die Brust die Arme. Forschend
+und kalt fuhren die Augen der herrschenden Männer und
+Frauen über die Dinge. Die Menschen standen gefangen davor,
+lösten sich von dem Anblick schwer, als wären ihre Blicke
+angebannt. Der stolze Ausdruck Ten Keirs, des üppigen, gegen
+Delvil und Pember. Der Ausdruck hieß: „Welche Pracht,
+welche Wonne für Menschen.“ Delvil dachte: „Was haben sie
+im Westen Londons geschrien, als sie die Hallen abbrannten?
+Hin die Kerker, Festungen der Herren. So haben Schweiger
+Krieger Schlangen gerufen.“
+</p>
+
+<p>
+Am Abend dieser Fahrt hielten sie in einem unterirdischen
+Gewölbe nahe einer Aufschließungsstelle der synthetischen Fabriken.
+Hier wurde physikalisch und theoretisch gearbeitet.
+Mehrere der Senatoren hatten ihren Platz, begrüßten die
+arbeitenden schweigenden erschreckt auffahrenden Männer und
+Frauen, die von ihnen adoptiert wurden, wenn sie kenntnisreich
+stark und stolz genug waren. An den Wänden waren
+magische runde Lichtflecken, die von schwarzen Blenden umschlossen
+waren, Augen bunten Lichts, die man verkleinerte
+verstellte verschob schloß. Kristalle studierte man hier. Gesteinsstaub
+lag über den schwarzen Tischen. Große Tafeln mit
+merkwürdigen Zeichen Pfeilen Zahlen hingen von den Decken.
+Rasch schritt man durch, an niedrigen Türen vorbei, die in
+tiefere Keller führten zu ganz abgesonderten, der Oberflächenbewegung,
+den Wärme- und Lichtstrahlungen der Gestirne entzogenen
+Kammern.
+</p>
+
+<p>
+An einer bezifferten Tür hielt Ten Keir. Sie fuhren auf
+einem Fahrstuhl abwärts. „Es braucht niemand zu wissen“ erklärte
+der sehr ruhig gewordene Ten Keir in dem völlig leeren
+Raum, an dessen Wand eine Zahl ungeöffneter flacher und hoher
+Kisten standen, „braucht niemand zu hören, was wir besprechen.
+Vielleicht äußern die englischen und amerikanischen Freunde,
+was sie zu sagen haben.“ Man kauerte sich hin in dem Raum,
+<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
+dessen Schwärze von einem Lichtbüschel durchzogen war, das
+wie aus einem Loch aus der Wand von einem Lichtfleck kegelförmig
+ausgestrahlt wurde. Als nicht gleich einer sprach, fuhr
+Ten Keir, neben dem Lichtfleck im Dunkeln stehend, fort: „Ich
+wiederhole, was ich gesagt habe: freiwillig danken wir nicht
+ab. Man wird uns zwingen müssen. Wie man das tun wird,
+will ich erwarten.“ Delvil: „Es wird dich und uns alle niemand
+zwingen.“ „Dann bleiben wir.“ Seufzte Delvil, ließ die Schultern
+sinken: „Es geht nicht. Wir kommen nicht weiter.“ „Wir
+kommen weiter. Seht auf uns und ihr kommt weiter.“ Bittend
+sah sich noch Delvil nach beiden Seiten um: „Will nicht ein
+anderer sprechen. Und will nicht, – verzeih mir, Ten Keir, –
+ein anderer Ten Keir ablösen.“ „Für mich braucht niemand zu
+sprechen. Meine Auffassung ist die der anderen.“ „Aber wir
+kommen nicht weiter.“ Schrie Ten Keir, fuchtelte: „Delvil,
+Euch ist nicht zu helfen. Wo stehst du eigentlich. Bist du auch
+ein halber Paradiesbruder? Wo ist dein Herz?“ „Mäßige dich,
+Ten Keir“ bat auch Frau Atorai. „Warum mäßigen? Ihr
+meint es ja auch. Delvil ist ein hoffnungsloser Fall. Er zerrt
+und zieht. Er weiß nicht, was er will. Er ist hilflos. Es ist ein
+Verbrechen, Delvil, in dieser Zeit hilflos zu sein. Wenn du
+hilflos bist, tu wie White Baker.“ Heiser Delvil: „Rate mir nicht.
+Laß mich aus dem Spiel.“ „Ich kann niemanden aus dem
+Spiel lassen, der hier ist.“ Heiser Delvil: „Ich will, daß du
+mich aus dem Spiel läßt.“ „Ah du grollst. Das ist ja recht.
+So kommst du zur Besinnung. Ich denke, so wird es den
+andern Paradiesbrüdern auch gehen. Dann werden sie sich
+wehren und dann wird sich zeigen, wer der Stärkere ist.“ „Wer
+der Stärkere ist. Wer der Stärkere ist. Es ist nichts damit geschafft,
+daß einer der Stärkere ist.“ „Weggerafft ist der andere.
+Und damit ist es geschafft!“ „Nein es ist nichts geschafft.“ Ten
+Keir trat an Delvil heran: „Was suchst du eigentlich hier. Bist
+du ein Spion?“ „Sei still, Ten Keir. Ich bin bewaffnet wie
+du. Du tust mir nichts.“ „Du bist in meinem Haus.“ Pember
+trennte sie mit seinem schwarzen kurzen Körper. Als wäre
+nichts geschehen, näselte er phlegmatisch: „Wir sind einig darüber,
+worin die Not besteht. Wollen wir nun unsere Stellung
+<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
+dazu verhandeln.“ Delvil hob die Hand: „Ich bin schon ruhig,
+Pember. Wir sind uns nicht darüber einig, worin die Not besteht.
+Wir sind uns nicht darüber einig.“ Erstaunt wich der
+schwere Mann zurück, blickte hin und her zwischen Delvil und
+dem andern. Triumphierend Ten Keir: „Laß ihn also ausreden.“
+Pember: „Ja. Willst du die Schlangen und die
+Schweiger und wie sie heißen?“ Frau Atorai schlank und ruhig
+überlegen an der Wand gegenüber Delvil, öffnete die lächelnden
+Augen: „Er will ja die Schlangen.“ Mit plötzlich erschlaffendem
+Gesicht, klagend Delvil: „Das weißt du nicht. Das wißt
+ihr doch nicht.“ Er sank auf die Knie, hielt den gesenkten Kopf
+in den Händen; man hörte ihn schluchzen.
+</p>
+
+<p>
+Grimmig kehrte Ten Keir zu dem Lichtfleck zurück, knurrend:
+„Da ist es. Er ist hin.“ Lächelnd und gleichgültig durch die
+Stille Frau Atorai: „Laßt ihn sich ausweinen.“
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann bewegte sich neben Ten Keir seitlich von der Lichtquelle,
+stellte die Iris des Strahls enger. De Barros, ein
+erst aufgenommener Wärmeforscher, leicht eingedrückte Nase,
+aufgeworfene Lippen, dunkle Hautfarbe. Er redete hart, ohne
+einen anzublicken: „Ich sehe, was Delvil will. Die Dinge, die
+er bezweifelt, bezweifle ich nicht. Die Führung durch die
+Stadtschaft sollte ihm zeigen, was wir verteidigen. Das ist
+mißglückt. Wir geben uns aber nicht auf. Und dann: Es sind
+Hunnen vor zwei Jahrtausenden gekommen, die alles wegrafften.
+Dann war Jammer und alles begann von vorn. Wir
+lieben das nicht. Warum nicht? Wir wollen nicht.“ „Eine
+einfache Rede, De Barros“, lächelte unverändert Frau Atorai.
+Pember bemühte sich um den hingesunkenen Delvil: „Es
+scheint, wir müssen unsere Unterhaltung abbrechen.“
+</p>
+
+<p>
+Am frühen Morgen suchte Delvil Ten Keir auf, in dessen
+Haus schon De Barros saß. Beide Herren finster. Delvil gab
+Ten Keir die Hand: „Ich bin in deinem Wohnhaus und bin
+waffenlos.“ „Setz dich.“ Ten Keir wanderte, stellte sich vor
+Delvil, hob die gefalteten gepreßten Hände vor die Stirn:
+„Also – kapitulieren sollen wir? Kapitulieren. Weißt du, ich
+bin nicht weit entfernt davon, mit dir die Rolle zu tauschen.“
+Und knirschte stampfte am Fenster, lachte gallig: „Gut, daß du
+<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
+gekommen bist. Hast du dich nach den Amerikanern erkundigt?
+Sie schwiegen gestern so ausdrucksvoll. Sie sind abgereist.“
+Delvil zuckte: „Ach.“ „Was gibt’s zu ächzen? Kannst jauchzen.
+Du wolltest den neuen Völkerkreis machen. Lauf ihnen nach.
+Ich habe sie gleich erkannt. Sie sind reif.“ „Wozu.“ „Zum
+Abdanken. Zum Kapitulieren. Eure White Baker sitzt ihnen
+in den Knochen. Das sind keine Herren. Nicht einmal Diener.
+Das sind Hunde. De Barros, ich schäme mich.“ Der stand,
+schloß vor Erregung die Augen: „Und ich. Sie haben es nicht
+verdient an unserm Tisch zu sitzen. Es scheint, daß nur wenig
+es verdienen. Dann müssen die wenigen Mut haben, die Tafel
+zu säubern. Ja. Und den Platz zu behaupten.“ Ten Keir
+höhnte: „Eine große Zeit, ein kleines Geschlecht. Nein, wir
+sind kein kleines Geschlecht. De Barros, wir sind nicht klein.
+Jevaroz ist nicht klein, Frau Atorai ist nicht klein. Für Gras
+werf ich kein Jahrtausend Gedanken hin. Wir können die Zähne
+zusammenbeißen und kämpfen. Ich kann auch sterben.“ „Es
+wird eine Schlacht geben.“ „De Barros, wir sind noch fest. Man
+wird versuchen uns zu unterhöhlen. Wir werden es nicht so weit
+kommen lassen.“ Delvil saß mit aufgestütztem Kopf: „Was wollt
+Ihr tun?“ „Der Uralische Krieg im Land, Herr Delvil! Delvil“
+er schüttelte ihn „die Augen auf. Es bleibt nichts weiter übrig.“
+</p>
+
+<p>
+Öfter trieb es Delvil und Pember durch die Versuchsanstalten
+der Belgier. Sie sahen die Schar starker Männer und Frauen,
+gingen neben De Barros. In manchen Augenblicken kam es
+Delvil vor, als wenn er träume von einer Gefahr. Wie weit
+war White Baker, wie unbegreiflich, widerlich diese Schlangen,
+Krieger, Barbaren, Marduks, Zimbos. Ob es nicht wirklich
+richtig war sie niederzurennen. Aber auch hier schon das Wimmeln
+auf den überdachten Straßen. Die vielen Tempel und
+Zauberer. Von draußen schlugen Flüchtige Verirrte hinein.
+</p>
+
+<p>
+Die belgischen Senate gaben die Parole aus, heimlich zuverlässige
+Stadtschaften zu gewinnen, sie sich anzuschließen,
+wo man sie finde, schwächliche Senate durch Handstreiche zu
+stürzen, auf dem Festland, später in Amerika; auch die afrikanischen
+Küsten zu besetzen. Ihre aufs stärkste bewaffneten
+Vertrauensleute wiegelten französische spanische italienische
+<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
+süddeutsche westdeutsche Stadtschaften auf. Man hörte von Revolten
+in einigen dieser Städte, von Umsturz der Herrschaft, dem
+Aufkommen neuer Senatsgeschlechter, die von den Belgiern geschützt
+waren. In Brüssel Antwerpen Mons setzte die Erweiterung
+der Mekifabriken, die Vervollkommnung der Waffen, Aufstapelung
+großer Waffenmengen ein. Es gab Augenblicke, wo
+Delvil und Pember, die immer wieder nach Brüssel zurückkehrten,
+unter den frischen Impulsen aufatmeten. Die Belgier
+sprachen dann offen mit den Londonern. Ten Keir hatte nichts
+weniger vor als die Besetzung Londons. Er verlangte mit Einverständnis
+der belgischen Senate von Delvil eine bestimmte
+Erklärung über die Maßnahmen, die gegen die drohende Vernichtung
+der britischen Stadtschaften und zur Säuberung der
+englischen Inseln getroffen würden.
+</p>
+
+<p>
+London hatte diesen Schritt längst erwartet. Man konnte
+nicht verhindern, daß geübte Scharen aus Belgien und Holland
+überführt wurden, die am Bau neuer Fabriken und Waffenherstellung
+arbeiteten. Zeit verlief. Delvil war nur fest in dem
+Entschluß geworden, nicht zu fallen wie White Baker, die in
+London erschienen war und ihn ermahnt hatte, sein Amt niederzulegen,
+das Rad des Geschicks nicht aufzuhalten. Sie sahen
+sich an. Noch immer trug die sehr mager gewordene Frau weiße
+Stoffe und wollene schwere Schultertücher, wie jene Ratschenila;
+der knöcherne Krähenschnabel hing an ihrem Hals;
+sanft, ungewohnt zart sprach sie zu Delvil, dessen Hand sie lange
+hielt. Er fühlte sich durch Stunden verwirrt und unruhig nach
+den leise eindringlichen Reden, dem Schweigen der früher so
+stolzen starken White Baker, die zum Krieg gegen Marduk gerufen
+hatte. Unter Trauer wurde ihm klar: sie begriff nichts
+von den Dingen, die auf dem Spiele standen, erinnerte sich nicht
+mehr. Sie hätte die starken strengen belgischen Menschen und
+ihre Werke sehen müssen.
+</p>
+
+<p>
+Schon verbreitete sich zu den Massen des englischen Landes
+im Westen und Norden, was vorging. Sie berührten sich
+mit den eingeführten Völkern. Die Angst der Siedler. Nur
+die kriegerischen Gruppen hörten mit Lust, was der Senat
+bereitete; London wurde reif, wühlte sich sein Grab. Sie
+<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
+sangen Lieder vom Schicksal Hamburgs Hannovers, von dem
+feinen mißglückten Plan mit Zimbo, der märkischer Konsul
+geworden war. Brandstifter schlichen zwischen die Häuserreihen.
+Die fremden Belgier hatten so listige rohe Menschen
+noch nicht gesehen. Man war in einem lautlosen von Woche
+zu Woche sich steigernden Krieg.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">amals</span> trugen die friedlichen Schlangen eine Fabel mit sich
+herum. Es gab ein fernes Land, das unter warmem Himmel
+mit fruchtbaren Bäumen in tiefster Ruhe lag. Die Menschen
+glänzten und verblichen wie Sonnenstrahlen. In diesem Land
+lebte ein großes sanftes Tier. Dicht und schwarz war es von
+einem Pelz umhüllt. Es lagerte träge, ein Bär, in seiner Höhle.
+Da drangen Ungetüme mit Wut, Wagen Waffen Geräte hinter
+sich, in das Land. Mit Keulen und Beilen schlugen die Ungetüme
+auf das träge sanfte Tier. Sein Fell war so dick, daß
+er nicht einmal knurrte. Man stieß es und zwickte es mit feurigen
+Zangen: es zitterte, hob sich auf. Als man die Höhle um den
+Bären zum Einsturz brachte, machte er sich auf die Wanderung.
+Schleppte sich davon. An ein brausendes großes Wasser kam er.
+Da konnten die wütenden Verfolger nicht nach. Das Tier war
+fast blind, die scharfe Seeluft hatte es geschnuppert, warf sich
+aufs Wasser, schwamm. Schwamm, bis es Klippen berührte
+und gegen eine Insel stieß.
+</p>
+
+<p>
+Und wie es in der Schlucht lag, fingen über ihm die Felsen zu
+wanken an. Blöcke polterten in die Schlucht. Der Bär kroch
+hoch, kroch herum, duckte sich, wußte nicht was war. Die fremden
+Ungetüme hatten die Ameisen bestochen den Sand von dem
+Berg zu schleppen, die Felsen zu untergraben. Ein junges
+Wiesel schlüpfte zwischen den Trümmern auf, lief dem Bär
+voraus. Der Bär hielt den zappelnden Schwanz des Tierchens
+zwischen den Lippen, das Wiesel kroch ans Meer, setzte sich
+steuernd auf den Rücken des Bären. Der schwamm, schwamm.
+Bäume sah das Wiesel, eine neue Insel tauchte auf. Sie gruben
+sich zwischen Schilf in die nasse Ufererde ein. Am Abend
+dampfte es um sie, die Erde fing an warm zu werden, von
+<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
+Stunde zu Stunde blies heißere Luft herunter. Das Wiesel
+zuckte, warf sich quiekend um das große schwarze Tier. Das
+schnappte lechzte stöhnte beengt. Die Ungetüme waren zum
+Himmel aufgestiegen, hatten sich mit Leitern und Haken der
+gewaltigen Sonne bemächtigt, sie gezwungen, die Insel zu erhitzen.
+Die schmolz schon dahin. In einem feurigen Brei lag
+der Bär. Mit trockenem Rachen, nach Luft beißend, schob er
+sich hoch. Sein Fell flammte. Er brach die Grube auf. Sprang
+und rannte. Wo war das Wasser, das Wasser. Das Wiesel
+lief nicht mit, der Bär hatte es nicht retten können, hatte es
+selbst von seinem Rücken in die Glut aufgeschleudert. Brüllend
+trieb er vorwärts, drehte sich, stand auf den Hinterbeinen vor
+Schmerz. Die Glut hetzte ihn. Der kalte Wind fuhr an. Da
+war der Wind. In das Meer stürzte das große Tier von einem
+Felsen. Winselte im Fall, wollte nicht mehr schwimmen, wollte
+hinuntertauchen auf den Meeresgrund, ertrinken.
+</p>
+
+<p>
+Ein grüner Wassergeist sprudelte auf, wie er das Meer berührte.
+Bespritzte sein Fell. Die Schmerzen des Bären ließen
+nach. „Ich will dir zeigen“ sang der Wassergeist, „wohin du
+schwimmen sollst. Du kannst allein hinfinden. Du mußt weiter
+schwimmen, nach Norden, wo es eiskalt ist, wo kein Sand ist,
+wo auch nichts wächst. Wo die Sonne nicht scheint und immer
+Nacht ist, dahin mußt du schwimmen.“ Der Bär grunzte müde
+und lahm. Er lag auf dem Wasser, ließ sich treiben. Sein
+schwarzer dicker Pelz wuchs wieder, wie ihn die Wellen trugen
+Woche auf Woche. Es war finster vor seinen halbblinden Augen.
+Jetzt spürte er manchmal eine leichte Helligkeit. Er schwamm
+ihr nach. Vom weißen unermeßlichen Eis ging die Helligkeit
+aus. Er stieg aus dem Meer, schüttelte sich. Trottete, den Kopf
+abwärts, über die Eisplatte, vor eine Grotte, die eben zufror.
+Da kroch er hinein, legte sich. Er lag völlig ruhig. Keinen
+Schritt kam er über das Eis. Nur wenn er Hunger hat, bricht
+er ein Loch in die Grotte, fängt sich Fische auf dem Meer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Siedler trugen das Märchen herum. Es mochte mit dem
+bewunderten Zug der Stadtflüchtigen Amerikas nach Labrador,
+<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
+an die kalte Hudsonbai zusammenhängen. Sie wollten fort
+von den Stadtschaften. Krieger griffen London an, andere
+Siedler suchten sie zu hindern. Die Furcht vor einer zerstörenden
+Entladung der Stadtschaft wuchs. Währenddessen trieb sich
+Delvil, bitter, ratlos, auf den Chittern-Hills herum. Die Sehnsucht,
+der angstgetriebene Wunsch nach einer Ferne, Fremde
+war allgemein. Diese Menschen ernst, sanft, viele krank und
+entstellt, stumme Arbeiter, fröhliche Beter. Von Marduk sprachen
+sie zueinander, aber nicht von dem gefährlichen Konsul;
+nur von seinem Ringen mit der armen hilflosen Balladeuse,
+von seiner Freundschaft mit dem weißen Jonathan, und der
+Liebe zu der süßen rettenden Elina.
+</p>
+
+<p>
+Eines Mittags, wie Delvil aus dem verschneiten Bedford aufbrach,
+um in die Stadt zurückzukehren, lief eine weiße Katze im
+Sonnenschein vor seinen Füßen. Lief den Feldweg hin und her,
+im Blitzen des Lichts, saß leckte sich das Fell. Sie mußte sich
+verlaufen haben. Oft verschwand sie, dann kehrte sie zu ihm
+mit langen Sätzen zurück. Sie schnurrte putzte sich am Boden zu
+seinen Füßen. Es zuckte in ihm auf. Seine Augen weiteten sich.
+Ein Frost lief über ihn. Man mußte die Menschen wegführen,
+wo sie Ruhe hatten. Man mußte sie weit weg in Sicherheit bringen.
+Mit einmal dachte es so in ihm. Die weiße Katze saß auf seinem
+Stiefel. Er stand still, bückte sich zögernd herunter, strich über
+ihr Fell. Sie krümmte den Buckel hoch, blieb ruhig. Vorsichtig
+richtete er sich auf. Sie huschte davon. Er schleifte ihr nach.
+Man mußte die Menschen in eine ferne Sicherheit bringen.
+</p>
+
+<p>
+In London sprach er es aus. Man verstand ihn schwer; was
+sollte man mit lächerlich humanitären Gedanken, während man
+bedroht war. Nur Pember, der schwere, achtete auf. In Brüssel
+hörten sie ruhiger zu. Man konnte die Städte von den Neuerern
+befreien. Man konnte den Städten ein Abflußbassin verschaffen.
+Ein sehr entlegenes Abflußbassin, ein Land für Deportationen.
+Delvil hatte volle Sicherheit; seine Krise hatte er
+in Bedford überwunden. Er zeigte den Belgiern: die Stadtschaften
+verlangten nach Bewegung Aufschwung. Von der Beseitigung
+der Unruhe, der Bedrohung zu schweigen. Sie könnten
+jetzt ihre Kraft zeigen. Anders als im Uralischen Krieg. Das
+<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
+Land, das fern von den westlichen Städten liegt und den Siedlern
+alle Ruhe gibt, sollten die Stadtschaften selbst schaffen. Es
+mußte ein Becken für neue kraftvolle Menschenrassen werden.
+Wohin also, zweifelten die Brüsseler. Delvil: Man könne sie
+nicht führen, wohin sie nicht wollten. Man müsse ihren Sinn
+ergründen. Es gäbe eine Fabel unter ihnen. „Der schwimmende
+Bär“ schmunzelten die Senatoren. Sie wollten, sie drängten
+nach Norden; dort müsse man ihnen ein großes Land schaffen.
+Die Belgier blieben im Staunen. Es war ein Experiment, das
+der Londoner zeigte. Delvil war in Nöten. Sein Plan war
+kurios, aber nicht schlecht.
+</p>
+
+<p>
+Und der schlanke Mann brachte mehr Menschen in sein Netz.
+Er sprach erst von Rußland, das man den Siedlern geben sollte.
+Dann wurde er phantastischer, und nun wurde er allen, die ihm
+von den wegekundigen Fachleuten, den Kopf stützend, zuhörten,
+erregend. Er wies auf ein Land, das man an einer hochnördlichen
+Stelle des Stillen Ozeans westlich vom amerikanischen Kontinent
+aus dem Meer graben müßte. Es müsse ein neuer Erdteil
+geschaffen werden. Die Stadtreiche werfen dahin ihren Menschenüberfluß
+und ihr krankes Material ab. Die Belgier waren
+fasziniert: Einen Erdteil, ein ganzes Land aus dem Ozean
+graben; das war ein Plan. Er wirkte so stark, daß die Brüsseler,
+als sie die Sache verzaubert unter sich erörterten, Kontinentale
+aus anderen Stadtreichen herbeiriefen. Wollten die der Wirkung
+dieses kolossalen Einfalls aussetzen. Und auch hier Staunen Erregung
+Blendung.
+</p>
+
+<p>
+Zu den Siedlern auf dem Kontinent, den britischen Inseln
+lief das unglaubliche Gerücht, von Brüssel her verbreitet. Wie
+die Siedler erschraken. Das war der Angriff; es war die Art,
+wie die Senate sich den Frieden dachten. Aber dann sah
+man: Sie wollten die Siedler schonen. Man würde bewahrt
+werden vor ihren Waffen. Man konnte ausgerottet werden;
+die Stadtreiche dachten an Siedlung. Die grausamen Senate
+suchten die Gedanken der Neuerer selbst zu denken. Es war ein
+Nachgeben, Erweichen der Senate.
+</p>
+
+<p>
+Noch ehe Bestimmtes bekannt wurde, schliefen die Überfälle
+auf die Londoner Außenstädte ein. Und über die Stadtreiche
+<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
+legte sich ein Bann. Man wurde träge mit der Waffenherstellung,
+der Ausdehnung, dem Aufbau alter Fabriken. Wartete
+auf etwas Neues Geheimnisvolles. Man spannte sich. Ein
+eigentümliches Hin und Her zwischen den friedlichen Zentren
+den Stadtschaften und den weiteren Siedlungen, begann. Man
+trat fragend zueinander. Erregt horchten die nomadenhaft
+Wandernden. Die träumende Erzählung der Schlangen von
+dem Tier in der fernen Eishöhle wehte über die britischen Inseln
+nach dem Kontinent. Die Senate sannen. Sie fühlten, eine
+glückliche, ja wunderbare Lösung gefunden zu haben. Man
+stand an einem Wendepunkt. Das Siechtum der nachuralischen
+Zeit würde beendet werden.
+</p>
+
+<p>
+Man war noch im ungewissen über Einzelheiten des neuen
+Plans. Als eines Tages bei einer Beratung zu London das
+Wort Grönland fiel und augenblicklich die Seelen bezwang. Der
+Schleier war gefallen. Das Zauberland. Wer das Wort ausgesprochen
+hatte, war bald vergessen. Delvil hatte es im Moment
+ergriffen, als erster die Fahne geschwungen. Er war vom
+Augenblick an, wo bei Bedford das weiße verirrte Kätzchen vor
+ihm sprang und ihn erlöst hatte, der entschlossenste von allen.
+Er sprach zu den aktionsgierigen Gruppen seines Senats: man
+wisse nun, dies werde das Ziel sein. Man werde es erforschen.
+Man werde einen langen Anlauf dahin nehmen müssen. Das
+Ziel sei da, für die Senate und die Feinde der Städte. Der
+Federball sei auf den Boden geworfen, er werde springen. Der
+Völkerkreis würde auf neuer Grundlage entstehen. Der Glanz
+einer heldenhaften Arbeit werde sie vereinen. Die Städte
+würden den Erdteil Grönland schaffen. Man werde sehen, was
+der neuerstarkte Menschengeist leisten könne. Seine ursprüngliche
+Glorie würde der in den Stadtschaften eingekrustete
+Menschengeist beweisen. Nie hätte er es dringender nötig
+gehabt, sie zu beweisen. Aber von dem, was jetzt geschehen
+würde, würden Jahrtausende sprechen. In Hader hätten alle
+Menschen seit dem Uralischen Krieg gelegen. Ihre Kräfte
+seien inzwischen, das wisse er, nicht verkümmert, nur geschwiegen
+hätten sie. Sie würden auf eine nie geahnte Art den
+Mund öffnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
+Und über die Siedler ergoß sich Frieden. Wenig mißtönende
+warnende höhnende Stimmen; sie wurden unterdrückt. Das
+Lachen der Krieger: man hätte Land genug. White Baker erschien
+in London bei Delvil; sie war erregt. Faßte den Mann
+bei den Schultern: „Was wollt Ihr tun? Das Meer ablassen,
+die Gletscher zertrümmern? Ich trau’ es Euch zu. Es ist entsetzlich.
+Wer drängt Euch dazu? Doch nicht wir! Wir sind es
+nicht, Delvil, sag nein.“ „Es geschieht für Euch.“
+</p>
+
+<p>
+Sie rang die Arme: „Sag nein. Beim Himmel, bei der Erde,
+Delvil, sag nein. Es ist entsetzlich. Laß die Erde ruhen. Sieh
+doch an, was habt Ihr schon –, ich mit –, an den Menschen
+getan. Wie sehen sie aus, wie gehen sie zugrunde. Wie geht
+Ihr zugrunde. Was habt Ihr im Krieg in Rußland getan.“
+„Es ist nicht dasselbe.“ „Dasselbe, Delvil. Es ist abscheulich,
+grausig, was Ihr vorhabt. Tut es nicht, rede es ihnen aus.
+Nicht für uns.“ Delvil finster: „Es gibt nichts anderes. White
+Baker, du weißt nichts. Es gibt nur: zurück zu Euch oder der
+neue Plan.“ „So schlag doch zu. Töte doch alle. Glaubst du,
+du rettest – Euch damit?“ „Uns?“ „Ja, es ist nur für Euch,
+was Ihr plant! Uns nennt Ihr nur. Wir wollen Euch gar
+nicht. Wir brauchen Euch nicht. Und es nützt Euch doch nichts.“
+Delvil zog sich murmelnd mit hängendem Kopf von ihr zurück:
+„Ich dachte, du würdest anders zu mir sprechen.“ „Du sollst
+uns töten. Greif Zimbo und Alaska an. Ihr könnt es doch.“
+„Still, White Baker.“ „Ihr seid erbärmlich. Ihr wollt Euch
+unter zehntausend Pyramiden begraben. Wären die Städte
+schon weg.“
+</p>
+
+<p>
+Leise Delvil: „Geh. Geh.“
+</p>
+
+<p>
+Unter der starken Herrschaft des schwarzen Zimbo stand das
+märkisch-norddeutsche Land. Nie war hier Bangigkeit gewesen.
+Von rohen Menschen war das große Gebiet erfüllt, längst kannte
+man keine Mekispeisen mehr. Mit Verwunderung und Verachtung
+vernahmen sie hier von den Träumen der britischen
+Siedler, der Sehnsucht nach dem fernen Paradies, hörten die
+sonderbare Fabel. Die fremden herrschsüchtigen Senate sahen
+sie sich straffen. Sie spitzten die Ohren, warnten die Horden auf
+den britischen Inseln, rieten ihnen zum Krieg. Unbemerkt von
+<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
+London trat Zimbo, in dem die Wut kochte, bei Bedford im
+Frühjahr selbst vor White Baker und Diuwa, die Führerin der
+Schlangen. Fragte vorher nach Männern; man wies ihn an
+diese Frauen. Grollend mußte er mit ihnen verhandeln. White
+Baker weinte bei der Besprechung, aber sie waren zu nichts
+bereit. Sie zeigten auf die furchtbare Stärke der Belgier, auf die
+bewiesene grausame Entschlossenheit und ihre eigene Hilflosigkeit.
+Ob man es auf einen ganz aussichtslosen Waffenkampf ankommen
+lassen sollte. Zimbo brüllte: „Ja ja“; die Senate
+würden unterliegen; sie seien schon erlegen in Amerika, da
+liefen sie den Stadtflüchtigen nach. Man müsse sie unterwühlen,
+zuletzt erliegen sie hier auch. Und immer dieselbe
+bettelnde Entgegnung: „Wir sind nicht stark genug, wir sind
+keine Krieger. Nur Schwache Kranke sind bei uns. Es braucht
+Jahrzehnte, bis wir uns bewegen können.“
+</p>
+
+<p>
+Mit Abscheu sah Zimbo, wie er sich von den trüben Frauen
+trennte, daß sie recht hatten. Er überlegte, ob er einige seiner
+tapferen Freunde hier einsetzen sollte. Aber wie er das sanftmütige
+hingegebene Gebaren in den Gruppen beobachtete, zog
+er sich angewidert zurück. Diese Menschen mußten durch eine
+harte Schule gehen. Die Herrschaft eines Marke und Marduk
+war ihnen erst nötig. Er flog nach Hamburg. So stark war
+damals das märkisch-norddeutsche Land, so verändert die Bevölkerung,
+daß nur noch Zimbo und seine Gehilfen westliche
+Waffen um sich hatten. Das Volk war rüstig kriegerisch gefürchtet.
+Was sie nicht in Schmiede und Zimmerwerkstätten
+mit der Hand und dem Feuer hervorbrachten, verachteten sie.
+Zimbo ließ alle aufklären über die drohenden Gefahren. Keinen
+Schrecken sah er. Die jetzt nicht mehr brüllenden metallenen
+Stiersäulen wurden mit frischem Laub bekränzt. Vor der
+Steinnische, in der angekleidet der Leib des großen weißgesichtigen
+Konsul Marduk mit einem Holzszepter saß, wurden
+bunte Wimpel aufgezogen. Zimbo selbst legte unauffällig
+zwischen den einsinkenden Stadtresten von Hamburg und Hannover
+Waffenlager an.
+</p>
+
+<p>
+Die Massen der westlichen Erdteile horchten auf. Die Fahrt
+nach Grönland sollte beginnen. Im Norden lag das große
+<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
+ruhige Land, der neue Kontinent, der für sie aus dem Eis, dem
+triefenden Ozean, der schweren Nacht gehoben wurde. Friedlich
+würden sie dorthin ziehen erstarken genesen. Die Herren,
+die Gewaltigen der Apparate, ließen von ihnen. Ungestört
+würden sie sich über die weichen aufgetauchten Bodenflächen
+bewegen, unter aufsprießenden Bäumen Pflanzen, zwischen
+Tieren, flatternden Vögeln, das Licht der alten Gestirne vom
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadtschaften trafen ihre ersten Vorkehrungen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-7">
+<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
+<span class="line1">Sechstes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Island</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Plan der Enteisung Grönlands wirkte wie ein Bergsturz
+erschütternd auf die Städter. Ein an Grausen grenzendes
+Staunen warf die Gedanken um. Ingenieure Physiker vertieften
+sich in den Plan. Die Senate nahmen überall vollzählig an den
+Erörterungen teil. Man hatte das Gefühl vor einer Entscheidung
+der ganzen Existenz zu stehen. Die Senate spannten sich, waren
+auf der Hut, wie bei der Freigabe der synthetischen Ernährung.
+</p>
+
+<p>
+Die Fachleute hatten vor, die beispiellose Gewalt der schmelzenden
+Gletscher für sich arbeiten zu lassen. Sie griffen weiter
+aus; man wollte bei der Enteisung Grönlands nicht stehen
+bleiben, sondern eine klimatische Änderung der ganzen nördlichen
+Halbkugel herbeiführen. Man mußte im Verlauf der
+grönländischen Affäre zu ungewöhnlichen ausgedehnten Heizmaßnahmen
+greifen; es lag kein Grund vor, sie auf Grönland
+zu lokalisieren. Man konnte die Attacken ausdehnen auf die
+Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <a id="corr-19"></a>Nowaja Semlja
+Baffinland Grantland, den Perryinseln. Delvils physikalischer und
+hydrographischer Berater, Escoyez, ein aus Spanien gebürtiger
+Mann mit berberischem Einschlag, ein halbes Wasserwesen, der
+in selbstkonstruierten Gehäusen abenteuerliche ozeanische Tiefen
+durchsuchte, schlug eine Änderung im Salzgehalt der atlantischen
+Gewässer vor. Er hatte die Golfstromdrift an der englischen und
+skandinavischen Küste studiert. Er meinte: der warme Golfstrom
+ist reicher an Salz als das Meereswasser, das er durchfließt.
+Die treibende Kraft der Golfstromdrift selbst ist der Wechsel der
+Jahreszeiten: die sommerliche Wärme dehnt das Salzwasser
+aus, schwemmt es, gießt es über das kalte. Das ist alles, das
+ist die Drift. Salzwasser reißt aber Salzwasser, eine Zähigkeit
+die andere mit. Man möge die warme Wassermenge, die vom
+Äquator dem Norden zuströmt, vermehren, indem man das
+<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
+große ozeanische Flußbett selbst mit Salz anreichert und zwar
+vom Boden aus. Die Meeresböden in der Nachbarschaft der
+großen Drift werden in weiten Abständen aufgesprengt, das
+hochgehende Gestein zertrümmert. Der Auslaugungsstoff,
+Chlornatrium Magnesium Magnesiumsulfat schwefelsaurer
+Kalk Chlorkalium kohlensaurer Kalk, geht in das Wasser über.
+Man hat das Bett des Golfstroms durch solche salzspürende
+Sprengungen systematisch zu erweitern, von den Küsten Kubas
+Floridas Neufundlands an. Der sommerliche Andrang, die
+Überschwemmung mit warmem salzreichen Wasser, die Transgression,
+das benachbarte Salzwasser mitreißend, wird an Umfang
+verzehnfacht, wird sich weit über die Nordsee und Neufundland
+erstrecken. Escoyez, das zähe braune Wasserwesen, erklärte:
+man hätte eigentlich nur nötig, den äquatorialen Kochtopf
+zu vergrößern. Wenn die Leutchen in Grönland bis jetzt
+frieren und auf Spitzbergen kalte Nasen hätten, so dürften sie
+sich darüber nicht wundern. Wer glaubt, die Natur ließe den
+Menschen gebratene Krammetsvögel in den Mund fliegen, irre
+sich. Freilich zeuge es im Grunde nur von der fürchterlichen
+Stupidität des Menschen, daß er sich mit Klima und anderen
+irdischen Dingen wie mit göttlichen Verordnungen abfinde. Es
+gibt auch eine göttliche Verordnung, daß man verhungert, wenn
+man sich sein Brot nicht holt. Es gibt auch eine göttliche Verordnung,
+daß man seinen Verstand gebraucht. Wie man sich bettet,
+so liegt man. Der Spottvogel meinte: das gelte auch vom Fluß
+in seinem Bett. Aber nur bis jetzt. Man kann göttliche Verordnung
+beim Flußbett des Golfstroms spielen. Der Golfstrom
+werde nicht schlauer sein als die Menschen. Man streut ihm
+Salz auf den Schwanz, und dann kommt er schon und macht
+piep. Hinter den Scherzen Escoyez’ stand kalter Ernst. Man
+ließ ihn und seine Mitarbeiter Karten entwerfen, Schürfungen
+vornehmen. Vor allem, man ließ ihn das bezaubernde Gerücht
+von der Veränderung des nördlichen Klimas verbreiten.
+</p>
+
+<p>
+Die Augen anderer Männer hingen an Grönland, an den
+niedergehenden Gletschern. Ihnen war gleichgültig, was aus
+dem neuen Erdteil wurde und was von dem ganzen Plan
+gelang. Sie dachten nur daran, wie sie die entbundenen
+<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
+Gewalten angreifen sollten. Die Gewalten, die sie sich gar nicht
+ungeheuer genug vorstellen konnten. Sie stellten Rechnungen
+an über Umfang und Gewicht der niedergehenden Gletscher,
+der zu Tal steigenden Lawinen, über ihren Inhalt an drängender
+Wassermasse. Die rasch ins Meer stürzende Menge mußte ein
+abenteuerliches Gefälle, ein noch unausdenkbares Triebwerk
+darstellen. Techniker der Kraft warfen sich über Pläne zur Ausnützung
+der grönländischen Gefälle. Sie erregten den Kreis
+der Senate leidenschaftlich. Man kannte Lawinen, Lawinenstücke,
+die niedergehend durch den bloßen Luftdruck starke
+Wälder umbrachen. Hier sollte im Umfang eines Erdteils, der
+Australien gleichkam, zu etwa gleicher Zeit ein Lawinenfeld
+niedergerissen werden, wie es kein Kontinent hatte. Das Gefälle
+durfte nicht verpuffen; es war absurd, Lawinen und ganze
+Meere unbezwungen in den Ozean stürzen zu lassen. Sie mußten
+gefaßt werden, ihre Kräfte hergeben. Es war gleichgültig für
+welche Zwecke sie sie hergaben. Niemand im Brüsseler Senat,
+dem der alte phlegmatische Danois aus der Gruppe der Krafttechniker
+berichtete, fragte danach. Niemand dachte an das Wogen
+und Träumen der Siedler. Gewiß war, daß man die ungeheuren
+Gefälle rings um den grönländischen Kontinent bezwingen
+mußte. Das Pferd durfte nicht aus der Wildnis jagen ohne gebändigt
+zu werden, mochte man auch Überfluß an Kräften haben.
+</p>
+
+<p>
+Ehe noch ein Plan durchgearbeitet war, fühlte man in den
+Stadtschaften den ängstlichen Drang, alles von sich zu geben und
+über die benachbarten Völker hinzubreiten. Es war wie eine
+Sicherung, ein Verlangen sich anzuschließen, ein hinsinkendes
+Gefühl: wir wollen nicht allein sein. Über die Stadtschaften der
+nördlichen Kontinente flitzten Agenten der Senate; heftiges
+immer wiederholendes Erzählen Berichten Ausmalen Hin-
+und Herhorchen. Überall leuchteten Augen auf. In Algerien
+lösten sich aus der Landschaft um Konstantin und südlich des
+Atlasgebirges vom Gestade des Schottdjerid magnetisch gezogene
+arabische Scharen, zogen nach dem Norden. Aus Sizilien,
+aus der noch wimmelnden Stadt Raha südlich der saharischen
+See am Niger stiegen dunkle Gandus auf; mit ihren
+Flugwagen durchschnitten sie die Luft, ließen sich in London
+<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
+nieder. Ein Zucken ging durch sie, wie sie sich niederließen,
+genauer hörten, was geplant wurde.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> der schottischen Nordküste zackten übersprühte wüste
+Steininseln aus einem tobenden Meer: dort war der Sammelplatz
+der Schiffe Maschinen Menschen. In London Brüssel
+zentrierten sich die Ingenieure Mathematiker Physiker Geologen
+und ihre Gehilfen. Sie wehten immer von neuem Pläne
+über die Menschen, lockten erregten. Alle sahen die Erscheinung
+Grönlands, des Erdteils, der hinter Meeresbergen stand. Die
+Meeresberge waren niederzuwerfen wie Quadern einer Burg.
+Grönland war eine verwunschene Prinzessin, von Drachen umgeben.
+Die Berge sanken; etwas Stolzes, ein Fabelbild würde
+sichtbar werden. Niederbrechen von Eis auf tausenden Quadratmeilen,
+Auftauchen einer alten verhüllten Erde.
+</p>
+
+<p>
+Schon begannen im Frühjahr die ersten vorbereitenden
+Arbeiten, die auch den letzten Teil des kommenden großen
+Kampfes bedachten. Sie fingen an, in Talsenken von Wales,
+im Flachland bei dem belgischen Nivelle Fabriken anzulegen, in
+denen sie Kraftspeicher bauten für die elektrischen und neustrahligen
+Kräfte, die aus dem niedergehenden Eisland zu gewinnen
+waren. Käfige für Vögel, die gefangen werden sollten;
+Riesennetze; die Schmetterlinge sollten vom Ozean herübergejagt
+werden; Europa und die Hitze würden über sie kommen.
+In die lehmige holländische Erde gruben sie Wälle Dünen
+Betonkanäle, als hätte man vor, für Untiere Fallen zu bereiten.
+Sprengten an der Irischen See in den Berwynbergen
+dem Deefluß folgend Gänge Höhlen, kilometerlange unterirdische
+Läufe in die Felsen zur Aufnahme der Unwesen, die
+man fesseln wollte. Wie Garben auf dem Felde wuchsen Gebäude
+in Chester Stafford Dembigh. Zwischen den Siedlungen
+der Stadtflüchtigen zogen sie sich hin, die sie mit Blättern
+Steinen geheimnisvollen Sprüchen schmückten. Im Brabanter
+Tiefland, an der wühlenden Maas, neben dem feuchten Flußbett
+des breiten wasserwälzenden Rheins wurden versenkte Gewölbe,
+flache Anlagen errichtet.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
+Zu einer Hochzeit bereitete man sich. Man warf sich in
+Plänen. Die lange düster enthaltsame Zeit hatte eine Unmasse
+Erfindungen reif gemacht. Das Einfache umging man; Kräfte
+wollten sich zeigen; man machte Proben auf die Dinge, die
+man vorhatte. In den Stadtschaften erinnerten sie sich des
+Märchens vom ägyptischen Pharao: sieben Kühe magere Jahre,
+sieben Kühe fette Jahre. Es galt Vorratshäuser für eine endlose
+Zeit zu bauen. Neue Kräfte würde man finden. Jetzt
+würde das menschliche Vermögen entbunden werden, sich
+unerhört über die Erde tummeln und die Arme wiegen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> atlantische Wasser schwemmte zwischen den langgezogenen
+Küsten Amerikas und denen der östlichen Kontinente. In
+die ungeheure Spalte zwischen den auseinandergezerrten Erden
+warf es seine flüssigen Massen. Die Gneisgebirge von Kanada
+und Labrador jenseits waren gelöst von den schottischen Bergen.
+Zerfetzt zerbröckelt standen die Inseln an der schottischen Spitze,
+Shetland und Orkney. Hundert Inseln die Shetlands. Sie
+stiegen aus dem bleiernen rollenden Wasser auf der unterseeischen
+Scholle auf, die die irische Erde, das gebirgebestandene englische
+Hochland, die Ebenen des Südens trug. Nach den Shetlands
+nahmen die Schiffe der westlichen Stadtreiche ihren Kurs. Am
+sechzigsten Breitengrad in den Buchten des Mainlandes legten
+sie an. Immer neue Fahrzeuge liefen ein. Hohe Flut rollte
+über die spitzen Schären. Die Ebbe entblößte die Tausende
+schwarzen Klippeninseln, die ihre Zähne, ihr Steingebiß zeigten.
+Dann begrub sie das anspielende anwankende türmende überkippende
+überprasselnde Wasser, Gischt über sie wehend. Über
+den stein- und muschelrollenden Strand, die wilden Felsstapel
+der Ufer warf sich die Brandung. Es war eine Haarsträhne des
+Meers, das draußen seine Brust zeigte, sich zur finsteren Erde
+niederbuckelte. Klirrend schlug das Wasser mit Steinschotter
+gegen das entblößte Land, wusch rieb knirschte wühlte mahlte.
+Es zermürbte die Vorsprünge Kanten Ecken Zungen, um
+draußen im Freien sich huldvoll zu wiegen, hin und her,
+Ozean, breites hundertmeiliges atlantisches Wasser, schwarzes
+<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
+festverbundenes Wesen, in sich vergittert wellenüberlaufen sich
+hebend. Am Rand der kleinen Klippen Inseln Festländer nahm
+es sich hundert Meter Tiefe zum Hinwogen und Wühlen, dann
+stieg es tausende Meter in das Lichtlose herab, hing an den
+Rändern der Steinsockel der Erde herunter, gleichmäßiges rieselndes
+schiebendes Wasser, vom dünnen Wind überzogen gekräuselt
+gedrängt, von fliegenden pfeifenden Tieren überflattert, von
+Fahrzeugen geritzt, von Schrauben Rudern Rädern gestreichelt.
+Menschen über seinem Rücken. Mit der Luft war es im Gespräch.
+Donner und Heulen um Riffe, Wirbeln um Schiffe.
+Drohendes Murren Rollen Strudeln Gurgeln Klatschen Schlingen
+Schlenkern Bersten Zerknattern Zerschellen loderndes Zerknallen
+unter der wolkenverhüllten Sonne, Plätschern Peitschen
+Schwingen an der Sonne, Aufheben in die Wärme, Aufdunsten
+Schmelzen wolkiges Vergehen an der weißen hochstrahlenden
+Sonne.
+</p>
+
+<p>
+An einem Maitage gab Kylin, ein Mann, der an den skandinavischen
+Fjorden aufgewachsen war, das grüne Lichtzeichen
+vom Hauptmaste seines hohen Schiffes. Da ließen die zweihundert
+ersten Fahrzeuge den sechzigsten Meridian, die steilen
+Abhänge des Simburg Haad. Nach einer Stunde verschwand
+der Gipfel des Rona auf Mainland. Das Surren und Schwirren
+der letzten Vogelberge verklang. Hinter ihnen lagen Munkle
+Roon und Toul, die zackigen Inseln Yell Haskosea Samphyra
+Fellar Uya Umst.
+</p>
+
+<p>
+Eingehüllt waren sie, schwebend auf zweihundert Schiffen,
+Boden aus Holz und Stahl, in das sanfte Sausen des Windes.
+Plätschern klang herauf. Murren aus der Ferne.
+</p>
+
+<p>
+Eingehüllt, eingerundet waren sie. Oben schoben sich dünne
+flattrige Wolkenbänke. Die weiße mit Blitzen im Wasserspiegel
+aufgefangene Sonne. Im Flinkern Glitzen Scheinen schwebten
+sie.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">echzig</span> Kilometer Sauerstoff-Stickstoffwellen, Meilen Wasserstoff
+wirbelte der Erdball durch den schwarzen kraftdurchfluteten
+hauchfeinen Äther. Der höchste Saum der gasigen Masse
+<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
+schlierte, verlor sich wie Dunst einer Fackel. Kein Ohr hörte das
+Schlürfen Schleifen, das seidig volle Wehen an dem fernen
+Saum. Geschüttelt wurde die Luft im Rollen und Stürzen der
+Kugel, die sie mitschleppte. Lag gedreht an der Erde, schmiegte
+sich gedrückt dem rasenden Körper an, wehte hinter ihm wie ein
+aufgelöster Zopf.
+</p>
+
+<p>
+Der Unband von Feuer, die einäschernde Hölle alles Kriechenden
+Fliegenden Hüpfenden, die Sonne in abenteuerlicher Ferne
+durch den eisigen Äther hin. Das weiße wallende Flammenmeer.
+Durch die Wolkenbänke flimmerte es, wärmte. Das
+feuertosende weiße Flammenchaos stand wie eine brennende
+Stadt in der Ferne still, Brand, der nicht ausbrannte. Die Erde
+zog um das Chaos herum. Gasmassen, sternenweit dunstend,
+strahlend, warf die kochende Sonne von sich, zog sie wieder an.
+Eine klirrende Geistererscheinung stand sie, in der Finsternis,
+die von ihr abwich, geballt andrang. Metalle brannten in ihrem
+Leib, metallene Wolken fielen auf sie zurück, Zink Eisen Nickel
+Kobalt, die sich durch die Gesteine der erstarrten Erde zogen,
+Barium Natrium. In Schlacken fielen sie zurück. Fackeln
+brunsteten auf; im Wirbel wurden sie aus dem Flammenmeer
+herausgekehlt, gestoßen in den vibrierenden Äther, glühender
+Wasserstoff. Siebzigtausend Meilen erhob er sich. Der Sonnenleib
+spritzte nicht, wenn die Güsse in ihn zurückschossen, wiederschmelzend
+aufglühend. Wie ein Ährenfeld unter dem Regen
+beulten sich die empfangenden stehenden Flammen, strafften
+sich. Kein Donnern ging von den Urgewalten aus. Kein Bergsturz
+und Orkan bringt solch Geräusch hervor wie die lebend hinziehende
+Sonne. Das rasende Flammenmeer, gleichmäßig brodelnd
+und siedend, explodierend und Garben werfend, – bei
+seiner Annäherung würden die Planeten veraschen und verdunsten,
+– mit seinem Tönen verschlang es jedes ferne und nahe
+Geräusch. Dies millionenfach gesteigerte Zischen und Zirpen
+von Zikaden. Dieses Zwitschern der Metalle. Dazwischen das
+nie verhallende Klatschen Trommelwirbeln, das sich rasselnd
+über erdweite Glutmassen fortpflanzte und hinter allem Gebrüll
+lagerte. Strontium, das hell purpurrote, Magnesium, gequetscht
+unter den schweren Gebirgen der Erde, Gluthauch neben
+<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
+Gluthauch, frei blühend und lodernd die Urwesen Helium Mangan
+Kalzium, leuchtend weiß blendend in Lichtern, für die keine
+Augen sind, unter denen die Farben auslöschen. Strahlend
+gasend das hunderttönig zwitschernde Feuermeer, die fackelschleudernde
+Urwelt im Äther.
+</p>
+
+<p>
+Fern von den Wallungen Stürzen Strömungen Bränden
+der Sonne die kleine graue Erde. Wie ein Wiesel über das Feld
+lief sie. Von Dünsten, nassen Dämpfen war sie umgittert, von
+einer Schlackenkruste ihre Glut umfaßt, von Meeren Flüssen
+Eis belagert. Keine Wolken der glühenden Metalle prasselten,
+von ihrer Wildheit geprescht, auf sie nieder. So wie ein Glaser
+den Kitt mit Gewalt auf das Holz und das Glas drückt und sie
+halten fest, wie eine Faust den Schnee ballt, zwischen gekrümmten
+Fingern und Handteller umschließt, zu einem harten Ball
+preßt, der Schnee flattert nicht mehr: so war die Erde verglühend,
+sich hilflos abstrahlend von dem Äthereis angefaßt, gab
+knirschend nach. Im Innern das Sieden und Glühen; der Leib
+unter Aschen verfestigt.
+</p>
+
+<p>
+Dies ist die Erde. Die leuchtende brennende Urwelt geht über
+ihr auf und unter. Ein welliger Mantel aus Gesteinen bedeckt
+ihren Rumpf. Tausend Meter tief und tausend hoch geht das
+Gestein. Kontinente und Inseln strecken Gebirge Ebenen Steppen
+Wüsten aus. Das Wasser bricht in Quellen aus den Bergen.
+Meere überfluten die Talmulden. Schwer schwimmen Gebirge
+Gneis Schiefer auf der schmelzflüssigen glühheißen Masse, die
+von Zeit zu Zeit die steinerne Kruste durchbricht, sie mit Stichflammen
+erweicht und hin und her wiegt.
+</p>
+
+<p>
+Breit besetzt der Leib Asiens die nördliche Hälfte der Erde, mit
+einhundertvierundsechzig Längengraden und siebenundachtzig
+Breitengraden. Mit Gondwana, Angara, der Scholle Chinas
+hat es sich über den Spiegel der großen Ozeane erhoben, seine
+Seen ließ es versickern. Sein Rückgrat ist der Altai, das Massiv
+des Himalaya vom Chingan nach Pamir, vom Karakorum bis
+Bhutan und zur Krümmung des Dihung. Die kaspische und
+uralische Senkung hat das Meer verlassen; sie saugt den Ural
+und die Wolga an, schlammt sich mit ihnen voll. Gletscher bedecken
+den Kuenlun. Umrandet von den Schneegebirgen sind
+<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
+die östlichen Sandwüsten, das Tibet der Jaks, die grünen Hügel
+und Lößflächen Chinas, mandschurische Wiesen. Das steile Gebirge
+stürzt nach Süden zu den sumpffeuchten Ebenen Hindostans
+ab, zum warmen bengalischen Boden. Blühende Gestade
+Indiens, Reisfluren, Felder des Zuckerrohres, Sago und
+Kokospalmen. Die Sumpfwaldungen, der Sunderban, das
+Tarai durchlaufen von den bunten Königstigern, langohrigen
+Elefanten, vierhändigen Gibbons. Flüsse auf Flüsse nach Norden
+ins Eismeer durch die sibirischen Grasflächen, morastige Tundren
+frierende Steppen. Bis zur Lena streift der langhaarige Panther
+von Kaschgar.
+</p>
+
+<p>
+Hängend am Massiv der Ostfeste das vielgliedrige kleine
+Europa. Die jungen aufragenden Alpen, Horste der alten Gebirge
+in Thrazien Korsika Spanien. Gesteinsdecken in die Höhe
+gepreßt, von Trümmern überwälzt. Versunkenes Land im
+Süden; eingestürzt das Mittelmeer in das klaffende Becken.
+</p>
+
+<p>
+Von Regengüssen Sonnenhitze wird Afrika belagert. Neunundzwanzig
+Millionen Quadratkilometer wächst der Boden hin,
+platt liegt die Tafel des Landes. Reis Durra Kaffee Mais
+feurige Gewürze schießen aus der Erde. Unverhüllt erheben sich
+die Massen des alten Granits und Glimmerschiefers, zieht sich
+eine Sandsteindecke hin. Unter dem Brand der Sonne zerfallen
+die Gesteine zu Schutt, zersetzen sich in Erde und Lehm, den das
+Eisen rot färbt. Der Tanganjika- und Njassasee füllen die Gruben
+des Hochlandes, Vulkanreihen besetzen die Ränder der Spalte.
+Zehn große Seen speisen den Kongo Niger Sambesi. Savannenflächen
+treiben ungeheure Hochgräser. Galeriewälder entlang
+den Ufern. Lemuriden und Affen, das zierliche Zebra, Okapi
+in den Wäldern. Die baumartige Staude der Banane treibt
+sechs Meter lange Blätter; scheidenartig umschließen sich die
+mächtigen Blätter; dicht gedrängt hängen die großen Beerenfrüchte
+herunter.
+</p>
+
+<p>
+Vom Kap Murchison bis Kap Horn auf Feuerland die amerikanische
+Westfeste. Eine hartgefaltete Gebirgsschwelle durchzieht
+den Kontinent von der Südspitze bis zum Mackenziefluß, eine
+Flachlandmulde vom Eismeer zum warmen Mexikanischen
+Golf. Mit fünf großen Seen vertieft sich das nördliche Land.
+<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
+Die Ebene durchwallt nach Süden der starke Mississippi, hinter
+sich her den Ohio von den Appalachen, den Missouri von den
+Kordilleren ziehend. Ihre Falten hat die starre Erdhaut im
+Westen aufgerollt; die Doppelkette der Gebirge begleitet wie
+eine Mauer im Westen den Ozean. Urwälder umgeben den
+Amazonenstrom; erst heißt er Tunguragua, dann Marañon.
+Die Erde gibt ihn aus dem Laurikochasee her; zweihundert
+Flüsse, schwarz und weiß von Kalk- und Eisenflächen hat er mitgenommen,
+bis er in den Ozean taucht.
+</p>
+
+<p>
+In den Meeren haben sich die Urwesen verfestigt, Wasserstoff
+und Sauerstoff. Sie überströmen den Ball, arktisches atlantisches
+pazifisches Gewässer. Wasser, gleichmäßig hinfließendes Gebilde,
+lastendes schwingendes Wesen, das spritzt dunstet, Wolken
+bildet, im Schnee weht, zitterndes Wesen vor den Flachküsten,
+dröhnende schwarz zottige Erscheinung der Orkane und
+Sturmfluten. Mit Salzen saugt es sich voll, Chlornatrium
+Magnesium Kalk, macht sich schwer, färbt milchweiß den Golf
+von Guinea, zimtfarben den Busen von Kalifornien, gelbbraun
+den Indischen Ozean. Warme und kalte Ströme durchwallen
+die Ozeane, farbige Bänder; Silbernebel erheben sich über
+ihnen, wo sie sich mischen.
+</p>
+
+<p>
+Die Urwesen hauchen um den Erdball, brennen und fließen
+in seinem Rumpf, überlasten ihn in festen und beweglichen
+Massen, sind Spannungen Schwerkraft Hitze Licht, sind Schwefel
+Chrom Mangan Silizium Phosphor. Sie sind Erde Sand.
+Sind stumme Kristalle, aufdrängende keimende Blumen, Flechten
+über dem Boden, Blütenpflanzen, schwimmende Fische,
+Vögel die pfeifen und sich locken, anschleichende Raubtiere,
+hämmernde und kämpfende Menschen, Schneckengehäuse an
+Seeufern, Bakterien Schlingpflanzen erstorbene Bäume, faulende
+Wurzeln, Würmer, eierlegende Käfer.
+</p>
+
+<p>
+Vom sechzigsten Meridian brachen die zweihundert Schiffe Kylins
+auf, ließen die Shetlandsinseln hinter sich, schwebten über
+dem Ozean. Sie fuhren in dem warmen Driftstreifen, der
+Norwegen bespülte, das Eis Finnmarkens schmolz. Unter ihnen
+zog sich lang durch <a id="corr-21"></a>den Atlantik ein unterseeischer Bergrücken,
+zog nach Süden, wurde breit bei den Inseln Ascension und
+<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
+Sankt Helena, zweigte eine Kette nach Amerika und Afrika ab.
+Schweigendes Meer lag über den Tälern und Bergen, ins
+Schwarze waren sie versenkt. Der Ozean fiel unter den Schiffen
+dreitausend Meter tief ab. Über dem sausenden Wasser, im Wind
+schwirrten die Vögel neben den Riesenschiffen, die tierischen Geschlechter,
+mit Augen Knochen Därmen wie die Menschen. Die
+Sturmschwalben, die auf zappelnde Fische stießen, Silbermöwen
+mit gezackten Schwänzen, spitzen Flügeln. Das Wasser, das
+sich unter den schwebenden Riesenschiffen hob, die schwarzgrüne
+glasige zerlaufene Masse, quoll von Tieren und Pflanzen, folgte
+den Schiffen mit jedem Meter. Schleimklümpchen der Urtiere
+klebten an den Wänden der Schiffe, hingen an den Schrauben,
+befuhren mit ihnen das Meer, fadenförmige Füßchen ausstreckend.
+Wie Schmetterlinge stiegen Ruderschnecken aus der
+nassen Finsternis am Abend auf, die unermeßlichen Scharen
+der Klio, sanken mit dem Tageslicht herab. Am Meeresboden
+lauerten und lagen fest mit Saugern die Scheibenbäuche. Zarte
+Seewalzen, Schwänze wuchsen auf tiefen Riffen, neben Klipprosen.
+Skelette hingesunkener Tiere kleideten den Meeresboden
+mit Schlamm aus; kleinäugige Borstenwürmer, schlanke Glyzeriden
+krochen darauf herum zwischen Tangbüscheln. An der
+beschienenen Oberfläche zogen Rippenquallen ihren Weg,
+stumme gefräßige Geschöpfe, Siphonophoren, die wie Blumengirlanden
+leuchteten, Städte von glasartig durchsichtigen unzähligen
+Tieren, an einen Faden gereiht, der sie nährte. Lachse
+schossen unter dem Kiel der Schiffe herum, auf der Haut, an
+den Kiemen feine Krebse, die sich anklammerten. Das Geschwader
+übersetzte die unterseeische Schwelle, den stillen Thomsenrücken.
+Es nahm den zehnten östlichen Meridian.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">sland</span> war eine Insel unter dem fünfundsechzigsten Breitengrad
+an dem fünfzehnten östlicher Länge; der Polarkreis schnitt
+ihre nördlichen Vorsprünge. Zwei Inseln hatten Laven aus
+Vulkanen werfend diese bergige Platte geschaffen, die ihre
+zerrissenen Wände, Scheren eines Riesenkrebses, in das neblige
+brandende Meer streckte. Die Menschen auf den Schiffen näherten
+<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
+sich ihr. Sie hatten vor, die Vulkane der Insel zu zerreißen,
+ihr Feuer über Grönland zu tragen.
+</p>
+
+<p>
+Vergletschert lag der Süden der Insel. Hekla und Skapeterjökul
+hießen die Berge, die Schwefeldämpfe aus ihren Spalten
+von sich gaben. Der Mückensee dunstete im Norden mit vierunddreißig
+schwarzen Lavainseln; an ihm warfen aus weiten Bassins
+der Krabla und Leirhukr tiefblaue und honiggelbe Massen.
+Haushoch schossen die, prasselten in den Krater zurück, wälzten
+sich, gasten über die Abhänge. Meilenweit war die Wüste der
+Insel; Lavafelder, runzlig erstarrte Steinströme, nackte braune
+Blöcke, zerborstene Felsen. Verbrannte tote Ebene. In den
+Klüften der Laven standen spiegelnde Wasser. Springquellen
+warfen heiße Wassermassen. Am südlichen Rand der Wüste
+standen der Geysir und Strocker; in ihren weiten Wannen trugen
+sie helles grünes Wasser, das pulsierte. Von Zeit zu Zeit tosten
+die Wannen. Blasenwerfend richtete sich das Wasser auf, wölbte
+sich über den Rand der Krater, warf sich schluchzend zurück.
+</p>
+
+<p>
+Als die Kolonne des ruhigen blonden Schweden Kylin an der
+Spitze des Eyjafjords landete und die Insel überflog, – Wirbelwinde
+gingen über das Land, die brennenden Berge, die narbigen
+Felder, – fanden sie Menschenansiedlungen in der Nähe der
+Küste. Nahe dem Landungsplatz war eine Siedlung; Schafe
+und kleine Rinder wanderten auf Hügeln. Man mußte, was
+man vorhatte, ohne sie verrichten. Es war vorauszusehen, daß
+sie der Expedition feindlich gegenüberstanden. Kylin und seine
+Begleiter umschwärmten den Krabla am Mückensee. Er war
+tätig; auf Meilen dröhnte die Insel unter den Schlägen, mit
+denen das heiße Magma den felsigen Untergrund durchbrach.
+Die Beben rollten über die Insel. An toten Bergwänden sahen
+die hochkreisenden Flieger plötzlich Schlünde und lange schwarze
+Kluftreihen sich auftun. Oft mußten sie sich senken, von dünnen
+Schwaden eingewickelt, blitzrasch aufzucken unter dem erstickenden
+Andrang der Schwefelgase. Mit Wonne umflogen sie das
+stampfende gähnende Untier, das sich da unter ihnen am See
+hingesetzt hatte, das Land aufwühlte, die Oberfläche des Wassers
+wiehernd prustend zum Schäumen brachte. In diesen Schlünden
+wogte die unermeßliche Glut, nach der sie begehrten, die sie
+<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
+herausschaffen mußten. Um sie über Grönland zu werfen, auf
+den weißen bergetiefen Eispanzer, der trübe anlaufen dampfen
+zerreißen würde, die Gletscher vom Kap Grival, der Kangardlutsuak,
+die Aggasinsel. Island brannte. Es mußte stärker
+brennen. Eine wolkenschleudernde donnerlohende Feueresse
+war für sie bereitet.
+</p>
+
+<p>
+Wie Kylin östlich drehend in abendlichem Dunkel sich der
+Gegend des Landungsplatzes näherte, flammten und erloschen
+an der Küste kleine wie wimmernde Warnungszeichen. Zweieinehalbe
+Stunde sah Kylin mit seinen Gefährten, unruhig
+fliegend, auf einer Schutthalde landend, wieder hochjagend, die
+zitternden Signale aus der Nacht. Dann erloschen sie. In
+langer Kette, langsam, sehr hoch fliegend näherten sich die Kundschafter
+rauschend den schwarz im Mondlicht ragenden Klippen
+des Fjords. Die Wellen murrten herauf. Bei den schimmernden
+Zelthäusern des Landungsplatzes, auf einer sanft geneigten
+Wiese faßten sie Fuß. Sie liefen in der Helligkeit bergab.
+Stürzten über weiche Körper. Wie sie sich bückten zugriffen,
+die Leiber drehten, blickten sie auf dicke unbewegliche fremde
+Gesichter. Die Zähne waren zum Lachen entblößt, die Zungenspitze
+vorgestreckt. Losgelassen fielen die Körper zurück, rollten
+auf den Rücken, die andere Schulter. Eine Gestalt löste sich von
+einem Zelt, lief auf sie zu, führte sie abwärts. Die Eingeborenen
+des nahen Dorfes waren zudringlich geworden, hatten nach den
+Absichten der Expedition gefragt, hatten vier Seefahrer weggeführt
+als Geiseln, daß nichts geschehe und die Fremden rasch
+wieder abführen. Da hätten die Seeleute zum Schein die Schiffe
+bestiegen, die Geiseln zurückgenommen und bei Einbruch der
+Dunkelheit mit dem balearischen Licht die Küste abgetastet. Das
+war das Licht, das durch die Haut der Menschen drang, sie wie
+eine Schellackmasse umgab und abschloß. Von ungeheurem
+Hunger nach Sauerstoff wurde das Blut erfüllt. Ins Zittern
+gerieten die Menschen, ihr Herz stürmte, die Atmung vermochte
+nicht zu folgen. Sich selbst verzehrend, während das Blut aus
+den Gefäßen trat, hellrot, rosarot aus Mund und Nase, stürzten
+die Menschen hin in die Blutlachen, die noch am Boden quirlten,
+Blasen warfen und nicht gerinnen wollten. Am Morgen nach
+<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
+dieser Nacht warf man die fünfhundert Leichen, dazu Kadaver
+der Rinder und Schafe in den plätschernden Fjord. Finster saß
+der blonde Kylin vor seinem Zelthaus, den Blick auf den purpurnen
+Boden, hörte das endlose Traben der Leute, die immer
+wieder Körper vorbeischleppten, jetzt Säuglinge und Kinder aus
+dem Dorf, die sie von einer Klippe im Schwung in das aufspritzende
+Wasser sausen ließen. Als ein Windstoß ihm spitzen
+Sand ins Gesicht warf, den flachen Hut seitlich hinlegte, stand
+Kylin auf, rief Begleitung, schlenderte seewärts. Von den
+Schiffen stiegen neue Menschen herauf. Kylin lief in Zorn und
+Widerwillen. Der starke Prouvas fing ihn bei den Schultern auf.
+</p>
+
+<p>
+„Kylin“ brüllte der lustige Mann, „das ist ein Tag. Ihr seid
+noch am Leben. Wir glaubten, Ihr seid die ersten, die über den
+Feuertopf stolpern werden. Noch vor dem schönen Grönland.“
+„Prouvas, ich bin nicht lustig.“ „Es scheint. Wärest uns auch
+beinah in das Licht geflogen.“ Ein noch fetterer ganz in schwarzes
+Leder gehüllter Mann umarmte Kylin: „Huah. Wind auf
+Island. Der Boden wackelt erbärmlich. Auf den Schiffen ist es
+lustiger. Wir freuen uns, daß du lebst.“ Kylin konnte nicht vom
+Boden aufsehen: „Wie ist das gekommen, Prouvas. Mit dem
+Licht. Wer hat befohlen, das Licht anzuwenden.“ Prouvas
+trat erstaunt zurück: „Das Licht? Hat es nicht gewirkt? Sie
+schleppen schon den ganzen Morgen. Komm rüber.“ Der im
+schwarzen Leder: „Keine Maus ist davon. Kylin scheint eine
+kleine Ladung abbekommen zu haben.“ „Ich bin nicht im Bereich
+des Lichts gewesen, Prouvas und Wollaston. Es sind sehr
+viele umgekommen. Das ganze Dorf.“ „Allesamt. Tiere mit.
+Das Licht hat keine Augen, sucht nicht aus.“ Kylin reckte sich,
+legte beide Arme über das Gesicht, schüttelte sich, spie. Leise
+gab er von sich: „Pfui. Es ist gut.“ Die beiden anderen schmetterten
+ihr langes Lachen heraus: „Nun ja, Kylin. Es ist gut.“
+„Es war roh.“ Prouvas umfaßte den im Leder: „Da haben wir
+Marduk den Zweiten. Gründe ein Königreich, mein Sohn,
+aber nimm die Arme herunter.“
+</p>
+
+<p>
+Der ließ sie sinken: „Erst kommt weg. Wieviel werden sie noch
+herausschleppen.“ Prouvas: „Du hättest es ansehen sollen. Es
+war mit den Scheinwerfern gut zu sehen. Eine Minute rannten
+<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
+sie, als wenn sie niesen wollten. Dann setzten sie sich ganz ganz
+langsam, einer wie der andere. Ich glaubte, sie weinten oder
+das Wasser lief ihnen aus den Augen. Und dann waren sie tot.“
+Wollaston: „Sind es fünfzig, die hin sind, sind es fünfzig. Sind
+es hundert, sind es hundert. Sind sie tot, sind sie tot. Dableiben
+konnten sie nicht.“ Blinzelnd Kylin aus seinen grünblauen
+Augen: „Ich habe die Leitung.“ „Freut uns zu hören.“ „Ich
+habe die Leitung.“ „Es freut uns.“ „Ich habe von Menschenausrottung
+nichts gesagt.“ Brüllend Wollaston: „Haben wir es
+uns vorgenommen? Ich? Oder Prouvas? Haben wir Menschen
+ausgerottet? Die Leute mußten weg. Sie werden die
+letzten nicht sein. Wenn du schwach wirst, gib die Leitung ab.“
+Ruhig Kylin: „Was meinst du, Prouvas?“ „Nicht Wort für
+Wort wie Wollaston. Aber ich habe die Lichtröhren bedient.“
+Der im wattierten Fliegeranzug öffnete die Hände: „Einen
+halben Tag. Vertretet mich.“
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend flog Kylin an das draußen liegende Geschwader.
+Seine Schwester, die mit der Expedition fuhr, hatte den Tobenden
+beruhigt, der immer beteuerte, er ekle sich, hätte sich mit
+Vieh eingelassen; er schließe sich den englischen Siedlern an,
+gehe zu Zimbo. Auf Stunden war Kylin der Sinn der Expedition
+entschwunden. Er heulte, es sei Lüge, was sie trieben.
+Beim ersten Schritt, den sie täten, sei es klar geworden. Wie er
+vor seinem Flugzeug stand, faßte er sich fragend lächelnd an die
+Stirn: „Schwester, sie müßten mich in Brüssel sehen. So
+müßten sie mich sehen. Wie einem in den Knochen steckt, was
+Marduk und die andern sagen. Treiben wir Unfug?“ Aber die
+Schwester umfaßte ihn, ihre Augen funkelten: „Es ist vielleicht
+ein Unfug, Brüderlein. Aber auch noch mehr. In manchen
+Augenblicken weißt du es auch. Nachher wirst du es wieder
+wissen. Hörst du die Vulkane? Sieh sie an. Wir werden sie
+fassen. Denk, Brüderlein, wir werden sie fassen.“ Sie schob ihn
+auf seinen Sitz, griff nach dem Steuer, lachte: „Gönn mir die
+Freude zu steuern.“
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffe umfuhren Island in nordwestlicher Richtung. In
+der Höhe der stoßenden Krabla und Leirhukr ankerten sie weit
+in See. Der Anblick labte das Geschwader. Die Küste von
+<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
+Ingolfs-Höfdi bis herauf nach Glettinge Nes strichen die Flieger
+ab. Ufer Inseln Hinterland waren frei von Menschen, die Lavawüste
+südlich rauchüberschwemmt. Von den Mutterschiffen
+jagten die Flieger auf, maskengeschützt, darunter Dutzende
+Frauen, immer in Gefahr, von dem aufblasenden Feuer verbrannt
+oder gesengt zu werden. Sie nahmen Bilder der furchtbaren
+Landschaft an der wirbelnden See auf, durchsegelten mit
+ihren Metallflügeln die Lohe, senkten sich in Pausen herab,
+schossen davon. Weiter südlich stellten sie neue Schwefeldämpfe
+Kraterbildungen an Punkten des Mittellandes fest. Springquellen
+stellten ihre Tätigkeit ein. Statt dessen rieselte schmauchte
+Gas aus Rissen Klüften; dazu Rumoren, dumpfes hohles Rollen.
+Kylins Expedition konnte ohne Furcht vor menschlicher Störung
+angreifen. Es war sicher, der Vulkan stand über einem ungeheuren
+feurigen Magmaherd. Man brauchte sich nicht drum
+zu bekümmern, ob die Herde abgekapselt in der harten Erdrinde,
+in einer Höhle steckten, eine Blase des großen schmelzflüssigen
+Magmas, oder ob das Erdmagma selbst, der Nickelstahl des Erdleibs
+das ihn umkrustende, auf ihm schwimmende Siliziummagnesium
+durchbrach. Man mußte darauf losstoßen.
+</p>
+
+<p>
+Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im
+Begriff zu platzen. Man verständigte sich mit den nachfolgenden
+Geschwadern. Unter dem Brüllen des gähnenden Krabla,
+zischendem Aschenregen fand am Hunafjord in einer Bucht eine
+Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt sich zurück.
+De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des
+Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können
+die beiden gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen
+Kopf an oder meine Hand und den Krabla. Oha, der ist groß,
+der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs Millionen Menschen
+und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem Goliath reden.
+Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird toben.
+Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt
+nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin,
+der lange elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte
+sich wieder gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog,
+auf den Rauch schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies
+<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
+wird der Anfang sein. Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns
+zusammengefunden haben. Schlimm, so weit von den Kontinenten.
+Aber kein Schade. Wir werden vielleicht selber – wie
+Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen Kontinente
+machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er
+träumte: Besinnung, endlich, bei Island.
+</p>
+
+<p>
+In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die
+Arbeitsschiffe Stellung an der Nordostküste der Insel. In den
+Tistillfjord fuhr eine östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi
+angesichts des kahlen Svalbardberges ankerten Kylins
+Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord unter den Schneestürzen
+des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der Sturm peitschte
+unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der Höhe
+eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten
+flachere runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte
+Erden Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen
+Beischiffe. Die Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte
+den gewaltigen Kabeln, die die Arbeitsschiffe selbst auf
+ihrem Weg hinter sich herzogen und von Skandinavien über den
+Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, die arktisch-schottische
+Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in Isolatoren
+gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste.
+Der Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete,
+in der Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit
+seinem Kopf in dem Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen
+dem Ladedraht vorauf, schoben die Sandmassen vor dem Draht
+beiseite, glitten anhebend an dem Kabel entlang. Ein Ladestrom
+vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen die
+Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem
+erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden
+Maschinen, tosten durch die Schiffe.
+</p>
+
+<p>
+Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem
+Mückensee, raste und fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben
+ihm Leirhukr. Jubelnd blickte Prouvas von der Höhe des
+Svalbard über die Schnellen und Wirbel des klippenversenkten
+Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte
+zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen
+<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
+staubbesäten Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte
+auf dem Boden, bis das Weiß des Schnees hervorkam.
+Stieß mit seinem Stock in den Schutt: „Daß du herauskommst,
+Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns ansiehst.
+Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast
+du so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist
+es kein Spucken mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat
+sich ausgejagt.“ Er erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner
+was von euch, Krabla und Leirhukr.“
+</p>
+
+<p>
+Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte
+der Sturm aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen.
+Die Insel rollte wie sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab.
+Die Feuersäulen leuchteten durch die Nacht. Sie schlugen
+Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des Burfell, von der
+Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den Gipfel
+des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den
+Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung,
+dann schwangen sich die weiten lichten Fluchten der
+Viadukte ins Land, über Bäche die von Bergen schäumten,
+über Geröllhalden Moore tote Laven, durch die nebeldurchzogene
+regenverhangene kühle Luft zum hohen Svalbard, zum
+großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel.
+</p>
+
+<p>
+Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden.
+Metallflieger stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den
+Klippen, an den Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt
+und Steine beiseite, wühlten mit Spitzhacken und Hämmern,
+brannten flache Löcher in dem Felsen frei. Da hinein legten
+sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne leichte
+Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem Brustleder
+hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den
+Zweig des Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon,
+wenn es in den Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache
+Loch fallen, schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte
+Blätter, glühten. Das oberste geladene Blatt strahlte
+schmolz. Und wie sich seine Masse mit der des zweiten Blattes
+mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig ineinander brennenden
+ersten und zweiten rissen das starre dritte in den Brand. Knisternd
+<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
+spaltete sich das, tropfte seitlich und an der Bruchstelle, um plötzlich
+erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer zu geben,
+das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und
+wie die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden
+sich rund rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie
+in einem Krampf, schlug sich um, gezogen gespannt zu einem
+haarfeinen Glas, einer schillernden Haut um die singenden drei.
+Die Kugel wuchs hoch, weiß, blauweiß, hellblau, dehnte sich,
+dehnte sich. Schmelzend zersprang sie und im Augenblick war
+jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. War
+nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln.
+Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts
+gesunken in den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im
+Brand von sich gebend verdampfte verstöhnte es in der Tiefe,
+während über ihm gallertig der geschmolzene Fels auslief.
+</p>
+
+<p>
+Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder
+gerinnenden Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die
+gischenden Öffnungen, bohrten hochausholend Pfeiler in die
+schmorende Masse, hielten sie, bis das Zittern der Luft nachließ,
+der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße umklammerte.
+</p>
+
+<p>
+Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet.
+Eine Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den
+Jakutsa. Eine Reihe stieg vom Axarfjord über den Burfell.
+Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, griff über den
+Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem qualmschweren
+Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites
+steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte
+Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige
+Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke
+zu Strecke konnte das bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe
+bedeckend, auf seinem Drehtisch hereingeschwenkt herumgeworfen
+werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler entblößt
+werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden
+Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen
+Myvatn, dem See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall
+die gespaltenen graublauen Gletscher, die Geröllebenen, Täler
+mit schmaler Sohle und felsig abstürzender Lehne. Furchtlos
+<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
+rannten die Pfeiler vor gegen das speiende Plateau der
+Vulkane.
+</p>
+
+<p>
+Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf
+Schienen, die sie selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel.
+Überrollt war der Zug und unterrollt von dem
+bogenförmig langgespannten, hoch vor- und zurückgedehnten
+Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die Wagenreihen
+zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <a id="corr-22"></a>umsauste
+sie der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte,
+von oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß.
+So überdonnerten sie die Brücken, blendende Lichter vor sich
+werfend, bei Tag und in der völligen Finsternis des Rauchs
+und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel eingetragenen
+Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen
+wurden aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt,
+auf Wagen geschoben und montiert die Maschinen, vor denen
+vergehen sollten der Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der
+Leirhukr, das dampfende bergezerreißende gasende Unwesen.
+</p>
+
+<p>
+Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er
+war aus Marduks Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb,
+ihr Leben in furchtbarster Weise reizte, so zu tosendem Wuchs
+und Überwuchs zwang, so hatte der schwedische Schüler die
+Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das Futter gefunden,
+mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden hatte
+er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das
+Wachsen der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe
+aus dem hauchenden Atem war sein erstes Wunder gewesen.
+Und wie er den langen großen Marduk, den Botaniker, mit
+trockenem Samen Keimlingen langhaarigen Wurzeln Reisern
+abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem Anhauch
+der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln
+die Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel
+der blassen Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut
+legte sich über Zellhaut, – überfiel Kylin der Wunsch, auch
+mit seinen Steinen und Kristallen so zu spielen. Es war etwas
+Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber es zog ihn
+dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte sich,
+<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
+vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er
+seine Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen
+nicht wie er wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie
+Tiere jagen können; ist ein Stein mehr als ein Pferd? Hitze,
+wechselnde Lösungen, elektromagnetische Kräfte verhängte er
+über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen biegsam zu
+werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen
+abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen
+brachten. Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren
+und sich auswählen ließen von Hitze Druck und Strahlen wie
+Tierrassen von einem Blutserum. Es kam nicht auf die zufällige
+Kristallgestalt an, sondern auf die kleinsten Teile, auf
+die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt hatten, auf die
+Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden hatten. So
+konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie
+man wollte.
+</p>
+
+<p>
+Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und
+höher singenden Schienen jagten an einem Nebelmorgen die
+schlanken Maschinen über die weitgespannten Brücken. Kaum
+zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach und lang wie die
+Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf
+Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite,
+nach oben und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte
+Männer und Frauen lagen an jeder Maschine. Die Luft war
+von schwirrenden Fliegern erfüllt, die weder der Aschenregen
+noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der Jökulsafluß
+mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett.
+Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte
+er sein Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich
+der Rauch vom Myvatn, dem See, hob, wurde die Linie des
+dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie ein gepeitschter schreiender
+geifernder Dämon aus dem See fuhr, hochgebäumt, von
+Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, ließ sie
+seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln
+des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die
+Blöcke spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen
+der Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
+Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben
+über sie. Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die
+Lider, zuckten wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann.
+Und bald fing der Leirhukr an. Ihre Ostwand Nordwand
+Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, ruckten höher, als
+jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen Brückenpfeilern
+zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der
+nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der
+Nebel nahm zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte,
+von den Bergen wegwuchs, hörten sie auf den Brücken ein
+Krachen, das über alles irdische Ausmaß war. Ein unendliches
+Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem gleichmäßigen
+Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans
+überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es
+zum Himmel aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es
+brummte und brüllte aus Süden Westen Osten Norden, und
+doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, die hinter
+den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie
+sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor.
+So wuchsen die Wände, wie wenn einer langsam den Finger
+hebt. Wie ein Schlafender sich aufrichtet, langsam den Rücken
+gerade biegt, die Arme aufstemmt, den Blick noch nach unten,
+träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen und schmatzt.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von
+ihnen gesteigert gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen
+Steinschleiern, an den hebenden Wänden stürzten die toten
+Lavablöcke, die die Blicke nicht anfaßten, rannen abgeschüttet
+die gefalteten krustigen Lavaströme, zerbrechend, wie Schiefer
+polternd, knirschend, sich an sich selbst zerreibend. Die Wände
+dehnten sich hoch und hoben sich von einem unsichtbaren Kern
+ab wie Blasen.
+</p>
+
+<p>
+Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel
+überrieselte schon den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher
+abschmolz und heranfloß. Die Steine und Laven, die
+schwarzen porösen Auswürflinge tanzten noch eben über die
+Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche auf, und schon
+hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn bedeckt,
+<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
+schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor,
+war der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten.
+Im Norden und Westen umging der Steinschleier die Bergwände.
+Westlich des Krabla rauchten die Wände des Leirhukr.
+Die Löcher in den alten Schuttfeldern stopfte der Steinregen
+aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen Tuffhöhlen.
+</p>
+
+<p>
+Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut
+hörte man davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen
+der sich dehnenden Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl
+des Krabla. Schwarzer Qualm wirbelte an seiner Stelle,
+der sich heftiger und heftiger ballte, in rauschenden Stößen
+hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla überlagerte. Da
+waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, immer
+höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den Steinschleiern
+schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen,
+wie ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd
+waren keine Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das
+Land, über die splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn.
+Dampften und flammten. Flämmchen, bläulich und grün, erschienen
+zauberhaft verstreut auf ihnen. Das blitzte wie Bergmannslampen
+auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter wogte
+rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das
+in das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während
+die Berge sich dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte
+sich von neuem die aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse,
+stürzte in den Krater, den qualmbrodelnden, lautlos ab.
+</p>
+
+<p>
+Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren
+ein tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben
+Hauchen. Ein Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel.
+Langsam ließ es nach, lähmend schwoll es an. Dabei flammten
+ununterbrochen die grünblauen Lichter auf den schreitenden
+Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen
+hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst.
+Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten
+Vulkanen.
+</p>
+
+<p>
+Da Riß Schlag Schlag Knall.
+</p>
+
+<p>
+Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
+Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des
+Himmels.
+</p>
+
+<p>
+Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende
+Lavabomben. Unter Tosen Absinken der Bergmassen.
+</p>
+
+<p>
+Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die
+Züge zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla
+und Leirhukr waren noch eben zwei Vulkane; der Erdboden
+zwischen ihnen war verschwunden. Ein Feuersee lag zutage.
+Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief in den
+Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen
+sich Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu
+der brennende Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen
+die Flammenströme ihren Weg ins Land. Im Süden standen
+noch schwankende angestrahlte Wände der Vulkane, zerklüftet
+verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten sich in das
+heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom
+das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen
+Myvatn wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis
+auf die Tiefe des Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen.
+Das Wasser faßte er mit seinen Zähnen an, verschluckte es.
+Es siedete und verdampfte auf seinem Rücken. Er sprang am
+Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte zerpaffte
+sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer Schlangenleib.
+Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer.
+</p>
+
+<p>
+Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich
+ausbreitete, weißer und weißer wurde, sammelten sich die
+Führer auf dem Schiffe De Barros’ an der Nordküste im
+Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, umarmte Kylin,
+den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir
+reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist
+du noch traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte
+glatte Gesicht des Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“
+De Barros tanzte mit dem dicken Prouvas: „Kylin, was ist
+mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein Mensch oder ein Vulkan?
+Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des Mordes! Haha!
+Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen
+schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
+„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit.
+Und wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt
+und läßt sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe.
+Da sind die Spinnen, die in den Bergritzen saßen, eine halbe
+Million an der Zahl. Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene
+Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft.
+Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen.
+Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die
+Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das
+Gras auf dem Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit.
+Haha! Kylin, vor dem Gott der Mücken wirst du einst erscheinen,
+vor dem Gott der Lachse der Fliegen der Spinnen.“
+„Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins Schwester blickte
+glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts sich
+überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja,
+was ist mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“
+</p>
+
+<p>
+Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem
+Leib der Erde in Bächen und überschwappenden Katarakten.
+In wütendem Rasseln übergossen sie die alten starren Lavafelder
+am Skalfandafluß. Die kurze fauchende Nacht verging.
+Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen
+und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis
+der Insel schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die
+heiße schwefel- und ammoniakgeschwängerte Luft. In den
+Eyjafjord versteckten sich die menschlichen Angreifer. Von den
+Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, das Meer aufzupeitschen.
+In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die
+Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte
+heulende Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken
+vom Boden; sie sahen und maßen die Weite der nackten Feuerschlote
+unten, der zackigen Riesenschlünde, die senkrecht in die
+Tiefe des geborstenen Bodens führten.
+</p>
+
+<p>
+Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen
+dem ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von
+Schmelzwasser überladenen Skalfanda tat sich, während sie
+flogen, plötzlich ein meilenlanger, das alte Seebett durchquerender
+Spalt auf, neben dem niedrige Kegel in Reihen hochstiegen,
+<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
+wie von einer Faust aufgetrieben. Braunen Schlamm und
+Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ nicht
+nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang.
+Sie sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben
+minutenlang keinen Atem von sich. Und während die Spalte
+sich wurmartig warf, wuchs geräuschlos an ihr ein Kegel auf,
+breit, breiter, nahm an seinen steigenden Wänden die anderen
+mit, überstieg mit seinem Fuß die ausgefüllte Spalte. Das
+Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel rechts vom Ufer
+des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter ansteigend,
+schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen
+Vulkans, wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte,
+gelb und schwarz, mit einem viertelstundenlangen Schrei, von
+Laven- und Feuerauswurf in mächtigen senkrechten Strahlen
+angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in den Lavaströmen,
+wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der gewaltige
+Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja
+genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die
+neuen Feuerläufe: auflohte der Strom zu weißem Dampf.
+Das Feuer lief sein Bett entlang; sie fuhren dem gewaltigen
+Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er staute sich, vom
+Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte er in
+die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen
+wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben
+trug ihn nach Westen an die ungeheure See.
+</p>
+
+<p>
+Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda.
+Vor den beiden tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das
+heiße Erdinnere hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen
+Fuß auf die Treppe gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er
+war im Begriff höher zu steigen, durch die Luke zu treten, sich
+sprengend nach allen Seiten Platz zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen
+Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt
+hatten. Da lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei
+strahlenden Riesenbecken, östlich und westlich des Skalfanda.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen
+den strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß,
+zog sich im Süden des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda
+und Jökulsa hin. Kohlschwarze Lava war sein Boden.
+Schwarzer vulkanischer Sand überflog ihn. Die Brandschlacken
+waren wie Eisschollen übereinander verschoben. Stumm standen
+in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das
+weite Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die
+Krater des Dyngjafjölls murrten schon längst; das Tal Askja
+hatte seinen See verschluckt. Dafür war Feuer aus seinem
+Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das wüste
+Odadahraun zischten dünne Aschen herunter.
+</p>
+
+<p>
+Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten
+die Vulkane des Odadahraun an, in das die Feuerströme der
+geborstenen Krabla und Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord
+schnitt tief ins Land; aus dem Vopnafjord warfen sich
+die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten einen ungeheuren
+Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor,
+aus dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen
+drangen, während die Insel unter dem Schlagen der Vulkane
+erzitterte, über die Gletscher der Ostküste, deren Höhen von
+Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog sich in nördlich-nordöstlicher
+Richtung nach dem lebenden Lavafeld der Missetaten.
+Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl.
+Der große Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert
+Meter im Durchmesser, den sein eigenes Geröll verstopfte. Er
+brannte aus einem Schlot in der Mitte. Freistehend mit steilen
+dunklen Wänden der breitschultrige Herdubreid. Mit einem
+Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse rannten daraus
+hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater schachtelförmig,
+maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem Erdzeitalter
+erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren
+Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte.
+Er hatte die Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche
+Odadahraun geschaffen war. Er zischte, aus Rissen
+seiner östlichen Wände kamen lange Rauchfäden. Er rollte und stieß.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
+Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten
+östlichen Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden;
+alle Züge konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen
+oder verschüttet wurden, Nachbargleise suchen. Die Angreifer
+hatten einen Schutz der Wagen und kostbaren Maschinen
+vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, daß
+auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler
+noch Wagen ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten
+sich nach Ablassen der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords
+hinter Gebirgsvorlagerungen in der Heraldsbucht. In diese
+Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der Brückenfluß. Aus
+drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die Klüfte;
+Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er
+neben sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem
+Meer im Osten näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus
+einem viertausend Meter hohen Gletscher quoll sein milchig
+weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, seenbreit erweiterte
+er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht trat, Gletscherkies
+und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der beiden
+Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht
+Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der
+Wind ging scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog
+über das Gebirge an das Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und
+Stoß betraten die Wagen ihren gezeichneten Weg auf den
+Brückentafeln. Krachend zogen sie an, schmetterten Pfeiler auf
+Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren Heraldsbucht steuerten
+langsam ostwärts in See hinaus.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden
+des schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die
+Säfte, die ihm der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten
+auf ihm lag. Die Quellen der Ströme ließen sie über sich herlaufen;
+die Kraft, die aus der Erde kam, schüttelte an ihnen,
+tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit hatten sie,
+dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da
+<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
+war den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen
+aufgerufen.
+</p>
+
+<p>
+Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des
+Atlantischen Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend
+Quadratkilometer. Schottland Island Grönland erhoben
+sich auf ihr, tausend Meter war sie dick. In Treppen und Bänken
+lagerte sie hin, mit verkittetem zertrümmertem Tuff bestreut.
+Sturm und Wasser verwitterten ihre Oberfläche zu
+brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des fünfundsechzigsten
+Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen
+der Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden
+nach Nordosten strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull,
+die Lakispalten mit hundert Kratern. So standen die
+Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge wie eine Wiese, über
+die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten wirft, die
+aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren zusammengeknirscht,
+zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie losgelassen
+hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten
+noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit
+ihnen, Hitze und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um
+sie. Chalcedon und Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes.
+Seine dunklen Massen, meterdicke Kugeln Platten Fächer
+hielten fest die zerdrückten grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz,
+den eingewühlten Augit, Plagioklas. In den Bändern
+der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie sich glasig ineinander.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der
+Flamme war. Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der
+Fremde herumgeworfen wurde, um die bittere Notdurft des
+Lebens Tag um Tag rang und nichts als das Ringen Rudern
+Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags einem
+unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von
+Hause, spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn,
+was er so lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen.
+</p>
+
+<p>
+Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit
+neben dem widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf
+Kinder trägt, schon selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie
+sich plötzlich in einer Krankheit eines Jugendfreundes besinnt.
+<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
+Und er kommt, – es ist einer da, oh Wunder, der ihr die Bettdecke
+zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse an den Mund hält,
+während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken stützt.
+Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde
+da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem
+fremden Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und
+er führt sie mit den Kindern aus der Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen
+wurde, dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache
+wurde verboten, der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich
+gemacht; als Sklaven gingen die Männer in fremde Dienste,
+ließen sich in fremde Kriege führen. Und eine Anzahl fiel ab,
+glänzte in den fremden Völkern, die sie verachteten. Wie in
+einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen auftreten,
+halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten
+ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen:
+sie hätten genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen,
+womit man sie füttere, von dem Beschimpftsein und
+Getretensein. Sie würden ihr Leben gegen die Schande einsetzen.
+Und sie wandern herum, verteilen Blätter, reden heimlich.
+Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen
+Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen
+müssen und den fremden Männern zum Opfer fallen. Und
+eines Tages ist ein Krieg da. Und eines Tages sind die Straßen
+frei. Und eines Tages weht eine Fahne von den Dächern, eine
+neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in einer
+Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen
+Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf
+den Straßen. Dies ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen
+Jahrhunderte ein Zittern befällt. Und sie flattern
+zu den Lebenden aus ihren wüsten unbezeichneten Gräbern in
+ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem singenden Zug.
+Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran und
+halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden
+die schmutzigen Stiefel und die Mützen.
+</p>
+
+<p>
+Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen
+Bergkämme Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten
+<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
+riesigen Häupter ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß
+von dem Schlüssel und mußten gehorchen. Folgten summend
+und alles wurde im Bersten licht um sie.
+</p>
+
+<p>
+Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl
+Skjaldbreidur.
+</p>
+
+<p>
+Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge
+die Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite
+überflogen, war es auch schon zu spät. Die Luft, noch
+schwarz und eisig hauchend, wurde rot aufgespalten. Glut und
+Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze legte sich
+über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In
+der Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die
+braun überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich
+heben und senken, von Wasser schäumen wie einen schlammigen
+See. Dann zerriß die Insel vom Fuß des Herdubreid nach
+Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen Brücken-
+und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite
+Fläche von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht
+des gewaltigen Vatnagletschers, begrub sie in einem
+einzigen Schwall. Verschlungen die Züge, die von den Kyarkfjöll
+und Askja die Heraldsbucht erreichen wollten. Mit Brücken
+Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer gefahren.
+</p>
+
+<p>
+Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine
+mauerhohe meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan
+vor sich drängend, über die springende eiskäuende See. Zwanzig
+Längengrade lief es nach Osten, drang in die aufdonnernden
+skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser stürmte schwarz in
+Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos versanken
+in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe
+Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte
+gegen Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf.
+Sie rollte um Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee
+schwankte bis in die Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende
+Wirbelwind strandete vor den skandinavischen Bergen.
+</p>
+
+<p>
+Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl,
+der aus den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr,
+ließ es sich nicht genug sein, das weite nördlich hingedehnte
+<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
+dem Skalfanda angelagerte Odadahraun zu verbrennen. Die
+westlichen Gletscher des Hofjoküll und des Langjoküll hauchte
+er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe gelockert,
+der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der
+Krabla und Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten
+ab in die vom Meer aufberstende Spalte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers
+bis zur Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf
+dem europäischen Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes
+geschehen war. In dieser Stunde liefen plötzlich die
+Maschinen, die Kraft in die untermeerischen Kabel warfen,
+leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, zerbröckelten
+auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der
+See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein
+Stier mit aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz
+daliegt und noch fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus
+den Kabeln über die kantigen Steine und das Wasser. Milchig
+quoll vom Boden das Wasser hoch. Pflanzen Quallen Fische
+lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus dem Kabel,
+beruhigte sich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften.
+Da wurden in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger
+gesichtet. Sie kamen, schwarz von dem vulkanischen Staub,
+der in großer Höhe über Europa getragen wurde, forderten
+neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate
+und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben
+anlief, der finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte
+und es nicht Tag werden wollte. Die Boten schlugen
+die Furcht nieder. Kaum berichteten sie von den Vorgängen.
+Sie sprachen für Kylin De Barros Prouvas, die alle drei noch
+lebten. Die Senatoren waren verblüfft von der strengen verschlossenen
+Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; der
+kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise.
+</p>
+
+<p>
+Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das
+schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste
+<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
+einlaufend längs der Ostküste Islands, – eine dampfende,
+grün und gelb zuckende Masse im Ozean, – gerieten sie in
+eigentümliche neue Strömungen und Strudel. In der Höhe des
+fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der zwölften Länge wurde
+das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den Spiegel. Sie
+bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die gleichmäßige
+Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden
+dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig
+westlich, umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die
+ihnen bankartig den Weg sperrte. Mühsam tasteten sie sich
+nordwestlich vor. Der Sockel der Insel hatte sich unregelmäßig
+gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. Nördlich der
+unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten sie
+Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders.
+Der finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete
+ihnen die Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der
+Mond schien, von dem die mitfahrenden Boten sagten, er
+leuchte auf Island fast so hell wie Sonnenlicht, war eine zum
+Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die Vulkanfackel. Dünste
+zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen
+Ecke der Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter
+sich zogen, Funkzeichen und Worte nach dem Festland geben.
+Da merkten sie, daß das Entsenden der Sprachzeichen durch
+die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen trafen nicht
+ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie sich
+selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen,
+den vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie
+mußten Flieger aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen
+ostwärts flogen, ehe sie die rings die Insel umflutende Spannungszone
+durchbrachen und Standorte für Meldungen nach
+dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die gebrochenen
+großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die
+Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von
+Süden die Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im
+Norden es ergreifend, auf die Sandbank, die sie umfahren
+hatten. Ohne Zeichen verströmte die eingeworfene Kraft jetzt
+<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
+in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt gebrochen lag das
+große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte zerfraß den
+Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten
+mit eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende
+Wasser sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann
+in weiten Bogen um die Insel, das Kabel verlängernd, bis
+sie westlicher des Langanesvorsprungs in den ruhigen Thistillfjord
+kamen, wo De Barros den Rest des Geschwaders massiert
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren.
+Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften
+bei der Ausbesserung von Schiffen und Maschinen, bei der
+Zählung der Vorräte; sachliche Worte wurden gewechselt. Die
+Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig schwarz, verschwollen.
+Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die Vulkane
+von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der
+Arme Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln
+eingebohrt. Heftige Entzündungen waren davon ausgegangen.
+Am furchtbarsten waren die betroffen, die in den ersten Angriffstagen
+ungeschützt durch den Staub geflogen waren. Sie
+lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im Finstern;
+Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen.
+Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz
+wie das Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt.
+Sie wagten nicht zu zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das
+Innere der Lider wund; in den Augenwinkeln standen ihnen
+Blutstropfen.
+</p>
+
+<p>
+Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher
+Richtung von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in
+südwestlicher von der Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des
+Dyngja aufgerissen war. Das dazwischenliegende keilförmige
+Stück war überflutet. Die Vulkane hatten im Zentrum der
+Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge durchbrochen,
+mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre
+Schlote riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet.
+Neue Lavenkegel entstanden und versanken unaufhörlich.
+Die Kundschafter des alten Geschwaders hatten
+<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
+festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über das bloßgelegte
+Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann
+das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten
+Meer wurden immer wieder brennende losbrechende Massen
+ausgeschleudert.
+</p>
+
+<p>
+Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen
+Islandfahrer wurden unter neu gegliederte Züge gemischt.
+Eine Möglichkeit das zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern
+bestand nicht. Der im Thistillfjord zurückbleibende
+Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die stärkere Verkrustung
+des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch Aufsprengung
+das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu
+überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher.
+</p>
+
+<p>
+Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem
+strengen Kylin, den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich
+umbiegend. Hart und stumm war der blonde Kylin wie
+die andern. Hätte man ihn nach seinen Worten und Klagen
+bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte sich
+nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit
+denen die neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still
+waren die Transporter. Auf den technischen Schiffen fauchten
+die Maschinen. Maskierte rußbedeckte Menschen gingen herum
+auf dem ruhenden und fahrenden Geschwader. In Schlamm
+verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien trinken wollten.
+Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund steckte,
+war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien
+beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden
+Hautkranken, dann die, die von den Schwefeldämpfen
+und der Einatmung des Staubes erkrankt waren, sich schmerzvoll
+die Brust faßten, husteten, husteten, Blut unter Räuspern
+und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom Kontinent.
+Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffe des Südgeschwaders passierten in langsamer
+Fahrt weit außerhalb der Rauchlinie der Vulkane die Höhe
+der Heraldsbucht. Sie sahen – die Masken nahmen sie nicht
+ab – die glühende Sonne am Horizonte aufstehen, von einem
+Ring umgeben. Mit blendendem Gold stieg sie hoch. Wolken
+<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
+loderten unter ihr in wilden Farben. Die Menschen schwebten
+über dem unermeßlichen stahlgrauen Meer. Und erkannten
+es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <a id="corr-26"></a>Herfahrt
+genommen hatten, das sie unter die Kiele ihrer Schiffe
+geworfen hatten. Sie spannten ihre Blicke auf das Wasser,
+das riesengroße wellige Ungetüm, suchten seine Tiefe zu durchbohren.
+Und schwiegen. Wenn die Nässe sie anspritzte, lachten
+sie nicht. Wischten sich ab, zogen sich zurück. Im Innern der
+Schiffe hockten sie, Männer und Frauen, die mit den furchtbaren
+Kräften der Maschinen umzugehen verstanden, träumten
+spielten schliefen. Ein aufschnellender Fisch erschreckte sie,
+machte sie nachdenklich, böse.
+</p>
+
+<p>
+Von Osten her umringten sie die Insel. Das Tosen hatte
+sich abgeschwächt. Es war, als ob sie hinter einer großen
+Schutzmauer liefen. Eine weiße Masse schimmerte Island herüber,
+in die wagerecht hinziehenden Wolken verlief es, das
+Meer trug diese weiße hingedehnte Masse. Dies war das Eisgebirge
+des Vatna; es hielt alle Schwärze und den Schall der
+Vulkane ab, der Staub überschritt seinen Grat nicht. Die
+Fahrzeuge der stummen Menschen westwärts steuernd näherten
+sich im aufschäumenden Wasser der Küste. Die Luft fing
+wieder an zu vibrieren. Aus den Schiffsbäuchen stiegen die
+Menschen. Die Zähne beißend hörten sie das entfernte Grollen.
+</p>
+
+<p>
+Flaches tiefbuchtiges Land. Das gelbe Sonnenlicht trübe
+umflossen. Ein eigentümliches fremdes Rot, das die Herzen
+der Menschen mit Trotz und Wildheit erfüllte, mischte sich,
+ohne zu weichen, im Nordwesten in die wechselnde Farbe der
+Wolken. Und wie die Dunkelheit einsetzte, stand allein dieses
+düstere erregende Rot am Himmel, das alle Menschen auf das
+Deck lockte, immer größer weiter heller, je westlicher sie fuhren.
+Die Fäuste ballten sie, wie sie das Rot sahen. Mit Triumphgefühl
+betrachteten sie das Wasser; sie zitterten, spannten sich,
+hatten die Zähne aufeinander. Ein wirbelnder Landwind jagte
+Wolken nach Süden, die Rauch von den Feuerherden schleppten.
+</p>
+
+<p>
+Nacht. Da scholl das tiefe Murren und Rollen an ihr Ohr,
+das sie seit dem aschenverhüllten Thistillfjord nicht gehört
+hatten. Brustbeklemmend, daß sie aufhörten zu lächeln, klein
+<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
+herumgingen, den Atem langsam entließen und einnahmen, so
+fiel sie das Murren an. Sie hatten es fast vergessen. Sie wurden
+herumgetragen durch die Kraft der schraubendrehenden
+Schiffe und ihren eigenen Willen. Und wollten näher heran.
+Da war es schon kein Rollen mehr. Es sprang knallend an,
+fiel polternd hin. Rummste an unsichtbaren Orten am roten
+Horizont. Aber von Zeit zu Zeit verschwand es hinter einem
+erstickenden, alles überschattenden, Schiff Meer Meer Feuerschein
+in Nichts verwerfenden Aufkrachen, hinter einem aufwühlenden
+grundgeborenen Getose, das nicht aufhörte, Meer
+und Land minutenlang rüttelte. Und wie es abbullerte, ließ
+es Meer und Land in Betäubung. Tobsüchtiges Klatschen der
+Brandung, grauer zuckender Himmel. An Deck geklammert,
+neben Masten Drähten Maschinengittern, sahen sie das Zusammenziehen
+der Küste, sahen, wie das Land aufhörte, Land
+zu sein. Die Ufer, langgestreckte Hügelreihen, der flache Strand
+tauchten in das anrasende Meer ein, das sich turmhoch aufhob,
+in einer schnurgraden schwarzen Flutlinie über sie herschmetterte,
+unter Johlen der fortgerissenen Luft. Dann war das schwarze
+nackte Land wieder da; die Hügel rollten von seinem Rücken
+herunter; der Boden zuckte, glättete sich gegen das Wasser hin.
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffe drehten stärker seewärts. Als die Nacht vorüber
+war, waren sie in die Zone der Hekla und Katla getreten, der
+Feuerberge des Südwestens. Sie wurden ihrer nur angesichtig,
+wenn ein Seewind die Schwärze des Rauchs zerteilte. Heimvayz
+hieß eine von den vierzehn klippigen Westmannsinseln; vor dem
+seenartigen Erguß des Markerflusses ins Meer lag sie.
+Heimvayz war die größte der Inseln, eine halbe Quadratmeile
+im Umfang. Sie war früher von Menschen bewohnt; unter
+Schutt, zwischen den Lavabomben lagen zerschmetterte Hütten,
+eine Kirche stand weit offen da, die Türen unversehrt, der Dachstuhl
+eingebrochen, das Innere von Geröll wie ein Kasten erfüllt.
+In den Buchten Heimvayz’, einige Meilen vor der isländischen
+Südküste, schoben sich die hohen schweren Transporter
+obdachsuchend, in stickiger Luft.
+</p>
+
+<p>
+Dann stießen leichte Angriffsschiffe gegen die Küste vor. Der
+Myrdalsjökull stand ihnen gegenüber, das Sumpftalgebirge,
+<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
+achtzehn Quadratmeilen bedeckend, einstmals unter einer Eisschicht
+verborgen. Mächtig stand der Myrdal da, eine erwachte
+Vulkanmasse. Seine Rippen klafften, nach allen Seiten war
+der Bergblock aufgerissen. Dampf und Aschesäulen spie er und
+verhüllte sich. Die Katla hinter ihm im Land flammte düster;
+oft versank sie in ihrem Qualm. Sie brauchten nicht viele
+Brücken zu schlagen. Die Küste entlang schwärmend, von den heiß
+aschigen schwelenden Ufern drangen sie vor. Nahmen sich zum
+Ziel die feuerbrünstige Reihe der Vulkane am Skaptarfluß,
+vom Rand des Vatnaeises bis zum Thjorsar, wo die achtkuppige
+Hekla ihre Mauern und Terrassen, Schlund bei Schlund aufbaute.
+Der Herkules, der nahte, kam nicht um den Drachen zu
+ersticken, ihm anspringend nicht ermüdend Kopf um Kopf abzuschlagen,
+ihn unter die Füße zu nehmen, zu zerschlitzen, die
+geblähten Eingeweide in die Luft zu streuen. Er wollte das
+Untier reizen, Mäuler um Mäuler aufzusperren, Hals um Hals
+hochzustrecken. Seine Wut sollte es zeigen für ihn, seine Kraft
+wollte er ihm entlocken. Er hielt es an einem Band fest, zog es
+hinter sich her. Und eines Morgens machten sich die Transporter
+von der kleinen Heimvayzinsel los, setzten sich meerwärts in
+Fahrt. Zugleich richteten sich die stillen Augen von Kylins
+Apparaten auf die Gebirge.
+</p>
+
+<p>
+Die Hekla, den Kopf in den Wolken, machte einen Sprung,
+als wollte sie sich ins Meer stürzen. Ihre Wände, die sich getrieben
+aufgestellt hatten, die Mauern des Marklidar, die höheren
+Hilfall Grefjöll Malfall wurden zur Seite geschleudert. Über
+das brennende Land flog der Marklidar, der Bjölfall Grefjöll
+Malfall. Da versank der Torissee. Umgeschleudert wurde in derselben
+Stunde die Katla. Den Tjörsarfluß bedeckte der Tungna.
+Als am Vatnarand der Öräfaberg sich in seinem eigenen
+Feuer bog und drin verschmolz, stand keiner der Menschen, die
+das Geschwader um die Insel getragen hatte, mehr auf seinen
+Füßen, weder von denen, die jenseits der Westmannsinseln ins
+Meer flohen, noch von denen, die das Gestade entlang fuhren.
+Die auf den flüchtigen Schiffen wurden gegen Drähte Gestänge
+gestoßen, flogen über Bretter. Mit Masten Seilen Treppen,
+an die sie sich hielten schwirrten sie über die Böden. Die Schiffe
+<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
+machten plötzlich einen Satz nach vorwärts und dann noch einen,
+und einen zur Seite, wie ein Hund, der nach einem vorgehaltenen
+Bissen schnappt. Ihre Hinterleiber schnellten aus dem
+platten Wasser, die Schrauben surrten leer in der Luft, die
+Spitzen wühlten mit den Nasen in der See. Wühlten bei den
+landnahen Schiffen so tief in der See, daß die Leiber rückwärts
+sich schräg, fast senkrecht hochstellten, sich seitlich und nach vorwärts
+überschlugen, Menschen Tonnen Balken im Strudel
+hinterdrein. Die See hob sich auf den Druck der zerrissenen
+Luft langsamer, breit am Boden schleppend, schwer schwer über
+der Untiefe hängend. Die Schaumkämme der Wellen wurden
+angefaßt. Von den Ufern weggeblasen rollte sich die See wie ein
+Wurm zusammen, wulstete sich riesenhoch, lief, während es
+nächtig wurde, ein Schatten durch die Nacht auf das Land zu,
+loderte über Klippen, entblößten Strand, breite kochende Lavaströme,
+streckte sich über sie, zog sich entladen auseinander, gab
+alles frei, rollte sich wieder ein und, Trümmer Blöcke Geröll
+Aschen an sich nehmend, stellte sie sich auf, gebäumt höher höher
+wachsend, schlagprasselte in einem wallenden Sturz über das
+geifernde Land.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschen, die von Europa aus den wimmelnden Stadtschaften
+herübergekommen waren und, um das Feuer aus den
+Vulkanen zu holen, auf den Angriffsschiffen die Küste entlang
+fuhren mit den zauberhaften Apparaten, in der Stille hergestellten
+listigen Maschinen, wandten sich ostwärts im Augenblick,
+als die Feuersäulen der Vulkanschlote erloschen. Da wurden
+ihre zarten Schiffe, Gebilde aus Stahl und Holz, während ein
+Urlaut vom Firmament herunterscholl, im Wirbel um sich gedreht.
+Auf die fluchtbereiten Flugzeuge warfen sich die kleinen
+taumelnden Menschenwesen, die der europäische Kontinent geschickt
+hatte. Sie flogen auf dem winzigen arbeitenden Gerät
+über den drehenden Schiffsrand seewärts, ostwärts, dem unbewegt
+stehenden Eisgebirge des Vatna zu. Sie fühlten noch
+über dem Wasser schwebend, wie sie etwas anfaßte, rückwärts
+seitwärts, an Hals und Nacken. Blitzrasch waren sie geknickt, wie
+Bälle in die Luft geworfen, hochgeweht zwischen die flirrenden
+knatternden heißen Gesteine. Von den rotglühenden Backen der
+<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
+Bomben zerdrückt, vom spitzen Sand zerknabbert durchlöchert.
+Auf den Vatnajökull, nach dem sie verlangten, wurden viele
+gesprengt, gebunden an ihre lustig laufenden Apparate. In
+das blauweiße Eis des Gletschers wurden die verschobenen
+verknäulten Leiber getrieben, fellgeschützte Hände, durch die
+noch ein Zittern lief, weitgeöffnete Augen Ohren, die nach
+jenem Urlaut nichts mehr hören wollten. Das Eis sprang unter
+dem schußartigen Anprall der ungestümen Menschengäste auf.
+Die Gäste, zu blutenden Kugeln zusammengepreßt, machten sich
+selbst einen metertiefen Gang, an dessen Ende sie ausruhten.
+Steine Aschen stopften sich neben sie. Auf Brücken hatten fünftausend
+Menschengeschöpfe, die Europa hervorgebracht hatte, den
+Lakivulkan, den Katlaberg, die Hekla wachsen, sich mit einem
+Steinregen umgeben sehen, wachsen, sich erweitern, wachsen,
+sich heben, zerbersten. Sie waren vom Feuer verschlungen
+worden. Sie lagen, als die Nacht um sie zerfetzt wurde von
+einem überweißen Schein, greller als nahes Sonnenlicht,
+sekundenlang rechts und links bei ihren Maschinen, gekrampft
+verschrumpelt, in sich geschlüpft. Brauchten dann ihre Muskeln
+nicht mehr. Schwebten wie Dampfsäulen auf mit Pfeilern
+Brückentafeln Rollenträgern Fahrgut Schienenwerk. Wurden
+von dem Feuer angenommen, ihrer Gedanken, menschlichen
+Natur, Leiblichkeit entkleidet, waren nach drei Sekunden nichts
+anderes als die gasende Lava: Wasserdampf Kohlensäure
+glühender Kalk.
+</p>
+
+<p>
+Das Land war in dem Augenblick, den Himmel Meer
+Schiffe Brücken Menschenwesen mit Tosen und rasenden
+Verwandlungen erfüllt hatten, antwortend auf die Frage
+der großen Glut, zu einem Feuersee geworden. Der See floß
+von der Linie des Tjörsarflusses bis zu dem Lakivulkane im
+Osten, nach Norden zum flammenden Tröllardyngar. Eingesunken
+in Flammen die Hekla, siebenhundert Quadratkilometer bedeckend,
+das ewige Schneefeld, von schwarzen Schlackenmauern
+gefeldert, in fünf Hügelreihen, sechs Terrassen sich aufbauend,
+Felsmauern längs der Vestri-Ranga, der Marklidar, dahinter
+der höhere Bjölfall der Malfall Grefjöll der Hauptgrat, die
+braunen verwitterten Schlünde. Der Raudukambur am rechten
+<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
+Ufer der Tjörsar versunken. Das Haupt des Myrdalsjökull.
+Der schreckliche Eyafjallarjökull.
+</p>
+
+<p>
+In die Katla hatte sich einmal eine Hexe geworfen. Da war
+der Vulkan ausgebrochen, hatte das Gletschereis zum Schmelzen
+gebracht. Das Land unter dem Katlagletscher war fruchtbar,
+Kühe weideten, kleine Pferdchen überschritten die Furten,
+schüttelten sich, warfen sich in den Sand. Der Berg hatte
+seine Sand- und Bimssteinmassen und die schwarzen toten Landschaften
+geschaffen, das Myrdalssandur, das Kötlisandur. Dann
+brodelten warme Schlammflüsse von ihm herunter, zuletzt löste
+sich das Eis selber, rasierte die grünen südlichen Hügel, schwenkte
+sie in die See. In Flammen eingesunken die Katla, Fjorde
+Buchten Seen verdampften, mit Schmelzfluß ausgefüllt.
+</p>
+
+<p>
+Der Brand überlief zwei Breitengrade, rauchte von der
+Skalfandabucht bis zum südlichen Vorgebirge am Myrdalsjökull.
+Die feurigen Massen gluteten im Osten den gewaltigen Vatna
+an, stießen ihren Hauch an die Ostküste, wo der Brücken- und
+Lagerfluß im Meer ertrunken war.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> die Stöße der Luft nachließen, die Wasser gurgelten und
+richtungslos pendelten, warfen die nach Süden vorgestoßenen
+Führerschiffe Flammen und Farbensignale über das Meer.
+Durch den Hagel der Steine, die schweren Schatten der Aschengüsse
+leuchteten die Zeichen. Vergeblich. Weiter in See
+sausend, ihre Schiffe suchend, die farbigen Rufe in aufhellender
+Luft wiederholend, sahen sie eine Gruppe von Schiffen sich
+ihnen von Süden her nähern. Sie wurden aufgeklärt von der
+Flottille, daß weiter westlich nur ein kleiner Haufen Schiffe zu
+sichten sei, schwer durch Blöcke verletzte Gefährte, die mit den
+Wellen kämpften. Die Führer gaben Weisung, mit ihnen in
+Fühlung zu bleiben, stürzten südwärts, entsetzt über die Verluste.
+Sandten Flieger vor sich. Die berichteten nach kurzem Suchen:
+eine ganze Abteilung Schiffe fahre in Kiellinie ihnen voraus,
+biege eben westsüdwestlich um. Eine zweite Meldung lautete:
+es sind unbeschädigte Schiffe des Geschwaders, Transporter
+und technische Schiffe. Mit Flammensignalen Sirenenrufen
+<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
+suchten Führer und Flieger das wildfahrende vordere Geschwader
+zu verständigen, daß es zu halten habe, um in Fühlung
+mit den Führern zu treten. Das Geschwader antwortete nicht,
+raste gejagt mit höchster Kraft vorwärts. Da warfen die Führerschiffe
+ihre geübtesten Flugzeuge aus, die nach wenigen Minuten
+das vordere Geschwader kreuzten, sich in laufender Fahrt auf
+Schiffe niederließen. Die Flieger, die Weisung hatten nach erfolgter
+Erkundung und Abgabe von Befehlen Bericht zu erstatten,
+kehrten nicht zurück. Die Schiffe wandten nicht. Das
+Tempo der Fahrt verringerte sich nicht. Ein Einzelflieger, ein
+Kapitän, von den bestürzten Führern bestimmt, ein Raketensignal
+zu geben, wenn ihm irgend etwas bei der abgesprengten
+Flotte rätselhaft oder verdächtig erschiene, gab eine lange Stunde
+nach seiner Ankunft kein Zeichen; dann brannte das Signal auf.
+Die Flotte vorn war auf der Flucht.
+</p>
+
+<p>
+Die Führer versammelten sich auf De Barros’ Schiff. Der
+schwere De Barros erfuhr vom Zustand seines eigenen Geschwaders.
+Die Menschen, Männer und Frauen, vom Entsetzen
+betäubt. Sie standen herum, weinten, lagen apathisch,
+krochen in die Kabinen, zitterten sperrten die Münder auf.
+Eine kleine Anzahl war frisch, beriet sich überall flüsternd. Sie
+erklärten, als der Verdacht der Flucht der Südflotte bekannt
+wurde, sie gingen nicht davon; sie würden die Fliehenden zurückholen.
+Prouvas, still wie die anderen Führer, vernahm
+Wendungen wie nach dem Unglück in der Heraldsbucht und
+noch gesteigert: man werde die Arbeit verrichten, man ließe
+davon nicht los. Er hörte sie einen nach dem andern an; er
+prüfte sich selbst; ihre Worte kamen ihm übertrieben und nicht
+ganz richtig vor. Er zitterte nicht, fand sich gewillt nicht loszulassen,
+aber etwas war nicht ausgesprochen. Besser war der
+Satz eines der Männer: er ginge nicht von dem Feuer, er wolle
+zurück. Das war etwas. Ingrimmig bestimmte De Barros:
+die südliche Flotte wird nicht nach Europa entweichen. Man
+war weit in See, hatte die Rauch- und Aschenzone verlassen.
+Es war möglich über den östlichen Verbinderschiffen, dem
+Standort für Kontinentalmeldungen, sich mit dem Geschwader
+im Thistillfjord zu verständigen, beruhigende Aufklärung zu
+<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
+geben, zugleich um Hilfe beim Einfangen und Abriegeln des
+flüchtigen Geschwaders zu bitten. Wie man weiter vorwärtsstieß,
+lag vor ihnen eines der großen Transportschiffe der
+Flüchtigen, leck, im Begriff zu sinken. Der Kapitän dieses
+Fahrzeuges gab Zeichen: man solle sie nicht verfolgen; die
+Bemannung hätte selbst das Leck gebohrt. De Barros betrat
+das Schiff. Die Gebrochenen hatten die Oberhand. Die Menschen
+bewegten sich wie Betrunkene. Niemand weinte hier.
+Sie blickten von den neu Ankommenden weg oder stierten sie
+ausdruckslos an. Einige waren geneigt jeden, der sie fragte und
+berührte, anzufallen. Viele standen grinsend, manche gähnten.
+Es stank auf Deck und auf den Treppen: Überall lagen Haufen
+braunen und gelben frischen Menschenkots; die Menschen rochen
+nach Kot. Einige standen in Urintümpeln und hockten darin;
+aus ihren Hosen, über die Schuhe lief es. De Barros fragte,
+wer das Leck gemacht hätte. Der Kapitän schloß die Augen:
+„Ich. Mit anderen.“ „Warum?“ „Es ging nicht anders.“ De
+Barros trat näher an ihn: „Es ging nicht? Es geht. Sieh mich
+an.“ Der junge Mensch machte die Augen nicht auf. „Ich will,
+ich will nicht.“ De Barros wurde gedrängt ihn zu nehmen und
+zu umfassen: „Du willst doch.“ „Nein, ich will nicht. Ich
+ertrag nichts mehr. Nicht nochmal.“ „Wir ertragen es alle.
+Sag, ob du willst.“ Mit den Stumpfen fast Vertierten konnte
+De Barros nichts anfangen. Er mußte sich vorsehen, daß man
+ihn nicht niederschlug wie vorher seine Flieger. Er hielt den
+Kapitän am Arm: „Sie haben eins auf den Kopf gekriegt. Sie
+haben nichts ausgehalten. Sieh nicht hin.“ Der ging entsetzt
+mit ihm.
+</p>
+
+<p>
+Das Gros der fliehenden Schiffe hatte inzwischen weiten
+Vorsprung und war im Begriff sich mit den Sprechstationen
+Skandinaviens und des Festlands in Verbindung zu setzen. Angriffsschiffe
+De Barros’ flogen hinter ihnen her. Die Angreifer
+warnten durch Zeichen: „Ergebt Euch!“ De Barros trieb die
+Angreifer in Wut vor. Neue Warnungszeichen. Und dann
+sahen die Todmüden Verwirrten auf den fliehenden Schiffen
+das ruhige Meer, das sie eben nach Frieden lechzend befuhren,
+sich gegen sie erheben. Es knatterte auf der Wasseroberfläche;
+<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
+der trübe Himmel erleuchtete sich hinter ihnen. Nach einer
+zuckenden Erhellung sahen sie, das Grauen der Vulkane noch
+im Blut, eine schwarze breite Wolkenmasse über dem Wasser
+begehrlich auf sich zu ringeln. Das Meer, eben ihre Zuflucht,
+war klirrend von De Barros aufgerührt; die Wolken auf das
+Meer heruntergebogen rasten schwarz und steinern, Schaum vor
+sich rollend an. Dieses Meer, das sie trug, schüttelte an ihnen.
+In der schweren Finsternis warfen sich die Flüchtlingsschiffe. Erduldeten
+das dröhnende kerzengrad in Strudeln um sie aufstehende
+Wasser. Durch die brausende Finsternis schlichen, Helligkeit
+um sich streuend, die Erkunderboote De Barros’. In
+einer knappen Stunde war das Geschwader besetzt. Scharen
+der Besatzung sprangen kopfüber in die See. Mehrere Schiffe
+sanken, bevor man sie erreichte.
+</p>
+
+<p>
+Man wandte zurück nach Nordwesten. Das Winseln auf den
+gefesselten Schiffen. So brüllten die gebundenen widerspenstigen
+Menschen unter Deck, daß De Barros auf offener See halten
+ließ und mit einer Handvoll Männer und Frauen die tobsüchtigen
+Fahrzeuge betrat. Er mußte eine Anzahl erbitterter Menschen
+ins Meer stürzen lassen. Den Unterführern gab er Befehl,
+weiter Ordnung zu schaffen. In Haufen wurden die Weinenden
+und Verängstigten, zusammengebunden, auf zwei besondere
+Transporter geschleppt. Inmitten des Geschwaders fuhren die
+beiden Transporter unter weißen Fahnen.
+</p>
+
+<p>
+In die Zone der glühenden tosenden Insel traten sie wieder
+ein. In steigender Erregung umfuhren sie die Ostküste Islands.
+Sie wußten, was sie beim letzten Angriff bezahlt hatten; sie
+wollten den Gewinn kennen. Schweigend begegneten sich an der
+Nordostküste die Hauptmassen beider Flotten. Keine Kenntnis
+nahmen die Zurückgebliebenen von den beiden weißbeflaggten
+beiseite in einen Fjord gesteuerten Schiffen. Und wie sie noch
+von Schiff zu Schiff Mitteilungen austauschten, wurde von der
+norwegischen Küste gemeldet, es seien einige hundert Lastflugzeuge
+mit Besatzung unterwegs; und darauf: eine neue Flotte
+verläßt eben die Häfen.
+</p>
+
+<p>
+Das Festland hatte in den Stadtschaften mit Schmerz Zittern
+Verwirrung die alarmierenden Rufe der fliehenden
+<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
+Südflotte empfangen. Die Senate nahmen den Tod der Führer
+an. Einsilbige Meldungen der Nordflotte unter Kylin klärten sie
+dann auf; nichts als neues Menschen- und Sachmaterial wurde
+gefordert. Befreit und doch zögernd gaben sie es her. Man
+wußte nicht, was dort oben vorging. Großartige halberfundene
+Gerüchte von der isländischen Operation streuten sie aus. Von
+den Stadtflüchtigen ballten sich mehr und mehr in Erwartung
+in den Zentren. Die Senate selbst hatten das Gefühl, daß die
+Ereignisse im Norden trotz aller Verluste die Gerüchte noch übertrafen.
+Aber der zitternde Schrei des flüchtenden Islandgeschwaders
+lähmte sie, und tiefer erregte sie, wie die Führer
+und die Masse der Expedition sich jetzt verhalten würde. Heimlich
+hofften sie, sie würden mit fortgerissen werden, diese gefährlich
+Stillgewordenen würden weggeschwemmt werden. Da
+kamen die Rufe der unerschüttert weiter drängenden Nordflotte.
+Das neue Geschwader ging ab. Die Senate fingen an, auch
+schweigsam zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Nachricht von der Ankunft der neuen Schiffe gab
+De Barros Befehl, die beiden Weißflagger sich zu überlassen,
+jede Berührung mit ihnen zu vermeiden; und dann: er habe
+an diesen beiden Schiffen kein Interesse. Die Unterführer begriffen
+die Gefahr, die von den entgeisterten anklagenden
+wirren höhnenden Menschenrufen ausging. Sie entfernten die
+bewachende Mannschaft von den Fahrzeugen. Eines Nachts
+waren beide Schiffe im Thistillfjord verschwunden; man hörte
+nichts mehr von ihnen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">urmalin</span> hießen die Steingeschlechter, die der grobkörnige
+Granit in Gängen und Adern hielt. Magnesium nahmen sie
+auf, dann wurden sie braune Dravite; pechschwarz unter dem
+Eisen zu Schörlen; gelb blaßgrün waren sie Achroite, die Natrium
+in sich trugen. Sie lagerten im Albanygranitgebiet, in
+Neuhampshire, am Dach des englischen Dartmoor. Bor Kieselsäure
+und andere Urwesen hatten sich in ihnen angesiedelt und
+mit ihnen auf dem Erdboden niedergelassen und hingebreitet.
+Wenn Wasser Dämpfe Gase auf diese Geschöpfe eindrangen,
+<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
+verwandelten sie sich in hellen Glimmer, wucherten über Saphire
+weg. Man kannte die säuligen langgestreckten streifigen Glieder
+dieser Geschlechter, wie sie aus den Felsgängen kamen, gebogen
+geknickt spröde brechend, mit Pyramiden an den Enden ihrer
+Körper. Strahlenförmig hatten sie sich im Gestein versammelt;
+oft saßen sie lose eingesprengt neben den Familien der Topase
+und Quarze. Sie waren von eigentümlicher Empfindlichkeit
+und Reizbarkeit. Die Wärme ließ sie elektrisch aufzittern; dies
+hatte man schon lange beobachtet; über die Enden ihrer Leiber
+dehnte sich die strahlende Spannung. Man war darauf gekommen,
+sich der Turmaline zu bedienen um Wärme, die lose verschwimmende
+flüchtige Kraft, in die strengere feste der Elektrizität
+zu drängen. In Texas Brasilien, auf den britischen Inseln
+hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <a id="corr-28"></a>abgetragen,
+Ganggranite sprengen, Turmalinlager aufstapeln lassen
+zur Verarbeitung bei dem belgischen Mons. Das zertrümmerte
+Gestein wurde gereinigt, die getrennten Bergarten geschmolzen,
+umkristallisiert. Man fertigte schleierartige Gebilde aus ihnen
+an. Die Völker der Turmaline hingen, Geschöpf neben Geschöpf,
+elastisch schwingend da aneinander, in schlanken Säulen;
+fremdes Mineral trennte Kristall von Kristall. Sie waren
+es, die das strahlende Feuer der Vulkane an sich saugen sollten,
+ihre Glut in den Fluß der Elektrizität verwandeln, den sie dann
+später wieder auf Grönland in lockerer Glut aushauchen sollten.
+Schleier auf Schleier des Gewebes wurde bei Mons gegossen.
+Die Lager der zertrümmerten Ganggranite verminderten sich.
+In die Hallen ungeheurer Schiffe wurden die elastischen
+scheckigen Kristallgespinste verfrachtet. Sie konnten jedes Feuer
+der Erdoberfläche fassen. In den Frachtern, die nach Island
+fuhren, hingen sie ausgespannt.
+</p>
+
+<p>
+Eine gabelförmige Spalte teilte auf, was von Island übriggeblieben
+war. Sie zog von Süden zum Trölladyngja, legte
+sich nach Norden dem Skalfandar entlang, nach Osten parallel
+dem Kyarkjöll. Wo der Krabla und Leirhukr gestanden hatten,
+im Süden die achtkuppige Hekla, die entsetzliche Katla wogte
+ein Feuersee. Unregelmäßig schossen aus seitlichen Explosionsgräben
+Feuergarben. Die ganze zu Tag liegende Masse hob und
+<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
+senkte sich gleichmäßig; sie pulsierte, wogte dröhnend, den frischen
+Steinpanzer zerreißend, lavengischend, stieg rieselnd in die
+Erde zurück, schwarze Klüfte freilegend. Lichtweiße Dampfballen
+traten an die Oberfläche, die wie flüssiges Metall gelbrot
+gelbbraun schwer wallte. Mit den Dampfballen tanzten
+glühende Lavastücke auf dem See. Eine Weile trieben sie über
+dem verhüllten Spiegel, nach Süden und Norden. Dann während
+sie rechts und links zerflossen, ballten sie sich an einer Stelle,
+blieben stehen, wurden dichter höher, schwollen zu Bergumfang
+an; der ganze See erzitterte, der Boden der Insel schwankte.
+Der See erhob sich wie ausgebeult unter dem weißen Dampfberg.
+Tumultuarisch regte er sich, peitschenartig schlugen fliegende
+Steine aneinander. Zu ihrem hellen Getön trat Poltern,
+Rücken, orgeltiefes Murren. Mit einem Donnerlaut platzte die
+Dampfmasse auseinander, wurde über den See und die Berge
+der Insel getrieben. Lavamassen stürzten aus dem rüsselförmig
+aufgestürtzten See; in Säulen und Garben wurden sie hochgetrieben,
+fächerartig ausgedehnt. Das wogende Feuer sank,
+mit weißen Wölkchen spielend, wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Die Geschwader beim Thistillfjord und südlichen Myrdalsjökull
+ankernd, die Frachtschiffe mit den Turmalinnetzen hinter sich,
+vermochten unter den Bombenauswürfen, den Gas- und Lavaexplosionen
+der glühenden See sich nicht seiner Oberfläche zu
+nähern. Man schickte von verschiedenen Seiten Fliegerflottillen
+gegen den See vor, die ihn erst ohne Last, dann mit ausgespanntem
+Turmalinschleier kreuzten. Von Rifstangi im Norden drangen
+Flottillen vor, aus der Vopnabucht von Osten in die
+Gegend des alten Herdubreid, dessen randliche Trümmermassen
+in das Feuer absickerten. Die Flieger hatten schreckliche
+Verluste; jedoch litt niemand zum Verzagen darunter. Zu
+jeder Tätigkeit drängten sich die Männer und Frauen; die Verluste
+waren schmerzlich, wurden aber fast begierig zur Kenntnis
+genommen. Alte und neue Islandfahrer waren in einem Gefühl
+zusammengeschweißt. Die Schleier, über der wühlenden Erde,
+dem aufberstenden und zurückfallenden See durch keine Pfeiler
+ausspannbar, mußten über die Oberfläche feuernah geschleift
+werden. Sie zerrissen, tauchten ein und schmolzen, stürzten mit
+<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
+den Fliegern ab. Dazu veränderten sich schon Seeteile in beängstigender
+Weise. Die Vulkane, erst erfüllte einheitliche
+Feuerbecken, zogen Schlackenmauern zwischen sich, häuften
+Wälle im See auf. Es schien als ob in der Tiefe Reste der alten
+Vulkane lagerten, die im Begriff waren ihre Leiber neu aufzubauen.
+Die Einbruchsfelder der Berge traten um den Myvatn
+in verschwommenen Linien schon wieder hervor. Unabsehbar
+weit ergossen sich die Lavaströme über das Land. Durch die
+Dämmerung des Tages quollen sie schwarzblau, die Nächte
+durchstrahlten sie weiß. Sie liefen sich in steinernen Säcken
+fest, die sie selbst um sich legten. Teile des alten Thistillgeschwaders
+rissen die Säcke auf, trieben Gase unter die Sackhaut, mit
+denen sich die glutende Lava freisprengte. Und wie die Ströme
+quollen, meilenbreite Bänder, über die sich neue schoben bis
+zur Höhe mehrerer Häuser, so daß der Boden im durchflossenen
+Gebiet sich anhob, versahen sich die Fliegergeschwader mit
+Böenbomben, die ihnen den Rücken gegen Aschen und Blöcke
+freimachen mußten, und mit Eis dunstenden Masken.
+</p>
+
+<p>
+Sie zogen ein Netz von Pfeilern am Skalfandar entlang nach
+Süden, über den Hofsjökull, parallel dem verschütteten Tjörsarfluß
+nahe der gestürzten Hekla. Eine zweite Pfeilerreihe richteten
+sie am Gletscherwestabhang des Vatnamassivs auf, nach Norden
+über den Kyarkfjöll das Meer erreichend, wo es aus der Heraldsbucht
+den Lauf des alten Lagarflusses bedeckte. Eine dritte
+Pfeilerreihe lief im Halbkreis vom Axarfjord im Norden zur
+Gegend des Myvatn, am Dyngjafjöll, Herdubreid vorbei. Sie
+hatten den Feuersee mit den Pfeilern allseitig dicht umspannt.
+Es begann die fürchterliche todheischende Arbeit über der
+dampfenden immer wieder aufspringenden Masse, den kochenden
+See mit den Schleiern geschwaderweise zu überfliegen, die
+Schleier an den Pfeilern aufzuhängen. Blitzrasch mußte man
+vorgehen, besondere Augenblicke an jedem Ort abwarten bei
+dem Vorstoß von Westen zu den Pfeilern nach Osten, von der
+Myvatngegend zu den Pfeilern am Vatnanordabhang und am
+Kyarkfjöll. Häuserhoch schwebte der ausgespannte blinkende
+Kristallschleier über dem Magmasee. Darunter fuhren zu seinem
+Schutz, Böen um sich schleudernd, die Menschen der alten
+<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
+Nordflotte, sprengten erweichten die grauen rahmartigen Schalen,
+daß der weiß und gelb gleitende Strom zutage trat. Und
+schon zuckten von den Pfeilern die Gurte mit den Turmalinvölkern
+herunter, wie Möwen auf den Fisch, der an der durchsichtigen
+Oberfläche schwimmt, schnellten gedehnt geschwellt
+knisternd hoch, wurden seewärts von den Pfeilern abgezogen,
+schwebten auf kaltes Land und auf Schiffe, während schon neue
+Fluggeschwader sich zum Vorstoß anschickten. Aschen und Gase
+brunsteten aus dem Feuerabgrund, die weißen Wolken perlten
+auf ihm wie Schweißtropfen, zerflossen unter den Böen.
+</p>
+
+<p>
+Jenseits der Pfeilerreihen, in Meeresnähe, hatte man Hallen
+zur Aufnahme der geladenen Turmaline erbaut. So groß
+war die Spannung der geladenen Schleier, daß die ersten abschwirrenden
+nicht gesicherten Flieger mit ihnen gelähmt ins
+Meer stürzten. Die Schleier sprühten auf dem nur minutenlangen
+Weg durch die Kälte einen Teil ihrer Spannung wieder
+aus. Man blies, wie sie die Feuerregion verließen, aus Drahtnetzen,
+auf denen sie beim Fliegen lagen, Hitze auf sie; die
+Netze verdampften bei der Berührung mit den geladenen
+Schleiern. Man mußte die Hallen sehr nah den Vulkanen
+legen. Dahinein rauschten die Kraft um sich streuenden Schleier.
+Klingen und Schwirren ging von ihnen aus. In eine trägflüssige
+zitronengelbe Masse wurden sie gestürzt, in die Riesenwannen
+der Hallen. Bis auf den Wannengrund war die Masse durchsichtig,
+sie opalisierte; apfelgroße Blasen stiegen langsam in ihr
+auf. Schwere wallende Schlieren legten sich wie Fäden eines
+Strickwerkes um den eingehängten Schleier. Er war, wie er das
+heiße dickölige Bad verließ, in allen Maschen graugelb umzogen,
+verglast. Sein Schwirren hatte aufgehört; man konnte
+ihn ruhig berühren, die klebrigen Anhängsel abstreichen.
+</p>
+
+<p>
+In gleichen Abständen liefen inzwischen weiter die Frachtschiffe
+mit Turmalinen vom Kontinent herüber, befuhren das
+große atlantische Wasser. Eingehüllt wurden sie in das Sausen
+des Windes, Plätschern klang herauf, Murren aus der Ferne.
+Fuhren in der wolkendurchflatterten Luft, Sturmschwalben
+Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, Stoßtaucher neben sich.
+Das Meer fiel dreitausend Meter tief unter ihnen. Mit Fischen
+<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
+Algen Quallen Schleimtieren war es gefüllt. Es warf sich in
+Ebbe und Flut. In Glitzern und Scheinen schwebten die Schiffe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kontinent wünschte von den geladenen Schleiern zu
+haben. Brüssel und London waren gleichzeitig darauf gekommen.
+Sie waren auf der Suche nach neuen Machtmitteln, fürchteten,
+die Islandfahrer könnten sich selbst diese Schleier aneignen,
+die man nicht kannte, die aber gefährlich schienen. Sie
+schickten mit jedem neuen Schiff Vertrauensleute, die die geladenen
+Schleier zählten, über ihren Verbleib berichteten. Als
+der Kontinent Schleier für sich forderte, lehnten Kylin De
+Barros Wollaston Prouvas es ohne Erklärung ab. Die Senate,
+stärker beunruhigt, nach außen nichts von sich gebend, beauftragten
+darauf neue Führer, für sie Schleier zu beschaffen. Ein
+stark ausgerüstetes Geschwader erschien vor Island. De Barros
+verstand, es tagelang irrezuführen. Er drohte den neuen
+Führern. Die Islandflotte erhielt Kenntnis von den Vorgängen;
+sie stand auf <a id="corr-29"></a>Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte
+auf die Senate hörten die neuen ahnungslosen Männer;
+ungehemmt äußerten Führer und Besatzungen ihre Verachtung
+für die Senate, ja für die Stadtschaften selbst, so daß die Abgesandten
+verwirrt wurden und nicht faßten, wen sie vor sich
+hatten. Sie berichteten zurück; die Senate bedeuteten ihnen,
+sich um die Ladung der Schleier zu kümmern und dann Island
+zu verlassen, im übrigen Kylin und De Barros zu erkennen
+zu geben, daß man sie ohne Zufuhr lassen würde, wenn
+sie die Beschlüsse der Senate ignorierten. Erbittert gaben Kylin
+und De Barros nach. Spät erst dämmerte ihnen, die Stadtschaften
+könnten Furcht vor ihnen haben. Und sie staunten, und
+ihnen wurde klar, wie merkwürdig es dabei war, daß sie staunten.
+Vielleicht hatten die Senate doch Grund, sich vor ihnen zu fürchten.
+Nein, sie hatten keinen Grund sich zu fürchten. Wer waren,
+wie fremd, weit abgelegen waren diese Senate, diese Stadtschaften,
+die sie hergeschickt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Als Kylin an die Tür seines Zelthauses trat und durch die
+Rauchschwaden die ersten städtischen Flieger sich um die Pfeiler
+<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
+bemühen sah mit Schleiern und Böen, hatte er Tränen in den
+Augen. Beschmutzt kam sich das ganze alte Geschwader vor.
+Man beschleunigte die Arbeiten. Die beiden Flotten suchten
+keine Berührung zueinander. Gefahrvollen Böswilligkeiten
+wurden die städtischen ausgesetzt. Die alten Flotten hatten
+schon die ungeheuren Turmalinmassen in ihren Schiffen verstaut,
+deren sie bedurften, als sie noch untätig bei der brüllenden
+Insel hielten, die neuen beobachteten und sich zu einem Entschluß
+durchrangen. Sie zerstörten eines Tages alle Pfeiler,
+zerstörten die Hallen mit den Isoliereinrichtungen, vertrieben die
+neuen, jagten sie mit ihren Schiffen über das Meer. Die ließen
+sich auf keinen Kampf mit den erbitterten ein. In Kopenhagen
+Hamburg empfingen die Senate die Rückkehrerflotte
+mit scheinheiliger Gelassenheit. Sie dankten den Führern für
+ihre Mühe, lachten über die Klagen gegen De Barros, taten
+übermäßig beglückt durch die mitgebrachten schon geschickten
+Schleier. Sie ließen verbreiten, die abgesandten Unterführer
+hätten sich ungeschickt gegen Kylin und De Barros benommen,
+aber es sei gleich: man hätte die geheimnisvollen Schleier in
+der Hand. Ihre Kräfte würden jetzt studiert. Dies ließen sie
+bald auf Umwegen an die Islandflotte gelangen: man hätte
+durch einige Prozeduren eine merkwürdige Kraft aus dem beschickten
+Turmalin isoliert. In der Tat warfen sich angstvoll die
+Physiker und Techniker der Senate an die geladenen Kristallgewebe,
+ob etwas Bedrohliches in ihnen stecke.
+</p>
+
+<p>
+Die Islandflotte aber nahm wenig Kenntnis von den Gerüchten
+des Kontinents. Nach der Halbinsel Rifstangi im Norden
+zogen sich um das dröhnende wolkenschleudernde Island die
+Schiffe aller Geschwader. Von Rifstangi über den schmierigen
+Svalbard waren die ersten Angriffe gegen die Insel auf
+Brücken vorgetragen worden. Alle Schiffe setzten kleine Scharen
+in Boote, die die Klippen umfuhren. Auf einem Schneefeld
+des aschebestreuten Svalbard wurde die Totenfeier für die
+Opfer der Angriffe abgehalten. Es geschah, daß nach den Worten
+Kylins, der gegen den Sandwirbel sich die braune Pelzmütze
+vor die Augen hielt, die zweitausend Menschen in den Schnee
+knieten. Sie griffen die Asche unter sich an, tasteten in den
+<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
+schmelzenden Schnee. Viele krampften die Hände beim Gedanken
+an die beiden traurigen grausigen Schiffe mit den
+weißen Flaggen. Sie träumten stumm. Kopfgesenkt, bei den
+Händen angefaßt ging man, langsam, zu den Booten herunter.
+Und langsam umfuhren die Schiffe ohne Verabredung die ganze
+Insel. Der Thistillfjord kam, in dem eine Flotte lange gelegen
+hatte, das Vorgebirge Langanes, der Vopnafjord, die Vulkane
+schütterten herüber, schwarze qualmgedrehte Riesenwirbel Spiralen,
+rot durchzuckt, von unten aufgeblafft. Da war die Sandbank,
+die sich nach Osten schob; man mußte sie umfahren; das
+Unglück in der Heraldsbucht hatte sie aufgeworfen. Die Insel
+trat wieder hervor; Buchten und Vorgebirge, der Eiskoloß des
+Vatna, strahlend breit aus dem Meer aufsteigend, die lohende
+menschenverlassene Südküste, kleine tote Inseln, die Ostküste
+und noch einmal der Rimarberg, der Myokarrjökull im Norden,
+die Bucht des verdampften Skalfandar, Rifstangi die Halbinsel,
+der Thistillfjord. Hinter Bergsätteln, langgezogenen Graten
+fuhren sie, der Wind trug nichts herüber, der Schall der Vulkane
+war gedämpft. Sie bogen oft aus, der Meeresboden schien sich
+zu heben und dampfte. Lavenstürze drängten sie vom Land ab.
+Sie näherten sich immer wieder der Insel, willig gespannt
+hingegeben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-8">
+<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
+<span class="line1">Siebentes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Die Enteisung Grönlands</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ehr</span> zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam
+kreuzten sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe
+abgründige Schollern füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als
+wenn eine Muschel auf ihren Ohren läge. Lagen auf dem Meer,
+das sie vor Monaten, endlos langen Monaten betreten hatten,
+von den Shetlandinseln her am sechzigsten Breitengrad. Das
+Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, breites hundertmeiliges
+Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von
+dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden
+Tieren. Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das
+Mainland, die zackigen Inseln Yall, Samphyra, Uya, Umst
+verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die Sonne sahen sie
+wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von
+Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden,
+das weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von
+sich werfend, die in Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle,
+Gluthauch an Gluthauch, die Urwesen frei blühend, Helium
+Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen hin und her zwischen
+Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten Nordostwindes
+nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich,
+was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen
+Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte
+Brücken über Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten
+sich der Städte. Wie sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte
+man sie hergeschickt. Das Meer floß unter ihnen. Gut, daß es
+da lief. Sie wollten nicht in die Städte. Wie merkwürdig alles
+durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken Apparate.
+In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft;
+Zimbo kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern
+nachgeben müssen; darum schickte man sie her, nach Island,
+<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
+Grönland. Was für Menschen waren da hinten. Nichts hören.
+Weiter Meer fahren. Grönland, nach Grönland.
+</p>
+
+<p>
+Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden.
+Zwischen Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe
+fünftausend Meter tief ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die
+kaum dreihundert Meter unter dem Wasserspiegel verlief, der
+Thomsonrücken, trennte breit die Nordmeertiefe vom Atlantischen
+Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle auf Island.
+Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der
+Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen
+Ostküste fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über
+das eisige Meer. Die warme tropische Golfstromdrift, die den
+Ozean hinter sich hatte, sandte ihr Wasser herüber auf Island,
+umkreiste die Insel, lief an der Südspitze Grönlands vorbei.
+Von Norden und Osten schwamm neben ihm, bedeckte ihn, mit
+Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der eisige
+Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie
+fuhren über die schweigenden Untiefen.
+</p>
+
+<p>
+Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden
+Fracht unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe
+ruhten die Schleier, die mit der Glut der Vulkane geladen
+waren. Im Stoß den rasenden hauchenden Feuerflächen entrissen.
+Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. Die
+achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis
+zum aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders
+fuhren mit ihnen. Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe
+nach den Vulkanen benannt, denen ihre Kraft entstammte. Das
+war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der breitschultrige Herdubreid,
+der schreckliche Dyngja. Die Katla, am Südhang des Vatnagletschers
+der gigantische Öräfa. Es war, wie die Menschen es
+bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren,
+diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das
+Land zu breiten nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid
+Katla Hekla Myvatn fuhren mit ihnen; sie waren ihrer
+Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine Anzahl der
+Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts treibenden
+Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe
+<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
+mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen
+sprengen. Geschützt von den Menschentransportern fuhren die
+Turmalinklassen, in langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten
+ihnen den Weg durch das Packeis. Vorsichtig zwischen Eisbergen
+führten sie sie hindurch. Aus allen Schiffen umschwärmten die
+Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie ihnen nahe
+wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos eine
+Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen
+anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen,
+vom Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum
+Kap Farwel unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße
+im Osten durchziehen, im Westen die Baffinbai bis
+zum Ellesmereland. Es kam auch der Befehl, nur wenige Schutzschiffe
+für die Turmalinschiffe zu stellen, niemand sollte sich
+zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die Versenkung
+der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick ertappt.
+Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten
+über dem Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige
+Gesellschaft zu bekommen. Bald hinter Island bemerkten die
+Menschen der Begleit- und Wachtschiffe die große Zahl von
+Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben es auf
+die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach
+zwei drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern
+her waren. Der braune Tang löste sich nicht
+von dem Schiffskörper. Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn
+Eisschollen eben einen Teil des Bugs glatt gescheuert hatten,
+so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch gezogen, fast wie
+aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem schweren
+Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare
+hinter sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber
+von den braunen grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt.
+Die Schrauben schmetterten und schlugen sich ihre Drehflächen
+frei; aber in den langen Schraubentunnel wucherten die
+Pflanzen ein, tauchten in den dunklen engen Kanal am Boden
+der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren glatten
+<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
+rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die
+eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen,
+die im Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie
+brachten zum Erstaunen der Besatzungen den schweren Pflanzenfilz
+herauf. Es waren nicht die gallertigen Gebilde der zierlichen
+Algen, die auf den Wellen unter ihnen schaukelten, wiesenartig
+dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. Sondern armdick
+quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen scharfgezähnten
+Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen
+als Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos
+traten auf allen Frachtern in Tätigkeit.
+Mit Besen mußten sie die Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen;
+mit Stöcken schlugen sie sie vom Gestänge ab. Um
+die Turmalinfrachter, als wären sie durch Signale, durch einen
+Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In wellenförmigem
+Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter,
+drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem
+Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen
+getrieben. Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne
+standen zu Hunderten honiggelb auf den großen Kiefern; das
+Wasser quoll zwischen den Zähnen in den Schlund; wurde in
+Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <a id="corr-30"></a>den schwarzen
+Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen
+Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie
+verbissen hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe
+Boote gegen sie aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung
+anfertigten, wichen die Tiere aus. Wie man ihnen
+aber den Weg hinter den Frachtern verstellte, gingen sie schwanzschlagend
+mit Zorn auf die Boote los. Die Lichtanlagen und
+der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in diesen
+Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe
+die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze
+strömten die Berge der Steinschleier aus. Man beging die
+Hallen, durch deren ganze Weite die Schleier ausgespannt waren.
+Die ölige Isolierung war nirgends durchbrochen. Es waren andere
+Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt wurden. Düster
+brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel fuhren
+<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
+sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da
+gaben die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose
+Kreuzen zu beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf
+Grönland vorzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend,
+waren von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten
+sie im Eis versinken. Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um
+die Schiffe wie mit Tauen an das Meer zu fesseln. Der schwimmende
+abgerissene sterbende Tang wuchs auf, trieb neue Stiele
+und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den Algenvölkern
+überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen Stengeln,
+palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit
+dem Eis verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden
+die Frachter freigemacht. Die Menschen auf den Schiffen selbst
+und in ihrer Nähe wurden eigentümlich mitgenommen. Nur
+für wenige Tage konnten Menschen zu den Turmalinfrachtern
+abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie in
+einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich
+durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie
+Opiumraucher setzten sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig
+ihre Arbeit. Es wurde ihnen schwer das Gesicht zu bewegen.
+Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach der Zustand aus.
+Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft zwischen den
+Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an,
+sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die
+Wolken sich lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf
+die Brust, die Lippen; sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald
+unbezwingbares Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer
+zitterten im Frost der Erregung, die Frauen schüttelten sich,
+gingen zuckend langsam. Jedes Glied an ihnen war mit Wollust
+geladen, jede Bewegung brachte sie dem ausbrechenden Taumel
+näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre Leiber vermischt
+hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. Sie
+küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und
+Beine, den Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die
+mächtigen Algenstiele; die zogen sie her, zu denen fühlten sie
+Verlangen. Das wonnige Wimmern, das ratlose Seufzen,
+<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
+angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann lachten sie
+wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine
+Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte
+so weich hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den
+Nacken. Man mußte beim Fortgang der Eisfahrt schon am
+Ende des zweiten Tages die Menschen von Bord reißen. Alle
+entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen genommen.
+Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den
+Riesengebäuden der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank,
+Lichter auf den andern Schiffen aufflammten, fuhren die
+Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als wären sie, auf denen
+keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. Man konnte
+die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum
+Kiel herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden
+Pflanzenmassen zitterten ein feines weißes Licht. Von
+Stunde zu Stunde wuchs die Intensität des Hauches. Im
+Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter um die Schiffe
+leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die Menschentransporte
+und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern;
+nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein
+Schrecken hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den
+Schiffen herum. Was sollten sie tun? Was sollte man tun mit
+den schrecklichen Vulkanhallen, die man hinter sich herzog, die
+wie Ungeheuer über sie herwuchsen. Keiner dachte mehr an
+Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die Turmalinhallen
+in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber was
+würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen,
+ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung
+konnte zerbrechen; sie konnten als furchtbare Flammen- und
+Strahlenwesen gegen die Kontinente vorgehen. Man mußte
+sich ihrer entledigen, aber man konnte nicht fliehen. Nach Grönland.
+Und die Führer und Besatzungen zitterten, was geschehen
+würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch blitzten
+im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau
+mit dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen
+<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
+Makrelenhechte gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden
+Boniten. Es war, als wenn sich die Pflanzenwiesen
+vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die Schiffskörper
+hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die riesigen
+Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen.
+Ihr Bug hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden
+Ozeanwasser. In den Nächten liefen sie wie glühende Wesen
+über dem Wasser. Das Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die
+Schiffe schienen sich bereit zu machen über den Ozean zu fliegen.
+In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus der begleitenden
+Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die anderen
+Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen
+sie ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen.
+Bald mußte der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die
+Schiffsschrauben leer in die Luft schlagen. Und wie sie bergig
+hoch über den andern in den Geschwadern rollten, begannen
+ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig hoben sich die Schiffe
+an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen in ihren
+Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende
+Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen
+Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten,
+rissen die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die
+sich an ihre Leiber schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten
+sie von sich. Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel
+auf sie zu; sie fielen über die Gebäude her, setzten sich auf die
+kriechenden Algen, auf Stengeln Blättern an der Außenverschalung
+krabbelten sie pfeifend zwitschernd schreiend herum.
+Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten auf
+Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren
+zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich
+springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf
+angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten
+sie hoch, der starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die
+Luft. Über das Eis von Grönland kamen Vögel herübergeweht.
+</p>
+
+<p>
+Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und
+die Schiffe klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den
+die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader
+<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
+sie von den Feuerseen Islands abzogen. Durch das Flügelschlagen
+Krächzen Zwitschern drang unheimlich der helle gleichmäßige
+Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus den
+Düsen einer Turbine.
+</p>
+
+<p>
+Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und
+vierzigsten Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke
+Eisbarriere hatte es um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es
+lag, schwoll scharfe Kälte und immer neues weißes Eis. Das
+helle glasige Eis schob sich über die ozeanische Fläche in Blöcken
+Schollen Bergen. Je mehr sich die Geschwader auf der östlichen
+und westlichen Seite dem grönländischen Erdteil näherten, um
+so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von Küsten, die
+man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an.
+Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und
+Zacken, drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben,
+eine auf die andere getürmt, kippten überlastet um,
+schwappten im offenen Wasser auf und ab. Burgen und Zinnen
+näherten sich, übereinander gerammte hohe Stockwerke der Schollen.
+Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, aus dem
+sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen herunter.
+Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein.
+Sie zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange
+Zapfen hingen an ihren Balkons, gläsern klirrten sie;
+mit einem Schlag fielen die zerbrechlichen Galerien auf die
+treibenden Schollen.
+</p>
+
+<p>
+Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter
+den sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im
+Bereich des Landes; das waren die Vorboten der Gletscher.
+Wie ein reicher alter Baum wachsend Jahr um Jahr seine
+Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus diesem Boden
+steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und
+geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung,
+Millionen Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis
+wuchs auf ihm, das Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus
+der Überfülle glitten die Massen ins Meer.
+</p>
+
+<p>
+Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes
+Alpenland hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze
+<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
+Berggipfel. Von allen Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe
+der Felsgassen. Über die Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden.
+Die Talfurchen von den weißen Trümmern gefüllt.
+In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad fuhr ein
+Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern,
+die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor
+diesen Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um
+jeden Preis entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig
+vergletschert wie das Land. In den Felsboden der Küste
+brannten diese Menschen, ihrer Sinne nicht mächtig, hohe leichte
+Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen des flachen Wassers
+nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler Stangen
+Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, verbrannten
+augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie waren
+wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben
+und sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken.
+Unter die Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme
+der elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend,
+Drähte von dem großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich
+zog. In einer Nacht fuhr der Strom aus dem Kabel über die
+Platten. Die Isolierung der Schleier schmolz. Weißrote Grelle.
+Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf weiße Wolken
+hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in unablässigem
+Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger
+geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher,
+fraß sich in ihn ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der
+Schleier senkte sich in die Schluchten. Der Gletscher stürzte über
+den Schleier; das Eis verdampfte. Dann aber wogten zwei
+Berghäupter gegen den Schleier an, der von den angeglühten
+niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und wie sie
+über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel
+klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten,
+wie ein Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen
+Gegners, zersprangen verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen
+rutschend begannen sich zu bewegen, als wäre etwas
+Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die knisternden Schleiertrümmer
+herunter, rollten überschoben sich fielen zusammen.
+<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
+Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen Gewebe;
+wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen.
+Stundenlang gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste
+über der Insel in hohen auf- und abschwellenden Strahlen. Die
+besinnungslose nahe Mannschaft des Geschwaders war mit ihren
+Schiffen über die Bai geworfen, auf die Klippen, zwischen die
+Schollen gestaucht.
+</p>
+
+<p>
+Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik
+sich bei allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des
+schweren Ausgangs der Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen
+Schiffen zu ähnlichen gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung
+einzelner Flottenteile, zersprengtes Vordringen auf
+das Festland wurde gemeldet. Steinern blieben De Barros
+Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, die nach
+einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen
+mit ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt
+an den Myvatn, an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon
+verrichtet und bewältigt habt, was hinter euch liegt. Wir geben
+nicht nach. Niemand von uns wird nachgeben. Wir erliegen
+nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die keuchenden Menschen
+schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine entsetzliche
+Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den
+Shetlandinseln und Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die
+Fortführung der Expedition und die Ausbreitung der Turmalinschleier
+erst ermöglichte. Hier arbeiteten auf den technischen
+Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den Gedanken
+der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der
+kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen
+Wolken hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von
+Heeresmassen brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten
+Rauchmassen der Castel waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen
+nach einiger Zeit; Tragkraft besaßen sie nicht; die Castel hatte
+sich sehr bemüht, aber vergeblich, die Massen so kompakt zu
+machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen Heeresteile
+<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
+zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die westlichen
+Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter
+den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen
+Nachrichten von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches
+durch den Londoner Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts
+getrieben. Er kam durch besondere Antriebe dazu, das eigentümliche
+Gemisch zu finden, das luftähnlich gasartig sich in der
+Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie eine Gallerte, und
+mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, in einer
+bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und
+Flüssigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von
+dem Plan dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den
+Bereich der nördlichen Stadtschaften geflogen. Er kam aus der
+Steppe südlich von Damaskus. Die Wüsten Il Horra, Il Ledscha
+und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über die flachen Kegel,
+schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war er mit den
+Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im
+Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch
+die Steppe nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er
+war nur einmal an ein Wasser gekommen, an das Tote Meer.
+Nur Pferde und Kamele hatte er bestiegen. Die braungelben
+Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen Bärten, fuhren mit
+Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem Sammelort,
+den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am
+Bug ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am
+Ruder. Es war die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu
+sehen an diesem Rieseln Überschaukeln Sichdurchkreuzen
+Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und ebnete. Sie verstanden
+sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im Wasser
+auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme zickzackten.
+Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den
+Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf
+dem Wasser selbst, das der Wind strich.
+</p>
+
+<p>
+Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über
+das Wasser weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im
+weißen Burnus über das Eisengeländer legten, kniffen die
+<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
+Augen, lächelten: „Die schwarzen Steppen von Diret il Filul.
+Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre schön, schön, über das
+Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie summten unter sich.
+</p>
+
+<p>
+Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud
+an: „Ich mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten,
+soweit du willst.“ „Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir
+Sand unter die Füße. Ich streue Sand auf das gefrorene
+Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder reitend nach
+Grönland.“
+</p>
+
+<p>
+„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr
+für Krämer. Will ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles
+könnt. Aber mir liegt nichts an dem, was ihr könnt. Nicht
+soviel.“
+</p>
+
+<p>
+Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen
+feierlich davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg
+etwas. Er hatte den Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun.
+Welche kindlichen schönen Wesen sie waren. Er wollte
+ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie sollten ihn wieder
+anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige melancholisch
+über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf den
+Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate
+über den Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren
+Vorgänge auf Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle
+Geschehen erschütterte, schwächte ihn, machte ihn
+müde. Was war noch das Leben. Er fuhr auf sein Arbeitsschiff.
+Bou Jeloud sollte lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung,
+neugierig freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes
+liegen. Das Wasser flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen
+von Norden angetrieben. Bou Jeloud schob die Hände
+unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. Wir warten
+noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen ist.
+Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite
+El Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand
+zwingt uns Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es
+ist nicht meine Sache. El Irak, ich bin ein Gefangener. Ich steh
+am Gitter und blicke herunter. Ich mag ein Schiff nicht.“ „Nun,
+<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
+Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie flüsterten finster
+zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak verschwunden.
+Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte,
+starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser,
+schrie, warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak!
+El Irak!“ Das Geländer umsäumt von gurrenden schwatzenden
+Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf einer Eisscholle gebückt
+der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte es hoch um sich.
+Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. Glücklich
+kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die
+Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts.
+Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der
+Scholle sichtbar; er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen
+Burnus winkte er nach dem Schiff herüber angstvoll.
+Die Beduinen schrien. Auf dem Hinterdeck machte sich ein
+Flieger los. Da hatte sich auf dem freien Wasser der Scholle
+Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, eine kantige
+bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den trägen
+weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen
+schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak
+verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und
+Eisbröckel segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich,
+liefen die Randlinien des Blocks ab.
+</p>
+
+<p>
+Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die
+stundenlang auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten.
+Eine Frau mit vollen braunen Armen stand bei dem finsteren
+Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei uns, Djedaida. Du möchtest
+lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich möchte lieber in Il
+Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine Handvoll Esel.
+Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was
+geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der
+Wind ist schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht
+sehr kalt.“ Die Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir
+wollen von den Schiffen. Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen
+wie El Irak. Ich fahre nach Hause. Spring ins Wasser.
+Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie uns verführen, daß
+wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein angebundenes
+<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
+Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das
+Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige
+Holyhead. Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das
+feine gelbe Gesicht blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier
+über den Mund. „Auch sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie
+trauern. Oh, wenn sie nicht weggehen. Wieviel schöner ist es,
+ihnen wohlzutun, als an Grönland zu denken.“
+</p>
+
+<p>
+Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der
+sich ihm zudrehte. „Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht
+gesehen, Jeloud. Gehst du mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer
+bist du?“ „Es macht dir keine Freude, sagtest du, wenn ich dir
+Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen Wasser. Daran
+liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um den
+Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird
+Grönland enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den
+Blick zu Boden: „Komm. Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße
+blickte zu Boden: „Ich konnte El Irak nicht retten, Jeloud. Aber
+ich möchte dich fragen, ob du Geduld haben willst. Willst du
+Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der gelbbraune
+Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der gelehrte
+Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute
+sich über den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff,
+Bou Jeloud. Ich will dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend
+Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich komme nicht, Holyhead. Du
+willst mich verführen, ins Wasser zu springen, wie Irak.“ „Ich
+bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir liegt
+nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften,
+wem ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch,
+Djedaida. Wir wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach
+der Wüste El Horra verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr
+werdet froher sein.“ „Ich will dir etwas sagen, Holyhead,
+weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich bin ein brauner
+Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf dein
+Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen
+Arm los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte
+dich nicht. Ich fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält
+<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
+mich für den und jenen. Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida
+war zurückgetreten. Sie hielt den Kopf gesenkt, den Arm über
+der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich mir, Holyhead, daß
+ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: „Komm
+doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“
+</p>
+
+<p>
+Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou
+Jeloud. Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht.
+Er warf sich eines Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in
+ihren Schoß. Drückte seinen Mund gegen ihre Brust, rieb sein
+Gesicht an ihren kalten Wangen, stöhnte. Es ging ihm gut.
+„Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. Lieber Sand.
+Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir,
+die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was
+hat er aus ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine
+Kammer, umarmte sie, bis sie schmolz. Er schlief stundenlang
+in der Kammer bei ihr, fest wie nie seit sie auf dem Schiffe
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was
+ist mit Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild.
+Er liegt in seiner Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht
+an.“ „Du hast mir versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen.
+Ich – freue mich nicht über ihn.“ Sie ging in die Kammer
+zurück, wo er noch schlief, legte sich zögernd neben ihn. Als sie
+seine Atmung belauscht hatte, drückte sie sich an ihn. „Djedaida“,
+flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich werde über das
+Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir
+können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“
+Sie wand sich.
+</p>
+
+<p>
+Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal
+schlich die Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner
+Rauch vor einer Tür. Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe,
+aber er verschob Djedaidas Schleier über dem Scheitel.
+Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, widerstrebend, ließ sich
+hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder her. Der schwarzbärtige
+weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die Tür, sah,
+die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau anblickend,
+mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre
+<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
+es ein sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust,
+wo er ihn wie eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen
+hatten sich bei dem raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke
+hohle Hand sanft nach, schob sie gegen seine Brust. „Komm,
+Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, dich zu sehen. Wir
+verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der Tür, die er
+offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was war
+das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir
+bitten dich zu uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der
+Rauch? Was machst du damit? Du hast ihn an der Brust.“
+Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist der Rauch, und das
+ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. Es ist
+schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune,
+schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von
+seiner Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor:
+„Ich danke. Ich will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“
+Und als Jelouds Stimme aus dem brodelnden Raum
+sang, drehte sie sich rasch um, rannte die Treppe hinauf, neben
+einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. Zwei Seeleute
+machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er
+schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden
+Männer suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den
+Schultern drängten, schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben
+in einem unbezwinglichen Drang, angstbeklommen,
+einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, beide Hände an
+dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem Brecheisen
+auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die
+weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe
+stemmten. Wie ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze
+mit den Schwankungen des Schiffes. Vor Lachen schütteten
+sich die Männer aus, auf die Knie gebückt, winkten der Frau
+herunter. Sie hastete über das Deck.
+</p>
+
+<p>
+Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach
+ihr, sah sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen
+Beduinen. Wild freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener
+lief er manchmal der Frau nach, suchte sie zu fangen,
+die sich ganz verschleiert hatte. Sie rang von ihm ab, bat
+<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
+hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht seinem Werk entziehen,
+er möchte sich doch nicht unwürdigen Zerstreuungen hingeben.
+Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? Mein Werk
+hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch.
+Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen,
+was wir geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein
+Freund Holyhead und ich. O, er kann viel. Wir werden etwas
+Wunderwunderbares schaffen.“ Sie hauchte: „Ja, ich bin stolz
+auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir werden über das Meer
+reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst du. Ich
+füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, dreifacher
+Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde.
+Da, sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm
+den Schleier herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“
+„Ich kann durch den Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib
+doch, gib doch. Siehst du, da ist er. Nun wirst du sehen. Sieh
+da, Djedaida, meine süße Frau, mein Honig, mein Labsal, dies
+sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und grünen und
+weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da
+werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir.
+Denk dir, das wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen,
+aber nicht stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf
+meinen Braunen werde ich springen, auf meinem Sattel werde
+ich sitzen, wie damals, Djedaida, als ich dich holte. – Aber
+warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen Schleier
+wieder.“
+</p>
+
+<p>
+„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie
+El Irak! Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht
+stürzen. Wie schön du bist. Weine doch nicht. Wir erproben
+alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir meinen Schleier!“
+sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein Mann. Du
+kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, Djedaida?“
+„Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er.
+Da hast du ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich
+dich gekränkt? Was habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht
+nicht. Jetzt muß ich träumen, wie lieblich du bist.“ Sie ließ
+ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten heftig. Er aber warf,
+<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
+als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! Sie hat Furcht
+um mich! Und ich werde es doch können!“
+</p>
+
+<p>
+Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen.
+Holyheads Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz
+wurde bekannt, daß Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes
+Unerhörtes geglückt sei, ein Syrier sei sein Gehilfe gewesen.
+Eines Nachmittags ordneten sich Boote vor Holyheads
+Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von Holyheads
+Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie weite
+schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren
+trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße
+Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten,
+auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die
+Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der
+Dampf auf das Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des
+Meeres hob er sich. Nach den Seiten quoll und flatterte die
+schwebende Watte, der Nebel in Fetzen auseinander; die Boote
+in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich beiseite. Sie schlugen
+mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken Kautschuk
+oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen andrängenden
+Hauch ab.
+</p>
+
+<p>
+Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein
+Pferd heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um
+sich springend, auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage.
+Ein gelbbrauner Mann im Burnus mit bunten Bändern
+am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn herunter. Streichelte
+das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, bestieg es, ritt
+einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, Sirenenschreie
+von den Schiffen.
+</p>
+
+<p>
+Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des
+Syriers. Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße
+ertrug. Sie feierten die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen
+von Schiffen begleitet seinen Plan ausführen: über das Meer
+reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an das arktische Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen
+hatte, ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch
+von der Nacht schlief. Sie wartete geduldig auf dem Deck seines
+<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
+Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, zog ihn, im Gang beiseite:
+„Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? Schwarzbärtiger
+Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor mir.“
+</p>
+
+<p>
+„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du
+ernst bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir
+gemacht hast.“ „Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt.
+Der ist nicht für dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead
+die Zitternde. Heiser, sich an die Brust fassend: „Komm auf
+meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich hinter ihm, schloß
+die Tür, warf tief atmend den Schleier über die Schulter ab,
+an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was
+habe ich getan? Habe <a id="corr-31"></a>ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese
+Freude bereitete?“
+</p>
+
+<p>
+„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man
+sollte dich zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du
+dich verfangen. Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie,
+betrachtete seine Hände, seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich
+nichts. Deine verfluchte sanfte Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger
+Bösewicht. Verführer, Menschenverderber, wie die
+Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich bitten könnte,
+mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich ertrag
+es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“
+</p>
+
+<p>
+Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie:
+„Was soll geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte
+dich noch. Hab Geduld.“ Durch die Kammer lief sie,
+der Schleier fiel hinter ihr. Sie suchte mit den Händen auf dem
+Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du hier? Du hast doch
+eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren oder verführen
+oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief
+auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach
+auf. Nimm das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige
+Waffe, drehte sie. Er hielt die Augen geschlossen. Sie wartete.
+Er öffnete sie nicht. Sie schüttelte sich verächtlich: „Was hattest
+du gegen mich vor?“ Die Waffe fiel vor seine Füße. Da sank
+Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete seine ganz fernen nicht
+sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel auseinanderwichen,
+bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich auslöschen.“
+<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
+Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er stand,
+hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß
+etwas davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß
+nicht, ob ich den Tod verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine
+Berührung gehabt.“ Sie irrte durch seinen Raum: „Was hat
+er hier? Was hat er hier? Maschinen zum Verführen, zum
+Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich will
+alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins
+Wasser springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“
+Sie stierte ihn an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen:
+„Allah. Ein Weißer mit einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“
+Sie ächzte, lehnte matt an einem Schrank, wimmerte:
+„Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte eine Zeitlang,
+bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; gedankenlos
+lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und wiederholte:
+„Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter
+einem öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer
+Furcht, – was für einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf.
+Holyhead stand an der Tür. „Ich will dir sagen, Holyhead, was
+jetzt geschehen wird. Du hast ihn verführt. Warum hast du das
+getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff geholt?“ „Er
+sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine
+Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“
+</p>
+
+<p>
+„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen?
+Hast du Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein
+Anaze, ha! Glühend, tanzend; auf Wolken reitend! Hast du
+gesehen, bist du selbst verzaubert? Das war mein Mann. Ich
+bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich hasse, hasse ihn.
+Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er füttert es
+selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht,
+auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen
+und er verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete
+heftig, stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht
+mehr. Ich will gehen, Djedaida.“
+</p>
+
+<p>
+Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die
+Haare: „Ich kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie
+<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
+hielt ihn an den Händen, zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte:
+„Warte einen Augenblick, sanfter Tiger. Ich sehe dich noch an,
+sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast mich arm gemacht.
+Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du getan
+hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er
+war mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst
+du mir noch. Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“
+„Alles?“
+</p>
+
+<p>
+„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“
+„Den Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie
+keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du
+kannst alles. Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach
+ihn weg. Für mich.“ „Ich tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen
+hemmungslos auf. „Für mich. Für mich.“ Dann griff sie
+ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht sehende Augen.
+Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir.
+Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich
+dich nicht los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du
+verlangst, ich soll mit dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren
+heute. Oder morgen. In meine Heimat. Du wirst Jeloud
+nicht mehr sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren
+Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen
+ihm nicht gut. Er ginge sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor.
+Verfallen, wie vergiftet sah er aus; vielleicht hatte er zuviel
+mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als am Vormittag Bou
+Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, den
+ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften
+der Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet,
+– flogen Djedaida und Holyhead schon über die deutsche
+Tiefebene. Nach Süden und Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen
+und Riesenstädte wurden seltener. Das blaue
+warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines neuen Landes
+tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei Damaskus
+bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte
+der Weiße nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp
+<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
+schwärmender Beduinen sie auf der steinigen Hochebene anhielt,
+Djedaida sich nannte, wurde der Weiße von ihr getrennt,
+zwischen die Männer genommen. Anaze mit Djedaidas Sippe
+lagerten bei Ed Daba.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich:
+„Bou Jeloud, meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht.
+Er hat sich mit Wolken beschäftigt, auf denen er reiten will. Er
+hält nicht mehr zu uns. Ist kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich
+hoffe, er ist tot. Er wollte nach Island reiten, wo die Städte die
+Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt mit seinem Pferd oder er
+verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine Frau. Er hat
+mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr den
+Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“
+„Der Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches
+Weinen aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn
+verschlungen, bevor wir ihm begegneten. Wir hatten nichts als
+die Reise vor, Jeloud war neugierig, ich konnte ihn nicht zähmen.
+Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und sich alles Schlechten
+in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann war, sondern
+sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel für
+sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle,
+warum ich dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es
+fertig kriegst. Da steht der Richter.“
+</p>
+
+<p>
+Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei
+Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau.
+Sprach nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir.
+Ich will mich rächen. Muß ich mich nicht schämen, an diesen
+habe ich Jeloud verloren. Seinetwegen hat er mich verlassen.
+Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte lange mit den Männern:
+„Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou Jeloud zurückgekehrt
+bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich sich die
+Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland,
+von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine
+Brüder sagen, es würde dich trösten, wenn du diesen Mann
+umbringst. Wir wollen ihn gar nicht ausfragen. Es lohnt nicht
+zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm ihn. Was du willst,
+tu mit ihm.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
+Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten
+und Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper
+hoben und banden sie Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die
+Wüste und Hochebene, nach Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr,
+trommelten durch die Ansiedlung und Lagerplätze.
+</p>
+
+<p>
+Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene
+Weiße stöhnte. Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er
+die Augen. Verlangte nichts zu trinken und zu essen. Schräg
+nach vorn abgesunken saß er, die Beine mußte man ihm unten
+zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin und her, kippte
+ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige Datteln
+ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich,
+Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte,
+seine Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart
+wuchs ihm lang, die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen
+hatte, strömten ihm Tränen über das Gesicht. Bei Tag
+rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete ihn. Er sah nicht, daß
+sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, Gesicht und Brust
+schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen kam. Wenn
+er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, zischte
+sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann?
+Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht
+an. Man trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem
+zerlumpten hängenden Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen
+warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der Haß der Beduinenfrauen
+war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn aufzuhängen,
+bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten Djedaida
+neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah.
+Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme
+Menschengerüst auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende
+machen, die unersättlich rachsüchtige Frau von ihm unter einem
+Vorwand entfernen und ihn beseitigen. Djedaida fiel das
+Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte mit einem Hund in
+der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da wagten sich
+die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten sie
+durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch
+<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
+einen Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet,
+den Weißen bei Tal Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von
+weitem erschießen. Das glaub ich. Die Räuber.“ Wie es finster
+war, weckte sie die Trommler, sie sollten die Pferde rüsten. Sie
+tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, schüttelte ihn. Er
+stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ „Holyhead.
+Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was
+ist?“ „Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“
+„Wer bist du?“ „Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach
+dich auf. Wir sind in einem Räubernest.“ „Sie wollen mich
+töten? Sie wollen mich töten?“ „Die Minute, die Minute,
+komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer weiß,
+was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort!
+Oh liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“
+Er kniete in dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine
+Schulter, faßte über seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah.
+Erheb dich. Schrei nur nicht, Holyhead. Nur nicht. Nur nicht.
+Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du bist im Fieber, du
+weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest nie essen;
+jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind Anaze,
+aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum
+und wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht.
+Mach dich auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde
+nicht.“ „Komm.“ „Ich will nicht.“ „Warum willst du nicht?
+Allah, Allah, was soll ich tun?“ Sie lag auf dem Boden im
+Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit den gefesselten
+Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem Gesicht.
+Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das
+Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt
+ist es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir
+helfen, daß alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida.
+Jetzt mußt du mich loslassen. Sie werden mich erschießen. Du
+kannst es nicht verhindern. Da fühl mich an. Ich bin es noch:
+Holyhead aus London, das ist er, Ingenieur Physiker, der die
+Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war nichts, wie seine
+glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann befehlen.
+Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“
+<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
+Er tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine:
+„Und du – bist gesättigt, meine Djedaida?“
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches
+hat Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir
+lassen. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich
+muß dich bei mir behalten. Schreckliches hat Allah mit mir vor.“
+Er schwankte stöhnte: „Was ist das, mein Gott. Ich sagte, es
+ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ Und er zog an der Zeltdecke,
+riß den Mund auf, mit gräßlich überschlagender Stimme
+gröhlte er: „Ich – will – nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen
+in ihre Arme und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch,
+gegen den schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn
+um, zappelte winselnd an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit
+mir. Ich kann dich nicht lassen. Und wenn ich dich ersticke.“ Sie
+stopfte ihren Schleier in seinen Mund, während sie ihn preßte:
+sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. Verzeih mir, was
+ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du bist ja
+meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht
+töten. Allah, hilf.“
+</p>
+
+<p>
+Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen
+Mann. Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die
+Nacht wehten sie davon.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El
+Habis hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten.
+</p>
+
+<p>
+Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze,
+die ihr den Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem
+mächtigen Stadtreich herumzog, das Quartier wechselte, bis sie
+der Trommler zu dem Freund ihres Bruders führte.
+</p>
+
+<p>
+Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht.
+Er lag verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete.
+Amulette von ihr aus blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter
+um den Hals. Sie durfte sich ihm nicht nähern, der
+Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie eintrat: „Da
+kommt sie, da kommt sie.“
+</p>
+
+<p>
+Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens
+das geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien:
+<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
+„Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst
+du mich gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte,
+hell erblassend: „Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann.
+Ist das wahr?“ Und schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an
+ihr vorbei, die Stufen herunter, ohne ein Wort. Wild weinend
+knirschend winselnd lag sie zertreten auf der Schwelle.
+</p>
+
+<p>
+Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen
+ihres dunklen Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn
+demütig. Stumm nahm er es an, saß am Fenster. Er war versteinert.
+Sie zaghaft bettelnd hängte sich an ihn, trieb ihn
+zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art
+eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen
+braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete,
+zitterte durch sie – sie mußte den Kopf senken – das Bild des
+Lagers der Anaze und wie er auf den Klepper gebunden war,
+bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, sterben wollte in
+der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte den
+qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber
+kam herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt
+hatte. Kam er nicht über das Meer, war er das nicht? Wie
+schwoll es über ihr Herz. Jeloud, der junge kindliche, über dem
+Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: sie war bei ihm, sie waren verbunden,
+Jeloud und sie, ritten in eins, umschlungen verschmolzen
+nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig Wonniges
+saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang.
+</p>
+
+<p>
+An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich,
+Holyhead. Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich
+will dir geben, was er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er
+dir gewesen ist. Lieb mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso.
+Umarme mich!“
+</p>
+
+<p>
+Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut.
+Das erleiden wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß
+du uns bestrafst.“
+</p>
+
+<p>
+Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften
+ihre Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete
+ihre schmale Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel.
+Wessen Arme, wessen Brüste? Eines Menschen. Zwei
+<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
+Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das ist Sättigung bei den
+Menschen.“
+</p>
+
+<p>
+Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin.
+Eine spitze vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie
+einen weißen Schal zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem
+weißen Musselinhemd. Die Messingwalze zwischen sanften
+dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen Sandalen, kniete
+neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden Zahnreihen,
+atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere
+nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts
+geschieht. Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem
+Mann dienen zu können.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">rönland,</span> das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein
+Keil, vom Pol in das atlantische Wasser. Zwei Millionen
+Quadratkilometer Fläche bedeckte es. Das Urgebirge seines
+Körpers hatten der Wind, strömende Wasser, Kälte, schauernde
+Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten waren abgetragen
+eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken Rumpf.
+Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen
+Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die
+Küste; Bäche stürzten über die Talboden die Gehänge. Im
+Westen stand ein Bergland mit scharfen Gipfeln und Graten.
+Ungeheure Gletscher drangen über die Berge an die Küsten.
+Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen zerklüftet
+über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche.
+Aus den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie
+Schnecken bewegten sie sich zum Meer, brachen in die Fjorde
+ein, verstopften die Buchten.
+</p>
+
+<p>
+Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher
+in den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von
+zwölf Metern am Tag.
+</p>
+
+<p>
+Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der
+Uparmwick unter dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem
+achtundsiebzigsten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
+Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik
+Kangardluksuak Itliarsuak Alangordlak.
+</p>
+
+<p>
+Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch
+der Berge, Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich
+auf, schliffen Felsen ab. Unter ihnen kamen weiße Flüsse zum
+Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die Böden der Fjorde
+sinken.
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich
+das Wasser vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern
+Kontinente losgelassen und sich zur Meeresfläche zurückgezogen.
+Es wühlte hämmerte riß an dem uralten Gestein. Fiel wirbelnd
+unaufhörlich aus der dunklen und erhellten Luft, Schnee,
+Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle Sternchen
+Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die riesigen
+starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und gefroren,
+geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem
+grünlichen glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete.
+Und durch seine Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in
+der Tiefe. Das Eisgebirge wuchs. Überall wuchs still Eis auf
+dem großen öden Land. Eiswüsten breiteten sich über das
+Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, ragten aus
+dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh
+in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden,
+gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene
+des Eises hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten
+bis über den achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten
+und sechzigsten Länge. Sie überdeckten Schneebreiflächen,
+trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen das Höckereis. Wassergefüllte
+Senken waren in sie eingetragen, im Kreis von Haufen
+des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten
+sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises
+in bodenlose Klüfte Brunnen, deren blaue Wände senkrecht
+abfielen.
+</p>
+
+<p>
+Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende
+Gasball der Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate.
+In einer Dämmerung lag das Land, durch die der stumme
+Mond und die fernen zuckenden Sterne blickten, in der
+<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
+märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde wurden
+über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit
+Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten,
+ihn wie einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm
+schmolz Kehlen in die Firne und Gletscher, modellierte die
+Eismassen, zog Dünen in sie ein mit flachen Böschungen. Den
+gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte glatt.
+</p>
+
+<p>
+Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder
+wuchsen in den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende
+Eisfuchs, wandernde Renntiere, braun im Sommer,
+Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern suchten, Lemminge
+Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme.
+</p>
+
+<p>
+Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den
+Boden. Graue Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee,
+die Sternchen Stäbchen des Wassers, überzogen Völker einzelliger
+Algen; grau braun rosa violett färbten sie den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste
+in nicht endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz
+beteerten Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe,
+stampften durch den Ozean. Eisbrecher ihnen
+zur Seite und voraus. Schweigend schoren sie das Wasser.
+Sie verteilten sich, das brennende Island passierend, nach
+Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis
+Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit
+ihren schwarzen tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue
+quollen nach. Sie bliesen, wie sie an ihren Standorten hielten,
+empfangen von der schweigenden Besatzung der Islandflotte,
+aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, den Ölhauch
+Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche blaue
+rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald
+von dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum
+vom Wind zur Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer
+neuer nachquoll, verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre,
+das vor seinem Stall ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen.
+Die farbigen Gasmassen stiegen senkrecht auf, verlangsamten
+mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann bei einer bestimmten
+Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich
+<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
+an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl
+auf einer Wasserschicht.
+</p>
+
+<p>
+Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der
+Diskobai im Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken
+bestimmter Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die
+höchsten Gletscher überragen, annähernd gleichmäßig den ganzen
+Kontinent bedecken. Als das Gemisch der Gase bestimmt
+war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe
+seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu
+nehmen, stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich
+in der ungeheuren Höhe ansammelten, von den nachfolgenden
+über das Land hingetrieben wurden. Die seewärts drängenden
+Wolken dirigierten Fliegerreihen mit Böenbomben. Die zusammengeschleuderten
+Gasballen hingen zähklebig aneinander.
+Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen hin,
+wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein unnachgiebiges
+den Raum erfüllendes Zwischending von Gas
+und starrem Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken
+aufwachsenden Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee
+lagerte sich in Buchten des Gases, stürzte in der randlichen
+Schiffsgegend herab, vermochte aber das Gas nicht herunterzudrücken.
+Das seitliche Ausweichen blieb die größte Gefahr.
+Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der
+grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von
+den aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen.
+Eine ganze ununterbrochene Barre von Explosionen
+mußte man um die Gaszone legen, das Verschwimmen Zerkrümeln
+Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. Die Furcht
+der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der
+Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken,
+bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über
+Grönland blieb in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße
+wie auf ein Meer auf sie werfen.
+</p>
+
+<p>
+Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer
+an diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der
+leuchtenden Turmalinschiffe sahen sie weg; keiner rührte mit
+einem Wort daran. Die Schiffe lagen fest. Die Neuanfahrenden
+<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
+hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie überwuchert
+waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von Vogelscharen
+belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten
+die Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen
+Geschwader, als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude
+waren längst zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken
+zwischen ihnen geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken
+zerrissen wurden. Vögel spazierten und nisteten auf
+den grauen roten Brücken, in denen sich Mollusken und Fische
+fingen, spielten und verendeten. Wie besäte Hügel wuchsen die
+ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie nebeneinander
+lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen
+sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die
+grauen und roten Massen zucken und schaukeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die
+Ölwolken herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte
+heran, richteten sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen
+schwankten die Flöße, auf die sie sprangen, sanken schräg
+abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich hoch, kenterten. Im
+grauen rosa violetten Rauch zappelten die abgerutschten Menschen.
+Sie suchten sich aus dem gallertartigen schwammigen
+morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, hangelten,
+unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen,
+von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über
+sie. Sie wurden eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust
+Nase Mund, aus denen Blut schoß; wurden japsend den Kopf
+zur Seite legend, erdrückt. Dort oben stolperten im Beginn
+viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem prallen
+Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte
+hier ein Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände
+zugriffen, die Füße tretend eingetrieben waren, die Leiber mit
+sich, länger, länger. An den Grenzen zog sich das Gewebe auseinander;
+da fiel ein erstickter Flieger, schwarzgesichtig, ein
+abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis oder in
+das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken.
+</p>
+
+<p>
+Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm,
+mit Nebel und dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten
+<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
+der wachsenden Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen
+und Einzelne segelten mit den Abrissen über das abgrundtief
+liegende Land, verkamen. Auf den Platten standen sie, taumelten;
+es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit den
+Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in
+furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins
+Land wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie
+oft oben, warfen sich hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt,
+von den flutenden rollenden Brettern getragen, die manchmal
+wie ein Spiel sich voneinander entfernten, von einem Wolkenknäuel
+übereinandergehoben und aufeinandergeklatscht wurden.
+Sie hingen an den Rändern über dem unermeßlichen Eisland.
+Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter ihnen, im
+Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die
+Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne
+wehte zu ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich
+träge nach unten in die weiße Ebene, durch die eingerissenen
+Felsgassen. Ihre Trümmer und Lawinen hingen über Bergstufen
+quer wie Riesenleichname. Wie sie auf Island Brücken
+von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der
+Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den
+schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten,
+über dem Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des
+Ostens, wie sie den gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von
+den himmelzerreißenden auflohenden Vulkanen verbrannt und
+zerblasen wurden, so stiegen sie jetzt über das stumme Land.
+Die Winde tobten über dem Eis. Das Land ruhte, wie ein
+Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen Küsten
+schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die
+Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige
+Lücke gegeneinander vortreiben.
+</p>
+
+<p>
+An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter
+den finsteren Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die
+ein Föhn vor sich trieb. Die auffahrenden Frachtflieger sahen
+sie. Die Luft wurde still und warm. Die Gasmassen senkten
+sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, die in einer
+wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen
+<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
+stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen,
+hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch
+schwebenden Arbeiter auf die Planken, hielten sich mit Balken
+frei, preßten die Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen
+die Gasmassen, auf und ab taumelten rollten die Menschen.
+Die Schichten noch nicht schwer und dicht genug, beulten sich.
+Die Menschen hin- und hergerissen schlugen sich mit den Planken.
+Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. Der
+dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden
+Föhn aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender
+Gewalt, schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub
+auf Schub. In kleinen großen unregelmäßigen Würfen flog
+der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. Dampfartig stieg es
+vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben verklammerten.
+Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm
+herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der
+trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und
+abgeknickt wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch
+schwebenden Wolkenballen, über den Himmel im Föhn
+schossen sie hin wie kleine Lämmerwolken, wurden rettungslos
+geschleudert. Der Föhn hetzte die dünnen sich verflüchtigenden
+Gasschichten auf das Meer. Die Platten, lose aufgeworfen,
+abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen
+Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich,
+trug sie auf dem zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe
+im Maul mit sich fort, ließ sie dann unter sich fallen in das tosende
+schwarze Wasser, auf die jagenden Eisschollen. Flieger
+zuckten hinterher, raketenartig stiegen sie auf, wurden vom Wind
+zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch aus den Arbeitsschiffen
+der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die
+Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt.
+Krochen erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während
+oben der bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere
+rote und blauschwarze Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich
+auflösten. Zerblasen die Wolkenbank der Diskobucht, im Süden
+Norden; die Bänke bis tief ins Land aufgeschlitzt. Draußen
+torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an Beinen
+<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
+schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden
+spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut
+streiften stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn,
+balgten sie sich mit dem Gas herum, waren eingewickelt darin,
+rund wie ein Igel zusammengebogen. Sie sausten abwärts,
+auf Eis, legten sich langsam, vom Eis entlassen, hin.
+</p>
+
+<p>
+Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe
+herüber, zogen einen zweiten Ring um das grönländische
+Massiv. Meterdick lag über dem Land schon die schillernde
+Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, in sich verbacken. Die
+Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über der Bank
+ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne
+auf. Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war
+von dem alten weißen Himmel, dem stummen Mond, dem
+sprühenden Nordlicht, den kleinen funkelnden Gestirnen abgeschnitten.
+Die Wasserdämpfe des Landes sammelten sich an
+der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr langsam,
+entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie
+konnten nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich
+das Land, die Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis.
+Der Tiere bemächtigte sich eine Unruhe. Renntiere zogen
+in Scharen über das Eis, ihre Weideplätze verließen sie, sie
+irrten umher. Die Scharen fanden keine Führung, Rudel
+trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den Küsteninseln.
+Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen
+war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert,
+waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der
+Raben. Glatte Robben tauchten auf, zogen sich über das Eis,
+suchten neues Wasser. Die Tiere wurden wachsamer eins auf
+das andere, griffen sich, wo sie sich befeindeten, gereizter an.
+Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von Osten Süden
+Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der
+Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren
+einzelne verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen
+unbeschädigt auf der Bank jenseits an. Als die aber auf den
+Platten im Westen und Osten sich mit bloßen Augen sahen,
+schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche sanken schlaff hin.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
+Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August
+zogen sie sich zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe
+mußten angefaßt werden. Es machte keine Schwierigkeiten,
+von allen Geschwadern Menschen zu ihnen zu kommandieren;
+straff, wie unter einer Blendung, taten die Grönlandfahrer
+alles was nötig war, ohne Befehl.
+</p>
+
+<p>
+Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen
+den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse
+von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung
+an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie
+werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber
+schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz
+eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man
+mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten.
+Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene
+Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los;
+Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten
+stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den
+Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt
+werden mußten. Man drang schließlich, nach
+Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an
+die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren.
+Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah
+schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt
+waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam
+von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen
+nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote
+hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser,
+aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand
+waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von
+außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch
+die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren
+von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die
+Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe.
+An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen
+Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die
+Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk
+<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
+von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen.
+Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken
+zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung
+der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer
+der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer
+und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige
+Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter
+Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen
+verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie
+man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen,
+schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und
+verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der
+Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte
+samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig
+zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man
+brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den
+Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende
+Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen
+gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig
+machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen
+Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände
+des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken
+und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern
+her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an
+ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See.
+</p>
+
+<p>
+Frei lagen die Berge der Netze. Zauberhaft ihr Anblick, wie
+sie sich durch die Buchten der Schiffe spannten. Mit glattem
+gewalzten Metall waren die Wände der Hallen bekleidet gewesen.
+Märchenhaft hatte sich das Metall bewegt. Seine
+ebene Glätte war verschwunden. Wellig hatte es sich geworfen,
+Beulen Wülste Kugeln vorgewölbt. Aus der Ebene der
+Wellen und Wölbungen stachen strahlige glitzernde Kristalle
+lang vor, die das Metall um sich aufzogen, so daß um sie die
+Platten rissig wurden. Das Eisen blühte von den Wänden
+den leuchtenden Schleiern entgegen. Der schreckliche Glanz
+der Schleier. Ihr Verdunkeln Aufstrahlen. Der Modergeruch,
+die anschwellende Wärme. Die Haken der Flieger griffen nach
+<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
+ihnen, die ruhig hingen, wie man sie aufgehängt hatte. Schleier
+um Schleier wurde durch die dunkle regentriefende Luft hochgetragen.
+Auf den Ölwolken lagen schon die Platten, die sie
+zum Glühen bringen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Von den Schiffen herauf wurden an Hunderten Punkten
+die Drähte auf das Wolkenlager gezogen, die das große Kabel
+mit den Schleiern verbanden. Man arbeitete stürmisch, war
+der Erschöpfung nahe. Anfang September waren die Turmalingebäude
+entleert. Die leeren Frachter waren schon wieder
+verfilzt; manche zerfielen.
+</p>
+
+<p>
+Da rissen sich die Ölwolkenschiffe Menschentransporter von
+den Küsten des finsteren eisumlagerten eisdrängenden Landes,
+sausten süd- west- ostwärts. Stoben ab von Grönland, das
+sie in schwere Nacht geworfen hatten, das einsam mit seinen
+wimmernden unruhigen Tieren hinter ihnen lag unter der
+Ölwolkenbank und den glimmenden Schleiern. Scharen der
+Flieger und Luftschiffe rasten wild den Meeresschiffen voraus.
+So rasch mußte man den Ozean überqueren, wie man konnte.
+Zwei Tage fuhren die Meeresschiffe; die Küste des Baffinlandes
+streiften die westlichen, die im Osten hatten den zehnten
+Längengrad überschritten.
+</p>
+
+<p>
+In der Nacht zum dritten Tag wurde der Kabelstrom auf
+die Isolierung der Schleier losgelassen. In diesem Augenblick
+verlangsamten alle Meeresschiffe ihre Fahrt, die Flieger ließen
+sich auf die Decks und auf das schäumende Wasser nieder. Erschauern
+Zittern ging durch die Menschen, die sich über die
+finsteren Decks scharten, aus den Kabinen rannten.
+</p>
+
+<p>
+Es war zu Ende. Man hatte den Krabla Leirhukr Herdubreid
+Katla Hekla gesprengt. Island zerrissen, die Feuer der
+Erde geöffnet. Auf den beweglichen Brücken waren viele hundert
+Menschen, wie sie, die auf den Decks standen, verascht
+zerblasen über die Gletscher gestoßen ertrunken. Neue Schiffe
+Menschenmassen waren vom Festland hergestampft. Man
+hatte nicht geruht. Die Insel gab ihre Glut her. Die Schleier
+wurden gefüllt. Die schrecklichen Turmaline strahlten sangen.
+Die Fische Vögel Algen im Meer lockten sie und wollten
+fliegen. Zuletzt kam Grönland jenseits des Wassers. Man
+<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
+mußte Wolken über das Land legen, Planken auswerfen. Wie
+viele verkamen, stürzten ab. Als jetzt die Sirenen schrien, standen
+sie auf den Decks über dem rollenden Meer. Es bebte trommelwirbelte
+schleuderte sich hinter ihren Hälsen herum, daß sie
+ächzten und ihre Füße weich wurden. Ihre Lider wurden angstvoll
+aufgerissen, die Augen standen ihnen weiß barbarisch auf.
+Die Mundwinkel wurden krampfhaft heruntergezogen, die
+Lippen gespitzt. Sie bogen sich. Es wogte mit Hitze über ihren
+Leibern, schauerte über Rücken und Nacken. „Unglück. Welch
+Unglück. O, lieber Himmel, welches Unglück. Was haben wir
+geduldet. Was, was! Süße Nacht, süßes Leben. Liebe Stangen,
+liebes Geländer, Erbarmen. Liebe Menschen Bretter
+Seile Masten Bleche. Liebe Jacke, rauhe Wolle, Erbarmen.
+Meine Finger, mein Leib, lieber Arm, lieber Hals. Mein Hals,
+mein Hälschen, meine Haut, mein Kinn, Erbarmen. Ah, welches
+Unglück.“ Und dann wurden sie wie von einer Hand hingedrückt,
+zappelten in sich. Jetzt geschah es hinten.
+</p>
+
+<p>
+Das Meer blieb glatt. Eine Welle von Licht schritt über den
+Horizont fort. Sie lagen auf den Gesichtern. Entsetzen Schmerz
+in den Brüsten. Alle Kehlen geklemmt. Winselten vor Schreck
+haltlos, als die Lohe am Horizont unbändig höher höher höher
+höher schritt. Zugleich zuckte in ihnen die Sehnsucht: Dahin!
+Sehnsucht nach dem Feuer! Das Feuer Islands! Das furchtbare
+geliebte Land! Leirhukr Myvatn Krabla: das war es.
+Das Feuer höher höher. Nach der Insel wollten sie. Ohne Maß
+ihre Sehnsucht: „Was ist das Leben. Unser Feuer. Unser
+Feuer.“
+</p>
+
+<p>
+Und manche lagen, wollten nicht zu dem blendenden Licht
+aufsehen, wollten das Licht nicht sehen. Wenn es doch verschwände.
+Ihre fressende wahnsinnsnahe Angst. Wenn man
+es wegwischen könnte. Sie hatten schuld daran. Das furchtbare
+Lohen weg.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Führer, Männer und Frauen, wandten sich ab,
+standen zitternd, verfluchten sich. Kneteten sich die Brust: „Ich
+bin nicht daran schuld.“ Ihre Zähne klapperten knirschten,
+Ohren und Nasen kalt, sie fühlten ihre Finger nicht. Schluckten;
+schlenkerten die toten Füße über die Bretter, stampften,
+<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
+um sich nicht zu verlieren. Öffneten schlossen im hilflosen Takt
+die Augen. Aber dann hielten sie sie fest. Nach dem Licht hin.
+Das Licht, das Feuer höher höher höher über das unendliche
+Himmelsgewölbe. Das sollten die Augen sehen. Auf das
+blendend weiße hochtreibende Licht die Augen hin. Man mußte
+es einschlucken mit weitem Mund wie ein Ertrinkender das
+Wasser. Den ganzen Wasserschwall mit offenem Walfischrachen
+nehmen, und immer schlucken, schlucken. Muskeln festhalten,
+Augen hinhalten, den Boden mit den Beinen festhalten. Und
+sie konnten es ertragen, die Augen kniffen nicht zu. Es ging.
+Was da brannte, war der Turmalinschleier. Man mußte es
+benennen. Die Turmaline waren vom Festland herübergeschickt;
+es waren gegossene gesponnene Gesteine, eine geschickte
+Arbeit. Auf den Ölwolken lagen sie. Das war keine
+neue Erfindung. Schon Angela Castel hatte sie im Krieg verwandt.
+Das waren ihre Dampfbläser. Was man alles machen
+kann. Die Füße wurden fühlbarer, man konnte die Zehen bewegen,
+sich umdrehen, die Schultern herunterlassen. Die Aufgabe
+in Grönland war gelöst. Jetzt langsam Luft schöpfen,
+einatmen, einatmen, ausatmen. Sie blickten neben sich, ihre
+Köpfe hingen noch. Um sie lag man, die Hände vor dem Gesicht.
+Die Gelähmten Erschütterten. Jetzt nicht sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffe trieben stundenlang in den erhellten Gewässern
+steuerlos. Dann regten sich die Menschen. Hoben die Köpfe
+von der Brust, als nähmen sie ein Urteil an. Die Maschinen
+schlugen von unten durch den Schiffskörper, es ging rhythmisch
+durch ihre Glieder. Finster blickte man an dem andern vorbei,
+prüfte zweifelnd das Wasser. Über dem Wasser lag ein nicht
+wegzulöschender, alles überschüttender Schein, von dem die
+Wellen flinkerten. Der Himmel, die nördliche Wölbung, wurde
+verschlungen von ihm. Was war geschehen. Man stampfte weiter,
+strich an den Kleidern, spie. Grimmiges Stieren. An die Arbeit.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> den Färöer und Shetlands sammelten sich die Geschwader.
+Sie unternahmen tagelang nichts. Während sich
+die Menschen brütend um einander bewegten, kam die Weisung
+<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
+von den Flottenführern, ein Beobachtungsgeschwader zusammenzustellen.
+Man beschleunigte die Ausführung nicht. Man
+drängte die finsteren lethargischen nicht. Man beobachtete wie
+in Island und um Grönland, daß trotz der Erschlaffung, trotz
+des immer wieder aufschwellenden Entsetzens und der Erschütterung
+keiner auf das Festland zurückverlangte.
+</p>
+
+<p>
+Nach zwei Wochen setzten sich dann leichte Fahrzeuge in Bewegung.
+Von wenigen Fliegern wurden sie begleitet. Sie
+steuerten den alten Weg nordwärts.
+</p>
+
+<p>
+Der wachsenden Helle, vor der sich ihre Gemüter stumm
+neigten, fuhren sie entgegen. Von Breitengrad zu Breitengrad
+wurde die Helle stärker. Es war ein rosafarbenes, fast
+weißes Licht, das über den nördlichen Himmel und Ozean ausgebreitet
+war. Wenn der flammende Sonnenball hinter der
+westlichen Horizontlinie verschwand, war schon im Norden das
+rötliche Weiß aufgezogen, von Minute zu Minute strahlender, zu
+betäubender Helligkeit wie eine Blume sich öffnend. Und als sie
+in Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades fuhren, war das
+Sonnenlicht unsichtbar geworden. Es war vergangen unter der
+nördlichen Helle, wie die Sterne, die bei Tag unsichtbar sind. In
+dem neuen rosigen Licht schwammen sie auf dem angestrahlten
+Ozean. Ein Brausen nahm sie auf und umgab sie, eine gigantische
+Musik, fernes dumpfes und helles Durcheinanderschmettern,
+das von klirrenden klingenden hohen Tönen durchsetzt
+war. Über ihnen kein Himmel, nur das gleichmäßige rosigweiße
+Licht. Zuzeiten war Dämmerung und Dunkelheit hinter
+ihnen: das mußte Abend und Nacht auf der übrigen Erde
+sein. Zuzeiten teilte sich die Dunkelheit unter einem weichen
+Dunst auf, schleierartig, im Süden: diese dünne bläßlich graue
+Aufhellung mußte der Tag der Erde sein.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf den Decks. Auf Booten fuhren sie, frei ernst
+glücklich, von Stunde zu Stunde glücklicher. Dachten nicht, es
+war in ihnen ausgewischt, wie dies gekommen war, – was
+brannte, – was geschah. Sie fühlten sich in das Klirren hohe
+Singen Orgelbrausen hineingesogen. Beseligend das Licht,
+an dem sie sich weideten, sich nicht sättigten. Sie fuhren schon
+in der Region, die sonst mit Eisbergen gefüllt war. Es fiel
+<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
+ihnen nicht mehr auf, wie besänftigt das Wasser floß: die Luft
+ging kühl, oft kalt, wie immer. Aber als wenn sie in den Tropen
+wären, fuhren viele in Booten nackt bis auf den Gürtel, fühlten
+sich wohl, versagten es sich, in den Kabinen zu schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Über dem weiten Ozean geriet der Wind in eine sonderbare
+Bewegung. Der grönländische Feuerherd übte seine Wirkung.
+Alle Windrichtungen waren verändert. Der sonnenartige Brand
+am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an; sie wehten nach
+Norden in einem heftigen oft zu Böen gesteigerten Drang.
+Die auf dem Wasser schleifenden tiefen Luftmassen züngelten
+in den Schwelch der nördlichen Glut. Die Stärke ihres Dranges
+wuchs von Breitengrad zu Breitengrad. Zu dem auf und ab
+wiegenden Brausen Schmettern Klingen traten die sanften
+Geräusche des Verdehnens der Luft, das Stöhnen Rufen
+Singen. Die Luft schlürfte an der Meeresoberfläche hin, riß
+spielend den Wellen die Kämme ab, wühlte sich mit Stößen
+ein, Trichter in das Wasser bohrend, riß sich schreiend los,
+flutete toste hin und konnte nicht widerstehen. Rascher und
+rascher mußte sie fahren. Die Massen aller Windschichten wühlten
+ineinander; sie mußten hin. Senkrecht und schräg aufrecht
+fuhren sie, bogen aus. Sie streckten sich lang lang hin. Im
+Sturz, im Zug schwanden sie. Waren davongezischt, hart über
+die Fläche schießend, das Meer abplattend, niederdrückend, daß
+es eingedämmt hinter ihnen in häuserhoher Flut einherwallte
+und sich wieder zurechtfand.
+</p>
+
+<p>
+Während die Menschen auf dem Meer schwammen, die
+Schiffe starke Kräfte in die Maschinen warfen, um dem ziehenden
+Drang nach Norden zu widerstehen, oft rückwärts fuhren,
+den pfeifenden Wind zerteilten, verfinsterte sich gelegentlich
+die Luft unter einem Rauch. Eine Brunst unerhörter Hitze
+schnob um sie. Lachend nahmen sie sie an. So freudig waren
+die Menschen des Beobachtungsgeschwaders, daß sie unter dem
+siebzigsten Breitengrad nicht zu bewegen waren, weiter zu
+dringen. Der Küste Grönlands sollten sie sich nähern. Aber
+sie wollten nun nichts als in dem wonnigen Wasser ausruhen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">u</span> dem Geschwader gehörte eine Zahl Schiffe, die für Gefahren
+besonders ausgerüstet waren. Sie waren mit Vorkehrungen
+gegen das ozeanische Wasser versehen. Sie sollten gewaffnet
+sein, in der Nähe Grönlands, nahe den niedergehenden
+Lawinen, dem Absturz des ungeheuren Islandeises, dem
+Schwall der Wasserberge zu widerstehen. Die Menschen dieser
+Schiffe gingen jetzt, von der Glückseligkeit des Wassers gelöst
+und benommen, vom rosigen Licht, dem sanft wühlenden
+Winde bezaubert, eigene Wege. Der gewaltigen Ausrüstung
+bedienten sie sich für ihre Zwecke. Sie wollten, beschlossen sie,
+hier bleiben, sich auf dem Meeresboden tummeln. Sie wollten
+nicht mehr, nie wieder zurückkehren. Sie wollten auch nicht
+nach Grönland fahren, die Schönheit des neuen Kontinents
+abwarten. Gleich auf der Stelle, hier im Augenblick hatten
+sie ihr Land. Kräftig und mutig fühlten sie sich. Der Mischling
+Mutumbo führte sie. Nach Jan Mayen unter der zehnten
+westlichen Länge, nördlich der siebzigsten Breite waren sie vorgestoßen.
+Sie loteten eine gebirgsartige Aufstufung des Meeresbodens.
+Hier in die Flachsee, unter dem beseligenden Licht, ließen
+sie sich nieder. Noch einmal, verkündete der Führer, möchten
+die verruchten Kräfte der großen Stadtschaften für sie arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Mit zweiundzwanzig Schiffen und Beischiffen umschloß Mutumbo
+die Stelle, begann sich wie ein Stier mit den Hörnern
+in den Wiesenboden, in den flüssigen Ozean einzugraben. Umgeben
+waren die Vorderschiffe mit flammenfesten, aneinandergefügten
+Basaltmänteln, die die Kräne schnaubend aus den
+Laderäumen hochangelten, schiefrig grauen Platten, die sich
+wie starre Visiere vor die Schiffshaut legten. Die Platten
+legten sich um nach rückwärts, schoben sich balkonartig als Plattform
+über das Vorderdeck. Auf allen zweiundzwanzig Fahrzeugen
+waren Maschinen montiert, an die heran ein Gewirr von
+Kabeln aus den Schiffsbäuchen lief. Die Maschinen glichen
+Reihern und Kranichen. Lange magere Hälse, die sich auf
+den plumpen, festgenieteten Rümpfen drehten, streckten sie
+nach vorn über die Schiffsspitze, tauchten sie an den grauen
+<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
+Basaltmänteln herunter in die grün-weiße Meeresströmung. An
+ihren Hälsen hing ein dickes, meterlanges, kettenschleuderndes
+Gezottel von Seilen und Drähten, als wären es Mähnen.
+Tauchten die Mähnen in das salzige Wasser, berührten sie die
+spritzenden Wellenkämme, so schrie das Meer, als wäre es ein
+schlafendes Tier, dem ein Skorpion zwischen die offenen Lippen
+und die Zähne kneifend in den Rachen kriecht. Es warf sich,
+wachte auf, brüllte. Und im Moment gab es ein Brodeln; das
+Wasser stieg als warmer Schwall, weiße, zitternde, unruhige
+Wolke von der tosenden Fläche auf, jagte, wild um sich schlagend,
+blind wühlend hoch. Und immer neues, nicht nachgebendes
+Beißen und Herabstoßen der Reiher, Knallen und Aufklatschen
+der Mähnen, wütendes Brodeln Kreischen Spritzen, dampfendes
+Abweichen Keuchen, meterhohes Aufzischen, brüllende Gischt.
+Kilometerdick eine weiße Wolkenmasse, ein Wolkengebirge über
+dem Schiffskreis, bereit, auf das dampfende Loch unter sich
+herunterzustürzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Böen jagten hinter ihnen her. Der Dampfschwall flutete
+in die Höhe der Stratuswolken; kaum fühlte er die Kälte, so
+brausten, mittschiffsentlassen, die Böen hinter ihnen. Aus dem
+Kreuzfeuer der explodierenden kopfgroßen schwarzen Inulitbomben,
+die donnernd aus winzigen Mörsern aufschossen und
+sprengend die Luft mit einem ungeheuren Ruck zerteilten. Die
+weichen zitternden Wolken fühlten sich im Rücken angepackt
+und im Nu meilenweit fortgeschleudert, davongeschoben wie ein
+Teller von einem Tisch, ein Hund von einem Napf, an dem er
+kläfft. Und dann schnoben sie, die weißen zerrissenen flattrigen
+Massen durcheinandergewirbelt in einem einzigen Regenguß,
+einem losen weiten unermeßlichen Regenguß, grau und schwarz
+in das hochspringende Wasser zurück. Stürzten rasch und unablässig,
+daß sie Scharen von Möwen fort- und herunterrissen,
+ihre nasse Hand auf die dünnen anstrebenden abschlüpfenden
+Leiber drückten; kein Flattern Hälserecken spitzschnäbliges Aufdringen
+half. Und selbst wenn die Vögel noch eben Kraft zum
+Flug hatten, so wurden sie erstickt von den blanken Quellen, die
+über sie aus der übersättigten Luft fielen. Der Himmel, sonst
+zum Fliegen geeignet, dünn leicht wonnig von Sonnenstrahlen
+<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
+und flimmerndem Nordlicht erfüllt, der Himmel von einem
+Vulkan zerrissen, ein wasserspeiender Krater, warf ausbrechend
+seine Massen nach unten, riß alles herunter auf die Meeresfläche.
+</p>
+
+<p>
+Tagelang hoben und senkten sich die Reiherköpfe, brannte das
+Meer, jagte in weißem blähendem Schwall auf. Tagelang
+schlugen die zweiundzwanzig Schiffe wie Pferde mit den Hufen
+nach hinten aus, das wiedereinstürzende Meer zurückzuhalten.
+Als mauere man Balken in die Erde, triebe Eisenträger in Lehm,
+schaufle Sand aus Gruben, so hieben die Schiffe nach rückwärts,
+drängten das Wasser ab. Sie hatten ihre Flanken mit bloßem
+Stahl gerüstet. Doch über den Stahl, armweit entfernt, von
+Stützen gehalten, war ein Netz gebreitet, senkrecht von oben nach
+unten ins Wasser abfallend, den ganzen Hinterbug umgebend,
+von Schiff zu Schiff sich hinziehend, ein einziges riesenhaftes
+Netz, kaum sichtbar, nicht dichter und nicht schwerer als ein
+Haarnetz. Es hatte das stumpfe Weiß des Bleis, an einzelnen
+Maschen mit bräunlichen bis schwarzen Flecken. Die rührten
+von verbrannten Tieren und Menschen her, die dieses Netz geknüpft
+hatten. Substanzen, aus bituminösem Schiefer gewonnen,
+bildeten den Hauptbestandteil der Masse, die zu Fäden ausgespannt
+wurde. In den Anlagen hatte man erkannt, daß zur
+Fesselung dieser Stoffe, die der Schiefer aus früheren Erdperioden,
+aus zerfallenden schmelzenden Leibern hergab, lebende
+Organismen, ihre Berührung besser waren als tote
+Körper. Aus dem Boden gerissen, der Luft preisgegeben,
+auf Holz und Eisen ausgebreitet, sammelte sich die Substanz
+zu langsam, verpuffte. Pflanzen, saftreiche, fette Tiere und
+Menschen waren der beste Boden, auf dem sich der Stoff anreichern
+ließ. Die aber griff es schwer an. Es ätzte sie. Dann
+fühlten sie, die das Netz auf Armen Schultern und Knien trugen
+–, nachts legte man es auf Stiere und Pferde, deren Fell
+kahlgeschoren war – Verbrennungen. Die Verletzten ersetzte
+man durch neue. Die fünf letzten Tage des Maschenknüpfens,
+das in weiten Hallen in Mecklenburg geschah, waren das Opfern
+einer Hekatombe. Nur stundenweise konnten sich die Menschen
+dem weißen schrecklichen Gespinst nähern. Man sorgte dafür,
+daß aus entfernten Gegenden Arbeiter und Arbeiterinnen in
+<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
+Flugzeugen herankamen. Wer frisch ankam, unmittelbar in die
+Hallen gebracht wurde, erlag am raschesten. Ältere, die schon
+müde knoteten, hielten sich bis zu sechs Stunden. Dann lagen
+sie ohnmächtig da, mit kalten Händen, kleinen Pulsen, eingesunkenen
+Backen. Die Meister lösten sie mit mächtigen Glashaken
+von dem Gewebe, rollten sie heraus. Der letzte Tag war
+es, der in das Gewebe die braunen und schwarzen Flecken eintrug.
+Da war das Netz, das kilometerlange und -breite, aus
+seinen fünf großen Einzelteilen zusammenzuknüpfen. Und als
+hätte sich die Kraft des Netzes, seiner Ausdehnung folgend, verhundertfacht,
+geschah eine Vernichtung der Lebewesen in seiner
+Nähe von einer Intensität und Raschheit, die den Zusammenschluß
+des Netzes überhaupt unmöglich gemacht hätte, wenn es
+sich nur um einen Tag mehr gehandelt hätte. Es betraten morgens
+um sechs Uhr die ersten achtzig Menschen die Hallen. Um
+zwölf Uhr mittags lagen auf den Wiesen hinter den Hallen schon
+dreihundert Leichen. Aber um fünf Uhr nachmittags, als das
+Netz fertig war und von siebzig Kränen frei in die Luft gezogen
+wurde, lagen nicht viel mehr als diese dreihundert Leichen und
+Sterbende da. Denn von Mittag ab verließ keiner, der das Netz
+berührte, mehr lebend den Raum.
+</p>
+
+<p>
+In einer Zeit, die sich von zwölf ab immer mehr verkürzte,
+zuletzt bis auf eine Viertelstunde, vergasten die Menschen, wie
+alles Feuchte an dem Stoff. Vergasten, nachdem sie einen
+kleinen Schrei von sich gegeben hatten. Ihre Finger griffen in
+das Gewebe, verkohlten da. Sechs Meister knüpften die letzten
+Maschen, hatten die trockenen heißen Pelzmäntel an, die dichten
+Pelzhandschuhe, die am sichersten schützten. Die starre Trockenheit
+ließ das Gewebe nicht knoten; sie mußten ihre nassen
+Fingerspitzen hergeben. Zu einem Griff. Und wollten sie den
+zweiten machen, so rieselte es schon durch sie. Beim dritten
+sanken sie in ihren Pelzpanzern um. Dunsteten verhauchten
+aus den Fellröhren. Leere Gehäuse am Boden, dampfende
+Halsöffnungen Rauchrieseln.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte armdicke Glasbalken wie Fahnenstangen schräg
+nach rückwärts in die Luft hinaus gebaut. Daran hing, leicht,
+auf zehn Schritt nicht mehr sichtbar, das bleiweiße Netz. Es
+<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
+hing straff herunter. Bildete um die zweiundzwanzig Schiffe
+eine Wand. Da, wo das Netz das Meer berührte, war – kein
+Meer. Sondern auf Meterweite leerer Raum. Von einer Luft
+erfüllt, die zu beiden Seiten des Netzes durchsichtiger war als
+die übrige und im Sonnenlicht stärker leuchtete. Weder Insekten
+noch Vögel konnten sich diesem leeren Raum nähern. Das Wasser,
+der unermeßliche Ozean, stand wie Stein, gierig die Lücke zu
+füllen, auf die Schiffsreihe zu stürzen, die sich langsam senkte.
+</p>
+
+<p>
+Die Schiffsreihe senkte sich. Immer mehr Wasser baggerten
+die Verdampfer aus dem Innensee, schleuderten es hoch. Die
+Spitze der ozeanischen Bank, von mächtigen Salz- und Tanglagern
+bedeckt, stieg höher, je mehr das Kesselwasser sich verdichtete.
+</p>
+
+<p>
+In geschlossener Runde wie Kinder, die sich an den Händen
+fassen, schaukelten die Kolosse. Am Vordersteven die saugenden
+beißenden speienden Kraniche. Im Rücken das hauchartige
+Netz, wie ein feines Lächeln vor dem eisernen gebannten Meer,
+dem schwarzen wallenden stöhnenden, in allen Fugen krachenden
+Wogenberg. Der Ozean hing bald wie ein Gebirge über ihnen,
+über den freudigen Menschen. Die Wassermassen stürzten
+schräg abwärts. Schäumend weiß standen sie vor dem Netz hoch,
+wie Pferde vor dem Stallmeister; vor dem Netz, das unberührt
+unbeweglich höher und höher geschoben wurde, schon häuserhoch
+über dem Deck der zweiundzwanzig Schiffe. Und so hoch umgab
+sie der schwarzanspülende sich beulende stöhnende Berg des
+Wassers. Nach fünf Tagen hatten sie Platz in dem luftstillen
+Kessel. Das wonnige rosafarbene Licht füllte ihn. Die Menschen
+lachten. Da setzten sie Boote aus. Mutumbo gab das Zeichen,
+Brücken auf die Sandlager herüberzuschlagen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> den Führern getrieben steuerte das Erkundungsgeschwader
+zurück, südlich. Man mußte einer Schwäche, dem Zusammenbruch
+entfliehen. Die Menschen bettelten die Führer an, fielen
+in sich. Sie drängten: man hätte doch die Aufgabe nach Grönland
+zu fahren; man mußte nördlich. Aber die Führer hatten
+Furcht und nur soviel Besinnung, um kehrtzumachen. Da ging
+<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
+die Fahrt wieder in die Dämmerung, das Grau hinein. Das
+Grau, dieses schimmernde staubige, oft stumpfe schwarze des
+Südens, näherte sich, wurde höher breiter tiefer. Es kam gewaltig
+wie eine Höhle auf sie zu. Die Erde, die sonderbare,
+war wieder da. Sie blickten ächzend nach Norden, in Flammen
+schaukelte das Meer; wie grell das Rosenlicht brannte. Wie es
+labte, sie nicht losließ. Die Führer selbst stellten sich an die
+Maschinen, überwachten die Steuerung. Die Schiffe fuhren
+schleppten die widerstrebenden Seelen mit. In die Dämmerung
+war man schon eingesunken; tiefer und ohne nachzugeben drangen
+die Schiffe in den weißlich schwebenden fremden Dunst ein.
+Kälter wurde es. Die Fahrer staunten: hier waren sie zu
+Hause. Es gab Expeditionen, sie gehörten zu der Expedition,
+die Grönland angegriffen hatte. Es gab die Shetlands Eisberge
+Färöer Kontinent Stadtschaften. Was war das für
+eine wonnige Gewalt, in deren Bereich sie gekommen waren.
+Die im Norden leuchtete. Sie trieben klagend hin. Das Meer
+war heftig bewegt. Das große Feuer brannte über Grönland.
+Tief überschauerte es sie; das heilige Feuer, das sie aus der
+Vulkaninsel gehoben hatten. Es war der Brand der Vulkane,
+der dies gekonnt hatte: sie entzücken, fast bis zur Verwandlung.
+Die Flammenberge hatten gestampft, schrecklich die Lohe, die sie
+über das ferne Grönland hinhauchten –, aber diese Wonne.
+Diese Wonne. Verstrickt träumten sie, sehnten sich; ließen sich
+nach den Färöer und Shetlands schleppen.
+</p>
+
+<p>
+Bebend sahen die Massen sie da kommen. Mit einem Schreck,
+einer ins Herz zuckenden Angst und Süße, wurden sie gewahr
+die freudigen stillen Gesichter, erfuhren von Mutumbo, der
+seine Reiher und Pelikane dazu verwandt hatte, um sich einen
+Platz auf dem Meeresboden zu schaffen und nicht, niemals, bis
+zu seinem Tod nicht fortzugehen von diesem Licht.
+</p>
+
+<p>
+Kylin schwankte, beriet mit De Barros und den Unterführern.
+Dann kam man zu dem Entschluß, sich nicht voneinander zu
+trennen, das ganze Geschwader, wie es Island und Grönland
+erlitten hatte, nach Norden zu werfen und gemeinsam das Neue
+zu bestehen, was es auch sei. Die Besatzung des ersten Erkundungsgeschwaders
+sollte mit einem Rest der Flotte bei den
+<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
+Inseln zurückbleiben. „Habt keine Furcht“ trauerten die Zurückbleibenden,
+„wie gern kämen wir mit. Ihr habt Angst von hier
+zu gehen; nachher werdet Ihr nicht zurückwollen. Ach, was
+Ihr sehen werdet. Denkt an uns.“
+</p>
+
+<p>
+Das große Geschwader in die wachsende Helle hinein. Tag
+und Nacht verschwunden. Leises Schwingen, Erzittern der Luft,
+fernes Brummen. Dann immer deutlicher eine weit schwebende
+Musik, hohe Töne, mit Klirren Schmettern untermischt. Die
+eigentümliche süße Freude, die alle überkam, je nördlicher sie
+fuhren. Diese Glätte des rosig angestrahlten Wassers. Was
+waren das für himmlische Dinge. Sie fuhren Boot, kleideten
+sich aus, seufzten, waren glücklich. Man möchte zu Mutumbo,
+der bei Jan Mayen saß. Wie klug dieser Mutumbo war, man
+mußte zu ihm, ihn umarmen. Wärmer wurde die Luft, sie fuhren
+nördlicher. Weißrosa der Himmel und die Luft um sie. In der
+Richtung Grönlands war das Licht und seine Farbe stärker, mit
+Rot und Blau gemischt. Man sah ein Blitzen, Auf- und Abschwellen
+der Helligkeit wie unter Flammen, kupferrotes Aufglühen,
+bläuliches Verdunkeln, Schwälen Flackern. In dem
+warmen Wind heiße Luftfäden. Strich- und rauchartig zogen
+die Luftfäden über das Geschwader, ringelten das Meer. Sie
+brachten dann und wann einen schweren bittern Qualmgeruch mit.
+</p>
+
+<p>
+Bald traten erstaunliche Dinge vor die Augen der Seefahrer.
+Federn von Möwen Sturmtauchern wurden von Windzügen
+auf die Decks der Schiffe und in die Boote getragen. Die Federn
+waren von ungewöhnlicher Weiche, als wenn sie von ganz jungen
+Tieren stammten, aber ihre Größe und ihr Bau war der der
+ausgewachsenen. Sie waren meist verbogen, wie von Hitze geschrumpft
+und gekräuselt. Dann flogen Blattreste durch die
+Luft, stark gerippte behaarte Blätter, die man nicht kannte,
+auch unverständliche kleine Pflanzenteile, die vielleicht Flugapparate
+von Samen waren. Der tiefe Wind riß unverändert
+nach Grönland hin, die Meeresströmungen schien er aber nicht
+abzulenken. Auf dem Wasser schwammen neben den Booten
+farbige, grüne braune rote Massen, über die man sich freute.
+Man hielt sie für flottierende Algenkolonien, losgerissenen Tang,
+in den sich Medusen verfangen hatten. Wie sie aber an einigen
+<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
+Stellen mit den Rudern dazwischen stießen, die Lagen fischten,
+glitten bunte Federn die Ruderstangen herunter. Man griff
+nach dem paketartigen gleitenden Gewebe. Es war Tang mit
+lebenden Moostierchen, Nacktschnecken, aber auf ihm lagen
+Vögel, unversehrte tote Tiere, groß und ausgewachsen, die mit
+den Füßchen wie Beeren aneinanderhingen. Und wie man
+sie noch betrachtete, waren auf die Schiffe selbst lebende Vögel
+gefallen; ineinandergekrampfte Scharen schlanker und runder
+Vogelkörper. Meist waren sie erschöpft, starben rasch, wenn
+man sie nur aufhob. Bisweilen kamen so viele, daß es um die
+Schiffe regnete. Die Federn der Tiere waren wie die einzelnen,
+die die Luft hergetragen hatte, von merkwürdiger Weiche;
+schillerten in Grün Gold Violett Braun. Manche Vögel
+glühten in Farben wie Schmetterlinge; trugen blendendes Blau
+an den Flügeln mit goldener Sprenkelung; Rumpf und Hals
+über den weißen glatten Beinen purpurbehaucht. Die Schwingen
+der Tierchen waren meist versengt, ja an einzelnen Flächen
+völlig verkohlt; diese Vögel mußten fast nur durch den Luftstrom
+hergetragen sein.
+</p>
+
+<p>
+Von Osten und Süden fuhr man auf Grönland zu, näherte
+sich sehr langsam dem klirrenden Feuerherd. Der Wind, bisher
+wechselnd stark nach Norden und Westen auf den sonnenartigen
+Brand züngelnd, ließ nach. Sein Schlürfen Singen Stöhnen
+schlief ein; wie ein Gummiband erlahmte sein Zug; nur eine
+gelegentliche zuckende Anspannung fühlte man. Das Dröhnen
+und Hämmern trat ungehindert hervor. Unruhig blies es um
+sie. Sie mußten die spielenden schaukelnden Boote verlassen.
+In Schüben wurden weiße Wolkenmassen über den Himmel gestoßen.
+Öfter verdunkelte sich die Luft. Sanfter Regen. Während
+sich die Luft stärker verschattete, stürzten Wasserschauer über
+das Geschwader. Gossen, in Pausen nachlassend, bald so dicht,
+daß die Menschen blind herumgingen. Sie lächelten wie vorher;
+die Freude in ihnen war wie aus Erz gegossen. Sie durchfuhren
+die Regenwand. Windstille trat ein, der Himmel war aufgerissen
+vor Helligkeit. Aber von Grönland her, dort, von wo
+das weißeste Licht mit Blau und Rot gemischt über den Himmel
+floß, näherte sich ihnen, die sich in Kreuzseen bewegten, in einem
+<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
+strudelnden klatschenden Auf und Ab, näherte sich ihnen etwas.
+Eine Dunkelheit zwischen den bläulichen Flammen. Ein runder
+Fleck, der sich langsam ostwärts südwärts bewegte, sich her bewegte,
+sich um sich bewegte. Ein Buckel, von tiefer immer
+tieferer Schwärze, der im Norden anwuchs herwuchs, gegen
+sie herstieg. Lautlos die See. Lautlos die wasserdampfenden
+Schiffe. Die Dunkelheit, eben noch als Schatten heraufziehend,
+war aus einem Sack, einem Kellergewölbe über das stumme
+Meer entlassen. Und jetzt war im Süden, weit im Rücken der
+Schiffe ein Flimmern und Leuchten sichtbar, goldgelbes durchstäubtes
+Licht; es war Tag hinten. Dies war der sonst dunkle
+Tag über den Färöerinseln. Ganz klein erschien er wie ein
+Kindergesicht am Fenster. Sie nahmen es auf den Schiffen
+stumm mit Wundern an, wandten sich träumend dem Westen zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Wolkenschild, lichtverhüllend, von Grönland sich nähernd,
+hatte sich mit einem Glimmerschein umgeben. Am Rand der
+allerschwärzesten Nacht, die herantrieb, tanzte das Glimmerlicht.
+Rascheln, böiges Aufsausen, Wühlen, stoßweises Auftoben
+des Meeres. Durch die anlaufende eindeckende Schwärze
+zuckende Lichter, blendende Blitze. Donnermassen über dem
+Meer zerbrechend. Mit jedem Blitz neue Donner zerknisternd.
+Zwei Pauken: das Meer, der Himmel; hundert Schlägel auf
+und ab fahrend prallend. Der Himmel zottig schwarz über dem
+Wasser hängend, stöhnend am Meer. Brüllendes Ringen. In
+der Verfinsterung Verdampfung des Kampfes, nur ab und zu
+grelles Äugen. Wogende Seen. Sie hatten die Höhe eines
+Berges. Trugen in ihrer ganzen aufgesteilten Breite grünliche
+Kämme, als wären sie bemoost. Der Kamm stürzte nieder; das
+Grün glitt weiß zerschellend über den eingezogenen Bauch der
+Welle. Stürzend vergehend wuchs im Vorwärtsdonnern der
+Kamm. Grün schimmernd, mit ausgebreiteten Armen fuhr die
+See, das Wellengebirge über das Meer. Lief mit dem Orkan
+und ihm voraus. Der drehende Wirbel schob sich, das Glimmerlicht
+vor sich, über den Ozean. Der Körper des Wirbels, zwischen
+Meeresfläche und Himmelsschwärze donnernd, nahm seine
+Straße nach Süden. Mit zwanzig Kilometer Geschwindigkeit
+lief er. Er mähte. Seine Kraft war größer als irgendeine, die
+<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
+vor ihm erschien. Er wälzte den Ozean häusertief auf, schleuderte
+die Wasserlage vor sich in die Luft, zerriß zerstäubte sie.
+</p>
+
+<p>
+Er kam über einen Teil des Geschwaders. Wie er die Schiffe
+nur mit dem anrollenden Saum seines eisernen Kleides berührte,
+drängte er sie unter die Meeresoberfläche, erschlug sie
+mit den aufgehobenen Wassermassen, wallte fluttoste über sie.
+</p>
+
+<p>
+Das Glimmerlicht am Rande, Gewitter vor sich, fuhr der
+Wirbelsturm über das Atlantische Meer an der skandinavischen
+und britischen Küste entlang, bog nach Westen um, kreuzte den
+Ozean in seiner ganzen Breite, erreichte die amerikanische Nordküste,
+zerbrach, über Neufinnland fahrend, Gebäude zerstörend,
+Bäume wie aus Geschützen schleudernd, an den Randbergen
+Labradors. Auf seiner Zugstraße verbreitete sich Dämmerung,
+der Himmel färbte sich kupferrot.
+</p>
+
+<p>
+Das grönländische Geschwader kämpfte sich durch. Zyklon auf
+Zyklon schickte der heiße Kontinent her. Dann traten sie in eine
+Gewitterzone. Immer von neuem brannte das rosafarbene
+Licht auf. Unter Katarakten der Regengüsse schlugen sie sich
+vorwärts. Das süße sehnsüchtige Gefühl erlosch nicht in ihnen.
+Sie nahmen die Wirbelstürme, Zerbrechen der Schiffe hin. So
+wenig Mutumbo die Gegend dieses Lichtes verlassen wollte,
+wollten sie es. Sie erinnerten sich ihres früheren Daseins. Wie
+störrisch hart sie gewesen waren. Sie weinten, hatten keine
+Furcht hier zu sterben. Wenn der dunkle Schleier am Firmament
+erschien, der einen neuen Zyklon anzeigte, – Ringe drehten
+sich in dem Schleier –, so rüsteten sie ihre Fahrzeuge. Aber im
+grausigsten Wirbel waren sie, die herumsprangen und lavierten,
+nicht geängstigt.
+</p>
+
+<p>
+Die Gewitterzone überwanden sie. Sie waren schon nahe
+dem Land, in einer Meeresgegend, die sonst durch Eis versperrt
+war. Schwüle warme Luft. Blendende Helle, grelles Aufflackern
+Tag und Nacht. Grüne und braune Massen schwammen
+auf dem Wasser. Da hörten Schiffe öfter Schreien Schnauben
+Stöhnen vom Meer herauf. Einzelne Wachen berichteten: sie
+hätten eine zusammenhängende Bewegung unter dem Meeresspiegel
+bemerkt, die sich zögernd näherte und in der Nähe der
+Schiffe endete. Einmal wurde eine Gruppe Fahrzeuge alarmiert.
+<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
+Die Menschen sahen von den Decks eine abgegrenzte meterlange
+Strecke des Meers stürmisch aufgerührt. Ein Geräusch wurde
+vernehmbar zwischen dem Klatschen des Wassers: Schlingern
+Speien Ächzen. Sie ließen Boote herunter, stießen darauf los.
+Da ließ die Bewegung nach; sie fanden nur Schaum und zerrissenen
+Tang auf dem Meer. Nördlich der siebzigsten Breite in
+Höhe der Shemoninsel trieb das Gros des Geschwaders. Die Ostgrönlanddrift
+floß hier neben der östlichen Spitzbergenströmung.
+Große sonderbare Baumstämme von tropischem Charakter trug
+das Wasser. Ein- zweimal schwamm eine ganze offenbar losgerissene
+Bauminsel an ihnen dicht vorüber. Die Bäume darauf
+waren geknickt verbrannt; einige wie frisch angenagt. Man fand,
+sie umfahrend, Blattreste, die von palmenartigen Gewächsen
+zu stammen schienen. Lebhafter machte man auf den Schiffen
+Jagd auf die Wesen, die die sonderbaren Meeresgeräusche
+häufiger und häufiger verursachten. Es mußten unbekannte
+schnell schwimmende Tiere sein, Wale, die aber keinen Wasserstrahl
+warfen. An der Spitze des Geschwaders wurde einmal das
+Röhren und Schnauben ungewöhnlich heftig. Sechs Schiffe
+fuhren darauf zu. Motorboote wurden von von Deck gelassen, sausten
+nach der bewegten Meeresstelle. Dort stieg Wasser auf, jedoch
+nicht senkrecht wie aus Spritzlöchern der Wale. Sondern was
+sich bewegte, spie schwallartig wagerecht Ladungen Wasser von
+sich. Die Boote rannten gegen die sprudelnde Wassermasse. Da
+waren sie schon gekentert. Aus dem Meer aber wand sich der
+Rücken eines braungrünen schuppenglänzenden Untiers, eines
+Reptils mit langem Schnabel, seitwärts gestellten blicklosen
+Vogelaugen, das an seinen dünnen Vorderbeinen eine lappige
+schwere Haut schleppte. Auf dem Wasser rudernd schlug es die
+Vorderbeine über dem Rücken hoch. Die wampige Haut spannte
+sich. Der Schnabel fuhr schnappend hoch, der Rumpf ringelte
+sich aus dem Wasser auf, das Untier schlackerte mit seinen
+Flügeln. Stieg unbehilflich wie eine Gans, mit Ächzen und
+Speien, in die Luft, dicht über der gischenden Wasseroberfläche;
+verschwand gurgelnd über dem Meer.
+</p>
+
+<p>
+Man zog die Verunglückten aus dem wieder glatten Wasser.
+Das Gerücht von den Tieren verbreitete sich über das Geschwader.
+<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
+Unsägliches Grauen lag auf den Menschen, die das
+furchtbare Geschöpf gesehen hatten. Es war sicher: man war
+von Wesen dieser Art umringt. Sie waren es, vielleicht noch
+andere, die seit Tagen das Geschwader beunruhigten, zwischen
+den Schiffen ruderten stöhnten verschwanden. Entsetzen fiel auf
+alle. Die Menschen hatten nicht mehr die Starre der Islandkämpfer.
+Sie waren in den Wochen, die sie unter dem wonnigen
+Licht fuhren, aufgelockert worden; Weinen und Lachen kam
+ihnen leicht. Jetzt wimmerten sie, das Schluchzen fuhr ihnen
+aus dem Hals, verkrochen sich an den Schiffen, wollten nicht
+weiter. Was sollte kommen. Jetzt in dem Entsetzen erinnerten
+sie sich Islands, der stampfenden tobsüchtigen Vulkane. Die
+waren es, die über Grönland brannten, diese Wesen erzeugten.
+Weg von ihnen, es war genug. Was taten die Stadtschaften;
+diese verruchten Stadtschaften, was machten sie mit ihnen. Sie
+umgingen zitternd die Führer, die sich selbst kaum aufrechthielten,
+drängten, daß man nach Süden drehe. Und doch war
+in die Angst vor den Untieren eine andere Angst gemischt: fort
+zu müssen aus diesem Meer, totes Leben sollte wieder beginnen.
+Sie fürchteten sich vor der Rückkehr. Die Führer
+wandten das Geschwader nicht. In wärmere und wärmere
+Luft ließen sie es treten. Stoßweise ergoß sich Glut über die
+Menschen, die wieder ganz von jener Furcht gebunden waren,
+die sie in Island stumm gemacht hatte. Sie suchten sich mühsam
+starr zu machen; aber das rosafarbene Licht zehrte an ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser floß blaugrün unter ihnen. Ein Quirlen und
+Quellen, Wühlen und Spritzen überall. Abgerissene Bauminseln
+umgaben sie von allen Seiten, trieben zwischen den
+Schiffen hindurch, die ihnen auswichen, kein Boot mehr nach
+ihnen aussetzten. Zusammenfahrend, die Fäuste vor der Brust,
+sah man Vögel über sich fliegen, bunte singende tirilierende,
+in ganzen Scharen. Niemand dachte, sie zu jagen. Man stierte
+auf sie, ohne einen Eindruck zu empfangen, stand in Erwartung,
+halber Bannung. Das Wasser war von den grünen braunen
+Massen streckenweise so bedeckt, daß sie sie umfahren mußten.
+Manchmal mußten sie die dicken Schichten aufreißen. Tierische
+Körper waren eingesponnen, mit ihnen verfilzt: tote Ungeheuer,
+<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
+deren Köpfe über den Meeresspiegel traten, lammäßig ruhige
+Gesichter mit Bärten, blau überspült vom Wasser. Und auf
+Stunden, wie sich nichts ereignete, wurden die Menschen wieder
+von dem alten Glücksgefühl überflutet. Alles blieb still bis auf
+das helle Vogelgeschrei.
+</p>
+
+<p>
+In ein Meer von dunkelroter Färbung fuhren sie jetzt. Ganz
+langsam bewegten sich die Schiffe. Stundenlang ließen sie sich
+nur treiben. Die Wärme war groß; kein Wind bewegte sich.
+Über sich an dem strahlenden Himmel sahen sie in großer Höhe
+schattenhafte Wolkenmassen ostwärts schwimmen. Die Oberfläche
+des Meeres, burgunderfarben leuchtend, spritzte manchmal
+Schaum, aber zog sonst gleichmäßig als ein loser und dichter
+Rasenteppich nach Westen. Der Teppich, aus Meerespflanzen
+gebildet, war straffer als der braungrüne, den sie durchfahren
+hatten. Es waren Wiesen, die aus der Tiefe heraufwucherten,
+bisweilen glitzernd über dem Wasserspiegel hervorragten und
+Land vortäuschten. Die Wiesen lagen ruhig; bisweilen sah man
+sie wie Falten eines Kleides sich hochbauschen und wieder
+glätten. Mit leiser Bangnis blickten die Seefahrer darauf hin,
+immer in Furcht, daß da ein Riesentier das Meer aufwürfe.
+Die bunten Vögel, die die Masten besetzten, hockten und sprangen
+auf der purpurnen Tangwiese unten. Handgroße Steine und
+Eisenstücke, die man herunterwarf, blieben auf der Wiese liegen.
+Kleine Tiere, die sonst nicht das Meer bevölkerten, Fledermäuse,
+sah man sich auf den Rasen senken; leichte weiße Schmetterlinge,
+die über dem nassen Kraut sich schaukelten, in Scharen die
+Wiese weißfleckten. Dann lief und ruderte ein schwärzliches
+Gewimmel durch die Röte. Kleine Tiere, eine Art Ratten, mit
+bunten Schöpfen auf den Scheiteln. Sie pendelten im Wasser,
+schwammen dicht beieinander, hielten sich an den Stielen der
+Algen fest, blickten mit kleinen schwarzen Augen, den Schopf
+kammartig aufgestellt, um sich. Zwischen ihnen blaue glänzende
+Zikaden, die sprangen, aber auch Flügel zu entfalten schienen.
+Von ihnen stammte das feine durchdringende Piepsen, das,
+zwischen dem großen gleichmäßigen fernen Rollen und Wühlen,
+aus den Pflanzenmassen herkam. Auf die Schiffe kletterten die
+Tiere, vor den Menschen wichen sie aus. Die Menschen selbst
+<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
+flüchteten vor ihnen; sie schrien; ein Hauch von Entsetzen wehte
+sie an, aber sie lachten wieder, kamen sich wie Kinder vor.
+</p>
+
+<p>
+Der rote Teppich zerteilte sich manchmal, dann quoll er
+wieder zusammen. Immer mehr kleine Tiere überschlüpften die
+Schiffe, Schmetterlinge und Vögel belagerten Decks und Masten.
+Im Wasser, wenn der Rasen zerriß, sah man größere gelbe und
+blauschwarze Wesen schwimmen. Sie ähnelten nicht Fischen,
+mehr mit ihren blanken glatten Leibern Robben; sie kämpften
+miteinander und mit mächtigen Weichtieren, Nacktschnecken, die
+an der Oberfläche des Wassers hingen und da atmeten. Die
+beiden vorderen Fühler dieser Schnecken waren zu starken
+warzenbesetzten Armen ausgewachsen; mit denen griffen sie
+nach unten hängend nach den gelben schwimmenden Tieren,
+drückten, während sie sie hielten, ihre Saugfüße den schnellenden
+robbenartigen Wesen an den Leib, die rasch die Farbe verloren.
+Das Wasser um die Schnecken schlierte immer bunt und trübe.
+</p>
+
+<p>
+Erstickende wilde Hitze schlug durch die Luft. Gegen eine Benommenheit
+rangen die Menschen auf den schwankenden
+Schiffen. Sie hielten sich an den Masten und Geländern fest,
+stierten lächelten um sich. Sie waren am Hinsinken. Sie träumten:
+laß kommen, was will. Ihre Brüste beklemmt. Da zitterte
+vor ihnen die Luft auf. Das Zittern verschwand, stellte sich in
+anderer Richtung wieder ein. Es schien nichts weiter zu sein,
+als das Vibrieren der Luft in der Hitze; sie kannten es von Island
+her, von dem Hauch über dem Glutmeer und über den
+Lavaströmen. Das Vibrieren erschien bald neben ihnen, die
+Hitze wuchs aber nicht. Die Flächen der purpurnen Tangwiese,
+die dichten Büsche des Meerkrauts, barsten manchmal; das
+meterhohe Zittern der Luft erschien dann, wanderte; überall
+auf dem Wege dieses Schwirrens wich das Tangfeld auseinander,
+schnellte hinter ihm wieder zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stand einmal die zitternde Luftmasse vor einem seitlich
+auf der Wiese umherirrenden Schiffe, das verschlafen stand.
+Die Menschen auf seinem Deck betrachteten ohne Bewegung die
+sonderbaren Luftwellen. Ein Surren umlief die eigentümlich
+wallende Luftmasse. Da schnüffelten die Menschen verwundert:
+ein Geruch nach Teer und Salzlake wehte in Pausen stoßend
+<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
+über das Schiff. Sie sahen, wie sich die vibrierende Masse ihnen
+langsam näherte, daß sie aus dem Meer aufwuchs, daß sie
+geadert war, ja durchpulst. Sie schwankte in sich. Das Luftwesen
+–, nun sahen sie es, staunten und erschraken nicht –, schwamm
+wie ein Haus hoch im Meer. Von schwarzen kleinen Massen, die
+sich auflösten, war es erfüllt; es mußten Algen und Lebewesen
+sein, die es in seinen Darm aufgenommen hatte. Vögel,
+Schmetterlinge hatten bei Annäherung des durchscheinenden
+gallertigen Gebäudes das Schiff verlassen, pfeifend sprangen
+ihm abgewandt die blauen Zikaden und buntschöpfigen Mäuse
+ins Wasser. Das bergehohe Wesen aber blies stärker über das
+Schiff seinen tranigen Atem. Veränderte –, erstarrt standen
+jetzt die Menschen, fielen bewußtlos um –, wechselte seine Haltung,
+drehte sein Oberstes nach vorn. Da hatte es wie ein
+Pflanzentier, eine Mundöffnung, von einem Kranz flimmernder
+Bänder umgeben, eine wogende gläserne Wölbung, aus der der
+strenge Salzhauch in Stößen drang. Die Bänder rollten auf,
+über Deck, schlangen sich um Masten Balken Menschen. Die
+Bänder drehten das Schiff quer, zogen es hin vor den tief gesenkten
+Mund des Tiers. Vor dem tief gesenkten Mund des
+Tiers kenterte das Schiff. Es senkte sich ins Wasser, wurde von
+der gallertigen Wölbung aufgefangen, die sich über die Masten
+und die Decks schob, sich über ihnen schloß. Die Luftmeduse
+richtete sich auf. Ihre Bänder spielten aufrecht in der Luft. Die
+Schiffsbalken wurden von ihren krampfenden Eingeweiden,
+mit Eisenmassen Lebewesen hoch und sichtbar über dem Meer
+schwebend, aufgelöst, zerflossen in ihr. Schwarze Flecken rannen
+durch die feine Äderung; der Mantel warf heftig Falten. Das
+Flirren und Flimmern der Luft ließ nach. Das Tier senkte sich.
+Tauchte ins Meer ein, zur Seite gedreht, Wasser schlürfend.
+Die purpurne Tangwiese rollte über ihm zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Auf der roten heißen Fläche endeten fünfzehn Schiffe. Die
+Hauptmasse des Geschwaders floh. Ein Teil raste durch das
+Krautmeer, blieb von Getier erfaßt, im Pflanzenwust verbacken
+hängen. Ostwärts südwärts stürzten die Schiffe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">rönland,</span> zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckend,
+vom Pol in den Atlantischen Ozean ragend, lag unter
+dem Schleier, den die Menschen ausgespannt hatten. Der
+Strom aus dem atlantischen Kabel der Menschen schoß über das
+Netz. Es rauschte aus den tragenden Ölwolken hoch, in deren
+Buchten und Beulen es sich verschoben hatte. Steif und starr
+wagerecht in der Spannung stand es. Schwang und zitterte
+wie ein Tier, das zu dem Bändiger mit der Peitsche und den
+scharfen Blicken aufsieht. Abschnitte des Netzes zuckten unter
+Pulsschlägen. Barsten. Funken sprangen aus ihnen. Um die
+aufgebrochenen Stellen spritzte knatterte es. Stichflammen
+meterhoch schenkeldick, blau dann weißer, rötlich surrten spiralig
+auf, jäh sanken sie zusammen nach allen Seiten abfließend. An
+allen Stellen schmolz das Netz. Die Flammen dehnten sich aus.
+In Kreisen, die sich schußschnell erweiterten, flog das Feuer nach
+außen. Überrieselt von einer dünnen Flammenschicht war der
+hundert Meilen weite Erdteil. Ihr Licht durchdrang die schwarzen
+Ölwolken kaum; schwach waren die Gebirgskuppen beleuchtet.
+Da begannen sich die Platten unter dem umsponnenen Turmalinschleier
+zu biegen. Sie schmolzen. Meter über Meter nach
+oben und unten vertiefte sich die Lichtmasse, verstärkte sich die
+Glut. Plötzlich schwoll brünstig haushoch eine Flammenflut
+von Meer zu Meer über Land und Gebirge, schwoll und wuchs
+wie eine Mauer in sich zusammen. Die Gaswolken wurden zerrissen,
+die hängenden Wetterwolken verdunstet. Tagesheller
+fremdartiger Schein. Tausendfacher Donner schlug in die Lichtzone
+ein. Durch die rosaweiße Luft zackten Blitze. Die Luft
+schüttete ihre Wassermassen zur Erde. Sturm fuhr in die Feuersglut
+ein; den schwellenden Brand konnte er nicht umfassen; er
+prallte von ihm zurück, rieselte warm, besänftigt auf. Über dem
+Meer lagen die Stützpunkte des Schleiers, Netzteile, die den
+Gluten widerstanden. Auf den Ölwolken dieses schmalen Randes
+ruhte das ganze Netz.
+</p>
+
+<p>
+Die Hitze, das ungeheure losgelassene Wesen, tauchte in den
+Abgrund des Eislandes. Hauchte das Land an wie der Atem
+eine Glasscheibe. Die Luft unten trübte sich neblig, Dunst erhob
+<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
+sich. Das Land wogte unter grauen und weißen Wolken, die unmerklich
+dann wrasenartig vom Boden aufstiegen, in Schwaden
+über die Schnee-Ebenen, an den Berghängen sich hinkrümmten,
+ringelten brodelten. Wirbelnd schwollen sie, in ganzen Strudeln
+sich drehend, milchig verdichtet, das Land verbergend, ein
+aufsteigendes gasiges Meer. In Fäden tastete der Dunst nach
+der Glut. Die blanke Platte des Inlandeises beschlug sich mit
+Nässe. Auf dem Eis wollte das hintropfende Wasser wieder
+gerinnen, aber die Hitze hielt es, hielt es weich. Mehr mußten
+die Eisplatten die Höcker hergeben. Wasserrinnsal über die Ebene
+hin. Der Schnee der Wüsten sinterte. Die meilenweite Schneebreifläche
+wurde von der Glut geschoren. Sie plattete ab. Ihr
+reines weißes Gesicht, ihre duftige Weiche verschwand. Dunkler
+färbte sich das Land. Die Bäche verbreiterten sich, die Klüfte
+des Eises, in denen Ströme mit Tosen zogen. Es knatterte
+knarrte dumpf in der ungeheuren Platte des Islandeises. Es
+surrte auf, schoß. Spalten taten sich auf.
+</p>
+
+<p>
+Die große Kraft saß oben. Ein Funken des Kabelstroms hatte sie
+gerufen. Für die Augen war sie kenntlich: strömte rötliche Helle,
+die sich nicht mehr steigerte. Die Berge, die reißenden Flüsse, die
+blauen Firnen, Schneewüsten, Gletscherläufe, augenlos ohrenlos
+gefühllos, nahmen sie im Innersten wahr. Die große Kraft,
+die Glut, saß nicht oben, sie drang nach oben, unten, den Seiten,
+schob sich in Starres und Loses ein. Wie eine Krankheit und
+Liebe fiel sie die Dinge an; sie erlagen und sanken. Das Größte
+Kleinste Festes Flüssiges griff sie an, war wie ein Ruf ins Tal:
+von allen Seiten hallte es wider. Wie die große Kraft sich auf
+das Land herabließ, lief sie in die Adern der Dinge, erweichte sie,
+blähte sie auf. Kein Wesen war stärker als sie. Sie wußte nichts
+von Fjorden Gletschern Küstengebirgen Eisplatten Bächen
+Schneeflächen, war blind für das Riesige Ausgedehnte; an das
+Feinste wandte sie sich und da fand sie den Zugang. Erkannte
+im Store Karajak Gletscher das Wasser, das Dunst werden
+konnte. Die Breite der schwer schiebenden Assatak Tuarparsuk
+Atlaksoak machte ihr nichts. Blau war das Eis der Firne, die
+Spalten der Räume spielten grünlich, die Schneebreiebenen
+zogen weiß durch das Inland: dies war Wasser. Und konnte
+<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
+Dunst werden. In die Spalten des Eises der Berge der Gletscher,
+in die unsichtbaren Spalten des fließenden Gewebes der
+Ströme Seen Bäche Brunnen senkte sich die Hitze. Jagte sie
+auf zu Gas Dunst Wolke.
+</p>
+
+<p>
+Ein Massiv aus Granit und Gneis lagerte Grönland, von
+kalten Meeresströmungen umflossen, über den siebzigsten Breitengrad,
+zwischen der zwanzigsten und achtzigsten Länge. Die
+Wesen, die glühend aus dem Erdkern stiegen, Kieselsäure Magnesium
+Aluminium Sauerstoff, hatte die finstere Urgewalt,
+die Kälte, angefaßt und nicht losgelassen. Sie war die größte
+Macht, Herrin der Unermeßlichkeit, erfüllte den Äther. War Formerin,
+Gebärerin der Gestalten, die das Feuer verlodern ließ.
+Ungeheuer trug die Finsternis und Kälte die Gestirne, die nur
+Strudel in ihr waren.
+</p>
+
+<p>
+Das Flackerlicht des Schleiers über Grönland nahm mit ihr
+den Kampf auf. Über das Ruhende Milde kam das Tosende
+Rasende. Hohes Singen des flammenbrünstigen Netzes; die
+Flamme schien alle Dinge, Luft Eis Gebirge, zu ihresgleichen
+zu machen. Wasser liefen über dem Gesicht des Eises. Die Felsklippen
+im Eis, die Nunataks, gaben ihre dünnen Schneelagen
+her, enthüllten bis zum Fuß ihre schwarzen Wände. In die
+Fugen des steinartigen Baus der Firne und Gletscher stieg die
+Hitze. Überrieselt wurden die Eislager, die langsam drängenden
+Ströme. Wie Wein einem Betäubten wurde den Bergen die
+strahlende Kraft eingeflößt. Sie nahmen sie mit verklemmtem
+Mund auf. Aber die Hitze rieselte in ihre Eingeweide. Durch
+die lastenden eisigen Kolosse lief die Wärme, und alles was
+in ihnen war, fühlte sich angefaßt. Zum Aufbeben waren sie
+gebracht, wie die neue Gewalt über sie kam, die sie von Urzeiten
+kannten. Die Firne stemmten sich auseinander, Luft saugten
+sie auf. Ihre Hohlräume, von Wasser plätschernd, erweiterten
+sich wie Lungen. Von Röhren Gängen wurden sie durchlöchert,
+Gewölbe unterminierten sie. Es floß von ihnen ab, Wasser,
+zu dem sie sich verwandelten erweichten. Das lustige weiße
+klingende Wasser. Schäumende Läufe in den Leibern der
+Firne; Schellen und Schlittenfahrt. Aus weiten Gletschertoren
+stürzten die Gewässer entbunden hervor. Nagend umspülten
+<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
+sie die blauweißen Säulen der Gletscherhallen, erwärmte
+schmelzende drängende Wasser. Gewölbe Firne zitterten unter
+der hebenden Wucht. Lechzend wühlten sich die Quellen durch
+das Eis, schnitten in die weißen Gemäuer ein. Von den gedehnten
+sturzsüchtigen Säulen troff weißes Wasser, immer neues
+Wasser. Im Klingen Klirren des Wolkenschleiers das Puffen
+Erdröhnen der sterbenden hinsinkenden Gletscher und Firne.
+Durch ihre Leiber, in den Eisfelsen wirbelte ein unregelmäßiges
+Auf und Ab von Trommelschlägen, bohrendes erregtes Wasser.
+Der Dunst lag bergehoch über dem Land.
+</p>
+
+<p>
+Die Küstengletscher glitten rascher hin. Sie drängten in die
+Fjorde; von rückwärts, aus dem Inland wurden sie gestoßen.
+Über ihre Köpfe, ihre Rücken herauf stiegen Eismassen. Ein
+brandendes Eismeer war im Inland entstanden. Schollen und
+Schichten drängten sich zusammen, türmten sich aneinander auf,
+rannten sich splitternd fest. Das Inlandeis, die Firne hatten sich
+auf die Wanderschaft begeben. Sie schwammen auf dünnen
+Schichten des leckenden Wassers. Die Gewölbe unter sich hatten
+sie zerknickt, das Wasser aber hatten sie nicht pressen können.
+Das lief vor ihnen her, und wie es quoll, trug es sie. Unterschmolzen
+wurden die Massen; sie mußten gleiten schwimmen.
+Auf dem sanften biegsamen Wasser schwammen sie. Ihre Wucht
+war in Jahrtausenden gewachsen, in der Finsternis, zwischen
+langen Wintern, kurzen Sommern. Schnee auf Schnee war
+über sie gefallen, von Stürmen zugetragen, war geschmolzen
+vereist. Der Wind hatte den Schnee nicht mehr abgeblasen,
+immer mehr Schnee wurde an das Eis geheftet, das Gebirge
+konnte ihn nicht abschütteln, die Eismassen umschnürten die
+Felsen, wuchsen von den Hügeln auf, belagerten sie. Dann
+war das Land nichts als eine Fußbank unter ihnen. Sie quetschten
+es breit, zerrieben seine Fältelung. Jetzt waren sie erschüttert.
+Unsicher ließen sie ihren Sitz los. Und sie waren nicht
+allein. Hinter sich fühlten sie es sich schieben. Sie wurden
+gehoben, von ihrem Platz geschleudert, von unten herauf gehebelt.
+Unsichtbar noch die Bergwände Täler, die versunkenen
+stillen, die die Erde hochgetrieben hatte und die das umwallende
+Meer nicht hatte übersteigen können. Aber die Last über ihnen
+<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
+schwand. Die Talmulden wurden von dem wandernden Eis
+ausgefüllt, die Grate erklettert übertürmt. Da wogten die
+Gletscher aus dem Inland gegen die Küsten heran. Wie eine
+Frau, die die Kleider anrafft und den Straßenstaub aufrührt,
+peilten die trägen Grundlawinen den Boden aus, zerschrammten
+Felsen, mischten sie in ihre Masse. Ihre drängenden Haufen umflossen
+die Nunataks, knickten sie, rollten; zerrieben ihre Trümmer.
+</p>
+
+<p>
+Wasser, das große Element, am wildesten von der Hitze und
+Kälte umkämpft, war auf dem Plan. Triefende weiße trübe
+Massen; dieses Schwemmen Lösen Schleppen Hinstürzen
+Zerplätschern. Das Wasser sprang zehnmal an, glitt ab, warf
+zuletzt um, eilte weiter. Es drang mit der Hitze in die Gletscher
+die Erde, lockerte auf. Die Nebelschleier, gasige feuchte Meere
+stürzten nieder. Erst regnend, dann in Flüssen kamen die Wassermassen
+auf das Land zurück. In der Nässe zergingen die letzten
+Schneefelder. Die Firne und Gletscher, die nicht ihre Lawinen
+ins Meer gestürzt hatten, blieben schwer liegen. Zersprangen
+zerflossen, vom weichen Wasser geschaukelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Berge Hügel Ebenen des zerdrückten uralten Landes
+zeigten, überschwemmt, von meilenweiten Seen bedeckt, katarakterfüllt,
+ihr verwüstetes Gesicht. An den Küsten drängten sich
+noch die Gletscher, die Gebirge übersteigend; ruckten sackten
+ins Land zurück. Blind dröhnend rannten noch Gletscher vorwärts,
+mit zerknisternden Decken, dann schon überflutet, von der
+Nässe gelähmt, standen vor Felsen, taumelten, mauerten sich
+an ihnen hoch, sanken ab, schnurrten, wurden kleiner grauer,
+wogten als Schollen.
+</p>
+
+<p>
+In eine Wüste von Blöcken hatte sich das Land verwandelt.
+Die Seen dampften und schwenkten Eisbröckel. In den Tiefen
+wühlten die letzten Gletscherreste. Das Inland gleichmäßig
+glatt und ruhig unter der glutenden Luft, mit wenigen dunstenden
+Hügeln bestanden. Nach den Küsten stürzten Wasser; da
+hatte sich ein Wall gebildet aus den Trümmern und Erdlasten,
+die die Gletscher fortgetragen hatten; die Wasser mußten sie
+durchwühlen.
+</p>
+
+<p>
+Es war an dem Tage, an dem die ersten Erkundungsschiffe
+der Menschen über den Ozean fuhren, da bewegte sich die Erde.
+<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
+In großer Ruhe stieg Grönland, das Erdmassiv, das vom Pol
+in das Atlantische Meer ragte, auf. Stieg wie ein Korken auf,
+der tief in das Wasser gedrückt ist und den der Finger losläßt.
+Von der gebirgsschweren Last der Firne Gletscher des Inlandeises
+war das Land befreit. Es hob sich leicht. Hob sich über der
+schweren flüssigen Masse des Erdinnern, die es trieb, bis an
+seinen neuen Ort. Das Land, Berge Ebenen Hügel Küsten,
+schob sich in die Höhe und zerriß von Norden nach Süden.
+</p>
+
+<p>
+In wenigen Tagen war alles ausgeglichen. Grönland, noch
+eben ein Erdteil, war zu zwei großen Inseln geworden, die
+meilenweit durch ein flaches Meer getrennt waren. Rauchende
+Inseln wuchsen langsam aus dem Wasser. Inseln verschwanden
+wieder. In die westliche große ergoß sich eine tiefe Meeresstraße.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> dem riesigen Umkreis der Flammen, wo das Licht matter
+schien, die Glut nachließ, begab die Erde sich auf die Wanderschaft,
+um dem heißen Eiland näherzukommen. Die Welt um
+Grönland, als wollte sie das Feuer löschen, wucherte in die
+Flammenzone ein. Ein Wall bewegte sich auf die grönländischen
+Inseln hin, so dicht, daß das Meer fast abgemauert wurde. Aus
+dem Randgebiet kam ein Riesenlager von Lebendigen dem
+Glutenherd näher. War wie Flamme und Wasser, bereit alles
+zuzuschütten. Die Luft durchdrang es. Bald war es ein Rasen,
+eine meilenweite tiefe Wiese, bald ein Wald über dem Meer,
+ein grünes Meergebirge, das vordrang. Was unten nicht heftig
+genug wuchs, trieb oben vor, schickte ungefesselte Tiere, die
+liefen schwammen flogen. Kilometerdick waren die Pflanzenschichten,
+die purpurn grün braun das Meer überschaukelten.
+Wo sie sich den heißesten Strahlen näherten, waren sie so dicht,
+daß das Wasser sie nur in Kanälen durchdrang, daß sie oben
+trocken lagen, Sturzwellen sie nur gelegentlich überschlugen.
+</p>
+
+<p>
+Im Westen wuchsen aus wallenden Laminarien Bäume auf;
+Lassonien mannsdick, mit scharlachroten Blattkronen geschmückt,
+ließen Zweige herabhängen. In diesen wasserdurchzogenen
+Wiesen, lustigen Wäldern wuchsen verkamen zahllose Tiere.
+Verstrickten sich in den Maschen der Pflanzenwelt. Es trieb sie
+<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
+in Scharen in die Lager. Die schwimmende Wiese hob und
+senkte sich, straffte sich, erschlaffte. Mit jedem Anheben wurden
+wie durch Ausatmung Tausende Keime und Tiere herausgepreßt,
+strudelten in das Wasser. Sie wurden geschnappt von denen,
+die eben anschwammen, gebannt lauerten. Zu einem einzigen
+hauchenden Wesen wuchsen Wälder und Wiesen des Meeres
+ineinander. Fische Würmer Krebse suchten sich durch die
+Blätter und Stengel durchzusägen; aber die Last der Wiese war
+ungeheuer. Die Tiere wurden zusammengepreßt, ihr Saft troff,
+mischte sich mit dem weißen der geknickten Stengel, ausgelaugten
+Blätter.
+</p>
+
+<p>
+Es gab in dem Grönland umziehenden Gewebe nicht zu unterscheiden
+Lebendes und Totes, Pflanzen Tier und Boden.
+Pflanze legte sich an Pflanze, hielt langsam schwimmende anschnellende
+Tiere mit Ranken, stützenden Blüten fest, die Tiere
+wurden ihre Teile. Diese Pflanzen hatten selbst Saugwurzeln
+Stützwurzeln von allen Stellen her. Ihre Blütenhaare Ranken
+bildeten sie zu Saugern Füßen Kiefern aus; waren Tiere und
+Pflanzen in eins.
+</p>
+
+<p>
+Auf Blumen saßen krebsartige Wesen. Saßen ganz still.
+Mit ihren Schwanzfächern schlugen sie von Zeit zu Zeit Ranken
+ab, die sich um sie legten. Mit den beiden gekrümmten säbelartigen
+Raubfüßen bohrten sie in dem Blütengrund, rissen
+Wunden in den Schaft, schoben ihre Kauladen an, sogen.
+Manche Pflanzen trieben Röhrenblüten; in den Hüllkelchblättern
+saßen graue Krebse; in die Fruchtknoten hatten sie ihre
+feinen Kauladen getrieben; aus den Saftröhren des Pflanzenwesens
+floß ihnen Nahrung. Sie ließen manchmal auf freieren
+Wiesen den Blütengrund mit den Füßen los: als wären sie ein
+Pflanzenteil ragten und flottierten sie, mit wallendem Schwanzfächer,
+über dem Kelch im Wasser, um gleich, wenn sie verdrängt
+und abgerissen wurden, mit kurzen drehenden und wühlenden
+Bewegungen sich neu einzubohren.
+</p>
+
+<p>
+Da saßen Geschöpfe an den Pflanzen, waren Spinnen. Unter
+den Blattachseln wuchsen sie hervor, schickten ihre Spinnfäden
+heraus, die sich fest um Nachbarstengel rankten. Tintenfische,
+ungeheure Leiber, mit vielen Armen, hatten ihre Augen
+<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
+geschlossen. Der muskelstarke Mantel hielt still, war straff gebläht,
+das Pflanzengewebe hatte seine Fortsätze in seine Höhlung getrieben,
+die großen Adern hatte es umwuchert, das Tier war
+nicht tot. Sein Herz schlug; in seinen Darm mündeten die
+Spalträume der Pflanzen; das Herz trieb träge den Saft
+anderen Tieren, anderen Pflanzen zu. Stengel Blätter
+Knospen wurden abgeschnürt, Glieder von Medusen Seesternen;
+die Teile wurden hier aufgesogen, dort waren sie schon
+wieder von einem Wesen gefangen, das sich dem losen Medusenarm
+anpaßte, ihn zu seinem Rüssel Stachel Deckblatt Saftröhre
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Feine Algen durchwuchsen Nacktschnecken, es war keine Schnecke
+mehr: ein Algenbusch schaukelte über dem weichen Bett.
+</p>
+
+<p>
+Auf den rosig bestrahlten grönländischen Inseln hatte sich
+nach der großen Erderhebung alles verändert. Ihr Boden war
+gestaucht verworfen. Bloßgelegt waren Erdschichten und Gesteinsmassen
+einer uralten Erdzeit. Die Tiertrümmer Samen
+Pflanzen, Splitter einer jahrmillionenfernen Zeit waren wieder
+dem Licht preisgegeben, jetzt einem anderen Licht. Diese Sonne,
+die über Gebirge Ebenen Seen jetzt übertropische Wärme warf,
+war von wilderer Gewalt als der ferne alte Gasball. Unter dieser
+Sonne, die dicht über ihnen lag, erhob sich das Begrabene und
+Tote. Die Sonne riß es hoch. Wie die Maschinen, die die Islandfahrer
+auf den Brücken vorgeschoben hatten, die bröckligen
+Steinswesen bezauberten, Verbannten ähnlich, die man auf der
+Straße in ihrer Muttersprache anredet, einer Frau ähnlich, die
+verdorrt und eine Umarmung, ein sanftes Wort erfährt, oder
+wie Völker, die man unterjocht hat und die sich finden, – das
+Glück bringt sie zum Weinen, – so drang das heiße rosige Licht
+auf die Trümmer der alten Erde, umfloß umspülte bewältigte
+sie stürmisch. Schoß in ihr Herz.
+</p>
+
+<p>
+Es kam ein Schmachten Wüten in die Dinge, daß sie sich bogen
+und streckten. Langsam regten sich die Gesteine. Die Ebenen
+des Landes hoben sich, überall wuchsen die Lager aus, drängten
+hoch, schoben sich übereinander. Rascher waren die Moose
+Algen Farne Gräser Fische Schnecken Würmer Eidechsen
+großen Säuger. Keine neuen Keime flogen über die See
+<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
+herüber. Die zermürbten Trümmer der Kreidezeit, Knochen
+Pflanzensplitter fanden wieder Leben. Dies wütende Licht
+backte zu Leibern zusammen, was es fand. Die Knochenwirbel,
+die zertrümmerten Skelette tranken in dem Lehm die Gletschernässe,
+zogen sich aneinander. Aus dem Lehm strömten ihnen
+Stoffe zu, die sie zu ihren Leibern machten, die sie um sich
+legten; Erde, quellendes Wasser, Salze. Es wandelte sich in
+ihnen und an ihnen schon um zur Art ihrer Körper.
+</p>
+
+<p>
+Um alle Reste und Trümmer ballte sich die Erde zu Lebendigem,
+quoll auf. So wild war der Drang zu Leibern zu finden,
+zueinander zu fließen und sich zu bewegen, daß überall auf den
+Inseln das bloßliegende Land in ganzen Strichen barst, sich hier
+zusammenrollte zu einer wimmelnden Masse, dort wie vom
+Regen getroffen aufwucherte unter baumartigen Gebilden. Es
+waren keine Wesen, wie sie die Erde früher getragen hatte. Um
+bloßliegende Glieder, Köpfe Knochen Zähne Schwanzstücke
+Wirbel, um Farnblätter Stempelteile Wurzelstümpfe sammelten
+sich die Wasser Salze Erden; oft wuchs es sich zu Geschöpfen
+aus, die den alten dieser Erdzeit ähnelten, oft drehten
+sich sonderbare Wesen, sogen an der Erde, tanzten. Das waren
+Köpfe Schädel, deren Kiefer Beine geworden waren, der
+Rachen ein Darm, die Augenlöcher Münder. Rippen rollten
+sich als Würmer. Um eine Wirbelsäule strömte zusammen die
+lebendige Erde, befestigte sich. Es war, als wenn ein Adergeflecht
+nach allen Seiten ausschoß von den Knochenresten, als
+wären sie Kristalle Keimpunkte in der übersättigten Lösung.
+Und was um die Wirbelwesen lag, von den Adern berührt wurde,
+faßte es an, zog es zu sich her, ob es selbst Leib gewinnen wollte
+oder nicht. Die Würmer, die sich um die Rippen gebildet hatten,
+zog, wenn sie nicht flohen, das Wirbelwesen an seinen Mund,
+pflanzte sie sich neben seine Lippen ein; sie schluckten vorverdauten
+für ihn.
+</p>
+
+<p>
+Kuglige Wesen rollten von Hügeln ins Land. Sie hatten die
+Art von Lawinen. Um sie spielte das Geäder unersättlich; wie
+sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten,
+versenkten die Adern in das Ergriffene. Auf Hügeln blieben
+manche dieser sich blähenden Wesen hängen; wuchsen in die
+<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
+Hügel ein, um sie herum. Unter ihnen hatte ihr spürendes
+Geäder ganze Lager kleiner Wesen erfaßt, die sich im Schneckengehäuse,
+um Korallenstäbchen geballt hatten; mit denen panzerten
+sich die Kugelreste. Die Felsen wurden von der wuchernden
+Kraft der Samen zersprengt. Es gab Geschöpfe, die sich
+riesengroß schwerfällig fortbewegten, ganze Hügel in ihrem
+Leib. Bröckel ungeformter und sich selbständig bewegender Erde
+schleppten sie mit sich, sie träufelten es von sich ab, zogen eine
+Bahn Lebens. Niemand war bedacht auf Angriff und Verteidigung;
+sie schleppten sich auf, trieben aneinander, rieben
+sich, verschlackten sich, wurzelten zusammen, über- und untereinander.
+</p>
+
+<p>
+Die Trümmer der Gräser Laubbäume der Palmen Oleander
+Nadelhölzer wurden von dem Licht berührt. Sie zogen ihre
+Nachbarschaft an sich, die rollte auf sie zu, wie ein Blatt, das
+sich unter der Flamme kräuselt. Reste verdorrter und erstickter
+Lorbeerbäume lagen auf geöffneten Sandsteinplatten, zwischen
+dem Schutt der Felsen, die die Sonne zersprengt hatte. In ihre
+Blattrippen, zwischen ein Netzwerk der Nerven wurde die lebendige
+Erde gesogen. Von den Blattrippen, den Nerven ging
+die Lockung aus; zwischen Blattrippen und Nerven senkte sich,
+gerissen, die Erde ein, schichtete sich um Spalten, wurde durchädert,
+farbige Pflanze. Blätter erhoben sich von den Felsplatten
+wie Kuchen aus ihren Pfannen; breit und dick. Sich
+aufrichtend wuchsen sie zur Höhe von Büschen, immer im Wirbel
+von den Seiten den Erdstoff ansaugend, der wie schweres Öl
+floß. Prall standen die Blätter, die riesigen gemästeten Gebilde.
+Oft fingen sie an sich zu bewegen. Denn unter ihnen wuchsen
+gepanzerte Schildkröten, auf deren Rücken sie verankert waren.
+Und auf dem Rücken der Tiere wandelten sie ins Land.
+</p>
+
+<p>
+Und weithin die Landschaften der Schopfbäume mit dichtgedrängter
+Belaubung. Überall wuchsen sie auf den Spuren
+von Tieren, die die Samen der Bäume mit sich vergossen.
+Baumartige Gräser schossen hoch, in dichten Gebüschen, undurchdringliche
+Klumpen, Stamm auf Stamm aus einer
+Wurzel; die Spitzen der Gräser hingen bogenförmig über wie
+hohe Trauerweiden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
+Oft rissen sich Bäume und Tiere nicht ganz aus dem Boden,
+blieben drin stecken, waren ein Mittelding zwischen wuchernden
+Erdstoffen und lebendigen Wesen.
+</p>
+
+<p>
+Oft schleppten sie wie einen Eidotter Erdmasse mit sich fort,
+Beutel, ganze Säcke, an Strängen wie Nabelschnüre und fielen
+hin, andern zum Opfer, wenn der Dottersack leer war.
+</p>
+
+<p>
+Oft fuhren Gebüsche drohend wie Arme gegeneinander,
+schienen sich ersticken zu wollen. Dann brachen ihre Äste bei der
+Berührung; sie schmolzen zusammen; gemeinsam flutete ihre
+Nahrung in alle; ein großes Wesen erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Gingko Tulpenbäumen trieben Lianen auf.
+Sie nahmen sich keine Zeit zur Ausbildung von Blättern. Matt
+an die Bäume gelehnt, um sie herumklimmend wuchsen sie über
+die Stämme hinaus. Die fremden Blätter umwickelten sie mit
+ihren Windungen. Sie waren gefräßige und strenge Wesen.
+In die Bäume wuchsen sie heimlich ein; die waren ihr Mutterkuchen.
+Den Saft der Erde bekamen sie vorverdaut. Während
+die Bäume unter ihnen verdorrten, ließen sie ihre Blüten bunt
+wie Fahnen über sie hängen.
+</p>
+
+<p>
+Schweigsames Düster der Wälder. Säulen völlig grade astlos
+aufstrebender Stämme, ununterbrochenes Laubdach; Linien
+rosigen Lichts durchfallend. Korkzieherartig umwanden sie die
+Holzseile der Gastpflanzen. Von Stamm zu Stamm zogen sich
+die Drähte, über die tierische Geschöpfe krochen, von denen sie
+wie Fledermäuse herabhingen. Die Tiere rissen sich von den
+Bäumen und dem Boden los, schrien durch die Wälder.
+</p>
+
+<p>
+Platanen der heißen Ebenen, Mangroven Brotfruchtbäume.
+Die Riesenfarne, die wie unerschöpfliche Mütter und Väter dastanden
+und zeugten. Ihre Blätter strahlenförmig im Kreis wie
+Speichen eines Rades. Lebendig gebaren diese Pflanzen; der
+Keimling entwickelte sich schon an der Kehrseite der starken Blätter;
+seine Sprossen hingen in Fäden von den Blättern herab.
+</p>
+
+<p>
+Das unaufhörliche Niederpreschen der Stämme. Sie brachen
+oft ganz mit Belaubung und tierischer Last zusammen und quollen
+über den Boden. Zum Teil vermochten sie nicht zu fallen;
+Leichname standen rechts und links; kräftigere Wesen verschlangen
+sie. In der Dämmerung und Dunkelheit wuchsen
+<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
+neue auf, trugen ihre Schirme über die Wipfel und Baumkronen,
+breiteten neues raschelndes Blattwerk aus.
+</p>
+
+<p>
+Die Wälder, Tiere beschützend, schoben sich wie Schilde hoch.
+Unter der Glühhitze flammte die bunte Holzmasse oft auf. Sie
+krümmte sich brennend am Boden. Schlürfte und schlüpfte schon
+wieder auf, warf neue Dunkelheit unter sich.
+</p>
+
+<p>
+Verwüstend brachen durch die Wälder die Riesentiere. Die
+aus den Seen auftauchenden wandernden Gallerten, die sich an
+Küsten ansiedelten, Bäume und Wiesen verschlangen. Wäßrige
+Geschöpfe, die ganze Flußläufe überbrückten, den Fluß durch
+ihren Leib laufen ließen, sich zusammenkrampfend ihn absperrten
+und von sich spritzten. Teiche wurden aufgehoben und wanderten
+samt Reptilien und Pflanzen in ihnen; sie schaukelten im Wanst
+eines keuchenden schluckenden augenlosen Riesenwesens, das sich
+drehte tastete sich lang flaschenartig auszog nach dem Licht.
+</p>
+
+<p>
+Die grönländische Insel, von dem Rosenlicht begossen, in der
+tropischen Wärme, war kaum mehr Land, das dalag und Wesen
+erzeugte. Die Inseln glichen, wie sie zum Licht schäumten,
+einem langsam aufdrängenden halb erstarrten Meer, das bald
+grüne, bald purpurne Wellen übergipfelten. Durch die Wellen
+schoß manchmal eine Flamme; dann sank das Meer schwarz und
+qualmend ab. Die Flammenbrunst lief in irren Linien über die
+Inseln, übersprang die Meeresstraßen. Ganze kleine im Meere
+lagernde Landmassen hüllte sie ein; wie der Dampf verblasen
+war, wallte die Erde schon wieder bunt auf. Dieses Feuer war
+oft nicht von außen in die Berge Waldungen, herangetragen
+worden. Es brach, wenn das Wüten dieser lebendigen Wellen
+zu hoch gestiegen war, die Baumkronen himmelhoch über dem
+Boden aufgewuchert waren, aus den rastlosen Leibern selbst
+aus. Aus Ästen Knospen stachen züngelten die kleinen Flammen.
+Die Lianen reckten sich im Licht auf; aus ihren Stielen
+warfen sie keine schweren Blüten, sondern zischelnde Flammen,
+die den Leib der Pflanzen nicht angriffen, sondern von unten
+wurden die Flammen genährt, brausten weiter und länger
+aus. Bis ein furchtbarer Streit zwischen der Flamme und
+dem Pflanzenwesen Baumwesen entstand. Heftiger wütete
+der Baum, bissiger trieb die Flamme abwärts. Die Wut des
+<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
+Baumes speiste die Flamme. Weg mußte der Baum und die
+Pflanzen um ihn mit. Ihr Rasen nährte die Flamme. Die
+Bäume verkeuchten sich in Feuer. Wüteten Flammen in Flammen,
+verbrausten in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Eine Flucht kleiner Vögel und Insekten machte sich aus den
+Steinlagern, den uralten Kreidemassen auf. Die Papageien
+grellbunt und üppige Fasane flogen hin, schnappten schrieen.
+Kopffüßler Schwämme Schnecken erhoben sich neben ihnen
+aus der Erde, glitten in die Wasser, mischten sich mit anderen
+Wesen, die über sie kamen.
+</p>
+
+<p>
+Straßenlange Schlangenleiber ringelten Echsen über die Felsen,
+stürzten sich ins Wasser, die erst blassen, dann schwärzlichbraun
+anlaufenden Wesen, denen Stacheln aus den schmalen
+bezahnten Schädeln wuchsen und die unten im Wasser brünstig
+grunzend mit ihren breiten Schwimmschaufeln wateten. Wie
+diese Tiere das Wasser durchschwammen, kämpften sie mit
+anderen, mußten sich in dem Wust des aufkommenden, sie selbst
+durchrieselnden, über sie zusammenschlagenden Lebens behaupten.
+Von Felsenplatten, von der kochenden umdunstenden Erde
+lösten sich die abenteuerlichen Wesen ab, die sich zuerst nicht entschieden,
+ob sie mit dem Schwanz und den Füßen in der Erde
+wurzeln wollten, die dann ihre Glieder vom Boden wie von
+einem Teig abzogen und schon dumpf um sich blickten, die Bäume
+betrachteten, mit ihren Riesenkiefern in die weichen Stämme
+hieben. Schwer standen sie auf der wühlenden Erde, den muskulösen
+Schwanz angestemmt, mit den beiden Stirnhörnern
+Bäume rammend und fällend. Die Bäume nahmen sie wie
+Gräser in die Mäuler, zermahlten sie mit den Kronen Gastpflanzen
+und hängendem Getier.
+</p>
+
+<p>
+Langhalsige gebuckelte Ungeheuer zogen sich einzeln und in
+Gruppen durch die lärmerfüllten Täler, über das Flachland.
+Vor ihrem donnerartigen Gewieher erschraken sie selbst. Von
+einer Doppelreihe hoher Knochenplatten war ihr Rücken bestanden,
+ein Knochenkragen schützte den Hals, aber vorn bewegten
+sie menschenähnliche trübe gewaltige Häupter langsam
+hin und her. Wasser lief aus ihren Augen. In Wälder brachen
+sie ein. Aber sie zitterten, standen still, warfen sich um sich, als
+<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
+sie von fuchsartigen roten Tieren in Scharen überlaufen wurden,
+die sich in ihre Augenhöhlen Ohren zwischen ihren Zähnen festzusetzen
+suchten, die sie abschüttelten zertraten. Aber immer liefen
+die Füchse von rückwärts und über die Füße an, stürzten von den
+Bäumen herunter, in deren Seilgewirr die Ungeheuer sich verstrickten.
+Sie wieherten in Schmerzen. Ganze Haine verwüsteten
+sie, sich hinwälzend. In Flußläufen suchten sie sich zu
+kühlen. Da zerschellten viele. Aber die Erde blieb in einer einzigen
+Erregung. Und wie sie zerschellten, strömte und ballte sich
+schon das Leben wieder um ihre Glieder und trieb durch das Land.
+</p>
+
+<p>
+Von den Felsen der höchsten Berge stürzten sich Vogelwesen
+in die lebendige Brandung. Mit Hälsen wie Giraffen, die Flügel
+breit werfend, trugen sie auf ihren langen Krokodilsköpfen ganze
+Wiesen und Bäume mit sich. Maulwurfsartige Wesen, die
+zwischen ihren Flügelfedern nisteten, verließen sie auch im Fluge
+nicht. Diese zähnefletschenden Vogelechsen brauchten keine
+Hörner zum Rammen und Spießen. Die Hügelteile, die sie auf
+ihren Köpfen mit sich trugen, trieben Spitzen hervor, die die
+Härte der Steine hatten. Die großen Meuchler erschienen,
+diese schlagenden krallenden stürzenden Wesen über der Brandung
+Grönlands. Sie wüteten schlimmer als die Flammen,
+schlitzten die wandelnden Gallerten auf, zerquetschten sich senkend
+Tiermassen.
+</p>
+
+<p>
+Nach oben zuckte das Leben der Inseln. Nun begann es bedrängt
+überquellend nach außen zu fluten. Der Schwall der
+Vögel setzte sich in Bewegung. Die Lauftiere flüchteten vor den
+schwirrenden zerschmetternden Unwesen. Sie suchten das Wasser
+zu überschwimmen. Liefen über die Tangwiesen. Nach Süden
+Osten Westen quollen die Tiermassen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-9">
+<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
+<span class="line1">Achtes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Die Giganten</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
+<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> der Westküste Skandinaviens erschienen die Untiere gegen
+Ende des Jahres. Etwas später befuhren sie die britischen
+Gewässer, tauchten vor Jütland und der Bretagne auf. Die
+Stadtschaften, die noch in der Hand starker Senate waren, hatten
+beim Zurückfluten des großen Expeditionsgeschwaders die Grenzen
+gegen Norden und Westen gesperrt. Von dem Expeditionskorps
+lief nur ein versprengter, rasch gefangengesetzter Teil die
+europäische Küste nördlich Stavangers am Bukafjord an; die
+Hauptmasse stürzte nach Süden an den alten Sammelplatz der
+Färöer und Shetlands. Britische Kommissare hatten schon im
+Herbst durch Schottland eine Verteidigungslinie gegen das verdächtige
+Geschwader gezogen, von der Lorne zur Moraybucht
+südlich des Kaledonienkanals; Vorpostenschiffe deckten die Nordsee
+und den Zugang zur Irischen See. Von niemandem gehindert,
+von niemandem erwartet brachen die grönländischen
+Untiere ein, diese abenteuerlichen, den Menschen gräßlichen
+Wesen, Mißschöpfungen einer unmäßigen Kraft, die über Grönland
+aus dem schrecklichen Flammenschleier blies.
+</p>
+
+<p>
+Rudel der keuchenden blasenden Wesen ruderten flogen über
+den Ozean, straßenlange Reptilien, schwarzbäuchig, manche
+schillernd beschuppt, manche mit scheckiger Haut und breiten
+stumpfen Mäulern, manche wie Krokodile gepanzert. Dann
+Vogeltiere mit langen spitzen Zähnen, die in Doppelreihen
+standen. In Haufen zogen sie an, einzeln wie Festungen und
+Schiffe, eine Masse von Felsen Baumwaldungen Tieren mit
+sich schleppend. Sie schwärmten an, verhüllt unter den Waldungen
+auf ihren Rücken; mit den Füßen rissen sie sich die Moose
+und Schachtelhalme ab, die über ihre Augen wucherten. Bisweilen
+stürzten sich fliegende Echsen in die See, um die Flammen
+zu löschen, die an ihren Hälsen, auf ihren Rücken entstanden.
+<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
+Mit der Angst gejagter Wesen flohen sie. Zwischen ihren Zehen,
+auf ihren rollenden aderdurchzogenen Flughäuten wurden
+Schlachten zwischen den Geschöpfen geschlagen, die sie mitschleppten.
+Sie klammerten sich an die Krallen der Ungetüme
+an, hingen an deren geblähten Halswampen in Reihen Ketten
+Girlanden. Tauchten die Tiere in See, so wurde der größte
+Teil der Bevölkerung von ihnen abgeschwemmt, schwamm an
+der Oberfläche, suchte die großen Tiere wieder zu fassen, wenn
+sie hoch kamen. In die See tauchend spülten sich die wandernden
+Tierriesen die zerfallenden Leichen ab. Aber mit sich selbst, unter
+sich schleppten sie Leichen. Sie kämpften miteinander, sobald
+sie sich berührten, schlangen zerrissen sich. Und je mehr sie sich
+von Grönland entfernten, um so größer wurde ihre Not. Über
+See erschlugen sie sich; hungrig, aber oft konnten sie sich von den
+Besiegten nicht losreißen, die sich an ihren Rüsseln Borsten
+Hornplatten verklammert hielten. Mit der triefenden Masse
+wankten sie weiter, die Sprossen in sie hineintrieb. Und wie die
+Untiere die offenen, von dem rosenfarbigen grönländischen Licht
+nicht beschienene Meere befuhren, die Kälte über sie kam, wurden
+sie unsicher. Zuckten zwischen Meer und Himmel auf und ab,
+flüchteten vom Meer in die Wolken, die sie nicht wärmten. Sie
+konnten wenig sehen unter dem trüben Sonnenlicht. Verwirrt
+kehrten viele um. Aber die Geschwader der neu abfliegenden
+Tiere kamen über sie; diese Tiervölker zerrissen sie, schleppten
+sie nach Süden weiter. Unaufhörlich wie ein Blütenbaum seinen
+gelben Sonnenstaub warf Grönland seine lebendigen Massen
+von sich.
+</p>
+
+<p>
+Auf Skandinavien schmetterten sie nieder; dies war das erste
+Land, auf das sie stießen. Fjorde mit Granitklüften, wenige
+Wiesen, Schneeberge im Hintergrund. Hunger Beklemmung
+trieb die wandernden Untiere von Tag zu Tag stärker. Da
+prasselten sie über die Klippen, bedeckten kleine Menschensiedlungen.
+Im Sturz zerschellten viele, die sich über das Land
+warfen, als wären es Wellen. Die lebend herunterkamen,
+fingen an am Boden, an den Klippen zu beißen zu kauen zu
+schlingen. Zerrissen sich die Gaumen, ihre Zähne splitterten.
+Dröhnend drohend erhoben sie sich von ihren felsigen Opfern,
+<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
+schlugen mit den Klauen auf ihnen herum, schluckten mit blasenden
+Nüstern Steinbröckel Kiesel, griffen sich nach dem Rücken, stopften
+sich Farne, die sie abknickten, hinterher. Die Steine zerschrammten
+schlitzten ihnen den Darm. Speiend drehten sie sich im
+Kreise.
+</p>
+
+<p>
+Nach Bergen kam ein Rudel vogelartiger Echsen mit den
+Rückenhöckern von Dromedaren, langen Hälsen, zweifüßige beflügelte
+Unwesen, die ein helles Schreien bei ihrer Annäherung
+ausstießen, das sich wie Kichern anhörte. Sie zerdrückten eine
+Zahl von Straßen und Anlagen. Mit den Haustrümmern
+stopften sie sich Menschen in den Schlund. Brände brachen um
+sie in der Stadtschaft aus. Die Waldungen von Farnen Bärlappbäumen
+auf den Tierrücken wurden ab und zu von dem Feuer
+ergriffen. Zerstörend warfen sich die flammenden Tiere um,
+wälzten sich durch die Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Eine eigentümliche Art Fischwesen war gleichzeitig bei Bergen
+aus dem Meer aufgestiegen, Wesen von außerordentlicher Länge,
+die noch die der Echsen übertraf. Sie waren übermäßig wurmartig
+schmal gewachsen, hatten ein Wirbelskelett, das mit Schädel
+Rippen Wirbelkörper deutlich an dem fleischlosen Leib sichtbar
+war. Diese Tiere schienen sinnlos vor Hunger zu sein, waren
+halbblind. Wie Schlangen ringelten sie tonlos die Klippen vom
+Meer herauf; ihre Leiber nahmen kein Ende. Sie schnauften
+mühsam, paßten sich der Luft an. Aber eine ganze Zahl schnellte
+zu rasch aus dem Wasser hoch; ihre schmächtigen Leiber schwollen
+plötzlich an, zuckten hingen über den Klippen; die Därme quollen
+ihnen aus den Schnauzen. An ihnen schlangen die Vogelechsen.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen alle nicht weit. Flogen etwas, senkten sich wieder
+auf den Boden. Es schien, als ob der Rest ihrer Kraft sie bei der
+Berührung mit den kalten Steinmassen der Erde verließ. Keines
+der skandinavischen Tiere, obwohl von niemandem verfolgt,
+kam über den sechzigsten Breitengrad auf dem Landweg nach
+Süden. Sie fraßen Bäume Ackererde. Dann lagen sie lahm.
+Warfen sich, schnellten wie in einem Anlauf hoch, verkamen.
+Die Waldungen Gärten Vögel Weichtiere hatten sie schon verschlungen,
+oder sie waren verbrannt. In die Erde fraßen sich die
+grönländischen Untiere ein, wie sie starben. Wuchsen dann
+<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
+sonderbar in ihre Gräber. Wo sie reglos lagen, wucherte die
+Erde, die sie verschlungen hatten, in ihren Mäulern, zwischen
+ihren Vogelkiefern, in den Schlundröhren, Eingeweiden aus,
+durchdrangen die Weichteile in langen spitzen Kristallen, sogen
+die Weichteile nach. Und um die Leiber herum, in den Bodenhöhlungen
+zitterte die Erde, ließ feine Kristallbündel sprießen,
+so daß die Riesenleichen in zackigen Nestern lagen. Die Körper
+der Untiere selbst aber vom Boden verschlungen, waren nichts
+als eigentümliche Bodenerhebungen, die sich wie Tierrümpfe
+über den Berghängen, über Ackerflächen hinzogen, von blitzenden
+Steinen begleitet.
+</p>
+
+<p>
+Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen,
+sich nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen
+mit Armen, die sich untereinander zu starken Schwimmflossen
+verbanden. Auf das flache Land, über die sandigen Küsten
+wälzten sich in einem wilden Trieb, in zitternder Verwirrung die
+riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, unter dem grönländischen
+Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte der
+Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene
+Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten
+sich krampfhaft zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie
+spritzten Schleim um sich, sanken mehr in sich zusammen. Über
+Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in sich. Aber dies Wasser
+war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie gediehen
+waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr,
+spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an
+den Wegen, würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke
+konnten sie nicht zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen.
+Über die Landschaften sanken die schattenhaften
+Wesen hin. Bräunlich und violett tröpfelte Blut von ihnen;
+sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die jütischen Ebenen.
+</p>
+
+<p>
+Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem
+dampfenden blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte
+sich im Augenblick. Schafherden leckten übergischt an dem Blut.
+Die Zunge quoll ihnen über die Zähne weg, fiel auf das Gras,
+sich verbreiternd verdeckend. Die Tiere standen da, zerrten an
+den fürchterlichen Organen, an denen sie sofort erstickten. Andere
+<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
+zogen glitzernd blökend an den roten Fleischmassen, die ihnen
+unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich schwoll ihnen
+auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die
+dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in
+Umfang und Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen,
+die zu schwach für die Last waren. Die Schafe wurden auf den
+Boden hingezogen, zappelten mit dem kleinen Anhang ihrer
+Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die gierig an dem
+Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen
+Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt
+wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben
+der Menschen. Siedler und Einwohner der Stadtschaft
+wurden betroffen. In die Häuser hinein wurden im Bogen das
+Blut und der Schleim der verendenden Urtiere gesprenkelt.
+Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden,
+verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe
+erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen,
+denen eine Hand bespritzt war, von den schweren wuchernden
+Fleischmassen aufgesogen; die Hand die Finger füllten den
+ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften Arme Beine der
+Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen
+lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein
+Apfel, ein Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan,
+dessen Haare wie Spieße aufrecht standen, die an den
+starren Wänden geknickt wurden. Die tolle Szene in der kleinen
+Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn gefaßt hatte, um
+ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden Vogels,
+seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von
+den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von
+der Last hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die
+Arme der schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen.
+Das Tier lag auf dem Weib, wuchs auf ihm, über
+Menschengröße. Der Kopf und die Füße wuchsen. Der Rumpf
+aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn die Füße
+waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die
+Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein.
+War längst tot, ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter
+<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
+dem Brustausschnitt verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel;
+der Kalk der Knochen wurde aufgesogen. Nach langen Stunden
+erlosch an dem Vogel das schreckliche Wachstum. Das Tier war
+selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. Man sah
+Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer
+Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie.
+Es waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen.
+</p>
+
+<p>
+An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden
+Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen
+des Senats nutzten nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der
+Stadtschaft aus. Durch die brennenden Würfe, die Strahlen
+wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile aber, Flüssigkeit spritzend,
+schleppten sich verendend und andere aufsprießende Wesen mit
+sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die grausigsten
+Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren
+Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von
+Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von
+Männern und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in
+eine Siedlung vor der Stadt fallend sammelten um sich Haufen
+toten Materials, Eggen Wagen Pflüge Bretter. In die wandernde
+sprießende dampfende Masse gerieten Kartoffelfelder,
+laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen auf,
+quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine
+Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen
+aus der sich rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe
+Blätter hervor. Die Arme Beine, die sich aus dem flirrenden
+dunklen Gewebe vorstreckten, waren aus Fleisch und Knochen,
+oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die sich zu Blattfächern
+ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die
+Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden
+Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare
+verfilzt. Über den Tälern und Erhebungen der wallenden Masse
+rasten Gespanne, Pferde mit Wagen, abspringende Menschen.
+Sie liefen rissen sich los, bis sie einsanken festklebten, die Pferde
+an den Wagen, Menschen treibend daneben. Die Pferde wurden
+durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen hochwachsend,
+scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt aufgerichtet.
+<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
+Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen blutüberlaufenen
+Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den
+Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die
+Halme Stauden, die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus
+den Rippen quollen ihnen die Wagenbalken. Der Kutscher
+wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden Stämmen getragen,
+mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das Urgeschöpf
+trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in
+seine Decke ein.
+</p>
+
+<p>
+Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere,
+die noch kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die
+Flammenmassen, die ihnen über den Jadebusen entgegengeworfen
+wurden. Das war ein vulkanisches Brausen, als die
+breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus ihnen
+selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu
+dämpfen schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen
+am Land und kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen.
+Sie tobten schleppten sich Meilen landeinwärts. Dann stießen
+aus den schwarzen plumpen vergeblich sich mühenden Leibern,
+aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des Leibes
+grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft
+der Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden
+Körpern, die sich wanden, machten sich Teile los. Unter
+den Flammen sprangen und spritzten von den Rümpfen ab die
+Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die Flügel zerbrachen.
+Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins Land, die
+Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen.
+Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen,
+schwoll, als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen
+hoch. Die Bäume zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten
+vorwärts, wackelnd, sich drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen
+nahe Bäume in sich ein, rissen sie mit. Die Bäume schnaubten
+aus vielen Poren. Verlangsamten ihren Gang, standen gelähmt,
+schaukelten schwach ihre Kronen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter
+durch. Eine panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die
+Ostsee war von Schiffen überladen. In wenigen östlichen
+Stadtzentralen verloren auch die Senate die Führung. Die
+Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich stark.
+Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben
+gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften
+zitterte unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt
+waren große Teile der Bevölkerung, auch der Führer.
+Und neben der Angst wütete unter den Menschen ein unbestimmtes
+finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch die
+Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die
+sie erlebten.
+</p>
+
+<p>
+In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt
+in Händen. Mit sechs anderen Männern und Frauen teilten sie
+sich in eine Diktatur. Von Brüssel rief Ten Keir, der kleine
+belgische Führer, sie herüber. Nichts wankte in den belgischen
+Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der Urtiere ließ
+nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden waren
+in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen
+zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der Grönlandexpedition
+getrieben hatten, und auf die englischen Führer.
+</p>
+
+<p>
+In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir
+glühend den schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf
+ihn loszulassen, schrie höhnisch, wie der nur die Tür öffnete:
+„Sieg! Sieg! Grönland ist enteist! Wir sind befreit! Wir
+laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ schrie Delvil entgegen,
+„wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie sieht dein
+Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du
+bist nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem
+großen Sieg.“ Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig
+setzte er sich auf einen Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt.
+Du siehst, ich bin über den Kanal geflogen. Ich habe die
+Bestien geifern sehen. Habe auf sie gespuckt.“ „Glückwunsch,
+o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk gesehen? Kortryk
+im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen verwest
+<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
+es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen.
+Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil.
+Ein Mensch. Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin
+kein Mensch? Die Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann
+ich sie nicht besiegen. Im Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf
+vorbereitet. Warte einen Tag, fünf Tage.“ „Das glaubst du,
+Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es sind Tiere. Es sind
+Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere Dinge an die
+Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil
+stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch.
+Du wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her,
+mit Pember, um dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du
+bist. Gibst du es auf, so sag es mir. Ich muß wissen, woran ich
+bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine Fragen stellen zu lassen.
+Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind und unsere Stadt
+schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran schuld ist.“
+„Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich habe
+die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug
+der Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere
+Rettung vor dem Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem
+Untergang. Ich habe es nicht gewollt. Aber es ist recht. Wir
+wissen, woran wir sind.“
+</p>
+
+<p>
+Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“
+„Sprich lieber nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht.
+Vielleicht bewegen sich die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“
+„Sag ja oder sag nein. Ich bin fünfzig Jahr alt.
+Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du hast es
+mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich
+bin ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“
+„Ich auch nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“
+„Das ist deine Hand. Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt
+wie ich werden. Laß sie mir. Laß nur. Du fühlst es schon.
+Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen können wie ich,
+vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der Nacht.
+Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du
+wirst dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können,
+Städte verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen,
+<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
+daß die Siedler uns auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche
+mich aber nicht lange.“ Delvil zog seine Hand zurück, schüttelte
+sie als wenn sie zu schwer wäre, blickte Ten Keir an, wich gegen
+die Wand, wo das Lichtauge blickte.
+</p>
+
+<p>
+„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast
+meine Hand berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die
+Bestien und wir. Die Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht:
+und sie werden nicht sein.“ Die Fäuste hob Delvil über seinen
+Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen
+sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da.
+Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, weil ich es
+will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke mich.
+Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß
+ihnen eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen.
+Gönn ihnen das. Sie sollen sich diese Welt noch anschauen.
+Unsere Welt. Dann ist es aus für sie. Aus! Delvil sagt es.
+Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. Glatt. Blank. Spiegelblank.
+Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir in dem
+Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns:
+„Ich will es glauben.“
+</p>
+
+<p>
+Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten.
+Der kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal
+zurück. In die Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte
+gesehen, daß die weiche Erde, die offene Luft gefährlich waren;
+auf die schweren Betonplatten, Höhlen in sehr massiven Felsgründen
+erstreckte sich die Wirkung der Bestien nicht. In das
+Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. Delvil sah
+sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von
+Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft
+mit schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ
+er in die chaotische Menge schleudern. Seine Megaphone schrien
+über sie: Er sei der Drache, der Drache käme. Und schon war
+der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus den Mäulern der
+Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie wurden
+angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden.
+Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die
+Städter sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland
+<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
+erreicht, wo sei der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen,
+schlimmer als die im Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf
+die Städte zurück: kein neues Land, aber sogar das alte werde
+vernichtet. Die Wut Delvils schwang Peitschen über sie. Sie
+hatten vor den Drachen und Delvil zu flüchten. Er verband sich
+eine Schar von Männern und Frauen, die er fanatisiert hatte
+und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ nannten
+sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die Menschen
+in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden
+überall zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen
+die Menschen hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in
+allen Städten hinter sich, sobald sie abzogen.
+</p>
+
+<p>
+In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen
+sie ein mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben:
+„Die Bestien, die scheusäligen Lurche und Drachen sind
+ein Unglück. Wir haben sie nicht gerufen. Man hat uns gezwungen
+nach Grönland zu gehen. Wir wußten keinen Ausweg.
+Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir
+waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere,
+verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft
+haben. Rache an den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser
+Land!“ Und mit Lachen, mit schwingendem seligen Zwerchfell
+sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, die großartigen Lehrer
+neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es gab noch wirkliche
+Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab
+Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um
+sich das Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das
+Leben schwer gemacht habe. Man möge den Ausgang der
+Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei glücklich ausgefallen.
+Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit neu zu befestigen
+und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie
+Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen
+gegen die Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß
+aufgerührt. Alle Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen
+der Mißgeschöpfe nutzte nichts; ihre Teile übten mehr
+Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer diese Wesen anfassen
+<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
+und hinmachen könnte. Es war eine heftige und unerträgliche
+Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie wie
+ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und
+keine Rettung wußten.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus
+Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien
+gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter,
+fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes
+schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut
+angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte
+er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch
+den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen,
+besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße
+eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken
+im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken
+nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte:
+so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen
+liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander.
+Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er
+sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren,
+hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen
+Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm,
+eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem
+Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in
+sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die
+Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes
+Wesen, dicht an seiner Schulter. Und plötzlich stürzte er
+ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer Mekifabrik
+war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden
+worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert.
+Wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter
+entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes
+zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war. Der Mann
+war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig
+weich; ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der
+parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn
+zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb
+<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
+bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes
+Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher
+blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen.
+Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er
+trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder
+eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzählte
+er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter
+einer Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen
+wären, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das
+Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in
+den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es
+jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er
+es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende
+Mann meinte, ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr
+essen, es hätte keinen Sinn. Man müsse ihm das geben, was
+die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer wieder
+drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität
+und vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht
+ändern. Als der Mensch immer trieb und bat, man möchte
+ihn nach Grönland bringen, an das rosa Licht, von dem die
+Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach den Schleiern
+zu forschen, die die westlichen Senate für sich von Grönland
+geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie
+waren in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste
+und in walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte
+sich um sie. Von zwei abenteuerlustigen Männern begleitet
+flog der Skandinavier über die Nordsee. An den flämischen
+Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. Fast wonnig
+atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als
+man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte
+in der Nähe des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte,
+veränderte sich sein Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten.
+In Eile schoben ihn die beiden Männer mit einem Speisevorrat
+an den Eingang des Tunnels, dem sie sich nicht zu nahen
+wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden Lurchen nach Osten.
+</p>
+
+<p>
+Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser
+Skandinavier geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren
+<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
+Kellern gelockt, begleitete ihn. Er predigte von dem Wunder
+der Turmalinnetze. In ihnen stecke die Seele des Lebendigen.
+Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, schwankte
+aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher
+schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter
+fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond,
+übermäßig lang, auf die Schultern heruntergewachsen. Ten
+Keir hörte im Keller des Rathauses von Brüssel nur kurze Zeit
+den sonderbaren phantasierenden einarmigen Skandinavier an,
+ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im Augenblick
+die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob
+man gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am
+selben Tage war sein Bericht in Delvils Händen.
+</p>
+
+<p>
+Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt
+saß der in London. Am Abend dieses Tages waren die
+beiden Männer einig, daß die Gewölbe der Turmaline besonders
+zu schützen seien; niemand war an sie heranzulassen,
+es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften
+der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den
+Skandinavier ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren.
+Die schon auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung
+des Mannes, den die Lurche fast getötet hatten,
+ließ er als Phantastereien zerstreuen. Eine Kommission von
+Physikern und Biologen prüfte die walisischen Netze. Delvil
+gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn fest: in diesen
+Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien Widerstand
+leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war innerlich
+verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, die
+phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte
+und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht
+dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das
+der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies
+zu erdulden. Es steckte eine Rache der Erde dahinter, die ihr
+aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die Berge in Island
+dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und
+Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte
+man sie behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ,
+<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
+aber die Luft riß man unter ihnen weg – was nutzte das große
+starke Flugzeug; und wie die Schiffe, die mit einmal nicht
+mehr fahren konnten, weil kein Meer da war. Das waren Erlebnisse
+für Schiffe und Flieger.
+</p>
+
+<p>
+In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der
+Turmaline bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden
+Familien angehörig, ließ er unter Todesdrohung an die gefahrvolle
+Arbeit treiben; alle Gewalt war bei ihm. Den
+Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem
+Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen
+waren, sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen
+des Unglücks. Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit
+magerem Gesicht, forderte sie täglich vor sich. Sie berichteten.
+Von seinem Haß auf die Urtiere war in allen; aber sie grollten
+ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie täglich rufen ließ, daß
+er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon etwas gefunden
+hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen könnten.
+Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der Notwendigkeit,
+die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen.
+Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung
+aus war. Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin
+an den Bergen getan hatte: sie erschüttern, anschwellen machen,
+bis sie platzten. So Grönland von der Wurzel bis zur Spitze,
+kreuz und quer aufreißen. Einmal hatte ein persischer König
+das Meer peitschen lassen, weil es seine Brücke zerbrach: wie
+gut er den König verstand.
+</p>
+
+<p>
+In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen
+die Bestien von Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen.
+Unter der Erde arbeitete in London Delvil mit seinen Gehilfen.
+Sie brauchten Tiere und Menschen zu ihren Versuchen.
+Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden die
+Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen
+Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die
+Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie
+sollen kommen. Je mehr, desto besser. Sie sollen es fühlen.“
+</p>
+
+<p>
+Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn
+zwischen den Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich
+<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
+schäme mich nicht mehr. Die Krise geht vorüber. Gott, was
+war das für eine Zeit. Ich habe nicht gelebt, Ten Keir. Sieh
+mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in zwei Monaten.
+Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als
+ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen
+Brüder werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen
+durch die straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse
+dir nichts. Weißt du, Ten Keir, wie du mich behandelt
+hast, als ich einmal bei dir war, vor der Grönlandexpedition?
+Nein, es war gut. Du hast mich gut behandelt. Ich hatte ja
+noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich zurecht gestaucht.
+Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war
+im Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter
+die Hunde zu begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche
+und Echsen. Ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Du auch
+nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. Wir wollen Brüder sein.
+Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür aufbewahrt bin.
+Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will noch
+mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“
+„Wer denn, Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“
+„Nein, nicht gut. Das sagst du, nicht ich. Was mir geschehen
+ist –“ Delvils Augen blickten starr; Ten Keir erinnerte sich
+seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, auf dem Schemel
+saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem
+Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht
+mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten
+Keirs Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil
+hatte selbst etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren
+an sich. Wie sein Gesicht sich wirklich verändert hatte, seit er
+ihn gesehen hatte; die Züge schwer beweglich, tief eingetragen,
+die Haut von der Aschfarbe des Betons, zwischen dem er lebte,
+die Bewegungen langsam und drängend, kein Zucken; seine
+Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug
+sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen,
+was die Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen,
+wo sie entstehen. Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht
+leben. Der Boden, der sie geboren hat, wird nicht leben.“ Ten
+<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
+Keir suchte ihm in die Augen zu blicken. Delvil ging weiter:
+„Wir werden sehen. Unsere Arme werden wieder frei, Bruder
+Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er merkte
+nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere
+nachließ, war den Helfern Delvils das erste gelungen. Vor
+die Südspitze von Skandinavien, Jütland, über die Nordsee,
+auf die schottischen Berge südlich des Moray Firth legte man
+die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste Schrecklichste,
+was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im Ozean
+auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem
+tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay
+Meaghaidh, hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es
+schlanke Felsen mit unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer
+sie lange Zeit beobachtete, bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten,
+hier breiter wurden als da, dort einen Auswuchs
+höher trugen als vorher, unten einsanken, in die Höhe sich streckten.
+Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr,
+Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die
+Lichtstrahlen zurück, glänzten wie Fell.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen
+Berge hatte man diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier.
+Man hatte Steine und Stämme zusammengehäuft
+und sich vermählen lassen. Wie sie unter dem Feuer
+der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie erloschen,
+schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber
+Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt
+Menschen ein. Die Biologen und Physiker der Mekifabriken
+waren mit den Techniken am lebenden Organismus vertraut;
+sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen der Schleier stellten
+unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe für die lebende
+Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem
+einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war,
+die die Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ,
+strömte massiv und wie ein Katarakt aus den Gefäßen der
+<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
+Turmalinkristalle und ohne Ende. Man hatte rein in Händen
+dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende Urwesen.
+Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch
+Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und
+Bäumen verwandt hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser
+Gewalt wurde bei den Versuchen klar: sie zersprengte jeden
+Zusammenhang, trieb Teile hervor, unter Vernichtung des
+Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig gegen
+Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-,
+dann in Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen
+und Strangsysteme zu richten, die den Organismus von sich
+aus zum Wachsen bringen. Die Jugend der Organismen
+wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. Dann
+hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt.
+Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten
+einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst.
+Delvil hatte sich angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In
+den Scharen, die mit ihm auf die Vernichtungszüge gegen die
+britischen Siedler gezogen waren, fanden sich dann genug, die
+sich hergaben.
+</p>
+
+<p>
+Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet;
+Türme aus lebenden Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen
+Menschen da auf Gerüsten Galerien Plattformen um die
+Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, dämpften
+mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem
+Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker
+blickten auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete
+und wanderte. Er hatte den Skandinavier, der den Urtieren
+entronnen war, gefragt, ob er von den Gewölben an
+der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, der
+verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt
+worden, in die unterste Masse der Steine und Balken
+eingebacken worden: „Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den
+Mann Delvil an, wie man ihn aufs Gerüst brachte; „du hast
+schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es wird dich nicht
+überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du wirst
+einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier
+<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
+heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf
+den rechts und links Moos Erde Bretter geworfen wurde.
+„Das geschieht, unser Freund, damit die anderen, die oben
+sind, unsere Männer und Frauen, euch verzehren. Willst du
+schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber strahlend frisch
+wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so preise ich
+die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise
+die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze
+zwischen ihr und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich
+auflösen. Laß nur. Ich will dahin.“ Und wie man ihn faßte,
+nackt, die Riesenzange aus Kristall ihn unter dem Rippenbogen
+packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd und lallend
+sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine herabhängenden
+Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung
+gefaßt, wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er
+stand, fiel auf die Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln,
+vom Boden losmachen; aber aus seinem Rücken stachelten die
+Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte sich sein Brustkorb. In
+die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste treibend,
+schlossen ihn in ihren Filz ein.
+</p>
+
+<p>
+Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der
+Turm mit den ausgewählten Menschen, den Anhängern der
+Senate, beschickt. Wochenlang dauerte ihr Einpflanzen, das
+Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf den erlöschenden
+Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch armselig
+kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden
+begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms
+senkten sich langsam und immer wieder von den Leitern
+gehemmt in die Beine und Arme der Menschenkörper. Je mehr
+Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an den Körper
+legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man
+die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit
+ihnen: Die Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend,
+dem Wachsen der Zunge entsprechend. Man mußte warten,
+bis sich der Körper der Schädel die Kiefer angepaßt hatten.
+Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder der Opfer;
+bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch
+<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
+fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen
+und rissen sie sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei
+fern unklar verschollen. Die Errichter der lebenden Türme
+mußten alles daran setzen, die Opfer bei Bewußtsein zu erhalten.
+Das knochentreibende gehirnweitende Wachstum, wenn
+auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete
+immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren
+oft im Begriff, ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben
+und ins bloße Wuchern und Wachsen einzudämmern. Bis man
+wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, deren quellende Lider
+zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende Blicke nach den
+Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments
+standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen,
+weil die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände
+nicht unterschieden.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig
+blies der Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten,
+als wenn sie schrien. Die Kiefer waren ihnen im Anfang
+zu schwer und hingen. Wenig und selten wurde Nahrung in
+ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und gestürzt;
+die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten
+in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den
+Hüftgelenken, dem Becken an knollig versteift; breit standen
+die Beine, verbreiterten sich massig nach abwärts, gingen in
+Stränge aufgelöst, ihren Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse
+über. Von da strömten Säfte und Nährmassen in ihren
+Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die Weichen wucherten Baumstämme
+und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in dem Gekröse
+aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. Tierblut,
+Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam
+hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies
+war die Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme
+sah: das langsame Hin und Her der Därme, die sich versteiften
+hoben und ihren Krampf lösend wieder herunterstiegen. Mit
+sich zogen sie jedesmal den schwankenden lockeren Abhang an
+sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus dem
+Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die
+<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
+aufrecht standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen
+vergraben, mit ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und
+bewußtlos an den Blättern, dem weichen Baumholz kauend.
+Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des Menschenriesen zu
+springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in die
+Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen
+sie nach hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für
+sich; ihre Hüften und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie
+waren im Bauch der Turmmenschen verschwunden und mit
+ihm verbacken. Sie waren mahlende Rinder und ein Mund,
+den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus der er sog.
+Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und
+Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie
+wie Beeren trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle
+der Säfte sich biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen.
+Immer wieder dämpften die Leiter die gefährlichen
+traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die nackte Haut
+der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne.
+Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man
+wagte es an einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige
+Löwen, die an der afrikanischen Nordküste gefangen waren,
+aus Käfigen lebend auf die Schultern des Turmmenschen springen
+zu lassen. Sie bissen sich, krallten sich, während der Riese –
+es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der Siedlerin White
+Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort,
+den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie
+zogen die Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die
+Tatzen ließen sie los; aber schlaff hingen die gelben Körper
+über dem rotüberrieselten Nacken; ihr Fell schmiegte sich an
+den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf der Menschenhaut.
+Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des Turmwesens,
+von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe
+fast stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie.
+Unendlich träge ihre Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen
+des Mundes der Nase der Ohren, aber verstrichen wie
+mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der Steine und
+Pflanzen wallte auch in ihnen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
+Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen
+hatte, auf den Schiffen, die eigentlich verankerte
+Flöße waren, noch nötig, das Meerwasser durch die untersten
+Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, von Zeit zu Zeit
+neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu
+schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem
+Wind, dem Regen, der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen
+auf den Bergspitzen Schottlands speiste man mit Quellen.
+</p>
+
+<p>
+Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus
+von den Untieren vernichtet. Die Gründung der Seetürme
+nahm man dann an versteckten Stellen der Irischen See vor.
+Fast hundert stellte man her, dann noch zweihundert. Die
+schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In ihrem
+Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme.
+Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom
+Sognefjord nach Süden um die jütische Küste über die Nordsee
+zu den Britischen Inseln gezogen. Im Ozean, auf den Gebirgen
+standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen schlaff
+herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie lose
+weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des Turmalinschleiers.
+Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den
+bezahnten Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden
+Gallerten sich ihnen näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen
+gelockt. Wonne ging von dem Schleier aus. Was im
+Umkreis an gejagtem und verendendem grönländischen Getier
+sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das Floß, schob
+sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des Menschenturms.
+Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des menschlichen
+Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die
+Stirnen legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die
+Arme die Lurche Vögel Quallen Gallerten fassen. Hungrig
+war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte es. Quetschte
+mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul
+sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier
+zergriffen zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem
+Sud, stopften triefende Stücke in den Abgrund des Rachens,
+der dampfte. Und die Lippen Wangen Halswampen zitterten
+<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
+dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es lachen. Seine
+Augen schloß und öffnete es rasch einigemal.
+</p>
+
+<p>
+Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen
+Drachen unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte
+stiegen in ihm auf; er zwinkerte, das Wasser troff aus seinem
+Mund. Traurig dumpf brüllte das Wesen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ehr</span> eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den
+Stadtschaften die Menschen zusammen. Die Senate, schon
+während der Grönlandexpedition sehr auf der Hut und fast
+Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge mehr um die
+Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie
+waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der
+Städte, um die Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die
+Menschen über sie fallen würden, kannten die Senate nicht
+mehr. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet, die Maschinen
+konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, die Bedienung
+der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler
+Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres
+Kreises; sie konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern
+lassen. Und nun ragten die Menschentürme!
+</p>
+
+<p>
+Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene
+Delvil. In London Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania
+Kopenhagen standen die Senate: „Laßt sie verkommen, die
+Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die Ereignisse vor
+der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an
+einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden
+nieder. Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die
+Worte, die sie gebrauchten, waren die alten: „Errettung der
+Stadtschaften“, aber sie waren jetzt nicht mehr passiv für ihre
+eigene Sache wie vor der Expedition. Escoyez in Barcelona
+sagte: „Autonom sind wir. Niemandes Diener. Niemandes
+Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. Wer
+nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben
+die Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden.
+Niemand wird uns bewegen, anderen Zwecken zu dienen als
+<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
+unseren. Verrucht ist, wer etwas anderes mit uns vorhat.“
+Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen Mitglieder
+der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der
+Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte,
+das Verjagen und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im
+kleinen überall geübt. Die einzelnen Männer und Frauen in
+den Senaten waren von großer Wildheit Raschheit. Es gab
+Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine kleine
+Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand
+gedrückt wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der
+Ausbreitung der Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue
+revolutionäre Schicht der Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der
+westlichen Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich
+die ganze und alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem
+die Fliehenden die einfachen Wohnsitze vorläufig unter den
+Boden verlegt hatten, legten die Herren, stolz und freudig,
+Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die Mekifabriken
+waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet
+worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die
+Erde zu werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah;
+man konnte zeigen, was man war.
+</p>
+
+<p>
+In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den
+verderbenden Untieren und getreten von den stolzen Männern
+und Männinnen. Wie ein Baum, ein Wald mit den Wurzeln
+nach oben wuchsen die Städte in die Tiefe. Meterdicke Beton-
+und Felsplatten bedeckten die Stellen der früheren Plätze und
+Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken vor Jahrhunderten
+aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen,
+sie ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen
+zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange
+hingen die Menschen an den Apparaten. Jetzt gab man noch
+den Platz der Stadtschaften frei. Wohnte, wie man konnte,
+nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem Boden richtet.
+Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von dem,
+was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde
+<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
+ein wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich
+tiefer und tiefer ein.
+</p>
+
+<p>
+Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war,
+getrieben von den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem
+Kanal gelegene Teil Londons, die Gegenden Colchester
+Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings Ramsgate
+Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele
+Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern
+bewegten sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten
+ließ man frei liegen unter dem Licht; Moos und
+grüne Flechten überzogen sie. In den Platten waren verdeckte
+Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der Rohstoffe.
+Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man Schächte
+wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von
+vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich
+in der Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium
+durchsetzte man; tiefliegendes Grundwasser drängte man ab,
+in die Lagen undurchlässigen Tons schnitt man sich ein. Ruhig
+gewaltig dehnten sich abgrundtief unter der Erde die neuen
+Städte mit den Menschen, das Lebendige von London Oxford
+Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford
+Aldershot. In den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres
+ließen sie sich herunter, zwischen Mergel und Kalke, rumorend
+zwischen den stummen Resten der dünnschaligen Muscheln einer
+vergangenen Erdperiode, den Trümmern jahrtausendalter
+Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal
+mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf
+Generation, gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken
+Ruderfüßen, die sie beim Schwimmen durch das schäumende
+Wasser wie Flügel auf und ab bewegten.
+</p>
+
+<p>
+Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen
+waren, immer größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten
+Felsen zwischen den oberirdischen Häuserreihen zu
+Schutthalden aufgestapelt, hatte niemand mehr ein Furchtgefühl.
+Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie waren auf einer
+neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der
+Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des
+<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
+menschlichen Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten,
+erlebten sie jetzt selbst.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften
+Europas ihre ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete,
+von Rachegefühl befeuerte Vorgehen der Westlichen
+faszinierte die anwohnenden Menschenmassen. Man hatte nicht
+mehr daran gedacht, Rücksicht auf die Siedler zu nehmen;
+keine Wirkung hatte man mit der großen Polarexpedition erzielt.
+Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, verführte man
+sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht
+vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava,
+die der grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich
+wallten Massen von Süden und Osten an die Küsten, Haß,
+heiße Freude über das Verderben der stolzen Stadtschaften in
+ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber zuletzt wurden
+sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor die sie
+kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt.
+Die schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen
+Reste der Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern
+Menschen, die verfaulenden Stadtteile, ein einsinkender Morast
+von Verwesung, der seine grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen
+und schwefeldunstenden Wust durch leere Straßen
+rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen kilometerlangen haushohen
+Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, ihre Lachen
+vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, geschwollene
+starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen
+das Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die
+von Süden heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie
+sie sich näherten, wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten.
+Die Urtiere, über den Stadtlandschaften der Nordseeküste, der
+Ostsee, des westlichen Frankreichs und Deutschlands liegend
+und zerfallend, hatten über die Häuser Anlagen Plätze den
+grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes getragen. Sie
+hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und auseinanderrollend,
+Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen;
+ein neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran,
+Waldtiere rückten gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen
+<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
+trieb über die deutsche Tiefebene hin; durch Süddeutschland
+bewegten sie sich, die starkbewehrte Mark berührten sie
+und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten waren
+unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten
+sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die
+Schächte ein.
+</p>
+
+<p>
+Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben
+die großen Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten
+in die Erde geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten.
+Zuletzt kamen die Menschenmassen, die sich eine Weile
+in vorläufigen Betonhöhlen versteckt hatten oder nach Osten
+geflohen waren.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten
+warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag
+und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume
+wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen Hagel Regen
+Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten sperrten
+die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück.
+In den Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die
+Häuser Fabriken Plätze Alleen. Die Schächte und Höhlen
+waren in die Erde gebrannt. Den Sauerstoff der Luft stellten
+sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese Gänge und Schluchten,
+die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der Themse
+zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch
+die Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über
+ihn. In großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt
+in dem Bett, das man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ
+man ihn anschwellen; er stürzte eine Betonwand herunter in
+ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- und Kalkmassen
+sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine schäumenden,
+immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen
+im Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und
+Schotter erschöpften.
+</p>
+
+<p>
+Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner
+ließen es herabsteigen. Da stand der glühende Gasball,
+die Sonne, in abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße
+Flammenmeer, das mit dem Eis des Äthers kämpfte; die
+<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
+Menschen auf der britischen Insel fingen sein Licht zum Hohn
+in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die lachenden
+herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos
+wie Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden
+farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe.
+</p>
+
+<p>
+In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der
+Südküste im Gebiet der South Downs, öffnete man weite
+Hallen für Vergnügungen. In diesen Steinhöhlen wuchs die
+Messingstadt, so genannt nach dem Behang der Häuser Theater.
+Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit Riesenscheinwerfern
+erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene
+Polizei wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier
+Tag um Tag verübt wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen.
+Berüchtigt war besonders bei den Siedlern dieser Ort, der die
+Menschen verführte. Aber auch die Senate, so gleichgültig
+ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich veranlaßt, von ihren
+Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, weil hier
+das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die
+in die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten
+Hitzigkeit. Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit
+und Spannung der Senate schien auch auf sie geflossen zu sein.
+Die fremden begierigen Haufen vermehrten die Erregung. In
+den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen Männer
+und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die
+Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen
+nicht; Kampf war eine Steigerung. Die Männer des Senats
+mußten eingreifen; mit kleinen elektrisch geladenen Stäbchen
+schlugen sie im Gedränge auf die Hände Stirnen Ohren der
+Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit ihren Silberreifen
+Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust
+schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze,
+nicht länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes
+Röhrchen, eine Kanüle. Die stießen sie während des
+Ringens dem Gegner in eine beliebige Stelle seines Leibes,
+Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem Tropfen, den die
+Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch zurück, so
+töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der
+<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a>
+Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch
+seiner Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene
+Brust wurde kurzatmig. Die Polizisten waren mehr
+gefürchtet als die Senatoren, die nur ab und zu unsichtbar erschienen,
+sich nie einmischten, nur beobachteten. Man sagte,
+diese Männer und Frauen des Senats erschienen in der Messingstadt,
+um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten zu gefährden
+und sich an den Kämpfen zu delektieren.
+</p>
+
+<p>
+In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man
+führte Stier- und Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch
+von unsichtbaren Händen über die Zuschauer Menschen in die
+Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der Zuschauer. Es
+hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; man
+erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ.
+Die Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In
+völliger Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die
+gelegentlich ein Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend
+hell. Blendend hell stürmte es, sich selbst leuchtend, in
+den schwarzen Raum. Stirn Nacken Beine waren mit einem
+besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein Stoff, dessen
+sich Schauspieler bedienten und von dem man ein wunderbares
+Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem Lichtgemisch,
+welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen
+Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern
+hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer.
+Die tierischen Körper liefen leuchtend durch den Raum,
+der unter ihren Tritten phosphoreszierend aufdämmerte. Die
+Erinnerung an Geschichten, die man sich zutrug, wurde in den
+Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen Siedler wußte
+man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt London
+sich hatte locken lassen.
+</p>
+
+<p>
+Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die
+er einem andern entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in
+die unterirdische Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch
+gehört, das die Schauspieler auf den Bühnen verwandten.
+Und hatte sich’s verschafft. Sie strich es sich nicht
+auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, dem sie
+<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a>
+es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und
+über ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen.
+Und wie es Nacht war und er sich ihr nähern wollte im finsteren
+Zimmer, wich sie ihm aus und hatte ihre Freude, wie sie sein
+Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie er nicht ihr nachstürzte
+und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein ihrer Brüste
+und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn
+nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem
+Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie
+schliefen in einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug
+an seinen Lustorganen den Stoff mit sich fort.
+</p>
+
+<p>
+Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft
+nicht genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern
+tragen, denen er verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen
+mit der liebenden Laponie zusammen, sprachen nicht von Ibis,
+aber ihr Geheimnis behielten sie nicht. Da wurde Laponie
+von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch von ihren
+Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr
+nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis
+ihr nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah
+sie aber, sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus
+der Stube, in die finstere Straße. Und da sahen die Männer
+und Frauen die beiden laufen, Mann und Frau, aber nicht
+Mann und Frau, sondern hintereinander, bald getrennt, bald
+dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und
+Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend.
+Laponie sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und
+dachte nicht an ihre Scham, er sah nur sie und dachte nicht an
+seine. Sie flog in ihr Haus zurück, wollte ihm zürnen. Aber wie
+sie im Finstern so dastanden, lachte sie; sie konnte ihm nicht
+zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen sich in
+die Arme.
+</p>
+
+<p>
+Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken
+geblieben. Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr,
+ruhte nicht, bis sie von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse
+das Licht geschenkt hatte, das Wasser erhielt, mit dem man es
+auslöschen konnte. Stolz lockte sie im Dunkel den kecken Ibis,
+<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a>
+der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. Sie aber kicherte, schlug
+mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden Geheimnisse, daß er
+schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte ihn klatschend.
+Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese Nacht
+und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die Schläge
+ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern
+ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im
+Lauf der Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu
+Hause erst merkte sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den
+schönen Tag bedachte, was sie mitgebracht hatte. Konnte nicht
+zurücklaufen, um den Schauspieler, den schlimmen, um das
+grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im Haus. Da legte
+sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was leuchten
+wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr,
+hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand
+an der Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da
+seh ich dich. Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für
+wen ist denn das, süße Laponie. Und warum diesmal nur die
+Muschel, die kleine Muschel? Warum nicht auch die Knospen
+an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe mich – gerächt.“
+„Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du
+mich prügelst, das ist schlimm.“
+</p>
+
+<p>
+Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich
+einen Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf
+die Seite, aber bald brannten sie zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends
+anleuchten sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher
+wurde. Und auch er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie
+verbargen sich voreinander. Ibis sagte zu Laponie: „Wir lieben
+uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine Zeit trennen.“ Sie
+hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, daß der
+Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische Fröhlichkeit
+erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis
+berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen.
+Sie konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten.
+Fünf Monate, und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr.
+Und all die Zahllosen, die sich von dem Lichtgemisch nicht
+<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a>
+getrennt hatten, die Mädchen die Schauspieler die Giftschlucker
+waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen Glühen der bestrichenen
+Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und während
+die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen.
+Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur
+Tanzwut und Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das
+wußte man, anfingen zu tanzen und den Schemel unter sich nicht
+ertrugen, dann war ihr Ende nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten
+sie ins Grab, in das Grab, das sie sich oft in Übermut selbst
+hatten schütten und schmücken lassen. Man warf die Toten
+damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die Schuttmassen.
+Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen Ergriffenheit
+in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel,
+was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des
+Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder
+zu zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie
+hineinstürzen, glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still,
+ohne Farbe fast ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden,
+konnten staunen, welches Nichts diese wilden Bewegungen
+ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen verschwand das Licht
+nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der tiefen Finsternis
+ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, die sehr
+früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich,
+der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch
+Heiterkeit um sich.
+</p>
+
+<p>
+Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere
+stürmen, Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen.
+Blut spritzte aus dem Nacken, den Flanken der Stiere. Es war
+ein Feuerwerk, ein brennender Strahl. Man sah das Eindringen
+des Lichtstoffs in den Leib, seine innige Vermischung mit dem
+Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem Strahl zu
+entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder
+geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen
+konnten ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half
+ihnen: sie strahlten das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet,
+tappten in der Sonnenflut um sich herum. Sie waren das
+Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern zu Clowns geworden.
+<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a>
+Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das Spiel
+weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die
+Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und
+dem strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es
+war ihre Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich
+spaßhaft und spannend hinzuziehen und nach Laune zu beenden
+mit Niederrennen des Menschen oder zum brüllenden
+Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor seinem
+Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der
+Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen
+Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten.
+Es gab keine Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer
+sich zeigen mußten, die von früheren Kämpfen übrig geblieben
+waren. Mit ihnen verfuhr man später, als man jede
+Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die Glühwürmer
+selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der Londoner
+Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn
+nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die
+glühenden Männer und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ
+man zucken tanzen locken; wie mit Kerzen war der ganze Umfang
+des Zirkus durch sie illuminiert.
+</p>
+
+<p>
+Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die
+Felslager der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung
+an die Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl
+einer Niederlage lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie
+fielen, hatten sie geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil
+unter ihnen; sie wurden unter die Erde getrieben, von jedem
+Schwächegefühl befreit, als sichtbar vor ihnen die Turmmenschen
+errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen an der
+Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief
+verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten
+Keir gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam
+geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging
+es weiter. Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen
+unter die Erde. Die Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben
+auf der Oberwelt zurück. Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure;
+<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a>
+in grenzenlosem Stolz tauchten die Menschen hinab. Hier
+hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und Ausbreiten
+neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als
+auf der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und
+Luftreinigung, für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung
+der unterirdischen Gebiete zahllose Menschen. Aber
+sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. Die Anlagen für die
+Physiker Techniker Biologen breiteten sich in abseits gelegenen
+Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer kleinen
+Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer
+und Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt.
+Die Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle
+Dinge hin, die diese Herren ihnen boten.
+</p>
+
+<p>
+In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren,
+traten zuerst Menschen verschiedener Rassen auf, die sich den
+Herren und Herrinnen in den Anlagen als Sklaven, Leibeigene,
+anboten. Die Senate brauchten für die Mekifabriken und viele
+Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer unsichtbar sich
+aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt aber gaben
+Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf.
+Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen
+Gehobenheit der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten
+nur noch tieferen Rausch und wußten nicht, was mit sich anfangen.
+Es kamen auch schlaffe und leise Wesen vor die Häuser
+und an die Türen der Senatoren. Diese brauchten dieselben
+Worte wie die andern; aber man sah: sie waren hereingeirrt,
+hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr teilzunehmen,
+liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese sonderbaren
+Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die
+Männer in den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an
+die Füße legen und sie entfernen. Das waren Bösartige, man
+sah es; sie ließen sich nur in Verzweiflung und aus Widerwillen
+gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in der Zeit vor dem
+Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der Verknechtungswahn
+auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der
+Erde standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen,
+die man bald kannte und die diese Menschen selbst abzäunten.
+<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a>
+Dies waren die Männer und Frauen, die sich verkauften. Sie
+selbst bestimmten, wen sie annahmen. Einige gaben ein bestimmtes
+Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte und betrachteten
+ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen,
+zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich
+einen Haufen von diesen. Zu den Experimenten und laufenden
+Arbeiten in der technischen Stadt wurden viele verbraucht.
+Zahlreiche wurde von trägen Arbeitspflichtigen für sich an die
+Maschinen geschickt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die
+Abgründe der Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken
+Männer und Männinnen, deren Werk das alles war und von
+deren Hand sie lebten, über sie verhängten. Delvil war in seinen
+finsteren und ungeheuren Rachegedanken, seinen Kampfideen
+gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, ganz versunken;
+er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil.
+Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund
+gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf
+ihn gewirkt. Der tapfere gesunde Mann war von Delvils
+Raserei abgestoßen worden. Mit Widerwillen hatte er dem Beginn
+des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, dann sich abgewandt.
+Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man
+ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel
+den Hals heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man
+durfte ihm nicht davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff
+der Urtiere lieber gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir
+spannte sich, als auch in Brüssel der Drang, sich in die Erde einzugraben,
+wuchs. Aber er konnte es nicht aufhalten. Erreichte
+nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten zurückquellende
+Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete.
+Er selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren
+Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die
+Siedlerbewegung zu beobachten.
+</p>
+
+<p>
+In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd
+Grönlandeum nannte, über den Köpfen der
+<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a>
+Riesenmassen in den Ton- und Mergelschichten hängend, hatten
+sich die stärksten Herrenköpfe der Periode zusammengezogen und
+alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen Menschen wirken
+können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um die
+Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie
+es hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In
+Ozeana, das sich mit dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier
+Escoyez, das Wasserwesen, der bei Beginn der Grönlandkampagne
+die Umleitung der Golfstromdrift geraten hatte und
+die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die
+Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin
+aus dem Hause Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel
+des Gefängnisses, saßen mehrere senatorische Menschen, die man
+schon schwer mehr Menschen nennen konnte. Es waren jüngere
+und ältere Männer und Frauen, die am Bau der Menschentürme
+sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt haben,
+ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt
+hatten, nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen
+und schottischen Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und
+dürftige Landschaft der Menschenart, der zweibeinigen plärrenden
+nackthäutigen hinfälligen Geschöpfe zurück. Atkinson war
+Eunuch aus Weiberhaß, auch aus Menschenhaß geworden. Die
+Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten sich, nach dem
+Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren menschlichen
+Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse
+erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge
+Glasmaol zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte
+sich Mentusi. Er aß nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht
+und nicht vorwärts kommt ohne das Pferd das ihn zieht, so
+machte er sich zum Wagen. Tiere und Pflanzen spannte er an
+sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die früher Frau
+Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit
+ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben.
+Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir.
+Sie haben die großen Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen
+uns seit Jahrhunderten mit diesen Anlagen herum. Sie
+erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht für Stolz
+<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a>
+an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den
+Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden.
+Mag ein Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er
+nur mein Hund bleibt. Hast du die Steine und die Eichen und
+Viehherden gesehen, die man den Türmen untergeworfen
+hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein Hund will
+ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die
+Fabriken brauen.“
+</p>
+
+<p>
+An ihm, der auf Tel el-Habs saß, hingen Polypen. Seine
+Bauchwand war durchbohrt. In die wüstliegenden Wälder
+hatte er seine Gehilfen geschickt; die brachten ihm Füchse Ottern
+afrikanische Zebras Schildkröten. Die uralte Schwierigkeit der
+Vermählung zweier Tierklassen war überwunden; Mentusi erkannte
+es beim Beobachten der Turmbauten. Die Netze mischten
+alle Arten zusammen. Wie er über Meki höhnte, höhnte er über
+Marduk, der Bäume auftreiben konnte: „Kuraggara, das waren
+Yogis und Fakire. Spaßmacher! Wir wollen sie gelten lassen.
+Bis zur Grönlandfahrt waren wir nichts. Der Mann, der das
+Feuer und die Strahlen aus den Vulkanen riß, ist mein Mann.“
+Kuraggara hielt sich den Leib vor Lachen: „Ich will versuchen,
+eine Schildkröte zu gebären.“ „Warum nicht. Wer soll dich
+daran hindern.“ Sie trieben grausige unheimliche Dinge auf
+Tel el-Habs, dem Hügel des Gefängnisses.
+</p>
+
+<p>
+Die Giganten, die Herren der westlichen Stadtschaften,
+hatten die Urtiere über sich gehen und sich nicht zerschmettern
+lassen. An dem Zauberschleier von Grönland hatten sie sich
+nicht ergötzt, wie die ersten Seefahrer und die Menschen der
+zweiten Erkundung, die in dem Rosenlicht aus den Schiffen
+stiegen, sich in Boote setzten und nackt – Wonne über Wonne –
+auf dem Wasser schaukelten. Die Herren und Herrinnen der
+Riesenstadtschaften waren kalt und gehässig hinter der Gewalt
+her. Wie Räuber sich in einem fürstlichen Park verbergen und
+hinter dem Gitter die geschmückten Schönheiten auf der Wiese
+sich bewegen sehen, unter leichten hellen Tüchern mit losen
+Haaren, die biegsamen Spielerinnen, und wie sie sie abschätzen,
+ihren Augenblick abwarten und sich auf sie stürzen, um sie zu
+fesseln und davonzutragen, so belauerten die unzähmbaren
+<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a>
+Menschen von Tel el-Habs das Geheimnis der Vulkane, ergriffen
+es, zwangen es unter sich.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Hügel des Gefängnisses arbeiteten die von Tel el-Habs
+zusammen mit den Menschen der Basaltstadt, die wie ein
+zerfallener Bergkegel aussah. Hier bemühte man sich um die
+Wesen, die man Steine nannte. Roten Rubin, violetten Apatit,
+Blöcke glasigen Gipses nahmen sie: Die Strahlen Kylins, mit
+denen die isländischen Vulkane gesprengt waren, stellten sie auf
+sie ein. Die rubintreibenden rubinformenden Kräfte richteten
+sie nicht auf den Rubin, sondern auf den verwandten Korund.
+Sonst hielt der still unter der Wirkung dieser Kraft, die für
+ihn keine Kraft war; jedes Ding bewegte sich unter seinem
+eigenen besonderen Drang. Die Basaltmenschen aber hatten
+die Vulkangluten selbst in den Händen. Das schwere Geschütz
+dieser Gewalt richteten sie auf die Stoffe. Wie ein Brei, ein
+Kuchenteig, in den man Hefe wirft, quoll die Steinmasse auf.
+Die Basaltmenschen legten um die Schleierteile Röhren aus
+Gläsern; durch Gase ließen sie die Urkraft laufen und sich abdämpfen.
+Da bewegte sich allmählich in langen langen Stunden
+der Rubin, wie ein Leintuch an der Sonne bleicht. Und immer
+brannte zugleich der Kylinstrahl auf ihn, noch ohne Einfluß
+auf die Masse, die nur gärte. Es gab einen Punkt, den die
+Basaltmenschen nach schweren Anstrengungen, unter Zuhilfenahme
+von Abschwächern Dämpfern Verzögerern allmählich festhielten,
+den Indifferenz- und Umschlagspunkt. Dies war der
+Augenblick, der im Leben des Steinkörpers alles bedeutete. Es
+war der Moment, wo seine stärkste und widerstandsfähigste
+Stoffverbindung gesprengt wurde, der Stein selbst, obwohl
+nicht glühend im Begriff war zu zerstäuben, und von jedem
+festen Nachbarkörper geschluckt und angegliedert werden konnte.
+Die Kylinstrahlen brannten auf dem Stein; der Umschlag war
+da. Die Nachbarkörper hatte man niederzuhalten. Wie in einer
+übersättigten Lösung das eingeworfene Kristallstäubchen die
+ganze Masse zum Erstarren bringt, so erstarrte der erweichte
+Körper, ließ sich führen zu dem Wesen, das ihm das Kylinlicht
+vorzeichnete. Man hatte mühsam gearbeitet. Einen Granitblock,
+den gesprenkelt der harte Quarz, dunkle Hornblende,
+<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a>
+Glimmer, rötlicher Feldspat bildeten, hatten sie gelernt in einen
+einzigen zusammenschmelzenden Block von weißem Quarz zu
+verwandeln.
+</p>
+
+<p>
+Während noch die Menschen der Basaltstadt die Umwandlung
+der Urstoffe selbst betrieben – auf Schritt und Tritt sahen sie sie
+sich umwandeln –, rissen die Herren des Gefängnishügels davon
+an sich, was sie brauchten. Die Tiere, die früher nicht zusammenfanden,
+es sei denn: eins kaute das andere, stießen sie aneinander;
+auf die Mutterstoffe mußte alles herabgezwungen werden, ins
+Elementare heruntergetrieben. Sie dachten zornig und rasend,
+in ihre Erdfestungen versteckt, sich in Hasen Mäuse Löwen
+Panther Käfer zu verwandeln. Darum fingen sie Menschen
+über Menschen aus der Erdstadt und von der Oberwelt, nutzten
+die Sklavenmärkte aus, verwüsteten die Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Mentusi und Kuraggara lebten in einer erwartenden Glut.
+Wie sie lachten. Mentusi prahlte: „Als es Religionen gab, gab
+es hundert oder tausend klare Menschen, die an den Teufel den
+Satan an den Himmel Gott die Engel die Unsterblichkeit nicht
+glaubten. Was haben diese hundert oder tausend klaren Menschen
+getan? Sie haben zeit ihres Lebens nicht geglaubt. Nicht
+geglaubt: das war ihre Beschäftigung. Es gab auch welche, die
+haben ihr Leben dafür hingegeben, gegen die Existenz des
+Satans des Himmels oder Gottes zu kämpfen. Tröpfe, Tröpfe.
+Wer Wahnideen hat, mag seinen Spaß daran haben. Ich kümmere
+mich um die Urtiere, die blöden Echsen nicht. Sie kommen
+nicht zu uns herunter. Was meinst du, Kuraggara? Sie
+können nur sterben und finden oben Platz genug. Aber – jetzt!
+Was meinst du?“ „Ja, ich habe auch keine Zeit für Lurche.“
+„Wir wollen ihnen ein Aquarium bauen, damit sie nicht so rasch
+umkommen und wollen sie schön füttern. Es soll ihnen besser
+bei uns gefallen als auf Grönland. Ich geh einmal nach Grönland
+und seh mir an, was da geworden ist. Vielleicht nehme ich
+mir einen Drachen eine Echse mit Flügel und Schnabel, als
+Pferdchen und es muß mich hinreiten. Halleluja, süßes Land.
+Wir reisen nach Jerusalem.“ „Bist du nicht auch solch Kind wie
+die Kämpfer gegen den Himmel oder den Satan? Mentusi, was
+geht mich Grönland an? Vielleicht fahr ich auch einmal nach
+<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a>
+Grönland. Vielleicht noch lieber nach Island, zu den Vulkanen.
+Aber wenn ich reise, will ich schon reisen ohne Schiff, ohne
+Drachen, ohne Flugzeug.“ „Und ich!“ „Nun ja. Vogel sein,
+wenn ich will. Dampf sein, wenn ich will. Ja, das will ich auch,
+Mentusi. Und! Fisch sein! Und Feuer. Und nicht wie der arme
+Menschenturm, den ich neulich auf Schottland besuchte. Ich flog
+zu seinen Augen auf, ganz dicht und dann weiter weg, bis er
+mich erkannte. Er erkannte mich. Es war mein Freund. Aber
+was soll mir das –, er trauerte! Trauerte eine dunkle furchtbare
+Trauer. Wie er mit den Augen zwinkerte, hatte ich das Gefühl,
+ich muß rasch weg, er muß mich vergessen; ich bin ihm ein Alp
+im Traum. Er ist ein dumpfer schlafender Mann, der nicht aufwachen
+kann. Wenn ich noch lange vor ihm gezuckt wäre, hätte
+er mich wie ein Grönlandtier angefaßt und verspeist. Ist ein
+dummes Kind geworden; greift tapp zu, steckt in den Mund.
+Aber Fuchs sein vom Kopf bis zu den Füßen, wie ein Fuchs
+leben solange man will, sich fuchsig fühlen. Ja, Mentusi.“ „Wir
+haben schon zu lange in unserer Haut gesteckt. Es geht uns
+schließlich, Kuraggara, wie dem Hammelgetier von Menschen
+hinten in London, die sich für unsere Fabriken und die Versuche
+anbieten. Sie haben auch ihre Menschenhaut über. Ihnen ist
+gleich, was mit ihnen geschieht. Weißt du“ –, er brüllte lachend,
+„wo ich mit ihnen etwas mache. Weißt du was.“ „Ich denke
+mir schon.“ „Ja, ich mache sie zu Hammeln, allesamt. Wir
+schicken sie auf eine Wiese, putte putte putt. Wir machen immer
+hinter einem Baum putt putt. Dann kommen sie an, wir stecken
+sie in einen Sack und fragen: ‚Wollt ihr, wollt ihr gerne Hammel
+essen?‘ ‚Ja‘ antworten sie, ‚Hammelchen sehr gern.‘ ‚Schön‘,
+sage ich, ‚soll geschehen.‘ Mache den Sack zu. Putte putte putt.
+Ein Licht da, ein Dampf da ‚Ist euch gut?‘ ‚Jawohl.‘ ‚Habt
+ihr Angst.‘ ‚Ein bißchen.‘ ‚Müßt gar keine Angst haben, Hühnchen.
+Gebe euch gleich Hammelchen zu essen. Sie kommen
+schon aus dem Stall.‘ Hätte bald gesagt: aus dem Sack. Ein
+Licht mehr, knack, zwei Dampfer. Immer Geduld. ‚Wie ist euch
+denn, Hühnchen?‘ ‚Öh, öh.‘ ‚Ja wie redet ihr denn. Ihr eßt
+wohl schon Hammel.‘ ‚Öh, öh!‘ Lach nicht, Kuraggara. Mach
+ich’s nicht richtig?“ „Richtig, Mentusi! Öh! Öh!“ „Mein
+<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a>
+Hühnchen. Bald mach ich den Stall auf. Ich will euch überraschen.
+Bald habt ihr die Hammel. Aber was zappelt ihr im
+Sack! Was strampelt ihr. ‚Öh, öh.‘ Was ist das. Ich habe mich
+vergriffen, Kuraggara. Die Hammel sind schon im Sack! Wie
+ist es möglich! Wie ist es möglich.“ „Ich ersticke vor Lachen,
+Mentusi, wenn du nicht aufhörst.“ „Da! Nein, Kuraggara!
+Hammel! Leibhaftige beinhaftige schwanzhaftige Hammel!
+Fellhaftige Hammelchen. Vier Stück, soviel ich Menschen hineintat.
+Und wo sind meine Menschen. Meine Menschen sind weg.
+Die Hammel müssen sie aufgefressen haben. Ich habe wohl
+irrtümlich Hammel mit hineingetan, die haben die Menschen
+aufgefressen. Ach war ich zerstreut. Menschenfressende Hammel.
+Was soll ich nun tun.“ „Nicht spotten, Mentusi. Wären wir
+so weit.“
+</p>
+
+<p>
+Tief war die Verachtung der Giganten auf die Menschen ihrer
+Stadtschaften. Die Maschinen Fabriken Anlagen ließen sie
+arbeiten, nur um sich mächtig zu fühlen. Sie brauchten die
+Menschenmassen, um sich an ihnen auszulassen. Es war noch der
+gemäßigste Gedanke, der auf Tel el-Habs geäußert wurde, der
+Gedanke, den einmal Ten Keir in London aussprach. Ohne
+Ausdruck war das viereckige rote Gesicht des kleinen Belgiers;
+sein Entsetzen beim Betrachten der Arbeiten in den Versuchsstädten
+schlang er herunter. Daß er gebrochen und geweint
+hatte beim Überfliegen des Kanals, als er einen stummen Turmmenschen
+auf einem Floß sah, verriet seine Begleitung nicht.
+Schrankenlos sprachen sich die grauenhaft entstellten hochmütigen
+Wesen, Männer und Männinnen der Versuchsstädte, zu
+ihm aus. Sagten, die Zeit des wirklichen Menschentums nähere
+sich erst; sie ahnten sie selbst nur. Entsetzt sah er die schlangenartigen
+Arme der Polypen sich an ihnen bewegen; dies wäre
+der Beginn des wirklichen Menschentums. Von den Menschenwesen
+unter sich, Städtern Siedlern, sprachen sie nicht, oder
+mit dem Gefühl der Wollust und dem Gelächter. Ten Keir sah,
+was diese Giganten konnten. Sie würden eines Tages die
+Menschenmassen verklumpen, wie die Drachenscharen es getan
+hatten. Er sprach aus: man müsse sich hüten, daß nicht einer
+von ihnen Mißbrauch mit seinen Mitteln triebe zum Schaden
+<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a>
+der andern. Es sei gut, einen Blick auf die Menschen zu werfen;
+die schäumten und tobten zum Teil, zum andern Teil wüßten
+sie sich keinen Rat. Man müsse da eingreifen. Ein Versuch
+müsse gemacht werden, wie es die alte Wind- und Wasserlehre
+wollte: die wirren verzagenden Geschöpfe wie Tiere und
+Pflanzen zu vereinfachen. Vielleicht unter Verminderung ihrer
+Zahl. Man müsse sehen, zu menschlichen Dauerformen zu kommen.
+Zu unkomplizierten Lebewesen, die sich erhielten zeugten
+stürben, ihre äußere Lebensweise jahrhundertelang jahrtausendelang
+gleichmäßig forttrieben. Die Last des Einzeldaseins, die
+schreckliche Einzelbeseeltheit müsse ihnen abgenommen werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Giganten von Tel el-Habs lachten darauf. Er solle sehen,
+was er schaffe. Vielleicht machten sie zwischendurch auch das;
+es sei nicht sehr reizvoll. Ten Keir suchte in einer schweren ihn
+erwürgenden Trauer und Bangigkeit zu Delvil durchzudringen.
+An den kam niemand heran. Grausige Gerüchte gingen von ihm,
+über Dinge, die er trieb. Tagelang lief Ten Keir mit seiner Begleitung
+durch Keller Straßen dieses erdversenkten blitzenden
+London. Auf Stunden ließ er sich ein Zimmer in einem Haus
+freimachen. Da saß er im Finstern, weinte. Und kam nicht weg
+von London. Er lief mit seinen Männern weiter herum. Sie
+mahnten ihn, er würde sich erschöpfen, sahen seinen Jammer.
+Er konnte sich aber nicht von der Stadtschaft loslösen. Dreimal
+versuchte er zu Delvil vorzudringen. Bettelnd lag er vor
+Kuraggara; sie möchte ihm Zutritt bei Delvil verschaffen, er sei
+sein Freund. Die wunderte sich über die Wildheit des Mannes,
+konnte nichts durchsetzen. Zweimal war Ten Keir schon in der
+Oberstadt, zweimal fuhr er wieder die Schächte abwärts. In
+sich sagte er: „Ich muß weinen. Ich muß weinen. Viel mehr
+muß ich weinen. Ich muß mich brühen wie eine Taube, der
+man die Federn ausziehen will. Ich will alles sehen. Ich
+verdiene es.“
+</p>
+
+<p>
+Aber wie er dann noch einmal die Sklavenmärkte den Zirkus
+die Arbeitsstädte Versuchsorte begangen hatte, nahm er sich an
+der westlichen Grenze der Stadt, wo Erde in den Tunnel einbrach,
+eine Handvoll knirschender Kiesel. Stopfte sie sich in die
+Tasche. Während er auffuhr, die Augen gepreßt geschlossen,
+<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a>
+drückte er die Kiesel, sie mit der Hand umschließend, flüsterte:
+„Ich will mich erinnern.“
+</p>
+
+<p>
+Oben blickten ihn seine Begleiter an, dachten, er würde wieder
+anordnen, zurückzufahren. Aber er ließ sich ins Meer fahren.
+Sein Flugzeug ließ er zurück. Auf einem kleinen Schiff fuhr er
+über den Kanal an die flandrische Küste. Schwarz und grau waren
+die Gesteinstrümmer, die er mit sich genommen hatte aus dem
+westlichen Grund Londons. Er betrachtete sie tränend oft in der
+flachen Hand während der Überfahrt. Schloß die Faust, wenn
+einer ihn zu beobachten schien, stopfte die Hand in die Tasche.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> den Shetlands und Färöer saßen die letzten Grönland- und
+Islandfahrer. Die Senate hatten gefürchtet, schon während der
+Expedition, die Seefahrer würden sich gegen sie richten. Aber
+sie kamen nicht, stürmten nicht gegen die Stadtschaften. Man
+wußte, sie waren vor den Urtieren nach ihrem Sammelplatz,
+den Shetlands und Färöer, geflohen. Unter den Katastrophen
+des Tierüberfalls, dem Machttaumel bei der Versenkung der
+Städte vergaß man sie völlig. Wenn man später an sie
+dachte, wünschte man, sie möchten kommen, zum Kampf. Sie
+kamen nicht.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine stumme leidende Gesellschaft, die sich auf dem
+felsigen Boden dieser meerumheulten Inseln versteckte, von dem
+Rest des Schiffsproviants lebte, einzeln, manchmal in Horden
+nach den schottischen Bergen herüberkroch. Als ein seelenversteinerndes
+Grauen waren die Urtiere über die westlichen
+Stadtschaften gekommen. Wie über die Fahrer in der Zone des
+Rosenlichts die wüsten Gebilde fielen, Nachbarschiffe Menschen
+Balken Bleche verwandelten, sank schlagartig ihre Wonne, klagte
+durch alles Entsetzen schon das Gefühl: „Es ist gut. Endlich!
+endlich!“ Über das Wasser schießend, in die Tageszone eintauchend
+erlag die Hälfte des großen Geschwaders den Tieren.
+Die überlebten, waren in dem Gefühl über das Meer getaumelt:
+„Nun nimmt es ein Ende. Nun sind wir erlöst.“ Wurden auf
+die steinigen Inseln hingestreckt, dachten wenig, atmeten gegen
+die Erde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a>
+Die nach Schottland herüberkrochen, kehrten zurück: Schottland
+sei nach Süden zu abgesperrt. Man wußte finster: „Gegen
+die Grönlandtiere. Und gegen uns. Sie sperren sich gegen uns
+ab.“ Bitter und trostreich. Und die Seefahrer versteckten sich
+tiefer in die Klüfte der Inseln. Niemand ging zu den Schiffen.
+Den eisigen Winter verbrachten die Seefahrer auf den Inseln,
+immer nach Schlaf verlangend, wenig zueinander findend. Das
+Rauschen Schnattern der Urtiere ging noch oft über ihre Inseln.
+Wie von einem Sturm angefaßt erbebten die kauernden liegenden
+Menschen. Die Gesichter bedeckten sie mit ihren Armen;
+lagen und brüteten. Daß alles so unwirklich war. Sie beschauten
+sich in den Höhlen Zelten alten Häusern: daß der
+andere noch da war. Man lag selbst da, bewegte sich, aß, trank.
+Dachte und fühlte. Man fühlte endlos, mochte nicht sehen.
+Fühlte vergeblich, konnte sich nicht erreichen. Wie war man?
+Als wenn einen ein Orkan gefaßt hätte und man wäre in die
+Ecke einer Höhle geblasen. Da hing man an, ein Stäubchen an
+einem Spinnwebansatz, konnte nicht hervor. Sie gingen herum,
+schluckten, suchten nach ihren Stimmen. Öfter schwamm eine
+Beängstigung über sie, die ganze Haut befallend und ausweitend,
+die Brust und Kehle bedrückend: Oh was ist uns. Sie seufzten,
+ließen ihren Speichel laufen.
+</p>
+
+<p>
+Einer verschwand, ein anderer verschwand. Ins Wasser, nach
+Schottland. Auf Mainland verbrannte der Unterführer Good
+Luck die nächsten Schiffe. Ausgemergelt wie die anderen schlenkerte
+er zwischen den Klippen, steckte den rothaarigen Kopf
+in die Höhlen, rief hinein, suchte Menschen. Knurrte: „Wer ist
+da? Ist wer da? Ha! Ich bin Good Luck.“ „Was will Good
+Luck.“ „Nichts. Will euch ansehen. Wißt ihr, was ich gemacht
+habe?“ „Du bist heiser.“ „Vom Rauch. Ich habe die Schiffe
+angesteckt.“ „Wen kümmerts.“ „Alles weg. Ihr habt recht.
+Ach was tue ich. Was tu’ ich.“ Und er irrte in den Höhlen
+herum, setzte sich ans Meer. Er lief eines Tages wieder vor die
+Hütten, rief mit seiner heiseren Stimme alle, die er traf, zusammen.
+Rasch sollten sie kommen. Hastete: „Schnell. Kommt
+ans Wasser.“ Da setzte er sich an den Strand, nahm zwei glatte
+große Steine zwischen die Knie, fing an zu reiben. Er knirschte
+<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a>
+die Menschen an, die mit ihm gekommen waren: „Hinsetzen.
+Nehmt Steine. Macht wie ich. Mahlen.“ Einige taten es. Er
+knirschte: „Mahlen, mahlen. Bis es Staub ist.“ Dann ließ er
+die Steine fallen, hetzte: „Was machen wir jetzt? Kiesel werfen.
+Übers Wasser.“ Und fing an zu schleudern. Die anderen fluchten,
+zogen sich dumpf zurück. Er hängte sich an den, an den:
+„Mich nicht allein lassen, mich nicht allein lassen. Was soll ich
+tun.“ „Steine werfen.“ Sie liefen fort, warfen sich hin: „Ein
+dumpfes Vieh.“ Ließen ihn knirschen schlucken.
+</p>
+
+<p>
+Was bei Good Luck begonnen hatte, nahm bei andern seinen
+Fortgang. Bis der verwilderte Kylin mit einem Boot bei
+Mainland erschien in der Sankt Magnusbucht und in einer
+steinigen Ebene alle zusammenführte, die sich aufbieten ließen.
+Von einem zum andern ging Kylin, betrachtete die Männer und
+Frauen, hielt ihre Hände. „Die Vorräte sind bald zu Ende. Der
+tolle Good Luck hat die besten vollsten Schiffe verbrannt. Es ist
+kein Schade. Wir müssen uns nun früher entscheiden.“ Ein
+Gequälter höhnte, ob er sie wieder führen wollte, vielleicht nach
+Grönland. „Nein. Ich spreche den Namen des Landes, das du
+eben genannt hast, nicht aus. So gewiß nicht mehr, wie Fromme
+früherer Zeit den Namen eines Gottes, an die sie glaubten. Ich
+will euch auch nicht führen. Ja. Ich bin schuld an diesen Dingen.
+Nicht am Turmalinschleier und dem letzten Unglück. Aber an dem
+vorher. Das hab ich getan. Die Vulkane hab ich aufgerissen.“
+Er stand flüsternd neben einem Felsen: „Tut mit mir, was ihr
+wollt.“ Sie standen herum. Kylin setzte sich auf den Boden,
+bedeckte sein Gesicht, schluchzte. Keiner rührte ihn an. „Was
+wird nun geschehen. Ich habe mir genau alles überlegt und alles
+vorher gewußt. Ihr werdet mir nichts tun. Obwohl es mir in
+manchen Augenblicken lieber wäre, einer täte mir etwas an.
+Aber ich bin schon darüber weg. Und darum bin ich ja hergekommen.“
+Viele blickten auf. „Es kann sein, daß wir noch einen
+Monat, zwei Monate auf den Inseln bleiben können. Aber ich
+will weg. Liebe Freunde, ich bin auf dem Weg, von hier zu
+gehen und wollte es euch noch sagen. Good Luck ist verrückt. Es
+werden noch manche von euch verrückt werden, wenn ihr euch
+nicht entschließt und wenn nicht etwas geschieht. Ich geh weg.
+<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a>
+Ich geh weg. Das weiß ich.“ „Und warum, Kylin. Wohin.“
+„Ich spreche nicht aus, was geschehen ist. Bleibe ich noch lange hier,
+so brauchen keine Drachen zu kommen, ich werde verschlungen.
+Ich will nicht. Soll ich euch sagen? Die Stadtschaften sind
+nicht mehr mein Feind.“ Dichter drängten sie sich um ihn. „Die
+Stadtschaften haben ganz überflüssig einen Ring um sich gegen
+uns gezogen. Ich werde gewiß nichts gegen sie unternehmen.“
+„Wir auch nicht.“ „Freunde, wißt ihr, was ich tue? Ich, Kylin?
+Ich geh meine Wege. Was soll ich hier, vor den Stadtschaften,
+an der Türe? Ich geh in die Welt. Die Erde ist groß.“
+</p>
+
+<p>
+Da wimmerten höhnten lachten noch manche. Aber Kylin
+blieb auf der Ebene an der Sankt Magnus-Bucht. Die Verstörung
+verließ sie. Hunger trieb sie. Noch rauschten Schwärme
+der Ungeheuer durch die Luft. Nicht in die Höhe schauten die
+alten Grönland- und Islandfahrer. Auf den letzten Frachtern
+drängten sie sich zusammen. Mit Seufzern und stumpf schoben
+sie sich auf die Decks. Ihren Weg nahmen sie in kleinen Trupps
+durch die ruhige Irische See.
+</p>
+
+<p>
+Die Orkney- und Shetlandsinseln, so lange belagert von Menschenscharen,
+von den westlichen Geschwadern umringt, wurden
+entblößt, den Wogen und Stürmen wiedergegeben. Stumm
+wie sie Island verlassen hatten, gaben die Seefahrer die Shetlands
+und Orkneys frei. Hier waren die Ölwolken entstanden,
+Holyhead und Bou Jeloud, von hier waren die unzähligen
+Schiffe ausgegangen, beladen mit den Maschinen und der Gedankenmacht
+der westlichen Stadtschaften. Der Tod von
+Tausenden von Menschen war gefolgt, Island war zerrissen
+worden. Der eisige Kontinent mit den Gletschern tauchte auf,
+überwallt von Schrecknissen. Ihnen allen, die fuhren, war dies
+geschehen. Sie fuhren weg, aber sie wollten sich erinnern. Jetzt
+das Letzte von sich werfen, auch diese alten Ankerplätze, auch die
+Schiffe verlassen. Dann auf den Kontinent. Mit glühenden Augen
+hatte der so gealterte Kylin zu ihnen gesprochen: wieder leben.
+Was würde kommen auf dem Kontinent. Aber sie wollten hinein.
+Die Städte würden kommen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a>
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Meer verwandelte sich während ihrer Fahrt. Der Nordkanal,
+die Irische See. Wellen warfen sich, spielten züngelten.
+Ein fernes Gestirn schien aus der Luft. Das Wasser spiegelte
+die Schiffskörper. Lautlos spiegelte es die Schiffswände.
+Stumm zogen Algenfäden hin. Lauer Wind legte sich an die
+Schiffe, drängte sie, ließ ab. Langsam fuhren sie. Um die
+Scillyinseln bogen sie östlich um. Eine dunkle Linie erschien
+über dem weiß glitzernden Meeresbogen. Da im Südosten,
+wo das Meer in das dämmrige schimmernde Himmelsweiß
+überging, zeichnete sich eine zerbröckelte Linie. Schwärzer
+klobiger wurden die unterbrochenen Striche. Auf den Schiffen
+schlossen sie die Augen, legten sich an Balken Geländer. Dies
+war der Kontinent. Rascher ließen die Führer die Schiffe
+laufen. Das Meer rauschte sanft gleichmäßig unter ihnen. Schon
+sahen sie die Kreidefelsen, die weißen Zacken, die Brandung
+davor. Da gaben sich die Schiffe Zeichen. Verlangsamten die
+Fahrt, hielten auf offenem Meer. Im Angesicht der Küste des
+Festlands hielten alle Schiffe. Eine stumme Stunde verging.
+Plätschern Ansingen Verklagen des Windes.
+</p>
+
+<p>
+Mit rauhen Kreidefelsen begann der Kontinent. Dann bog er
+sich glatt hin. Einmal war ein Gebirge von Cornwall und Irland
+zum Festland herübergestrichen. Die Berge hatten sich
+gesenkt, das Meer über sie ergossen; das Meer umströmte jetzt
+die Inseln. Nach Süden und Osten streckten sich französische
+Landschaften, von dem atlantischen Wasser breit umfaßt, nach
+dem südlichen farbigen Meer quellend. Jahrhunderttausende
+hatten Mulden Becken Platten Anschwellungen diese Länder
+gebildet. Alte Meere im Norden waren abgeflossen, Vulkane
+erloschen, ihre Auswürflinge lagen auf den Hochflächen. In
+großen Strömen öffnete das Land seine Brust. Königlich
+schwollen sie zum Meer. Mit Gebirgen weiten Ackerflächen
+Flußebenen Weinbergen lag das Land, ruhte nicht bis es das
+Meer grüßte. Es hatte Matten Wiesen Wildbäche Gebirgsseen
+entwickelt. Grüne Laubwälder ließ es aus seinem Boden steigen,
+in ihren Wurzeln hob es sich zu schwarzen und silbrigen Stämmen
+auf, entfaltete unter dem luftdurchflossenen Himmel
+<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a>
+Blättermassen. Die zogen das Licht an, vermählten sich mit ihm.
+Mit grünen roten gelben Farben sahen Pflänzchen um sich.
+Gräser standen in dichten Scharen beieinander, spielten ließen
+den Wind gegen ihre Kanten pfeifen. Über Waldböden liefen
+Ameisen, verschalte braune und schillernde Käfer, betasteten
+Halme, drehten sie, suchten schleppten. Mücken schwammen
+mit feinen Tönen in der Luft, die sie trug. Große träge Tiere
+beschnupperten die Erde der Äcker und Wiesen. Schwerwampige
+Rinder kauten Gras; mit muskulösen Lippen schnappten
+rafften sie es, warfen es sich auf die nasse rauhe Zunge. An
+Pflügen von Siedlern kopfsenkende Pferde mit großen schwarzen
+Augen; sie peitschten sich die Schenkel mit langen Schweifen.
+</p>
+
+<p>
+Die Erde beliefen, ihre Rinde schrammten betasteten Menschen.
+Ihre Leiber trugen kein Fell wie die Rinder und Schafe;
+sie waren ohne Schuppen, nahmen das Licht der fernen Sonne
+mit nackter glatter Haut auf. Für die Gase der Luft hatten sie
+die zarten durchsichtigen Öffnungen der Münder und Nasen.
+Das Gewölbe ihrer Brust, von knöchernen Rippenbögen umspannt,
+machten sie zum Raum der Luft. Wie am Spinnrad
+hob und senkte sich die Brust, sog Luft ein, entließ sie. Unermüdlich
+sogen die Menschen sich an der Luft fest, durchtränkten
+sich mit unsichtbaren Kräften. In ihre Därme ließen sie die
+Säfte vieler Pflanzen und Tiere fließen, nahmen an sich und
+ließen sich durchlodern von den Gewalten, die sich auf dem
+Erdboden niedergelassen hatten. Aus dem Wasser waren die
+Tiere aufgestiegen; die Menschen ließen nicht von ihm und es
+ließ nicht von ihnen, strömte durch ihre Gewebe und Häute.
+</p>
+
+<p>
+Zitternd und leicht flogen die Menschen über die Wiesen
+Ebenen Hochflächen, stoben unermüdlich zu den Dingen, die
+ihnen Leben gaben und ihr Leben verlängerten. Sie hatten
+Knie, die sie hintrugen, die sich biegen konnten mit dem Rumpf,
+dem Nacken, zu Quellen herunter, zum Jagen des Wilds, das
+ihnen Fleisch geben sollte. Harte Knochen hatten sie aus dem
+Kalk des Bodens entwickelt, mit denen sie stemmen und ziehen
+konnten, Gelenke, um sich zusammenzukrümmen, das süße
+Leben zu verstecken und beschützen. Sie schnalzten sogen an
+vielen Dingen; die schmeckten ihnen gut, es gab Bitteres
+<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a>
+Saures Brennendes. Wie die Zähne ihnen wohltaten, die
+gerne beißen krachen konnten. Das Zerrissene rutschte den
+Schlund und Magen herunter, tat ihnen wohl. Und immer
+neue Dinge lockten die Augen; es bewegte sich alles um
+sie, war Vogel Baumwipfel Wind Sand. Die Sonne brachte
+Farben zum Glühen, warf bunte Schatten; man hatte Augen;
+die Freude des Tages, die Wohltat der Vermählung mit dem
+Licht. Die Haut war fühlsam; Glieder die sich bewegen ließen,
+trugen den ganzen Körper; wohin. Wo Kühle war, Wärme,
+eine Rinde, die sich abblasen ließ, und Menschliches, eine Haut,
+eine Schulterplatte, eine Schenkelglätte. Mann und Weib zueinander.
+Dazu hatte man Füße und Knie, konnte gehen, sich
+nähern. Blicke zueinander, Hände zueinander, Münder zueinander.
+Und nicht nur Münder. Man hatte einen Leib; das
+einzige Wühlen. Was man tastete umfing: daß man nicht
+Wasser war, um mit ihm zusammenzuschmelzen. Daß man
+sich hielt, diese Beruhigung Besänftigung: dies Stieren und
+Vergehen im Feuerschein. Daß das Eine Brüste hatte, schweres
+Haar, weiche Haut, das Andere Härte und Rauhigkeit. Die
+haarumbuschten schwellenden Glieder der Vermischung: der
+Überschwang der Süßigkeit, den sie gaben. Fittiche, die in
+das andere Land trugen. Und das hing über dem Boden,
+Mensch und Mensch, der Same strömte, verdunkelt lagen sie,
+in Finsternis, das mütterliche Licht, eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Ackerflächen, den Gebirgen, in den Flußebenen, in
+den Wäldern die Menschen. In das Land zwischen dem kalten
+atlantischen Wasser und dem südlichen Meer quollen die Grönlandfahrer.
+Die großen Stadtschaften umgingen sie. Sie sahen
+Brüssel, das nicht mehr Brüssel war, sondern eine Häuserwüste,
+in der Ten Keir thronte, die er bewachte. Er war ein Spürhund.
+Die Grönlandfahrer zerstreuten sich, um ihm zu entgehen.
+Sie waren nach Norden gestoßen, in einem Verlangen,
+das Mardukreich zu berühren, von dem niemand mehr etwas
+wußte. Da kamen beim alten Amiens Männer des alten Ten
+Keir zu ihnen, die wie ein kleines Volk auf dem Wege nach
+dem zertrümmerten Valenciennes waren. Die Männer mischten
+sich unter die Grönlandfahrer, suchten sie zu erforschen. Die
+<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a>
+blieben verschlossen. Wie sie bei den Ruinen waren, zeigte
+sich Ten Keir selbst. Er nannte sich bei Namen, prüfte aufmerksam
+die auffällige Kleidung der Männer und Frauen. Ob
+sie zu Schiff gefahren wären nach Belgien, da sie Lederkleidung
+trugen. Er war, einen ganzen Tag zwischen ihnen herumgehend,
+beunruhigt. Und plötzlich stieß er auf Kylin, den Mann,
+den alle Senatoren dieser Landschaften kannten. Kylin saß
+auf einem Wagen, verteilte Brot, das ihnen Siedler gegeben
+hatten, betrachtete einen Augenblick uninteressiert den Mann,
+der sich vor ihm aufpflanzte. Jetzt war dem tief erschrockenen
+Ten Keir der Zug klar. Dies waren Grönlandfahrer, die die
+Sperre durchbrochen hatten. Aber man hatte die Sperre verfallen
+lassen. Er rief Kylin bei Namen. Der ließ, den Blick
+in Keirs Augen versenkend, ein Brot fallen. Ten Keir bückte
+sich: „Du bist Kylin.“ „Ten Keir.“ „Ja.“ Kylin mit dem
+langen grauschwarzen Bart nahm das Brot zurück: „Habe keine
+Furcht vor uns. Oder hast du Furcht.“ „Keine Furcht. Ich
+staune, Kylin. Du bist Kylin.“ „Wunderst du dich über meinen
+Bart? Deine Stadtschaft ist auch nicht jünger geworden.“
+„Brüssel ist nicht meine Stadtschaft. Du siehst sie nicht. Brüssel
+ist unter der Erde.“ „Ich weiß. Ich habe gehört.“ „Warum
+blickst du immer um dich, Kylin. Hast du selbst Furcht vor mir?“
+„Es ist schön im Land. Wir wollen weiter ziehen. Ich will
+dir viel Glück wünschen.“ „Wo geht es hin, Kylin.“ „Ich weiß
+nicht.“ „Sag mir doch.“ „Nach Norden. Nach Osten. Leb
+wohl. Ten Keir.“
+</p>
+
+<p>
+Der unruhige Kylin war gleich aufgebrochen. Ten Keir
+beobachtete ihren Zug; seine Abgesandten waren an dem Weg,
+an dem. Der Belgier verheimlichte vor dem Senate seiner
+Stadtschaft seine Begegnung; besänftigte sich nicht: was ist mit
+den Grönlandfahrern, was haben sie vor. Fühlte sich erregt;
+konnte sie nicht loslassen. Waren das Siedler? Er war hilflos.
+Nach einigen Wochen konnten ihm seine Beobachter nichts mehr
+von dem Zug melden: er hatte sich aufgelöst. Wohl aus Hunger,
+tröstete sich, zweifelte Ten Keir. Die Giganten jenseits
+des Kanals strotzten und regten sich; er floß blaß zusammen.
+Saß über der Stadtschaft Brüssel. Die Kiesel vom Grund des
+<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a>
+schrecklichen London der Kuraggara und Mentusi knirschten in
+seiner Tasche. Er war getrieben, wußte nicht wohin.
+</p>
+
+<p>
+Nach Süden in die Landschaft, die immer reicher aufblühte,
+bogen die Fahrer um. In kleinen Trupps wanderten sie,
+hielten Berührung miteinander. Als die schwarzen Argonnerberge
+vor ihnen auftauchten und sie anfingen in der Menschenöde
+zu hungern, wartete Kylin eine Woche, bis alle Trupps
+zusammen waren. Im Flußtal der Aire sammelten sich an
+dreitausend Menschen, auf Wagen Karren Mauleseln Pferden
+Ochsengespannen. Die Tannen in den Wäldern hatten
+hellgrüne Triebe; in einem Wäldchen junger Nadelhölzer sprach
+Kylin mit einer kleinen Zahl ehemaliger Unterführer: „Wir
+müssen uns trennen. Jetzt müssen wir uns wirklich trennen.
+Wir haben keine Nahrung, wenn wir beieinander bleiben. Man
+kann uns zusammen erschlagen. Ten Keir von Brüssel ist hinter
+uns.“ Er ging unter den zwanzig Männern und Frauen herum.
+Der junge Idatto, ein sehr magerer Mensch, der die eigentümliche
+Fettsucht der Städter überwunden hatte, hielt ihn am
+Arm: „Und was soll aus uns werden?“ „Du wirst nicht wieder
+krank werden, Idatto.“ „Ich weiß. So nicht. So werde ich
+nicht wieder krank werden.“ „Wir müssen uns trennen.“ „Aber
+ich will bei dir bleiben. Ich werde wieder krank werden, kränker
+als vorher.“ „Glaubst du, Idatto?“ „Wir wollen uns nicht
+trennen, Kylin.“ „Wir bleiben in kleinen Gruppen zusammen,
+das will ich ja auch. Aber so wie bis heut können wir nicht
+reisen. Du weißt selbst, wie viele hungern.“ „Ich will hungern
+und alle wollen lieber hungern als daß wir uns verlieren.
+Frage Bersihand und Magin und wen du willst. Sie wollen
+alle lieber hungern als voneinander gehen.“ Kylin ließ ihn
+los, stand stumm, auf den Boden blickend, bewegte die Lippen.
+Dann: „So sollt ihr reden.“ Und nacheinander sprachen die
+Männer und Frauen dasselbe wie der kranke Idatto. Sie umringten
+Kylin, der sich immer wieder zurückzog. Sie wußten nicht,
+und fuhren zurück, als Kylin die hellen Augen öffnete, warum
+er drohte und zu schreien anfing: „Aber so tut was ihr wollt.
+Verhungert, laßt euch erschlagen, bleibt zusammen. Ich
+hindere euch nicht. Ich hab keine Macht euch zu hindern. Ihr
+<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a>
+habt auch keine Macht mich zu hindern. Ich geh von euch.“
+Idatto bettelte: „Warum?“ „Ja, du fragst. Du fragst. Und
+daß du schon fragst, ist schlimm. Du bist jetzt gesund, Idatto:
+wozu bist du gesund? Ich staune, was ihr alle aus eurer Gesundheit
+macht. Nein, ich bin entsetzt, was ihr daraus macht.
+Ich muß es aussprechen: ich schäme mich eurer.“
+</p>
+
+<p>
+Kylin ließ sich wie müde auf den Boden, streckte sich, legte
+den Kopf stumm zur Seite, schob die Hände in die weiche Erde.
+Es war als wenn einige diese Bewegung verstanden. Die
+kraushaarige breite Damatile nahm den unsicheren Idatto beim
+Arm, sah ihm ins Gesicht: „Willst du jetzt still sein, kleiner
+Idatto.“ Und während sie schwiegen, stand Kylin langsam
+auf. Damatile faßte ihn bei der Hand. Sie wollte sprechen.
+Aber Kylin hob beide Hände, sah sie an und sah die andern
+an. Und jetzt wußten alle, daß er an Grönland dachte, an die
+Vulkane Gletscher Urtiere. Durch sie alle schwang und dachte
+es. Kylin kaute an seinen dünnen Lippen: „Wir müssen uns
+trennen, Damatile, Freunde. Damit wir nicht zugrunde
+gehen.“ Jetzt verstanden sie es. Der junge magere Idatto
+weinte an der Erde. Kylin hörte ihm eine Weile still zu. Man
+hörte nur das Weinen des jungen Menschen. „Was wollen
+wir weiter miteinander sprechen, Freunde, und uns erregen.
+Sagt es den anderen draußen. Sagt es ihnen deutlich. Aber
+sie werden schon verstehen, wofür wir leben müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Noch tagelang blieben sie im Tal der Aire zusammen. Als
+bei Kylins Gruppe vor dem Tannenwäldchen abends ein
+großes Lagerfeuer brannte und die Unterführer sich bei Kylin
+versammelten, wußten alle Trupps, daß es jetzt zu Ende war.
+Aber in keinem war mehr Leiden Graus Schmerz wie am
+ersten Tage, als man von der Auflösung der Wanderschar hörte.
+Erst saßen die Führer bei dem riesigen blasenden Feuer, starrten
+zurückgelehnt auf dem Moosboden in den lebendigen roten
+Schein. Dann erhob sich Kylin, verneigte sich vor dem Feuer,
+warf, immer vor sich starrend, seine Jacke, seinen Gurt hinein.
+Den Kopf auf den Boden, kniend, verharrte er eine Weile.
+Stand auf, schweigend von den anderen beobachtet, berührte
+mit den Händen die Tannen in seiner Nähe, verneigte sich vor
+<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a>
+ihnen. Wie er sich an seinen Platz am Lagerfeuer setzte, öffnete
+er die Lippen, ohne von dem Feuer wegzusehen: „Ich hab
+euch das zu sagen“, – er redete tonlos, die Hände schlaff auf
+den Knien, – „nein, nichts habe ich euch zu sagen. Ihr seht es
+alle selbst. Dies ist, dies ist das Feuer.“ Und er drückte den
+Kopf fest auf die Brust: „Ich bereue“, er lispelte, „ich bereue.“
+Unsicheres Zusammenrücken in dem Kreis. Kylin flüsterte:
+„Verdeckt es euch nicht. Ich – bin – stark. Ich lasse mich nicht
+zerbrechen. Ich sehe hin. Hinein. Ich sehe ihm ins Gesicht.
+Da. Ich stehe auf. Ich stelle mich ihm gegenüber. Ich sehe
+ihm in die Augen. Hindurch. Tiefer, in den Kopf. Tiefer, in
+den Hals. Ich sehe. Ich wag es. Ich halte aus. Ich bin auf
+den Knien. Aber ich falle nicht um. Meine Augen lassen nicht
+los. Und wenn man Beile nimmt, man schlägt mich davon nicht
+ab.“ Ein Breitschultriger Dunkelhäutiger stand auf, schlurrte
+schwer zu Kylin, kniete hinter ihm hin, starrte über seine Schulter
+mit verbissenem Gesicht. Der fiel knirschend um, grub die
+Stirn in den Boden. Sanftes Wimmern einer Frau; dann
+kreischte sie, die Sehnige mit dem warmen traurigen Gesicht,
+den Flaum über den Lippen. Die Arme hielt sie ausgestreckt:
+„Weg. Grönland Vulkan. Bestien. Weg. Weg das.“ Aufgesprungen,
+davongerast. Männer rückten von der Flamme zurück,
+ingrimmig, dem Rasen nah. Sie sahen, das Feuer, Island,
+sie hatten es ja schon erkannt. Und wie sie sich zwangen:
+sie würgten erbrachen bogen ihren Hals, trieben die
+Augen vor, erbrachen, ließen sich zurückfallen.
+</p>
+
+<p>
+Kylin saß unbewegt; die Augen hatte er in einem wüsten
+Grimm in das Feuer gebohrt, an das Feuer gegeben: „Aushalten.
+Rühr mich keiner an. Entweder ich brenne aus oder
+ich bleibe.“ Damatile, das starke plattnasige Weib, jenseits der
+Flamme, schrie zu Kylin herüber: „Unser Verderber. Du! Wir
+haben alles überstanden, die Turmalinschleier die Drachen. Das
+schlimmste kommt zuletzt: Kylin. Das schlimmste heißt Kylin.
+Er hat die Vulkane aufgerissen und jetzt sind wir dran. Nicht
+zur Besinnung sollen wir kommen. Nicht genesen. Kylin,
+Bestie, Drachen.“ Der stöhnte: „Immer weiter. Für mich.
+Das ist Grönland. Das – ist – Grönland.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a>
+Unter dem Erbrechen Murren Stöhnen der Männer und
+Frauen schleppte sich Idatto, der junge, gegen das Feuer.
+Sein Blick lechzte: „Weggezogen. Wiedergekommen. Ich
+komme schon. Du rückst vor mir nicht aus. Da ich, Idatto.
+Ich bin Idatto. Du bist das Feuer. Du bist Grönland. Ich
+knirsche nicht. Da, ich bin dicht bei dir. Komm nur, brenn
+nur, rase nur, sei mein Feuer, laß dich schlucken. Ah süße Hitze.
+Schlucken in meinen Rachen. Süße heiße strudelnde Luft.
+Hauch in meinen Hals. Ich halte aus.“ Kylin: „Mußt aushalten,
+Idatto. Es ist Grönland. Es ist das Feuer. Du darfst
+dich nicht entziehen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schwarze Niedergefällte ächzte: „Kylin, du. Ich halte
+aus. Wie quälst du uns. Wir waren ja schon gesund.“ „Ich
+mach keinen gesund, keinen krank. Idatto, stütze mich, ich stütze
+dich, sei du mein Freund. Sprich mit mir: ‚Dies ist das Feuer,
+dies ist das Feuer.‘“ „Was soll ich sagen.“ „Dies ist das Feuer.
+Damit es nicht ausweicht, Idatto.“ „Ja, ich will es.“ Und
+sie umklammerten sich beide. Das rote Feuer glutwallte vor
+ihnen. Die Männer und Frauen hielten sich die Ohren zu.
+Die beiden hauchten: „Das ist das Feuer. Das ist Grönland.
+Das Feuer. Grönland. Grönland.“
+</p>
+
+<p>
+Und die andern rafften sich auf, bewegten den Kopf abwärts,
+stotterten: „Ja, ja.“ Denn Kylin und Idatto gaben
+nicht nach. Von dem Würgen und Erbrechen waren die Menschen
+schwach. „Hier mein Tuch. Meinen Gurt“ murmelte
+einer matt, warf den Gurt von sich in das Feuer. Das fraß ihn,
+erhob sich knatternd in Flammen, spie Rauch. „Es muß geschehen.
+Es gibt keine Rettung.“ Und da stürzten schon welche
+vor die beiden umschlungenen Kylin und Idatto, die sich bestärkten:
+„Es ist gut. Ihr seid gut. Wir danken euch. Nehmt
+mich mit auf den Weg. Kylin, daß du uns nicht hast einschlafen
+lassen.“ „Das Feuer. Grönland. Das Feuer. Grönland.“ „Ich
+bin schwach. Ich bin nichts. Ich bete dich an.“ „Gewaltiges.
+Gewalt. Ach ich reiche nicht aus. Geschehe was will.“ Und
+da zogen welche ihre Jacken aus, mit fliegenden Fingern, betasteten
+sie, der Atem flog ihnen, sie ließen die Jacken in das
+Feuer fallen, hielten sich die Ohren zu, wie es knisterte und
+<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a>
+sprühte, schluchzten hilflos, bitter heraus: „Wo ist eine Rettung.“
+Und immer riefen Kylin und Idatto, am Lichtschein
+hängend, unerbittlich: „Feuer. Grönland.“ Schmeichelnd, unter
+einem Zwang, nahmen manche sich die Tücher ab, Bänder,
+was sie lose an sich trugen, drückten sie sich schmeichelnd an das
+zärtlich entspannte Gesicht, warfen es in sanftem Bogen ab
+in die stolze aufprasselnde Flamme. Sie standen in der Umschlingung
+der Finsternis, vom Feuerschein überspielt, das Gesicht
+zogen sie nach rückwärts, dann tauchten sie es wieder ein
+in das weiß-rote Licht.
+</p>
+
+<p>
+Idatto hatte sich mit einem schmelzenden Lächeln von Kylin
+abgelöst. Sachte bog er seine Knie, machte Schritte um das
+Feuer. Schlich um den Brand. In weitem Bogen schlich er
+um den Brand. Die Arme hielt er gehoben, sein Mund zum
+Frohlocken geöffnet, aber er sprach kein Wort. Der junge
+Schmächtige blickte nicht in das Feuer, nur gerade vor sich in
+die lichtdurchzuckte Luft, auf den nadelbestreuten Waldboden.
+Verneigte sich alle paar Schritt. Umkreiste das Feuer. Und
+die, neben denen er lief, standen auf. Seine Stimme kam:
+„Auf! Steht auf. Das Feuer gepriesen. Grönland gepriesen.
+Die Vulkane gepriesen.“ Und die gekrümmten Rücken, geduckten
+Schultern folgten. Seufzten noch, schauderten schluchzten
+in ihrer Angst, aber er kreiste weiter. Kylin kauerte am Boden.
+Wie sie stöhnend und flüsternd vorbeizogen, verlor er die Besinnung,
+lag rückwärts gestreckt im Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Idatto löste sich vom Feuer, lief rufend in den Wald. Vom
+Flußtal der Aire stiegen einzeln, in Scharen Menschen her.
+Erschreckt beängstigt mischten sie sich unter die Herumziehenden.
+Drängten fragten. Sie wußten, man mußte sich trennen. Von
+Grönland ging das Gerede. Das Feuer wehte streng; man schob
+sich an den Brand, warf beschwörend bittend Tücher und Gürtel
+hinein, kaufte sich los. Wie viele knieten; die Angst bezwungen.
+</p>
+
+<p>
+Man hob Kylin auf. Er stierte in das Gewimmel, horchte
+auf das Raunen Rufen Aufschreien. Idatto führte ihn.
+Kylin lächelte fremd: „Habt ihr Furcht vor mir? Ich bin der,
+der auf Island den Herdubreid und Krabla gesprengt hat. Ihr
+habt keine Furcht vor mir. Ihr seht ja, was wir hingebaut
+<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a>
+haben: das Feuer. Das große große Feuer. Keine Furcht.
+Weicht ihm nicht aus. Auch den Vulkanen und Grönland nicht.
+Sie sind sonst ein Gefängnisvogt, der auf euch wartet, euch in
+Ketten werfen will. Keine Furcht. Ihr müßt das Feuer ansehen,
+bis ihr es aushaltet. Seht das große Feuer. Seht es an.“
+„Näher, näher. Es zerreißt nicht. Ach wie es blüht. Grüßt es.
+Grüßt es. Grüßt Island. Unsere Heimat. Verneigt euch.
+Grüßt.“ Viele stürzten hin. Die Rufe brausten durch den Wald.
+</p>
+
+<p>
+Kylin trat langsam an den Brand, während die Flammen
+unter neuem Holz brodelten. Die Führer um ihn wurden
+still, schwärmerisch verzückt ehrfürchtig an dem Feuer hängend.
+Kylin ließ sein hartes Gesicht bescheinen: „Da brennt es.
+Wärmt. Brennendes Flammenfeuer. Es hat die Vulkane auf
+Island zerrissen. Die Gletscher gesprengt. Das ist wie Wasser,
+das die Schiffe zerschlägt und die Schiffe trägt. Wohl uns,
+daß wir nicht auf den Shetlands verdorrt sind. Die Angst hat
+uns verlassen. Ich verneige mich schon. Du brennst, wenn wir
+nahe kommen. Laß dich besänftigen. Sei uns gnädig. Sei
+uns allen gnädig.“ Idatto hielt Kylin umfaßt. „Nun frage ich
+dich, Idatto, ob du verhungern und sterben oder leben willst.
+Haben wir ein Recht zu sterben. Ein lebendiges Wesen die
+Welt: das ist ungeheuer zu denken. Ist es möglich zu sterben,
+nachdem wir dies wissen. Hör wie sie rufen. Sie verstehen
+alles wie wir. Dies verstehen alle Menschen. Es ist keine
+Zaubersprache, die wir verstecken können. Idatto, du junger.
+Wir werden uns bald trennen. Jeder wird einzeln gehen. Ich
+muß leben, du auch, die andern. Das Feuer preisen. Und was
+wir gesehen haben. Jetzt kommt das Leben.“
+</p>
+
+<p>
+Damatile, die starke schwarzhaarige Frau vor ihnen, streckte
+wagerecht selig die Arme hin, lächelte durch die Spalten der
+geschlossenen Augen. Wie von einem Vogel lockte gluckerte
+ihre Stimme: „Wie kamen wir auf den Einfall, zusammen zu
+bleiben, um uns totschlagen zu lassen. Wie ein Bad ist dies,
+eine Wonne, in der ich liege. Eben ist uns das Bad gerichtet,
+das Wasser eingelassen. Eben sind wir aufgenommen.“ Die
+gelbliche langsame Schachara rief hinten: „Damatile.“ „Hier
+steht Damatile, macht die Augen nicht auf.“ „Ach, da bist du.
+<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a>
+Ich bin’s.“ „Wer denn?“ „Schachara.“ „Schachara sagst du.“
+„Damatile, ich kann alles aussprechen. Das ist das Feuer, das
+wir in Island geholt haben. Ich bin über den Herdubreid geflogen.
+Er war schon aufgebrochen. Diese Flamme. Es war
+diese Flamme. Ich erkenne sie wieder.“ „Ja, Schachara. Und
+schließ die Augen, sage was du dann fühlst.“ „Was?“ „Die
+Augen geschlossen, Schachara?“ „Ja.“ „Leg deine Hände hinter
+den Kopf wie ich, halte den Kopf zurück. Hör nicht, was sie
+rufen. Fühl nur. Fühl in deine Finger, fühl in dein Gesicht, in
+deinen Mund, fühl in deinen Leib, deine Beine herunter, in deine
+Füße. Fühlst du. Ach, ich kann nicht sprechen. Nicht über meine
+Lippen. Ach Schachara, ich, ich kann es nicht aussprechen. Es ist
+wieder da. Hab keine Furcht, fühl es nur. Bleib stehen. Das
+Süße Sanfte Sanfte Wilde und Starke. In meinem Hals, in den
+Knien, über dem Rücken, in meinen Augen. Ach. Brennt fließt.
+So. So. Ich brenne selbst. Nicht zu sprechen. Nicht zu sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Die andere lispelnd versenkt: „Nicht zu sprechen, Damatile.“
+</p>
+
+<p>
+Idatto hatte einen alten Buchenstamm erklettert. Die
+Splitter des Strunks umfassend hing er oben, träumte über
+das Wogen der Menschen hinweg, in den immer gewaltiger
+angefachten Brand: „Die welken Blätter. Die Luft. Ich laß
+mich fallen. Ich laß mich fallen. Oh hilf mir einer, daß ich
+nicht verschwinde.“
+</p>
+
+<p>
+An diesem Abend und in dieser Nacht rangen sich die Führer
+von der letzten Verstörung los. Kylin zog in der Nacht die
+Unterführer zu sich; er wolle, bevor sie sich trennten, ihnen
+etwas mitgeben. Es war ein Zeichen, das sie festhalten sollten.
+Er trug einen kleinen Dolch. Das Griffende aus Bronze zeigte
+hochgetrieben die Linien eines geöffneten Berges, aus dem eine
+züngelnde Flamme schoß. Den Griff des Dolches erhitzte Kylin,
+drückte als erster das Zeichen sich dann Idatto in den Unterarm.
+Das Zeichen nahm in dieser Nacht das ganze Heer der Führer.
+Sie bogen sich, wie der Schmerz in sie schoß, schlossen die Augen,
+waren stiller als vorher. Bei Morgengrauen lösten sich ohne
+Abschied die ersten kleinen Gruppen von der Schar. Als das
+Feuer mittags zusammensinterte, war das Wäldchen und Flußtal
+der Aire leer.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-10">
+<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a>
+<span class="line1">Neuntes Buch.</span><br>
+<span class="line2">Venaska</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a>
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge.
+Flach gewölbt war es, vom Wasser und Regen bis auf den
+Sockel zerstört. Senkte seine Oberfläche nach Westen unter die
+weiten eingeebneten Beckenlandschaften. Vulkane hatten die
+alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die Hebung
+der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes.
+Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler,
+Basalt- und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen.
+Ein Krater senkte sich hundert Meter ein. Von den Gletschern
+des Gotthard kam die Rhone herunter. Gießbäche verstärkten
+sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte ihr schlammiges Wasser
+in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat sie aus dem
+Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr
+von Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie
+mit Wasser, rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte
+der Fluß durch die lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die
+Nachbarländer schickten ihm neue Wasser zu. Noch einmal
+traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt hatten, an seine
+Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende Ufer.
+Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum Meeresgestade,
+ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten
+im Meer.
+</p>
+
+<p>
+Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das
+Schwemmland, zwischen sanften Hügeln und Weinbergen.
+Weiß blau rosa schimmernd im Süden die Ketten der Pyrenäen.
+An der atlantischen Küste warf der Wind einen Wall
+auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die
+das Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen
+Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille
+<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a>
+und Bordeaux. Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden
+Kreis. Die Städte stiegen wie die nördlichen mit der
+Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. Auf den Flächen des
+fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den Schuttablagerungen
+der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen-
+und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie,
+hielten sich an den Ufern der starken Flüsse.
+</p>
+
+<p>
+Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen
+kleine Scharen der britischen Siedler die Inseln, auf denen
+man sie ausrotten konnte. Im Norden und um sie herum
+stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten Gruppen der wandernden
+Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal der
+Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit
+ihren Scharen in das Land, das einmal Melise, die grausame
+Königin von Bordeaux, beherrscht hatte. In das Becken zwischen
+den Pyrenäen, dem östlichen Gebirgsmassiv und dem
+Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen Auen der
+Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den
+Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In
+den Forsten, besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen
+verloren sie sich unter die alten halbspanischen und
+afrikanischen Siedler.
+</p>
+
+<p>
+Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der
+Charente, um das breite Bett der Garonne. Die Schlangen
+hatten von der britischen Insel ihre dunklen Lehren von der
+Wanderung in der Liebesumarmung und Entrückung mitgebracht.
+Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der
+Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten,
+bewegten sie sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend,
+Männer und Frauen. Die Finsternisse Nebel kalten
+Winde Fröste der britischen Insel waren nicht hier. Die Gewalten
+der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war nur
+der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings
+und Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in
+die Mündung der großen Gironde lief und über die Äcker hinschlug.
+Schlafende Wildnis, Gartenfluren, goldener Ginster,
+zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein Blitz, vor dem sie
+<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a>
+sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die Tiefe gesunkenen
+Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und
+Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab,
+fuhren sie in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer
+sahen auch die großen Luftfrachter, die regelmäßig täglich die
+Salze Säuren Steinlasten von Norden hertrugen. Von
+keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf dem reichen
+Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und
+rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und
+Schwemmland, auf pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen,
+unter dem hochstämmigen Kirschlorbeer, neben wilden
+dichtzweigigen Akazien, die ihre Blattbüschel über kleine Bäche
+ausluden.
+</p>
+
+<p>
+Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden
+gingen, der Wein und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr
+Drang zueinander nach der langen Entfremdung tief. Es
+gingen nach den Schlangen mit White Baker Gruppen nach
+Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer fränkischer
+jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. Dieses
+grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch
+erregend sich zu entäußern, umzustülpen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ervadak</span> saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer,
+der junge noch gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me,
+Mein-Licht, die Frau, die am Dordogneufer neben ihm siedelte.
+Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war schon oft mit ihm in
+das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, hatte mit
+ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von
+neuem, die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß
+bewegungslos unter dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer.
+Sie lachte zwischen den Erbsenstauden: „Servadak, du
+sitzt an dem Baum, als wärst du seine Wurzel. Sieh einmal
+über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ „Light-for-me, du
+hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, Servadak,
+wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden
+noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und
+<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a>
+wenn ich Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen
+geben.“ „Ich werde sie füttern. Und die andern auch.“ „Ich
+hab Arme, Servadak, und es sind meine Kinder. Ich sitz’ nicht
+unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ „Komm zu mir,
+Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir.
+Und meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir,
+Light-for-me. Mein Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur
+hier, doch nur für dich, sehe deinen Acker an, bin froh, daß du
+darüber gehst. Sieh meine Erbsen. Taugen die nichts?“ Sie
+lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist dazwischen. Ich
+helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ „Willst
+du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur
+näher sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir
+hilft es. Mir hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“
+„Ach, lieber Freund. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du
+bist so blaß. Und wie lange sind wir schon von Bedford weg.“
+„Ich bin schon hundert Jahre von Bedford weg. Als ich dich
+an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert Jahre
+um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum
+ersten Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm
+zu mir, Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak.
+Wenn ich auf mein Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel
+da.“ „Aber der Drossel antwortet eine andere.“ „Ich antworte
+doch auch.“ „Keine Drossel bist du. Nicht antwortest du mir.“
+Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie senkte den Kopf an
+den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief langsam,
+dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel,
+küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen.
+</p>
+
+<p>
+Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag.
+Zart war sie immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das
+schlanke Figürchen, immer rege, leicht ermattend, der Blick erst
+schwach ergeben um Bäume Erden Menschen, täglich mehr
+wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die strenge Arbeitstracht
+der britischen Siedler, graue braune lange Jacke,
+schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden.
+Als sie sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand,
+stand er unter dem Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir
+<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a>
+bringe ich etwas. Eine bunte Jacke. Sieh doch, was sie für
+bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte Jacken?“ „Die
+Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja
+gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht,
+was sagst du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“
+„Nein, nicht weiter sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir
+nicht bange.“ „Was willst du mir geben, ein Tuch? Eine
+Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner Hand ist, will
+ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach
+Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser
+unter dem Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus
+London gekommen wärst.“ „Hundert Jahre bin ich aus London
+weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch blaß bin. Ich arbeite,
+sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir die bunte
+Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du
+mich an, Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh,
+das ist grüne Wolle. Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst
+du aussehen.“ „Ich werde gut aussehen? Zeig. So. Wie
+sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich doch selbst an.“
+„Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich nicht immer
+anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön.
+Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn
+fröhlich durch seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte
+ihn dem Kirschlorbeer: „Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum.
+Jetzt sitzt er nicht mehr bei dir. Er braucht Licht.
+Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie führte ihn auf
+ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte
+Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze
+dir eine frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen,
+was sagst du zu Servadaks Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“
+„Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich will sie in meine Hand
+nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. Und wenn sie
+welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in meine
+Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend
+den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich
+anders.“ „Du bist doch mein Licht.“ „Nenne mich anders.
+Ich möchte Krokus heißen oder Lüftchen oder – ich bin
+<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a>
+Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ „Ja, du
+magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme
+sie dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du
+magst das Licht doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak,
+mein Nachtfalter. Oh bist du krank von London.“ „Ich
+habe so viel, so viel Menschen entbehrt, Majelle. Jetzt habe ich
+dich. Sei mir nicht gram.“
+</p>
+
+<p>
+Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie
+bei den großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin
+dieser Gruppe der Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu
+der Hütte ein; sie machte glücklich und traurig die Wanderung
+mit ihm. Wartete, ob er sich verändere. Aber von jeder Wanderung
+kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. Ihr Acker lag dicht
+bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den Baumstämmen
+dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen
+ihres Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter
+Obstbäume ansehe, ob er sich über ihre Hühner freue. Er
+freute sich, aber sein Lächeln zeigte, er freute sich über sie.
+Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. Sie schwamm
+wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben
+ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein
+glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh
+was was was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht
+krank. Ich möchte ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet.
+Er verschlingt mich. Was soll ich tun.“
+</p>
+
+<p>
+Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen.
+Die lachte: „Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst
+weit von uns allen entfernt mit deinem Servadak. Würdest
+du näher wohnen und öfter zu uns kommen, wüßtest du schon:
+das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern und Frauen
+nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu
+haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich
+bejammere ihn ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet
+er. Aber nichts betrachtet er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich
+habe es gesehen, als er bei mir saß: es hat ihm nichts ausgemacht,
+ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene Trüffeln
+gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ Majelle
+<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a>
+weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“
+„Du Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch,
+Diuwa. Er ist gut, Servadak. Er hat grausig in London gelitten.
+Er kannte nichts als Maschinen und das Spiel und
+Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist er zu uns gekommen.
+Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird
+nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann:
+„Eins will ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt
+du nicht glauben, daß du allen Schmerz zurückgelassen hast.
+Majelle. Der Schmerz das Unglück ist nicht nur in London.
+Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. Sogar
+hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der
+Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du
+könntest Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in
+der Hütte bist auf einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das
+haben schon manch andere getan, Mädchen und Männer. Es
+ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt es selbst,
+zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem Hinsterben.
+Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das
+stirbt. Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt,
+sich fallen läßt, sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks.
+Du ersparst ihm nur die Rückkehr. Laß ihn drüben.
+Jetzt bist du still.“ Lange war Majelle still, auf dem Schoß der
+Führerin, an ihre Brust verkrochen. Hauchte: „Das kann ich
+nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit ihm wanderst.“
+Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes
+denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein
+Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“
+Majelle umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“
+„Nicht spielen, lieber Schmetterling. Willst du mir deinen
+Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ „Vielleicht zähme ich ihn.
+Vielleicht ist er eine Schlange, eine richtige mit Giftzähnen,
+und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll ich’s
+tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“
+</p>
+
+<p>
+„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu
+den andern, Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich
+wegschicken.“ „Sie will dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir
+<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a>
+kommen. So lange habe ich an meinem Lorbeerbaum gesessen.
+Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich verklagt.
+Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen
+mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir
+selbst so oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen.
+Ich muß dir ein Geständnis machen meine Hand, mein Hals,
+mein Kräuselhaar, mein Planet, meine Sonne, meine Erde,
+meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den zehnten Teil
+sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch nicht
+mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht
+so, Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil
+du bei der Diuwa meinetwegen warst.“ „Was willst du mir
+denn sagen, Servadak, süßer Servadak. Du fliegst ja so.“
+„Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen zu, Servadak,
+süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest umklammert,
+den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen nicht
+wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“
+„Nie mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was
+soll das.“ „Nichts. Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen
+werden mich holen. Einmal werden sie mich doch holen.
+Sie haben schon andere geholt. Ich habe es gehört.“ „So
+laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei dir.
+Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle
+ihn mir noch um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem.
+Sie müssen mich von dir abhacken. Ich habe dich. Hier meine
+Knie an deinem, mein Kopf an deinem.“ „Mich los, Servadak.
+Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ „Ich falle.“ Und
+sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. „Majelle,
+süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein,
+was kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist
+du.“ Er schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du
+schreien, mein Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak.
+Ich war immer gut zu dir. Ich habe dir im Garten geholfen.
+Wie oft bin ich in der Hütte mit dir gewesen.“ „Wenn du da
+warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es vorbei.
+Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich
+fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will
+<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a>
+sie nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und
+ergib dich drein, Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe,
+Servadak, in deinen Armen. Du darfst mich hier nicht umarmen.
+Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er stöhnte litt, war
+im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist Servadak.
+Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach
+meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr
+von deinem Hals. Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“
+„Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie wimmerte nur noch. Dann zog
+sie mit einem hohen Seufzer die weißen Lippen von den Zähnen
+hoch. Lag schlaff ohnmächtig.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen.
+Er stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper
+über die Schulter, wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie
+in seinem Holzhaus auf das Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie
+sie um sich blickte. Er lag am Boden, lächelte sie an. „Was ist.
+Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie sprang auf, ihre Blicke
+durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du sollst zur
+Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir gekommen.“
+„Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei
+mir, Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf
+mein Feld.“ „Das kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein
+Feld. Dieses Haus ist dein Haus und mein Haus. Hier wohnst
+du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du jetzt hier, Majelle. Ich
+kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht verlangen, daß
+ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ „Du
+bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“
+„Und ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines
+Körpers. Jetzt bist du hier und wirst immer bei mir sein. Wie
+ein Baum und sein Schatten gehören wir zusammen; man kann
+sie nicht auseinanderreißen.“ Er zitterte, seinen Arm hatte er
+um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er war. Ihr war zum
+Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die Hände
+auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es an,
+bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch
+mein Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter
+dem Kirschlorbeer. Komm hin, setz dich da. Ich werde mich
+<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a>
+neben dich setzen. Du siehst zu mir herüber. Du hörst meine
+Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst nach den Spatzen
+mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. Der
+Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du!
+So wonnig ist alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht.
+Hör mich doch. Oh du ängstigst mich so. Du bist doch auch mein
+Glück.“ „Du bist mein einziges Glück.“
+</p>
+
+<p>
+Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen
+blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich
+entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte
+mit dem Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht
+weggehen. Oh, Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine
+Hand. Sie rang sich noch ab, wie sie ihn auf das Bett gelegt
+hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in mein Haus. Ich komme
+bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, drückte still die
+Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf ihr
+Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich
+zwischen den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor
+ihren Schmerz stille zu sein, weinte schluchzte sich die
+Brust müde.
+</p>
+
+<p>
+Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot
+und dick: „Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak,
+mein Freund, wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll.
+Heile ihn. Hilf uns. Mach mit uns, was du willst.“ „Du hast
+geweint. Was willst du?“ „Ich weiß nicht, was ich will.“ „Nun
+sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder weinen, Majelle,
+du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den Abenduntergang,
+Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben
+Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von
+Gold und Blut, braust und donnert durcheinander. Und das
+Meer kann nicht stille halten; die ganze Wasserfläche zittert und
+die Luft; das Glühen, Purpur. Und dann wird es stiller. Dann
+siehst du von deinem Hügel mit einmal Bäume. Sind Bäume
+aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen Äste
+gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast
+sie nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt
+sind, die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der
+<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a>
+Himmel. So weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur
+so, im ersten Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten
+Farben sind schon da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein
+rötliches Violett, es ist schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe
+es Abend um Abend, wie es vom Meer über uns hingeht. Da
+stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume ganz da: Die Felder
+und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle eingerundet, und
+immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. Majelle, so
+kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen
+Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln
+Artischocken Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur
+Purpur Donnern Untergang Tod. Was machen deine Gräser
+und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an der
+Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“
+„Ich will dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor
+mir schäme. Ich bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt.
+Ich fühl’ es nur, ich weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich
+bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf dem Feld. Was machen sie?
+Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest Artischocken gepflanzt.“
+„Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind gut,
+und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“,
+sie winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit
+öffnete – „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen.
+Ich kann dir nicht sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht
+hassen. Ich verliere mich, euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle.
+Ist das nun das Purpur oder das Violett und die Bäume.“
+„Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm ihn. Ich
+kann mich nicht halten. Tu es für mich.“
+</p>
+
+<p>
+Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die
+Tauben flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen
+traten in Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt
+mir den Ring nicht ab“ ächzte er, als sie an seinem Fuß nach
+dem Schlangenabzeichen griffen. Sie führten ihn nach Westen
+in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den man in einen
+stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige dunkelrote
+Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib
+wurde gedehnt. Majelle war fern, blieb fern.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a>
+Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen
+verbrennende verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel,
+hinbleichende Luft, große wie ein Riesenschiff aus dem
+Meer anwogende Nacht. Rebgelände Bäche Menschensingen.
+Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne glommen. Da
+waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das
+gab es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf
+dem Stroh. Wann würde er die Überfahrt von London beenden.
+In ihm weinte es: Ganz hinten an der Garonne gab
+es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging über ihren
+Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune Augen.
+Nicht daran denken. Wegtun Majelle.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">m</span> Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien,
+der Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte
+sich Venaska, eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe
+und schwarzem dichten Haar. Sie war in dieses Gebiet der
+Schlangen von Süden gekommen. Der Schnitt ihrer Augen,
+die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch als europäisch.
+Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der
+milden Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen
+Platz ein wie Diuwa im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren
+langsamen Bewegungen, die ein kühlwarmer Leib ausführte, –
+zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – drang sie unauffällig
+in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht mokantes
+Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen
+Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr
+begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und
+sich leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen
+und Männer, die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am
+breiten Canal du Midi, am Flüßchen Saune. Man kannte sie
+nicht, wenn man sie in der sommerlichen gelben Siedlertracht
+herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts tat. Man
+arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen Hummer,
+kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer
+ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen
+<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a>
+sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen
+Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust
+grüne und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern
+und Frauen, sah hier auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten,
+ging lächelnd und träumend unter dem Geplauder ihrer Begleitung
+die gewundenen Hügelwege, spielte mit den langen
+Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer Bäuerin
+im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die
+Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu:
+das Herz stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach,
+besonders Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen,
+nach der kühlen festen immer leicht zuckenden Hand. Und
+war Venaska vorbei, so kam ihnen vor, im Hals, in der Brust, als
+wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen rasch, es war ihnen zum
+Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen glänzten. Sie mußten
+sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie kamen nicht
+zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den Kieferwaldungen
+und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt,
+die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne
+daß sie wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf
+sie zudrängte, und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska
+gab nichts von sich, was sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer
+fremden Frau stand, mit ihr Blick in Blick über einem Zaun, einem
+Busch, die Hand hinüberstreckend, wurde sie blaß, biß sich die Lippen,
+wandte sich verwirrt ab. So schwächte sie, was sie von sich
+gab. Von Island fuhren durch das arktische Meer zwischen den
+Schiffen des Expeditionskorps die großen Frachter, die Hallen mit
+den ausgespannten leicht surrenden glimmenden Turmalinnetzen.
+Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang Algen
+wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe,
+stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die
+Menschen auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du
+Midi und der Saune von ihrem Boden, von der Egge der schlanken
+aufrechten Gestalt zu, die wie ihresgleichen war, und deren
+Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter Schärfe ins Herz zuckte.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und
+erzählte, sie wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen,
+<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a>
+ein flaches Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer
+alten Mauer. Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten
+sich an dem alten Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen
+Zweige herüber. Dunkelgrün waren ihre Blätter, rauh mit
+Borsten, an der Unterseite hell weichhaarig. Die birnförmige
+violette Frucht hielt Venaska oft zwischen den Händen, rollte sie,
+hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, eine Göttin.
+Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und inwendig
+ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die
+Nüsse hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine
+Göttin.“ Sie nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der
+jungen Frucht, beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr
+bestrichenen behauchten Blättern. So ging sie an der sanft
+fließenden Saune, schlank und biegsam auf hohen Beinen mit
+leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen den Arm
+um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte,
+verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt,
+was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist.
+</p>
+
+<p>
+Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf
+sie am Tag oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem
+wiegenden Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte
+Brusthügel, tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe,
+waren ihre Arme nur Ranken, die etwas suchten, worum
+sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete leise, gleichmäßig und
+immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme von Männern
+und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska,
+Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich,
+kehlte. Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere,
+das an ihrem Körper hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben,
+schon nicht mehr drängend, die Lippen. Hatte in rasch
+verschwindenden Sekunden einen Hang, sich zu lösen, abzuziehen.
+Venaskas Augen fingen an, sich zu weiten, tiefschwarz
+mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte sie an ihrer
+Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den Hinterkopf,
+strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es
+kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre
+Berührung erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen
+<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a>
+hingleitenden Körper umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend
+über Rumpf und Schenkel, mit jedem Teil seines Leibs verlangte
+in dem andern zu wurzeln. Als wäre Venaska eine Blase und
+spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen Zubodenrollen
+Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln
+Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien
+Keifen wie mit einem Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln
+Stöhnen Keifen Flehen Drohen Wüten. Und wieder
+Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln schmeichelndes
+Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft sich
+in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten
+Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten
+Armen, als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und
+dann ächzendes erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken
+Blitze Gewitter lodernd. Das Wesen aber an dem Körper der
+braunen flutenden Venaska wurde bewegt, gehoben wie ein
+Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper
+rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben
+verschwand. Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte
+an der tosenden Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander.
+</p>
+
+<p>
+Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich
+Venaska mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten,
+atmete, tiefer, tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie
+sie zu sich, schlenderte auf den Hof, senkte die Hände in das
+dunkle Feigengebüsch, ließ die Blätter und Äste um sich schlagen.
+Kam als die fließende weiche Venaska hervor, die die schlanken
+Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen wiegenden braunen
+Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr tonloser Ruf,
+Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr karmoisinfarbenes
+Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt behängte
+schlafende Vulkan.
+</p>
+
+<p>
+Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden
+Straßentrümmer Anlagen Forste überzogen die Siedler. In
+Toulouse setzte sich Venaska nieder. Die Steine Schienen der
+versunkenen unterirdisch tosenden Riesenstadt ließ sie von den
+Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. In dieser Ebene
+wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, die
+<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a>
+weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden
+Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die
+Schlangen bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog.
+Venaska mochte gern zwischen den stummen zersprengten
+Mauern, in den toten langen Straßen gehen, ihre Schritte
+furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie Schuttmassen der
+Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der Stadtschaft in
+der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand sie an
+dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig
+aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies
+Gebäude, seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie
+wache, daß ihm nichts geschehe.
+</p>
+
+<p>
+In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen
+und fremde Siedler aus. An der Garonne und der breiten
+Rhone gediehen sie. Neben den flachen Fabrikhallen Ruinen,
+standen die römischen Triumphbogen mit Inschriften über aufrührerischen
+Hallen. Zwei- dreitausendjährige römische Amphitheater
+bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim
+grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone
+ab; die düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben
+waren zerbröckelt, von Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen.
+Siedler, kranke genesende, aus den brüllenden krampfenden
+europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber an das
+unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog
+im karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige
+Tal der Garonne bis in die Gegenden, die die starke Melise
+beherrscht hatte. Sie weckte die Landschaft auf. Ein Schmelzen
+um Venaska. War sie vorbei, so knirschten die Menschen
+vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde in manchen
+Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen
+Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre
+der Schlangen, von der Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten
+sie nichts wissen. Das Niederstürzen von Mann und Weib war
+ihnen eine Lust. In der Gegend des alten Bistums Perigueux
+sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs Frauen wider
+ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er war
+eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte
+<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a>
+ihn angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere
+Frauen quälte er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und
+Tritt, daß er Frauen für nichts achtete. Die Schlangen waren
+machtlos gegen ihn, da er sich ihnen entzog.
+</p>
+
+<p>
+Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der
+Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen.
+Das war die höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße,
+auch gelbbraune Menschen mit weicher Rundung der Schultern.
+Graziös bewegten sie sich auf den Wegen unter dem Blütenregen
+der Akazien, schlenderten über die Wiesen, stiegen in die
+Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man
+hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen
+wenig auf Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig
+diese Wesen hin, die als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen
+waren, die fülligen Becken leicht wiegend, manche scheu und ihr
+Geheimnis nicht offenbarend, manche in verwegener Mischung
+der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf dem Haar,
+dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen
+Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie
+erst nicht erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und
+im zarten Andrängen ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts
+fühlen, fühlten bebend und heiß die Erschütterung und
+Bannung des Mädchens, der Frau mit, die nicht wußte, was
+sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten umschlang. So
+starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden.
+Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben,
+die sie für schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz
+lockte. Sie fielen vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im
+Geheimsten aufgerührt, fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche
+Jüngling, sich in ihren Armen bewegte, drängend und saugend.
+Viele erschienen auf dem grünen Boden und erregten die
+Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen
+erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und
+rosa gekleidet von der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete,
+sang und das die Venaska selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf
+war Tika On, mit heller Knabenstimme sang sie, lachte.
+Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht klar. Sie küßte hitzig
+<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a>
+Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen zu umschlingen,
+um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich gehässig
+von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam
+nach ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte
+sie, lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht
+an ihr eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte
+sie sich, die immer milde und süß war. Schließlich mußte die
+Frau in Toulouse sie von sich abreißen. Zum erstenmal sah
+man an der braunen zarten spöttischen Frau ein Grauen. Ihre
+Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen mußte,
+die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr fernhielten.
+Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale,
+wo Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte:
+„Sie fühlt, wer sie ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen.
+Ihr müßt mir nicht böse sein, ich kann ihr nicht helfen. Sie ist
+in der Geburt; ich kann ihr nicht helfen.“ Tika On umschwärmte
+noch monatelang die Venaska, verscholl im Norden.
+</p>
+
+<p>
+Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer
+nördlichen Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern
+los, tauchte in das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals.
+Die Forsten, in denen er einmal gejagt hatte, waren wild
+zugewachsen. In die Schneeberge der Auvergne, am Plomb de
+Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, strudelrasselte am
+Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase glühte von
+Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab.
+</p>
+
+<p>
+Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem
+Menschengewimmel hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten
+in die Hölzer und Steine getrieben, wogten wie ein
+Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, drangen, schlangen sich,
+quollen in das warme treibende Menschenblut, flossen in helle
+und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich in springenden
+Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein
+einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen
+bleich und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die
+ersten Knochen hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt
+hatte –, bis ihm sein König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte
+hatte er gelauert, schon war er fast abgestorben. Da schwoll
+<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a>
+dieser Wolkenbruch über den verdorrten Boden. Frenetisch schoß
+er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs Menschen lief la Mole,
+dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf abgeschlagen
+hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die Leiber
+wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen,
+ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk,
+blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der
+Garonne, in der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das
+Wasser hatte ihn nicht verspülen können. Er zuckte über die
+kieferbestandenen Ufer, stolzierte als kecke Dirne mit knappem
+Busen über die gelben Äcker und zwischen den Weinbergen,
+suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er
+eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst
+in den Hals und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über
+das vertrocknete Land. Venaska zog von Flur zu Flur, die
+Diuwa sänftigte an der Garonne.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel
+des Puy-de-Dôme erschienen die ersten Islandfahrer, in das
+aquitanische Tiefland sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter
+ernster noch matt blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer
+wanderten sie und trieben ihre Pferde, wie sie unter dem
+blauen und blaueren Himmel den Fruchtboden der alten verwitterten
+Lavaschichten betraten, meilenweite Gärten sich auftaten,
+Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende Touraine.
+Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die
+Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken
+gestanden hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich
+unter dieser Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben
+sie durch die schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire
+hinter sich lassend, stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte
+die Höhlen Klüfte Gänge des Gesteins. Gefangene nach Gefangenen
+waren hier versickert; sie tosten um ihn, trieben ihn
+hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden Plätzen die
+Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht.
+Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich
+<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a>
+möchte hier fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto,
+fürchte dich nicht vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel
+im Norden, durch den wir mußten. Da ist einer im Süden.“
+„Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will keine Versuchung.“
+„Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind durch Island
+gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier
+ist ein Nebel.“
+</p>
+
+<p>
+Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk
+nicht durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von
+White Baker. Sie hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler
+nach dem Festland hinüberzuführen, sank dann in sich zurück.
+Wie ein Baum, der lange üppig geblüht hat und dann alternd
+Borke um Borke ansetzt, sich selbst vermauert, ein Visier über sein
+Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert versteinert, so grub sich
+White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe der Diuwa.
+Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen
+über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem
+Fluß wie die andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu.
+Hatte aber einen leeren großen Ausdruck, der wie Ernst schien.
+Rot runzellos ihr Gesicht. In der Kammer bei der Diuwa saß
+sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, ließ den Wind um
+sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre schwere
+fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult
+Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid,
+gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel
+Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig
+unversehrt das brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt
+war sie. Hatte sich zum Sitz von berauschenden Geistern
+gemacht, die nur sie verstand.
+</p>
+
+<p>
+Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On
+in Kylins Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“
+staunte der harte Kylin, ließ sie gewähren. In seiner Gruppe
+war schon eine Unruhe, ein süß leidendes Bedrängtsein. Kylin
+sah, wie man sich wehrte. Tika On, die rothaarige, hatte einen
+Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche Glieder hängen,
+sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe umschlingen
+sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben
+<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a>
+Tag zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr.
+Schnurrend, mit dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde
+in ein Buschwerk. Dort erdrosselte er sie.
+</p>
+
+<p>
+In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln
+fanden ihn abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften
+roten Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben,
+um ihn zu begraben. Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft
+die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er wartete, bis Frauen und
+Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die rothaarige.
+Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an.
+So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den
+Leib tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt.
+Weißt du, Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in
+Tränen, bitter mit zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“
+„Das ist’s. Ich wußte es. Der Nebel. Er packt dich. Aber
+wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich nenne ihn bei Namen, ich
+sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die Lippe, weinte laut,
+hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine Schwarzhaarige
+brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete sie
+Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was
+hier gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt
+sie wieder her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem
+kleinen liegenden Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt.
+Hab’ es getan. Was habt ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“
+„Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich hab’ den halben Tag hier gelegen
+bei der Leiche; ihr habt sie noch lange nicht genug gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm
+die Zweige des Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für
+Idatto und für andere. Wir wollen nicht mit ihnen rechten.
+Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. Laß ihnen Zeit.“ Da
+stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: „Das Land
+fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es
+ist gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran
+zu denken.“ Vor ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter
+des bärtigen Mannes: „Sage du, war Tika On eine Verbrecherin?
+War sie nicht lebendig, ein Lebendes, vor dem ich hinfallen
+darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den Augen.
+<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a>
+Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den
+Leichnam verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine
+Flamme! In die Erde. Ich sage: in die Erde.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und
+seiner Gruppe ein und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie
+wollten sich in der fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen,
+aber Kylin schob sie kalt und ohne Erklärung weiter.
+Viele dieser gehärteten Menschen schmolzen, wie sie sich über dem
+Land verbreiteten. Rechts und links blieben sie in den Siedlungen.
+Sie pflügten sangen lachten mit den Starken Wonnigen
+an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern.
+Sie kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr
+Grauen, Island ließ sie los.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den
+Mord an der Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine
+Anzahl mit Kylin war sicher. Man sah, daß er rang wie die
+anderen und litt und nicht sprechen konnte, daß er in einem
+zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land hinein verlangte.
+Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm gewachsen;
+leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen.
+</p>
+
+<p>
+Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der
+Nähe sei. Die gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd,
+goldgestickten Hosen, gab ihm auf dem Erdbeerfeld die Hand.
+„Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich wollte dich lange
+sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt du,
+wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß.
+Ich bin Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus
+Grönland.“ „Grönland ist weit. Nun freue ich mich, daß ich
+dich sehe.“ Sie strich seine Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit:
+„Venaska, ich wollte dir erzählen, was nicht mit Grönland
+zusammenhängt. Wir sind bei Montauban einer rothaarigen
+Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die habe
+ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog
+sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen
+Boden sah sie; still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen
+Namen. Zwei Frauen erhoben sich aus dem Feld, liefen neben
+<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a>
+sie. Klagend schwach Venaska: „Dieser Mann heißt Kylin. Er
+hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist er ihr begegnet.“
+Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf der
+Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will
+dich allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das
+kann ich nicht. Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“
+„Du bist es. Ich fühle es.“ Sie nahm den Arm einer
+Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns setzen.“
+</p>
+
+<p>
+In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie
+setzte sich in einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht.
+„Was willst du von mir, Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet
+Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß dich erfahren.“ „Was ist
+das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil man uns schickte,
+Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, hatten
+uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und
+über Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate
+auszuführen. Das ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas
+Furchtbares überschüttet, uns gerüttelt mich und die anderen,
+die noch leben blieben. Das war das Zweite. Dann haben wir,
+habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich wollte das,
+was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer
+kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich
+Tika On beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie
+nicht aufgesucht, sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur
+den Ton deiner Worte. Was willst du von mir.“ Kalt blickte der
+langbärtige Mann auf sie: „Du bist nicht gekommen. Dich habe
+ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich fühle.“ „Weißt du,
+was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der Nebel.
+Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge
+ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem
+Winkel auf: „Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er
+wartete, immer dachte er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber
+nur Sekunden. Plötzlich erweichte er: es ist die Entscheidung; ich
+wage die Probe; entweder steh ich unter Schutz oder nicht. Er
+drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht aus dem
+Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß
+ich dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme
+<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a>
+schon zu dir.“ Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster,
+lächelte das Mädchen an, das in die Türe trat: „Bleib nur
+draußen.“ Sie drückte, in der Mitte des kleinen Raumes stehend,
+ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte Lederjacke, umfaßte
+seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher tönen
+hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach Grönland.
+Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir
+nicht. Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“
+Sie löste sich lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst
+habe ich doch vor dir, Hojet Sala. Aber du tust mir nichts. In
+dir keimt etwas für mich. Laß es nicht verkommen.“ „Warum
+gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von ihrem Glas,
+gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst verliere.“
+„Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten sollen.
+Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und
+jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei
+dir zu bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“
+„Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“
+Er lächelte: „Du hast noch Furcht vor mir, Venaska.
+Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem Glas. Ich will
+meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß
+du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da
+legte er sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß
+die Augen. Sie betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen:
+„Gut war es bei dir. Ich habe keine zwei Tage gebraucht. Ich
+kam her, ich gestehe es dir, Venaska, mit dir keine Gnade zu
+haben. Tika On, es lohnt nicht über sie zu sprechen, mußte hin.
+Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, was uns in
+Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? Erkenne
+ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte
+ich dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen.
+</p>
+
+<p>
+„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“
+„Nein, mit den Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“
+Sie umarmte Kylin, weinte an seinem Gesicht. Er murmelte
+finster: „Nicht das, Venaska. Küß den Dolch.“ „Muß ich das?“
+Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die Faust, seine Augen
+waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff mit dem
+<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a>
+Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte,
+zog den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du
+es wagen“, und rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was
+hab ich getan.“ Er ging aus der Tür, über den Hof. Venaska
+hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem Fuß des Hügels, auf
+dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie nicht an: „Warum
+läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben nichts
+zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib
+mir den Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir
+jeder Kuß wohltun, lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß
+ihn trotzdem nicht.“ Kylin betrachtete den Dolch: „Lieber
+Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, umarmte sie. Sie standen
+unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt nehme ich selber
+deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. Du
+bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm
+den Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem
+Haus war, brach sie in Weinen aus, weinte lange auf der Bank
+vor dem Haus, von den Frauen gehalten. Kylin kehrte nach
+wenigen langsamen Schritten zu dem Oleanderbaum zurück,
+den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ Streichelnd
+legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde,
+ging davon.
+</p>
+
+<p>
+Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen
+sich bei der großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten
+Menschen in das Feuer. Den fünf Geopferten ging Idatto
+voran freiwillig in die Glut. Der Zarte war schon lange nicht
+mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten sich seiner
+bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu
+trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und
+wie die Flamme brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und
+streng, wußte er seinen Weg.
+</p>
+
+<p>
+Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den
+Landschaften. Die strengen bändigenden Feuer sah man bald
+überall brennen. Der Steile Absturz, wie man Kylin nannte,
+blieb mit ihnen auf Sidobre. Die Islandfahrer blieben auf
+Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die anflutenden Erdgeister
+bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die reinen
+<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a>
+niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach
+Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um
+das Licht; die sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom
+Meere kamen, heischend sich bewegten, überwältigten sie.
+</p>
+
+<p>
+Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als
+Kylin sah, daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler
+sich zusammenballten, verließ er Sidobre.
+</p>
+
+<p>
+Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein
+Innerstes stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara
+saßen, waren neue Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten
+sich mit ihren Gehilfen zusammengetan, die ihnen die Türen
+der Versuchsgewölbe öffnen mußten. Als Wiesel, kleine grauhuschende
+Mäuse fuhren sie aus den Türen. Flitzten durch die
+Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, kratzten
+pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen
+sie als Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen
+über die Plätze der Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die
+Hälse aus, fuhren durch die Schächte auf. In den Laboratorien
+mußte man sie in Menschen zurückverwandeln. Da standen sie
+dann, schüttelten sich, als kämen sie aus dem Wasser hervor,
+murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich zu einem neuen
+Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus den
+Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren
+Männer und Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die
+Gehilfen, wie sie aus den Bädern Feuern Spannungen der
+Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang des Tierischen
+an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer die
+wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere
+zu verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und
+Brüssels, als man einige von ihnen erschlagen und in Stücke
+reißen mußte, wie sie nach ihrer Wiederkehr über die Gehilfen,
+kostbare Apparate fielen.
+</p>
+
+<p>
+Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen
+aufzugreifen, in Massen, in immer größeren Massen, um ihre
+<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a>
+Kräfte zu zeigen. Vor ihren stierwilden Gehirnen stand die
+Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, die die fallenden zerschellenden
+Urtiere unter sich geschaffen hatten: die mit Mensch
+Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. Die
+Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen,
+die Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen.
+In zwei Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in
+eine Fledermaus verwandelt, in London ein schreckliches Werk.
+Sie konnte wie ein grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen
+des Speichels lief über den Schleier, den sie, selber geschützt,
+an ihrem Hals trug. Schon wuchsen unter ihr die Balken, die
+Eisenträger dunsteten auf und quollen, entsetzlich dicke Menschenarme
+schwollen lang aus den Fenstern, zerbrachen die
+Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert.
+Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen
+wuchsen zu, durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche
+waren die Menschenmassen vor den Grönlandbestien geflohen;
+jetzt saßen sie, hingen wie ein Korallenstock unter der Erde.
+Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder Mensch, jauchzte.
+Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden von
+ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen
+Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten
+als Kolibri, schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen
+sich jagen, tropften ihr Gift. Der unterste Teil Londons, die
+Wasserstadt, wurde von den täuschenden flatternden Tieren
+begraben, Stein Sand Mensch Eisen ineinander gequirlt. Der
+Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die Spalten, die
+Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von ihnen,
+tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen,
+kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen
+hatten, nieder. Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich
+für euch mühte. Es tat not, daß wir für euch Menschen nach
+Island schickten. Der Schleier für euch! Nehmt euch in acht.
+Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er vorhabe. Er
+tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was er
+vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand
+bei ihm legitimieren.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a>
+Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich
+nach Cornwall herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf
+Tieren, die sie sich geschaffen hatten, flachen Riesengeschöpfen,
+in deren Brustkorb sie saßen wie das Herz der Tiere, flogen sie
+an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: „Kuraggara, das war
+dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. Das
+sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten
+zu können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf
+eines Menschen. Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen;
+braun und behaart war noch ihr Gesicht, schnauzenförmig
+verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze Ohren drehte sie am
+Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den plumpen bekrallten
+Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn
+um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte
+den langen rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem
+Flügelschlag senkte er sich auf den Steinboden vor Delvil,
+hob den spitzen Menschenkopf, sträubte die Rückenfedern.
+Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den Kasten tot. Wir machen
+uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt an dir,
+an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen.
+Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht,
+Tiere zu fressen, die aus den Leibern anderer kamen.
+Das schmeckt mir besser als Meki. Ich werde noch Siedler.“
+Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an die Stirn. Mentusi
+schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit eingezogenem
+Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder.
+</p>
+
+<p>
+„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch
+von Gestalt, haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an:
+„Schläfst du. Du hast gesehen, wen ich in London totgeschlagen
+habe. Willst du’s auch. Brauchst nur sagen. Mach dich zu
+einer Ameise oder zu einer Laus, das ist bequemer für mich.“
+„Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns unser Vergnügen
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist
+wohl Delvil zu guter Letzt Hüter der Menschen geworden.
+Was gehen dich die Menschen an. Mich gehen die Läuse und
+Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich kümmern
+<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a>
+die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über
+das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die
+Menschen kümmern. Du hältst mich für einen Propheten und
+Führer. Ich sehe wie Marduk aus. Das ist vorbei, Mentusi.
+Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln oder Städte
+bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber
+trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto
+und die andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen
+soviel ihr wollt. Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich
+auf ihren Sohlen auf: „Da war nichts wild. Du gönnst uns
+nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. Sie klapperten
+unter seinem Steinregen in das Dickicht.
+</p>
+
+<p>
+Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge
+Cornwalls selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte
+er. Dejas Tessama schickte er nach Irland, einen Mann wie er.
+Sie wollten Grönland und die Urtiere nicht vergessen. Die
+Kette der Turmmenschen stand noch auf dem Gebirge, am
+Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil:
+„Das waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten.
+Wir haben sie opfern müssen.“ An den dunklen traurigen
+Wesen ging er vorüber. Er ließ sie verfallen, man brauchte sie
+nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen den Steinen und Balken;
+ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes Blöken hallte
+monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten
+Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden
+Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen.
+Steinmassen über Menschen- und Tierreste. Herab von den
+Flößen in die See.
+</p>
+
+<p>
+Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang.
+Sehr langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie
+die Turmmenschen mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten
+sich um ihn werfen, Wasser Balken. Oft wurde sein Bewußtsein
+dunkler und man mußte lange anhalten, damit nicht
+die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen.
+Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil
+vor London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen.
+Dunkelbraune fellartige Haut. Sein schilfernder Leib trieb
+<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a>
+Warzen Beulen Brüste vor wie Erker und Kuppeln. Ein
+glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner Magengrube.
+Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde
+spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende
+Röhren, die sich um seine Beine legten, um ihn zu liebkosen,
+die für ihn soffen und fraßen. Die Brust oben schwoll in langsamem
+Takt. Bäche sogen die Schlangenleiber auf; ihr Bett
+wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils Leib. Er sah die
+Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das ist die
+Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“
+Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit
+seinem trüben Blick. Der Wind blies um ihn. „Der Wind,
+das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte um London, weil er
+sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den sturmbrausenden
+Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es
+ihm den Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend
+hin, rüttelte an Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel.
+Er sah die Verfinsterung des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden
+Giganten, hörte das meilenweit vernehmbare
+Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der Schlangen. Voll
+Ekel floh er unter die Erde.
+</p>
+
+<p>
+Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend
+den Weg nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein.
+„Menschen. Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte
+dunkel: „In der Erde wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich
+alles herausstellen.“ Und kaute mahlte schloß die Augen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach
+Grönland. „Laß mich über das Meer fahren“ lachte sie den
+brütenden Mentusi an „komm mit. Ich jage auf Wunder.
+Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie
+stießen durch den Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie
+sich zu. Das Meer wogte, eine schwarze schillernde Platte,
+unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten Walen in die Köpfe.
+Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie durchbrachen
+<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a>
+den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. Kuraggara
+schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald
+da. Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner
+gekommen. Sie sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“
+</p>
+
+<p>
+Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße
+Dämmern. Wallen des Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo
+war der Mutumbo, der sich in die Flachsee ein Loch gebrannt
+hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen hatte auf den Meeresgrund.
+Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das
+Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit
+machten sie Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen
+zu Geliebten. Dann rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone;
+und sie jauchzten noch. Und dann die flimmernde
+gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der langhalsigen mit
+knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen Gießen
+von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer.
+In das gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt.
+Wie Öl die See schillernd über den verschwundenen
+Schiffen. Vorbei Jan Mayen.
+</p>
+
+<p>
+Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte
+Mentusi, senkte sich. Es waren Inselgruppen. Und neues
+Wasser, stärkeres Schäumen, Brandungslinien. Weiße Gipfel,
+flache hüglige Ebenen. Die Geier krächzten, die Schwingen
+weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich herab. „Grönland,
+Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig kreischte
+Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise?
+Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi.
+Jetzt greifen wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen.
+Wo sind denn aber die süßen Tiere, die uns solche Angst
+gemacht haben. Wo haben sie sich denn versteckt und wollen
+mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem Schnee, schlug
+mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! Verreckt!
+Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir
+wollen sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten
+im Fluge die Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall.
+Durch gelles weißes Licht schossen sie einen Tag, das Land
+endete nicht, dehnte sich unermeßlich weiß hin. Wie die Schwärze
+<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a>
+vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber sie blendend
+einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir warten
+die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen
+träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft,
+die Flügel ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben.
+</p>
+
+<p>
+Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara
+wollte weiter fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte:
+„Warte, ich habe etwas geträumt. Ich will nicht in den Schnee.
+Wo sind die Drachen. Ich habe geträumt, sie liegen hier.“ Und
+sogleich fing er an über der Kluft zu kreisen. Der andere Geier
+ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. Unter dem
+Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, schlugen
+mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten
+und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose
+bröcklig; es war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie
+warfen ihre warmen Körper an das Eis; es rann und floß weg.
+Wie ihre Klauen ermüdeten, nahmen sie die Köpfe, bohrten und
+hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten sich wie Räder, bis
+sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf einmal knarrend
+die Eis- und Schneemasse über ihnen von der Abhangsspitze
+herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast erstickend
+unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch.
+In der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst
+du, Mentusi. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“
+Sie saßen verschnaufend in der Ebene, eine Stunde. Mentusi
+jagte auf, zögernd flatterte die andere.
+</p>
+
+<p>
+Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich
+die andere, höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier.
+Er hing an der Wand, bewegte sich hackend auf und ab. Sie
+näherte sich, erschrak. Stieß ein Kreischen wie Mentusi aus.
+Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee überrieselte
+sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke
+Äste eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die
+kleine Lawine hatte die ganze Wand des Abhangs entblößt.
+Mentusi lief unten eine sonderbar gewundene Linie ab. Er
+schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das sieh, Kuraggara.
+Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen Wirbel.
+<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a>
+Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“
+„Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie
+alle. Es war ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet,
+eingeschneit.“ Und sie stöberten den Abhang ab. Er war
+von einem Wald mit Bärlappbäumen bestanden gewesen. In
+kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. Zwischen
+Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter
+Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser
+Erde darunter rieselnd. Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte
+sich in der Luft über dem Abhang: „Die Drachen, die uns
+erschlagen wollten. Die Drachen, die die Stadtschaften verwüstet
+haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben ihr:
+„Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten
+durch das Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes:
+„Das ganze Land unsere Fahne. Unsere Siegesfahne. Da
+liegen sie, da und da und da. Tausende, Millionen! Überall,
+wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie begraben. Und
+uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, lachend:
+„Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland.
+Leben bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee
+Schnee.“ Und sie schluckten den Schnee. Der fiel über den
+Erdteil, versenkte die Wälder bis über die Baumkronen, brach
+die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, was an Tieren zwischen
+ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten Riesenschleiers von
+Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi.
+Ich fresse mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund.
+Jetzt wollen wir zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder
+gefaßt gemacht. Aber auch das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn
+ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel tun, Kuraggara. Ich
+habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ „Komm.
+Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“
+</p>
+
+<p>
+Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean
+überflogen, Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser,
+das schlackernde wehende Fell des schwarzen feuchten Untiers.
+Klippen und weiße Brandung: die Shetlands Orkneys und
+Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. Kleine
+<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a>
+Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr
+tun. Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie
+sausten mit zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus:
+meilenweite Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende
+Meer im Süden. Das war London. Die Schimmelpilze
+der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. In die Schächte
+und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die Fänge
+an den Bauch. Sie krächzten.
+</p>
+
+<p>
+Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit
+dem Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt.
+Sie vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen
+die schrägen Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren,
+standen die stampfenden Mammute da. Die Rüssel schwangen
+sie wagerecht und senkrecht wie Keulen Peitschen Hämmer
+Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten Kopf
+warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus
+die Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und
+rollend hell. Der Schall fuhr wie Meereswut über die wimmelnden
+Menschen, die auseinanderstoben. Die Mammute, die
+grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die Menschen
+warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der
+neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus
+der Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der
+Erde wieder herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll,
+die Giganten. Sie waren außer Rand und Band;
+ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie konnte man
+fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken
+verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften
+die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen.
+Wo das Geheul war, war eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara,
+Gestalt um Gestalt wechselnd, tosten; Glück rasselte in
+ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ann</span> ließen sie das kreischende London los, das Strudeln
+krabbelnder zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall
+zu Delvil. Fünf Giganten waren hinter ihnen her, die letzten,
+<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a>
+die London gemacht hatte. Zwei hüpften als Heuschrecken,
+hoch wie ein Mann, rieben die glashellen pergamentenen Flügel
+gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen lief. Sie
+schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, flügelausbreitend,
+hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden.
+Die drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub.
+Der Staub schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er
+sich zusammen, schoß vorwärts wie ein geworfener Stein.
+</p>
+
+<p>
+Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er
+eben. Eine gelbe Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte
+sich weich vor seine großen dunklen Augen. Er hob einen Arm,
+um den Schwarm zu verjagen. Der legte sich dichter, nach
+Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken gegen den
+Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen
+eine Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen
+peitschend hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten
+Äste. Unter dem Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken,
+die sich schrillend näherten, durch den schwarzen
+Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen die Wolken, nieste
+wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie er
+tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts
+seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter
+Mentusis und Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge
+sausten über den Tannenspitzen. Sie krächzten; rostbraun ihre
+gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; die Federn der Halskrempe
+grau; und sie flatterten in der Luft. Da erkannte Delvil
+die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem trüben
+suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit
+den Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden
+Wolken des Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten,
+faßte er krampfend zwischen die Finger, quetschte, zerwarf
+sie, stieß mit den Ellbogen die aufdrängenden, zueinander
+quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da klemmte er sie fest.
+Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus dem Summen
+war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein
+Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt
+schnappten schlürften schluckten an der wallenden Masse.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a>
+Während die Schlangenleiber kuglig anschwollen und sich wurmartig
+drehten rollten schaukelnd abplatteten, hob Delvil wieder
+den mähnebeladenen Kopf, auf dem Tannenäste lagen. Langsam
+drehte er sich um. Die beiden Gänsegeier, die Weißköpfe,
+mit schlaff hängenden Flügeln, die Schultern hochgezogen,
+krächzten ihn von den Baumgipfeln übermütig an. Brüllte
+Delvil: „Ihr, Kuraggara, Mentusi, ihr seid’s.“ Mentusi lachte:
+„Sieh dir den Haken an meinem Schnabel an. Damit zerreiß
+ich dir das Fell.“ Kuraggara: „Ich bin heut schmutzig. Heut
+war es nicht Pferdeaas. Heute war es Menschenaas.“ Keuchte
+Delvil. Seine schwarzen feuchten Augen traten hervor. Lange
+sprach er nichts. Dann brüllte und weinte er: „Das tut ihr.
+Das tut ihr. Darum ist alles geschehen. Den großen Krieg
+geführt. Grönland befahren. Die Drachen verjagt.“ Kuraggara
+hob sich auf den blaugrauen Fängen: „Von Grönland
+kommen wir. Darum sind wir lustig. Die Drachen haben
+wir gesehen, unter Eis. Jetzt sind wir die Drachen.“ „Du,
+Kuraggara, bist. Und du, Mentusi, bist. Und Pferde freßt ihr.
+Und Menschen freßt ihr.“ Und Delvil weinte. Sein Leib war
+in einem furchtbaren Schütteln. Die Geier flogen rückwärts.
+Winselnd und leise fauchend trat aus der Magengrube Delvils
+der korallenrote Riesenpolyp, die Purpurrose; die Wimpern
+der hundert Fangarme schlugen heftig; die Fangarme krümmten
+sich über den Mund. Und plötzlich während die Schlangen
+Springbrunnen von Wasser in Stößen hochschleuderten, fuhren
+Steine Baumstücke aus dem würgenden Schlund des leuchtend
+hochgehobenen starken Polypen; die Arme erzitterten; wie
+Augen blitzte unter der Mundscheibe ein Kranz blauer Warzen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich lebe nicht mit euch“, ächzte Delvil, „ich bin nicht von
+eurem Blut. Nach dem Festland will ich. Ich will zu Marduk.“
+Die Geier schrien: „Hähä! Zu Marduk. Willst Kraut fressen.
+Können dich brauchen. Werden sich freuen.“ Schon krachte
+und prasselte der Wald, Delvil ging. „Ich – zu Marduk. Ich –
+zu Marduk.“ Er wimmerte; stürmisch watete er vorwärts.
+Die Heuschrecken waren verschwunden. Der Blütenstaub lag
+wogend verzuckend in dicker Schicht über dem Boden. Kuraggara
+und Mentusi machten sich kreischend Mut, stoben hinter
+<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a>
+Delvil, saßen auf seinen Schultern, schlugen sich mit den spritzenden
+Schlangen.
+</p>
+
+<p>
+Den brausenden Kanal überschritt Delvil. An der Küste erschien
+er in Wolken grünschwarz, taumelnd, schreckenerregend.
+Den Rhein ließ er erst nach einem Tag. So lange tranken seine
+Schlangen an dem Wasser. Dann goß er seinen Harn in einen
+See. Der Teutoburger Wald. Den Harz umging er. In das
+Gewimmel der märkischen Landschaft geriet er; er kannte sie.
+Wo war Marduk. Das himmelhohe dröhnende Unwesen stand
+tagelang, langsam abblasend, im Havelland. Die Geier suchten
+ihn zu reizen. Er schluckte und bewegte sich nicht. Hier hatte
+Marduk gelebt. Dann rülpste grollte schrie Delvil viele Stunden,
+bis das Land um ihn menschenleer war. Er ließ sich auf
+die Knie. Dicht drückte er sein Gesicht an den Boden. Das
+Haus, in dem er Marduk gesprochen hatte mit der White Baker –
+wo war White Baker – erkannte er. Einen Geier hielt er bei
+den Fängen fest: „Mentusi, in diesem Haus ist Marduk. Sein
+Leib. Den muß ich haben.“ Widerwillig, unter dem Gelächter
+Kuraggaras gehorchte Mentusi. Träge schwebte er schon wieder
+zu Delvil hin; in seinen Krallen schaukelte der weiße Körper
+des Mannes, der die Mark zum bösen Gewissen der Städte
+gemacht hatte. Unter den Strahlen Zimbos war er gestorben;
+den Weg zur Erde hatte er gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Delvil, der Gigant, lag weit nach vorn gestreckt auf den
+Knien. Gewitter und Sommerregen gingen über ihn nieder.
+Den gefrorenen Körper Marduks wühlte er in den schlammigen
+Sand, drückte sich mit seiner Brust, drückte die isländische Urkraft
+vor seiner Brust an ihn. Er hauchte stöhnte tagelang
+über dem Boden an der Leiche. Bis sich unter ihm der Körper
+zu regen begann, der Sand sich ballte, in langen Zügen, dünnen
+Linien auf den Körper zulief. Wie ein Gewächs stellte sich auf,
+stieg aus dem Boden der hagere graue Leib des Konsuls. Delvil
+hob sich. Er häufte mit beiden Armen Sand um den ruckenden
+nackten Körper, dem der Kopf fest über die Brust gebunden
+schien. Wie in Pulsschlägen strömten Erdhaufen unter den Armen
+Delvils auf den Körper zu; die Luft wirbelte und blitzte um
+ihn. Ihr eigenes Wasser spien die Schlangen Delvils auf den
+<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a>
+Boden aus. Als die Brust des hochgestiegenen Körpers, um
+den die Erde sich zu einer Grube vertiefte, zu dehnen wölben
+heben begann, die Finger sich spreizten, der Leib auf den gebogenen
+Knien sich aufzurichten mühte, löste Delvil, ein inbrünstiges
+Grunzen, tiefes Blöken ausstoßend, augenrollend,
+die Arme von dem Wesen, stemmte sich auf, blieb auf den Knien.
+Bis an den Hals reichte ihm Marduk, dessen silberweiße magere
+Beine in dem Sand wühlten.
+</p>
+
+<p>
+Delvil flüsterte, es dumpfte über die Ebene: „Marduk!
+Marduk!“ Er rief. Dringender jappste er: „Marduk, Marduk.“
+Das Kinn des Konsuls löste sich von der Brust, der Scheitel
+stieg auf, die Nase, der Mund trat hervor. Zwei schwarze
+Augen stierten blicklos auf Delvils Hals. Die Hände bewegte
+Delvil rufend auf und ab. Heftiger traten unten die Füße.
+„Ah“ stöhnte der Mund, während der Kopf sich von links nach
+rechts drehte suchte. Eine Faust schwang Delvil vor dem Gesicht
+des Wesens auf und nieder. Der Kopf fing an zu folgen,
+senkte hob sich mit der Faust. Da hob Delvil die Faust langsam
+vor den eigenen Mund, vor seine Augen. Die Blicke des
+Wesens waren an Delvils Augen; er näherte sie den Augen
+Marduks, bewegte sie hin und her. Zugleich drängte er, eine
+Hand in Marduks Nacken gelegt: „Siehst du, du kennst mich.
+Marduk, du kennst mich. Ich bin Delvil.“ „Ah“, stöhnte tiefer
+der Mund, die weiße Unterlippe klappte herunter; zähes Wasser
+goß sich in einer Flut herunter. Angstvoll das Dröhnen Delvils:
+„Du bist Marduk. Der Konsul der Mark. Du kennst mich.
+Ich habe dich sprechen wollen.“ Aus dem Munde des Wesens,
+das jede Bewegung von Delvils Mund und Augen verfolgte,
+quoll ein langes „Ah“, dann ein ringendes „Was“ unter Erzittern
+der Gesichtsmuskeln. Dann röchelte es: „Wer, wer ich.“
+Zärtlich Delvil: „Marduk bist du.“ „Ich?“ „Marduk. Ich
+habe dich geholt.“ „Wer – Marduk?“ „Du. Der Konsul der
+Mark. Wir haben hier gesprochen vor langen Jahren. Du
+warst in dem Haus unten.“ „Marduk.“ Das Wesen trat heftig
+mit den Füßen, blickte herunter zu den Sandstrudeln, stöhnte:
+„Los. Meine Füße.“ „Blick mich nur weiter an, Marduk.
+Du wirst wissen, wer du bist. Ich warte auf dich.“ „Ich –
+<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a>
+weiter. Ich – weiter.“ „Wir haben unten gelegen. Dies ist
+die Mark, wo du gelebt hast. Jetzt ist Zimbo hier. Der dich
+beendet hat. Der Schwarze. Achte, was ich sage. Du besinnst
+dich. Der Uralische Krieg war, du kamst nach Marke.“ Jetzt
+glättete sich das grauweiße Gesicht des Mannes, seine Lippen
+schlossen, spitzten sich; Delvil bebte: „Und nach Marke du. Die
+Menschen, die du geführt hast, leben noch. Sie sind wie du.
+Es wird dir Freude machen. Blick unter dich. Ist keine Stadt da.“
+</p>
+
+<p>
+Der Sand schurrte um Marduk; er blickte herunter, zu Delvils
+dunklen Riesenaugen zurück, lallte: „Ich kenne. Ich erkenne.“
+Delvil jubelte: „Du kennst es. Die Mark. Hier hast
+du gelebt. Ist keiner an dich herangekommen. Du warst groß.“
+Der andere blickte zu den Wolken auf, lallte weniger: „Ich kenne.
+Ich kenne“, riß an seinen Beinen. Die waren bis zu den Knien
+im Sand vergraben, mit Adern Nerven Knochen im Sand
+verwurzelt: „Gehen. Weiter. Ich muß weiter.“ Lachte grunzte
+Delvil: „Kannst nicht weiter. Warte. Ich mach dich bald frei.
+Ich bin Delvil. Ein Riese. Du bist es auch. Es gibt kein lebendes
+Wesen, das ich sprechen möchte, als dich. Ich habe Sehnsucht
+nach dir. Ich muß dich hören. Du wirst mir antworten.“
+„Ich bin ein Riese. Was ist das?“ „Jetzt kann ich die Hand
+von dir nehmen. Du verstehst mich. Willkommen, Marduk,
+mein Freund, meine einzige Seele. So erbärmlich sind die
+Menschen, nichtsnutzig, ohne Stolz. Wir hatten nach Grönland
+schicken müssen, Marduk, wir wußten uns keinen Rat. Das
+Feuer ist jetzt bei uns, Marduk, das Feuer.“ Ohne Zucken
+stand der andere, der weißgraue Riesenleib, vor dem Giganten
+Delvil, der noch kniete, den Rumpf aufgerichtet, dunkles
+Auge in dunklem Auge. Marduk suchte mit den Blicken den
+wüsten wogenden Leib Delvils ab: „Das Gesicht Delvils. Ich
+war einmal hier. Du sagst Marduk zu mir.“ „Sprich weiter.
+Es ist deine Stimme.“ „Inzwischen. Inzwischen. Da war
+Jonathan. Elina. Zimbo.“ „Das Ende. Du bist in seine
+Strahlen gelaufen.“ „An der Havel.“ „Du kamst nicht heraus,
+hoho. Bist erstickt. Und jetzt hier.“ „Einen furchtbaren Leib
+habe ich. Meine Knie stecken im Sand. Im Sand. Ich muß
+weiter.“ „Tot, Marduk. Du bist wie ich durch das Feuer.
+<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a>
+Wir haben es aus Island geholt, es kann uns nicht mehr genommen
+werden.“ Marduks Brust hob sich; seine Augen irrten
+nach den Seiten: „Ich – leben. Ich lebe wieder.“ „Niemand
+raubt dir das Leben. Wir haben das Feuer. Für alle Zeit, für
+endlose Zeit haben wir das Leben. Und nun siehst du es.
+Marduk, was wollen wir tun?“ Starrte ihm Marduk auf die
+Stirn, knirschte gurgelte: „Was ist das? Was redest du?“
+</p>
+
+<p>
+Richtete sich Delvil auf, die Schlangen soffen an einem
+Havelsee. Im Wolkennebel wiegte sich, lachknurrte sein Kopf:
+„Feuer besitzen wir. Das besitzen wir. Unauslöschbares Feuer.
+Das besitzen wir. Was die Blumen macht, die Tiere und Menschen
+macht. Was den Wind und die Wolken macht. Was die
+Gase treibt. Das besitzen wir. Marduk. Alles haben wir in
+Händen. Ich bin kein Großmaul; ich sage: alles. Dich habe ich
+machen können. Meki ist nichts; wir brauchen nicht Meki. Wir
+haben die Urwesen selbst.“ Sein Atem dampfte oben.
+</p>
+
+<p>
+Das Gesicht Marduks füllte spannte sich bei Delvils Worten.
+Die Erde hörte auf in gleichmäßig pulsierendem Schwall auf
+Marduk zuzurollen, klumpte sich, lag glatt, klatschte in seine
+Glieder, zu ihm auf. Marduk atmete: „Das ist es. Sprich mehr,
+Delvil. Ich habe lange nicht gelebt.“ „Nicht so lange. Wir
+gehen rasch. Nur Jahrzehnte sind vorbei. Es gibt dumme Tiere,
+deren kann man nicht Herr werden durch Gewalt oder Weisheit.
+Nur durch List und durch Zufall. Wir haben nichts gesucht und
+gewollt, waren selbst klein. War die Dummheit groß rechts und
+links. Unser Glück war doch größer. Auf Island brannten Vulkane,
+holten wir Feuer aus den Vulkanen. Wußten nicht, was
+wir hatten. Waren stolz Grönland zu enteisen, die Siedler zu
+bewältigen. Das Land wurde enteist. Und dann kamen die
+Untiere, Marduk, hoho, Untiere, zu uns herüber. Die hast du
+nie gesehen. Lurche Vögel Gallerten, Formen, Formen. Das
+Feuer hatte sie gemacht. Unsere Stadtschaften zerrissen sie. Die
+Häuser Bäume Menschen, Totes und Lebendiges klatschten sie
+zusammen. Das waren Gewaltige. Und wir verstanden noch
+immer nichts. Taten noch immer nichts, als uns fürchten. Marduk,
+wir taten vom Morgen bis Abend nichts als uns fürchten.
+Krochen unter die Erde. Haben die Küsten verlassen, weil der
+<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a>
+Wust durch den Ozean herankam. Bis wir der Katze auf die
+Krallen sahen. Marduk, hörst du. Marduk, was haben wir mit
+den Krallen getan? Abgeschnitten? Wir haben sie der Katze gelassen
+und uns neue gemacht, längere schärfere. Sieh mich an.
+Sieh dich an.“ „Ich höre, Delvil. Ich erkenne dich. Ach, die
+Mark. Da sind die Seen. Die Havel. Ich war hier erstickt. Mein
+Leib ist wieder lebendig.“ Delvil, das Ungeheuer, ließ sich vorsichtig
+tastend wieder auf die Knie: „Und nun, befühle dich, was
+will ich von dir im Havelland. Warum bin ich gekommen. Sieh,
+was hinter dir fliegt.“ „Geier.“ „Ja, sie, Gänsegeier. Mentusi
+und Kuraggara. Sie hacken gegen deine Füße. Sie möchten,
+daß du stirbst. Sie freuen sich ihrer krummen Schnäbel. Wie
+sie kichern, über uns. Das sind meine Gefährten. Giganten wie
+ich, Mann und Männin. Und das tun sie, das ist ihr Spaß. Und
+das, das, das ist aus uns geworden, Marduk! Aus uns Herren!
+Die die Apparate geschaffen haben, die die Menschen geführt
+haben. Sie wissen sich nicht aus noch ein. Nach Grönland getobt.
+London zertrampelt. Brüssel in Stücke. Sie spaßen. Ich,
+aber ich –“ wie keuchte Delvil, wie hob er um Marduks schwachen
+schlanken erzitternden Leib die beschwörenden Arme. Er sah
+nicht, daß Marduk schwächer schwächer wurde, daß er sich die
+Füße aus der Erde zerrte; im Gesicht wurden die scharfen alten
+Züge des ersten Marduk deutlich, als träte ein Licht, ein Feuer
+hinter einer Papierwand hervor, die es verdecken wollte –
+„Ich bin Delvil, ein Herr. Was hab’ ich in der Hand. Was ich
+in der Hand habe, weiß ich. Dies ist mir zugefallen. Meine
+Gefährten sind das nicht. Keinen habe ich. Marduk! Ich habe
+ein Amt. Und du auch. Rache fühle ich nicht.“ „Bist du so weit,
+Delvil.“ Finster schluchzend Delvil: „Nicht mißverstehen, Marduk.
+Du siehst jetzt anders als damals, wo ich zu dir kam. Du
+bist kein gezeugter Mensch. Ich habe mehr als Apparate hinter
+mir. Sieh dich und mich an. Du kannst jetzt nicht mehr reden
+wie damals in deinem Rathaus. Wir haben eine Pflicht. Das
+Feuer ist auf uns gefallen.“ „Die Dinge haben ihren Willen und
+ich habe meinen. Laß dich jagen von deinem Feuer. Delvil, schlage
+die Erde entzwei.“ „Ich bin nicht Kuraggara.“ „Die Erde entzwei.
+Was willst du anders.“ „Ich will nicht die Erde entzwei
+<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a>
+schlagen.“ „Ah, du willst nicht. Delvil kommt zu Marduk; er will
+nicht, was die Apparate und die Kräfte wollen. Ist etwas geschehen
+mit Delvil. Er hat Marduk geweckt. Es ist etwas geschehen.
+Hast du gewußt, daß du Marduk weckst?“ „Du bist es ja.“ „Hast
+du auch die Antwort gewußt, die dir Marduk geben wird. Wer
+A sagt, sagt B. Du brauchst mich, Delvil. Du bist kleiner als ich,
+du bist erlegen. Hilflos bist du. Unter Marduk bist du herunter.“
+</p>
+
+<p>
+Wilder stöhnte Delvil: „Nicht mißverstehen. Da sind Krautfresser.
+Menschen, die siedeln und von dir sprechen. Das meinst
+du nicht. Kraut fressen wie die Kälber, das war nicht deine Meinung.
+Jetzt ist sie es sicher nicht. Was ich habe, hast du auch. Die
+Last ist auch deine.“ „Keine Last fühle ich. Wozu kriechst du vor
+mir. Wühlst mich aus dem Grab heraus. Du mußtest aus England
+herauskommen und stöhnst. Das hat dir deine Kraft gebracht.
+Was ist besser an dir, als an Kuraggara.“ „Schmäh nur,
+schimpfe.“ „Mich anzugreifen. Mich zu holen. Als ich lebte,
+wagtest du es nicht. Es gelang dir nicht. Es ist dir auch jetzt
+nicht gelungen. Geh weg. Hol Tote, hol Pharao, Hyäne. Husch,
+daß dein Feuer dich brennt.“
+</p>
+
+<p>
+Es war Nacht. Marduks Körper leuchtete. Aus seinem Mund,
+seinen Augen, von seinem Finger sprühte mondhaft weißes Licht,
+zitterte wagerecht in Stößen um ihn. Delvil auf den Knien und
+Händen vor ihm kriechend, ihn betastend, um ihn kriechend,
+sah es, fragte nicht, war von Verlangen Bängnis Bitterkeit
+hingerissen. Die Schlangen unruhig fahrend überspritzten
+seinen heißen Leib. Das Pressen Krachen Knacken der roten
+kauenden Meduse nach Pausen des Fauchens. Delvil wühlte
+angstvoll am Boden. Er drückte Hügel beiseite; die umgelegten
+Tannen knisterten. Sein Gesicht tauchte er von einer Sehnsucht
+Ahnung gezogen in Marduks Licht. Der stand in seiner Grube,
+die sich nicht mehr bewegte. Die Beine zerrten noch an der
+Erde, bis zu den Knöcheln hatten sie sich befreit. Er atmete
+heftig, weit den Mund auf, den Kopf zurückgelegt; seine Arme
+ruderten durch die Luft: „Das ist es. Das kann ich. Die Erde
+Luft Augen; geht zu; meine Augen. Man hat mich hergeholt.
+Marduk, laß dich nicht rufen. Dies ist schon vorbei. Auseinander.
+Süße Leiber auseinander. Auf die Reise.“ Delvil
+<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a>
+suchte sich ihm mit der dampfenden, von der Urkraft umspannten
+Brust zu nähern, die Hände auf Marduks Schultern zu legen.
+Sie drangen nicht an. Seine Brust wurde seufzend schwer; sie
+wurde zurückgeschoben. Die Hände, Hände erlahmten. Bis in
+die Arme, wie unter einem Gift.
+</p>
+
+<p>
+Marduk schrillte und schlürfte Luft: „Dies Kleid nicht. Marduk,
+auf die Reise. Marduk, geh weg. Hin!“ Die Geier sausten
+jauchzend auf den Rücken des hingestürzten Delvil. Luftziehend,
+in ächzender Begier schleppte, rappelte er sich an die mondhafte
+Gestalt, die leiser tönte surrte sang „Marduk, Marduk.“ Licht
+strömte von ihr, dehnte sich, in Punkten, gezogenen Linien über
+die Landschaft. Dichtere Massen schwammen, wogten von der
+Gestalt ab, überlagerten Delvils Gesicht und Rücken, bezogen die
+Bäume, und den schwarz aufgerührten Boden, hauchten um die
+aufflatternden Geier. „Marduk“ klang die Gestalt eintönig,
+wallte stob begann sich in Funken zu drehen. In Wut und
+Grauen tatschte Delvil zu, heulte, wie das Wesen leicht mit
+höherem Summen abwich, über den Boden glitt. Es war kaum
+mehr ein Mensch, was da glitt und hinzog, ein See ein Dampf,
+der sich immer mehr verbreiterte, mit einem menschenähnlichen
+Kern, der sich lockerte.
+</p>
+
+<p>
+Hinrollte donnerbrüllte heulte Delvil: „Heran ihr! Mentusi,
+hilf mir. Kuraggara, sieh ihn an. Seinen Hals, faß ihn.
+Seinen Fuß, pack zu.“ In der schwarzen hohen Luft die Fänge
+und Pranken streckten die Geier, ließen sich blind über dem
+Wesen mit geschlossenen schlaffen Schwingen abwärts fallen,
+stürzten ins Leere, brachen in die Tannen. „Faßt ihn“ raste
+Delvil, ganz aufgerichtet, torkelnd über die Fläche watend,
+haschend, mit den schweren Beinen tretend.
+</p>
+
+<p>
+Die Gestalt zerrann, hob sich wie Silberschuppen, schwach in
+dem allgemeinen weißen Schein zu erkennen. In dem Schein
+rutschten Mentusi und Kuraggara vom Sturz tief benommen von
+den zersplitterten Tannenspitzen die Stämme abwärts. Delvils
+Schlangen hingen schlaff; die rote Meduse war aus dem Leib
+gestiegen, schlotterte; weit offen der Mund; ihre wulstige Wandung
+kehrte sie nach außen. Delvil fühlte einen Schmerz, als
+würde sein Leib zerrissen. Er keuchte betäubt in das weiße
+<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a>
+Nebelmeer. Die Geier schwankten bewußtlos mit den Tannen;
+die Meduse zerrte an seinen Därmen. Da bückte er sich, riß die
+Tiere auf seinen Arm, taumelte, starr aus den Wolken herunterblickend,
+rückwärts nach Westen.
+</p>
+
+<p>
+Schrie seine Wut gegen den schwarzen Himmel. Noch einmal
+jenseits der Havel machte er halt, aus der Betäubung sich raffend.
+Es war nicht denkbar, was geschehen war; auf seiner Brust
+hatte er den Schleier, der Marduk erweckt hatte. Nach Osten
+kehrte er um; seine Hüften versagten, schwankten nach den
+Seiten. Die Meduse, dem weißen Dämmer wieder genähert,
+stieg, als wollte sie etwas greifen, mit ängstlichen Armen empor,
+wulstete sich krampfend herunter. Über dem Havelland schwamm
+der milchig weiße Dunst. Die Bäume unten schaukelten sich
+langsam im Wind. Ein traumhaftes Zwitschern gaben die verborgenen
+Vögel von sich. In den Hütten Häusern Scheunen
+schliefen die Menschen. Die Erwachsenen reckten sich; sie gingen
+im Schlaf durch eine offene warme Landschaft, von einer weichen
+Gestalt geführt. Die Kinder im Stroh hatten die Augen
+geschlossen; ihre Münder zuckten; sie lachten. Und Delvil selber,
+unter allem Brennen in seinen Därmen, während er schwankte
+Luft schnappte, fühlte eine Müdigkeit. Die Lähmung war süß.
+Durch den blutgeschwollenen wolkenhohen Kopf gingen ferne
+Gedanken, von Menschen, sommerlichen Spaziergängen, von
+einem Becken mit Goldfischen. Seine Knie hatten die Neigung
+sich zu krümmen. Und wie er ringend mit rückwärts gebogenem
+Kopf in den Wolken Luft trank, stürzte er auf die Hüfte. Unerträglich
+peitschender Schmerz. Der jagte ihn hoch. Nach
+Westen, nach Westen. Die Geier raffte er auf. Er stürmte
+durch Hannover. Am Rhein kam er zu sich. Zwei Tage lang
+schrie er.
+</p>
+
+<p>
+Die Geier sausten nach Westen, kehrten in Verwirrung und
+Wut zu ihm zurück. Auf seinem Kopf saßen sie, während er den
+Kanal überschritt: „Mentusi, Kuraggara, was soll mir mein
+Schleier. Was nutzt uns unsere Kraft. Hat er uns besiegt?“ „Er
+ist geflohen. Wir wollen noch einmal zu ihm kommen.“ „Ich
+will nicht. Nach Cornwall. Ich greife die Erde an. Das tue ich.
+Habt ihr ihn gesehen, wie er in Licht aufgegangen ist. Ich zerreiß’
+<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a>
+die Erde.“ Kreischend Kuraggara: „Die ganze Erde. Samt
+den Menschen. Und den Felsen und Meeren.“
+</p>
+
+<p>
+In Cornwall aber stand Delvil noch lange Wochen brüllend
+und weinend: „Er hat Recht. Ich zerreiße die Erde.“ Von
+Mentusi erfuhren die Giganten, was geschehen war. Delvil
+knirschte verzweifelt: „Alles heran, was wir haben.“ Und in
+einem Zerstörungstaumel brachen die Geier und Delvils Gehilfen
+in die nahen Festlandsstädte ein, die sie noch nicht zertobt
+hatten. Die Mekifabriken verwüsteten sie. Überall wo sie Teile
+des Turmalinschleiers wußten, schleppten sie sie heraus. Auf den
+Hügeln von Cornwall um den stöhnenden Delvil häuften sie sie an.
+</p>
+
+<p>
+Dann machten sie sich selbst zurück. Die Geierfedern warfen
+sie ab. In der Dartmoorwaldung wuchs Delvil. Westlich im
+Bodminmoor Mentusi. Nördlich am Tawafluß Kuraggara. Einen
+großen Halbkreis bildeten sie, der nach Norden offen war. Es
+war Platz für die anderen Giganten. Die Berge der Schleier
+hatten sie um sich. „Soll ich Grönland machen“ höhnte Mentusi,
+„wollen wir die Schleier über die Erde hängen und die Erde
+verklumpen. Soll ich das Meer über Europa schicken. Wollen
+wir den Pol zum Äquator herunterziehen.“ Delvil dumpfte:
+„Nach Norden. Alle Kraft nach Norden. Wir sind in Fahrt.
+Haltet die Kraft bei euch, daß ihr nicht umgeworfen werdet.“
+Vom Tawafluß Kuraggara, die aus einem Berg heraus wuchs:
+„Und wenn die Erde zerreißt, so fahre ich durch die Luft.“
+Delvil: „Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit,
+was ihr könnt. Norden.“
+</p>
+
+<p>
+Und in finsterem Haß richteten die Giganten die furchtbare
+Wucht ihrer Kräfte um sich nach Norden, gegen das Meer, von
+wo einmal die Lurche und die Schleier gekommen waren. „Ich
+schick sie wieder zurück“ schrie Delvil.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">Ü</span><span class="postfirstchar">ber</span> den Boden aller Landschaften, auf allen Kontinenten
+Inseln zwischen den aufblühenden und verwelkenden Bäumen,
+zwischen den schnuppernden laufenden hungrigen und gesättigten
+Tieren, bewegten sich die sterblichen Menschen. Fühlten
+ihre Arme, die greifen konnten, nahmen die Säfte an, die ihnen
+<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a>
+aus der Erde zuquollen. Und dann verdorrten sie. Alterten
+erschlafften ergrauten. Unheimliche Kräfte arbeiteten an ihnen.
+Sie hatten nur die stolzen drängenden schwellenden gekannt;
+jetzt weinten sie. Die Flüsse liefen wie vorher, die Berge mit
+den Wäldern standen ruhig, die gelbe Sonne kam mit den Tagen
+herauf, unverändert nachts die blaue Schwärze des Himmels:
+nur sie gingen hin, wurden weggedrängt.
+</p>
+
+<p>
+Es fing an, sie lautlos zu bemalen. Graue Linien wurden um
+ihre Augen gelegt, die Lippen wurden bläulich blaß. Ein Meißel
+grub an den Gesichtern, unterschnitt die Jochbögen, trieb sie über
+den schlaffen Wangen hervor. Die Augen sanft eingesenkt, vermauerten
+sich, zogen sich kalt zurück. Eine unterirdische Arbeit
+zerlegte die Nase, legte Gruben über die Nüstern. Sie aßen und
+tranken, aber es war nichts aufzuhalten. Aus dem feinen Grat
+der Nase wurde ein breiter Pfad mit starren Wänden und dunklen
+feuchten Schlünden der Löcher. Die Haut, einmal flaumig,
+wurde dünn wie Papier über das Gesicht gezogen, eng über das
+Gesicht, bedrückend wie eine Maske; aus einer Maske sahen die
+Menschen armselig hilflos hervor. Wie einem Gebäude geschah
+ihnen, das auf den Grundriß demoliert wird. Sie fühlten es,
+schwiegen. Und die Kiefern klapperten weiter, mahlten das Brot,
+zerrissen das Fleisch, taten als wüßten sie nichts, und der Leib
+unten vertrocknete, verhärtete. Gelb wurden die dünnen knorpligen
+Ohren; starre Haare wuchsen in Büscheln heraus. Die
+Münder wurden nackt bloßgelegt, grausam die Lippen gefältet,
+die Lippen, die blaßroten nassen Bänder. Vom Halse herauf
+zogen sich Wulste quer und schräg zum Kinn; mit jeder Mundbewegung
+sich straffend. Knöchern die Hände, die Finger
+knotig zitternd. Und die Menschen saßen stumpf, gingen
+stumpf, erduldeten es. Bis das Letzte kam, das sie kaum mehr
+anrührte, der Tod, über der Leber, über dem Herz, den Hoden,
+der Gebärmutter, die der Krebs anfraß. Eine starre Ader in dem
+verdorrten Gehirn barst. Das zuckte, – die Augen irrten, lagen
+still, – war ein Mensch.
+</p>
+
+<p>
+Von der Hochfläche Sidobra bei Toulouse brachen die Menschen
+auf, die Island erlebt hatten. Mit ihnen Kylin, Hojet
+Sala, der Steile Absturz. Aus Toulouse, wo sie wieder die
+<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a>
+Serninkathedrale betrachtet hatte, kam die gelbbraune glatthäutige
+Venaska zu ihm herüber, bat, mit ihm wandern zu
+dürfen. Schon auf dem Wege durch ein Maisfeld, sah er sie
+starr an: „Willst du wirklich, Venaska?“ „Laß mich mit dir.“
+„Ich habe deinen Feigenzweig unter dem Oleanderbaum weggelegt.“
+„Hojet Sala, hier ist ein neuer.“ „Ich habe deine
+Küsse unter dem Baum angenommen. Ich weiß, wie süß Menschen
+sind.“ „Nimm mich. Ich möchte, daß du mich liebst.“ Und
+während es warm durch ihn ging, summte er: „Ich will sie
+mitnehmen. Ich wandere mit ihr.“ Träumte, sah auf seinen
+Arm, und begrub den Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+Durch die blühende Ebene der Garonne fuhren sie auf Ziegengespannen
+nach Osten. Siedler und Islandfahrer begegneten
+ihnen auf den Roggenfeldern, zwischen den dichten Ansammlungen
+der Bäume, der laubabwerfenden stillen Wesen, die neu
+grünten. Wer von den Islandfahrern auf sie zukam, durfte sie
+begleiten; der Steile Absturz blickte weg, als Venaska die Männer
+und Frauen mit jungen Blättern auf ihre Art schmückte. Sie
+warfen sich täglich vor dem Feuer hin, das auf den Feldern
+angezündet wurde. Träumend stand Venaska, mit verschlafenen
+kleinen Augen, von den Anbetungen auf. Der Steile Absturz,
+immer hart und ernst, drängte nach Osten, zur Rhone; das
+Rhonetal aufwärts wollte er nach Lyon und nördlicher nach
+Paas. Durch leere Felstäler stiegen sie, Gießbäche umgingen
+sie. Jenseits des großen Flusses lag eine Ebene.
+</p>
+
+<p>
+Da schwollen ihnen Menschen von Norden entgegen. Der
+Steile Absturz schickte Männer unter die wandernden Gruppen;
+die ließen sich nicht aufhalten. Über den Fluß fuhren nach
+Westen Menschen. Sie suchten in das Gebirge hinauf, fragten
+nach Verstecken. Und dann hörten die Menschen um Kylin –,
+sie waren in der Nähe der Stadtschaft Lyon –, tagelanges nächtelanges
+Knattern und Schreie. Brandwolken, eine ungeheure
+Flamme über Lyon, die sich ab und zu verschattete. Unter dem
+Brausen flüchteten an ihnen Massen weinender erschöpfter Menschen,
+heller und dunkelfarbiger, vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Der Stadtschaft Lyon hatten sich drei Giganten bemächtigt,
+zwei Männinnen und ein Mann. Die anderen Herren lagen
+<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a>
+erdrosselt. Sie selbst waren im Begriff sich in Dampfwolken zu
+verwandeln, um zu Delvil zu fahren. Ihre zähen mit Felsen
+und Erde genährten Leiber widerstanden der Glut. Das ganze
+Rhonetal hatten sie in Brand gesteckt, neue Wälder erhitzten sie.
+Aus der Tiefe brannte die Stadtschaft auf. Das berghohe Weib
+Tafunda stand breitbeinig über der Flamme, die an ihren
+Beinen leckte, goß ihren Harn in die Flamme, zitterte nach den
+beiden, sie sollten ihr helfen; aber sie schmolz nicht. Einer lag
+über der alten Vorstadt Macon wie ein Riesenberg blauer Seide.
+Sein Leib war nicht mehr zu erkennen, das Feuer zerfraß ihn;
+der Gigant kämpfte mit der Flamme, die ihn vernichten, verblasen
+wollte. Er hielt mit allen Sinnen seinen Leib, wie er sich
+auch streckte und wandelte, fest; das Feuer briet und röstete, er
+fühlte es nicht; die Flamme mußte tun, was er wollte. Er atmete
+selten, alles Feuchte hatte er von sich gegeben; aber der Wind
+bewegte seine blauen Massen noch nicht. Da riß sich der dritte
+Gigant, die Männin Kussussya, bis an den Hals in dem glutrasenden
+Erdloch Lyon im Süden, aus dem Boden: „Wir haben
+Zeit? Was ist das für Feuer.“ Und lachend tobend zerrte sie
+sich den Panzer der Giganten, den Islandschleier von der Brust,
+zerknäulte ihn, rieb ihn gegen einen Uferfels. Aufkrachen.
+Grüne Stichflammen. Ihr Leib verprasselte über den Wolken.
+Die Hitze hinblasend löste den Giganten bei Macon ab von der
+Erde. Er wallte wie ein blaues Lufttier. Molluskenhafte
+Arme streckte er hinstreifend nach Tafunda aus, die nach ihm
+schnappte loderte und nicht verbrennen konnte. Er schleppte das
+sich krampfende stöhnende ungeheure Gebilde.
+</p>
+
+<p>
+Kylin hatte starr auf dem Pilatberge gestanden; sie sahen in
+der Luft über sich den Giganten von Macon mit dem schwarzen
+sich windenden Gebilde die Berge umkreisen, nordwestwärts
+ziehen. In das Flußtal wollten sie heruntersteigen; sie vermochten
+es nicht unter dem widrigen stinkigen Branddunst.
+Der Menschenstrom hatte plötzlich nachgelassen. Und wie sie
+die letzten Hügel nach Osten begingen, hielt der ganze Zug der
+Fahrer an. Das Flußtal war sumpfig erweitert, Fußtapfen der
+Giganten, Hügel bei dem Gigantenkampf zerrissen, von Nordwesten
+her das Gebirge in das Tal gestürzt. Über die Ebene
+<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a>
+gesät Häusertrümmer, die rauchten. Und daraus wanden sich
+hervor Menschen und Tiere. Auf die Siedlungen war der
+Kampf und der Brand übergegriffen. Das Feuer hatte die
+fliehenden Wesen wie ein Vulkanausbruch überfallen; sie lagen,
+schwarzbraune Flecken, zusammengekrümmt, auf den Wegen;
+an manchen absperrenden Mauern in Haufen.
+</p>
+
+<p>
+Auf den östlichen Hügeln, an deren Lehnen sich der Qualm
+heraufzog, zitternd und heulend warfen sich auf den Boden und
+verbargen sich manche Islandfahrer, Männer und Frauen
+weinten; hielten sich die Ohren zu; das Gespenst Grönlands
+und der Vulkane zog wieder über sie her. Die meisten blieben
+starr; verbissen drängten sie weiter. Kylin hielt sich kaltgesichtig
+unter ihnen, lachte, manchmal krampfhaft stolz: „Sie bereiten
+sich selbst ihr Ende. Die Giganten, verfluchte Gesichter. Verfluchte
+Arme, zu denen wir geholfen haben. Könnte ich sie zerreißen,
+wie ich sie geschaffen habe.“ Schluchzend, jammernd hob
+er die Arme über sich: „Ich will das nicht mehr sehen. Feuer,
+ich kann an dich denken. Feuer auf Island, im Himmel, Feuer
+in meinem Leib, vernichte sie. Verbrenne sie, schlag sie nieder.
+Bestraf uns nicht wieder. Sieh, wie wir leiden.“ Er weinte
+laut mit den andern. Die Hügel herunter in das Tal zog er sie.
+Sie mußten nach den Verbrannten Zertretenen, den grauenhaft
+Zerquetschten sehen. „Sage einer“, klagte Kylin, „daß ein
+Mensch ist wie ein Baum, ein Stock, ein Sandhaufen. Er ist
+nicht dasselbe wie die Luft und der Stein. Die Steine sind zertrümmert,
+die Riesen haben die Felsen zertreten; die Bäume
+jammern mich, die sie zertreten haben. Aber dies zu sehen: die
+Menschen. Seht es euch an: es sind Menschen. Es ist mehr als
+Muskeln und Knochen und Haut. Die Riesen haben es nicht
+gesehen. Ich selbst habe es nicht gesehen. Sie haben gelebt.
+Sie sind hin.“ Sie weinten um ihn: „Wir wollen von hier.
+Müssen wir durch dies Jammertal?“ „Wir müssen“, der Steile
+Absturz erblaßte, rote Tupfen auf seiner Stirn und Backen, „es
+kann nicht zuviel sein. Dies ist das Feuer, das für uns ausgelegt
+ist. Kommt hinter mir her. Biegt euch, schmelzt, zerbrecht. Es
+ist kein Schade. Blickt euch um, was hinter euch nach Nordwesten
+zieht. Es triumphiert, es wird noch wüten, so, so. Unsere
+<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a>
+Schande. Es kann nicht schaden, wenn wir zerbrechen. Wir
+alle.“ Und wieder schluchzte er, krampfte die Fäuste, kniff die
+Augen zu: „Vernichte sie, wer es auch immer sei. Feuer, vernichte,
+blase sie in die Luft. Zerstäube sie. Laß nichts von ihnen
+übrig.“
+</p>
+
+<p>
+Und durch das schreckliche Tal gingen sie weiter, bis ein Floß
+von Osten eine Schar verstörter irrer verstümmelter Menschen
+gegen sie losließ. Da bestiegen sie selbst das Floß, setzten über den
+qualmbeladenen Strom nach dem andern Ufer über. Kylin
+hetzte, während sie fuhren: „Da ist Wasser. Seht es euch an, ihr.
+Es gibt nichts zu weinen. Hier kann man ertrinken. Wenn man
+genug gebrannt hat, hier kann man ertrinken. Weg von der
+Erde.“ Es war Grausen ohne Maß, was auf den weiten Flächen
+des östlichen Ufers vor sie trat. Unersättlich, geschüttelt war
+Kylin, mehr, mehr zu sehen, ihnen zu zeigen. Vor die gähnende
+Öffnung der zackigen Krater der Erdstadt Lyon schleppte er sie,
+aus der die schreckliche lachende Männin gefahren war. Kylin
+lockte mit Hohn und Grausamkeit: „Auch hier hinein kann man
+sich stürzen. Sie hatte nicht Asche werden können; für uns
+reicht es.“
+</p>
+
+<p>
+Es gelang ihnen tagelang nicht, Kylin von der furchtbaren
+Totenebene zu bewegen. Schon erkrankten von den Fahrern
+welche. Mit Haß und Genugtuung betrachtete der harte Kylin
+sie. Er hörte mit leuchtenden Augen, daß einige davongelaufen
+seien, irr vor Ekel, andere unfähig die Qual zu ertragen. „Wir
+müssen bleiben; wir werden sehen, wer zuletzt bleibt.“ Sie
+faßten ihn an: „Du willst uns opfern. Wir haben noch mehr
+vor.“ „Uns kann nichts Besseres geschehen als verbrennen. Wir
+müssen es den Giganten nachmachen. Wir müssen auch in einer
+Wolke nach London fahren.“
+</p>
+
+<p>
+Wie sie herumirrten eines Abends, nach Hunden jagend, von
+deren Fleisch sie lebten, stieß Kylin auf Venaska, die verschleiert
+und geduckt um ihn ging, ihm auswich. Er zog an ihrem
+Schleier: „Ah, Venaska. Daß du mir begegnest! Gut! Du versteckst
+dich vor mir. Bei uns, an der Rhone Venaska! Ich habe
+nicht mehr an dich gedacht.“ „Hojet Sala. Ich gehe hier herum.
+Du hast mir gestattet, mit dir zu ziehen.“ Er hielt sie am Schleier
+<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a>
+fest: „Venaska. Ich kann es noch immer nicht glauben. Von
+der Garonne, von der Loire: Venaska. Du bindest dir einen
+Schleier um, du zwinkerst mit den Augen. Du mußt die Augen
+zumachen, die Nase zuhalten.“ „Hojet Sala, was sprichst du.
+Laß meinen Schleier.“ „Nein, diesen Augenblick sollst du
+wenigstens sehen und hören.“ „Ich habe immer gesehen und
+gehört. Vor dir hab’ ich mich versteckt. Vor deinem Anblick. Wie
+bist du schrecklich geworden.“ „Sie leidet. Venaska leidet. Um
+mich. Es ist nicht nötig um mich. Schämst du dich nicht so zu
+sprechen. Sprich Liebesworte zu mir; dein Handwerk wird hier
+auch blühen. Oleanderbäume Feigenbäume der Provence,
+nicht wahr, das ist nichts gegen dies. Hier ist es süß. Das hier
+unten neben dir, was so stinkt, ist der Leib und der Mastdarm
+eines Mannes oder eines Weibes; ich kann es von weitem nicht
+unterscheiden. Und auf der braunen Haut ausgebreitet: sieh
+zwei Kinderbeine; aber das Kind fehlt. Venaska, was sagst du
+zu diesem Kind. Ist die Schnelligkeit des Kindes nicht bewundernswert,
+die Beine sind dem Kind zu langsam gelaufen,
+da ist es selbst – mit wem wohl? mit den Giganten gerannt,
+Rumpf Arm Kopf, hurra, hurra, hopp! Die sehen sich jetzt
+von der Fußsohle eines Giganten das Meer an, vielleicht schon
+London. Ein neugieriges witziges Kind. Ein Genie und so früh
+gestorben! Warum unterbrichst du mich nicht, Venaska; mit
+Freudenausrufen oder mit einem Gesang. Deine Kehle ist so geschickt
+darin. Tränen, Tränen, vorwärts.“ „Warum wütest
+du gegen mich? Was beleidigst du mich?“ „Du fielst mir nur als
+ein Farbenfleck in dieser Landschaft auf. Nein, Venaska, du
+schleichst mit Recht herum, der Schleier ist an seinem Platz.
+Du bist doch verflucht, siehst du es nicht. Ja, du. Du weißt wohl
+nicht, was verflucht sein heißt. Sieh dir diesen zermatschten
+Darm an, die Kinderbeine, die darauf kleben; das waren Menschen,
+das war ich, ich.“ „Ich nicht, ich nicht, ich habe sie nicht
+zertreten. Hör auf, Hojet Sala. Siehst du nicht, zu wem du
+sprichst.“ „Und weil ich dich sehe, spreche ich so. Ich dich nicht
+sehen. Daß du es wagst hier zu sein. Hier ist das Grabmal aller
+menschlichen Würde, du bist das Triumphlied dabei. Unsere
+Schande führst du uns vor Augen, bei unserer Schande sättigst
+<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a>
+du dich.“ Sie drängte an ihn. Er sank unter dem wilden wütenden
+Druck ihrer Umarmung in die Knie. Ihre Lippen zitterten,
+die Augen glühten; seinen Mund suchte sie zu küssen. „Mein
+Mund. Wäre ich dir gefolgt, wenn es so wäre, Hojet Sala?“
+Er stöhnte und widerstrebte nicht: „Pfui. Umarmen! Mehr!
+Küssen. Hinwerfen. Deinen Schoß an meinen. Es ist gut.
+Was sagst du, daß ich dich nicht kenne. Zeig mir ganz, was ich
+bin.“ „Ich weine mit dir. Ich tue dir nichts. Vergrab dich nicht,
+Hojet Sala.“ „Umarmen, Venaska. Mir nutzt sonst nichts.“ Er
+hatte sich ganz hingeworfen: „Gurre, Venaska! Den dreckigen Boden
+müßte ich küssen. Von Grönland mußte ich bis Lyon fahren,
+um von dir enthüllt zu werden. Meine ganze Schande zu sehen.
+Deinen Schoß her. Unsere ganze Menschenschande.“ Sie zog an
+seinen Armen. Todblaß stand er, knirschte: „Komm mit Venaska.“
+</p>
+
+<p>
+Er schleppte sie zwei Tage durch das grauenvolle Tal, sah sie
+leiden. Dann ertrug er es nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert,
+ihre Augen lagen in fast grünlichen Höhlen, sanft war sie
+geblieben. Da irrte er um den Trichter der qualmenden Erdstadt
+herum, immer dichter; er schien erst langsam zu wissen, was
+er wollte. Er trieb sie an eine der gräßlichen Spalten, in denen
+Verwesungsgase stiegen: „Riech das mit mir, Venaska. Das ist
+das Bad für uns, bevor wir Hochzeit feiern. Was bist du?“
+Schmerzlich rang sie an ihm: „Ich bin nicht anders als du.“
+Sie zitterte kreischte. „Nicht schreien, Venaska. Du bist nicht
+anders als ich. Zeig es mir.“ „Ich tue nicht, was du jetzt willst.“
+„Doch. Venaska. Du bist wie ich. Du bist mein Leben. Wärst
+du nicht so schön, so süß. Geh weg. Geh hinunter. Was macht
+es aus. Keiner von uns ist ja.“ „Ich geh’ nicht.“ „Erreg mich
+nicht, Venaska. Reize mich nicht, Venaska. Verhöhne mich
+nicht mit Liebe. Habe ich nicht zu büßen. Unendlich unendlich
+zu büßen. Ich sterbe in diesem Gestank. Mach ein Ende.“
+„Hier hast du mich hergeschleppt. Du willst mich hineinstürzen.“
+„Nein. Du selbst sollst es tun. Du kannst es tun. Tu es, wenn
+du die Augen auf hast.“ „Ich tue es nicht. Ich bleibe bei dir,
+Hojet Sala. Jetzt mehr als sonst. Du wirst Reue um mich
+empfinden.“ „Ich will dich nicht. Sprich mich nicht an. Dich
+kenne ich. Grausige. Du – bist aus dem Geschlecht der Giganten.
+<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a>
+Du bist die letzte. Du bist selbst ein Untier, das Grönland ausgeworfen
+hat. Du lebst in mir, gräßlich: meine Besinnungslosigkeit.
+Laß dich anfassen, liebe Besinnungslosigkeit. Der
+Steile Absturz bin ich.“ Sie wimmerte: „Ich schäme mich.
+Wie bin ich geschändet. Süße Erde, nimm mich.“
+</p>
+
+<p>
+In den Qualmwolken der Spalte flatterte Venaska, den
+Boden in ihrer sanften Art streichend. Sie kroch weg, verschwand
+vor Hojet Sala, der hinter ihr schäumte.
+</p>
+
+<p>
+Am selben Tag verließen die Fahrer das Rhonetal. Der
+Steile Absturz hatte vor den andern geglüht: „Venaska ist weg.
+Ich habe sie erkannt. Wir sind Menschen. Sie war es nicht. Ich
+erkannte sie. Sie war aus dem Geschlecht der Lurche und
+Riesen.“ Als man neben ihm klagte: „Stöhnt. Schmerz her.
+Der Schmerz. Davon brauchen wir Eimer, Zentner jeden Tag.
+Für uns Menschen ist nur die Hölle gut. Wenn das Feuer nicht
+ist, werden wir zu Steinen. Nur die Hölle tut uns not. Der
+Schmerz ist unsere Seele, unser Gott.“ Und leiser: „Wißt ihr,
+sie ist in das Feuer gegangen und war ein Stück von mir. Gesegnet,
+wer Erniedrigung gibt.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">enaska,</span> die süße, flüchtete nach Westen. Den Dampf- und
+Verwesungsgasen der Krater von Lyon war sie entkommen.
+In Angst schleppte sie sich, allein. Sie weinte viel. Sie war
+das Glück der Entsetzten, zwischen denen sie sich bewegte und
+denen sie die braunen Hände gab. Wohin ging sie. Wohin
+wollte sie. Zu den Wesen Grönlands gehörte sie, hatte der
+Steile Absturz gesagt. Sie wollte hin zu ihnen, nach Grönland.
+Und dann kam sie im Westen unter die verzweifelten,
+oft kannibalischen hungrigen Völkermassen, die sich aus Orleans
+und Paris rissen. Von den Riesen sprachen sie, die sich in Cornwall
+versammelten. Zu den Riesen: das wollte sie. Ein bewußtlos
+tiefes Verlangen befiel sie, hüllte sie ein; sie lechzte zu
+den Riesen. Die hatte Hojet Sala geschmäht, die waren von
+ihrem Blut. Wie jäh das ihr gewiß war. Sie verstand nicht
+mehr das Klagen Heulen der Massen, das röchelnde Fluchen
+auf die tobsüchtigen Giganten. Ihre eigene Verzweiflung war
+<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a>
+wie die Nacht von einer Morgenröte ausgelöscht. Was ächzte
+und brüllte man. Wer nannte die Giganten, die fernen. Sie
+standen in Cornwall, gräßlich ihre Taten, grauenhaft ihre Leiber.
+Aber man kannte sie nicht. Nur sie allein kannte sie durch Taten
+und Leiber hindurch: ihr Blut, ihre Brüder.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Brüder, meine geliebten Brüder“ seufzte es Tag und
+Nacht in ihr. Die Landschaft der Loire blickte Venaska süß an:
+„Ich bin wieder da, liebe Bäche, liebe Birken, liebe Gräser.
+Ich habe euch lange nicht gesehen. Ich war verzaubert.“ Sie
+legte sich nackt in einen Bach: „Liebes Wasser, das ist mein Leib.
+Er ist ganz für dich. Ich will nach Norden. Hilf mir herüber.“
+Sie stand blaß auf dem Bergabhang, ließ sich von der Luft
+trocknen: „Bist kalt, lieber Wind. Das ist mein Leib, meine
+Brust. Hilf mir nach England.“ Das warme Licht kam hervor:
+„Ach die Sonne. Wozu hab’ ich Augen und Ohren. Ich fühle
+dich durch die Haut, auf dem Rücken, am Nacken, an den Füßen.
+Auf meiner Wanderung kommst du mit.“
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhr mit Menschen, die sie berückte, lange Tage bis zur
+Seine hinauf. Dann wollte sie niemand mehr fahren; die Furcht
+vor den Riesen war zu groß. Sie lachte ging, war voll Sehnsucht:
+„Geht nur. Die Riesen sind nicht eure.“ Die Ufer der
+Seine lief sie entlang, über Wiesen, durch Buschwerk. Sie war
+glücklich und voll Sehnsucht. Die Landschaft hing an ihr. Je
+rascher sie lief, um so mehr hielten die Wesen der Landschaft
+sie fest. Die Gräser wickelten sich um ihre Schuhe. Sie mußte
+die Schuhe ausziehen und barfuß laufen. Die Bäume stellten
+sich nachts, wenn sie schlief um sie und ließen sie nicht heraus.
+Sie lief, lief. Das Buschwerk, die Gräser liefen mit ihr. Die
+Kastanienbäume, die Linden, sommerlich blühend, wogten bei
+ihrer Annäherung auf. Duftwolken brunsteten sie aus, dann
+senkten sie ihre Wipfel, griffen mit den Ästen nach ihren Haaren.
+Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <a id="corr-43"></a>nach Cornwall.
+Laßt meine Haare frei. Helft mir <a id="corr-44"></a>nach Cornwall; ich muß zu
+den Riesen, meinen Brüdern.“ Das Meer kam nicht, das Meer
+kam nicht. Sie grämte sich, sie weinte. Die dichten Gräser
+schlossen sie ein. Venaska war glücklich in ihrer Liebe und
+schluchzte vor Verlangen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a>
+Während sie ermüdete, Schritt für Schritt ging, von dem
+Lande umfaßt, streckte sie die Arme nach Norden aus. Die
+Tränen stürzten aus ihren Augen. Die Tränen liefen der
+Venaska voraus, fielen auf die Schultern der Giganten.
+</p>
+
+<p>
+In Cornwall standen, stumme Gebirge, die Giganten im
+Halbkreis vom Bodminmoor bis nach Egmoor im Norden. Die
+Erde um sich hatten sie ausgehöhlt, Felsen und Wassermassen
+in sich aufgesogen. Mit Erzquadern wurzelten sie in den Gabbromassiven
+der Tiefe. Grüne Hornblendenädelchen durchwuchsen
+ihre Füße, schwarzbrauner Olivin, eisendurchzogen, schob sich bis
+an ihre Brüste herauf, ein steinerner Mantel. Die Strahlenträger,
+die gesponnenen Netze, hielten sie vor sich auf der Brust,
+gleichmäßig alle grünschwarzen zerklüfteten wasserüberflossenen
+Gesichter nach Nordwesten auf das Meer gerichtet, das Meer
+aufzureißen, den Meeresboden aufzuschmelzen, die Flamme die
+Lava hervorbrechen zu lassen, Länder zu verschütten. Keine
+jauchzende Wildheit Krampf war mehr in den Wesen. Die
+Gebirgsströme brausten durch sie. Die Erdmasse lähmte sie,
+wollte sie vergewaltigen; sie mußten mit allen Seelenkräften
+anringen, um nicht zu versinken.
+</p>
+
+<p>
+Das Meer, die grünen Wasservölker, waren längst von der
+Cardiganbucht über Wales hingesprungen, durchtobten den
+Bristolkanal, schäumten bis zu den Füßen der steinernen
+Kuraggara im Norden. Tag und Nacht wallten vom Atlantischen
+Ozean mit Wut die ungeheuren hinpeitschenden Wogen
+an. Irland überdonnerten sie in ganzer Breite. Rasend stieg
+die Flut von Nord herunter, eine meilenbreite von schwarzen
+Gewittern überlagerte Straße schiebend, wühlte gegen
+Cornwall. Jenseits der Hebriden rissen die Wellen dampfend
+auseinander, entließen gähnend Dunstwolken. Neue Massen
+schwemmten herüber, kochten füllten die Spalten. Heller und
+heller von einer unsichtbaren Quelle wurde es von Woche zu
+Woche über der brandenden Kampfstraße. Durch Glimmen und
+Dämmer fuhren unaufhörlich die Blitze. Endloser Regenguß,
+brüllender Donner.
+</p>
+
+<p>
+Auf Cornwall, die Erde einziehend in ihren Leib, Flüsse aufsaugend,
+rangen die Giganten mit ihrem Bewußtsein. Zu dem
+<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a>
+Brüllen des Donners gesellte sich ihr tiefes Grunzen Röcheln.
+Das Bewußtsein wollte ihnen schwinden. Und wenn einer
+stöhnte, stöhnten die anderen mit, um ihn durch ihren Lärm zu
+erwecken. Delvil, die Dartmoorwaldungen auf seinem Rücken,
+bewegte nur noch die Augenlider. Die Kiefern- und Tannenstämme,
+lose durch seine Adern strudelnd, bohrten sich durch die
+rauchschwarze Haut. Die Felsen wie in einem Trichter in ihn
+schwemmend, packten sich an seinem Hals hoch. An seinen
+Schultern, an der Brust trieben sie Kanten vor, waren Abhänge
+Klüfte, in dem sich das gischende Wasser verfing.
+</p>
+
+<p>
+Und im Sturm, wie er stand –, woran dachte er, wollte sich
+erinnern – brannte ein Schmerz an seinem Nacken. Er achtete
+nicht darauf, sein bewaldeter seenwiegender Kopf sank tiefer.
+Da zuckten seine Finger, der Arm krümmte sich, es brannte im
+Nacken; welch Schmerz. Er tastete nach hinten. Etwas rief.
+Von wo rief es. Er murrte. Venaskas Tränen stürzten gegen
+seine Schultern, seinen Hals entlang. Ein Rufen: „Delvil Delvil
+Delvil.“ Über ihn hin dachte es: es ruft mich bei Namen. „Delvil.
+Delvil.“ Mit den Tränen kam der Schrei. Seine Finger
+tasteten hinein, warm waren sie; über seine Schulter rief es
+durch das Gewitter: „Delvil. Hilf mir doch. Ich bin im Gras
+verwickelt. Ich will zu dir.“ „Sie ruft mich bei Namen. Immer
+der Name. Der Name. Es ist wie damals, als Marduk entkam.“
+Er brütete erregt, stöhnte: „Ich muß den Schleier halten.“ Die
+Tränen sammelten sich kitzelnd brennend hinter seinen Ohren.
+Es klagte; hörten die andern es nicht. Arme griffen über seinen
+Mund. Das waren Arme, über seine Augen. Er bewegte den
+Kopf keuchend rückwärts; ein heller Schreck durchfuhr ihn.
+„Delvil, ich kann nicht zu dir. Was stehst du hier. Heb du mich,
+süßer Bruder.“ „Oh“, bäumte er sich, grunzte hohl, „weg von
+mir“ und stöhnte mit den übrigen: „Die Steine. Es sind die
+Steine die Bäche. Sie nehmen mir das Bewußtsein.“ Das
+Gewitter prasselte, Schwärze, glühender Strahl. Er preßte
+den Schleier. „Meine Arme halten dich. Nun sind sie doch froh
+bei dir zu sein. Ich komme bald; nichts soll mich zurückhalten.
+Du bist mein Blut. Nach dir habe ich Sehnsucht. Sehnsucht,
+Delvil.“ Es zuckte züngelte durch sein Gehirn. Es trieb ihn an
+<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a>
+seinen Beinen zu ziehen. Was hing an seiner Brust; welche
+toten Körper waren seine Beine. „Du wirst mich nicht verwirren.
+Das Meer kommt an. Die Erde reißen wir auf.“
+„Mein Blut, du, und du hast Verlangen nach mir. Ich kenne
+dich, wenn du dich auch wehrst. Mein Mund ist bei dir. Da
+ist er. Toter Bruder, sieh das Meer, es ist schön. Du fühlst mich,
+du fühlst alles. Du bist Wald Gebirge Fluß. Sieh das süße
+Leben an dir. Unser süßes Leben, Wald Fluß Gebirge. Laß
+sie heraufkommen zu dir. Laß sie nur kommen.“ Das Bewußtsein
+schwand ihm: „Ich muß stöhnen. Sie sollen mitstöhnen.
+Sie soll mich wecken.“ „Mein Herz kommt zu dir. Jetzt ist es
+da. Toter Bruder, blick dich um. Jetzt wirst du lebendig.“ Sein
+Kopf zuckte wild nach rückwärts. Durch die Schwärze, zwischen
+den Blitzen näherte sich, näherte sich ein blutendes triefendes Gebilde.
+Aderspielend, glühend kam das Herz Venaskas an, lautlos
+langsam. Senkte sich in den Berg. Den durchströmte es auf
+Sekunden warm. Ein weiches Dunkel bodentief brodelte durch
+Delvil. „Warum nicht, Delvil. Warum nicht.“ Sein Kopf war
+nicht mehr da, das rasende Meer war verdämmert. „Toter
+Bruder, nun ist uns gut. Nun hab’ ich dich. Streck dich aus.
+Du hast Beine, sink hin. Hin. Hin. Wir sinken. Ach ist es
+schön zu sinken.“ Es war nicht mehr Delvil, in Berg See Wald
+ausgedehnt, auseinanderfließend. Es war nicht mehr Delvil.
+</p>
+
+<p>
+Und zu den andern Giganten, von Bodminmoor bis zum Egmoor
+am Bristolkanal schwoll Venaska. Sie rangen, in Syenitmassen
+versenkt, mit den grünen sprießenden sie durchwuchernden
+Augiten, den Sandmassen, die ihre Stirnen überschütteten,
+den Haufen von Trümmergestein, die durch ihre Adern türmten.
+Die Waldbäche strömten kühl an ihnen herauf; Quellen brachen
+auf, wogten durch sie. Es zuckte in ihnen. Ihre Lippen suchten
+sich zu spitzen. Flehen Singen nahe bei ihren Ohren. Sie
+wurden am Hals, an den Fingern berührt. Und wie sie noch
+staunten aufröchelten, um sich zu erwecken, wurden sie im
+Innersten beseligt und ihr Mund blieb offen. Hin schwanden
+wie Dunst ihre Gedanken. Ein Traum schoß zu blendender
+Helligkeit auf: bei Namen wurden sie gerufen, Kuraggara,
+Tafunda, Mentusi. Tränen über die Nacken stürzend, Gurren
+<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a>
+einer Stimme. Wer war das. Wärme Sinken. Eine erschreckend
+sanfte süße Stimme: Kuraggara, Tafunda, Mentusi.
+Ist das der Tod. Ach was gibt es in der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Es waren nicht mehr die Giganten, auseinanderprasselnd in
+Wälder Gebirge. Das donnernd sich anhebende Meer sprühte,
+wusch die Massen, die abstürzten, lose Stämme, leichtes Gestein
+und die Schleier ab. An Felsen zerrieb es sie, zersprengte sie in
+Lohe. Dann verebbte die schwarze Meeresstraße von Norden.
+Das tausendarmige Gewässer zog sich nach der Cardiganbucht
+zurück. Der Dampf über dem Meer verwehte. Irland hob sich
+seenflutend wieder aus dem Wasser. Auf Cornwall zerkrachten
+abrollend die steinernen Häupter und Arme der Giganten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">us</span> den Löchern und Nestern der verschütteten Stadtschaften
+quollen die Verstörten. Sie waren ohne Nahrung; Haß Kannibalismus
+herrschte. Geschlossene Horden kamen von den dröhnenden
+britischen Inseln, Reste von dem überschwemmten Irland,
+schlugen sich mordend raubend durch das westliche Europa.
+Die Mekifabriken waren verschüttet, die Äcker nur wenig durch
+Siedler bestellt. Wie ein Wolkenbruch, ein Hagelwetter stürzten
+verheerend die Menschen, die von den Tritten der Giganten
+verschont waren, auf die Landschaften. Monatelang liefen sie.
+Leichen ließen sie hinter sich auf dem Boden. Was stark war,
+verschanzte sich in den wüsten Wäldern, auf Äckern, einzeln,
+meist in Kampfgenossenschaften, würgte was sich näherte, war
+hart wie Knochen, jagte Tiere. Die Ausschüttung und Überschwemmung
+des europäischen Kontinents, die ungeheure Katastrophe,
+war in einem Jahr in ihrem ersten Schwall beendet.
+Das Verschieben der Massen, Hin- und Herdrängen, Überwallen
+und neues Verschütten dauerte noch lange an.
+</p>
+
+<p>
+Die Islandfahrer, im wildesten Strom, waren vorbereitet ihn
+zu empfangen. Sie stellten sich den furchtbaren Massen mit
+nicht geringerer Furchtbarkeit entgegen. Arbeiteten, als wenn
+sie über den Vulkanen schwebten. Hielten vertierte Menschengruppen,
+teilten sie, trieben andere weiter. Erschienen bewaffnet,
+überall miteinander im Zusammenhang, in den belgischen
+<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a>
+Gebieten, an der Seine, der mittleren Loire, der Rhone. Wallartig
+mußten sie sich vor den glücklichen Landschaften südlich
+der Garonne aufbauen, um ihre Zertrümmerung zu verhüten.
+Schleppten nach Calais Le Havre Antwerpen, an die
+Girondemündung Schiffe, die aus der Grönlandexpedition
+rostend und faulend in den nördlichen Häfen lagen. In die
+afrikanischen weiten und längst aufgeschlossenen Landschaften,
+nach dem nördlichen und südlichen Amerika führten sie große
+Massen.
+</p>
+
+<p>
+Wie beim Uralischen Krieg, als die Feuerwalzen zusammenschlugen,
+das Kaspische Meer, wurde die Ostsee bei der Zertrümmerung
+der dänischen und skandinavischen Stadtreiche von
+entsetzten hungernden sterbenden Menschenwesen überschwemmt.
+An der südlichen Küste dieser See dehnten sich die Märker aus,
+bis nach Litauen im Osten, an den Rhein im Westen. Sie
+hatten fruchtbare bestellte Gebiete zwischen sich. Hier verdarb
+um diese Zeit der schwarze Konsul Zimbo, als er den Augenblick
+benutzen wollte, um die märkische Macht durch Überfälle
+nach Norden und Westen auszudehnen. Die bewaffneten
+starken ackerbauenden Horden erschlugen ihn in Berlin während
+einer Beratung, öffneten ihre Grenzen nach Norden und Westen,
+nahmen Scharen der Flüchtigen auf. Über die Rheingrenze
+gingen damals helfend märkische Horden. Die Erhaltung des
+größten Teils der späteren westlichen Bewohner war ihr Werk.
+Durch ihr eigenes Gebiet führten sie nördliche Scharen über
+die Warthe, die Weichsel. Die russische Tiefebene betraten sie,
+die wieder geglättet beruhigt begrünt war nach dem Flammenkampf.
+Nomadisierende mongolische und sibirische Stämme
+nahmen sich der einschmelzenden Städtereste an. Von den in
+die Stadtschaften Verlockten und Verschlagenen blieben nur die
+Nachkommen der älteren härteren Weißen und Dunklen auf
+dem Kontinent; der junge Zufluß, der nicht verkam, verebbte
+nach Süden. Dünn besiedelt war das Land, auf dem die gewaltigen
+Stadtschaften, die Mütter der Giganten gewachsen
+waren. Es waren in der Masse Nachfahren indianischer Mischlinge
+und noch nicht lange eingewanderte körperstarke Mestizen,
+versprengte Reste Weißer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a>
+Dann war die Wut des Orkans gebrochen. Auf dem europäischen
+Kontinent rangen in furchtbarster drängender Arbeit die
+Menschen mit dem Boden. Amerika hatte keine Gebilde entwickelt
+wie Delvil Tafunda Kuraggara. Hier flossen die Stadtschaften
+früh aus, die Senate schwanden, Apparate und Wissenschaften
+verdarben. Als der östliche Teil des einstmaligen Völkerkreises
+sich selbst zerschmetternd zusammenbrach, hatte der
+amerikanische Kontinent noch viele kleine fröhliche Städte innerhalb
+der verfallenden, Berge und Wiesen überziehenden Reste
+der ungeheuren Stadtreiche. In Dorfstaaten, oft bei den
+schwach besiedelten Resten der alten Stadtschaften ballten sich
+in Europa die Menschen. Es kamen nicht viel später Angriffe
+afrikanischer Raubhorden, die den alten Hang zum nördlichen
+Kontinent nicht verloren hatten. Die Vorstöße führten zu
+Gegenbewegungen, zur Festigung europäischer Stammesgebilde
+und Volksgruppen und zur Ausdehnung am Mittelmeer.
+</p>
+
+<p>
+Über Nordeuropa zog nach den Vorgängen in Cornwall
+Staub wie von Vulkanausbrüchen, wochenlang gingen Regengüsse
+nieder. Man beachtete es in der Verkrampfung und
+tödlichen Wut dieser Tage nicht. Und wer von den noch Lebenden
+an die Giganten dachte, fürchtete sie nicht; man kannte
+jetzt keine Furcht. Erst wie das Ringen zu Ende ging, besann
+man sich der tobenden Giganten. Und man sah die harten ledergekleideten
+Islandfahrer, die, hinter sich kleine Scharen neuer
+Entschlossener, durch die Länder ritten, Fußpfade herstellten,
+die verfallenen Chausseen freirissen, große Wanderscharen auseinandertrieben.
+Im Belgischen und am Rhein verbreitete sich
+das Gerücht, dies seien Männer und Frauen der alten Herrengeschlechter,
+die gegen die Senatoren rebellisch geworden wären,
+sich ungeheurer Kräfte auf Island und Grönland bemächtigt
+hätten und die Giganten auf den britischen Inseln niedergekämpft
+hätten. Seien Männer und Frauen wie Marduk und die White
+Baker, nur stärkere; sie hätten die Giganten mit ihren eigenen
+Waffen geschlagen. Es nutzte nichts, daß die Islandfahrer den
+Gerüchten entgegentraten. Sie schwiegen zu viel, man sah ihr
+Vulkanzeichen und wie sie sich vor dem Feuer demütigten. Das
+mußte die Gewalt sein, die sie selbst niederhielt. Ob sie sich
+<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a>
+wieder wie die alten Herren über die Menschen erheben würden.
+Und während man vor ihnen auf der Hut war, tat man
+den Fahrern nach, verehrte das Feuer, um mit ihnen auf einem
+Boden zu stehen und auch, um nicht eine große unbekannte Gewalt
+zu beleidigen. Den Islandfahrern selbst, die mit ihnen siedelten,
+brachte man Ehrfurcht entgegen, fiel vor Hojet Sala hin.
+</p>
+
+<p>
+Harte Sitten der Märker, die sich nicht mehr abschlossen, zogen
+im Westen und Süden ein. Wie Flugsamen verbreiteten sich
+aber auch bei den stadtentlassenen Menschen auf den Feldern,
+in den Dörfern, auf den Stadtresten die ernsten liebevollen
+und ehrfürchtigen Gedanken des Südens. Neu fühlte man
+sich in das Gewitter ein, in den Regen, den Erdboden, die
+Bewegungen der Sonne und Sterne. Man näherte sich den
+zarten Pflanzen, den Tieren. Das Feuer der Islandfahrer
+stand wie der nachuralische Metallstier in den Landschaften zur
+Erinnerung an die Katastrophe. Aber schon betete man freudig
+und langsam atmend vor dem flackernden Licht, vor den großen
+Kräften, die alle errettet hatten und sie jetzt neu beseelte.
+Zeichen von Tieren, Holzbilder Idole tauchten an vielen
+Gegenden auf. Man verehrte sie, stellte sich unter ihren Schutz.
+Stündlich war man von geheimnisvollen Kräften umgeben;
+Geisterglaube wurde sehr lebendig.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent first">
+<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ojet</span> Sala träumte schwer: er irrte am Seineufer entlang;
+auf diesen steppenartigen Flächen, zwischen diesen sich windenden
+Bäumen mußte vorher jemand gewandert sein, Venaska.
+Weiter wollte er, mußte suchen. Da war ein Dickicht. Er
+wollte hinein, er wollte durch. Er kam nicht heran. Er drängte
+und drängte. Und wie er den Hügel mit dem Dickicht anlief,
+wurde er plötzlich erhoben, über das schwere Buschwerk hinweg.
+Über den Boden, die weiten süßen sehnsüchtig begehrten Flächen
+flog er weg. Er wand sich, er flog. Über das brausende
+Wasser mußte er fliegen, das war der Kanal, in der hohen
+schwarzen Luft. Den Mund öffnete er: „Jetzt bin ich bald
+da.“ Da war auch die schwarze Wüstenei, Cornwall. Die
+Arme wehten wie zwei Bänder vor ihm. In der steinigen
+<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a>
+Dartmoorlandschaft ließ er sich nieder. In das knatternde Gestein
+senkte er sich ein. Sein Leib wurzelte in dem Berg; ein
+Gigant wurde er, ein steinerner toter Felsenriese.
+</p>
+
+<p>
+Hojet Sala erhob sich von dem Traum, vom Kopf bis zu den
+Füßen zitternd. Er wanderte durch die Landschaften, die von
+den Siedlern aufgebrochen wurden, in denen sie sich umfluten
+ließen vom Atem der finsteren Tannengeschöpfe und grünen
+Buchen. Er trat nach Norden in die Ebene des alten oberirdischen
+Brüssel. Da saß Ten Keir.
+</p>
+
+<p>
+„Ten Keir, ich suche dich. Komm von den Trümmern herunter.
+Du hast nur Haut und Knochen. Schließ dich uns an.
+Wir sind von Island und Grönland gekommen, du weißt es.
+Wir sind alle errettet.“ „Warum sprichst du zu mir, und kommst
+zu mir, Hojet Sala. Es gibt genug, die sich von dir haben brennen
+lassen. Warum rührst du an mir. Fürchtest du nicht, daß
+ich dich verbrenne und du mein Zeichen nimmst?“ „Was für ein
+Zeichen?“ „Ach, du meinst du triumphierst und ich verkomme
+auf meiner leeren zertretenen Stadt. Aber an mir ist nichts zu
+erretten. Ich beuge mich nicht. Es gibt keinen Gott und keine
+Gewalt, von der ich ein Zeichen annehme. Ich bin ein Mensch.
+Und du, Hojet Sala, du bist keiner.“ „Ich bin keiner, Ten
+Keir?“ „Nein du nicht. Sonst würdest du sitzen wie ich.
+Würdest jammern, daß die Giganten hin sind.“ „Die Giganten.
+Wohl uns, daß sie hin sind.“ „Was sprichst du, du frommer
+Gläubiger Heiliger. Sie sind hin. Ungeheuer sind sie gestorben.
+Ich weiß nicht, was sie verschlungen hat. Du warst es
+nicht, rühme dich dessen nicht. Du warst Kylin. Und jetzt bist
+du ein Steiler Absturz. Der Steile Absturz. Unterworfen, hast
+kein Leben, du hast kein Leben und die anderen auch nicht.
+Ihr seid davongelaufen vor Grönland. Ihr seid eurer Würde
+nicht gewachsen gewesen, wie ich, wie wir alle. Ich sitze hier.
+Und schäme mich und klage um die Giganten. Und auch du
+schlägst die Augen nieder.“ „Mein Wahn, Ten Keir, hat sich gelegt.
+Ich bin dadurch nicht schwach geworden.“ „Dein Wahn.
+Das Zittern ist in euch. Ihr sinkt, ich weiß nicht wovor, zusammen.
+Delvil allein ist stark geblieben. Du weißt es selbst.
+Warum kommst du sonst her. Ich verfluche mich und schlage mich,
+<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a>
+daß ich es erst jetzt sehe. Darum um mich zu foltern, nagele ich
+mich an diesen Trümmern fest. Und labe mich an diesem letzten
+Anblick, den sie mir hinterlassen haben. Das sind sie doch gewesen,
+die Riesen. Gerast haben sie, grausig waren sie, Rache haben sie
+geschnoben. Aber im Recht waren sie über euch und über mich.
+In aller Raserei hatten sie recht über mich und gar über dich,
+Hojet Sala. Ihr seid erbärmlich, lächerlich. Unwert der Dinge,
+die die Menschen geschaffen haben. Da liegt alles zertrümmert.
+Triumphiert.“ „Ten Keir, wie quälst du mich. O wie du mich
+quälst. Was hat die Giganten umgebracht? Es trieb sie, sich
+selbst zu vernichten.“ „Damit beschwichtigst du dich nicht und
+mich nicht. Sie wollten sich nicht vernichten, das sage ich dir.
+Ein Fehler, ein Irrtum, eine Schwäche muß sie auf Cornwall
+umgerissen haben. Sie hatten sich übernommen. Aber dir
+sage ich: gesteh es, blick mich doch an. Du gehörtest zu uns,
+du, und zu ihnen. Besinn dich auf dich. Kylin, denk an dich.
+Ich bereue, daß ich nicht Delvils Freund geblieben bin und
+ihn hab hinsterben lassen. Wir bereuen. Du auch. Hilf, was
+noch zu helfen ist. Es ist kein Mensch so verzweifelt gestorben
+wie ich, wenn ich jetzt sterben muß, ohne Rettung gesehen zu
+haben. Denk Kylin, was wir besaßen. Niemand war diesen
+Dingen gewachsen. Weil sie in Räuberhände fielen, in mißbrauchende
+Hände, waren sie nicht weniger unerhört. Und
+groß, und unser. Die Giganten hatten den Schleier; sie haben
+ihn in Wut und Rachsucht verwandt. Sie haben an sich selbst
+gebaut, Angst wurde mir, aber jetzt fasse ich, es war das Stolzeste,
+Menschenwürdigste das jemals geschah. Es ist jetzt hin,
+zertrampelt. Aber vielleicht, vielleicht Kylin, nicht zu spät.
+Sie konnten es nicht beherrschen, es kam zu rasch, immer muß
+Lehrgeld bezahlt werden. Ach Kylin, wir haben dich nach
+Grönland geschickt, um einen neuen Erdteil zu schaffen. Was
+war schon Meki für ein Erdteil, den wir geschaffen haben.
+Und du. Jetzt weinst du.“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht um die Giganten. Komm von den Trümmern herunter.“
+„Ich will deine Menschen nicht sehen. Weil ich mich
+ihrer schäme, sitze ich hier.“ „Komm von den Trümmern, Ten
+Keir. Du siehst, ich weine. Du wirst nicht feige sein. Verkriech
+<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a>
+dich nicht auf Mörtelhaufen, zwischen verbogenes Eisen, verhungere
+nicht zwischen dem weißen Kalk. Bist du noch Ten Keir?
+Soll ich dich nennen. Du bist Tauschan-Dagh, Hasenberg.“ „Ich
+werde sterben.“ „An der Berührung mit mir, fürchtest du daran
+zu sterben? Komm zu mir.“ Der vertrocknete kleine, in der
+Sonne bebende Menschenleib wand sich herunter von den rieselnden
+klappernden Steinen: „Da bin ich, du.“ „Bleib bei
+mir.“ „Komm, Kylin, ich werde dich führen.“
+</p>
+
+<p>
+Einen Tag gingen sie, einen zweiten dritten, nach Norden,
+durch die Dickichte und Siedlungen. Nachts wimmerte Ten Keir;
+er weinte um die Giganten. Beim Gehen blickte er nicht um sich.
+Das große schwarzgrüne Wasser kam, die Nordsee. „Abschiednehmen.
+Es gibt keine Rettung. Auch für dich nicht. Hier wollte
+ich hin. Ich nehme Abschied von dir, Kylin.“ Mit gesenktem Kopf
+stumm stand Hojet Sala, als der hinfällige Mann sich von ihm
+löste, sich über den windgeworfenen Sand schleppte. Vor den
+klatschenden anbrausenden Wellen blieb er. Er stand. Stand.
+Plötzlich rutschte Ten Keir in den Sand, lag auf der Seite.
+Nach einiger Zeit zog ihn der andere an der Schulter, hauchte:
+„Du. Ten Keir.“ Der: „Nicht anfassen. Weg.“ Hojet Sala
+zog seine schweren Füße die Dünen hinauf, bis er den andern
+nicht sah. Nach einer Stunde trug er sich wieder an das langsam
+anwallende Meer, das sich violett und schwarzblau überzogen
+hatte. Ten Keir, ein kleiner schwarzer Haufe lag in dem
+Sand. Still setzte sich Hojet Sala neben ihn. Der kleine richtete
+nach einer Weile den Kopf hoch, zuckte, setzte sich auf,
+schwieg, das Gesicht in die Hände gedrückt. „Du hältst mich
+für feige, Hojet Sala. Bin ich so erbärmlich. Ich kann nicht
+hier hinein. Es ist das Wasser, das sie verschlungen hat. Das
+hat die Giganten verschlungen.“ „Komm fort, Ten Keir, du
+hast hierher gedrängt. Ich leide sehr. Begnade auch mich.
+Bleib nicht zu lange liegen.“ Wimmernd, oft sich hinsetzend,
+oft die Fäuste vor den Augen, meist schlaff, folgte der ausgemergelte
+hohläugige dem langbärtigen Hojet Sala.
+</p>
+
+<p>
+Sie wanderten zurück durch den Bereich der nördlichen Siedlungen.
+In einem Wald, in dem man rodete, lagen gefällte
+abgeschälte Tannenstämme. Da setzten sie sich nebeneinander.
+<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a>
+Hojet Salas Gesicht war nach dem Boden gekehrt, überwölkt
+verschlossen. Am späten Nachmittag rief er Siedler in der
+Nähe an, die ihn erkannten. Sie sollten für ihn Steine aufhäufen
+mitten in der Lichtung. Er half mit, die schweren Blöcke,
+weiße und dunkle, heranzuschleppen. Ten Keir sah ihm eine Weile
+zu. Wie ihre Blicke sich begegneten, nickte Hojet Sala: „Ja.
+Hilf mit.“ Und der zerlumpte fühlte sich bewogen aufzustehen,
+aus dem Boden die harten Steine zu ziehen und zu
+wälzen. Und während er trug, wußte er, was sie taten: sie
+trugen Steine zusammen zu einem Zeichen für die Giganten.
+Gegen Abend war der hohe breite Haufe fertig. Die Siedler
+verließen sie. Zwei Tage lagerten Hojet Sala und Ten Keir
+bei dem großen steinernen Denkzeichen in der Lichtung. Dann
+bewegte sich der Langbärtige, faßte den andern bei der Hand:
+„Wir wollen jetzt weiter, Ten Keir.“ Sie gingen auf Brüssel
+zu. Vor der Steinwüste legte der Islandfahrer zum Abschied
+den Arm um die Schulter des andern: „Hier ist Brüssel, Ten
+Keir.“ Der hielt seine Hand fest: „Nicht Ten Keir. Tauschan-Dagh
+hast du gesagt. Laß mich nicht allein. Wir wollen um
+die Stadt herumgehen.“ Sie umschlangen sich.
+</p>
+
+<p>
+Die Diuwa, glanzäugig milde, fuhr auf einem Ochsengespann
+im Winter durch die schneeflatternden Landschaften, suchte in
+der Pariser Gegend Hojet Sala. Wollte ihm danken für den
+Schutz der südlichen Siedlungen, sie litt auch um Venaska, die
+er bei Lyon verjagt hatte. Die volle Frau mit dem schweren
+roten losen Haar vermochte aber nicht zu klagen. Hojet Sala
+ging auf den beschneiten Feldern neben ihr. Vor Kindern
+stand er, lachte mit ihnen, knackte trockene Zweige, sah träumerisch
+Krähen nach, wiegte halb scherzhaft die Arme, als wollte
+er mit ihnen fliegen. In seinem Häuschen sang er oft feierlich
+morgens wie die britischen Siedler. Er faßte auf dem Feld
+einmal die Diuwa bei den kalten Händen an. Ob sie ihm vorwerfen
+wolle, daß er nicht genug auf Schmerz sehe, daß er keine
+Menschen quäle, sie nicht mehr ins Feuer schicke. „Ich habe den
+Schmerz nicht vergessen. Wir haben die Giganten im Gedächtnis.
+Es sind überall Steinzeichen zu ihrer Erinnerung errichtet.
+Und zu ihrer Feier; sie waren gewaltige Menschen. Wir haben
+<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a>
+auch das Feuer. Es ist uns nichts entschwunden. Wir müssen
+dies festhalten. Diuwa, das Land nimmt uns, aber wir sind
+etwas in dem Lande. Es schlingt uns nicht. Wir haben keine
+Furcht vor der Luft und dem Boden. Kennst du, Diuwa, Ten
+Keir? Du kennst ihn. Er ist still geworden. Er weiß, wir haben
+die Kraft, das wirkliche Wissen, und die Demut. Er ist mein
+Freund. Er hat unser Zeichen genommen und geschworen,
+nicht von mir zu gehen. Warum? Er sieht, wir sind reicher und
+stärker geworden. Wir sind die wirklichen Giganten. Wir sind
+es, die durch den Uralischen Krieg und Grönland gegangen
+sind. Und wir, wir sind nicht erlegen, Diuwa. Du kannst an
+der Garonne und an der Rhone erzählen, was ich sage. Man
+wird uns bald auf der ganzen Erde sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Er senkte die Augen, saß auf einem Feldstein, hüllte sich bis
+an den Hals in sein Lammfell. Er pries Venaska; sie wäre
+verschwunden und wäre nicht verschwunden. Wenn er durch
+das Gebüsch an der Seine gehe, wisse er, wo sie verschwunden
+sei. Es werde alles aufbewahrt. Hojet Sala griff mit der
+Hand in die eisige helle Luft: ihm schiene, die große Urmacht,
+die sie verehrten, hätte die Giganten auf Cornwall weggerafft
+und sie hätte sich Venaskas bedient. Denn es ist keine tote
+Macht, sondern ein wissendes schwelgerisch tiefes Wesen. Diuwa,
+die sanfte Frau, drückte sich das lose Haar an der Schläfe fest.
+Sie sah den Langbärtigen, wie er aufrecht saß, ernst war, sie
+voll anblickte, lächelte. Sie faßte sich ans Herz: es war etwas
+von Venaska an ihm.
+</p>
+
+<p>
+Dem neu aufgeschlossenen ährenwiegenden weiten Land von
+der belgischen Meeresküste über die Seine bis zur Loire gab
+Hojet Sala den Namen Venaska.
+</p>
+
+<p>
+Die fleischernen blühenden welkenden Menschenwesen lagen
+über dem südlichen Faltenland Europas, den Schollen des
+Westens mit seinen uralten Massiven, den jungen Tiefländern,
+den ebenmäßigen schwarzen Schichten der russischen Tafel.
+Gebirgsmassen Höhenzüge Senken bewegte die Erde unter
+ihnen und um sie. In Strömen zog das weiße Wasser
+hin, füllte Seenbecken. Braune und grüne Pflanzengeschöpfe
+drangen aus dem Boden. Büsche und Wälder bauten sich
+<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a>
+längs der Donau auf, längs des Dnjepr und Don. Urwälder
+und Moraste von der atlantischen Küste bis zu den südlichen
+Pusten. Auf ihnen girrten schluchzten starben Feldblumen
+Gräser Vögel. Über die Flächen krochen schwammen mit
+nackten schuppigen behaarten Leibern Tiere, gaben nicht Ruhe
+um sich zu greifen, aufzunehmen, sich zu entleeren. Bis der
+Boden, das wandlungssüchtige Wasser, die verzehrende Luft
+sie ganz wieder hatte. Die Scharen der Menschen in Ruhe
+und Tod, in Werben und Brautkämpfen, unter Vulkanausbrüchen
+und Ertränkungen. Hielten sich aneinander fest, schwanden
+tränend hin, Schwall über Schwall, Mutter und Kind
+Mutter und Kind, Geliebter und Geliebte. Und immer sehnsüchtig
+die Gase der Luft in die Lungenbläschen hinein, an
+die kleinen Zellen, die Kerne, das weiche Protoplasma, immer
+angezogen und weiter gegeben. Und wenn die Herzen stillstanden,
+die Zellen sich trennten und auflösten, waren sie neue
+Seelen, zerfallendes Eiweiß Ammoniak Aminosäuren Kohlensäure
+und Wasser, Wasser das sich in Dampf verwandelte. Leid-
+und lustbegierig, wanderungssüchtig, Seelenvereine in Schneelandschaften,
+in dem pendelnden weiten Meer, in den blasenden
+Stürmen, den Steinvölkern, die der Boden zu Bergen
+hochtrieb.
+</p>
+
+<p>
+Schwarz der Äther über ihnen, mit kleinen Sonnenbällen,
+funkelnden verschlackenden Sternhaufen. Brust an Brust lag
+die Schwärze mit den Menschen; Licht glomm aus ihnen.
+</p>
+
+<p class="end">
+Ende
+</p>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="hdr">
+Werke von Alfred Döblin
+</p>
+
+<p class="pub">
+S. Fischer / Verlag / Berlin
+</p>
+
+<p class="book">
+Die drei Sprünge des Wang-lun<br>
+Chinesischer Roman / 12. Auflage
+</p>
+
+<p class="book">
+Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine<br>
+Roman / 4. Auflage
+</p>
+
+<p class="book">
+Der schwarze Vorhang<br>
+Roman von den Worten und Zufällen / 3. Auflage
+</p>
+
+<p class="book">
+Wallenstein<br>
+Roman in zwei Bänden / 8. Auflage
+</p>
+
+<p class="book">
+Die Nonnen von Kemnade<br>
+Schauspiel / 2. Auflage
+</p>
+
+<p class="book">
+Linke Poot: Der deutsche Maskenball<br>
+4. Auflage
+</p>
+
+<p class="pub">
+Bei Georg Müller, München:
+</p>
+
+<p class="book">
+Die Ermordung einer Butterblume<br>
+Novellen
+</p>
+
+<p class="book">
+Die Lobensteiner reisen nach Böhmen<br>
+Novellen
+</p>
+
+<p class="pub">
+Auslieferung Ernst Rowohlt, Berlin:
+</p>
+
+<p class="book">
+Lusitania<br>
+Drei Szenen
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="printer">
+Druck vom<br>
+Bibliographischen Institut<br>
+in Leipzig
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Die experimentelle Zeichensetzung des Romans, insbesondere das Weglassen von Kommata
+und Fragezeichen, wurde beibehalten. Desgleichen wurde die variierende und von der
+heutigen Norm abweichende Schreibweise geographischer Namen beibehalten.
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben,
+sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... Sie werden dir dein Gesichtchen, das <span class="underline">sein</span> Mütterchen ...<br>
+... Sie werden dir dein Gesichtchen, das <a href="#corr-2"><span class="underline">dein</span></a> Mütterchen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... wurde neben den Senat <span class="underline">Londons</span> gestellt. Carceris ...<br>
+... wurde neben den Senat <a href="#corr-6"><span class="underline">Mailands</span></a> gestellt. Carceris ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <span class="underline">Norwegen</span> Semlja ...<br>
+... Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen <a href="#corr-19"><span class="underline">Nowaja</span></a> Semlja ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... zog sich lang durch <span class="underline">die</span> Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...<br>
+... zog sich lang durch <a href="#corr-21"><span class="underline">den</span></a> Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <span class="underline">umsausten</span> ...<br>
+... zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe <a href="#corr-22"><span class="underline">umsauste</span></a> ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <span class="underline">Heimfahrt</span> ...<br>
+... es nicht wieder. Es war nicht das Wasser, das sie auf der <a href="#corr-26"><span class="underline">Herfahrt</span></a> ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <span class="underline">abtragen</span>, ...<br>
+... hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen <a href="#corr-28"><span class="underline">abgetragen</span></a>, ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... sie stand auf <span class="underline">Seite</span> Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...<br>
+... sie stand auf <a href="#corr-29"><span class="underline">Seiten</span></a> Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <span class="underline">dem</span> schwarzen ...<br>
+... Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf <a href="#corr-30"><span class="underline">den</span></a> schwarzen ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... habe ich getan? Habe dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...<br>
+... habe ich getan? Habe <a href="#corr-31"><span class="underline">ich</span></a> dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <span class="underline">noch</span> Cornwall. ...<br>
+... Sie kicherte, koste die Bäume: „Ach ihr! Ich muß <a href="#corr-43"><span class="underline">nach</span></a> Cornwall. ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Laßt meine Haare frei. Helft mir <span class="underline">noch</span> Cornwall; ich muß zu ...<br>
+... Laßt meine Haare frei. Helft mir <a href="#corr-44"><span class="underline">nach</span></a> Cornwall; ich muß zu ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75838 ***</div>
+</body>
+</html>
+
diff --git a/75838-h/images/cover.jpg b/75838-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..01b0bde
--- /dev/null
+++ b/75838-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/75838-h/images/logo.jpg b/75838-h/images/logo.jpg
new file mode 100644
index 0000000..3714cfe
--- /dev/null
+++ b/75838-h/images/logo.jpg
Binary files differ